321 Sigrid Kleinschmidt Max Stein(1871 – 1952) Als Sohn eines Schankwirts und Getreidehändlers wurde Stein am 25. Dezember 1871 im oberschlesischen Ratibor als vierter von sechs Söhnen geboren. Nach dem Willen des Vaters Simon Stein besuchten alle Kinder die höhere Schule. Als 1888 sein Vater starb, wurde Max Stein aufgrund fehlender Mittel, zumal seine schulischen Leistungen zu wünschen übrig ließen, aus der Schule genommen und zu der Getreidehandlung May in Glatz, Oberschlesien, in die Lehre geschickt. Sein Halbbruder Ludwig hatte in seiner Zeit als Medizinstudent in Breslau bereits Kontakt zum Kreis der Cabet-Anhänger, die im Sinne der amerikanischen Siedlung Ikarien eine neue sozialistische Gesellschaftsordnung anstrebten und 1887 in dem Breslauer Geheimbundprozess verwickelt waren. Ludwig war dann auch derjenige, der in der Zeit des Sozialistengesetzes verbotene Zeitschriften wie„Der Sozialdemokrat“ oder die„Neue Zeit“ zu Hause las, sodass Max schon früh mit sozialistischen Schriften in Berührung kam. Er erinnerte sich noch als alter Mann an die besondere Bedeutung, die der Artikel des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Blos„Florian Geyer, Lebensund Charakterbild aus dem Großen Bauernkrieg“ aus dem 4. Jahrgang (1886) der„Neuen Zeit“ für seine spätere Entwicklung hatte. Max Stein sagte:„Der Florian Geyer begeisterte mich und ließ mich Partei nehmen für die Unterdrückten und für die, welche für die Freiheit kämpften. Der Florian Geyer machte mich mit den sozialen Fragen bekannt, mit den Kämpfen um die Macht. Er hat ein für alle Mal mein Leben in bestimmte Bahnen geführt“. 1 Während seiner Ausbildungszeit kam Max Stein in Verbindung mit sozialdemokratischen Handwerkern und Arbeitern, die um die Gründung einer gewerkschaftlichen Organisation bemüht waren. Auch übertrug 1 Armin Spiller, Die Bibliothek des oberschlesischen Sozialdemokraten Max Stein in der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, Köln 1970, S. 6. 322 man ihm die Aufgabe als Vertrauensmann sowie zeitweilig auch als Sekretär der Glatzer Sozialdemokraten und Vertreter gegenüber dem Gesamtvorstand in Berlin, bis er durch eine Pressenotiz denunziert wurde. In dieser stand, dass sich in einem Glatzer Getreidegeschäft ein Buchhalter agitatorisch zu Gunsten der sozialdemokratischen Partei betätige. Zu jener Zeit begann er selbst, Schriften zum Verhältnis von Kirche und Sozialismus zu erwerben. Als er dann 1893 bei der Leipziger Verlagsbuchhandlung Wiest zu arbeiten begann, entwickelte sich seine Sammelleidenschaft. Angeregt wurde er in Leipzig durch verschiedene bedeutende Sozialisten wie Konrad Haenisch, der zu jener Zeit bei der „Leipziger Volkszeitung“ arbeitete und mit dem er sich befreundete. So befinden sich in der heute als Bibliothek Stein bezeichneten Sammlung sowohl Bücher mit Widmungen Haenischs wie auch solche aus dessen Besitz, die in der Buchdruckerei und Verlagsanstalt der„Leipziger Volkszeitung“ erschienen sind. Auch Steins spätere Frau Hedwig arbeitete wohl in der belletristischen Abteilung der Leipziger Verlagsbuchhandlung Wiest. Er schenkte ihr Friedrich Engels’„Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ mit einer Widmung. Über seine Bekanntschaft mit dem Naturphilosophen Johann Gustav Vogt lernte Stein auch Hermann und Käte Duncker kennen. Alexander Helphand gehörte offensichtlich ebenfalls zu seinem Freundeskreis. Im Jahre 