Mathias Huebener, Sophia Schmitz, Katharina Spieß und Lina Binger Frühe Ungleichheiten Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive FES diskurs November 2023 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung versteht sich als Zukunftsradar und Ideenschmiede der Sozialen Demokratie. Sie verknüpft Analyse und Diskussion. Die Abteilung bringt Expertise aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen. Ihr Ziel ist es, politische und gewerkschaftliche Entscheidungsträger_innen zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu beraten und progressive Impulse in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen. FES diskurs FES diskurse sind umfangreiche Analysen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Auf Grundlage von empirischen Erkenntnissen sprechen sie wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Politik aus. Über die Autor_innen Dr. Mathias Huebener studierte Economic Policy am University College London und promovierte 2018 in Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin. Seit 2022 leitet er die Forschungsgruppe„Bildung und Humanvermögen“ am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung(BiB) in Wiesbaden. Dr. Sophia Schmitz studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim sowie der Stockholms Universitet und promovierte 2019 an der Freien Universität Berlin. Seit 2022 arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung(BiB). Prof. Dr. C. Katharina Spieß studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim und promovierte 1996 an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2021 ist sie die Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung(BiB) in Wiesbaden und Professorin für Bevölkerungsökonomie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Lina Binger studiert derzeit im Master International Economics and Public Policy an der JohannesGutenberg-Universität Mainz und hat einen Bachelor in Volkswirtschaftslehre der Universität Bayreuth. Seit Ende 2022 ist sie am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung(BiB) als studentische Hilfskraft beschäftigt. Für diese Publikation sind in der FES verantwortlich Florian Dähne, Referent in der Abteilung Analyse, Planung und Beratung und zuständig für Bildungs- und Wissenschaftspolitik. Vanessa Kiesel, Referentin in der Abteilung Analyse, Planung und Beratung und zuständig für Geschlechter- und Familienpolitik. Mathias Huebener, Sophia Schmitz, Katharina Spieß, Lina Binger Frühe Ungleichheiten Zugang zu Kindertagesbetreuung aus bildungs- und gleichstellungspolitischer Perspektive 2 KURZZUSAMMENFASSUNG 5 1 EINLEITUNG 6 2 FUNKTIONEN UND GESETZLICHER AUFTRAG DER KINDERTAGESB­ ETREUUNG 7 3 BISHERIGE STUDIEN ZU KITA-GAPS 7 3.1 Studien zu Kita-Nutzungsunterschieden 9 3.2 Studien zu möglichen Gründen von Kita-Nutzungsunterschieden 12 4 AKTUELLE BEFUNDE ZU KITA-GAPS IN DEUTSCHLAND 13 4.1 Die Entwicklung der Kita-Nutzung und-Bedarfe nach Alter des Kindes 14 4.2 Kita-Nutzung und-Bedarfe nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie 24 4.3 Kita-Gaps in Stundenbedarfen von Kita-Kindern 26 5 UNGEDECKTE KITA-BEDARFE UND ERWERBSWÜNSCHE VON MÜTTERN 27 5.1 Kita-Nutzung, Betreuungs­bedarfe und Erwerbswünsche von Müttern 29 5.2 Ungedeckte Kita-Bedarfe und Erwerbswünsche nach sozioöko­nomischen und-demografischen Merkmalen der Familie 29 5.3 Mögliche Erwerbspotenziale durch Kita-Bedarfsdeckung 33 6 MÖGLICHE GRÜNDE FÜR EINE NICHTNUTZUNG UND ZUGANGSBARRIEREN VON ELTERN MIT UNGEDECKTEN KITA-BEDARFEN 33 6.1 Subjektive Gründe für eine Nichtnutzung von Eltern mit ungedeckten Kita-Bedarfen 34 6.2 Subjektive Voraussetzungen für eine Kita-Nutzung von Eltern mit ungedecktem Bedarf 36 6.3 Die Rolle von Anmeldeverfahren und Bewerbungen um Kita-Plätze 39 6.4 Zusammenfassende Betrachtung möglicher Gründe für Kita-Gaps 41 7 SCHLUSSFOLGERUNGEN AUS BILDUNGS- UND GLEICHSTELLUNGS­POLITISCHER SICHT 44 Abbildungsverzeichnis 44 Tabellenverzeichnis 45 Literaturverzeichnis 48 Appendix FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 1 KURZZUSAMMENFASSUNG Der Ausbau der frühen Bildung und Betreuung in der Kindertagesbetreuung(Kita) gilt als wichtige Maßnahme, um allen Kindern unabhängig von ihrem familialen Hintergrund gleiche Chancen auf eine gute Entwicklung und die Entfaltung ihrer Potenziale zu ermöglichen. Dies erscheint besonders dringlich, da sich zum einen bereits vor dem Schuleintritt große Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung nach familialem Hintergrund ausprägen. Zum anderen trägt der Ausbau der frühen Bildung und Betreuung dazu bei, die Erwerbstätigkeit von Müttern zu erhöhen, das Familieneinkommen zu steigern und damit kurzfristig Kinderarmut und ihre negativen Konsequenzen auf die kindliche Entwicklung zu verringern sowie langfristig Altersarmut vorzubeugen. Hinzu kommen positive Effekte auf andere gleichstellungspolitische Ziele. Diese Studie stellt aktuelle Befunde zu Unterschieden in der Nutzung und den Bedarfen nach Angeboten der Kindertagesbetreuung nach familialen Merkmalen dar. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf potenziell benachteiligten Familien: Familien, die armutsgefährdet sind, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, die keinen akademischen Hintergrund aufweisen oder auch Familien mit alleinerziehenden Elternteilen. Diese sogenannten Kita-Gaps werden detailliert über das Alter der Kinder hinweg untersucht. Weiterhin wird untersucht, ob Familien, die mehrere Merkmale potenziell benachteiligter Gruppen erfüllen, besonders große Nutzungsunterschiede und ungedeckte Bedarfe aufweisen. Ebenso werden regionale Unterschiede in Kita-Gaps dokumentiert. Es wird außerdem der Frage nachgegangen, inwiefern mütterliche Erwerbsabsichten aufgrund von ungedeckten Kita-Bedarfen nicht realisiert werden können. Schließlich werden systematisch Gründe für einen ungleichen KitaZugang, auf der Nachfrage- und Angebotsseite, untersucht. Die neuen Analysen basieren auf Daten der Kinderbetreuungsstudie(KiBS) des Deutschen Jugendinstituts (DJI) für die Jahre 2018 bis 2020. Die Analysen zeigen, dass es nach wie vor stark ausgeprägte Ungleichheiten in der Kita-Nutzung nach familialen Merkmalen gibt. Diese Unterschiede sind im zweiten und dritten Lebensjahr der Kinder am größten, zeigen sich aber teilweise bis zum Schuleintritt. Kinder aus Familien, die armutsgefährdet sind, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird oder in denen Eltern keinen akademischen Hintergrund aufweisen, besuchen insbesondere im Alter zwischen ein und unter drei Jahren, aber teilweise auch darüber hinaus, deutlich seltener eine Kita als andere Kinder. Insgesamt nutzen fünf von zehn Kindern im Alter zwischen ein und unter drei Jahren einen Kita-Platz. In armutsgefährdeten Familien sind es mit 26 Prozent nur halb so viele. In Familien, die überwiegend kein Deutsch sprechen, sind es nur drei von zehn Kindern, in Familien ohne akademischen Hintergrund vier von zehn Kindern. Die geringere Kita-Nutzung von potenziell benachteiligten Familien kann allerdings kaum auf einen geringeren Bedarf zurückgeführt werden. Stattdessen werden bestehende Kita-Bedarfe dieser Familien vor allem seltener gedeckt. Dadurch entstehen höhere ungedeckte Bedarfe vor allen in jenen Familien, in denen nach aktuellen bildungsökonomischen Studien Kinder besonders von einem Kita-Besuch profitieren könnten. Die ungedeckten KitaBedarfe sind im zweiten und dritten Lebensjahr von Kindern am größten, zeigen sich aber teilweise bis zum Schuleintritt: Während insgesamt 21 Prozent aller Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren sich einen Kita-Platz wünschen, ihn aber nicht bekommen haben, sind es 25 Prozent der Familien ohne akademischen Hintergrund, 33 Prozent der armutsgefährdeten Familien und 39 Prozent der Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird. Auch Familien, in denen die Mutter nicht erwerbstätig ist, weisen mit 31 Prozent vergleichsweise hohe ungedeckte Bedarfe auf. Kinder von Alleinerziehenden nutzen Kitas zwar häufiger, dennoch sind die Bedarfe von Alleinerziehenden im Alter zwischen ein und unter drei Jahren auch deutlich höher. Etwa 27 Prozent der Alleinerziehenden weisen einen ungedeckten Kita-Bedarf auf, deutlich häufiger als in Paarfamilien. Weisen Familien mehrere Merkmale auf, die auf eine potenzielle Benachteiligung schließen lassen, sind die genannten Unterschiede in den ungedeckten Bedarfen noch einmal stärker ausgeprägt. Diese Befunde bestehen, obwohl bildungs- und familienpolitische Maßnahmen wie die Ausweitung des Rechtsanspruchs ab dem zweiten Lebensjahr eines Kindes darauf abzielten, auch eine gleichberechtigtere Teilhabe aller Kinder an einer frühen Bildung und Betreuung in Kitas zu gewährleisten. Die Analyse legt auch dar, dass bei Eltern, die Kitas nutzen, nennenswerte ungedeckte Stundenbedarfe bestehen. Gleichermaßen berichtet ein substanzieller Anteil anderer Eltern Kitas für mehr Stunden gebucht zu haben als benötigt. Ungedeckte Stundenbedarfe und Überbuchungen unterscheiden sich allerdings kaum nach sozioökonomischen und soziodemografischen Merkmalen der Familien. Unterschiede in Kita-Nutzung und ungedeckten-Bedarfen nach familialen Merkmalen sind regional sehr unterschiedlich ausgeprägt, insbesondere zwischen Ost- und Westdeutschland. In westdeutschen Bundesländern haben, mit der Ausnahme von Hamburg, vier bis fünf von zehn Kindern zwischen ein und unter drei Jahren einen KitaPlatz, obwohl dieser für sieben von zehn Kindern gewünscht wird. Der ungedeckte Bedarf besteht in Westdeutschland also für zwei bis drei von zehn Kindern. Diese Lücke ist noch einmal deutlich stärker ausgeprägt für Familien ohne abgeschlossenes Studium, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, die armutsgefährdet 2 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs FRÜHE UNGLEICHHEITEN IM ZUGANG ZU KITAS In Deutschland bekommt jede 5. Familie mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren keinen Kita-Platz, obwohl Bedarf besteht. Besonders davon betroffen ist... ... jede 3. armutsgefährdete Familie,... ... mehr als jede 3. Familie, die zu Hause kein Deutsch spricht,... ... jede 4. Familie ohne akademischen Hintergrund und... ... mehr als jede 4. Familie mit alleinerziehendem Elternteil. Ungenutzte Bildungspotenziale von Kindern ↘ Ungleichheiten in kindlicher Entwicklung bereits zum Schuleintritt ↘ Ungleiche Chancen auf gute Entwicklung und Entfaltung der Potenziale aller Kinder KONSEQUENZEN Ungenutzte Erwerbspotenziale von Müttern ↘ Geringere Erwerbsbeteiligung in potenziell benachteiligten Familien ↘ Unerfüllte Erwerbsabsichten bei fast allen Gruppen von Müttern HANDLUNGSOPTIONEN ↗ Weiterer Ausbau der Kita-Angebote ↗ Weniger Suchaufwand und mehr Informationen und Unterstützung im Anmeldeprozess ↗ Bundesweit verbindliche Gebührenstaffelung Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ↗ Prüfung des Einsatzes von zentralen KitaAnmelde- und-Vergabeverfahren ↗ Mehr wohnortnahe Kita-Angebote ↗ Mehr Kita-Ganztags­angebote und bedarfsgerechte Öffnungszeiten 3 oder alleinerziehend sind. In ostdeutschen Bundesländern (ohne Berlin) nutzen etwa acht von zehn Kindern zwischen ein und unter drei Jahren einen Kita-Platz, obwohl sich für neun von zehn Kindern Eltern einen Kita-Platz wünschen. Der ungedeckte Bedarf besteht in Ostdeutschland also für jedes zehnte Kind und ist deutlich geringer ausgeprägt als in Westdeutschland. Dennoch treten auch in Ostdeutschland für Familien mit bestimmten Merkmalen die ungedeckten Bedarfe häufiger auf, insbesondere für Familien, die überwiegend kein Deutsch sprechen, und für armutsgefährdete Familien. In den Untersuchungen konnte außerdem gezeigt werden, dass in Familien, die ihren Bedarf nicht decken können, vielfach Mütter sind, die gern eine Erwerbstätigkeit aufnehmen würden. Unter bestimmten Annahmen ist davon auszugehen, dass eine Erfüllung ihrer Betreuungswünsche mit einem Anstieg in der Erwerbsquote von Müttern mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren von etwa 61 Prozent auf 68 bis 72 Prozent verbunden wäre. Der Anstieg in den Erwerbsquoten fällt dabei für Mütter aus potenziell benachteiligten Familien besonders hoch aus. So ergibt sich für Mütter aus Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen oder armutsgefährdet sind, ein Anstieg in den Erwerbsquoten um über 20 Prozentpunkte. Erstmalig wurden in dieser Studie die Gründe für ungedeckte Bedarfe systematisch analysiert. Diese können unterteilt werden in solche, die auf der Nachfrageseite zu verorten sind, und andere, die eher auf der Angebotsseite liegen. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass Familien, deren Kinder in Kitas bisher unterrepräsentiert sind, den Nutzen eines Kita-Platzes als geringer wahrnehmen und sowohl bei der Suche nach Kita-Plätzen größeren Hürden gegenüberstehen als auch auf Angebote treffen, die weniger die spezifischen Bedarfe dieser Familien abdecken. So empfinden sie die Suche nach Kita-Plätzen als schwieriger und bemängeln beispielsweise häufiger fehlende, wohnortnahe Betreuungsangebote. Auf der Angebotsseite sind die fehlenden Kita-Plätze das Hauptproblem, besonders im Ganztagsbereich – aber teilweise auch die konkrete Ausgestaltung der Angebote, die dazu führen, dass Angebote von bestimmten Familien mit Bedarf nicht genutzt werden. Die Ungleichheiten in der Bedarfsdeckung haben weitreichende Implikationen – sowohl aus bildungspolitischer als auch aus gleichstellungspolitischer Perspektive, da nicht nur Bildungspotenziale von Kindern, sondern auch Erwerbspotenziale insbesondere von Müttern nicht genutzt werden. Diese Erkenntnisse betonen die Dringlichkeit politischen Handels, gerade vor dem Hintergrund des abnehmenden Erwerbspersonenpotenzials. Es werden konkrete Maßnahmen vorgeschlagen, die dazu beitragen könnten, Kita-Gaps zu verringern. Allen voran steht hier der weitere Ausbau der Kita-Angebote, da allein damit ungedeckte Bedarfe aufgefangen werden könnten. Dabei ist eine wohnortnahe Bereitstellung des Platzangebots für Familien mit ungedeckten Bedarfen von besonderer Bedeutung. Diese Familien äußern auch häufiger Bedarfe an Ganztagsplätzen und passenderen Öffnungszeiten. Weiterhin könnte die Nutzung von Kitas durch unterrepräsentierte Gruppen mittels einer Reduzierung des Suchaufwands und klarerer Informationen über die Vorteile und den Zugang zu Kita-Plätzen erhöht werden. Schon bei der Geburtsmeldung im Standesamt könnten relevante Informationen bereitgestellt werden. Des Weiteren könnten beispielsweise im Zuge der geplanten Kindergrundsicherung Familienkassen Familien aktiv über ihr Anrecht auf einen Kita-Platz informieren. Zentrale KitaAnmelde- und-Vergabeverfahren, die konsequent angewendet werden, könnten den Suchaufwand für Familien ebenfalls signifikant verringern. Es wäre auch sinnvoll, potenziell benachteiligten Familien proaktiv einen Kita-Platz vorzuschlagen. Bei einem solchen Opt-Out-Verfahren hätten Familien, die momentan keinen Bedarf sehen oder andere Betreuungsvorstellungen haben, die Option, den vorgeschlagenen Platz zu verschieben oder abzulehnen. Eine weitere Möglichkeit zur besseren Bedarfsdeckung könnte in einer finanziellen Incentivierung bestehen, sodass Einrichtungen eine höhere Förderung erhalten, wenn sie Kinder aufnehmen, die bisher unterrepräsentiert sind. Angesichts der häufigen Nennung von Kostengründen bei der Nichtnutzung durch potenziell benachteiligte Familien sollte bei bestehenden Kita-Gebühren eine Gebührenstaffelung vorgesehen werden, die das Familieneinkommen berücksichtigt. 4 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs 1 EINLEITUNG Die Kindertagesbetreuung(Kita) hat als erster Bildungs- und Betreuungsort von Kindern außerhalb der Familie und als ein Angebot, Eltern bei der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit zu unterstützten, in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen(statt vieler z. B. Spieß 2021). Studien zeigen, dass insbesondere Kinder von Eltern mit niedrigerem sozioökonomischen Status oder aus Familien mit Migrationshintergrund von dem frühen Besuch einer Kita besonders profitieren können. Dabei ist eine hohe pädagogische Qualität der Betreuung eine notwendige Bedingung. Darüber hinaus sind Kitas für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit von Eltern, nach wie vor insbesondere von Müttern, von großer Bedeutung. Eine Erwerbstätigkeit von Müttern erhöht das verfügbare Familieneinkommen und kann damit kurzfristig Kinderarmut und ihre negativen Konsequenzen auf die kindliche Entwicklung verringern. Hinzu kommen kurz- bis langfristige Effekte auf den Gender-Gap im Arbeitsmarkt und die Aufteilung der Sorgearbeit zwischen Vätern und Müttern sowie Effekte, welche die Altersarmut von Frauen mit Kindern reduzieren: Kitas können dazu beitragen, dass der Gender-PayGap sinkt, die Sorgearbeit gleicher verteilt wird und Altersarmut von Müttern im Alter abnimmt. Der Ausbau der frühen Bildung und Betreuung gilt deshalb als wirkungsvolle Maßnahme, um zum einen frühe Ungleichheiten bei Kindern abzubauen und die Chancengleichheit für alle Kinder unabhängig von ihrem familialen Hintergrund zu verbessern. Dies erscheint besonders dringlich, da bereits im Kita-Alter große Ungleichheiten in der kindlichen Entwicklung bestehen, die zu ungleichen Startchancen bei Schulbeginn führen. Diese Ungleichheiten werden später im Schulsystem noch deutlicher und können nur mit ungleich höheren Kosten abgemildert werden. Zum anderen weisen viele Studien darauf hin, dass ein Ausbau der frühen Bildung und Betreuung für Kinder unter drei Jahren die Erwerbstätigkeit und das Erwerbsvolumen von Müttern signifikant erhöhen kann – mit den oben genannten positiven Folgen für das Individuum und die Gesellschaft. All diese Effekte sind insbesondere für eine Gesellschaft mit einem abnehmenden Erwerbspersonenpotenzial relevant, in der eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit und des Erwerbsvolumens von Frauen mit Kindern und eine frühzeitige und effiziente Förderung des Humanpotenzials aller Kinder von Anfang an eine besonders hohe Bedeutung zukommt. Eine nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen ungleiche Nutzung von Kitas, wie sie seit mehreren Jahrzehnten zu beobachten ist, wurde vor diesen Hintergründen immer wieder kritisiert(14. Kinder und Jugendhilfebericht 2013, siehe Kapitel III). Mit dem Ausbau verfügbarer Kita-Plätze für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren, dem sogenannten U3-Ausbau, und der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebensjahr im Jahr 2013 wurde demnach die Erwartung verbunden, dass davon alle Familien, unabhängig von sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen, profitieren würden und Unterschiede in der Kita-Nutzung abnehmen. Doch Ungleichheiten in der Nutzung von Kitas nach familialen Merkmalen sind weiterhin stark ausgeprägt(z. B. Schmitz et al. 2023). Nach wie vor sind Kinder aus potenziell benachteiligten Familien in Kitas unterrepräsentiert. Diese Unterschiede sind aus individueller und gesamtgesellschaftlicher Perspektive nach wie vor zu bemängeln, da sie bereits in den ersten Lebensjahren Ungleichheiten hervorrufen, die sich in späteren Lebensphasen verstärken können. Es werden somit nicht alle Potenziale der frühen Kindheit ausgeschöpft, und die Teilhabechancen von Kindern sind bereits in den ersten Lebensjahren ungleich verteilt. Insofern stellt sich vor dem Hintergrund der öffentlichen Verantwortung für alle Kinder die Frage, wie es erreicht werden kann, dass alle Gruppen im System öffentlich geförderter Bildungs- und Betreuungseinrichtungen(Kitas) gleich repräsentiert sind. Neben diesen vor allem bildungspolitischen Überlegungen stehen zudem gleichstellungs- und arbeitsmarktpolitische Überlegungen: Zum einem können vor allem Mütter aufgrund unzureichender Bildungs- und Betreuungsangebote Familien- und Erwerbsarbeit nicht gleich gut vereinbaren wie Väter. Zum anderen ist eine geringere Erwerbsbeteiligung in Deutschland insbesondere auch bei potenziell sozioökonomisch und-demografisch benachteiligten Müttern zu beobachten(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2020). All dies zeigt, wie wichtig weitere Untersuchungen zu sozioökonomischen und-demografischen Kita-Nutzungs- und-Bedarfslücken, sogenannten Kita-Gaps, aus einer bildungs- und gleichstellungspolitischen Perspektive sind. Bei der Beschreibung der empirischen Evidenz von KitaGaps in Deutschland sind über die bisherigen Befunde hinaus (siehe Abschnitt 3) noch wichtige Fragen offen: So ist bisher nicht dokumentiert, wie sich Kita-Gaps über das Alter der Kinder hinweg darstellen oder ob Familien, die mehrere Merkmale potenziell benachteiligter Gruppen erfüllen, besonders große Nutzungsunterschiede und ungedeckte Bedarfe aufweisen. Ebenso liegt bisher keine Evidenz vor, ob es regionale Unterschiede in Kita-Gaps nach familialen Merkmalen gibt. Darüber hinaus sind die Gründe für einen ungleichen Kita-Zugang, auf der Nachfrage- und Angebotsseite, zwar teilweise untersucht worden, aber wenig systematisch und nicht auf Basis jüngerer Daten. Zugleich ist wenig darüber bekannt, inwiefern mütterliche Erwerbsabsichten aufgrund von ungedeckten Kita-Bedarfen nicht realisiert werden können. Diese noch offenen Fragen werden in dieser Studie adressiert. Damit können die Befunde dieser Studie auch dazu beitragen abzuschätzen, inwiefern das Erwerbspotenzial von Müttern aufgrund fehlender Kita-Angebote gegenwärtig nicht genutzt wird. Nachdem im zweiten Kapitel kurz die Funktionen und der gesetzliche Auftrag von Kitas dargelegt wird, fasst das dritte Kapitel die bisherige Befundlage zu unterschiedlichen KitaGaps und ihren Gründen zusammen. Daran anschließend werden neue eigene Analysen vorgestellt und bildungs- und