258 Rolf Hecker Dawid Borisowitsch Rjasanow(1870 – 1938) Der Vater Rjasanows Selman-Ber Aaronow Goldendach war ein mittelständischer Händler in Odessa. Mit seiner Frau hatte er 13 Kinder, neben Dawid B. Rjasanow, geboren am 10.März 1870, überlebten sechs Schwestern die ersten Lebensmonate. In der Rubrik Nationalität seiner Kaderakte notierte Rjasanow: Jude nach Herkunft, Russe nach Nationalität. Rjasanow besuchte zunächst private Schülerpensionate, später das 2. Gymnasium in Odessa, in der fünften Klasse wurde er im Mai 1886 wegen„Unfähigkeit in Griechisch“ ausgeschlossen. Seit Mitte der 1880er Jahre war er in Kreisen revolutionärer Jugendlicher bekannt, lehnte jedoch scharf jede Form von Extremismus und Terror ab. Er beteiligte sich an einem Zirkel der Volkstümler, später an einer marxistischen Gruppe. Schon im Oktober 1887 machte er erste Bekanntschaft mit der Polizei, die ihn verhörte. Im Januar 1889 reiste Rjasanow erstmals ins Ausland, setzte seine Studien an der Sorbonne in Paris und in anderen Universitätsstädten der Schweiz und Österreichs fort. Im Juni 1889 nahm er am Gründungskongress der II. Internationale in Paris teil, wo er die russischen Revolutionäre P. L. Lawrow und G. W. Plechanow kennenlernte. Nach seiner Rückkehr nach Russland im April 1890 nahm er seine politische Bildungsarbeit in Odessa erneut auf. Im Oktober 1891 wurde er verhaftet, zu vierjähriger Einzelhaft verurteilt und danach nach Kischinjow verbannt und unter Polizeiaufsicht gestellt. Am 20. Januar 1900 emigrierten Rjasanow und seine Frau Anna Lwowna ins Ausland und ließen sich zunächst in Paris nieder, ab 1901 lebten sie in Berlin. In jener Zeit war es üblich, Publikationen unter einem Pseudonym vorzubereiten. J. M. Steklow schlug Rjasanow vor, sich nach der Romangestalt Jakow Rjasanow in W. A. Slepzows„Trudnoe wremja“[Schwere Zeit](1865) zu nennen. Rjasanow gründete die Gruppe„Borba“[Kampf] mit dem Ziel, eine Vereinigung der unter- 259 schiedlichen Richtungen der russischen Sozialdemokratie zu erreichen. In der Debatte um ein Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands(SDAPR) schlug er dem gleichaltrigen W. I. Lenin eine gleichberechtigte Zusammenarbeit in der„Iskra“ vor, die dieser jedoch ablehnte. Auf dem Vereinigungsparteitag in Zürich(21. – 22. September 1901) bezichtigte Rjasanow seine Opponenten des Opportunismus und forderte die Anhänger der„Iskra“ auf, den Parteitag zu verlassen. Auch in den folgenden Jahren beteiligte er sich an den innerparteilichen Diskussionen. Die Mittel zum Lebensunterhalt verdiente er sich mit Übersetzungsarbeiten und Vorträgen zu historischen Themen in deutschen Städten. Mit Ausbruch der revolutionären Ereignisse 1905 begab sich Rjasanow sofort nach Russland. In Odessa angekommen, schlug er erneut eine Vereinigung der SDAPR vor, doch Bolschewiki und Menschewiki setzten die kontroversen Auseinandersetzungen über politische Wege und Ziele fort. Rjasanow beschloss, sich in der Gewerkschaftsbewegung zu engagieren und übersiedelte nach St. Petersburg. In der Zeit der zweiten Emigration von 1907 bis 1917 hielt sich Rjasanow zunächst in Berlin, dann Wien(ab November 1909) und schließlich in der Schweiz(Oberägeri, Zürich, ab Mai 1915) auf. Er beschäftigte sich intensiv mit den Arbeiten von Marx und Engels. Ab 1908 erschienen seine Aufsätze regelmäßig in der„Neuen Zeit“ und in der Wiener Zeitschrift„Der Kampf“. 