138 Hanneliese Palm Fritz Hüser(1908 – 1979) Offen für alle Bürger, so wollte Fritz Hüser die öffentlichen Bibliotheken sehen: mit umfassender und unzensierter Buchauswahl, zugänglich während ausgedehnter Öffnungszeiten und geführt von umfassend informiertem und auskunftsfreudigem bibliothekarischen Fachpersonal. Diesem Ideal strebte er nach, ohne dass er es während seiner langen beruflichen Laufbahn jemals wirklich erreicht glaubte. 1 Fritz Hüser 2 , geboren am 4. Oktober 1908 in Mülheim an der Ruhr, wuchs bei den Großeltern in einem sozialdemokratisch geprägten Umfeld auf. Über seinen Großvater lernte er den Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen kennen, weiter führte der damalige Jugendsekretär des SPD Unterbezirks in Dortmund, Willy Hofmann, den Jugendlichen an die Literatur heran und ermunterte ihn, die zahlreichen Veranstaltungen der literarischen Vereinigungen in Dortmund zu besuchen. Hier erlebte Hüser in beeindruckenden Lesungen unter anderem Ernst Toller, Heinrich Lersch, Martin Andersen-Nexö, Stefan Zweig und Alfred Döblin. Gleichzeitig zu seinen literarischen Neigungen entwickelte er ein ausgeprägtes Gespür für bibliothekarische Fragestellungen. Er begann mit der Verwaltung der Schülerbücherei und bemühte sich als Lehrling seine Kollegen in der SAJ zum Lesen zu animieren. In dem Dortmunder Bibliotheksdirektor Erich Schulz fand er seinen bibliothekarischen Mentor, der die Begabung Hüsers frühzeitig erkannte. Nach dem Abschluss der Volksschule begann Hüser eine Lehre als Former in einer Maschinenfabrik. Trotz seiner intellektuellen Neigungen verstand er sich als Arbeiter, ohne seine Berufsunfähigkeit nach einem Arbeitsunfall 1931 hätte er sich wohl nicht einem akademisch geprägten Berufs1 Fritz Hüser, Bücherschrank für jedermann, in: Zeitung der Ruhrfestspiele 1963. 2 Eine ausführliche Biographie Hüsers sowie die Zitate im folgenden Text vgl.: Hanneliese Palm,„Nützt die aufgezwungene Freizeit zu Eurer Fortbildung, lest Bücher!“, in: Volker Zaib(Hrsg.), Kultur als Fenster zu einem besseren Leben und Arbeiten. Festschrift für Rainer Noltenius, Bielefeld 2004. 139 zweig zugewandt. Seine Arbeitsunfähigkeit nutzte er zunächst, um seine literarische Bildung zu vervollständigen, und übernahm dann von 1937-1941 die Werkbibliothek der Maschinenfabrik Wagner& Co. in Dortmund. Von 1941-1945 leitete er die Werkbücherei der Schafftgotschen Werke in Gleiwitz/ Oberschlesien und besuchte 1941 mit Unterstützung durch die Berufsgenossenschaft einen Sonderlehrgang der Deutschen Büchereischule in Leipzig, den er mit der Staatsprüfung zum„Bibliothekar für den Dienst an volkstümlichen Büchereien“ beendete. Hüser kehrte mit seiner Familie 1945 nach Dortmund zurück. Die Stadtverwaltung beauftragte ihn noch im gleichen Jahr mit dem Aufbau des öffentlichen Büchereiwesens, das in Dortmund vor dem Zweiten Weltkrieg noch kaum entwickelt war. Jeweils 1946 und 1954 legte er dem Rat der Stadt Aufbaupläne vor, in denen er die Einrichtung von Haupt- und Nebenstellen, Schulbüchereien und eine Autobücherei forderte und die Einrichtung von Kunst- und Musikbüchereien anregte. Der Rat der Stadt Dortmund stimmte den Plänen zu, machte ihre Umsetzung aber abhängig von der Finanzlage. Beim Wiederaufbau der Büchereien fehlte es an