1| 2010 Expertisen für Demokratie Wie kann Ausstiegsarbeit gelingen? Ausstiegsprozesse aus der rechten Szene 1. Distanz und Distanzierung – Zum Stand der Forschung Woran kann es liegen, dass Menschen, die sich in durchaus vergleichbaren Lebenslagen und-situationen befinden, sich politisch unterschiedlich orientieren, der eine bspw. zum Rechtsextremisten wird, der andere dagegen sich gegenüber dem rechten Extremismus(relativ)„immun“ zeigt? Und: Wodurch kommen rechtsextrem Orientierte von ihrer antidemokratischen Position wieder weg und gelangen zu einem sozial akzeptierten politischen Standort? Sucht man nach Antworten auf diese Fragen, wird man in der sozialwissenschaftlichen Literatur kaum fündig. Distanz Während die Fülle an Texten über Ursachen des Rechtsextremismus inzwischen die Bücherschränke bersten lässt, bleibt die Ausbeute an Befunden zur Frage, warum jemand nicht rechtsextrem wird, äußerst bescheiden. Gleichwohl: Bilanziert man summativ die nur vereinzelt dazu vorliegenden Erkenntnisse der politischen Sozialisations- bzw. Jugendforschung(vgl. vor allem zusammenfassend: Wahl u. a. 2005; auch Hopf/Rieker/Sanden-Marcus 1995; Kracke u. a. 1993; Rieker 1997; Butz/Boehnke 1997; Möller 2000; Rippl 2002; Kleinert 2004), so lassen sich als die wichtigsten resistenzförderlichen Faktoren der Sozialisation vor allem konstatieren: • Für den Bereich der Familie: Sicher-autonome subjektive Bindungsrepräsentationen, die von Respekt, Vertrauen, liebevoller Zuwendung und nur seltener Zurückweisung geprägt sind, insbesondere verlässliche, ja Geborgenheit stiftende Beziehungen zu den Eltern und eine insgesamt positive familiale Kommunikation, zumindest aber die Möglichkeit zur Kompensation entsprechender Defizite durch Rückgriffe auf verwandtschaftliche Netzwerke; • Für den Bereich der Familie wie des weiteren sozialen Umfelds: die Vorbildwirkung von demokratieorientierten, in jedem Fall aber extremismus- sowie generell ausgrenzungs- und gewaltdistanzierten Haltungen; • Für den Bereich der Schule bzw. des Berufs: sinnstiftende, an den Interessen von Schüler/innen anknüpfende, aber auch ihnen Weiterentwicklungsmöglichkeiten gewährende Lernerfahrungen mit Gelegenheiten zum Erleben von Selbstwirksamkeit und Selbstwert; Forum Berlin Impressum| Herausgegeben von Nora Langenbacher, Friedrich-Ebert-Stiftung, FORUM BERLIN| Text: Prof. Dr. Kurt Möller| Redaktion: Dr. Angela Borgwardt|© Friedrich-Ebert-Stiftung 2010| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin| Tel.+49(0) 30 26935-7309| Fax+49(0) 30 26935-9240| Gestaltung: pellens.de| ISBN 978-3-86872-402-8| www.fes-gegen-rechtsextremismus.de| FES GEGEN RECHTS EXTREMISMUS 2 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE 1 I 2010 • Für den Bereich der Gleichaltrigen:(u. a. ethnische) Heterogenität zulassende, kommunikativ-diskursiv gestaltete Beziehungen; • Für den Bereich der Partnerschaft: entweder das aufgrund noch kindlichen Alters Nicht-Vorhandensein einer Partnerschaft oder die Existenz und Pflege einer Beziehung des„Miteinandergehens“, die keinen unbedingten Cliquenbezug braucht und auch als Zweierkonstellation trägt; • Für den Bereich des Medienkonsums: Kontaktferne zu Medien, die rechtsextreme Inhalte oder Symboliken propagieren; • Für den Bereich der Öffentlichkeit: die Verfügbarkeit über öffentlichen Raum und die Vermeidung territorialer Konflikte sowie politische und gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten; • Für den Bereich