A N A LY S E RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 Olga Gulina Oktober 2023 Die Emigration aus Russland nach Deutschland im 20. und im 21. Jahrhundert weist viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede auf. Die russischen Emigranten wiederholen im Jahre 2022 den Weg von denjenigen, die nach der Machtübernahme durch die Bolschewiken gezwungen waren, Russland zu verlassen. Genauso wie vor 100 Jah ren begeben sie sich nach Deutschland, um hier frei leben und arbeiten zu können. Die Zukunft der russischen Emigranten in Deutschland bleibt vage und unvorhersehbar, aber auch die Gegenwart ist schwierig. FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 INHALT Russische Emigration nach Deutschland: 1917-1924 vs. 2022 Olga Gulina............................................................... Vergangenheit. Alles wiederholt sich im Leben, auch die Emigration................ Gegenwart. Merkmale des Lebens in Emigration................................ Zukunft................................................................... Über die Autorin........................................................... 2 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 Olga Gulina Oktober 2023 VERGANGENHEIT. ALLES WIEDERHOLT SICH IM LEBEN, AUCH DIE EMIGRATION „BITTER WIE KARBIDSTAUB IST DIE BERLINER SCHWERMUT” 1 Wiktor Schklowski, 1923 Die Geschichte des Russischen Reiches hat eigene Mücken. Hundert Jahre später wiederholt sich die Geschichte und nimmt dabei neue Form und Gestalt an: Russische Emigranten der neuen Welle wollen genauso„ein anderes Russland“ 2 schaffen, das eigene„kleine Russland“ 3 , indem sie„das Moskau an der Spree“ 4 als „Stiefmutter unter den russischen Städten“ 5 beströmen und sich auf die Suche nach dem„neuen Mekka und neuem Babylon“ 6 auf den Straßen Europas begeben. 1937— 45.000 Menschen 8 . Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine versuchen die russischen Emigranten wieder in Deutschland Unterkunft zu finden. 2022 haben sich 290.615 Staatsbürger der Russischen Föderation in der BRD aufgehalten(22 055 mehr als 2021) 9 ; die meisten neuen Emigranten sind nach Berlin und in andere größere deutsche Städte gekommen. 6404 NEUE EINWOHNER MIT RUSSISCHEN PÄSSEN KAMEN 2022 IN DIE DEUTSCHE HAUPTSTADT; DIE MEISTEN EMIGRANTEN LIESSEN SICH IN BERLINER BEZIRKEN MARZAHN-HELLERSDORF, LICHTENBERG, SPANDAU, CHARLOTTENBURG-WILMERSDORF UND MITTE NIEDER 10 . Nach Einschätzung des Roten Kreuzes wohnten 19201937 einige Tausend russische Emigranten in Deutschland 7 : 1920 wohnten 560.000 Menschen mit„russischen“ Pässen in Deutschland; 1923 waren es 600.000, 1924— 500.000, 1928— 150.000, 1932— 60.000 und 1 Schkolwski, Wiktor. Zoo oder Briefe nicht über die Liebe. Der 30. Brief. Frankfurt am Main. 1. Aufgabe. 1923. 2 Raeff Mark. Russia Abroad. A Cultural History of the Russian Emigration, 1919-1939. Oxford University Press. 1990. 3 Ilya Ehrenburg, El Lissitzky. My Paris. Moi Parizh. Göttingen: Steidl. 2005. 4 Grigoriev, Maxim.(2023). Schlaflosigkeit der Emigranten. https://www. goethe.de/ins/se/de/kul/mag/20848408.html. Accessed on 15.2.2023. 5 Schlögel, Karl. Berlin.„Stiefmutter unter den russischen Städten“. In: ders.(Hrsg.): Der große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917 bis 1941. München 1994 6 Johnston, R.H. New Mecca, new Babylon. Paris and Russian Exiled 1920/1945. Kingston- Montreal. 1988. 7 Zum Vergleich: 1921 fanden rund 8.000 geflohene russische Soldaten und Zivilisten Unterkunft in Finnland, der ehemaligen Zarenkolonie des Russischen Reiches. S. 177./ Zwischen 1917 und 1929 wurden in den USA 101.661 russische Einwanderer registriert. S. 358-359/ In Frank reich wohnten in den 1930er Jahren rund 50.000 Russen, zwischen 1946 und 1951 waren es ca. 35.000 Personen mit russischer Herkunft. S. 260-278. Mehr dazu: Leinonen, Marja. Helsinki: die russische Emigration nach Finnland; Beyer Jr. Thomas. New York. Russen in der Neuen Welt; Robert H. Johnston: Paris. Die Hauptstadt der russischen Diaspora, in: Karl Schlögel(Hrsg.): Der große Exodus. Die russische Emigration und ihre Zentren 1917 bis 1941. München 1994. „... DIE MIETKOSTEN[IN BERLIN] SIND UNMENSCHLICH. MEINE LEBENSQUALITÄT SANK, DAS QUÄLT MICH EINIGERMASSEN, ABER DA ES VIELEN SCHLECHTER GEHT, STELLE ICH MICH NICHT AN” Befragter, 2022, 28 Jahre Genauso wie vor 100 Jahren, konnten einige Migranten des 21. Jahrhunderts Wohnungen in gutbürgerlichen und Hipster-Bezirken deutscher Städte mieten, während die anderen von einem Bekannten zu dem anderen pendeln mussten. 