Was wurde aus den sozialistischen Eliten? Entwicklung sozialer Strukturen in der DDR und in Ostdeutschland Michael Hofmann, Universität Jena Zusammenfassung In der sozialstrukturellen Entwicklung so genannter Volksdemokratien sowjetischer Prägung gibt es einige Gemeinsamkeiten. In allen diesen Ländern vollzieht sich in der sozialistischen Revolution ein sozialstruktureller Bruch bei den Eliten: Die alten bürgerlichen oder feudalen Führungsgruppen werden weitgehend entmachtet. Ü ber groß e Bildungsanstrengungen wird ein neues sozialistisches Establishment herangezogen. Am Beispiel der DDR lässt sich die Struktur dieses sozialistischen Establishments aufzeigen. Es besteht aus drei Führungsmilieus, die über eine sozialistische Bildungsrevolution ausgebildet werden, den Funktionären in der Organisation und Verwaltung der Macht (Staatsbedienstete, Militärs, Sicherheitsleute usw.). Diese Kader bilden das status- und karriereorientierte Milieu. den Leitern und Verwalter der verstaatlichten Industrie (Betriebsleiter, Ingenieure, Techniker). Diese Kader bilden das rationalistischtechnokratische Milieu und den Kulturschaffenden, Hochschullehrern und Akademikern, die mit aufklärerischem Anspruch zu den Sachwaltern der(sozialistischen) Kultur und Bildung werden. Diese Kader bilden das bürgerlich-humanistische Milieu. Diese drei sozialen Milieus umfassen insgesamt ein Viertel der Bevölkerung. Das sozialistische Establishment ist seinem Staat dankbar für den Bildungsaufstieg und sehr loyal zum sozialistischen System. Den Untergang der DDR überstand das sozialistische Establishment erstaunlich gut. Vor allem die Vertreter des statusorientierten und des technokratischen Milieus besaß en gute soziale und qualifikatorische Voraussetzungen für die„good jobs“ im vereinig ten Deutschland. Im bürgerlich-humanistischen Milieu gab es größ ere Anpassungsschwierigkeiten. Hier leben die Idee und die Hoffnung des Sozialismus als einer humanistischen Gesellschaft in vielen Formen weiter. Sozialstrukturell gesehen bedeutete das Ende der DDR keine Umschichtung. Zwar vergröß erten sich die sozialen Abstände, aber in Ostdeutschland blieb oben oben, Mitte blieb Mitte und unten blieb unten. 1 Problemstellung In der sozialstrukturellen Entwicklung so genannter volksdemokratischer Länder sowjetischer Prägung gibt es einige Parallelen. Alle diese Länder vollzogen einen Bruch mit den vormaligen bürgerlich oder bäuerlich-feudal dominierten Strukturen und schufen ein sozialistisches Establishment, das die Sozialstruktur dieser Länder entscheidend prägte. Die Volksdemokratien oder die Arbeiter- und Bauern-Staaten, wie sie sich selbst nannten, sind Gesellschaften ohne nennenswerte Mittelschichten, in denen die Volksmassen, die Arbeiter und Bauern, dem sozialistischen Establishment gegenüberstehen. Im Folgenden wird die soziale(Struktur)Geschichte Ostdeutschlands skizziert. 1 Dabei soll das Nachzeichnen der strukturellen Veränderungen helfen, folgende übergreifende Fragestellungen zu beantworten: 1. Woher kommt das sozialistische Establishment kommt und welche sozialstrukturellen Eigenheiten haben volksdemokratische Staaten sowjetischer Prägung? 