Oktober 2010 Analysen und Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik direkt Exporte um jeden Preis? Zur Diskussion um das deutsche Wachstumsmodell Heike Joebges 1 Auf einen Blick Der deutsche Drang nach Exportüberschüssen ist problematisch, für das Land selbst und seine europäischen Nachbarn. Zu kritisieren ist vor allem die ihnen zugrunde liegende Lohn- und Wirtschaftspolitik, denn die Überschüsse wurden maßgeblich durch geringe Lohnsteigerungen und ein Zurückbleiben staatlicher Ausgaben begünstigt. Folge war einerseits ein Anstieg der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, andererseits eine Schwächung der Binnendynamik und des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Diese Politik schadete zugleich den Euro-Mitgliedsländern. Diese weisen spiegelbildlich einen Verlust an internationaler Wettbewerbsfähigkeit, steigende Handelsdefizite und eine zunehmende Auslandsverschuldung auf. Statt einer überzogenen Sparpolitik, die die Verschuldungskrise weiter verschärft, bräuchten diese Länder neue Wachstumsimpulse über Außenhandelsüberschüsse zum Abbau ihrer hohen gesamtwirtschaftlichen Schuldenquoten. Nicht die Exporte, sondern die Exportüberschüsse sind das Problem Der Anteil der Exporte von Waren und Dienstleistungen am Bruttoinlandsprodukt(BIP) hat sich in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre fast verdoppelt: Die Exportquote nahm von 24 Prozent im Jahr 1995 auf gut 47 Prozent im Jahr 2008 zu. Selbst für ein großes Land wie Deutschland ist die mittlerweile erreichte Exportquote ungewöhnlich hoch. Abgesehen von der dadurch gestiegenen wirtschaftlichen Abhängigkeit Deutschlands von der Entwicklung der Weltwirtschaft, stellt der Anstieg der Exportquote, für sich genommen, aber kein Problem dar. Problematisch ist jedoch, dass die Importe – trotz ebenfalls hoher Wachstumsraten – seit dem Jahr 2000 hinter den Exportentwicklungen zurückblieben. Folglich haben sich seitdem die Handels- und damit auch die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands ausgeweitet. 2008 erreichte der Überschuss der Leistungsbilanz acht Prozent des BIP. Besonders deutlich fiel die Auseinanderentwicklung der Wachstumsraten von Exporten und Importen beim Handel mit dem Euroraum aus. Das hat zu den Ungleichgewichten beigetragen, die sich jetzt in Schuldenkrisen entladen. WISO direkt Oktober 2010 Friedrich-Ebert-Stiftung Deutsche Exporterfolge getragen von Abbau der öffentlichen Beschäftigung und die geringen Lohnkostensteigerungen Reduzierung von Umverteilungsmaßnahmen, negativ auf die inländische Nachfrage und damit In der öffentlichen Debatte werden die deutauch negativ auf die Lohnentwicklung aus. schen Exporterfolge häufig mit der hohen Qualität der Industriegüter erklärt, die diese weltweit – und derzeit vor allem in den wachstumsGeringe Lohnsteigerungen schwächen die binnenwirtschaftliche Dynamik starken asiatischen Ländern – so gefragt mache. Auch wenn das für eine Reihe von Exportgütern Da Löhne nicht nur Kosten im Produktionsprodurchaus stimmen mag, erscheint diese These zess, sondern gleichzeitig Einnahmen der privaaus gesamtwirtschaftlicher Sicht für alle Warenten Haushalte darstellen, hat die geringe Lohnausfuhren aber sehr zweifelhaft. Gerade die Exentwicklung der vergangenen Dekade zu einer porte in den Euroraum scheinen in großem Maße massiven Schwächung der Haushaltseinkommen von der vergleichsweise schwachen Entwicklung geführt. Die real verfügbaren Einkommen stagder Arbeitskosten und der damit einhergehenden nierten. Insofern ist nicht erstaunlich, dass auch ständigen Verbesserung der preislichen Wettbeder Konsum in Deutschland seit der Einführung werbsfähigkeit Deutschlands profitiert zu haben. des Euro weitgehend stagnierte. Gleichzeitig entwickelten sich sowohl die privaten als auch die Aufgrund der gemeinsamen Währung im Eurostaatlichen Investitionen sehr schwach. raum sind die Relationen der nominalen Lohnstückkosten der Mitgliedsländer untereinander Die Importnachfrage eines Landes hängt in starmaßgeblich für die preisliche Wettbewerbsfähigkem Maße von der binnenwirtschaftlichen Entkeit. Die Lohnstückkosten stagnierten in Deutschwicklung ab. Insofern hat die schwache Dynamik land seit Beginn der Währungsunion bis zur in Deutschland anderen Ländern die Chance geFinanzkrise. Im Verarbeitenden Gewerbe waren nommen, ihre Waren in Deutschland abzusetdie Lohnstückkosten seit 2000 sogar rückläufig. zen. Folglich haben sich die deutschen ExportDa die anderen Mitgliedsländer höhere Zuwächüberschüsse gegenüber den anderen Mitgliedsse bei den Lohnstückkosten verzeichneten, verstaaten massiv ausgeweitet. loren sie gegenüber Deutschland kumulativ an Wettbewerbsfähigkeit. Deutsche Exportüberschüsse vor allem problematisch für Die Lohnstückkosten berechnen sich aus dem Handelspartner im Euroraum Verhältnis der Effektivlöhne zur Arbeitsproduktivität. Die Stagnation der Lohnstückkosten in Den Exportüberschüssen Deutschlands stehen Deutschland könnte daher auf einer überdurchDefizite der Handelspartner gegenüber. Diese Auschnittlichen Entwicklung der Produktivität beßenhandelsdefizite schmälern nicht nur deren ruhen. Das ist aber nicht der Fall: Der Anstieg der Wachstum, sondern müssen von den Ländern Arbeitsproduktivität Deutschlands lag nur leicht auch durch eine Kreditaufnahme im Ausland fiüber dem Euroraum-Durchschnitt. Verantwortnanziert werden. Kontinuierliche Außenhandelslich für Deutschlands Verbesserungen der preisdefizite(und damit im Allgemeinen auch Leislichen Wettbewerbsfähigkeit waren daher maßtungsbilanzdefizite) führen zu einem Anstieg der geblich die geringen Zuwächse der Effektivlöhne Auslandsverschuldung. Setzt sich dieser Prozess im Vergleich zum restlichen Euroraum. fort, wird früher oder später die Zahlungsfähigkeit des Landes angezweifelt werden. Dieser ProDie geringen Lohnsteigerungen sind das Ergebzess ist derzeit vor allem in Griechenland zu benis von Lohnverhandlungen und damit Ausobachten, das durch Bilanzmanipulationen zudruck der begrenzten Verhandlungsmacht der sätzlichen Argwohn nährte. Ähnliche Probleme Gewerkschaften. Verstärkt wurde der Druck auf drohen auch anderen südlichen Euro-Ländern die Löhne jedoch durch staatliche Eingriffe: So wie z. B. Spanien – trotz bis zur Finanzkrise solihaben Arbeitsmarktreformen, insbesondere Hartz der staatlicher Haushaltspolitik. IV, das„Ausfransen“ der Löhne nach unten begünstigt. Gleichzeitig wirkten sich die KonsoliUm dem Verdacht der Zahlungsunfähigkeit zu 2 dierungsbemühungen des Staates, vor allem der entgehen, sind die Länder auf eine Umkehrung Wirtschafts- und Sozialpolitik WISO direkt Oktober 2010 ihrer Handelsbilanzsalden in Außenhandelsüber- Deutschlands Überschuss mit den Euroraumlänschüsse angewiesen. Zur Förderung ihrer Exporte dern ging 2009 im Vergleich zum Vorjahr um fast wäre eine Verbesserung ihrer preislichen Wett- 40 Prozent zurück. Dadurch haben sich die Leisbewerbsfähigkeit notwendig. Während Länder tungsbilanzsalden der Euroraumländer verrinaußerhalb des Euroraumes diese Verbesserung gert: Die Überschüsse Deutschlands gingen ebenüber eine Abwertung der nationalen Währung so zurück, wie die Defizite Spaniens und Italiens. erzielen können, stellt dies wegen der gemeinsamen Währung für die Euro-Mitgliedsstaaten keiDass sich Deutschlands Exportüberschüsse verne Option dar. Wollen diese ihre preisliche Wettringerten, lag auch an der – im Gegensatz zu anbewerbsfähigkeit verbessern und dazu ihre Lohnderen Ländern – stabilen Konsumentwicklung. stückkosten senken, müssten sie höhere ProdukNeben den konjunkturstabilisierenden Maßnahtivitätszuwächse und/oder geringere Lohnzumen wie der Abwrackprämie war dies vor allem wächse erzielen. Für eine Verbesserung ihrer der Tatsache zu verdanken, dass die ArbeitslosenHandelssalden mit Deutschland läge