 AUF EINEN BLICK Demokratievertrauen in Krisenzeiten Volker Best, Frank Decker, Sandra Fischer, Anne Küppers Wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft? DIE STUDIE AUF EINEN BLICK WIE STEHT ES UM DAS DEMOKRATIE­VERTRAUEN IN KRISENZEITEN? Diese Frage hat die Friedrich-Ebert-Stiftung 2022/23 in einer großen empirischen Studie untersucht. Wir wollten wissen: Wie zufrieden sind die Deutschen mit dem ­Funktionieren der Demokratie? Wo sehen sie Schwächen und Verbesserungsp­ otenziale? Wie blicken sie auf Demokratie und Gesellschaft? Wie bewerten sie einzelne Vorschläge für eine Reform der Demokratie? Wir knüpfen damit an die Studie Vertrauen in Demokratie aus 2019 an. Die Demokratie ist in Deutschland populär. Zumindest als Idee – das bestätigen Umfragen regelmäßig. Aber 2019 lautete das besorgniserregende Ergebnis unserer Studie: Weniger als die Hälfte der Befragten war mit dem konkreten Funktionieren der Demokratie zufrieden. Die gute Nachricht aus unser aktuellen Studie 2023: Trotz Pandemie, Krieg, Klimakrise, Inflation ist die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie stabil. Sie ist sogar leicht angestiegen. Fünf zentrale Ergebnisse: 1) Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie ist robust. 2) Werte bleiben allerdings niedrig. 3) gibt große regionale Unterschiede und zwischen den sozialen Gruppen. 4) gibt eine Sehnsucht nach einfachen Antworten: Die Zustimmung zur repräsentativen Demokratie sinkt. 5) Ergebnisse zeigen: Gute Demokratiepolitik bedeutet auch gerechte Verteilungspolitik. Was muss getan werden? Lesen Sie fünf Thesen am Ende der Zusammenfassung! Alina Fuchs und Jochen Dahm GANZE STUDIE Die gesamte Studie, den Podcast und den ­Begleitfilm können Sie hier herunterladen:  www.fes.de/studie-vertrauen-in-demokratie FILM: Zentrale Ergebnisse und Einordnung FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 2 I ZENTRALE ERGEBNISSE DIE ZUFRIEDENHEIT BLEIBT STABIL, ABER AUF NIEDRIGEM NIVEAU Die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie bleibt trotz multipler Krisen stabil und steigt sogar leicht um zwei Prozentpunkte im Vergleich zu 2019. Allerdings verharren die Zufriedenheitswerte weiterhin knapp unter 50 Prozent. Das heißt, mehr als die Hälfte der Menschen ist weniger oder überhaupt nicht zufrieden mit der Art und Weise, wie unsere Demokratie funktioniert. Abbildung 4 DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT: Wie zufrieden sind Sie alles in allem mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert?(in%) sehr zufrieden ziemlich zufrieden weniger zufrieden überhaupt nicht zufrieden 7,3 17,2 41,4 34,1 n= 2.494 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT Umfrage: 2019 sehr zufrieden ziemlich zufrieden weniger zufrieden überhaupt nicht zufrieden 7,8 13,5 38,8 39,9 n= 2.495 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2019 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 3 DIE ZUFRIEDENHEIT MIT DER DEMOKRATIE IST STARK ABHÄNGIG VON DER SOZIALEN LAGE UND VOM BILDUNGSGRAD Menschen, denen es ökonomisch schlechter geht, die niedrigere Bildungsabschlüsse haben oder sich der Unter- oder Arbeiter_innenschicht zurechnen, sind deutlich unzufriedener. Auch Jüngere sind weniger zufrieden als 2019. Abbildung 5 DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT nach subjektiver Schichtzuordnung(in%) 100 90 28,7 80 70 60 50 38,5 40 30 20 29 10 3,8 0 Unterschicht/Arbeiter_innenschicht n= 