2. Auf welcher Grundlage beruhte die soziale Stabilität der DDR? 3. Woher kamen eigentlich die inneren sozialen Kräfte und Akteure der friedlichen Revolution in der DDR? 4. Schließ lich soll an den sozialstrukturellen Entwicklungen in Ostdeutschland nach 1989 die Frage nach den Gewinnern und Verlierern der friedlichen Revolution gestellt und die Angleichung ostdeutscher sozialer Strukturen an die westlichen Sozialstrukturen diagnostiziert werden. Ein groß es Problem der Sozialstrukturgeschichte besteht natürlich darin, dass die DDR eine soziologische Strukturforschung nur sehr einseitig betrieb, so dass wir auf der Basis der wenigen Daten aus der DDR und der Daten ab 1990/91 den historischen Verlauf rekonstruieren müssen. Als soziologische Grundeinheit werden hier auch nicht Klassen oder Schichten verwendet, sondern„soziale Milieus“. Soziale Milieus fassen Menschen mit ähnlichen Lebenspraxen und Grundorientierungen zusammen und haben gegenüber Klassen und Schichten den Vorteil, nicht nur die vertikale Ü ber- bzw. Unterordnung, sondern auch die horizontalen, d. h. kulturellen Unterschiede zwischen sozialen Gruppen zum Beispiel zwischen traditionellen und avantgardistischen Milieus erfassen zu können. 1. Die sozialistische Revolution in der DDR In der sowjetischen deutschen Besatzungszone wird nach dem 2. Weltkrieg nicht wie in Westdeutschland versucht, die bürgerlichen Gesellschaftsstrukturen der Weimarer Republik 1 Siehe dazu auch: Vester, Hofmann, Zierke(Hg.): Soziale Milieus in Ostdeutschland, Köln 1995 oder Müller, Hofmann, Rink: Diachrone Analysen von Lebensweisen in den neuen Bundesländern: Zum historischen und transformationsbedingten Wandel der sozialen Milieus in Ostdeutschland, in: Hradil, Stefan; Pankoke, Eckart(Hg.): Aufstieg für alle?, Leske+Budrich, Opladen 1997, S.237- 321 2 zu restaurieren. Im Osten Deutschlands findet – sozialstrukturell gesehen – tatsächlich eine Umwälzung statt. Die alten bürgerlichen und adligen Funktionseliten(Unternehmer, Banker, Militärs, viele Wissenschaftler) werden entnazifiziert, enteignet und vertrieben. Auch zwei Millionen Flüchtlinge vorwiegend gut situierter Herkunft, die bis 1961 in den Westen gehen, führen zu einer starken Dezimierung der Oberschichten und damit zu sozialstrukturellem Veränderungsdruck. Der soziale Wandel der späten 1940er und 1950er Jahre betrifft allerdings nicht, wie die DDR selbst behauptet, die Befreiung der Arbeiterklasse, sondern die rasche Rekrutierung neuer Funktionseliten als Ersatz für die alten entmachteten bürgerlichen Klassen. In den 1950er bis in die Mitte der 1960er Jahre hinein werden in einer gewaltigen Bildungsanstrengung neue Lehrer, neue Techniker und Wirtschafter sowie führende Verwalter, Sicherheitsleute und politische Funktionäre herangebildet. Zumindest anfangs kommen diese sozialistischen Bildungsaufsteiger in ihrer Mehrheit auch aus den Reihen der Facharbeiter und Facharbeiterinnen. Die frühe Ö ffnung der Bildungsschleusen und der massenhafte Aufstieg in verantwortliche Positionen schaffen in der „ Diktatur des Proletariats “ loyale, staats- und parteitreue soziale Lebenswelten im oberen sozialen Raum der DDR: das sozialistische Establishment. Es besteht aus drei Gruppen. Zum einen sind das die Verwalter der Macht(das statusorientierte Milieu), also Partei- und Staatsfunktionäre, die vor allem sozialistisches Recht, Marxismus-Leninismus oder politische Ö konomie studieren. Zweitens sind das die Leiter der sozialistischen Industrie(das technokratische Milieu), die vor allem