individueller Eigenarten: ein gewisses Niveau an Selbst- und Sozialkompetenzen, vor allem in Hinsicht auf Offenheit und Neugierde neuen Erfahrungen gegenüber, Affektkontrolle, Reflexionsvermögen, Ambivalenztoleranz, Empathie, Übernahme von Verantwortung – vor allem für das eigene Handeln –, kognitive Komplexität und Flexibilität sowie Gewaltdistanz. Auch wenn wir damit schon mehr als nichts wissen: Offen bleibt eine Reihe wichtiger Fragen. Zu ihnen gehört, wodurch das Vorhandensein dieser Faktoren bewirkt wird(z. B. wie man entsprechend resistenzförderliche Schulerfahrungen herstellt), wie sie untereinander gewichtet sind(etwa der Einfluss des Elternhauses im Vergleich zu dem der Peergroup), in welcher Weise sie sich im biografischen Verlauf möglicherweise bedingen, zumindest aber zusammenwirken oder auch wechselseitig aushebeln, vor allem aber wie sich der Zusammenhang individueller Orientierungsleistungen mit Sozialisationsbedingungen gestaltet(z. B.: Durch welche Sozialisationserfahrungen und persönliche Verarbeitungsweisen kommen im jeweils individuellen Fall positive Selbst- und Sozialkompetenzen zustande?). Distanzierungen Prozesse der Abstandnahme von bisher vertretenen rechtsextremen Orientierungen werden bislang kaum mehr untersucht als Bedingungen für eine von vornherein gegebene Unansprechbarkeit für solche politischen Angebote. Diesbezügliche Wissensbestände und Deutungen finden sich eher abseits der sozialwissenschaftlichen Forschung im engeren Sinne(vgl. dazu aber schon Möller 2000; Pfeil 2002; Rommelspacher 2006 und die im nächsten Abschnitt ausführlich behandelte Studie von Möller/Schuhmacher 2007 sowie z. B. Möller/Schuhmacher 2009; Möller 2010), nämlich in den teils journalistisch aufgemachten Recherchepublikationen gesellschaftswissenschaftlich interessierter Szenekenner(vgl. etwa Schröder 2002; Speit 2005), in Aussteigerbiografien(vgl. Hasselbach 1993; Fischer 2001; Hewicker 2001; Lindahl/Mattson 2001; ZdK 2002; Bar 2003; Greger 2005) und in Berichten von Ausstiegsprojekten(Bjørgo 2001; Landeskriminalamt 2002; Landesamt 2006; Schelleter 2006). Fasst man ihre wesentlichen Ergebnisse in Hinsicht auf die schon oben betrachteten Sozialisationsaspekte zusammen, so zeigt sich: • Für den Bereich der Familie: Familiäre Brüche, die im Laufe der Szenemitgliedschaft entstanden waren oder auch schon davor bestanden hatten, werden im Distanzierungsprozess entweder in produktiver Konfliktaustragung überwunden oder wenigstens soweit aufgearbeitet, dass der/die Betroffene nun glaubt, mit ihnen ohne die rechte Szene als„Ersatzfamilie“ leben zu können. • Für den Bereich der Familie wie des weiteren sozialen Umfelds: Konflikte, in denen man sich während der Szenezeit befunden hat, verlieren ihre Relevanz und es werden zunehmend Kontakte außerhalb der Szene aufgenommen. • Für den Bereich der Schule bzw. des Berufs: Es stellen sich Erfolgserlebnisse in Hinsicht auf produktive Arbeit und selbstständige Lebensführung ein, sodass ein kompetenzbasierter Selbstwert wachsen kann, der allmählich an die Stelle des durch Szene- FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 zugehörigkeit über kollektive Selbstzuschreibungen via Nation, Ethnie und Rasse gestellten Selbstwerts treten kann. • Für den Bereich der Gleichaltrigen: Die Hermetik der Cliquen- und Szenezusammenhänge wird durchbrochen und an die Stelle von„Kameradschaft“, die sich mit ihren unrealisierten Werten von Treue und Zusammenhalt, aber