Fritz-Erler-Forum Dokumentation des Fachtages „ Mitläuferinnen& Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen“ am 28. Januar 2010 in Stuttgart Veranstaltet durch: Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Akademie der Jugendarbeit Baden-Württemberg Frauenkommission der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten(AGJF) Baden-Württemberg LAG Mädchenpolitik Baden-Württemberg LAG Offene Jugendbildung Baden-Württemberg(LAGO) 1 Herausgeber: Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Werastraße 24 D-70182 Stuttgart Telefon: 0711/ 24 83 94-3 Telefax: 0711/ 24 83 94-50 Email: info.stuttgart@fes.de Internet: http://www.fritz-erler-forum.de/ Dokumentation des Fachtages „ Mitläuferinnen& Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen“ am 28. Januar 2010 in Stuttgart Übersicht Begrüßung und Einführung aêK=`ÜêáëíáåÉ=^êÄçÖ~ëí=ìåÇ=räêáâÉ=p~ããÉí......................................................................................................... 2 Impulsreferat 1: Zwischen Windelwickeln und Straßenkampf. Rechtsextreme, junge Frauen im Einsatz für Volk und Vaterland bääÉå=bëÉå=EmçäáíáâïáëëÉåëÅÜ~ÑíäÉêáå=~ìë=h~êäëêìÜÉF KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK 2 Impulsreferat 2: Rechtsextreme Orientierungen bei Mädchen in lebensgeschichtlicher Perspektive. Geschlechterspezifische Aspekte und Konsequenzen für pädagogische Handlungsstrategien gçÜ~åå~=páÖä=Em®Ç~ÖçÖáåI=pçòáçäçÖáåI=_áäÇìåÖëêÉÑÉêÉåíáå=~ìë=d ∏ ííáåÖÉåF............................................................ 5 Worshop 1 „Wir brauchen nicht jede – aber vielleicht gerade dich!“ Ein- und Ausstiegsprozesse von Frauen und Mädchen. Fallbeispiele und Analysen bääÉå=bëÉåKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK 8 = Worshop 2 Zum pädagogischen Umgang mit rechtsextremen Mädchen Problemstellungen und Handlungsstrategien für die pädagogische Praxis gçÜ~åå~=páÖä=KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK 11 = Worshop 3 „Aktiv gegen Rechts!“ Argumente und Handlungsmöglichkeiten im Alltag g~åâ~=häìÖÉ KKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKKK 14 = Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Begrüßung und Einführung Der Fachtag begann mit der Begrüßung der Anwesenden durch Dr. Christine Arbogast vom Fritz-Erler-Forum BadenWürttemberg und Ulrike Sammet von der Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenpolitik Baden-Württemberg. Dr. Christine Arbogast verwies einleitend auf die Relevanz des Fachtages. Sie betonte, dass Rechtsextremismus noch immer als Randphänomen gelte und der Stereotyp vom männlichem rechten Skinhead dominant sei, obgleich sich die rechtextreme Szene längst ausdifferenziert und vor allem die Zahl engagierter Frauen und Mädchen zugenommen habe. Ulrike Sammet führte daran anschließend aus, dass es das Ziel der Tagung sei, zwei Erfahrungsstränge pädagogischer Arbeit zusammenzubringen: zum einen die Jugendarbeit- speziell Beratung und Information gegen Rechts, und zum anderen die Mädchenarbeit. Zwischen Windelwickeln und Straßenkampf. Rechtsextreme junge Frauen im Einsatz für Volk und Vaterland von Ellen Esen EmçäáíáâïáëëÉåëÅÜ~ÑíäÉêáå=~ìë=h~êäëêìÜÉF Ellen Esen erläuterte einleitend, dass sie sich seit Beginn der 1990er Jahre mit Rechtsextremismus auseinandersetzt. Auslöser hierfür war ein Vortrag in Thüringen, bei dem eine Lehrerin Beratungsbedarf bezüglich rechtsextremer Schülerinnen angemeldet hatte. Ihr Vortrag sei als„Blick durch das Schlüsselloch“ zu verstehen- die Forschung zu Mädchen und Rechtsextremismus steht erst am Anfang. Dementsprechend gibt es auch noch nicht umfassend Literatur zum Thema. Im ersten Teil ihres Vortrags,„Umgarnt und umworben“ präsentierte Ellen Esen einschlägige Aufkleber. Motive waren unter anderem „Volksgemeinschaft heißt Zukunft – es ist auch euer Kampf“,„Nationalismus ist auch Mädelsache“ sowie „Deutschland ist auch Frauensache.“ Die beispielhafte Darstellung verdeutlichte, dass es viele Werbematerialien der rechten Szene gibt, die Frauen und Mädchen ansprechen sollen. Was das Bundesland Baden-Württemberg betrifft, so ist derzeit nicht bekannt, wie viele Frauen und Mädchen tatsächlich in der in BadenWürttemberg flächendeckend vertretenen NPD aktiv und präsent sind. Im zweiten Teil des Vortrags„Unterschätzt: Rechtsextreme Frauen unter uns“ erläuterte Ellen Esen exemplarisch das unverdächtige und unverfängliche Auftreten vieler rechtsextremer Akteurinnen. Als Beispiel fungierte die Aktivistin Sigrid Schüssler, die als so genannte„Hexe Ragna“ ein Kindertheater namens„Hollerbusch“ betreibt. Bei ihr, so Ellen Esen, handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Viele Frauen und Mädchen der rechtsextremen Szene sind mittlerweile im pädagogischen Bereich tätig. Sigrid Schüssler hat beispielsweise gemeinsam mit der Diplom-Sozialarbeiterin Iris Niemeyer eine Hilfsorganisation für politisch verfolgte Kinder ins Leben gerufen. Iris Niemeyer ist nicht nur Sozialarbeiterin, 2 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen sondern Vorsitzende des Ortsverbandes der NPD in Rheine. Unter der Überschrift„Klischees und Prototypen: Volksmütter“ stellte Ellen Esen anschließend exemplarisch Edda Schmidt vor. Edda Schmidt ist als einzige Frau im Landesvorstand der baden-württembergischen NPD vertreten und Vorsitzende des„Rings nationaler Frauen“. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt auf der so genannten„Brauchtumspflege“. Neben den„Volksmüttern“ wie Edda Schmidt existieren auch„Kämpferinnen: Autonome Nationalistinnen“. Diese zeichnen sich aus durch einen jugendkulturellen Dresscode und eine aggressive Präsenz, beispielsweise bei Neonazi-Aufmärschen. Am Beispiel von Anne-Marie Doberenz, einer Aktivistin der Jungen Nationaldemokraten(JN), der Jugendorganisation der NPD, stellte Ellen Esen die Gruppe vor. Anhand einer Fotostrecke wurde die Entwicklung von Anne-Marie Doberenz von einer ‚unscheinbaren’ Aktivistin zur„autonomen Nationalistin“ vorgestellt. Grundsätzlich, so Esen anschließend, kommen Frauen und Mädchen immer noch (aber nicht nur!) über ihre Beziehungen zu Männern in die rechte Szene. Allerdings bleiben sie nach Beziehungsende oft„dabei“, wechseln also weder Umfeld noch politische Gesinnung. Weiter stellte Ellen Esen die Gruppe„Skingirls: Reenes“ vor. Diese weibliche Subkultur innerhalb der rechten Szene, das Pendant zum männlichen Skinhead, zeichnet sich optisch durch Stiefel und Bomberjacke aus. Diese Subkultur geht aber ebenso wie das dazu gehörige Styling innerhalb der rechten Szene zurück. Dass es zwischen den einzelnen Gruppen rechtsextremer Frauen und Mädchen auch Übergänge und Schnittstellen geben kann, verdeutlichte Ellen Esen im nächsten Teil ihres Vortrages, der den Titel„Transformation: Vom Skingirl zur Volksmutter“ trug. Am Beispiel von Silvia Kirschner aus Thüringen, einem ehemaligen Skingirl, die sich heute als ‚völkische Bioheidin’ versteht und acht Kinder zur Welt brachte, wurde eine derartige Entwicklung nachgezeichnet. Anhand von Silvia Kirschner verwies Ellen Esen nochmals auf die freundliche Unauffälligkeit vieler rechtsextremer Frauen – so ist Silvia Kirschner in ihrem Wohnort engagiert(beispielsweise als Elternbeirätin) und genießt trotz ihrer politischen Orientierung ein gutes Ansehen. Ihr Engagement als Elternbeirätin ist ebenfalls typisch für rechtsextreme Frauen; sie nutzen Nischen, in denen das Gedränge um ‚Posten’ überschaubar ist und kommen so zum Zug. Vor allen Dingen problematisch ist dieses Vorgehen beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern. 3 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Zusammenfassend verwies Ellen Esen, nach diesem Überblick zu den verschiedenen Gruppen rechtsextremer Frauen und Mädchen, auf die Vielfalt der Rollenbilder. Der heutige Rechtsextremismus ist also nicht festgelegt auf ein bestimmtes Frauenbild. Im Rahmen der Volksgemeinschaftsideologie können Frauen ihre Rolle frei wählen – als Mutter oder als aktive Kämpferin. Im Folgenden demonstrierte Ellen Esen anhand der„Beteiligungspyramide“ nach Renate Bitzan die Partizipationsformen von Frauen im Rechtsextremismus: Tatbeteiligung an rechtsextrem motivierten Straftaten(bis 10%) Parteien(7-20% Funktionärinnen), Mitgliedschaften(7-27%) Organisationen, Cliquen, Kameradschaften(10-33%) Wahlen(33%) Rechtsextreme Orientierungsmuster (50%) Frauen und Mädchen tragen als Anstifterinnen ihren Anteil zu Gewalttaten bei. Im Vordergrund stehen jedoch die„harten Kerle“ – sowohl während der Tat, als auch danach in der(medialen) Wahrnehmung der Tat. Dieser Umstand führt auch dazu, dass über die Verhaltensmuster rechtsextremer Frauen und Mädchen generell wenig bekannt ist. Was das rechtsextreme Personenpotenzial in Baden-Württemberg betrifft, so lag der Frauenanteil seit 1998 immer im zweistelligen Bereich. Im Jahr 2008 belief er sich auf 18,5%. Im Folgenden stellte Ellen Esen die Frauenorganisationen„Der Ring Nationaler Frauen“(RNF) und die„Gemeinschaft deutscher Frauen“(Gdf) vor. Frauen haben die Hoffnung und die Erwartung, sich innerhalb der rechtsextremen Szene zu emanzipieren. Frauenorganisationen sind demnach nicht nur ein Instrument – indem beispielsweise Frauen das Erscheinungsbild der Szene in der Öffentlichkeit aufwerten – sondern Frauen und Mädchen wollen selbst politisch mitmischen. Der„Ring nationaler Frauen“ nutzt bestimmte soziale Konfliktthemen als Anknüpfungspunkte und fordert auf Flugblättern beispielsweise„Müttergeld statt Elterngeld“. Diese Forderung wird gemäß des völkisch-rassistischen Weltbildes nur für diejenigen erhoben, die vom RNF als „Deutsch“ definiert werden; soziale Themen sollen so nationalisiert werden. Die„Gemeinschaft deutscher Frauen“ führt im Gegensatz zum RNF eher Schulungen durch und fungiert so für die Szene nach innen. Sie verfügt über feste Aufnahmerituale, ist jedoch insgesamt keine allzu große Gruppe. Viele weitere Frauen- und Mädchenorganisationen sind allerdings zusätzlich in den letzten Jahren entstanden. So führte Ellen Esen exemplarisch die„Mädelgruppe der Kameradschaft Thor/Berlin“ an, die mittlerweile verboten ist. Weiter gab es beispielsweise noch den so genannten„Mädelring Thüringen“, der mittlerweile aufgegangen ist in der unverdächtig klingenden Gruppe„Free Gender.