Berlin vernetzen für Familien: Handlungsbedarf, Konzepte und gelungene Beispiele Berlin vernetzen für Familien: Handlungsbedarf, Konzepte und gelungene Beispiele Impressum ISBN: 978-3-86872-177-5 Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung Forum Politik und Gesellschaft Hiroshimastraße 17 10785 Berlin Text: Dr. Nicola Schuldt-Baumgart, Wirtschaftsjournalistin Redaktion: Anne Seyfferth, Magdalena Zynda, Friedrich-Ebert-Stiftung Redaktionelle Betreuung: Inge Voß, Friedrich-Ebert-Stiftung Fotos: Titel: istockphoto.com, Andreas Reh Innenseiten: Angela Kröll Gestaltung: Julia Lutz-Albinus, Visuelle Kommunikation Druck: Druckerei J. Humburg GmbH, Berlin © Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Politik und Gesellschaft September 2009 Diese Publikation wird gefördert durch DKLB-Mittel Inhalt 6 Vorwort Anne Seyfferth Friedrich-Ebert-Stiftung 8 Begrüßung Peter Ruhenstroth-Bauer Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen 10 Familienzentren, Eltern-Kind-Zentren, Mehr­generationshäuser – neue Chancen infrastruktureller Familienförderung? Prof. Dr. C. Katharina Spieß Wissenschaftliche Sachverständige beim Berliner Beirat für Familienfragen 16 Das Berliner Konzept: Weiterentwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren Sven Nachmann Leiter des Referats Familienpolitik, Kinderbetreuung, vorschulische Bildung, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung 22 World-Café: Unterstützungsnetze für Familien – Gelungene Projektbeispiele stellen sich vor Tisch 1 Haus der Familie, Caritasverband Dormagen Tisch 2 / 3 Monheim für Kinder(Mo.Ki), Monheim am Rhein Tisch 4 Evangelisches Familienzentrum Leichlingen Tisch 5 Kalker Netzwerk für Familien, Köln Tisch 6 Häuser der Familie, Bremen Tisch 7 Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße, Berlin Tisch 8 Familienzentrum Mehringdamm, Berlin Tisch 9 SOS-Kinderdorf Moabit, Berlin Tisch 10 Väterzentrum, Berlin Tisch 11 Stadtteilmütter-Kreuzberg, Berlin 42 Fishbowl-Diskussion Integrierte Familienarbeit im Sozialraum – Voraussetzungen für ein gutes Gelingen Claudia Zinke Staatssekretärin für Jugend und Familie der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin Peter Ruhenstroth-Bauer Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen Danuta Sarrouh LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrts­ pflege, Mitglied im Berliner Beirat für Familienfragen 46 Ergebnisse der Diskussion im Fishbowl 50 Literatur 51 Internetquellen Vorwort Die Schaffung und der Erhalt von nachhaltigen sozialen Infrastrukturen für Kinder zählt zu den wichtigsten Aufgaben einer zukunftsorientierten Familienpolitik. Alle Familien benötigen in allererster Linie ein zuverlässiges Betreuungsangebot mit einem qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildungsangebot. Dies ist nicht nur eine elementare Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für beide Elternteile, sondern auch für die weiteren Bildungschancen und damit die gesellschaftliche Teilhabe des jeweiligen Kindes. Seit dem Inkrafttreten der Novelle des Achten Sozialgesetzbuches, das die Kinder- und Jugendhilfe beinhaltet, umfasst der gesetzliche Auftrag der Kindertageseinrichtungen nicht nur die Erziehung und Bildung von Kindern, sondern auch die Vernetzung und das Zusammenwirken mit anderen kind- und familienbezogenen Angeboten. Auch viele Familienwissenschaftler/innen weisen auf die Dringlichkeit eines abgestimmten Systems von Bildung, Erziehung und Betreuung sowie die Öffnung auf die Belange der Familien insgesamt hin. Berlin hat aktuell einen Konzeptvorschlag vorgelegt, der flächendeckend die Entwicklung von Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren vorsieht. Gerade in einer Großstadt wie Berlin mit einem vergleichsweise hohen Anteil von Alleinerziehenden, zugewanderten und von Sozialbezügen lebenden Familien gibt es eine große Anzahl von Eltern, die ein Bündel von unterstützenden Leistungen braucht, damit ihre Kinder gut betreut, ausgebildet, gesund, gewaltfrei und gesellschaftlich integriert aufwachsen können. Vor diesem Hintergrund haben das Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Berliner Beirat für Familienfragen eine Konferenz organisiert, die den Handlungsbedarf für das Berliner Konzept deutlich machen sollte sowie einen Austausch von Erfahrungswissen von gelungenen Beispielen für vernetzte Angebote aus Berlin und dem Bundesgebiet ermöglicht. Mit der vorliegenden Publikation werden die Ergebnisse dieser Konferenz weiteren Fachleuten und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 6 Mein Dank gilt Nora Schmidt vom Berliner Beirat für Familienfragen für die Kooperation und Moderation der Nachfragen, allen Referent/innen, Diskutant/ innen sowie Gastgeber/innen und Protokollant/innen des World-Cafés für ihre Beiträge, Dr. Nicola Schuldt-Baumgart für die Zusammenfassung der Ergebnisse und Jutta Weimar für die Moderation der Fishbowl-Diskussion. Anne Seyfferth Leiterin Forum Politik und Gesellschaft 7 Begrüßung Peter Ruhenstroth-Bauer, Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen Der Berliner Beirat für Familienfragen wurde im Dezember 2007 vom Berliner Senat als unabhängiges und überparteiliches Gremium berufen. In ihm arbeiten 23 Mitglieder aus Parteien, Verbänden, Wissenschaft, Wirtschaft, Kirchen und Zivilgesellschaft zusammen. Der Beirat ist vom Senat beauftragt worden, diesen in Fragen der Familienpolitik zu beraten und die Interessen der Familien in Berlin mit stärkerer Stimme nach außen zu vertreten und den nächsten Familienbericht für das Jahr 2010 zu erarbeiten. In Deutschland ist es bislang einmalig, dass ein Familienbeirat den Auftrag erhalten hat, einen Familienbericht, mit Empfehlungen adressiert an die Politik, zu erstellen. Der Beirat vertritt einen weiten Familienbegriff.„Familie“ ist nicht allein die Kernfamilie, bestehend aus Mutter, Vater und Kind, sondern einbezogen ist auch das soziale, familienbezogene Netzwerk aller Generationen. Vor diesem Hintergrund wird es für Berlin eine neue Form der Familienberichterstattung geben. Nicht nur statistische Daten über die Lebenssituation Berliner Familien sollen gesammelt werden, sondern darüber hinaus auch zu sechs Schwerpunktthemen Auskunft gegeben werden. Dazu gehören Vereinbarkeit von Familie und Beruf, familienfreundliche Regionen und Stadtquartiere, familienfreundliche Infrastruktur, Armut, Integration sowie das Thema Bildung und auch die Kindertagesbetreuung. Diese Schwerpunktsetzung wird mit neuen Arbeitsansätzen verbunden: Erarbeitet werden soll ein praxisbezogener Familienbericht, verbunden mit konkreten 8 Umsetzungsempfehlungen. Eine„gute Praxis“ soll bekannt gemacht werden, um Anreize für Veränderungen zu geben und den Austausch zwischen den Bezirken, freien Trägern und der Senatsverwaltung zu verbessern. Schließlich setzt der kommende Familienbericht auf den Dialog mit allen Beteiligten:„Wir wollen nicht über die Familien sprechen, sondern mit ihnen reden.“ Dazu gehört auch ein berlinweiter Internetdialog, der im November und Dezember vergangenen Jahres unter www.zusammenleben-in-berlin.de initiiert wurde. Viele Bürger/innen nutzten diese Möglichkeit und tauschten ihre Ideen über ein familienfreundliches Zusammenleben in Berlin aus. Anfang diesen Jahres wurde dieser„virtuelle“ in einen„realen“ Dialog überführt: Gegenwärtig finden in verschiedenen Berliner Bezirken ganztägige„Familienforen“ statt. Ein weiteres Anliegen der Arbeit des Familienbeirats ist es, in den Dialog mit der Fachöffentlichkeit zu gehen. Den Konzeptvorschlag der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Kitas flächendeckend zu Familienzentren auszubauen, wurde konkret zum Anlass genommen, mit den Teilnehmer/innen im Rahmen dieser Konferenz zu diskutieren, die Vorschläge zu bündeln und in den Familienbericht mit einfließen zu lassen. 9 Familienzentren, Eltern-Kind-Zentren, Mehrgenerationenhäuser – neue Chancen infrastruktureller Familienförderung? 10 Prof. Dr. C. Katharina Spieß, Wissenschaftliche Sachverständige beim Berliner Beirat für Familienfragen Heute sind bereits knapp ein Drittel aller Frauen mit Kindern unter drei Jahren erwerbstätig. Die Erwerbsquote steigt mit dem Alter des Kindes. Außerdem besteht bei vielen Müttern, die bislang nicht erwerbstätig sind, ein deutlicher Wunsch, einen Beruf auszuüben. Die Verbindung von Erwerbs- und Familienleben führt allerdings zu einer Mehrbelastung für viele Eltern, da ein hoher Koordinations- und Synchronisierungsbedarf zwischen beiden Bereichen besteht. Wichtig sind daher Familienangebote, die auch Tagesrandzeiten auffangen und„Notzeiten“ abdecken, zum Beispiel bei Krankheit des Kindes. Eltern sind einer hohen zeitlichen Belastung ausgesetzt – sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht. Sie haben oft wenig Zeit. Hinzu kommt, dass die zur Verfügung stehende freie Zeit häufig als limitiert und„stressig“ emp­ funden wird, weil der nächste Termin oder die nächste Aufgabe bereits ansteht. Für diese Familien brauchen wir flexible und koordinierende Angebote, die die Eltern bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familien entlasten. Neben dieser Gruppe von Familien verdienen jene Familien besonderes Augenmerk, in denen ein oder beide Elternteile erwerbslos sind. In Deutschland lebt in neun Prozent der Haushalte mit Kindern ein nichterwerbstätiger Erwachsener. Diese Zahl ist im OECD-Vergleich relativ hoch. Das ist auch deswegen problematisch, weil mit Erwerbslosigkeit die Einkommensarmut in Haushalten mit Kindern steigt. Besonders betroffen sind Alleinerziehende. In diesen Familien 11 ist häufig ein Entgleiten von„Zeitstrukturen“ zu beobachten. Häufig sind diese Familien auch unzureichend über Angebote der Familienförderung informiert. Diese Familien brauchen vor allem kompensatorische Angebote, zusätzlich zu koordinierenden Angeboten, die ihnen helfen, mit ihren„Zeitproblemen“ umzugehen. Wichtig sind auch gezielte Informationsangebote. Diese beiden Familientypen sollten zu den primären Zielgruppen von Familienzentren oder ähnlichen Einrichtungen gehören – ohne jedoch andere Zielgruppen auszugrenzen. Wer soll nun die Angebote für diese Zielgruppen erbringen? Kindertageseinrichtungen(Kitas) sind ein guter Ansatzpunkt, um koordinierende, synchronisierende und kompensatorische Angebote in der Familienpolitik zu bündeln, weil diese Einrichtungen eine sehr hohe Erreichbarkeit der Eltern gewährleisten. Aber: Altersstruktur in der Nutzung von Kitas ist sehr unterschiedlich. Beispielsweise nutzen nur knapp 15 Prozent aller Eltern mit Kindern zwischen zwei und drei Jahren eine Kita. gibt es große regionale Unterschiede in der Kita-Versorgung innerhalb Deutschlands. bestehen sehr große sozioökonomisch bedingte Unterschiede in der Nutzung von Kitas. Vor allem einkommensarme Familien und Familien mit Migrationshintergrund nutzen eine Kita deutlich seltener. Das Fazit lautet daher: Wenn Kitas ihre Angebote ausbauen bzw. ergänzen und die oben genannten Zielgruppen erreicht werden sollen, müssen weitere Altersgruppen, weitere Regionen und weitere Nutzergruppen(einkommensarme Familien und Familien mit Migrationshintergrund) erreicht werden. Für den Ausbau von Kitas zu Eltern-Kind-Zentren spricht auch, dass Kindertageseinrichtungen den Bildungs- und Erziehungsauftrag effektiver und effizienter erfüllen können, wenn die gesamte Familie integriert wird. Ökonomisch formuliert kann man sagen, dass die„Bildungsrendite“ der Kindertageseinrichtungen steigt, wenn Familien integriert werden. 12 Vor allem im frühkindlichen Alter ist diese Bildungsrendite sehr hoch. Frühkindliche Bildungs- und Betreuungsangebote sind daher sehr viel bedeutsamer für den Lebensweg eines Menschen als spätere Maßnahmen der beruflichen Aus- und Weiterbildung – vorausgesetzt, dass das„Kitakonzept“ eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern vorsieht. Als Fazit kann festgehalten werden: Die weitere Integration der Familien in die Arbeit der„Kitas“ ist auch vor dem Hintergrund der empirischen Bildungsforschung von großer Bedeutung. Dies ist letztlich auch der gesetzliche Auftrag von Bildungseinrichtungen, wie ­§­  16,§ 22,§ 22a KJHG(Kinder- und Jugendhilfegesetz) belegen: Danach haben Kindertageseinrichtungen den Auftrag, Erziehung und Bildung in der Familie durch ihre Arbeit zu unterstützen. Diese als„Familienbildung“ verstandene Aufgabe stand bisher jedoch nicht im Vordergrund. Sie wurde teilweise auf eigene Institutionen verlagert. Familienbildungsträger und Kindertageseinrichtungen sind häufig noch parallele„Veranstaltungen“. Nach dem Motto„Bilden, beraten und betreuen“ sollten Familienzentren daher folgende Leistungen anbieten: optimal fördern: zusätzliche Sprachförderung, Vermittlung zusätzlicher therapeutischer Angebote. entlasten in Hinblick auf bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Vermittlung von Betreuungspersonen für atypische Betreuungsbedarfe, Abdeckung von Krankheitszeiten der Kinder. unterstützen in Hinblick auf ihre„Aufgabe“ als Eltern: Elternberatung, Gesundheitsberatung, Ernährungsberatung. unterstützen in Hinblick auf Integration(in den Arbeitsmarkt und/ oder in die deutsche Gesellschaft): Sprachkurse, Ausbildungsberatung, Unterstützung bei der Suche nach adäquater Beschäftigung. 13 Um möglichst viele Familien zu erreichen, sollten die Leistungen folgende Anforderungen erfüllen: Qualität aller Familien, aber mit entsprechender Zielgruppenorientierung(„target within universal“) 14 Um zu klären, welche Träger an der Finanzierung von Familienzentren beteiligt werden sollten, ist es sinnvoll, nach den Nutznießer/innen der Leistungen zu fragen. Auf der Individualebene sind dies Familien, Kinder, Mütter und Väter. Zum anderen gibt es mit den Kommunen, den Ländern und dem Bund eine gesellschaftliche Ebene des Nutzens von Familienzentren. Studien zeigen, dass durch den Ausbau von Kitas spätere Ausgaben in den Bereichen Aus- und Weiterbildung, Arbeitsmarktintegration, Integration von Familien mit Migrationshintergrund und soziale Fürsorge geringer ausfallen. Und schließlich profitiert auch die Arbeitswelt von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Damit ist zu erwarten, dass auch von Familienzentren ein vielfältiger gesellschaftlicher Nutzen ausgeht. Der individuelle und gesellschaftliche Nutzen von Kitas ist sehr vielseitig und übersteigt die Kosten bei weitem. Der Nutzen tritt aber – und das ist der wunde Punkt – erst mittel- bis langfristig auf. Da eine rein private Finanzierung vor diesem Hintergrund schwerfallen dürfte, ist eine staatliche Förderung durch alle Gebietskörperschaftsebenen von Kitas sinnvoll und notwendig. Darüber hinaus spricht auch allein der anfallende hohe gesellschaftliche Nutzen für eine öffentliche Förderung. Analog sollten auch Familienzentren oder ähnliche Einrichtungen öffentlich gefördert werden. Bei der Finanzierung von Kitas, die sich zu Familienzentren oder ähnlichen Einrichtungen weiterentwickeln, sollte beachtet werden, dass durch den Ausbau zu Familienzentren zusätzliche„Einführungskosten“ entstehen für: Abstimmungsprozess zwischen vielen Akteuren, Fortbildung des Personals, Entwicklung von Konzepten der Qualitätsfestsetzung und-prüfung und Einrichtung einer Koordinierungsstelle. Familienzentren und Eltern-Kind-Zentren sowie Mehrgenerationenhäuser bieten die Chance für eine infrastrukturelle Familienförderung, die mittel- bis langfristig hohe Renditen erwarten lässt – und zwar höhere als bisherige Ansätze der infrastrukturellen Familienförderung! 15 Das Berliner Konzept: Weiterentwicklung von Kindertages­ einrichtungen zu Familienzentren Sven Nachmann, Leiter des Referats Familienpolitik, Kinderbetreuung, vorschulische Bildung, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung In Berlin gibt es bereits zahlreiche Familienzentren, Mehrgenerationenhäuser und Eltern-Kind-Zentren. Um für den Bereich der frühen Bildung einen strukturellen Ansatz zu entwickeln, der den niedrigschwelligen Ansatz der Kitas nutzt, will der Berliner Senat Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren ausbauen. Kitas, die das Berliner Konzept der Familienzentren aufnehmen, tun dies im Rahmen ihrer Kernaufgabe und unter Einbeziehung der Eltern. Denn erst die Zusammenarbeit mit den Eltern führt zu nachhaltigen Ergebnissen in der Familienarbeit. Definition Familienzentren Ein Familienzentrum ist in einer im Sozialraum bekannten und vertrauten Kindertagesstätte angesiedelt, in dem auch Aktivitäten für Kinder stattfinden, die nicht in der Kindertagesstätte betreut werden, und in dem ein Informations- und Beratungsangebot für Eltern zur Verfügung steht. Das Familienzentrum fördert Selbsthilfeaktivitäten der Eltern und vernetzt sich mit anderen Angeboten für Familien im Kiez. Quelle: Sven Nachmann Die Kindertagesbetreuung ist ein zentraler Leistungsbereich der Familienzentren. Folgende Organisationsmodelle werden in diesem Aufgabengebiet bevorzugt: 17 verschiedener sozialer Aufgaben und Dienste für Familien unter einem Dach. miteinander kooperierende soziale Dienste und Einrichtungen in einem Gebiet. zentrale Einrichtung, zum Beispiel Kita, mit verlässlichen Informationsund Unterstützungsangeboten in einer bestimmten Region verbunden mit einer Lotsenfunktion. Ziel des Berliner Konzepts ist der Aufbau von Familienzentren unter Berücksichtigung der bestehenden Angebots- und Versorgungsstrukturen in Berlin. Ansatzpunkt sind die Kindertageseinrichtungen. Weitere Ziele sind die Stärkung der Erziehungsfähigkeit der Eltern und die Förderung der Zusammenarbeit der Leistungserbringer im Interesse einer optimalen Nutzung der vorhandenen Ressourcen und Vermeidung von Doppelarbeit verschiedener Institutionen. Der aktuelle Entwurf sieht als Anschubfinanzierung eine Summe von 5 Mio. Euro vor. Familienzentren unterstützen im Sozialraum Familien und stärken die Potenziale von Eltern, insbesondere von Familien mit Migrationshintergrund. Familienzentren motivieren Eltern, ihre Kinder frühzeitiger in Kitas anzumelden. Die Angebote der Familienzentren müssen daher attraktiv und interkulturell niedrigschwellig angelegt sein. Zum grundsätzlichen Leistungsangebot von Familienzentren sollten folgende Dienste gehören: Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder und Familienberatungsangebote für Eltern für Eltern, zum Beispiel in Form von Eltern-Kind-Cafés oder Familienc­ lubs­­ über Unterstützungs- und Hilfsangebote für Familien im Sozialraum 18 Kitas haben einen natürlichen Kontakt zu den im Sozialraum lebenden Familien. Die Ressourcen und Strukturvorteile von Kitas sollten daher genutzt werden, indem sie als Ausgangs- und Mittelpunkt für die Vernetzung familienorientierter Hilfen bereitstehen und als Ort und Treffpunkt für Eltern ausbaut werden. Hierzu gab es bereits einen entsprechenden Vorschlag im Berliner Familienbericht 2006. Dieser Vorschlag fand ebenfalls Eingang in den Endbericht„Rahmenstrategie soziale Stadtentwicklung 2008“ in Berlin. Sozialraumorientierung als Handlungs- und Strukturkonzept der Berliner Sozialpolitik Sozialraumorientierung ist in erster Linie ein fachlicher Ansatz. Leit­ge­ danken des Konzepts sind vor allem Anknüpfen am Willen der Betroffenen und Aktivierung der Selbst­ hilfekräfte das Erkennen und Nutzen der Ressourcen, über die die Menschen selbst verfügen Erkennen und Nutzen der Ressourcen, die im Umfeld vorhanden sind – in den Familien, in der Nachbarschaft, in Vereinen und bei an­ deren Institutionen und Partizipation der Betroffenen Darüber hinaus setzen die beteiligten Fachkräfte in ihrer Arbeit verstärkt auf Kooperation und Vernetzung. Weitere Infos: http://www.berlin.de/sen/jugend/jugendpolitik/sozialraumorientierung 19 Das Berliner Konzept basiert auf einer Reihe gesetzlicher Regelungen. Seit Inkrafttreten der Novelle SGB VIII ist neben der Erziehung, Bildung und Betreuung auch die Vernetzung und das Zusammenwirken der Kitas mit anderen„kindund famillienbezogenen Diensten, Einrichtungen, Personen und Institutionen im Sozialraum“ vorgesehen. Die gesetzlichen Regelungen heben außerdem die Zusammenarbeit der Fachkräfte von Kitas mit Institutionen und Initiativen der Familienbildung und-beratung hervor. Ein landesweites Konzept zur Entwicklung von Familienzentren muss die bestehenden Angebote und Versorgungsstrukturen in den Sozialräumen einbeziehen. Berlin verfügt mit ca. 1.800 Kindertageseinrichtungen und einem breiten Angebot der Kindertagespflege über eine bedarfsgerechte Infrastruktur in der Kindertagesbetreuung und damit über einen guten Ausgangspunkt für ein strukturelles Unterstützungsangebot für Familien. Der Blick in andere Bundesländer zeigt, welche Voraussetzungen erfüllt sein sollten, damit ein Familienzentrum gute Arbeit leisten kann: in einem Trägerkonzept in Jugendhilfeplanung und räumliche Ressourcen Koordinierungsstelle für die Vernetzungsaufgaben Finanzierung, die mindestens für ein Jahr im Voraus Planungssicherheit bietet Das Berliner Konzept soll in mehreren Stufen umgesetzt werden. In einer ersten Ausbaustufe werden zunächst 100 Kitas zu Familienzentren erweitert. Das sind fünf Prozent aller Kitas in Berlin. Die Verteilung der neuen Zentren über die zwölf Bezirke Berlins orientiert sich an dem erwarteten Betreuungsbedarf. Erfasst wurden alle Kinder aus den Melderegistern zwischen null und sechs Jahren. 20 Im Rahmen der Umsetzung sollte jeder Bezirk einen geeigneten Träger oder Trägerverbund wählen, der mit der Entwicklung der Netzwerkstrukturen zum Aufbau der Familienzentren im Bezirk beauftragt wird. Regionen, die strukturell benachteiligt sind, genießen Priorität. Wünschenswert ist, dass die Netzwerke innerhalb eines Bezirks miteinander kooperieren, weitere Kooperationspartner(Familienbildungsstätten, Schulen, Nachbarschaftseinrichtungen) akquirieren, Qualifizierungsbedarfe feststellen und geeignete Fortbildungsangebote entwickeln und ihre Angebotstrukturen miteinander abstimmen. Die Akteure vor Ort sind für die inhaltliche Ausgestaltung dieser Aufgaben zuständig. Ende 2008 wurde der Konzeptentwurf zur Anregung der Fachdiskussion und mit der Bitte um Stellungnahme an alle Bezirke, die Liga der Wohlfahrtsverbände, die Kita-Eigenbetriebe, den Dachverband Kinder- und Schülerläden und viele weitere Institutionen gesendet. Die Beteiligung an diesem noch bis zum Sommer dieses Jahres laufenden Dialog ist sehr gut und konstruktiv. 21 World Café: Unterstützungsnetze für Familien – Gelungene Projektbeispiele stellen sich vor 22 Die Methode„Worldcafé“ bietet den Teilnehmenden die Gelegenheit, eine Diskussion mit Expert/innen und anderen Teilnehmer/innen in einem kleineren informellen Rahmen vorzuführen und zu vertiefen. Persönliche Kontakte sollen hergestellt, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven ausgetauscht und neue Ideen entwickelt werden. Im Rahmen der Konferenz diskutierten Teilnehmer/innen sowie Vertreter/ innen aus zehn verschiedenen Familienprojekten in zwei aufeinanderfolgenden Gesprächsrunden von je 30 Minuten miteinander Projektbeispiele für gelungene Unterstützungsnetze für Familien. Dazu gaben die Vertreter/ innen der Projekte an„ihren“ Tischen eine kurze Einführung in die Zielsetzung und Arbeit ihrer Projekte und leiteten anschließend die Diskussion. Die nachfolgenden Beiträge fassen die wichtigsten Ergebnisse dieser Gesprächsrunden zusammen. Tisch 1 Haus der Familie, Caritasverband Dormagen Gastgeberin: Christiana Kemmerling, Leiterin der Kita, Dormagen Protokollantin: Julia Schimeta Weiter kindertagesstaette_haus_der_familie.html Unter dem Motto„Alles unter einem Dach“ vereint das Familienzentrum in Dormagen Mitte seit 1991 ein breites Spektrum familienorientierter Beratungsdienste sowie eine Kindertagesstätte. Die verschiedenen Angebote für Familien in Dormagen werden durch das„Netzwerk für Familien“ der Stadt koordiniert. Um möglichst viele Familien in Dormagen zu erreichen, bekommt jede Familie zur Geburt ihres Kindes durch das Jugendamt ein„Babybegrüßungspaket“, das unter anderem über die Angebote des Familienzentrums in Dormagen Mitte informiert. Der Erfolg des Projekts zeigt sich auch in den rückläufigen Zahlen zur Heimunterbringung von Kindern in Dormagen. Die Einrichtung wurde durch das Land Nordrhein-Westfalen als„Best-Practice“ 2006 – 2007 ausgezeichnet. 23 Die Kita ist die Basisstation der Einrichtung. In ihr werden vier altersgemischte Gruppen von jeweils 15 – 17 Kindern betreut. Seit 1997 wurde das Haus um acht Wohnungen für junge Familien erweitert. Ergänzend vermittelt das Familienzentrum auch Tagespflegestellen für Kinder. Zukünftig soll die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder zwischen null und drei Jahren ausgebaut werden. Das Familienzentrum finanziert sich zu knapp 90 Prozent durch die Kommune und das Land Nordrhein-Westfalen, zehn Prozent der Kosten übernimmt der Träger(Caritas). Einen weiteren(kleinen) Anteil leisten die Eltern mit ihren nach dem Einkommen gestaffelten Beiträgen. Dieser Eigenanteil der Eltern soll langfristig entfallen. Zudem erhalten Familienzentren aus dem Landeshaushalt eine Pauschale von 1.000 Euro im Monat. Dennoch sind die personellen Ressourcen knapp. Das ist problematisch, da im Zuge neuer gesetzlicher Regelungen des Landes Nordrhein-Westfalen die Gruppen vergrößert werden mussten und dadurch ein erhöhter Personalbedarf pro Gruppe entstanden ist. Neben dem Thema„Finanzierung“ war die enge Zusammenarbeit zwischen Familienzentrum und dem Jugendamt ein weiterer Diskussionspunkt. Teilnehmer/innen aus Berlin wünschten sich ähnliche Angebote auch für Berlin. Zumal Großstädte wie Köln und Düsseldorf mit ähnlichen Sozialstrukturen und Problemlagen gute Erfahrung mit diesem Modell gemacht haben. Die Teilnehmer/innen waren sich einig, dass Familienzentren im Stadtteil bzw. in bereits bestehende Wohn- und Lebensquartiere installiert werden sollten. Folgende Themen wurden im Rahmen der Diskussion ebenfalls angesprochen: und die Frage nach einer gesunden Ernährung spielt im Familienzentrum eine wichtige Rolle. Hebammen und Kinderärzte betreuen die Familien im Haus und leisten hier Aufklärung. Bis vor kurzem arbeitete auch eine Kinderkrankenschwester im Familienzentrum, die die Kinder bis zur Einschulung betreute. die Zukunft strebt das Familienzentrum an, die Kita als integrative Einrichtung zu führen. bewertet wurde das Konzept des Elterncafés: Einmal im Monat findet in den Räumen des Familienzentrums ein offenes Elterncafé statt. Im Eingangsbereich des Hauses gibt es ein kleines Café, das durchgängig geöffnet ist. 24 Tisch 2/3 Monheim für Kinder(Mo.Ki), Monheim am Rhein Christa Werner-Pfeiffer, Leiterin des Mo.Ki – Familienzentrum der ev. integrativen Kita, Monheim am Rhein; Susanne Skoruppa, Leiterin des Mo.Ki – Familienzentrum St. Johannes vom SKFM Protokollant/in: Wiebke Rössig, Jörg Friedrich Weiter Infos: http://www.monheim.de/moki/KiTas/index.htm Das Familienzentrum Mo.Ki ist ein Verbund aus fünf Einrichtungen. Hauptaufgabe des Zentrums ist die Entwicklungs- und Bildungsförderung von Kindern und Familien in einem Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf und die Integration von Familien mit Zuwanderergeschichte. Mo.Ki wurde zwischen 2002 und 2004 als Modellprojekt zur Vermeidung der Auswirkungen von Kindesarmut wissenschaftlich begleitet. Seit 2005 ist Mo.Ki mit der Koordinierungsstelle ein fester Bestandteil der Kinder- und Jugendhilfe. 2006 erhält Mo.Ki – das Familienzentrum der fünf Kindertagesstätten im Berliner Viertel – zusätzliche feste finanzielle Unterstützung durch das Land Nordrhein-Westfalen(NRW) und wurde als„Best-practice-Familienzentrum“ in NRW ausgewählt. Aufgabe von Mo.Ki ist der Aufbau einer Präventionskette von der Geburt bis zur Berufsausbildung und der Ausbau eines Frühwarnsystems. Eine Sozialraumanalyse im Jahr 2000 ergab, dass es in diesem Viertel zu einer immer höheren Zahl von Heimunterbringungen kam und man erkannte, dass das Problem bereits im Kleinkindalter beginnt. Das kommunale Projekt nahm daher ganz bewusst die Kindergärten in den Fokus. Inzwischen wurde das Projekt auf zwei Grundschulen ausgeweitet und startete 2008 für die Zeit von der Geburt bis zum Kindergartenalter in Kooperation mit der AWO, Bezirksverband Niederrhein. Ziel ist eine Ausweitung bis 2012 für den Zeitraum bis zur Berufsausbildung. Die Vernetzung wird durch ein gemeinsames Leitbild, gemeinsame Gremien und Zusammenschlüsse mit den Kooperationspartnern gewährleistet. Zu den Kooperationspartnern zählen unter anderem Schulen, Jugend-, Gesundheits-, Arbeits- und Sozialämter, der sozialpsychologische Dienst, Ärzte, Sport- und ­Musikvereine. Die Vernetzung­der verschiedenen Angebote und Träger bedingt­ 25 eine intensive Gremien- und Vortragsarbeit(Leitungsfunktion) als auch eine Verantwortungs­übernahme durch ­die Erzieher/innen, da diese Ansprech­partner/ innen aller Träger im Netzwerk sind. Als positiv werteten die Teilnehmer/innen, dass sich dadurch die Wertigkeit der Arbeit der Erzieher/innen erhöhe. Umso wichtiger sei daher eine kontinuierliche Qualifizierung des Personals. Das Projekt ist sehr gut in der Bevölkerung verankert. Christa Werner-Pfeiffer hob in diesem Zusammenhang die Bedeutung niedrigschwelliger Angebote hervor und nannte als Beispiel Themenelterngespräche in Kombination mit Frühstück und Kinderbetreuung. Außerdem sei eine Unterscheidung zwischen zielgruppenspezifischen und allgemeinen Veranstaltungen wichtig, um den Erfolg eines Angebots besser überprüfen zu können. Einig waren sich die Teilnehmer/innen, dass auch die Arbeit mit wenigen Eltern lohnend sei. Kontinuierliche Umfragen bei den Eltern zu Wunschthemen und bevorzugten Terminen hielten die Teilnehmer/innen für wichtig, um das Angebot optimal anzupassen. Eine besondere Herausforderung sah die Diskussionsrunde darin, eine Balance zu schaffen zwischen Angeboten, die die Eltern nicht„überfrachten“, und unterstützenden Angeboten für Eltern, wie etwa Begleitung zu Ämtern und Beratungsstellen. Entscheidend für den Erfolg von Familienzentren sind die Faktoren Personal, Räumlichkeiten und Gruppengröße. Vor allem in puncto Finanzierung von Fortbildungen, Arbeitsbelastung des Personals und zielgruppenspezifischen Angeboten für bildungsn­ a­he und – ferne Schichten gleichermaßen sahen die Teilneh­mer/ innen die größten Herausfor­­ derungen für Fami­lien­zentren.­ Die Diskussion konzentrierte sich zunächst auf Fragen der Finanzierung und des Personal­ einsatzes. Die Stadt Monheim 26 finanziert eine volle Planstelle zur Koordinierung des Projekts Mo.Ki. Dennoch habe das Kinderbildungskonzept von NRW die Personalsituation in den Kitas tendenziell verschlechtert. Als Familienzentrum erhält das Projekt zwar pro Jahr 12.000 Euro Fördergelder, muss diese jedoch auf alle fünf Einrichtungen des Zentrums verteilen. Seit kurzem wurden diese Förderzuwendungen verdoppelt. Dennoch seien diese Mittel nicht ausreichend. Zusätzliche Einnahmen kommen über Spenden, Honorarverträge oder Förderpreise, denn das Projekt erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen. Christa Werner-Pfeiffer betonte abschließend, dass Familienzentren eine Bereicherung für die Kitas seien. Gerade die Entlastung durch die Kooperationspartner und die Vernetzung mit ihnen werde von den Erzieher/innen als echtes Plus sowohl im Alltagsbetrieb als auch in der Kommunikation mit den Eltern wahrgenommen. Tisch 4 Evangelisches Familienzentrum Leichlingen Stefan Friedrich, Leiter, Leichlingen Protokollantin: Franziska Latta Weiter index.htm Da in Leichlingen bereits ein weitläufiges Außengelände mit drei großen Gebäudekomplexen zur Verfügung stand, konnte nach kurzer Planungszeit 2006 die einjährige Pilotphase des Familienzentrums beginnen. Auch das Familienzentrum Leichlingen bietet unter dem Motto:„Alles unter einem Dach“ ein umfangreiches Angebot für Familien an. Heute betreut es insgesamt 170 Kinder in sieben Gruppen. Auch das neue Väterforum findet regen Anklang. Lediglich Angebote wie Erziehungs- oder auch Schuldnerberatung sind„ausgelagert“, um die Anonymität der Betroffenen zu gewährleisten. Der Pilotphase vorausgegangen war eine Sozialraumanalyse, um den Bedarf und mögliche Angebote des neuen Familienzentrums zu ermitteln. Auch das örtliche Jugendamt wurde in die Planungsphase eingebunden. Gleichzeitig 27 begann­ die Suche nach geeigneten Kooperationspartnern. Eine Lenkungsgruppe, die sich unter anderem aus Vertreter/innen des Jugendamts, Mitarbeiter/ innen und Kooperationspartnern zusammensetzte, entwickelte konkrete Ziele, die mit der Etablierung des Familienzentrums verwirklicht werden sollten, und erarbeite einen Zeitplan. Auch ein einjähriges professionelles Coaching war nach Ansicht von Stefan Friedrich wichtig für den Erfolg des Projekts. Derzeit unterhält das Familienzentrum Kontakt zu 13 Kooperationspartnern(unter anderem Schulen, Ämtern, Fachleuten, Therapeuten, Beratungsstellen). Die Erwachsenenbildung, die einen Schwerpunkt des Familienzentrums ausmacht, kann auf diese Weise vollständig abgedeckt werden, ohne dass die Väter und Mütter etwas dafür bezahlen müssen. Gleichzeitig sind diese Veranstaltungen eine gute Werbung für die Kooperationspartner und fördern die Vernetzung. Im Familienzentrum Leichlingen arbeiten Erzieher/innen, Therapeut/innen und Berater/innen eng zusammen. Da Erzieher/innen den überwiegenden Teil der Beziehungsarbeit leisten, sind sie auf Informationen durch Therapeut/innen und Berater/innen angewiesen. Hier hat es sich als hilfreich erwiesen, dass Eltern einer Schweigepflichtentbindung zustimmen, so dass der jeweils Betreuende von Anfang an in den Beratungs- bzw. Therapieprozess miteinbezogen werden kann. Jede Familie wird vor der Aufnahme eines Kindes in das Familienzentrum zu Hause besucht, um schon frühzeitig eine Beziehung zwischen Kind, Eltern und der betreuenden Person aufzubauen, Ängste zu mindern und die Betreuer/innen für die individuellen Belange der Kinder und Eltern zu sensibilisieren. Auch das Familienzentrum Leichlingen steht vor Herausforderungen. Ein Problem, das auch viele der Teilnehmer/innen der Diskussionsrunde kennen, ist die Finanzierungsfrage. Dem Familienzentrum stehen – wie anderen Familieneinrichtungen in NRW auch – pro Jahr nur 12.000 Euro für Belange der Grundausstattung zur Verfügung. Das Familienzentrum Leichlingen sieht sich jedoch in der glücklichen Lage, über eine Stiftung Drittmittel zu erhalten. Kritisch bewerteten die Teilnehmer/innen, dass bislang keine Koordinierungsstellen für die Netzwerkaufgaben geschaffen und dass Leitungsstellen gekürzt wurden. Als besonders problematisch werteten die Teilnehmer/innen, dass die Mitarbeiter/ innen des Familienzentrums jede Ausweitung und Verbesserung des Angebots nicht vergütet erhielten, sondern die Mehrarbeit quasi ehrenamtlich bzw. zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit leisten müssten. 28 Tisch 5 Kalker Netzwerk für Familien, Köln Christiane Petri, Kinderschutzbund Köln, Koordinatorin Familienzentrum Köln-Kalk Protokollantin: Nina Kollek Weiter Das Kalker Netzwerk für Familien liegt im Stadtbezirk Kalk, einem Stadtteil mit hohem Anteil an Erwerbslosigkeit und Menschen mit Migrationshintergrund (bis zu 55 Prozent). Es ist ein gleichberechtigter Zusammenschluss von 30 Einrichtungen in öffentlicher sowie freier und konfessioneller Trägerschaft. Die Basis dieser Zusammenarbeit stellen die drei Familienzentren dar, die von insgesamt zwölf Kindertagesstätten getragen werden. Weitere öffentliche und freie Träger der psychosozialen Versorgung, bspw. aus den Bereichen Familienberatung, Familienbildung und Gesundheit, partizipieren durch verschiedene Angebote für Kinder, Eltern und Mitarbeiter an der Entwicklung dieser Zentren. Im Mai 2006 wurde das Kalker Netzwerk für Familien vom Land NRW zur„Best-Practice-Einrichtung“ ernannt. Die Einrichtungen im Netzwerk arbeiten seit vielen Jahren in einer engen und sehr engagierten Kooperation. Die langjährige, sozialräumliche Verortung der unterschiedlichen Träger und Einrichtungen ermöglicht die schnelle und unkomplizierte Bedarfsanalyse. Regelmäßige Treffen aller Netzwerkbeteiligten in den Netzwerkgremien und Arbeitskreisen erfordern von allen Beteiligten ein hohes Maß an Engagement, Disziplin und Bereitschaft zur multidisziplinären Zusammenarbeit und stellt alle Beteiligten vor eine große Herausforderung. Allerdings bietet das Verbundmodell auch die Chance zu einer unkomplizierten und unbürokratischen Zusammenarbeit, die für alle Netzwerkpartner ökonomisch sinnvoll und fachlich bereichernd ist. Auf diese Weise ergeben sich viele Synergieeffekte und die knappen Ressourcen im Sozialraum können sinnvoll genutzt werden. Jedes Familienzentrum erhält vom Land NRW jährlich 12.000 Euro. Zweimal 12.000 Euro fließen im Kalker Netzwerk für Familien in zwei Koordinationsstellen (50 Prozent Stellen),­die„dritten“ 12.000 Euro werden für Kooperationsprojekte 29 im Netzwerk verwendet. Die zwei Koordinationsstellen des Netzwerks werden durch die Rhein-Energie-Stiftung und den Verein„wir helfen e. V.“ einer Kölner Lokal­zeitung kofinanziert. Die Gold-Kraemer-Stiftung stellt dem Netzwerk ihre Räum­lichkeiten zur Verfügung und unterstützt das Netzwerk als begleitende Instanz. Im Rahmen der Diskussion wurde unter anderem die Frage nach den thematischen Schwerpunkten und Zielen des Netzwerks gestellt. Die Schwerpunktthemen, so Christiane Petri, würden jährlich neu bestimmt. In diesem Jahr stehe das Thema der städtischen Sozialraumkoordination,„die Erhöhung der Bildungsbeteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern aus sogenannten bildungsfernen Familien“ im Mittelpunkt. 2008 wurden Fachveranstaltungen im Rahmen des Netzwerks zum Thema„Kindeswohlgefährdung und§ 8a“ durchgeführt. Ein weiterer Themenschwerpunkt ist der Übergang vom Kindergarten in die Schule. Diesbezüglich entwickeln die Netzwerkpartner erste Ideen für eine verbindlichere Zusammenarbeit zwischen Kindergarten und der„Institution Schule“. Diskutiert wurde auch die Frage, ob und wie ehrenamtliches Engagement in die Arbeit des Netzwerks einbezogen werden könne. Tisch 6 Häuser der Familie, Bremen Gabriele Schoppe, Koordinatorin; Hasan Aldainy, Sprach- und Integrationsmittler Protokollant: Oliver Bey Weiter „Die Menschen in den sozialen Brennpunkten haben Vertrauen in die Arbeit der insgesamt elf über das gesamte Stadtgebiet Bremens verteilten ‚Häuser der Familie’“, betont Gabriele Schoppe in ihrer Einführung. Zentrale Aufgabe dieser Einrichtungen ist es, unterstützend und gleichzeitig präventiv zu wirken. Die teilweise über Jahrzehnte gewachsene lokale Verankerung, die explizit stadt30 teilbezogene Arbeit und auch die intensiv gepflegte Kooperation zu staatlichen Kindertagesheimen(KTH) und Grundschulen leisten einen wichtigen Beitrag zur als„kontinuierlich empfundenen Arbeit“ der einzelnen Einrichtungen. Vertrauensbildend wirkt sich ferner aus, dass bei der Auswahl des Personals neben der fachlichen Qualifikation auf ausreichende Kenntnisse der speziellen Gegebenheiten und sozialen Strukturen im Umfeld des Hauses Wert gelegt wird. In jeder Einrichtung ist mindestens eine Sozialpädagogin unbefristet angestellt, deren Arbeit von geringfügig Beschäftigten unterstützt wird. Wesentliche Angebotsstrukturen, die in allen„Häusern der Familie“ übergeordnet behandelt werden, sind unter anderem: Förderung frühkindlicher Bildung, Trennung und Scheidung, junge Mutterschaft, Migration und Integration, Gesundheit und Ernährung, Väter, Erweiterung erzieherischer Kompetenzen. Methodisch umgesetzt werden die einzelnen Aspekte im Rahmen von Gesprächskreisen, Eltern-Kind-Gruppen, Sprach- und Integrationskursen, Sommerfreizeiten oder zum Beispiel Spielkreisen. In der Diskussion kritisierten die Teilnehmer/innen, dass in den Städten aufgrund der angespannten Lage der kommunalen Haushalte oftmals der Denkfehler bestehe, bei ausreichender präventiver Arbeit, Mittel an anderer Stelle einsparen zu können. Gabriele Schoppe betonte an dieser Stelle nachdrücklich, dass sich nicht abschließend evaluieren lasse, inwiefern die Arbeit in den„Häusern der Familie“ späteres Eingreifen des Amts für Soziale Dienste ausdrücklich obsolet mache. Am Beispiel des„Haus der Familie“ im Bremer Stadtteil Huchting erläutert Hasan Aldainy, er ist dort als Sprach- und Integrationsmittler tätig, die spezifischen Ansprüche, die in einem Viertel mit hohem Migrant/innenanteil an die tägliche Arbeit gestellt werden. Zu seinen Aufgaben gehört es, kulturbedingte Vorurteile und/ oder Missverständnisse abzubauen sowie den Kontakt zwischen Kindergärten, Schulen und den Immigranten herzustellen und wenn nötig zu verbessern. Ziel seiner Arbeit sei nicht, den Menschen ihre„Probleme einfach abzunehmen“, unterstreicht Hasan Aldainy. Vielmehr diene die Hilfestellung dazu, bei der Aufnahme in die deutsche Gesellschaft unterstützend zu wirken. Bedauerlich sei, dass für das Berufsfeld„Integrationsvermittler“ bislang keine konkrete Ausbildungsbezeichnung existiert. Zur Erweiterung des Aktionsradius’ in den Stadtvierteln mit hohen Ausländeranteilen soll das derzeitige Team der Sprach- und Integrations­ mittler/innen um sechs Mitarbeiter/innen und Sprachen erweitert werden. 31 Tisch 7 Kinder und Familienzentrum Schillerstraße, Berlin Renate Müller, Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Protokollantin: Britta Puschmann Weiter pilotprojekt_kinder_und_familienzentrum_schillerstrasse Die Kindertagesstätte in der Schillerstraße existiert seit 1975. Das Projekt steht für eine intensive Arbeit mit Kindern und Eltern. Träger des Zentrums ist das Pestalozzi-Fröbel-Haus. Seit 2001 fördert die„Heinz und Heide Dürr Stiftung“ das Modellprojekt„Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße“. Es ist das erste Early Excellence Center Deutschlands nach englischem Vorbild. Early Excellence Centres Das Modell wurde in den 90er-Jahren in Großbritannien entwickelt. Es beinhaltet neben der gezielten Einbindung der Eltern in den Entwicklungsprozess ihres Kindes auch eine Reihe von Eltern-Angeboten, die nicht direkt mit der Erziehung zu tun haben. So stehen Müttern und Vätern Angebote zur Familienbildung sowie Familien- und Erziehungsberatung zur Verfügung. Der Ansatz des EEC beruht auf vier Säulen: Dokumentation, Beobachtung und Förderung der kindlichen Ent­ wicklung. Einbezug der Eltern mit in den Erziehungsprozess. Vernetzung und Öffnung nach Außen für Familien und Kitas aus der Nachbarschaft. Ständige Weiter- und Fortbildung der Mitarbeiter, um eine hohe Qua­ lität der Betreuung zu gewährleisten. Quelle: http://www.early-excellence.de 32 Kleine Gruppen, gut ausgebildete Mitarbeiter, offene Arbeit und zahlreiche Angebote des Familienzentrums sind ebenfalls Teil des Modellprojekts. Themenabende, Sprachkurse und Beratungsdienste für Eltern bis hin zum„Kids Club“, in dem junge Eltern mit Kleinkindern verschiedene Angebote wahrnehmen können, runden das Angebot ab. Nach einer Anschubfinanzierung der„Heinz und Heide Dürr Stiftung“ und einer dreijährigen Begleitung durch eine Projektkoordinatorin wurden die finanziellen Mittel sowie die zusätzliche personelle Unterstützungen Jahr für Jahr zurückgeschraubt. Renate Müller machte deutlich, dass das Modellprojekt auch heute noch von der Dürr-Stiftung unterstützt wird. Eine weitere Einnahmequelle sei die Vermietung der Räumlichkeiten für Veranstaltungen. Ein anderer Diskussionspunkt widmete sich der Frage, wie Familien in Not erreicht werden können. Insgesamt werden die Angebote des Familienzentrums intensiv genutzt. Negativ bewerteten die Teilnehmer/innen, dass es an Zeit und an geschulten Mitarbeiter/innen fehle, um eine nachhaltige Hilfe anbieten zu können. Tisch 8 Familienzentrum Mehringdamm, Berlin Gertrud Möller-Frommann, Leiterin des Familienzentrums Protokollant: Ingo Rose Weiter familienzentrum_mehringdamm Das Familienzentrum Mehringdamm in Berlin hat fünf feste Mitarbeiter/innen in Voll- und Teilzeit sowie Honorarkräfte. Mittelpunkt des Zentrums ist das Familiencafé mit großem Spielbereich und Spielplatz. Das Zentrum bietet Kurse für Eltern und Kinder(Eltern-Kind-Gruppen, Deutschunterricht mit Kinderbetreuung, Sport, Kunst und Musik) sowie Beratungen(Erziehung, Gesundheit, Arbeit und Recht) an. Zielgruppe sind Familien aus der näheren Umgebung, insbesondere mit Migrationshintergrund. Über das gut besuchte Café besteht 33 ein niedrigschwelliger Zugang zu den Angeboten des Familienzentrums.„Junge Eltern“ erhalten zudem vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst beim Erstbesuch nach der Geburt eines Kindes das Programm des Familienzentrums. Eine Besonderheit ist die Finanzierung des Familienzentrums nach§ 16 KJHG (Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie) aus dem Bezirkshaushalt Friedrichshain-Kreuzberg. Hinzu kommen Eigenmittel vom Träger PestalozziFröbel-Haus sowie Gelder von der„Heinz und Heide Dürr Stiftung“ zur Umsetzung des Early-Excellence-Ansatzes. Ohne Honorar-Kräfte lasse sich das Café der Einrichtung in dieser Form nicht betreiben, machte Gertrud Möller-Frommann deutlich. Auf großes Interesse stieß der Early-Excellence-Ansatz des Familienzentrums. Der Ansatz beruht auf der Prämisse, dass die Bildung der Kinder nicht ohne Einbeziehung der Eltern sowie deren Unterstützung und Stärkung gelingen kann(siehe Kasten auf S. 32). Im offenen Bereich des Zentrums werden die Kinder daher regelmäßig hinsichtlich ihrer Stärken und Interessen von allen Mitarbeiter/innen beobachtet. Dies wird dokumentiert(Situationsbücher, Entwicklungsordner) und mit den Eltern im Gespräch erörtert. Anschließend erhalten die Kinder individuelle Angebote. Die Eltern begrüßen dieses Vorgehen sehr, fühlen sich wertgeschätzt, werden für die Bedürfnisse ihres Kindes sensibilisiert und ihre Erziehungskompetenz wird gestärkt. Im Zentrum treffen sich zudem Eltern-Kind-Gruppen unterschiedlicher Herkunftsländer(unter anderem Türkei, Ukraine, Tschechien, südamerikanische Länder). Zur Förderung interkultureller Begegnungen initiiert das Familienzentrum Nachmittage, an denen jeweils eine Gruppe landestypische Speisen mitbringt, die dann gemeinsam verzehrt werden. Das Serviceangebot erreicht Kinder von null bis neun Jahren, Schwerpunkt ist jedoch die Gruppe der null bis sechsjährigen Kinder. Angeboten werden außerdem musikalisches Spiel, Eltern-Kind-Kurse, spielerische Sprachförderung, Deutschkurse für Eltern, Spielgruppen für Eltern, deren Kinder noch nicht in der Kita sind. Ein weiteres Ziel der Arbeit ist es, den Übergang von der Kita in die Grundschule zu erleichtern. Daher wurde eine Kooperation mit Grundschulen in unmittelbarer Nähe des Zentrums gegründet. 34 Ein Netzwerk, bestehend aus umliegenden Kitas, Schulen und Jugendhilfeträgern fördert Synergieeffekte auf personeller wie struktureller Ebene zwischen den verschiedenen Einrichtungen. So können Funktionsräume wie Sporthalle, Küche und Spielraum wechselseitig genutzt werden oder Eltern bringen, wegen der räumlichen Nähe einer benachbarten Kita, ihre Kinder am Nachmittag direkt ins Zentrum. Tisch 9 SOS-Kinderdorf Moabit, Berlin Kirsten Spiewack, Leiterin des SOS-Kinderdorfs Protokollantin: Nicola Schuldt-Baumgart Weiter Infos: http://www.sos-kd-berlin.de Der deutsche SOS-Kinderdorf e. V. ist ein privates, politisch und konfessionell unabhängiges Sozialwerk, das sich überwiegend aus Spendengeldern finanziert. Weltweit gehören 1 500 SOS-Einrichtungen in 131 Ländern zur SOS-Kinderdorffamilie. Das SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit ist das erste Kinderdorf in einer Großstadt. Moabit liegt im Berliner Bezirk Mitte und ist ein Stadtteil mit großer kultureller und ethnischer Vielfalt. Menschen aus mindestens 20 verschiedenen Nationen leben hier. Fast alle Religionen der Welt sind in diesem Stadtteil vertreten, aber auch soziale Konflikte, Arbeitslosigkeit und Isolation. In solch einem Umfeld brauchen gerade Kinder, Jugendliche und Familien Unterstützung, machte Kirsten Spiewack deutlich. Der Bildungsbedarf in diesem Stadtteil sei besonders groß. Zur Finanzierung der Einrichtung tragen 32 unterschiedliche Finanzierungsfor­ men bei. Dazu gehören Zuwendungen, Entgelte, Eigenmittel und Spenden. Das SOS-Kinderdorf Moabit wurde 2001 gegründet und versteht sich als Verbundeinrichtung. Der Leistungskatalog des Kinderdorfs umfasst Beratungs-, Betreuungs-, Unterstützungs-, Bildungs- und Versorgungsangebote. 35 Unter dem Dach der Einrichtung sind vier Kinderdorffamilien zu Hause, in denen jeweils sechs Kinder mit ihrer Kinderdorfmutter leben. Die Kinder werden von der Geburt bis zum Alter von zwölf Jahren aufgenommen. Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern leben können, kommen hier in eine neue Familie, können aber weiterhin in ihrem vertrauten sozialen Umfeld bleiben. Zu dem 3 900 Quadratmeter großen SOS-Kinderdorf Moabit gehört außerdem eine Kindertagesstätte, in der 70 Kinder ab einem Alter von sechs Monaten bis zur Einschulung betreut werden. Die Grundlage für die ganzheitliche Betreuung der Kinder im Vorschulalter liefert das Modell der Early Excellence Centres(vgl. Kasten S. 32). Im Arbeitskonzept des SOS-Kinderdorfs Moabit spielen neben den Kindern auch die Eltern eine zentrale Rolle. Sie werden als Spezialisten für ihr Kind anerkannt und in seine Entwicklung intensiv eingebunden. Alle Angebote sind sozialraumorientiert. Im Mittelpunkt der Diskussion standen Fragen der Teambesetzung sowie der Weiterbildung der Mitarbeiter/innen: Alle Teams der Einrichtung sind interkulturell besetzt. Die Mitarbeiter/ innen nehmen an Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, insbesondere im Bereich Elternberatung, teil. In die Planung der Angebote werden nicht nur die Mitarbeiter/innen, sondern auch die Eltern explizit einbezogen. Kirsten Spiewack betonte, dass trotz der relativ guten Finanzausstattung des SOS-Kinderdorfs Moabit der Bedarf an qualifizierten und engagierten Mitarbeiter/innen hoch sei und„eigentlich nie“ zufriedenstellend gedeckt werden könnte. 36 Tisch 10 Väterzentrum, Berlin Eberhard Schäfer, Leiter des Väterzentrums Protokollantin: Claudia Pohlmann Weiter Das Väterzentrum Berlin ist eine gemeinnützige, freie Einrichtung der Familienbildung mit Sitz in Prenzlauer Berg, dem kinderreichsten Stadtteil Berlins. Trägerverein ist Manege e. V. Das Väterzentrum ist einmalig in Berlin. Es will insbesondere Väter in allen familiären Situationen – also sowohl die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie, aber auch Patchworkfamilien und alleinerziehende Väter – ansprechen. Ziel ist es, eine aktive, zugewandte Vaterschaft zu fördern und Vernetzungsarbeit zu leisten: Väter sollen Spaß am Vatersein haben, indem sie etwas mit ihren Kindern unternehmen, mit ihnen spielen, andere Väter treffen und sich mit ihnen austauschen können. Gleichwohl werden Mütter in ihrer wichtigen Funktion als„Brückenbauerinnen“ ebenfalls angesprochen und eingebunden. Zum Angebot des Väterzentrums gehören unter anderem dreistündige CrashKurse für werdende Väter, die in Kooperation mit Kliniken durchgeführt werden, Angebote für Väter in Elternzeit(Papacafé an zwei Vormittagen in der Woche), Angebote für die ganze Familie(Café am Samstag mit Familienbrunch, Ausflüge in den Großstadtdschungel und Sportschau-Viewing) sowie Angebote für Väter, deren Kinder in der Pubertät sind. Darüber hinaus gibt es ein allgemeines Beratungsangebot mit Terminvergabe. Das Väterzentrum spricht Familien/Väter bewusst in geschlechterrollenstereotyper Weise an. So gibt es zum Beispiel einen Aufkleber mit der Aufschrift „Nix für Weicheier“. Auch bei der Beschreibung von Angeboten wird auf eine „männerfreundliche“ Ansprache geachtet, so werden Beratungsgespräche als „Strategiegespräche“ bezeichnet. Wichtig sei, dass Väter auf keinen Fall als Weicheier gelten wollen, sondern als Trendsetter. Entgegen den Einwänden einiger Teilnehmer/innen beschreibt Eberhard Schäfer anhand treffender Beispiele, dass diese Stereotype von den Vätern, Kindern und Müttern selbst„gegen den Strich gebürstet“ würden. 37 Das Väterzentrum ist für seine Events bekannt, zum Beispiel Public-Viewing für Väter und Kinder während der Fußball-EM oder die Carrera-Rennbahn mit dem„großen Preis vom Prenzlauer Berg“. Außerdem führt das Väterzentrum ein Projekt in der Jugendstrafvollzugsanstalt in Plötzensee durch, um junge, straffällig gewordene Väter auf ihr Vatersein nach der Haft vorzubereiten. Im Rahmen der Diskussion war von besonderem Interesse, ob es ein Angebot speziell für Väter und Söhne oder zu Themen wie„Gewalt bei Jungs“ gebe. Ersteres ist Eberhard Schäfer zufolge sicherlich wichtig, aber noch nicht im Angebotsspektrum des Väterzentrums vorhanden.„Jungen und Gewalt“ gehört nicht in das Angebotsspektrum, weil man einen ressourcenorientierten Ansatz pflege und keinen defizitorientierten. Die große Mehrheit(80 Prozent) der Besucher des Väterzentrums sind Väter. Ein gutes Drittel kommt aus dem Stadtteil Prenzlauer Berg, die anderen zwei Drittel aus dem restlichen Stadtgebiet. Eine wichtige Zielgruppe des Zentrums bilden die 30- bis 45-jährigen Väter, unter 30-Jährige sind eher weniger anzutreffen, der älteste Teilnehmer im Väterzentrum ist 63. 38 Alleinerziehende Väter sind, obgleich ihr Anteil in Berlin sehr hoch ist, faktisch kaum im Väterzentrum. Als Gründe werden Überlastung und Zeitnot vermutet. Von der Partnerin getrennt lebende Väter, die ihre Kinder vor allem am Wochenende betreuen, sind dagegen häufiger im Väterzentrum anzutreffen. Auch Väter aus westeuropäischen Ländern und der USA kommen ins Väterzentrum, muslimische und osteuropäische Väter sind dagegen wenig vertreten. Schwule Väter bilden eine Ausnahme. Beim Café am Samstag bringen viele Väter die Mütter mit, die begeistert sind und es„viel ruhiger als im Müttercafé“ und „weniger betüdelnd“ finden. Das Väterzentrum verfügt über zwei Teilzeitstellen und wird überwiegend von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung mit 97.000 Euro pro Jahr finanziert. Zudem erhält das Zentrum Projektförderungen und Stiftungsgelder, zum Beispiel von der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin. Tisch 11 Stadtteilmütter-Kreuzberg, Berlin Ulrike Koch, Projektleiterin, Songül Süsem-Kessel, Kursleiterin, Berlin-Kreuzberg Protokollantin: Magdalena Zynda Weiter Infos: http://www.dw-stadtmitte.de/index.php?id=367 Das Projekt„Stadtteilmütter in Kreuzberg“ ist ein Präventionskonzept im Bereich Familienbildung. Es orientiert sich an den„Neuköllner Stadtteilmüttern“(ebenfalls Berlin). Ziel des Projekts ist es, die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder durch„aufsuchende Familienarbeit“ zu unterstützen. Das Projekt will Eltern informieren und eine Wegweiser- und vor allem eine Vorbildfunktion ausüben. Zudem wird großer Wert auf die Verbesserung der Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen gelegt. Das Projekt arbeitet sozialraumorientiert, das heißt, auf den„Kiez“ Kreuzberg bezogen. Zielgruppen sind Familien und die Stadtteilmütter selbst. 39 Träger des Kreuzberger Stadtteilmütter-Projekts ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e. V. Das Projekt wird zu 50 Prozent durch das Jugendamt(Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg) und aus Eigenmitteln von Kindergärten City finanziert. Die anderen 50 Prozent stammen von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung(ESF-Mittel). Zukünftige Stadtteilmütter sollten in einer stabilen Lebenssituation leben und nicht erwerbstätig sein. Alle Interessentinnen sollten über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Während ihrer sechsmonatigen Fortbildung nehmen die Teilnehmerinnen an zehn Lernmodulen rund um das Thema Erziehung teil und lernen eine Vielzahl sozialer Einrichtungen kennen. Nach Beendigung der Ausbildung erhalten die Teilnehmerinnen bei einer bestandenen mündlichen Prüfung ein Zertifikat. Das Projekt wendet sich bewusst an Frauen unterschiedlicher Nationalitäten. Dadurch sollen Migrant/innengruppen erreicht werden, die bislang eher zurückgezogen leben. Die Gespräche der Stadtteilmütter mit den Familien können „im eigenen Wohnzimmer“ oder bei Bedarf auch in den Familiencafés stattfinden. Die Stadtteilmütter übernehmen auch die Rolle von Kulturmittlerinnen und begleiten Eltern zum Beispiel bei Konflikten in die Schule und werden als Übersetzerinnen tätig. Das Projekt„Stadtteilmütter in Kreuzberg“ arbeitet eng mit einer Kita zusammen. Neben der aufsuchenden Familienarbeit engagieren sich die Stadtteilmütter auch in einem Familiencafé in dieser Kita. Eltern haben hier die Möglichkeit, die Kita kennenzulernen, sich mit anderen Eltern auszutauschen und vielleicht sogar den Entschluss zu fassen, ihr Kind frühzeitiger bzw. überhaupt in der Kita anzumelden. Die Stadtteilmütter informieren die Familien über Angebote anderer wichtiger Institutionen, wie zum Beispiel Erziehungsberatungsstellen oder Zentrum für Kindesentwicklung, In der Diskussion stellte sich die Frage, wo und wie zukünftige Stadtteilmütter angesprochen werden können. Die Projektleiterin Ulrike Koch erzählte, dass sie zu Beginn des Projekts Flyer beim Bäcker, Gemüsehändler, Supermarkt etc. in Kreuzberg ausgelegt habe. Bereits nach zwei Monaten sei der erste Kurs, der im Jahr 2008 stattfand, zustandegekommen. 30 zukünftige Stadtteilmütter wurden fortgebildet. Davon arbeiten heute 23 aktiv. Für ihre Tätigkeit erhalten Stadtteilmütter eine Aufwandsentschädigung oder ein Honorar. 40 Die Teilnehmer/innen der Diskussionsrunde interessierte insbesondere, wie die Stadtteilmütter in den Familien aufgenommen werden. Songül SüsemKessel berichtet von überwiegend positiven Erfahrungen. Dennoch gebe es wie überall Ausnahmen. Vor allem„Familienväter“ zeigten oft eine ambivalente Haltung: Einerseits wollten sie nicht, dass ihre Frauen/Lebenspartnerinnen sich von der Gesellschaft isolierten, andererseits befürchteten sie, dass ihre Frauen im Gespräch mit der Stadtteilmutter zu viel aus der Familie preisgeben. Auch der typische Ablauf des Besuchs einer Stadtteilmutter in einer Familie war Gegenstand der Diskussion. Ulrike Koch berichtete, dass analog zu den zehn Ausbildungsmodulen zehn Familienbesuche vorgesehen sind. Themen der Besuche sind unter anderem Erziehungsfragen sowie Freizeit- und Bildungsangebote im Kiez. Alle Besuche werden vor- und nachbereitet. In Reflexionsrunden mit den Kursleiterinnen werden Probleme diskutiert und nach Lösungen gesucht. Die Familien bleiben anonym. Die Stadtteilmütter kennen das Angebot der Hilfen zur Erziehung und die Aufgaben des Jugendamts. Eltern, die einen hohen Bedarf an Unterstützung haben, werden auch über das Familien unterstützende Angebot des Jugend­ amts informiert und gegebenenfalls auch dorthin begleitet. Das sei sehr wichtig, denn bei vielen Familien herrsche noch immer große Angst vor dem Jugenda­ mt und die Sorge, man könnte ihnen das Kind wegnehmen, berichtete­ Songül Süsem-Kessel. 41 Fishbowl-Diskussion Integrierte Familienarbeit im Sozialraum – Voraussetzungen für ein gutes Gelingen Der„Fishbowl“ ist eine Methode, die eine gemeinsame Diskussion von Expert/ innen und Zuhörer/innen ermöglicht. Die Methode hat ihren Namen nach der Sitzordnung der Teilnehmer/innen, die einem Goldfischglas gleicht: Zunächst diskutiert eine kleine Gruppe von geladenen Referent/innen in einem Innenkreis(Fishbowl) die Thematik. Möchte ein(e) Teilnehmer/in aus dem Außenkreis zur Diskussion beitragen, kann er/sie auf einem der freien Stühle des Innenkreises Platz nehmen und einen kurzen Diskussionsbeitrag bzw. eine Frage einbringen. 42 Claudia Zinke, Staatssekretärin für Jugend und Familie der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung, Berlin Die Staatssekretärin berichtete, dass das Konzept der Familienzentren in einen Referentenentwurf aufgenommen wurde, der vor kurzem mit der Fachöffentlichkeit diskutiert und abgestimmt wurde. Die Ergebnisse dieses Dialogs werden derzeit ausgewertet. Im nächsten Schritt wird dieser Entwurf in die parlamentarischen Beratungen des Abgeordnetenhauses eingebracht. Der Gesetzentwurf steht in engem Zusammenhang mit einem Gesetzgebungsverfahren, dass sich mit der Weiterentwicklung der Berliner Kitas befasst. Ein wichtiger Baustein dieses Verfahrens ist das Ziel, bis 2011 die drei Kita-Jahre vor der Einschulung beitragsfrei zu stellen. Wichtige Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Umsetzung des Gesetzes sind ein breiter gesellschaftlicher Konsens und eine angemessene Finanzausstattung. Da das Land Berlin ein Haushaltsnotlagenland ist, stellt die Finanzierung der KitaReform eine große Herausforderung dar, die es zu meistern gilt. Die Umsetzung des Berliner Konzepts birgt große Chancen. Mit der Reform haben Kitas die Möglichkeit, sich in ihren Sozialräumen – den Kiezen – so zu verankern und mit anderen Trägern zu vernetzen, dass sie von der Bevölkerung, und insbesondere von Eltern mit Kindern, sehr viel stärker als Bildungseinrichtungen und Treffpunkte angenommen werden als bislang. 43 Peter Ruhenstroth-Bauer, Vorsitzender des Berliner Beirats für Familienfragen Wenn ein Konsens darüber besteht, dass das neue Kita-Konzept mittel- bis langfristig„Renditen“ bringt, dann sollte die Politik heute Vertrauen in die Tragfähigkeit ihrer Konzepte zeigen und in Finanzierungsfragen entsprechend konsequent auftreten. Eine Fixierung der Kitas auf Kinder zwischen null bis sechs Jahren ist zu eng. Sinnvoller und zielführender ist ein breiterer Zielgruppenansatz, der auch die vielen Berliner Elterninitiativ-Kindertagesstätten in das Konzept einbezieht. Entscheidend für den Aufbau und die Pflege des Netzwerks sind ausreichende personelle Ressourcen und Qualifizierungsangebote für Fachkräfte. Unabdingbar ist in diesem Zusammenhang auch eine langfristige finanzielle Planungssicherheit, die über die üblichen zwölf Monate hinausgeht. Und schließlich sollte der Berliner Senat seinen familienpolitischen Schwerpunkt für alle Bürger/innen sichtbar und nachvollziehbar kommunizieren. Vor diesem Hintergrund war der durch den Berliner Senat initiierte Dialog mit der Fachöffentlichkeit ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. 44 Danuta Sarrouh, LIGA der Spitzenverbände der Freien Wohlsfahrtspflege, Mitglied im Berliner Beirat für Familienfragen Der Ansatz des Berliner Senats, Kitas flächendeckend zu Familienzentren auszu­ bauen und in das familienpolitische Angebot der Bezirke zu integrieren, ist begrüßenswert. Kritisch zu bewerten ist, dass der Referentenentwurf der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung keinerlei Ansätze für eine grundlegende Verbesserung der Personalausstattung in den Kindertagesstätten vorsieht. Eine Etablierung von Familienzentren in Berlin kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn die Träger der Zentren in die Lage versetzt werden, ihre(neuen) Aufgaben auch zu erfüllen. Und das setzt eine auskömmliche Finanzierung voraus. Die Orientierung von Familienzentren an der Lebenswelt der Zielgruppen und an den Bedürfnissen der Familien ist eine wichtige Erfolgsvoraussetzung, ebenso wie die Niedrigschwelligkeit der Angebote. Alle Angebote sollten ohne großen Aufwand nutzbar sein. Ein ebenso wichtiger Ansatz in der Arbeit von Familienzentren ist das Gender Mainstreaming. Familienzentren sollten die Infrastruktur für Familien und die Erziehungsfähigkeit der­Eltern verbessern. Dazu ist die Kooperation der Familienzentren mit anderen In­stitutionen im Sozialraum erforderlich. Eine weitere wichtige Erfolgsbedingung ist eine große Zahl offener Angebote, auch Beratungsangebote, für Kinder und Jugendliche. 45 Ergebnisse der Diskussion im Fishbowl 46 Zugang für Kinder aus benachteiligten Familien sollte erleichtert werden Mit Blick auf die Niedrigschwelligkeit von Kita-Angeboten sollte überlegt werden, wie das Anmeldeverfahren für die Berliner Kitas entbürokratisiert werden könnte. Gerade benachteiligte Familien profitieren, wenn das herkömmliche Anmeldeverfahren durch ein Einladewesen ersetzt würde. Beispielgebend ist das Berliner Gesetz zur vorschulischen Sprachförderung. Hier wurden Eltern angeschrieben, deren Kinder nicht in der Kita waren. Das Ergebnis war sehr erfreulich. Mehr als 90 Prozent der angeschriebenen Eltern meldeten anschließend ihre Kinder in einer Kita mit fünfstündiger Sprachförderung an. Ebenso wichtig ist auch, dass die Kita-Teams interkulturell bzw. mehrsprachig besetzt sind. Auch das fördert die Niedrigschwelligkeit der Angebote. Ressourcen der Kitas verbessern Die Arbeit im Netzwerk ist ein wesentlicher Aspekt von Familienzentren. Dafür ist wie für jede„Beziehungsarbeit“ der Faktor Zeit eine der wichtigsten Erfolgsbedingungen. Schon heute üben Kitas viele der Aufgaben, die ein Familienzentrum erfüllen soll, aus. Allerdings ohne hierfür entsprechende personelle und finanzielle Ressourcen zu erhalten. Zwar sieht der Referentenentwurf des Berliner Senats entsprechende Personalmittel für die Leitungs- und Koordinierungsaufgaben von Familienzentren vor. Die eigentliche Arbeit eines Familienzentrums findet jedoch in den Gruppen durch die Erzieher/innen statt. Eine Berliner Studie der Liga der freien Wohlfahrtspflege, dem Dachverband der Kinder- und Schülerläden, ermittelte, dass jede Vollzeit beschäftigte Erzieherin pro Woche mehr als neun Stunden für diese koordinierenden Aufgaben aufbringt. Eine entsprechende Berücksichtigung dieser Tätigkeit fehlt jedoch in dem seit mehr als 30 Jahren unveränderten Personalschlüssel für Kitas. Vor diesem Hintergrund muss der Ausbau von Kitas zu Familienzentren unbedingt auch die Ressourcen der Kitas verbessern. Nicht zuletzt sollte auch an ausreichend räumliche Ressourcen für Kitas gedacht werden. In der Praxis zeigt sich, dass eine enge räumliche Anbindung der Angebote an die Kitas den Zuspruch durch die Familien fördert. 47 Familienzentren sollten im Sinne des Gender Mainstreaming auch Väter als Zielgruppe ansprechen Väter sind als Ansprechpartner der Erzieher/innen in den vergangenen Jahren immer präsenter geworden. Daher sollten sie in der Arbeit von Familienzentren ernst genommen und explizit angesprochen werden. Familienzentren sollten dies in ihrem Beratungsansatz, aber auch in ihren sonstigen Angeboten widerspiegeln. Das Väterzentrum Berlin ist in dieser Hinsicht ein wichtiger Ansprechpartner. Der demografische Wandel und neue Aufgaben für Familienzentren Die immer älter werdende Bevölkerung wird zukünftig auch bei den Kitas zu einem Fachkräftemangel führen. Wenn gleichzeitig immer mehr Kitas in Berlin zu Familienzentren erweitert werden sollen, ist eine Strategie unerlässlich, die darauf zielt, auch zukünftig qualifiziertes Personal für Kitas zu gewinnen. Ein attraktiveres Berufsbild in der Gesellschaft sowie eine bessere Vergütung des Berufs sind wichtige Ansatzpunkte. Das würde den Beruf auch für Männer attraktiver machen. Moderation des Entstehungsprozesses von Familienzentren Während der Erweiterung von Kitas zu Familienzentren sollte unbedingt ein Augenmerk auf die Koordinierung der Familienzentren mit den vor Ort bereits bestehenden Angeboten für Kinder, Jugendliche und Familien gelegt werden. Nur so können funktionierende Netzwerke entstehen und teure Parallelstrukturen vermieden oder sogar abgebaut werden. Ein Positivbeispiel ist das Familienzentren aus Köln-Kalk. Hier wird der Entstehungsprozess von Netzwerken für Familien mit dem Ziel moderiert, die vor Ort bereits bestehenden Angebote sinnvoll und wertschätzend zu integrieren. 48 49 Literatur Altgeld, Karin (2007):„Early Excellence Centre und Judy Center. Unterschiedliche Konzepte, verschiedene Ansätze“. In: Kindergarten heute, Heft 1/2007, S. 28 – 33. Braun, Ulrich (2006):„Die Zukunft der Kitas sind Familienzentren“. In: KiTa aktuell NRW, Heft 2/2006, S. 31 – 34. Diller, Angelika (2007):„Von der Kita zum Eltern-Kind-Zentrum. Wie sich Einrichtungen weiterentwickeln können“. In: Kindergarten heute, Heft 4/2007, S. 6 – 14. Diller, Angelika / Heitkötter, Martina / Rauschenbach, Thomas; (Hrsg.)(2008):„Familie im Zentrum. Kinderfördernde und eltern­ unterstützende Einrichtungen – aktuelle Entwicklungslinien und Herausforderungen“. Rietmann, Stephan / Hensen, Gregor (Hrsg.)(2008):„Tagesbetreuung im Wandel. Das Familienzentrum als Zukunftsmodell“. Zeitschrift: klein&groß, Themenheft Familienzentrum, Heft 6/08, München 2008, S. 6 – 23, Oldenbourg Verlag. 50 Internetquellen Angelika Diller: Eltern-Kind-Zentren – Grundlagen und Rechercheergebnisse(Studie): http://www.dji.de/bibs/4EKZ-Grundlagenbericht.pdf Berliner Familienbeirat: http://www.familienbeirat-berlin.de Berliner Familienbeirat: Internetdialog: http://www.zusammenleben-in-berlin.de Early-Excellence-Centres: http://www.early-excellence.de/content.php?nav_id=10 Familienpolitik in der Friedrich-Ebert-Stiftung: http://www.fes.de/forumpug Gesetze, Verordnungen und sonstige Regelungen des Berliner Senats für den Bereich Familie stehen zum Download unter: http://www.berlin.de/sen/familie/rechtsvorschriften Informationsseiten der Familienzentren in Nordrhein-Westfalen: http://www.familienzentren.org 51 ISBN: 978-3-86872-177-5