auch mit ihrem rigiden Freund-Feind-Denken als Mythos erweist, treten offenere, diskursiver angelegte multiplexe soziale Bezüge, in denen verschiedene Beziehungen mit unterschiedlicher Funktionszuweisung nebeneinander bestehen bzw. miteinander verschränkt sind. • Für den Bereich der Partnerschaft: In nicht wenigen Fällen scheint eine neue Partnerschaft als auslösendes Moment für Distanznahmen zu fungieren. • Für den Bereich des Medienkonsums: Mal mehr, mal weniger ändern Aussteigende ihren Medienkonsum dahingehend, dass sie auf rechtsextrem konnotierte Produkte verzichten und sich dabei oft auch einen Musikstil aneignen, der weniger oder gar nicht als rechtsextrem unterwandert gilt. • Für den Bereich der Öffentlichkeit: Wenn nicht – wie im Falle der bekannten Aussteiger/innen – ein neues öffentliches Auftreten, nun allerdings mit umgekehrten politischen Vorzeichen, präferiert wird, dann erfolgt häufig ein Rückzug in den Privatismus – und sei es nur aus Gründen eines gewachsenen Interesses an bürgerlicher ‚Normalität’ sowie der Vermeidung von(ggf. weiterer) Repression und Sanktionierung. • Für den Bereich individueller Eigenarten: Es entfalten sich bzw. es verstärken sich handlungsrelevant jene Selbst- und Sozialkompetenzen, die diejenigen auszeichnen, die sich von vornherein durchgängig distanziert zeigen. Gerade aus pädagogischer Sicht ist der damit skizzierte Kenntnisstand allerdings keineswegs befriedigend. Unklar bleibt etwa, wo die Auslöser für die benannten Umorientierungen liegen, ob es so etwas wie eine kritische Schwelle szeneinterner Unzufriedenheit oder gesellschaftlicher Sanktion(sdrohung) gibt(zur Bedeutung von letzteren vgl. Möller/Schuhmacher 2009), wie sich das Zusammenspiel der Wandlungen in den einzelnen Lebensbereichen darstellt und wie diese sich im zeitlichen Verlauf der Distanzierung vollziehen. Fragestellungen dieser Art können am ehesten dann beantwortet werden, wenn man die Bedingungsfaktoren der politischen Sozialisation nicht als statische Zustände, sondern in ihrer Entwicklungsdynamik im biografischen Verlauf betrachtet. Schauen wir also auf den Entwicklungsprozess politischer Haltungen und fokussieren dabei gleich auf solche Prozesse, die aus rechtsextremen Orientierungen herausführen. 2. Auslösung und Ablösung – Entwicklungspfade Will man politische Sozialisation wissenschaftlich nicht nur vordergründig als Prozess verstehen, hat das für ihre empirische Untersuchung Konsequenzen. Zu ihnen gehört ganz wesentlich, sich nicht mit punktuellen Erhebungen zufriedenzugeben. Es verbleiben dann im Prinzip zwei Möglichkeiten: Entweder man versucht eine Rekonstruktion der Entwicklung in der hinsichtlich ihrer Verlässlichkeit stark bezweifelbaren Rückschau von Befragten oder man versucht, möglichst zeitnah prozessbegleitend„am Ball zu bleiben“, entscheidet sich also für eine längsschnittliche Untersuchungsanlage, die Proband/innen ein Stück des Weges ihrer Sozialisation begleitet und – sozusagen analog einem Wehenschreiber – die dabei zu registrierenden Bewegungen aufzeichnet. Eine Studie des letztgenannten Typus wurde unter Leitung des Autors dieses Beitrags von 2002 – 2005 mit qualitativen Instrumenten – im Wesentlichen wiederholten Leitfadeninterviews mit(ehemaligen) Mitgliedern rechtsextremer Cliquen und Szenen – durchgeführt. Proband/innen waren etwa 40 ost- 4 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE 1 I 2010 und westdeutsche Skinheads männlichen und weiblichen