Aiko Wagner Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb AUF EINEN BLICK Die aus dem Bündnis Sahra Wagenknecht entstehende Partei wird nach gegenwärtigem Kenntnisstand eine links-autoritäre, populistische Partei sein. Untersuchungen von Personen-, Positionsund Populismuseffekten auf die potenzielle Unterstützung einer solchen Partei legen den Schluss nahe, dass diese vor allem eine Konkurrenz für die AfD und, in weitaus geringerem Maße, für die Linke darstellen wird. Allerdings verändert sich durch die neue Partei auch das deutsche Parteiensystem in Richtung eines potenziell destabilisierenden Polarisierten Pluralismus. beantworten, liegt in Bevölkerungsumfragen. Wahlberechtigte werden einerseits gefragt, welche Partei sie bisher gewählt haben und andererseits, ob sie vorhaben, für die BSW zu stimmen. Das somit ermittelte Wähler:innenpotenzial lag bislang, je nach Umfrage, zwischen 12 und 27 Prozent(im letzten Politbarometer etwa 13 Prozent; FGW 2023). Da wir(auch) im aktuellen deutschen Parteiensystem eine hohe Volatilität und häufige Wechselwahl beobachten, wollen wir hier versuchen zu verstehen, wie diese potenziellen Parteipräferenzen zustande kommen können. Dazu schauen wir auf drei„P“ der Wahl- und Parteienforschung: die Person, die Programmatik bzw. politische Positionen und den Populismus. 1. EINLEITUNG Bis Mitte Oktober 2023 hätte die politische Folklore nahegelegt, einen Aufsatz über die BSW mit dem Satz„Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst der Sahra Wagenknecht“ zu beginnen. Seitdem wissen wir, dass es sich nicht um ein Gespenst, sondern tatsächlich um eine geplante Partein­ eugründung der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden der Partei Die Linke handelt. Am 26. September als Verein„BSW – Für Vernunft und Gerechtigkeit e. V.“ gegründet, soll das„Bündnis Sahra Wagenknecht“ eine neue Partei in der Bundesrepublik vorbereiten. 1 Gründungen von Parteien, die für den politischen Wettbewerb von Bedeutung werden, sind in Deutschland selten. Zuletzt ist es vor allem der Piratenpartei und der AfD gelungen, wenngleich im ersten Fall nur für kurze Zeit mit politischem Erfolg. Die bereits bestehenden Parteien blicken natürlich mit Interesse auf neue Parteien, stellen sie doch Konkurrentinnen und/oder potenzielle Partnerinnen dar. Daher liegt die Frage nahe, für wen die BSW eine Konkurrenz sein könnte. Ein direkter Weg, diese Frage zu 2. PERSONENEFFEKTE Sahra Wagenknecht – ob als offizielle Parteivorsitzende oder nicht – ist natürlich die bestimmende Figur der BSW. Sie gilt als hervorragende Rednerin, als charismatische Politikerin und trotz ihrer Jahrzehnte in der Politik als schlagfertige ­„Außenseiterin im Establishment“(Nachtwey 2023). Dass ihre Zustimmungswerte im Mittel eher gering sind(FGW 2023), liegt daran, dass sie sowohl sehr ablehnenden Bewertungen erfährt als auch eine Fangemeinde hat. Die Studie von Sarah Wagner und Kollegen(2023) zeigte, dass im November 2022 über 50 Prozent der AfDWähler:innen Wagenknecht positiv und besser als ihre ­damalige Partei, Die Linke, bewerten. Eine Umfrage von Kantar für den Focus aus dem März 2023 kam sogar auf 60 Prozent Zustimmung von AfD-Wählenden(Focus 2023). Über Platz zwei besteht Uneinigkeit: während der Focus berichtet, dass 50 Prozent der Linken-Wähler:innen sich für Wagenknecht erwärmen könnten, sind es bei Wagner et al. nur 25 Prozent. Bei allen anderen Parteianhänger:innen sowie den Nichtwähler:innen sind es 20 bis 30 Prozent, die Wagenknecht positiv und positiver als Die Linke bewerten, mit Ausnahme der Grünen-Wähler:innen – hier sind es nur Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 1 knapp 15 Prozent(Wagner et al. 2023). ­Offenbar kommt die Gallionsfigur und Namensgeberin der BSW bei bisher dem Rechtspopulismus nahestehenden ­Wähler:innen besonders gut an. 3. POSITIONSEFFEKTE Zur Beschreibung inhaltlicher Positionen von Parteien und Wähler:innen hat sich in der Forschung das Bild eines zweidimensionalen Raums etabliert: Zu einer sozioökonomischen Dimension, in der es um Fragen von Sozialstaatlichkeit, Umverteilung, und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft geht, kommt eine soziokulturelle Dimension. Hier werden Fragen gesellschaftspolitischer Liberalität, kultureller Identität, des(Inter-)Nationalismus aber auch der Ökologie thematisiert(Hooghe und Marks 2018). Diese Dimension mit den Polen progressiv vs. konservativ oder GAL(grün-alternativ-libertär) vs. TAN(traditionellautoritär-national) wird rechtwinklig zur klassischen sozioökonomischen Rechts-Links-Dimension modelliert. Die Programmatik der BSW einzuschätzen und die Position der zukünftigen Partei zu ermitteln, ist aufgrund der Nichtexistenz eines Wahl- oder Parteiprogramms schwierig. Präzise Analysen auf Basis des Gründungsmanifests (https://buendnis-sahra-wagenknecht.de/bsw/), sind kaum möglich bzw. mindestes unsicher. 2 Was konkrete programmatische Realität der BSW wird, muss also abgewartet werden. Viele Beobachter:innen neigen momentan zur Beschreibung als sog. links-autoritäre Partei(zu diesem Begriff vgl. Hillen und Steiner 2020), d.h. als sozioökonomische linke und soziokulturell rechte Partei. Wagenknechts Äußerungen gegen„gut situierte Großstadt-Akademiker“, die eine„links­liberale Hypermoral“ durchsetzten, zur „selbstgefälligen Art der tonangebenden Eliten in Politik und Medien“ und zum Gendersternchen, unterstützen diese Einschätzung ebenso wie ihre Aussagen über gefühlte kulturelle Entfremdung und die Problematisierung materieller Ungleichheiten(Stern 2023). Auch Analysen ihres Buches„Die Selbstgerechten“ kommen zu einem ähnlichen Schluss(vgl. z.B. Braband 2023, Pausch 2023). Der Politikwissenschaftler Uwe Jun brachte dies auf die Formel:„für Umverteilung – aber skeptisch in Sachen Migration, beim Klimaschutz und gegenüber kulturellen Minderheiten“ (Jahn 2023). Auf dieser Grundlage kann die BSW in dem angesprochenen Koordinatensystem verortet werden. Für wen stellt die BSW damit nun eine Konkurrenz dar? Aus der Logik politischer Positionen und räumlicher Nähe konkurrieren Parteien um die Wähler:innen, die im Politikraum zwischen ihnen positioniert sind bzw. neigen Wähler:innen Parteien dann zu, wenn sie ähnliche Positionen aufweisen. Die Wähler:innenpotenziale welcher anderer Parteien sind ebenfalls im links-autoritären Quadranten verortet? Natürlich verteilen sich die Potenziale der Parteien über mehrere Quadranten. Die meisten Parteien haben jedoch klar zu erkennende positionelle Profile, weshalb sich überproportional viele potenzielle Wähler:innen in einem oder zwei Quadraten verorten lassen. Wenn sich viele potenzielle Wähler:innen einer Partei 3 im links-autoritären Quadranten befinden, ist die Konkurrenz durch die BSW für diese Partei größer. Um diese Frage zu beantworten, werden Daten des FES-Projekts„Kartografie der Arbeiter:innenklasse“(Veröffentlichung 2024) verwendet. Darin wurden Bürger:innen u.a. nach ihren Einstellungen zu verschiedenen Themen, die jeweils sozioökonomische und soziokulturelle Dimension berühren, befragt. 4 In Abbildung 1 sind die mittleren Positionen der Parteiwähler:innen dargestellt. Nah am progressiven Pol finden sich die Grünen, etwas zentristischer die SPD und weiter links die Wähler:innen von Die Linke. Mitte-rechts befinden Positionen der Parteiwähler:innen und der BSW CDU/CSU Bündnis 90/Die Grünen SPD AfD Die Linke FDP progressiv Abb. 1 BSW? soziokulturelle Achse konservativ QUELLE: Kartografie der Arbeiter:innenklasse links sozioökonomische Achse rechts Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 2 sich die mittleren Wähler:innenpositionen von CDU/CSU und FDP. Dem konservativen Pol am nächsten sind die Wähler:innen der AfD. 5 Die BSW, für die noch keine ­Wähler:innenpositionen vorliegen können, wurde entsprechend der oben dargelegten Überlegungen konserva­tiver als die linken Parteien und links von rechten Parteien eingezeichnet. Abbildung 2 gibt Aufschluss über den Anteil des Wähler:innenpotenzials der etablierten Parteien im linksautori­tären Quadranten. Insgesamt befinden sich knapp 25 Prozent aller Befragten in diesem Raumviertel. 6 Über die Parteipotenziale hinweg zeigen sich aber deutliche Unterschiede, die sich zumeist auch mit der räumlichen Logik des Wettbewerbs in Einklang bringen lassen. Mit über 43 Prozent kann ein großer Teil des AfD-Potenzials als links-autoritär gelten. Für die Linke(23 Prozent), CDU/ CSU(22 Prozent), FDP(18 Prozent) und SPD(18 Prozent) liegen die Werte bereits unterhalb der 25 Prozent-Marke. Zuletzt sind es nur etwa neun Prozent der potenziellen Grünen-Wähler:innen, die im selben Quadranten wie die BSW zu verorten sind. Während die höheren FDP-Werte aus Sicht der rein räumlichen Logik überraschen, entsprechen die niedrigen Werte für die Grünen sowie die hohen AfD-Werte den Erwartungen. Die Parteipotenzialanalysen zeigen die größten inhaltlichen Übereinstimmungen zwischen den potentiellen Wähler:innen der AfD und der BSW, welche nach positioneller Logik damit zuvorderst eine Konkurrentin für die Rechtspopulist:innen wäre. 4. POPULISMUSEFFEKTE Auch aufgrund der oben erwähnten Anti-Establishment-­ Ressentiments wird die BSW als populistische Partei antizipiert(z.B. Kuhn 2023). Populismus wird hier nicht z.B. als Kommunikationsstil, sondern als eine sog.„dünne Ideologie“ verstanden, die sich vor allem durch einen Antagonismus zwischen dem Volk und den politischen Eliten auszeichnet:„Populisten appellieren an die ungeteilte Souveränität des Volkes, die sie durch die als größtenteils korrumpiert verstandenen politischen Eliten in repräsentativen Demokratien bedroht sehen“(Lewandowsky et al. 2016: 250). Populistische Einstellungen können auf der Seite der Bevölkerung gemessen werden über die Zustimmung zu Aussagen wie„Was in der Politik Kompromiss genannt wird, ist in Wirklichkeit nur ein Verrat von Prinzipien“ und„Die politischen Unterschiede zwischen Eliten und dem Volk sind größer als die Unterschiede innerhalb des Volkes“. 7 Außerdem kann auch der Grad des Populismus von Parteien ermittelt werden. Für Deutschland zeigt sich hier stets, dass die AfD die mit Abstand populistischste Partei ist, gefolgt von der Linken, und die anderen Parteien im Bundestag folgen nach einem wie­derum einem großen Abstand. Wichtig ist nun, dass diese populistischen Einstellungen und populistische Parteien zueinander finden. So wie Wähler:innen mit linken Positionen auf der sozio­ ökonomischen Achse mit höherer Wahrscheinlichkeit für die SPD als für die FDP votieren, so wählen Personen mit starken populistischen Einstellungen mit höherer Wahrscheinlichkeit die AfD. Mehr noch: Diese Populismus-­ Dimension ist sogar wichtiger als die beiden Positionsdimensionen aus Abbildung 1(vgl. Wagner und Lichteblau Anteil der potenziellen Parteiwähler:innen im links-autoritären Quadranten Angaben in Prozent Abb. 2 AfD 43,3 Linke 23,4 CDU/CSU 21,5 FDP 18,1 SPD 17,5 Grüne 9,1 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 QUELLE: Kartografie der Arbeiter:innenklasse Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 3 2022). Daher ist auch die Wechselwahl(absicht) zwischen ähnlich(nicht-)populistischen Parteien höher. Wenn die BSW also eher populistisch eingestellte Bürger:innen anspricht, wären diese vor allem im AfD-Potenzial und erst in zweiter Linie im Linken-Potenzial verortet. 5. ZUSAMMENFASSUNG UND ­IMPLIKATIONEN Die Ergebnisse dieser Kurzanalyse der Konkurrenz entlang von Person, Position und Populismus ergibt zusammengenommen, dass die BSW in erster Linie eine Konkurrenz für die AfD darstellen sollte. Dies gilt unter den Voraussetzungen, dass Sahra Wagenknecht eine sehr prominente Rolle einnehmen und als Gesicht der Partei wirken und dass die BSW den Weg einer links-autoritär populistischen Partei gehen wird. Dann wirken sowohl Person, als auch Position und ­Populismus am stärksten anziehend auf gegenwärtige und ­potenzielle AfD-Wähler:innen. Nach diesen Überlegungen gilt zugleich, dass die BSW eine noch immer spürbare, aber weniger starke elektorale Konkurrenz für Die Linke sein wird. Allerdings ist bei einer Partei wie Die Linke, die gegenwärtig nicht nur auf Bundesebene um die kritischen fünf Prozent kämpft, sondern sogar in vielen ostdeutschen Bundesländern unter der Zehn-Prozent-Marke liegt, jede Konkurrenz ungleich bedrohlicher. Für alle anderen Parteien sollte die BSW keine substanzielle Konkurrenz im Sinne elektoraler Bedrohung darstellen: Soweit der Wettbewerb entlang der drei„P“ strukturiert ist, sollten Abwanderungen von SPD, CDU/CSU, FDP und Grünen nur im niedrigen Prozentpunktbereich stattfinden. Nach dem langen Höhenflug würden Umfrage- und Wahlverluste sicherlich der AfD und insbesondere ihrer Geschlossenheit abträglich sein. Welche weiteren indirekten Wirkungen und Kräfteverschiebungen der Parteien sich durch die Etablierung einer BSW und den folgenden Kettenreaktionen ergeben können, ist aber nicht klar abzusehen. Zwei konkrete Folgen einer Etablierung der BSW für das Parteiensystem sind aber recht wahrscheinlich. Als kurzfristige Folge ist insbesondere für die drei Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen keine einfachere Mehrheitsbildung zu erwarten. Selbst wenn die BSW vor allem Stimmenanteile von AfD und Die Linke erhielte, würde die Bildung parlamentarischer Mehrheiten weiterhin schwierig. In dem Maße, wie es der BSW gelingt, auch Wähler:innen von den anderen Parteien zu gewinnen und/oder Nichtwähler:innen zu mobilisieren, steigt diese Schwierigkeit noch an. Die Debatten um Minderheitsregierungen und Brandmauern werden vor diesem Hintergrund noch an Bedeutung gewinnen. Möglicherweise nochmals problematischer ist eine längerfristige Folge der Etablierung der BSW. Der Journalist Bernd Ulrich(2023) fragte im September mit Blick auf Sahra Wagenknecht:„Was bei ihr ankommt, muss woanders weggelaufen sein. Wird das politische Zentrum der Republik zentrifugal?“ In politikwissenschaftlichen Typologien ausgedrückt, steht dahinter die Vermutung, dass sich das Parteiensystem in der Bundesrepublik in Richtung eines Polarisierten Pluralismus entwickeln könnte. Diesen Parteiensystemtyp hatte der Politikwissenschaftler Giovanni Sartori(1976) auf Grundlage der Erfahrungen u.a. der Vierten Französischen Republik und der Weimarer Republik entwickelt. Er ist vor allem durch die Existenz zweier relevanter Parteien gekennzeichnet, die auch und insbesondere aufgrund von Entfremdungsgefühlen Stimmen gewinnen, die die Legitimität des politischen Systems infrage stellen und die zugleich den unterschiedlichen ideologischen Polen zugerechnet werden können. Die Regierungsparteien der Mitte sehen sich dann einer bilateralen Opposition gegenüber, die sich – selbst frei von Regierungsverantwortung – in einen Überbietungswettbewerb gegeneinander und gegenüber der Regierung begeben könne. Die Ränder, und nicht die politische Mitte, wären dann Fluchtpunkt des Parteienwettbewerbs, die Polarisierung nähme zu und machte die ­Regierungsbildung immer schwerer (vgl. ausführlicher dazu Wagner 2019). Solche Systeme haben selten eine lange Lebensdauer. Somit ließe sich schließen, dass die BSW für zwei Dinge gleichzeitig ein Problem werden kann: für die die liberale Demokratie herausfordernde AfD und für die liberale Demokratie selbst. Das Bündnis Sahra Wagenknecht könnte einerseits zu einer Schwächung der AfD beitragen, andererseits die Bildung stabiler Regierungsmehrheiten erschweren und die Fliehkräfte stärken. Die normative Bewertung der anstehenden neuen Konkurrenz im deutschen Parteiensystem hängt damit davon ab, welche der beiden Effekte überwiegt. Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 4 ENDNOTEN 1 Da der Name der zu gründenden Partei noch nicht feststeht, wird im Folgenden auch für die potenzielle Partei von BSW gesprochen. 2 Bei bluesky schrieb@manifestoproj.bsky.social am 21.11.2023:„ (…) a quick overview of the positions and issue priorities of new party documents! We coded the founding manifesto of the“Sahra Wagenknecht Alliance”(BSW), a newly forming splinter of the German Left party. … BSW’s manifesto is very short(4 pages) and has only 4 subchapters. It has the character of a preamble, which is of c. a challenge for classification.“ 3 Als potenzielle Wähler:innen einer Partei gelten hier alle Personen, die auf die Frage hin, wie wahrscheinlich es sei, dass sie die jeweilige Partei jemals bei einer Bundestagswahl wählen würden, eine mindestens neutrale Antwort gaben. Sie schlossen es damit nicht aus, zukünftig für diese Partei zu stimmen und können demnach als potenzielle Wähler:innen gelten. 4 Die Fragen, auf deren Grundlage mittels Hauptkomponentenanalyse zwei Dimensionen extrahiert wurden, lauten:„Der Staat sollte Maßnahmen ergreifen, um Einkommensunterschiede mehr als bislang zu verringern.“(Korrelation mit der Dimension:|r|= 0.73),„Große Konzerne haben bei weitem zu viel Macht in Deutschland.“ (|r|= 0.75),„Arbeitnehmer in unserer Gesellschaft brauchen Gewerkschaften, um ihre Interessen durchzusetzen.“(|r|= 0.57). Die Antwortmöglichkeiten waren jeweils fünfstufig von„stimme voll und ganz zu“ bis„stimme überhaupt nicht zu“. Diese drei Fragen bilden die sozioökonomische Dimension. Die soziokulturelle Dimension wurde über folgende Fragen erstellt(Antwortmöglichkeiten wieder­um wie oben):„Deutschland und die anderen EU-Länder sollten wieder mehr Entscheidungen alleine treffen dürfen.“(|r|= 0.76), „Die Mitgliedschaft in der EU bringt Deutschland mehr Vorteile als Nachteile.“(|r|= 0.72),„Statt auf das große Ganze zu schauen, wird sich in Deutschland zu viel um Minderheiten gekümmert.“(|r|= 0.64),„Es ist bereichernd für das kulturelle Leben in Deutschland, wenn Migranten hierherkommen.“(|r|= 0.73),„Wir riskieren unseren gesamten wirtschaftlichen Wohlstand, wenn wir jetzt wegen des Klimawandels alles auf den Prüfstand stellen.“(|r|= 0.73). 5 Die Positionen der Parteien selbst, beispielsweise nach der Expert:innenbefragung des Chapel Hill Expert Survey(CHES, Jolly et al. 2022), zeigt eine sehr ähnliche Verteilung im zweidimensionalen Politikraum. Diese weitgehende Passung von Parteipositionen und Wähler:innenpositionen spricht dafür, dass diese Zweidimensionalität die Struktur des politischen Wettbewerb gut abbildet. Zwei Ausnahmen sind hervorzuheben: die FDP ist soziokulturell progressiver und die AfD sozioökonomisch deutlich weiter rechts positioniert als die mittlere Position ihrer Wähler:innen. 6 Dass fast 25 Prozent der Befragten dem linksautoritären Quadranten zugeordnet werden, liegt maßgeblich in der Methodik begründet. Die Aussage, dass Personen eher links oder rechts, eher progressiv oder konservativ eingestellt sind, bezieht sich nur auf die relative Position zu anderen Personen. 7 Für einen genaueren Überblick, die Frageformulierungen und ­Methodik sowie eine Anwendung auf den deutschen Fall siehe ­Lewandowsky und Wagner(2023). LITERATUR: Braband, Carsten 2023:„Wo liegt das Potenzial einer Wagenknecht-Partei?“, 09. Juni 2023, https://jacobin.de/artikel/woliegt-das-potenzial-einer-wagenknecht-partei-gruendung-linkekonservative-carsten-braband FGW 2023:„Politbarometer November I 2023. Repräsentative Umfrage – KW 45“, Forschungsgruppe Wahlen Focus 2023:„Jeder Fünfte würde Wagenknecht-Partei wählen sogar viele FDP-Anhänger.” https://www.focus.de/politik/ deutschland/sahra-wagenknecht-umfrage_id_187231078.html Hillen, Sven; Steiner, Nils D. 2020:“The Consequences of Supply Gaps in Two-Dimensional Policy Spaces for Voter Turnout and Political Support: The Case of Economically Left-Wing and Culturally RightWing Citizens in Western Europe.” European Journal of Political Research 59: 331-353. Hooghe, Liesbet; Marks, Gary 2018:„Cleavage Theory Meets Europe’s Crises: Lipset, Rokkan, and the Transnational Cleavage.“ Journal of European Public Policy 25: 109–135. Jahn, Uwe 2023:„Konkurrenz im Parteienspektrum Wem wird Wagenknecht gefährlich?“ https://www.tagesschau.de/inland/ innenpolitik/buendnis-sahra-wagenknecht-100.html Jolly, Seth; Bakker, Ryan; Hooghe, Liesbet; Marks, Gary; Polk, Jonathan; Rovny, Jan; Steenbergen, Marco; Vachudova, Milada Anna 2022:“Chapel Hill expert survey trend file, 1999–2019.” Electoral Studies https://doi.org/10.1016/j.electstud.2021.102420. Kuhn, Johannes 2023:„Rhetorik für die Unzufriedenen.“ https:// www.deutschlandfunk.de/bsw-buendnis-sahra-wagenknecht-dielinke-100.html Lewandowsky, Marcel; Giebler, Heiko; Wagner, Aiko 2016: „Rechtspopulismus in Deutschland. Eine empirische Einordnung der Parteien zur Bundestagswahl 2013 unter besonderer Berücksichti­ gung der AfD.“ Politische Vierteljahresschrift 57: 247-275. Lewandowsky, Marcel; Wagner, Aiko 2023:“Fighting for a Lost Cause? Availability of Populist Radical Right Voters for Established Parties. The Case of Germany.” Representation 59: 485-512. 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Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 5 ÜBER DEN AUTOR Aiko Wagner ist DFG-Heisenberg Fellow am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Er forscht zu politischen Einstellungen, Parteiensystemen, Wahlverhalten und politischem Wettbewerb. IMPRESSUM DEZEMBER 2023 © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Godesberger Allee 149, 53175 Bonn Fax 0228 883 9205 www.fes.de/apb Für diese Publikation ist in der FES verantwortlich: Constanze Yakar, Abteilung Analyse, Planung und Beratung Bestellungen/Kontakt: apb-publikation@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampf­ zwecke verwendet werden. Titelfoto: picture alliance/ Ralf Gosch/Shotshop/ Ralf Gosch ISBN 978-3-98628-355-1 Lechts oder rinks? Das Bündnis Sahra Wagenknecht im Parteienwettbewerb— FES impuls 6