2.408 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 11,9 11,4 24,4 33,8 52,2 46,1 8,2 12 Mittelschicht obere Mittelschicht/Oberschicht ziemlich zufrieden weniger zufrieden sehr zufrieden überhaupt nicht zufrieden Abbildung 6 DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT nach Bildungsgrad(in%) 100 90 24,3 80 70 60 39,3 50 40 30 20 31,8 10 0 4,6 niedrig n= 2.439 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 18 36,3 39,2 6,5 mittel ziemlich zufrieden weniger zufrieden 17,1 33,9 41,7 7,3 hoch sehr zufrieden überhaupt nicht zufrieden FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 4 DIE SCHERE ZWISCHEN OST- UND WESTDEUTSCHLAND ÖFFNET SICH WEITER Regionale Unterschiede haben sich gegenüber 2019 noch einmal verschärft. So ist etwa die Zufriedenheit im Westen um 2,5 Prozentpunkte gestiegen und hat im Osten um zwei Punkte abgenommen. In den alten Bundesländern ist nun gut die Hälfte, in den neuen Bundesländern nur noch ein Drittel der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT Ost/West(in%) 100 90 15,6 80 70 31,8 60 50 40 30 44,5 20 10 8,2 0 West n= 2.494 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 23,5 42,5 29,8 4,2 ziemlich zufrieden weniger zufrieden Ost sehr zufrieden überhaupt nicht zufrieden HOHE KOMPLEXITÄT ALS HERAUSFORDERUNG FÜR DIE DEMOKRATIE Das sind Alarmsignale, die nicht ungehört bleiben dürfen. Demokratie muss für alle Menschen funktionieren. Dass das in Zeiten multipler Krisen nicht einfacher geworden ist, sehen auch die Befragten so. Mehr als drei von vier Befragten geben an, dass politische Probleme heute so kompliziert scheinen, dass sie schwer zu durchschauen sind. Gleichzeitig wünschen sich die Menschen mehr Beteiligungsmöglichkeiten. Abbildung 8 POLITISCHE(SELBST-)WIRKSAMKEIT(in%) 100 7 90 16,9 80 70 60 38,3 50 40 30 20 37,8 10 0 Die politischen Probleme sind heute so kompliziert geworden, dass sie nur sehr schwer zu durchschauen sind. 9,7 29,2 42,4 18,7 Es fällt schwer, politische Entscheidungen einer bestimmten Partei oder Person zuzuordnen. 10,4 21,4 32,5 35,7 Jenseits von Wahlen gibt es für die Bürger nicht genügend Beteiligungsmöglichkeiten. n= 2.425–2.470 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 stimme eher nicht zu stimme eher zu stimme überhaupt nicht zu stimme voll und ganz zu FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 5 SEHNSUCHT NACH EINFACHHEIT Parallel dazu scheint die Sehnsucht nach Einfachheit und vermeintlich klaren Antworten zu wachsen. Der Anteil derjenigen, die politische Entscheidungen Expert_innen überlassen wollen oder auf Ja/NeinEntscheidungen in Volksabstimmungen setzen, ist deutlich gestiegen. Paradoxerweise werden beide Modelle gerade von denjenigen überproportional präferiert, die angeben, sich nicht für Politik zu interessieren. Abbildung 10 BESTES REGIERUNGSMODELL Expertokratie-Item: Experten im jeweiligen Themenbereich(in%) repräsentative Demokratie direkte Demokratie Expertokratie Autokratie n= 1.597 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 24,5 1 33,4 41,1 Abbildung 12 BESTES REGIERUNGSMODELL Gruppen mit Präferenz für direkte Demokratie: Wer sollte am besten über Gesetze entscheiden?