FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Jörg Steinert © 2008 Bernd Boscolo/ pixelio.de Es gibt schwule Friseure, schwule Modedesigner und schwule Flugbegleiter – soweit reicht das Weltbild vieler Menschen. Doch es gibt offiziell keinen einzigen schwulen ProfiFußballer. Ein Berliner Radiosender startete daher im Mai 2010 das Morgenquiz„ProfiFußballer oder schwul?“. Einigen Zuhörern war dies zu viel der Provokation. Sie beschwerten sich beim Radiosender, da sie homophobe 1 Ressentiments vermuteten. Und auch der Lesbenund Schwulenverband in Deutschland(LSVD) e.V. intervenierte. Das Sendeformat mag provoziert haben, aber es beschreibt zugleich eine reale Situation. Fußball ist ein Schlachtfeld der Emotionen, doch beim Thema Homosexualität hört der Spaß auf. Mitte der 1990er Jahre äußerte der Fußballprofi Lothar Matthäus die Meinung, dass ein Schwuler nicht Fußball spielen könne. Und auch noch im Jahr 2010 empfiehlt der deutsche Fußballfunktionär Rudi Assauer schwulen Fußballspielern, sich einen anderen Sport zu suchen, da sie ansonsten„plattgemacht werden“. Kommen solche Äußerungen einer Kapitulation gegenüber der grassierenden Homophobie im Fußball gleich? Oder gibt es gar keine homosexuellen Kicker? 1 Homophob/ Homophobie: Feindseligkeit gegenüber Lesben und Schwulen. FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Tabuthema Homosexualität Wann immer es um Homosexualität im Sport geht, darf die Anmerkung nicht fehlen, dass es sich noch immer um ein großes Tabu in unserer Gesellschaft handelt. Auch die Wanderausstellung„Gegen die Regeln“, welche im Frühjahr 2010 im Berliner Rathaus auf Tour geschickt wurde, kommt nicht ohne diesen Hinweis aus. Die Ausstellung leistet zugleich einen Beitrag dazu, die Aussage zu entkräften. Lesben und Schwule im Leistungssport- das kann ohne größere Probleme funktionieren. Wie z.B. bei der deutschen Radsportlerin Judith Arndt, Silbermedaillengewinnerin von Athen 2004. Die Sponsoren sind ihr treu geblieben und die Bild-Zeitung hat eine freundliche Homestory geschrieben. Die Ausstellung nennt insgesamt 100 Sportlerinnen und Sportler, die offen homosexuell leben - wenngleich viele erst nach Abschluss ihrer Karriere. Die Tennisspielerin Martina Navratilova steht ebenso auf der Liste wie der kanadische Schwimm-Olympiasieger Mark Tewksbury. Schwule Profi-Fußballer hingegen sind nicht bekannt. Dabei müsste zumindest statistisch betrachtet einer von elf Spielern auf dem Platz schwul sein. Doch bis heute gibt es keinen geouteten Spieler in der Fußball-Bundesliga. Daraus zu schlussfolgern, es gäbe keine Homosexuellen im Fußball, wäre falsch. Dem Fußball-Magazin„RUND“ sind schwule Profis bekannt; Namen können aber nicht genannt werden, da das Klima im Fußball – so das Magazin – immer noch extrem schwulenfeindlich ist. Und auch Tatjana Eggeling kann bestätigen, dass es homosexuelle Profis in der deutschen Bundesliga gibt. Eggeling forscht seit über fünf Jahren über Homophobie im Fußball und berät schwule Spieler aus der Ersten Bundesliga. Die Spieler suchen einen Weg, ihren Leidensdruck zu verringern. Nach wie vor sehen sie sich genötigt, im Geheimen ihrer sexuellen Orientierung nachzugehen – trotz der damit verbundenen Selbstverleugnung. Es gibt viele Anlässe, bei denen ein Spieler mit einer Begleiterin auftauchen sollte. Oft wird eine Hostess gebucht oder eine Bekannte gefragt. Längere Zeit ohne Begleiterin aufzutauchen, das geht für einen homosexuellen Spieler nicht. Um der Norm und dem Idealbild des heterosexuellen Sportlers zu entsprechen, wird von homosexuellen Spitzensportlern mitunter eine mühsam konstruierte Doppelidentität mit Frau und Kindern geschaffen. www.fes-online-akademie.de/ Seite 2 von 10 FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Die Profis haben