Geschlechts im Alter zwischen 14 und 27 Jahren(vgl. Möller/Schuhmacher 2007). Auf der Basis der oben erwähnten empirischen Befunde sowie bestimmter, als gut abgesichert geltender theoretischer Überlegungen wurde in dieser Untersuchung davon ausgegangen, dass politische Orientierungen aus identitätsrelevanten Alltagserfahrungen resultieren. Deshalb interessierten vor allem die Erfahrungen der Untersuchungspersonen in ihren wichtigsten Sozialisationsbereichen sowie die (im Folgenden aus Platzgründen vernachlässigten) Mechanismen und Kompetenzen ihrer Verarbeitung (viel eingehender zur Forschungsprogrammatik vgl. auch Möller 2005). Die Ergebnisse der Studie zeigen(vgl. ausführlicher als an dieser Stelle möglich Möller/Schuhmacher 2007): Abwendungsprozesse von rechtsextremen Orientierungs- und Szenezusammenhängen vollziehen sich – etwas vereinfacht dargestellt – in einem Dreieck aus spezifischen Erfahrungen im Binnenraum der Szene(1), sozialen Praxiszusammenhängen außerhalb der Szene(Familie, Peers, Beruf etc.) (2) und den Herausforderungen der Gestaltung lebensphasenspezifischer Entwicklungsaufgaben(3), wobei weniger die objektiven Vollzüge in diesen Sektoren relevant sind als die Bewertungen, die ihnen seitens des Subjekts zugesprochen werden. Ausstiege lassen sich zwar nach Mustern gruppieren, 1 interessanter erscheinen allerdings die Phasen, die den Verlauf eines Aussteigens kennzeichnen: • zum Ersten die Phase der Irritation inhärenter und kohärenter Überzeugungen, also von Infragestellungen der bislang als relativ widerspruchsfrei erlebten eigenen politischen Orientierung und der damit verknüpften Cliquen- bzw. Szenemitgliedschaft, • zum Zweiten die Phase der inneren und lebenspraktischen Loslösung von Haltungen und Verhaltensweisen, in der die vorher noch in der Latenz gehaltenen Irritationen handlungsrelevant werden, und • zum Dritten die Phase der Manifestation von innerer und lebenspraktischer Distanz, die sich in einem als endgültig betrachteten„Bruch mit der Szene“ dokumentiert. Setzt man diese Phasen in Relation zu den Erfahrungen, die in den für den Ablösungsprozess wichtigsten Sozialisationsbereichen, nämlich in den Sektoren Familie, Peers, Schule/Ausbildung/Beruf und Partnerschaft gemacht werden, so ist festzustellen: • Auslöser von Irritationen liegen in erster Linie in szeneinternen Enttäuschungs- und Gewalterfahrungen. Sie betreffen z. B. die Nicht-Akzeptanz entweder der eigenen Person oder eng befreundeter Personen, die sich verschärft in partiellem Ausschluss und in Demütigungen zeigt. In derselben Weise wirken Enttäuschungen von Hilfeerwartungen, Unzuverlässigkeiten von„Kameraden“ und generell Wahrnehmungen der Nicht-Einlösung von Werten, die in der rechten Szene zwar hoch gehandelt werden(z. B. Zusammenhalt, unbedingtes Füreinander-Einstehen), denen es aber erkennbar an Realisierung mangelt. Besonders starke Irritationen entwickelt, wer Opfer körperlicher Gewalt von„Kameraden“ wird, zumal, wenn sich diese Violenz nicht als einmaliger durch Umstände entschuldbarer„Ausrutscher“, etwa „im Suff“, kleinreden lässt. Irritationsförderlich sind aber auch neue und neuartige Kontakte im(Aus-)Bildungs- und/oder Berufsbereich. Wenn hier beispielsweise ein ausländischer Kollege, mit dem man tagtäglich eng zusammenarbeitet, überhaupt nicht jenen Stereotypen entspricht, die innerhalb der Szene über Nicht-Deutsche verbreitet werden, unter Umständen zudem noch die Rationalisierungsleistung der 1 So