(in%) 1 100 90 80 33,4 70 60 50 41,1 40 30 20 10 24,5 0 alle Befragten 2,8 1,6 0,6 31,5 29,8 34 47,8 47,5 49,4 22,1 13,8 19,1 Ostdeutsche Landbewohner_ 50- bis innen 64-Jährige 1,9 1,7 1,3 29,9 29,7 34,3 35,2 53,5 54,9 52,8 49 14,7 Niedriggebildete 13,7 11,6 15,8 Angehörige unterer Schichten Einkommens- politisch wenig schwache Interessierte n= 1.597 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 eine einzelne Führungspersönlichkeit mit umfassender Entscheidungsmacht fachliche Experten im jeweiligen Themenbereich die Bürger in regelmäßigen Volksentscheiden gewählte Abgeordnete und Regierungsvertreter FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 6 DEMOKRATISCHE INNOVATIONEN – REPRÄSENTATIVE DEMOKRATIE STÄRKEN Die repräsentative Demokratie steht hier vor der Aufgabe, ihre Stärken – einen fairen Interessenausgleich und die Organisation von gesellschaftlichem Zusammenhalt – besser zur Geltung zu bringen und sich in diesem Sinne zu erneuern. Demokratische Innovationen können hierzu einen Beitrag leisten: Instrumente wie ein beratender Bürger_innenrat oder ein legislativer„Fußabdruck“ erhalten von den Befragten hohe Zustimmungswerte. Abbildung 23 DEMOKRATIEREFORMEN: Um die Demokratie in Deutschland zu verbessern, wären die folgenden Vorschläge...(in%) 100 6,3 90 14 80 70 23 60 50 40 30 56,7 20 10 0 legislativer Fußabdruck n= 2.257–2.438 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 10,7 21,8 36,5 31 Bürger_innenräte 10,3 9,5 22,8 22,6 31 35,9 33,3 39,4 26,9 33,8 20,1 14,4 Vetoinitiative Urwahlen Paritätsgesetze ... gut ... weniger gut ... sehr gut ... überhaupt nicht geeignet Abbildung 20 PROBLEME DER DEUTSCHEN DEMOKRATIE(in%) Das Bundesverfassungsgericht engt den Spielraum der Politik mit seinen Urteilen zu stark ein. Wegen der Fünfprozenthürde werden viele Wählerstimmen im Bundestag nicht berücksichtigt. Als Wähler weiß man nicht, welche Koalition man mit seiner Stimme für eine Partei letztlich unterstützt. Verbände und Interessengruppen nehmen auf die politischen Entscheidungen starken Einfluss. Die Demokratie in der Bundesrepublik ist zu schwerfällig. Die Bundestagsabgeordneten spiegeln in ihrer sozialen Zusammensetzung nicht die Bevölkerung wider. Ärmere Menschen beteiligen sich seltener an Wahlen als reichere. Zentrale Wahlversprechen werden oft nicht umgesetzt. 3,9 18,6 42,1 35,4 9,8 23,2 32,6 34,4 16,9 40,1 30,1 12,9 24,3 46,1 23,2 6,4 23,5 49,9 21,9 4,7 30,3 44,6 20,5 4,6 24,3 52,7 16,1 6,9 34,8 46,9 15 3,3 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 n= 2.299–2.476 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 kleines Problem großes Problem gar kein Problem sehr großes Problem FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 7 SOZIALE DEMOKRATIE – GERECHTE POLITIKERGEBNISSE ZÄHLEN Das Vertrauen in die Demokratie hängt aber nicht nur vom„Wie“ der Entscheidungsfindung ab, es wird auch stark von der Wahrnehmung der Politikergebnisse beeinflusst. Fast immer sind diejenigen, denen es materiell gut geht, zufriedener und diejenigen, die finanziell unter Druck stehen, unzufriedener. Es liegt entsprechend nahe, dass eine Politik, die auf mehr Verteilungsgerechtigkeit und sozialen Ausgleich setzt, das Vertrauen in die Demokratie wieder steigern kann. Befragungsergebnisse in unserer Studie – etwa zur Frage, wie Zukunftsausgaben finanziert werden können – deuten ebenfalls in diese Richtung. Eine deutliche Mehrheit spricht sich beispielsweise für höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen aus. Das macht deutlich: Eine gerechte Verteilungspolitik ist auch gute Demokratiepolitik. Eine wirkliche Demokratie kann nur eine Soziale Demokratie sein. Abbildung 34 FINANZIERUNG NOTWENDIGER