technische Fächer oder Ö konomie studieren. Drittens schließ lich hat der Staat groß en Bedarf an kultureller und Bildungsrepräsentation(das humanistische Milieu), also an Hochschullehrern, Medizinern und Kulturschaffenden. Hier finden Menschen Aufstiegsmöglichkeiten, die Pädagogik oder Kunst- und Kultur studieren. Das sozialistische Establishment ist die sozialstrukturelle Besonderheit der DDR, eine in den späten 1940er bis in die 1960er Jahren herangebildete breite sozialistische Oberschicht, die ihrem Staat dankbar für den Bildungsaufstieg ist bis zum Untergang des Sozialismus bleibt. In diesem sozialistischen Establishment, im Russischen nennt man es Nomenklatura, werden in allen volksdemokratischen Ländern sowjetischer Prägung die Funktionseliten unter einheitlicher politischer Führung zusammengefasst. Demgegenüber müssen sich der traditionelle Teil der Bevölkerung, die Arbeitermilieus und auch die kleinbürgerlichen Lebenswelten mit den politischen Verhältnissen in der DDR arrangieren. Besonders die Arbeitermilieus werden in der DDR konserviert. Bis zum Schluss bleibt das soziale Leben der DDR von diesen traditionellen arbeiterlichen und kleinbürgerlichen Lebenskulturen geprägt. Traditionelle Milieus stellen die Mehrheit der Bevölkerung. Schematisch lassen sich die sozialstrukturellen Verhältnisse in der frühen DDR etwa so abbilden: 3 1. Graphik: Rekonstruktion sozialer Milieus in der DDR 1955 Quelle: Eigene historische Rekonstruktion des sozialen Raumes der DDR auf der Basis der Sinus-Milieus von 1991 2. Soziale und kulturelle Differenzierungen in der DDR Nach dem Ende der sozialistischen Bildungsrevolution in der Mitte der 1960er Jahre rekrutiert sich das sozialistische Establishment aus sich selbst heraus und legt sich in den späten Jahren der DDR wie eine Bleiplatte über die traditionellen Lebenswelten. Weiterer massenhafter Aufstieg wird dadurch blockiert. Die soziale Mobilität der sozialistischen Gesellschaft geht in den 1970er und 1980er Jahren stark zurück. Dennoch entwickeln sich in den 1970er Jahren auch in der DDR moderne Lebenswelten. Ü ber die internationale Anerkennung und die Honeckersche Sozialpolitik erhält die DDR trotz aller Einschränkungen Anschluss an den Massenkonsum, den Massentourismus und vor allem an die westliche Massen- und Musikkultur. Wer in dieser Zeit sozialisiert wird, konnte auch in der DDR Anteil an der Modernisierung der Lebenswelten nehmen: neue soziale Milieus entstanden, die sich aber schwer etablieren oder gar aufsteigen können. Den langen Gang durch die Institutionen, den die westlichen modernen Sozialmilieus antreten, können die Modernen der DDR nicht gehen. Diese musikorientierten, bildungsorientierten oder subkulturellen Lebensstile verbindet deshalb auch kaum noch etwas mit der DDR. Entweder sie pflegen in den Nischen ihre Interessen und ihre Musik oder sie versuchen, oft unter dem Dach der Kirche, ein links-alternatives Establishment in der DDR aufzubauen. Ü berblicksartig kann man sich also die soziale Kernstruktur der späten DDR als vom sozialistischen Establishment überwölbte traditionelle Volksmilieus bezeichnen, an deren 4 linkem lebensweltlichen Rand modernisierte Milieus von jungen Facharbeitern und alternativen Intellektuellen entstanden waren. 