287 Eckhard Müller Annie van Scheltema-Kleefstra(1884 – 1977) Anna Catharina Kleefstra, bekannt als(Adama van) Scheltema(-Kleefstra); genannt Annie, Bibliothekarin des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte Amsterdam, wurde am 25. Februar 1884 in Lemmer/ Friesland geboren und starb am 22. März 1977 in Amsterdam. 1 Nach dem Besuch der von ihrem Vater gegründeten und geleiteten Brinioschule in Hilversum, erwarb Annie Kleefstra die Lehrbefähigung für Deutsch und unterrichtete einige Zeit an ihrer alten Schule. Unter dem Einfluss des Lehrers Gerard Ras trat sie 1905 in die Sociaal-De mocratische Aerbeiders-Partij(SDAP) ein. 1907 wurde sie Sekretärin des sozialistischen Dichters Carel Steven Adama van Scheltema, den sie im gleichen Jahr heiratete. Bei einer sechsjährigen Bildungsreise durch Europa mit ihrem Mann lernte sie eine Reihe von Ländern kennen. Schließlich ließen sie sich in Bergen(Nord-Holland) nieder, wo sie in Künstlerkreisen verkehrten. Weitere Kontakte verbanden sie mit einem Kreis von jungen sozialdemokratischen Intellektuellen, dem auch der Wirtschaftshistoriker Nicolaas Wilhelmus Posthumus angehörte. Annie van Scheltema-Kleefstras Ehemann verstarb 1924 an den Folgen eines Unfalles. Sie geriet in der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Schwierigkeiten und war 1929 gezwungen, sich nach Arbeit umzusehen. Zu Beginn der dreißiger Jahre durchlief sie als Volontärin an der Universitätsbibliothek Amsterdam eine Bibliotheksausbildung. 1932 stellte sie Posthumus, inzwischen Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Amsterdam und Direktor der Economisch-Historische Bibliotheek(EHB), in deren sozialhistorische Abteilung ein. Gleichzeitig wurde sie Archivarin der niederländischen SDAP. 1934 1 Vgl. Biografisch Woordenboek van Het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Ne derland. Deel 2, Amsterdam 1987, S. 77-78; A.J. C. Rüter, Mrs. A. C. Adama van Scheltema-Kleefstra, in: Bulletin of the IISHI,(1954) 9, S. 1-3. 288 gab die Ferdinand Domela Nieuwenhuis Stiftung die Bibliothek des niederländischen Anarchisten Ferdinand Domela Nieuwenhuis als Leihgabe an die EHB. Die Obhut über diese Sammlung und ihre Pflege übertrug man Annie van Scheltema-Kleefstra. Nicolaas Wilhelmus Posthumus entfaltete nach der nationalsozialistischen„Machtergreifung“ 1933 in Deutschland große Aktivitäten, um Archive und Bibliotheken von sozialgeschichtlicher Bedeutung vor dem Zugriff, missbräuchlicher Benutzung und der Vernichtung zu bewahren. Annie van Scheltema-Kleefstra brachte ihn mit dem Direktor der sozialdemokratisch orientierten Versicherungsanstalt De Centrale Arbeiders Verzekerings- en Depositobank, Nehemia de Lieme, zusammen. Diese Versicherungsanstalt stiftete entsprechend ihrer Statuten einen Teil der Gewinne des Unternehmens für kulturelle Zwecke der Arbeiterbewegung. Für Nehemia de Lieme war die Initiative von Posthumus, das literarische Erbe der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung zu sichern, eine zwingende Notwendigkeit und er unterstützte ihn in außerordentlichem Maße durch finanzielle Mittel. Ein Jahr später, am 25. November 1935 wurde auf Initiative von Posthumus das Internationaal Instituut voor Sociale Geschedenis(IISG) gegründet. 