ZUSÄTZLICHER STAATSAUFGABEN(in%) 10,7 Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen erhöhen, um mehr Einnahmen zu erzielen mehr Schulden aufnehmen Ausgaben kürzen 57,6 und so Geld einsparen 31,7 n= 2.333 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 8 GEFAHR: VERSCHWÖRUNGSERZÄHLUNGEN Eine weitere Gefahr für unsere Demokratie lässt sich aus unserer Studie ablesen: Verschwörungserzählungen finden gerade im rechten politischen Spektrum relativ hohe Zustimmung, was fast immer mit einer negativen Bewertung der Demokratie korreliert. Abbildung 42 VERSCHWÖRUNGSGLAUBEN: Wer glaubt an wie viele der abgefragten Verschwörungserzählungen?(in%) 100 90 80 70 60 50 40 30 20 45,9 10 0 0 18 13,9 10,6 7,2 4,4 1 2 3 4 5 n= 2.204 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 Abbildung 43 VERSCHWÖRUNGSGLAUBEN EINZELITEMS(in%) Die westliche Welt hat sich gegen Russland und Putin 13,5 16,9 28,1 41,5 verschworen, um die eigene Macht auszubauen. Die herrschenden Eliten verfolgen das Ziel, das deutsche 10,5 14,5 24,7 50,3 Volk durch Einwanderer auszutauschen. Die Regierung hat die Bevölkerung in der Coronakrise gezielt in Angst versetzt, um massive Grundrechtseinschränkungen durchzusetzen. 19 17,3 24,7 Das Coronavirus ist eine Biowaffe, die absichtlich entwickelt wurde, um Menschen zu schaden. 8,7 9,4 21,5 39 60,4 Wissenschaftler übertreiben die Risiken des Klimawandels mit Absicht, um mehr Geld und Anerkennung für ihre Forschung zu erhalten. n= 2.364–2.454 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 10,6 14,5 30,9 44 0 10 20 30 40 stimme eher nicht zu stimme eher zu 50 60 70 80 90 100 stimme überhaupt nicht zu stimme voll und ganz zu FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 9 ZUKUNFTSSORGEN: RADIKALISIERUNG ALS GEFAHR Die Radikalisierung bestimmter Teile der Gesellschaft birgt eine Gefahr für den Zusammenhalt und letztendlich auch für die Demokratie, so wird das auch von den Befragten gesehen. Über mehr Feindseligkeit in der Gesellschaft sorgen sich 80 Prozent, mehr als zwei Drittel befürchten eine weitere Zunahme des Rechtsextremismus. Abbildung 3 ZUKUNFTSSORGEN: Sorgen bereitende gesellschaftliche Entwicklungen(in%) 100 4,8 90 15,1 80 70 60 46,6 50 40 30 20 33,5 10 0 Klima 2,3 17,7 54,4 25,6 Hass und Feindseligkeit 2,7 3,3 3,3 8,3 5 8 19 23 23,2 23,4 25,2 31,1 40,2 36,1 46,2 52,2 49,7 43,1 46,5 40,4 27,7 28,1 21,3 23,6 Krieg Verlust Inflation sozialer Sicherheit 23,4 17,4 Rechts- Wohlstandsextremismus verlust 11,4 Pandemien 17,2 Migration n= 2.481–2.502 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 macht mir wenig Sorgen macht große Sorgen macht mir gar keine Sorgen macht sehr große Sorgen Diesen Themenkomplex leuchtet die neue„Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung weiter aus, die am 21. September 2023 erschienen ist. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 10 II SCHLUSSFOLGERUNGEN KRISE DER DEMOKRATIE? Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie war weder immer da, noch bleibt sie von allein. Sie muss immer wieder erneuert, verteidigt und gelebt werden. Wie, darüber kann und muss konstruktiv gestritten ­werden. Wir wollen mit unseren Studien ein Fundament für eine solche Diskussion schaffen. Eine Basis, auf der wir gemeinsam unsere Demokratie gestalten, verbessern und verteidigen können. Unsere Antwort auf die Frage, ob sich die Demokratie in Deutschland in einer Krise befindet, lautet: Nein, die Demokratie in Deutschland ist robust. Sie muss sich derzeit in vielen und ungewöhnlichen Krisen bewähren. Das hat sie besser getan, als viele ihr das zugetraut hätten. Aber klar ist auch: Gleiche Teilhabe für alle zu ermöglichen, in politischer und sozialer Hinsicht – dieses Ziel Sozialer Demokratie ist ungebrochen aktuell, aktueller denn je. Dies unter schwierigen Rahmenbedingungen immer wieder zu erneuern und mit Leben zu füllen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es bedarf der gemeinsamen Anstrengung von Politik, demokratischer Zivilgesellschaft, Medien und politischer Bildung. Wir befinden uns in keiner Krise der Demokratie, aber wir sollten auch nicht in eine hineingeraten. Dafür braucht es Verbesserungen bei der Art der Entscheidungsfindung und bei den Entscheidungen selbst, anders gesagt beim Input und Output des politischen Systems. Zu einer Debatte, wie diese Verbesserungen aussehen könnten, wollen wir fünf Thesen beisteuern – ohne Anspruch auf Vollständigkeit. 1) Mehr Transparenz schaffen – im doppelten Sinne Die repräsentative Demokratie muss um neues Vertrauen werben. Dafür kann mehr Transparenz einen wichtigen Beitrag leisten. Einerseits im Sinne von Instrumenten wie einem legislativen Fußabdruck und engen Lobby-Regeln. Andererseits sollte Transparenz sollte auch bedeuten, dass Politik deutlich macht, unter welchen Bedingungen und mit welchen Grenzen politisch gehandelt werden kann. Das kann auch helfen, Populismus den Boden zu entziehen. 2) Falschnachrichten entgegentreten Daran setzt der konsequente Schutz des politischen Diskurses an. In einem Umfeld von Falschmeldungen und fragmentierter Öffentlichkeit wird das konstruktive Ringen um beste politische Lösungen kaum gelingen. Wo immer es geht, muss Falschmeldungen aktiv entgegengetreten werden. Durch Aufklärung in Form politischer Bildung, in öffentlich-rechtlichen und Qualitätsmedien, aber auch indem geschlossene Diskursräume reguliert werden. Auch dafür gibt es in unserer Studie hohe Zustimmung. 3) Deskriptive Repräsentation verbessern Studien belegen eindeutig: Es ist nicht egal, wer über Gesetze entscheidet. Ein Parlament wird nie 1:1 ein Abbild der Bevölkerung sein können – wo wollte man die Grenzen ziehen? Aber klar ist auch: In Bezug auf die Vielfalt an Altersgruppen, Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Geschlecht und Berufe gibt es in unseren Parlamenten viel Luft nach oben. Die Parteien sind hier zuallererst gefordert, aber der Gesetzgeber sollte den Versuch nicht aufgeben, zumindest grundlegende Fragen wie die Geschlechterparität in den Parlamenten zu befördern. Die FES hat dazu mit der Paritätsstudie im November 2023 einen Vorschlag vorgelegt. https://www.fes.de/themenportal-gender-jugend/gender 4) Beteiligung jenseits von Wahlen Unsere Studie zeigt deutlich: Eine große Mehrheit wünscht sich Beteiligung jenseits von Wahlen. Die Parteien sind dafür ein zentraler politischer Ort – grundgesetzlich geschützt. Aber auch darüber hinaus ist es geboten, neue Räume der politischen Debatte zu schaffen. Sei es in Form von Bürger_innenforen – dafür hat die Friedrich-Ebert-Stiftung für die Bundesebene einen Vorschlag vorgelegt – oder mit kommunalen Entwicklungsbeiräten. Wichtig ist, dass es sie gibt: die Orte, an denen konstruktiv um beste politische Lösungen gerungen wird und die ausstrahlen. Auch die Schule und der Betrieb können und sollten hier eine Vorbildfunktion