der erquote trotz Krise sogar leicht zurückging, wähforderliche Rückgang der Lohnstückkosten im rend sie in anderen Ländern massiv anstieg. Unzweistelligen Bereich: Seit der Einführung des ternehmen in Deutschland nutzten – statt EntEuro bis zur Finanzkrise hatten die Lohnstücklassungen – verschiedene Möglichkeiten der inkosten pro Stunde in Portugal, Italien und Spaternen Flexibilisierung zur Anpassung der Arnien um jeweils etwa 30 Prozent zugelegt, wähbeitszeit an die gesunkene Nachfrage: zum einen rend der Anstieg in Deutschland nicht einmal das staatlich geförderte Instrument der Kurzarvier Prozent erreichte. beit, zum anderen die in den vergangenen Jahren tarifvertraglich eingeführten Arbeitszeitkonten Angesichts der bisherigen Entwicklungen scheisowie die für Krisensituationen geschaffene Mögnen weder Produktivitätsverbesserungen noch lichkeit der Reduktion der Regelarbeitszeit. Lohnrückgänge in diesem Ausmaß realistisch. Insofern greift die Argumentation zu kurz, dass Weil Arbeitskräfte trotz des Nachfrageeinbruchs die Handelsdefizite der anderen Euroraumländer in Deutschland gehalten wurden, sank die Arallein deren Problem seien und deshalb auch nur beitsproduktivität vorübergehend stärker als in in den Ländern selbst gelöst werden könnten. anderen Ländern. In der Folge sind die LohnAuch wenn nationale Probleme in den Defizitstückkosten mit über fünf Prozent im Jahr 2009 ländern zur Auseinanderentwicklung der Salden in Deutschland trotz des nur durchschnittlichen im Euroraum beigetragen haben und die Länder Anstiegs der Effektivlöhne deutlich stärker geFehlentwicklungen durch eine veränderte Wirtstiegen als in vielen anderen Ländern des Euroschaftspolitik begegnen müssen, haben sie ohne raumes. Mithilfe Deutschlands kaum eine Chance. Eine Unterstützung würde höhere Lohnzuwächse in Durch die stärkere Erhöhung in Deutschland bei Deutschland darstellen, da diese sowohl die Bingleichzeitiger Abschwächung in Ländern mit nennachfrage – und in der Folge auch die Imvorher hohen Zuwachsraten, wie Spanien, haben porte – stärken als auch tendenziell die Lohnsich die Unterschiede in der Lohnstückkostenstückkosten steigen lassen würden. entwicklung vorübergehend verringert. Angesichts des hohen Vorsprungs Deutschlands bei Die Finanz- und Wirtschaftskrise der Wettbewerbsfähigkeit, konnten jedoch nur beseitigt nicht das Problem der Länder außerhalb des Euroraums durch eine AbExportüberschüsse wertung ihrer Währung wirklich aufholen. Gegenüber den Mitgliedsstaaten des Euroraumes Infolge der Krisenauswirkungen auf die Konjunkverfügt Deutschland durch die jahrelang untertur könnte man glauben, das Problem der Undurchschnittlich gestiegenen Lohnstückkosten gleichgewichte in den Leistungsbilanzsalden im über einen so großen„Wettbewerbspuffer“, dass Euroraum sei nicht mehr relevant bzw. baue sich es weiterhin preisliche Wettbewerbsvorteile bederzeit von alleine ab. Denn durch die weltweite sitzt. Zudem sinken die Lohnstückkosten in Rezession im Zuge der Finanzkrise reduzierten Deutschland bereits wieder, da die wirtschaftlisich die Handelsungleichgewichte zwischen che Dynamik mit einer Erholung der ProduktiviDeutschland und wichtigen Partnern deutlich. tät einhergeht. Die Exportüberschüsse gegenüber 3 WISO direkt Oktober 2010 den anderen Mitgliedsstaaten dürften sich daher schon in diesem Jahr wieder ausweiten. Die demographische Entwicklung kann das Problem zu geringer Lohnsteigerungen nicht allein lösen Seit dem Jahr 2006 sinkt das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland. Diese Entwicklung hatte in der Vergangenheit bereits zu einer Entspannung auf dem Arbeitsmarkt beigetragen. Der zu erwartende anhaltende Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials dürfte die Arbeitslosenquote weiter sinken lassen. Es ist dennoch fragwürdig daraus abzuleiten, dass die Lohn- und Gehaltssumme zukünftig viel stärker steigen werde. Darüber hinaus die Binnenwirtschaft ankurbeln und über höhere Importe auch zu einem Rückgang der Überschüsse beitragen werde. Im exportorientierten Verarbeitenden Gewerbe war die Lohnentwicklung auch bisher schon besser als in der Gesamtwirtschaft und ermöglichte Fachkräften höhere Lohnzuwächse. Der Dienstleistungsbereich weist in Deutschland aber ein viel niedrigeres Lohnniveau auf und einen im europäischen Vergleich ungewöhnlich hohen Lohnabstand zum Verarbeitenden Gewerbe. Insofern wird bei weiterhin schwacher Binnennachfrage gesamtwirtschaftlich nur wenig Spielraum für Lohnerhöhungen bestehen. Stattdessen ist zu befürchten, dass die von der Organisation for Economic Co-operation and Development(OECD) konstatierte extreme Zunahme der Ungleichheit der Lohn- und damit auch der Einkommensentwicklung seit dem Jahr 2000 weiter voranschreitet. Fazit: Zu geringe Lohnsteigerungen haben Wachstumsmöglichkeiten verschenkt Im Ländervergleich zeigt sich, dass Deutschland mit seiner am Export orientierten Wirtschaftspolitik bis zur Finanz- und Weltwirtschaftskrise nicht sonderlich erfolgreich war. Trotz der Exporterfolge gehörte das Land beim BIP-Wachstum Friedrich-Ebert-Stiftung zu den Schlusslichtern im Euroraum. Die Exporterfolge konnten die durch die geringen Lohnzuwächse verursachte Schwächung der Binnenwirtschaft nicht kompensieren. Die jahrelange Lohnzurückhaltung in Deutschland verhinderte einen höheren privaten Konsum und damit steigende Importe; zugleich trug sie maßgeblich zur weiteren Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen bei und zementierte auf diese Weise bestehende Außenhandelsungleichgewichte. Unter dem Strich hat Deutschland mit dieser Strategie nicht nur dem Euroraum, sondern auch sich selbst geschadet, indem es eigene Wachstumschancen vergab, die sich bei einer stärker binnenwirtschaftlichen Ausrichtung ergeben hätten. Andere europäische Länder, die zwischen binnen- und außenwirtschaftlicher Entwicklung einen balancierten Weg gewählt hatten, können eine bessere Wachstumsund Beschäftigungsbilanz vorweisen. Die Wirtschaftspolitik muss die Binnenwirtschaft stärken! Darauf zu hoffen, dass sich die Lohnentwicklung von allein verbessert, wäre wirtschaftspolitisch riskant. Stattdessen sollte der Staat alles für eine Stärkung der Binnenwirtschaft tun. Dazu beitragen würden Mindestlöhne, um das Ausfransen der Löhne nach unten zu begrenzen. Gleichzeitig sollten staatliche Investitionen, die im internationalen Vergleich erschreckend gering sind, verstärkt und gezielt in Bildung und Infrastruktur eingesetzt werden. Dasselbe gilt für die öffentliche Beschäftigung, die in den vergangenen Dekaden abgebaut wurde. Sollen öffentliche Investitionen und ein Ausbau öffentlicher Dienstleistungen ohne staatliche Neuverschuldung erfolgen, müssen dafür die Steuern erhöht bzw. solche Steuern eingeführt werden, die den Konsum wenig belasten. Infrage kommen dafür die Erhöhung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommenssteuer, die Erhöhung der Erbschaftssteuer sowie die Einführung einer Vermögenssteuer und einer Finanztransaktionssteuer. 1 Dr. Heike Joebges ist Professorin für Allgemeine Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt International Economics an der Hochschule für Technik und Wirtschaft(HTW) in Berlin. Das Thesenpapier beruht sowohl auf einer Veranstaltung des Arbeitskreises Nachhaltige Strukturpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung mit gleichlautendem Titel vom 16. September 2010 als auch auf einem Beitrag für ein WISO Diskurs der Friedrich-Ebert-Stiftung von Heike Joebges, Camille Logeay, Sabine Stephan und Rudolf Zwiener, der die Auswirkungen der Exportüberschüsse detailliert untersucht und in Kürze erscheint. 4 Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber: Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Fax 0228 883 9205 www.fes.de/wiso ISBN: 978-3-86872- 499-8