1 1909 erhielt er den von der Stiftung„Anton-Menger-Bibliothek“ in Wien finanzierten Auftrag, die Dokumente und Protokolle der Internationalen Arbeiter-Assoziation zu sammeln und herauszugeben. Für dieses Projekt besuchte er die Bibliotheken in London, Paris, Rom, Florenz sowie in Deutschland und der Schweiz. Bis 1914 wurde der erste Band in Druck gege1 Erwähnt seien folgende Arbeiten von Rjasanow: Marx und seine russischen Bekannten in den vierziger Jahren, in: Die Neue Zeit, 31(1913), S. 715-721, 754-766; Karl Marx und die Wiener„Presse“, in: Der Kampf, 6(1913), S. 249-257; Friedrich Engels Jugendarbeiten, in: Der Kampf, 7(1914), S. 158-162; Karl Marx und Fr. Engels über die Polenfrage, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung,(1916), S. 176-221; Karl Marx und die„New-Yorker Tribune“ 1851 bis 1856, in: Gesammelte Schriften, Bd. 1, Stuttgart 1917, S. XVII-L. 260 ben, erschien jedoch infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht mehr. 2 In dieser Zeit pflegte Rjasanow freundschaftliche Kontakte mit führen den Vertretern der europäischen Sozialdemokratie, so mit Kautsky, Bebel, Adler, Otto Bauer, Bernstein, Renner und Clara Zetkin. Ihm wurden Studien im Archiv der deutschen Sozialdemokratie in Berlin ermöglicht, in dem er als erster die dort vorhandenen Marx-Papiere geordnet hat. Er fertigte eine Übersicht über den Marx-Engels-Nachlass an und sortierte die Bücher Ex Libris Marx und Engels. Besondere Bedeutung erlangte für Rjasanow auch die Möglichkeit, Studien bei Carl Grünberg in Wien zu betreiben. Im Sommer 1910 arbeitete er für einige Wochen in Paul und Laura Lafargues Haus in Draveil, wo sich nach Eleanor Marx-Avelings Tod (1898) der Familienbestand des Marx-Nachlasses befand. Nach dem Freitod der Lafargues im November 1911 holte Rjasanow Ende 1912 im Auftrag des SPD-Vorstandes den Nachlass nach Berlin. Zuvor war er um den Jahreswechsel 1910/11 an der Ausarbeitung des Wiener Editionsplanes der Werke von Marx und Engels aus Anlass von Marx’ 30. Todestag beteiligt. 3 Nach den Erinnerungen von Fritz Brupbacher konnte Rjasanow„wegen eines Kommas in der Handschrift von Marx in einem ungeheizten Waggon vierter Klasse nachts von Wien nach London reisen“. 4 Neben dem Projekt der IAA sammelte und identifi zierte Rjasanow die Korrespondenzen von Marx und Engels in den Zeitungen„New York Daily Tribune“,„The Peoples Paper“ und der „Neuen Oder-Zeitung“. Sie wurden von ihm als„Gesammelte Schriften. 1852–1862“ in zwei Bänden 1917 herausgegeben. Bis 1917 veröffentlichte Rjasanow etwa 130 Artikel, Rezensionen, und Schriftenpublika2 Jürgen Rojahn, Aus der Frühzeit der Marx-Engels-Forschung. Rjazanovs Studien in den Jahren 1907–1917 im Licht seiner Briefwechsel im IISG, in: MEGA-Studien, (1996) 1, S. 3-65. 3 Götz Langkau, Marx-Gesamtausgabe – dringendes Parteiinteresse oder dekorativer Zweck? Ein Wiener Editionsplan zum 30. Todestag, Briefe und Briefauszüge, in: International Review of Social History, 28(1983), S. 105-142. 4 Fritz Brupbacher,„Ich log so wenig als möglich“. 60 Jahre Ketzer. Selbstbiographie, Zürich 1973, S. 183. 261 tionen, darunter eine Vielzahl als Ergebnis seiner Marx-Engels-Studien. Rjasanow hatte sich in diesen Jahren die Beinamen„Bukvoed“ [Buchstabenpedant] und„Bookworm“ erworben, wie er in Briefen Dritter untereinander manchmal bezeichnet wurde. Nach Ausbruch der Februarrevolution 1917 bemühte sich Rjasanow um eine schnellstmögliche Rückkehr nach Russland. Nach der Ankunft in Petrograd im April ordnete er seine Tätigkeit ganz der politischen Arbeit unter. Er nahm am III. Gesamtrussischen Gewerkschaftskongress teil, besuchte die Konferenzen sowohl der Menschewiki als auch der Bolschewiki und wurde in die Stadtduma von Petrograd gewählt. In der Zeit der Oktoberrevolution gehörte Rjasanow zu einer Gruppierung, die A. W. Lunatscharski als„Block rechter Bolschewiken“ bezeichnete. In dieser Zeit leitete Rjasanow das Petrograder Gewerkschaftsbüro und wurde ins Präsidium des II. Sowjetkongresses gewählt. Während dieser und auch späterer politischer Aktivitäten bewahrte sich Rjasanow stets eine unabhängige Position in der Partei, die auch in seinen Reden auf den VII.