8 Dodenhoeft, Bettina Lasst mich nach Russland heim. Russische Emigranten in Deutschland von 1918 bis 1945. Band 5. Peter Land.1993. S. 10. 9 Destatis. Ausländische Bevölkerung nach ausgewählten Staatsangehörigkeiten von 2016 bis 2022. https://www.destatis.de/DE/Themen/ Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Tabellen/ rohdaten-auslaendische-bevoelkerung-zeitreihe.html 10 Einwohnerbestand in Berlin – Grunddaten.31.12.2022. https://www. statistik-berlin-brandenburg.de/a-i-5-hj 3 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 In Berlin[selber] war die Wohnungsnot laut der Mitteilung eines katholischen Vereins von 1929 wohl am größten. Es kam vor, dass mehrere russische Familien sich zusammentaten und kleine Wohnungen gemeinsam mieten…Noch schlimmer aber war das Leben in den sogenannten Nansen-Baracken, die vom Völkerbund für die Emigranten organisiert wurden 11 . 20222023 sieht die Situation mit der Wohnungssuche in Berlin kaum besser aus: Eine Wohnung zu finden und zu mieten ist eine komplizierte Aufgabe für einen Emigranten, ein Abenteuerspiel mit mehreren Unbekannten. Die Emigration aus Russland nach Deutschland im 20. und im 21. Jahrhundert weist viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede auf. Erstens streben sich die russischen Emigranten – genauso wie vor 100 Jahren – nach Deutschland, um frei leben und arbeiten zu können. Die„alten“ und die„neuen“ Emigranten standen und stehen weiterhin in Opposition zur amtierenden russischen Regierung. Zweitens werden deutsche Städte – heute genauso wie damals – zum Treffpunkt, wo„die vor kurzem aus Russland verbannten Emigranten den anderen[russischen] Emigranten begegnen“ 12 . GENAUSO WIE VOR 100 JAHREN BIETET DEUTSCHLAND EINE RELATIVE SICHERHEIT DEN„BESTEN KÖPFEN“ RUSSLANDS: DEN SCHRIFTSTELLERN, KÜNSTLERN, SCHAUSPIELERN, STUDIERENDEN UND OPPOSITIONELLEN POLITIKERN; SIE ALLE DÜRFEN SICH SOMIT AUSSER KONTROLLE DER RUSSISCHEN SICHERHEITSDIENSTE UND DES RUSSISCHEN STAATSAPPARATS IN DEUTSCHLAND AUFHALTEN. Es ist üblich, die russischen Emigranten des 20. Jahrhunderts in Deutschland in Gruppen einzuteilen: politische Emigranten, Vertreter der Militärelite und Soldaten der Zarenarmee, Vertreter der Zivilgesellschaft(die Emigranten, die Russland aus wirtschaftlichen Gründen verlassen haben 13 ) und russische Untertanen deutscher Herkunft 14 . Der Schriftsteller Lew Lunz, der 1923 aus Russland nach Berlin umgezogen ist, schrieb: 11 Zitat nach: Dodenhoeft, Bettina. Lasst mich nach Russland heim. Russische Emigranten in Deutschland von 1918 bis 1945. Band 5. Peter Land.1993. S. 13-14. 12 Williams, Robert C.“‘Changing Landmarks’ in Russian Berlin, 1922-1924.” Slavic Review 27, no. 4(1968): 582. https://doi. org/10.2307/2494440. 13 Volkmann Hans-Erich. Die russische Emigration in Deutschland 1919–1929, Würzburg.1966. 14 Nach der Oktoberrevolution 1917 haben rund 50.000 russische Untertanen deutscher Herkunft das neue Russland verlassen und sind nach Deutschland oder in andere westliche Länder umgezogen. Mehr dazu: Dahlman, Dittmar. Eine eigene Welt in der Fremde. Die russische Emigration in Berlin in 1917/1923, Essen. 2007. S. 11. „...DIE RUSSISCHEN EMIGRANTEN IN DEUTSCHLAND KANN MAN IN DREI GRUPPEN EINTEILEN. GRUPPE EINS: GESCHÄFTSLEUTE UND BÖRSENMÄNNER. SIE HABEN LÄNGST AUFGEHÖRT, SICH FÜR RUSSEN ZU HALTEN. DIE ZWEITE GRUPPE BILDEN DIE POLITEMIGRANTEN. DENEN IST DER WEG NACH RUSSLAND VERSPERRT, SIE WOLLEN ZURÜCK, ABER SIE DÜRFEN NICHT. UND DIE DRITTE GRUPPE: DIE INTELLEKTUELLEN, DIE KLASSISCHEN RUSSISCHEN INTELLEKTUELLEN. SIE VERZEHREN SICH IN DER SEHNSUCHT NACH IHRER HEIMAT, ALLES DEUTSCHE IST IHNEN ZUWIDER, VON DER SPRACHE BIS ZUR KÜCHE“ 15 Die russischen Emigranten in Deutschland von heute können auch in Gruppen eingeteilt werden: NGO-Mitarbeiter, Vertreter der LGBTQ-Gemeinschaft, Arbeitsmigranten und Geschäftsleute sowie Asylsuchende. „ICH VERSTEHE MEINEN STATUS EHER ALS „VORÜBERGEHEND AUF DIENSTREISE“.” Befragter, 2022, 44 Jahre Die Asylsuchenden aus Russland und Personen mit einer Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen (§22.2 AufenthG) bilden die zwei kleinsten Gruppen unter den im 21. Jh. aus Russland Ausgewanderten. Nach dem Stand vom 28. Februar 2023 wurden 34 Bürger der Russischen Föderation aus humanitären Gründen in Deutschland aufgenommen und haben eine entsprechende Aufenthaltserlaubnis erhalten (§22.2 AufenthG) 16 . 