RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05/2011 05 / 2011 " Russische Regionalwahlen vom 13. März und mittelfri stiger Ausblick" Dmitri Oreschkin, Wladimir Koslow Zusammenfassung: Im Unterschied zu westeuropäischen Wahlen ähneln die Wahlen in Russland einer„Black Box“, die zwar Ergebnisse anzeigt, den dahinterstehenden Mechanismus jedoch verbirgt. In den letzten zehn bis elf Jahren finden Wahlen im Rahmen des„Putin’schen Elitenkonsensus“ statt, wobei die neue pos tkommunistische Nomenk latura darin übereinstimmt, die Erhaltung des Regimes des staatlichen Kapit alismus als eine strategische Aufgabe zu begreifen. Zu den Autoren: Dmitri Oreschkin ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Geographie an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Wladimir Koslow ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Ge ographie an der Russischen Akademie der Wissenschaften. 1. Gesamtsituation Im Unterschied zu westeuropäischen Wahlen ähneln die Wahlen in Russland einer „Black Box“, die zwar Ergebnisse anzeigt, den dahinterstehenden Mechanismus jedoch ve rbirgt. In den letzten zehn bis elf Jahren finden Wahlen im Rahmen des„Putin’schen Elite nkonsensus“ statt, wobei die neue postkommunistische N o menklatura darin übereinstimmt, die Erhaltung des Regimes des staatlichen Kapitalismus als eine strategische Aufgabe zu begreifen. Dieses Regime hat einerseits die Effizienz der Wirtschaft im Vergleich zur Sowjetzeit erhöht, und andererseits haben die Vertreter der Bürokratie und der Gewalts trukturen ihre Schlüsselpositionen be i behalten konnten. Das Zusammenwachsten der Bürokratie und des Business(man könnte von einer neuen Art der Nomenklatura, dem sog.„Bürness“, sprechen) sichert den Eliten der PutinÄra eine hohe Lebensqualität und ein M onopol auf finanzielle, administrative und mediale Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Politik. In den„Putin’schen Konsens“ ist auch ein beträchtlicher Teil der Gesellschaft int egriert: Ergebnisse, die von der„Black Box“ angezeigt werden, lösen keine großen Proteste aus. Dabei zeigen soziologische Umfragen des Meinungsforschungsinstituts„Lewada Zentrum“, dass die Hälfte oder sogar zwei Drittel der Bürger die russischen Wahlen nicht für fair halten. In der Praxis bedeutet dies, dass in der„Black Box“ die Stimmen der freien Wä hler(die zu einem großen Teil auch dazu neigen, Putin und seine Partei„Einiges Russland“ zu unterstützen) und die Stimmen der sogenannten„lenkbaren Wählerschaft“, die sich aus ge fälschten Stimmzetteln und aus Stimmen, die unt er administrativem Druck abgegeben wurden, zusammensetzen, in einem un bestimmten Verhältnis miteinander vermischt sind. 1 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 Das ähnelt den Verhältnissen in Belarus oder in Kasachstan, mit dem Unterschied, dass in Russ land der Beitrag der„freien Wähler“ im Vergleich höher ist. Auf einer imaginären Skala, die sich zwischen der asiatischen Wahlimitation und der realen europäischen Demokratie bewegt, liegt Russland insgesamt näher zu Europa als Kasachstan und selbst als Belarus. Es scheint, als wäre Russland in einem Übergangszustand am seidenen F aden des Putin’schen Konsenses hängengeblieben. Konsolidierte Interessen des„Bürness“ sorgen bei einer passiven Neutralität der realen Wähler dafür, dass sich das System reproduziert. Di eses Gleichgewicht trügt aber: in Wirklichkeit rutscht Russland allmählich zum Imitationsm odell ab. Die Wahlen der regionalen Parlamente vom 13. März 2011 bestätigen diese Te ndenz. 