unterscheiden wir vier quer über die Untersuchungsfälle hinweg immer wieder auftauchende Muster, die den Status von Teilbegründungen aufweisen: das Teilmuster desintegrierender Binnenerfahrungen im Szenekontext, das Teilmuster sozialer Kontrolle in Referenzbeziehungen, das Teilmuster des ‚Maturing Out’ sowie das Teilmuster institutioneller Sanktionierung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 „Ausnahme von der Regel“ nicht mehr greift und ein zusätzliches Interesse an beruflicher Stabilisierung, vielleicht sogar an Aufstieg aufkommt, treten Dissonanzen auf den Plan, die ohne ein Überdenken der eigenen politischen Positionierung kaum auszuhalten und zu beseitigen sind. Während innerhalb des Lebensbereichs der Familie Auslösefunktionen für Irritationen nicht erkennbar sind, können andere Primärbeziehungen, nämlich private Partnerschaften, erheblich irritationsbegünstigend wirken. Dies ist im Wesentlichen in zwei Konstellationen der Fall: in szeneinternen Partnerschaften dann, wenn sie nicht rein sexuell, sondern emotional als Dauerbeziehungen grundiert sind und als solche Gelegenheiten zum Austausch über die oben beschriebenen Desintegrationserfahrungen innerhalb der Szene oder andere, in das vorhandene Deutungsraster nicht einpassbare Erfahrungen ermöglichen; in szeneexternen Partnerschaften in jenen Fällen, in denen ein neuer Partner, viel häufiger jedoch eine neue Partnerin, das Szenemitglied vor die Wahl stellt nach dem Motto:„entweder die Szene oder ich“. • Der Eintritt in die Phase der inneren und lebenspraktischen Loslösung bedarf weiterer Bedingungen. Zu ihnen gehört in erster Linie auf der Ebene der Peer-Beziehungen die alltagspraktische Distanzierung von den bisherigen Kontaktzusammenhängen, also die entweder abrupt vollzogene oder stückchenweise vonstattengehende Entflechtung der Sozialkontakte. Sie zeigt sich darin, die mit der Szene zusammenhängenden eingefahrenen Alltagsvollzüge, vor allem die entsprechenden Freizeitgewohnheiten wie etwa das„Abhängen mit den Rechten“ oder auch den Besuch einschlägiger Events – wie Konzerte rechter Bands – nicht mehr zu verfolgen, ja Kontakt trotz Insistieren und gegebenenfalls auch Drohungen von Szenemitgliedern aktiv abzulehnen. Dies kann umso besser gelingen, je stärker der Aufbau neuer und/oder die Reaktivierung alter Kontakte aus der Zeit vor der Szenezugehörigkeit betrieben wird. Damit erschließt sich ein Horizont, der vorher nicht einsehbar war und Deutungen beinhaltet, die an die Stelle bislang gehegter Überzeugungen treten können. Besonders Erfolg versprechend kann dies nicht nur dann gelingen, wenn man den Ausstieg gemeinsam mit einem„Kumpel“ vollzieht und sich so(wechselseitiger) Unterstützung relativ sicher sein kann, sondern auch, wenn eine gemischtgeschlechtliche Partnerschaft des erwähnten Zuschnitts in der Lage ist, Cliquen- und Szenebindungen alltagspraktisch und im emotionalen Erleben zu verdrängen. Im Bereich von Arbeit und(Aus-)Bildung müssen die Irritationsfaktoren eine Gelegenheit bekommen, durch Chancen auf die Verfolgung individueller Lern-, Versorgungs- und Gestaltungsinteressen gestärkt zu werden. In diesem Fall erleidet der in der Szene gängige Kollektivgedanke einen Bedeutungsverlust, sodass die jeweilige persönliche Weiterentwicklung in den Vordergrund rücken kann. Im Loslösungsstadium kann sich auch die Familie als wichtiger Stabilisierungsfaktor erweisen. Nun machen sich auch elterliche Auseinandersetzungsbereitschaften und(Wieder-)Einbindungsangebote bezahlt, die in der Phase der Szenezugehörigkeit von Sohn oder Tochter scheinbar wirkungslos verpufft waren. Sie können jetzt von beiden Seiten als Signale anknüpfungsfähiger Hilfsbereitschaft gedeutet werden und somit eine Vorbereitungsfunktion besitzen für eine Familienkommunikation auf neuem Niveau, insbesondere aber für alltagspraktische Unterstützungen, die seitens der Familienmitglieder z. B. im Bereich des Wohnens, der persönlichen Arbeitsvermittlung, der Finanzierung von nachzuholenden Bildungsabschlüssen, der Betreuung eines inzwischen geborenen Kindes etc. geleistet werden(können). • In der Phase der Manifestation schließlich kommt hinsichtlich der Funktionen des Familienkon- 6 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE 1 I 2010 textes zu den schon erwähnten alltagspraktischen Unterstützungen noch hinzu, dass das(realistische oder auch geschönte) Bild der zumeist eigenen (Herkunfts-)Familie mehr und mehr zur ideellen Vorlage präferierter privater Lebensformen wird. Ihr Kopieren erscheint als eine Art Garantie für eine ‚Normalität’, die ihre Attraktion zuvörderst aus dem Rückzug in die Privatheit der„kleinen Lebenswelten“(Benita Luckmann) und aus dem „In-Ruhe-gelassen-Werden“ bezieht. Altersgemäß lösen Partnerschaften mehr und mehr alltagspraktische und sozio-emotionale Aufgabenzuschreibungen der Herkunftsfamilie ab, sodass sie den Hauptrahmen für die Gestaltung des Privatlebens abgeben. Im Zuge der Manifestierung der Ablösung entsteht diesbezüglich zumeist die Vorstellung, aber auch das Modell einer auf romantische Liebe gründenden Mann-Frau-Beziehung geteilter Verpflichtungen. Die Beziehungsgestaltung entspricht dabei im Regelfall in den Grundfesten den(nicht zuletzt geschlechtshierarchischen) Konventionen, die aus dem eigenen Familienalltag bzw. von unauffällig lebenden Verwandten und Freunden bekannt sind und als „normal“ gelten. Die Freundschaftsnetze, die geknüpft werden, stellen sich über kaum befragte Gewohnheiten des Zusammenseins, im weitesten Sinne und zumeist aber über persönliche Sympathiebeziehungen her, werden jedenfalls nicht bewusst durch politische Überlegungen und/oder ethnisch konnotierte Wahrnehmungen gesteuert. Multiplexität, Diskursivität und sozial akzeptables gemeinsames Erleben(etwa mittels Freizeitkonsum) sind ihre Hauptkennzeichen. Die Bereiche von Beruflichkeit und Bildung schwingen sich nunmehr noch stärker zu Medien des Selbstwertaufbaus auf. Sie fungieren auch als ‚Schaufenster’ der Dokumentation von Integriertsein und normalbiografischer Lebensführung. Der Stolz auf die eigene Leistung verdrängt den vormaligen„Stolz, Deutscher zu sein“. Der konkrete Lebensverlauf und der jeweils persönlich relevante politische Orientierungsaufbau sind interindividuell so unterschiedlich, dass es den einen Entwicklungspfad aus dem extrem rechten politischen Spektrum heraus nicht geben kann. Ebenso wenig würde eine Typologie einer übersichtlichen Zahl von Entwicklungspfaden dieser Vielfalt gerecht, denn selbst wenn man Auslösefaktoren getrennt z. B. nach Peerzusammenhängen, Schule, Arbeit, Partnerschaft etc. zusammenstellen und voneinander abheben würde, differenzierten sie sich im weiteren Verlauf derartig aus, dass keine typischen Linien in diesen Verästelungen erkennbar blieben. Der Erkenntnisgewinn, der aus der Identifizierung von Phasen der Ablösung beziehbar ist, ergibt sich also nicht aus einer fallübergreifenden Schematisierung