168 Horst-Peter Schulz Richard Lorenz(1888 – 1959) Franz Kunert(1911 – 1990) Die Namen Richard Lorenz, Franz Kunert und Artur Schober sind aufs Engste verbunden mit der Geschichte des früheren, heute vom Archiv sowie der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn treuhänderisch verwalteten Seliger-Archivs, das 1952 auf Initiative der SeligerGemeinde gegründet wurde. 1 Die Genannten dürften aber selbst in Archivarskreisen nahezu unbekannt sein, ebenso wie die der Entstehung und Entwicklung dieser fast einzigartigen Institution ähnlich verbundenen Irma und Roman Wirkner und, neben weiteren Kuratoren, vor allem Ernst Paul(MdB 1949 – 1969) und Adolf Hasenöhrl(MdL 1964 – 1967). Unbekannt ist wohl auch die Seliger-Gemeinde selbst. 2 Sie wurde benannt nach dem Initiator der im Jahre 1919 gegründeten Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei[in der Tschechoslowakei(ČSR)] (DSAP), Josef Seliger. 3 Nach Flucht, Vertreibung und Aussiedlung vieler Sudetendeutscher 1938 bzw. 1945/46 gründeten deren Sozialdemokraten 1951 in der Bundesrepublik Deutschland die„Gesinnungsgemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“. Der Aufbau eines Archivs dieser sozialdemokratischen Gemeinschaft wie auch der etwas anders politisch orientierten Sudetendeutschen Landsmannschaft und 1 Hans Dietz, Das Seliger-Archiv – ein verpflichtendes Erbe, in: Rückschau auf 50 Jahre Seliger-Gemeinde, hrsg. v.: Seliger-Gemeinde, München 2001, S. 76f., et passim. 2 Ebd. 3 Ernst Paul, Was nicht in den Geschichtsbüchern steht: Ruhm und Tragik der sudetendeutschen Arbeiterbewegung, München, Bd 1: 1961, Bd.2: 1966, Bd. 3: 1972; Friedrich G. Kürbisch, Chronik der sudetendeutschen Sozialdemokratie 1863 – 1938, hrsg. v.: Seliger-Archiv, Stuttgart 1982; Weg, Leistung, Schicksal: Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung in Wort und Bild, hrsg. v.: Seliger-Gemeinde, Stuttgart 1972; Kampf, Widerstand, Verfolgung der sudetendeutschen Sozialdemokraten: Dokumentation der deutschen Sozialdemokraten aus der Tschechoslowakei im Kampf gegen Henlein und Hitler, erarb. v. Adolf Hasenöhrl, hrsg. v. Seliger-Archiv, Stuttgart 1983. 169 ihr mehr oder weniger nahe stehender Organisationen aus der früheren sudetendeutschen Region beruhte auf dem generellen Bedürfnis, die Geschichte der Sudetendeutschen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Das 1952 in Stuttgart gegründete Seliger-Archiv widmete sich insbesondere der Bewahrung der Erinnerung an die Geschichte der sudetendeutschen Arbeiterbewegung. In diesem Sinne wurden Archivalien und Bibliotheksgut aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen. So entstand ein Konglomerat unterschiedlichster Provenienzen wie kleinsten persönlichen Unterlagen, Splitter-, Teil- und eigenständigen Nachlässen, Niederschriften, Erinnerungen, historisch bedeutsamen Fotografien und diversem Sammelgut sowie ein umfangreicher Biblio theksbestand. Im Laufe der Nachkriegsjahre konnten weitere zahlreiche Sammlungen und Nachlässe zusammengetragen werden wie beispielsweise die Nachlässe von Ernst Paul, Richard Reitzner(MdB 1949 – 1962), Unterlagen zur(Aussiedler-)„Aktion Ullmann“(AntifaTransporte) 4 , aber auch Organisationsakten nicht nur aus dem deutschen Bereich der Seliger-Gemeinde, sondern auch emigrierter sudetendeutscher Sozialdemokraten aus England, Kanada und dem skandinavischen Raum. Der erste von mehreren verdienstvollen Archivaren war der mit der Gründung des Seliger-Archivs beauftragte Richard Lorenz. 