-XI. Parteitagen zum Ausdruck kam. Er kritisierte scharf die antidemokratischen und totalitären Tendenzen in der Tätigkeit des ZK der Russischen Kommunistischen Partei(Bolschewiki), die Gewalttaten der Regierung und trat gegen die Allmacht und die Einmischung der Partei in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, in die Wirtschaft, Literatur und Kunst, sowie gegen die Verfolgung der Opposition auf und setzte sich für unabhängige Gewerkschaften, für die Demokratisierung des Parteilebens ein. Konnte auf diesen Parteitagen noch die Meinung„Andersdenkender“ zum Ausdruck gebracht werden, wurde dieses nach dem X. Parteitag immer schwieriger. Im Mai 1921 wurde durch das ZK ein Beschluss gefasst, der Rjasanow die Tätigkeit in den Gewerkschaften für immer untersagte. Im März 1918 wurde Rjasanow als„Hauptbevollmächtigter zur Reorganisation und Liquidierung der Archive“ des Petrograder Stadtsowjets ernannt und stand Anfang April dem Zentralkomitee für die Leitung der Archive vor. Von diesem Moment an beschäftigte er sich mit der Organisation des Petrograder, dann des gesamtrussischen Archivdienstes, 262 mit der Rettung der alten und Schaffung neuer russischer Archive. Von Mai 1918 bis Dezember 1920 war Rjasanow Leiter der Hauptverwaltung für Archivwesen beim Volkskommissariat für Volksbildung. 5 Seine Tätigkeit war auch mit der im Sommer 1918 gebildeten Sozialistischen Akademie der Gesellschaftswissenschaften verbunden. .Am 8. Dezember 1920 erhielt Rjasanow vom ZK der RKP(B) den Auftrag, das„erste Museum für Marxismus in der Welt“ zu organisieren. 6 Am 11. Januar 1921 wurde das geplante Museum auf seinen Vorschlag in Marx-Engels-Institut(MEI) umbenannt und als autonome Institution der Sozialistischen Akademie in Moskau eingerichtet. Rjasanow wurde als Direktor berufen . Am 21. Februar 1921 stellte Lenin ihm einige Fragen zu den vorhandenen Marx-Engels-Dokumenten und den Möglichkeiten ihres Erwerbs:„Könnten wir nicht bei Scheidemann und Co. die Briefe von Marx und Engels kaufen(das ist doch eine käufliche Ban de)? oder Fotokopien kaufen?“ 7 Im Juni 1922 wurde das MEI aus der Akademie herausgelöst und der Regierung, also dem Allrussischen Zentralen Exekutivkomitee bzw. dem Zentralen Exekutivkomitee der UdSSR unterstellt. Rjasanow gründete einen Institutsrat, dem unter anderem angehörten: W. M. Molotow, N. I. Bucharin sowie die Kominternmitglieder Clara Zetkin und Bela Kun. Im Mai 1922 hatte sich das MEI im Palais des Fürsten Dolgorukij in Moskau eingerichtet. 8 Rjasanow organisierte in kürzester Zeit den Aufbau wissenschaftlicher Kabinette im MEI. Dazu stellte er befähigte russische und ausländische Mitarbeiter ein. Er knüpfte ein internationales Netz von Korrespondenten, die in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderen 5 Vgl. T. M. Chorchordina, Istorija Otečestva i archivy[Geschichte des Vaterlands und der Archive], Moskva 1994. 6 V. A. Smirnova, Pervyj direktor Insituta K. Marksa i F. Engel’sa[Der erste Direktor des Marx-Engels-Instituts], in: Voprosy istorii KPSS, 9(1989), S. 71-84; vgl. auch: Literaturnoe nasledstvo K. Marksa i F. Engel’sa. Istorija publikacii i izučenija v SSSR [Der literarische Nachlass von Marx und Engels. Geschichte seiner Veröffentlichung und des Studiums], Moskva 1969, S. 132-160. 7 W. I. Lenin an Rjasanow, 2. 2.1921, in: W. I. Lenin, Briefe, Bd. 7, S. 65. 8 Vgl. die Aufsätze in: David Borisovič Rjazanov und die erste MEGA. Hrsg. u. Red.: Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl u. Rolf Hecker, Hamburg 1997. 