Möbeln, Büchern und Personal. Die handwerklichen Fähigkeiten der Mitarbeiter waren ebenso wichtig wie ihre eigentliche fachliche Kompetenz. Dem Mangel an Büchern suchte Hüser mit systematischer Suche in Antiquariaten und mit Bitten um Buchspenden aus der Bevölkerung abzuhelfen; er lehnte aber Abenteuer-, Liebes- und Kriminalromane ab. Dem Personalmangel begegnete Hüser mit der Ausbildung bibliothekarischer Hilfskräfte, die er als Berufsgruppe schon bei der britischen Besatzungsmacht 1946 zu institutionalisieren versuchte. Der Beruf der Bibliotheksassistenten gelangte erst 1975 zur Anerkennung, die Dortmunder Bücherei bildete aber zwischen 1950-1969 eigenständig Büchereigehilfinnen aus und veranlasste zahlreiche andere Städte, es ihr gleich zu tun. Einen Abschluss der Aufbauarbeit stellte die Einweihung des neuen Büchereigebäudes„Haus der Bibliotheken“ 1958 dar. Hier wurde auch Hüsers Ideal Rechnung getragen, die Bücher frei zugänglich aufzustellen. Hüser verteidigte in der heftigen Diskussion der Nachkriegszeit stets die Position für die Freihandaufstellung. Er verwirklichte sie erst- 140 mals 1950 in der Bücherei West, die als Kombination von Werk- und Volksbücherei Modellcharakter hatte und bundesweit Beachtung fand. Anhand von Befragungen und Ausleihstatistiken verfolgte er den Wandel in den Leserinteressen, beispielsweise von der Belletristik zum Sachbuch, und legte dementsprechend 1970 einen Plan zum Ausbau der Bibliotheken zu Informations- und Bildungszentren vor. Sein Engagement für ein modernes öffentliches Bibliothekswesen erfuhr überregionale Beachtung. Er war Mitglied und 1960-1967 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Großstadtbibliotheken im Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen, wirkte im Kuratorium und im Prüfungsausschuss des Bibliothekar-Lehrinstitutes des Landes in Köln mit und initiierte die„Gruppe Sozialistischer Verleger, Buchhändler, Bibliothekare und Autoren“. Im bildungspolitischen Ausschuss der SPD versuchte er nachdrücklich die Bedeutung der öffentlichen Büchereien für die kulturelle und politische Bildung im Bewusstsein seiner Parteigenossen zu verankern. Desinteresse und Auseinandersetzungen sowie Enttäuschungen erlebte er hier allerdings oft genug. Äußerungen wie die eines Dortmunder Kommunalpolitikers nach dem Krieg:„Die Dortmunder sollen nicht lesen, sondern enttrümmern“ oder eines Gewerkschafters, dem Hüser die Bedeutung der Werkbüchereien ans Herz legte:„Büchereien? – Das ist eine Aufgabe der Abteilung Presse und Propaganda“ können als Beispiel dafür gelten. Hüser sah seine Aufgabe jedoch bei weitem nicht im Organisatorischen erfüllt. Er begann die Buchbestände sachthematisch zu erschließen, wie er es schon während seiner Tätigkeit als Werkbibliothekar getan hatte. Bereits 1946 erschien zur Fachtagung Westdeutscher Bibliothekare das Verzeichnis„Das Buch der Gegenwart“. Das schmale Bändchen bildete den Auftakt zu zahlreichen Bibliographien in verschiedenen Reihen, dazu gehören„Bücher für Beruf und Freizeit“,„Dichter und Denker unserer Zeit“,„Aktuelle bibliographische Bücherlisten“, die zu den Jubiläen und Gedenktagen der Autoren herausgegeben wurden, und„Lobbi“, die im Jahresabstand Neuerscheinungen deutscher Schriftsteller vorstellte. Hüsers Anspruch an die Literatur lässt sich an 141 einem Beispiel aus der Reihe„Völker im Spiegel der Literatur“ festmachen, wo er 1962 im Vorwort zu„Amerikanische Literatur der Gegenwart“ schreibt:„Die Flut teils gut geschriebener, teils wertloser Unterhaltungsromane und Bestseller, die jedes Jahr unseren Büchermarkt überschwemmt, ist nicht die Literatur Amerikas“; so fehlten Margaret Mitchell und die Nobelpreisträgerin Pearl S. Buck, während Henry Millers Werk, damals keineswegs selbstverständlich, vollständig aufgeführt wird. Mit der seit 1950 in 38 Folgen erscheinenden Reihe „Dichter und Denker unserer Zeit“ versuchte Hüser seiner Meinung nach zu Unrecht vergessene Autoren wieder ins Bewusstsein der Leser zu bringen; dazu gehören Johanna Moosdorf, Kurt Heynicke, Armin T. Wegner, Paul Zech und Heinrich Lersch. Für die Reihe„Dichter und Denker unserer Zeit“ griff Hüser ganz wesentlich auf sein„Archiv für Arbeiterdichtung und soziale Literatur“ zurück. Bereits 1920 erwarb er„Œuvres complètes de P.-J. de Béranger“ nach eigener Aussage„als 12jähriger Volksschüler aus einem Altpapierlager“ und baute im Laufe der Zeit eine Sammlung aus Büchern und Zeitschriftenaufsätzen zur Arbeiterliteratur auf. Ihr Besitz war in der Zeit des Nationalsozialismus nicht ungefährlich, er musste sie verstecken und beim Umzug nach Gleiwitz zum Teil in Dortmund zurücklassen. Bei seiner Flucht 1945 ging alles verloren, auch die Reste in Dortmund waren weiter dezimiert. Hüser begann neu zu sammeln und verfasste 1952 einen Aufruf an„Alle Freunde der Arbeiterdichtung“ mit einer Suchliste zur Arbeiterdichtung 1913-1942. Unabhängig von Ideologien und sozialer Zugehörigkeit der Autoren nahm er alles von dokumentarischem Wert auf und schloss lediglich die„EichendorffEpigonen unter den Arbeiterdichtern“ aus. Zu seiner Sammlung gehörte auch die Literaturproduktion der schreibenden Arbeiter der DDR, die dem Aufruf der Bitterfelder Konferenz 1959 gefolgt waren. In der jungen Bundesrepublik war die Arbeiterliteratur gering geachtet, so dass Hüser vieles geschenkt bekam oder günstig erwerben konnte. Die Autoren selbst oder ihre Nachfahren dankten ihm sein Interesse, in dem sie Nachlässe oder Nachlassteile, Briefe und Manuskripte seiner Obhut anvertrauten. So gelangten Teilnachlässe von Gerrit Engelke, 142 Heinrich Lersch und Paul Zech sowie die vollständigen Nachlässe Max Barthel und Ernst Preczang an Hüser. Erste Kontakte entstanden zu dem bedeutendsten Autor der Arbeitersprechchorbewegung Bruno Schönlank und der Familie Christoph Wieprechts, deren vollständige Nachlässe dann von seinem Nachfolger Rainer Noltenius aufgenommen werden konnten. 3 Hüser pflegte eine rege Korrespondenz mit den Autoren selbst, mit An tiquaren, Literaturwissenschaftlern und Bibliothekaren, einerseits um nach Überlieferungen zu forschen, andererseits um für die vergessenen Autoren zu werben und ihre überlieferten Dokumente zu retten und zu sichern. Dabei ging er durchaus uneigennützig vor, grundsätzlich wichtig war ihm die Erhaltung an geeignetem Ort. 4 Die Befürchtung, einen„Friedhof“ anzulegen, zerstreute sich bald, Wissenschaftler und Journalisten nutzten die Bestände, die sie sonst nirgends vorfanden. Hüser selbst stellte sein Archiv in Zeitungen und Zeitschriften und in der Presse vor, was auch die Bibliotheken veranlasste, Literatur in ihren Kanon aufzunehmen, die sich mit der Arbeitswelt befasste. Mit Walter Fabian, dem Chefredakteur der„Gewerkschaftlichen Monatshefte“, und Walter Köpping, dem Bildungssekretär der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie, publizierten zwei interessierte Gewerkschafter in ihren Organen Erzählungen und Gedichte aus der Arbeitswelt und bedienten sich dabei der Quellen in Hüsers Archiv. Im 1958 am Alten Markt in Dortmund neu errichteten Bibliotheksgebäude konnte Hüser zwei Räume für sein Archiv und seine Besucher nutzen. Mit seinem Ausscheiden 1973 aus dem aktiven Dienst der Stadt Dortmund war jedoch die Existenz dieser privaten Sammlung gefährdet. Auch wenn„nicht alle Dortmunder Stadtväter... jederzeit vom Institut“ begeistert waren, sprach sich der Kulturausschuss am 16.Januar 1973 für die Übernahme des„Archivs für Arbeiterdichtung und soziale 3 Zu den Beständen des Fritz-Hüser-Instituts vgl.: Rainer Noltenius(Hrsg.), Literatur und Kultur der Arbeitswelt. Inventar zu Archiv und Bibliothek des Fritz-Hüser-Instituts. Bearb. von Hanneliese Palm/ Gregor Vogt, München 2005. 4 Vgl. Jasmin Grande(Hrsg.), Fritz Hüser 1908-1979. Briefe, Oberhausen 2008. 143 Literatur“ als städtische Einrichtung unter der Bezeichnung„Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur“ aus. Ein Bestand von 10 000 Büchern und zahlreichen Manuskripten, Korrespondenzen und lebensgeschichtlichem Sammlungsgut ging in den Besitz der Stadt über. Bis zu seinem Tod, er starb am 4. März 1979 in Dortmund, blieb Hüser Institutsleiter, 1983 wurde sein Name der Institutsbezeichnung hinzugefügt, seit 2007 heißt es„Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt“. Hüser wirkte über seine Rolle als Bibliothekar und Sammler hinaus als Mentor für die Autoren, die mit einer„neuen Industriedichtung“ der Arbeitswelt einen Platz in der zeitgenössischen Literatur verschaffen wollten. Als erster fand der Dortmunder Autor Max von der Grün zu Hüser und seinem Archiv. Gemeinsam mit Walter Köpping und anderen riefen sie die Dortmunder Gruppe 61 ins Leben, die sich programmatisch„der literarisch-künstlerischen Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt der Gegenwart und ihrer sozialen Probleme“ zuwandte. Die internen Diskussionen der Dortmunder Gruppe 61 spiegelten den gesellschaftlichen Diskurs der 1960er Jahre und führten 1970 zur Gründung des„Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“. Im Gegensatz zur Dortmunder Gruppe 61 strebte der Werkkreis danach, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit sprachlichen Mitteln bewusst zu machen und zu verändern. 5 Fritz Hüser begleitete diese Entwicklung beobachtend skeptisch in der Hoffnung, dass„starke Begabungen mit ebenso starken Texten zum Durchbruch kommen, mit„Ergebnissen[, die] über das übliche Agitprop-bla-bla hinausgehen“. 6 In seinen letzten Lebensjahren unterstützte Hüser mit seiner Sammlung und seinem umfänglichen Wissen Literatur- und Kulturwissenschaftler bei ihren Forschungsvorhaben und widmete sich zahlreichen Projekten zur literarischen Vergangenheit seiner Heimatstadt. 5 Vgl. Peter Kühne, Arbeiterklasse und Literatur, Frankfurt/Main 1972. 6 Grande, S. 290ff.(Anm.4). Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009