einnehmen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 11 5) Gebot der Stunde: mehr Verteilungsgerechtigkeit Das Wie, also wie Entscheidungen gefällt werden, ist wichtig – gerade in der Demokratie. Aber unsere Studie zeigt auch deutlich: Es geht auch um das Was! Man kann es so zusammenfassen: Es scheint, dass viele Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, weil sie auch mit den Politikergebnissen unzufrieden sind. Viele dürften den Eindruck haben, dass Politik in den letzten Jahrzehnten ihren Alltag nicht oder nicht ausreichend verbessert hat. Da ist was dran – muss man zugeben, wenn man etwa auf die Entwicklung der Ungleichheit in Deutschland blickt. Es gibt Erfolge im Sinne einer Sozialen Demokratie – etwa die Einführung des Mindestlohnes von 12 Euro oder die Sicherung des Rentenniveaus. Aber besonders in der Finanz- und Steuerpolitik haben es progressive Ideen noch immer schwer. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat für den Bereich der Erbschaftssteuer im Detail ausgearbeitet, wie Reformen zu mehr Verteilungsgerechtigkeit führen können und sollten. https://www.fes.de/finanzpolitik Auch hier mag man über das Für und Wider einzelner Vorschläge trefflich streiten. Aber eines muss klar sein: Wenn der Abstand zwischen Arm und Reich stetig wächst, die Chancen und Möglichkeiten des und der Einzelnen sich je nach Herkunft immer mehr verengen, ist das eine Verletzung des demokratischen Gesellschaftsvertrags. Demokratie ist die Herrschaft der vielen, aber auch für die vielen. METHODIK Die Studie basiert auf einer repräsentativen Befragung von wahlberechtigten Deutschen ab 18 Jahren in Privathaushalten. Die Umfrage fand als Mixed-Mode-Befragung statt(computergestützte Telefonumfrage[CATI] plus Online-Umfrage). Für die telefonische Befragung wurden 60 Prozent Festnetz- und 40 Prozent Mobilfunknummern angerufen. Die repräsentative Zufallsstichprobe umfasst 2.536 Befragte(1.658 Telefoni­nterviews und 878 Online-Interviews). Der Erhebungszeitraum dauerte vom 11. Juli bis zum 9. August 2022. Durchgeführt wurde die Befragung vom Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap unter Leitung von R­ oberto Heinrich und Nico Siegel. Volker Best, Frank Decker, Sandra Fischer, Anne Küppers, Demokratievertrauen in Krisenzeiten: Wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft? Friedrich-Ebert-Stiftung, Abteilung Politische Bildung und Dialog, Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation, Bonn 2023 Kontakt: Jochen Dahm und Alina Fuchs Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation Friedrich-Ebert-Stiftung E-Mail: dgi@fes.de IMPRESSUM Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Deutschland E-Mail: info@fes.de Herausgebende Abteilung: Abteilung Politische Bildung und Dialog – Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation Inhaltliche Verantwortung und Redaktion: Jochen Dahm und Alina Fuchs Titelmotiv:© Originalfoto: Jörg Farys/ Bearbeitung: Daniela Rusch Gestaltung: Daniela Rusch, www.dieprojektoren.de Druck: Druckerei Brandt Gedruckt auf RecyStar Polar(100 Prozent Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Blauen Engel). Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Kontakt/Bestellung: dgi@fes.de Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft – Politikberatung – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern – Begabtenförderung – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek