2023 JUGENDSTUDIE PERSÖNLICHER OPTIMISMUS, NATIONALER PESSIMISMUS, VERTRAUEN IN EUROPA. EIN VERGLEICH DER WERTE, EINSTELLUNGEN UND PLÄNE JUNGER MENSCHEN IN DER TSCHECHISCHEN REPUBLIK, ESTLAND, UNGARN, LETTLAND, LITAUEN, POLEN UND DER SLOWAKEI Autoren: Marius Harring, Daniela Lamby, Julia Peitz, András Bíró-Nagy, Andrea Szabó IMPRESSUM Herausgeber: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn, Deutschland E-Mail: info@fes.de Registernr.: VR2392 Vereinsregister Bonn Amtsgericht Bonn Vorsitzender: Martin Schulz Geschäftsführendes Vorstandsmitglied: Dr. Sabine Fandrych Verantwortlicher: Alexey Yusupov(Internationaler Dialog) Telefon:+49(0)30 269 357 734 E-Mail: alexey.yusupov@fes.de Design concept: GOLDLAND MEDIA GmbH ISBN: 978-3-98628-244-8 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. © 2023 INHALT 1 EINLEITUNG 4 2 ZENTRALE BEFUNDE 6 3 METHODISCHES VORGEHEN 10 4 DEMOGRAFISCHE MERKMALE UND TRENDS 12 5 BILDUNG 18 6 ARBEIT UND MIGRATION 24 7 FAMILIE 32 8 ALLGEMEINE WERTE, EINSTELLUNGEN UND WÜNSCHE 40 9 POLITISCHE EINSTELLUNGEN UND PARTIZIPATION 46 10 FAZIT 60 11 FUSSNOTEN 64 12 LITERATURVERZEICHNIS 66 13 TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS 70 14 ÜBER DIE FES JUGENDSTUDIEN 74 INHALT| 3 1 EINLEITUNG Der vorliegende Bericht ist Teil von breit angelegten und international ausgerichteten Jugendstudien, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiiert und koordiniert werden. Im Zentrum der Untersuchungen steht das Aufwachsen der heutigen Jugendgenerationen in Europa, Asien sowie Nordafrika. Diese Studie legt den Fokus auf Jugendliche in den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen sowie in den mittelosteuropäischen Ländern – den sogenannten VisgárdStaaten 1 – Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn. Basis ist eine repräsentative Umfrage von fast 10.000 Jugendlichen zwischen 14 2 und 29 Jahren aus den benannten sieben Ländern, die mit Hilfe quantitativer und qualitativer Zugänge im Jahr 2021 durchgeführt wurde. Ziel ist es, die aktuellen Lebenssituationen und Einstellungsmuster Heranwachsender in fünf zentralen Themenschwerpunkten darzustellen: Bildung, Arbeit und Migration, Familie, allgemeine Werte, Einstellungen und Wünsche sowie politische Einstellungen und Partizipation. Dazu erfolgen primär regionale Vergleichsanalysen, die an markanten Punkten durch die Darstellung von nationalen Spezifika ergänzt werden und es möglich machen, Entwicklungsprozesse und Trends herauszuarbeiten. Alle teilnehmenden Länder vereint eine post-sowjetische kommunistische Vergangenheit, die bis in den heutigen Lebensalltag von Jugendlichen hineinwirkt. Wenngleich diese Jugendgeneration die erste ist, die ausschließlich in den jeweiligen Nationalstaaten aufgewachsen ist. Überdies begleitet die Jugendlichen die Entwicklung unterschiedlicher nationaler Bestrebungen politischer wie wirtschaftlicher Art. Darüber hinaus sind alle sieben Länder parlamentarische Demokratien und Mitgliedsstaaten in der Europäischen Union. Neben Phänomenen der Globalisierung, des Klimawandels sowie der Alterung der eigenen Bevölkerung, beeinträchtigt aktuell COVID-19 das Leben von Jugendlichen. Die Studie wurde vor dem Ausbruch von COVID-19 geplant und trotz aller Herausforderungen mit entsprechenden logistischen und inhaltlichen Anpassungen während der Pandemie umgesetzt. Auch wenn alle Generationen von dieser globalen Pandemie betroffen sind, sind es doch Kinder und Jugendliche, die in diesen sensiblen Lebensphasen in einer besonderen Art und Weise tangiert sind. E inleitung| 5 2 ZENTRALE BEFUNDE BILDUNG • Streben nach höheren Bildungsabschlüssen ist unter den Jugendlichen im Baltikum besonders stark ausgeprägt. Heranwachsende in Mittelosteuropa orientieren sich dagegen eher am mittleren Bildungsniveau. • Jugendliche aus dem Baltikum als auch aus Mittelosteuropa richten ihre Bildungsbestrebungen nach den wirtschaftlichen Anforderungen ihrer Heimatländer aus. • Heranwachsende weisen eine höhere Zufriedenheit mit dem Bildungssystem auf als die Jugendgeneration in Mittelosteuropa. • Skepsis im Hinblick auf die Käuflichkeit von Bildungsabschlüssen ist unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa größer ausgeprägt als unter den Altersgleichen in den baltischen Staaten. ARBEIT UND MIGRATION • Chancen auf dem Arbeitsmarkt und die individuelle ökonomische Situation werden maßgeblich vom Bildungs- und Ausbildungsniveau der Jugendlichen bestimmt. • in wirtschaftlich schwächeren Ländern sich häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen. • und junge Frauen sind im Vergleich zu männlichen Gleichaltrigen deutlich häufiger der Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Insbesondere in den baltischen Staaten liegen die Anteile über 70%. • Jugendlichen aus Polen und Ungarn äußern überproportional oft den Wunsch, ihr Heimatland zu verlassen. • in Litauen geben im Vergleich zu allen anderen in die Untersuchung einbezogenen Ländern an, bereits eine eigene Migrationserfahrung gemacht zu haben. • Jugendliche weisen häufiger einen Auslandaufenthalt vor. FAMILIE • Jugendlichen in Mittelosteuropa und im Baltikum wachsen mehrheitlich in klassischen Familienformen auf. Die Mutter-Vater-Kind(er)-Konstellation ist nach wie vor die häufigste Variante des Familienlebens. In Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik trifft dies am häufigsten, in Lettland am seltensten zu. • überwiegende Teil der Jugendlichen äußert eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Familie. • in Estland sind am zufriedensten mit ihrem eigenen Familienleben. In Ungarn fallen die entsprechenden Zustimmungswerte signifikant geringer aus. In Polen und Lettland ist zudem ein überproportional hoher Anteil, der eine ambivalente Haltung zu eigener Familie einnimmt. Z entrale B efunde| 7 • sozioökonomische Lage entscheidet maßgeblich darüber, wie das Urteil über die eigene Familie gefällt wird: Je prekärer die finanzielle Situation innerhalb der Familie, umso belastender wird die Beziehung zu Eltern eingeschätzt – wenngleich mit deutlichen Unterschieden zwischen den Ländern hinsichtlich des Niveaus. • Auszug aus dem Elternhaus wird in den baltischen Staaten früher vollzogen. • Gründe für den längeren Verbleib in der Herkunftsfamilie bei Jugendlichen in Mittelosteuropa liegen weniger in der Bequemlichkeit und der Sicherung des Komforts. Vielmehr ist es die eigene finanzielle Situation, die sie am Auszug hindert. • Gründung einer eigenen Familie stellt für die überwiegende Mehrheit aller befragten Jugendlichen – und zwar über alle untersuchten Länder hinweg – ein zentrales Lebensziel dar. Dabei orientiert sich der Großteil an traditionellen Familienvorstellungen, was z.B. Ehe und den Kinderwunsch angeht. • gilt es als wichtiger, Kinder zu bekommen als zu heiraten. Vor allem baltische Jugendliche sehen die Ehe nicht als Voraussetzung für Partnerschaft und Kinderkriegen. • Polen ist ein tendenziell umgekehrtes Bild sichtbar: Die Ehe rangiert vor dem Kinderwunsch. Polen stellt unter den Visgárd-Staaten das Land dar, in dem die Kinderplanung unter der nachfolgenden Jugendgeneration am häufigsten zurückgestellt wird. • der Frage der Familiengründung wird ein Stadt-Land-Gefälle erkennbar. Der Wunsch nach Ehe und Kindern ist bei Jugendlichen in urbanen Strukturen deutlich seltener ausgeprägt als in ländlichen Regionen. • Jugendliche planen tendenziell früher und mehr Kinder zu bekommen, als dies unter den Jugendlichen in den Visgárd-Staaten der Fall ist. ALLGEMEINE WERTE, EINSTELLUNGEN UND WÜNSCHE • den befragten Jugendlichen handelt es sich über alle Länder hinweg, um eine zufriedene Generation. • Blick in die Zukunft fällt unter den Jugendlichen in allen untersuchten Ländern – zumindest im Hinblick auf die persönliche Entwicklung – optimistisch aus. Deutlich pessimistischer wird dagegen die Entwicklung des eigenen Landes in den kommenden zehn Jahren eingeschätzt. • die Übernahme von Verantwortung und eine erfolgreiche Karriere stellen die drei wichtigsten Lebensziele der Jugendlichen dar. • spielt für den Großteil der Jugendlichen eine eher untergeordnete Rolle, wenn-gleich eine religiöse Orientierung unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa noch deutlich ausgeprägter ist. Das Gefühl, sich einer Glaubensgemeinschaft zugehörig zu fühlen, ist unter ihnen weit verbreitet. • Jugendliche richten sich in ihren Lebenszielen etwas stärker an traditionellen Werten wie Familiengründung und Heirat aus und engagieren sich tendenziell mehr in der Gesellschaft. 8 | JUGENDSTUDIE MITTELOSTEUROPA UND BALTIKUM 2022 POLITISCHE EINSTELLUNGEN UND PARTIZIPATION • politische Interesse ist unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa tendenziell stärker und in den baltischen Staaten geringer ausgeprägt. • Jugendliche weisen im Vergleich zu weiblichen Heranwachsenden ein höheres Interesse für Politik auf. Zudem nimmt das Interesse mit wachsendem Alter zu. • politischen Fragen neigen junge Menschen in Mittelosteuropa zu einer konformistischeren Haltung als in den baltischen Staaten. • Landesebene lässt sich die höchste Konformitätsrate zwischen der Eltern- und Jugendgeneration in Ungarn feststellen. 40,5% der ungarischen Jugendlichen stimmen ihren Eltern in politischen Fragen zu. In Estland, Lettland und Litauen trifft dies auf lediglich ein Fünftel aller Jugendlichen zu. • Jugendliche äußern im Vergleich zu Heranwachsenden in Mittelosteuropa signifikant seltener die Absicht, zukünftig wählen zu gehen. • überwiegende Mehrheit der Jugendlichen im Baltikum und in Mittelosteuropa zeigen eine deutliche Tendenz zur politischen Mitte auf. • Organisationen der Judikative und Exekutive wird ein großes Vertrauen entgegengebracht. Insbesondere unter den baltischen Jugendlichen erhalten die Justiz und die Polizei hohe Zustimmungswerte. Dagegen werden die Regierungen und die Parlamente auf nationaler Ebene, die Medien in den jeweiligen Ländern sowie die Kirche und andere religiöse Einrichtungen wesentlich kritischer betrachtet. Die geringsten Vertrauenswerte erhalten politische Parteien. • Bündnissen, wie der EU und der NATO, wird ein großes Vertrauen entgegengebracht. • Demokratie stellt für drei Viertel aller Befragten eine tragfähige und favorisierte Staatsform dar. Allerdings: Jede bzw. jeder Zehnte lehnt die Demokratie kategorisch ab. Jede bzw. jeder Fünfte hält sogar unter bestimmten Umständen die Diktatur für die bessere Staatsform. • und sozioökonomische Aspekte werden als die zentralen Herausforderungen der Zukunft gesehen. • Hinblick auf nationalstaatliche Einstellungsmuster lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen in den sieben untersuchten Ländern beobachten. Die Mehrheit der jungen Menschen in der Slowakei, Tschechischen Republik und Ungarn sprechen sich gegen mehr Einwanderung aus. Polnische und baltische Jugendliche zeigen eine viel größere Willkommenskultur und eine geringere Angst vor Fremdheit. • EU-Austritt wird von einer deutlichen Mehrheit aller Jugendlichen – sowohl im Baltikum als auch in Mittelosteuropa – eine Absage erteilt. Z entrale B efunde| 9 3 METHODISCHES VORGEHEN Die empirische Basis der vorliegenden Studie bildet eine quantitative Erhebung in einer ex-post-facto-Anordnung und einem auf Querschnitt angelegten Untersuchungsdesign mit einem Erhebungszeitpunkt. Diese wurde anschließend durch qualitative Interviews mit Jugendlichen ergänzt, um einzelne behandelte Themenbereiche zu vertiefen. Das Ziel der Untersuchung bestand darin, Lebensverhältnisse von Jugendlichen im Baltikum und in Mittelosteuropa – hier speziell in den Visgárd-Staaten – aus ihrer Perspektive und mit ihren Augen einzufangen sowie entsprechende Vergleiche vorzunehmen. Im Rahmen dieser Studie wurden folgende sieben Länder einbezogen: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn. Die Grundlage der Untersuchung stellten in allen sieben Ländern gezogene repräsentative Stichproben dar(vgl. hierzu das Kapitel„Demografische Merkmale und Trends“). Die letztendliche Befragung fand im Zeitraum von April bis Juli 2021 in allen sieben beteiligten Ländern parallel statt. Die Durchführung erfolgte über das IPSOS-Institut. Vor dem Hintergrund der COVID-19 Pandemie wurde auf Face-to-Face-Befragung verzichtet und die Untersuchung stattdessen mittels einer Online-Befragung durchgeführt. Um die Zielsetzungen der Untersuchung realisieren zu können, wurde im ersten Schritt ein quantitatives Erhebungsinstrument erarbeitet. Hierbei handelt es sich um einen standardisierten Fragebogen mit größtenteils geschlossenen Indikatoren. Der Fragebogen basiert auf einem zuvor bereits validierten und im Rahmen der FES Jugendstudien in Ost- und Südosteuropa sowie in Zentralasien eingesetzten Instrument. Dieses wurde adaptiert und auf die Lebensverhältnisse in den Ländern des Baltikums und den weiteren vier Staaten Mittelosteuropas angepasst sowie durch länderspezifische Fragen ergänzt. Die dem Gesamtfragebogen zugrunde liegenden ca. 120 Fragen umfassen insgesamt etwa 500 Items, die sich in acht Themenkomplexen konkretisieren. Hierbei handelt es sich um die Bereiche„Werte, Religion und Vertrauen“; „Familie“;„Migration/Mobilität“;„Bildung“;„Beschäftigung“ und„Politik“. Diese Themenblöcke wurden durch soziodemografische Fragen und ein länderspezifisches Modul vervollständigt. Die Implementation von länderspezifischen Fragen diente der Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Interessen und Bedürfnisse. Die Konstruktion der geschlossenen Antwortvorgaben wurde in den meisten Fällen mittels einer entweder drei- oder fünfstufigen Likert-Skala realisiert. Der standardisierte Fragebogen wurde in allen beteiligten sieben Ländern eingesetzt, um einen regionalen und perspektivisch gesehen längsschnittlichen Vergleich zu ermöglichen. Zur Sicherstellung der Validität wurde der Fragenkatalog vor der Feldphase in einem double-blind-Verfahren einer Vor- und Rückübersetzung unterzogen. D.h., dass der Fragebogen aus dem Englischen in die jeweiligen Landessprachen übersetzt und durch Rückübersetzung ins Englische auf Genauigkeit und Eindeutigkeit überprüft wurde. Die Auswertung der vorliegenden quantitativen Daten erfolgte unter der Zuhilfenahme des Statistikprogramms SPSS. Es wurden uni- und bivariate Analyseverfahren vorgenommen sowie Signifikanztests zur Prüfung von statistisch relevanten Korrelationen durchgeführt. Den diesbezüglichen Modus Operandi bilden Chi 2 -basierte Testverfahren. Im Rahmen derer wird untersucht, wie weit die empirisch beobachtete Werteverteilung von einer theoretisch anzunehmenden Werteverteilung abweicht, die im Falle einer statistischen Unabhängigkeit der betrachteten Merkmalsgrößen zu erwarten wäre. Die für den Fall der statistischen Unabhängigkeit der Merkmalsgrößen anzunehmende Werteverteilung wird dabei unter Bezugnahme auf Verteilungsgegebenheiten der gesamten Untersuchungsstichprobe ermittelt(vgl. z.B. Backhaus et al. 2008). M ethodisches V orgehen| 11 4 DEMOGRAFISCHE MERKMALE UND TRENDS Die Grundgesamtheit bilden zum Zeitpunkt der Untersuchung im Jahr 2021 insgesamt 11,32 Mio. Jugendliche 3 im Alter von 14 bis 29 Jahren. Dabei stellt Polen mit 37,86 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsreichste Land dar. Estland ist mit 1,33 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsärmste Land(vgl. Abb. 1). Der Anteil an Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung liegt in allen teilnehmenden Ländern bei 16 Prozent (+/- 1 Prozent). Im Rahmen der quantitativen Untersuchung wurde eine repräsentative Stichprobe von n=9.900 Jugendlichen gezogen. Diese ermöglicht Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit. In allen sieben Ländern wurde eine Stichprobe von 1.500 Jugendlichen erstellt. Ausnahmen sind Estland und Lettland mit jeweils 1.200 Jugendlichen. Bei der Zusammensetzung der Stichprobe spielten soziodemografische Aspekte wie z.B. Alter, Geschlecht, Wohnregion oder Bildungsstand eine zentrale Rolle. Im Folgenden wird anhand von Tab. 1(„Aufschlüsselung der Stichprobe nach soziodemografischen Merkmalen und Bezug zur nationalen Zugehörigkeit“) auf wesentliche Merkmale innerhalb der Stichprobe eingegangen. Darüber hinaus wird an einigen Stellen auf die damit verbundenen Phänomene und Trends in der Gesamtbevölkerung hingewiesen. Viele dieser soziodemografischen Faktoren beeinflussen das Wohlergehen und die Handlungsspielräume der Jugendlichen. ABB. 1: GESAMTBEVÖLKERUNG UND ANTEIL AN JUGENDLICHEN IM LÄNDERVERGLEICH A Ju b g b e . n 1 d : li G ch e e sa im m A tb lt e e v r ö vo lk n e 1 r 4 un bi g s 2 u 9 n J d ah A r n en te , i n l = a 9 n .9 J 0 u 0 g ; e A n n d g l a i b ch en en in i M m io L . ändervergleich 1,6 Tschechische 1,6 Mio. von 10,7 Mio. Republik 0,3 0,5 Estland 0,2 Mio. von 1,3 Mio. Lettland 0,3 Mio. von 2 Mio. Litauen 0,5 Mio. von 2,8 Mio. Slowakei 1 Mio. von 5,4 Mio. Ungarn 1,6 Mio. von 9,8 Mio. Gesamtbevölkerung Anteil an Jugendlichen(zwischen 14 und 29) Polen 6,3 Mio. von 37,8 Mio. D emografische M erkmale und T rends| 13 TAB. 1: AUFSCHLÜSSELUNG DER STICHPROBE NACH SOZIODEMOGRAFISCHEN MERKMALEN UND BEZUG ZUR NATIONALEN ZUGEHÖRIGKEIT. Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in absoluten Zahlen und in(%) Soziodemografische Merkmale Gesamt Alter 4 14/15–18 Jahre 19–24 Jahre 25–29 Jahre Bildungsstand... Niedriger Bildungsabschluss 5 Mittlerer Bildungsabschluss 6 Hoher Bildungsabschluss 7 Geschlecht der Befragten... Weiblich Männlich Wohnregion... Urban 8 Teils/teils Ländlich 9 Ökonomische Situation Wir haben nicht genug Geld für die Grundversorgung(Strom, Heizung...) und Lebensmittel. Wir haben genug Geld für die Grundversorgung, aber nicht für Kleidung und Schuhe. Wir haben genug Geld für Lebensmittel, Kleidung und Schuhe, aber nicht genug für teurere Dinge(Kühlschrank, TV usw.). Wir können uns einige teurere Dinge leisten, die aber nicht so teuer sind wie z. B. ein Auto oder eine Wohnung. Wir können uns alles leisten, was wir für einen guten Lebensstandard brauchen. Länder (absolute Häufigkeiten. Prozentangaben in Klammern beziehen sich auf jeweiliges Land) Polen 1.500 Ungarn Lettland Litauen 1.500 1.200 1.500 Estland 1.200 Slowakei 1.500 Tschechische Republik 1.500 336 (22,4%) 568 (37,9%) 596 (39,7%) 283 (18,9%) 647 (43,1%) 570 (38,0%) 152 (12,7%) 536 (44,7%) 512 (42,7%) 279 (18,6%) 616 (41,1%) 605 (40,3%) 171 (14,3%) 552 (46,0%) 477 (39,8%) 240 (16,0%) 613 (40,9%) 647 (39,3%) 399 (26,6%) 617 (41,1%) 484 (32,3%) 316 (21,1%) 845 (56,3%) 339 (22,6%) 274 (18,3%) 834 (55,6%) 392 (26,1%) 222 (18,5%) 558 (46,5%) 420 (35,0%) 371 (24,7%) 526 (35,1%) 603 (40,2%) 268 (22,3%) 556 (46,3%) 376 (31,3%) 214 (14,3%) 800 (53,3%) 486 (32,4%) 411 (27,4%) 764 (50,9%) 325 (21,7%) 728 (48,5%) 772 (51,5%) 792 (52,8%) 708 (47,2%) 738 (61,5%) 462 (38,5%) 909 (60,6%) 591 (39,4%) 758 (63,2%) 442 (36,8%) 805 (53,7%) 695 (46,3%) 807 (53,7%) 693 (46,2%) 863 (57,5%) 225 (15,0%) 412 (27,5%) 853 (56,9%) 195 (13,0%) 452 (30,1%) 757 (63,1%) 182 (15,2%) 261 (21,8%) 982 (65,5%) 249 (16,6%) 269 (17,9%) 709 (59,1%) 182 (15,2%) 309 (25,8%) 636 (42,4%) 226 (15,1%) 638 (42,5%) 861 (57,4%) 182 (12,1%) 457 (30,5%) 42 (2,8%) 195 (13,0%) 77 (5,1%) 176 (11,7%) 45 (3,8%) 126 (10,5%) 63 (4,2%) 174 (11,6%) 34 (2,8%) 130 (10,8%) 55 (3,7%) 111 (7,4%) 15 (1,0%) 83 (5,5%) 430 (28,7%) 527 (35,1%) 369 (30,8%) 418 (27,9%) 356 (29,7%) 407 (27,1%) 296 (19,7%) 605 (40,3%) 609 (40,6%) 465 (38,8%) 579 (38,6%) 403 (33,6%) 660 (44,0%) 813 (54,2%) 228 (15,2%) 111 (7,4%) 195 (16,3%) 266 (17,7%) 277 (23,1%) 267 (17,8%) 293 (19,5%) Gesamt 9.900 1.860 (18,8%) 4.149 (41,9%) 3.891 (39,3%) 2.076 (21,0%) 4.883 (49,3%) 2.941 (29,7%) 5.537 (55,9%) 4.363 (44,1%) 5.661 (57,2%) 1.441 (14,6%) 2.798 (28,3%) 331 (3,3%) 995 (10,1%) 2.803 (28,3%) 4.134 (41,8%) 1.637 (16,5%) 14 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Die Stichprobe berücksichtigt im ersten Schritt die Altersstruktur der Grundgesamtheit. Demnach sind insgesamt 1.860(18,8%) Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, 4.149(41,9%) im Alter von 19 bis 24 Jahren sowie 3.891 (39,3%) im Alter von 25 bis 29 Jahren in die Untersuchung einbezogen worden. Grundsätzlich ist die Alterung der Bevölkerung in allen sieben Ländern ein relevanter demografischer Trend. Diese Entwicklung impliziert auch für die politischen Entscheidungsträgerinnen und-träger viele Herausforderungen, insbesondere in Bereichen des Gesundheitssystems, der sozialen Absicherung und der Altersversorgung. Der sinkende Anteil an Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung setzt sich – so die Berechnungen der Europäischen Kommission – auch weiter fort 10 . Damit geht auch eine sinkende Repräsentation von jugendlichen Interessen und Bedürfnissen in der Gesellschaft einher. Ein in einigen Ländern zu beobachtender Bevölkerungsanstieg ist nicht auf eine höhere Geburtenrate, sondern auf Migration zurückzuführen. Mittels der standardisierten Befragung ist es zudem gelungen, das heterogene Bild der Jugendlichen im Hinblick auf ihren Zugang zu Bildung nachzuzeichnen. Über ein Fünftel (21,0%) weisen keinen oder nur einen Grundschulabschluss auf. Unter dieser Gruppe mit niedrigem Bildungsabschluss befinden sich rund ein Fünftel(21,6%) die 19 Jahre und älter sind und bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie das Bildungssystem auch ohne bzw. mit Grundschulabschluss verlassen haben. Ferner wohnen unter den Jugendlichen mit niedrigem Bildungsabschluss vergleichsweise mehr im ländlichen Raum 11 , die ökonomische Situation ist signifikant schlechter 12 sowie das Bildungsniveau der Mutter 13 und des Vaters 14 sind signifikant niedriger. Zudem sind weibliche Jugendliche signifikant seltener in dieser Gruppe vertreten als männliche Jugendliche 15 . Tendenziell haben die Teilnehmenden in Litauen und Lettland einen höheren, hingegen in der Tschechischen Republik und in Polen einen niedrigeren Bildungsabschluss. Das Geschlechterverhältnis, bestehend aus 4.363(44,1%) männlichen und 5.537(55,9%) weiblichen in die Querschnittsstichprobe einbezogenen Befragungspersonen, fällt leicht zugunsten der weiblichen Befragten aus. 5.661(57,2%) Jugendliche leben in urbanen Strukturen, während 2.798(28,3%) in ländlichen Gebieten aufwachsen. Fast zwei Drittel(62,4%) der Jugendlichen im Alter von 25 bis 29 Jahren leben in städtischen Siedlungen, während es unter den Jugendlichen von 14 bis 18 Jahren rund die Hälfte sind(51,2%). Damit bestätigt sich die Annahme vieler Studien, dass Jugendliche mit steigendem Alter vermehrt ins urbane Gebiet ziehen 16 . Im Ländervergleich ist die Slowakei mit 42,5% das Land mit dem höchsten Anteil an im ländlichen Raum lebenden Jugendlichen. In den baltischen Ländern ist der Anteil an Jugendlichen, die in städtischen Strukturen aufwachsen, am höchsten. Dies trifft auf knapp 60% der Jugendlichen in Estland(59,1%) und fast zwei Drittel aller Befragten (65,5%) in Litauen zu. Zur Abfrage des ökonomischen Status wurden die Jugendlichen danach gefragt, was sie bzw. ihre Familien sich leisten können. Unter Berücksichtigung der Definition von relativer und absoluter Armut (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2022) konnten auf diese Weise die unterschiedlichen Lebensstandards festgestellt und Rückschlüsse auf die ökonomischen Verhältnisse und mögliche Armutssituationen Jugendlicher gezogen werden. 331 befragte Jugendliche(3,3%) fallen unter die absolute Armutsgrenze und können sich weder genügend zu Essen, noch Heizung oder Elektrizität leisten. Knapp 10% (995 Jugendliche) fehlen finanzielle Mittel, um Kleidung oder Schuhe zu kaufen. Eine Mehrheit von 5.771(58,3%) Jugendlichen ist wirtschaftlich gut aufgestellt, verfügt über eine entsprechende Kaufkraft und ist – zumindest zum Teil – in der Lage, Luxusgüter zu finanzieren. Ungarn ist das Land, in dem mit 16,8% die meisten Jugendlichen angeben, sich keine Kleidung und Schuhe leisten zu können(Gesamt aller Länder= 13,4%). Gleichzeitig geben hier mit 48% auch die wenigsten Jugendlichen an, in der Lage zu sein, Güter zu finanzieren, die über den alltäglichen Bedarf hinausgehen(Gesamt aller Länder= 58,3%). Eine andere Situation lässt sich hingegen in der Tschechische Republik feststellen. Mit 6,5%(Gesamt aller Länder = 13,4%) sind diese Jugendlichen im Vergleich zu allen anderen Ländern am seltensten von Armut betroffen. Fast drei Viertel der Jugendlichen(73,7%) wachsen in stabilen finanziellen Verhältnissen auf(Gesamt aller Länder= 58,3%). Diese Zahlen spiegeln die realen Situationen in den jeweiligen Ländern wider. So ist Ungarn nach Polen das Land mit dem geringsten BIP pro Einwohnerin bzw. Einwohner. Die Tschechische Republik hingegen weist nach Estland das höchste BIP pro Kopf auf(vgl. Abb. 2). D emografische M erkmale und T rends| 15 ABB. 2: BRUTTOINLANDSPRODUKT(BIP) PER EINWOHNERIN UND EINWOHNER IM LÄNDERVERGLEICH Angaben in absoluten Zahlen, vgl. Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg(2022) 13,73 21,16 15,93 17,02 14,7 17,27 20,64 Polen Ungarn BIP per Einwohner/in Euro(2019) Lettland Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik 16 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 5 BILDUNG Die Bildungssysteme der sieben in die Untersuchung einbezogenen Länder unterscheiden sich in einigen Teilen deutlich voneinander. So sind etwa die Bezeichnungen der Bildungsgänge und die damit eingehenden Bildungsabschlüsse länderspezifisch verschieden. Um die Jugendlichen dennoch hinsichtlich ihrer Bildungsabschlüsse und-orientierungen vergleichen zu können, wurden die jeweils länderabhängigen Abschlüsse übergeordnet dargestellt. Verfügen die Heranwachsenden über gar keine abgeschlossene oder aber Grundschulbildung, werden diese innerhalb des niedrigen Bildungsniveaus verortet. Unter einem mittleren Bildungsniveau werden Jugendliche gefasst, die eine weiterführende Schule besucht oder aber eine Ausbildung absolviert haben. Absolventinnen und Absolventen von Universitäten, die mindestens einen Bachelorabschluss oder aber eine Promotion aufweisen, sind unter dem hohen Bildungsniveau eingeordnet. Unabhängig vom Bildungssystem fallen allerdings in den untersuchten Ländern starke Zusammenhänge zwischen den Bildungsabschlüssen der Heranwachsenden und den Bildungsniveaus der Eltern auf. Verfügt die Mutter eines baltischen Heranwachsenden über einen mittleren Bildungsabschluss und der Vater über einen akademischen Grad, steigen die Chancen auf einen höheren Abschluss der Kinder. Auch in Mittelosteuropa steigt der Bildungsabschluss des Nachwuchses, wenn die Mutter mindestens über einen mittleren Bildungsabschluss verfügt, wobei beim Vater ebenfalls bereits das mittlere Bildungsniveau ausreicht, damit die Chancen auf einen höheren Abschluss bei den Kindern deutlich steigen. So zeigt sich nicht nur im Baltikum, sondern auch innerhalb der Länder Mittelosteuropas, dass die Chancen auf ein höheres Bildungsniveau an Wahrscheinlichkeit gewinnen, wenn vor allem der Vater über einen höheren Abschluss verfügt. Damit sind die Bildungschancen der Jugendgeneration in beiden Regionen stark von Herkunftseffekten geprägt. ABB. 3: BILDUNGSNIVEAU IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% Polen 21% 56% 23% Ungarn 18% 56% 26% Lettland 19% 47% 35% Litauen 25% 35% 40% Estland 23% 46% 31% Slowakei 14% 53% 32% Tschechische Republik 27% 51% 22% Baltische Staaten 22% 42% 36% Mittelosteuropa 20% 54% 26% niedrig mittel hoch Anmerkung: Die Daten sind nach den einschlägigen Rundungsregeln dargestellt. In einigen Fällen würden sich die Originalwerte nicht ohne willkürliche Bestimmung nicht zu 100% addieren, so dass die Originalwerte stattdessen beibehalten wurden. Dies erklärt eventuelle Abweichungen in der Grafik. B ildung| 19 Mit dem Blick auf die Verteilung des Bildungsniveaus der befragten Jugendlichen fallen allerdings deutliche Unterschiede zwischen den Ländern auf. So verfügen Jugendliche im Baltikum mit 35,9% im Vergleich zu den Gleichaltrigen in Mittelosteuropa mit 25,7% häufiger über ein hohes Bildungsniveau. Im Unterschied hierzu verorten sich die meisten Heranwachsenden innerhalb der osteuropäischen Gebiete im mittleren Bildungsbereich. So verfügen mehr als 50% der Jugendlichen in Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei über einen mittleren Bildungsabschluss. Heranwachsende in den baltischen Regionen Europas weisen also eine markant höhere Bildungsorientierung auf als die Jugendgeneration in Mittelosteuropa. Sie richten sich im besonderen Maße am Erwerb des mittleren Abschlusses aus. Das Streben nach einem möglichst hohen Bildungsabschluss wird im Baltikum auch darin sichtbar, dass bereits 13% der befragten 14- bis 18-Jährigen angeben, sich derzeit im auf einem hohen Bildungsniveau zu befinden. Dieser Anteil steigt auf 25,4% in der Alterskohorte von 19 bis 24 Jahren. In dieser Altersgruppe ist damit bereits jede bzw. jeder Vierte im Erwerb eines akademischen Abschlusses bzw. verfügt bereits über diesen. Mehr als jede bzw. jeder zweite der 25- bis 29-Jährigen ist dann bereits Akademikerin bzw. Akademiker. In Mittelosteuropa hingegen zeigt sich dieser Alterstrend im Kontext der Bildungsorientierung keinesfalls. In diesen Ländern weisen lediglich 2,9% der 14- bis 18-Jährigen das höchste Bildungsniveau auf. Auch in der Altersgruppe der 19- bis 24-Jährigen sind mit 18,9% deutlich weniger Heranwachsende im akademischen Bereich als dies im Baltikum der Fall ist. Interessant ist auch, dass mehr als 10% weniger der 25- bis 29-Jährigen aus Mittelosteuropa(45,5%) eine Hochschulbildung aufweisen. Dieser altersbasierte Vergleich lässt zumindest die Vermutung zu, dass Jugendliche im Baltikum bereits in jungen Jahren darin bestrebt sind, ihr Bildungsniveau kontinuierlich zu erhöhen. Nach dem Erreichen des mittleren Bildungsabschlusses wird nicht selten das Ziel verfolgt, noch einen akademischen Abschluss zu erlangen. Hingegen konzentrieren sich die Jugendlichen in Mittelosteuropa bereits früh in ihrer Bildungskarriere auf den Erwerb eines mittleren Bildungsabschlusses. So verfügen bereits 27,8% der 14- bis 19-Jährigen und 72,4% der 19- bis 24-Jährigen über einen mittleren Schulabschluss. Dies bedeutet gleichzeitig auch, dass für die überwiegende Mehrheit der Heranwachsenden in Mittelosteuropa damit das maximale Bildungsniveau auch erreicht ist. Ein Studium wird signifikant seltener angestrebt. Die unterschiedlichen Bildungsorientierungen der Jugendlichen in den befragten Gebieten sind aber auch nicht losgelöst von den jeweiligen wirtschaftlichen Bedingungen bzw. den hieraus resultierenden Konditionen des Arbeitsmarktes zu betrachten. Im Zuge historischer Entwicklungen ist die Wirtschaft in den baltischen Ländern im besonderen Maße durch innovative, intellektuell anspruchsvolle Tätigkeiten geprägt, die von technischen, technologischen und digitalen Fortschritten gekennzeichnet sind(Melnkas 1999, S. 15). Damit ist die baltische Wirtschaft vor allem durch die Informationstechnologie und den Dienstleistungssektor geprägt, wodurch entsprechende Qualifikationen in den Arbeitsbereichen erforderlich sind(Mets 2018; Dubra 2013). Die Jugendlichen scheinen für diese Situation durchaus auch ein Bewusstsein zu entwickeln, sodass 75% der Befragten die Expertise und weitere 73% das Bildungsniveau als die beiden entscheidenden Faktoren auffassen, um einen Job zu finden. Entsprechend dieser wirtschaftlichen Prägung lässt sich die hohe Bildungsorientierung der Heranwachsenden im Baltikum auch als eine Antwort auf die Anforderungen verstehen, die sie zum Eintritt in den Arbeitsmarkt erfüllen müssen. Tatsächlich zeigt sich nämlich, dass Jugendliche mit einem höheren Bildungsniveau auch gleichzeitig die höchsten Chancen haben, eine Arbeitsstelle zu finden, die ihrer Ausbildung auch entspricht. In den mittelosteuropäischen Ländern sind Jugendliche allerdings mit anderen wirtschaftlichen Bedingungen konfrontiert. Die osteuropäischen Ökonomien sind im Besonderen durch Industrie geprägt(Müller et al 2005). Dies wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus, auf dem 48,7% der Jugendlichen mit mittlerem Abschluss einer Tätigkeit nachgehen, die ihrer Ausbildung auch entspricht. Dies bedeutet, dass Heranwachsende dort mit einem mittleren Abschluss größere Aussichten auf eine adäquate, d. h. passgenaue berufliche Perspektiven haben. So unterscheiden sich zwar die Jugendgeneration im Baltikum und in Mittelosteuropa im Hinblick auf ihre Bildungsorientierungen, gemeinsam ist beiden Gruppen jedoch, dass sie ihre Bildungsbestrebungen nach den Anforderungen ausrichten, die wirtschaftlich an sie gestellt werden. Die Heranwachsenden sind also in beiden Regionen darin bestrebt, durch ihren anvisierten bzw. erreichten Abschluss die Voraussetzungen dafür zu schaffen, eine adäquate Arbeitsstelle zu erhalten. Dies bedeutet, dass die Jugend in Mittelosteuropa und im Baltikum ihre 20 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Entscheidung für ihren Bildungsabschluss letztlich über die (potenzielle) Verwertbarkeit am Arbeitsplatz verhandeln. Sie richten ihre Bildungsambition in erster Linie strategisch danach aus, mit welchem Bildungsabschluss sie die besten Chancen auf eine passgenaue Arbeitsstelle erwarten. Der Bildungsabschluss wirkt sich allerdings in den beiden Teilen Europas auch nicht unerheblich auf die Zufriedenheit der Jugendlichen mit ihrem jeweiligen Bildungssystem aus. Besonders interessant ist nämlich, dass die Zufriedenheitswerte mit dem Bildungssystem sowohl in den baltischen als auch mittelosteuropäischen Ländern stark mit dem Bildungsabschluss der Jugendlichen zusammenhängen. So sind unter den zufriedenen mittelosteuropäischen Jugendlichen vor allem jene(44,8%), die ein mittleres Bildungsniveau aufweisen. In den baltischen Staaten jedoch sind 50,9% der zufriedenen Jugendlichen im akademischen Bereich verortet. Vergleicht man die Zufriedenheitswerte in den beiden Regionen genauer, fallen weitere Unterschiede auf. Auf dem ersten Blick erscheinen die befragten Jugendlichen in den baltischen Ländern deutlich zufriedener mit dem Bildungssystem zu sein als Heranwachsende in Mittelosteuropa. So geben 40,4% der Jugendlichen an, ziemlich zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Bildungssystem zu sein. In Mittelosteuropa teilt hingegen nur ein Viertel (25,6%) diese positive Einschätzung. In diesen Ländern sind Jugendliche entweder zu einem Drittel eher unzufrieden mit dem Bildungssystem oder aber nehmen eine ambivalente Haltung ein. Damit sind die Anteile jener Heranwachsenden in diesen Ländern, die unzufrieden oder sehr unzufrieden sind, deutlich höher als im Baltikum. Die Tschechische Republik scheint hierbei allerdings die Ausnahme zu sein. Dort geben 40,1% der Jugendlichen an, ziemlich zufrieden mit dem Bildungssystem zu sein, etwa ein Viertel(26,8%) äußert ihre Unzufriedenheit. In Ungarn hingegen äußern sich knapp die Hälfte (45%) in dieser Art über das Bildungssystem und auch in der Slowakei erscheinen die Jugendlichen mit 43% vergleichsweise stark unzufrieden. Aber auch in Polen liegt die Rate der Unzufriedenheit mit 39% ebenso höher als der Anteil der zufriedenen Jugendlichen. In diesen drei mittelosteuropäischen Ländern äußern sich die befragten Jugendlichen auch entsprechend pessimistisch im Hinblick auf die Korruption im Bildungssystem, aber auch in Bezug auf die Möglichkeit zur politischen Mitbestimmung (vgl. detaillierter Baboš& Világi 2021, Bíró-Nagy& Szabó 2021, Justyna& Mrozowicki 2020/2021). Eine vergleichbare Skepsis und verbreiteten Unmut scheint unter den tschechischen Jugendlichen hingegen weniger stark verbreitet(Jungwirth et al 2021). ABB. 4: ZUFRIEDENHEIT MIT DEM BILDUNGSSYSTEM IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% 4% 18% 36% 25% 14% 2% 16% 33% 28% 18% 3% 27% 42% 17% 8% 3% 21% 36% 25% 10% 14% 57% 16% 9% 21% 34% 35% 8% 4% 35% 33% 21% 6% 7% 34% 31% 18% 7% 3% 22% 34% 27% 11% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Slowakei sehr unzufrieden meistens unzufrieden teils/teils Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. meistens zufrieden Tschechische Republik Baltische Staaten Mittelosteuropa sehr zufrieden weiß nicht B ildung| 21 Analog zu der Situation in Mittelosteuropa hängen auch die Beurteilungen der baltischen Jugendlichen nicht unerheblich von dem Grad ihrer Skepsis ab. So fällt nämlich auf, dass Jugendliche in Lettland 25,6% eher unzufrieden mit dem Bildungssystem sind und dort auch 32,2% denken, dass Abschlüsse dort käuflich erwerbbar sind. Auch in Litauen zeigt sich, dass 35% eher unzufrieden mit dem Bildungssystem sind. 43,8% sind von der Korruption überzeugt. Im Vergleich sind die Jugendlichen in Estland weniger skeptisch in Bezug auf den illegalen Erwerb von Abschlüssen. Dort äußert sich auch lediglich jede bzw. jeder zehnte Jugendliche(11,3%) unzufrieden mit dem Bildungssystem zu sein. Auch statistisch gesehen wird der Zusammenhang zwischen jenen, die das Bildungssystem als eher negativ bewerten und gleichzeitig eine hohe Skepsis im Hinblick auf die Käuflichkeit von Abschlüssen aufweisen, deutlich. In den baltischen Gebieten äußern Jugendliche signifikant häufiger(28,6%) ihre Unzufriedenheit mit dem Bildungssystem, wenn sie zugleich von der Korruption überzeugt sind. Skeptische Heranwachsende aus Mittelosteuropa sind ebenfalls signifikant eher unzufrieden(27,2%) mit ihrem Bildungssystem, sofern die Vermutung von Korruption besteht. ABB. 5: KORRUPTION IM BILDUNGSSYSTEM IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% Polen 4 14% 30% 26% 11% 13% Ungarn 15% 14% 27% 19% 10% 14% Lettland 8% 16% 31% 21% 11% 12% Litauen 6% 13% 25% 32% 12% 11% Estland 11% 27% 26% 9% 4 22% Slowakei 8% 7% 19% 30% 30% 7% Tschechische Republik 3 19% 27% 31% 9% 10% Baltische Staaten 8% 18% 27% 22% 9% 15% Mittelosteuropa 7% 14% 25% 26% 15% 11% gar nicht überwiegend keine Zustimmung teils/teils Zustimmung weiß nicht Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. überwiegend Zustimmung 22 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 6 ARBEIT UND MIGRATION Der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt ist ein wichtiger Schritt in der jugendlichen Entwicklung. Eine misslungen Übergangsphase hat nicht nur negative finanzielle Folgen, sondern ist auch mit sozialen Konsequenzen verbunden. Sowohl die Wege ins Arbeitsleben als auch die Beschäftigungsformen sind vielfältig. Praktika, befristete und unbefristete Einstellungen, Selbstständigkeit und viele weitere Formen kennzeichnen die Arbeitswelt. Daneben stehen viele individuelle Formen, Kombinationen und Wechsel von Beschäftigungen. Migration stellt eine Möglichkeit dar, sich neuen Arbeitsmöglichkeiten zu öffnen oder die eigene Ausbildung voranzutreiben. Gleichsam ist insbesondere Arbeitsmigration oftmals mit prekären Arbeitsverhältnissen, familiären Einbußen und einer stereotypischen Belastung von Männern in der Arbeitswelt und Frauen in der Haushalts- und Familienführung verbunden. JUGENDLICHE IN DER ARBEITSWELT Der Blick auf die Beschäftigungsverhältnisse Jugendlicher in den untersuchten Ländern offenbart ein differenziertes Bild(vgl. Abb. 6) 17 . Ein großer Anteil von 36% ist in unbefristeter Vollzeitbeschäftigung, wobei der Anteil an weiblichen Jugendlichen innerhalb dieser Gruppe höher ist 18 . Dabei zeigen sich markante länderspezifische Unterschiede. Während der Anteil an unbefristeten Vollzeitbeschäftigten in Estland bei 43,8% liegt, geben nur ein Viertel(25,8%) der Tschechinnen und Tschechen an, in gleichem Beschäftigungsverhältnis zu sein. Insgesamt gehen fast 10% aller Jugendlichen(9,1%) nur gelegentlichen Arbeiten nach, hier ist der Anteil an weiblichen Befragten ebenfalls etwas höher(55,3% Frauen zu 44,7% Männern). ABB. 6: AKTUELLE BESCHÄFTIGUNG Jugendliche im Alter von 19 bis 29 Jahren, n=8.040; Angaben in% 8% 8% 10% 36% 3% 6% 9% 7% 5% 8% Unbefristet Vollzeit Unbefristet Teilzeit Befristet Vollzeit Befristet Teilzeit Gelegentlich Selbstständig Berufsausbildung Arbeitslos, aber suchend Arbeitslos und nicht suchend Andere A rbeit und M igration| 25 Überdies zeigt sich, dass gelegentlichen Beschäftigungen häufiger in der Slowakei(19%) und in der Tschechischen Republik(12,8%) nachgegangen werden. Weitere 6% aller Jugendlichen zwischen 19 und 29 Jahren arbeiten in Selbstständigkeit. Hier liegen der Anteil der männlichen Befragten bzw. der Anteil an Befragten in Lettland und Litauen etwas höher. Allgemein kann festgehalten werden, dass Bildung die Chancen am Arbeitsmarkt bestimmt. Dies bestätigen auch die Jugendlichen selbst, befragt danach, welche Faktoren bei der Jobsuche von Relevanz sind. Über 70% nennen Bildungsniveau und Expertise als die beiden wichtigsten Faktoren. Darauf folgen persönliche Kontakte im privaten Umfeld(60,6%) sowie zu Personen in Machtpositionen(59,5%) 19 . Auch die vorliegenden Daten bestätigen, dass mit höherem Bildungsniveau die Anzahl derjenigen, die einer Voll- bzw. Teilzeitbeschäftigung nachgehen, steigt. Über die Hälfe der Befragten(50,4%) mit hohem Bildungsabschluss gehen einer unbefristeten Vollzeitbeschäftigung nach, während es unter denjenigen mit niedrigem Bildungsniveau nur 19% sind. Ferner steigt mit dem Bildungsniveau auch die Passgenauigkeit des Arbeitsplatzes. So geben fast zwei Drittel(69%) der 19bis 29-jährigen Befragten mit hohem Bildungsabschluss an, dass sie in einem Feld sehr nah an ihrer eigenen Profession arbeiten, wohingegen nur 38% der altersgleichen Jugendlichen mit niedrigem Bildungsniveau die gleiche Angabe machen. Bei ca. einem Drittel der Jugendlichen ist eine klare Diskrepanz zwischen individueller Ausbildung bzw. Bildungsabschluss und den Anforderungen der Arbeitgeber zu sehen. Im länderspezifischen Vergleich der Passgenauigkeit von Arbeit und Bildung bzw. Ausbildung zeigt sich, dass Jugendliche aus der Slowakei (37,1%) und Ungarn(34,4%) überdurchschnittlich oft in Bereichen arbeiten, die unter ihrem eigentlichen Ausbildungsniveau liegen. Darüber hinaus zeigt sich im Vergleich aller Länder vor allem in der Slowakei(47,6%) und in der Tschechischen Republik(43,5%) eine höhere Anzahl an Jugendlichen, die nicht in ihrer Profession arbeiten. 25,1 34,4 24,9 30,3 37,1 33,6 24,8 30,2 ABB. 7: PASSUNG VON BILDUNG UND ARBEIT IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 19 bis 29 Jahren, n=8.0400; Angaben in% 25% 34% 25% 30% 37% 34% 25% 30% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik Gesamt Der aktuelle Arbeitsbereich liegt unter meinem Bildungsniveau Arbeite nicht in meiner Profession 38% 36% 36% 39% 48% 44% 33% 39% 26 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 JUGENDARBEITSLOSIGKEIT Estland stellt mit 21,16 Euro BIP und die Tschechische Republik mit 20,64 Euro BIP pro Einwohnerin und Einwohner, die wirtschaftlich stärksten Länder dar. Polen (13,73 Euro BIP) sowie Ungarn(14,70 Euro BIP) weisen das geringste BIP auf(Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, 2022). In Lettland(7,5%) und der Slowakei(6,4%) zeigen sich die höchsten Arbeitslosenzahlen innerhalb der Gesamtbevölkerung. Niedrigste Arbeitslosenquoten weisen die Tschechische Republik(2,1%) und Polen(2,9%) aus(vgl.(Statista, 2022) 20 . Somit kann für wirtschaftlich schwächere Länder nicht direkt eine hohe Gesamtarbeitslosigkeit angenommen werden. Anders ist dies jedoch, wenn man auf die Jugendarbeitslosigkeit blickt(vgl. Abb. 8). So sind in den wirtschaftlich schwächsten Ländern Ungarn und Polen im Vergleich die meisten Jugendlichen von Arbeitslosigkeit betroffen. Im Folgenden werden diese Jugendliche auch als NEET-Jugendliche bezeichnet. 21 Die wirtschaftliche Stärke von Estland und der Tschechischen Republik korrespondiert mit vergleichsweise geringen Arbeitslosenquoten bei den befragten Jugendlichen. Grundsätzlich zeigt sich, dass es durchgängig immer mehr junge Frauen sind, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die einzige Ausnahme stellt die Tschechische Republik dar. Hier fällt der Anteil an jungen Frauen an der Gesamtarbeitslosenquote bei Jugendlichen etwas geringer aus und liegt anteilig bei 48,3%(männliche Jugendliche=51,7%), bei einer Jugendgesamtarbeitslosigkeit von 13,7%. Besonders hoch ist der Anteil an weiblichen Arbeitslosen in den baltischen Ländern(Estland=75%, Lettland=74,3% sowie Litauen= 69,8%). Zudem bestätigt sich auch in dieser Studie ein Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Armut. Jugendliche, die angeben, arbeitslos zu sein, befinden sich häufiger in finanziellen Notsituationen, in denen sie nicht in der Lage sind, Grundbedürfnisse wie Nahrung, Heizung, Elektrizität zu zahlen. ABB. 8: NEET-JUGENDLICHE IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 19 bis 29 Jahren, n=1.501 Angaben in% je Land 22 ABB. 8: NEET-Jugendliche im Ländervergleich 55% 61% 74% 70% 76% 46% 21% 39% 23% 26% 17% 30% 19% 24% 17% 61% 39% 19% 52% 48% 14% Polen Ungarn Lettland Prozent aller Jugendlichen(Alter 19–29) im jeweiligen Land Litauen Anteil Männer Estland Slowakei Anteil Frauen Tschechische Republik A rbeit und M igration| 27 ALLGEMEINE MIGRATIONSFAKTOREN UND-AUSWIRKUNGEN Die baltischen Länder Estland, Lettland und Litauen sowie die Visgárd-Staaten Polen, Ungarn, Slowakei und die Tschechische Republik sind im Vergleich zu vielen anderen osteuropäischen und zentralasiatischen Staaten durch ihre eigene Wirtschaft sowie durch die Mitgliedschaft und den Handel als EU-Staaten vergleichsweise gut aufgestellt, dennoch liegen auch hier viele Push-Fakoren vor, die eine Abwanderung von Jugendlichen begünstigen. So waren die 1990er Jahre bis 2004 geprägt von post-sowjetischen Wanderbewegungen, verstärkt durch politische und wirtschaftliche Instabilität. Ferner erschwerten Visaanforderungen und hohe Kosten die Migration. Das Jahr 2004 stellt mit dem Beitritt in die EU eine Zäsur für alle sieben Länder dar 23 . Bewegungsfreiheit innerhalb der EU und eine steigende Nachfrage an EU-Arbeitskräften vereinfachten innereuropäische Migration. Überdies stellt die Wirtschaftskrise 2009/10 und die damit einhergehenden steigenden Arbeitslosenzahlen, Konkurse von Unternehmen etc. eine weitere prägende Entwicklung dar. Zumeist dient Abwanderung den Zielen, Arbeit zu finden und Einkommen zu sichern. Insbesondere die Alterung der Gesellschaft bei gleichzeitiger Abwanderung der jungen arbeitsfähigen Bevölkerung sowie von gut ausgebildeten Arbeitskräften bei zeitgleichem Fachkräftemangel, stellen die Länder vor große Herausforderungen(vgl. Mierina 2020, Blažytė 2020) 24 . DER WUNSCH, ZU MIGRIEREN Die vorliegenden Daten zeigen, dass nur ein Viertel (25,9%) der Jugendlichen sich nicht vorstellen kann, für mehr als sechs Monate zu migrieren. Dabei sinkt der Wunsch zur Migration mit steigendem Alter. Dies ist beispielsweise darauf zurückzuführen, dass diese Jugendlichen häufiger bereits eine eigene Familie gegründet haben sowie in festen Beschäftigungsverhältnissen stehen. Knapp ein Viertel(22,5%) aller Jugendlichen hat hingegen ein starkes bis sehr starkes Verlangen zur Migration(vgl. Abb. 9). Entsprechend der obigen Aussagen sind dies häufiger jüngere Jugendliche 25 , die noch keine eigene Familie gegründet oder feste Beschäftigungen aufgenommen haben. ABB. 9: ANTEIL AN JUGENDLICHEN MIT EINEM STARKEN WUNSCH ZUR MIGRATION UND ZEITPUNKT DER ABWANDERUNG IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=2.226; Angaben in% 43% 3 27% 24% 26% 25% 32% 25% 17% 28% 25% 33% 19% 22% 20% 29% 23% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Starker/sehr starker Wunsch zu migrieren In den nächsten zwei Jahren Slowakei Tschechische Republik Gesamt 28 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Besonders stark ist der Wunsch zur Migration bei Jugendlichen in Polen(26,9%). Vergleichsweise niedrig ist der Anteil an Jugendlichen, die einen starken Wunsch zur Migration haben in Litauen(16,6%). Anhand der vorliegenden Abbildung 9 wird jedoch auch ersichtlich, dass eine hohe Anzahl an Jugendlichen, die einen starken Wunsch zur Migration haben, nicht gleichbedeutend damit ist, dass diese dann auch tatsächlich zeitnah migrieren wollen. Das bedeutet, dass in Litauen zwar vergleichsweise die wenigsten Jugendlichen einen starken Wunsch zur Migration haben. Jedoch ist bei diesen Jugendlichen mit viel höherer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese jenen Wunsch auch zeitnah umsetzen. 43,4% der litauischen Jugendlichen mit starken Migrationswunsch möchten diesen auch innerhalb der kommenden zwei Jahre nachkommen. Wohingegen in Polen vergleichsweise der höchste Anteil an Jugendlichen mit starkem Migrationswunsch zu verzeichnen ist, jedoch nur 23,8% dieser Jugendlichen tatsächlich eine Migration in den kommenden zwei Jahren planen. Die aktuelle Beschäftigungssituation, in der die Jugendlichen sich befinden, hat deutliche Auswirkungen auf den Wunsch zur Migration(vgl. Abb. 10 Wunsch zur Migration und derzeitige Beschäftigungssituation). Die Annahme, dass eine unbefristete Beschäftigung den Jugendlichen die Sicherheit verleiht, für sich eine Migration auszuschließen, findet Bestätigung. Fast ein Drittel(32,5%) der Jugendlichen in unbefristeter Vollzeitbeschäftigung schließen für sich eine Migration aus. Ein anderes Bild ist hingegen in der Gruppe der Teilzeitbeschäftigten zu erkennen. Bei ihnen ist der Wunsch zu migrieren im Vergleich zu allen anderen Gruppen überproportional stark ausgeprägt. Bei denjenigen, die einen Gelegenheitsjob nachgehen, trifft das auf etwa ein Drittel (30,7%) zu. Lediglich für 16,6% der Jugendlichen mit einem befristeten Teilzeitjob und für 18,3% mit gelegentlichen Jobs kommt eine Migration nicht in Frage. Die Jugendlichen wurden ebenfalls nach dem Land befragt, in das sie am liebsten migrieren würden. Die Angaben sind höchst unterschiedlich und decken eine ganze Spannweite an Ländern ab. Zu den Beliebtesten gehören Spanien(5,1%), USA(7,3%) und Deutschland (8,2%). Eine Verbundenheit zu Russland ist nicht mehr zu erkennen. Nur knapp 1% aller Jugendlichen nennen Russland als Wunschdestination. ABB. 10: WUNSCH ZUR MIGRATION UND DERZEITIGE BESCHÄFTIGUNGSSITUATION Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% (fehlende Prozente= Weiß nicht/keine Antwort) 60 54% 50 45% 40 33% 30 26% 22 – 24% 20 18% 17% 10 Ich beabsichtige nicht zu migrieren Unbefristeter Vollzeitjob Unbefristeter Teilzeitjob Befristeter Vollzeitjob Befristeter Teilzeitjob(s) schwach/mittel Gelegenheitsjob(s) Selbstständig 31% 24 – 26% 21% 18% sehr/sehr stark Berufsausbildung Arbeitslos A rbeit und M igration| 29 EIGENE MIGRATIONSERFAHRUNG Zur Ermittlung, wie viele tatsächlich migrieren, wurden die Heranwachsenden danach gefragt, ob sie bereits für mehr als sechs Monate im Ausland waren. Knapp ein Sechstel (16%) aller Befragten bejahen diese Frage. Dabei ergibt sich ein differenziertes Bild derjenigen Jugendlichen, die auf die Erfahrung der externen Migration zurückblicken. Mit zunehmendem Alter steigt erwartungsgemäß auch der Anteil an Jugendlichen mit zurückliegendem Auslandsaufenthalt. 