2. Regionalwahlen Es gibt einzelne Regionen der RF, die sich auf der imaginären Skala zwischen der östliche n Imitations- und der westlichen Konkurrenzdemokratie entweder weit vor oder weit hinter dem Russlanddurchschnitt befinden. Der politische Raum der Föd e ration ist äußerst heterogen. Die Wahlen in Dagestan oder in Tschukotka stehen dem kasachischen, dem bel arussischen oder dem ägyptischen Modell näher, während die Situation in den Gebieten Twer, Kaliningrad oder Kirow im Vergleich eher den euro päischen Standards entspricht. Regionalwahlen vom 13. März 2011, Ergebnisse (%) Nr. Subjekt der RF ER* KPRF LDPR GR PR GS JABLOKO 1 Republik Adygeja 58,0 18,8 10,5 9,5 2 Republik Dagestan 65,2 7,3 0,1 13,7 8,4 5,1 3 Republik Komi 50,5 16,1 14,8 12,6 1,7 4 Gebiet Kaliningrad 40,8 21,4 12,6 10,1 8,5 2,3 5 Gebiet Kirow 36,7 22,4 17,1 21,1 6 Gebiet Kursk 44,8 21,5 12,3 14,8 1,8 1,5 7 Gebiet Nishni Nowgorod 43,0 28,8 12,8 12,7 8 Gebiet Orenburg 41,5 21,4 15,5 17,0 1,7 9 Gebiet Tambow 65,1 18,2 7,3 5,8 10 Gebiet Twer 39,8 24,7 11,0 21,3 11 Autonomer Kreis der Chanten und Mansen 44,0 13,5 23,6 13,9 12 Autonomer Kreis der Tschuktschen 71,2 4,8 11,9 7,5 Im Durchschnitt 50,1 18,2 12,5 13,3 4,4 5,1 1,9 * Erläuterung der Abkürzungen: ER: Einiges Russland; KPRF: Kommunistische Partei der Russischen Föderation; LD PR: Liberaldemokratische Partei Russlands, GR: Gerechtes Russland; PR: Patrioten Russlands; GS: Gerechte Sache. Die Regeln des Punin’schen Elitenkonsenses sind einfach: die Leistungsfä higkeit der Führung wird an der Fähigkeit gemessen, die Situation zu kon trollieren, unter anderem bei den Wahlen das nötige Ergebnis zu sichern. Die Mittel stehen den regionalen Regierungen frei – jeder macht er so, wie er am besten kann. Es darf nur zu keinem Skandal kommen. Un fähige Verwalter werden aus der„Bürness“ -Korporation ausgeschlossen und vom Olymp gestürzt. Die erfolgreichen, die es schaffen, einen Ausgleich der Interessen der lokalen Wir tschaft, der Gewaltbehö r den, der Bürokraten, der Massenmedien, der Richter, der Mitglieder der Wahlkommissionen und(zuletzt) auch der Wähler zu gewährleisten, können in ihren „Black Boxes“ gute Zahlen vorweisen und werden durch Möglichkeiten des weiteren Au fstiegs innerhalb der Korporation belohnt. Der Anteil der„lenkbaren Wählerschaft“ kann von Ort zu Ort stark schwanken: von ver nachlässigbaren Größen in einigen städtischen Wahlkreisen in Zentralrus sland bis 80 – 90% in autoritär regierten nordkaukasischen Republiken. Er hängt von der soziokulturellen Grundstruktur, dem Grad des Autoritarismus der lokalen Regie rung sowie der Fügs amkeit der Wähler ab. Die Wahlen können weder als völlig fair noch als völlig gefälscht bezeichnet werden. Es ist stets ein Cocktail mit schwankendem Alkoholgehalt. Diese Zwischenposition der Wahlen spiegelt den Übergangsz ustand der Gesellschaft und des Staates wider. 3. Der Fall Dagestan 2 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 Ein gutes Beispiel für die„asiatische“ Art der Abstimmung, bei welcher der Beitrag der freien Wähler sehr gering ist und die Ergebnisse größtenteils durch dire k te Wahlfälschung erzielt werden, ist der zentrale Wahlbezirk(Leninski-Bezirk Nr. 1) in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans. Am 13. März 2011 waren hier 35463 wahlberechtigte Personen g emeldet. Von ihnen stimmten 28837 ab; die Wahlbeteili gung lag bei über 81%. Die offiziell veröffentlichten Ergebnisse lauteten: KPRF- 0,00; LDPR – 0,00;„Patrioten Russlands“ 0,00;„Gerechte Sache“ – 0,00.„Einiges Russland“ - 18 994(66%);„Gerechtes Rus sland“ - 9811(34%). Hat kein einziger der 28837 Wähler seine Stimme für die Kommunisten abgegeben. Selbst di ejenigen nicht, die bei den Wahlen persönlich auf der Parteiliste der Kommunist ischen Partei standen. Alle Parteien haben 0% der Stimmen erhalten, abgesehen von zwei „Parteien der Macht“. An der Spitze der ersten Partei steht Boris Gryslow, der Vorsitzend e des Unterhauses des Parlaments(„Einiges Russland“), an der Spitze der zweiten steht Se rgej Mironow, der Vorsitzende des Oberhauses(„Gerechtes Russland“). Die beiden Parte ivorsitzenden sind als enge Freunde Wladimir Putins bekannt. Die Stimmen teilten sich exakt im Verhältnis 2:1 zwischen den be iden Parteien auf. Fünf Tage später, nachdem der Schönheitsfehler der Wahlverwaltung von M achatschkala aufgefallen war, wurden die Ergebnisse leicht korrigiert, indem im Nachhinein in zwei Wahllokalen des Leninski-Wahlbezirks der Anteil der Kommunisten auf Kosten der Stimmen für„Einiges Russland“ genau um 1,00% erhöht wurde. Dabei änderte sich die Zahl der abgegebenen Stimmen nicht. So funktioniert die„Black Box“. Es können nur Vermutu ngen darüber angestellt we rden, wie sie solche unglaublichen Zahlen erzielt. In anderen Kreisen und Wahllokalen Dagestans sieht es im Prinzip ähnlich aus: Die Ergebnisse sind mit dem gesunden Menschenverstand und der Wahrscheinlichkeitsrechnung kaum oder gar nicht zu erkl ä ren. Eig entlich wird dies gar nicht versucht, denn das wäre gegen die Regeln des P utin’schen Konsenses. Im Republikdurchschnitt erreichte die Wahlbeteiligung einen Rekor dwert von 84,8%, wobei 65,1% der Stimmen für die Partei„Einiges Russland“ abgegeben wurden . Die Vorgabe von 2/3 der Stimmen für die„Partei der Macht“ wurde nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch im Schnitt der gesamten Republik erfüllt. In Machatschkala, wo 193 Tsd. Wähler abstimmten, enthielten die Ergebni sprotokolle keine einzige(!) Sti mme für LDPR. Offensichtlich stimmten selbst die örtl ichen Vertreter der Parteiliste gegen sich. Diese Partei ist in Dagestan in der Tat nicht besonders populär, in Machatschkala leben jedoch Tausende Vertreter der russi schen Sicherheitsbehörden mit ihren Familien, die auf die Verschärfung der nationalen Konflikte vor allem mit der Unterstü tzung der Partei Shirinowskis reagieren. Die Null erscheint vor