“ Der Slogan dieser Gruppe lautete„Deutsche Frauen wehrt euch gegen das Patriarchat und politische Unmündigkeit.“ 4 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Rechtsextremismus eröffnet Frauen und Mädchen insgesamt diverse Möglichkeiten, sich zu engagieren – vom Briefe schreiben für die„Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene“(HNG) über den Sanitätsdienst der NPD bis hin zum Texte publizieren im rechtextremen Theorieorgan„Junge Freiheit“. zehn Prozent gestiegen; diese Zahl verdeutlicht, dass sie Gewalt weniger ablehnen, und die Sensibilisierung hierfür nimmt auch in der Forschung zu Rechtsextremismus zu. Generell gilt, dass Frauen eher an indirekter Gewaltausübung beteiligt sind, statt an direkter Gewaltausübung. Fazit Ellen Esen betont, dass zum Thema rechtsextreme Frauen und Mädchen dringend aufgeklärt werden muss. Darüber hinaus müssen Lehrer, Eltern und Sozialarbeit thematisch sensibilisiert werden. Rechtsextreme Orientierungen bei Mädchen in lebensgeschichtlicher Perspektive. Geschlechtsspezifische Aspekte und Konsequenzen für pädagogische Handlungsstrategien. von Johanna Sigl m®Ç~ÖçÖáåI=pçòáçäçÖáåI=_áäÇìåÖëêÉÑÉêÉåíáå=~ìë== d ∏ ííáåÖÉå Johanna Sigl konstatierte zunächst, dass rechtsextreme Frauen und Mädchen lange Zeit von der Forschung nicht als diejenigen Akteurinnen wahrgenommen wurden, die sie tatsächlich sind. Da sie auf der Einstellungsebene Männern in Nichts nachstehen, ist es wichtig, sich auch wissenschaftlich mit ihnen auseinander zu setzen. Zudem ist umfassende Präventionsarbeit nur möglich, wenn man sich mit den Motiven von Frauen und Mädchen, die sich rechtsextrem orientieren, befasst. Viele Frauen und Mädchen wurden, gerade wenn es um die Beteiligung an Gewalttaten ging, lange nicht wahrgenommen. Ihre Zahl ist jedoch in den letzten Jahren auf In den 1990er Jahre fanden erste Untersuchung zu Frauen und Rechtsextremismus statt. Johanna Sigl präsentierte im Folgenden einen Überblick der Erklärungsansätze für rechtsextreme Orientierungen bei Frauen und Mädchen. 1. Dominanzkultur nach der Soziologin Birgit Rommelsbacher: Dominanz und Unterwerfung strukturieren die bundesdeutsche Gesellschaft. Frauen fügen sich als Unterworfene in dieselbe ein und fühlen sich aber zugleich beispielsweise Frauen in Dritte-Welt-Staaten oder Migrantinnen überlegen. 2. Individualisierungsthese: Traditionelle Wertvorstellungen haben ihre gesellschaftliche Wirkung verloren. Als Kehrseite dieses Verlustes steigt die indivi5 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen duelle Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. Dieser Entscheidungszwang führt zu Überforderung und diese wiederum zum Hinwenden zu rechten Ideen. 3. Doppelte Vergesellschaftung: Die doppelte Einbindung von Frauen in Erwerbs- sowie in Familienarbeit als Ergebnis eines sozialen Wandels führt dazu, dass Frauen den widersprüchlichen Anforderungen aus beiden Bereichen voll ausgesetzt sind. Aus dieser Spannung kann eine rechtsextreme Orientierung entstehen, die über ein Repertoire klarer Rollenmuster verfügt. 4. Externalisierung von Konflikten: „Fremde“ dienen als Projektionsfläche. Sexualisierte Gewalt und Belästigung finden beispielsweise oft im direkten Umfeld von Frauen statt. Diese Bedrohung wird zur Kompensation im ‚Außen’ verortet. Generell hat der Biografieverlauf von Frauen und Mädchen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung rechtsextremer Orientierungen. Die Forschung muss daher die subjektive Verarbeitung von Erlebtem berücksichtigen und die gesamte Biografie in den Blick nehmen. Die Biografieforschung geht davon aus, dass man gesellschaftliche Einflüsse in den Lebensgeschichten wieder findet. Biografien weisen daher über den Einzelfall hinaus. Die Regeln des Allgemeinen lassen sich an Biografien herausarbeiten; so können Strukturen und Wirkungsmuster verstanden bzw. verstehend nachvollzogen werden. Im Folgenden gab Johanna Sigl Beispiele aus ihrer eigenen Forschungspraxis, die sich methodisch an Biografieforschung orientiert. Selbstbilder: Die von ihr befragten Frauen gaben retrospektiv folgende Motive für den Einstieg in die rechte Szene an: sich wichtig fühlen reingerutscht Suche nach Kameradschaft(soziale Verbindung) wegen Freund Stress mit Ausländern nie um Politik Fremdbilder: Im Blick auf rechtsextreme Frauen wird deren politische Motivation häufig nicht ernst genommen. Die Zuwendung zur rechten Szene erfolgt jedoch – stets vor dem familiärgeschichtlichen und lebensgeschichtlichen Hintergrund – wenn jemand rassistisch, antisemitisch und nationalistisch denken und handeln will. Es müssen also verschiedene Bereiche zusammenwirken, damit sich eine Frau rechtem Gedankengut zuwendet. Johanna Sigl präzisierte die Motive der Hinwendung zur und der Distanzierung von der rechten Szene anschließend anhand des Beispiels von„Anna“. Anna wurde 1988 geboren und lernte aufgrund einer Hüftdysplasie erst mit zwei Jahren laufen. Ihr Vater verfügt gegenüber der Mutter über einen Bildungsnachteil 6 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen und versucht, wegen/trotz eigener Hüftdysplasie körperliche Stärke zu inszenieren. Er ist rechts-national eingestellt und kommt aus einer NS-Täterfamilie. Die Mutter ist Grundschullehrerin und aktiv in der SPD, sie entstammt keiner NS-Täterfamilie. Beide Elternteile wenden wenig Zeit für ihre Tochter auf. Mit 14 Jahren wendet Anna sich einem Freundeskreis aus rechtsextrem orientierten Skinheads zu.„Man kennt seine Gegner“ im dörflichen Lebensraum. Sie zieht dann mit 16 Jahren von zu Hause aus und bei ihrem Freund aus der rechtsextrem orientierten Szene ein. Nach der Trennung kommt sie mit einem Kameradschaftsaktivisten zusammen. Sie verbringt ihre Freizeit bei Nazi-Aufmärschen und sonstigen einschlägigen Veranstaltungen. Nach Schulende macht sie ein FSJ bei der „Lebenshilfe“, danach beginnt sie eine Ausbildung zur Erzieherin. Diese Tätigkeit steht für sie nicht im Widerspruch zur eigenen politischen Orientierung. Während der Ausbildung tritt eine AntifaRecherche-Gruppe mit ihr in Kontakt. Anna beginnt zwischen beiden Welten zu pendeln. Sie erhält sich Freundschaften in der rechten Szene, gibt aber Informationen weiter. Sie zieht sich schließlich aus der rechtsextremen Szene zurück und berichtet ihrer Mutter davon. So kann sie erstmals positive Zuwendung erhalten. Die Hinwendung zum Vater, die sie durch ihren Kontakt zur rechten Szene herstellte, nun jedoch durch den Rückzug reduziert, kompensiert sie mit der neu gewonnenen Verbindung zu ihrer Mutter. Durch das Pendeln zwischen beiden Szenen kann sie eine Verbindung zu beiden Elternteilen herstellen. Nach Vorstellung dieser Kurzbiographie erläuterte Johanna Sigl nochmals zusammenfassend, welche Bereiche zusammen wirken müssen, damit sich eine Frau der rechten Szene zuwendet: unbearbeitete familiengeschichtliche Themen schwierige biographische Entwicklung, besonders in Bezug auf die Elternbeziehung stützende soziale Rahmenbedingungen (Umfeld schweigt und kritisiert bzw. interveniert nicht) Zentral hierbei: Mit einem o Ω ÅâòìÖ= aus der rechtsextremen Szene hängt nicht automatisch ein Rückzug von Ideologie zusammen. ^ìëëíáÉÖ bedeutet hingegen in einem umfassenden Sinne, auch Einstellungen abzulegen. Folgende Konsequenzen ergeben sich laut Johanna Sigl für die Soziale Arbeit: Zunächst existiert ein Dilemma. Die Arbeit mit rechtsextremen Gruppen ist zum Scheitern verurteilt(da es sehr schwierig ist, innerhalb der Gruppe so zu agieren, dass Veränderungen passieren können) und für intensive Arbeit an Einzelfällen sind keine Ressourcen vorhanden. Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen sollten die politische Einstellung von Frauen wahr- und ernst nehmen. Die einfache Konfrontation mit der politischen Meinung reicht jedoch nicht aus, die biografische Struktur muss bearbeitet werden, um langfristige Abwendung zu erreichen. Soziale Arbeit im Umgang mit rechten Jugendlichen muss die Komplexität der Hintergründe in den Blick nehmen, beispielsweise durch narratives Nachfragen, d.h. in Gesprächen Selbstverstehungsprozesse durch bestimmte Fragen und Herangehensweisen in Gang bringen. 7 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Pädagogik jedoch gibt alleine keine ausreichende Antwort, rechtsextremen Einstellungen muss auf allen gesellschaftlichen Bereichen entgegen getreten werden. Workshop 1: „Wir brauchen nicht jede, aber vielleicht gerade dich!“ Ein- und Ausstiegsprozesse von Frauen und Mädchen. Fallbeispiele und Analysen Ellen Esen Die meisten Mädchen und Frauen, die aus der rechten Szene aussteigen, machen dies schleichend und hängen es nicht an die sprichwörtliche„große Glocke“. Es ist auch deshalb so schwierig mit ihnen in Kontakt zu treten – dies gelingt nur bei sehr wenigen. Gespräche sind wichtig, sie helfen den Betroffenen bei einem Ausstieg. Es ist kaum jemandem gelungen ohne Programme oder andere Formen von Unterstützung aus der rechten Szene komplett heraus zu kommen. Die immer wieder geäußerte Behauptung, dass gerade Frauen sich nicht auf Gespräche mit anderen einlassen würden, stimmt laut Ellen Esen nicht. Die ersten Zweifel bei den Aussteigerinnen kommen in der Regel lange Zeit vor ihrem Austritt auf. Dann beginnt üblicherweise ein Prozess in ihnen, der davon geprägt ist, dass sie nach ideologischen Nischen suchen. Nach Nischen also, in denen sie die Möglichkeit für sich bekommen, weiterhin in der Szene zu sein, obwohl sie mit gewissen Sachen nicht klar kommen(Nationale Sozialisten können z.B. sagen, sie wollen mit Adolf Hitler nichts zu tun haben, sehen NS-Zeit nicht als Nationalsozialismus, sondern als Nationalkapitalismus). wÉáÖÉå= îçå=^ìëëÅÜåáíí=~ìë= cÉêåëÉÜÄÉáíê~ÖW= jao=p~ÅÜëÉå=péáÉÖÉä=bñíê~=j®êò=OMMSK== qÜÉãÉåW= Resignation gerade bei jungen Frauen; NPD als„Lösung“; Trend der rechten Szene im Anbinden von jungen Frauen in jüngster Zeit. Junge Frauen finden in rechten Gruppen Geborgenheit, Schutz, Familienersatz; sie werden von NPD mit Familienpolitik „gelockt.“ mìÄäáâ~íáçå= îçå= bääÉå= bëÉå= ïáêÇ= îÉêíÉáäíI= qÉáäåÉÜãÉåÇÉ= ÄÉâçããÉå= Ñ Ω ê= NR= jáåìíÉå= iÉëÉòÉáíK= Es wurde auf die Problematik hingewiesen, dass sich Forderungen von Rechten mit anderen gesellschaftlichen Gruppen schneiden. Allerdings wurde dazu auch diskutiert, dass dadurch noch lange nicht die Linien zwischen den unterschiedlichen Weltanschauungen verschwinden würden – als Beispiel wurde dafür der Papst heran gezogen, der sich ebenfalls wie sie gegen Abtreibung positioniert. Problematischer jedoch ist, dass viele Nazis gesellschaftlich integriert sind, d.h. sie betätigen sich beispielsweise beim Roten Kreuz oder der Feuerwehr. ^åÜ ∏ êÉå= îçå= P= iáÉÇÉêå= îçå=^ååÉíí= j Ω ääÉê= Eâçããí=~ìë=lëíÇÉìíëÅÜä~åÇI=ïçÜåí=åìå=áå= káÉÇÉêë~ÅÜëÉåX= ÖÉÜ ∏ êí= òì= ÇÉå= éçéìä®êëíÉå= å~íáçå~äÉå=iáÉÇÉêã~ÅÜÉêáååÉåFK= wìã=ÉêëíÉå=iáÉÇW== 8 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen „Verraten, verkauft, belogen, verloren“ Anett Müller verarbeitet darin ihre eigene Lebensgeschichte – linke Eltern, die sie verstoßen haben. Sie singt, sie sei in die Szene geraten, weil ihr Sohn in der Schule von Migranten dumm angemacht worden sei. ^åëÅÜäáÉ ≈ ÉåÇW= Bei einem Ausstiegsprozess sind Mütter wichtig, sie halten oft noch Kontakt zu ihren Töchtern, auch wenn sie mit deren rechter Einstellung nicht einverstanden sind. Männer halten sich in der Regel eher heraus. Dies bedeutet, dass es oft Mütter sind, die bei den Ausstiegsprozessen einen Einfluss auf ihre Töchter nehmen können. Rechte haben ein ausgeprägtes Elitebewusstsein, sie gehen davon aus, dass alle ‚Marionetten’ eines ‚gekauften Systems’ seien und alles in Hand eines ‚internationalen Judentums’ sei. Sie sehen politische Gegner und Gegnerinnen als Handlanger jenes Weltverschwörungssystems. Es ist auch gerade aufgrund dieser Überzeugung für viele Personen schwierig, aus der Szene auszusteigen, da sie meinen, dass sie so wieder zu denjenigen gehören, die„nur Marionetten“ sind. wìã=ÇêáííÉå=iáÉÇW== „Du gehst deinen Weg“ Textpassage„wenn wieder ein kleiner Junge bestialisch ermordet ist.“ ^åëÅÜäáÉ ≈ ÉåÇW= Genau solche Texte dienen als Türmacher, so gewinnen Nazis Sympathien in der Gesellschaft – was soweit geht, dass sie damit sogar einen Fuß in Schulen bekommen können. Durch diese Texte werden starke Emotionen und Gefühle angesprochen. Dies wird natürlich genutzt, es gibt sogar eine Soli-CD zum Thema„Kinderschänder“. §ÄÉêéê Ω ÑìåÖ= îçå= qÜÉëÉåI= ÇáÉ= ëáÅÜ=~ìÑ= dê Ω åÇÉ= ÇÉë=^ìëëíáÉÖë= ÄÉòáÉÜÉåK= a~Ñ Ω ê= ïìêÇÉ= Éáå= wÉííÉä= îÉêíÉáäíI=~ìÑ= ÇÉã= ÇáÉ= cê~J ÖÉå= îçå= bääÉå= bëÉå= ìåÇ= ÇáÉ=^åíïçêíÉå= ÉáJ åÉê=^ìëëíÉáÖÉêáå=ëí~åÇÉåK= Ergebnis und Diskussion: Für den Eintritt in die Szene sind die ersten zwei Punkte zentral: 1. Spaß, Partys, Konzerte, Freizeitaktionen 2. Kameradschaft, Rückhalt, Zugehörigkeit Das Politische spielt eher eine untergeordnete Rolle. Ein Hauptmotiv ist jedoch Ausländerfeindlichkeit. Anfangs schwimmen die neu eingestiegenen Frauen mit(Phase 1), erst dann(Phase 2) folgt die ideologische Festung. Dies bedeutet, dass es in der 1. Phase noch möglich ist, sie zu erreichen, es später dann jedoch nur noch sehr schwer möglich ist (insbesondere falls sie dann schwanger sind). Man sollte vor einer Schwangerschaft handeln, danach ist es sehr schwierig, da sie dann nicht nur aus der Szene aussteigen müssen, sondern auch aus ihrer Familie. Deshalb behandelte die Referentin Ellen Esen auch das Thema sexuelle Selbstbestimmung. Jene Selbstbestimmung ist laut Ellen Esen vielleicht ein Weg, rechte Frauen zum Nachdenken anzuregen, da sie in der rechten Szene nicht darüber verfügen. Ein weiterer Punkt sind bestimmte„Wörter“, da Jugendlichen in der rechten Szene die eigene Sprache weggenommen bzw. der Mund verboten wird. Dies kann man ihnen vermitteln und so vielleicht eine Reflexion anstoßen. wì= ÇÉå= ëç= ÖÉå~ååíÉå= ł pÅÜìäÜçÑJ`aë“= ïìêJ ÇÉ=ÑÉëíÖÉÜ~äíÉåW= Bands, die ihre Lieder geben, machen das oft um für ihre Produkte zu werben. Klassenstufe 9 und 10 sind die Altersgruppe, an die Rechte anknüpfen. Die meisten Songs kann man sich auch kostenlos über das Internet ziehen. 9 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen o zum Teil hat man es in der NeonaziSzene mit stark engagierten Jugendlichen zu tun, die gegen sog. Spaßgesellschaft, Kommerzialisierung eingestellt sind. o ein Teil der Szene besteht aus„sozialen Verlierern“, aber auch viele Realschüler und Gymnasiasten finden sich dort wieder. Die Szene ist nicht nur für sozial am Rande Stehende attraktiv. o Benennung einer Person, die über die Antifa-Szene ausstieg(über rechtes Forum im Internet, bei dem auch Linke präsent sind) hat sie Kontakt zu einem jungen Mann gefunden, der ihr half aus der Szene auszusteigen o zu Nazi-Hardcore-Musik: schwierig, da man die meisten Texte nicht versteht, wenn man solch eine Musik bei Jugendlichen findet sollte, macht es aber keinen Sinn diese weg zu nehmen. Ellen Esen gab noch den Hinweis auf eine Website, auf der man Songtexte und Infos über die Lieder/ Bands bekommen kann Æ www.thiazi.net Der Verfassungsschutz geht direkt auf Leute zu, die„gefährdet“ sind(wenn sie beispielsweise rechte Partys besuchen...). Bei Männern ist das einfacher, da diese oft Alkoholprobleme haben oder straffällig sind. Das kann als„Türöffner“ dienen um an sie zu appellieren, sich von der rechten Szene fern zu halten. Bei Frauen ist das ungleich schwieriger. These von Ellen Esen: Frauen schwenken im Gegensatz zu Männern nicht so schnell um, sie bleiben meist der Sache treu(es ist dabei egal ob sie über ihren Freund oder etwas anderes in die Szene gekommen sind). Es ist also wichtig sich mehr auf sie einzulassen und sie stärker als politische Akteure wahrzunehmen, welche die Szene stabilisieren und wichtig für die Öffentlichkeitsarbeit der Nazis sind. Als Sozialarbeiter oder Sozialarbeiterin, der/die einen AussteigerIn betreut, sollte man möglichst früh Hilfe suchen. Aussteiger müssen die rechte Ideologie ablegen, es reichen nicht nur bestimmte Elemente aus. Diese Betreuung bringt eine hohe Verantwortung mit sich: Man übernimmt auch mit seiner Person Verantwortung, da viele der AussteigerInnen Nähe, Familie, Freundschaft... suchen, wodurch man schnell in die Rolle kommt, ihnen dieses geben zu müssen. SozialarbeiterInnen sollten daher immer versuchen, jene Fälle auf verschiedene Schultern zu verlagern. Auch die Durchführung von Veranstaltungen mit den AussteigerInnen bringt eine hohe Verantwortung mit sich. Generell gilt hierfür: jede Frage muss erlaubt sein, der/die AussteigerIn hat selbst die Möglichkeit sich zu entscheiden, was er/sie nicht sagen möchte. Viele AussteigerInnen sind zudem vom Alter her nahe bei der jugendlichen Klientel, die beispielsweise derartige Podiumsdiskussionen besuchen. Literatur für weitere Informationen: Recherche Nord: Neonazistinnen – Frauen in der rechten Szene „Ein und Ausstiegsprozesse von RechtsextremistInnen“ – Analyse von Biografien(auch als PDF downloadbar) „Der Hass hat uns geeint“ von Birgit Rommelsbacher. 10 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Workshop 2: Zum pädagogischen Umgang mit rechtsextremen Mädchen Problemstellungen und Handlungsstrategien für die pädagogische Praxis Johanna Sigl Vorstellungsrunde zu Beginn Anschließend folgte 20 Minuten Kleingruppenarbeit zu„Problemstellungen in der pädagogischen Praxis“: Die Teilnehmerinnen konnten sich zu Erfahrungen im Umgang mit rechtsextremen Mädchen austauschen und zu Problemen, mit denen sie in der sozialpädagogischen Praxis konfrontiert sind. Ergebnisse der AG-Arbeit: Erfahrungen mit rechten Mädchen kein offensives Auftreten über Freundschaften/ Liebesbeziehungen in die Szene gekommen oder wenigstens Kontakt zur Szene Unterstützung von rechtsextremen Handlungen(z.B. durch schützende Falschaussage vor Gericht oder durch Anstiftung zu Gewalttaten) Problemstellungen in der sozialpädagogischen Praxis Umdeutung von rechtsextremen Handlungen nach geschlechtstypischen Einordnungen(Mädchen werden von Pädagogen/Pädagoginnen, Eltern… nicht als politische Akteurinnen wahrgenommen; so werden beispielsweise ihre Äußerungen als„Rumgezicke“ abgetan) thematische Einordnung, Raum in der Arbeit schaffen gemeinsame Basis im Team muss vorhanden sein Delegation von Problemen alleine an „soziale Arbeit“(als„Feuerwehr“) eigene(fehlende) Sensibilisierung Bereitschaft zur Auseinandersetzung Interaktion mit Klientinnen(Gefahr, brüchige Vertrauensverhältnisse gleich wieder kaputt zu machen) Umgang mit eigener Angst(vor Konfrontation oder Bedrohung) nach Positionierung genug Argumente!?(beispielsweise Wissen zu rechten Codes, Musikszene) Kenntnis von Strukturen, um Hilfestellung zu geben = wìë~ããÉåÑ~ëëÉåÇÉê= fåéìí= îçå= gçÜ~åå~= páÖä=òì=mêçÄäÉãëíÉääìåÖÉå=áå=ÇÉê=é®Ç~ÖçÖáJ ëÅÜÉå=mê~ñáëW= Frauen und Mädchen werden von keiner Seite als politische Akteurinnen wahrgenommen. Gesellschaftliche Funktion Sozialer Arbeit: „Befriedung“ devianter Verhaltensweisen anstelle von offensiver Thematisierung. Rechts eingestellte Frauen gehen in sozialpädagogische Berufe, werden beispielsweise Erzieherinnen oder Sozialarbeiterinnen. wìë~ããÉåÑ~ëëÉåÇÉê= fåéìí= îçå= gçÜ~åå~= páÖä= òì= mêçÄäÉãëíÉääìåÖÉå=~ìÑ= ÇÉê= é®Ç~ÖçJ ÖáëÅÜÉå=e~åÇäìåÖëÉÄÉåÉW= Mädchen mit etablierten Einstellungs- und Handlungsmustern können durch sozialpä11 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen dagogische Interventionen nur noch sehr schwer erreicht werden. Deshalb immens wichtig: Prävention, Angebote zur Stärkung demokratischer Strukturen. Arbeit mit rechtsextremen Gruppen hat meist eine Stärkung ihrer Strukturen zur Folge, Sozialarbeitende werden in die Gruppendynamik eingebunden. Selektivität bestimmter Konzepte für den Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen: Akzeptierende Jugendarbeit geht davon aus, dass rechtsextremen Jugendlichen etwas fehlt Konfrontierende Jugendarbeit fokussiert auf politische ‚moralisierende’ Auseinandersetzung = Konsequenzen für die Soziale Arbeit Allgemeine Ebene: Kulturelle Gegenangebote schaffen Æ Prävention! Über eigene inhaltliche Klarheit zu verfügen Æ eigene, klar antirassistische Grundhaltung Klare, nicht akzeptierende Haltung Direkte Ebene: Die Person anerkennen, Verhalten aber klar ablehnen(nicht die Person ablehnen, sondern ihr Verhalten) Offenes, narratives Nachfragen(biographisches Nachfragen und so Zielgruppe motivieren, in ihrer eigenen Erinnerung zurückzugehen; erfordert eigene Bereitschaft, Hintergründe zu erfassen und verstehend nachzuvollziehen, ohne diese jedoch zugleich zu akzeptieren) Methodisches Befremden(z.B. Ereignistagebuch schreiben) Johanna Sigl plädierte insgesamt für oÉJ âçåëíêìâíáîÉ=pçòá~äÉ=^êÄÉáí. Diese umfasst: Methodisches Befremden Narratives Nachfragen Ermöglichen von Selbstverstehensprozessen Sensibilisierung der Jugendlichen für das eigene Lebensumfeld Ermöglichung zur selbstkritischen und nicht destruktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Familien- und Lebensgeschichte NR= jáåìíÉå=^dJmÜ~ëÉW= aáëâìëëáçå= âçåâêÉJ íÉê= c~ääÄÉáëéáÉäÉ= ìåÇ= p~ããäìåÖ= îçå= i ∏ J ëìåÖëîçêëÅÜä®ÖÉå= Beispiel 1: Im jungen-dominierten Jugendfreizeitheim beginnen Mädchen, den Proberaum zu nutzen. Sie gründen eine Band; ihre Songs weisen dann jedoch eindeutig rechtes Gedankengut auf. Lösungsvorschläge: Die Mädchen im Vorfeld bereits interessiert begleiten – also mit in den Proberaum gehen und schauen, was dort passiert. Im Jugenfreizeitheim klare Regeln festsetzen. Mit den Jugendlichen ‚wertschätzend’ reden, jedoch eindeutig klar machen, dass der Proberaum für diese Inhalte nicht genutzt werden kann(„Es ist toll, dass ihr Musik macht. Wir würden euch das auch gerne weiter ermöglichen. Aber wir wollen diese Inhalte nicht hier im Haus, weil…“) Beispiel 2: Wahlkampf in der Stadt. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes sieht eine Kollegin am NPD-Stand. Er weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Lösungsvorschläge: An den Stand gehen, begrüßen und so „klar machen“, dass die Aktivität aufgefallen ist. Später benennen, dass der Chef informiert wird/Zuständige informiert werden. In Dialog mit Kollegen und Kolleginnen gehen und Sanktionsmöglichkeiten 12 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen diskutieren.„Nachhaltige Verschlechterung des Betriebsklimas“ kann ein Kündigungsgrund sein. Beamte können beispielsweise im Dienst versetzt werden. Veranstaltung oder interne Fortbildung zum Thema machen – Positionierung der Kollegen und Kolleginnen einfordern. Beispiel 3: Zahnpflegevormittag im Kindergarten. Irgendwann fällt auf, dass die Zahnärztin sich ziert, in den Mund schwarzer Kinder zu schauen. Lösungsvorschläge: Mit den Kollegen und Kolleginnen sprechen. Die Kinder allgemein fragen, wie es ihnen mit der Zahnärztin geht. Die Zahnärztin ansprechen und ihr den Eindruck schildern. Melden bei Zuständigen, beispielsweise Gesundheitsamt. Beispiel 4: Stellenausschreibung. Die Ausschreibungskommission für die Stelle einer Schulsozialarbeiterin will verhindern, dass Nazis eingestellt werden, kann sich jedoch nicht einigen, wie dies geschehen soll. Lösungsvorschläge: In der Stellenausschreibung thematisieren. Die Einrichtung sollte sich hier bereits als demokratisch und weltoffen positionieren. So kann die Wahrscheinlichkeit rechtsextremer Bewerberinnen und Bewerber reduziert werden. Im Bewerbungsgespräch eine „typische pädagogische Situation“ schildern und fragen, wie der Bewerber oder die Bewerberin reagieren würde. Beispiel 5: Finanzielle Unterstützung. Eine Mutter kommt zur kirchlichen Wohlfahrtstelle und erhält Geld. Danach erfahren die Beraterinnen, dass die Frau sehr engagiert in der extremen Rechten ist. Nach drei Monaten kommt die Frau wieder und will erneut Geld. Lösungsvorschläge: Besprechung im Team und mit der Leitung. Da die Frau keinen Rechtsanspruch auf die finanzielle Unterstützung hat, mit Begründung die Unterstützung streichen.(„Wir sind kirchlicher Träger mit folgendem Leitbild…“) Unterstützung direkt an Kinder richten, sie z.B. zur Mittagsversorgung einladen. Ggf. das Jugendamt informieren(allerdings ist juristisch oberste Prämisse, die Kinder in den Familien zu lassen). Externe Beratung zur Hilfe holen. Beispiel 6: Krabbelgruppe. Jeden Donnerstag findet im Familienzentrum eine Krabbelgruppe statt. Eine freundliche Mutter stellt sich als engagiertes NPD-Mitglied heraus. Wie sollen die MitarbeiterInnen reagieren? Lösungsvorschläge: Fürs Familienzentrum Grundsätze festlegen sowie eine demokratische Kultur fördern. Der NPD-Funktionärin klar machen, dass keine Agitation usw. geduldet wird. Privater Träger kann Hausverbote aussprechen. Andere Eltern informieren, ggf. positionieren sie sich gegen die Teilnahme. 13 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen Workshop 3: Aktiv gegen Rechts Argumente und Handlungsmöglichkeiten im Alltag Janka Kluge Zunächst erfolgte ein persönliches Beispiel von Janka Kluge zum Thema„Handeln im Alltag“: Fußball-Fans singen in der Klett-Passage in Stuttgart das so genannte U-Bahn-Lied („Wir bauen eine U-Bahn von Jerusalem nach Auschwitz“). Kluge reagierte mit „…und ihr seid die ersten die mitfahren müssen“ – sie meint, im eigenem Verhalten an Grenzen gekommen zu sein mit ihrer spontanen Reaktion. Beim nächsten Mal sei sie zur Polizei gegangen, um Anzeige zu erstatten – keine Reaktion der Polizei(„der Einsatzleiter schaut dann“), im Sand verlaufen. Allgemein unterscheiden Soziologen verschiedene Ebenen, auf denen man agieren kann. Beispiel für die 1. Ebene Stuttgarter Kickers hatten eine Weile Probleme mit rechten Fans, dann hat sich ein Fanclub gegen Rechts gegründet, der bei jedem Vorfall angefangen hat, zu diskutieren. Der Fanclub hatte Erfolg. Die Vereinsführung hat den Fanclub gegen Rechts unterstützt und sich eindeutig positioniert. Beispiel für die 2. Ebene Polizei und Justiz heranziehen. Ein kurzer Austausch erfolgte zu den Erfahrungen der Teilnehmenden bezüglich der Polizeipräsenz bei Neonaziaufmärschen sowie der Zusammenarbeit mit Polizisten im Präventivbereich. Janka Kluge wies daraufhin, dass es jedoch wichtig ist, sich selbständig Nazi-Codes (z.B. Zahlen) und Wissen zur rechten Szene zu erarbeiten, wenn man sich im Alltag dagegen engagieren will.„Lonsdale“ zum Beispiel haben sich distanziert von der extremen Rechten,„Consdaple“ hingegen ist eine absolut einschlägige neonazistische Marke. Nur eindeutige Nazi-Symbole sind verboten, die„schwarze Sonne“ z.B. nicht. Æ www.versteckspiel.de Außerdem ist es hilfreich, sich mit Situationen im Vorfeld gedanklich auseinander zu setzen – auf welche Szenarien sollte ich reagieren? Wo sind meine Grenzen, was kann ich tun? Als Tipp: Beispielsweise um Hilfe zu holen nicht„Kann mir mal irgendjemand helfen?“ rufen, sondern Personen gezielt ansprechen„Sie mit dem gelben Schal, helfen sie mir bitte!“ = = ^äë= ÉêëíÉë= jìëáâÄÉáëéáÉä= ïìêÇÉ= Éáå= iáÉÇíÉñí= îçå= cê~åâ= oÉååáÅâÉ= ÖÉëéáÉäíI= ÉáåÉã= ëç= ÖÉJ å~ååíÉå= ł iáÉÇÉêã~ÅÜÉê“= ÇÉê= ÉñíêÉãÉå= oÉÅÜíÉåK= Janka Kluge wies darauf hin, dass einige CDs von Rennicke indiziert sind, das vorliegende Lied jedoch nicht. Textauszug: „2000 Jahre Deutschland von Feinden umringt… das neue Weltbild war erschaut…“, 14 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen „Regierung betrügt, Rundfunk und Fernsehen lügt.“ Ein Teilnehmer erläuterte, dass man Hintergrundwissen benötigt, um derartiges Liedgut zu analysieren, über das ein 14jähriger nicht verfügt. Es wurde festgehalten, dass Musik eine Einstiegsmöglichkeit in die rechte Szene darstellen kann und, dass man Lieder wie die vorgestellten als Aufhänger für Dialog, also pädagogisch, nutzen kann. Es folgte die Vorstellung einer Szene aus einem Jugendhaus: Es läuft ein rassistisches Lied. Die Verantwortlichen reagierten, indem sie das Lied ausmachten und eine Diskussion anfingen. Die folgende Diskussion begann mit der Frage, wie weit ein pädagogischer Auftrag geht, damit Jugendliche nicht in die Ecke gedrängt werden. Janka Kluge betonte, dass es wichtig ist, persönlich einen klaren Standpunkt zu beziehen. Im Zweifel hilft es auch, eindeutige Grenzen zu ziehen, z.B. ein Hausverbot auszusprechen. ^äë= òïÉáíÉë= iáÉÇÄÉáëéáÉä= ïìêÇÉ= Éáå= qÉñí= ÇÉê= dêìééÉ= ł i~åÇëÉê“= îçêÖÉëíÉääíK= ł i~åÇëÉê“= ïìêÇÉ== îÉêÄçíÉå= ïÉÖÉå=_áäÇìåÖ= ÉáåÉê= âêáJ ãáåÉääÉå=sÉêÉáåáÖìåÖK= Janka Kluge wies darauf hin, dass man Jugendliche auch fragen kann, ob sie solche Texte inhaltlich richtig finden. Ein Teilnehmer erkundigte sich nach der bei Jugendlichen oft bekannten und beliebten Band„Böhse Onkelz“. Janka Kluge erläuterte, dass diese aus der Frankfurter Hooligan-Szene stammen und verwoben mit der extremen Rechten sind. Sie wehrten sich nicht dagegen, bis ein lukratives Angebot aus der Plattenindustrie erfolgte, das mit der Auflage einer Distanzierung von der rechten Szene verbunden war. Leute, die den Hitlergruß zeigen, fliegen seitdem bei Konzerten raus. Aber die Frage bleibt, ob die Band sich wirklich„innerlich“ gewandelt hat. Problematisch ist, dass die Musik sehr eingängig ist, so dass es in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen schwierig ist, argumentativ zu intervenieren. Neonazimusik war insgesamt früher dumpf und schlecht gemacht; dies hat sich mittlerweile geändert, es gibt fast keine Musikrichtung mehr, die nicht auch von NeoNazis bespielt wird. Sie covern beispielswei15 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen se auch vieles und ändern dann ein paar Zeilen. Musik, die„Erlebniswelt Rechtsextremismus“, so Janka Kluge, ist Einstiegsdroge Nummer eins in die Szene. Janka Kluge gab den Tipp, beispielsweise in Jugendhäusern die ersten vier CDs der „Böhsen Onkelz“ nicht zu erlauben. Es erfolgte noch der Hinweis, dass alle Bands, die auf der„Schulhof-CD“ der NPD zu finden sind, ihre Lieder freiwillig der NPD zur Verfügung gestellt haben. Diskutiert wurde im Folgenden noch, wann interveniert werden kann. Eine Möglichkeit ist es, Jugendlichen alternative Angebote zu machen(z.B. RapWorkshop im Jugendhaus). Es gibt diesbezüglich auch Angebote der Jugendarbeit. Viele Jugendliche wissen auch nicht, dass bestimmte Worte(z.B.„Fotze“) abwertend sind; daher ist es positiv, derartige Begriffe zu thematisieren. Dies ist auch im„rechten Feld“ äußerst wichtig. Allerdings muss jeweils der spezifische Kontext berücksichtigt werden(wer sagt was, warum wird eine Botschaft ausgesendet, will sich jemand gegenüber der Gruppe profilieren…). Hilfreich dabei ist,„IchBotschaften“ verwenden:„Es trifft mich…“,„Ich will es nicht…“. Wichtig ist es, offen zu bleiben oder ggf. ironisch ranzugehen, damit die Verbindung zu den Jugendlichen nicht verloren geht. In einem Training gegen Homophobie könnten beispielsweise Denkprozesse angestoßen werden durch eine Frage wie:„Ist Sex nur in Ordnung, um Kinder zu kriegen?“ Der Workshop zeichnete sich insgesamt durch viele Diskussionen aus. 16 Dokumentation des Fachtages: Mitläuferinnen und Macherinnen – Mädchen und rechtsextreme Orientierungen 17