8,7% der 14- bis 18-Jährigen, 14,1% der 19- bis 24-Jährigen und 21,6% der 25- bis 29-Jährigen machen die Angabe, dass sie für mehr als sechs Monate im Ausland waren 26 . Signifikant ist die Geschlechterverteilung bei Jugendlichen, die auf einen eigenen Auslandsaufenthalt zurückblicken. Während dies auf ein Fünftel(19,1%) aller männlichen Heranwachsenden zutrifft, ist dies bei weiblichen Jugendlichen nur bei 13,7% der Fall 27 . Im Ländervergleich stellt Litauen mit 21,4% das Land dar, in dem die meisten Jugendlichen mit Migrationserfahrung vorzufinden sind. Dies bestätigt noch einmal das Bild, dass die dortigen Jugendlichen zwar vergleichsweise weniger stark das Verlangen haben, zu migrieren, wenn sie aber diesen Wunsch haben, diesen dann auch umsetzen(vgl. Abb. 10). Geringer fällt die Migrationserfahrung in der Tschechischen Republik(11,2%) und in der Slowakei (13,3%) aus. Dies sind auch die Länder, die gemeinsam mit Estland das höchste BIP aufweisen. Damit öffnet sich der Blick auf die klassische Arbeitsmigration, die insbesondere durch die wirtschaftliche Stärke eines Landes und die private finanzielle Lage bestimmt ist. 30 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 7 FAMILIE In allen sieben untersuchten Ländern hat die Familie für Jugendliche eine enorm hohe Bedeutung inne. Dies gilt sowohl für ihre gegenwärtige Situation als auch im Hinblick auf die weitere Lebensführung. ZUFRIEDENHEIT Der überwiegende Teil der Jugendlichen äußert eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Familie. Mehr als zwei Drittel(68,3%) der jungen Menschen gibt an, mit ihrem Familienleben sehr oder größtenteils zufrieden zu sein. Für diese Jugendlichen geht Familie mit Sicherheit, Kontinuität und Stabilität einher. Die Mehrheit berichtet auch von einer partizipativen Form der Entscheidungsfindung zu Hause. Diese hohen Zustimmungswerte können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass für einen Teil der Jugendlichen die Familie ambivalente Gefühle auslöst oder sogar einen Ort mit hohem Konfliktpotenzial darstellt. So geben 17,6% der Jugendlichen an, eine differenzierte Haltung zu eigener Familie zu haben. Jede bzw. jeder achte Jugendliche(12,5%) ist mit dem gegenwärtigen Leben in der eigenen Familie sogar entweder gänzlich oder meistens unzufrieden. Dabei lassen sich zwar geringe, aber statistisch durchaus signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern erkennen. So sind männliche Jugendliche(14,1%) tendenziell unzufriedener mit der Familie als ihre weiblichen Altersgenossinnen (11,2%). Dagegen spielt weder das Alter noch die Wohnregion der befragten Heranwachsenden eine bedeutsame Rolle bei der Bewertung des familiären Zusammenlebens. Die Werte bleiben über alle Altersgruppen hinweg sowie in der Unterscheidung nach Jugendlichen, die in urbanen und ländlichen Strukturen aufwachsen, konstant gleich. ABB. 11: ZUFRIEDENHEIT MIT FAMILIENLEBEN IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% ABB. 11: Zufriedenheit mit Familienleben im Ländervergleich 66% 62% 66% 70% 77% 69% 71% 69% 21% 11% 19% 17% 21% 12% 17% 10% 11% 11% 19% 13% 16% 13% 18% 13% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland sehr/meistens unzufrieden teils/teils sehr/meistens zufrieden Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet Slowakei Tschechische Republik Gesamt Familie| 33 Vergleicht man jedoch die Jugendlichen nach ihren Herkunftsländern, werden zum Teil offensichtliche und statistisch gesehen relevante Differenzen deutlich. Demnach sind Heranwachsende in Estland am zufriedensten mit ihrem eigenen Familienleben. Dies trifft auf mehr als Dreiviertel(76,8%) von ihnen zu. In Ungarn fallen die entsprechenden Zustimmungswerte – auch im Vergleich zu allen anderen Ländern – mit 62,4% signifikant geringer aus. Sowohl in Polen als auch Lettland ist zudem ein überproportional hoher Anteil an Jugendlichen zu beobachten, der eine ambivalente Haltung zu eigener Familie einnimmt. Mehr als jede bzw. jeder fünfte Jugendliche gibt in diesen beiden Ländern an, dass neben harmonischen und positiven Erfahrungen, es immer wieder auch zu Spannungen und konflikthaften Aushandlungsprozessen innerhalb der Familie kommt. Dabei sind in allen sieben untersuchten Ländern Mittelosteuropas und des Baltikums Familienfragen auch soziale Statusfragen, die von finanziellen Möglichkeiten der Familie abzuhängen scheinen. So entscheidet die sozioökonomische Lage auch maßgeblich darüber, wie das Urteil über die eigene Familie gefällt wird. Der Trend ist stets klar: ABB. 12: ZUFRIEDENHEIT MIT FAMILIENLEBEN IN ABHÄNGIGKEIT ZUR FINANZIELLEN SITUATION IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Antworten: sehr/meistens zufrieden; Angaben in% 85 80 75 71 70 65 64 60 60 59 58 55 53 50 50 50 45 Armut 82 81 81 77 76 75 73 74 73 71 69 69 68 64 62 59 Grundsicherung Finanzielle Freiräume Hoher materieller Standard Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik Gesamt 34 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Je prekärer die finanzielle Situation innerhalb der Familie, umso belastender wird die Beziehung zu Eltern eingeschätzt. Besonders der Alltag von Jugendlichen, die von Armut betroffen oder bedroht sind, scheint die Wahrscheinlichkeit für Spannungen und Meinungsunterschiede innerhalb der Familie zu erhöhen. Hingegen genießen Heranwachsende, die hohen materiellen Standard aufweisen, auch ein höheres Zufriedenheitsempfinden im familiären Kontext. Diese Zusammenhänge fallen jedoch in den einzelnen Ländern in Größe und Niveau unterschiedlich aus. Während in Estland die Zustimmungswerte auch bei Jugendlichen aus prekären Verhältnissen mit 70,7% auf einem vergleichsweise hohen Niveau ausfällt, ist es in Ungarn(53,2%), Slowakei(50,0%) und Lettland (49,7%) nur jede bzw. jeder Zweite, die bzw. der mit ihren bzw. seinen Eltern gut auskommt. Zudem: Ein nicht zu vernachlässigender Teil der ungarischen Jugendlichen (17,4%) gibt im Vergleich zu Altersgleichen in allen anderen Ländern überproportional oft an, sich mit seinen Eltern grundsätzlich nicht zu verstehen, oft zu streiten oder sich in wiederkehrenden Auseinandersetzungen zu befinden. Die Belastungen können unterschiedliche Facetten aufweisen und ausgehend von der finanziellen Notsituation, ihren Ursprung in beengten Wohnverhältnissen und mangelnden Unterstützungsleistungen haben, die die Wahrscheinlichkeit für Spannungen und Konflikte erhöhen. FAMILIENKONSTELLATIONEN Das Aufwachsen in Mittelosteuropa und auf dem Baltikum heißt vor allem Aufwachsen in Familien. Trotz aller Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Globalisierungsprozessen, die auch in diesen Ländern die Lebensbereiche der Menschen durchziehen und nachhaltig prägen, ist die klassische Mutter-Vater-Kind(er)-Konstellation nach wie vor die dominierende Variante. Solange noch kein Auszug aus dem Elternhaus erfolgt ist, lebt mit 71,2% eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen in allen untersuchten Ländern mit beiden Elternteilen zusammen. Allerdings werden bei genauer Betrachtung deutliche regionale Unterschiede sichtbar. ABB. 13: MUTTER-VATER-KIND(ER)-KONSTELLATION IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=4.538; Angaben in% ABB. 13: Mutter-Vater-Kind(er)-Konstellation im Ländervergleich 80 77% 70 67% 71% 66% 76% 74% 71% 60 58% 50 Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik Gesamt Familie| 35 Während in Polen(76,6%), in der Slowakei(75,7%) und in der Tschechischen Republik(74,1%) drei von vier der Jugendlichen, die noch zu Hause wohnen, angeben, sowohl mit der Mutter als auch mit dem Vater einen gemeinsamen Haushalt zu bilden, sind es in Estland (66,1%) und in Ungarn(66,9%) lediglich zwei von drei Heranwachsenden. In Lettland(57,5%) ist es sogar nur noch etwas mehr als jede bzw. jeder Zweite, die bzw. der mit beiden Elternteilen unter einem Dach lebt. Die entsprechenden Zahlen verändern sich naturgemäß mit dem Alter der Jugendlichen. So findet in allen sieben untersuchten Ländern ein schleichender räumlicher Ablösungsprozess von Eltern statt. Während in der Gruppe der unter 18-Jährigen noch etwa 80% aller Jugendlichen im Elternhaus leben, trifft dies bei den 19- bis 24-Jährigen auf etwas mehr als die Hälfte(51,3%) zu. Unter den 25- bis 29-jährigen Befragten bildet nur noch ein Viertel(24,5%) mit den Eltern einen gemeinsamen Haushalt. Parallel dazu wächst der Anteil an Jugendlichen, der mit der eigenen Partnerin bzw. dem eigenen Partner zusammenzieht. Interessanterweise scheint die räumliche Trennung von Eltern in den baltischen Staaten früher vollzogen zu werden. So sind es in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen in Estland nur noch 14,3%, die angeben, bei den eigenen Eltern zu wohnen. Ähnlich verhält es sich bei den jungen Menschen in Lettland(16,6%) und Litauen(18,0%). Dagegen fällt der entsprechende Anteil in Mittelosteuropa deutlich höher aus. Unter den slowakischen Jugendlichen sind es unter den 25- bis 29-Jährigen sogar 41,6%, die noch zu Hause leben. Bequemlichkeit spielt dabei für sie eher eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind es für fast zwei Drittel von ihnen(60,4%) finanzielle Gründe, die sie am Auszug hindern. Nur jede bzw. jeder fünfte Jugendliche in der Slowakei(22,3%) gibt an, dass sie bzw. er mit ihren bzw. seinen Eltern zusammenlebt, weil es die einfachste und bequemste Lösung ist. In den Ländern des Baltikums ist dies dagegen in der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen für einen weitaus höheren Anteil von jungen Menschen ein wichtiger Grund. In Litauen trifft dies auf 47,1%, in Lettland auf 41,8% und in Estland immer-hin noch auf 34,7% der Jugendlichen zu. Dies soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass für einen nicht unerheblichen Anteil der heranwachsenden Menschen im Baltikum unzureichende finanzielle Ressourcen ein Hindernis für ein unabhängiges Leben darstellen. Etwa ein Drittel (Lettland= 34,1%; Estland= 31,9%; Litauen= 28,1%) gibt an, dass sie gerne alleine leben würden, wenn es die finanziellen Verhältnisse zuließen. FAMILIENGRÜNDUNG Dass Familie einen hohen Stellenwert im Leben junger Menschen besitzt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie trotz aller Individualisierungs- und Karrierebestrebungen bei der Planung der eigenen Biografie und mit Blick auf die eigene Zukunft stets mitgedacht wird. Die Gründung der eigenen Familie spielt für die überwiegende Mehrheit aller befragten Jugendlichen – und zwar über alle untersuchten Länder hinweg – eine wichtige Rolle. Familie wird dabei vornehmlich aus einer klassisch traditionellen Wertevorstellung heraus gedacht: Mehr als die Hälfte aller Befragten(57,5%) sieht ihre Zukunft in der Kombination aus Ehe und Kindern. Wenn man jedoch beide Sachverhalte getrennt voneinander betrachtet, lässt sich durchaus ein differenziertes Bild der auf die Gründung der eigenen Familie bezogenen Zukunftsvorstellungen Jugendlicher zeichnen. Demnach gilt es als wichtiger, Kinder zu bekommen als zu heiraten. Während knapp die Hälfte aller Jugendlichen(51,5%) angibt, zu einem späteren Zeitpunkt heiraten zu wollen, ist der Kinderwunsch für immerhin 56,7% ein wichtiges oder sehr wichtiges Ziel. Vor allem baltische Jugendliche sehen die Ehe nicht als Voraussetzung für Partnerschaft und Kinderkriegen. So sind es insbesondere junge Estinnen und Esten, die das Heiraten für nicht zwingend notwendig halten. Lediglich 39,6% befürworten dies, gefolgt von ihren Altersgleichen in Lettland(46,5%) und Litauen(49,7%). Ein tendenziell umgekehrtes Bild lässt sich dagegen in Polen zeichnen. In dem traditionell durch den christlichen Glauben und die römisch-katholische Kirche geprägten Land rangiert die Ehe(55,3%) noch vor dem Kinderwunsch (50,2%). Im internationalen Vergleich stellt dieses Verhältnis bei der konkreten Ausrichtung der Familiengründung ein Alleinstellungsmerkmal dar. Allerdings lässt sich dieses Verhältnis in Polen nicht ausschließlich auf die hohe Relevanz der Ehe zurückführen, sondern wird durch die Tatsache verstärkt, dass die Bestrebung Kinder zu bekommen, seltener artikuliert wird. Mehr als ein Fünftel der polnischen Jugendlichen(21,8%) plant – auch unabhängig von der Partnerkonstellation – auf eigene Kinder zu verzichten. Hinzu kommt ein hoher Anteil an Unerschlossenen (19,7%), die den Kinderwunsch nur bedingt verfolgen. 36 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Insgesamt genommen stellt Polen unter den VisgárdStaaten das Land dar, in dem die Kinderplanung unter der nachfolgenden Jugendgeneration am häufigsten zurückgestellt wird. Unabhängig davon ist in der Frage der Familiengründung für alle untersuchten Länder ein signifikantes Stadt-LandGefälle erkennbar. Der Wunsch nach Ehe und Kindern als ein zentrales Ziel bei der Gestaltung der eigenen Biografie, ist bei Jugendlichen in urbanen Strukturen deutlich seltener ausgeprägt als bei ihren Altersgleichen in ländlichen Regionen. Dagegen keine – zumindest keine unmittelbare – Rolle scheint die augenblickliche finanzielle Situation diesbezüglich zu spielen. Ehe und Kinderkriegen wird von den Jugendlichen unabhängig von ihrer sozio-ökonomischen Lage stets in ähnlicher Weise beurteilt. Dass aber zumindest eine indirekte Einflussnahme vorliegt, ist der Tatsache geschuldet, dass die Zufriedenheit mit der Herkunftsfamilie, die wie bereits festgestellt(vgl. Abb. 12) ihrerseits in allen hier untersuchten Ländern maßgeblich von der finanziellen Situation, in der die Jugendlichen auswachsen, abhängt, die Sicht auf das Heiraten und den Wunsch selbst Kinder zu bekommen, determiniert(vgl. Tab 2). ABB. 14: EHESCHLIESSUNG UND KINDERWUNSCH IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Antworten: sehr wichtig/wichtig; Angaben in% ABB. 14: Eheschließung und Kinderwunsch im Ländervergleich 65% 55% 50% 60% 54% 56% 47% 51% 50% 53% 61% 58% 55% 57% 52% 40% Polen heiraten Ungarn Lettland Kinder bekommen Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik Gesamt Familie| 37 TAB. 2: FAMILIENPLANUNG UND ZUFRIEDENHEIT MIT HERKUNFTSFAMILIE Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in%. Zufriedenheit mit Herkunftsfamilie sehr/meistens zufrieden teils/teils sehr/meistens unzufrieden wichtig/sehr wichtig 56,4 Heiraten teils/teils 21,7 nicht wichtig/gar nicht wichtig Kinder bekommen wichtig/sehr wichtig teils/teils nicht wichtig/gar nicht wichtig 18,6 62,3 17,0 16,0 43,3 26,6 25,6 46,8 23,9 23,4 39,7 22,0 34,7 43,9 18,4 32,6 So zeigen sich in allen sieben untersuchten Ländern diejenigen Jugendlichen, die eine hohe Zufriedenheit mit der eigenen Herkunftsfamilie äußern, weitaus aufgeschlossener, was etwa das Heiraten angeht. Für 56,4% aller befragten Jugendlichen, die ihrer Familie ein positives Urteil aussprechen, ist die Ehe im weiteren Biografieverlauf ein wichtiges bis sehr wichtiges Ziel. Für diejenigen, die in ihrer Familie wiederkehrende Konflikte wahrnehmen, trifft dies lediglich in 39,7% aller Fälle zu. Ein vergleichbares Bild mit einer noch deutlicheren Diskrepanz ergibt sich, wenn man den Wunsch, eigene Kinder zu bekommen, betrachtet. Fast zwei Drittel(62,3%), der mit der Herkunftsfamilie zufriedenen Heranwachsenden, möchte zu einem späteren Zeitpunkt auch selbst Kinder großziehen. Lediglich 16,0% würden dies verneinen. Blickt man auf den konkreten Zeitpunkt der Familiengründung, so scheint sich der Prozess immer weiter zu verzögern – eine Entwicklung, die in westlichen Ländern Europas bereits seit einigen Jahrzehnten zu beobachten ist. Die Gründe hierfür liegen in erster Linie in finanziellen Hindernissen sowie Individualisierungsbestrebungen, wie etwa persönlichen Bildungsambitionen und Karriereplanungen. Das angegebene durchschnittliche Alter für Familiengründung – gemessen an dem Zeitpunkt, wann beabsichtigt wird, das erste Kind zu zeugen – wird über alle untersuchten Länder hinweg mit 28 Jahren angegeben. Interessanterweise liegt der Durchschnittwert in den Ländern des Baltikums unter und in den Visgárd-Staaten knapp über 28 Jahren – wenngleich eine hohe Streuung der Angaben zu beobachten ist. Entsprechend kann die Orientierung an den klassischen familiären Werten durchaus als ein zentrales Kennzeichen der gegenwärtigen Jugendgeneration in den untersuchten Ländern gesehen werden, das über familiäre Sozialisationsprozesse von Generation zu Generation weitergegeben wird. Anders formuliert: Nehmen Jugendliche die eigene Familie, in der sie aufwachsen als einen Ort wahr, wo Zuneigung, Unterstützung, Sicherheit, Kontinuität und Stabilität erfolgt sowie partizipative Formen der Aushandlung und Entscheidungsfindung in der täglichen Kommunikation mit Eltern und anderen Familienmitgliedern möglich werden, erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt selbst eine Familie gründen. Der Blick auf die entsprechende Verteilung der Altersgruppen in den einzelnen Ländern unterstreicht den Ersteindruck und erlaubt zugleich eine differenzierte Betrachtung. So sind etwa Jugendliche in Lettland bereit, die Familienplanung tendenziell früher anzugehen als dies in allen anderen Ländern der Fall ist. Fast ein Drittel(31,5%) plant die Geburt des ersten Kindes vor Vollendung des 25. Lebensalters. In der Altersphase zwischen dem 26. und 28. Lebensjahr wird dieser Wunsch für die Mehrheit der Heranwachsenden in der Tschechischen Republik virulent. 40% peilen dieses Alter bei der Planung an. Zu einem relativ späten Zeitpunkt wird dagegen die Geburt des ersten Kindes in Ungarn erwartet. Knapp ein Drittel(29,4%) rechnet damit im Alter von 29 bzw. 30 Jahren und weitere fast 15% beabsichtigen dies erst jenseits des eigenen 30. Geburtstags. In beiden Fällen handelt es sich um einen im internationalen Vergleich überproportional hohen Wert. 38 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 TAB. 3: KINDERWUNSCH NACH ALTERSGRUPPEN IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% Länder Altersgruppen Polen Ungarn Lettland Litauen Estland bis 25 Jahre 27,3 22,4 31,5 26,5 25,1 Slowakei 21,3 Tschechische Republik 24,2 Gesamt 25,1 26–28 Jahre 33,6 33,4 27,9 31,9 33,8 36,8 40,0 34,4 29–30 Jahre 27,9 29,4 28,6 28,2 27,5 29,6 27,0 28,3 31 Jahre und 11,2 14,9 12,1 13.3 13,6 12,2 8,9 12,2 älter Deutliche Differenzen lassen sich auch darin erkennen, wie viele Kinder die befragten Jugendlichen sich konkret wünschen. Allerdings wagen lediglich zwei Drittel aller Befragten hier überhaupt eine Prognose. Unter denen, die entsprechende Angaben machten, liegt die durchschnittliche Anzahl bei 2,18 Kindern. Nennenswerte Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind dabei nicht zu erkennen. Um einiges bedeutsamer ist dagegen der Unterschied zwischen Jugendlichen, die auf dem Land oder in der Stadt aufwachsen. Hier bestätigt sich der Trend, der bereits beim grundsätzlichen Kinderwunsch sichtbar wurde: Jugendliche in ländlichen Regionen sind im Vergleich zu ihren Altersgleichen, die in urbanen Strukturen heranwachsen, nicht nur der Familienplanung als Ganzes generell aufgeschlossener, sondern sind auch bereit, mehr Kinder großzuziehen. Auch im Ländervergleich fällt eine tendenzielle Richtung auf, die entlang der Grenze zwischen dem Baltikum und den Ländern Mittelosteuropas verläuft. Baltische Jugendliche planen im Verlauf ihres Lebens mehr Kinder zu bekommen, als dies unter den Jugendlichen in den Visgárd-Staaten der Fall ist. So sind etwa junge Estinnen und Esten(ebenso wie ihre Altersgenossinnen und -genossen in Lettland) in der Gruppe der Jugendlichen, die„lediglich“ einen zweifachen Kinderwunsch äußern, unterrepräsentiert und in der Gruppe derjenigen, die sich eine Familie mit drei oder sogar vier und mehr eigenen Kindern wünschen, deutlich überrepräsentiert. Ein gegenteiliger Trend lässt sich dagegen auf Seiten der Länder Mittelosteuropas insbesondere in der Tschechischen Republik ausmachen, wo die Jugendlichen vergleichsweise selten den Wunsch von mehr als zwei Kindern benennen. Eine Ausnahme bildet hier Polen. TAB. 4: GEWÜNSCHTE KINDERZAHL IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=9.900; Angaben in% Länder Anzahl Polen Ungarn Lettland Litauen Estland 1 Kind 12,4 16,2 18,7 16,6 15,2 Slowakei Tschechische Republik 14,2 12,3 Gesamt 14,9 2 Kinder 63,1 59,3 53,2 63,0 52,8 62,2 69,6 61,1 3 Kinder 4 und mehr Kinder 18,6 21,2 23,6 15,9 27,0 18,7 14,1 19,5 5,9 3,3 4,5 4,4 5,0 4,9 4,0 4,5 Familie| 39 8 ALLGEMEINE WERTE, EINSTELLUNGEN UND WÜNSCHE ZUFRIEDENHEIT Mit dem Blick auf die Angaben der Jugendlichen hinsichtlich der Frage, wie zufrieden sie mit ihrem Leben im Allgemeinen sind, fällt auf, dass sich sowohl in den baltischen als auch in den mittelosteuropäischen Regionen eine ziemlich zufriedene Jugendgeneration zeigt. So geben aus dem Baltikum insgesamt 64,8% der Befragten an, generell sehr oder ziemlich zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Nahezu der gleiche Anteil der Jugendlichen in Mittelosteuropa(62,9%) teilt diese Einschätzung. Dagegen eher unzufrieden mit dem eigenen Leben zeigt sich über alle Länder hinweg etwa ein Fünftel(22%) aller Jugendlichen. Signifikante Unterschiede zwischen den Altersgruppen und den Geschlechtern sind diesbezüglich nicht zu erkennen. Dies gilt ebenfalls für den Vergleich zwischen den auf dem Land oder in der Stadt lebenden Heranwachsenden. Was jedoch die Lebenszufriedenheit maßgeblich beeinflusst, ist ihre finanzielle Situation. So äußern sich Heranwachsende sowohl in den baltischen als auch in den mittelosteuropäischen Ländern umso zufriedener mit ihrer allgemeinen Lebenssituation, je mehr finanzielle Mittel ihnen zur Verfügung stehen. Neben dem Aspekt der finanziellen Sicherheit sind es vor allem soziale Faktoren anhand derer Jugendliche ihren subjektiv empfundenen Zufriedenheitsgrad festmachen. Hierzu gehört das Wohlempfinden innerhalb der Familie und der Peer Group, wenngleich der Freundeskreis sich offenbar noch stärker auf die Lebenszufriedenheit insgesamt auszuwirken scheint. In den baltischen Staaten nimmt außerdem die Zufriedenheit mit der eigenen Bildung eine etwas größere Rolle in Bezug auf die subjektiv empfundene Lebenszufriedenheit ein als dies im Kontext von Mittelosteuropa der Fall ist. Auf der Ebene der einzelnen Länder fällt auf, dass Jugendliche in Estland die höchsten Zufriedenheitswerte aufweisen. Im Vergleich zu Lettland und Litauen sind sie nicht nur zufriedener mit ihrem Leben insgesamt, sondern bringen die Zufriedenheit auch im Zusammenhang mit der eigenen Familie(76,8%), dem Freundeskreis(78,8%) und ihrer Bildung(69,0%) deutlich häufiger zum Ausdruck. Die Jugendlichen in Lettland hingegen sind in allen Bereichen deutlich zurückhaltender. In mittelosteuropäischen Ländern stellen sich vor allem die Heranwachsenden in der Slowakei wie auch in Tschechien im Vergleich zu ihren Altersgleichen in Ungarn und Polen in allen Bereichen als zufriedener heraus. ABB. 15: ZUFRIEDENHEIT IM LEBEN ALLGEMEIN IM LÄNDERVERGLEICH Ju A g B e B n . d 1 li 5 ch : Z e u im fri A e l d te e r n v h o e n it 14 im bi L s e 2 b 9 e Ja n h a re ll n g , e B m al e ti i k n um im n L = ä 3 n .9 d 0 e 0 r , v M e i r t g te le lo ic st h europa n=6.000; Angaben in% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik Baltische Staaten Mittelosteuropa 5% 8% 5% 11% 4% 8% 3% 6% 3% 10% 3% 9% 3% 10% 3% 8% 4% 9% 23% 26% 27% 22% 17% 19% 22% 22% 22% 40% 42% 42% 50% 50% 47% 44% 47% 43% 22% 15% 18% 17% 19% 22% 20% 18% 20% sehr unzufrieden meistens unzufrieden teils/teils meistens zufrieden sehr zufrieden A llgemeine W erte, E instellungen und W ünsche| 41 ZUKUNFTSPROGNOSEN UND LEBENSZIELE Sowohl in den mittelosteuropäischen als auch in den baltischen Regionen deuten sich bei Zukunftsprognosen der Jugendliche analoge Tendenzen an. So schätzen die baltischen als auch die mittelosteuropäischen Heranwachsenden stets ihre persönliche zukünftige Entwicklung optimistischer ein als die Zukunft des jeweils eigenen Landes. ABB. 16: ZUKUNFT FÜR DAS EIGENE LAND IN 10 JAHREN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, Baltikum n=3.900, Mittelosteuropa n=6.000; Angaben in% ABB. 16: Zukunft für das eigene Land in 10 Jahren 37% 39% 23% 27% 27% 24% schlechter als jetzt genauso wie jetzt besser als jetzt Baltische Staaten Mittelosteuropa Allerdings zeigen sich die baltischen Jugendlichen etwas optimistischer. Mit 39,3% denkt eine relative Mehrheit dort, dass sich die Zukunft im Baltikum verbessern wird und lediglich 23,3% gehen von einer Verschlechterung innerhalb der nächsten 10 Jahre aus. In Mittelosteuropa ist hingegen lediglich weniger als jeder Vierte(24%) davon überzeugt, dass sich zukünftig die Lage in diesen Regionen verbessern wird. Hier erwartet eine relative Mehrheit von 39,2%, dass sich die Situation in ihrem Land zukünftig schlechter darstellen wird. Es sind vor allem die Heranwachsenden in der Slowakei(39,4%) aber auch in der Tschechischen Republik(39,2%), die eine pessimistischen Einschätzungen abgeben. In diesen beiden Ländern äußern sich die Jugendlichen auch unzufrieden im Hinblick auf die Möglichkeiten, die der Jugend zur politischen Mitbestimmung eröffnet werden(Jungwirth et al. 2021; Justyna& Mrozowicki 2020/2021). Neben dieser politischen Desillusionierung tragen aber auch Sorgen und Ängste zu zurückhaltenden Zukunftsprognosen bei. So sind 83,1% der Jugendlichen im Baltikum und 87,8% der Mittelosteuropäer bezüglich der zunehmenden Umweltverschmutzung und des Klimawandels stark besorgt. Aber auch Bedenken hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage, der Arbeitsmarktsituation und der sozialen Ungleichheit sind nicht weniger stark verbreitet. Im Baltikum sind es Dreiviertel(75,4%), die sich besorgt über die Situation am Arbeitsmarkt äußern. 77,5% tun dies ebenso im Hinblick auf die soziale Ungleichheit. In Mittelosteuropa trifft dies sogar auf 83% der Jugendlichen zu. 73,6% haben Angst vor Arbeitslosigkeit. Damit deutet sich an, dass unter der nachrückenden Jugendgeneration in beiden untersuchten Regionen große Sorgen verbreitet sind, inwieweit ihre Länder auf zukünftige gesamtgesellschaftliche, globale oder auch wirtschaftliche Herausforderungen in der Lage sind, adäquat zu reagieren. 42 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 ABB. 17: PERSÖNLICHE ZUKUNFT IN 10 JAHREN IM LÄNDERVERGLEICH Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, Baltikum n=3.900, Mittelosteuropa n=6.000; Angaben in% 68% 9% 79% 11% 82% 78% 78% 8% 10% 11% 75% 12% 77% 9% 79% 10% 75% 10% Polen Ungarn Lettland Litauen Estland schlechter als jetzt genauso wie jetzt besser als jetzt Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. Slowakei Tschechische Republik Baltische Staaten Mittelosteuropa Dagegen deutlich optimistischer sind Jugendliche mit Blick auf ihre persönliche Zukunft. Im Baltikum gehen 79,4% von einer Verbesserung ihrer persönlichen Situation innerhalb der nächsten zehn Jahre aus. Dies trifft auch auf Dreiviertel(74,6%) der Jugendlichen in mittelosteuropäischen Ländern zu. Damit zeigt sich in beiden untersuchten Regionen: Jugendliche schätzen das Erreichen ihrer eigenen persönlichen Ziele als durchaus realistisch ein und blicken entsprechend in Bezug auf die persönliche Weiterentwicklung ihres Lebens optimistisch in die Zukunft. Dabei sind es die weiblichen Heranwachsenden, die im Vergleich zu ihren männlichen Altersgenossen etwas optimistischer im Hinblick auf ihre eigene Zukunft sind. ABB. 18: WICHTIGE ZIELE UND WERTE IM LEBEN VON JUGENDLICHEM IM BALTIKUM Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 3.900; Angaben in% ABB.18: Wichtige Ziele und Werte im Leben von Jugendlichem im Baltikum Unabhängigkeit Verantwortungsübernahme Erfolgreiche Karriere Gut aussehen Gesund essen Sport treiben Universitätsabschluss machen Reich sein Kinder bekommen Heiraten/verheiratet sein Teilnahme an staatsbürgerlichen Aktionen/Initiativen Aktive politische Beteiligung Markenkleidung tragen 3 6% 90% 4 11% 83% 4 12% 82% 7% 19% 73% 6% 21% 71% 10% 25% 64% 15% 20% 63% 11% 28% 59% 22% 20% 53% 25% 26% 46% 26% 38% 30% 44% 31% 21% 55% 28% 15% nicht/meistens nicht wichtig teils/teils sehr/wichtig Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. A llgemeine W erte, E instellungen und W ünsche| 43 ABB. 19: WICHTIGE ZIELE UND WERTE VON JUGENDLICHEN IN MITTELOSTEUROPA Ju A g B e B n . d 1 li 9 ch : e W im ich A t l i t g er e v Z o i n el 1 e 4 u b n is d 2 W 9 J e a r h t r e en v , o n n = J 6 u .0 g 0 e 0 n ; A d n lic g h ab e e n n in in M % ittelosteuropa Unabhängigkeit Verantwortungsübernahme Erfolgreiche Karriere Gesund essen Gut aussehen Sport treiben Kinder bekommen Universitätsabschluss machen Heiraten/verheiratet sein Reich sein Teilnahme an staatsbürgerlichen Aktionen/Initiativen Aktive politische Beteiligung Markenkleidung tragen 4 14% 4 13% 6% 8% 11% 16% 24% 26% 12% 18% 24% 18% 24% 19% 20% 20% 16% 32% 32% 50% 58% 82% 80% 77% 65% 62% 61% 58% 56% 54% 49% 34% 27% 25% 19% 24% 17% nicht/meistens nicht wichtig teils/teils sehr/wichtig Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. RELIGION Neben der Unabhängigkeit und der Übernahme persönlicher Verantwortung ist es den Jugendlichen wichtig, eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. In Mittelosteuropa scheint zur Umsetzung dieser Ziele bereits der mittlere Bildungsabschluss ausreichend zu sein, um das Leben möglichst eigenständig und weitestgehend unabhängig führen zu können. Da sie diesen Abschluss zwischen dem 19. und 24. Lebensjahr bereits größtenteils erfolgreich erworben und ihre Ziele bereits(nahezu) erreicht haben, blicken sie auch entsprechend zuversichtlich in ihre Zukunft. Religion scheint für die heranwachsende Jugendgeneration sowohl im Baltikum als auch in Mittelosteuropa eher von geringerer Bedeutung zu sein. So geben 61,2% der jungen Leute im Baltikum an, keiner Religionsgemeinschaft anzugehören. Entsprechend nimmt auch weniger als die Hälfte(51,5%) überhaupt an religiösen Veranstaltungen teil. 24% suchen diese Veranstaltungen maximal einmal im Jahr auf. Von den religiösen Jugendlichen(38,8%) verorten sich die meisten(18,5%) in der römisch-katholischen bzw. protestantischen Kirche. Im Baltikum hingegen scheint für die Jugendlichen ein hoher Bildungsabschluss die Grundvoraussetzung dafür zu sein, diese Ziele zu erreichen. Der längere Bildungsweg führt auch entsprechend dazu, dass sie vermehrt erst zwischen 25 und 29 Jahren über die entsprechende Qualifikation verfügen und erst in diesem Alter zuversichtlicher in Bezug auf ihre eigene Zukunft sind. Damit steht zwar die Individualisierung bzw. die Selbstverwirklichung in beiden untersuchten Regionen für die befragten Jugendlichen im Zentrum, deren Erreichen allerdings unter-schiedlich ausbuchstabiert und in unterschiedlichen Altersbereichen erzielt wird. Im Unterschied zu den baltischen Jugendlichen sind jene in Mittelosteuropa religiöser ausgerichtet. Die Mehrheit von 56,4% fühlt sich einer Religionsgemeinschaft zugehörig. Mit 42,3% sind die meisten Mitglied entweder der römisch-katholischen oder der protestantischen Kirche. Jugendliche in Mittelosteuropa besuchen auch häufiger religiöse Veranstaltungen: 16,9% geben an, hieran monatlich oder sogar wöchentlich teilzunehmen. Vor allem für Jugendliche in Polen und in der Slowakei gehört Religion nach wie vor zum Alltag dazu. In beiden Ländern sucht etwa ein Drittel religiöse Veranstaltungen wie z.B. Gottesdienste regelmäßig auf. 44 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Jene Jugendliche, die sich als religiös bezeichnen und sich auch stärker im Kontext ihrer Glaubensgemeinschaft engagieren, unterscheiden sich auch im Hinblick auf ihre Lebensziele und ihre Werteorientierung von den übrigen Heranwachsenden. So zeigt sich beispielsweise in Polen, dass den stark religionsorientierten Jugendlichen sowohl Unabhängigkeit(83,5%) als auch die Verantwortungsübernahme(85,6%) im Schnitt wichtiger sind als den übrigen mittelosteuropäischen Jugendlichen. Damit hat zwar die Selbstverwirklichung auch für sie eine große Relevanz(womit sie sich auf den ersten Blick auch nicht von anderen Jugendlichen unterscheiden), allerdings scheinen sie diese Zielstellung über andere Aspekte zu verhandeln. Vor allem traditionelle Werte spielen dabei eine zentrale Rolle. Selbstverwirklichung wird in erster Linie über die Ehe definiert und die Verantwortungsübernahme über ein ausgeprägtes gesellschaftliches und politisches Engagement. ABB. 20: RELIGIONSZUGEHÖRIGKEIT Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, Baltikum n=3.900, Mittelosteuropa n=6.000; Angaben in%. ABB. 20: Religionszugehörigkeit 12% 1 19% 2 6% Baltische Staaten 61% 0,5 11% 42% Mittelosteuropa 2 44% 1 keiner orthodox muslimisch römisch-katholisch/ protestantisch jüdisch andere ABB. 21: LEBENSZIELE UND WERTE RELIGIÖSER JUGENDLICHER IN POLEN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n=453; Angaben in% ABB. 21: Lebensziele und Werte religiöser Jugendlicher in Polen Verantwortungsübernahme Unabhängigkeit Erfolgreiche Karriere Gesund essen Gut aussehen Sport treiben Heiraten/ verheiratet sein Universitätsabschluss machen Kinder haben Reich sein Teilnahme an staatsbürgerlichen Aktionen/ Initiativen Aktive politische Beteiligung Markenbekleidung 4 8% 3 10% 5% 12% 6% 22% 9% 21% 9% 22% 17% 17% 17% 18% 19% 14% 18% 28% 25% 45% 52% 32% 86% 84% 80% 70% 68% 66% 60% 60% 56% 55% 37% 27% 22% 27% 19% nicht/meistens nicht wichtig teils/teils sehr/wichtig Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. A llgemeine W erte, E instellungen und W ünsche| 45 9 POLITISCHE EINSTELLUNGEN UND PARTIZIPATION Zweifellos ist politisches Interesse untrennbar mit der Einstellung gegenüber dem politischen System, den Akteurinnen und Akteuren und Institutionen verbunden(Prior 2019). Je stärker das Interesse an Politik, umso tiefer ist das politische Wissen und desto eher beruhen die Meinungen auf kognitiven und affektiven Komponenten. Daher ist die Untersuchung des politischen Interesses ein zentrales, wenn nicht sogar das wichtigste Thema der politischen Soziologie. POLITISCHES INTERESSE Nur 5,5% der Jugendlichen in den Visgárd-Staaten und den baltischen Ländern sind sehr an Politik interessiert, weitere 19,4% sind ein wenig interessiert. Dagegen beträgt der Anteil der gar nicht/überwiegend nicht Interessierten 44,5%, d. h. es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen den Interessierten und den Nichtinteressierten. Dabei ist das politische Interesse unter den Jugendlichen in Mittelosteuropa tendenziell stärker und in den baltischen Staaten geringer ausgeprägt. Von den sieben untersuchten Ländern sind die Polen am meisten an Politik interessiert: 30% sind sehr/überwiegend interessiert und nur 36% der Polinnen und Polen sind gar nicht/überwiegend nicht am öffentlichen Leben interessiert(Abb. 22). Am wenigsten interessiert an der Politik sind junge Lettinnen und Letten, von denen mehr als die Hälfte(54,3%) angaben, überhaupt nicht/überwiegend nicht interessiert zu sein, während nur ein Sechstel(16,7%) sehr/überwiegend interessiert war. Das politische Interesse ist bei den Männern etwas größer als bei den Frauen 28 und bei den über 18-Jährigen etwas größer als in der noch jüngeren Altersgruppe. Das politische Interesse der Jugendlichen in den sieben Ländern unterscheidet sich deutlich entlang des„kulturellen Kapitals“ nach Bourdieu(Bildung der Mutter, eigener Bildungsstand). Je höher das Bildungsniveau der Mutter und je höher der Schulabschluss des Jugendlichen ist, desto größer ist das politische Interesse. 29 ABB. 22: PERSÖNLICHES INTERESSE AN POLITIK Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; 1= gar kein Interesse bis 5= sehr interessiert; Angaben in% ABB. 22: Persönliches Interesse an Politik Polen 36% 29% 30% Ungarn 50% 25% 22% Lettland Litauen 54% 39% 26% 30% 17% 26% Estland 50% 26% 21% Slowakei 43% 31% 25% Tschechische Republik 42% 26% geringes Interesse teils/teils hohes Interesse Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. 32% P olitische E instellungen und Partizipation| 47 Nur eine bzw. einer von sechs 14-/15-Jährigen spricht häufig mit ihren bzw. seinen Eltern oder Freundinnen und Freunden über Politik – wenngleich dies unter den baltischen Jugendlichen seltener der Fall ist als unter ihren Altersgenossinnen und-genossen in Mittelosteuropa. Es besteht anscheinend ein Zusammenhang: Je mehr man über Politik spricht, desto mehr beschäftigt man sich mit diesem Thema. Mit der Zeit wird das Interesse an der Politik natürlich größer(Kroh-Selb, 2009). Dies gilt auch für Jugendliche in Mittelosteuropa und den baltischen Staaten. Von denen, die weder zu Hause noch im Freundeskreis über Politik sprechen, sind neun von zehn(89,3%) wenig oder gar nicht daran interessiert. In diesem Fall ist von einem unzureichend in die Gesellschaft integrierten familiären Umfeld die Rede(Jennings-Stoker-Bowers, 2009). Im Gegensatz dazu sind 32,0% der Jugendlichen, die sehr oft in der Familie oder mit Freundinnen und Freunden über Politik sprechen, eher interessiert und 52,1% sind sehr interessiert. Die Korrelation ist also nahezu linear und gilt für alle Länder. Ein Drittel(33,4%) der jungen Menschen in allen sieben untersuchten Ländern diskutiert selten über politische Themen, während nur 3,6% dies sehr häufig tun. Folglich leben die meisten von ihnen in einem Umfeld, in dem öffentliche und politische Themen nicht Teil der täglichen Kommunikation sind. Auf einer Fünf-Punkte-Skala haben die sieben Länder insgesamt einen Gesprächsdurchschnitt von 2,60. Am niedrigsten ist er für junge Baltinnen und Balten(2,51 Punkte) und am höchsten für junge Menschen in den VisgárdStaaten(2,65 Punkte). Einige soziodemografische und soziokulturelle Faktoren verdeutlichen zudem den engen Zusammenhang zwischen politischem Interesse und politischem Diskurs. Kinder von Müttern mit Hochschulabschluss, Jugendliche mit hohem Bildungsniveau und Bewohnerinnen und Bewohner von Großstädten sind nicht nur politisch interessierter, sondern diskutieren auch viel häufiger über Politik. POLITISCHE KONFORMITÄT UND REPRÄSENTATION In politischen Fragen neigen junge Menschen in den Visgárd-Staaten zu einer konformeren Haltung als in den baltischen Staaten. Ein Drittel(32,7%) der jungen Menschen in Mitteleuropa stimmt ihren Eltern in politischen Fragen voll und ganz oder teilweise zu, während 28,0% gar nicht oder eher nicht zustimmen. Signifikant seltener ist dies unter Jugendlichen in den baltischen Staaten zu beobachten. Hier ist es gerade mal jede bzw. jeder Fünfte(21,7%), die bzw. der in politischen Fragen mit der eigenen Elterngeneration übereinstimmt, bei 29,4% ist dies entweder eher nicht oder überhaupt nicht der Fall. Die Übernahme von Einstellungsmustern in der Familie ist in den sieben Ländern unterschiedlich. Die höchste Konformitätsrate zwischen der Eltern- und Jugendgeneration im Hinblick auf politische Einstellungsmuster lässt sich in Ungarn feststellen. 40,5% der ungarischen Jugendlichen stimmen ihren Eltern in politischen Fragen zu. In Litauen(20,5%), Lettland(22,4%) und Estland(22,6%) trifft dies auf lediglich ein Fünftel aller Jugendlichen zu. Unter den sieben Ländern sind junge Ungarinnen und Ungarn am ehesten mit ihren Eltern einer Meinung, aber sie wissen auch am wenigsten über die politischen Ansichten ihrer Eltern. In politischen Fragen stimmen überwiegend mit den Eltern überein: Frauen, die Jüngsten(15- bis 18-Jährige), diejenigen, die in urbaneren Gebieten leben, diejenigen, deren finanzielle Situation günstiger ist, und junge Menschen mit mehr kulturellem Kapital. In allen Ländern besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen der Bildung der Mutter und der subjektiven Wahrnehmung der finanziellen Situation, nicht aber zwischen Geschlecht und Alter. 48 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 ABB. 23: POLITISCHE ÜBEREINSTIMMUNG MIT DEN ELTERN NACH LÄNDERN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in%, Frage:„Inwieweit stimmen Ihre politischen Ansichten und Überzeugungen mit denen Ihrer Eltern überein?“ ABB. 23: Politische Übereinstimmung in den Ländern Polen 30% 32% 27% Ungarn Lettland 18% 32% 24% 28% 41% 22% Litauen 26% 37% 21% Estland 32% 30% 22% Slowakei 32% 25% 32% Tschechische Republik 32% 26% 31% Visegrád-Staaten 28% 27% 33% Baltische Staaten 29% 32% 22% gar nicht/ein wenig teilweise ganz/sehr viel Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. Die Hälfte der jugen Menschen in den Visgárd-Staaten fühlt sich von der politischen Elite nicht vertreten. In der Literatur über die ungarische Jugend(Szabó& Oross 2021, Bíró-Nagy& Szabó 2021) wird auf das ausgrenzende Verhalten der ungarischen politischen Elite und das Gefühl der Ausgeschlossenheit junger Menschen von der Politik hingewiesen. Die Hälfte der 15-29-Jährigen in der Region hat das Gefühl, dass ihre Interessen von den politischen Eliten nicht ausreichend vertreten werden. Nur 1–2% sind der Meinung, dass die Politik die Interessen junger Menschen gut repräsentiert. Der Anteil der Jugendlichen mit sehr negativer Einschätzung variiert von Land zu Land: jeweils 8% der Tschechen und Slowaken, 17% der Polen und 20% der Ungarn geben auf der 5-Punkte-Skala einen Punkt. Die insgesamt am wenigsten negative Meinung haben die tschechischen 15- bis 29-Jährigen(2,52 Punkte auf einer Skala von 1 bis 5), gefolgt von den polnischen und slowakischen Jugendlichen(jeweils 2,45 Punkte). Die negativste Meinung haben die Ungarinnen und Ungarn (2,38 Punkte). Die ungarischen Jugendlichen sind nicht nur am unpolitischsten und am konformistischsten, sondern auch am unzufriedensten mit ihrer politischen Vertretung. Wenn ein Teil der Gesellschaft das Gefühl hat, dass seine Interessen nicht vertreten werden, d. h. sich niemand für seine Werte einsetzt, wird dieser für öffentliche Belange kaum Interesse aufbringen. Dies ist jedoch ein Teufelskreis, denn je unpolitischer sie sind, desto„uninteressanter“ und unwichtiger werden sie für die Politik, und je mehr sie dies spüren, desto mehr ziehen sie sich aus öffentlichen Angelegenheiten zurück. Dagegen scheinen Jugendliche in den baltischen Ländern ein tendenziell größeres Vertrauen in die politische Führung ihres jeweiligen Heimatlandes zu haben. Im Vergleich zu Jugendlichen in den Visgárd-Staaten äußern sie signifikant seltener, dass ihre Interessen von der Politik nicht vertreten werden. Die Wahrnehmung der politischen Repräsentanz hängt weniger von soziodemografischen oder soziokulturellen Faktoren ab als von politischen Interessen und ideologischer Zugehörigkeit. Diejenigen, die sich in allen Ländern P olitische E instellungen und Partizipation| 49 als eher rechtsorientiert einordnen, sind zufriedener mit der politischen Vertretung junger Menschen, wohingegen die Linksorientierten eher pessimistisch sind. Diejenigen, die sich für Politik nicht interessieren, äußern sich in allen Ländern am negativsten über die Vertretung. WAHLBETEILIGUNG UND BEKLEIDUNG POLITISCHER ÄMTER Die Wahlbeteiligung junger Lettinnen und Letten ist am niedrigsten, die der Slowakei am höchsten. Unsere Studie hat auch verschiedene Formen politischer Aktivitäten untersucht, die persönliche Beteiligung und Ressourcen erfordern. Wahlbeteiligung(Teilnahme an den letzten und den nächsten Wahlen), Übernahme von politischen Ämtern und verschiedene Formen demokratischer Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung, vom Unterzeichnen von Petitionen bis zur Teilnahme an der Arbeit politischer Parteien, NROs und Demonstrationen. Es ist methodisch problematisch einen Vergleich der Wahlbeteiligung junger Menschen in den Visgárd-Staaten bei früheren Wahlen zu rechtfertigen, da die Wahlen in unterschiedlichen Jahren stattfanden. Eine rückschauende Bewertung von Wahlen, die zu verschiedenen Zeitpunkten stattgefunden haben, kann zu erheblichen Verzerrungen führen. Insgesamt gaben 47% der jungen Menschen in den sieben Ländern an, an der letzten Wahl teilgenommen zu haben. 21,5% haben nicht teilgenommen, obwohl sie das Wahlrecht hatten. Wenngleich sich hier deutliche Unterschiede zwischen den Jugendlichen in den baltischen und mittelosteuropäischen Ländern offenbaren, so sagt ein Drittel(30%) aller baltischen Jugendlichen, dass sie sich trotz einer Wahlberechtigung bewusst nicht an der letzten Wahl beteiligt haben. In den Visgárd-Staaten trifft dies lediglich auf 16,1% der Befragten zu. Die Frage nach der Bereitschaft an zukünftigen Wahlen teilzunehmen, ist methodisch besser zu begründen (Abb.24). ABB. 24: WAHLABSICHT Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in% ABB. 24:: Wahlabsicht Polen 79% Ungarn 71% Lettland 57% Litauen 69% Estland 64% Slowakei Tschechische Republik 82% 80% Visegrád-Staaten 78% Baltische Staaten 64% 13% 18% 28% 17% 24% 12% 12% 14% 23% Ja, ich gehe zur Wahl Nein, ich gehe nicht zur Wahl Hinweis:„keine Antworten“ werden in diesem Diagramm nicht abgebildet. 50 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Junge Menschen in der Slowakei wollen am ehesten an künftigen Parlamentswahlen teilnehmen(81,7%), dicht gefolgt von jungen Menschen in der Tschechischen Republik(79,5%) und Polen(79,3%), während die Wahlbereitschaft bei den Letinnen und Letten am geringsten ist. Nur knapp die Hälfte von ihnen(57,0%) signalisiert die Bereitschaft, an künftigen Wahlen zu partizipieren. Für 28,3% kommt dies nicht in Frage. Ohnehin ist diesbezüglich ein klarer Trend erkennbar: Baltische Jugendliche äußern im Vergleich zu Heranwachsenden in Mittelosteuropa signifikant seltener die Absicht, zukünftig wählen zu gehen. Entsprechend verzeichnet sich auch dort ein höherer Anteil an unentschlossenen Wählerinnen und Wählern. Bei den 14- bis 29-Jährigen in den sieben Ländern ist die Beteiligung überdurchschnittlich hoch bei denjenigen, die in Großstädten leben, die finanziell gut gestellt sind und die über viel kulturelles Kapital verfügen. Von den Mitteleuropäerinnen und-europäern mit niedrigem Bildungsniveau erklärten knapp 80%, dass sie teilnehmen würden. Zum Vergleich: Der Anteil der Personen mit hohem Bildungsniveau erreichte 90% – ein Trend, der für alle Länder gilt. Zu den traditionellen Formen der politischen Beteiligung (Theocharis& van Deth 2017) gehört die Übernahme eines politischen Amtes. In allen Ländern ist das Streben danach gering und die Reaktionen unterscheiden sich kaum. Ein etwas höherer Anteil junger Menschen in der Slowakei würde gern ein politisches Amt übernehmen als die jungen Menschen in den anderen Ländern. Gegenwärtig bekleiden 0,9% der jungen Menschen in Mittelosteuropa und in den baltischen Staaten ein politisches Amt, während knapp ein Drittel(28,3%) dies kategorisch ablehnt. Interessanterweise ist die kategorische Ablehnung eines politischen Amtes unter den Jugendlichen im Baltikum deutlich geringer ausgeprägt als in Mittelosteuropa. Während etwa jede bzw. jeder fünfte der baltischen Jugendlichen(21,1%) sich ein politisches Amt auf keinen Fall vorstellen kann, trifft dies unter den mittelosteuropäischen Jugendlichen auf ein Drittel(33,7%) zu(höchster Wert in Polen: 36%). Darüber hinaus gibt es in allen untersuchten Ländern einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern bei der potenziellen Annahme und Ablehnung eines politischen Amtes. Männer sind für politische Positionen viel offener als Frauen. Allerdings ist ein wichtiger Aspekt, dass die rechtsorientierten 15- bis 29-Jährigen in allen Visgárd-Staaten am ehesten bereit sind, ein politisches Amt zu übernehmen. 16% der 15- bis 29-Jährigen in der Tschechischen Republik(Wert 8–10 auf einer Skala von 1–10), 22% in Ungarn und jeweils 23% in Polen und der Slowakei würden gern ein politisches Amt bekleiden. Die„Begeisterung“ ist im linken Spektrum niedriger: Entsprechend der oben genannten Länder sind es 9, 12, 10 und 21% der jungen Menschen. IDEOLOGISCHE EINSTELLUNGEN In unserer Studie ordneten sich die jungen Menschen in den sieben Ländern in ein klassisches Links-RechtsSchema ein. An einem Ende der Skala(Wert 1) befindet sich die extreme Linke, am anderen die extreme Rechte (Wert 10). Die Abbildung 25(Ideologische Einstellungen in den baltischen und Visgárd-Ländern) verdeutlicht, dass diesbezüglich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Jugendlichen in den beiden untersuchten Regionen existieren. Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen im Baltikum und in Mittelosteuropa zeigen eine deutliche Tendenz zur politischen Mitte auf. Die Analyse auf Länderebene zeigt, dass sich die Jugendlichen in der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakei in Bezug auf die Links-Rechts-Wertorientierung eher ähneln als signifikant unterscheiden. Die meisten von ihnen ordnen sich in der Mitte ein und wählen die Kategorie 5 oder 6(35%). Lediglich bei den polnischen Jugendlichen befinden sich etwa 15–18% auf der linken Seite der Skala(Kategorien 1–4), während 18–25% auf der rechten Seite(Kategorien 7–10) zu finden sind. Gemessen an den Durchschnittswerten der Links-RechtsSkala nehmen die Jugendlichen in der Tschechischen Republik mit einem Durchschnittswert von 5,71 die am weitesten rechts stehende Position der vier Visgárd-Staaten ein, liegen damit aber immer noch im Mittelfeld. Es folgen die jungen Ungarinnen und Ungarn(5,45) und dann die Slowakerinnen und Slowaken(5,41). 30 P olitische E instellungen und Partizipation| 51 Mehr als ein Viertel de slowakischen und ungarischen Jugendlichen kann oder will sich nicht in die Links-RechtsSkala einordnen. Die Kategorie„Unbekannte ideologische Einstellung“ ist bei den slowakischen Jugendlichen am häufigsten vertreten. Die ideologische Einstellung der polnischen Jugendlichen ist erwähnenswert, da sie sich leicht von der der anderen drei Visgárd-Staaten unterscheidet. Ein Drittel der jungen Polinnen und in der Stichprobe ist der Linken, 29% der Mitte und ein Fünftel der Rechten zuzuordnen(Durchschnitt auf einer Skala von 1–10: 4,98). So sind der FES-Umfrage 2021 zufolge die polnischen 15- bis 29-Jährigen relativ am stärksten links orientiert. 31 Die in Polen zu beobachtende Tendenz lässt sich auch unter den Jugendlichen in den baltischen Ländern – vor allem in Estland und Lettland – beobachten. ABB. 25: IDEOLOGISCHE EINSTELLUNGEN IN DEN BALTISCHEN UND VISGÁRD-LÄNDERN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in% ABB. 25: Ideologische Einstellungen in den baltischen und Visegrad-Ländern 37,3% 33,2% 8,5% 10,3% 9,5% 5,2% 4,5% 3,7% 4% 5,8% 13,2%12,9 % 11,4% 10,6% 8,6% 7,1% 2,5% 3% 4,4%4,5 % links 2 3 4 5 6 7 8 9 rechts Baltische Staaten Visegrád-Staaten 52 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 INSTITUTIONELLES VERTRAUEN UND WAHRNEHMUNG VON DEMOKRATIE Vertrauen in die Institutionen wird von vielen als einer der Grundpfeiler einer funktionierenden Regierungsführung angesehen. Europäische Daten deuten darauf hin, dass ein höheres Vertrauen in Institutionen auf der Mikroebene mit einem höheren zwischenmenschlichen Vertrauen und auf der Makroebene mit einer höheren Wirtschaftsleistung verbunden ist. In den„neuen Demokratien“ Mittelosteuropas ist das Vertrauensniveau niedriger und unbeständiger(Boda& Medve-Bálint 2012). Dagegen scheint das Vertrauen in politische Institutionen unter den Jugendlichen in den baltischen Ländern stärker verankert und gesetzter zu sein. ABB. 26: VERTRAUEN IN DIE INSTITUTIONEN IN DEN BALTISCHEN UND VISGÁRD-LÄNDERN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in% ABB. 26: Vertrauen in die Institutionen in den baltischen und Visegrad-Ländern Politische Parteien(V4) 67% 26% 7% Politische Parteien(Baltikum) 60% 28% 12% Nationale Regierung(V4) 66% 24% 11% Nationale Regierung(Baltikum) 40% 34% 27% Kirche, religiöse Institutionen(V4) Kirche, religiöse Institutionen (Baltikum) Nationales Parlament(V4) 60% 57% 58% 22% 21% 31% 17% 22% 11% Nationales Parlament(Baltikum) 38% 38% 25% Medien in Ihrem Land(V4) 57% 30% 13% Medien in Ihrem Land(Baltikum) 46% 29% 24% Justizwesen(Gerichte)(V4) 34% 44% 22% Justizwesen(Gerichte)(Baltikum) 30% 41% 29% Gewerkschaften(V4) 33% 37% 30% Gewerkschaften(Baltikum) 26% 34% 41% Lokale Regierung(V4) 32% 43% 26% Lokale Regierung(Baltikum) 33% 38% 30% Polizei(V4) 28% 36% 36% Polizei(Baltikum) 19% 28% 53% Europäische Union(V4) 28% 34% 38% Europäische Union(Baltikum) 19% 28% 53% NATO(V4) 27% 35% 38% NATO(Baltikum) 17% 27% 56% Gesellschaftliche Organisationen(V4) Gesellschaftliche Organisationen (Baltikum) Militär(V4) 27% 26% 22% 45% 40% 35% 27% 34% 43% Militär(Baltikum) 19% 27% 54% gar nicht/ein wenig einigermaßen ziemlich viel/total P olitische E instellungen und Partizipation| 53 In der nachwachsenden Jugendgeneration genießen vor allem staatliche Organisationen der Judikative und Exekutive ein großes Vertrauen. Insbesondere unter den baltischen Jugendlichen erhalten die Justiz und die Polizei hohe Zustimmungswerte. 40,7% bzw. 53,0% sprechen diesen Institutionen ihr uneingeschränktes Vertrauen aus. Darüber hinaus vertraut etwa ein Drittel zivilgesellschaftlichen Organisationen und lokalen Regierungen. Dieses – auch im Vergleich zu Mittelosteuropa – im gesellschaftlichen Bild offenkundige Grundvertrauen deutet auf gefestigte demokratische Verhältnisse in den Ländern des Baltikums hin und geht mit einem hohen Maß an individuell empfundener Sicherheit einher. Dagegen werden die Regierungen und die Parlamente auf nationaler Ebene, die Medien in den jeweiligen Ländern sowie die Kirche und andere religiöse Einrichtungen wesentlich kritischer betrachtet. Die geringsten Vertrauenswerte erhalten politische Parteien (Baltikum= 12,1%; MOE= 7,1%). Internationalen Bündnissen wird hingegen ein großes Vertrauen entgegengebracht: Die Europäische Union erfreut sich bei der Mehrheit der Jugendlichen(53,3%) im Baltikum einer großen Beliebtheit. Lediglich 18,5% nehmen hier eine negative Haltung ein. Auch die NATO als militärisches Bündnis genießt bei einer deutlichen Mehrheit von 55,8% der Baltinnen und Balten eine große Unterstützung. Dies gilt auch für die Streitkräfte im eigenen Land(54,0%). Diese Werte sind auch dahingehend interessant, berücksichtigt man, dass die vorgenommenen Einschätzungen zeitlich gesehen, deutlich vor dem Krieg in der Ukraine erfolgt sind. Entsprechend scheinen die politischen und militärischen Organisationen auch jenseits internationaler Krisen zu einem Sicherheitsgefühl auch unter den Jugendlichen beizutragen. Es ist zu erwarten, dass die Zustimmungswerte vor dem Hintergrund der globalen Bedrohungslage aktuell weiter angestiegen sind. Dies gilt ganz sicher auch für die untersuchten Jugendlichen in Mittelosteuropa. Tendenziell weisen ihre Aussagen auf ein vergleichbares Meinungsbild hin. So sind die Vertrauenswerte in politische Institutionen in ähnlicher Richtung ausgeprägt – auch wenn die Skepsis unlängst höher ausfällt und die Ausprägungen auf einem niedrigeren Niveau erfolgen. Betrachtet man die grundsätzliche Einstellung Jugendlicher zu der Form des politischen Systems, so stellt man fest, dass die Demokratie für drei Viertel aller Befragten (Baltikum= 65,7%; MOE= 63,9%) eine tragfähige und favorisierte Regierungsform darstellt. Auch wenn dies eine deutliche Mehrheit abbildet, darf zugleich aber auch nicht vernachlässigt werden, dass jede bzw. jeder Zehnte (Baltikum= 9,5%; MOE= 9,7%) die Demokratie ablehnt und ein Viertel zumindest eine differenzierte Haltung zu dieser Form des gesellschaftlich-politischen Verpflichtung einnimmt(Baltikum= 24,8%; MOE=26,4%). Jede bzw. jeder Fünfte(Baltikum= 22,8%; MOE= 19,0%) hält sogar unter bestimmten Umständen die Diktatur für die bessere Staatsform. Dazu passt auch, dass jede bzw. jeder zweite Jugendliche(50,2%) sich für eine bzw. einen politische(n) Anführerin bzw. Anführer ausspricht, die bzw. der zum Wohle der Allgemeinheit das Land mit einer starken Hand regiert. Ausschlaggebend für diesbezügliche Haltungen können grundlegende politische Sozialisationsprozesse gesehen werden. Mit anderen Worten: Ist erst einmal ein Demokratiebewusstsein verinnerlicht, so ist die Wahrscheinlichkeit, sich für autoritäres Gedankengut auszusprechen, signifikant geringer. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: Zwei Drittel aller befragten Jugendlichen (65,5%), die sich für die Demokratie aussprechen, lehnen die Diktatur als Staatsform kategorisch ab. Jene Zusammenhänge lassen sich unabhängig von der Region über alle in die Untersuchung einbezogenen Länder hinweg beobachten. Es sind auch vor allem diese Jugendlichen, die das Gehen zu einer Wahl als Bürgerpflicht ansehen. 61,7% der Balten und 54,0% der Mittelosteuropäerinnen und-europäern stimmen dieser Aussage grundsätzlich oder sogar uneingeschränkt zu. Zwei Drittel(Baltikum = 66,5%; MOE= 7,3%) würde es ohnehin als wichtig bzw. sehr wichtig erachten, sich stärker an politischen Prozessen zu beteiligen, zumal sich etwa die Hälfte aller befragten Jugendlichen der baltischen Staaten(45,8%) und der Länder Mittelosteuropas(47,3%) aktuell als politisch zu uninformiert bezeichnen würde. Lediglich jede bzw. jeder vierte Jugendliche in den Visgárd-Staaten (21,6%) und nur jede fünfte Batin bzw. jeder fünfte Balte (23,4%) glaubt, über fundierte politische Kenntnisse zu verfügen. Das bedeutet allerdings nicht, dass es sich hierbei um eine unpolitische Jugendgeneration in den untersuchten Regionen Europas handelt. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. So haben die meisten von uns befragten Jugendlichen ein gutes Gespür für die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen in ihren Heimatländern. Dabei sind die Themen von heute nicht selten auch die Herausforderungen der Zukunft. 54 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 ABB. 27: PROBLEME DES NÄCHSTEN JAHRZEHNTS IN DEN BALTISCHEN UND VISGÁRD-LÄNDERN Jugendliche im Alter von 14 bis 29 Jahren, n= 9.900; Angaben in% ABB. 27: Next decade Issues in baltic and Visegrad countries 47% Baltische Staaten Visegrád-Staaten Niedrige Löhne und Renten 27% 25% Arbeitslosgkeit Armut 26% 22% 27% 18% Soziale Ungleichheit Korruption 18% 24% 21% Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte 21% 24% 19% Klimawandel Qualität öffentlicher Dinestleistungen(Gesundheit, Bildung usw.) 32% 26% 14% 12% Einwanderung Bevölkerungsrückgang 11% 9% 7% Schwächung der Demokratie 12% 7% 7% Verlust der nationalen Identität 7% 8% Automatisierung und Wandel der Arbeitswelt 5% 7% Verlust christlicher und traditioneller Werte 5% 6% Terrosismus 41% P olitische E instellungen und Partizipation| 55 Interessanterweise fällt die Priorisierung der erwarteten Problemlagen unabhängig von der Region, in der die Jugendlichen aufwachsen, auf einem vergleichbaren Niveau aus(vgl. Abb. 27). Den vorliegenden Daten zufolge sind sowohl für baltische als auch für mittelosteuropäische Jugendliche vor allem wirtschaftliche und sozioökonomische Aspekte die zentralen Fragen der Zukunft. Knapp die Hälfte(41,3%) der in baltischen Ländern lebenden jungen Menschen geht davon aus, dass„niedrige Löhne“ eines der zentralen Themen der kommenden zehn Jahre sein wird, das politisch angegangen werden muss. In Mittelosteuropa teilen vier von zehn der Jugendlichen(41,3%) diese Einschätzung. In einem unmittelbaren Zusammenhang hierzu stehen die im Ranking nachfolgenden Themenkomplexe wie etwa Arbeitslosigkeit, Armutsrisiko, soziale Ungleichheit oder Abwanderung von Fachkräften. Eine hohe Bedeutsamkeit – zumindest für einen Teil der Jugendlichen – nimmt der Klimawandel ein. Für ein Drittel der Heranwachsenden in Mittelosteuropa und für etwa jede bzw. jeden Vierten im Baltikum ist es die zentrale Herausforderung der Zukunft. Auch Bereiche wie Korruptionsbekämpfung und die Qualität von öffentlichen Einrichtungen wie die des Gesundheits- und Bildungswesens spielen vor allem für Jugendliche in den VisgárdStaaten eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Dagegen sind Themenkomplexe wie Terrorismusbekämpfung, die Transformation des Arbeitsmarktes, der Verlust nationaler Identität oder die Schwächung christlicher und traditioneller Werte nur selten im Bewusstsein der heutigen Jugendlichen. Nur ein kleiner Anteil von ihnen misst diesen eine hohe Bedeutsamkeit als Zukunftsthema bei. NATIONALSTAATLICHE EINSTELLUNGEN, FREMDENFEINDLICHKEIT UND SICHT AUF EU Der Nativismus, dessen Ideologie die Bevorzugung von Einheimischen gegenüber Einwanderinnen und Einwanderern ist, ist ein zunehmend dominantes Phänomen in der US-amerikanischen und europäischen Politik, wobei der Aufstieg nativistischer Kräfte die Parteiensysteme in den westlichen Ländern prägt (Davis et al. 2019). Auch in den Visgárd-Ländern ist dies kein unbekanntes Phänomen, das vor allem seit der Migrationskrise von 2015 in den Visgárd-Staaten zugenommen hat. Einwanderungsfeindlichen Narrative waren in Ungarn in den letzten Jahren vielleicht am stärksten präsent, wobei die ungarische Regierung ihre Kommunikationsstrategie in der zweiten Hälfte der 2010erJahre auf dieses Thema ausgerichtet hat(Bíró-Nagy 2021). Das langfristige Ergebnis dieser intensiven Kampagne ist, dass fast zwei Drittel der jungen Ungarinnen und Ungarn (63%) der Meinung sind, dass das Land keine weiteren Migrantinnen und Migranten aufnehmen sollte. Dies ist der höchste Wert in der Region, obwohl junge Menschen in der Tschechischen Republik und der Slowakei ähnliche Ansichten vertreten. Die Mehrheit der jungen Menschen in der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakei ist gegen Einwanderung. Junge Polinnen und Polen sind die tolerantesten und am wenigsten nationalistischen Menschen in der Region. Der Nationalstolz ist bei tschechischen und slowakischen Jugendlichen am stärksten ausgeprägt. Polnische Jugendliche sind am wenigsten einwanderungsfeindlich in der Region(39% lehnen die Aufnahme von Einwanderinnen und Einwandern ab), und mehrere andere Fragen zeigen, dass die polnischen Jugendlichen im Allgemeinen die tolerantesten und am wenigsten nationalistischen unter den Visgárd-Staaten sind. Nur 20% der jungen Polinnen und Polen sind der Meinung, dass ausschließlich echte polnische Staatsbürgerinnen und -bürger auf polnischem Gebiet leben sollten. 27% sind der Meinung, dass Migrantinnen und Migranten polnische Traditionen und Werte übernehmen sollten. In beiden Fällen handelt es sich um den niedrigsten Anteil in der Region. Junge Menschen in der Tschechischen Republik und der Slowakei haben sehr ähnliche Ansichten zu diesen Themen und eine nationalistischere Einstellung als die Polinnen und Polen. Jeweils die Hälfte der jungen Menschen in der Tschechischen Republik und in der Slowakei ist der Meinung, dass Migrantinnen und Migranten ihre Traditionen und Werte übernehmen sollten. Die Hälfte der jungen Menschen in diesen beiden Ländern hat auch einen gewissen Nationalstolz, wohingegen der Anteil in Ungarn (40%) und Polen(39%) mehr als zehn Prozentpunkte niedriger ist. Gleichzeitig sind die jungen Ungarinnen und Ungarn am ehesten(30%) der Meinung, dass es am besten wäre, wenn nur noch Ungarinnen und Ungarn in 56 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 ihrem Land leben würden. Ein etwas differenziertes Bild ergibt sich, wenn man auf die Einstellungsmuster Jugendlicher im Baltikum schaut. Vergleichbare nationalstaatliche Tendenzen lassen in den drei baltischen Staaten in der Form nicht beobachten. Vielmehr ist eine viel größere Willkommenskultur, eine geringere Angst von Fremdheit gepaart mit einem gewissen Nationalstolz unter der dortigen Jugendgeneration festzustellen. So lehnen etwa in Litauen lediglich 29,1% der Jugendlichen die Aufnahme von Einwanderinnen und Einwanderern ab. In keinem anderen untersuchten Land ist damit eine derart ausgeprägte Aufnahmebereitschaft zu beobachten. Auch in den anderen beiden baltischen Ländern vertreten die Jugendlichen ähnliche Einstellungen. Hier wird im Vergleich zu den Visgárd-Staaten eine deutlich offenere Haltung eingenommen. Dies gilt auch für die Meinung, dass lediglich Menschen der gleichen nationalen Herkunft im eigenen Land leben sollten. Vor allem in Litauen und Lettland wird diese Einstellung im Vergleich zu Jugendlichen in Mittelosteuropa signifikant seltener eingenommen. Nur jede bzw. jeder Sechste vertritt im Baltikum diese Ansicht. In Ungarn dagegen ist es fast jede bzw. jeder Dritte(29,2%). Besonders wichtig erscheint für sie jedoch die Integration von Menschen ausländischer Herkunft. Hier wird unter den baltischen Jugendlichen ein radikaler Ansatz favorisiert: Mehr als die Hälfte der Baltinnen und Balten – und damit noch einmal signifikant häufiger als unter den Altersgleichen in Mittelosteuropa – vertritt die Ansicht, dass Einwanderinnen und Einwanderern die Traditionen und Werte des aufnehmenden Landes übernehmen sollten(Estland= 55,2%; Lettland= 52,0%; Litauen= 40,7%). ABB. 28:: PERSÖNLICHE ZUGEHÖRIGKEIT ZU LAND/REGION Jug A e B n B d . li 2 c 8 h : e : i P m e A rs l ö te n r li v c o h n e 1 Z 4 u b g i e s h 29 ör J i a g h k r e e i n t , z n u = La 9. n 9 d 0 / 0 R ; e „ g se io h n r viel/total”-Antworten; Angaben in% 63 60 59 65 60 60 61 54 54 67 68 60 57 57 52 69 65 62 62 62 57 66 59 52 73 65 58 Baltische Staaten VisegrádStaaten Als Landsmann Als Europäer Polen Ungarn Lettland Als Bürger meiner Heimatstadt Litauen Estland Slowakei Tschechische Republik P olitische E instellungen und Partizipation| 57 Darüber hinaus ist insbesondere in Estland ein ausgeprägter Nationalstolz besonders auffällig. Zwei Drittel der Estinnen und Esten(64,5%) sind stolz, Bürgerinnen und Bürger ihres Landes zu sein. Hierbei handelt es sich im internationalen Vergleich um einen absoluten Spitzenwert. In Litauen und Lettland – aber auch in den anderen mittelosteuropäischen Ländern – ist dies dagegen signifikant seltener der Fall. Dass diese Haltung keineswegs mit einer Abgrenzung und einer Konzentration auf das eigene Land einhergeht, wird jedoch bereits daran deutlich, dass sich die estnischen Jugendlichen gemeinsam mit ihren Altersgenossinnen und-genossen in Lettland und Polen am seltensten auf ihre nationalstaatliche Identität berufen und sich ausschließlich als Bürgerinnen und Bürger ihres Landes verstehen. Vielmehr spielt die lokale Verortung in Estland eine wesentliche Rolle. 62,3% verstehen sich als Bürgerin bzw. Bürger ihrer Heimatstadt. Im internationalen Vergleich lässt sich lediglich in Litauen eine vergleichbare regionale Verbundenheit feststellen. Das bedeutet allerdings nicht, dass hier keine europäische Perspektive eingenommen wird. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Eine proeuropäische Einstellung ist in allen wesentlichen Punkten erkennbar. Mehr als die Hälfte(57,3%) versteht sich entsprechend zugleich auch als Europäerin bzw. Europäer. Für 72,6% der Estinnen und Esten ist ein EU-Austritt keine denkbare Option. Diese eindeutige Haltung gegenüber der EU wird besonders oft in den baltischen Staaten eingenommen. Drei Viertel aller befragten Jugendlichen im Baltikum(74,2%) erteilen einem Austritt aus der Europäischen Union eine klare Absage. Im Vergleich dazu, sind es unter den Heranwachsenden in den mittelosteuropäischen Ländern„nur“ zwei von drei aller Befragten, die diese Meinung vertreten. Jede bzw. jeder Sechste von ihnen(15,1%) ist sich zudem diesbezüglich nicht sicher. In den baltischen Staaten trifft dies lediglich auf jede bzw. jeden Zehnten zu(10,7%). ABB. 29: MEINUNG ZUM EU-AUSTRITT J A u B g B e . n 2 d 9 lic ( h K e re im is) A : l M te e r i v n o u n n 1 g 4 z b u is m 29 E J U ah -A re u n s , t n rit = t 9.900; Angaben in% 10% 12% 74% Baltische Staaten Nein Ja Unentschieden 15% 14% 69% Visegrád-Staaten 58 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 10 FAZIT Die vorliegende Untersuchung zeigt jugendliches Leben zwischen individuellen und selbstbestimmten Lebensentwürfen sowie Faktoren, die die Entscheidungen und Einstellungen von Heranwachsenden beeinflussen und limitieren können. Dazu gehören insbesondere die jeweiligen sozioökonomischen Bedingungen auf persönlicher wie länderspezifischer Ebene, familiärer Rückhalt sowie die eigene und elterliche Bildung. Die zentralen Befunde lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen: 1. streben über alle Länder hinweg nach Unabhängigkeit, wollen die Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und erhoffen sich eine erfolgreiche Berufskarriere. Dem Erreichen ihrer eigenen Ziele stehen sie optimistisch gegenüber. 1. Hinblick auf die zukünftige Entwicklung der jeweiligen Länder hingegen, zeigt sich eine zurückhaltende Einschätzung. Angesichts der gegenwärtigen und in der Zukunft erwarteten gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen scheinen die Jugendlichen demnach eher skeptisch, inwieweit es auf Landesebene gelingen wird, hierauf adäquat zu reagieren. 2. besteht eine Abhängigkeit zwischen jugendlicher Bildungsaspirationen und den länderspezifischen ökonomischen Bedingungen. Die Jugendlichen richten ihre Ambitionen stark nach den jeweiligen Anforderungen des Landes aus. Ziel ist es, durch einen entsprechenden Bildungsabschluss die bestmögliche ökonomische Verwertbarkeit in Form einer Anstellung zu erlangen. In Mittelosteuropa scheint hierzu ein mittleres Bildungsniveau vielversprechend, Heranwachsende im Baltikum rechnen sich mit hohen Abschlüssen die maximalen Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. In beiden Regionen besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem individuellen Bildungs- und Ausbildungsniveau und der jeweiligen persönlichen wirtschaftlichen Situation. 3. Übergang von der Schule in den Beruf ist für die nachwachsende Generation in wirtschaftlich schwächeren Ländern schwieriger und es besteht ein höheres Risiko für Arbeitslosigkeit. Zudem zeigt sich, dass Mädchen und junge Frauen überdurchschnittlich oft von Arbeitslosigkeit betroffen sind. 4. Suche nach Rückhalt und Sicherheit in der eigenen Familie sowie die hohe Bedeutung, selbst eine eigene Familie zu gründen, stellen zentrale Werte der befragten Jugendlichen dar. Diese familiäre Verbundenheit begründet oftmals eine hohe jugendliche Lebenszufriedenheit, während wirtschaftliche und sozioökonomische Aspekte zunehmend als zentrale Herausforderungen gesehen werden. 5. weisen eine hohe Zufriedenheit mit internationalen Organisationen und Institutionen der Judikative wie Exekutive auf. Dagegen fällt das Vertrauen in die nationale Politik, speziell die Regierungs- und Parlamentsarbeit, vergleichsweise gering aus. Insgesamt betrachtet handelt es sich aber mehrheitlich um eine Jugendgeneration, die die Demokratie als Staatsform und die Europäische Union als verbindendes Wertebündnis befürwortet. FA Z I T| 61 An diese wesentlichen Erkenntnisse anschließend, lässt sich mittels der repräsentativen Befragung von fast 10.000 Jugendlichen aus dem Baltikum und den Visgárd-Staaten festhalten, dass die heutige Jugend vor großen aktuellen wie zukünftigen Herausforderungen steht, die zunehmende Entscheidungszwänge in relevanten Lebensbereichen implizieren. So bedingen insbesondere individuelle wie gesellschaftliche und ökonomische Faktoren jugendliches Leben. Damit einher gehen viele Freiheiten, etwa im Bereich der Mobilität (Arbeitsmigration im EU-Raum) für finanziell gut aufgestellte Heranwachsende, gleichzeitig aber auch zahlreiche Beschränkungen und das Ausbleiben von Aufstiegsprozessen für Jugendliche, die in prekären wirtschaftlichen Verhältnissen aufwachsen. Die aktuellen Krisen tragen im immensen Maße zur Verunsicherung von Jugendlichen bei. Die Auswirkungen der COVID-19 Pandemie, der Krieg in der Ukraine, mit allen den Folgen für ganz Europa etwa in Form des Rohstoffmangels sowie einer anhaltend hohen Inflation, dringen in die Lebensrealität von Jugendlichen hinein und hinterlassen nicht nur ein Gefühl der Ohnmacht, sondern birgen auch die Gefahr einer zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung und Prekarisierung. Exemplarisch dafür stehen Ausgrenzungspraktiken von Flüchtlingen und Ausländerinnen und Ausländern, Ungleichstellung von Mann und Frau sowie rechtliche Beschränkungen für die LGBTQ+-Community. Angesichts dieser Entwicklungen und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen, gilt es ein besonderes Augenmerk auf Jugendliche zu legen. Hierzu bedarf es jenseits von reiner Symbolik vor allem politischer Anstrengungen in Form von groß angelegten Investitionen etwa in die Bildung von Kindern und Jugendlichen. Dies ist allein schon deshalb der Fall, da Bildung in modernen Gesellschaften als Fundament – vielleicht sogar als Dreh- und Angelpunkt, als zentraler Schlüssel – nicht nur für ökonomische, sondern auch für soziale und kulturelle Teilhabe fungiert, damit Zukunftschancen und Lebenswege präformiert. Dessen sind sich im Übrigen Jugendliche – wie die vorliegenden Daten belegen – bereits früh in ihrer Biografie sehr wohl bewusst. Allerdings bleibt das tatsächliche Erreichen von Bildungszielen auch eine Frage der sozialen Zugehörigkeit, womit gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten für sozial Benachteiligte nur selten gegeben sind. Entsprechend braucht es also Strukturen – und das ist eine Kernaufgabe der Politik –, wo Zugänge zu Bildung, und zwar nicht nur theoretisch, sondern in der praktischen Ausformung, möglichst für alle Jugendlichen im gleichen Maße gegeben sind, um auf diese Weise soziale Disparitäten zu minimieren. Gelingt dies, wird aus einer Investition in die Jugend, eine Investition in die Zukunft Europas. 62 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 11 FUSSNOTEN 1 Regierungschefs der Länder Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn trafen sich 1991 auf Schloss Visgárd in Ungarn und bilden seitdem einen engen Kreis, der sich in vielen politischen Entscheidungen konsultiert und zusammenarbeitet – auch um zusammen mehr Einfluss in EU und NATO zu haben(Lippert, 2020). 2 den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen wurde die Altersgrenze zwischen 14 und 29 Jahren gewählt. Insgesamt sind in dieser Studie 45 Jugendliche im Alter von 14 Jahren befragt worden (15 in Estland, 11 in Lettland, 19 in Litauen). In Polen, Slowakei, Tschechische Republik und Ungarn beginnt die Alterseingrenzung bei 15 Jahren. 3 der teilnehmenden Länder sind folgende Anteile Jugendlicher an der Gesamtbevölkerung angesetzt worden(gerundete Werte im Jahr 2020/21, Zahl in Klammern= Anteil an Gesamtbevölkerung): 6,26 Mio.(16,5%) Jugendliche in Polen(Statistical Offices Poland, 2020); 1,6 Mio.(15%) Jugendliche in der Tschechischen Republik (Czech Statistical Office, 2021); 1,57 Mio.(16%) Jugendliche in Ungarn(Hungarian Central Statistical Office, 2020); 0,93 Mio.(17%) Jugendliche in der Slowakei(Statistical Office of the Slovak Republic, 2021); 0,45 Mio.(16%) Jugendliche in Litauen(Offical Statistics Portal Lithuania, 2021); 0,31 Mio.(16%) Jugendliche in Lettland(Official statistics of Latvia, 2020); 0,20 Mio.(15,5%) Jugendliche in Estland (Statistics Estonia, 2021). 4 Estland, Lettland und Litauen wurden Jugendliche zwischen 14 Jahren und 29 Jahren befragt(Absolute Zahl der 14-Jährigen, die befragt wurden: 15 Personen in Estland, 11 in Lettland sowie 19 in Litauen). In allen anderen Ländern wurden 15-29-Jährige befragt. 5 Bildungsabschluss: Keine formale Bildung oder Grundschulbildung. 6 Bildungsabschluss: Berufliche, technische Sekundar- oder Hochschulbildung. 7 Bildungsabschluss: BA-Abschluss oder höher(Master/PhD). 8 = Jugendliche, die ihren Wohnort als„urban(Stadt)“ oder „Eher urban als ländlich“ bezeichnen. 9 = Jugendliche, die ihren Wohnort als„ländlich(Dorf)“ oder „eher ländlich als urban“ bezeichnen. 10 Berechnungen der Europäischen Kommission, die eine Bevölkerungsentwicklung von 2016 bis 2080 im europäischen Vergleich aufstellt, müssen alle sieben Länder mit einem Bevölkerungsrückgang rechnen. Dabei werden für die sieben an dieser Studie teilnehmenden Länder folgen Zahlen für die Bevölkerungsentwicklung 2019-2080 angegeben: Tschechische Republik(-7,2), Ungarn(-11,8), Slowakei (-13,0), Estland(-13,2), Polen(-23,6), Lettland(-35,3) sowie Litauen (43,2%)(vgl. Loew 2019, S. 11). 11 mit niedrigem Bildungsabschluss leben zu 34,2% im ländlichen Raum und zu 48,5% im städtischen Raum. Im Vergleich leben Jugendliche mit hohem Bildungsabschluss zu 20,7% im ländlichen Raum und zu 67,1% im städtischen Raum. 12 % der Jugendliche mit niedrigem Bildungsabschluss haben nicht genügend Geld, um Kleidung oder Schuhe zu kaufen. Während es unter den Jugendlichen mit hohem Bildungsabschluss 7,3% sind. Chi 2 = 244,063; df= 8; p= 0,000; r s = 0,101(Bildungsabschluss/ ökonomische Situation). 13 C hi 2 = 870,587; df=14; p= 0,000; r s = 0,140(Eigener Bildungsabschluss/ Bildungsabschluss Mutter). 14 C hi 2 = 323,382; df=14; p= 0,000; r s = 0,038(Eigener Bildungsabschluss/ Bildungsabschluss Vater). 15 C hi 2 = 69,494; df=2; p= 0,000(Eigener Bildungsabschluss/ Geschlecht). 16 C hi 2 = 83,434; df=4; p= 0,000(Alter/ Siedlungsstruktur). 17 der folgenden Betrachtung der aktuellen Beschäftigungssituation werden nur Jugendliche zwischen 19 und 29 Jahren betrachtet, da sich der überwiegende Anteil der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren noch in Schul- und Ausbildung befindet. 18 den 2.893(36% aller Jugendlichen im Alter von 19 bis 29 Jahren) unbefristet Vollzeitbeschäftigten sind es anteilig 53,6% Frauen und 46,4% Männer. 19 zu relevanten Faktoren bei der Jobsuche ermittelt aus der Zusammenziehung der Angaben„sehr wichtig“ und„meistens wichtig“. 20 für Gesamtbevölkerung für alle teilnehmenden Länder: 7,5% Lettland, 6,4% Slowakei, 5,6% Litauen, 5,2% Estland, 3,7% Ungarn, 2,9% Polen sowie 2,1% Tschechische Republik. 21 = Not in Employment, Education or Training. 22 Anzahl an NEET-Jugendlichen: 175 Lettland, 245 Slowakei, 235 Litauen, 174 Estland, 279 Ungarn, 242 Polen und 151 Tschechische Republik. 23 Litauen, Lettland, Polen, die Slowakei, die Tschechische Republik und Ungarn wurden alle im Jahr 2004 in die EU aufgenommen,(vgl. Auswärtiges Amt, 2022). 24 geht Mierina beispielsweise von einem Anteil von über 13% der lettischen Bevölkerung aus, die seit 2000 in Diaspora lebt. 25 % der 14-18-Jährigen, 24,1% der 19-24-Jährigen sowie 17,3% der 25-29-Jährigen haben einen starken Wunsch zur Migration. Chi 2 = 285,409; df=12; p= 0,000(Wunsch zur Migration/ Alter). 26 C hi 2 = 189,092; df=6; p= 0,000(Migrationserfahrung/ Alter). 27 C hi 2 = 130,986; df=3; p= 0,000(Migrationserfahrung/ Geschlecht), CramersV 0,115. 28 politisches Interesse: Männer(2,83) gegenüber Frauen(2,51), auf einer Skala von 1(überhaupt nicht interessiert) bis 5(sehr interessiert). 29 einem linearen Regressionsmodell wurde der Einfluss oben genannter soziodemografischer und soziokultureller Variablen auf das politische Interesse untersucht. Den größten Einfluss haben(in dieser Reihenfolge): das Geschlecht, der eigene Bildungsabschluss, der höchste Bildungsabschluss der Mutter, die subjektive Einkommensposition und die Art des Wohnsitzes. R2= 0,040, F-test= 32,974, sig= 0.000. Multikollinearität null. 30 Auf einer Skala von 1 bis 10 beträgt das arithmetische Mittel 5,5 Punkte. Die jungen Menschen in der Tschechischen Republik liegen nur leicht rechts vom Mittelwert, während die jungen Ungarinnen und Ungarn und Slowakinnen und Slowaken sehr nahe an der Norm liegen, nur ein kleines bisschen weiter links. Wir sind der Meinung, dass sie eher der Mitte zuzuordnen sind und nicht typischerweise nach links oder rechts tendieren. 31 lohnt sich jedoch, dieses Ergebnis mit anderen Studien zu vergleichen, da frühere Daten aus der Europäischen Sozialerhebung(ESS) wenig Aufschluss geben. In der Tat waren die polnischen 15- bis 29-Jährigen in den Wellen 7 und 8 der ESS – wenn auch mit weniger Items – eher rechts- als linksorientiert. | 65 12 LITERATURVERZEICHNIS Auswärtiges Amt.(2022). Die Erweiterung der Europäischen Union: Etappen und Perspektiven. Abgerufen am 1. April 2022 von https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/europa/erweiterung-nachbarschaft/-/209970 Blažytė, G.(2020). Migration in Litauen- aktuelle Entwicklungen.(bpb. Bundeszentrale für politische Bildung) Abgerufen am 1. April 2022 von https://www.bpb.de/themen/ migration-integration/laenderprofile/nordeuropa/318687/migration-in-litauen-aktuelleentwicklungen/ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.(2022). Armut. Abgerufen am 1. April 2022 von https://www.bmz.de/de/service/lexikon/armut-14038 Czech Statistical Office.(2021). Population. Abgerufen am 1.Februar 2022 von https:// www.czso.cz/csu/czso/population Eurostat.(2020). Population on 1 January 2020.(European Commission). Abgerufen am 1. Februar 2022 von https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/TPS00001/bookmark/table?lang=en&bookmarkId=c0aa2b16-607c-4429-abb3-a4c8d74f7d1e Eurostat.(2020). Young adults(aged 20-34) neither in employment nor in education and training, by sex, 2020. 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Februar 2022 von https://www. stat.ee/en/avasta-statistikat/valdkonnad/rahvastik/population-figure 68 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 REFERENCES 13 TABELLEN- UND ABBILDUNGSVERZEICHNIS SEITE 14 SEITE 38 SEITE 39 SEITE 39 TABELLENVERZEICHNIS Tab. 1: der Stichprobe nach soziodemografischen Merkmalen und Bezug zur nationalen Zugehörigkeit. Tab. 2: und Zufriedenheit mit Herkunftsfamilie Tab. 3: nach Altersgruppen im Ländervergleich Tab. 4: Kinderzahl im Ländervergleich SEITE 13 SEITE 16 SEITE 19 SEITE 21 SEITE 22 SEITE 25 SEITE 26 SEITE 27 SEITE 28 SEITE 29 SEITE 33 SEITE 34 SEITE 35 SEITE 37 SEITE 41 ABBILDUNGSVERZEICHNIS Abb. 1: esamtbevölkerung und Anteil an Jugendlichen im Ländervergleich Abb. 2: ruttoinlandsprodukt(BIP) per Einwohnerin und Einwohner im Ländervergleich Abb. 3: ildungsniveau im Ländervergleich Abb. 4: ufriedenheit mit dem Bildungssystem im Ländervergleich Abb. 5: orruption im Bildungssystem im Ländervergleich Abb. 6: ktuelle Beschäftigung Abb. 7: von Bildung und Arbeit im Ländervergleich Abb. 8: EET-Jugendliche im Ländervergleich Abb. 9: nteil an Jugendlichen mit einem starken Wunsch zur Migration und Zeitpunkt der Abwanderung im Ländervergleich Abb. 10: unsch zur Migration und derzeitige Beschäftigungssituation Abb. 11: ufriedenheit mit Familienleben im Ländervergleich Abb. 12: ufriedenheit mit Familienleben in Abhängigkeit zur finanziellen Situation im Ländervergleich Abb. 13: utter-Vater-Kind(er)-Konstellation im Ländervergleich Abb. 14: heschließung und Kinderwunsch im Ländervergleich Abb. 15: ufriedenheit im Leben allgemein im Ländervergleich Tabellen- und A bbildungsverzeichnis| 71 SEITE 42 SEITE 43 SEITE 43 SEITE 44 SEITE 45 SEITE 45 SEITE 47 SEITE 49 SEITE 50 SEITE 52 SEITE 53 SEITE 55 SEITE 57 SEITE 58 Abb. 16: ukunft für das eigene Land in 10 Jahren Abb. 17: ersönliche Zukunft in 10 Jahren im Ländervergleich Abb. Ziele und Werte im Leben von Jugendlichem im Baltikum Abb. 19: ichtige Ziele und Werte von Jugendlichen in Mittelosteuropa Abb. 20: eligionszugehörigkeit Abb. 21: ebensziele und Werte religiöser Jugendlicher in Polen Abb. 22: ersönliches Interesse an Politik Abb. 23: olitische Übereinstimmung in den Ländern Abb. 24: ahlabsicht Abb. 25: Einstellungen in den baltischen und Visgárd-Ländern Abb. 26: ertrauen in die Institutionen in den baltischen und Visgárd-Ländern Abb. Probleme des nächsten Jahrzehnts in den baltischen und Visgárd-Ländern Abb. 28: ersönliche Zugehörigkeit zu Land/Region Abb. 29: einung zum EU-Austritt 72 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 14 ÜBER DIE FES JUGENDSTUDIEN Diese Veröffentlichung ist Teil der internationalen FES-Jugendstudien. Ab dem Jahre 2009 hat die FES zahlreiche Jugendstudien weltweit durchgeführt. Seit 2018 konzentrieren sich die Jugendstudien speziell auf Südosteuropa, Russland, Zentralasien, Mittelosteuropa und die baltischen Staaten. Weitere Studien sind für den Nahen Osten und Nordafrika sowie für einzelne Länder auf der ganzen Welt geplant. Die internationalen Jugendstudien sind ein Leuchtturmprojekt der Friedrich-Ebert-Stiftung in ihrem Vorhaben, die Demokratie der Zukunft zu erforschen, zu gestalten und zu stärken. Die Stiftung möchte einen Beitrag zum europäischen Diskurs leisten, wie junge Generationen die Entwicklung ihrer Gesellschaften und ihre persönliche Zukunft in einer Zeit des nationalen und globalen Wandels sehen. Die repräsentativen Studien kombinieren qualitative sowie quantitative Forschungselemente und werden in enger Zusammenarbeit mit den regionalen Teams durchgeführt, um einen hohen Forschungsstandard und einen sensiblen Umgang mit den Einstellungen und Erwartungen der Jugendlichen zu gewährleisten. Ein engagierter Beirat(Dr. Miran Lavrič, Univ.-Prof. Dr. Marius Harring, Daniela Lamby, András Bíró-Nagy und Dr. Mārtiņš Kaprāns) unterstützt die Methodik und das Konzept der Jugendstudien. Der Beirat besteht aus ständigen und assoziierten Mitgliedern und stellt dem Gesamtprojekt wichtiges Fachwissen zur Verfügung. AUTOREN András Bíró-Nagy, PhD, Politologe, Experte für internationale Beziehungen. András Bíró-Nagy ist Forschungsbeauftragter am Institute for Political Science of the Centre for Social Sciences(TK PTI). Außerdem ist er Direktor und Inhaber von Policy Solutions, einem ungarischen Thinktank, und Vorstandsmitglied der Hungarian Political Science Association. Von 2013 bis 2014 arbeitete er bei der Europäischen Kommission als politischer Berater von EU-Kommissar László Andor. Seit 2014 ist er Herausgeber der englischsprachigen Jahrbuchreihe zur Politik Ungarns, die von der FES und Policy Solutions herausgegeben wird. Von 2018 bis 2021 war er Bolyai-Stipendiat der Hungarian Academy of Sciences, und seit 2020 ist er Leiter des OTKA-Forschungsprojekts(National Scientific Research Programmes) zur europäischen Integration Ungarns. Er promovierte in Politikwissenschaft an der Corvinus-Universität Budapest und erwarb einen Master of Sciences in Public Policy and Administration an der London School of Economics. Zu seinen Hauptfachgebieten gehören die europäische Integration, die Werte der ungarischen Gesellschaft, rechtsradikaler Parteien und der gegenwärtigen Sozialdemokratie. Prof. Dr. Marius Harring, Professor für Schul- und Jugendforschung, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Erziehungswissenschaft. Sein Forschungsschwerpunkt ist die internationale Jugendforschung, insbesondere mit Blick auf Osteuropa, Südosteuropa, die baltischen Staaten und Zentralasien. Sein Augenmerk gilt den Bildungs- und Werteeinstellungen sowie der Bedeutung der Sozialisation durch Familie und Gleichaltrige innerhalb und außerhalb des Schulsystems. Er ist Experte auf dem Gebiet von Mixed-Methods-Ansätzen und ist seit 2016 Vorsitzender des Beirats der FES-Jugendstudien – zunächst in Osteuropa(Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Nordmazedonien, Rumänien und Serbien), danach in Russland, der Ukraine, Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan. Aktuell leitet er die wissenschaftliche Beratung zu den Visgárd-Ländern und baltischen Staaten und ist Autor regionaler Berichte über diese Regionen. Ü ber die F E S J ugendstudien| 75 Daniela Lamby, Mitglied des akademischen Kollegiums und PhD. Daniela Lamby arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz am Institut für Erziehungswissenschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die internationale Jugendforschung, insbesondere mit Blick auf Osteuropa, Südosteuropa, die baltischen Staaten und Zentralasien. Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt der politischen Partizipation, politischen Werten sowie der quantitativen Forschung. Sie hat eine Dissertation eingereicht zur politischen Partizipation und demokratischen Werten Jugendlicher in der Ukraine. Zeitweise war sie für das niedersächsische Sozialministerium und das hessische Integrationsministerium(innerhalb Deutschlands) tätig. Sie ist seit 2016 Mitglied im Beirat der FES-Jugendstudien – anfangs für Osteuropa(Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kosovo, Kroatien, Nordmazedonien, Rumänien und Serbien), später für Russland, der Ukraine, Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan. Aktuell begleitet sie die wissenschaftliche Beratung in den Visgárd-Ländern und den baltischen Staaten und ist Autorin regionaler Vergleichsanalysen in diesen Regionen. Julia Peitz, Wissenschaftlicher Mitarbeiterin und PhD. Juila Peitz arbeit­et als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainzam Institut für Erziehungswissenschaft. Forschungsschwerpunkt: Internationale Jugendforschung insbesondere mit Blick auf Osteuropa, Südosteuropa, Baltikum und Zentralasien. Besonderes Interesse an der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und Peer-Settings innerhalb und außerhalb des Schulsystems. Andrea Szabó, PhD, Soziologin, Politologin. Andrea Szabó erlangte ihr Diplom und ihren Doktortitel an der Eötvös Loránd Universität in Budapest. Seit 1994 arbeitet sie mit jungen Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Sie ist an Projektinitiationen beteiligt und leitende Forscherin einer Reihe groß angelegter Studien mit dem Titel Youth. Außerdem ist sie Leiterin der Active Youth Research Group. Sie war Leiterin mehrerer OTKA/ NKFIH-Forschungsprojekte(National Scientific Research Programmes) und des Norwegian Fund. Sie ist Generalsekretärin der Hungarian Political Science Association, Sekretärin des Political Science Committee of Department IX of the Hungarian Academy of Sciences und Mitglied des National Statistical Council. Weiterhin ist sie Forschungsbeauftragte und stellvertretende Direktorin des Institute for Political Science of the Centre for Social Sciences(TK PTI) und Assistant Professor am ELTE ÁJK(Faculty of Law) Political Science Institute. Frau Szabó ist Chefredakteurin der einzigen„anonymen, doppelt verblindeten Peer-Review“-Zeitschrift der ungarischen Politikwissenschaft Politikatudományi Szemle (Politische Wissenschaftskritik). Sie hat mehrere Bücher über politische Denkweisen und die Beteiligung junger Ungarinnen und Ungarn geschrieben und herausgegeben. 76 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 OTHER YOUTH STUDIES PUBLICATIONS The coronavirus pandemic has been a great shock to societies in Central Europe. The restrictions it has brought about are extensive, and must have been particularly new for the young generation that cannot remember the eras before the democratic regimes were established in this region. In this report youths’ experiences of the first year of the pandemic were studied in four countries – the Czech Republic, Hungary, Poland, and Slovakia. Ten in-depth interviews were conducted in each country, in which young people talked about a variety of topics and issues that had impacted their lives. In the study, it is argued that in areas like healthcare, inter-generational relationships, and education young people were pushed into becoming like adults, that is, into maturing prematurely. AVAILABLE AT: http://library.fes.de/pdf-files/id/18498.pdf The goal of this research report is to explore the life of youth in the Baltic States during the COVID-19 pandemic(2020–2021). The report focuses on how young people perceive and make sense out of social as well psychological changes caused by pandemic and how they position themselves in terms of these changes. The focus of this study lies on young people between the age of 14 and 29. The report is based on online interviews with 30 respondents that were conducted in April 2021 via the platform MS Teams. Ten respondents were interviewed in each of the Baltic States. AVAILABLE AT: http://library.fes.de/pdf-files/id/18503.pdf 78 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2 Ü ber die F E S J ugendstudien| 79 80 | J U G E N D S T U D I E M I T T E L O S T E U R O PA U N D B A LT I K U M 2 0 2 2