2. Graphik: Die sozialen Milieus der DDR 1989/90 Quelle: Darstellung der DDR-Sozialmilieus nach Becker, Ulrich; Becker, Horst; Ruland, Walter(1992): Zwischen Angst und Aufbruch, Düsseldorf und Flaig, Berthold Bodo; Mayer, Thomas; Ueltzhöffer, Jörg(1993): Alltagsästhetik und politische Kultur, Bonn Die Akteure der friedlichen Revolution kommen nun im Wesentlichen aus den neuen sozialen Milieus, die sich in den letzten 20 Jahren der DDR herausgebildet haben. Das hedonistische Arbeitermilieu stellt zum Beispiel den größ ten Anteil an den Antragstellern auf Ausreise aus der DDR und das links-alternative Milieu könnte man auch als Bürgerrechtlermilieu bezeichnen. Aber auch in den traditionellen Volksmilieus wird in den 1980er Jahren mit dem sichtbaren Niedergang der Industrie und der Städte die Loyalität zum System vielfach gekündigt und selbst im sozialistischen Establishment gibt es Reformer. 3. Ausdifferenzierung und Neubildung: Milieuwandel in Ostdeutschland 1990- 2004 In den neunziger Jahren vollzieht sich in Ostdeutschland ein Milieuwandel. In dieser Zeit ist die soziale Mobilität in Ostdeutschland extrem hoch. Ü ber Jahre hinweg werden innerhalb von zwölf Monaten mehr als die Hälfte aller sozialer Positionen(Arbeitsstellen und Berufspositionen) gewechselt. Beruflich gesehen gibt es in der groß en Mehrheit eher Abstiege, nämlich den Verlust beruflicher Positionen bzw. den Verlust des Arbeitsplatzes. 5 1993 zum Beispiel stehen 23% Aufstiegen 77% Abstiegen gegenüber. 2 Von den Abstiegen sind jedoch vor allem die traditionellen Lebenswelten der Arbeiter und Angestellten betroffen. Die industrielle Basis des traditionellen Arbeitermilieus, des größ ten Sozialmilieus Ostdeutschlands, bricht ein. Zwar verfügen Menschen in traditionellen Lebensverhältnissen über beträchtliche soziale Ressourcen und Netzwerke, um die strukturellen Abstiege zu verarbeiten , aber„Nachwuchs“ g ibt es für Facharbeitermilieus kaum. Die in den Industriegebieten üblichen„Facharbeiterdynastien“, in denen über Generationen hinweg zum Beispiel bestimmte Metallberufe an die Kinder weitergegeben werden, zerbrechen. Auf diese Weise schrumpfen die traditionellen Milieus im Verlauf der Transformation bis zum Jahr 2004 um die Hälfte. 3 Auch die historisch langlebigste und stabilste der deutschen Lebenswelten, das kleinbürgerliche Milieu schrumpft erheblich. Allerdings gibt es hier auch Stabilisierungstendenzen durch die teilweise Revitalisierung des selbständigen ostdeutschen Mittelstandes. Hingegen wächst ein Sozialmilieu, das die Forscher„d as traditionslose Arbeitermilieu “ nennen. Gemeinsam mit dem hedonistischen Milieu bildet es eine immer größ er werdende ostdeutsche Unterschicht, die heute fast ein Viertel der ostdeutschen Bevölkerung umfasst. Entgegen vielen politischen Erwartungen und öffentlichen Selbstdarstellungen besteht das sozialistische Establishment im Transformationsprozess seine erste historische Bewährungsprobe jedoch erstaunlich gut. Der Tertiärisierungsprozess, der moderne Dienstleistungssektor sichert ihnen eine neue Reproduktionsbasis. Die Vertreter des technokratischen Milieus sind in der Abwicklung der DDR-Industrien und der wirtschaftsorganisatorischen Umstrukturierung wichtige Akteure. Der größte Teil der ostdeutschen Existenzgründer kommt aus dem technokratischen Milieu. Hier gibt es auch einige Abstiege, aber sie hängen vor allem mit politischer Ausgrenzung(etwa wegen StasiMitarbeit) zusammen. Ansonsten erleben viele Technokraten in den 1990er Jahren Aufstiege. Das technokratische Milieu geht im Statusmilieu und im modernen bürgerlichen Milieu auf. Im statusorientierten Milieu werden viele Menschen in der Anfangsphase der Transformation als„Wendehälse“ abgestempel t, weil sie aus sozialistischen Staatsfunktionen massenhaft in kapitalistische Dienstleistungsfunktionen abwandern. In der DDR sitzen viele junge, anpassungsbereite und aufstiegsorientierte Menschen in den wenigen Schleusen, die diese erstarrte Gesellschaft für einen schnellen Aufstieg bereitstellt: im Bereich MarxismusLeninismus, in politischen Ä mtern und Funktionen des DDR-Staates, in der Armee, bei der Staatssicherheit oder im Leistungssport. Nach der Wende gehören sie zu den ersten, die freigesetzt den neu entstehenden Arbeitsmarkt erobern können. Und trotz aller politischen und moralischen Zweifel; sie haben auch die entsprechenden Voraussetzungen und Qualifikationen für den Aufbau neuer Verwaltungen, Banken und Versicherungen. Die„good jobs“ im auf - und ausgebauten Dienstleistungsbereich gehen deshalb in groß er Zahl an die Vertreter des ehemaligen DDR-Establishments. 2 Diese Zahlen stammen aus dem DFGProjekt„Ostdeutschland: Soziallagen im Umbruch“ von Frank Adler und Albrecht Kretzschmar. Siehe ihr Paper auf der Arbeitstagung der Gruppe Arbeitsmarkt/Sozialstruktur in Bremen am 01.12.1994. Die Zahlen wurden durch die aktuelle Sozialberichterstattung ergänzt. Vergleiche auch Thomas Buhlmann(1996): Sozialstruktureller Wandel. In: Zapf/Habich(Hg.)(1996): Wohlfahrtsentwicklung im vereinten Deutschland. Berlin, S. 25- 49 3 siehe dazu: Hofmann/Rink(1993): Die Auflösung der ostdeutschen Arbeitermilieus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 26- 27/1993 6 Im sozialistischen Bildungsbürgertum, dem so genannten humanistischen Milieu gibt es einige Anpassungsschwierigkeiten und-konflikte. Das liegt zum Teil daran, das dieses Milieu seinen Bildungsaufstieg und seine gesellschaftliche Selbstverortung eng an das Ethos einer sozialistischen Gesellschaftsutopie bzw. an ein Aufklärungsethos gebunden sieht. Einerseits verhilft nun die Transformation den bildungsorientierten Vertretern klassischer Bereiche der Medizin, Kultur oder des Bildungswesens zur besseren Etablierung. Die gegenüber den Arbeitern deutlich erhöhten Einkommen der Akademiker erlaubt den Vertretern dieses spezifisch ostdeutschen Bildungsmilieus eine Ausdifferenzierung und Abgrenzung ihrer Lebensformen, der, wenn man so will, eine Verbürgerlichung in Gang setzt. Andererseits gewinnen besonders im Hochschul- und Rechtsbereich meist die westdeutschen Eliten die Konkurrenz um die guten Berufspositionen. Hinzu kommt die Delegitimierung der sozialistischen Gesellschaftsideen. Im humanistischen Milieu Ostdeutschlands bilden sich deshalb zwei Pole heraus: die in der Elitenkonkurrenz meist unterlegenen, beruflich nicht fest integrierten Intellektuellen, die an ihrem aufklärerischen und sozialistischen Ethos als Integrationsideologie festhalten. Sie bilden die DDR-verwurzelte Fraktion “ 4. Die Partei des demokratischen Sozialismus (PDS), jetzt„Die Linke“ stellt für diese Vertreter des sozialistischen Establishments eine Art"Milieupartei" dar. Am anderen, etablierteren Pol des Milieus stabilisieren sich die Lebenswelten. Die schon in der DDR in den achtziger Jahren spürbar gewordene"Verbürgerlichung" setzte sich nach der Wende verstärkt fort. Die etablierten Vertreter des sozialistischen Bildungsaufstiegs gewinnen neue Verhaltenssicherheit und werden zu einer originären ostdeutschen Deutungselite, die allerdings aufgrund ihrer Sozialerfahrung oft Distanz zu den spezifischen Demokratie- und Freiheitserfahrungen des Westens halten und andere Gerechtigkeits- und Gleichheitsvorstellungen pflegen. Die modernen, in der DDR wenig integrierten Sozialmilieus der hedonistischen Arbeiter und Subkulturen finden in der Transformation breite Entfaltungsspielräume. Die hedonistischen Arbeiter, meist beschäftigt in den Industriekernen des Ostens, finden in der breiten Konsumund Medienwelt neue Ufer. Sie verschmelzen mit den jugendlichen(Musik)Szenen und Jugendkulturen zum hedonistischen Milieu, das man in ähnlicher Weise inzwischen in jeder mitteleuropäischen Gesellschaft antreffen kann, d. h. hier finden wir kaum noch ostdeutsche Spezifika. Im linksalternativen Milieu(der Lebenswelt vieler Vertreter der Bürgerbewegungen der DDR) produzieren die demokratischen Möglichkeiten starke Differenzierungen und Polarisierungen zwischen der Mehrheit, die sich etabliert und nun langsam, wie die westdeutschen 68er, aus dem Milieu herauswächst in eher technokratische oder liberal-bürgerliche Lebenswelten hinein und den wenigen an ihrem alternativen Lebensstilen Festhaltenden. Insgesamt lassen sich die sozialstrukturellen Ergebnisse der Transformation in zwei Dimensionen zusammenfassen: 1. Schrumpfung der traditionellen Lebenswelten 2. Ausdifferenzierung und Modernisierung der Lebenswelten(die Mehrheit der sozialen Milieus in Ostdeutschland sind inzwischen moderne Lebenswelten) 4 Siehe dazu die unter maßgeblicher Beteiligung des SinusInstitutes entstandene Studie„Out fit 4“, hrsg. vom Spiegel Verlag Rudolf Augstein GmbH, Hamburg 1998 7 3. Graphik: Soziale Milieus in Ostdeutschland 2004 Quelle: Eigene Darstellung der ostdeutschen Sozialmilieus auf der Basis von Burda Advertising Center(2000): Typologie der Wünsche, Offenbach Der soziale Raum wurde auseinandergesprengt. Es gibt größ ere soziale Unterschiede sowohl in der vertikalen(arm- reich) als auch in der horizontal(traditionell- modern) Dimension. Auch wird der soziale Raum Ostdeutschlands kleinteiliger und differenzierter. Es gibt keine groß en Milieus mehr, die ein Viertel der Bevölkerung umfassen, dafür eine größ ere Anzahl kleinerer sozialer Milieus. Die Anzahl erhöht sich von 9 auf 11 Milieus). Deutlich sichtbar ist auch die Lücke in der sozialen Mitte Ostdeutschlands. Es fehlen vor allem starke Mittelschichtmilieus. Im Westen zum Beispiel füllt das moderne(leistungsorientierte) Arbeitnehmermilieu diese Lücke, es ist etwa doppelt so groß wie das moderne bürgerliche Milieu in Ostdeutschland. Schließ lich macht diese Graphik auch die Unterschicht(vor allem bestehend aus dem traditionslosen Arbeitermilieu und dem hedonistischen Milieu) sichtbar. In den entscheidenden zehn Jahren von 1990 bis 2000 kam es also a) zum Abschmelzen der traditionellen Lebenswelten von 58 auf 39%. Hier müssen die die größten Abstiege und Statusverluste verbucht werden. Die traditionellen Volksmilieus Ostdeutschlands halbieren sich. b) Die ehemaligen DDR-Funktionseliten, das sozialistische Establishment, behauptet sich im sozialen Wandel gut. 8 Insgesamt gesehen stellen diese Milieuveränderungen in Ostdeutschland keine Umwälzung der sozialen Verhältnisse dar. Oben bleibt oben und unten bleibt unten, nur die Abstände vergröß ern sich. c) In der Transformation entstanden auch in Ostdeutschland neue so genannte postmoderne, vor allem hedonistische(Hedonismus kann man etwa mit Genussorientierung, statt Genussaufschub und Askese übersetzen) Milieus. Die neuen und jungen sozialen Gruppen setzen sich aus den Söhnen und Töchtern der modernen Mitte zusammen, die aber vor schwierigen Etablierungswegen stehen. Anpassung und Konsumaufschub leisten sie nur noch in gewissem Maß e. Das sind junge aufstiegsorientierte oder musik- und konsumorientierte Menschen, die Hier, Heute und Jetzt ihr Leben gestalten wollen und nicht blind auf die Aufstiegsversprechen von Bildungseinrichtungen oder Konzernen vertrauen. Diese Milieus entstehen in allen westlichen Gesellschaften, in Ostdeutschland sind sie in ihrem Umfang besonders stark gewachsen. 4. Fazit Die Deutsche Vereinigung funktionierte im oberen Bereich des sozialen Raumes am besten. Das sozialistische Establishment schafft den Sprung in die modernen Oberschichten der nachsozialistischen Gesellschaft, während die konservierten Sozialmilieus kleinbürgerlicher und facharbeiterlicher Provinience einen Schrumpfungsund Ausdifferenzierungsprozess durchleben. Auch entsteht eine moderne Mitte entsteht in Ostdeutschland, die gleichwohl noch schwach ist und nur gut 40% der sozialen Milieus umfasst(im Westen sind es 60%). Wie der Westen ist Ostdeutschland aber auch zu einem Laboratorium postmoderner Lebenskulturen geworden. Derartig rasche soziale Wandlungsprozesse haben immer auch Auswirkungen auf das soziale Klima und die Mentalität des Ostens. Wenn von Ostdeutschland die Rede ist, werden bisher vor allem die Abwehr, Abstiegsund Schrumpfungskämpfe in den traditionellen Milieus beschrieben. Die ostdeutsche Gesellschaft wird noch immer als traditionellere deutsche Gesellschaft arbeiterlicher und kleinbürgerlicher Herkunft wahrgenommen. Das liegt daran, dass sich die sozialen Probleme der Gesellschaft in den traditionellen Milieus konzentrieren. Die schwache moderne Mitte stellt nicht die soziale Kernstruktur Ostdeutschlands dar. Strukturell gesehen ist der Osten Deutschlands noch nicht in der modernen Mittelschichtgesellschaft angekommen. Strukturell gesehen deutet vieles darauf hin, dass der Osten diese „Mittelschichtphase“ der Gesellschaftsstruktur entwicklung nicht vollständig ausbildet. Eine Angleichung an die westliche Mittelschichtgesellschaft wird es nicht geben. Hingegen scheint der soziale Wandel im Osten Züge des „Überholens ohne Einzuholen“ anzunehmen. Das bemerkenswerteste Ergebnis ist die Entstehung neuer, starker postmoderner Milieus und Lebenswelten in Ostdeutschland. Diese Lebenskulturen pflegen Strategien kulturellen Genieß ens und beruflichen Durchwurstelns. Sie machen gewissermaß en aus der Krise eine Tugend. Hier entstehen Lebenserfahrungen und Patchworkstrategien, mit denen das Ü berleben und vor allem der Lebensgenuss unter schwierigen Sicherungsund Etablierungsmöglichkeiten geprobt werden. Es ist zu erwarten, dass aus diesen 9 Lebenswelten demnächst auch einmal ganz neue ostdeutsche Töne zu hören sein werden. © Friedrich-Ebert-Stiftung 2009 10