Februar 2010 direkt Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik Einkommen und Leistung: Es wächst auseinander, was nie zusammengehörte Michael Dauderstädt 1 Auf einen Blick Einkommen und Leistung bedingen sich gegenseitig kaum. Je höher das Einkommen, desto weniger hängt es von der individuellen Leistung, sondern vielmehr von – auch politisch gestalteten oder sozial bestimmten – Marktpositionen ab. Die so genannten„Leistungsträger“ beziehen oft Monopolrenten, nutzen Marktversagen oder profitieren von ererbtem Vermögen. Dem Nutzen, den die Abnehmer von Leistung einzelwirtschaftlich oft großzügig honorieren bzw. teuer bezahlen, stehen häufig volkswirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich hohe Kosten gegenüber, die aber vom Staat oder anderen Menschen getragen werden müssen. Effiziente Marktregulierung und höhere Besteuerung von Einkommen und Vermögen sollten diese Zustände korrigieren. Seit einigen Jahrzehnten tendiert die Einkommensund Vermögensverteilung nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern(z. B. USA, Osteuropa) zu größerer Ungleichheit. Die Zunahme der Ungleichheit ging einher und wurde flankiert von einer Dominanz der Ideen, die sie rechtfertigen: Ungleichheit sei eine notwendige Bedingung von Wachstum 2 , Markteinkommen seien per se gerecht, da sie – im Gegensatz zu staatlich bestimmten Zahlungen – die freiwilligen Entscheidungen der Marktteilnehmer ausdrückten, hohe Einkommen spiegelten den hohen Beitrag ihrer Bezieher zum gesellschaftlichen Wohlstand wider, diese Menschen seien Leistungsträger, und ihre Einkommen zu beschneiden, bedeute Wachstum und Wohlstand zu gefährden. Aber stimmen diese Begründungen? Spätestens seit der Finanzmarktkrise sind Zweifel angebracht. Einkommensunterschiede zwischen Marktteilnehmern Das Konstrukt des freien Marktes ist die Basis der meisten Legitimationen für Einkommensunterschiede. Wenn zwei Marktteilnehmer einen Tausch vereinbaren, wird unterstellt, dass diese Handlung den Nutzen beider mehre. Wird dabei Geld benutzt, so ist das resultierende Geldeinkommen anscheinend legitim, da ja der Zahlende sich freiwillig entschieden hat, den entsprechenden Betrag für das Gut oder die Dienstleistung herzugeben. Der Käufer hat damit die Leistung des Verkäufers im Markt be- WISO direkt Februar 2010 Friedrich-Ebert-Stiftung wertet und so dessen Einkommen bestimmt. Kapital) wandern in die Produktion der Güter Aber die angebliche Freiwilligkeit spiegelt oft und Dienstleistungen, die gesellschaftlich besonNotlagen und Machtverhältnisse wider. Der Beders gefragt sind. Aber genau deswegen sollten sitzer der einzigen Quelle in der Wüste kann den solche Einkommensunterschiede nur vorüberPreis des Wassers und damit sein Einkommen gehend bestehen. Denn wenn erst mal eine berecht einseitig bestimmen. stimmte Zahl Bauern mit ihrer Anbaufläche von Kartoffeln zu Äpfeln gewechselt sind und so die Das Marktmodell unterstellt dagegen als NormalNachfrage nach Äpfeln gedeckt ist, sollte das Einfall eine Fülle von konkurrierenden Anbietern kommen sich ebenfalls angeglichen haben. unterschiedlicher Produkte. Wie erklären sich da Einkommensunterschiede? Unterscheiden wir Reichtum durch Marktversagen zwei Fälle: Wenn also Märkte wirklich frei sind, so dass Pro1. Zwei Anbieter der gleichen Leistung: Warum duktionsfaktoren flexibel wechseln können, kann oder soll ein Apfelbauer mehr verdienen dann tendieren sie dazu, die Faktoreinkommen als ein anderer? Wenn es daran liegt, dass er anzugleichen. Anhaltend große Einkommensmehr arbeitet, dann entspricht das höhere unterschiede sind daher ein Zeichen von MarktEinkommen der größeren Leistung. Aber die versagen oder Marktunvollkommenheiten. Diese Einkommensunterschiede dürften sich in enkönnen entweder durch politische Eingriffe, sogen Grenzen halten, da die Unterschiede in ziale Traditionen oder durch marktimmanente der geleisteten Arbeitszeit durch die maximaFehlfunktionen bedingt sein. le Stundenzahl wegen der notwendigen Reproduktionszeiten(Schlaf etc.) beschränkt Ein klassisches Beispiel für die letztere Möglichsein dürften. Er könnte auch produktiver sein, keit ist die Unvollkommenheit der Kapitalmärkda er effizientere Produktionsverfahren einte. Investoren oder Banken verlangen in der Resetzt. Bei diesem Einkommensunterschied begel Sicherheiten. Daher wird ein armer Mensch darf es eventuell auch noch eines Vermögensmit einer guten Geschäftsidee schwerer an einen unterschiedes, um ihn zu ermöglichen. Denn Kredit kommen als ein reicher mit der gleichen der fleißigere Bauer braucht mehr Bäume oder eventuell sogar einer schlechteren Geschäfts(Land) und produktivere Maschinen, um seiidee. Dadurch kann er sich im Markt nicht durchne zusätzliche Arbeit einsetzen zu können. In setzen, während der Reiche seinen Reichtum flexiblen Märkten sollten sich aber effizientere weiter vermehren kann. Wer hat, dem wird gegeVerfahren und Kapital verbreiten und so die ben, würde die Bibel sagen. Große Vermögen verEinkommen wieder angleichen. Entsprechen zerren die Einkommensverteilung überhaupt höhere Preise eines Produzenten einer höhemassiv. Sie erlauben laufende Einnahmen ohne ren Qualität, so handelt es sich letztlich um eigene Leistung. Werden sie vererbt, fallen noch verschiedene Produkte. höhere leistungsfreie Einkommen an. Pro Jahr 2. Zwei Anbieter unterschiedlicher Leistungen: werden in Deutschland mehr als 10% des VolksWarum sollen Apfelbauern mehr verdienen einkommens vererbt. 3 Damit wird mindestens als Kartoffelbauern? Wenn – aus welchen jeder zehnte Euro ohne Leistung erworben. Gründen auch immer – bei zunächst gleichem Schlimmer noch: Da die Vermögen viel höher Angebot die Nachfrage nach einer Leistung konzentriert sind als die Einkommen, verschärft stärker ist als nach einer anderen, etwa die dieser leistungsfeindliche Prozess noch die Einnach Äpfeln höher ist als die nach Kartoffeln, kommensungleichheit. so steigt der Preis der Äpfel und damit das Einkommen der Apfelbauern im Vergleich zu den Eine andere Form von Marktversagen sind natürKartoffelbauern. Dann unterstellt die Marktliche Monopole wie etwa Netzwerke. Die Eisentheorie, dass mehr Produzenten das knappere bahn oder Internetplattformen sind Beispiele, Gut anbieten, um ebenfalls ein höheres Einwo aus einer anfangs unbestimmten Marktsituakommen zu erzielen. Kartoffelbauern stellen tion ein Anbieter beginnt, die Mehrheit der ihre Produktion auf Äpfel um. Nachfrager auf sich zu vereinen. Da so entweder die Kosten des Anbieters sinken(economies of Das ist der Segen der Marktwirtschaft und des scale; Skalenerträge) oder der Nutzen für den ein2 Preismechanismus: Preise signalisieren Knappzelnen Nachfrager steigt(da er bei Facebook oder heiten und die Produktionsfaktoren(Arbeit und ebay auf die meisten Partner trifft), hat ein An- Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt Februar 2010 bieter bald eine beherrschende Position. Die Barrieren für einen Konkurrenten, in dieses Marktsegment einzudringen, um ähnliche Einkommen zu erzielen, sind sehr hoch. Der Monopolist dagegen erfreut sich weit überdurchschnittlicher Erträge. Inwieweit solche Einkommen aus Marktmacht etwas mit Leistung zu tun haben, ist fraglich. Die Anfangsidee verdient sicher ihren Lohn, die marktbeherrschende Stellung aber kaum. Nicht zufällig wurde im 19. Jahrhundert die Eisenbahn in vielen Ländern verstaatlicht. Obendrein versuchen starke und reiche Anbieter, schwächere Konkurrenten zu verdrängen oder aufzukaufen, um ihre Position weiter auszubauen, wogegen die Wettbewerbspolitik erfunden wurde. Häufiger schützt der Staat jedoch die Marktmacht und soziale Stellung einzelner Anbieter. Für viele Professionen wie Ärzte, Apotheken und Notare werden die Märkte geschützt. Das Bildungssystem baut oft Eingangshürden auf. Der Patentschutz garantiert, dass etwa bestimmte Prozesse oder Produkte nur vom Erfinder genutzt werden dürfen, der so Renten erzielt. So lange diese nur die Kosten der Innovationsarbeit ersetzen, verursachen sie noch keine Einkommensunterschiede. Erst wenn darüber hinaus über lange Zeit das Monopol gesichert wird, entstehen überdurchschnittliche Gewinne. Das Erbrecht perpetuiert die leistungsfreie Ungleichheit von Generation zu Generation. Einkommensunterschiede in Unternehmen Aber Einkommen werden ja nicht nur durch die Ergebnisse der Gütermärkte bestimmt. Die wichtigsten Marktteilnehmer sind ja nicht Individuen, deren Einkommen sich als Differenz zwischen Markterlösen und den Kosten der Angebotserstellung ergeben. Die größten Spieler sind vielmehr Unternehmen. Deren Wertschöpfung wird zwar durch die oben beschriebenen Prozesse auf den Gütermärkten bestimmt. Aber wie wird die Wertschöpfung innerhalb der Unternehmen verteilt? Diese Verteilung ist vielleicht zur Erklärung von Einkommensungleichheit wichtiger als die Verteilung zwischen Marktteilnehmern. ken und die Lohnspreizung hat zugenommen. In den USA blieb zwar die Lohnquote etwas stabiler; aber die Spitzenlöhne(Manager, Investmentbanker etc.) sind explodiert, so dass die Einkommensverteilung insgesamt extrem ungleich wurde. Aber haben die damit verbundenen Einkommensunterschiede etwas mit Leistung zu tun? Die Kapitaleinkommen haben nichts mit Leistung zu tun. Die Maschinen leisten etwas, nicht die Kapitalgeber. Besonders hohe Gewinne sind – wie wir oben gesehen haben – Ausdruck von Marktunvollkommenheiten. In perfekten Gütermärkten würden die Profite vom Wettbewerb eliminiert. Die unternehmerischen Leistungen, die zu einer hohen Wertschöpfung geführt haben, werden ja durch entsprechende Löhne(einschließlich des Lohns für Unternehmer oder Manager) honoriert. Was an Dividenden an die Aktionäre oder Zinsen an Kreditgeber ausgeschüttet wird, hat nichts mit der Leistung der Personen zu tun, die diese Einkommen empfangen. Bestenfalls wären sie als eine Entschädigung für den Konsumverzicht anzusehen, da sie ihr Einkommen oder Vermögen den Unternehmen zur Verfügung stellen, statt es für Konsum auszugeben. Aber weder ist diese Sparleistung a priori notwendig, da der Kredit zur Finanzierung von Investitionen im Bankensystem(einschließlich Zentralbank) auch ohne sie zu schaffen wäre, noch ist sie besonders wachstumsfördernd, da sie die Nachfrage dämpft. Bleiben die Lohnunterschiede, wobei es sprachlich etwas irritierend ist, die Millionen, die etwa Banker an Gehalt und Boni kassieren, noch als Löhne zu sehen. Früher waren die Unterschiede zwischen den Löhnen einfacher Arbeiter und Spitzenmanager deutlich geringer als heute, wo die Spitzeneinkommen weit mehr als das Hundertfache, oft das Vielhundertfache der Durchschnittslöhne ausmachen. Angesichts der fatalen Folgen derartiger Boni- und Gehaltssysteme sowohl für viele der betroffenen Banken und Unternehmen als auch für die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft stellt sich die Frage: Leisten diese Menschen tatsächlich so viel mehr? Die Verteilung der Wertschöpfung vollzieht sich Die Leistung von Individuen ist schwer zu verin zwei Richtungen, die beide von zunehmender gleichen. Produzieren sie das gleiche Produkt unUngleichheit geprägt sind: 1. Die Verteilung zwiter gleichen Bedingungen, so kann man Stückschen Kapital und Arbeit und 2. Die Verteilung zahlen messen und Akkordlöhne(und ihre Uninnerhalb der Arbeit, die sich als Lohnspreizung terschiede) beruhen darauf. Aber diese Unterdarstellen lässt. In Deutschland und den meisten schiede dürften selten das Ausmaß von 1:5 über3 europäischen Ländern ist die Lohnquote gesunschreiten. Aber selbst für gleiche Arbeit wird ja WISO direkt Februar 2010 Friedrich-Ebert-Stiftung oft nicht der gleiche Lohn gezahlt, wovon vor allem Frauen ein Lied singen können. Vergleicht man unterschiedliche Tätigkeiten oder auch die Produktion der gleichen Produkte mit einer unterschiedlichen Kapitalausstattung, so ist die Leistung viel schwieriger dem Leistenden zuzuordnen. Man kann noch begründen, dass jemand, der in der Lage ist, zwei Tätigkeiten(z. B. ein Dolmetscher mit zwei Fremdsprachen) auszuüben, mehr verdient als jemand, der nur eine beherrscht. Aber bei ganz unterschiedlichen Tätigkeiten liegt die Begründung meist im Bildungsaufwand oder – damit verbunden – in der Knappheit der Qualifikation. Die Bildung wurde aber oft von Dritten bezahlt und die Knappheit ist keine Leistung, sondern auch eine Marktlage, die u.a. durch selektive Bildungssysteme produziert wird. In hierarchischen Organisationen gilt dann noch die Regel, dass Leitungsfunktionen einen bestimmten Aufschlag aufs Durchschnittseinkommen der jeweils„Geleiteten“(z. B. 50% mehr) erhalten sollen. Aber damit lassen sich die enormen Spannbreiten, die heute in vielen Unternehmen zu beobachten sind, weder erklären noch begründen. Letztlich resultiert die Wertschöpfung im Unternehmen aus der Kooperation aller Beteiligten, von denen keiner ernsthaft in Anspruch nehmen kann, seine individuelle Leistung sei für den Erfolg entscheidend. „Leistung“, die Leiden schafft: ein Grund für Steuern Die Leistungen, die die Bezieher hoher Einkommen für die einzelwirtschaftlichen Abnehmer und damit Zahler erbringen, sind schon kaum objektiv zu messen. Noch fragwürdiger wird der Verdienst dieser Leistungsträger, wenn man nach dem volkswirtschaftlichen oder gesamtgesellschaftlichen Nutzen ihrer Tätigkeit fragt. Im Marktmodell soll ja eigentlich der Preismechanismus sicher stellen, dass die Entlohnung diesem Nutzen entspricht. Das gelingt zwar auch schon nicht, aber zusätzlich wird die Legitimität dieser Einkommen auch dadurch problematisch, dass der Markt- und Preismechanismus viele soziale Effekte ausblendet. Tatsächlich mögen Tätigkeiten, die im Markt als hoch produktiv und nützlich bewertet sind, gesellschaftliche Kosten produzieren. Den schlimmsten Abweichungen versucht der Staat schon vorzubeugen, indem er bestimmte Bereicherungspraktiken verbietet(z. B. Ponzi-Finanzmodelle à la Bernard Madoff oder Drogenhandel). Aber vieles bleibt legal, wenn auch kaum legitim. Der britische Thinktank New Economics Foundation hat versucht zu berechnen, welchen volkswirtschaftlichen und sozialen Nutzen und Kosten bestimmte Berufe haben. 4 Banker und Steuerberater fügen da durch Finanzkrisen und Steuervermeidung für die Reichen der Gesellschaft eher Schaden zu, während die Leistungen vieler einfacher Arbeitnehmer/innen mit weit weniger Geld entlohnt wird als ihrem gesellschaftlichen Nutzen entspricht – ganz zu schweigen von der riesigen unbezahlten Leistung, die vor allem Frauen im Haushalt erbringen. Wenn also die tatsächlichen Einkommen so wenig mit Leistung zu tun haben, sollten die Einkommen der angeblichen Leistungsträger auch nicht tabu sein. Da der Markt seine Funktion ausgleichender Gerechtigkeit nicht effektiv wahrnimmt, brauchen wir regulatorische Eingriffe und politische Korrekturen der Einkommensverteilung. Mehr Wettbewerb würde in einigen Bereichen helfen, aber nicht überall, etwa nicht innerhalb von Unternehmen. Da sind beispielsweise Mindestlöhne erforderlich, um die Auswüchse der Marktmacht zu beschneiden. Steuern sind kein leistungsfeindlicher Raub, sondern zunächst ein Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Güter, die allen nutzen, und ansonsten eine Annäherung des Einkommens an den tatsächlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohlstand. In Deutschland tragen Erbschafts- und Vermögenssteuer zu dieser Annäherung fast nichts bei. 1 Der Autor ist Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2 Zur Kritik siehe Michael Dauderstädt„Wachstumsbremse Ungleichheit“, Bonn, Friedrich-Ebert-Stiftung, 2008. 3 Einer Studie des Bankenverbands zufolge(http://www.bankenverband.de/index.asp?channel=133810&art=495) werden zwischen 2001 und 2010 zwei Billionen Euro vererbt. Das Volkseinkommen betrug in diesem Zeitraum durchschnittlich 1,8 Billionen Euro pro Jahr. 4 Vgl. New Economics Foundation„A Bit Rich. Calculating the Real Value to Society of different Professions” (http://www.neweconomics.org/publications/bit-rich). 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 9205 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-86872-265-9