5 Er wurde am 21. August 1888 in einem Örtchen im Bezirk Ellbogen/Böhmen in einer eher unpolitischen Familie geboren, doch sein Onkel brachte ihn schon als Heranwachsenden der Arbeiterbewegung und deren Schriften nahe. Daher schloss er sich bereits als Porzellanmalerlehrling der Gewerkschaft und kurz darauf der Sozialdemokratischen Partei an. Bereits mit 20 Jahren trat er als Redner auf, erregte damit Aufsehen und wurde kurz darauf aufgefordert, sich der sozialistischen Jugendbewegung zur Verfügung zu stellen. Seine Belesenheit und Rhetorik waren 4 Aussiedlungsaktion sudetendeutscher Sozialdemokraten aus der ČSR nach 1945. 5 Roman Wirkner, Ein Sohn des Volkes/ Richard Lorenz zum Gedenken, in: Die Brücke, 29.8.1959, S. 7; ferner:„Biographien Partei“, Nr. 1625 Seliger-Archiv im AdsD, darin u.a. persönl. Lebenslauf. 170 ihm weiterhin förderlich, so dass er als Bezirksvertrauensmann und Mitglied der Kreisvertretung Karlsbad der sozialistischen Jugend über Böhmen hinaus auch im angrenzenden Bayern als Redner gefragt war. Nach über vierjähriger Militärzeit kehrte er Ende 1918 nach Hause zurück und begann im Bergbau zu arbeiten. Sein politisches Engagement führte ihn über verschiedene partei- und kommunalpolitische Ämter bis hin zum Abgeordneten des Böhmischen Landtages. Zudem war er Leiter der städtischen Bücherei Neudek und aktiv in der Volksbildung Bezirk Teplitz-Schönau sowie als Kreissekretär der DSAP und Organisationsleiter der„Republikanischen Wehr“ 6 tätig. Aufgrund seiner politischen Aktivitäten sah er sich 1938 gezwungen, vor den Nationalsozialisten nach England zu fliehen. 1947 aus der Emigration nach Stutt gart übergesiedelt, bot er sich der dortigen SPD zur Mitarbeit an und redigierte für sie den„Neubürgerwillen“, ein sozialdemokratisches Organ für Flüchtlinge und Neuangesiedelte. 1952 wurde er, der vielseitig Belesene und Bibliothekar, Kenner der Geschichte der Sudetendeutschen Sozialdemokratie und Zeitzeuge, mit der Gründung des SeligerArchivs beauftragt. Er betreute es bis 1959 und konnte es Dank seiner Leidenschaft und zahlreicher Kontakte erheblich ausbauen. Lorenz starb am 16. August 1959. Der Zufall wollte es, dass Lorenz 1952 auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten in Stuttgart mit Roman Wirkner 7 zusammengetroffen war. Roman Wirkner hatte kurz vorher zusammen mit seiner Frau Irma durch Aufrufe an die Mitglieder der Seliger-Gemeinde diese bewogen, ihre Erlebnisse und Erinnerungen niederzuschreiben und sie veranlasst, ihnen wertvolles Archiv- und Bibliotheksgut zu übergeben. Damit hatten sie bereits eine Grundlage für ein privates Archiv geschaffen, welches sie dann zusammen mit ihren eigenen Dokumentationen in das Seliger-Archiv einbrachten. Dieser später als„Nachlass Roman Wirkner“ ausgewiesene Bestand enthält Sammlungen und Dokumentationen zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie, Vertreibung 6 Schutzorganisation der DSAP und ihr nahestehender sozialdemokratischer Organisationen gegen die„Henlein“-Anhänger(nationalsoz. Sudetendeutsche Partei) 7 Vgl. u.a.: Nachruf auf Roman Wirkner in: Sudeten-Jahrbuch 1988, S. 31. 171 und Aussiedlung und ihren Folgen, ferner zu Persönlichkeiten(vor allem Wenzel Jaksch) und zu politischen Ereignissen, daneben Unterlagen zu Wirkners publizistischen und literarischen Ambitionen. Roman Wirkner wurde am 17. September 1907 in Gablonz geboren. Nach seiner Ausbildung arbeitete er zunächst als Sekretär, später als Redaktionssachbearbeiter beim Zentralverband der Angestellten in Reichenberg. Er engagierte sich politisch in der dortigen Verbandsjugendleitung, war Schriftführer sowie Lokalvertrauensmann und gehörte der Kreis- und Bezirksleitung an. Seine Laufbahn wurde jäh unterbrochen durch den Einmarsch der Nationalsozialisten 1938, die ihn umgehend in das KZ Dachau verbrachten. Erst nach sechs Jahren wurde er 1945 von den Amerikanern befreit. Alois Ullmann, den er in Dachau kennengelernt hatte, berief ihn für die„Aktion Ullmann“ zum „Auslandsbeauftragten“. Seit 1947 war er zunächst in Frankfurt, dann in Bonn im Archiv des Bundesrates angestellt. Für die Seliger-Gemeinde war er Zeit seines Lebens unermüdlich tätig, intensiv unterstützt von seiner Frau. Er bekleidete verschiedene führende Funktionen im Landes- und Bundesverband der Seliger-Gemeinde, war lange Zeit verantwortlicher Redakteur für das„Sudeten-Jahrbuch“ und ständiger Mitarbeiter des politischen Organs der Seliger-Gemeinde„Die Brücke“. Roman Wirkner starb am 11. März 1987 in Bonn. Die Gründung und die sukzessive Zusammenführung beider Bestände zum eigentlichen Seliger-Archiv und überhaupt der weitere Erhalt dieser Erinnerungsstätte wären ohne die politische Einflussnahme, das persönliche und auch materielle Engagement des Bundestagsabgeordneten Ernst Paul 8 kaum möglich gewesen. Ernst Paul, geboren 1897 in Steinsdorf, Nordböhmen, trat 1912 in den dortigen sozialistischen Jugendverband ein und wurde nach 1919 deren Verbandsobmann in der ČSR. Er war 1923 Mitbegründer der Sozialistischen Jugendinter nationale, aktiv im Arbeiter-Turn-und-Sportverband der sudetendeutschen Sozialdemokraten in der ČSR(ATUS) und Mitbegründer und Leiter der sozialdemokratischen Republikanische Wehr(RW) der 8 Vgl. u.a.: Weg, Leistung, Schicksal..., S. 7; Artur Schober, Ernst Paul – Ein Sohn des Volkes, in: Sudeten-Jahrbuch 1979, S. 11ff. 172 DSAP zum Schutz der tschechoslowakischen Republik. 1924 wurde er Redaktionsmitglied beim„Vorwärts“ in Prag, 1930 bis zur Zerschlagung der ČSR 1938 Sekretär beim Parteivorstand der DSAP. Er emi grierte nach Schweden und beteiligte sich(mit Willy Brandt und anderen) an der Gründung der sogenannten Kleinen Internationale Stockholm 1945/46. 1948 kehrte er nach Deutschland zurück, war von 1949 bis 1969 Mitglied des Bundestages und ab 1951 Mitbegründer und Vorsitzender der Seliger-Gemeinde und Mahner der Geschichte; so regte er beispielsweise die Herausgabe der beiden Standardwerke zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie„Weg, Leistung, Schicksal“ und„Kampf, Widerstand, Verfolgung der sudetendeutschen Sozialdemokraten“ 9 an und artikulierte sich gemeinsam mit Emil Werner auch als Autor:„Was nicht in den Geschichtsbüchern steht“. 10 Nicht nur als Bundestagsabgeordneter fühlte sich Ernst Paul stets der Aussöhnung und der Europäischen Idee verpflichtet; er starb am 11. Juni 1978. Nach dem Tode von Richard Lorenz übernahm Franz Kunert 11 Anfang der 1960er Jahre dessen Aufgaben im Seliger-Archiv. Er wurde am 16. August 1911 geboren, in Oberhennersdorf bei Rummelsburg in einem sozialistischen Ideen verbundenen Elternhaus aufgewachsen, wurde Mitglied der Sozialistischen Jugend, der DSAP und des Freidenkerbundes und schloss sich während seines Studiums an der Deutschen Universität Prag der Freien Vereinigung Sozialistischer Akademiker an. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. fand er kurzzeitig eine Anstellung bei der Stadt Bodenbach, doch die Besetzung der ČSR durch die Nationalsozialisten veranlasste ihn zur Emigration nach Schweden, wo ihm als deutschem Juristen eine entsprechende Tätigkeit unmöglich war, so dass er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen musste. Erst 1957 kehrte er mit seiner Familie nach Deutschland zurück, fand aber auch hier keine Anstellung als Jurist. So übernahm Kunert Anfang 9 Vgl. Anm. 3 10 Vgl. Anm. 3 11 Vgl. u.a. Ha[senöhrl, Adolf], Dr. Franz Kunert – 70 Jahre, Manuskript vom 15.5.1981, in: Sammlung Personalia des AdsD; A[rtur] Sch[ober], Wir trauern um Franz Kunert, Nachruf in: Die Brücke, 15.10.1990, S. 16. 173 der 1960er Jahre die Nachfolge des verstorbenen Richard Lorenz im Seliger-Archiv, dem er bis zu seinem Lebensende 1990 mit großem Engagement und als lebendige Quelle für Studenten und Wissenschaftler mit Interesse an der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie diente. Kunert starb am 26. September 1990. Adolf Hasenöhrl(jun.) 12 folgte Ernst Paul als Vorsitzender der SeligerGemeinde und übernahm damit auch die Verantwortlichkeit für das Seliger-Archiv. Ebenso wie sein Vorgänger war Hasenöhrl nicht im engeren Sinne als Archivar tätig, doch engagierte er sich ebenso wie Ernst Paul nicht nur in materieller und finanzieller Hinsicht, sondern bemühte sich zusammen mit Franz Kunert auch weiterhin um den inhaltlichen Fortbestand des Archivs. Darüber hinaus lagen seine besonderen Meriten in der Aufarbeitung der Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie als Herausgeber verschiedener Publikationen, vor allem aber der beiden oben genannten Standardwerke zur Geschichte der sudetendeutschen Sozialdemokratie. Zudem gingen zahllose aufschlussreiche Organisationsakten aus seinen vielseitigen Aktivitäten aus der Nachkriegszeit in den Bestand des Seliger-Archivs ein. Adolf Hasenöhrl wurde am 15. Oktober 1911 in Chumo im Böhmerwald als Sohn eines aktiven Sozialdemokraten und Bürgermeisters geboren. Nach Bürgerschule und kaufmännischer Lehre trat er mit 19 Jahren der DSAP bei. Sein sozialdemokratisches Engagement, vor allem aber seine Kontakte zu den Grenzsekretariaten der SPD, die nach 1933 an der Grenze zum nationalsozialistischen Deutschland eingerichtet wurden, brachten ihm eine kurzzeitige Inhaftierung im KZ Dachau ein. Auch in Freiheit von der Gestapo observiert, hatte er weiterhin Verbindungen zu Widerstandsgruppen, konnte sich jedoch der Verfolgung entziehen, wurde aber Mitte des Zweiten Weltkrieges zur Kriegsmarine eingezogen und geriet in englische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung 1945 nahm er Kontakt zur AussiedlerAktion„Ullmann“ auf. Als Mitglied des sogenannten Vortrupps der vertriebenen oder ausgesiedelten sudetendeutschen Sozialdemokraten 12 u.a. Volkmar Gabert, Adolf Hasenöhrl zum Gedenken, in: Sudeten-Jahrbuch 1990, S. 20ff. 174 kam er 1946 nach Stuttgart und bereitete die Ansiedlung von insgesamt ca. 25 000 sudetendeutschen Sozialdemokraten in Baden-Württemberg vor. 1951 war er Mitbegründer der Seliger-Gemeinde und deren Vorsitzender von 1971 bis 1983. Er trat in den baden-württembergischen Staatsdienst ein und übernahm nach 1949 diverse Ämter im Bereich des Flüchtlings-, Vertriebenen und Aussiedlerwesens. Als Mitglied des Landesvorstandes der SPD in Baden-Württemberg errang Hasenöhrl 1964 für drei Jahre ein Mandat für den Landtag. Trotz seiner vielen politischen Ämter und zahlreichen Ehrungen engagierte er sich sehr stark in der Seliger-Gemeinde sowie dem Heimatverband der Böhmerwälder. Adolf Hasenöhrl verstarb am 9. Februar 1989. Bereits seit Mitte der 1960er Jahr hatte Artur Schober 13 – zunächst kurzfristig, nach dem Tod von Hasenöhrl und Kunert mit vollem Einsatz – die Verwaltung und Leitung des Seliger-Archivs übernommen und, unterstützt von seiner Frau Felicitas, dessen weiteren Ausbau gefördert. Artur Schobers Geburtsort im Arbeiterheim Jägerndorf, Schlesien, am 27. November 1913, schien quasi bestimmend für seinen weiteren Lebensweg: Mitglied der„Roten Falken, im Arbeiter-Turn-und-Sportverband der sudetendeutschen Sozialdemokraten in der ČSR(ATUS), 1934 Eintritt in die DSAP, führend in der sozialdemokratischen Republikanischen Wehr(RW). Nach der Schulzeit absolvierte er eine Ausbildung zum Schriftsetzer beim sozialdemokratischen„Vorwärts“ in Troppau. Nach dem„Münchener Abkommen“ 1938 musste Schober vor der Gestapo über Polen nach Schweden flüchten und gründete dort zusammen mit Ernst Paul und anderen die„Treuegemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten“ in Schweden(TG Schweden). Er stand in Kontakt mit Willy Brandt und Bruno Kreisky und freundete sich mit vielen einflussreichen schwedischen Sozialdemokraten an. Die Exil-DSAP unter Wenzel Jaksch und Ernst Paul betraute Schober und andere jüngere Mitglieder der Treuegemeinschaft mit einer brisanten 13 Vgl.: u.a. Adolf Hasenöhrl, Ein neuer Lebensabschnitt beginnt – Artur Schober wird 65 Jahre, in: Die Brücke, 18. Nov. 1978, S. 12; Volkmar Gabert, Einer unserer Besten: Artur Schober ist nicht mehr, in: Sudeten-Jahrbuch 2000, S. 126ff. 175 Aufgabe: Sie sollten noch vor Kriegsende in den besetzten Sudetenländern ein demokratisches Regime schaffen, um dadurch die Pläne des emigrierten tschechischen Staatspräsidenten Eduard Benesch zur Aussiedlung der Deutschen zu verhindern. Diese Aktion wurde an die Gestapo verraten und die Gruppe beim Transit durch Dänemark verhaftet. Artur Schober musste danach einen kaum vorstellbaren Leidensweg durch unzählige Folter-Gefängnisse der Gestapo, das KZ Flossenbürg, schließlich den„Todesmarsch“ nach Dachau gehen, bis die Häftlinge durch die Amerikaner befreit werden konnten. Nach Kriegsende ging Schober zunächst wieder zurück nach Schweden, wo er Dank seiner früheren Kontakte führend an der Einwanderungsaktion für nach Österreich geflüchtete sudetendeutsche Sozialdemokraten mithelfen konnte. 1947 übernahm er wichtige Funktionen bei der TG Schweden in Stockholm. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland war er ab 1960 in Baden-Württemberg für das UN-Flüchtlingskommissariat tätig und widmete sich der Eingliederung pass- und heimatloser Ausländer(Verschleppte, Zwangsarbeiter aus der Zeit des„Dritten Reiches“), der DP’s(displaced persons). Danach übernahm er ein Referat in der Hauptabteilung für Vertriebene im Staatsministerium des Inneren in Stuttgart. Bis zu seinem Tode am 29. März 1999 war Artur Schober Landesvorsitzender der Seliger-Gemeinde in Baden-Württemberg sowie Präsidiumsmitglied auf Bundesebene und die„Graue Eminenz“ des Seliger-Archivs bis weit in die 90er Jahre. Die Besonderheit der hier genannten und vor allem der kurz biographierten Personen ist die Tatsache, dass sie mit der von ihnen im Seliger-Archiv betreuten Materie lebensgeschichtlich eng verbunden waren. Sie hatten die Geschichte mehr oder weniger selbst durch- und erlebt, kannten die Vielzahl der Hinterleger oder ihr Schicksal persönlich und hatten entsprechende Kontakte zu diesen oder deren Nachkommen. So sind auch die einzigartige Entstehungsgeschichte und der Aufbau dieses besonderen Archivs zu erklären. Als das Seliger-Archiv Anfang der 1990er Jahre aus Altersgründen der Betreuer dem Archiv und der Bibliothek der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn übergeben wurde, behielten sowohl Archiv als auch Bibliothek unter der besonderen Namenskennzeichnung„Seliger-Archiv“ ihre Ei- 176 genständigkeit, doch konnte auf die personenbezogenen Idealbedingungen nicht mehr in dem früheren Maße zurückgegriffen werden. Nur der intensive Kontakt zu den Mitgliedern der Seliger-Gemeinde ermöglichte die Einarbeitung in dieses individuelle, ja fast eigenwillig zu nennende Archiv- und Bibliotheksgebilde. Hinweis zum Angebot digitaler FES-Veröffentlichungen im Internetangebot der Friedrich-Ebert-Stiftung Die hier vorliegende Datei(PDF) enthält einen Einzelbeitrag aus der Monographie "Bewahren- Verbreiten- Aufklären: Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung/ Günter Benser und Michael Schneider(Hrsg.) Bonn-Bad Godesberg, 2009" Internetadresse des Gesamtwerks: http://library.fes.de/pdf-files/adsd/06730/index.html ©Friedrich Ebert Stiftung| Webmaster| technical support| net edition Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung| 7. Oktober 2009