2 Annie van Scheltema-Kleefstra wurde die Institutsbibliothekarin und entwickelte sich zu einer leidenschaftlichen Sammlerin, Bewahrerin und Pflegerin von Beständen sozialistischer Literatur und Archivalien. Sie suchte die Spitzenfunktionäre der SDAP, wie J. F. Ankersmit, W. H. Vliegen, F. M. Wibaut und Henri Polak, auf und unternahm seit 1935 jährliche Reisen in die niederländischen Provinzen zu lokalen Organisationen der SDAP, um Literatur und Schriftgut zur Geschichte der Partei zu sichten und für das Archiv zu gewinnen. Als in den dreißiger Jahren die Anzahl der durch Diktaturen unterschiedlichster Tendenz bedrohten Personen und der damit bedrohten 2 Vgl. Annie Adama van Scheltema-Kleefstra, Lets over het Internationaal Instituut voor Sociale Geschedenis te Amsterdam, in: Medelingen van de Nederlandse Vereiniging van Vrouwen met Academische Opleiding, 18(1952) 1, S. 7-9; Maria Hunink, De papieren van de revolutie. Het Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis 19351947, Amsterdam 1986. 289 Archive und Bibliotheken mit ihren Kollektionen zunahm, machte Annie van Scheltema-Kleefstra unter komplizierten Bedingungen Auslandsreisen(im Jahre 1936 gemeinsam mit Posthumus) nach Paris, Wien, Karlsruhe, Zürich, Bern, Prag, Brünn, Budapest, Belgrad und Sofia, um aus Mittel- und Osteuropa stammende sozialhistorische Ar chive für das IISG zu erwerben, wobei die Finanzierung über die„Centrale“ erfolgte. Mit persönlichen Einsatz und dem ihr eigenen Enthusiasmus wusste sie ihre Gesprächspartner immer wieder zu überzeugen, dass die Interessen des IISG mit ihren eigenen und mit der historischen Bedeutung ihrer Bewegungen übereinstimmten. In den letzten Maitagen 1938 nahm Annie van Scheltema-Kleefstra nach erfolgreichen Verkaufsverhandlungen des Exilvorstandes der SPD und des IISG den Marx-Engels-Nachlass des SPD-Parteiarchivs aus dem Safe der Arbeidermes Landesbank in Kopenhagen in Empfang und transportierte ihn anschließend in drei Koffern per Schiff nach Amsterdam. 3 Es gelang ihr, unter teilweise abenteuerlichen Bedingungen unter anderem das Archiv des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes Polens, die Sammlung Max Nettlau zum Anarchismus, die Bibliothek Robert Danneberg, die Nachlässe von Gustav Landauer und Josef Peukert, die Bibliothek und das Archiv der russischen Sozialrevolutionäre, das Archiv der Tschechischen Sozialistischen Partei, das Archiv von Valerin Smirnow, Sammlungen von Christiaan Cornelissen, Charles Rappoport, Charles Hotz, Fritz Brupbacher, Karl Seitz, Wilhelm Liebknecht, Otto Braun, Otto Lang für das IISG zu erwerben und somit zu retten. 4 Sie wurde zur geschickt agierenden Sammlerin und Organisatorin der Transporte von gefährdeten Archiven und Bibliotheken, die per Diplomatenpost oder heimlich über die Grenzen gebracht wurden. Darüber 3 Vgl. Paul Mayer, Die Geschichte des sozialdemokratischen Parteiarchivs und das Schicksal des Marx-Engels-Nachlasses, in: Archiv für Sozialgeschichte, 6/7, Hannover 1966, S. 1-198, hier: S. 142/143. 4 Vgl. Eric J. Fischer/ Huub Sanders: Deutsche Archivalien in Nachlässen und Sammlungen Deutscher und internationaler Provenienz im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, in: IWK, 29(1993) 3, S. 348-362; Maria Hunink, De papieren van de revolutie. Het Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis. 1935-1947, Amsterdam 1986. 290 und über ihre Reisen findet man vieles in ihren Erinnerungen. So schreibt sie über das Herausbringen des Schriftgutes von Gustav Landauer und Josef Peukert aus Deutschland in die Schweiz:„Im Zug saß ich mit großen Sorgen. Gegen Süden zu wurde das Abteil leer. Die Deutschen mussten in jener Zeit 1.000 RM an der Grenze hinterlegen; also fuhren nur wenige ins Ausland. Eine Stunde vor Basel saß ich denn auch ganz allein in meinem Waggon, je länger desto nervöser. Was würde auf dem Badischen Bahnhof geschehen? Ich fürchtete Arges. Unser Zug fuhr schlecht beleuchtet in den verdunkelten Bahnhof ein. Man sparte in dieser Zeit glücklicherweise Strom. Ich saß in meinem Eckchen ineinander gekauert wie eine alte Frau, und ja, dann kam der Zoll. Ich hatte drei Koffer, einen bleischwer, einen halbvoll mit Papieren und Kleidern und schließlich ein Toilettenköfferchen. ,Guten Abend, Pass bitte. Woher kommen Sie?´ ´Amsterdam´. ´Wohin fahren Sie?´ ´Zürich´. ´Wozu?´ ´Ich fahre in Ferien´. ´Wie lange bleiben Sie dort?´ ´Etwa drei Wochen.´ ´Was haben Sie?´ ´Nur Kleider. Wollen Sie etwas sehen?´ Er sah nach meinen Handkoffern, ich auch, und nach einigen beklemmenden Sekunden sagte er ´Na, lassen Sie nur´. Und er verschwand. Ich kann meine Gefühle von damals nicht beschreiben. Aber wir standen noch zwanzig Minuten auf dem Badischen Bahnhof, ich in Angst, dass die Schweizer kommen würden, bevor wir vom Bahnhof abgefahren wären. Als der Zug sich endlich wieder in Bewegung setzte, wurde ich beinahe ohnmächtig.“ 5 Kurz nach der Besetzung der Niederlande durch die Truppen der deutschen Wehrmacht, wurde das IISG am 15. Juli 1940 durch die deutsche Sicherheitspolizei geschlossen. Die Verfügungsgewalt über das IISG und seine Sammlungen erhielt der Einsatzstab Reichsleiter Alfred Rosenberg für die besetzten Gebiete. 6 Annie van Scheltema-Kleefstra 5 Vgl. Annie Adama van Scheltema, Herinneringen van biblothecaresse van het Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis. Amsterdam 1977, in: Tijdschrift voor Sociale Geschiedenis,(1978) 11, S. 141-176. Deutsche Übers. in: Mitteilungsblatt des Instituts zur Geschichte der Arbeiterbewegung[der Ruhr-Universität Bochum], 1 (1979) 4, S. 11-36, hier: S. 22. 6 Vgl. Peter M. Manasse, Verschleppte Archive und Bibliotheken. Die Tätigkeiten des Einsatzstabes Rosenberg während des Zweiten Weltkrieges, St. Ingbert 1997, S. 51-90; 291 wurde in einer Reihe von Verhören nach dem Verbleib von Archivgut, den Zweck ihrer Reisen und ihren Verbindungen zu sozialistischen Parteien befragt. Nach dem Abschluss des Münchener Abkommens 1938 hatte N. W. Posthumus weitsichtig die wertvollsten Bestände, wie zum Beispiel den Marx-Engels-Nachlass, in einer Filiale des IISG in Großbritannien untergebracht. Ab 1944 lies Rosenberg die noch in Amsterdam vorhandenen Kollektionen(etwa 300 000 Titel von Bibliothek und Archiv) mit Lastkähnen in Richtung Osten abtransportieren. Annie van Scheltema-Kleefstra musste diesen Raub mit ansehen, ohne eingreifen zu können Mit unbändiger Energie widmete sie sich ab 1945 der Suche nach der verschleppten Bibliothek und danach dem Wiederaufbau des IISG. Bereits im April 1946 konnte Erich Ollenhauer an Annie van ScheltemaKleefstra berichten, dass Sozialdemokraten in Hannover die Schleppkähne„Komet“ und„Alkmaar“ mit dem Schriftgut des IISG entdeckt hatten:„Die erste flüchtige Feststellung hat ergeben, dass die meisten Kisten uneröffnet sind und dass anscheinend alle direkten Archivsachen vorhanden sind.“ 7 Annie van Scheltema-Kleefstra hatte nach dem zweiten Weltkrieg einen ganz erheblichen Anteil an der laufenden Organisation und Leitung des IISG. Mit ihrer Pensionierung im Alter von fast 69 Jahren legte sie am 3. Dezember 1953 ihre Funktion nieder, verfolgte jedoch die Geschicke des IISG weiter mit großer Aufmerksamkeit. Kurz vor ihrem Freitod 1977 erschienen ihre sehr persönlichen Erinnerungen an ihre verdienstvolle Arbeit im IISG, die sie Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre auf Band gesprochen hatte. Karl Heinz Roth, The International Institute of Social History as a pawn Nazi Social Research – New documents on the IISH during German occupation rule from 1940 to 1944, in: International Review of Social History, 34(1989) Suppl.; Reinhard Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem, Stuttgart 1970. 7 Zit. n.: Mario Bungert,„Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte, Bonn 2002, S. 68. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009