Angst, dass sie von den eigenen Fans ausgelacht oder von denen des Gegners beleidigt werden. Zudem könnte ihr Marktwert sinken, weil zukünftige Arbeitgeber sie für weniger belastbar halten. Sie befürchten, als Nestbeschmutzer zu gelten. Zudem besteht die Gefahr, dass ihnen nach dem Outing die Medien Schritt auf Schritt folgen, aus dem voyeuristischen Interesse, jedes Detail ihres Privatlebens ans Licht ziehen zu wollen. Homosexualität ist ein Tabuthema in der Fußballwelt. Es wird zwar zunehmend nicht mehr toleriert, dass afrikanischstämmige Spieler mit Affengeräuschen verunglimpft werden. Aber das Outing eines Bundesliga-Spielers scheint noch unmöglich. Zu groß ist die Angst vor Anfeindungen, zu ungewiss die Solidarität der anderen Spieler, des eigenen Vereins oder der Fans. In der Politik und im Showbusiness werden Outings inzwischen nebensächlich zur Kenntnis genommen. Schwule Fußball-Profis hingegen sehen sich nach wie vor genötigt, im Geheimen ihrer sexuellen Orientierung nachzugehen – trotz der Belastung durch Lügen, Heimlichtuerei und der damit verbundenen Selbstverleugnung. Ein Zwangsouting, wie es in homosexuellen Künstlerkreisen gelegentlich vorkommt, könnte im Fußball existenzbedrohend sein – berichten Insider. Ein Blick in das europäische Ausland verdeutlicht die Problemlage. Justin Fashanu war der erste Fußballprofi, der sich 1990 in England in der Presse outete. Bis heute ist er der einzige Fußballprofi, der dies während seiner Zeit als aktiver Spieler tat. Beim Vereinswechsel zu Nottingham Forest erzielte er 1981 als erster Spieler mit schwarzer Hautfarbe eine Ablöse von über einer Million Pfund. Da er jedoch nicht die erwartete Leistung einbrachte, holte sein Trainer Brian Clough Erkundigungen über sein Privatleben ein und erfuhr, dass sein Spieler ein heimliches Doppelleben führte und regelmäßig in der Schwulenszene von Nottingham verkehrte. Vor versammelter Mannschaft beschimpfte Clough Fashanu als„verdammte Schwuchtel“. Der Konfrontationskurs des Trainers machte die Sache jedoch schlimmer und die sportlichen Leistungen verschlechterten sich weiter. Nach eineinhalb Jahren wurde Fashanu an einen anderen Verein weiter verkauft, ab 1985 versuchte sich der Fußballer in den USA und Kanada, kehrte aber 1989 nach Großbritannien zurück. Nachdem er schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte, wurde der Selbstmord eines Freundes, der wegen seiner Homosexualität von seiner Familie vor die Tür gesetzt wurde, zum Auslöser für Fashanus öffentliches Coming-Out.„I am gay“ titelte im Oktober 1990 die britische Boulevardzeitung„The Sun“, 80.000 Euro soll Fashanu für dieses Geständnis Seite 3 von 10 www.fes-online-akademie.de/ FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität erhalten haben. Sein Bruder soll ihm dieselbe Summe geboten haben, wenn er es nicht machen würde. Es folgten zahlreiche Skandalgeschichten in der Presse. Nachdem gegen Fashanu wegen eines vermeintlichen Sexualdeliktes ermittelt wurde und er von der Presse vorverurteilt wurde, erhängte sich der Fußballprofi 1998 in seiner Garage. Dem öffentlichen Druck hielt er nicht mehr stand. In einem Abschiedsbrief äußerte Fashanu die Befürchtung, dass er wegen seiner Homosexualität kein faires Verfahren bekommen hätte. Erst nach seinem Tod wurde bekannt, dass die Untersuchungen wegen Mangel an Beweisen eingestellt wurden. In seiner Biographie räumte Brian Clough, Trainer von Justin Fashanu, Jahre später ein, dass er sich am Tod des Spielers mitschuldig fühlt:„I had a responsibility towards him because he was under my jurisdiction as the manager of the club, and I gave him nothing“ 2 . Auch in Deutschland ist der Druck groß. Marcus Urban war in den 1980er Jahren Jugendnationalspieler der DDR. Doch Urban ist schwul. In seiner 2008 erschienen