326 Winfried R. Garscha Herbert Steiner(1923 – 2001) Der Gründer des„Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes“(DÖW) und der„Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung“(ITH, heute:„International Conference of Labour and Social History“) wurde am 3. Februar 1923 als Kind einer Arbeiterfamilie im 9. Wiener Gemeindebezirk(Alsergrund), einem stark jüdisch geprägten Stadtviertel, geboren. Sein Vater Heinrich war vor dem Ersten Weltkrieg auf Arbeitssuche aus dem slawonischen Bjelovar nach Wien gekommen, die Mutter Valerie entstammte einer jüdischen Familie aus dem niederösterreichischen Pottenstein, damals ein Zentrum der Textilindustrie südlich von Wien. Die Steiners lebten in ärmlichen Verhältnissen und besserten ihr Familienbudget durch Untermieter, die sich jeweils ein Bett teilten(„Bettgeher“), auf. Der Vater wurde Mitglied der Wehrorganisation der österreichischen Sozialdemokratie, des „Republikanischen Schutzbundes“. Herbert Steiner selbst durchlief die typische politische Laufbahn eines Arbeiterjugendlichen im Roten Wien: Er wurde Mitglied der sozialdemokratischen„Kinderfreunde“ beziehungsweise der„Roten Falken“. Nach der Niederlage der Linken im kurzen Bürgerkrieg des Februar 1934 kam er an der Realschule in der Glasergasse in Wien-Alsergrund mit kommunistischen Jugendlichen in Kontakt und schloss sich 1937 dem Kommunistischen Jugendverband an. Wie Hunderte andere Schüler„mosaischen“ Bekenntnisses wurde auch er nach dem„Anschluss“ des März 1938 von seiner Schule verwiesen. Gewarnt von einem ehemaligen Schulkameraden, der sich den Nazis angeschlossen hatte, flüchtete Herbert Steiner Ende November 1938 ohne seine Eltern über Holland nach England, wo er im Jugendlager Dovercourtbay Camp aufgenommen wurde. Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Großbritannien gelang es ihm, eine Lehre als Schriftsetzer und Korrektor zu beginnen und – als einziger Ausländer – Mitglied der altehrwürdigen Schriftsetzergewerkschaft„London Society 327 of Compositors“ zu werden. Gleichzeitig trat er der Exiljugendorganisation„Young Austria“ bei, die zum ersten Jahrestag des„Anschlusses“, im März 1939, auf Initiative österreichischer Kommunistinnen und Kommunisten gegründet worden war.„Young Austria in Great Britain“ war – wie Eric Hobsbawm sich erinnerte –„für die zahlreichen Jugendlichen, die 1938/39 endlich in Kindertransporten oder anderswie ins Land gelassen wurden und damit ihr Leben retteten[…], nicht nur von politischer, sondern von riesiger menschlicher Bedeutung“, 1 da ihnen die Organisation die Familie ersetzte. Steiners Eltern wurden am 26. Januar 1942 nach Riga deportiert. Der Vater wurde dort sofort nach Ankunft des Transportes ermordet, die Mutter starb im November 1944 im KZ Stutthof. Wie viele andere antifaschistische Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich wurde auch Herbert Steiner 1940 als„feindlicher Ausländer“ von den britischen Behörden einige Monate hindurch interniert – im Hutchinson Camp auf der Isle of Man. Auf Grund seines organisatorischen Talents wurde Herbert Steiner 1941 Sekretär von„Young Austria“, gleichzeitig übernahm er die Leitung des Exilverlags„Jugend voran“. Seine sonore Stimme und seine deutliche, gleichzeitig„wienerisch gefärbte“ Aussprache qualifizierten ihn zum Sprecher in Sendungen der BBC für Österreich. Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete er ab 1943 als Schriftsetzer für deutsch- und englischsprachige Publikationen in London. Durch diese Arbeit lernte er Künstler wie Oskar Kokoschka, vor allem aber im Exil lebende österreichische Schriftsteller kennen. Eine besonders enge Beziehung verband ihn mit dem um zwei Jahre älteren Erich Fried, den er 1 Eric J. Hobsbawm, Herbert Steiner, Gründer und erster Leiter des DÖW, und die Bedeutung von Widerstandforschung, in: Jahrbuch 2004 des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Wien 2004, S. 16-21, hier: S. 17.