N ORDIC C OUNTRIES Nordic Countries Juni 2009 Office Stockholm Västmannagatan 4 11124 Stockholm Tel. 004684546592 Fax: 004684546595 email: info@fesnord.se 1- 2010 Zwischen Traum und Realität - soziale Mobilität in Schweden und den USA Daniel Lind * Haben alle Kinder, ungeachtet der gesellschaftlichen Stellung ihrer Eltern, die gleichen Chancen, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein? Kann sich ein in Schweden aufwachsendes Kind frei nach seinem Willen entfalten? Ist es wirklich frei, was seine tatsächlichen Chancen anbelangt? Bei Fragen dieser Art handelt es sich um soziale Mobilität – um den Grad der Selbstbestimmung über das eigene Leben. In einer liberalen Gesellschaft sollte nach Auffassung der meisten der Grundsatz der Chancengleichheit wegweisend sein, die Lebenschancen des Einzelnen sollen nicht von Verhältnissen bestimmt werden, die er selbst nicht beeinflussen konnte. Ist dies nicht der Fall – ist die Vorbelastung von zu Hause zu groß – kann eine Gesellschaft nicht als gleichgestellt oder frei betrachtet werden. Während sich die moderne politische Philosophie im Anschluss an die bahnbrechenden Arbeiten von John Rawls und Robert Nozick die Frage stellt, wie weit eine Gesellschaft zur Gewährleistung der Chancengleichheit gehen sollte, haben die Wirtschaftswissenschaften in den letzten Jahrzehnten versucht, einen Gradmesser für soziale Mobilität zu entwickeln. Was dabei untersucht wird, ist der Zusammenhang zwischen dem Einkommen der Väter und dem der Söhne. Liegt das Einkommen der erwachsenen Söhne nahe dem der Väter, dann ist die soziale Mobilität gering. Lässt sich anhand des Einkommens der Väter nicht die Rangordnung der Söhne bei der Einkommensverteilung vorhersagen, dann liegt eine hohe soziale Mobilität vor. Die Forschung zeigt, dass soziale Mobilität in der westlichen Welt in den USA – wo der Zusammenhang zwischen den Einkommen der Väter und der Söhne am deutlichsten ist – am geringsten ausfällt. Auf die USA folgen Großbritannien, Italien und Frankreich. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich die nordischen Länder und Kanada – dort ist die soziale Mobilität am höchsten. Diese Ergebnisse basieren auf einem durchschnittlichen Zusammenhang in der Gesamtbevölkerung(der Männer). Um soziale Mobilität in unterschiedlichen * Daniel Lind ist Chefökonom beim schwedischen Gewerkschaftsdachverband Unionen. Einkommensschichten zu untersuchen, hat die Forschung eine Mobilitätsmatrix entwickelt. Eine Möglichkeit, den Mobilitätsgrad auf diese Art zu messen, ist die Untersuchung der Wahrscheinlichkeit, dass die Söhne als Erwachsene in der gleichen Einkommensgruppe(Quintile) landen werden wie ihre Väter. Ein Vergleich zwischen den nordischen Ländern und den USA zeigt, dass die Mobilität hin zu einer anderen Quintile als der der Väter im Norden höher ist als in den USA, doch gilt dies vor allem für die ärmsten Bevölkerungsschichten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sohn mit einem Vater in der niedrigsten Einkommensschicht selbst dort landet, liegt bei 42 Prozent(würde der Zufall entscheiden, läge die Wahrscheinlichkeit bei 20 Prozent). In Schweden beträgt die gleiche Wahrscheinlichkeit 26 Prozent. Die Mobilität weg von den ärmlichen Verhältnissen der Kindheit, ist in den USA viel geringer ausgeprägt als im Norden. Bei Söhnen von Vätern mit dem höchsten Einkommen zeichnet sich ein anderes Bild ab. Einen reichen Vater zu haben erweist sich im Norden als genauso vorteilhaft wie in den USA – die Wahrscheinlichkeit, dass auch der Sohn die höchste Einkommensstufe erzielt, ist in beiden Ländern gleich hoch. Eine andere Art der Anwendung dieser Indikatoren ist die Untersuchung des Ausmaßes der Mobilität. Darunter ist die Wahrscheinlichkeit zu verstehen, mit der der Sohn eines Vaters der niedrigsten Einkommensschicht selbst die allerhöchste Stufe erreicht. Dies macht den Kern des amerikanischen Traums aus – alle ungeachtet ihrer Herkunft können durch harte Arbeit die höchsten Einkommen erzielen. Aber auch hier zeigt die Forschung, dass die Mobilität in den USA niedriger ist als im Norden. Die Chance, dass der Sohn des ärmsten Vaters die höchste Einkommensstufe erklimmt(ragsto-riches), liegt in den USA bei 7,9 Prozent und in Schweden bei 10,9 Prozent. Bei der