1893 trat Max Stein in den Leipziger Arbeiterverein ein. Ab 1896 war Stein ein knappes Jahr bei der bekannten Prager Verlagsbuchhandlung F. Tempky- G. Freitag tätig und erweiterte dort seine buchhändlerischen Kenntnisse. Bei dieser Firma und danach bei weiteren Unternehmen war er hauptsächlich als Buchhalter und Kassierer beschäftigt. An den planmäßigen Aufbau und die Erweiterung seiner Bibliothek konnte Stein aber erst gehen, nachdem er im Jahre 1900 bei der Gleiwitzer Dachpappen- und Teerproduktenfabrik Ludwig Gassmann in einer höher dotierten Position zu arbeiten begann. Auch in seinem späteren Wirkungsbereich bei derselben Firma in Breslau verbesserte sich seine finanzielle Situation erheblich. Fortan erwarb er Bücher aus 323 Nachlässen, Wohnungsauflösungen, antiquarisch und im Sortiments buchhandel. Sein Ziel war es schon damals, Material zur Geschichte der Arbeiterbewegung vor der Vernichtung treuhänderisch für die Nachwelt zu bewahren. In den weiteren Jahren immer in Leitungsfunktionen bei verschiedenen Unternehmen tätig, trat er selbst nicht mehr in öffentlichen Parteiversammlungen auf. Gleichwohl erhielt er viel Schriftgut mit Dedikationen und Besitzvermerken wichtiger und heute noch bekannter Persönlichkeiten der Bewegung. Er tauschte Material mit Arbeitern und mit Funktionären, wie Emil Basner, der die Erarbeitung eines Kataloges der Stein’schen Sammlung anregte, aber auch mit dem Historiker Gustav Mayer, der ihn anlässlich des Historikertages 1926 in Breslau zu einer Ausstellung seiner Dokumente bewegen wollte. Steins Freunde halfen, seine Bibliothek weiter zu vervollständigen. Konrad Haenisch ermöglichte ihm zum Beispiel, seltene Veröffentlichungen aus der Zeit des Sozialistengesetzes, wie Exemplare der„Berliner Arbeiterbibliothek“ und der„Sozialdemokratischen Bibliothek“ zu kaufen. Noch 1932 konnte er einen Teil der Sammlung des Herausgebers des„Sozialpolitischen Handbuchs“, Heinrich Lux, erwerben. Diese enthielt viele seltene frühe und Erstausgaben, beispielsweise von Karl Kautsky, Wilhelm Liebknecht und Johannes Most. Paul Löbe, mit dem er ebenfalls befreundet war, vermittelte ihm den Ankauf der Bibliothek des Leipziger Bildungs- und Arbeitersekretärs Robert Horn. 1932 weilte Stein geschäftlich in Moskau. Durch Vermittlung von Hermann Duncker erhielt er die Möglichkeit, das Marx-Engels-Institut zu besuchen und Kontakt zu Professor Ernst Czóbel, einem der Leiter des Instituts, aufzunehmen. Im Jahre 1935 wurde in dem berüchtigten Hetzblatt„Der Stürmer“ moniert, dass der Jude Stein immer noch in leitender Stellung in der Dachpappenfabrik Vedag beschäftigt sei, woraufhin er seinen Vorstandsposten und seine Ehrenämter abgeben musste. Im November 1938 wurde Stein im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert, konnte aber durch Intervention seiner evangelischen Frau und von Freunden wegen seines Alters und schlechten Gesundheitszustandes Ende des Monats 324 zur Familie zurückkehren. Im Jahre 1941 wurde er nochmals für einige Tage interniert. Die Familie konnte durch verschiedene glückliche Umstände während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus in ihrem Haus wohnen bleiben, mit der gesamten Bibliothek und den vielfältigen Archivalien. Erst 1942 verlangte die Gestapo genaue Herkunftsangaben und die schriftliche Zusage, dass die Sammlung unverändert stehen bliebe und nichts entfernt würde. Regelmäßige Kontrollen