der Abläufe unterschiedlicher Entwicklungsverläufe unterschiedlicher Subjekte. Vielmehr liegt er darin, die Bedeutsamkeit der Sozialisationsinstanzen und der aus ihnen(potenziell) erwachsenden Leistungen für einzelne Etappen des Ausstiegsprozesses ersichtlich zu machen. So wird ausgeschildert, in welchen Bereichen und in welcher Richtung Interventionen Erfolg versprechend sind. Prof. Dr. Kurt Möller ist Professor für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit an der Hochschule Esslingen und Privatdozent an der Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Jugend-, Gewalt- und Extremismusforschung. Einschlägige Publikationen siehe unter: www6.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Kurt.Moeller; E-Mail: Kurt.Moeller@hs-esslingen.de FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 Literatur Bar, Stefan Michael(2003): Fluchtpunkt Neonazi. Eine Jugend zwischen Rebellion, Hakenkreuz und Knast, Berlin. Bjørgo, Tore(2001): Exit Neo-Nazism: Reducing Recruitment and Promoting Disengagement from Racist Groups(unveröffentlichtes Manuskript). Butz, Petra/Boehnke, Klaus(1997): Auswirkungen von ökonomischem Druck auf die psychosoziale Befindlichkeit von Jugendlichen. In: Zeitschrift für Pädagogik 43, Heft 1, S. 79–92. Fischer, Jörg(2001): Ganz rechts. Mein Leben in der DVU, Reinbek bei Hamburg. Greger, Nick W.(2005): Verschenkte Jahre. Eine Jugend im Nazi Hass, Berlin: Books on Demand. Hasselbach, Ingo(1993): Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus, Berlin und Weimar. Hewicker, Christine(2001): Die Aussteigerin. Autobiographie einer ehemaligen Rechtsextremistin, Oldenburg. Hopf, Christel/Rieker, Peter/Sanden-Marcus, Martina(1995): Familie und Rechtsextremismus. Familiale Sozialisation und rechtsextreme Orientierungen junger Männer, Weinheim und München. Kleinert, Corinna(2004): Fremdenfeindlichkeit. Einstellungen junger Deutscher zu Migranten. Wiesbaden Kracke, Baerbel/Noack, Peter/Hofer, Manfred/Klein-Allermann, Elke(1993): Die rechte Gesinnung: Familiale Bedingungen autoritärer Orientierungen ost- und westdeutscher Jugendlicher. In: Zeitschrift für Pädagogik 39, Heft 6, S. 971–988. Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen(2006): Aussteigerprogramm: Konzeption und Bilanz. Dresden (unveröffentlichtes Manuskript) Landeskriminalamt Baden-Württemberg, Abteilung 6 – Staatsschutz, BIG-REX(2002): Bewertung von Leitfadengestützten Interviews von Aussteigern der ZG 3 zur Feststellung möglicher Einstiegs- bzw. Ausstiegsmotivation aus der rechtsextremistischen Szene. Anlage 1 zur Evaluation des Programms„Ausstiegshilfen Rechtsextremismus“. Stuttgart(unveröffentlichtes Manuskript) Lindahl, Kent/Mattson, Jane(2001): Exit. Ein Neonazi steigt aus, München. Möller, Kurt(2000): Rechte Kids. Eine Langzeitstudie über Auf- und Abbau rechtsextremistischer Orientierungen bei 13- bis 15Jährigen, Weinheim und München. Möller, Kurt(2005): Skinheads im Spannungsfeld gesamtgesellschaftlicher Desintegration und partikularistischer Integration. In: Heitmeyer, Wilhelm/Imbusch, Peter(Hg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Wiesbaden. Möller, Kurt(2010): Ausstiege aus dem Rechtsextremismus. Wie professionelle Ausstiegshilfen Themen- und Bearbeitungsdiskurse über Rechtsextremismus(re-)produzieren und modifizieren. In: Groenemeyer, Axel (Hrsg.): Doing Social Problems. Mikroanalysen der Konstruktion sozialer Probleme und sozialer Kontrolle in institutionellen Kontexten, Wiesbaden 2010, S. 220–245. Möller, Kurt/Schuhmacher, Nils(2007): Rechte Glatzen. Rechtsextreme Szene- und Orientierungszusammenhänge – Einstiegs-, Verbleibs- und Ausstiegsprozesse von Skinheads, Wiesbaden. Möller, Kurt/Schuhmacher, Nils(2009): Raus aus der rechtsextremen Ecke. Was bewirken Repression und institutionelle Sanktionierung? In: Widersprüche 31, Heft 113, S. 103–116. 