- Weitere Publikationen über Herbert Steiner: Helmut Konrad/Wolfgang Neugebauer(Hrsg.), Arbeiterbewegung – Faschismus – Nationalbewusstsein. Festschrift zum 20jährigen Bestand des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes und zum 60. Geburtstag von Herbert Steiner, Wien 1983; Die verhinderte Re-Nazifizierung. Herbert Steiner und das Österreich des Herrn Karl, in: Herbert Arlt(Hrsg.), Erinnern und Vergessen als Denkprinzipien, Sankt Ingbert 2002, S. 27-44. 328 noch aus Wien-Alsergrund kannte. Fried war Autor einer der wichtigsten Publikationen des Verlags, der 1944 erschienenen Broschüre „They Fight in the Dark. The Story of Austria’s Youth“, mit der die britische Öffentlichkeit über den Widerstand in Österreich aufgeklärt werden sollte. 2 Eine der bekanntesten literarischen Figuren der österreichischen Linken in den 1930er Jahren war der junge Dichter, Kabarettist und Schriftsteller Jura Soyfer. Auf der Flucht in die Schweiz aufgegriffen, wurde er ins KZ Buchenwald verbracht, wo er – wenige Tage vor seiner Entlassung – am 16. Februar 1939 an Typhus zugrunde ging. Noch im Londoner Exil kümmerte sich Herbert Steiner um die Sicherung des Nachlasses Soyfers; der Erfolg seiner lebenslangen Bemühungen mündete schließlich 1988 in der Gründung einer eigenen„Jura Soyfer Gesellschaft“. Soyfer wurde zu einem der meistgespielten Autoren des österreichischen Exiltheaters in London,„Das Laterndl“, und der„Austrian Youth Players“. Im November 1945 konnte Herbert Steiner nach Wien zurückkehren. Gemeinsam mit Otto Brichacek(„Fritz Walter“), mit dem er noch im englischen Exil, im November 1945, an der Gründung des„Weltbunds demokratischer Jugend“ mitgewirkt hatte, übernahm er im Januar 1946 die Leitung der am 16. Mai 1945 gegründeten„Freien Österreichischen Jugend“(FÖJ). Der erste Bundeskongress der FÖJ im Juni 1946 wählte Brichacek zum Vorsitzenden, Steiner zum Bundessekretär. Zu den Schwerpunkten seiner politisch-organisatorischen Tätigkeit für die FÖJ gehörten Sport und Wandern(so engagierte er sich bei der Bildung des österreichischen Jugendherbergsverbands, der ihn zu seinem Vizepräsidenten wählte) und das Heranführen der Jugend an Kunst und Literatur. 3 Nachdem 1951 Otto Brichacek auf Druck der KPÖ-Führung als Vorsitzender abgewählt wurde, legte 1952 auch Herbert Steiner seine 2 Wiederabgedruckt in: Volker Kaukoreit/Wilhelm Urbanek(Hrsg.), Am Alsergrund. Erich Frieds Jugendjahre in Wien(1921–1938), Wien 1995, S. 145-164. 3 Steiner bemühte sich erfolgreich um die Rechte der Schriften Soyfers, dessen Stücke ab 1947 von der Zentralen Theatergruppe der FÖJ – auch„Spielgruppe Jura Soyfer“ genannt – aufgeführt wurden. 329 Funktionen in der FÖJ nieder und wurde KPÖ-Bezirkssekretär in Wien-Meidling(bis 1959). Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Funktionärsapparat war Herbert Steiner noch lange Zeit in der KPÖ aktiv; obwohl er zum Teil sehr enge persönliche Kontakte zu vielen der im Zuge der Parteikrise 1968/69 Ausgetretenen bzw. Ausgeschlossenen unterhielt, blieb er Mitglied der Partei. Von Anfang der 1960er bis Ende der 1980er Jahre wirkte er an den Diskussionen in der Historischen Kommission beim Zentralkomitee der KPÖ mit. Herbert Steiner hatte sich seit jeher für die Geschichte der Arbeiterbewegung begeistert und noch als FÖJ-Bundessekretär eine(unveröffentlichte) Geschichte der sozialistischen Jugendbewegung in Österreich bis 1918 verfasst. Ein zweites Thema, das ihn brennend interessierte, war die Geschichte der Revolution von 1848 in Wien. Im Laufe vieler Jahrzehnte trug der die umfangreichste Sammlung von Flugschriften aus den Jahren 1848/49 zusammen. Sie wurde 1988 von der Linzer Arbeiterkammer erworben und in der oberösterreichischen Landesbibliothek der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1958 begann Steiner ein Fernstudium der Geschichte an der Prager Karls-Universität. Dort erwarb er 1963 den wissenschaftlichen Grad eines Kandidaten der Wissenschaften(Csc), der später an der Universität Wien als Dr. phil. anerkannt(„nostrifiziert“) wurde. Der Gründer des österreichischen Instituts für Zeitgeschichte, Ludwig Jedlicka, band Herbert Steiner – als Experten für den kommunistischen Widerstand – in das Regierungsprojekt der Erstellung einer Dokumentation„Österreichische Widerstandsbewegung 1938 bis 1945“ ein, das seit dem Frühjahr 1962 von einem Ministerkomitee der ÖVPSPÖ-Regierung betrieben wurde. Herbert Steiners umfangreiche Doktorarbeit über die Frühgeschichte der österreichischen Sozialdemokratie und ihrer Vorläuferorganisationen bis zum Hainfelder Parteitag an der Jahreswende 1888/1889 wurde 1964 gleichzeitig auf Deutsch und Tschechisch veröffentlicht. 4 Die deutschsprachige Ausgabe erschien als Band 2 der Veröffentlichungen der von Bruno Kreisky initiierten und vom 4 Herbert Steiner, Die Arbeiterbewegung Österreichs 1867–1889. Beiträge zu ihrer Geschichte von der Gründung des Wiener Arbeiterbildungsvereins bis zum Einigungsparteitag in Hainfeld, Wien 1964; Ders., Dĕlnické hnuti v Rakousku 1867–1889, Praha 1964. 330 späteren Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Rudolf Neck, geleiteten„Arbeitsgemeinschaft für Geschichte der Arbeiterbewegung“. Gemeinsam mit Rudolf Neck bereitete Herbert Steiner seit 1964 die Gründung der Internationalen Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung vor. Um die Aufnahme von Themen zur Geschichte der Arbeiterbewegung in das Programm des für den Sommer 1965 in Wien anberaumten XII. Welthistorikerkongresses vorzubereiten, versammelten Steiner und Neck im September 1964 rund vierzig Spezialisten für die Geschichte der sozialen Bewegungen in Zentraleuropa und beschlossen, neben dem Welthistorikerkongress eine eigene Konferenz zur Geschichte der Arbeiterbewegung in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und in den Nachfolgestaaten zu veranstalten. Als Tagungsort wurde das Bildungshaus der oberösterreichischen Arbeiterkammer„Jägermayrhof“ am Stadtrand von Linz an der Donau gewählt, wo bis heute die jährlichen ITH-Konferenzen stattfinden. Formell übte Steiner in der ITH im mer nur die Funktion eines„Kassiers“(Schatzmeister) aus. Soviel Zeit er auch aufwandte, um die ITH zu einer weltumspannenden„Internationale der Arbeiterhistoriker“ zu machen – Herbert Steiners eigentliches Lebenswerk war jedoch zweifellos die Gründung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. Das DÖW wurde 1963 als Verein konstituiert, in dessen Leitung führende Persönlichkeiten aller Organisationen ehemaliger Widerstandskämpferinnen und-kämpfer vertreten waren; seit 1983 ist das DÖW eine Stiftung, an der sich neben dem Verein DÖW auch die Gemeinde Wien und die Republik Österreich beteiligen. Die Gründung des DÖW geht auf Überlegungen innerhalb des„Bundesverbands der österreichischen Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus(KZ-Verband)“ – eine überparteiliche Organisation, in der vor allem Angehörige des kommunistischen Widerstandes organisiert waren – zurück. Im KZ-Verband war 1959 eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die Dokumente zusammentrug und katalogisierte. Auf Vorschlag des Bundessekretärs des KZ-Verbands, Erich Fein, bestimmte die Verbandsleitung Herbert Steiner zum Koordinator der Gruppe. 5 Das erste„Dokumen5 Zur Frühgeschichte des DÖW jetzt: Winfried R. Garscha, Das Archiv des DÖW, in: 331 tenarchiv“ hatte in einem Schrank im Bundessekretariat des KZ-Verbands in der Castellezgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk Platz. Während Fein die Verbandsmitglieder aufforderte, Abschriften und Originale zur Verfügung zu stellen, unternahm Steiner über Vermittlung des Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer in der DDR eine erste Archivreise nach Potsdam: Im damaligen Deutschen Zentralarchiv wurden beispielsweise Akten des Reichskriegsgerichts aufbewahrt, von denen er sich Aufschlüsse über den Widerstand innerhalb der Wehrmacht – zum Beispiel der vom KJV Österreichs gebildeten Gruppe„Soldatenrat“, die 1941 bis 1943 unter einfachen Wehrmachtsangehörigen aus Österreich tätig war – erhoffte. Im November 1962 hatte Herbert Steiner einen ersten Katalog der Archivbestände mit Kurzbeschreibungen von 933 Akten erarbeitet. Die Leitung des KZ-Verbands wartete mit dessen Publikation jedoch, da sich im Laufe des Jahres 1962 die Möglichkeit abzeichnete, das geplante Archiv als gemeinsame Einrichtung der im Zuge des Kalten Krieges gebildeten Opferorganisationen 6 zu gründen. Als das„Österreichische Dokumentationsarchiv der Widerstandsbewegung“(so der ursprüngliche Name des DÖW) schließlich 1963 gegründet wurde, waren in der Vereinsleitung neben den drei Opferorganisationen auch Vertreter und Vertreterinnen der akademischen Wissenschaft und des öffentlichen Lebens vertreten. Herbert Steiner übte die Funktion des„wissenschaftlichen Leiters“ von 1963 bis 1983 aus. Während der ganzen„Amtszeit“ Steiners verfügte das Dokumentationsarchiv – als privater Verein – über keine gesicherte Finanzierung. Steiners wissenschaftsorganisatorisch wohl wichtigste Leistung war es, dennoch Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes(Hrsg.), Bewahren – Erforschen – Vermitteln. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 2008, S. 11ff. 6 Nach der behördlichen Auflösung des einheitlichen„Bunds der politisch Verfolgten“ im März 1948 konstituierten sich drei – den Parteien ÖVP, SPÖ und KPÖ zuzuordnende – Verbände neu: die ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten, der Bund Sozialistischer Freiheitskämpfer und der KZ-Verband. Vgl. Brigitte Bailer, Der KZ-Verband. Informationen zu einer wesentlichen Quelle des Projekts der Namentlichen Erfassung der Opfer der politischen Verfolgung, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes(Hrsg.), Jahrbuch 2007, S. 36-49. 332 durch private Spenden, Forschungsgelder und Subventionen den weiteren Ausbau des Archivs und der Bibliothek des DÖW zu sichern und ein beeindruckendes Publikationsprogramm zu realisieren. Regelmäßige Unterstützung kam insbesondere von der Gemeinde Wien, deren ehemaliger Bürgermeister, Bruno Marek, 1971 bis 1984 Präsident des DÖW war. Nach jahrelangen Bemühungen gelang es 1983 schließlich, die Gemeinde Wien und die Bundesregierung für die Errichtung einer „Stiftung DÖW“ zu gewinnen, sodass Herbert Steiner seinem Nachfolger, Wolfgang Neugebauer, eine finanziell einigermaßen abgesicherte Einrichtung übergeben konnte. Sowohl vor als auch nach seiner Pensionierung war Herbert Steiner regelmäßig auf internationalen Konferenzen zu Gast und unternahm zahlreiche Vortragsreisen, darunter mehrfach in die USA, nach Japan und China. Obwohl Steiner nie ein Hehl aus seiner Parteizugehörigkeit machte, war er mit zahlreichen sozialdemokratischen Spitzenpolitikern im Westen persönlich bekannt und unterhielt im Osten enge Kontakte nicht nur zu den offiziellen Parteiinstituten für Geschichte der Arbei terbewegung, sondern auch zu„dissidenten“ Kommunistinnen und Kommunisten, insbesondere in der Tschechoslowakei, wodurch er immer wieder in auch persönlich unangenehme Situationen geriet; der tschechoslowakische Staatssicherheitsdienst sorgte dafür, dass über ihn 1968 ein Einreiseverbot in die ČSSR verhängte wurde, das bis 1989 aufrecht blieb. Ein politisches Anliegen, für das auch viele seiner Freunde wenig Verständnis aufbrachten, das er aber konsequent verfolgte, war der Versuch, die diplomatische Isolierung Nordkoreas zu durchbrechen. 1972 gründete er die Freundschaftsgesellschaft Österreich-Koreanische Demokratische Volksrepublik(KVDR), für die er zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als Mitglieder gewinnen konnte; als seinen größten Erfolg auf diesem Gebiet verbuchte er das Zustandekommen eines Staatsbesuchs Bruno Kreiskys in der KVDR. Eine Folge der österreichischen„Titelkultur“, die mitunter im Ausland für Verwirrung sorgte, war, dass Steiner zuerst„Professor“ und dann erst„Dozent“ wurde: Für seine Leistungen bei der Gründung von 333 DÖW und ITH und seine – zum Teil führende – Mitwirkung in verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften und Kommissionen verlieh ihm der Bundespräsident im Jahre 1964 den Berufstitel„Professor“. 1982 konnte er sich an der Universität Wien – mit der Lehrbefugnis für neuere Geschichte – habilitieren und erwarb damit nach österreichischem Recht(dem die Bezeichnung des„Dr.habil.“ unbekannt ist) den akademischen Grad eines„Dozenten“. Seit seiner Pensionierung hielt er an der Universität Wien Vorlesungen, die sich größten Zuspruchs erfreuten. Steiner veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung und des Widerstandes. 7 Seine letzten Arbeiten widmete er zwei Opfern des stalinistischen Terrors: Der linksliberal eingestellte österreichische Gesandte in Prag in der Zwischenkriegszeit, Ferdinand Marek, starb 1947 in einem Moskauer Gefängnis. 8 Steiners Arbeit stützte sich auf persönliche Dokumente, die ihm von Familienangehörigen überlassen worden waren, sowie auf sowjetische Gerichtsdokumente. 9 Zeit seines Lebens hatte Steiner biographische Angaben sowie Reden und Schriften Franz Koritschoners gesammelt. Die Arbeit über den 1940 von der 7 Veröffentlichungen von Herbert Steiner in Auswahl: Bibliographie zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung. Bd 1-3, Wien 1962-1970; Die Arbeiterbewegung Österreichs 1867–1889. Beiträge zu ihrer Geschichte von der Gründung des Wiener Arbeiterbildungsvereins bis zum Einigungsparteitag in Hainfeld, Wien 1964; Zum Tode verurteilt. Österreicher gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1964; Die Kommunistische Partei Österreichs von 1918–1933. Bibliographische Bemerkungen, WienMeisenheim am Glan 1968; Gestorben für Österreich. Widerstand gegen Hitler. Eine Dokumentation, Wien 1968(Überarb. Neuaufl. Wien 1995); Die Gebrüder Scheu. Eine Biographie, Wien 1968; Käthe Leichter. Leben und Werk, Wien 1973; Karl Marx in Wien. Die Arbeiterbewegung zwischen Revolution und Restauration 1948, Wien-München-Zürich 1978; Zusammen mit Maria Sporrer, Rosa Jochmann, Wien 1983; Herbert Steiner/Maria Sporrer, Fritz Bock: Zeitzeuge, Wien 1984; Herbert Steiner/Maria Sporrer, Simon Wiesenthal. Ein unbequemer Zeitgenosse, Wien 1992. 8 Der von Deutschnationalen als„tschechenfreundlich“ bekämpfte Ferdinand Marek war – um seiner jüdischen Frau die Ausreise in die Schweiz zu ermöglichen – in der Zeit der deutschen Besatzung mit den Protektoratsbehörden Kompromisse eingegangen, die den Anlass seiner Verhaftung 1945 lieferten. 9 Steiner, První rakouský vyslanec v Praze FERDINAND MAREK. Jeho osudy v letech 1938–1947, Praha 1995.(Die Broschüre enthält auch eine deutsche Fassung des Texts.) 334 UdSSR an Hitler-Deutschland ausgelieferten und in Auschwitz ermordeten Mitbegründer der KPÖ konnte er jedoch nicht mehr vollenden. Die letzte Vereinsgründung, an der Steiner sich mit großer Energie beteiligte, war die bereits erwähnte„Jura-Soyfer-Gesellschaft“ im fünfzigsten Jahr nach der Annexion Österreichs 1938. Eine schwere Erkrankung machte ihm in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre schließlich jede weitere Tätigkeit unmöglich. Schon schwer gezeichnet von seiner Krankheit war er 1998 Ehrengast der Zeremonie, mit der„seine“ Realschule im 9. Wiener Gemeindebezirk in Erich-Fried-Realgymnasium umbenannt wurde. Herbert Steiner starb am 26. Mai 2001. 10 Sein Nachlass befindet sich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. 2004 richteten DÖW und ITH – aus Mitteln, die von privater Seite zur Verfügung gestellt wurden – den Herbert-SteinerPreis 11 ein, der alljährlich für hervorragende, unveröffentlichte Arbeiten auf den Gebieten„Geschichte der Arbeiterbewegung“ und„Widerstand/Verfolgung/Exil in der Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus sowie der Umgang mit dieser Vergangenheit nach 1945“ vergeben wird. 10 Beiträge zum Tode Herbert Steiners auf der Web-Site des DÖW: http://www.doew. at/frames.php?/thema/steiner/kurz.html 11 Informationen über den Herbert-Steiner-Preis: http://www.ith.or.at/ith/preise.htm Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009