Mobilität von oben nach unten(riches-torags) sieht das Bild genauso aus: das Risiko, dass der Sohn des reichsten Vaters auf die niedrigste Einkommensstufe absinkt, beträgt in den USA 9,5 Prozent und in Schweden 15,9 Prozent. Die Forschung zeigt eindeutig – soziale Mobilität ist in den USA(und Großbritannien) niedriger als im Norden und dies ist keineswegs das Ergebnis größerer Einkommensunterschiede oder statistischer Spitzfindigkeiten, sondern eine Tatsache, vor der man nicht die Augen verschließen sollte. Vor allem an den Enden der Einkommensverteilung ist ein Unterschied bei der Mobilität zu erkennen. In den USA ist die Chance der ärmsten Gruppen ein erträglicheres Leben für die nachfolgenden Generationen zu bereiten, erheblich geringer als in anderen Ländern; es ist leicht, arm zu werden, aber schwierig, die Armut hinter sich zu lassen. Einige britische Forscher bringen dies mit folgenden Worten zum Ausdruck:”The picture that emerges is that Northern Europe and Canada are particularly mobile and that Britain and the US have the lowest intergenerational social mobility. The idea of the US as the ´Land of opportunity´ persists; and clearly seems misplaced.” („Das sich hier abzeichnende Bild ergibt, dass Nordeuropa und Kanada besonders mobil sind und Großbritannien und die USA über die niedrigste generationenübergreifende soziale Mobilität verfügen. Die Vorstellung der USA als„Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ besteht weiterhin, scheint jedoch eindeutig nicht angebracht zu sein.“) Der amerikanische Traum ist ein Mythos, eine noch lebendige – wenn auch vielleicht etwas abgeschwächte – Vorstellung, die eine soziale Entwicklung und progressive Politik für die allermeisten verhindert. Stellt der amerikanische Traum einen Alptraum jenseits des Atlantiks dar, so ist er in Schweden und den anderen 2 nordischen Ländern zu einer Realität geworden. Der Grundsatz der Chancengleichheit ist im gelobten Land der Freiheit am schwächsten ausgeprägt. ***** In der traditionellen Wirtschaftstheorie gilt die Annahme, dass große Einkommensunterschiede den Anreiz steigern, sich bei der Einkommensverteilung nach oben hin zu orientieren(hungrige Wölfe sind die besten Jäger). Folglich könnte man davon ausgehen, dass soziale Mobilität in den Ländern mit den größten Einkommensunterschieden am höchsten ist. Die Forschung über soziale Mobilität zeigt das Gegenteil auf – soziale Mobilität ist in den Ländern am höchsten, in denen die Einkommensunterschiede gering, die Steuersätze hoch, der öffentliche Sektor gut ausgebaut und die Transferleistungen (einigermaßen) großzügig sind. Im Gegensatz dazu fällt soziale Mobilität in marktliberalen Ländern mit großen Einkommensunterschieden und ausgeprägten finanziellen Anreizen am geringsten aus. Die Freiheit sich zu der gewünschten Person zu entfalten – die Chance einen belastenden Hintergrund hinter sich zu lassen – ist tatsächlich in den sozialstaatsorientierten Ländern größer und in den Ländern geringer, die sich durch ein traditionelles Anreizdenken auszeichnen. Wie kommt es dazu? Was veranlasst – eigentlich – den Einzelnen dazu, seine Flügel zu erproben, den Sprung zu wagen, neue Möglichkeiten zu suchen? Es geht um die individuellen Ressourcen und die tatsächlichen Chancen, das eigene Leben zu beeinflussen. Wie wir den Alltag diesbezüglich verbessern können, ist eine viel spannendere und kompliziertere Herausforderung als benachteiligten Menschen strengere Bedingungen und härtere Maßnahmen aufzuerlegen. Eine interessante, gesellschaftswissenschaftliche Einsicht der letzten Jahre ist die Tatsache, dass sich Einkommensunterschiede auf die Gesundheit und produktive Fähigkeit der Menschen auswirken. Durch das Widerspiegeln in anderen, durch die tiefe relative Dimension, die das Leben beinhaltet, wird die Lebensqualität vom Rang in den Gesellschaftsschichten beeinflusst. In Ländern mit großen Einkommensunterschieden sind u.a. die gesundheitlichen Probleme größer, das Wohlbefinden der Kinder ist weniger ausgeprägt, die soziale Zuversicht schwächer, die geistige Gesundheit schlechter und die Fettleibigkeit stärker verbreitet. Davon ausgehend, ist es keine unangemessene Hypothese zu behaupten, dass Einkommensunterschiede, da sie bereits bestehende soziale Unterschiede