gleichstellungspolitische Schlussfolgerungen abgeleitet. Diese Analysen bilden den Schwerpunkt der Studie: Sie liefern aktuelle Evidenz und somit die Grundlage für politische Handlungsoptionen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 2 FUNKTIONEN UND GESETZLICHER AUFTRAG DER KINDERTAGES­ BETREUUNG Grundsätzlich sind der Kindertagesbetreuung zwei zentrale Funktionen zugeordnet: Zum einen erfüllt die Kita eine Bildungsfunktion, indem sie maßgeblich zur kindlichen Förderung und Entwicklung beiträgt. Damit ist sie bildungs- sowie familienpolitisch relevant und leistet einen Beitrag zur präventiven Sozialpolitik. Zum anderen fördert die Kita eine bessere Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit. Sie ermöglicht beiden Elternteilen, erwerbstätig zu sein. Dieses Ziel lässt sich ebenfalls der Gleichstellungs-, Arbeitsmarkt- und Familienpolitik zuordnen, ist aber im weiteren Sinne auch sozialpolitisch von Bedeutung (z. B. Spieß/Koebe 2019). Auf Basis sozialwissenschaftlicher Analysen lässt sich zeigen, dass die Kita diese beiden Funktionen tatsächlich erfüllt – wenn auch für unterschiedliche Gruppen in unterschiedlichem Umfang. Für Deutschland(und viele andere Länder) können mittels primär ökonomischer Wirkungsstudien diese Funktionen kausalanalytisch nachgewiesen werden(vgl. zusammenfassend Spieß 2021). Darüber hi­ naus finden sich auch in anderen Bereichen der deutschen Bildungswissenschaften zahlreiche Studien, welche die Wirkungen von Kitas insbesondere auf kindliche Entwicklungsmaße belegen. Jüngere Studien zeigen, dass insbesondere für Mütter mit Kindern unter drei Jahren Kitas für eine Erwerbstätigkeit von hoher Bedeutung sind – aber auch für Mütter älterer Kinder führte der Kita-Ausbau früherer Jahre zu einer höheren Erwerbsbeteiligung(vgl. z. B. Bauernschuster/Schlotter 2015; Müller/Wrohlich 2018; Huber/Rolvering 2023). Aus einer gleichstellungspolitischen Perspektive ist außerdem relevant, dass Mütter mit Kindern im Kita-Alter vor allem in Teilzeit erwerbstätig sind. Auch für Familien mit Flucht- und Migrationshintergrund werden Kitas als bedeutsam erachtet, um die Inte­ gration der Eltern, auch hier insbesondere der Mütter, in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu fördern(z. B. Gambaro et al. 2021). Andere Studien belegen, dass die Nutzung einer Kita sowohl ab dem Alter von drei Jahren, aber auch schon davor(ab dem zweiten Lebensjahr) positive Effekte auf die kindliche Entwicklung hat, sofern die Betreuung von guter Qualität ist. Insbesondere für Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten und Familien mit Migrationshintergrund wirkt sich der Besuch einer Kita positiv aus (vgl. z. B. Cornelissen et al. 2018 für Effekte des Ü3-Ausbaus; Felfe/Lalive 2018 für Effekte des U3-Ausbaus). Dies ist ein Befund, der sich auch auf Basis internationaler Studien zeigt(vgl. z. B. Havnes/Mogstad 2011, 2015; Bradbury et al. 2015; Carneiro/Heckman 2003). Folgt man dem gesetzlichen Auftrag der Kindertagesbetreuung, so finden sich auch hier die genannten Funktionen wieder: Die Kita soll(1) die Entwicklung von Kindern zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit fördern,(2) die Erziehung wie auch Bildung in der Familie unterstützen und ergänzen,(3) den Eltern dabei helfen, Erwerbstätigkeit und Kindererziehung besser miteinander vereinbaren zu können. Dies regelt § 22, Abs. 2 und 3 des Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG, Sozialgesetzbuch SGB VIII). Damit begründet auch der Gesetzgeber die Bildungsfunktion und die Vereinbarkeitsfunktion der Kita(z. B. Roßbach/Spieß 2019). Die Gesamtzuständigkeit für Kitas liegt in Deutschland bei den sogenannten örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe – also bei den Landkreisen und den kreisfreien Städten. Ihre Aufgabe ist es, die Schaffung der erforderlichen Angebote nach Maßgabe der jeweiligen Länderregelungen anzuregen und zu fördern. Die Bundesländer wiederum regeln diesen Bereich in Landesgesetzen. Der Bund gibt dafür mit dem Kinder- und Jugendhilfegesetz den Rahmen vor. In einigen Bundesländern ist das Kultus- bzw. Schulministerium für die Kita zuständig, in anderen Ländern das Sozialministerium, wobei es je nach Alter des betreuten Kindes auch innerhalb der Länder unterschiedliche Zuständigkeiten gibt. Es lässt sich also nicht sagen, ob die Kita von den Bundesländern eher aus einer sozial-, gleichstellungs- oder bildungspolitischen Perspektive betrachtet wird. Formal gesehen gehört die Kita zu einem eigenständigen Politikfeld der Kinder- und Jugendhilfe. Da in diesem Politikfeld allerdings zunehmend familien-, gleichstellungs-, arbeitsmarkt- und bildungspolitische Überlegungen eine Rolle spielen, gilt es, sich der Bildungsfunktion auf der einen Seite und einer Vereinbarkeitsfunktion auf der anderen Seite bewusst zu sein. Fest steht aber auch, dass diese beiden Funktionen und deren Erreichung nicht zu Zielkonflikten führen, sie können beide mit einem bedarfsgerechten Kita-Angebot guter Qualität gleichermaßen erreicht werden(vgl. auch Bonin et al. 2013). 6 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs 3 BISHERIGE STUDIEN ZU KITA-GAPS Analysen zu sozioökonomischen und-demografischen Unterschieden in der Nutzung von Kitas – als erster Bildungsort außerhalb der Familie – werden seit vielen Jahren in der sozialwissenschaftlichen Forschung durchgeführt und sind mittlerweile auch in der Sozial- und Bildungsberichterstattung fest verankert(so z. B. in Kinder- und Jugendhilfeberichten oder den zweijährig erscheinenden nationalen Bildungsberichten). Viele Jahre haben sich Studien darauf konzentriert, welche Merkmale erklären, ob Kinder Kitas besuchen. Dabei wurde nicht explizit auf Nutzungsunterschiede abgestellt. Neben Studien auf Basis deutscher Daten gibt es auch internationale Forschungsarbeiten, die Nutzungsunterschiede in der frühen Bildung und Betreuung außerhalb der Familie adressieren. Im Folgenden werden Studien zunächst auf Basis deutscher Daten zusammengefasst. Dabei werden explorativ Studien herangezogen, die sich auf Basis repräsentativer Daten dem Thema sozioökonomischer und -demografischer Nutzungsunterschiede widmen. Daran anschließend werden in einem weiteren Abschnitt auch einige ausgewählte internationale Studien skizziert. Der zweite Teil dieses Kapitels beschreibt Studien, die mögliche Gründe für die beobachtbaren Unterschiede in der Nutzung von Angeboten der frühen Bildung und Betreuung in Kitas untersuchen. Auch hier werden beispielhaft einige Studien herangezogen. 3.1 STUDIEN ZU KITA-NUTZUNGSUNTERSCHIEDEN Die folgende, explorative Literaturanalyse unterscheidet nach Nutzungsunterschieden im U3-Bereich für Kinder unter drei Jahren und im Ü3-Bereich für Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt. DEUTSCHE STUDIEN – NUTZUNGSUNTERSCHIEDE IM U3-BEREICH In früheren Arbeiten zu den Faktoren, die Nutzungsunterschiede im U3-Bereich betrachten, zeigt sich, dass solche Unterschiede vor allem von der Erwerbstätigkeit der Mütter abhängen. Vor der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebensjahr im Jahr 2013 wurden Unterschiede vielfach durch Zugangskriterien erklärt: Die Erwerbstätigkeit beider Elternteile war im U3Bereich häufig eine Voraussetzung dafür, einen Kita-Platz in Anspruch nehmen zu können. Unterschiedliche empirische Untersuchungen auf der Basis des Sozio-oekonomisches Panel(SOEP), des Mikrozensus oder auch der DJIKinderbetreuungsstudien(vgl. z. B. Büchel/Spieß 2002; Spieß et al. 2002, 2008; Wrohlich 2007; Fuchs 2006; FuchsRechlin 2008; Kreyenfeld 2004, 2007; Krapf/Kreyenfeld 2011; Bien et al. 2006; Geier/Riedel 2008; Schober/Spieß 2012, 2013) zeigen darüber hinaus, dass der Bildungshintergrund der Eltern – insbesondere der Mutter – und das Haushaltseinkommen Kita-Nutzungsunterschiede erklärten. So besuchten Kinder von Müttern oder Eltern mit einem höheren Bildungsniveau eher eine Kita als Kinder bildungsfernerer Familien. Auch stieg mit der Höhe des Haushaltseinkommens die Wahrscheinlichkeit einer KitaNutzung. Kinder aus einkommensarmen oder auch deprivierten Haushalten besuchten hingegen mit einer deutlich geringeren Wahrscheinlichkeit eine Kita. Ferner zeigt sich für Ostdeutschland, dass Kinder, deren Eltern Arbeitslosengeld II bezogen, seltener eine Kita nutzten als die entsprechende Referenzgruppe. Aufgrund von spezifischen Regelungen von Kommunen und Trägern war zudem zu beobachten, dass Kinder alleinerziehender Eltern – unabhängig vom Erwerbsstatus – eher eine Kita besuchten als Kinder aus Paarhaushalten. Dieser Zusammenhang existierte allerdings nur in Westdeutschland. Auch Kinder mit Migrationshintergrund gingen seltener in eine Kita. Daten der amtlichen Statistik zeigen z. B. für das Jahr 2010, dass die gesamtdeutsche Nutzungsquote bei Kindern mit Migra­tionshintergrund nur zwölf Prozent betrug, während sie bei Kindern ohne Migrationshintergrund damals bei nahezu einem Drittel lag. Untersuchungen im Rahmen der NUBBEK-Studie zeigen zudem, dass solche Unterschiede nach dem Migrationshintergrund teilweise verschwanden, wenn für andere sozioökonomische Faktoren kontrolliert wird: Türkische Familien, in denen Mütter erwerbstätig waren, die einen höheren Bildungsabschluss aufwiesen und die weniger traditionelle Rolleneinstellungen hatten, unterschieden sich bei der Kita-Nutzung nicht von vergleichbaren Familien ohne Migrationshintergrund(Tietze et al. 2012). Schober und Spieß(2012) zeigen auf Basis der SOEP- und Familien-in-Deutschland-Daten(FiD), dass die im Haushalt gesprochene Sprache außerdem besonders ausschlaggebend für eine Kita-Nutzung war. So waren Kinder, deren Familien überwiegend eine andere Sprache als Deutsch im Haushalt sprachen, stark unterrepräsentiert. Inzwischen wird die zu Hause mehrheitlich gesprochene Sprache auch in den amtlichen Daten der Kinder- und Jugendhilfestatistik erhoben. Die darauf basierenden Analysen bestätigen die oben genannten Befunde. Neuere Studien belegen, dass auch Jahre nach der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebensjahr im Jahr 2013 sich die Nutzung erheblich nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen unterscheidet. Dies ist bemerkenswert, da mit dem Rechtsanspruch auch das Ziel verbunden war, diese Unterschiede zu reduzieren. So zeigt sich, dass Kinder von Eltern mit niedrigerem Bildungsstand, aus armutsgefährdeten Familien und Familien, die zu Hause nicht überwiegend Deutsch sprechen bzw. deren Eltern einen Migrationshintergrund haben, in Kitas nach wie vor unter­repräsentiert sind(vgl. z. B. Jessen et al. 2018, 2020a, 2020b; Schmitz et al. 2023; Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2016, 2018, 2020, 2022). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 Viele Jahre haben sich Studien zu den vorhandenen Nutzungsunterschieden mehrheitlich darauf beschränkt, die Unterschiede an sich zu beschreiben. Mit einer deutschlandweit repräsentativen, expliziten Erfassung der Bedarfe(also dem Wunsch) nach einem Kita-Platz, im Rahmen der KiBS-Erhebung des DJI, können ab dem Jahr 2012 erstmalig auch Betreuungswünsche und die tatsächliche Inanspruchnahme eines Kita-Platzes miteinander in Verbindung gesetzt werden(Lippert et al. 2022a). So haben beispielsweise Jessen et al.(2020a) erstmals systematisch die Bedarfe der Eltern bei der Analyse von Nutzungsunterschieden miteinbezogen. Sie zeigen auf Basis der Daten aus der KiBS-Erhebung, dass die Unterschiede in der Nutzung nur teilweise auf Unterschiede in den Betreuungswünschen zurückzuführen sind. So weisen Kinder, deren Mütter ein Abitur haben, deutlich höhere Nutzungsquoten auf als die Kinder, deren Mütter kein Abitur haben. Wird ergänzend dazu der Betreuungswunsch der Mütter mit einbezogen, bestätigt sich, dass dieser bei Müttern mit Abitur höher ist. Allerdings zeigt sich auch, dass die Unterschiede in den Wünschen zwischen den Bildungsgruppen geringer sind als bei der tatsächlichen Nutzung. Bei Familien mit und ohne Migrationshintergrund sind dagegen kaum Unterschiede in den Betreuungswünschen zu finden, gleichwohl sich die tatsächliche Nutzung zwischen den Gruppen stark unterscheidet, wie auch schon frühere Studien festgestellt haben. Dies bedeutet, dass insbesondere Eltern mit Migrationshintergrund oder solche mit geringerem Bildungsniveau einen höheren ungedeckten Betreuungsbedarf aufweisen als andere Gruppen. Schmitz et al.(2023) bestätigen auf Basis aktuellerer KiBS-Erhebungen, dass sozioökonomische Merkmale für den Umfang des ungedeckten Bedarfs, also den Anteil der Familien, die trotz Betreuungswunsch keinen Kita-Platz haben, entscheidend sind. Weiter zeigen sie, dass sich diese Unterschiede in den ungedeckten Bedarfen seit Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz zum Teil sogar verstärkt haben. So nutzen beispielsweise vier von fünf Kindern aus Familien, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird und die einen Betreuungsbedarf haben, eine Kita, während dies für Kinder aus Haushalten, in denen eine andere Sprache gesprochen wird, nur für etwa jedes zweite Kind zutrifft. Ähnlich große Unterschiede lassen sich beobachten, wenn die Armutsgefährdung der Haushalte als Merkmal betrachtet wird. Zusammenfassend zeigt sich, dass vor der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebensjahr im Jahr 2013 erhebliche sozioökonomische und -demografische Unterschiede in der Kita-Nutzung bei Kindern unter drei Jahren auszumachen waren. Mit der Einführung des Rechtsanspruchs haben diese allerdings keinesfalls abgenommen, sondern sich für manche Gruppen sogar noch verstärkt. DEUTSCHE STUDIEN ZU NUTZUNGSUNTERSCHIEDEN IM Ü3-BEREICH 1 Sozialwissenschaftliche Studien, die auf Basis deutscher Mikrodaten beschreiben, wie wahrscheinlich es ist, dass Kinder im Alter von drei Jahren und älter eine Kita besuchen, zeigen, dass auch hier seit vielen Jahren sozioökonomische und-demografische Unterschiede festzumachen sind. Allerdings sind hier die Unterschiede nicht so groß wie im U3-Bereich, was auf den bereits 1996 eingeführten Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab dem dritten Geburtstag zurückzuführen ist. Ältere Studien zeigen Unterschiede nach dem mütterlichen Bildungshintergrund: Kinder im sogenannten Kindergartenalter(also ab drei Jahren bis zum Schuleintritt), deren Mütter ein Abitur haben, waren deutlich häufiger in einer Kita. Für Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren können Kreyenfeld und Krapf(2010) zeigen, dass sich in Westdeutschland dieser Zusammenhang zwischen der Bildung der Mutter und der Nutzung einer Kita über die Zeit verändert hat. Während bis zum Jahr 2004 bei Kindern im Kindergartenalter zwischen Bildungsgruppen nur verhältnismäßig geringe Unterschiede in der Kita-Nutzung existierten, lässt sich in den folgenden Untersuchungsperioden eine zunehmende Diskrepanz beobachten, sodass nach 2004 deutlich mehr Mütter mit Abitur ihre Kinder in einer Kita hatten als Mütter mit geringerem Schulabschluss. Darüber hinaus besuchten viele Jahre trotz des Rechtsanspruchs ab dem vierten Lebensjahr eher Kinder erwerbstätiger Mütter eine Kita. Kinder arbeitsloser Mütter waren mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit in Kitas, dies traf sowohl auf West- als auch Ostdeutschland zu(vgl. z. B. Kreyenfeld/Krapf 2010). Aktuelle Studien zeigen, dass inzwischen ab dem Alter von vier Jahren die weite Mehrheit der Kinder eine Kita besucht und somit auch Nutzungsunterschiede abgenommen haben. Allerdings bestehen auch noch im Jahr 2020 bei den drei- bis unter sechsjährigen Kindern Nutzungsunterschiede nach elterlicher Bildung und Migrationshintergrund. 74 Prozent der Kinder besuchen eine Kita, wenn die Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss haben. Sofern die Bildung höher ist, sind es 90 Prozent. Von den Kindern, die einen Migrationshintergrund haben, besuchen 80 Prozent eine Kita, während es bei der Vergleichsgruppe ohne Migrationshintergrund bereits 91 Prozent sind(Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2022). Auch in Hinblick auf den täglichen Betreuungsumfang im Ü3-Bereich lassen sich Nutzungsunterschiede festmachen, und auch hier finden sich die Befunde bereits in älteren Studien. Die Erwerbstätigkeit der Mutter hatte und hat auch heute noch eine große Bedeutung: Kinder erwerbstätiger Mütter nutzen häufiger ganztägige Angebote. Einige ältere Studien finden zudem, dass mit steigendem Einkommen der Eltern eher ganztägige Angebote in Anspruch genommen wurden. Kinder alleinerziehender Eltern sowie Kinder, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben, werden weiterhin eher ganztägig in einer Kita betreut(z. B. Schober/Spieß 2012; Spieß et al. 2008; Jessen et al. 2018). 1  Im Folgenden wird der Kita-Bereich für Kinder im Alter von drei Jahren und älter als Ü3-Bereich bezeichnet und zwar in Abgrenzung zum U3-Bereich. Er bezieht explizit Kinder im Alter von drei Jahren mit ein. 8 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Neuere Analysen von Jessen et al.(2018) betrachten, wie sich die Unterschiede bei der Ganztagsnutzung für Kinder über drei Jahren bis 2016 im zeitlichen Verlauf verändern. Für diese Jahre zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den Gruppen insgesamt geringer sind als im U3-Bereich, jedoch mit ähnlichem Muster: Ressourcenstarke Gruppen (wie z. B. bildungsnähere Familien, Familien ohne Migrationshintergrund, Familien oberhalb der Armutsgrenze und Familien mit zwei erwerbstätigen Eltern) nutzten ganztägige Kita-Angebote häufiger. In einer aktuellen Studie auf Basis der Daten des Nationalen Bildungspanels(NEPS) bestätigen Ghirardi et al.(2023) erneut die sozioökonomischen Nutzungsunterschiede bei der Kita-Nutzung. INTERNATIONALE STUDIEN ZU NUTZUNGSUNTERSCHIEDEN IM U3- UND Ü3-BEREICH International vergleichende Analysen auf Basis der EUSILC-Daten(Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen) zeigen, dass sich diese Ungleichheiten in der Kita-Nutzung in ähnlicher Form auch in anderen europäischen Ländern wiederfinden(z. B. Wirth 2012). Erwartungsgemäß sind die Unterschiede in der Kita-Nutzung in Ländern mit einer insgesamt hohen Nutzungsquote geringer, so etwa in Skandinavien oder Belgien(für eine zusammenfassende Darstellung vgl. auch Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2022). Auch Blossfeld et al.(2017) finden in ihren Analysen für unterschiedliche Länder, große sozioökonomische Nutzungsunterschiede in Kitas. Einzelne länderspezifische Studien bestätigen dies. Hier seien lediglich einige ausgewählte Studien erwähnt: Zachrisson et al.(2013) untersuchen beispielsweise die Kita-Nutzung sehr junger Kinder in Norwegen. In Hinblick auf Unterschiede nach sozioökonomischem Hintergrund finden sich mit Deutschland vergleichbare Ergebnisse: Eltern aus einem nichtwestlichen Herkunftsland und Familien mit niedrigerem sozioökonomischen Status nutzen Kitas weniger als Familien mit höherem Status. Außerdem schicken Paarfamilien ihre Kinder später in die Kita als Alleinerziehende. Auf Basis derselben Daten aus der MoBa(Norwegian Mother, Father and Child Cohort Study) belegen Sibley et al.(2015), dass die Wahrscheinlichkeit eines Kita-Besuchs mit höherem Bildungsgrad der Mutter steigt. In einer vergleichenden Studie von van Lancker und Ghysels (2012) zeigen sich Unterschiede zwischen den analysierten Ländern – insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Verglichen werden Schweden und die flämische Region Belgiens(Flandern). Während in Flandern Kinder aus Haushalten mit niedrigem Einkommen deutlich seltener eine Kita nutzen, gibt es in Schweden keine Nutzungsunterschiede nach dem Einkommen(vgl. van Lancker/Ghysels 2012). Magnuson und Waldfogel(2016) beleuchten auf Basis von US-Daten die Entwicklung der Nutzungsunterschiede nach Einkommen bei Drei- und Vierjährigen zwischen 1986 und 2013. Sie finden, dass die Lücke zwischen den Einkommensgruppen in den 1980er Jahren am größten ist. 2013 ist der Unterschied bei den Dreijährigen höher als bei den Vierjährigen. Die Differenz in der Nutzung zwischen den ärmsten Familien und den reichsten Familien hat sich im Laufe der Zeit für die Gruppe der Vierjährigen verringert. Greenberg(2011) zeigt mit den US-Daten des NHES(National Household Education Surveys), dass mit steigender Bildung und Einkommen sich mehr Familien für die Betreuung in Kitas entscheiden. Johnson et al. (2016) betrachten eine spezifische Gruppe: Kinder mit Migrationshintergrund, die aus Familien mit einem niedrigen Einkommen stammen. Anhand von Daten aus der ECLS-B (Early Childhood Longitudinal Study – Birth Cohort) in den USA finden sie, dass bei Vierjährigen selbst innerhalb dieser bestimmten Gruppe noch Unterschiede in der Nutzung nach Bildungsstand der Mutter vorhanden sind. In der Altersgruppe der Drei- bis Fünfjährigen werden ebenfalls Kita-Nutzungsunterschiede nach dem Einkommen der Eltern beobachtet(vgl. Bainbridge et al. 2005). Zusammenfassend lässt sich demnach festhalten, dass auch in anderen westlichen Industrienationen Kita-Nutzungsunterschiede existieren. Dazu, inwiefern die Unterschiede in der Nutzung auf Unterschiede im Bedarf zurückzuführen sind oder ob sie primär durch ein zu geringes Angebot verursacht werden, finden sich nur wenige systematische Untersuchungen(vgl. Abschnitt IV). 3.2 STUDIEN ZU MÖGLICHEN GRÜNDEN VON KITA-NUTZUNGSUNTERSCHIEDEN Neben der Beschreibung von Nutzungsunterschieden stellt sich die Frage nach den Gründen für diese Unterschiede. Hier können unterschiedliche Faktoren von Bedeutung sein, deren empirische Relevanz jedoch lange Jahre kaum systematisch erforscht wurde. Im Folgenden wird auf Basis von Studien, die sich mit dem deutschen System befassen, differenziert, warum sich die Nutzung von Kitas unterscheidet. 2 Grundsätzlich kann hierbei zwischen Gründen auf der Angebotsseite und solchen auf der Nachfrageseite unterschieden werden. Gründe auf der Angebotsseite umfassen insbesondere das Angebot an Kita-Plätzen an sich sowie deren Erreichbarkeit, Öffnungszeiten, Kosten und Qualität. Außerdem sind auf der Angebotsseite auch Auswahlentscheidungen der Kita-Leitungen, Träger und der Jugendhilfe bei der Platzvergabe zu verorten. Da sich erhebliche Nutzungsunterschiede beobachten lassen, die nicht auf Unterschiede in den Bedarfen zurückzuführen sind, kann vermutet werden, dass Träger oder Einrichtungen implizit oder explizit 2 Auch in internationalen Studien werden die Gründe für Nutzungsunterschiede erfasst. Auf Basis der Daten des European Union Labour Force Survey(EU-LFS) untersuchen beispielsweise Pavolini und van Lancker(2018) die Gründe für Nutzungsunterschiede sowohl auf der Angebotsals auch auf der Nachfrageseite. Die Autoren schlussfolgern, dass strukturelle Einschränkungen im Platzangebot entscheidender für die Erklärung von Nutzungsunterschieden sind als soziale Normen oder Einstellungen der Eltern bezüglich einer Kita-Betreuung. Carbuccia et al.(2022) erstellen in ihrer Studie eine eigene Klassifizierung der Gründe für Unterschiede in der Kita-Nutzung. Sie gruppieren diese nach kognitiven, verhaltensbezogenen und strukturellen Faktoren. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 eine Selektion bei der Auswahl von Kindern bzw. Familien durchführen. Bisher liegen allerdings nur sehr wenige empirisch repräsentative Studien vor, die diese Vermutung systematisch untersuchen. Gründe auf der Nachfrageseite umfassen ebenfalls eine Vielzahl von Faktoren. Dazu gehören insbesondere der Bedarf bzw. der Betreuungswunsch von Eltern, deren Einstellungen zu einer Kita-Betreuung, ihre Persönlichkeit sowie eine Vielzahl anderer Faktoren. Familien, die keinen KitaBedarf äußern, geben so z. B. häufiger an, ihr Kind selbst erziehen zu wollen. Für diese Familien ist das regionale Platzangebot oder die Ausgestaltung der Kita unerheblich (vgl. Lippert et al. 2022b). Schober und Spieß(2012) finden für Westdeutschland außerdem, dass Hauptgründe für eine Nichtnutzung das Alter des Kindes sind. Auch sie zeigen, dass Eltern ohne einen Kita-Bedarf angeben, ihre Kinder alleine erziehen zu wollen, oder sowieso aufgrund jüngerer Kinder zu Hause sind. Eltern mit niedrigerem Bildungsstand oder Migrationshintergrund geben dies öfter an – was beispielsweise Untersuchungen aus dem Jahr 2012 zeigen(vgl. Schober/Spieß 2012). Auch zu hohe Kita-Kosten bzw.-Gebühren werden häufig als Gründe für eine Nichtnutzung von Kitas angegeben(Müller et al. 2013; Camehl et al. 2015). Allerdings zeigen sich in kausalanalytischen Untersuchungen nur geringe Effekte der Kita-Kosten auf deren Nutzung. So untersuchen z. B. Huebener et al.(2020) die Wirkung von Gebührenbefreiungen im letzten Kita-Jahr: Auf die bloße Kita-Nutzung hat eine solche Gebührenbefreiung keinen Einfluss, allerdings ergeben sich geringe Effekte auf den wöchentlichen Betreuungsumfang. Andere Gründe auf der Angebotsseite wie der Mangel an Plätzen werden hingegen häufig von Alleinerziehenden und Bezieher_innen von Arbeitslosengeld II als Erklärungen für die Nichtnutzung einer Kita genannt(vgl. z.B. Schober/Spieß 2012). Werden Mütter ohne Abitur und Mütter mit Abitur verglichen, zeigt sich, dass Mütter ohne Abitur öfter als die Referenzgruppe angeben, dass sie eine Kita genutzt hätten, wenn der Platz kostenlos, die Anmeldung leichter oder die Öffnungszeiten passender wären (Jessen et al. 2020b). Jessen et al.(2020a) stützen diese Ergebnisse. Sie untersuchen auf Basis der KiBS-Daten zwei Faktoren der Angebotsseite: Veränderungen in den Bedarfslücken am Wohnort und den Effekt von Gebührenreduzierungen. Sie zeigen, dass beide Aspekte einen signifikanten Einfluss auf Kita-Nutzungsunterschiede zwischen Eltern mit geringem und höherem Bildungsstand haben – allerdings beziehen sich die Ergebnisse der Gebührenreduzierung nur auf Hamburg. Die Nutzungsunterschiede nach elterlichem Migrationshintergrund können durch eine Erhöhung der verfügbaren Plätze jedoch nicht reduziert werden, was u. a. auch daran liegt, dass eine vollständige Bedarfsdeckung selten erreicht wird, da zu vermuten ist, dass vielfach ein Anstieg im Bedarf parallel zur Erhöhung des Angebots erfolgt. Jessen et al.(2020b) betrachten, unter welchen Bedingungen Eltern, deren Kinder aktuell nicht in eine Kita gehen, diese nutzen würden. Hier zeigt sich, dass besonders für Familien mit Migrationshintergrund bestimmte Qualitätskriterien eine entscheidende Rolle spielen. Sie wünschen sich häufiger mehrsprachige Erzieher_innen und eine stärkere Berücksichtigung von Kultur und Religion. Auch Lokhande(2013) zeigt in ihrer Studie, dass Eltern der ersten Zuwanderergeneration vor allem durch qualitative und interkulturelle Hürden abgehalten werden, für ihr Kind unter drei Jahren eine Kita in Anspruch zu nehmen. Dies ist anders bei Eltern mit geringerer Schulbildung: Sie haben es schwerer, überhaupt einen Kita-Platz für ihr unter dreijähriges Kind zu finden. 3 Inwiefern Nutzugsunterschiede durch bestimmte Auswahlentscheidungen auf der Anbieterseite zu erklären sind, haben Hermes et al.(2023) in einer experimentalen Untersuchung analysiert. Sie befassen sich damit, inwiefern eine bewusste oder unbewusste Diskriminierung von bestimmten Gruppen bei der Platzvergabe erfolgt. Im Kontext dieses Experiments wurden deutschlandweit Platzanfragen an Kitas per E-Mail verschickt, wobei die Namen der Absender_innen entweder auf einen Migrationshintergrund oder eine deutsche Herkunft hindeuteten. E-Mails, deren Absender_innen eher einer Familie mit Migrationshintergrund zuzuordnen war, erhielten mit einer um 4,4 Prozentpunkte geringeren Wahrscheinlichkeit eine Antwort als Absender_innen mit einem deutsch klingendem Namen. Auch bei dem Inhalt der Antworten konnten deutliche Unterschiede festgestellt werden. Absender_innen mit einem Namen, der auf einen Migrationshintergrund schließen ließ, erhielten häufiger eine Platzabsage und kürzere bzw. weniger ermutigende Antworten. Der Bildungshintergrund der Absender_innen hatte dagegen keinen Einfluss auf die Antwortquote oder den Inhalt der E-Mails, mit der geantwortet wurde. Die Effekte in Hinblick auf den Migrationshintergrund variieren allerdings nach dem Kita-Standort. Die fiktiven Familien mit Migrationshintergrund wurden eher diskriminiert, also bei der Kita-Platzvergabe nicht berücksichtigt, wenn sich die angefragte Kita in einem Ort befand, an dem der Anteil an Kita-Kindern mit Migrationshintergrund gering, der Anteil an Wähler_innen des rechten Politikspektrums höher oder der Standort als wirtschaftlich schwächer zu charakterisieren war. Ein weiterer zentraler Aspekt zur Erklärung von Nutzungsunterschieden auf der Nachfrageseite sind Unterschiede in den Informationen über Kita-Angebote und -Zugänge. Seibel(2021) nutzt Daten aus der Erhebung des MIFARE-Projekts und analysiert Informationsdefizite, die Eltern aus Familien mit Migrationshintergrund haben. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sowohl das Human- und Sozialkapital signifikante Determinanten für die Informationen sind, welche Familien in Hinblick auf ihre Möglichkeiten einer Kita-Nutzung und des Kita-Zugangs haben. Eltern mit Migrationshintergrund, welche die deutsche Sprache 3 Dies bestätigt auch eine explorative Studie(Muslimisches Leben in Deutschland 2016). Muslimische Eltern erhoffen sich durch Kitas ein gesellschaftliches Miteinander und erhöhte Teilhabechancen ihrer Kinder und wünschen sich ein kultur- und religionssensibles Angebot(Stichs/ Rotermund 2017). 10 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs beherrschen, haben ein größeres Wissen über diese Zugänge als Migrant_innen ohne Deutschkenntnisse – und zwar unabhängig von ihrem Bildungsabschluss. Das liegt vermutlich auch daran, dass viele Informationsangebote von Trägern und Jugendämtern nur in deutscher Sprache zur Verfügung gestellt werden(vgl. Klinkhammer et al. 2022). Seibel(2021) zeigt außerdem, dass das Umfeld der Familien mit Migrationshintergrund entscheidend ist: Wenn das Netzwerk der Eltern mit Migrationshintergrund Kitas nutzt, verfügen Familien mit Migrationshintergrund über ein größeres Wissen über entsprechende Zugänge. Auch Hermes et al.(2021) widmen sich in ihrer Studie möglichen Informationsdefiziten beim Kita-Zugang. In einem sogenannten Informationsexperiment werden einer abgegrenzten Gruppe von Eltern Informationen zum KitaZugang zur Verfügung gestellt und konkrete Unterstützung angeboten, während eine andere Gruppe von Eltern diese nicht erhält. Es zeigt sich, dass bei Familien mit geringerem Bildungsstand die Wahrscheinlichkeit für eine KitaBewerbung um 21 Prozentpunkte und für die Anmeldung um 16 Prozentpunkte zunimmt, wenn Familien die angebotenen Unterstützungsleistungen nutzen. Bei Müttern mit höherem Bildungsabschluss haben dieselben Maßnahmen hingegen keinen Einfluss. Der Ausgleich von Informationsdefiziten führt in der Studie insgesamt zu einer Schließung der Kita-Gaps um 50 Prozent. Allerdings steigt die tatsächliche Nutzung nicht im gleichen Umfang wie die Wahrscheinlichkeit für eine Bewerbung bzw. Anmeldung. Dies zeigt, dass andere Gründe auf der Angebots- und Nachfrageseite ebenfalls eine Rolle spielen und die Nutzungsunterschiede zwischen Bildungsgruppen sich nicht ausschließlich durch verbesserte Information der Eltern reduzieren lassen. Eine Arbeit von Steinberg und Kleinert(2022) untersucht, inwiefern für die Kita-Nutzungsentscheidung bei Kindern unter drei Jahren Kosten-Nutzen-Abwägungen auf der Nachfrageseite, das heißt aufseiten der Eltern, ausschlaggebend sind. Anhand einer Analyse der NEPS-Daten zeigen sie, dass derartige Abwägungen Nutzungsunterschiede nur teilweise erklären können. Entscheidend für eine Kita-Nutzung ist demnach, ob die Mutter in dem Kita-Besuch Vorteile für ihr Kind oder für ihre eigene Erwerbstätigkeit sieht. Dieser Zusammenhang zwischen KitaNutzung und den erwarteten Vorteilen ist bei Müttern mit einem höheren Bildungsabschluss besonders stark. Die Kosten und gesellschaftlichen Normen in Hinblick auf eine Kita-Nutzung von jungen Kindern haben – so die Ergebnisse der Untersuchung – einen deutlich geringeren Einfluss auf die Entscheidung, einen Kita-Platz in Anspruch zu nehmen. Innerhalb der sozioökonomischen Gruppen gibt es jedoch Unterschiede darin, wie sehr die einzelnen Parameter der Kosten-Nutzen-Abwägung gewichtet werden: Während Vorteile in Hinblick auf die eigene Erwerbstätigkeit nur für Mütter aus Westdeutschland relevant sind, werden Vorzüge für die kindliche Entwicklung sowohl in West- als auch in Ostdeutschland in die Kosten-NutzenAbwägung miteinbezogen(vgl. Steinberg/Kleinert 2022). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 4 AKTUELLE BEFUNDE ZU KITA-GAPS IN DEUTSCHLAND In diesem Kapitel werden die Ergebnisse der neuen Analysen zu Kita-Gaps in Deutschland nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen auf Basis von Daten der Kinderbetreuungsstudie(KiBS) des Deutschen Jugendinstituts(DJI)(siehe Kasten 1) dargestellt. Für die Analysen werden die Befragungsdaten der Jahre 2018 bis 2020 zusammengefasst(Lippert et al. 2022a). Somit stehen Informationen von mehr als 36.000 Kindern unter drei Jahren und 30.000 Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt zur Verfügung. Die KiBS-Daten stellen eine einzigartige Datengrundlage dar, die detaillierte Analysen zu Kita-Gaps ermöglichen, da die Daten repräsentativ für Deutschland sind, sowohl Kita-Nutzung als auch -Bedarfe erfassen und darüber hinaus noch vielfältige Gründe für eine Nichtnutzung erfragen. DATENGRUNDLAGE Die empirischen Analysen basieren auf Daten der Kinderbetreuungsstudie(KiBS) des Deutschen Jugendinstituts(DJI). Die Kinderbetreuungsstudie ist eine repräsentative und jährlich durchgeführte Befragung, die seit 2012 über 124.000 Eltern von Kindern in verschiedenen Altersgruppen erfasst und der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bis einschließlich 2020 vorliegt(Lippert et al. 2022a). Kerninhalte der Studie sind die Bildungs- und Betreuungssituation von Kindern bis zum Übertritt in die Sekundarstufe und der Betreuungsbedarf der Eltern. Für eine möglichst aktuelle Beschreibung der Kita-Gaps (also der Unterschiede in der Kita-Nutzung und den Kita-Bedarfen nach familialen Merkmalen) in diesem Teil der Studie werden die Daten aus den Jahren 2018 bis 2020 verwendet. Damit stehen Informationen von mehr als 36.000 Kindern unter drei Jahren und 30.000 Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt zur Verfügung. Grundsätzlich werden Mittelwerte für die drei Befragungsjahre ausgewiesen. Dadurch wird eine differenzierte Betrachtung der Kita-Gaps möglich, da bei einer Betrachtung einzelner Jahre die Fallzahlen teilweise zu gering sind. Bei der Interpretation der Daten aus dem Jahr 2020 muss berücksichtigt werden, dass in diesem Jahr die Kita-Nutzung durch den Ausbruch der Coronapandemie und den damit verbundenen Kita-Schließungen generell rückläufig war. Der Einbezug des Jahres 2020 hat keine signifikanten Auswirkungen auf die Ergebnisse der Analysen, vergrößert aber die Datenbasis und Aktualität der Datengrundlage. Zentral für die Analyse von Kita-Gaps sind zum einen Angaben der Eltern zum Betreuungswunsch, das heißt darüber, ob sich der befragte Elternteil für sein Kind einen Kita-Platz wünscht oder nicht. Um dies zu erfassen, werden die Eltern, unabhängig davon, ob ihr Kind einen Platz in einer Kita hat oder nicht, gefragt, ob sie sich aktuell eine Betreuung für ihr Kind in einer Kita wünschen. Dass diese Betreuungswünsche auch den tatsächlichen akuten Betreuungsbedarf widerspiegeln, zeigt sich daran, dass rund 98 Prozent der Eltern, die einen Betreuungswunsch haben, sich auch bereits auf mindestens einen Kita-Platz beworben haben. Ein ungedeckter Betreuungsbedarf liegt somit vor, wenn ein aktueller Betreuungswunsch aufseiten der Eltern besteht, das Kind aber derzeit keine Kita besucht. Darüber hinaus ermöglichen die Angaben der Eltern zu den benötigten täglichen Betreuungszeiten und den tatsächlich genutzten Betreuungsstunden es auch, den ungedeckten Bedarf in Stunden(also einen ungedeckten Stundenbedarf) zu berechnen. In den Analysen wird dann von einem ungedeckten Stundenbedarf ausgegangen, wenn die Differenz zwischen den gewünschten und den genutzten Stunden größer als fünf Stunden ist. Dies verhindert, dass kleine Abweichungen als ungedeckter Stundenbedarf erfasst werden. 12 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Kita-Nutzung und Kita-Bedarf nach Alter des Kindes in Jahren Anteil in Prozent Abb. 1 Nutzung Bedarf mind. ein Elternteil in Teilzeit 0 12 24 36 48 60 72 Alter des Kindes in Monaten Quelle: eEigene Berechnungen auf Basis von KiBS22001188-–22002200.. Anmerkung: Die Abbildung zeigt den Anteil der Kinder, die eine Kita nutzen und deren befragter Elternteil einen Kita-BeAdanrmf earnkguibntg.: ZDuiseäAtzblbicihldiusnt gdezreiAgtntdeeinl dAenr tKeilnder Kabingdeterra, gdeine,evinoen Kdietnaenustizcehnmuinnddedsetreenns ebienfrEalgtteerrnEstleteilrndteerizleeiitniennEKltietran-Bzeei-t dodarefr aMnugitbtet.rsZcuhsaäftsz-libchzwis.tEdrezrieAhunntegisludrelar uKbinbdeefirnadbegt.etBreargeecnh,nvuonngednenseindsigcehwmicihntdete.stNen=s65ei.n30E2l.ternteil derzeit in Elternzeit oder Mutterschafts- bzw. Erziehungsurlaub befindet. Berechnungen sind gewichtet. N=65.302. 4.1 DIE ENTWICKLUNG DER KITA-NUTZUNG UND-BEDARFE NACH ALTER DES KINDES Zunächst wird der Anteil der Kinder betrachtet, der in einem bestimmten Alter einen Kita-Platz in Anspruch nimmt. Dem wird der Anteil der Kinder gegenübergestellt, deren Eltern einen Betreuungswunsch haben. Außerdem wird der Anteil der Eltern in Elternzeit betrachtet, um einen Eindruck zu erhalten, inwiefern in dieser Zeit Betreuungsbedarfe vorliegen. In Abbildung 1 zeigt sich, dass im ersten Lebensjahr des Kindes sowohl die Kita-Nutzung als auch der Betreuungsbedarf sehr gering sind. Es bestehen somit kaum ungedeckte Bedarfe, was vorrangig darauf zurückzuführen ist, dass bis zu diesem Zeitpunkt in rund 80 Prozent der Familien mindestens ein Elternteil in Elternzeit ist. Während der Anteil der Eltern in Elternzeit ab dem zwölften Monat deutlich sinkt, steigt der Kita-Betreuungsbedarf ab dem zweiten Lebensjahr stark an. Für Kinder im Alter von 12 bis unter 24 Monaten äußern rund 63 Prozent der Familien einen Betreuungsbedarf, aber nur 37 Prozent dieser Kinder nutzen eine Kita. Auch für Kinder im dritten Lebensjahr zeichnen sich ausgeprägte ungedeckte Bedarfe ab: Jedes sechste Kind kann trotz Betreuungsbedarf der Eltern keinen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Bei den über dreijährigen Kindern besucht hingegen 95 Prozent eine Kita, wobei aber auch hier der Bedarf mit 97 Prozent die Nutzung übersteigt – allerdings beträgt hier die Differenz nur zwei Prozentpunkte. Insbesondere bis zu einem Alter von 44 Monaten haben bis zu neun Prozent der Kinder einen ungedeckten Bedarf. 4 Das zeigt, dass der Bedarf selbst im Ü3-Bereich noch nicht vollständig gedeckt werden kann und ungedeckte Bedarfe bis zum Schuleintritt fortbestehen, wenn auch deutlich geringer ausgeprägt als für jüngere Altersgruppen. 4 Bei den sechsjährigen Kindern ist zu beachten, dass ungefähr die Hälfte bereits eine Schule besucht. Für die folgenden Analysen werden lediglich Kinder vor der Einschulung betrachtet. FRIE 1 DRICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 1 is 3 kurs 4.2 KITA-NUTZUNG UND-BEDARFE NACH SOZIOÖKONOMISCHEN UND-DEMOGRAFISCHEN MERKMALEN DER FAMILIE Im Folgenden werden Kita-Gaps in Abhängigkeit des Alters der Kinder und aufgeteilt nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie betrachtet. Diese Merkmale umfassen die elterliche Bildung, das Haushaltsnettoeinkommen, die elterliche Erwerbskonstellation, den Migrationshintergrund der Eltern sowie die zu Hause überwiegend gesprochene Sprache. Aus Perspektive der Bildungs- und Gleichstellungspolitik sind diese Merkmale von besonderem Interesse, da sie jene Gruppen kennzeichnen, die im Fokus dieser Politikfelder stehen. Gleichzeitig bilden sie damit auch jene Gruppen ab, die von einer Kita-Nutzung besonders profitieren. Dazu gehören armutsgefährdete Familien, Familien mit nicht erfüllten Erwerbswünschen oder solche, die zu Hause überwiegend nicht Deutsch sprechen, oder auch Elternteile, die allein in einem Haushalt mit Kindern leben. Dabei werden die Merkmale wie folgt abgegrenzt, wobei die Prozentangaben in diesem Abschnitt sich nur auf Kinder beziehen, die ein Jahr und älter sind: ȣ Elterlicher Bildungshintergrund: Familien werden danach unterschieden, ob kein Elternteil ein abgeschlossenes Hochschulstudium hat oder mindestens ein Elternteil einen Studienabschluss besitzt. In der verwendeten Stichprobe kommen ungefähr 37 Prozent der Kinder aus Familien, in denen kein Elternteil einen Studienabschluss hat. ȣ In Familien überwiegend gesprochene Sprache: Unterschieden wird zwischen Familien, in denen überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen wird, und Familien, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird. In knapp fünf Prozent der Haushalte in der Analysestichprobe wird überwiegend eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. ȣ Armutsgefährdung: Hier wird die gängige Definition verwendet, nach der eine Familie als armutsgefährdet gilt, wenn das monatliche Nettoäquivalenzeinkommen des Haushalts geringer ist als 60 Prozent des Medians (Statistisches Bundesamt 2023b). Die Armutsgefährdungsgrenze hängt dabei von der Anzahl und dem Alter der Haushaltsmitglieder ab. Armutsgefährdet sind circa zwölf Prozent der Kinder in der verwendeten Stichprobe. ȣ Mütterliche Erwerbsbeteiligung: Es wird zwischen nicht erwerbstätigen Müttern(29 Prozent in der verwendeten Stichprobe), Müttern in einer Teilzeitbeschäftigung mit weniger als 20 Wochenarbeitsstunden(15 Prozent), Müttern in erweiterter Teilzeit mit 20 bis 35 Wochenarbeitsstunden(42 Prozent) und Vollzeiterwerbstätigen mit mehr als 35 Wochenarbeitsstunden (14 Prozent) unterschieden. ȣ Paarfamilien und Alleinerziehende: Hier werden Paarhaushalte von Haushalten unterschieden, in denen ein Elternteil ohne Partner_in in einem Haushalt mit Kindern lebt(Statistisches Bundesamt 2023a). Diese werden in dieser Studie als alleinerziehend bezeichnet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Elternteil außerhalb des Haushalts ebenfalls das Sorgerecht hat. Für viele dieser Merkmale zeigten sich bereits in vergangenen Studien bedeutende Kita-Gaps(siehe Kapitel 3). Die Analysen der kommenden Abschnitte beziehen sich alle auf Kinder ab dem zweiten Lebensjahr, da – wie in Abbildung 1 ersichtlich – vor dem vollendeten ersten Lebensjahr und somit vor Eintritt des Rechtsanspruchs auf einen KitaPlatz sowohl der Betreuungsbedarf als auch die Kita-Nutzung sehr gering sind. Darüber hinaus erscheint es angesichts der bestehenden ungedeckten Bedarfe für nahezu alle Altersgruppen wichtig, auch den Ü3-Bereich, das heißt die drei- bis sechsjährigen Kinder, systematisch in den Blick zu nehmen. Die Analysen lassen auch darauf schließen, ob Kita-Gaps ein vorübergehendes Phänomen sind, das sich mit dem Alter der Kinder verringert, oder ob die Unterschiede bis zum Schuleintritt beobachtbar sind und Kinder mit bestimmten Merkmalen in diesem Fall vor Schuleintritt trotz Bedarfs nur sehr spät oder gar nie eine Kita besuchen. Im Folgenden werden nun die Kita-Gaps nach den einzelnen Merkmalen der Familien vorgestellt. KITA-GAPS NACH ELTERLICHEM BILDUNGSHINTERGRUND In Abbildung 2 werden Kita-Gaps differenziert nach dem elterlichen Bildungshintergrund betrachtet. Zunächst ist zu erkennen, dass die Nutzungsunterschiede vom zweiten bis zum fünften Lebensjahr bestehen. Im Durchschnitt nutzen Familien, in denen kein Elternteil einen Studienabschluss hat, in diesem Alter der Kinder Kitas deutlich seltener als Familien, in denen mindestens ein Elternteil einen Studienabschluss hat. Im zweiten Lebensjahr nutzen zum Beispiel 43 Prozent der Kinder aus Familien mit akademischem Hintergrund eine Kita, aber nur 28 Prozent der Kinder aus Familien ohne akademischen Hintergrund. Die geringere Nutzung von Kitas kann zwischen Alter eins und vier teilweise auf einen geringeren Betreuungsbedarf von Familien ohne akademischen Hintergrund zurückgeführt werden. In Familie mit akademischem Hintergrund bleibt im dritten Lebensjahr bei etwa jedem achten Kind der Betreuungsbedarf der Eltern ungedeckt, während bei Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund etwa jedes vierte Kind einen ungedeckten Bedarf aufweist. In den letzten zwei Kita-Jahren vor der Einschulung zeigen sich kaum noch Unterschiede in der Nutzung und in ungedeckten Bedarfen nach Bildungshintergrund der Eltern. 14 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Bildungsabschluss der Eltern Anteil in Prozent *** ** *** *** Abb. 2 1 2 3 4 Alter des Kindes in Jahren Mind. ein Elternteil abgeschlossenes Studium: Nutzung Kein Elternteil abgeschlossenes Studium: Nutzung Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. 5 6 ungedeckter Bedarf ungedeckter Bedarf An Q m u e e r ll k e u : e n i g g : en S e ig B n e i r f e i c k h a n n u z n e g n en fü a r uf d B e a n sis u v n o g n ed K e iB c S k 2 te 0 n 18 B –2 e 0 d 2 a 0 r . f auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. N=57.280. Anmerkung: Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. N=57.280. KITA-GAPS NACH DER SPRACHE, DIE IN FAMILIEN ÜBERWIEGEND GESPROCHEN WIRD denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, für alle Altersgruppen nur geringfügig niedriger ist als bei der ReIn Abbildung 3 werden Kita-Gaps differenziert danach be- ferenzgruppe. Während sich der ungedeckte Bedarf, trachtet, ob in der Familie des Kindes überwiegend das heißt die Lücke zwischen Bedarf und Nutzung, bei FaDeutsch oder eine andere Sprache gesprochen wird. Zu- milien, die Deutsch sprechen, ab dem vierten Lebensjahr nächst ist zu erkennen, dass die Nutzungsunterschiede nahezu vollständig schließt, bleibt sie für nicht deutschvom zweiten Lebensjahr bis zum Schuleintritt bestehen: Im sprachige Familien weiterhin ausgeprägt. Im ersten LeDurchschnitt nutzen Familien, in denen Deutsch nicht die bensjahr hatten 40 Prozent der Familien, die überwiegend Alltagssprache ist, vom zweiten Lebensjahr an bis zur Ein- kein Deutsch sprechen, einen ungedeckten Bedarf. Im Alschulung Kitas deutlich seltener als Familien, die zu Hause ter von fünf Jahren sind dies zwar nur noch sieben Proüberwiegend Deutsch sprechen. Im zweiten Lebensjahr zent, aber immer noch signifikant mehr als bei den Faminutzen 39 Prozent der Kinder aus deutschsprachigen Fami- lien, die zu Hause überwiegend Deutsch sprechen. Letztelien eine Kita, aber nur halb so viele Kinder aus nicht res bedeutet auch, dass jedes 14. Kind im Alter von fünf deutschsprachigen Familien. Bis zum letzten Kita-Jahr vor Jahren trotz Betreuungsbedarf der Eltern keinen Kita-Platz dem Schuleintritt steigt die Nutzung bei deutschsprachigen nutzt. Familien auf 98 Prozent, bei Familien, die zu Hause über- Wird anstelle der zu Hause gesprochenen Sprache alterwiegend kein Deutsch sprechen, auf 87 Prozent. Die Nut- nativ nach dem Migrationshintergrund der Eltern differenzungsunterschiede verringern sich von anfangs 19 Prozent- ziert, bestätigen sich diese Ergebnisse(siehe Abbildung punkten auf 11 Prozentpunkte, fallen damit aber selbst im A.1): Eltern von Kindern mit Migrationshintergrund äuletzten Kita-Jahr noch erheblich aus. ßern über alle Altersgruppen hinweg nahezu die gleichen Wird jedoch der Anteil der Kinder, deren Eltern einen Bedarfe, weisen aber durchgängig geringere NutzungsquoBetreuungsbedarf haben, abhängig von der gesprochenen ten auf. Dementsprechend höher ist hier der Anteil von Sprache betrachtet, zeigt sich, dass dieser bei Familien, in Kindern mit ungedecktem Bedarf. 5 5  Bei genauerer Betrachtung der Herkunftsregion zeigt sich, dass es Unterschiede in Nutzung und Bedarf nach den jeweiligen Geburtsländern gibt(siehe Abbildung A.2). Ungedeckte Bedarfe fallen besonders hoch aus, wenn ein Elternteil in Afrika oder Asien geboren wurde. FRIE 2 DRICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 1 is 5 kurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach zu Hause überwiegend gesprochener Sprache 100 Ant1e0i0l in Prozent *** *** 4 12 *** 1 8 *** 50 25 40 14 38 66 92 79 97 88 ** 0 7 98 84 39 40 20 0 0 1 2 3 4 5 Alter des Kindes in Jahren Deutsch: Nutzung ungedeckter Bedarf Andere Sprache: Nutzung ungedeckter Bedarf Abb. 3 * 1 4 98 87 6 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Statistisch signifikante Unterschiede im ungedeckten Bedarf werden auf dem Ein-, Fünf- und ZehnprozentniAvenamuewrkieunfogl:gSt tdaatirsgteistcehllsti:g*n*i*f,i*k*a,n*.teBUernetcehrnsuchnigeedne siimndugnegwedicehcktette.nNB=e5d7a.r5f2w4.erden auf dem Ein-, Fünf- und Zehnprozent­ niveau wie folgt dargestellt:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. N=57.524. KITA-GAPS NACH ARMUTSGEFÄHRDUNG UND EINKOMMEN DER FAMILIE In Abbildung 4 werden Kita-Gaps nach der Armutsgefährdung der Familie analysiert. Auch hier wird deutlich, dass Kinder aus von Armut gefährdeten Familien deutlich seltener eine Kita besuchen als andere Kinder. Während die Nutzungsquoten im zweiten und dritten Lebensjahr bei Kindern ohne Armutsgefährdung bei rund 42 bzw. 70 Prozent liegen, sind es bei Kindern aus von Armut gefährdeten Haushalten nur rund 17 bzw. 35 Prozent und damit weniger als halb so viele. Allerdings muss auch festgestellt werden, dass armutsgefährdete Familien grundsätzlich einen geringeren Bedarf äußern als nicht armutsgefährdete Familien, insbesondere wenn die Kinder jünger als drei Jahre sind. Ein Großteil der Nutzungsunterschiede ergibt sich in dieser Gruppe jedoch durch eine geringere Deckung bestehender Betreuungsbedarfe. So bleibt der Bedarf nach einem Kita-Platz in armutsgefährdeten Familien für jedes sechste Kind ungedeckt, bei Kindern aus nicht armutsgefährdeten Haushalten nur für jedes 13. Kind. Lediglich im letzten Kita-Jahr werden bei der Unterscheidung nach der Armutsgefährdung keine signifikanten Unterschiede in der Bedarfslücke mehr beobachtet. Untersucht man Kita-Gaps der Ein- bis unter Dreijährigen im Zusammenhang mit dem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen der Eltern noch genauer, indem man die Kita-Nutzung und-Bedarfe nach Einkommensquartilen betrachtet, wird ersichtlich, dass für die 25 Prozent der „ärmsten“ Familien nicht nur die Nutzung von Kitas(mit 31 Prozent) am geringsten ist, sondern diese Gruppe am häufigsten auch einen ungedeckten Bedarf aufweist: Jede dritte Familie hat noch einen Bedarf, bekommt aber keinen Kita-Platz(Abbildung 5). Allerdings ist ihr Bedarf insgesamt niedriger als der von einkommensstärkeren Eltern. Bei Kindern aus den 25 Prozent der einkommensstärksten Familien nutzen 71 Prozent im U3-Bereich eine Kita und damit mehr als doppelt so viele im Vergleich zum ärmsten Einkommensquartil. Nur jede siebte Familie nennt hier einen ungedeckten Bedarf, überwiegend für Kinder im zweiten Lebensjahr. 136 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Armutsgefährdung des Haushalts Abb. 4 100 An1t0e0il in Prozent *** *** 13 *** 3 12 *** 1 4 ** 0 2 * 1 1 24 50 35 32 70 94 77 98 90 98 91 98 93 42 35 17 0 1 2 3 4 5 6 Alter des Kindes in Jahren Nicht armutsgefährdet: Armutsgefährdet: Nutzung Nutzung ungedeckter Bedarf ungedeckter Bedarf Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Ein Haushalt gilt als armutsgefährdet, wenn das monatliche Nettoäquivalenzeinkommen geringer ist als 60 Prozent des Medians der Stichprobe. Das Nettoäquivalenzeinkommen wurde mit dem Faktor 0,4 für jede minderjährige Person im Haushalt berechnet. Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. N=53.173. KITA-GAPS NACH ERWERBSTÄTIGKEIT DER MÜTTER Eng verknüpft mit dem Einkommen ist die Erwerbssituation der Eltern. Auch aus einer gleichstellungspolitischen Perspektive ist dieses Merkmal von besonderem Interesse. Im Folgenden wird der Zusammenhang zwischen der Erwerbsbeteiligung der Mutter und der Kita-Nutzung bzw. des ungedeckten Bedarfs nach einem Kita-Platz betrachtet (siehe Abbildung 6). Eine Differenzierung nach der Erwerbstätigkeit der Väter ist weniger sinnvoll, da die große Mehrheit der Väter einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgeht und die bisherige Literatur zudem zeigt, dass Väter ihren Arbeitsumfang nicht an die Betreuungssituation der Kinder anpassen(Müller et al. 2013). Eine Verteilung dieser Kategorien nach dem Alter des Kindes kann dem Anhang entnommen werden(siehe Abbildung A.3). Für Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren sind Nutzung und Bedarf bei Müttern in erweiterter Teilzeit und in Vollzeit am größten: Jeweils rund 81 Prozent der Kinder nehmen einen Kita-Platz in Anspruch und rund 92 Prozent haben einen Bedarf, damit weisen elf Prozent der Mütter in dieser Gruppe einen ungedecktem Bedarf auf. Zudem wird deutlich, dass obwohl nicht erwerbstätige Mütter einen deutlich geringeren Bedarf haben, die Bedarfslücke in dieser Erwerbskategorie mit 31 Prozentpunkten am stärksten ausgeprägt ist. Mütter mit höherem Erwerbsumfang können ihren Bedarf dahingegen besser abdecken. Für über Dreijährige ist dies ebenfalls der Fall (siehe Abbildung A.4). Die Unterschiede im Vergleich zu den nicht Erwerbstätigen sind auch hier signifikant. Kinder von nicht erwerbstätigen Müttern sind somit über alle Altersstufen hinweg in Kitas unterrepräsentiert, wobei diese Mütter einen vergleichsweise hohen ungedeckten Bedarf haben. Dies ist auch auf den hohen Anteil von Müttern zurückzuführen, die einen Erwerbswunsch haben (vgl. Kapitel 5). FRIE 4 DRICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 1 is 7 kurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Haushaltseinkommens-Quartil-en lfeünr Kfüinr dKeinr dimerAimlteAr lvteornveoin ebins ubnisteurndterer idJraehi rJeanhren Anteil in Prozent Abb. 5 1 1 . . Q Q u u a a r r t t i i l Nutzung 2 . . Q Q u u a a r r t t i il 3 . . Q Q u u a a r r t t i il monatliches Haushaltsnettoäquivalenzeinkommen ungedeckter Bedarf Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. 4 . . Q Q u u a a r r t t i i l l Anmerkung: Einkommensquartile auf Basis des monatlichen Haushaltsnettoäquivalenzeinkommens. Dargestellt sind Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren. Einkommensgrenzen der Quartile: 1. Quartil ≤ 1.315 Euro; 2. Quartil 1.316 Euro und ≤ 1.739 Euro; 3. Quartil 1.740 Euro und ≤ 2.263 Euro; 4. Quartil> 2.263 Euro. Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren. Berechnungen sind gewichtet. N=25.907. KITA-GAPS VON PAARFAMILIEN UND ALLEINERZIEHENDEN Im Folgenden werden Nutzungsunterschiede von Kitas nach Haushaltstypen unterschieden. Alleinerziehende stehen in der Regel vor besonderen Problemen bei der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, deshalb sind für sie ungedeckte Bedarfe von besonderer Brisanz. Beim Vergleich von Paarfamilien und Alleinerziehenden(siehe Abbildung 7) fällt auf, dass bei den Alleinerziehenden mit Kindern im Alter von ein und unter drei Jahren sowohl die Nutzung als auch der ungedeckte Bedarf höher ist als bei Paarfamilien. Im Alter von einem Jahr beträgt der Unterschied in der Nutzung rund zwei Prozentpunkte, bei den Zweijährigen drei Prozentpunkte. Dies deutet darauf hin, dass Kinder unter drei Jahren von Alleinerziehenden bereits einen guten Zugang zu Betreuungsplätzen haben. Tatsächlich sind in vielen Bundesländern Kitas und Träger bei der Platzvergabe angehalten, Alleinerziehende besonders zu berücksichtigen. Dennoch können Alleinerziehende mit Kindern unter drei Jahren ihre Bedarfe nicht vollständig decken und weisen im U3-Bereich rund sechs bis acht Prozentpunkte höhere ungedeckte Bedarfe auf als Paarfamilien. Im Ü3-Bereich zeigen sich keine Unterschiede mehr in Nutzung und Bedarf zwischen den Kindern von Paarfamilien und Alleinerziehenden. KITA-GAPS BEI DER KOMBINATION BESTIMMTER FAMILIALER MERKMALE Bislang wurden die Unterschiede für jeweils ein einzelnes sozioökonomisches oder-demografisches Merkmal betrachtet. Im Folgenden werden bei den Analysen Merkmale kombiniert. Es wird untersucht, ob eine Merkmalskombination mit höheren ungedeckten Bedarfen verbunden ist: So ist beispielsweise bekannt, dass Familien mit nichtdeutscher Sprache häufiger armutsgefährdet sind als andere Familien. Ebenso geht eine Armutsgefährdung mit einer geringeren Bildung und geringeren Erwerbsquoten der Eltern einher. Mit Fokus auf die ein- bis unter dreijährigen Kinder werden Kita-Gaps zusammenfassend auch für kombinierte Merkmale betrachtet. In Abbildung 8 werden zunächst die Nutzung und ungedeckten Bedarfe für Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren zusammenfassend für Familien dargestellt, in 158 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Erwerbssituation der Mutter für Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren Anteil in Prozent *** *** Abb. 6 *** nicht erwerbstätig Nutzung Teilzeit erweiterte Teilzeit Erwerbssituation der Mutter ungedeckter Bedarf Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Vollzeit Anmerkung: Teilzeit bis 20 Wochenarbeitsstunden, erweiterte Teilzeit zwischen 20 und 35 Wochenarbeitsstunden, Vollzeit über 35 Wochenarbeitsstunden. Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau im Vergleich zu nicht erwerbstätigen Müttern: ***,**,*. N=27.321. Dargestellt sind Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren. Berechnungen sind gewichtet. denen beide Eltern nicht erwerbstätig sind, beide keinen akademischen Abschluss haben oder die Familie armutsgefährdet ist. Während in dieser Altersspanne im Mittel etwa jedes zweite Kind eine Kita nutzt, gibt es für jedes fünfte Kind noch ungedeckte Bedarfe. Sind beide Eltern nicht erwerbstätig, besucht nur jedes fünfte Kind eine Kita, für weitere zwei von fünf Kindern ist der Bedarf ungedeckt. Hat die Familie keinen akademischen Hintergrund, besuchen etwa 39 Prozent eine Kita, und jede vierte Familie hat einen ungedeckten Bedarf. Ist die Familie armutsgefährdet, besucht nur etwa jedes vierte Kind eine Kita im zweiten und dritten Lebensjahr, aber jede dritte Familie hat einen ungedeckten Bedarf. Treten diese drei Merkmale gemeinsam auf, also sind beide Eltern nicht erwerbstätig, haben keinen akademischen Hintergrund und ist die Familie armutsgefährdet, liegt die Kita-Nutzung bei nur 17 Prozent, der ungedeckte Bedarf hingegen bei 41 Prozent. Wird zusätzlich nach dem Haushaltstyp differenziert, wird deutlich, dass Alleinerziehende gegenüber Paarfamilien mit diesen Merkmalen zunächst höhere Nutzungsquoten aufweisen, aber auch höhere ungedeckte Bedarfe haben als Paarfamilien. Das trifft auch zu, wenn die Eltern entweder keinen akademischen Hintergrund haben, nicht erwerbstätig sind oder die Familie armutsgefährdet ist. Während beispielsweise 48 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden ohne akademischen Abschluss eine Kita nutzen, sind es bei Paarfamilien ohne akademischen Abschluss lediglich 39 Prozent. Wenn Alleinerziehende nicht erwerbstätig sind, zusätzlich keinen akademischen Abschluss aufweisen und armutsgefährdet sind, besuchen 23 Prozent der Kinder eine Kita und bei noch einmal fast doppelt so vielen(43 Prozent) ist der Bedarf ungedeckt. In Paarfamilien, die diese drei Merkmale potenzieller Benachteiligung aufweisen, nutzen nur zehn Prozent der Kinder eine Kita, während für 39 Prozent, also viermal so viele Familien, ein Kita-Platz fehlt. Betrachtet man nun die Merkmale der Erwerbstätigkeit, elterlichen Bildung und Armutsgefährdung differenziert nach der zu Hause überwiegend gesprochenen Sprache, zeigen sich auch hier deutliche Unterschiede: Wenn in Familien, die überwiegend Deutsch sprechen, beide Eltern nicht erwerbstätig sind, keinen akademischen Hintergrund haben und die Familie als armutsgefährdet eingestuft wird, besucht nur etwa jedes fünfte Kind eine Kita. Dahingegen FRIE 6 DRICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 1 is 9 kurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Haushaltstyp Anteil in Prozent ** *** 45 12 11 Abb. 7 11 1 2 3 4 5 6 Alter des Kindes in Jahren Paarfamilie: Alleinerziehend: Nutzung Nutzung ungedeckter Bedarf ungedeckter Bedarf QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. Anmerkung: Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. BBeerreecchhnnuunnggeennssiinndd gewichtet. N=57.573. haben 38 Prozent dieser Eltern einen ungedeckten Bedarf. In nichtdeutschsprachigen Familien mit diesen Merkmalen besucht nur jedes zehnte Kind eine Kita, und jede zweite Familie hat einen ungedeckten Bedarf. Für Kinder im Alter von drei Jahren und mehr lassen sich ähnliche Befunde feststellen(siehe Abbildung A.5). Zusammengefasst weisen Kinder, deren Familien mehrere sozioökonomischen Merkmale aufweisen, die auf eine potenzielle Benachteiligung hinweisen, zunehmend geringere Kita-Nutzungsquoten und höhere ungedeckte Bedarfe auf als Kinder aus Familien ohne diese Merkmale. 6 6 Die in diesem Kapitel dargestellten Unterschiede in der Nutzung und den ungedeckten Bedarfen bleiben auch in multivariaten Analysen bestehen, wenn zusätzlich für das Geschlecht des Kindes, das Bundesland und das Befragungsjahr kontrolliert wird. Werden alle familialen Merkmale, das heißt die Armutsgefährdung der Familie, die zu Hause überwiegend gesprochene Sprache, der Alleinerziehendenstatus sowie der Bildungshintergrund der Eltern gemeinsam betrachtet, bleiben die Unterschiede in Nutzung und Bedarf ebenfalls bestehen. Besonders stark ausgeprägt sind bei Berücksichtigung aller Merkmale die ungedeckten Bedarfe für armutsgefährdete Familien und Haushalte, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird. 270 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs Kita-Nutzung und-KBietad-aBrefdnaarcfhnsaochziosoözkioonöokmonisocmheisnchuenndu-dnedmog-dreamfisocghreanfiMscehreknmMaleernkmdeasleHnaduesshaHlatsusmhiatlKtsinmditimKiAndlteimr vAolnteerin bvoisnuenitnerbidsrueinJtaehr rdernei Jahres insgesamt I. Iinsgesamt I.BbeeidideeEEltlteerrnnnniicchhtteerrwweerrbbssttäättiigg beideI.BEeltiedrenEkleteinrne AkekiandeeAmkikaedre_mininkenr I.HHaauushshaaltltAarrmmuuttssggeeffäähhrrddet I. aallllee 33 MMeerrkkmmaalle Paarfamilie PI.. IiInnssggeessaammt PI..BBbeeeiididdeeeEEElltltteeerrrnnnnnniiiccchhtt eerrwweerrbbssttäättiig beidPeI..BEBeletieiddreenEEklletteienrrnenAkkekeiainndeeeAmAkkikaaeddree_mimninikkeenrr PI..HHHaaauuusshshhaaalltlttAAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett PI.. aallllee 33 MMeerrkkmmaalle Alleinerziehende A. Iinnssggeessaammt .AAuusskkuunngffttssppeerrssoonnnnicichhtteerrAwweerrbbssttäättigi AuAs.kAuunsftksupnefrtssopnekrseoinn_keeAinkaAdkeamdiekmeri_kiner A. AAuusskkuunnffttssppeerrssoonn aArrmmuuttssggeeffäähhrrddeett A. aallllee 33 MMeerrkkmmaalle Deutsch D. Iinnssggeessaammt D. Bbeeiiddee EElltteerrnn nniicchhtt eerrwweerrbbssttäättiigg beidDe.BEeltiedrenEkleteinrne AkekiandeeAmkikaedre_mininkenr D.HHaauusshhaallttAarrmmuuttssggeeffäähhrrdet D. aallllee 33 MMeerrkkmmaalle Andere Sprache AS. Iinnssggeessaammt AS. BbeeidideeEEltlteerrnnnnicichhtteerrwweerrbbssttäättiigg beAidSe. BEeltiedrenEkleteinrne AkekiandeeAmkikaedre_mininkenr AS. HHaauushshaaltltAarrmmuuttssggeeffäähhrrddet AS. aallllee 33 MMeerrkkmmaalle Anteil in Prozent Abb. 8 Nutzung ungedeckter Bedarf Quelle: eEigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–-22002200. Anmerkung: Die Abbildung zeigt Mittelwerte dargestellt für unterschiedliche sozioökonomische und-demografische Merkmale und deren Kombinationen. Mindestens ein Merkmal ist ausgeprägt, wenn beide Elternteile nicht erwerbstätig sind,ooddeerr keinen Studienabschluss haben oder der Haushalt armutsgefährdet ist. Treten diese Merkmale gemeinsam auf, ist dies unter „alle 3 Merkmale“ erfasst. Zudem wird nach Haushaltstyp und der im Haushalt überwiegend gesprochenen Sprache unterschieden. Angaben zu Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren. Berechnungen sind gewichtet. N= 28.001. FRIE 8 DRICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 2 is 1 kurs REGIONALE UNTERSCHIEDE IN DEN KITA-GAPS Neben den beschriebenen Unterschieden sind bekanntermaßen deutliche regionale Unterschiede in der Kita-Nutzung zu beobachten. Inwiefern sich auch die beschriebenen Kita-Gaps regional unterscheiden wird daher im Folgenden dargestellt. Insbesondere in der Altersgruppe der unter Dreijährigen ist die Kita-Nutzung in ostdeutschen Bundesländern deutlich höher als in Westdeutschland(z. B. Autor:innen­ gruppe Bildungsbericht 2022; Abbildung A.6 im Appendix). Der Grund für die geringere Nutzung liegt aber nicht in fehlenden Betreuungswünschen. Die Ergebnisse in Abbildung 9 zeigen, dass westdeutsche Bundesländer häufiger ungedeckte Bedarfe aufweisen. Der Unterschied zwischen dem Bundesland mit dem größten ungedeckten Bedarf, Bremen(28 Prozent), und den Bundesländern mit der höchsten Bedarfsdeckung, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen(acht Prozent ungedeckter Bedarf), beträgt dabei 20 Prozentpunkte. Abbildung 10 differziert weiter nach den sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Kinder. Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, armutsgefährdete Familien und Alleinerziehende weisen in nahezu allen Bundesländern einen besonders hohen ungedeckten Bedarf auf. Besonders ausgeprägt sind die ungedeckten Bedarfe von armutsgefährdeten Familien in Berlin, RheinlandPfalz und Nordrhein-Westfalen: Fast jedes zweite Kind zwischen ein und unter drei Jahren hat hier einen ungedeckten Kita-Bedarf. In Brandenburg hat nur etwa jedes siebte armutsgefährdete Kind trotz Bedarf keinen KitaPlatz. Für Kinder aus Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, weisen Berlin, Sachsen-Anhalt und Hessen die höchsten ungedeckten Bedarfe auf und zwar mit Werten zwischen 45 und 50 Prozent. Alleinerziehende sind in Bremen und Nordrhein-Westfalen mit 42 bzw. 46 Prozent besonders von Versorgungslücken betroffen. In Ostdeutschland sind die ungedeckten Bedarfe für Kinder von Alleinerziehenden vergleichsweise gering(mit Ausnahme von Sachsen und Berlin). Insgesamt zeigt sich, dass es erhebliche Variationen in den Kita-Gaps zwischen den Bundesländern gibt, die nicht nur auf Unterschiede in der Anzahl der verfügbaren Plätze zurückzuführen sind. Tendenziell sind die Kita-Gaps jedoch kleiner in Bundesländern mit generell höherer Bedarfsdeckung. Ungedeckte Kita-Bedarfe für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren nach Bundesländern AAbbbb.. 99 Anteil in Prozent 26 – 30 21 – 25 16 – 20 11 – 15 6 – 10 0 – 5 Anteil ungedeckter Bedarf QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. AAnnmmeerrkkuunngg:: DDaarrggeesstteelllltt iisstt ddeerr AAnntteeiill aann FFaammiilliieenn mmiitt KKiinnddeerrnn zzwwiisscchheenn eeiinn uunndd uunntteerr ddrreeii JJaahhrreenn mmiitt uunnggeeddeecckktteemm KKiittaa-BBeeddaarrff nnaacchh BBuunnddeessllaanndd.. BBeerreecchhnnuunnggeenn ssiinndd ggeewwiicchhtteett.. 22 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Ungedeckte Kita-Bedarfe für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren nach Bundesländern und sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie Abb. 10 Westdeutsch W la e n s d t BBrreemmeenn Anteil mit ungedecktem Bedarf in Prozent Nordrhein-Westfalen Saarland Rheinland-Pfalz Hessen Schleswig-Holstein Niedersachsen Baden-Württemberg Bayern Hamburg Ostdeutschla O n s d t BBeerrlliinn BBrraannddeennbbuurrgg SSaacchhsseenn SSaacchhsseenn--AAnnhhaalltt MMeecckklleennbbuurrgg--VVoorrppoommmmeerrnn TThhüürriinnggeenn kein Elternteil abgeschlossenes Studium andere Sprache Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. armutsgefährdet alleinerziehend Anmerkung: Dargestellt ist der Anteil an Kindern zwischen ein und unter drei Jahren mit ungedecktem Kita-Bedarf differenziert nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie. Berechnungen sind gewichtet. N=25.746. FRIE 1 D 0 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 2 is 3 kurs 4.3 KITA-GAPS IN STUNDENBEDARFEN VON KITA-KINDERN Während sich die vorhergehenden Analysen darauf bezogen, ob Kinder mit bestimmten sozioökonomischen oder -demografischen Merkmalen trotz Betreuungswunsch keinen Kita-Platz nutzen, werden im Folgenden auch Unterschiede in den Stundenbedarfen betrachtet(vgl. Kasten 1). Diese Analysen konzentrieren sich auf Familien, deren Kind bereits einen Kita-Platz in Anspruch nimmt. Abbildung 11 verdeutlicht, dass Familien mit Kita-Kindern zwischen ein und unter drei Jahren die Kita im Mittel gerne 36 Stunden in der Woche nutzen würden, aber tatsächlich nur rund 30 Stunden die Woche nutzen(können). Der durchschnittliche wöchentlich ungedeckte Bedarf an Betreuungsstunden liegt damit bei knapp sechs Stunden pro Woche, bei Kindern ab drei Jahren bei knapp vier Stunden. Wird der ungedeckte Stundenbedarf ab einer Diskrepanz von fünf Stunden betrachtet, weisen 41 Prozent der Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren einen ungedeckten Stundenbedarf auf(Abbildung 12), im Ü3-Bereich sind es 37 Prozent der Familien(nicht dargestellt). Somit gibt es neben einem erheblichen Anteil von Familien, die trotz ihres Betreuungsbedarfs gar keinen Platz in Anspruch nehmen, auch eine Vielzahl von Familien, deren gewünschte Betreuungsstunden deutlich über den tatsächlich genutzten liegen. Neben diesen ungedeckten Stundenbedarfen besteht auch die Möglichkeit, dass Familien ihren vertraglich vereinbarten Betreuungsumfang in der Kita nicht in vollem Umfang benötigen, also der vertraglich vereinbarte Betreuungsumfang höher ist als der tatsächliche Betreuungsbedarf(„Überbuchung“). Bei den Ein- bis unter Dreijährigen unterschreitet in 18 Prozent der Familien der genutzte Betreuungsumfang den Buchungsumfang um mehr als fünf Wochenstunden(Abbildung 12), bei Kindern ab drei Jahren sind es 15 Prozent(nicht dargestellt). Für entsprechende vertiefende Analysen vgl. Schmitz et al.(2023). Unterschiede in den ungedeckten Stundenbedarfen bzw. in Überbuchungen liegen nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie kaum vor (Abbildung 12). Ungleichheiten zwischen sozioökonomischen und-demografischen Gruppen sind somit primär beim Zugang zu einem Kita-Platz zu finden und weniger beim Betreuungsumfang: Der realisierte Betreuungsumfang im Vergleich zum gewünschten Betreuungsumfang unterscheidet sich für Kita-Kinder dann nur noch geringfügig nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen. Gewünschte und genutzte KBiettar-eBueutnregusustnugnsdsteunnden nach Alter des Kindes in Jahren Betreuungsstunden pro Woche Abb. 11 genutzte Stunden gewünschte Stunden 0 1 2 3 4 5 6 Alter des Kindes in Jahren Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS2018–2020. Anmerkung: Die Abbildung zeigt die genutzten und gewünschten Betreuungsstunden pro Woche nach dem Alter der Kinder. Betrachtet werden Kinder, die bereits einen Kita-Platz in Anspruch nehmen. Berechnungen sind gewichtet. N=44.118. 24 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Ungedeckter Stundenbedarf und Überbuchungen bei Kindern in Kindertagesbetreuung nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren Anteil in Prozent Inisnggeessaammtt Abb. 12 * ** Mmiinndd.. 11 EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Kkeeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm DDeeuuttsscchh Aannddeerree SSpprraacchhee * NnicichhttAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett Aarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett MMuutttteerr eerrwweerrbbssttäättiigg MMuutttteerr nniicchhtt eerrwweerrbbssttäättiigg PPaaaarrffaammiilliiee Aallleeiinneerrzziieehheenndd ungedeckter Stundenbedarf Überbuchungen Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt ist der Anteil an Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, die einen ungedeckten Stundenbedarf oder ihren Kita-Platz überbucht haben. Ein ungedeckter Stundenbedarf liegt dann vor, wenn die Differenz zwischen den gewünschten Betreuungsstunden und genutzten Stunden größer oder gleich fünf Sunden ist; Überbuchungen bedeutet, dass der genutzte Betreuungsumfang die untere Grenze des kategorial erfassten Buchungsumfangsuummmmehehrraalslsfüfünnf f Wochenstunden unterschreitet. Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. FRIE 1 D 2 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 2 is 5 kurs 5 UNGEDECKTE KITA-BEDARFE UND ERWERBSWÜNSCHE VON MÜTTERN Inwiefern der ungedeckte Bedarf von vielen Familien im Kita-Bereich mit unerfüllten Erwerbswünschen der Eltern und insbesondere der Mütter in Verbindung steht, ist nicht nur aus gleichstellungspolitischer Perspektive relevant. Auch für arbeitsmarktpolitische Überlegungen – insbesondere in Hinblick auf den demografisch bedingten Rückgang im Erwerbspersonenpotenzial und dem damit verbundenen Fachkräftemangel spielt diese Frage eine Rolle. Entsprechende Analysen können auch auf Basis der KiBSDaten durchgeführt werden, da Mütter, die derzeit nicht erwerbstätig sind, nach ihren Erwerbsabsichten befragt werden. Erfragt wird dabei, ob ein Wiedereinstieg in das Erwerbsleben geplant ist und wann dieser erfolgen soll. Als Referenz werden im Folgenden zunächst die Erwerbsbeteiligung und die Erwerbswünsche von Müttern dargestellt, deren Kinder in einer Kita betreut werden(vgl. Abbildung 13). Diese werden im Anschluss mit Müttern verglichen, deren Kinder derzeit nicht in die Kita gehen – und zwar in Abhängigkeit von deren Betreuungswünschen. Die dargestellten Ergebnisse im gesamten Kapitel 5 beziehen sich auf Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren, da hier der ungedeckte Bedarf besonders hoch ist. Erwerbsumfang und Erwerbsabsicht von Müttern mit Kita-Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren Abb. 13 in Prozent Vollzeit 18 Erwerbswünsche von derzeit nicht erwerbstätigen Müttern(Anteil insgesamt in Prozent) innerhalb 3 Monaten 55 erweiterte Teilzeit % 17 nicht erwerbstätig 10 Teilzeit innerhalb 6 Monaten innerhalb 12 Monaten innerhalb 2 Jahren o. später ohne Erwerbswunsch 90% der nicht Erwerbstätigen Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt sind der Erwerbsumfang und die Erwerbsabsichten von Müttern mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, die eine Kita besuchen. Von den derzeit nicht erwerbstätigen Müttern ist zusätzlich auch der Zeitpunkt des gewünschten Wiedereinstiegs ins Erwerbsleben abgetragen. Die Prozentangaben beziehen sich dabei auf die Grundgesamtheit aller Mütter mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, die eine Kita besuchen. Alle Prozentangaben in der Abbildung addieren sich somit auf 100 Prozent auf. Berechnungen sind gewichtet. N=15.785. 26 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Erwerbsumfang und Erwerbsabsicht von Müttern mKiintdKeirnndern im Alter von ein bis unter drei Jahren ohne Kita-Platz und mit ungedecktem Bedarf Abb. 14 in Prozent Vollzeit 6 erweiterte Teilzeit 18 % 18 Teilzeit Erwerbswünsche von derzeit nicht erwerbstätigen Müttern(Anteil insgesamt in Prozent) innerhalb 3 Monaten 58 nicht erwerbstätig innerhalb 6 Monaten innerhalb 12 Monaten innerhalb 2 Jahren o. später ohne Erwerbswunsch 90% der nicht Erwerbstätigen Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt ist der Erwerbsumfang von Müttern mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, deren Kind trotz Bedarfs keinen Kita-Platz nutzt. Von den derzeit nicht erwerbstätigen Müttern ist zusätzlich auch der Zeitpunkt des gewünschten Wiedereinstiegs ins Erwerbsleben abgetragen. Die Prozentangaben beziehen sich dabei auf die Grundgesamtheit aller Mütter mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, deren Kind trotz Bedarfs keinen Kita-Platz in Anspruch nimmt. AAllleePPrroozzeennttaannggaabbeenniinnddeerrAAbbbbiilldduunnggaaddddiieerreennssiicchhssoommiittaauuff110000PPrroozzeennttaauuff..BBeerreecchhnnuunnggeennssiinnddggeewwiicchhtteett.. N=3.247. 5.1 KITA-NUTZUNG, BETREUUNGS­ BEDARFE UND ERWERBSWÜNSCHE VON MÜTTERN In Abbildung 13 ist ersichtlich, dass rund vier von fünf Müttern, deren Kind einen Kita-Platz hat, einer Erwerbstätigkeit nachgehen, überwiegend in erweiterter Teilzeit mit einem Erwerbsumfang von 20 bis einschließlich 35 Stunden (55 Prozent) oder Vollzeit mit einem Erwerbsumfang von über 35 Stunden(18 Prozent) pro Woche. Etwa zehn Prozent arbeiten weniger als 20 Stunden, 17 Prozent sind nicht erwerbstätig. Von den derzeit nicht erwerbstätigen Müttern möchten über 90 Prozent wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen, der Großteil plant dies innerhalb der nächsten drei bis sechs Monate mit einem gewünschten durchschnittlichen Umfang von 25 Wochenarbeitsstunden. 7 Werden nun Mütter mit einem ungedeckten Betreuungsbedarf betrachtet, deren Kinder also keine Kita besuchen, obwohl Bedarf nach einem Kita-Platz besteht, zeigt sich, dass der Anteil der nicht erwerbstätigen Mütter mit 59 Prozent im Vergleich zu 17 Prozent deutlich höher ist als bei Müttern, deren Kinder einen Kita-Platz haben(siehe Abbildung 14). Zudem fallen die Erwerbsumfänge signifikant niedriger aus: Lediglich sechs Prozent der Mütter, die keinen Kita-Platz für ihr Kind haben, arbeiten in Vollzeit(im Vergleich zu 18 Prozent bei Müttern mit KitaPlatz), 18 Prozent in erweiterter Teilzeit(im Vergleich zu 55 Prozent) und 17 Prozent in Teilzeitstellen mit weniger als 20 Wochenarbeitsstunden(im Vergleich zu zehn Prozent). Die Verteilung der Erwerbsintentionen der nicht Erwerbstätigen ist hingegen vergleichbar mit denen von Müttern, die einen Kita-Platz haben(Abbildung 13): Insgesamt 7 Informationen zu gewünschten Ausweitungen des Erwerbsumfangs von bereits erwerbstätigen Frauen liegen in den KiBS-Daten nicht vor. Auf Basis des Mikrozensus ist bekannt, dass rund zehn Prozent der erwerbstätigen Frauen ihre Arbeitszeit gern erhöhen würden(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2020). Als Grund für die niedrigere Arbeitszeit wird hierfür häufig die Betreuung von Kindern und anderen Familienangehörige angegeben. FRIE 1 D 4 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 2 is 7 kurs Erwerbsumfang und Erwerbsintention von Müttern mit Kindern im Alter zwischen ein bis unter drei Jahren ohne Kita-Platz und ohne B-Beeddaarrff Abb. 15 in Prozent Vollzeit erweiterte 4 Teilzeit 10 21 Teilzeit % 66 nicht erwerbstätig Erwerbswünsche von derzeit nicht erwerbstätigen Müttern(Anteil insgesamt in Prozent) innerhalb 3 Monaten innerhalb 6 Monaten innerhalb 12 Monaten 78% der nicht Erwerbstätigen innerhalb 2 Jahren o. später ohne Erwerbswunsch Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt ist der Erwerbsumfang von Müttern mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, deren Kind keinen Kita-Platz nutzt und die auch keinen Bedarf haben. Von den derzeit nicht erwerbstätigen Müttern ist zusätzlich auch der Zeitpunkt des gewünschten Wiedereinstiegs ins Erwerbsleben abgetragen. Die Prozentangaben beziehen sich dabei auf die Grundgesamtheit aller Mütter mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, deren Kind keinen Kita-Platz in Anspruch nimmt und die auch keinen Bedarf haben. Alle Prozentangeabbeenn iinn ddeerr AAbbbbiilldduunngg aaddddiieerreenn ssiicchh ssoommiitt aauuff 110000 PPrroozzeenntt aauuff.. Berechnungen sind gewichtet. N=4.315. möchten rund 90 Prozent der derzeit nicht erwerbstätigen Mütter, deren Kinder keinen Kita-Platz nutzen, ins Erwerbsleben zurückkehren, mehr als die Hälfte davon innerhalb der nächsten drei bzw. sechs Monate. Diese Mütter würden im Durchschnitt gern mit einem Stundenumfang von 24 Wochenstunden einer Erwerbsarbeit nachgehen. Der Anteil von Müttern mit einem ungedecktem Kita-Bedarf ohne Erwerbswunsch liegt mit insgesamt sechs Prozent über dem der Mütter, deren Kinder einen Kita-Platz haben(zwei Prozent). Dies zeigt, dass ein Großteil der Mütter mit ungedecktem Betreuungsbedarf, die derzeit keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, einen zeitnahen Erwerbswunsch hat. In dieser Gruppe liegt also ein großes Erwerbspersonenpotenzial, dass durch die Schließung der ungedeckten Bedarfe gehoben werden könnte(vgl. Kapitel 5.3). Bei Müttern ohne Kita-Platz und ohne Bedarf ist die Erwerbsbeteiligung mit rund 34 Prozent relativ gering ausgeprägt(siehe Abbildung 15). Allerdings zeigt sich ebenfalls, dass Mütter auch dann ausgeprägte Erwerbsintentionen berichten, wenn sie keinen Bedarf und entsprechend auch keinen Kita-Platz für ihr Kind haben: 78 Prozent der nicht erwerbstätigen Mütter ohne Kita-Bedarf berichten Erwerbsintentionen. Er ist unter den nicht erwerbstätigen Müttern rund zwölf Prozentpunkte geringer als in der Gruppe von nicht erwerbstätigen Müttern mit Kita-Platz oder nicht erwerbstätigen Müttern mit ungedecktem Bedarf. Allerdings beabsichtigen diese Mütter meistens, später in den Arbeitsmarkt einzusteigen: So will der größte Anteil von ihnen frühestens in zwei Jahren wieder arbeiten, mit einem durchschnittlichen Stundenumfang von 21 Stunden pro Woche. Es ist dennoch wichtig, auch diese Mütter aus gleichstellungspolitischer Perspektive und hinsichtlich ihres Potenzials für den Arbeitsmarkt im Blick zu behalten. 1258 F T R IT Ü E H L E D U IE N SE G R LE P I U C B H L H IK E A IT T E I N O N NO O V K E T M OBER 2021 3  FES diskurs 5.2 UNGEDECKTE KITA-BEDARFE UND ERWERBSWÜNSCHE NACH SOZIOÖKO­ NOMISCHEN UND-DEMOGRAFISCHEN MERKMALEN DER FAMILIE Im nächsten Schritt werden ergänzend sozioökonomische und-demografische Merkmale der Familien in die Analyse von Erwerbswünschen der Mütter miteinbezogen. Die Analysen fokussieren sich dabei auf Mütter, die trotz Bedarfs keinen Kita-Platz für ihr Kind nutzen. Diese Analysen lassen Aussagen darüber zu, in welchen Gruppen Erwerbspotenziale möglicherweise durch fehlende Kita-Plätze nicht genutzt werden können. Darüber hinaus kann dadurch nachvollzogen werden, ob die in Kapitel 4 aufge­zeigten Kita-Gaps sozioökonomische und-demografische Ungleichheiten in der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsleben verstärken könnten(vgl. auch Kapitel 5.3). In Tabelle 1 zeigt sich, dass in der Gruppe der Mütter mit ungedeckten Betreuungsbedarfen die Erwerbsquoten bei Alleinerziehenden, Müttern in armutsgefährdeten Haushalten und Müttern aus Haushalten, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, signifikant geringer ausfallen als in den jeweiligen Vergleichsgruppen. Rund jede vierte Mutter ist hier trotz ungedeckten Betreuungsbedarfs erwerbstätig, während die Erwerbstätigenquote in den Vergleichsgruppen zwischen 43 und 47 Prozent liegt. Dies könnte unter anderem daran liegen, dass diese Mütter weniger auf andere Betreuungsmöglichkeiten(wie Betreuung durch das andere Elternteil, Großeltern, Bekannte oder bezahlte Betreuungshilfen) zurückgreifen können. Darüber hinaus haben nicht erwerbstätige Mütter aus potenziell benachteiligten Haushalten, die zeitgleich auch die größten ungedeckten Bedarfe aufweisen, insgesamt weniger die Absicht, wieder in das Erwerbsleben einzusteigen: So wollen 79 Prozent der nicht erwerbstätigen Mütter aus Haushalten, die überwiegend kein Deutsch zu Hause sprechen, und 85 Prozent der nicht erwerbstätigen Mütter aus armutsgefährdeten Haushalten, wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen, im Vergleich zu 91 bzw. 92 Prozent in den Referenzgruppen. Die Erwerbsintentionen gestalten sich zudem bei diesen Müttern signifikant langfristiger als in den Vergleichsgruppen, das heißt, sie wollen seltener sofort, sondern eher in naher Zukunft erwerbstätig sein. Insgesamt liegt der Anteil der Mütter, die nicht erwerbstätig sind und einen Erwerbswunsch haben, jedoch bei den armutsgefährdeten Haushalten und den Alleinerziehenden signifikant über dem von Müttern in nicht armutsgefährdeten Haushalten bzw. Paarhaushalten. Dies ist auf den hohen Anteil der nicht erwerbstätigen Mütter in diesen Gruppen zurückzuführen, wodurch in diesen Gruppen trotz der geringeren Erwerbsintentionen unter den nicht erwerbstätigen Müttern insgesamt ein großes Erwerbspotenzial besteht(vgl. auch Kapitel 5.3). Außerdem kann nicht ausgeschlossen werden, dass eine bessere Bedarfsdeckung zu höheren Erwerbsintentionen dieser Frauen führen würde. Betrachtet man den Anteil der Mütter mit Erwerbswunsch innerhalb der Gruppe von nicht erwerbstätigen alleinerziehenden Müttern oder Müttern aus Familien ohne Studienabschluss ist dieser mit rund 90 Prozent ähnlich stark ausgeprägt wie in Paarfamilien oder Familien, bei denen mindestens ein Elternteil einen Studienabschluss hat. Darüber hinaus sind kaum Unterschiede im gewünschten Erwerbsumfang der Mütter mit Erwerbswunsch zu beobachten. Für Mütter aus armutsgefährdeten Familien und Alleinerziehende liegt er allerdings sogar um zwei bzw. fünf Wochenarbeitsstunden über dem von Müttern aus nicht armutsgefährdeten Familien oder Paarhaushalten. Zusammenfassend zeigt sich damit, dass die Erwerbsbeteiligung bei potenziell sozioökonomisch und-demografisch benachteiligten Familien mit ungedeckten Bedarfen signifikant geringer ist, teilweise jedoch auch die Erwerbswünsche schwächer ausgeprägt und langfristiger angelegt sind. 8 5.3 MÖGLICHE ERWERBSPOTENZIALE DURCH KITA-BEDARFSDECKUNG Abschätzungen zum möglichen Erwerbspotenzial durch eine bessere Deckung des Kita-Bedarfs können unter gewissen Annahmen auf Basis der vorangegangenen Analysen getroffen werden. Die zu erwartenden Erwerbsreaktionen werden anhand repräsentativer Befragungen aus den abgefragten Betreuungs- und Erwerbswünschen der Jahre 2018 bis 2020 abgeleitet. Auch in diesem Abschnitt beziehen sich die dargestellten Veränderungen in der Erwerbstätigkeit ausschließlich auf Mütter von Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren, da hier die ungedeckten Bedarfe besonders hoch sind und bisherige Studien zeigen, dass hauptsächlich Mütter ihre Erwerbstätigkeit an die Bildungs- und Betreuungssituation der Kinder anpassen. In Szenario 1 wird angenommen, dass für jede Familie mit Betreuungsbedarf und Kind im Alter von ein bis unter drei Jahren ein passender Kita-Platz geschaffen und damit der ungedeckte Bedarf für alle Kinder in dieser Altersgruppe geschlossen werden kann(in Analogie zu Bach et al. 2020, welche ein solches Szenario für den Ausbau der ganztägigen Betreuung für Grundschulkinder annehmen). Weiterhin wird angenommen, dass Mütter unter dieser Voraussetzung im erwünschten Umfang und zum geäußerten Zeitpunkt eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Im konservativeren Szenario 2 werden zusätzlich die Gründe einer Nichtinanspruchnahme(vgl. Kapitel 6 für eine ausführliche Diskussion der Gründe für die KitaGaps) berücksichtigt. Dabei wird angenommen, dass lediglich Mütter ihre Erwerbstätigkeit ausweiten, die als Vo­ raussetzung für eine Kita-Nutzung Gründe auf der „Angebot­sseite“ nennen, also etwa eine Kita nutzen würden, wenn sie einen Platz angeboten bekommen hätten, wohnortnahe Angebote bestehen würden oder die Betreu8 Auch für Mütter mit Kindern, die eine Kita in Anspruch nehmen, sind diese Unterschiede in den Erwerbsquoten nach der zu Hause überwiegend gesprochenen Sprache und der Armutsgefährdung zu beobachten(ohne Abbildung). Dies könnte darauf hindeuten, dass sich die geringeren Erwerbsintentionen für diese Gruppen auch in der Erwerbsbeteiligung widerspiegeln, wenn Betreuungslücken geschlossen werden. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 29 Erwerbsumfang und Erwerbsintentionen von Müttern mit ungedecktem Bedarf nach Merkmalen Bildungshintergrund der Eltern Elternteil mit Studienabschluss überwiegende Sprache im Haushalt Armuts­ gefährdung Tab. 1 alleinerziehend kein mind. ein Diff. kein Deutsch Deutsch Diff. ja nein Diff. ja nein Diff. erwerbstätig 45 40 5 * 27 44 –17 *** 25 47 –22 *** 27 43 –16 Teilzeit 20 15 5 ** 9 18 – 9 *** 11 19 –7 *** 8 18 –10 *** erweiterte Teilzeit 18 19 –1 10 19 –10 *** 9 22 –13 *** 14 19 –5 Vollzeit 7 61 8 62 5 7 –2 6 6 –1 nicht erwerbstätig 55 60 –5 * 73 56 17 *** 75 53 22 *** 73 57 16 *** davon mit Erwerbswunsch 49 55 –6 * 58 51 7 63 48 15 *** 64 51 13 *** innerhalb von 3 Monaten 13 16 –3 13 15 –2 17 14 3 19 14 4 6 Monaten 13 16 –4 * 13 15 –2 12 15 –4 * 14 15 –1 12 Monaten 12 11 1 15 11 4 18 9 9 *** 17 11 6 2 Jahren oder später 12 12 –0 20 11 9 ** 17 10 7 *** 16 11 4,8 durchschnittl. gewünschter 24 Erwerbsumfang 26 –2 25 23 2 25 23 2 ** 28 23 5 *** ohne Erwerbswunsch 45 40 5 * 27 44 –17 25 47 –22 *** 27 43 –16 *** N 1.429 1.785 308 2.929 668 2.311 203 3.038 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkungen: Grundgesamtheit sind Mütter mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren, deren Kind trotz Betreuungsbedarfs keinen Kita-Platz nutzt. Mütter, die derzeit eine Ausbildung oder Fortbildung absolvieren, werden als erwerbstätig definiert, da sich diese überwiegend in erweiterter Teilzeit befinden. Signifikanzen zwischen den Gruppen auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. 30 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs ungszeiten passender wären(siehe Kapitel 6.2). Diese Gründe könnten durch politisches Handeln unmittelbar adressiert werden und so zu einer direkten Verringerung der Kita-Gaps führen. Auch hier beziehen sich die dargestellten Veränderungen auf Mütter mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren. In Abbildung 16 werden jeweils die Veränderungen der Erwerbstätigenquote unter den beiden oben genannten Szenarien abgeschätzt. 9 Die dargestellten Veränderungen beziehen sich auf alle Mütter mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren mit ungedecktem Kita-Bedarf. Insgesamt ergibt sich aus den Analysen unter dem ersten Maximalszenario eine Steigerung der Erwerbstätigenquote von Müttern mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren um rund elf Prozentpunkte, von 61 Prozent auf 72 Prozent. Der überwiegende Teil des Anstiegs in der Erwerbsquote dieser Mütter ist auf eine Aufnahme einer Teilzeittätigkeit(Veränderung von 14 Prozent auf 19 Prozent) oder erweiterten Teilzeit zurückzuführen(Veränderung von 35 Prozent auf 39 Prozent). Damit würde die Vollzeiterwerbstätigenquote von allen Müttern mit Kindern zwischen ein bis unter drei Jahren von 12 Prozent auf 14 Prozent um knapp zwei Prozentpunkte steigen(ohne Abbildung). Insgesamt würde sich der durchschnittliche Erwerbsumfang dieser Mütter, das heißt die durchschnitt­lichen wöchentlichen Arbeitsstunden, um rund 2,5 Wochenarbeitsstunden erhöhen(vgl. Tabelle A1). Der Anstieg in den Erwerbsquoten fällt dabei für Mütter aus potenziell benachteiligten Familien besonders hoch aus. So ergibt sich für Mütter aus Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, ein Anstieg in den Erwerbsquoten von 41 Prozent auf 63 Prozent(22 Prozentpunkte); für Mütter aus armutsgefährdeten Familien ein Anstieg von 34 Prozent auf 55 Prozent(21 Prozentpunkte). Dies ist primär auf den großen Anteil von Müttern mit ungedeckten Bedarfen in diesen Gruppen zurückzuführen sowie den großen Anteil von derzeit nicht erwerbstätigen Müttern. Die Erwerbsabsichten fallen unter diesen nicht erwerbstätigen Müttern tendenziell geringer aus als in potenziell weniger benachteiligten Familien(vgl. Kapitel 5.2). Zudem ist der Anstieg in den Erwerbsquoten überwiegend erst nach ein bis zwei Jahren zu erwarten(vgl. Tabelle A1 und A2). Die Veränderungen in den Erwerbsquoten und im Erwerbsumfang unterscheiden sich nach Bildungshintergrund sowie zwischen Alleinerziehenden und Paarhaushalten kaum. Im zweiten, konservativeren Szenario fallen die Veränderungen in den Erwerbsquoten etwas geringer aus, sind aber nach wie vor erheblich: Steigerungen der Erwerbsquoten von Müttern mit Kindern von ein bis unter drei Jahren von rund 61 Prozent auf rund 68 Prozent(sieben Prozentpunkte) sind zu erwarten. Ein Großteil würde vor allem in Teilzeit(plus drei Prozentpunkte) und erweiterter Teilzeit(plus vier Prozentpunkte) arbeiten(ohne Abbildung). Die durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitsstunden würden sich damit für alle Mütter mit Kindern von einem bis unter drei Jahren um durchschnittlich 1,7 Stunden erhöhen. 10 Auch im zweiten Szenario fallen die Veränderungen für potenziell sozioökonomisch und-demografisch benachteiligte Mütter größer aus. Die Unterschiede in den erwartbaren Erwerbsreaktionen zwischen den Gruppen sind dabei vergleichbar zu denen unter Szenario 1. In beiden Szenarien ist zu beachten, dass bestimmte Aspekte nicht berücksichtigt werden können: So wird beispielsweise ausgeklammert, dass eventuell nicht das gesamte zusätzliche Arbeitsangebot von Müttern auf eine entsprechende(lokale) Arbeitsnachfrage trifft, wodurch die realisierten Erwerbszuwächse kleiner ausfallen könnten. Des Weiteren können kurz- und mittelfristig gesamtwirtschaftliche Angebots- und Nachfrageeffekte nicht berücksichtigt werden, die durch die Ausweitung der Erwerbsbeteiligung und den Ausbau des Kita-Angebots entstehen (vgl. für eine entsprechende Abschätzung für Ganztagsangebote an Grundschulkinder Bach et al. 2020). Zuletzt können auf Basis der vorliegenden Daten auch keine Aussagen darüber getroffen werden, ob auch bereits erwerbstätige Mütter ihren Erwerbsumfang ausweiten würden, wenn ausreichend bedarfsgerechte Kita-Plätze zur Verfügung gestellt werden. Die Abschätzungen sind daher entsprechend vorsichtig zu interpretieren. 9 Abschätzungen zu den Veränderungen im zeitlichen Verlauf, die sich durch die verschiedenen berichteten Zeitpunkte des Wiedereinstiegs in das Erwerbsleben ergeben, sowie entsprechende Veränderungen im durchschnittlichen Erwerbsumfang, das heißt in den durchschnittlichen Wochenarbeitsstunden der Mütter, werden im Anhang in Tabellen A1 und A2 dargestellt. 10 Um das absolute Erwerbspersonenpotenzial abzuschätzen, wird die Geburtenstatistik zugrunde gelegt. Demnach wurden in Deutschland in den Jahren 2020 und 2021 1.535.311 Kinder geboren(Statistisches Bundesamt 2022). Auf Basis dieser Berechnungsgrundlage, die von Zuund Abwanderung abstrahiert sowie über die Zeit konstante ungedeckte Bedarfe und Erwerbswünsche annimmt, ergäbe sich unter Szenario 2 eine Zunahme in der Anzahl erwerbstätiger Mütter von rund 112.000, und 2,61 Millionen zusätzlichen Wochenarbeitsstunden. Ausgedrückt in Vollzeitäquivalenten wären dies etwa 65.000 zusätzliche Vollzeiterwerbstätige. Unter Szenario 1 ergibt sich ein Anstieg in der absoluten Anzahl der Erwerbstätigen von rund 161.000 und 3,84 Millionen zusätzlichen Wochenarbeitsstunden, was etwa 96.000 zusätzlichen Vollzeitbeschäftigten entspricht. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 31 Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten von Müttern mit Kindern im Alter von ein-s bbiiss uunntteerr ddrreeii JJaahhrreenn bbeeii vvoolllssttäännddiiggeerr BBeeddaarrffss-deckung nach Merkmalen der Familien und verschiedenen Szenarien Angaben in Prozentpunkte Iinnggeessaammtt B B i i l l d d u u n n g g s s h h i i n n t t e e r r g g r r u u n n d d Kkeeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Mmiinndd.. Eeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Z zu uh H a a u u s s e e g g e e s s p p r r o o c c h h e e n n e e S S p p r r a a c c h h e e Nniicchhtt DDeeuuttsscchh DDeeuuttsscchh A A r r m m u u t t s s g g e e f f ä ä h h r r d d u u n n g g Aarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett NnicichhttAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett H H a a u u s s h h a a lt lt s s t t y y p p Aallleeiinneerrzziieehheenndd PPaaaarrhhaauusshhaalltt Szenario 1 10,5 11,9 9,5 22,2 9,8 20,5 8,9 15,9 14,0 Szenario 2 7,3 8,0 6,7 16,8 6,7 14,8 6,1 10,7 7,1 Abb. 16 QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. Anmerkungen: Die Veränderungen in den Erwerbsquoten werden für Mütter mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren berechnet. In Szenario 1 wird angenommen, dass für jede Familie mit Betreuungsbedarf ein passender Kita-Platz geschaffen und damit der ungedeckte Bedarf für alle Kinder vollständig geschlossen werden kann. In Szenario 2 wird angenommen, dass lediglich der ungedeckte Bedarf für Mütter geschlossen wird, die als Voraussetzung für eine Kita-Nutzung Gründe auf der„Angebotsseite“ nennen. Weiterhin wird in beiden Szenarien angenommen, dass Mütter unter diesen Voraussetzungen im berichteten Umfang eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Berechnungen sind gewichtet. 3126 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P IC U H BL H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs 6 MÖGLICHE GRÜNDE FÜR EINE NICHTNUTZUNG UND ZUGANGSBARRIEREN VON ELTERN MIT UNGEDECKTEN KITA-BEDARFEN 6.1 SUBJEKTIVE GRÜNDE FÜR EINE NICHTNUTZUNG VON ELTERN MIT UNGEDECKTEN KITA-BEDARFEN In der Literatur existieren unterschiedliche Studien, die sich mit den Gründen von Unterschieden in der Kita-Nutzung befassen(vgl. Abschnitt 3.2). Allerdings differenzieren viele dieser Studien nicht nach den Betreuungswünschen der Familien und berücksichtigen damit keine Unterschiede in den ungedeckten Bedarfen. Im Folgenden werden auf Basis der KiBS-Daten für die Jahre 2018 bis 2020 daher solche Gründe analysiert, die von den Befragten mit ungedeckten Bedarfen im Sinne obiger Analysen selbst angegeben wurden. Dabei handelt es sich um subjektive Einschätzungen des befragten Elternteils. In der KiBS-Befragung werden Familien nach den Gründen für die Nichtnutzung einer Kita gefragt. Dabei können die Befragten mehrere Gründe gleichzeitig nennen. Wie in Abschnitt 3.2 erläutert, können Gründe für Nutzungsunterschiede und ungedeckte Bedarfe sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite bestehen. Diese Zuordnung erfolgt im Rahmen dieser Studie und wird nicht von den Befragten selbst vorgenommen. Bezüglich der Angebotsseite gibt etwa jede zweite Familie(46 Prozent) mit ungedecktem Bedarf an, dass sie einen Platz gewollt, aber nicht bekommen hat. 11 Weiterhin gibt fast jede dritte dieser Familien an, dass es an ihrem Wohnort kein Angebot gab. 27 Prozent nennen die KitaKosten als Grund, warum das Kind keine Kita besucht. 13 Prozent geben nicht passende Öffnungszeiten und neun Prozent eine unzureichende Förderung des Kindes(siehe Abbildung 17) als Gründe an. Auf der Nachfrageseite genannte Gründe umfassen Aussagen wie, dass die Kinder noch zu jung für eine Kita sind (58 Prozent), die Familien gute Erfahrung mit der Betreuung zu Hause gemacht haben(52 Prozent) oder ihr Kind selber erziehen möchten(51 Prozent). Weitere Gründe sind, dass die Großeltern die Betreuung übernehmen können(25 Prozent) oder die Betreuung nicht infrage kommt(15 Prozent). Im Folgenden werden die Gründe nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen aufgeschlüsselt betrachtet, um besser zu verstehen, warum Familien mit bestimmten Merkmalen häufiger ungedeckte Bedarfe aufweisen(Abbildung 18). Der Fokus liegt dabei auf der Angebotsseite, da diese Faktoren von der Politik kurzfristig aktiv beeinflusst werden könnten. Familien mit höheren ungedeckten Bedarfen nennen häufiger Gründe auf der Angebotsseite als die Vergleichsgruppe. Insbesondere für Alleinerziehende, armutsgefährdete Familien und Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, sind diese Gründe relevant. Sie berichten signifikant häufiger, dass sie einen Kita-Platz gewollt, aber nicht bekommen haben. Auch die Verfügbarkeit vor Ort spielt für die betrachteten Familien eine signifikant wichtigere Rolle als für Paarfamilien, Familien, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird, und nicht armutsgefährdete Familien. So geben Alleinerziehende beispielsweise mit zehn Prozentpunkten häufiger als Paarfamilien an, im Ort kein Angebot zu haben. Für Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, beträgt der Unterschied sogar 19 Prozentpunkte im Vergleich zu Familien, die zu Hause überwiegend Deutsch sprechen. Auch eine unzureichende Förderung des Kindes und eine gescheiterte Eingewöhnung wird von Alleinerziehenden, armutsgefährdeten Familien und Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, öfter als Grund für eine Nichtnutzung trotz Bedarfs angeführt als von Familien, die diese Merkmale nicht erfüllen. Auch nennen insbesondere armutsgefährdete Familien und Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, häufiger als Familien ohne diese Merkmale, dass ihre Kultur in Kitas nicht ausreichend berücksichtigt wird und sie daher ihr Kind nicht in einer Kita betreuen lassen, obwohl sie gleichzeitig einen entsprechenden Bedarf äußern. Für Familien ohne akademischen Hintergrund spielt bei ungedeckten Bedarfen das mangelnde Platzangebot eher seltener eine Rolle als für Familien mit akademischem Hintergrund. Vielmehr wird den Kosten und Öffnungszeiten eine stärkere Rolle bei der Nichtnutzung beigemessen 11 Zudem werden Familien, die einen Platz gewollt, aber nicht bekommen haben, danach gefragt, warum sie keinen Platz erhalten haben. 94 Prozent nennen als Hauptgrund das zu geringe Angebot. Nur 14 Prozent geben an, dass der angebotene Platz nicht ihren Vorstellungen entsprach. Dies deutet darauf hin, dass Familien, die tatsächlich eine Betreuung wünschen, den Bedarf aufgrund mangelnder Plätze nicht decken können. Die Ausgestaltung des Kita-Angebots ist bei der Deckung des Bedarfs für diese Familien zweitrangig. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 33 Gründe für eine Nichtnutzung auf Nachfrage- und Angebotsseite für Familien mit ungedecktem Bedarf für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren (in Prozent) Abb. 17 Grund Angebotsseite PPllaattzz ggeewwoollltt,, aabbeerr nniicchhtt bbeekkoommmmeenn iinn OOrrtt kkeeiinn AAnnggeebboott KKoosstteenn ÖÖffffnnuunnggsszzeeiitteenn ppaasssseenn nniicchhtt Uunnzzuurreeiicchheennddee FFöörrddeerruunngg Sscchhlleecchhttee EEiinnffllüüssssee bbeeffüürrcchhtteett EEiinnggeewwööhhnnuunngg ggeesscchheeiitteerrtt KKuullttuurrnniicchhttaauussrreeiicchheenndd bbeerrüücckkssiicchhttiiggtt Grund Nachfrageseite KKiinndd nnoocchh zzuu jjuunngg gguutteeEErrffaahhrruunnggeennmmiittBBeettrreeuuuunngg zzuu HHaauussee wweeiill SSiiee KKiinndd sseellbbeerr eerrzziieehheenn mmööcchhtteenn GGrrooßßeelltteerrnn kköönnnneenn bbeettrreeuueenn wweeiill eess ffüürr SSiiee eeiinnffaacchh nniicchhtt iinn FFrraaggee kkoommmmtt Anteil in Prozent Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt sind Angaben von Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, die einen Betreuungsbedarf äußern, deren Kind aber nicht in einer Kita betreut wird. Mehrfachnennungen waren möglich. Mittelwerte sind gewichtet. N=3.370. als in Familien mit akademischem Hintergrund. Für Alleinerziehende, armutsgefährdete Familien und Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, werden die Kosten und die Öffnungszeiten eher seltener genannt als in den Vergleichsgruppen. Daher können diese Gründe in diesen Gruppen kaum erklären, warum diese Familien höhere ungedeckte Bedarfe aufweisen. 6.2 SUBJEKTIVE VORAUSSETZUNGEN FÜR EINE KITA-NUTZUNG VON ELTERN MIT UNGEDECKTEM BEDARF Weiterhin ist es für die Politik hilfreich, das Augenmerk darauf zu richten, unter welchen Voraussetzungen Familien mit ungedeckten Bedarfen einen Betreuungsplatz genutzt hätten. Auch dies wird in der KiBS-Befragung erfasst, und auch hier können befragte Familien mehrere Gründe gleichzeitig nennen. Da wichtige Informationen zu den spezifischen Anforderungen für eine Nutzung nicht in jeder Befragungswelle erhoben wurden, beziehen sich diese Analysen auf Informationen aus dem Jahr 2018. Da allerdings sowohl Unterschiede in der Kita-Nutzung als auch in den ungedeckten Bedarfen über die Zeit relativ stabil sind(vgl. Schmitz et al. 2023), haben diese Informationen auch für spätere Jahre eine hohe Aussagekraft. Die verschiedenen Voraussetzungen für eine mögliche Kita-Nutzung sind in Abbildung 19 dargestellt. 61 Prozent der Familien mit ungedecktem Bedarf geben an, dass sie eine Kita genutzt hätten, wenn sie einen Platz erhalten hätten; 54 Prozent, wenn der Besuch kostenlos gewesen wäre. Auch geben 45 Prozent der Familien mit ungedecktem Betreuungsbedarf an, dass die Betreuungszeiten passender sein müssten; 43 Prozent, dass die Kita hätte räumlich näher liegen müssen. 3147 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs UUnntteerrsscchhiieeddee iinn ddeenn GGrrüünnddeenn nnaacchh ssoozziiooöökkoonnoommiisscchheenn uunndd--ddeemmoo-ggrraaffiisscchheenn MMeerrkkmmaalleenn ffüürr FFaammiilliieenn mmiitt KKiinnddeerrnn zzwwiisscchheenn eeiinn uunndd uunntteerr ddrreeii JJaahhrreenn (in Prozentpunkten) Unterschied in Anteilen in Prozentpunkten Grund Angebotsseite PlatzPglaetwz ogleltw, aobllet,r anbicehrtnbicehktobmemkoemn men Abb. 18 in OritnkOeirnt kAeningeAbnogtebot KosteKnosten ÖffnuÖnffgnsuzenigtesznepitaesnsepnasnsiecnhtnicht UnzuurenizcuhreenicdheeFnödredeFröurndgerung SchlescchhtleecEhinteflüEsinseflübsesfeürbcehftüertchtet EingeEwinöghenwuönhgnguensgchgeeistcehrteitert KultuKrunlticuhrtnaicuhstreaiuchsreenicdhbeenrdücbkesriüchcktisgicthtigt kein Elternteil abgeschlossenes Studium Mutter nicht erwerbstätig QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. andere Sprache alleinerziehend armutsgefährdet Anmerkung: Dargestellt sind Unterschiede(in Prozentpunkten) in der Häufigkeit, mit der befragte Eltern die aufgeführten Gründe berichten, aufgeteilt nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen. Die Unterschiede werden im Vergleich zur jeweiligen Referenzgruppe dargestellt, die das jeweilige Merkmal nicht erfüllt. Grundgesamtheit sind Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren, deren Eltern einen Betreuungsbedarf äußern, aber derzeit keine Kita nutzen. Die Nulllinie bedeutet, dass z. B. Alleinerziehende den Grund nicht seltener oder häufiger nennen als Paarfamilien. Mehrfachnennungen waren möglich. Berechnungen sind gewichtet. N=3.279. Fast ebenso häufig genannt als Voraussetzung für eine Nutzung werden etwa von jeder dritten Familie strukturelle Qualitätsmerkmale: 35 Prozent geben an, dass die KitaGruppen kleiner sein müssten, 30 Prozent sagen, dass die räumliche Ausstattung besser sein müsste. Um zu verstehen, ob diese fehlenden Voraussetzungen erklären können, warum Familien mit bestimmten sozioökonomischen Merkmalen oder Migrationshintergrund häufiger ungedeckte Bedarfe aufweisen, wird in Abbildung 20 betrachtet, ob bestimmte Voraussetzungen von Familien FRIE 1 D 8 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 3 is 5 kurs Subjektive Voraussetzungen, die zu einer Kita-Nutzung von Eltern mit ungedecktem Bedarf geführt hätten für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren Anteil in Prozent Voraussetzung für Nutzung Platz in einer Kindertageseinrichtung bekommen hätte Besuch für Kind kostenlos wäree HHaalblbtataggspsplalatztzbbeekkoommmmeennhhäättteten Betreuungszeiten passender wäreenn in Nähe eine Betreuungseinrichtung gäbe GGaannztzataggspsplalatztzbbeekkoommmmeennhhäättteten Gruppen kleiner wärenn räumliche Ausstattung besser wäre Voorrsstteelllluunnggeenn üübbeerr EErrnnäähhrruunngg mmeehhrr bbeerrüücckkssiicchhttiiggtt wwüürrddeenn PPllaattzz bbeeii eeiinneerr TTaaggeessmmuutttteerrbbeekkoommmmeennhhäättttee ZZuussaammmmeennaarrbbeeiittzzww..EEltlteerrnnuunnddEErzrzieiehheer_rIinnnneenn bbeesssseerr wwäärree mmehehrsrpspacahchigigeeErEzrizeihehere_riinnnneenn ggääbbee IIhhrree KKuullttuurr//RReelliiggiioonn ssttäärrkkeerr bbeerrüücckkssiicchhttiiggtt wwüürrddee Abb. 19 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018. Anmerkung: Dargestellt sind subjektive Voraussetzungen, die zu einer Kita-Nutzung von Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren geführt hätten, die einen Betreuungsbedarf äußern, aber keine Kita nutzen. Ob sie unter den gegebenen Voraussetzungen einen Kita-Platz genutzt hätten, konnte mit„ja“,„vielleicht“ und„nein“ beantwortet werden. Dargestellt ist die Häufigkeit der Antwort„ja“.“. MMeehhrrffaacchhnneennnnuunnggeenn wwaarreenn mmöögglliicchh.. MMititetelwlweerrtetesisninddggeewwicihchtetet.t.NN==11.1.19911. . mit höheren ungedeckten Bedarfen häufiger genannt werden. Wie sich zeigt, geben insbesondere Alleinerziehende mit 18 Prozentpunkten häufiger als Paarfamilien an, dass sie bei einem Platzangebot die Kita nutzten würden, ganz besonders dann, wenn es ein Ganztagsplatz wäre(31 Prozentpunkte häufiger). Ebenso nennen Alleinerziehende die räumliche Nähe häufiger(zehn Prozentpunkte) als Paarfamilien. Dass der Kita-Platz hätte kostenlos sein sollen oder die Öffnungszeiten passender sein müssten, spielt für Alleinerziehende eine geringere Rolle als für Paarfamilien. Allerdings werden Anforderungen an die Ausstattung der Kita, die Ernährung und die kulturelle Vielfalt häufiger von Alleinerziehenden genannt. Armutsgefährdete Familien mit ungedecktem Bedarf würden Kitas auch häufiger nutzen als nichtarmutsgefährdete Familien mit ungedeckten Bedarfen, wenn eine größere räumliche Nähe und mehr Ganztagsangebote gegeben wären(jeweils etwa zehn Prozentpunkte). Auch Familien, die überwiegend kein Deutsch sprechen, würden Kitas mit 20 Prozentpunkten deutlich häufiger nutzen als Familien, in denen überwiegend Deutsch gesprochen wird, wenn die Kita näher wäre. Ebenso geben Familien, die überwiegend kein Deutsch sprechen, häufiger an als Familien mit deutscher Sprache, dass sie eine Kita bei einer stärkeren Berücksichtigung der Kultur(19 Prozentpunkte mehr), bei mehrsprachigen Erziehenden(15 Prozentpunkte mehr) oder einem Ganztagsplatzangebot(13 Prozentpunkte mehr) nutzen würde. Passende Betreuungszeiten könnten die höheren ungedeckten Bedarfe von Familien mit den betrachteten Merkmalen nicht erklären. 6.3 DIE ROLLE VON ANMELDEVERFAHREN UND BEWERBUNGEN UM KITA-PLÄTZE Die vorangegangenen Analysen haben dargestellt, dass zwar vielfältige Gründe für die Nichtnutzung von Kitas bei Eltern mit ungedeckten Bedarfen vorliegen. Dennoch war 3169 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs Unterschiede in der Häufigkeit der Gründe, die zu einer Nutzung führen würden, nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren in Prozentpunkten Voraussetzung für Nutzung Platz in einer Kindertageseinrichtung Platz in einer Kindertageseinrichtung bekommen hätte bekommen hätte Be B s e u s c u h ch fü f r ü K r i K n i d nd ko k s o t s e t n e l n o l s o w s w är ä e re H H a a l l b b t t a a g g s s p p l l a a t t z z b b e e k k o o m m m m e e n n h h ä ä t t t t e en Be B t e re tr u e u u n u g n s g z s e z i e te it n en pa p s a s s e s n e d n e d r e w r w är ä e r n en in in Nä N h ä e he i e n i e ne Be B t e re tr u e u u n u g n s g e s i e n i r n ic r h ic t h u t n u g ng gä g b ä e be G G a a n n z z t t a a g g s s p p l l a a t t z z b b e e k k o o m m m m e e n n h h ä ä t t t t e en G G r r u u p p p p e e n n k k l l e e i i n n e e r r w w ä ä r r e en rä r u ä m um lic l h ic e he Au A s u s s t s a t t a tu tt n u g ng be b s e s s e s r e w r w är ä e re Vorstellungen über Ernährung Vorstellungen über Ernährung mehr berück m s e ic h h r ti b g e t r w üc ü k r s d ic e h n tigt würden Platz bei einer Tagesmutter Platz bei einer Tagesmutter bekommen hätte bekommen hätte Zusammenarbeit zw. Eltern und Zusammenarbeit zw. Eltern und Erz E ie rz h i e e r h In er n _ e inn b e e n ss b e e r s w se ä r r w e äre me m hr e s h p r a s c p h a i c g h e ig E e rz E ie rz h i e e r h _ e in ri n n e n n en gä g b ä e be Ihre Kultur/Religion stärker Ihre Kultur/Religion stärker berü b ck e s r i ü c c h k t s ig ic t h w tig ü t rd w e ürde Abb. 20 kein Elternteil abgeschlossenes Studium Mutter nicht erwerbstätig Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018. andere Sprache alleinerziehend armutsgefährdet AAnnmmeerrkkuunngg::DDaarrggeesstteelltltssiinnddUUnntteerrsscchhiieeddee((iinnPPrroozzeennttppuunnkktteenn))iinnddeennssuubbjjeekkttiivveennVVoorraauussseettzzuunnggeenneeiinneerrKKiittaa--NNuuttzzuunnggnnaacchh ssoozziiooöökkoonnoommiisscchheennuunndd--ddeemmooggrraaffiisscchheennMMeerrkkmmaalleenn..DDiieeUUnntteerrsscchhiieeddeewweerrddeenniimmVVeerrgglleeiicchhzzuurrjjeewweeiilliiggeennRReeffeerreennzzggrruuppppee ddaarrggeesstteelltlt,,ddiieeddaassjjeewweeiilliiggeeMMeerrkkmmaallnniicchhtteerrffüülltlt..GGrruunnddggeessaammtthheeiittssiinnddKKiinnddeerrzzwwiisscchheenneeiinnuunndduunntteerrddrreeiiJJaahhrreenn,,ddeerreenn EEltlteerrnneeiinneennBBeettrreeuuuunnggssbbeeddaarrffääuußßeerrnn,,aabbeerrkkeeiinneeKKiittaannuuttzzeenn..EEsswweerrddeennnnuurrAAnnttwwoorrtteennaabbggeebbiillddeett,,ddiieeuunntteerrddeerrggeeggeebbeenneenn VVoorraauussseettzzuunnggeeiinneeKKiittaa--NNuuttzzuunnggmmiitt„„jjaa““bbeeaannttwwoorrtteenn..MMeehhrrffaacchhnneennnnuunnggeennwwaarreennmmöögglliicchh..BBeerreecchhnnuunnggeennssiinnddggeewwiicchhtteett.. NN==11.1.19911.. FRIE 2 D 0 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 3 is 7 kurs Anteil der Familien mit geäußertem Bedarf, die sich um einen Platz beworben haben, nach Merkmalen der Familie mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren Anteil in Prozent Mmiinndd.. eeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Beidke iEnltEelrtnerkneteinil aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm DDeeuuttsscchh Aannddeerree SSpprraacchhee NnicichhttAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett Aarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett MMuutttteerr eerrwweerrbbssttäättiigg MMuutttteerr nniicchhtt eerrwweerrbbssttäättiigg PPaaaarrffaammiilliiee Aallleeiinneerrzziieehheenndd * *** *** *** *** Abb. 21 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt ist der Anteil von Familien nach Merkmalen, die sich um mindestens einen Kita-Platz beworben haAbennm. eGrrkuunndgg: eDsaamrgtehseteitllstiinsdt dKeirndAenrteziwl ivsocnheFnameiniliuendnuacnhteMr derekimJalherne,nd, ideesriecnh EulmtermnienidneesnteBnestereinueunngKsibtaed-Palraftäzubßeewrnor.bSeingnhi-abfiekna.nGzernunzdwgiesscahmenthdeeint sGinrdupKpienndearunf zEwinis-c, hFeünnfe-inunudndZeuhnnteprrodzreeni tJnaihvreeanu,:d*e*r*e,n**E,*l.teMrnitteeilnweenrtBeestirneudugnegwsibcehdtaetr.fNäu=ß2e0r.n91. 4M. ittelwerte sind gewichtet. N=20.914. der häufigste Grund auf der Angebotsseite die(fehlende) Platzzusage. Im Folgenden wird daher das Anmelde- und Bewerbungsverhalten um einen Kita-Platz genauer betrachtet. Hintergrund ist die Frage, ob sich das Bewerbungsverhalten zwischen Familien mit bestimmten sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen unterscheidet, wie beispielsweise mehr oder weniger Bemühungen um einen Platz, was zum einen auf Zugangsbarrieren und zum anderen auf unzureichende, passende Angebote hindeutet. Zunächst zeigt sich, dass sich Familien mit Merkmalen, die häufiger ungedeckte Bedarfe aufweisen, auch seltener um einen Betreuungsplatz bewerben, obwohl sie einen Betreuungsbedarf äußern: Während z. B. 97 Prozent der Familien mit einem akademischen Hintergrund bei geäußertem Betreuungsbedarf auch mindestens eine Bewerbung abgegeben haben, sind es bei Familien ohne akademischen Hintergrund 94 Prozent der Familien. Bei Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, und bei armutsgefährdeten Familien ist diese Lücke noch stärker ausgeprägt: 97 Prozent der deutschsprachigen Familien bzw. nicht armutsgefährdeten Familien bewerben sich, aber nur 88 Prozent der Familien, die zu Hause überwiegend kein Deutsch sprechen, bzw. 89 Prozent der armutsgefährdeten Familien. Die Wahrscheinlichkeit mindestens einer Bewerbung nimmt auch ab, wenn die Mutter nicht erwerbstätig ist. Zwischen alleinerziehenden Eltern und Nichtalleinerziehenden zeichnen sich deutlich kleinere Bewerbungslücken ab. Sobald mindestens eine Bewerbung erfolgt, liegen kaum noch Unterschiede darin vor, wie viele Bewerbungen insgesamt abgegeben wurden. Im Durchschnitt bewerben sich Familien, wenn sie sich überhaupt bei einer Kita bewerben, auf vier bis sechs Kita-Plätze. Dabei bewerben sich nur Familien ohne akademischen Hintergrund signifikant seltener als Haushalte mit akademischem Hintergrund. Differenziert man hier nach der Sprache der Familie, der Armutsgefährdung oder danach, ob die Mutter erwerbstätig ist, zeigen sich kaum Unterschiede in der Anzahl an Bewerbungen. Alleinerziehende bewerben sich sogar häufiger um einen Betreuungsplatz als Paarfamilien. 2318 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK E A IT T E I N O N NO O V K E T M OBER 2021 3  FES diskurs Anzahl an Bewerbungen, nach Merkmalen der Familie, für Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren Anzahl an Bewerbungen Mmiinndd.. eeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Beidke iEnltEelrtnerkneteinil aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm DDeeuuttsscchh Aannddeerree SSpprraacchhee NnicichhttAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett Aarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett MMuutttteerr eerrwweerrbbssttäättiigg MMuutttteerr nniicchhtt eerrwweerrbbssttäättiigg PPaaaarrffaammiilliiee Aallleeiinneerrzziieehheenndd ** *** Abb. 22 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Dargestellt ist die Anzahl an Kita-Bewerbung evnonvoFnamFaimlieinliemnimt KitinKdinerdnerznwziswcihsecnheenineiunnudnudnutenrtedrredirJeaihJraehnr,endi,e ediineeeninBeentrBeueturneugsubnegdsabrefdäaurfßäerunßeurnndusnicdhsuicmh umminmdeisntdenesteninseeninPelnatPzlbaetzwboerbweonrbheanbehna.bMeni.ttSeilgwneirfitkeasninzdengezwicshchtetn. Nde=n2G0.r9u1p4-. pen auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Mittelwerte sind gewichtet. N=20.914. Dennoch berichten nichtdeutschsprachige, armutsgefährdete Familien und Familien, in denen die Mutter nicht erwerbstätig ist, häufiger als die jeweiligen Vergleichsgruppen, dass es sehr schwierig sei, einen Kita-Platz zu bekommen(vgl. Abbildung 23). Dies zeigt, dass die Hürden, einen Kita-Platz zu bekommen, zumindest subjektiv von diesen Familien als deutlich größer wahrgenommen werden. Die beobachteten Bewerbungslücken in Abbildung 21 und 22 können verschiedene Ursachen haben. Eine seltenere Bewerbung trotz Bedarfs könnte zunächst darauf hinweisen, dass es im Bewerbungsprozess Hürden gibt, der Prozess als zu aufwendig empfunden wird oder gar nicht bekannt ist, dass eine Bewerbung bei mehreren Kitas möglich ist. Darüber hinaus könnte trotz bestehendem Betreuungsbedarf eine Bewerbung seltener erfolgen, weil überhaupt kein passendes Kita-Angebot vorliegt oder dieses den Familien bekannt ist. Ferner könnte es sein, dass die passenden Kita-Angebote zu weit entfernt sind oder andere für die Familien wichtige Kita-Merkmale in der Bewertung der Familien nicht gegeben sind(vgl. Abschnitt 6.1). Insgesamt ist aber festzuhalten, dass sich grundsätzlich benachteiligte Familien nicht nur seltener bewerben, sondern bei erfolgter Bewerbung es als deutlich schwieriger einschätzen, einen Platz zu bekommen. 6.4 ZUSAMMENFASSENDE BETRACHTUNG MÖGLICHER GRÜNDE FÜR KITA-GAPS Das Kapitel stellte eine Vielzahl von Gründen für eine Nichtnutzung und die Zugangsbarrieren von Eltern mit Kita-Bedarfen dar, die auch teils die Unterschiede im KitaBesuch von Kindern je nach sozioökonomischem und-demografischen Hintergrund erklären können. Die Ergebnisse lassen sich nun beispielhaft anhand bildungsökonomischer Kosten-Nutzen-Abwägungen zusammenfassen. Demnach hängt die Entscheidung, bei bestehendem Bedarf das Kind auch tatsächlich in einer Kita betreuen zu lassen, mit dem erwarteten Nutzen für Eltern und Kind zusammen, aber auch mit den damit verbundenen Kosten. Die vorangegangenen Analysen lassen vermuten, dass Familien mit ungedeckten Bedarfen, insbesondere aus potenziell benachteiligten Familien, ein geringeres Kosten-Nutzen-Verhältnis erwarten. FRIE 2 D 2 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 3 is 9 kurs Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Kita-Platz, nach Merk­mamlenalednerdFearmFailmieilmieitmKiitnKdienrdnezrwn izswchisecnhenineuinndunudntuenrtderredi rJeaihJraehnren Mmiinndd.. eeiinn EElltteerrnntteeiill aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Beidke iEnltEelrtnerkneteinil aabbggeesscchhlloosssseenneess SSttuuddiiuumm Anteil in Prozent DDeeuuttsscchh Aannddeerree SSpprraacchhee NnicichhttAarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett Aarrmmuuttssggeeffäähhrrddeett MMuutttteerr eerrwweerrbbssttäättiigg MMuutttteerr nniicchhtt eerrwweerrbbssttäättiigg PPaaaarrffaammiilliiee Aallleeiinneerrzziieehheenndd *** ** *** Abb. 23 QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. Anmerkkuunngg:: DDaarrggeesstteelllttiissttddieiesusubbjejekktitvivememppfufunnddenene eScShcwhwieireirgikgekiet,ite,ineiennenKiKtait-aP-lPatlzatzzuzbuekboekmommemnevnonvoFnamFaimlieinliemnitmKitinKdienr-n zdwerinschzwenisecihneunnedinuunntedr udrnetierJadhrreeinJ,adhireeeni,ndeine BeeintreenuuBnetgrsebueudnargfsbäeudßaerfnäuunßdersnichunudmsimchinudmestmenins deiensteennPs leaitnzebnePwloartbzebnehwaobrebne.n Shiagbneifni.kaMniztetenlwzweritsechseinnddgeenwGicrhutpept.enNa=u2f0E.i6n1-2, .Fünfund Zehnprozentniveau:***,**,*. Mittelwerte sind gewichtet. N= 20.612. Wie in Kapitel 5 aufgezeigt, weisen armutsgefährdete Familien, Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, und Familien ohne akademischen Hintergrund geringere Erwerbsabsichten auf. Im Mittel ist davon auszugehen, dass für diese Eltern bei einer Erwerbstätigkeit der Lohn geringer ist als bei anderen Eltern. Daraus ergibt sich ein geringerer erwarteter„Nutzen“ in Form des Erwerbseinkommens gegenüber Müttern, die höhere Löhne erzielen und auch eher eine Erwerbsabsicht äußern. Der wahrgenommene Nutzen ist auch dadurch geringer, dass potenziell benachteiligte Familien häufiger eine unzureichende Förderung ihrer Kinder erwarten oder schlechte Einflüsse auf ihr Kind befürchten. Diese Beobachtung steht im Kontrast zu Forschungsbefunden, wonach Kinder aus potenziell benachteiligten Familien besonders von einem Kita-Besuch profitieren(vgl. Kapitel 2). Auch durch nicht passende Öffnungszeiten oder eine nicht ausreichende Berücksichtigung kultureller Aspekte kann es sein, dass der wahrgenommene Nutzen eines Kita-Besuchs sich reduziert. Zu den Kosten, welche Eltern abwägen, zählen – so die ökonomische Perspektive – nicht nur unmittelbare Betreuungskosten, sondern auch täglich höhere Pendelkosten durch fehlende Kita-Angebote im Ort sowie der zeitliche Aufwand und die mentalen Anstrengungen bei der KitaPlatz-Suche. Dazu zählt auch die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen, die mit der Bewerbung um einen Kita-Platz verbunden sein können(siehe Kapitel 3.2). Wie in Kapitel 3.2 dargelegt, konnten Studien nachweisen, dass die Unterstützung bei der Kita-Platz-Suche die Suchkosten und verhaltensökonomische Barrieren erheblich reduzieren und somit sozioökonomische und-demografische Unterschiede in der Kita-Nutzung substanziell abgebaut werden konnten. Die Ergebnisse legen also insgesamt nahe, dass es vielerlei Barrieren gibt, die den Zugang zu Kitas je nach sozioökonomischem und-demografischen Hintergrund erschweren und damit Kita-Gaps erklären können. Dies weist auch darauf hin, dass nicht mit einer Maßnahme alleine Kita-Nutzungsunterschiede reduziert oder abgebaut werden können, sondern unterschiedliche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um alle Potenziale sowohl bei Kindern als auch bei Eltern und hier insbesondere den Müttern zu nutzen. 4203 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P IC U H BL H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs 7 SCHLUSSFOLGERUNGEN AUS BILDUNGS- UND GLEICHSTELLUNGS­ POLITISCHER SICHT Schon seit vielen Jahren weisen unterschiedliche wissenschaftliche Studien auf sozioökonomische und-demografische Unterschiede der Kita-Nutzung in Deutschland hin. Auch durch den massiven Kita-Ausbau und die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz ab dem zweiten Lebensjahr im Jahr 2013 hat sich daran kaum etwas verändert. Für Kinder im Alter zwischen ein und unter drei Jahren sind diese Nutzungsunterschiede besonders ausgeprägt: Kinder aus armutsgefährdeten Familien, Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, Familien ohne akademischen Hintergrund und Familien, in denen die Mutter nicht erwerbstätig ist, sind in KitaNutzungen deutlich unterrepräsentiert. Liegen mehrere Merkmale vor, die auf eine potenzielle Benachteiligung hinweisen, belaufen sich die Unterschiede in diesen Altersgruppen auf einen Faktor von 1:4, wonach nur zehn Prozent der Kinder einen Kita-Platz nutzen, und 40 Prozent der Eltern noch einen Bedarf haben, der nicht gedeckt ist. Für Kinder aus Familien, in denen überwiegend kein Deutsch gesprochen wird, und Kinder aus armutsgefährdeten Familien sind bedeutende Unterschiede in der Nutzung auch für ältere Kinder im Kita-Alter zu beobachten. Diese Unterschiede sind auch gerade vor dem Hintergrund relevant, dass der Bund spezifische Programme für bestimmte Kinder und Familien fördert, die aber nur dann den Kindern zugute kommen, wenn sie auch tatsächlich eine Kita besuchen. Hier ist beispielsweise an das Programm der „Sprach-Kitas“(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2023a) zu denken. Außerdem hat sich die gegenwärtige Regierungskoalition darauf verständigt, die Chancen für alle Kinder gleichwertig auszugestalten, in ihrem Koalitionsvertrag ist ein eigener Abschnitt zur„Bildung und Chancen für alle“ ausgewiesen(Die Bundesregierung 2021: 74). Auch der Nationale Aktionsplan„Neue Chancen für Kinder in Deutschland“ sieht eine Stärkung der frühen Bildung und Betreuung für Kinder(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2023b: 39ff.) aus armutsgefährdeten und tatsächlich von Armut betroffenen Familien vor. Einige der im Aktionsplan aufgeführten Maßnahmen können jedoch nur dann Kinder aus armutsgefährdeten Haushalten unterstützen, wenn deren Betreuungswünsche gedeckt werden können. Hervorzuheben ist, dass Ungleichheiten in der Nutzung von Angeboten der frühen Bildung und Betreuung in Kitas nur zu einem geringen Teil auf Unterschiede in den Betreuungswünschen der Familien zurückzuführen sind. Insbesondere Betreuungswünsche der Familien, deren Kinder in Kitas unterrepräsentiert sind, werden nicht erfüllt, wodurch in diesen Familien hohe ungedeckte Bedarfe bestehen: Während insgesamt etwa jede fünfte Familie mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren keinen Betreuungsplatz trotz Bedarfs hat, ist es unter den armutsgefährdeten Haushalten etwa jede dritte Familie. In Familien, in denen überwiegend nicht Deutsch gesprochen wird, haben sogar etwa 40 Prozent einen ungedeckten Bedarf. Die Gründe für die fehlende Bedarfsdeckung in diesen Familien sind vielfältig und liegen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Insgesamt deutet vieles darauf hin, dass diese Familien den Nutzen eines KitaPlatzes als geringer einschätzen und sowohl bei der Suche nach Kita-Plätzen größere Hürden wahrnehmen als auch auf Angebote treffen, die weniger ihren spezifischen Bedarfen entsprechen. So empfinden sie die Suche nach KitaPlätzen als schwieriger und bemängeln häufiger fehlende, wohnortnahe Betreuungsangebote sowie fehlende Ganztagsangebote. Die Ungleichheiten in der Bedarfsdeckung haben weitreichende Implikationen – sowohl aus bildungs- als auch aus gleichstellungspolitischer Perspektive. Auch vor dem Hintergrund der gesetzlich festgehaltenen Funktion und Aufgabe von Kitas sind diese Ungleichheiten kritisch zu hinterfragen. Unabhängig davon ist der Befund, dass von ungedeckten Bedarfen gerade Kinder betroffen sind, die besonders von einer Kita-Nutzung profitieren könnten, zu diskutieren, da dadurch nicht alle Potenziale der frühen Kindheit ausgeschöpft werden und die Teilhabechancen von Kindern bereits in den ersten Lebensjahren ungleich verteilt sind. Aus gleichstellungspolitischer Sicht zeigen die Analysen darüber hinaus, dass neun von zehn der derzeit nicht erwerbstätigen Mütter mit ungedecktem Betreuungsbedarf und Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren einen Erwerbswunsch haben. Eine vollständige Bedarfsdeckung könnte so – unter bestimmten Annahmen – zu einer Steigerung der gesamten Erwerbsquote von Müttern mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren um rund sieben bis elf Prozentpunkte führen, überwiegend in(erweiterten) Teilzeittätigkeiten. Dabei ist festzuhalten, dass die Erwerbsintentionen unter potenziell sozioökonomisch und-demografisch benachteiligten Müttern mit fehlender Bedarfsdeckung vorhanden sind, wenn auch diese etwas geringer und langfristiger als in den Vergleichsgruppen ausfallen. Da die Mütter aus potenziell benachteiligten Gruppen jedoch besonders häufig ungedeckte Bedarfe und geringe Erwerbsquoten aufweisen, ergeben sich insbesondere unter diesen erhebliche Erwerbspotenziale, die durch eine höhere Bedarfsdeckung gehoben werden könnten. Aus den Analysen dieser Studie lassen sich somit zahlreiche Ansatzpunkte ableiten, den Ursachen von Kita-Gaps zu FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 41 begegnen und damit frühe Bildungsungleichheiten zu verringern sowie die Erwerbstätigkeit von Müttern zu steigern: 1. Zunächst kann davon ausgegangen werden, dass eine allgemein höhere Verfügbarkeit von Kita-Plätzen die Nutzung durch potenziell sozioökonomisch und-demografisch benachteiligte Kinder und deren Familien deutlich steigern könnte. Eine wohnortnahe Bereitstellung des Platzangebots, wie es auch im Rechtsanspruch formuliert ist, erscheint dabei neben einer sehr guten Qualität für diese Familien von besonderer Bedeutung. Die besonderen Bedarfe von potenziell benachteiligten Familien könnten auch bei der Bedarfsermittlung und Angebotsplanung auf kommunaler und auf Landesebene differenziert und verbindlich bedacht werden. Hier liegen in einzelnen Regionen gute Ansätze vor, welche nachhaltig in der Fläche verankert werden könnten. 2. Auch spricht einiges dafür, dass über einen verringerten Suchaufwand, der auch mit der Bereitstellung von Informationen und Unterstützung im Bewerbungsprozess reduziert werden kann, die Kita-Nutzung durch gegenwärtig unterrepräsentierte Gruppen gesteigert würde. 2.a. Eine niederschwellige und kostengünstige Möglichkeit, die auf der Nachfrageseite ansetzt, wäre es, Familien bereits sehr früh Informationen darüber bereitzustellen, wie teuer ein Kita-Besuch ist, wann sie sich wie für eine Kita bewerben können und welche Rechte ihnen bei Nichterfüllung des Rechtsanspruchs zustehen. Solche Informationen könnten bereits mit der Anzeige der Geburt bei den Standesämtern bereitgestellt werden. Dabei ist zu beachten, dass die Informationen adressatengerecht angeboten werden, also auch die Bereitstellung der Informationen in unterschiedlichen Sprachen bedacht wird. Vielerorts stellen bereits Geburtskliniken oder pädiatrische Praxen entsprechende Informationen zur Verfügung. Dies könnte systematisch und flächendeckend gefördert werden. Um Bedenken über den Nutzen einer Kita für das Kind auszuräumen, könnten Eltern darüber hinaus stärker über die möglichen Vorteile einer guten Kita informiert werden. Dabei sollten nicht nur kurzfristige Effekte verdeutlicht, sondern auch über langfristige Vorteile informiert werden, die mit einem Kita-Besuch sowohl für Kinder in Hinblick auf ihre Bildungsverläufe und Eltern, insbesondere Mütter, in Hinblick auf deren Erwerbs- und Renteneinkommen bestehen. 