2022 wurden 3.862 Asylanträge aus Russland in Deutschland gestellt. Über den sogenannten Königsteiner Schlüssel 17 sind die meisten russischen Bürger in folgende Bundesländer zugewiesen worden: Nordrhein-Westfalen(544), Berlin (487) und Bayern(411). Die Aufnahmequote für Antragsteller aus Russland, vor allem für Männer im Alter zwischen 18 und 45 Jahren, ist minimal: lediglich 55 Asylanträge von russischen Staatsbürgern dieser Altersgruppe aus 2.485 sind genehmigt worden 18 . 15 Zitat nach: Schlögel, Karl.„Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941: Leben im europäischen Bürgerkrieg“. De Gruyter Akademie Forschung Verlag, 1995 16 Antwort des Bundesministeriums des Innern und für Heimat. 02. Mai 2023. 17 Der Königsteiner Schlüssel berücksichtigt den BIP, die Steuereinnahmen und die Bevölkerung des jeweiligen Bundeslandes. 18 RND.de. Seit Beginn des Krieges: Deutschland gewährt nur 55 russischen Deserteuren Asyl. 24.05.2023 https://www.rnd.de/politik/asyl-fu er-kriegsdienstverweigerer-aus-russland-deutschland-gewaehrt-nur55-maennern-schutz-XKF4SQJP35EATE5UYS3FDBCXUE.html 4 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 Tabelle 1. Verteilung der russischen Asylantragsteller in Deutschland, 2022 Bundesland Russische Bürger Baden-Württemberg 282 Bayern 411 Berlin 487 Brandenburg 253 Bremen 67 Hamburg 166 Hessen 298 Mecklenburg-Vorpommern 120 Niedersachsen 278 Nordrhein-Westfalen 544 Rheinland-Pfalz 185 Saarland 3 Sachsen 315 Sachsen-Anhalt 155 Schleswig-Holstein 191 Thüringen Quelle: BAMF, Antwort auf eine Nachfrage, 02.Mai 2023 107 Zwischen der russischen Emigration des 20. und des 21. Jahrhunderts gibt es auch einen großen Unterschied. Im 20. Jahrhundert sind meistens die Vertreter einer gewissen sozialen Schicht und politischen Formation ausgewandert, die die neue politische Ordnung im Sowjetrussland nicht akzeptieren konnten. Im 21. Jahrhundert wandern die Vertreter verschiedener sozialer, religiöser und politischer Schichten der russischen Gesellschaft aus. DIE RUSSISCHE EMIGRATION DES 20. JAHRHUNDERTS IN DEUTSCHLAND HATTE ÜBERWIEGEND EIN MÄNNLICHES GESICHT 19 , WÄHREND DIE NEUE EMIGRATION DES 21. JAHRHUNDERTS EHER EIN FRAUENGESICHT HAT. Vor 100 Jahren waren die Emigranten aus Russland von ganz anderen Motiven bewegt, als heute. Nach der Oktoberrevolution 1917 und dem Bürgerkrieg 1917-1922 wanderten die Russen wegen der„geän19 Budnizkij Oleg. Das andere Russland. Forschungen zur Geschichte der russischen Emigration. NLO. 2021; Raev Mark. Über die erste russische Emigration. Übersicht. 1985. Nr. 16. S. 29-33. A Cultural History of the Russian Emigration, 1919-1939 Die Unverheirateten... Sie mussten ihre Existenz neu aufbauen. Die Geburtsrate war in dieser Auswanderergruppe extrem niedrig. „... AUSBRUCH DES UKRAINE-KRIEGS, RÜCKGANG DER LEBENSQUALITÄT, FEHLENDE AUSSICHTEN, HOMOPHOBE GESETZE, WIRTSCHAFT, DE FACTO REISEVERBOTE, ALTERSDISKRIMINIERUNG. ES IST GRUSELIG, IN RUSSLAND ZU LEBEN UND ZU ALTERN.” Befragte, 2022, 38 Jahre derten Richtung der Geschichte“ aus, heute verlassen die Russen ihre Heimat wegen der„Agonie des Staates, in dem es keine Zukunft gibt“, so Dmitrij Bykow 20 . Es gibt einen weiteren wichtigen Unterschied: die Emigranten des 20. Jahrhunderts vereinten sich außerhalb Russlands und schlossen sich rund um die Institute der russischen orthodoxen Kirche im Ausland zusammen 21 . Wegen der Position der Russisch-Orthodoxen Kirche, die den Krieg in der Ukraine billigt 22 , distanzieren sich die Auswanderer des 21. Jahrhunderts von der Kirche und finden darin keinen Rückhalt. Die Emigranten des 20. Jahrhunderts und ihre gesellschaftspolitische Tätigkeit sowie ihre Überlegungen sind zum„Labor des Revolutions- und Oppositionsgedanken“ 23 Russlands geworden. DIE RUSSISCHEN EMIGRANTEN DES 20. JAHRHUNDERTS HABEN SICH VIEL ÜBER IHRE VERANTWORTUNG UND VERPFLICHTUNGEN„VOR DEM VATERLAND UND DEN ZEITGENOSSEN“ 24 ZUR„KONZIPIERUNG DER IDEOLOGIE DES KÜNFTIGEN RUSSLANDS“ AUSGETAUSCHT, DAS SICH„AUF LEIDENSCHAFTLICHEM SCHUTZ DER FREIHEIT“ 25 BASIEREN WÜRDE; SIE SAHEN SICH VERPFLICHTET, MEMOIREN ZU SCHREIBEN UND ZU VERÖFFENTLICHEN, UM DIE KOLLEKTIVE IDENTITÄT DER RUSSISCHEN EMIGRANTEN 20 Dmitrij BYKOW: Dud, Pewtschich, das Nördlichste Korea, die Briefe von Jaschin und der Fehler von Jawlinskij https://www.youtube.com/ watch?v=_4xSughJaUo 9:43 21 Metternich-Wassiltchikow, Tatiana. Mein ungewöhnliches Leben. München: Langen& Müller Verlag. 1991. 22 Maljutin, A. Die Kirche des Eisernen Kreuzes. 6. Januar 2023. https:// novayagazeta.eu/articles/2023/01/06/tserkov-zheleznogo-kresta? 23 Budnizkij Oleg. Ibid 24 Sazonov, Sergej. Sechs schwere Jahre. Berlin. Verlag für Kulturpolitik. 1927. Einführung des Autors. 25 Stepun Fedor. Die Aufgaben der Emigration. Novy Hrad. 1932. №2. http://www.odinblago.ru/noviy_grad/2/2 5 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 ZU BILDEN UND ZU FÖRDERN 26 , UND DAMIT „DIE GANZE EPOCHE NICHT IN VERGESSENHEIT GERIETE“ 27 . Die Wissenschaftler russischer Herkunft in der Emigration haben diese Aufgabe übernommen und zwischen 1921 und 1927 über 500 Studien zur Geschichte und zu aktuellen Ereignissen im Russland des 20. Jahrhunderts veröffentlicht 28 . 1917 wurden in Europa bereits 287 Zeitungen und Zeitschriften von russischen Politemigranten herausgegeben, davon 109 in Genf, 95 in Paris, 42 in London und 17 in Berlin 29 . In Paris wurde zwischen 1925 und 1940 die Zeitschrift„Put“(„Der Weg“) herausgegeben – das wichtigste Dokument seiner Epoche mit Schilderung der Gesinnungen russischer Emigranten des 20. Jahrhunderts, in dem in 15 Jahren nur 6 Artikel aus 606 auf Französisch verfasst worden sind 30 . Im Berlin der 1920er gab es 87 Verlage, die über 150 Zeitschriften und Jahrbücher auf Russisch veröffentlicht haben 31 . Das gesellschaftspolitische Leben der Emigranten des 21. Jahrhunderts ist sehr vielfältig, es gibt auch zahlreiche Publikationen: in Europa finden Konferen zen statt, es werden Erklärungen der demokratischen Kräfte Russlands[im Exil] unterzeichnet 32 , es entstehen Projekte und Initiativen zur Förderung und Relokation der neuen Emigranten. Inwieweit es den neuen russischen Emigranten des 21. Jahrhunderts gelingt, zum Zentrum der geistig-kulturellen Lebens und der gesellschaftspolitischen Ordnung des künftigen Russlands zu werden, steht noch offen; das werden wir erst später erfahren. GEGENWART. MERKMALE DES LEBENS IN EMIGRATION. „... ICH HABE ALLES VERLOREN, WAS ICH IM LAUFE MEINES LEBENS IN RUSSLAND VERDIENT UND AUFGEBAUT HABE; NUN LEBE ICH IM AUSLAND VON... PUBLIKATIONSHONORAREN” Iwan Bunin 33 Um eine Vorstellung von demografischen Werten, Wertorientierung und Lebenssituation der Emigranten des 21. Jahrhunderts zu gewinnen, wurde im Frühling 2023 eine Online-Umfrage unter denen gestartet, die Russland verlassen haben und durch des Schicksals Fügung in Deutschland gelandet sind. Die Besonderheit dieser Online-Umfrage – genauso wie aller anderen Umfragen im Internet – besteht darin, dass deren Ergebnisse nicht unbedingt die Grundgesamtheit der Meinungen von der Zielgruppe widerspiegeln. Methodologisch gesehen hatte die durchgeführte Umfrage eine relativ große Reichweite. Es gab immer eine Möglichkeit, den Ablauf der Datenerfassung zu kontrollieren und auf die Umfrageergebnisse schnell zugreifen zu können. Aus 131 Befragten waren 65 Personen(49,6%) weiblich, 64 Personen(48,85%) männlich; 2 Personen(1,53%) haben die Antwort„Sonstiges“ gewählt. Nicht jede(r) Grafik 2. Vor der Auswanderung wohnten Sie in Russland in einer 93,86% Millionenstadt 26 Weiss, Claudia. Das Russland zwischen den Zeilen: die russische Emigrantenpresse im Frankreich der 1920er Jahre und ihre Bedeutung für die Genese der„Zarubeznaja Rossija“. Hamburg. Doelling und Galitz. S. 15-16. 27 Kokowzow Wladimir. Aus meiner Vergangenheit. Erinnerungen. 19031919. https://bookchain.ai/read/kokovcov-vn/iz-moego-proshlogot-2/1071963 28 Ant. Florovsky.“The Work of Russian Émigrés in History(1921-27).” The Slavonic and East European Review 7, no. 19(1928): 216–19. http:// www.jstor.org/stable/4202257. 29 Budnizkij Oleg. Das andere Russland. Forschungen zur Geschichte der russischen Emigration. NLO. 2021. 30 Arjakovsky, A.; Ryan, J. The Way: Religious Thinkers of the Russian Emigration in Paris and Their Journal. 31 Marten-Finnis, Susanne.(2009).„Outsourcing Culture: Soviet and Émigré Publishing in Berlin, and A. E. Koganʹs Illustrated Magazine ‚Zhar-ptitsa‘, 1921–1926“. In: Presse und Stadt. Zusammenhänge – Diskurse – Thesen. Hgg. Marten-Finnis, Susanne und Winkler, Markus. Bremen: Édition lumière: 61-86 32 Declaration of Russia‘s Democratic Forces. Quoted from: Meduza. Russian opposition convenes in Berlin, signs joint declaration of political goals. Navalny’s Anti-Corruption Foundation abstains. 1. May 2023. https://meduza.io/en/news/2023/05/01/russian-opposition-convenesin-berlin-signs-joint-declaration-of-political-goals-navalny-s-anti-corruption-foundation-abstains Quelle: Online-Umfrage, Zoho platform 3,51% Stadt mit 250.000 1 Mio. Einwohnern 1,75% Stadt mit 100.000250.000 Einwohnern 0,88% Siedlung mit unter 10.000 Einwohnern 0,0% Stadt mit 50.00099.000 Einwohnern 0,0% Siedlung mit 10.00049.000 Einwohnern 33 In 33 Jahren in der Emigration hat Iwan Bunin den Nobelpreis erhalten und über 50 Bücher veröffentlicht, von denen 36 auf Russisch in Europa und in den USA und 15 weitere in den Verlagen der russischen Emigranten im Ausland erschienen sind. Mehr dazu: Abolina, Margarita. I. A. Bunin und die Verlagstätigkeit der russischen Emigration(1920–1955 Literaturnij fakt. 2019. Nr. 1(11). S. 234–253. 6 36,8% 43,0% 32,5% 26,3% FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 Beteiligte hat jede Frage beantwortet, deswegen können sich die Zahlen von Frage zu Fragen unterscheiden. Die absolute Zahl der Befragten beträgt 125 Personen. 97,6% der Befragten beherrschen Englisch gut genug, um in dieser Sprache kommunizieren, lesen und schreiben zu können; 27 Personen(21%) sprechen Deutsch. Außerdem können 7% der Befragten Französisch, 6,2% Spanisch, 1,5% Hochchinesisch und Tatarisch. Die meisten Befragten haben in Russland in Millionenstädten gewohnt(107 Personen oder 93,8%). Interessanterweise ist jede(r) zweite Befragte in einen EU-Mitgliedsstaat/ nach Deutschland über ein drittes Transitland umgezogen(Türkei, Georgien, Armenien, Usbekistan, Tadschikistan und andere) – im Transitland blieben die Befragten nicht länger als 30 Tage lang. Die Emigranten aus Russland von heute wandern in verschiedene deutsche Städte aus – Potsdam, Karlsruhe, Fürth und andere. Dabei spielt Berlin – ge nauso wie vor 100 Jahren – für 68,8% der Befragten eine besondere Rolle im Leben. ZU DREI WICHTIGSTEN BEWEGGRÜNDEN FÜR DIE AUSREISE ZÄHLEN DER AUSBRUCH DES UKRAINE-KRIEGS(86,8%), DIE VERSCHÄRFUNG DER STRAFGESETZGEBUNG UND/ODER VERFOLGUNGSGEFAHR FÜR DEN BEFRAGTEN UND/ODER FÜR SEINE FAMILIENMITGLIEDER(58,7%) SOWIE RÜCKGANG DER LEBENSQUALITÄT UND/ODER FEHLENDE AUSSICHTEN(55,3%). „ICH BIN MIR IMMER NOCH NICHT SICHER, DASS MEIN STATUS AUSGERECHNET ALS EMIGRATION ZU BEZEICHNEN IST. MAN MÖCHTE ES NICHT AKZEPTIEREN. UND ICH HABE KEINE GENAUE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT” Befragte, 2022, 40 Jahre FRAGTEN(51 VS. 52) HABEN ERKLÄRT, DASS SIE SPONTAN AUSGEREIST SIND(45,6%) VS. DASS SIE EINE AUSWANDERUNG AUF EINE FERNE, UNBESTIMMTE ZUKUNFT GEPLANT HABEN, DANN ABER GANZ PLÖTZLICH DAS LAND VERLASSEN MUSSTEN(44,7% DER BEFRAGTEN). „...[DAS] IST EINE SCHRECKLICHE ERFAHRUNG, EVENTUELL HÄTTE ICH LIEBER IN RUSSLAND BLEIBEN SOLLEN, SOGAR UNTER MOBILISIERUNGSGEFAHR” Befragter, 2022, spricht Englisch, arbeitssuchend, 28 Jahre Nur 14% der Befragten hatten die Möglichkeit, die Auswanderung aus der Russischen Föderation ausführlich durchzudenken, sich darauf vorzubereiten. DEMENTSPRECHEND HABEN 58,6% DER BEFRAGTEN VERZEICHNET, DASS IHR LEBENSNIVEAU IN DER EMIGRATION GESUNKEN IST. 17% DER BEFRAGTEN KONNT 93 E ,8 N 6% I M H ill R ionenstadt BISHERIGES LEBENS-/ WOHNUNGS-/ VERBRAUCHSNIVEAU BEIBEHALTEN. 3 8 ,5 % 1% D St E ad R t mit 250.000 BEFRAGTEN(9 PERSONEN) KONNTEN 1 M I i H o. R Einwohnern LEBENSNIVEAU VERBESSERN. 1,75% Stadt mit 100.000250.000 Einwohnern Einige Befragten(5 Personen) konnten diese Frage 0,88% Siedlung mit unter nicht eindeutig beantworten; Sie haben v 1 e 0 r .0 m 00 e Ei r n k wo t h , nern dass es finanziell gesehen schwerer fällt, in Deutsch 0,0% Stadt mit 50.000land zu leben, dafür„sei das Essen besser, 9 d 9.0 ie 00 E L in u w f o t hnern sauberer und das Leben ruhiger“. 0,0% Siedlung mit 10.00049.000 Einwohnern Grafik 3. Beantworten Sie aus ihrer persönlichen Wahrnehmung die folgenden Frage:„Für wie lange habe ich Russland verlassen?“ *Mehrere Antworten sind abhängig von der Lebens Als weitere Beweggründe für die Auswanderung wurden(der Häufigkeit nach) folgende Ursachen genannt: die Unmöglichkeit, wegen der verhängten Sanktionen in Russland zu leben und zu arbeiten, die Erklärung der(Teil-) Mobilisierung, Arbeitsangebote aus Deutschland, große Unsicherheit, fehlende Bereitschaft, Steuern[an den russischen Staat] zu zahlen und Mittäter zu sein. ALS INTERESSANT ERSCHEINEN DIE ANTWORTEN AUF DIE FRAGE ÜBER DIE NATUR DER EMIGRATION: VERGLEICHBAR VIELE BE36,8% 43,0% 32,5% 26,3% 17,5% Für immer, ich komme nie wieder zurück. Für eine längere Zeit, mindestens für 5 Jahre. Bis der Krieg endet. Temporär, weiß aber nicht genau für wie lange. Schwer zu sagen / weiß nicht. Quelle: Online-Umfrage, Zoho platform 7 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 Jede(r) dritte Befragte(36,8%) ist überzeugt, Russland für immer verlassen zu haben; jede(r) zweite(42,9%) ist überzeugt, für eine längere Zeit ausgewandert zu sein; jede(r) vierte(26,3%) hält die Ausreise aus Russland für einen temporären Schritt und jede(r) fünfte war um eine Antwort verlegen. Einige Befragten konnten keine Zeitrahmen für ihre Auswanderung setzen und wählten dafür die Formulierung„SPL: Solange Putin lebt“. Genauso wie vor 100 Jahren, wird die Emigration aus Russland von heute kaum unabänderlich sein und wird nicht unbedingt gut auskommen 34 . „... AUF DEM BERUFSWEG BIN ICH 6 JAHRE ZURÜCK GEWORFEN. ES IST UNWAHRSCHEINLICH, DASS ICH DIESEN RÜCKSTAND IN DER ZUKUNFT WIEDER AUFARBEITEN KANN” Befragter, 2022 DIE EMIGRANTEN VON HEUTE HOFFEN – GENAUSO WIE DIEJENIGEN, DIE VOM BOLSCHEWIKEN-REGIME GEFLOHEN SIND, DASS IHR AUFENTHALT IM AUSLAND IRGENDWANN ENDET, UND SIE WIEDER ZURÜCK IN DIE HEIMAT DÜRFEN. FÜR DIE MEISTEN VON IHNEN WIRD DIESE FLUCHT JAHRE UND JAHRZEHNTE DAUERN UND WIRD IM ENDEFFEKT ZUR EMIGRATION“ 35 . Die Stimmung unter den Migranten von heute ist unterschiedlich: während die einen sich über„die zweite Chance im Leben“ freuen und sich als Ziel setzen, „unbedingt hier, in Deutschland, glücklich zu werden“, sind die anderen nicht sicher, dass sie in Deutschland länger als 1 Jahr bleiben. Einigen fällt es schwer, mit dem Verlust des sozialen Status und des finanziellen Wohlstands klar zu kommen. Auf die Frage über den eigenen psycho-emotionellen Zustand während der Umfrage antworteten 35% der Befragten, dass„es gerade schwierig sei, aber man komme zurecht“; 33% der Befragten gaben zu, dass sie„Unterstützung von Verwandten und Freunden erhalten“; 15% der Befragten werden regelmäßig von Psychologen und anderen Fachleuten beraten und unterstützt. 34 Zwischen 1921 und 1931 kehrten über 181.000 russische Emigranten, die das Land nach der Oktoberrevolution 1917 verlassen haben, nach Sowjet-Russland zurück. 1921 wurde zum Höhepunkt: Es kehrten 121.843 ehemalige Emigranten zurück ins Land der Sowjets. Nach Angaben der Emigrantenverlage sind die meisten von ihnen verfolgt worden. S. dazu: Budnizkij Oleg. Das andere Russland. Forschungen zur Geschichte der russischen Emigration. NLO. 2021. 35 Dahlman, Dittmar. Eine eigene Welt in der Fremde. Die russische Emigration in Berlin in 1917/1923, in: XXXX. Essen. 2007. S. 64. „... NIE IM LEBEN HABE ICH SO VIELE PAPIERBRIEFE AUF DEUTSCH ERHALTEN, WIE IM ERSTEN JAHR MEINES LEBENS IN DEUTSCHLAND. DAS IST EIN RIESIGER STRESSFAKTOR IN MEINEM ALLTAG” Befragter, 2022, 36 Jahre DIE ZWEI GRÖSSTEN HERAUSFORDERUNGEN FÜR DIE EMIGRANTEN DES 21. JAHRHUNDERTS SIND DER PSYCHO-EMOTIONELLER ZUSTAND UND DIE NOTWENDIGKEIT, EIN NEUES LEBEN IN EINEM NEUEN LAND AUFBAUEN ZU MÜSSEN. 65% der Befragten können kein Deutsch und haben deswegen Schwierigkeiten in ihrem Alltag, 40% der Befragten suchen nach einer neuen Festanstellung und Einkommensquelle. Jedem zweiten Befragten fehlt es an der Kommunikation mit der Familie, mit den in Russland gebliebenen Verwandten(49%) und/ oder Freunden bzw. Gleichgesinnten. Nur 17 Befragte gaben an, keinerlei Schwierigkeiten in der Emigration zu haben. Ein weiteres Thema ist der Zugang zur medizinischen Versorgung. Obwohl über 70% der Befragten sich als gesund bezeichnen, braucht jede(r) Achte(17%) eine gesundheitliche Untersuchung bzw. Ärztehilfe und jede(r) Fünfte(21%) Rezepte vom Arzt für verschreibungspflichtige Medikamente. Jede(r) fünfte Befragte(21,6%) hängt in der Emigration von der finanziellen Unterstützung seiner/ ihrer Verwandten und/oder Freunde ab; jede(r) Vierte (24,3%) bekommt Stipendien, Zahlungen, nicht regelmäßige Einzahlungen/Honorare von Drittpersonen. Nur 65,7% der Befragten(73 Personen) konnten ihr regelmäßiges Arbeitseinkommen behalten. Die meisten Befragten(52 Personen) besaßen das deutsche Nationalvisum D und waren während der Online-Umfrage in Deutschland. Elf Befragte haben bereits ein vom deutschen/ europäischen Arbeitgeber ausge stelltes Aufenthaltstitel bekommen. Sieben Befragte sind nach Deutschland mit dem Schengen-Visum Typ C gekommen. Sieben weitere Personen haben ein Aufenthaltstitel gemäß dem§21 AufenthG als unternehmerisch und/oder selbständig Tätige erhal ten. Neun Befragte hatten humanitäre Gründe für den Aufenthalt in Deutschland(§22 AufenthG). Dabei hat jede(r) dritte Befragte(32,3%) betont, dass es einfacher und schneller war, ein legales Aufenthaltstitel in Deutschland zu beantragen und zu erhalten, als er/ sie es sich ursprünglich vorgestellt habe. 18% der Befragten haben den Abwicklungsprozess als zeitlich 8 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 und finanziell aufwändig und 15% der Befragten als schwierig bezeichnet. UNSERE ZEITGENOSSEN, DIE RUSSLAND NACH FEBRUAR 2022 VERLASSEN HABEN, SIND MIT GROSSEN SCHWIERIGKEITEN BEI DER LEGALISIERUNG IM AUSLAND KONFRONTIERT. „... DAS MITLEID UND VERSTÄNDNIS DER EUROPÄER SIND MOMENTAN FÜR DIE UKRAINER RESERVIERT, DIES IST DURCHAUS BEGRÜNDET UND VERSTÄNDLICH. ABER WAS BLEIBT UNSEREINEM?” Befragter, 2022, 36 Jahre Erstens gibt es nur wenige Förder- und Hilfsprogramme für die vom Krieg fliehenden Russen. Es gibt ein zelne Initiativen, aber ihre Möglichkeiten und Umfang sind verschwindend gering und meistens streng determiniert. Die russischen Emigranten von heute sind mit zahlreichen Schwierigkeiten in Deutschland konfrontiert, geben aber zu, es sei„Kollateralschaden“ verursacht durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zweitens muss jeder russische Emigrant tagtäglich mit zahlreichen komplexen Aufgaben zu tun haben und in diesem Zusammenhang unter Dauerstress stehen. Die Befragten setzen sich für die Frist von „... ICH WURDE VON EINEM BEAMTEN ANGESCHRIEN, WEIL ICH MEINE FRAGE NICHT AUF DEUTSCH FORMULIEREN KONNTE. ICH BIN DEUTSCHLAND FÜR DAS HUMANITÄRE VISUM DANKBAR, ABER MANCHMAL IST ES ÄUSSERST SCHWER ZU VERSTEHEN, WAS UND WIE GEMACHT WERDEN SOLL, WELCHE DOKUMENTE MAN FÜR WELCHE BEHÖRDE BENÖTIGT, WIE MAN AUS ZUFALL IRGENDEIN GESETZ NICHT VERLETZT. DESWEGEN FÜHLT MAN SICH NICHT VÖLLIG SICHER” Befragter, 2022, spricht Englisch, Spanisch und Portugiesisch, wohnt in Deutschland aus humanitären Gründen nach§22.2 AufenthG, 37 Jahre einem Jahr folgende große Schritte zur Aufgabe: Deutsch lernen(68%), eine Festanstellung und Einkommensquelle finden(42%), Freunde und Gleich gesinnte finden(38%), eine Wohnung mieten(24%), ein Studium und/oder Weiterbildungsprogramm be ginnen(16%), die Familie/den Lebenspartner nach ziehen lassen(11%). Zu anderen Herausforderungen des Emigrantenlebens gehören solche Aufgaben wie sich in Deutschland zu legalisieren, das Schengen-Visum Typ C in ein Aufenthaltstitel umzuwandeln, die Kinder in der Schule unterzubringen, verschiedene Dokumente neu abzufertigen, den deutschen Führerschein zu bekommen usw. Dabei hat jede(r) fünfte Befragte(19%) einen ganz einfachen Wunsch – zu überleben. Die Gefühle, Gedanken und Zweifel der Emigranten sind immer ähnlich. In seinem Buch„Im Reich der Schatten. Berlin 1921-1923“ schreibt Andrej Belyj über die Gründe, die ihn dazu bewegt haben, das Sowjet-Russland zu verlassen, erwähnt die katastrophale Situation mit den Lebensmittellieferungen, die zerstörten Kontakte mit Europa und fehlende normale Arbeitsbedingungen. Im„grauen[und] entsetzlichen“ Berlin wird Andrej Belyj viel und fruchtbar arbeiten können, er wird 16 Bücher vorbereiten und herausgeben. Aber 1923 wird er Berlin verlassen und in das Sowjet-Russland zurückkehren. Die Emigranten des 20. Jahrhunderts kehrten immer wieder in das Sowjet-Russland zurück: Sergei Prokofjew, Maxim Gorki, Alexander Kuprin und viele andere. „... IN RUSSLAND SIND MEINE FAMILIENANGEHÖRIGEN, VERWANDTEN UND FREUNDE GEBLIEBEN. HIER IST ES SCHWER, HIER MUSS MAN ALLES VON VORN ANFANGEN” Befragter, 2022, Selbständig, erwerbstätige Person, §21 AufenthG, 35 Jahre ES IST UNWAHRSCHEINLICH, DASS DIE EMIGRATIONSREISE FÜR DIE MEISTEN RUSSEN, DIE IHRE HEIMAT NACH DEM 24. FEBRUAR 2022 VERLASSEN HABEN, AUSGERECHNET IN DEUTSCHLAND ENDET. DIE RUSSISCHEN EMIGRANTEN DES 21. JAHRHUNDERTS WERDEN – GENAUSO WIE IHRE VORGÄNGER – NACH RUSSLAND ZURÜCKKEHREN: AUS PERSÖNLICHEN GRÜNDEN, WEGEN ZAHLREICHER SCHWIERIGKEITEN DES LEBENS IN EMIGRATION, WEGEN FEHLENDER DEUTSCHKENNTNISSE BZW. 9 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 WEGEN FEHLENDER FINANZIELLEN UND ZEITLICHEN KAPAZITÄTEN FÜR DEUTSCHLERNEN SOWIE WEGEN ZU WENIGER FÖRDERPROGRAMME FÜR DIE RUSSISCHEN EMIGRANTEN IM AUSLAND. „... ICH WILL DIE RUSSISCHE STAATSANGEHÖRIGKEIT NICHT VERLIEREN. SOLLTE DAS GESETZ ÜBER DIE DOPPELTE STAATSBÜRGERSCHAFT IN DEUTSCHLAND NICHT VERABSCHIEDET WERDEN, WERDE ICH HIER DEFINITIV NICHT BLEIBEN... ES GIBT VIELE LÄNDER, WO DOPPELTE STAATSBÜRGERSCHAFT ERLAUBT IST; ICH KANN MEINE VERWANDTEN UND DAS GESAMTE ERWORBENE VERMÖGEN NICHT EINFACH SO LASSEN” Befragte, 2022 ZUKUNFT Die Zukunft der russischen Emigranten des 21. Jahrhunderts in Deutschland ist nicht einfach und liegt in ihren eigenen Händen. Wer die in Emigration gesetzten Aufgaben meistert – eine interessante Arbeit findet, ein neues Studium oder Weiterbildungspro gramm beginnt, Deutsch lernt, einen Partner/ eine Partnerin findet, einen neuen Kreis von Freunden und Gleichgesinnten findet, wird höchstwahrscheinlich in Deutschland bleiben. Wer es nicht schafft, wird wohl Deutschland verlassen, nach Russland zurückkehren und ein ruhmloses Ende finden. 10 FES RUSSIA PROGRAMME – RUSSISCHE EMIGRATION NACH DEUTSCHLAND: 1917-1924 VS. 2022 ÜBER DIE AUTORIN Olga Gulina ist unabhängige Beraterin und Expertin für Migrationsmanagement und dessen Durchsetzung in europäischen Ländern. Sie promovierte in Migrationsstudien an der Universität Potsdam(2010) und in Rechtswissenschaften an der Staatlichen Universität Baschkirien(2002). LinkedIn https://www.linkedin.com/in/dr-olga-rgulina-49696984/ Twitter https://twitter.com/OlgaRGulina Facebook https://www.facebook.com/olga.r.gulina/ IMPRESSUM Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Deutschland www.russia.fes.de E-mail: info@fes-russia.org Herausgebende Abteilung: Department/division Internationale Zusammenarbeit, Russlandprogramm der FES Inhaltliche Verantwortung und Redaktion: Alexey Yusupov Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. © 2023 11 ZUSAMMENFASSUNG Genauso wie vor 100 Jahren bietet Deutschland eine relative Sicherheit den„besten Köpfen“ Russlands: den Schriftstellern, Künstlern, Schauspielern, Studierenden und oppositionellen Politikern. Sie alle dürfen sich somit außer Kontrolle der russischen Sicherheitsdienste und des russischen Staatsapparats in Deutschland aufhalten. Es ist unwahrscheinlich, dass die Emigrationsreise für die meisten russischen Auswanderer von heute ausgerechnet in Deutschland endet. Viele werden nach Russland zurückkehren: aus persönlichen Gründen, wegen zahlreicher Schwierigkeiten des Lebens in Emigration, wegen fehlender Deutschkenntnisse oder wegen zu weniger Förderprogramme für die russischen Emigranten im Ausland. Laut der Online-Umfrage haben mehr als die Hälfte der Befragten verzeichnet, dass ihr Lebensniveau in der Emigration gesunken sei. Jeder zweite Befragte konnte sein bisheriges Verbrauchsniveau behalten, nur wenige konnten ihr Lebens- und Verbrauchsniveau verbessern. Die größten Herausforderungen für die Emigranten des 21. Jahrhunderts sind der psycho-emotioneller Zustand und die Notwendigkeit, ein neues Leben in einem neuen Land aufbauen zu müssen. Während die einen sich über„die zweite Chance im Leben“ freuen und sich als Ziel setzen,„unbedingt hier, in Deutschland, glücklich zu werden“, sind die anderen nicht sicher, dass sie in Deutschland länger als 1 Jahr bleiben. Einigen fällt es schwer, mit dem Verlust des sozialen Status und des finanziellen Wohl stands klar zu kommen. Die Zukunft der russischen Emigranten des 21. Jahrhunderts in Deutschland ist nicht einfach und liegt in ihren eigenen Händen. Wer die in Emigration gesetzten Aufgaben meistert – eine interessante Arbeit findet, ein neues Studium oder Weiterbildungsprogramm beginnt, Deutsch lernt, einen Partner/ eine Partnerin findet, einen neuen Kreis von Freunden und Gleichgesinnten findet, wird höchstwahrscheinlich in Deutschland bleiben. Wer es nicht schafft, wird wohl Deutschland verlassen, nach Russland zurückkehren und ein ruhmloses Ende finden.