verstärken, an sich einen Hemmschuh für soziale Mobilität darstellen können und die tatsächlichen Möglichkeiten des Einzelnen, auf sein Leben Einfluss zu nehmen, begrenzen. Dies bedeutet nicht, dass geringere Einkommensunterschiede automatisch zu einer höheren sozialen Mobilität führen würden, doch wagen es immer mehr, mit diesem Gedanken zu spielen. Der weltweit führende Soziologieprofessor Gösta EspingAndersen sowie die OECD argumentieren wie folgt:”Social mobility is generally higher in countries with lower income inequality, and vice versa. This implies that, in practice, achieving greater equality of opportunity goes hand-in-hand with more equitable outcomes.”(„Die soziale Mobilität ist generell höher in Ländern mit einer geringeren Einkommensungleichheit, und umgekehrt. Dies setzt voraus, dass in der Praxis das Erreichen einer größeren Chancengleichheit(d.h. soziale Mobilität) einher geht mit einer gerechteren Verteilung.“) ***** 3 Die vereinfachte Betrachtungsweise des Zusammenhangs zwischen Einkommensunterschieden und sozialer Mobilität lässt sich häufig auch in einer größeren Perspektive wiedererkennen. Kleine Einkommensunterschiede – und das diese Unterschiede herbeiführende nordische Sozialmodell – tragen nicht nur zu einer sozialen Festigung bei, sondern auch zu einer verschlechterten wirtschaftlichen Effizienz. Mit einer marktliberaleren, auf Anreizen aufbauender Politik wäre das Produktivitätsniveau in der Wirtschaft höher und der Arbeitsmarkt würde besser funktionieren. Im Zuge des stärkeren Globalisierungstakts im letzten Jahrzehnt wird argumentiert, der Preis im Bezug auf die verlorengegangene Effizienz sei heute höher als früher – der finanzielle Ertrag größerer Einkommensunterschiede und ein eingeschränkter Sozialstaat hätte zugenommen. Über dieses populäre Denkmodell hat der Politologieprofessor Bo Rothstein vor kurzem gesagt:„Dieses Modell hat allerdings im letzten Jahrzehnt einen schweren Rückschlag erlitten. In einer großen Forschungsdisziplin sieht man tatsächlich selten, dass eine als so allgemein gültig angesehene These auf diese Weise abgewiesen wird und man hier von einem„Aufstieg und Fall“ dieser Wirtschaftsdoktrin sprechen kann.” Der Grund hierfür ist, dass die Karte nicht mit der Realität übereinstimmt. Die Industrieproduktivität in Schweden nimmt tatsächlich eine Spitzenstellung ein, das Weltwirtschaftsforum – eine Gruppe, der schwerlich Sympathien für die Linke angelastet werden kann – nennt die nordischen Länder an erster Stelle, wenn es darum geht, in den nächsten Jahren die Wirtschaftseffizienz am schnellsten anheben zu können, und die OECD hat ihr Bild darüber, wie Länder einen hohen Beschäftigungsgrad und eine niedrige Arbeitslosigkeit erreichen können, nuanciert. In letzterem Fall gilt nicht mehr die Devise: One-size-fits-all. So genannte kompensierende Mechanismen – wie zum Beispiel aktive Arbeitsmarktpolitik und gut funktionierende Lohnbildung – können die Anreizprobleme überbrücken, zu denen großzügige Transferleistungen und hohe Steuern beitragen. Das nordische Gesellschaftsmodell erzeugt weder eine niedrige soziale Mobilität noch eine wirtschaftliche Ineffizienz. Ganz im Gegenteil. Die soziale Mobilität ist hoch und die Produktivität liegt zumindest in Parität mit der vergleichbarer Länder. Lässt sich Letzteres mit Erstem erklären? In einer modernen wissensbasierten Volkswirtschaft wird eine hohe soziale Mobilität zu einem immer wichtigeren Wettbewerbsfaktor. Jeder Einzelne, der sein gesamtes Potenzial im Berufsleben nicht ausschöpfen kann, stellt einen größeren Verlust für uns alle dar. Der Mangel an Chancengleichheit – das Fehlen gleichwertiger Lebenschancen – verschlechtert unsere Möglichkeiten, den materiellen Lebensstandard zu verbessern. Tragen geringere Einkommensunterschiede eigentlich dazu bei, die Freiheit des Einzelnen anzuheben und die Stellung Schwedens im globalen Wettbewerb zu stärken? Ist die Welt komplizierter als das, was wir täglich von den Think-Tanks der Wirtschaft zu hören bekommen? Ein schrecklicher Gedanke. Alle Texte sind online verfügbar: www.fesnord.org Die in dieser Publikation zum Ausdruck kommenden Meinungen sind die des Autors/ der Autorin und spiegeln nicht notwendigerweise die Meinung der Friedrich-Ebert-Stiftung wider. 4