folgten. Als die Bücher und Dokumente 1944 von den Nazis abtransportiert werden sollten, fehlte es wohl schon an Transportmitteln. Auch die Besetzung durch die Russen überstand die Bibliothek unbeschadet. Einem russischen Offizier verdankte Stein eine Bescheinigung, die besagte, das Quartier sei von der Kommandantur besetzt. Nach dem Kriege gründete Max Stein in Berlin-Steglitz eine Bildungsgemeinschaft, die über den Bezirk hinaus schnell bekannt wurde durch verschiedene Veranstaltungen, wie Vorträge namhafter Personen und Diskussionen über kulturelle, wirtschaftliche und politische Themen. Bis zu seinem Tode am 11. August 1952 engagierte er sich in der sozialdemokratischen Partei des Bezirks und war Kreisdelegierter, Bezirksverordneter und auch Alterspräsident des Bezirksparlaments. Stein nahm seine Sammlertätigkeit wieder auf. Sein Interesse galt jetzt besonders Titeln, die nach dem Kriege in der SBZ beziehungsweise der DDR erschienen. Doch ab 1949 begann er, Teile der Bibliothek zu verkaufen. So ging seine umfangreiche Sammlung zur„Bürgerlichen Bewegung von 1848“ an die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. Ab Juni 1950 bemühte sich die Freie Universität Berlin (FUB) um den Erwerb des zweiten Teils der Bestände Steins. Nach vielfältigen Schwierigkeiten der Mittelbeschaffung konnte der Bestand für Berlin gesichert werden und hat nun ihren Platz in der Universitätsbibliothek der FU Berlin. Es war der Wunsch von Max Stein, die vielen geretteten Bücher möglichst in Berlin zu belassen. 325 Die Bibliothek Stein 2 bestand zur Zeit der Erwerbung durch die FUB aus ca. 17 500 Bänden zur Sozialismusforschung und angrenzender Gebiete, damals wohl die größte Privatsammlung in Deutschland. Sie war in den 1950er Jahren auch der Grundstock für das entsprechende Sondersammelgebiet der Bibliothek. Durch Lückenergänzungen und Zukäufe in der Folgezeit wurde diese Bibliothek zur wichtigsten Forschungsstätte der Studentenbewegung von 1968. Die Benutzer fanden nicht nur zur Geschichte der Sozialdemokratie, sondern auch des Kommunismus, Marxismus-Leninismus, Stalinismus, des Anarchismus und der sozialen Bewegungen seiner Zeit reichlich Literatur, insbesondere auch zu regionalen Organisationen. Noch heute sind viele der Bände im Alleinbesitz der FUB und inzwischen gut erschlossen, auch mit Hilfe von Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Bestand Familienarchive und Nachlässe befindet sich ein Teil nachlass Max Stein einschließlich einer Nachlieferung aus den 1990er Jahren. Allerdings sind in der Nachlieferung wegen Zwischenschaltung einer weiteren Verwandten Tagebücher Max Steins sowie Korrespondenzen mit bekannten Sozialisten wie zum Beispiel Hermann Duncker, Konrad Haenisch und Alexander Helphand(Parvus) nicht mehr enthalten. Diese Materialien befinden sich entweder noch geschlossen im Privatbesitz, oder sie sind eventuell durch Verkauf verstreut worden. 2 Wichtige Veröffentlichungen zur Bibliothek Stein: Ulrich Naumann(Hrsg.), Bibliothek Stein. Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Katalog, Wildberg(1993); Armin Spiller(vgl. Anm. 1); Jirí Kende, Erschliessung abgeschlossener Spezialbestände in wissenschaftlichen Bibliotheken am Beispiel der„Bibliothek Stein“ und der „Konservativen Revolution in Deutschland 1918 – 1932“ in der Freien Universität Berlin, Köln 1983. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009