POLICY PAPER Zur Notwendigkeit einer geschlechtergerechten Transformationsfolgenabschätzung und Erarbeitung eines praxisorientierten Rahmenmodells„Schema F“ Julia Gabler , Hochschule Zittau Görlitz 1 EINGÄNGIG: FEMINISMUS IST HILFREICH! Um die gegenwärtigen Krisen und Transformationsherausforderungen angemessen adressieren zu können, wird in den letzten Jahren zunehmend auf feministische Positionen rekurriert. Mit einer geschlechtergerechten Politik, so die These, können notwendige Innovationsprozesse, systemische Komplexität und soziale Gerechtigkeit gleichzeitig berücksichtigt werden. Damit verbunden ist, nicht nur eine theoretisch-konzeptionelle Verschiebung des „mindset“, sondern auch eine praktisch-prozedurale Erneuerung gesellschaftlicher Problemwahrnehmungen und deren Bearbeitung. Strukturwandelregionen sind günstige Gelegenheiten – windows of opportunity, um politische und gesellschaftliche Gestaltungsprozesse unter Beteiligung vielfältiger Akteure daraufhin zu untersuchen, wie diese programmatische Ankündigungen realisiert werden und durch wen sie umgesetzt werden können. Wo findet sich das Thema Gleichstellung wieder? Wer ist Akteur im zivilgesellschaftlichen Beteiligungsprozesse? Ist sie stringentes Querschnittsthema oder systematisch in der Architektur förderpolitischer Entscheidungsprozesse eingebettet? Wer gestaltet geschlechterpolitische Folgenabschätzung in Mehrebenenstrukturen und(wie) sind sie miteinander verbunden? Wie kann eine gesellschaftliche Architektur für einen feministischen Strukturwandel aussehen? 2 SPERRIG: FRAUEN IM STRUKTURWANDEL DER LAUSITZ Mit Blick auf den Kohleausstieg als politisches Projekt der Gestaltung der Energiewende ist die Berücksichtigung und Beteiligung von Frauen zentral(im Folgenden siehe auch(Gabler, Schönfelder 2023). Warum? Die statistisch auffällige alters- und geschlechtsspezifische Mobilität ist durch viel Forschung und Datenanalyse seit fast 20 Jahren dokumentiert. Neben den im Lausitzer Revier bedenkenswerten Abwanderungsdynamiken junger, gut ausgebildeter Frauen ist ihr Engagement in den gesellschaftspolitischen Feldern Nachhaltigkeit und Klimawandel ⟶ sowie erneuerbare Energien wiederum bemerkenswert. Als aktive Akteurinnen fordern sie Teilhabe ein und betonen jene Praktiken, die über die wirtschaftstechnologischen Folgen hinaus gesellschafts- und bildungspolitische, wissenschaftliche wie alltagsweltliche, regionale wie europäische Ebenen adressieren. Damit sind sie zentrale Akteurinnen des Wandels und Frauen als Regionalentwicklerinnen in der sozial-ökologischen Transformation notwendig. Die Kernthemen, in denen Frauen zum regionalen Strukturwandel der Lausitz beitragen, sind: a. Regionales und nachhaltiges Wirtschaften sowie sozialökologische Experimentierfreude(nachhaltige Innovationen) b. Wiedergewinnen von sozialem Vertrauen und Gemeinschaften(sozialer Zusammenhalt) c. Neue Allianzen von Akteuren und Wissensaustausch zum„WIE“ gelingender Transformation in und über die Region hinaus(Kompetenzen, Kooperationen/Ko-Kreationen, Kommunikation und Konfliktfähigkeit) d. Politisches Engagement und Interessensorganisation in interdisziplinären und intersektoralen Handlungsfeldern(gesellschaftliche Innovationen) e. Politische und praktische Bildung für nachhaltige Entwicklung Im Verständnis dieser Aktivitätsfelder wird Chancengleichheit nicht als add-on-Praktik oder Politik adressiert. Geschlechtergerechtigkeit ist keine zusätzlich zu berücksichtigende Dimension, sondern die kleinteilige, schrittweise und mühsame – gleichwohl ergiebige – Arbeit, die„from within“ geleistet werden muss, um Paradigmen zu verändern. Regionalentwicklung ist DAS entscheidende Handlungsfeld zur Beförderung der großen Transformation und Frauen sind hier zentrale Akteurinnen in der Lausitz. Die Plattform F wie Kraft-Frauen.Leben.Lausitz zeigt diese „harte Arbeit“ für„weiche Standortfaktoren“. Wir forschen partnerschaftlich und entwickeln unermüdlich Allianzen im Strukturwandel(Gabler et al. 2017). 3 SCHEMA F: FEMINISTISCHER STRUKTURWANDEL FUNKTIONIERT ÜBERALL! → Was kann aus diesen regionalen Erfahrungen für andere Strukturwandelprozesse abgeleitet werden? → Was braucht eine wirkungsvolle Strukturpolitik? → Wie können Akteure identifiziert, Arenen ko-kreiert und Verfahren institutionalisiert werden, damit ein nachhaltiger regional verankerter Strukturwandel möglich ist? → Welche prototypischen Schritte und Verfahren helfen, um die Aufmerksamkeit und Wirkung für regionale Wandlungsprozesse zu erhöhen?! Diesen Fragen soll entlang vergleichbarer regionaler Strukturwandelkulissen nachgegangen und im Rahmen von Stakeholfer-Workshops diskutiert werden. Julia Gabler ist seit 2020 im Masterstudiengang Management Sozialen Wandels an der Hochschule Zittau/Görlitz tätig und leitet seit 2022 das TRAWOS-Institut für Transformation, Wohnen und soziale Raumentwicklung. Sie forscht seit 2015 zu Verbleibchancen qualifizierter Frauen im ländlichen Raum und entwickelte aus der Forschung die Plattform F wie Kraft – Frauen. Leben.Lausitz. Gemeinsam mit der damaligen Gleichstellungsbeauftragten für den Landkreis Görlitz, Ines Fabisch, entstanden im Umfeld der Plattform verschiedene(digitale und analoge) Formate zur Ansprache und Implementierung geschlechtersensibler Regional- und Strukturentwicklung(seit 2016). Mit dem Kohleausstieg und dem Strukturwandel in der Lausitz arbeiten sie und ihre Kollegys am TRAWOS-Institut zu Geschlechterperspektiven im Strukturwandel. 2020 initiierten und begleiteten sie die Gründung eines Bündnisses der kommunaler Gleichstellungsbeauftragten in der Lausitz. Zuletzt konnte sich das Bündnis mit einem Positionspapier(2021/23) und der Konferenz:„Struktur wandel dich – Struktur wir wandeln dich“(2022) als Akteur im Strukturwandel positionieren. Im Oktober 2023 begleitete sie das Lausitzer Bündnis der Kommunalen Gleichstellungsbeauftragten nach Brüssel. Gemeinsam wollen sie mit europäischen Partner*innen zur der Umsetzung der EU-Gleichstellungscharta in Strukturwandelregionen und zur Klimagerechtigkeit und Geschlechtergleichstellung in der EU-Transition-Policy(climate justice and gender equality in EU’s transition policy) vor dem Hintergrund regionaler Herausforderungen ins Gespräch kommen. Im Fokus steht die Frage wie gerechte Transformation wirkungsvoll befördert und ermöglicht werden kann. IMPRESSUM Autorin: Julia Gabler Herausgeberinnen: Dr. Stefanie Elies(Referatsleiterin DGI) und Prof. Dr. Ursula Bitzegeio(Fachreferentin DGI) i. A. der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Verantwortlich: Referat Demokratie, Gesellschaft& Innovation (DGI), Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin www.fes.de/dgi Gestaltung& Satz: Typografie/im/Kontext Berlin © Friedrich-Ebert-Stiftung Dezember 2023 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nichtgestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-­ Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. 2