2.b. Darüber hinaus könnte über Opt-Out-Angebote im Kita-Bereich konkreter nachgedacht werden. Danach könnte potenziell benachteiligten Familien durch die Träger der öffentlichen Kinderund Jugendhilfe ein Kita-Angebot frühzeitig unterbreitet wird, dass bei fehlendem Betreuungsbedarf aufgeschoben oder abgelehnt werden kann. Bei der konkreten Umsetzung einer solchen Maßnahme käme die Frage auf, wie die unterrepräsentierten Gruppen zielgruppenspezifisch adressiert werden könnten. Ein Anknüpfungspunkt, um beispielsweise armutsgefährdete Familien zu erreichen, wären die Familienkassen. Im Rahmen der neu geplanten Kindergrundsicherung sollen diese ohnehin künftig proaktiv Familien auf die Möglichkeit hinweisen, welche familienpolitischen Leistungen ihnen zur Verfügung stehen. 2.c. Eine weitere mögliche Maßnahme auf der Kita-Angebotsseite ist eine finanzielle Incentivierung der Platzvergabe an Kinder aus Gruppen, die bisher unterrepräsentiert sind. Dies könnte derart erfolgen, dass Einrichtungen eine höhere Förderung erhalten, wenn sie Kinder aufnehmen, die bisher unterrepräsentiert sind. So könnte in Ländern, die Kita-Gutscheine vergeben, bei der Vergabe der Gutscheine abgeklärt werden, ob bestimmte besonders förderungswürdige, objektive Bedarfskriterien vorliegen. Sofern dies der Fall ist, könnte der Gutschein für die Einrichtungen mit einer höheren Förderung verbunden sein. Sofern eine andere Finanzierungsform der Einrichtungen vorliegt, könnten diese bei Nachweis der Platzvergabe an bestimmte Familien eine höhere Förderung erhalten. Allerdings setzt diese Maßnahme voraus, dass die Angebotskapazitäten ausgebaut werden, um einem„Verdrängungswettbewerb“ unter Familien vorzubeugen. 3. Angesichts der häufigen Nennung von Kostengründen bei der Nichtnutzung durch potenziell benachteiligte Familien und dem größeren Anteil der Kita-Gebühren am verfügbaren Haushaltseinkommen dieser Familien im Vergleich zu anderen Familien(vgl. Schmitz et al. 2017) sollte auch das Thema dieser Gebühren weiter angegangen werden. Im Kinder- und Jugendhilfegesetz§ 90 Absatz Abs.(3) sieht der Gesetzgeber eine Gebührenstaffelung vor. 12 Allerdings wird nicht verbindlich festgelegt, was die Kriterien für die Staffelung sind. Das Einkommen wird als ein Kriterium genannt, dies ist aber lediglich eine Kann-Regelung. Hier könnte angesetzt werden, um verbindliche einkommensabhängige Gebühren zu regeln. 12 § 90 Absatz(3) lautet: Im Fall des Abs. 1 Nummer 3 sind Kostenbeiträge zu staffeln. Als Kriterien für die Staffelung können insbesondere das Einkommen der Eltern, die Anzahl der kindergeldberechtigten Kinder in der Familie und die tägliche Betreuungszeit des Kindes berücksichtigt werden(…). Darüber hinaus können weitere Kriterien berücksichtigt werden. 42 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs 4. Auch könnten zentrale Kita-Anmelde- und-Vergabeverfahren, wie sie zunehmend in verschiedenen Kommunen und Städten eingeführt werden, beim Abbau von Kita-Gaps hilfreich sein, da unter anderem auch der Aufwand bei der Suche stark reduziert wird. Wichtig ist dabei allerdings, dass sie konsequent angewendet werden, für die Familien verständlich sind und familiale Bedarfe anhand objektiver Bedarfskriterien berücksichtigt werden können. 13 5. Mehr Ganztagsplätze und passendere Öffnungszeiten würden darüber hinaus dazu beitragen, dass insbesondere Mütter ihr Erwerbsvolumen ausdehnen könnten. Eine Kita-Nutzung würde sich dann für sie noch mehr lohnen, da das Haushaltseinkommen steigen würde – und zwar nicht nur kurz-, sondern im Mittel auch längerfristig. Mit diesen Vorschlägen sind nur einige mögliche Ansatzpunkte genannt, mit denen Nutzungsunterschieden im Kita-Bereich begegnet werden kann. Auf regionaler Ebene und bei einigen Trägern und Einrichtungen liegen weitere Erfahrungen vor, die es gilt, systematisch zu sammeln und zu bewerten, um allen Kindern und Eltern die Teilhabe an dieser zentralen Infrastrukturleistung von Familien zu ermöglichen. Abschließend sei noch bemerkt, dass die im Rahmen des 2023 verabschiedeten Kita-Qualitätsgesetzes (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2023a) getroffenen Maßnahmen und insbesondere deren Umsetzung sowie die weiteren Überlegungen für bundesweite Qualitätsstandards diese neuen Befunde in Hinblick auf Kita-Gaps miteinbeziehen könnten, wenn die Teilhabechancen für alle Kinder, Eltern und Familien verbessert werden sollen. 13  Auch wenn Reischmann et al.(2021) zu dem Schluss kommen, dass zentrale Vergabeverfahren nur geringfügig zur Fairness der Platzvergabe beitragen, kommt es letztlich auf deren Ausgestaltung an. Von politischer Seite müssten objektive Vergabekriterien festgelegt werden, die einer„Diskriminierung“ bei der Platzvergabe vorbeugen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 43 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 13   Abbildung 1 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Alter des Kindes in Jahren 15   Abbildung 2 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Bildungsabschluss der Eltern 16   Abbildung 3 Kita-Nutzung und-Bedarf nach zu Hause überwiegend gesprochener Sprache 17   Abbildung 4 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Armutsgefährdung des Haushalts 18   Abbildung 5 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Haushaltseinkommens-Quartilen für Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren 19   Abbildung 6 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Erwerbssituation der Mutter für Kinder im Alter von ein bis unter drei Jahren 20   Abbildung 7 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Haushaltstyp 21   Abbildung 8 Kita-Nutzung und-Bedarf nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen des Haushalts mit Kind im Alter von ein bis unter drei Jahren 22   Abbildung 9 Ungedeckte Kita-Bedarfe für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren nach Bundesländern 23   Abbildung 10 Ungedeckte Kita-Bedarfe für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren nach Bundesländern und sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen der Familie 24   Abbildung 11 Gewünschte und genutzte Kita-Betreuungsstunden nach Alter des Kindes in Jahren 25   Abbildung 12 Ungedeckter Stundenbedarf und Überbuchungen bei Kindern in Kindertagesbetreuung nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren 26   Abbildung 13 Erwerbsumfang und Erwerbsabsicht von Müttern mit Kita-Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren 27   Abbildung 14 Erwerbsumfang und Erwerbsabsicht von Müttern mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren ohne Kita-Platz und mit ungedecktem Bedarf 28   Abbildung 15 Erwerbsumfang und Erwerbsintention von Müttern mit Kindern im Alter zwischen ein bis unter drei Jahren ohne Kita-Platz und ohne-Bedarf 32   Abbildung 16 Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten von Müttern mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren bei vollständiger Bedarfsdeckung nach Merkmalen der Familien und verschiedenen Szenarien 34   Abbildung 17 Gründe für eine Nichtnutzung auf Nachfrage- und Angebotsseite für Familien mit ungedecktem Bedarf für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren 35   Abbildung 18 Unterschiede in den Gründen nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen für Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren 36   Abbildung 19 Subjektive Voraussetzungen, die zu einer Kita-Nutzung von Eltern mit ungedecktem Bedarf geführt hätten für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren 37   Abbildung 20 Unterschiede in der Häufigkeit der Gründe, die zu einer Nutzung führen würden, nach sozioökonomischen und-demografischen Merkmalen für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren 38   Abbildung 21 Anteil der Familien mit geäußertem Bedarf, die sich um einen Platz beworben haben, nach Merkmalen der Familie mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren 39   Abbildung 22 Anzahl an Bewerbungen, nach Merkmalen der Familie, für Familien mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren 40   Abbildung 23 Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Kita-Platz, nach Merkmalen der Familie mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren APPENDIX 48   Abbildung A.1 Nutzung und ungedeckter Bedarf nach Migrationshintergrund der Eltern 49   Abbildung A.2 Nutzung und ungedeckter Bedarf nach Herkunftsregion der Eltern mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren 50   Abbildung A.3 Erwerbssituation von Müttern nach Alter des Kindes in Jahren 51   Abbildung A.4 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Erwerbssituation der Mutter für Kinder ab drei Jahren 52   Abbildung A.5 Kita-Nutzung und-Bedarf nach sozioökonomischen und -demograf­ischen Merkmalen des Haushalts für Kinder ab drei Jahren 53   Abbildung A.6 Kita-Nutzung und-Bedarf nach Bundesland für Kinder zwischen ein und unter drei Jahren TABELLENVERZEICHNIS 30   Tabelle 1 Erwerbsumfang und Erwerbsintentionen von Müttern mit ungedecktem Bedarf nach Merkmalen APPENDIX 54   Tabelle A.1 Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten und im Erwerbsumfang bei vollständiger Bedarfsdeckung nach Merkmalen – Szenario 1 55   Tabelle A.2 Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten und im Erwerbsumfang bei vollständiger Bedarfsdeckung nach Merkmalen – Szenario 2 44 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs LITERATURVERZEICHNIS Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2016: Bildung in Deutschland 2016: Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld. 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A.1 ** 02 1 2 3 4 5 6 Alter des Kindes in Jahren Kein Migrationshintergrund: Nutzung Migrationshintergrund: Nutzung ungedeckter Bedarf ungedeckter Bedarf Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020, gewichtet. Anmerkung: Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau:***,**,*. Berechnungen sind gewichtet. N= 57.610. 48 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs 24 TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES diskurs Nutzung und ungedeckter Bedarf nach Herkunftsregion der Eltern mit Kindern zwischen ein und unter drei Jahren Abb. A.2 Herkunftsregion DDeeuuttsscchhllaanndd EEuurrooppaa iinnkkll.. TTürkei& russ. Förderation NNoorrddaammeerriikkaa LLaatteeiinnaammeerriikkaa&& KKaarriibbiikk AAffrriikkaa AAssiieenn Sonstige Sonstige *** *** *** Anteil in Prozent Nutzung Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. ungedeckter Bedarf Anmerkung: SAingnmifeirkkaunnzge:nSifgünridfieknanuznegnedfüecrkdten BunedgaedrfecakutfenEiBne-,dFaürfnaf-uuf nEdinZ-,eFhünnprf-ozuenndtnZiveheanupriomzeVnetnrgivleeiacuh izmurVReerfgelreeinchz-zur gRreufeprpeen„zDgreuuptpsceh„laDnedu“t:sc*h**la,*n*d,*“.: B**e*r,e*c*h,*n.uBnegreenchsninudngenwiscihntdetg.eKwiincdhetertz. wKisncdheernzewiniscuhnednueninteurnddreuinJatehrrednre. iNJa=h2r5en.1.6N2=. 25.162 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 25 49 TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES diskurs Erwerbssituation von Müttern nach Alter des Kindes in Jahren Anteil in Prozent Abb. A.3 1 2 nicht erwerbstätig 3 4 5 Alter des Kindes in Jahren Teilzeit erweiterte Teilzeit 6 Vollzeit Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Teilzeit bis 20 Wochenarbeitsstunden, erweiterte Teilzeit zwischen 20 und 35 Wochenarbeitsstunden, Vollzeit über 35 Wochenarbeitsstunden. N=56.854. Berechnungen sind gewichtet. 5206 F T R IT Ü E H L E D U IE N S G ER LE P I U C B H L H IK EI A T T E I N O N NO O V K E T M O BER 2023 1 FES diskurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach Erwerbssituation der Mutter für Kinder ab drei Jahren Erwerbstätigkeit der Mutter Nicht enriwcehrtbsetärtwi erbstätgig Anteil in Prozent TTeeilizlzeeitit Erweiteertwe Teeiitlzeeri te Teilzetit VVoolllzlzeeitit Abb. A.4 *** *** *** Nutzung ungedeckter Bedarf Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkung: Teilzeit bis 20 Wochenarbeitsstunden, erweiterte Teilzeit zwischen 20 und 35 Wochenarbeitsstunden, Vollzeit über 35 Wochenarbeitsstunden. Signifikanzen für den ungedeckten Bedarf auf Ein-, Fünf- und Zehnprozentniveau im Vergleich zu nicht erwerbstätigen Müttern: ***,**,*. N=29.146. Dargestellt sind Familien mit Kindern über drei und unter sieben Jahren. Berechnungen sind gewichtet. FRIE 2 D 7 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 5 is 1 kurs Kita-Nutzung und-Bedarf nach sozioökonomischen und-demogra-­ fischen Merkmalen des Haushalts für Kinder ab drei Jahren insgesamt insgesamt beide Eltern nicht erwerbstätig beide Eltern keine Akademiker_innen Haushalt armutsgefährdet alle 3 Merkmale Paarfamilie insgesamt beide Eltern nicht erwerbstätig beide Eltern keine Akademiker_innen Haushalt armutsgefährdet alle 3 Merkmale Alleinerziehende insgesamt beide Eltern nicht erwerbstätig beide Eltern keine Akademiker_innen Haushalt armutsgefährdet alle 3 Merkmale Deutsch insgesamt beide Eltern nicht erwerbstätig beide Eltern keine Akademiker_innen Haushalt armutsgefährdet alle 3 Merkmale andere Sprache insgesamt beide Eltern nicht erwerbstätig beide Eltern keine Akademiker_innen Haushalt armutsgefährdet alle 3 Merkmale Anteil in Prozent Nutzung ungedeckter Bedarf Abb. A.5 QQuueellllee:: eeiiggeennee BBeerreecchhnnuunnggeenn aauuff BBaassiiss vvoonn KKiiBBSS 22001188––22002200.. Anmerkung: Die Abbildung zeigt Mittelwerte dargestellt für unterschiedliche sozioökonomische und-demografische Merkmale und deren Kombinationen. Treten diese Merkmale gemeinsam auf, ist dies unter„alle 3 f Merkmale“ erfasst. Zudem wird nach Haushaltstyp und der im Haushalt überwiegend gesprochenen Sprache unterschieden. Angaben zu Familien mit Kindern über drei und unter sieben Jahren. Berechnungen sind gewichtet. N= 25.803 . 2582 F T R IT Ü E H L E D U IE N SE G R LE P I U C B H L H IK E A IT T E I N O N NOV K E T M OB B E E R R  2 2 0 0 2 2 1 3  F F E E S S d d i i s s k k u u r r s s Kita-Nutzung und-Bedarf nach Bundesland für Kinder zwischen zewinisucnhdenunetinerudnrdeiuJnatherrednr(eiinJParhorzeennt) Westdeutschland Bremen Nordrhein-Westfalen Saarland Rheinland-Pfalz Hessen Schleswig-Holstein Niedersachsen Baden-Württemberg Bayern Hamburg Ostdeutschland Berlin Bremen Brandenburg Nordrhein-Westfale Sachsen Saarland Sachsen-Anhalt Rheinland-Pfal Mecklenburg-Voorrppoommmmeerrn Hessen Thüringen Anteil in Prozent Abb. A.6 Nutzung Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. ungedeckter Bedarf Anmerkung: Dargestellt ist der Anteil an Kindern zwischen ein und unter drei Jahren mit ungedecktem Kita-Bedarf differenziert nach sBouzniodöekläonndoemrnis.cBhenrecuhnndu-ndgeemnosginradfigsecwheicnhMtete.rNkm=a2l5e.n74d6e.r Familie. Berechnungen sind gewichtet. N=25.746. FRIE 2 D 9 RICH-EBERT-STIFTUNG TITEL DIESER PUBLIKATION OKTOBER 2021 FES d 5 is 3 kurs Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten und im Erwerbsvolumen bei vollständiger Bedarfsdeckung nach Merkmalen – Szenario 1 Tab. A.1 Veränderungen in der Erwerbstätigenquote (in Prozentpunkten) Veränderungen im Erwerbsvolumen (in Stunden) insgesamt insgesamt 10,5 innerhalb von … 3 Mon. 6 Mon. 1 Jahr > = 2 Jahre 3,0 3,0 2,3 2,3 insgesamt 2,5 innerhalb von … 3 Mon. 6 Mon. 1 Jahr > = 2 Jahre 2,7 2,5 2,3 2,3 Bildungshintergrund kein Elternteil 11,9 3,3 3,1 2,0 2,8 2,8 3,0 2,7 2,7 2,8 abgeschlossenes Studium mind. ein Elternteil 9,5 3,3 2,9 1,9 2,1 2,4 2,5 2,3 2,1 2,0 abgeschlossenes Studium zu Hause gesprochene Sprache nicht Deutsch 22,2(4,8)(5,1)(5,8)(7,6) 5,6(5,7)(5,5)(5,6)(5,6) Deutsch 9,8 2,8 2,8 2,1 2,1 2,3 2,5 2,3 2,2 2,1 Armutsgefährdung armutsgefährdet 20,5 5,6 3,8 5,9 5,5 5,2 5,6 5,1 5,0 4,9 nicht armutsgefährdet 8,9 2,6 2,8 1,7 1,8 2,1 2,3 2,0 1,9 1,9 Haushaltstyp alleinerziehend 15,9(4,7)(3,4)(4,3)(4,0) 4,5(4,8)(4,0)(4,6)(4,5) Paarhaushalt 14,0 4,0 4,0 3,1 3,1 3,3 3,6 3,3 3,1 3,0 Quelle: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkungen: Die Veränderungen werden für Mütter mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren berechnet. Es wird angenommen, dass für jede Familie mit Betreuungsbedarf ein passender Kita-Platz geschaffen und damit der ungedeckte Bedarf für alle Kinder geschlossen werden kann(in Analogie zu Bach et al. 2020). Weiterhin wird angenommen, dass Mütter unter dieser Voraussetzung im berichteten Umfang eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Werte in Klammern sollten aufgrund geringer Fallzahlen(N< 50) mit Vorsicht interpretiert werden. Berechnungen sind gewichtet. 54 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs Veränderungen in den Erwerbstätigenquoten und im Erwerbsumfang bei vollständiger Bedarfsdeckung nach Merkmalen – Szenario 2 Tab. A.2 Veränderungen in der Erwerbstätigenquote (in Prozentpunkten) Veränderungen im Erwerbsvolumen (in Stunden) insgesamt insgesamt 7,3 innerhalb von … 3 Mon. 6 Mon. 1 Jahr > = 2 Jahre 2,0 2,0 1,6 1,6 insgesamt 1,7 innerhalb von … 3 Mon. 6 Mon. 1 Jahr > = 2 Jahre 1,9 1,7 1,7 1,7 Bildungshintergrund kein Elternteil 8,0 2,3 1,9 2,0 1,8 2,1 2,3 2,0 2,0 2,2 abgeschlossenes Studium mind. ein Elternteil 6,7 1,9 2,1 1,3 1,5 1,7 1,9 1,7 1,6 1,6 abgeschlossenes Studium zu Hause gesprochene Sprache nicht Deutsch 16,8(4,2)(4,0)(4,4)(4,7) 5,2(5,5)(5,0)(5,3)(5,1) Deutsch 6,7 1,9 1,9 1,4 1,5 1,7 1,9 1,7 1,6 1,7 Armutsgefährdung armutsgefährdet 14,8 4,0 2,4 4,5 4,0 4,4 4,6 4,4 4,2 5,0 nicht armutsgefährdet 6,1 1,7 2,0 1,1 1,2 1,5 1,7 1,5 1,5 1,4 Haushaltstyp alleinerziehend 10,7(2,8)(1,9)(3,2)(3,8) 3,7(3,9)(3,4)(3,5)(3,7) Paarhaushalt 7,1 2,0 2,0 1,5 1,6 1,8 2,0 1,8 1,7 1,7 QUELLE: eigene Berechnungen auf Basis von KiBS 2018–2020. Anmerkungen: Die Veränderungen werden für Mütter mit Kindern im Alter von ein bis unter drei Jahren berechnet. Es wird angenommen, dass für jede Familie mit Betreuungsbedarf, die mindestens einen Grund auf der Angebotsseite für eine Nichtnutzung berichtet, ein passender Kita-Platz geschaffen und damit der ungedeckte Bedarf für alle Kinder geschlossen werden kann(in Analogie zu Bach et al. 2020). Weiterhin wird angenommen, dass diese Mütter unter dieser Voraussetzung im berichteten Umfang eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Werte in Klammern sollten aufgrund geringer Fallzahlen(N<50) mit Vorsicht interpretiert werden. Berechnungen sind gewichtet. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 55 56 FRÜHE UNGLEICHHEITEN  NOVEMBER 2023  FES diskurs WEITERE VERÖFFENTLICHUNGEN Seiteneinstieg in den Schuldienst: Eine Übersicht im Vergleich der Bundesländer FES diskurs Juni 2023 Feministische Finanzpolitik – auch in Krisenzeiten ein blinder Fleck FES impuls Juni 2023 Fünf Stimmen zu feministischer Ökonomie und Finanzpolitik: Interviews mit Stefanie Bremer, Prof. Dr. Ulrike Knobloch, Patricia Cammarata, Ulrike Röhr und Dr. Katharina Mader Mai 2023 Mit Innovationen aus der Krise: Vorschläge zum lösungsorientierten Umgang mit dem Lehrkräftemangel FES impuls Mai 2023 Mindeststandards im Fach Mathematik: Ein Plädoyer für ihre Definition und ein Vorschlag für die Umsetzung FES impuls Februar 2023 Ausbildungsgarantie: Ein Instrument zur Fachkräftesicherung und gesellschaftlichen Integration junger Menschen FES diskurs Januar 2023 Ein guter Start für Teilhabe: Empfehlungen zur Ausgestaltung des Startchancen-Programms FES impuls November 2022 Reformvorschläge für die Ausgestaltung des Elterngeldes FES diskurs Mai 2022 Was brauchen Schulen in herausfordernden Lagen? Studie im Auftrag des Netzwerk Bildung FES diskurs März 2022 Sozialindizes für Schulen: Kommunale Perspektiven FES diskurs Oktober 2021 Lehren aus der Pandemie: Gleiche Chancen für alle Kinder und Jugendlichen sichern, Stellungnahme der Expert_innenkommission der Friedrich-EbertStiftung Januar 2021 Volltexte und weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.fes.de/publikationen Impressum © 2023 Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Godesberger Allee 149, 53175 Bonn Fax 0228 883 9205 www.fes.de/apb apb-publikation@fes.de Titelfoto:© picture alliance/ Ralf Kalytta/Shotshop| Ralf Kalytta Gestaltungskonzept: www.leitwerk.com Umsetzung / Satz: Bergsee, blau Druck: Druckerei Brandt GmbH, Bonn ISBN 978-3-98628-342-1 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-S­ tiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Der Ausbau der Kindertagesbetreuung(Kita) gilt als wichtige Maßnahme, um allen Kindern unabhängig von ihrem familialen Hintergrund gleiche Chancen auf eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Der Kita-Ausbau trägt außerdem dazu bei, die Erwerbstätigkeit von Eltern, insbesondere Müttern, zu fördern, das Familieneinkommen zu steigern und damit Kinderarmut und ihre negativen Konsequenzen auf die kindliche Entwicklung zu verringern. Doch trotz der Einführung des erweiterten Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz im Jahr 2013 gibt es nach wie vor große Unterschiede in der Kita-Nutzung nach familialen Merkmalen, sogenannte Kita-Gaps, die frühe Ungleichheiten verfestigen. Diese Studie stellt aktuelle Befunde zu Unterschieden in der Kita-Nutzung und den Kita-Bedarfen nach familialen Merkmalen dar. Sie untersucht, inwiefern Mütter durch ungedeckte Kita-Bedarfe ihre Erwerbsabsichten nicht realisieren können und welche Gründe hinter ungleichen Kita-Zugängen liegen. Abschließend werden zielgerichtete Maßnahmen vorgeschlagen, die Kita-Gaps verringern und so eine bessere Entfaltung von Bildungs- und Erwerbspotenzialen fördern könnten. ISBN 978-3-98628-342-1