Autobiographie„Versteckspieler“ berichtet Urban, dass er Unmengen an Energie aufbringen musste, um seine Homosexualität zu verstecken. Er hielt sich an Glaubenssätzen fest wie„Ich bin Fußballer, also kann ich nicht schwul sein“. Es ging immer um Selbstkontrolle, und das hat jene Kraft gekostet, die ihm auf dem Platz fehlte. Mit 23 Jahren beendete Urban seine Karriere als Fußballer. Er hielt den Druck nicht mehr aus. Erst viele Jahre später, im Jahr 2007, outete sich Urban in einem Interview. Fußballnationalspieler Philipp Lahm deutet die Situation im Dezember 2008 im Interview mit dem Schwulen-Magazin„Front“ wie folgt:„Vielleicht gibt es ja keinen, und wenn doch, dann fürchtet er wohl die Konsequenzen. Fußball ist eben archaisch.“ Marcus Urban betont die innerliche Zerrissenheit von schwulen Fußballern. Man wolle etwas erreichen, aber man kann es nicht mit seiner ganzen Persönlichkeit machen. In einem wichtigen Teil müsse man immer die Bremse ziehen. DFB 3 -Präsident Theo Zwanziger sieht es wie Urban. Beim Neujahrsempfang 2010 der schwulen Führungskräfte in Berlin äußerte er die Befürchtung, dass dem Fußball durch Intoleranz und Versteckspiele viele Talente verloren gehen. Ein Coming-Out eines Spielers fände seine Unterstützung, aber er wolle niemanden dazu drängen. Und es bleibt die Befürchtung, dass ein einzelner Spieler dem öffentlichen Druck nicht standhalten könnte. 2 „Ihm gegenüber war als ich zuständiger Trainer in einer Verantwortung, aber ich unterstützte ihn nicht.“ 3 Deutscher Fußballbund. Seite 4 von 10 www.fes-online-akademie.de/ FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Während sich im Männerfußball keiner outet, ist Homosexualität im Frauenfußball nichts Spektakuläres. Es interessiert intern nicht besonders, was eine Spielerin zu Hause macht. Homosexualität im Frauenfußball ist ein offenes Geheimnis. Die Spielerinnen nehmen ihre Partner oder Partnerinnen selbstverständlich mit zur Weihnachtsfeier. Der Frauenfußball ist ein familiärer und sozialer Kreis, man darf sich darin bewegen, wie man will. Man braucht sich nicht zu erklären. Sobald man jedoch in die Öffentlichkeit tritt, muss man sich automatisch rechtfertigen. Frauenfußball ist mit dem Vorurteil belastet, dass alle lesbisch wären. Das stimmt zwar nicht, zugleich können sich lesbische Frauen im Mannschaftsgefüge akzeptiert und aufgenommen fühlen. Auf 20 bis 40 Prozent schätzt die ehemalige Bundestrainerin Tina Theune-Meyer den „Lesbenanteil“(Interview mit EMMA) im Fußball. Andere, wie der Coach von Turbine Potsdam, Bernd Schröder, sehen den Anteil höher. Wie hoch der„Homo-Anteil“ im Frauen- und Männerfußball tatsächlich ist, mag keiner genau prognostizieren. Fakt ist aber, dass Theo Zwanziger mit dem Schweigen zum Thema Homosexualität im Fußball bewusst gebrochen hat. Der DFB gibt mittlerweile die Broschüre „Gegen Diskriminierung von Homosexuellen im Fußball“ heraus. Zur Ausstellungseröffnung von„Gegen die Regeln“ im Berliner Rathaus ist der DFB-Präsident sogar persönlich erschienen. Männlichkeit und Leistungserwartungen Im Sommer 2006 wurden 922 Berliner Gymnasiasten und Gesamtschüler zu ihren Einstellungen gegenüber Schwulen und Lesben befragt. Die vergleichende Untersuchung von Prof. Bernd Simon(Christian-Albrechts-Universität Kiel) kommt zu dem Ergebnis, dass homosexuellenfeindliche Einstellungen unter Schülern stark verbreitet sind. Darüber hinaus konnte festgestellt werden, dass Kontakte zu Schwulen und Lesben einen signifikanten Einfluss auf die Homosexuellenfeindlichkeit haben: Je mehr Kontakte bestehen, desto weniger homosexuellenfeindlich sind die Schüler. Diese Erkenntnis verdeutlicht den Teufelskreislauf im Fußball. Die Unsichtbarkeit von schwulen Profis erschwert folglich den Abbau von Vorurteilen. Zum anderen – so die Studie – hängt Homosexuellenfeindlichkeit vor allem mit der Akzeptanz traditioneller Männlichkeitsnormen zusammen. Je stärker www.fes-online-akademie.de/ Seite 5 von 10 FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität traditionelle Männlichkeitsbilder akzeptiert werden, desto stärker ist die Ablehnung Homosexueller. Gerade im Sport ist ein traditionelles Verständnis von Geschlechterrollen vorherrschend. Insbesondere von Fußballspielern wird erwartet, dass sie diesem Verständnis Rechnung tragen. Sie werden als stark und besonders männlich angesehen, und genau dies wird Homosexuellen in der Regel abgesprochen. Lesben und Schwule werden ignoriert oder abgelehnt. Frauen haben jedoch im Leistungssport die Möglichkeiten, Aspekte ihrer Persönlichkeit auszudrücken, die in der Regel als„männlich“ gelten. Um sportlich erfolgreich zu sein, müssen sie diese Eigenschaften sogar pflegen. Zugleich droht ihnen der Vorwurf, zu „vermännlichen“. Deshalb achten sie darauf, so„weiblich“ wie möglich zu wirken. Frauen, die Fußball spielen können, werden oft als„Mannsweiber“ oder„Lesben“ betrachtet. Beide Vorurteile werden aber durch die Realität nicht bestätigt. Da im Sport„männliche“ Leistungsfähigkeit, Dominanz, Durchsetzungsfähigkeit und Stärke ohnehin erwartet werden, verlangt Sport von Männern Eigenschaften, welche ihnen aufgrund ihrer Sozialisation als Mann ohnehin schon vertraut sind. Eine Überschreitung der Grenzen hin zu dem, was als„weiblich“ gilt, wäre für Männer ein Statusverlust. Ihre Männlichkeit wird ihnen dann abgesprochen. Mitunter werden sie dann für schwul gehalten. Männer, die aus der ihnen zugewiesenen traditionellen Geschlechterrolle ausbrechen, brechen ein stärkeres Tabu als Frauen. Deshalb bemühen sich Fußballer, möglichst„heterosexuell“ aufzutreten. Dies kann durch demonstratives Auftreten mit weiblicher Begleitung, besonders dominantes Verhalten oder abfällige Bemerkungen über Schwule geschehen. Der Verdacht, schwul zu sein, wird vehement vermieden. Die Spieler haben in der Regel schon in der D-Jugend gelernt, dass Fußball und Homosexualität nicht zusammen passen. Beschimpfungen wie„Weichei“, „Warmduscher“,„Memme“,„Mädchen“ oder Bezeichnungen wie„schwuler Pass“ sind Ausdruck vorzufindender Homosexuellenfeindlichkeit. So vermeiden junge Fußballer all das, was als„schwul“ wahrgenommen werden könnte. ARD-Moderatorin Anne Will kommentierte diesen Befund in der Süddeutschen Zeitung wie folgt:„Im System Fußball wird ein durchgedrehter Männlichkeitskult gepflegt, der es Homosexuellen offenbar unmöglich macht, sich zu bekennen.“ Seite 6 von 10 www.fes-online-akademie.de/ FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Theo Zwanziger sieht insbesondere zwischen Spitzen- und Breitensport große Unterschiede. Aus der Kreisklasse erhält er von zahlreichen schwulen Sportlern Briefe, die ihm berichten, wie anerkannt sie im Team und Verein sind. Noch vor 50 Jahren, so Zwanziger, sei das undenkbar gewesen. Ein ähnlicher Entwicklungsprozess müsse in den oberen Ligen noch nachvollzogen werden. Lichtblick ist der Oberligist Türkiyemspor Berlin 1978 e.V.: auf einer Pressekonferenz mit dem Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg im April 2010 verkündete die Vereinsspitze, dass homosexuelle Spieler die Rückendeckung des Vereins genießen würden, wenn sie sich outen möchten. Dies war auch als offene Einladung an schwule Kicker anderer Vereine zu verstehen. Ob die Strategie aufgeht, bleibt abzuwarten. Persönliche Kontakte schaffen Aber es geht auch anders: Seit 5 Jahren kicken hetero- und homosexuelle Fußballer bei den Respect Gaymes unter dem Motto„Zeig Respekt für Schwule und Lesben“. Bis zu 60 Fußballmannschaften kommen jedes Jahr in Berlin zusammen, um ein Zeichen zu setzen und Respekt und Toleranz selbstverständlich zu leben. Zu den Unterstützern der ersten Stunden zählt der Regionalligist Türkiyemspor. In dem Verein spielen Fußballerinnen und Fußballer aus 20 Nationen, darunter Türken, Serben, Araber, Schwarzafrikaner und Deutsche. Das Engagement entspringt aus dem Gefühl, mit Schwulen und Lesben im selben Boot zu sitzen, wenn es darum geht, Opfer gesellschaftlicher Vorurteile zu sein. Wie wichtig Respekt ist, erfahren die Spieler hautnah bei ihren Auswärtsspielen in Chemnitz und Leipzig, wo sie(zum Teil) heftigen verbalen Anfeindungen ausgesetzt sind. Auch schwule Fans haben sich ihren Platz in den Zuschauerrängen erkämpft. Entgegen dem Klischee, dass Schwule sich nicht für Fußball begeistern können, zeigt man sich da lockerer. Vielleicht auch deshalb, weil man in den Massen erst einmal als Individuum nicht sonderlich auffällt. In Berlin gibt es den ersten offiziellen schwul-lesbischen Fußballfanclub der deutschen Bundesliga: im August 2001 gründeten sich die„Hertha-Junxx“. Bereits im Jahr 2002 wurde der Fanclub von Hertha BSC registriert. Die Regenbogenflagge, das Zeichen der Solidarität in der schwul-lesbischen Szene, hat also Einzug ins Berliner Olympia-Stadion gehalten und dort einen festen Platz gefunden. Bei jedem Hertha-Heimspiel hängt das Transparent„Fußball ist alles – auch schwul“ an der Zuschauer-Tribüne. Darauf ist man bei den Hertha-Junxx zu Recht stolz. Dem Vorbild der Hertha Junxx folgten weitere Fanclubs. www.fes-online-akademie.de/ Seite 7 von 10 FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Inzwischen haben sich 19 schwullesbischen Fanclubs aus Deutschland, der Schweiz und Spanien als Queer Football Fanclubs(QFF) zusammengeschlossen. Die Fanclubs werben in ihren jeweiligen Stadien für mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben. Die European Gay& Lesbian Sport Federation(EGLSF) 4 setzt sich bereits seit 1989 für lesbische und schwule Belange im Sport ein. Ihr Ziel ist es, gegen jegliche Diskriminierung im Sport vorzugehen und die Akzeptanz von Lesben und Schwulen im Sport zu verbessern. In Kooperation mit FARE(Football against Racism in Europe) 5 engagiert sich die EGLSF seit 2006 gegen Homophobie im Fußball. Auf deutscher Ebene ist das Bündnis Aktiver FußballFans e.V.(BAFF) seit 1993 für eine lebendige Fankultur aktiv, die frei ist von Diskriminierung. Parallel zu den Bestrebungen in den Sportvereinen als Schwule und Lesben anerkannt und respektiert zu werden, haben sich eigene Vereine für Homosexuelle gegründet. VORSPIEL gehört zu den größten Sportvereinen für Schwule und Lesben in Deutschland. Er wurde 1986 als schwuler Sportverein VORSPIEL(SSV) gegründet. Das Thema Homophobie wurde in den vergangenen Jahren auch erstmals auf Kongressen diskutiert. Auf dem Fankongress 2007 in Leipzig waren sich DFB und Fans darin einig, dass Homophobie ein Problem ist, an dessen Lösung dauerhaft gearbeitet werden muss. Es wurde die Hoffnung geäußert, dass die Zeiten, in denen die sexuelle Orientierung vom DFB als Privatsache abgetan wurde, der Vergangenheit angehören. In der Leipziger Erklärung„Gegen Diskriminierung im Fußball“ wird u.a. gefordert, Antidiskriminierungsparagraphen in Stadionordnungen und Vereinsatzung aufzunehmen sowie Diskriminierungen mit Hilfe der DFB-Task Force zu dokumentieren. Wichtig ist allerdings, dass der DFB Aufmerksamkeit in den Vereinen schärft, damit die Sensibilisierung für das Thema Homophobie auch auf der Vereinsebene stattfindet. Im Herbst 2007 kamen im Berliner Olympiastadion sodann auch Vertreter von Vereinen zum„1. Aktionsabend gegen Homophobie im deutschen Fußball“. Alle Vereine aus den Bundesligen und den Regionalligen waren eingeladen, aber nur wenige waren tatsächlich vertreten. Aus dem deutschen Profifußball unterzeichneten nur Werder Bremen, Hertha BSC Berlin, Energie 4 Europäische Sportförderation für Lesben und Schwule. 5 Fußball gegen Rassismus in Europa. www.fes-online-akademie.de/ Seite 8 von 10 FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität Cottbus und Carl-Zeiss Jena die sog.„Erklärung gegen Diskriminierung im Fußball“ sowie der damalige Oberligist Türkiyemspor(heute Regionalliga). Im Herbst 2009 sind die Berliner Vereine Hertha BSC, Türkiyemspor und Tennis Borussia dem vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg initiierten„Bündnis gegen Homophobie“ beigetreten. Weitere Schritte sind auch von politischer Seite geplant. So wird sich der Sportausschuss des Deutschen Bundestages im Herbst 2010 erstmals mit dem Thema Homosexualität beschäftigen. Perspektive Auch wenn sich das politische und gesellschaftliche Engagement gut entwickelt haben und lesbisch-schwules Leben zunehmend akzeptiert wird, gehören Gewalt und Anfeindung nach wie vor zur Erfahrung vieler Schwuler und Lesben. Ihre stärkere Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit empfinden viele Menschen als Provokation. Es reicht, wenn sie sich einen Kuss geben. Häufig wird hierauf mit Anfeindungen, Aggressionen und manchmal sogar körperlicher Gewalt reagiert. Es gibt zwar vermehrt Bemühungen, offen mit Homosexualität im Fußball umzugehen. Bei sehr vielen Stadiongängern muss jedoch noch ein gewisses „Problembewusstsein“ geschaffen werden. Paragraphen reichen nicht; auch Aufklärung ist notwendig. Durch das Projekt Respect Gaymes verfügt der Lesben- und Schwulenverband über langjährige Erfahrungen im Bereich Sport. Zusammen mit den Kooperationspartnern Türkiyemspor Berlin 1978 e.V., SV Empor Berlin e.V. und Tennis Borussia Berlin e.V. wurde Anfang 2010 die Idee entwickelt, über die bisherigen Aktivitäten hinaus gezielt innerhalb der Vereine für Respekt und Akzeptanz für Lesben und Schwule zu werben. Als geeignetster Weg erscheinen die Trainingslager, in denen sich insbesondere Jugendliche mehrere Tage aufhalten. In diesem geschützten Rahmen sollte es möglich sein, für die Themen Geschlechterrollen und Homosexualität zu sensibilisieren. Gängige Verhaltensweisen im Sport sollen hinterfragt werden, z.B. Redewendungen wie„schwuler Pass“. Die Trainerinnen und Trainer sollen aktiv eingebunden werden. Es gilt, nicht nur die Jugendlichen anzusprechen, sondern auch die Trainerinnen und Trainer in ihren Handlungskompetenzen zu stärken. Auch weitere Fußballvereine und Vereine anderer Sportrichtungen sollen für die Aktivitäten gewonnen werden. Neben den Trainingslagern www.fes-online-akademie.de/ Seite 9 von 10 FES OnlineAkademie- WM Spezial 2010 Sport und Homosexualität sollen zudem Fan-Projekte genutzt werden, um für das Thema Homosexualität zu sensibilisieren. Denn wenn sowohl Sportlerinnen und Sportler als auch Fans sich zu Respekt für Lesben und Schwule bekennen, kann das Antihomophobie-Projekt auch im Sport eine nachhaltige Wirkung entfalten. Gemeinsam mit den Sportakteuren sollen Intoleranz, Homophobie und Gewalt angesprochen, deren Ursachen herausgearbeitet und gemeinsam Lösungsansätze entwickelt werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Maßnahmen zu einem generellen Umdenken im Sinne von Gleichberechtigung und Antidiskriminierung führen und die Sensibilität und das Handlungswissen erhöht werden. Vielleicht findet dann auch der erste schwule ProfiFußballer den Mut zu seinem Coming-Out. Textveröffentlichung: Mai 2010 Zum Autor: Jörg Steinert(geb. 1982) ist Diplom-Politologe und leitete mehrere Jahre das Projekt Respect Gaymes. Der gebürtige Sachse ist Bundesjugendbeauftragter des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland(LSVD) e.V. und Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg. . www.fes-online-akademie.de/ Seite 10 von 10