diesem Hintergrund als ein demonstrativer Protest gegen den Chauvinisten Shirinowski nicht so sehr seitens der Wä hler, als viel mehr seitens der empörten republikanischen Führung. Wichtig ist, dass dies als soziokulturelle Norm wahrgenommen wird. Die Zentrale Wahlkommission der RF versicherte, dass aus Dagestan die wenigsten Beschwerden wegen Verstößen bei den Wahlen eingereicht wurden. Im Ergebnis des Wahlkampfes wurde Sijabschach Schapijew, der Zuständige für Dagestan in der Zentralen Wah lkommission der RF, mit einer Ehrenurkunde des Präside n ten der Russischen Föderation ausgezeichnet, und Magomed Dibirow, der Vorsitzende der Wahlkommission Dagestans, erhielt eine Dankesurkunde des Präsidenten der RF. Über die Auszeichnung weiterer Org anisatoren der Regionalwahlen vom 13.März durch den Präsidenten ist bislang nicht bekannt. Bei fast 1,5 Mio. Wahlberechtigten, einer Wahlbeteiligung von fast 85% und 65% der Stimmen für die Partei„Einiges Russland“ trug Dagestan ein Viertel der gesamten Stimmen, die diese Partei am 13. März erhielt, bei. Ungefähr gleich groß war der Gesamtbeitrag der Gebiete Nishni Nowgorod und Orenburg, obwohl die Zahl der Wahlbeteiligten dort dreimal so hoch ist. Angesichts des künstlichen Charakters der Wählerunterstützung für die Partei„E iniges Russland“ in Dagestan ist es klar, dass die Beliebtheit der„Partei der Macht“ bei den „freien Wählern“ Russlands viel geringer ist. Es ist schwer zu sagen, wie groß die Differenz ist, da die„Black Boxes“ keine Antwort liefern. Es muss also auf indirekte Schätzungsmeth oden zurückgegri ffen werden. 4. Ergebnisvergleich 3 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 Im Vergleich zum vorigen Wahl zyklus wuchs in denselben Föderationssubje kten der Mittelwert der Wählerunterstützung für die Partei„Einiges Russland“ von 43 auf 50,1%. Das ist durch vier Faktoren zu erklären: massivere und offensichtlichere Wahlfälschung, Schwächung der Konkurrenz sei tens der außerparlamentarischen Parteien, Abschaffung der A bstimmungsmöglichkeit„gegen alle“ und Übernahme der„Agrarpartei“. Bei den letzten Wa hlen waren insgesamt 371 Tsd. Stimmen„gegen alle“ abgegeben worden – das entspricht im Schnitt 6,7% der Wahlb eteiligten, von fünf bis 17% in unterschiedlichen Regionen. Auße rparlamentarische Parteien hatten damals in elf der zwölf Regionen an den Wahlen teilg enommen und 690 Tsd. oder 12,4% der Stimmen erhalten. Diesmal wurden sie in fünf Reg ionen zur Wahl zugelassen und erhielten unter 200 Tsd. Stimmen oder 3,2%. Der Zusammenschluss von„ER“ und der Agrarpartei erfolgte 2008. In der e r wähnten Republik Dagestan war die Agrarpartei im vorigen Wahlzyklus gegen die Partei„Einiges Russland“ angetreten und hatte da bei 9,1% der Stimmen erzielt. Es war zu erwarten, dass die Stimmen ihrer Wählerschaft der vereinigten Partei zugute kommen würden,„ER“ konnte ihr Ergebnis in Dagestan am 13. März jedoch lediglich um 1,5% verbessern. Im Gebiet Orenburg lag der Stimmzuwac hs für„ER“ bei nur 1,1%, obwohl die Agrarpartei dort im vor igen Wahl zyklus 6,4% erzielt hatte. Daraus kann man folgern, dass die Unterstützung der Partei„Einiges Russland“ faktisch g esunken ist. Im Vergleich zu der KPRF, der LDPR und der Partei„Gerechtes Russland“ weist„E iniges Russland“ die geringsten Zuwachsraten auf, obwohl der Konsens des„Bürness“ für sie die günstigsten Bedingungen schuf. Im Unterschied zu der Partei„Einiges Russland“ kon nten die drei„alternativen“ in der Duma vertretenen Par teien ihr Ergebnis in Bezug auf die Anzahl der Stimmen im Vergleich zu den letzten russlandweiten Wahlen in denselben Regionen erhöhen. Der Anteil der Partei„Einiges Russland“ verringerte sich im Vergleich zu den russlandweiten Wahlen um 15%. Ergebnisse im Vergleich mit der Wahl zur Staatsduma von 2007(%) Einiges Russland KPRF LDPR Gerechtes Russland Subjekt der Russischen Föderation Zuwachs Zuwachs Zuwachs Zuwachs Dumawahlen 2007 13. März 2011 Dumawahlen 2007 13. März 2011 Dumawahlen 2007 13. März 2011 Dumawahlen 2007 13. März 2011 Republik Adygeja 71,0 58,0 -13,0 12,2 18,8 6,6 5,9 10,5 4,6 5,2 9,5 4,3 Republik Dagestan 89,2 65,2 -24,0 8,7 7,3 -1,4 0,6 0,1 -0,5 0,7 13,7 13,0 Republik Komi 62,1 50,5 -11,6 9,5 16,1 6,6 11,4 14,8 3,4 8,4 12,6 4,2 Gebiet Kaliningrad 57,4 40,8 -16,6 13,8 21,4 7,6 10,2 12,6 2,4 8,2 10,1 1,9 Gebiet Kirow 55,4 36,7 -18,7 11,7 22,4 10,7 12,1 17,1 5,0 8,2 21,1 12,9 Gebiet Kursk 62,7 44,8 -17,9 11,5 21,5 10,0 8,8 12,3 3,5 10,9 14,8 3,9 Gebiet Nishni Nowgorod 60,6 43,0 -17,6 12,6 28,8 16,2 8,6 12,8 4,2 10,5 12,7 2,2 Gebiet Orenburg 60,3 41,5 -18,8 13,3 21,4 8,1 9,2 15,5 6,3 9,3 17,0 7,7 Gebiet Tambow 59,8 65,1 5,3 19,2 18,2 -1,0 7,7 7,3 -0,4 5,9 5,8 -0,1 Gebiet Twer 59,7 39,8 -19,9 13,4 24,7 11,3 9,7 11,0 1,3 8,4 21,3 12,9 Autonomer Kreis der Chanten und Mansen 66,0 44,0 -22,0 7,1 13,5 6,4 13,2 23,6 10,4 6,3 13,9 7,6 Autonomer Kreis der Tschuktschen 78,1 71,2 -6,9 3,0 4,8 1,8 7,4 11,9 4,5 2,8 7,5 4,7 Im Durchschnitt 65,2 50,1-15,1 11,3 18,3 7,0 8,7 12,5 3,7 7,1 13,3 6,2 Im Vergleich zu den letzten russlandweiten Wahlen hatte die Partei„Einiges Rus sland“ überall mit Ausnahme des Gebiets Tambow, wo diesmal ein bisher une r hörtes Ausmaß an Manipulationen mit der Abstimmung mit mobilen Wahlurnen„von zu Hause aus“(18% der Wähler) und mit„Abmeldescheinen“ zu beobachten war, Stimmverluste zu verzeichnen. Die Unterstützung für andere Parteien stieg fast überall – trotz des Drucks der administrativen Ressource. 5. Wählerzahlen und Wählerpotential 4 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 Dr ei Viertel der russischen Bevölkerung leben in Städten. Städtische Wähler sind für Manipulationen mithilfe Informationstechnologien und durch direkten administrativen Druck weniger anfällig – natürlich wenn es nicht um Städte wie M achatschkala in Dagestan, Grosny in Tschetschenien oder Anadyr in Tschukotka geht. Daher ist in Städten und in urbanisierten Gebieten gewöhnlich eine geringere Wah l beteiligung und eine schwächere Unterstützung der„Partei der Macht“ zu verzeic hnen. Dort, wo die Urbanisierung weni ger weit fortgeschritten ist, verhält es sich u mgekehrt. Ohne qualifizierte Wahlbeobachter, eine einigermaßen freie Presse und ernstzunehmende Konkurrenz weisen die depressivsten Regionen eine erhöhte Wahlbeobachtung bei einer kon