8 EXPERTISEN FÜR DEMOKRATIE 1 I 2010 Pfeil, Christian(2002): Biographien von Aussteigern der rechtsextremen Szene. Oldenburg: Carl von Ossietzky Universität(unveröffentlichte Diplomarbeit). Rieker, Peter(1997): Ethnozentrismus bei jungen Männern. Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus und die Bedingungen ihrer Sozialisation, Weinheim und München. Rippl, Susanne(2002): Bildung und Fremdenfeindlichkeit. Die Rolle schulischer und familialer Sozialisation zur Erklärung von Bildungsunterschieden im Ausmaß von fremdenfeindlichen Einstellungen. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 54, Heft 1, S. 135–146. Rommelspacher, Birgit(2006):„Der Hass hat uns geeint“. Junge Rechtsextreme und ihr Ausstieg aus der Szene, Frankfurt a. M. und New York. Schelletter, Sabrina(2006): Staatlich organisierte Aussteigerprogramme für rechtsextremistisch orientierte Jugendliche und junge Erwachsene. Ein bundesdeutscher Ländervergleich, Marburg: Philipps-Universität, Fachbereich Erziehungswissenschaften(unveröffentlichte Diplomarbeit). Schröder, Burkhard(2002): Aussteiger. Wege aus der rechten Szene, Ravensburg. Speit, Andreas(2005): Mythos Kameradschaft. Gruppeninterne Gewalt im neonazistischen Spektrum, Braunschweig(Bildungsvereinigung Arbeit und Leben/Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt). Wahl, Klaus; Ottinger-Gaßebner, Martina; Kleinert, Corinna; Renninger, Suzann-Viola(2005): Entwicklungsund Sozialisationsbedingungen für Toleranz.. In: Bertelsmann Stiftung/Bertelsmann Forschungsgruppe Politik(Hg.): Strategien gegen Rechtsextremismus. Band 1: Ergebnisse der Recherche. Gütersloh, S. 16–79 ZDK – Zentrum Demokratische Kultur(Hrsg.)(2002):„... dann hab ich mir das Hitlerbärtchen abrasiert“: Exit – Ausstieg aus der rechten Szene, Leipzig. Das Projekt„Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus“ im Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung bietet kontinuierlich Publikationen, Veranstaltungen und Seminare zu aktuellen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus und zu effektiven Gegenstrategien an. Als Projektträger des Xenos-Sonderprogramms„Ausstieg zum Einstieg“ widmet sich das Projekt insbesondere dem Thema Ausstieg sowie der internationalen Vernetzung ausstiegsorientierter Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus. Die Publikationsreihe„Expertisen für Demokratie“ bündelt ausgewählte Fachbeiträge zu aktuellen Fragestellungen aus der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus. Sie wird ergänzt durch die Publikationsreihe„Impulse gegen Rechtsextremismus“, welche die wichtigsten Ergebnisse unserer Veranstaltung dokumentiert. Für mehr Informationen hierzu und wenn Sie auch zukünftige Ausgaben der Publikationsreihen erhalten möchten, senden Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an forum.rex@fes.de. Mehr Informationen zu der Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus finden Sie unter www.fes-gegen-rechtsextremismus.de oder erhalten Sie gerne bei Nora Langenbacher(Nora.Langenbacher@fes.de). Dieses Projekt wird gefördert von: