2023 JUGENDSTUDIE PERSÖNLICHER OPTIMISMUS, NATIONALER PESSIMISMUS, VERTRAUEN IN EUROPA. EIN VERGLEICH DER WERTE, EINSTELLUNGEN UND PLÄNE JUNGER MENSCHEN IN DER TSCHECHISCHEN REPUBLIK, ESTLAND, UNGARN, LETTLAND, LITAUEN, POLEN UND DER SLOWAKEI Autoren: Marius Harring, Daniela Lamby, Julia Peitz, András Bíró-Nagy, Andrea Szabó 1 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2023 ZENTRALE BEFUNDE BILDUNG · Streben nach höheren Bildungsabschlüssen ist unter den Jugendlichen im Baltikum besonders stark ausgeprägt. Heranwachsende in Mittelosteuropa orientieren sich dagegen eher am mittleren Bildungsniveau. · Jugendliche aus dem Baltikum als auch aus Mittelosteuropa richten ihre Bildungsbestrebungen nach den wirtschaftlichen Anforderungen ihrer Heimatländer aus. · Heranwachsende weisen eine höhere Zufriedenheit mit dem Bildungssystem auf als die Jugendgeneration in Mittelosteuropa. · Skepsis im Hinblick auf die Käuflichkeit von Bildungsabschlüssen ist unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa größer ausgeprägt als unter den Altersgleichen in den baltischen Staaten. ARBEIT UND MIGRATION · Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die individuelle ökonomische Situation werden maßgeblich vom Bildungs- und Ausbildungsniveau der Jugendlichen bestimmt. · in wirtschaftlich schwächeren Ländern sich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. · und junge Frauen sind im Vergleich zu männlichen Gleichaltrigen deutlich häufiger der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Insbesondere in den baltischen Staaten liegen die Anteile über 70%. · Jugendlichen aus Polen und Ungarn äußern überproportional oft den Wunsch, ihr Heimatland zu verlassen. · in Litauen geben im Vergleich zu allen anderen in die Untersuchung einbezogenen Ländern an, bereits eine eigene Migrationserfahrung gemacht zu haben. · Jugendliche weisen häufiger einen Auslandaufenthalt vor. FAMILIE · Jugendlichen in Mittelosteuropa und im Baltikum wachsen mehrheitlich in klassischen Familienformen auf. Die Mutter-Vater-Kind(er)-Konstellation ist nach wie vor die häufigste Variante des Familienlebens. In Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik trifft dies am häufigsten, in Lettland am seltensten zu. · überwiegende Teil der Jugendlichen äußert eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Familie. 2 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2023 · in Estland sind am zufriedensten mit ihrem eigenen Familienleben. In Ungarn fallen die entsprechenden Zustimmungswerte signifikant geringer aus. In Polen und Lettland ist zudem ein überproportional hoher Anteil, der eine ambivalente Haltung zu eigener Familie einnimmt. · sozioökonomische Lage entscheidet maßgeblich darüber, wie das Urteil über die eigene Familie gefällt wird: Je prekärer die finanzielle Situation innerhalb der Familie, umso belastender wird die Beziehung zu Eltern eingeschätzt – wenngleich mit deutlichen Unterschieden zwischen den Ländern hinsichtlich des Niveaus. · Der Auszug aus dem Elternhaus wird in den baltischen Staaten früher vollzogen. · Gründe für den längeren Verbleib in der Herkunftsfamilie bei Jugendlichen in Mittelosteuropa liegen weniger in der Bequemlichkeit und der Sicherung des Komforts. Vielmehr ist es die eigene finanzielle Situation, die sie am Auszug hindert. · Gründung einer eigenen Familie stellt für die überwiegende Mehrheit aller befragten Jugendlichen – und zwar über alle untersuchten Länder hinweg – ein zentrales Lebensziel dar. Dabei orientiert sich der Großteil an traditionellen Familienvorstellungen, was z.B. Ehe und den Kinderwunsch angeht. · gilt es als wichtiger, Kinder zu bekommen als zu heiraten. Vor allem baltische Jugendliche sehen die Ehe nicht als Voraussetzung für Partnerschaft und Kinderkriegen. · Polen ist ein tendenziell umgekehrtes Bild sichtbar: Die Ehe rangiert vor dem Kinderwunsch. Polen stellt unter den Visegrád-Staaten das Land dar, in dem die Kinderplanung unter der nachfolgenden Jugendgeneration am häufigsten zurückgestellt wird. · der Frage der Familiengründung wird ein Stadt-Land-Gefälle erkennbar. Der Wunsch nach Ehe und Kindern ist bei Jugendlichen in urbanen Strukturen deutlich seltener ausgeprägt als in ländlichen Regionen. · Jugendliche planen tendenziell früher und mehr Kinder zu bekommen, als dies unter den Jugendlichen in den Visegrád-Staaten der Fall ist. ALLGEMEINE WERTE, EINSTELLUNGEN UND WÜNSCHE · den befragten Jugendlichen handelt es sich über alle Länder hinweg um eine zufriedene Generation. · Blick in die Zukunft fällt unter den Jugendlichen in allen untersuchten Ländern – zumindest im Hinblick auf die persönliche Entwicklung – optimistisch aus. Deutlich pessimistischer wird dagegen die Entwicklung des eigenen Landes in den kommenden zehn Jahren eingeschätzt. · die Übernahme von Verantwortung und eine erfolgreiche Karriere stellen die drei wichtigsten Lebensziele der Jugendlichen dar. 3 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2023 · spielt für den Großteil der Jugendlichen eine eher untergeordnete Rolle, wenngleich eine religiöse Orientierung unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa noch deutlich ausgeprägter ist. Das Gefühl, sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig zu fühlen, ist unter ihnen weit verbreitet. · Jugendliche richten sich in ihren Lebenszielen etwas stärker an traditionellen Werten wie Familiengründung und Heirat aus und engagieren sich tendenziell mehr in der Gesellschaft. POLITISCHE EINSTELLUNGEN UND PARTIZIPATION · politische Interesse ist unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa tendenziell stärker und in den baltischen Staaten geringer ausgeprägt. · Jugendliche weisen im Vergleich zu weiblichen Heranwachsenden ein höheres Interesse für Politik auf. Zudem nimmt das Interesse mit wachsendem Alter zu. · politischen Fragen neigen junge Menschen in Mittelosteuropa zu einer konformistischeren Haltung als in den baltischen Staaten. · Landesebene lässt sich die höchste Konformitätsrate zwischen der Eltern- und Jugendgeneration in Ungarn feststellen. 40,5% der ungarischen Jugendlichen stimmen ihren Eltern in politischen Fragen zu. In Estland, Lettland und Litauen trifft dies auf lediglich ein Fünftel aller Jugendlichen zu. · Jugendliche äußern im Vergleich zu Heranwachsenden in Mittelosteuropa signifikant seltener die Absicht, zukünftig wählen zu gehen. · überwiegende Mehrheit der Jugendlichen im Baltikum und in Mittelosteuropa zeigen eine deutliche Tendenz zur politischen Mitte auf. · Organisationen der Judikative und Exekutive wird ein großes Vertrauen entgegengebracht. Insbesondere unter den baltischen Jugendlichen erhalten die Justiz und die Polizei hohe Zustimmungswerte. Dagegen werden die Regierungen und die Parlamente auf nationaler Ebene, die Medien in den jeweiligen Ländern sowie die Kirche und andere religiöse Einrichtungen wesentlich kritischer betrachtet. Die geringsten Vertrauenswerte erhalten politische Parteien. · Bündnissen, wie der EU und der NATO, wird ein großes Vertrauen entgegengebracht. · Demokratie stellt für drei Viertel aller Befragten eine tragfähige und favorisierte Staatsform dar. Allerdings: jeder bzw. jede Zehnte lehnt die Demokratie kategorisch ab. Jede bzw. jeder Fünfte hält sogar unter bestimmten Umständen die Diktatur für die bessere Staatsform. · und sozioökonomische Aspekte werden als die zentralen Herausforderungen der Zukunft gesehen. 4 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2023 · Hinblick auf nationalstaatliche Einstellungsmuster lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen in den sieben untersuchten Ländern beobachten. Die Mehrheit der jungen Menschen in der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakei sprechen sich gegen mehr Einwanderung aus. Polnische und baltische Jugendliche zeigen eine viel größere Willkommenskultur und eine geringere Angst vor Fremdheit. · EU-Austritt wird von einer deutlichen Mehrheit aller Jugendlichen – sowohl im Baltikum als auch in Mittelosteuropa – eine Absage erteilt. KONTAKT Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn, Deutschland Tel.:+49 228 883 0 Fax:+49 228 883 92 08 E-Mail: info@fes.de 5 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2023