263 Ländern Dokumente, Bücher und andere Materialien aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und anderer sozialistischer Bewegungen sammelten. Grundstock der berühmten Bibliothek von Sozialistika des MEI bildeten die im September 1921 von Rjasanow in Wien angekauften Bibliotheken von Carl Grünberg und Theodor Mauthner. Für die Realisierung des Plans, die Werke und Schriften von Marx und Engels herauszugeben, war eine internationale Zusammenarbeit unerlässlich. Rjasanow traf sich erneut mit Grünberg während eines Kuraufenthalts in Bad Elster im September 1922 und ein Jahr später in Wien. Anfang Oktober 1923 führte er auch Gespräche mit den Vertretern des SPD-Archivs und Eduard Bernstein. Nachdem Grünberg im Frühjahr 1924 die Berufung zum ersten Direktor des neugegründeten Frankfurter Instituts für Sozialforschung angenommen hatte, waren gute Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit beider Institute gegeben. Am 7. Juli 1924 fasste der V. Weltkongress der Kommunistischen Internationale auf Vorschlag Rjasanows den Beschluss, eine vollständige Ausgabe der Werke und Briefe von Marx und Engels mit historischen Kommentaren(MEGA) vorzubereiten. Am 20. August unterschrieben Rjasanow und Grünberg eine Kooperationsvereinbarung und am 22. August den Gesellschaftsvertrag über die Einrichtung einer Marx-Engels-Archiv Verlagsgesellschaft m.b.H. 9 Außerdem hatten Bernstein und andere Vertreter des SPD-Vorstands darum gebeten, die Herausgabe der MEGA zu unterstützen. In den folgenden Monaten verhandelte Felix Weil, Geschäftsführer des Frankfurter Instituts, mit Adolf Braun und Rudolf Hilferding über einen Vertrag zur Nutzung des Archivs. Ziel war es, eine vollständige Inventarisierung und Kopierung des gesamten Bestandes zu erreichen. Außerdem sollten alle bei Bernstein befindlichen Dokumente dem Bestand zugeordnet werden können. Am 1. Dezember 1924 nahm B. I. Nikolajewskij als angestellter Korrespondent des MEI in Berlin seine Arbeit auf. 10 9 Vgl.: Erfolgreiche Kooperation. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung und das Moskauer Marx-Engels-Institut(1924–1928). Hrsg. u. Red.: Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl u. Rolf Hecker, Hamburg 2000. 10 Erwähnt seien folgende Arbeiten von Rjasanow: Neueste Mitteilungen über den literarischen Nachlass von Karl Marx und Friedrich Engels, in: Archiv für die Geschichte 264 Die Fotokopierung erfolgte in den Jahren 1924 bis 1927. Weiterhin wurden Archivmaterialien aus anderen Archiven und wissenschaftlichen Einrichtungen sowie Bibliotheken Europas erworben. Insgesamt verfügte das Institut 1931 über 15 000 Originaldokumente und 175 000 Dokumente als Kopien. Der Herausgabe der MEGA wurden historische und textkritische Prinzipien zugrundegelegt, die seit dem Wiener Editionsplan von 1911 diskutiert worden waren und nun verwirklicht werden konnten. Bis zur Absetzung Rjasanows als Institutsdirektor erschienen fünf Bände dieser Ausgabe und zehn Bände der ersten russischen Marx-Engels-Werkausgabe(Sotschinenija). Rjasanow organisierte auf der Grundlage der von ihm selbst geschaffenen materiellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen weiterhin die Herausgabe von Werken anderer Denker, zum Beispiel eine 25bändige Werkausgabe G. W. Plechanows, Ausgaben der Werke unter anderem von L. Feuerbach, D. Ricardo, A. Smith, G. W. F. Hegel, P. Lafargue, W. Liebknecht, T. Hobbes, K. Kautsky. Insgesamt wurden in den ersten zehn Jahren der Tätigkeit des Instituts mehr als 150 Bände wissenschaftlicher Ausgaben veröffentlicht. Rjasanow publizierte nach 1917 mehr als 200 Arbeiten. Die meisten von ihnen sind Herausgebervorworte, Kommentare, einleitende Beiträge und Erläuterungen. 11 Anlässlich seines 60. Geburtstages im März 1930 erhielt Rjasanow den Rotbannerorden der Arbeit der UdSSR. Auf einer Festveranstaltung der Kommunistischen Akademie unter Vorsitz von M. I. Kalinin sprachen unter anderem Bucharin, Pokrowskij und Sen Katayama. 12 des Sozialismus und der Arbeiterbewegung,(1925), S. 385-400; Marx und Engels über Feuerbach. Der erste Teil der„Deutschen Ideologie“. Einführung des Herausgebers, in: Marx-Engels-Archiv, Bd. 1,[1925], S. 202-221; K. Marx. Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Hrsg. u. eingel., Wien, Berlin 1927; Fr. Engels. Dialektik der Natur. Hrsg. u. eingel., in: Marx-Engels-Archiv, Bd. 2, Moskau 1927, S. 117-150; Siebzig Jahre„Zur Kritik der politischen Ökonomie“, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung,(1930), S. 1-32. 11 1995 hat die Gosudarstvennaja obščestvenno-političeskaja biblioteka, Moskau(ehe mals Bibliothek des IML beim ZK der KPdSU), ein„Bibliografičeskij ukazatel’ rabot D. B. Rjazanova i literatura o nem“[Bibliografisches Verzeichnis der Arbeiten Rjasa nows und der Literatur über ihn] herausgegeben, das 408 Titel enthält. 12 Na boevom postu. Sbornik k šestidesjatiletija D. B. Rjazanova[Auf Kampfposten. 265 Es gibt eine Seite in der Biographie Rjasanows, der bisher wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die jedoch für das Verständnis seines politischen Wirkens unerlässlich ist. Im Zentralen Archiv des Föderalen Sicherheitsdienstes(FSB) in Moskau werden mehr als 200 Dokumentationen aufbewahrt, die die Kontakte Rjasanows zu Vertretern der Menschewiki und zu„Konterrevolutionären“ in den Jahren 1918 – 1930 beweisen sollten. Rjasanow setzte sich in dieser Zeit für die Freilassung politischer Gefangener und anderer Repressierter ein und organisierte deren rechtsstaatliche Verteidigung. 13 Am Abend des 12. Februar 1931 wurde Rjasanow ins Kabinett von Stalin in den Kreml bestellt. Das sollte ihre letzte Begegnung werden. Bereits Ende 1922 hatte Stalin Rjasanow untersagt, eine politisch aktive Tätigkeit auszuüben. In der Folgezeit gerieten beide wiederholt aneinander, so zum Beispiel auch als Rjasanow 1928 vorschlug, den bereits verbannten Trotzki im MEI bei der Herausgabe der MEGA zu beschäftigen. Im Dezember 1930 wurde von dem verhafteten Mitarbeiter des MEI I. I. Rubin ein„Geständnis“ erpresst, in dem Rjasanow beschuldigt wurde, dass er Dokumente des ausländischen Büros der Menschewiki mit Materialien zur Geschichte der SDAPR erhalten habe. Noch in dieser Nacht begann eine Durchsuchung des MEI. In der Folge wurden 131 von 243 überprüften Mitarbeitern entlassen. 14 Sammelband zum 60. Geburtstag Rjasanows], Moskva 1930; Ernst Czóbel, Rjazanov als Marxforscher(Zum 60. Geburtstag D. Rjasanows), in: Unter dem Banner des Marxismus, 4(1930) Juni, S. 401-417. 13 Volker Külow/André Jaroslawski(Hrsg.), David Rjasanow – Marx-Engels-Forscher. Humanist. Dissident, hrsg. u. mit einem biographischen Essay versehen, Berlin 1993; Jakov Rokitjanskij: Das tragische Schicksal von David Borisovič Rjazanov, in: MarxEngels-Forschung im historischen Spannungsfeld. Hrsg. u. Red.: Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl u. Rolf Hecker, Hamburg 1993, S. 3-16; Jakow Rokitjanskij/ Reinhard Müller, Krasnyj Dissident. Akademik Rjazanov – opponent Lenina, žertva Stalina. Biografičeskij očerk. Dokumenty[Roter Dissident. Akademiemitglied Rjazanov – Lenins Opponent, Stalins Opfer. Biographische Skizze und Dokumente], Moskva 1996. 14 Vgl. die Aufsätze in: Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe(1931–1941). Hrsg. u. Red.: Carl-Erich Vollgraf, Richard Sperl u. Rolf Hecker, Hamburg 2001. 266 In der Nacht vom 15. zum 16. Februar 1931 wurde Rjasanow verhaftet und seine Wohnung im Gartenhäuschen auf dem Gelände des MEI durchsucht. Einen Tag später wurde er auf Beschluss des ZK aus der Kommunistischen Partei Russlands(Bolschewiki) ausgeschlossen. Vom 1. bis 9. März 1931 wurde in Moskau der Prozess gegen die„konterrevolutionäre Organisation der Menschewiki“ durchgeführt. Rjasanow wurde ins Gefängnis nach Susdal in politische Isolationshaft überführt. Anfang April erhielt er im Gefängnis das Heft 5 der Zeitschrift „Bolschewik“, in dem durch das MEI unter der neuen Leitung von W. W. Adoratskij der Brief von Marx an seine Tochter Jenny vom 11. April 1881 veröffentlicht wurde. Die Herausgeber beschuldigten Rjasanow, dass er diesen Brief versteckt habe, weil er eine vernichtende Kritik an Kautsky enthalte. Am 10. April 1931 richtete Rjasanow einen Brief an die Redaktion, in dem er erklärte, dass er diesen Marx-Brief von der Schwester J. O. Martows unter dem Ehrenwort erhalten habe, ihn noch nicht zu veröffentlichen. Am 11. April 1931 bat Rjasanow um Rückkehr nach Moskau, da sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. Obwohl er am nächsten Tag nach Moskau gebracht wurde, fasste vier Tage später die Besondere Beratung des Kollegiums der Politischen Hauptverwaltung(GPU) den Beschluss, Rjasanow für drei Jahre nach Saratow zu verbannen, wo er am 18. April 1931 eintraf. Ab Mitte 1932 setzte Rjasanow eine wissenschaftliche Arbeit fort, die er schon lange begonnen hatte, nämlich die Übersetzung der Werke von David Ricardo ins Russische. Er konnte einen Vertrag mit dem Staatsverlag für sozialökonomische Literatur über eine Ricardo-Werkausgabe abschließen. Bereits 1935 erschien ein Band mit dem Hauptwerk Ricardos, 1941 folgten weitere Bände, alle jedoch ohne Erwähnung des Übersetzers. Erst nach dem Krieg wurden die letzten drei Bände(1955, 1961) herausgegeben. Ab 21. November 1934 wurde Rjasanow mit der Erlaubnis der leitenden Instanzen als zeitweiliger wissenschaftlicher Konsultant in der Universitätsbibliothek eingestellt. Ein letztes kurzes Mal war er im August 1936 in Moskau, als Stalin seine Verbannung bereits in eine unbe- 267 grenzte verwandelt hatte. Außerdem setzte eine öffentliche Verleumdungskampagne gegen Rjasanow als Menschewik ein. Im Sommer 1937 erreichte der Terror auch das Saratower Gebiet. Rjasanow wurde in der Nacht vom 22. zum 23. Juli 1937 von den örtlichen Behörden des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten (NKWD) verhaftet. Alle Anschuldigungen wies er konsequent von sich und war nicht bereit, eine falsche Aussage zu tätigen, wie die Protokolle der Verhöre beweisen. Am 21. Januar 1938 fand eine geschlossene Gerichtsverhandlung der auswärtigen Session des Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR statt. Nach fünfzehn Minuten wurde das Urteil verkündet: Erschießung und Konfiszierung des persönlichen Eigentums. Die Hinrichtung erfolgte am gleichen Tag in Saratow. Anna Lwowna Rjasanowa bemühte sich sehr um die Rehabilitierung ihres Mannes. Sie selbst wurde Ende November 1937 verhaftet und als Frau eines„Volksfeindes“ zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Nach ihrer Entlassung Ende April 1943 blieb sie ohne Kenntnisse über das Schicksal ihres Mannes. Im Juli 1957 wandte sie sich an N. S. Chruschtschow und bat um Aufklärung über seinen Verbleib. Daraufhin wurden sie beide im März 1958 rehabilitiert. Anna Lwownas Parteimitgliedschaft wurde im September des Jahres wiederhergestellt. Erst im Oktober 1989 wurde Rjasanows Parteiausschluss aufgehoben und am 22. März 1990 seine Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften der UdSSR erneuert. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009