solidierten Abstimmung für„Einiges Russland“ auf. Beispiele sind Tschukotka, Dagestan, Adygeja und das Gebiet Tambow. Das Neue im Vergleich zu früheren Wahlzyklen besteht darin, dass am 13. März die Wahlbeteiligung nicht so sehr in diesen Zonen der„lenkbaren Wähler“(wo sie von der administrativen Ressource garantiert wird), sondern vielmehr in urbani sierten Zonen der„freien Wahl“ – in den Gebieten Nishni Nowgorod, Orenburg, Kaliningrad, Kursk und in der Republik Komi – gestiegen ist. Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen. Ein erseits kann es sich um ein Zeichen der Ausweitung der Methoden der„gelenkten Abstimmung“ auf ehemals verhäl tnismäßig freie städtische Gebiete handeln, d.h. ein Anzeichen der anhaltenden „Dagestanisierung“ des gesamten Landes und des Abrutschens zur asiat ischen Imitationsdemokratie. Es ist aber auch die entgegengesetzte Deutung möglich: als Zeichen der Berei tschaft der„freien Wähler“, vom jahrzehntelangen Dornröschenschlaf aufzuwachen und a bzustimmen – vor al lem gegen„Einiges Russland“, für die parlament arische Alternative, die von LDPR, KPRF und„Gerechtes Russland“ vertreten ist. Die zweite Erklärung scheint eher der Wahrheit zu entsprechen, da in urbanisierten Gebieten eine deutliche Zunahme von Stimmen für die„Alternative“ bei gleichzeitiger Abnahme des Anteils von„ER“ zu verzeic hnen ist. Das Potential der Zonen der„lenkbaren Abstimmung“ ist erstens grundsätzlich durch das Muster der Bevölkerungsverteilung beschränkt, und zweitens bereits fast vollständig mobilisiert. In Dagestan liegt die Wahlbeteiligung bei 85, in Tschukotka bei 76%. Es ist ein langfristiger Prozess. Russland insgesamt ist in Hinsicht auf soziokulturelle Verhaltensmuster den Vorreiterstädten normalerweise mehrere Jahre hinterher. Wenn„Ein iges Russland“ heute in den Gebieten Nish ni Nowgorod, Twer, Kaliningrad(und innerhalb dieser Gebiete vor allem in den Städten) Schwierigkeiten hat, diese aber noch durch die Konsolidierung der administrativen Ressource in Dagestan oder im Gebiet Tambow kaschieren kann, so wird sich dieser Prozes s nach einer gewissen Zeit von den Städten auf das g esamte Land ausbreiten. Dabei wird er nicht mehr auszugleichen sein. So hat die Zunahme der Wahlbeteiligung in Tschukotka fast um ein Viertel der Partei„Einiges Russland“ ang esichts der geringen Zahl der Wahlberechtigten in dieser peripheren Zone lediglich 0,5% mehr reale Stimmen beschert. Das politische Schicksal Russlands wird in der Perspektive von fünf bis zehn Jahren in Großstädten entschieden, die heute noch schlummern. 6.Stadt und Land Zur Veranschaulichung von Differenzen zwischen den in Hinsicht auf die Wahlen vergleichsweise unabhängigen Städten und ihrer ländlichen Umgebung werden hier einige Be ispiele aus Zentralrussland angeführt. Ergebnisse der Wahl vom 13. März im Gebiet Kirow,(%) Parteien Gebiet Kirow Stadt Kirow (Wjatka) Gerechtes Russland 21,1 18,2 Einiges Russland 36,7 26,2 LDPR 17,1 20,9 KPRF 22,4 32,0 Wahlbeteiligung 47,6 41,4 Von der Abstimmung mit mobilen Wahlurnen machten im Durchschnitt 10% der Wä hler Gebrauch(bis zu 1 9% in einem der Kreise). Mobile Wahlurnen gehören zu den 5 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 sichersten Methoden, das Ergebnis der„Partei der Macht“ auf dem Land mithilfe der„lenkb aren Wähler“ zu verbessern. Ländliche Wähler fürchten sich entweder vor einem Illoyalität sverdacht, wenn sie zu Hause aufgesucht werden, oder die Mitglieder der Wahlkommissionen „stimmen“ einfach an ihrer Stelle„ab“. Ergebnisse der Wahl vom 13. März im Gebiet Twer,(%) Parteien Gebiet Twer Stadt Twer Gerechtes Russland 21,3 27,3 LDPR 11,0 12,4 Einiges Russland 39,8 27,9 KPRF 24,7 28,4 Mithilfe mobiler Wahlurnen stimmten 16,7% der Wähler(bis zu 40% in einem Kreis) ab. Trotzdem hat es„Einiges Russland“ im Gebietsdurchschnitt nicht einmal auf 40% g eschafft. Das liegt vor allem daran, dass der Anteil der l ändlichen Bevölkerung nunmehr g ering ist. Das Gebiet liefert ein markantes Beispiel für die Kluft zwischen den vergleichsweise unabhängigen Städten und dem Land, wo aus bereits genannten Grü nden ausgiebig von der Abstimmung mit mobilen Wahlurnen oder soga r von der„Ko r rektur“ der Protokolle Gebrauch gemacht wird. Die Ergebnisse sind auf ganze Prozentzahlen gerundet. Im Kreis Wyschni Wolotschok des Gebiets Twer(Dorf) erzielt die Partei„Einiges Russland“ 52% der Stimmen; in der Stadt Wyschni Wolotschok selbst 27%. Im Kreis Rshew(Dorf): 69%; in der Stadt Rshew: 27%. Im Kreis Torshok(Dorf): 56%; in der Stadt Torshok: 29%. Das Ergebnis auf dem Land ist also etwa doppelt so hoch wie in den Städten. In der Stadt Twer(Gebietshauptstadt) gibt es sechs S tadtbezirke. Dort erzielte„ER“ von 26%(Minimum) bis 31%(Maximum) der Stimmen. Etwa gleich viele Stimmen erhielt die KPRF. Das Gebiet ist stark urbanisiert, so dass selbst die doppelt so hohen Ergebnisse in der ländlichen Provinz das Gesamtergebnis nicht über 40% hinaus anheben konnten. Diese Tendenz ist für das ganze Land, mit der verständlichen Ausnahme von Dagestan, ch arakteristisch. Wahlen vom 13. März. Ergebnisse in den regionalen Hauptstädten(%) Wahlbeteiligung Ergebnis für die Partei„Ein iges Russland“ Nr. Subjekt der RF Region Haupt- UnterRegion Hauptinsstadt schied insstadt gesamt gesamt Unterschied 1 Republik Adygeja 49,9 42,4-7,5 58,0 44,5-13,5 2 Republik Dagestan 84,8 80,8-4,0 65,2 66,9 1,7 3 Republik Komi 49,8 46,2-3,6 50,5 43,4-7,1 4 Gebiet Kaliningrad 43,4 42,6-0,8 40,8 30,3-10,5 5 Gebiet Kirow 47,3 41,4-5,9 36,7 26,2-10,5 6 Gebiet Kursk 52,5 50,6-1,9 44,8 34,7-10,1 7 Gebiet Nishni Now37,9-6,9 43,0 35,3-7,7 gorod 44,8 8 Gebiet Orenburg 47,7 47,0-0,7 41,5 32,2-9,3 9 Gebiet Tambow 53,6 51,5-2,1 65,1 52,3-12,8 10 Gebiet Twer 37,9 30,7-7,2 39,8 27,9-11,9 Autonomer Kreis der 11 Chanten und 39,4-10,5 44,0 33,8-10,2 Mansen 49,9 12 Autonomer Kreis der 66,5-9,8 71,2 62,8-8,4 Tschuktschen 76,3 Im Durchschnitt 53,2 48,1-5,1 50,1 40,9-9,2 6 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 7. Ergebnisse und Auswertung Im Ergebnis der Wahlen vom 13. März sind die alternativen im Parlament ve rtretenen Parteien(diese als„oppositionell“ zu bezeichnen erscheint nicht ganz korrekt) trotz des a dministrativen D rucks deutlich stärker geworden. „Einiges Russland“ hat trotz der privilegierten Bedingungen viel weniger dazu gewo nnen als möglich gewesen und erwartet worden war. Anscheinend hat diese Partei gemei nsam mit W. Putin und seiner Konstruktion des Elitenkons enses die Spitze ihrer Popularität bereits überschritten und blickt jetzt nach unten. Dieser Pr o zess wird von der Zerstörung des Konsenses von innen begleitet. Die Kluft zwischen den Zonen der„lenkbaren Abstimmung“ und den Gebieten mit verhältnismäßig freien Wahlen vertieft sich weiter. Die geographische Struktur der Wähleru nterstützung der Partei der Macht verkommt, indem sie sich sowohl auf Landesebene(Dag estan, Tschukotka, Adygeja, Gebiet Tambow) als auch innerhalb je des Föderationssubjekts (Kluft zwischen Stadt und Land) immer offensichtlicher ins Hinterland(das mit der Zone der „lenkbaren Abstimmung“ übereinstimmt) verlagert.„Einiges Russland“ wird zur Partei der Provinzwähler. Es verkommt auch die qualitative Struktur der Unterstützung von„ER“, da im Gesamtergebnis der Anteil der Fälschungen zunimmt. Dabei sucht der„freie Wähler“ eine A lternative in den ihm bekannten„Marken“: vor allem in den Parteien KPRF und LDPR. Von allen Parteien der parlamentarischen Alternative haben die Kommunisten den größten ree llen Zuwachs und die LDPR die höchste Zuwachsrate zu verzeic hnen. Die Nische der„europäisch orientierten Demokratie“ bleibt leer. Die Wähler dieses Sektors sind enttäuscht und desorientiert. Die Ideologie ist diskreditiert, es gibt keine Fü hru ngspersönlichkeiten. Die Parteien dieses Sektors sind nach wie vor das wichtigste Hasso bjekt der„administrativen Ressource“ vor Ort und auf gesam tstaatlicher Ebene. Im Hinblick auf die Dumawahlen, die im Dezember 2011 stattfinden werden, ist eine deutlic he(jedoch keine katastrophale) Abnahme der Unterstützung für die Partei„Einiges Russland“ bei einer deutlichen(aber keiner revolutionären) Stärkung der alternativen Parte ien, die aktuell in der Duma vertreten sind, zu erwarten. Die Wahlen werden von einem Anwachsen des Konfliktpotentials in Elitengruppen, von der Enttäuschung und Gereiztheit der Wähler und einem weiterhin sinkenden Vertrauen Wahlinstitutionen gegenüber, einschließlich der Zentralen Wahlkommission, der politischen Parteien und der Idee der parlamentarischen Demokratie an sich, begleitet werden. Die Wahlen von 2011 und 2012 werden das PutinRegime, das allmählich in einer Systemkrise versinkt, auf eine viel härtere, jedoch noch keine kritische Probe stellen. Vor dem Hintergrund der Ausschöpfung des gewohnten Potentials der„len k baren Wähler“ und der sinkenden Popularität unter den„freien Wählern“ werden r egionale Eliten gezwungen sein, auf skandalöse Maßnahmen für die Mobilisierung zusätzlicher Unterstützung zurückz ugrei fen. Höchstwahrsche inlich werden sie dabei Erfolg haben. Die Methoden werden jedoch so plump sein, dass die Enttäuschung in der öffentlichen Meinung noch schneller anwachsen wird. Diese Enttäuschung wird im aktuellen Wahlzyklus wohl noch keine kritischen Werte erreichen. Es ist eher zu erwarten, dass sich die äußere Manifestation der i nneren Krise auf die Zeit nach den Wahlen verschieben wird. 7 RUSSLANDS PERSPEKTIVEN 05 / 2011 8