Christoph Döbele, Jan Niklas Engels, Roberto Heinrich, Nicole Loew, Catrina Schläger, Anja Miriam Simon und Anne-Kathrin Vitt Krisenerwachsen Wie blicken junge Wähler:innen auf Politik, Parteien und Gesellschaft? FES diskurs Mai 2023 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft; – Politikberatung; – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern; – Begabtenförderung; – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung Die Abteilung Analyse, Planung und Beratung der Friedrich-Ebert-Stiftung versteht sich als Zukunftsradar und Ideenschmiede der Sozialen Demokratie. Sie verknüpft Analyse und Diskussion. Die Abteilung bringt Expertise aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Politik zusammen. Ihr Ziel ist es, politische und gewerkschaftliche Entscheidungsträger:innen zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zu beraten und progressive Impulse in die gesellschaftspolitische Debatte einzubringen. FES diskurs FES diskurse sind umfangreiche Analysen zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Auf Grundlage von empirischen Erkenntnissen sprechen sie wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen für die Politik aus. Über die Autor:innen Christoph Döbele ist als Associate Director in der Politikforschung bei Kantar Public in Berlin tätig. Auf Grundlage quantitativer und qualitativer Forschung berät er Kund:innen aus Politik, Gesellschaft und Medien zu relevanten politischen und gesellschaftlichen Fragen. Jan Niklas Engels ist Referent für Empirische Sozial- und Trendforschung im Referat Analyse und Planung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuvor war er in verschiedenen Funktionen im In- und Ausland für die FES tätig, u. a. als Büroleiter in Budapest, Ungarn. Roberto Heinrich ist als Associate Director bei infratest dimap in der Wahl- und Meinungsforschung in Berlin tätig. Er ist Projektleiter des ARD-DeutschlandTREND, Kundenbetreuer für verschiedene Landesrundfunkanstalten der ARD sowie für Universitäten und parteinahe Stiftungen. Roberto Heinrich ist verantwortlicher Autor des WahlREPORT von infratest dimap bei Landtags-, Europa- und Bundestagswahlen. Nicole Loew ist Referentin für Empirische Sozial- und Trendforschung im Referat Analyse und Planung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin zu Populismus sowie Wahl- und Einstellungsforschung. Catrina Schläger leitet das Referat Analyse und Planung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zuvor war sie in verschiedenen Funktionen in der internationalen Abteilung der FES tätig, u. a. als Leiterin des Referats Internationale Politikanalyse und Leiterin des Büros in Shanghai. Anja Miriam Simon ist als Associate Director bei infratest dimap in der Wahl- und Meinungsforschung in Berlin tätig. Zu ihren Aufgabenschwerpunkten zählen bundes- und landesweite Erhebungen im Auftrag der ARD sowie Studien mit gesellschaftspolitischem Fokus. Sie betreut die Fernsehberichterstattung in den dritten Programmen der ARD bei Landtags-, Europa- und Bundestagswahlen. Anne-Kathrin Vitt ist als Senior Consultant bei Kantar Public in der Politikforschung in Berlin tätig. Zu ihren Aufgabenschwerpunkten gehören tiefenpsychologische Durchführungen und Analysen qualitativer Studien. Für diese Publikation sind in der FES verantwortlich Catrina Schläger, Referatsleiterin Analyse und Planung. Nicole Loew, Referentin Empirische Sozial- und Trendforschung, Referat Analyse und Planung. Jan Niklas Engels, Referent Empirische Sozial- und Trendforschung, Referat Analyse und Planung. Christoph Döbele, Jan Niklas Engels, Roberto Heinrich, Nicole Loew, Catrina Schläger, Anja Miriam Simon und Anne-Kathrin Vitt Krisenerwachsen Wie blicken junge Wähler:innen auf Politik, Parteien und Gesellschaft? 3 4 1 6 2 7 3 14 4 21 5 30 6 35 7 48 8 49 DIE STUDIE IM ÜBERBLICK EINLEITUNG METHODISCHES VORGEHEN WAS IST JUNGEN WÄHLER:INNEN IM LEBEN WICHTIG? WIE STEHEN JUNGE WÄHLER:INNEN ZU DEMOKRATIE, POLITIK UND PARTEIEN? WIE POSITIONIEREN SICH JUNGE WÄHLER:INNEN POLITISCH, UND WIE NEHMEN SIE PARTEIEN WAHR? WELCHE BERÜHRUNGSPUNKTE HABEN JUNGE WÄHLER:INNEN MIT POLITIK UND PARTEIEN? WAS SIND WAHLMOTIVE JUNGER WÄHLER:INNEN, WELCHE FAKTOREN HABEN EINFLUSS AUF IHRE WAHLENTSCHEIDUNG, UND ÜBER WELCHES WAHLPOTENZIAL VERFÜGEN DIE PARTEIEN? SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN KURZZUSAMMENFASSUNG DER STUDIENERGEBNISSE 52 Abbildungsverzeichnis 52 Literaturverzeichnis FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 1 2 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs DIE STUDIE IM ÜBERBLICK Diese Studie basiert auf Forschungsergebnissen von infratest dimap und Kantar Public. Im zweiten Kapitel wird daher das methodische Vorgehen kurz skizziert. Im dritten Kapitel stellen wir die Frage, was jungen Wähler:innen im Leben wichtig ist, und befassen uns mit deren Blick auf die Verhältnisse in Deutschland, ihre Zufriedenheit in verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Wohnsituation und berufliche Perspektiven. Außerdem wird die Bedeutung von einigen Wertorientierungen der Jungwähler:innen und ihre Zustimmung zu unterschiedlichen Politikvorschlägen dargestellt. Das vierte Kapitel geht der Frage nach, welchen Blick die 16- bis 30-jährigen Jungwähler:innen in Deutschland auf Demokratie, Politik und Parteien haben. Dabei werden ihre Demokratiezufriedenheit und ihre generellen Einstellungen zur Politik und Parteien untersucht. Im fünften Kapitel wird analysiert, wo sich junge Wähler:innen im klassischen Links-Rechts-Schema selbst verorten und wie sie die im Bundestag vertretenen politischen Parteien unterscheiden und einordnen. Im sechsten Kapitel werden die Berührungspunkte mit Politik und Parteien genauer betrachtet: Wo wird über Politik geredet? Wo wird sich informiert? Welche Informations- und Kommunikationskanäle werden genutzt? Wie ist das Interesse am eigenen politischen Engagement? Das siebte Kapitel befasst sich mit den Wahlmotiven junger Wähler:innen. Anhand verschiedener Modelle und Daten wird herausgearbeitet, welche Faktoren einen Einfluss auf die Wahlentscheidungen junger Wähler:innen haben und über welches Wahlpotenzial die Parteien unter jungen Menschen verfügen. Das achte Kapitel formuliert als Schlussfolgerung fünf zentrale Empfehlungen, wie Politik und Gesellschaft auf die Bedürfnisse junger Menschen besser eingehen können. Die wichtigsten Ergebnisse der vorliegenden Studie lauten: • Junge Menschen sind grundsätzlich mit ihrem Leben zufrieden, die aktuellen Krisen führen jedoch zu einer starken Verunsicherung. • Die Demokratiezufriedenheit ist stabil und unterscheidet sich nicht groß von der Gesamtbevölkerung. Doch zumindest knapp die Hälfte der jungen Befragten übt Kritik an der Funktionsweise unserer Demokratie. Viele der Jungwähler:innen sind mit dem parteipolitischen Angebot unzufrieden und fühlen sich in der Politik nicht ausreichend gesehen. • Jungwähler:innen verorten sich politisch links der Mitte und positionieren sich in ihren Policy-Präferenzen mehrheitlich links(Gleichberechtigung, Klimaschutz und höhere Steuern) mit Ausnahme bei der Aufnahme weiterer Staatsschulden, in der Migrationsfrage ist die Jungwählerschaft gespalten. • Hauptberührungspunkte mit Politik sind für junge Menschen der alltägliche Medienkonsum, insbesondere die Social-Media-Nutzung, aber auch das persönliche Gespräch ist nach wie vor wichtig. • Finanzielle und soziale Sicherheit sind für die 16- bis 30-Jährigen die wichtigsten Werte. Insgesamt lässt sich die junge Generation als pragmatisch postmaterialistisch beschreiben – ein sicheres Einkommen ist zwar der wichtigste Wert, diesem folgen aber zahlreiche ideelle Werte. • Ausschlaggebend für die Wahlentscheidung der Jungwähler:innen sind die programmatischen Inhalte der Parteien, ihre Zukunftskompetenz und ihre Regierungsfähigkeit. Analysiert nach der jeweiligen Parteianhängerschaft ergeben sich allerdings teils deutliche Unterschiede in den Wahlmotiven der jungen Wähler:innen, wodurch sich die Parteianhänger:innen in ihren jeweiligen Präferenzen voneinander abgrenzen lassen. • Anders als das Bundestagswahlergebnis 2021 vermuten lässt, verfügen Grüne und SPD über das größte Wahlpotenzial unter den 16- bis 30-Jährigen. Das unterschiedliche Abschneiden am Wahltag deutet jedoch darauf hin, dass die Parteien ihr Potenzial verschiedentlich erfolgreich ausschöpfen. Das geringste Potenzial unter den Jungwähler:innen verzeichnet die AfD gefolgt von der Linken.  FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 1 EINLEITUNG Globale Finanzkrise, Klimawandel, Coronapandemie, Ukraine-Krieg, Inflation und Energiekrise – keine junge Generation der Nachkriegszeit hat solch verdichtete Krisenzeiten erlebt wie die jetzt 16- bis 30-Jährigen. Was macht diese Krisenerfahrung mit den jungen Menschen? Wie beurteilen sie angesichts der Dauerkrisenerfahrung ihr eigenes Leben und ihre Position in der Gesellschaft? Mit welchen Erwartungen treten junge Wähler:innen Politik und Parteien gegenüber? An diesen Fragen setzt unsere empirische Untersuchung an. Wir wollten zum einen herausfinden, inwiefern Wertegerüst und Weltanschauung junger Menschen von den erlebten Krisen geprägt sind, und zum anderen, wie sich die Krisenerfahrung auf ihr Politikverständnis und Wahlverhalten auswirkt. Wir sind dabei auf junge Wähler:innen getroffen, die eine überraschende Reife ausstrahlen und angesichts der aktuellen Lage zwar alarmiert, aber noch lange nicht resigniert sind. Die 16- bis 30-Jährigen, die wir befragt haben, sind grundsätzlich zufrieden mit ihrem Leben und blicken weitestgehend zuversichtlich in ihre persönliche Zukunft. Gleichzeitig haben die zahlreichen Krisen zu einer erheblichen Verunsicherung geführt, wenn es um die gesamtgesellschaftliche Lage geht, was in einem starken Bedürfnis nach persönlicher Sicherheit – beispielsweise in Form von finanzieller Absicherung – zum Ausdruck kommt. Die Themen Rente, Alterssicherung und Wohnen stehen besonders hoch auf der Agenda und haben ihren Platz neben der allgegenwärtigen Bedrohung der Klimakrise im Bewusstsein der jungen Menschen fest eingenommen. Sie schauen mit einem sehr realistischen Blick auf die Welt und ihr eigenes Leben und haben klar vor Augen, was sie erwarten können. Sie wollen weder Rebellion noch riesige Sprünge machen – sie sind keine Utopist:innen, sie wollen ein gutes, normales Leben führen. Dazu zählen ein sicheres Einkommen, Familie und Freunde – aber ganz klar auch eine saubere Umwelt und Respekt im Umgang im gesellschaftlichen Miteinander. Sie sind nicht resigniert oder desillusioniert, was ihr eigenes Leben angeht, wie man es vielleicht aufgrund der vielfachen Krisenerlebnisse erwarten könnte. Sie gehen pragmatisch mit den Herausforderungen um und suchen konstruktiv nach Lösungen – und sind dabei sehr anpassungsfähig. Sie scheinen weder wütend noch auf andere Weise emotional angegriffen, von einem tiefgreifenden Generationenkonflikt ist nichts bemerkbar, sie verhalten sich sehr unaufgeregt, nüchtern – das kann entweder als erwachsen gedeutet werden oder als Ausdruck des Dauerkrisenmodus, der notwendig ist, um in der aktuellen Situation bestehen zu können. Trotz der Herausforderungen der vergangenen Jahre sind die Werte zur Demokratiezufriedenheit stabil. Jedoch sehen die jungen Wähler:innen deutliche Mängel in der Funktionsweise der Demokratie, vor allem wenn es darum geht, die Interessen junger Generationen mit einzubeziehen oder schnell Lösungen für akute Probleme herbeizuführen. Trotz genauer Erwartungen an Politik und Parteien finden sie oftmals kein parteipolitisches Angebot, das sie vollends überzeugt. Einerseits kann das an der noch nicht existierenden Parteibindung junger Menschen liegen. Andererseits kann das auch in einer Parteienlandschaft begründet sein, die sich noch nicht an die Bedürfnisse junger Generationen angepasst hat. Das Ergebnis der Bundestagswahl 2021 und das grundlegend andere Wahlverhalten der jüngeren im Vergleich zur älteren Bevölkerung zeigt deutlich, dass junge Menschen in Deutschland zwar durch die Krisen schnell erwachsen werden mussten und dennoch ganz andere Schlüsse – beispielsweise in Form einer Wahlentscheidung – daraus ziehen, als es ihre erwachsenen „Vorbilder“ tun. Das historisch schlechte Abschneiden der beiden Volksparteien bei den jungen Erwachsenen bei gleichzeitig herausragenden Ergebnissen von Grünen und FDP sorgte deshalb nicht nur im medial-öffentlichen Raum vielfach für Fragen(vgl. beispielsweise Steiner 2022). Meine Eltern und ich habe zum Beispiel komplett verschiedene politische Einstellungen, weil wir aus verschiedenen Generationen kommen. Das,(…) was uns wichtig ist, ist vielleicht gleich, aber dann nicht die Partei, die wir dann wählen würden. E2(weiblich, 27 Jahre) Ihr realistischer Blick auf die Welt um sie herum lässt die Jungwähler:innen ebenfalls verstehen, dass es aus wahltaktischen Gründen für Parteien in Deutschland nicht immer lohnenswert ist, sich auf die Jungen zu konzentrieren, da sie in der Minderheit sind und Wahlen nun einmal mit Mehrheiten gewonnen werden. Und dennoch erwarten sie mehr und wollen sehen, dass Politik in diesem Land nicht nur für die älteren Generationen gemacht wird, sondern auch für sie. Dabei geht es ihnen um Themen wie Klimaschutz, finanzielle Absicherung und Wohnen und explizit nicht nur um„jugendliche“ Themen wie Bildung. Außerdem wollen sie von Politiker:innen direkt angesprochen werden, am liebsten via Social Media oder an Orten, die ihre Lebenswelt berücksichtigen wie Schulen oder Universitäten. Sie wollen ernst genommen werden und politische Entscheidungen, die nicht nur für die nächsten fünf Jahre 4 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs funktionieren. Ihr Wunsch an Parteien spiegelt sich deshalb auch in der Forderung nach verjüngtem Personal wider. Daher hoffen wir sehr, dass diese Studie nicht nur als Analyse der Sichtweisen und Einstellungen junger Wähler:innen Interesse finden wird, sondern auch dazu motiviert, praktische Schlüsse für eine Politik zu ziehen, die mehr junge Menschen adressiert und ins Zentrum rückt. Also ich finde, attraktiv sind die meistens nur dann, wenn sie auch wirklich irgendwie auf unsere Generation Rücksicht nehmen, also dass sie quasi bestimmte Zielgruppen ansprechen, die jetzt nicht nur eine Generation betreffen, sondern vor allem auch die Jugend fördern, weil das betrifft uns ja auch am meisten und unser weiteres Leben. A6(weiblich, 18 Jahre) Die Parteien leben halt von den Stimmen der alten Menschen. Sie möchten ja auch weiter im Rennen sein, und dementsprechend schenken sie natürlich eher der Mehrheit das Gehör, was halt eben die alten Menschen sind, um ihre Stimmen zu bekommen,(…) ist halt scheiße für uns. B4(weiblich, 23 Jahre) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 2 METHODISCHES VORGEHEN Die Studie zu Jungwähler:innen besteht aus zwei Elementen: Zunächst wurde eine quantitative Studie mit 4.059 Wahlberechtigten im Alter von 16 bis 30 Jahren durch das Institut infratest dimap durchgeführt. Zentrale Inhalte waren die Lebenszufriedenheit und persönlichen Wertorientierungen junger Wähler:innen, die politischen Einstellungen und Policy-Orientierungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Sicht junger Menschen auf die demokratische Praxis, ihre Wahrnehmung von Parteien und das Wahlverhalten der jungen Generation. Die Erhebung wurde teils telefonisch teils online durchgeführt, wobei 1.524 Telefoninterviews und 2.535 Onlineinterviews realisiert wurden. Der Erhebungszeitraum der quantitativen Befragung lag zwischen dem 17.11.2022 und dem 15.12.2022. In diesem Teil der Studie wurde die Gewichtung nach soziodemografischen Merkmalen sowie nach der Rückerinnerung der Wahlentscheidung vorgenommen. Auf Basis der Erkenntnisse des quantitativen Studienteils wurden anschließend die thematischen Schwerpunkte für die qualitative Vertiefung festgelegt. Die hier realisierten Fokusgruppen dienten dazu, die quantitativen Ergebnisse einerseits zu vertiefen, aber diese auch besser zu verstehen und ausgewählte Schwerpunkte genauer zu beleuchten und in einen breiteren Kontext aus Sicht der jungen Menschen einzuordnen. Im Rahmen der qualitativen Erhebung zu politischen Einstellungen von Jungwähler:innen hat Kantar Public insgesamt neun Fokusgruppen mit in Deutschland lebenden und wahlberechtigten Personen zwischen 16 und 30 Jahren durchgeführt. Sechs der Fokusgruppen wurden in drei unterschiedliche Altersgruppen unterteilt. Die beiden ersten Gruppen bildeten die 23- bis 30-Jährigen, die zur Bundestagswahl 2021 mindestens zum zweiten Mal wahlberechtigt gewesen sind. Die dritte und vierte Gruppe wurde aus den 19- bis 23-Jährigen rekrutiert. Die Altersgruppe war zur Bundestagswahl 2021 erstmalig wahlberechtigt. Die letzten beiden Gruppen setzten sich aus den 16- bis 19-Jährigen zusammen, die zum Zeitpunkt der Bundestagswahl 2021 nicht wahlberechtigt gewesen sind. Die Quotierung der Gruppen innerhalb einer Altersgruppe wurde nach dem Bildungsstand vorgenommen, sodass Personen mit formal niedrigem bis mittlerem Bildungsstand und Personen, die formal höher gebildet sind, getrennt interviewt wurden. Erfahrungsgemäß fördert eine Unterteilung nach Alter und Bildungsstand eine diskussionsfreudigere Gesprächsatmosphäre. Zusätzlich wurden alle Gruppen nach den Merkmalen Region, Tätigkeit, Geschlecht sowie Migrationsgeschichte quotiert und darüber hinaus auf ein gemischtes Verhältnis bei Parteiaffinität und Wahlabsicht kontrolliert. Um in den Onlinefokusgruppen eine möglichst vergleichbare Gruppendynamik wie vor Ort im Teststudio herstellen zu können, wurde die Anzahl der Teilnehmenden auf sechs Personen pro Gruppe begrenzt. Neben diesen sechs Gruppen wurden noch drei weitere Gruppen durchgeführt, die aufgrund der Rekrutierungsmerkmale der ersten sechs Gruppen noch nicht näher beleuchtet werden konnten. Dabei wurde eine Gruppe mit jungen Menschen aus Ostdeutschland durchgeführt, eine weitere Gruppe mit jungen Menschen aus dem ländlichen Raum und eine Gruppe nach Wahlentscheidung bei der letzten Bundestagswahl. Durch die drei zusätzlichen thematisch rekrutierten Gruppen konnten noch weitere Perspektiven Berücksichtigung finden. Die thematischen Schwerpunkte der Gruppendiskussionen lagen stärker auf den Berührungspunkten junger Menschen mit Politik und Politiker:innen, der Wahrnehmung von Parteien und Politiker:innen sowie den Wünschen junger Menschen an Parteien und dem Verhältnis von Politik zu jungen Wähler:innen. Die Fokusgruppen wurden online von Politik- und Sozialforscher:innen von Kantar Public auf Basis eines Gesprächsleitfadens moderiert und fanden im Zeitraum vom 7.3.2023 bis zum 27.4.2023 für jeweils 120 Minuten statt. Anhand der MP3und Videoaufzeichnungen wurden alle Fokusgruppen transkribiert und ausgewertet.  6 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs 3 WAS IST JUNGEN WÄHLER:INNEN IM LEBEN WICHTIG? BEUNRUHIGT, ABER DENNOCH MIT DEM LEBEN ZUFRIEDEN Die multiplen Krisen der vergangenen Jahre – sei es die Coronapandemie, der Klimawandel oder der Krieg in der Ukraine – haben die Politik und die Bevölkerung vor massive Herausforderungen gestellt. Doch besonders prägend und belastend sind diese Krisenerfahrungen in Deutschland für die jungen Menschen. Sie wachsen in einem Zeitalter der Umbrüche und Verunsicherung auf. Für sie stellt sich nicht mehr die Frage, ob es ihnen einmal besser gehen wird als ihren Eltern, sondern ob ihre Generation einen großen Absturz verhindern kann. Ihnen ist bewusst, dass sie einerseits mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krisen leben müssen und andererseits vor einer neuen Situation, z. B. dem Voranschreiten der Digitalisierung und Dekarbonisierung, stehen. Ein Weiterso ist nicht möglich. Es verwundert daher wenig, dass die jungen Menschen in Deutschland weniger zuversichtlich als die gesamte deutsche Wahlbevölkerung in die Zukunft blicken: Drei Viertel(74 Prozent) der unter 30-Jährigen zeigen sich besorgt, gerade einmal ein Fünftel(19 Prozent) blickt mit Zuversicht auf die derzeitige Lage in Deutschland. Bei den Wahlberechtigten in Deutschland zeigen sich insgesamt 69 Prozent angesichts der derzeitigen Verhältnisse eher beunruhigt, ein knappes Viertel(24 Prozent) zeigt sich optimistisch. 1 Im aktuellen Krisenkontext fällt der Blick der Jugend auf die bestehenden Verhältnisse in allen soziodemografischen Gruppen negativ aus, wobei die Zuversicht unter jungen Frauen(14 Prozent) nochmals geringer ausgeprägt ist als unter jungen Männern(23 Prozent). In den Parteianhängerschaften blicken die jungen Anhänger:innen von SPD(Zuversicht: 32 Prozent, Beunruhigung: 63 Prozent) und Grünen(Zuversicht: 31 Prozent, Beunruhigung: 64 Prozent) im Vergleich noch am positivsten auf die bestehenden Verhältnisse, aber auch sie sind mehrheitlich beunruhigt. Ihnen gegenüber stehen die AfD-Anhänger:innen (Zuversicht: neun Prozent, Beunruhigung: 90 Prozent), die sich auch bei den jungen Staatsbürger:innen mit Abstand 1 In dieser und der folgenden Grafik gegenübergestellt sind die im Rahmen dieser Studie eigens erhobenen Daten mit Daten, die infratest dimap für die wahlberechtigte Bevölkerung im Januar 2023 erhoben hat. Abb. 2a Verhältnisse in Deutschland Abb. 1 Finden Sie, dass die Verhältnisse derzeit in Deutschland eher Anlass zur Zuversicht oder zur Beunruhigung geben? Jungwähler:innen von 16 bis 30 Jahren wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren(Januar 2023) ZUVERSICHT 19 ZUVERSICHT 24 % 7 weiß nicht/ keine Angabe % 74 BEUNRUHIGUNG 69 BEUNRUHIGUNG Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren/Wahlberechtigte in Deutschland QUELLE: infratest dimap 7 weiß nicht/ keine Angabe FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 7 am stärksten kritisch zur momentanen Gesamtlage in Deutschland äußern. MEHRHEIT DER JUNGEN MENSCHEN MIT LEBEN ZUFRIEDEN, ABER DEUTLICHES BILDUNGSGEFÄLLE Irgendwann wird immer mehr vom Computer und von einer Künstlichen Intelligenz gesteuert werden als jetzt vom Menschen. Und ich glaube, die nehmen uns auch einiges an Arbeit ab. Aber das sorgt ja halt auch wieder für mehr, ja, für mehr Arbeitslosigkeit. Also, ich habe gerade ein bisschen Angst, sage ich mal, davor. D4(weiblich, 21 Jahre) […] was bleibt am Ende für mich übrig, dass ich irgendwie noch mir was Gutes tun kann? Kann ich noch in Urlaub fahren? Kann ich mal mit meinen Mädels irgendwie abends essen gehen? Ich finde das sehr beängstigend, frustrierend, dass man darüber nachdenkt, ob man sein Leben so führen kann, wie man das möchte, und gar nicht jetzt mal mit hohen Ansprüchen, Luxusgegenständen irgendwie, sondern für mich eigentlich alltägliche Dinge. E2(weiblich, 27 Jahre) Trotz der geringen Zuversicht in Zeiten multipler Krisen ist die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland mit ihrem eigenen Leben zufrieden. Auf einer Skala von 0„gar nicht zufrieden“ bis 10„sehr zufrieden“ sind mehr als vier Fünftel der unter 30-Jährigen(85 Prozent über dem Skalenmittelpunkt von 5; Mittelwert: 7,3) mit ihrem Leben insgesamt zufrieden. Die größte Zufriedenheit besteht hinsichtlich der familiären Verhältnisse(Mittelwert: 7,7) und der Bildungssituation(Mittelwert: 7,6). Aber auch die persönlichen Wohnumständen(Mittelwert: 7,3) und die beruflichen Perspektiven(Mittelwert 7,1) werden deutlich positiv eingeschätzt. Die geringste Zufriedenheit zeigt sich hinsichtlich der finanziellen Situation, aber auch hier urteilt eine Mehrheit(Mittelwert: 6,0; 62 Prozent über Skalenmittelpunkt von 5) positiv. Wie in Bevölkerungsbefragungen zum subjektiven Wohlbefinden vielfach bestätigt, üben sozioökonomische Faktoren einen sichtbaren Einfluss auf die individuelle Lebenszufriedenheit aus(vgl. Böhnke/Kohler 2007; Heidl et al. 2012). Dies gilt auch für junge Erwachsene, wenig überraschend insbesondere mit Blick auf materiell gelagerte Verhältnisse in Deutschland – Parteianhänger:innen Abb. 2 Finden Sie, dass die Verhältnisse derzeit in Deutschland eher Anlass zur Zuversicht oder eher Anlass zur Beunruhigung geben? Angaben in Prozent J J u u n n g g w w ä ä h h le l r e :i r n :i n n e n n e i n m im Alte A r lt v e o r n von 16 16 bi b s i 3 s 0 3 J 0 ah Ja re h n ren 100 0 100 31 64 32 63 25 70 18 78 14 80 9 ZUVERSICHT 90 BEUNRUHIGUNG Grüne SPD FDP CDU/CSU Die Linke AfD keine Meinung wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren(Januar 2023) 100 0 100 46 49 43 50 29 68 26 67 19 77 2 96 ZUVERSICHT BEUNRUHIGUNG Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren/Wahlberechtigte in Deutschland QUELLE: infratest dimap 8 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Lebensbereiche. So sind formal höher gebildete junge Menschen mit ihrem Leben insgesamt(Mittelwert 7,5) deutlich stärker zufrieden als die gleiche Altersgruppe mit formal niedrigem Bildungsabschluss(Mittelwert: 6,3). Diese höhere Zufriedenheit mit höherem Bildungsabschluss zeigt sich in allen Lebensbereichen. Der Abstand ist aber besonders deutlich hinsichtlich der Zufriedenheit mit der persönlichen Bildungssituation(Mittelwert hoher Bildungsabschluss: 8,1; Mittelwert niedriger Bildungsabschluss: 6,3) wie auch bei der Bewertung der eigenen finanziellen Verhältnisse(Mittelwert hoher Bildungsabschluss: 6,4; Mittelwert niedriger Bildungsabschluss: 5,1). Jenseits von Bildungsvariablen fallen Unterschiede in der Lebenszufriedenheit junger Menschen geringer aus. In der Tendenz zeigen sich junge Frauen etwas zufriedener mit ihrer Bildungssituation, ihre finanzielle Lage bewerten sie wiederum geringfügig kritischer als junge Männer. In den Parteianhängerschaften fallen analog zu Bevölkerungsbefragungen vor allem die jungen Anhänger:innen von AfD und Linken dadurch auf, dass sie mit ihrer eigenen Lebenssituation seltener zufrieden sind. WERTEFOKUS LIEGT AUF FINANZIELLER UND SOZIALER SICHERHEIT In Zeiten zunehmender Verunsicherung haben für junge Menschen Wertorientierungen, die für Sicherheit stehen, einen hohen Stellenwert. Kongruent mit der vorherigen Bewertung der eigenen Lebenszufriedenheit steht für die unter 30-Jährigen finanzielle Sicherheit an erster Stelle. Fast neun von zehn erachten es als wichtig, ein sicheres Einkommen zu haben(88 Prozent mit Skalenwert über 5; Mittelwert 8,4). Soziale Beziehungen in Freundeskreis(87 Prozent; 8,3) und Familie(79 Prozent; 7,7) bilden ebenfalls zentrale Orientierungspunkte. Von hohem Stellenwert im Wertekanon junger Menschen sind zudem eher postmaterialistische Werte, wie die Vielfalt der Menschen zu respektieren(77 Prozent; 7,7), sozial Benachteiligten zu helfen(70 Prozent; 6,8) und tolerant gegenüber anderen Meinungen zu sein(62 Prozent; 6,5). […] auf jeden Fall würde ich gerne in finanzieller und sozialer Sicherheit leben und hätte auch gerne, dass wir weiter in Demokratie leben, also so frei, wie ich jetzt das Gefühl habe zu sein, habe aber so ein bisschen das Gefühl, dass alles so ein bisschen am seidenen Faden hängt hier in Deutschland. A5(männlich, 17 Jahre) Zufriedenheit mit Lebensbereichen Abb. 3 Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden Aspekten in Ihrem Leben? Bitte geben Sie dies anhand einer Skala von 0 bis 10 an. 0 steht dabei für„gar nicht“ zufrieden und 10 für„sehr zufrieden“. Angaben in Mittelwerten GAR NICHT ZUFRIEDEN familiäre Situation 7,7 SEHR ZUFRIEDEN Bildungssituation 7,6 Wohnsituation 7,3 berufliche Perspektiven 7,1 finanzielle Situation 6,0 Leben insgesamt 7,3 0 1 2 3 4 5 6 7 8 Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap 9 10 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 9 Zufriedenheit mit Lebensbereichen – Bildung Abb. 4 Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden Aspekten in Ihrem Leben? Bitte geben Sie dies anhand einer Skala von 0 bis 10 an. 0 steht dabei für„gar nicht zufrieden“ und 10 für„sehr zufrieden“. 10 SEHR ZUFRIEDEN 9 8 7 6 5 4 3 2 1 GAR NICHT 0 ZUFRIEDEN familiäre Situation Bildungsabschluss hoch mittel niedrig Bildungssituation Wohnsituation berufliche Perspektiven alle Angaben in Mittelwerten finanzielle Situation Leben insgesamt Grundgesamtheit: Deutsche von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap Der Schutz der Umwelt liegt ebenfalls einer Mehrheit am Herzen(60 Prozent; 6,2). Die Bewahrung von Traditionen(52 Prozent; 5,6) bewegt sich im Vergleich dazu ebenso wie politisches Engagement(43 Prozent; 5,3) auf niedrigerem Niveau. Im Vergleich ist es für junge Menschen von geringerer Relevanz, sich und die eigenen Bedürfnisse gegen andere durchzusetzen(49 Prozent; 5,8) oder nach Macht und Einfluss zu streben. So bewertet nur jede:r Dritte der unter 30-Jährigen Macht und Einfluss als überdurchschnittlich wichtig(33 Prozent; 4,7). Auch in den Fokusgruppen dominierte der Wunsch nach einem sicheren Ein- und Auskommen, besonders ausgeprägt war er bei denjenigen, die nicht mehr zu Hause wohnen. Die persönlich spürbare Inflation, die zu finanziellen Engpässen führt, die steigenden Miet- und Immobilienpreise, die das Finden einer neuen Wohnung erschweren, beschäftigen die Teilnehmenden sichtlich im täglichen Leben. Hinzu kommen Sorgen vor Altersarmut, da die meisten Teilnehmenden davon ausgehen, nur eine geringe Rente zu bekommen. Häufig werden wirtschaftliche und soziale Themen in einem Zug mit der Bekämpfung des Klimawandels genannt. Mit Blick auf die Gesellschaft sehen sie eine zunehmende Spaltung zwischen Arm und Reich und machen sich in diesem Zusammenhang häufig auch Sorgen um die eigene Existenz. Das Vertrauen in die staatliche Absicherung ist bei nahezu allen Teilnehmenden bildungsübergreifend gefährdet – es besteht vielfach ein Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein, was wiederum mit einem hohen Frustrationspotenzial einhergeht. Über die verschiedenen Alterssegmente hinweg wird in den Fokusgruppen der Stellenwert von Familie und Freund:innen ausgesprochen hoch bewertet, zum einen in Bezug auf die Familie als zentraler Lebensmittelpunkt zum anderen hinsichtlich des Wunsches, später eine eigene Familie zu gründen. 10 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Wertorientierungen Abb. 5 Jeder Mensch hat ja bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten bestimmen. Wenn Sie einmal daran denken, was Sie in Ihrem Leben eigentlich anstreben: Wie wichtig sind dann die folgenden Dinge für Sie persönlich? Sie können Ihre Meinung von 0„unwichtig“ bis 10„außerordentlich wichtig“ abstufen. Angaben in Mittelwerten UNWICHTIG AUßERORDENTLICH WICHTIG ein sicheres Einkommen haben 8,4 gute Freund:innen haben, die 8,3 einen anerkennen und akzeptieren gutes Familienleben führen/eine eigene Familie gründen 7,7 die Vielfalt der Menschen 7,7 anerkennen und respektieren sozial Benachteiligten und 6,8 gesellschaftlichen Randgruppen helfen auch solche Meinungen tolerieren, denen man eigentlich nicht zustimmen kann 6,5 sich unter allen Umständen umweltbewusst verhalten 6,2 sich und seine Bedürfnisse gegen andere durchsetzen 5,8 Traditionen bewahren 5,6 sich politisch engagieren 5,3 Macht und Einfluss haben 4,7 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap Bei mir ist es tatsächlich, dass ich mir echt Gedanken mache, wie es mir finanziell gehen wird, wenn ich irgendwann in die Rente gehen werde. F1(weiblich, 30 Jahre) Ich erwarte vom Staat in der Hinsicht nichts. Also, wenn ich eine Rente haben möchte, muss ich dafür selber sorgen. A1(männlich, 24 Jahre) Also die Rentenreform würde ich auch noch gerne miterleben, und dass wir das mit dem Klimawandel irgendwie ein bisschen ernster nehmen, fände ich auch noch ganz cool. E3(weiblich, 22 Jahre) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 11 Und, ja, wie gesagt, das Immobilienthema, auch in den Großstädten, das wäre, glaube ich... auch für viele junge Menschen ist ja super frustrierend, wenn sie irgendwo studieren wollen oder einen neuen Job anfangen und vielleicht Berufseinsteiger sind, also, wie will man sich alleine eine Wohnung leisten? D1(weiblich, 26 Jahre) Für mich ist meine Familie eine der wichtigsten Sachen. Ich bin ein sehr familiärer Mensch. Also da lege ich Wert drauf. A3(männlich, 20 Jahre) Also, meine Familie und meine Freunde sind mir ganz wichtig. F1(weiblich, 30 Jahre) Betrachtet man die Wertorientierung der unter 30-Jährigen unter soziodemografischen Gesichtspunkten, zeigen sich nur teilweise Unterschiede, am ehesten sichtbar nach Bildung. Für junge Menschen, die einen formal höheren Bildungsabschluss haben oder anstreben, sind die soziale Verankerung in Familie oder Freundeskreis ebenso ideelle Werte wie Respekt vor Vielfalt und Toleranz von etwas höherer Bedeutung als für junge Menschen mit formal niedriger Bildung. Auch bei jungen Frauen steht Diversität etwas stärker im Fokus als bei jungen Männern. Deutlichere Unterschiede zeigen sich demgegenüber nach Parteianhängerschaft, wobei hier nicht überraschend die Differenzen bei den ideellen Werten am größten ausfallen. Besteht somit eine starke Einigkeit über den Stellenwert eines sicheren Einkommens, manifestieren sich in Abhängigkeit von der eigenen Parteipräferenz Unterschiede vor allem in Fragen der Anerkennung von Vielfalt, der Unterstützung sozial Benachteiligter, bei Umweltschutzaspekten, aber auch bei der Bewahrung von Traditionen, Durchsetzungsvermögen sowie Macht und Einflussnahme. Im Kontrast von libertären gegenüber traditionell gelagerten Werten bilden auch bei jungen Erwachsenen die Anhänger:innen von Grünen und Linken einerseits sowie die Anhänger:innen der AfD andererseits die Pole des Wertespektrums. Für Linke- und Grüne-Anhänger:innen ist somit Diversität der wichtigste Wert, noch vor einem sicheren Einkommen, dem ablehnend gegenüber stehen mit großem Abstand die AfD-Anhänger:innen. Ähnlich diametral verhält es sich bei umweltbewussten Aspekten und der Wahrung von Traditionen. Junge Wähler:innen von SPD und Union bewegen sich bei der Bewertung der Werteorientierungen im Mittelfeld. Bei den SPD-Anhänger:innen sticht besonders hervor, dass ihnen im Vergleich zu allen Befragten gesellschaftliche Vielfalt, soziale Gerechtigkeit und vor allem auch politisches Engagement wichtig sind.  12 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Wertorientierungen – Parteinanhänger:innen Abb. 6 Jeder Mensch hat ja bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten bestimmen. Wenn Sie einmal daran denken, was Sie in Ihrem Leben eigentlich anstreben: Wie wichtig sind dann die folgenden Dinge für Sie persönlich? Sie können Ihre Meinung von 0„unwichtig“ bis 10„außerordentlich wichtig“ abstufen. Parteianhänger:innen Angaben in Mittelwerten Die Linke Grüne SPD UNWICHTIG FDP CDU/CSU AfD AUßERORDENTLICH WICHTIG ein sicheres Einkommen haben 8,4 gute Freund:innen haben, die 8,3 einen anerkennen und akzeptieren gutes Familienleben führen/eine eigene Familie gründen 7,7 die Vielfalt der Menschen 7,7 anerkennen und respektieren sozial Benachteiligten und 6,8 gesellschaftlichen Randgruppen helfen auch solche Meinungen tolerieren, denen man eigentlich nicht zustimmen kann 6,5 sich unter allen Umständen umweltbewusst verhalten 6,2 sich und seine Bedürfnisse gegen andere durchsetzen 5,8 Traditionen bewahren 5,6 sich politisch engagieren 5,3 Macht und Einfluss haben 4,7 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 13 4 WIE STEHEN JUNGE WÄHLER:INNEN ZU DEMOKRATIE, POLITIK UND PARTEIEN? KEINE ERHÖHTE UNZUFRIEDENHEIT MIT DEM FUNKTIONIEREN DER BUNDESDEUTSCHEN DEMOKRATIE Die aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) zu Demokratievertrauen in Deutschland(Best et al. 2023) zeigt, dass trotz der multiplen Krisen und Herausforderungen der vergangenen Jahre die Zufriedenheit mit der Art und Weise, wie die Demokratie in Deutschland funktioniert, stabil bleibt. Im Vergleich zur FES-Studie zu Demokratievertrauen aus dem Jahr 2019 sind die ermittelten Werte zur Zufriedenheit sogar leicht um zwei Prozentpunkte gestiegen. Die stabile Zufriedenheit ist angesichts der vielen Herausforderungen und damit verbundenen gesellschaftlichen Debatten und Abwägungen im Rahmen der Coronapandemie, Krieg in Europa, Aufnahme von Flüchtlingen, Klimawandel etc. eine gute Nachricht. Dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass sowohl 2019 wie auch 2022 ungefähr die Hälfte der Befragten sich als wenig oder überhaupt nicht zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie zeigte(siehe Best et al. 2023: 17). Vergleicht man die Ergebnisse zur Gesamtbevölkerung 2 mit der von uns untersuchten Gruppe der 16 bis 30 Jahre alten Bundesbürger:innen, so finden sich keine großen Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Auch bei den jungen Menschen ist knapp mehr als die Hälfte(51 Prozent) mit der Funktionsweise der Demokratie in Deutschland zufrieden. Kaum minder viele(46 Prozent) sehen dagegen offensichtlich Defizite und bewerten den momentanen Zustand der bundesdeutschen Demokratie kritisch. Die oftmals geäußerte Sorge vor einer besonders demokratieskeptischen jungen Generation ist offensichtlich unbegründet. Die Demokratiezufriedenheit der unter 30-Jährigen entspricht in etwa dem Niveau der wahlberechtigten Bevölkerung insgesamt. Der Vergleich mit zurückliegenden Studien liefert zudem Hinweise, dass die Zufriedenheit junger Menschen in Deutschland zumindest kurzfristig eher wenig Fluktuation aufweist. 3 In vielen Bevölkerungsstudien wurde der Nachweis erbracht, dass der sozioökonomische Status, darunter auch das Bildungsniveau, Einfluss auf die Demokratiezufriedenheit hat(Aarts et al. 2017). Ein entsprechender, wenn auch nicht linearer Zusammenhang besteht auch bei jungen Erwachsenen in Deutschland. Formal hoch Gebildete(61 Prozent) sind deutlich häufiger zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie als mittel(37 Prozent) oder niedrig Gebildete(36 Prozent). Ebenso beeinflusst erwartungskonform die Wahrnehmung der allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse die Einstellungen junger Menschen in Deutschland zur Demokratie: Wer mit Zuversicht auf die aktuelle Lage im Land blickt, ist zufriedener mit dem Funktionieren der Demokratie(80 Prozent) als diejenigen, die die Verhältnisse in Deutschland als beunruhigend empfinden(43 Prozent). Also für mich eine Traumvorstellung wäre, dass nicht nur das Geld eine Rolle spielt, also große Firmen, Lobbyismus, sondern einfach, dass soziale Themen mehr aufgegriffen werden, dass mehr Leute involviert werden, die vielleicht jetzt vom Finanziellen her nicht so viel zu entscheiden haben[…]. A2(männlich, 27 Jahre) Die jungen Anhänger:innen der im Bundestag vertretenen Parteien weisen erwartbar unterschiedliche Zufriedenheitsniveaus auf, wobei allerdings ein mehrheitlich kritisches Urteil allein in den Reihen der AfD(sehr zufrieden/ zufrieden: zwölf Prozent; weniger zufrieden/nicht zufrieden: 88 Prozent) sichtbar wird. Den AfD-Anhänger:innen gegenüber stehen die der Grünen(78 vs. 21 Prozent) und SPD(71 vs. 27 Prozent). Sie äußern sich momentan mit Abstand am zufriedensten mit dem Funktionieren der Demokratie. Im Lager der CDU/CSU-Anhänger:innen äußern sich knapp zwei Drittel(63 vs. 36 Prozent) und damit mehr als in den Reihen der in der Ampelkoalition mitregierenden FDP(59 vs. 40 Prozent) wohlwollend zur demokratischen Praxis in Deutschland. Junge Menschen mit einer aktuellen Parteipräferenz zugunsten der Linken sind in ihrer Sicht gespaltener, aber auch bei ihnen überwiegt ein positives Urteil zum Zustand der bundesdeutschen Demokratie (54 vs. 46 Prozent). Dass negative Einstellungen zum politischen System unter jungen Menschen nicht nur die Wahlneigung zugunsten randständiger Parteien befördern, sondern auch die Entscheidung zur Wahlteilnahme prägen, belegt der Blick auf die Nichtwähler:innen zur letzten Bundestagswahl. Sie sind deutlich seltener zufrieden (31 Prozent) als diejenigen, die im September 2021 von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben(55 Prozent). 2 Aus Gründen der zeitlichen Nähe der Erhebung haben wir zum Vergleich die Ergebnisse des ARD-DeutschlandTREND Oktober 2022 genommen. 3 Mit ähnlichen Ergebnissen: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung(2020). 14 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Demokratiezufriedenheit Abb. 7 Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, alles in allem...? Jungwähler:innen im Alter von 16 bis 30 Jahren wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren DeutschlandTREND Oktober 2022 gar nicht zufrieden 13 7 sehr zufrieden gar nicht zufrieden 15 10 sehr zufrieden 33 weniger zufrieden % 44 zufrieden 32 weniger zufrieden % 41 zufrieden 3 weiß nicht/keine Angabe 2 weiß nicht/keine Angabe Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren/Wahlberechtigte in Deutschland QUELLE: infratest dimap FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 15 OST-WEST-ANNÄHERUNG BEI DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT JUNGER MENSCHEN? Bestätigt werden darüber hinaus auch für junge Erwachsene bekannte West-Ost-Unterschiede. 4 Junge Westdeutsche äußern sich zufriedener zum Zustand der bundesdeutschen Demokratie als ihre ostdeutschen Altersgenossen. Allerdings fallen diese innerdeutschen Einstellungsdifferenzen bei den jungen Wähler:innen geringer aus als in der Gesamtbevölkerung, da unter jungen Ostdeutschen eine deutlich größere Demokratiezufriedenheit besteht(sehr zufrieden/zufrieden: 44 Prozent) als in Ostdeutschland insgesamt(sehr zufrieden/ zufrieden: 35 Prozent) – ein möglicher Hinweis auf kommende Annäherungsprozesse. Ich bin auch recht zufrieden eigentlich mit der Demokratie in Deutschland. Ich glaube, was noch ein bisschen verbesserungsbedürftig ist, ist so ein bisschen die Kommunikation zum Volk und die Kommunikation untereinander, dass man nicht so leicht auseinanderdriften kann, sondern dass mehr Kommunikation unter den Lagern quasi entstehen kann. E3(weiblich, 22 Jahre) 4 Zu unterschiedlichen politischen Einstellungsmustern zwischen Ost und West siehe exemplarisch Pickel/Pickel(2020). Demokratiezufriedenheit: West/Ost Demokratiezufriedenheit: West/Ost Abb. 8 Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, alles in allem...? Sind Sie mit der Art und Weise, wie die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland funktioniert, alles in allem...? Jungwähler:innen im Alter von 16 bis 30 Jahren gar nicht zguafrriendicehnt 13 zufrieden 13 Jungwähler:innen im Alter von 16 bi g s a 3 r 0 ni J c a h h t ren 8 sehr zufrieden zguafrriendicehnt 17 8 sehr zufrieden zufrieden 17 5 sehr zufrieden 5 sehr zufrieden 32 wenig 3 e 2 r zuwferinedigeenr zufrieden WEST WEST % % WEST WEST 44 z 4 u 4 frieden zufrieden 3 weiß nicht/ keine Angabe 3 weiß nicht/ keine Angabe 38 wenig 3 e 8 r zuwferinedigeenr zufrieden OST OST % % 39 3 zu 9 frieden zufrieden 1 weiß nicht/ keine Angabe 1 weiß nicht/ keine Angabe gar nicht zguafrriendicehnt 13 zufrieden 13 wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren wahlDbeeruetcshchtilgatnedBTeRvEöNlDkeOrukntogbaebr 12802J2ahren DeutschlandTREND Oktober 2022 11 sehr zufrieden 11 sehr zufrieden gar nicht zguafrriendicehnt 25 zufrieden 25 WEST WEST 31 wenig 3 e 1 r zuwferinedigeenr zufrieden Grundgesamtheit: WEST % % 2 weiß nicht/ keine Angabe 2 weiß nicht/ keine Angabe Deutsche im Alter von 16 WEST 43 z 4 u 3 frieden zufrieden weniger zuwferinedigeenr 28 zufrieden 28 bis 30 Jahren/Wahlberechtigte in Deutschland Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren/Wahlberechtigte in Deutschland QUELLE: infratest dimap QUELLE: infratest dimap 5 sehr zufrieden 5 sehr zufrieden OST OST % % 30 3 zu 0 frieden zufrieden 12 weiß nicht/ keine Angabe 12 weiß nicht/ keine Angabe 16 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs PARTEIENDEMOKRATIE WIRD AKZEPTIERT, ABER BENENNUNG VON FUNKTIONSDEFIZITEN Eine tragende Säule in den westlichen Demokratien bilden die politischen Parteien. Ihre Bedeutung für die Demokratie wird auch in der jungen Generation nur von einer Minderheit infrage gestellt. Vier von fünf Jungwähler:innen (82 Prozent) betrachten die politischen Parteien für das Funktionieren der Demokratie in Deutschland als notwendig. Ihrer auch für die Jugend sichtbaren Stellung im politischen System entspricht, dass nur ein Fünftel(19 Prozent) bekennt, über keinerlei Vorstellungen von der Rolle der Parteien im politischen Prozess zu verfügen. Die Anerkennung der Systemfunktion von Parteien bedeutet allerdings nicht, dass junge Menschen der bestehenden Praxis der bundesdeutschen Parteiendemokratie ein durchgehend positives Zeugnis ausstellen. Dagegen spricht, dass auch unter ihnen die Ergänzung bzw. Erweiterung einer von Parteien und Wahlen getragenen repräsentativen Demokratie durch potenziell direkte Verfahrenselemente offensichtlich als sinnvoll erachtet wird. Zumindest problematisieren zwei Drittel(65 Prozent) jenseits von Wahlen zu geringe Beteiligungsmöglichkeiten. 5 Ein möglicher Grund hierfür könnte darin bestehen, dass die Ergebnisse der über Parteien erfolgenden Interessensaggregation nur zum Teil überzeugen können. Zumindest bleibt unter jungen Menschen die Qualität des inhaltlich-programmatischen Angebots der Parteien umstritten. Während die eine Hälfte(52 Prozent) bemängelt, es gäbe keine Partei, deren Angebot sie rundum überzeugt, stellen gut vier von zehn(43 Prozent) Jungwähler:innen diese Sichtweise infrage. Einhellig kritisch fällt dagegen das Urteil zur Interessensrepräsentation der jungen Bevölkerung aus. So beklagen sieben von zehn eine mangelnde Offenheit der Parteien für Ideen junger Menschen(70 Prozent). Das Gefühl einer unzureichenden Responsibilität der politischen Parteien gegenüber den Erwartungen der jungen Generation hat dabei negative Folgewirkungen auch für die Gesamtwahrnehmung von Politik. Nur ein Fünftel(20 Prozent) vertritt aktuell die Meinung, die Politik nehme die Sorgen junger Menschen ernst. Einen Anteil an dieser kritischen Betrachtung dürften nicht zuletzt auch Kommunikationsfragen haben. Immerhin zwei Fünftel der jungen Erwachsenen kritisieren die Sprache von Politiker:innen als ihnen fremd und unverständlich(39 Prozent). 5 Zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten können bspw. durch Bürger- oder Beteiligungsräte geschaffen werden(siehe FES-Studie Geißel/Jung 2019 zu Beteiligungsräten, https://www.fes.de/studie-beteiligung). Einstellungen zur Politik Abb. 9 Kommen wir nun zu einigen Aussagen zu Politik und Parteien. Geben Sie bitte zu jeder Aussage an, ob Sie ihr voll und ganz zustimmen, eher zustimmen, eher nicht zustimmen oder überhaupt nicht zustimmen. Angaben in Prozent 0 25 50 75 100 Parteien sind notwendig, damit eine Demokratie funktioniert. 82 13 Jenseits von Wahlen gibt es für Bürger:innen nicht genügend Beteiligungsmöglichkeiten. 65 30 Es gibt keine Partei, deren Angebot mich überzeugt. 52 43 Politiker:innen benutzen eine Sprache, die für mich fremd und unverständlich ist. 39 59 Parteien sind offen für die Ideen junger Leute. 26 70 Die Politik nimmt die Sorgen junger Menschen ernst. 20 77 Ich habe gar keine Vorstellung von der Rolle von Parteien. 19 76 stimme voll und ganz/eher zu stimme eher nicht/ überhaupt nicht zu Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 17 POLITIK HAT GROSSEN STELLENWERT FÜR EIGENES LEBEN, ABER MANGEL AN SELBSTWIRKSAMKEIT Auch wenn das eigene politische Engagement im Wertekanon junger Menschen keinen zentralen Stellenwert einnimmt, wird dennoch der Politik eine erkennbare Bedeutung für das eigene Leben beigemessen. So erkennt eine Mehrheit der jungen Erwachsenen(59 Prozent) durchaus einen großen Einfluss von politischen Entscheidungen auf das eigene Leben an. Diese Wahrnehmung nimmt mit fortschreitendem Alter und damit verbunden der stärkeren Übernahme von Verantwortungsrollen nochmals zu: In der jüngeren Altersgruppe der 16- bis 18-Jährigen bewertet rund die Hälfte(52 Prozent) den Einfluss der Politik auf das eigene Leben als sehr stark oder stark, in der älteren Gruppe der 23- bis 30-Jährigen empfinden 61 Prozent den Einfluss politischer Entscheidungen als hoch. Darüber hinaus ist ein deutlicher Bildungseffekt erkennbar(+19 Prozentpunkte zwischen formal niedriger und hoher Bildung). Auch schätzen junge Nichtwähler:innen(47 Prozent) die Bedeutung der Politik für ihr eigenes Leben signifikant geringer ein als diejenigen, die an der Bundestagswahl 2021 teilgenommen haben(64 Prozent). Während einerseits der Politik für das eigene Leben mehrheitlich eine große Bedeutung zugewiesen wird, fällt andererseits das Urteil zu den eigenen politischen Gestaltungsmöglichkeiten zurückhaltender aus. Nur knapp die Hälfte der Wahlberechtigten zwischen 16 und 30 Jahren (45 Prozent) hat das Gefühl, in ihrer Umgebung und bei Themen, die ihnen wichtig sind, etwas verändern zu können. Auf Personen mit formal hoher Bildung trifft diese Einschätzung stärker(49 Prozent) zu als auf formal niedrig Gebildete(40 Prozent). Auch gehen junge Parteianhänger:innen von SPD(60 Prozent) und Grünen(57 Prozent) häufiger als Anhänger:innen der AfD(25 Prozent) davon aus, politisch etwas bewirken zu können. Jungwähler:innen, die auch die allgemeinen Verhältnisse in Deutschland positiv betrachten(73 Prozent), haben eher das Gefühl, selbst etwas in ihrem Sinne verändern zu können, als junge Menschen, die kritisch auf die aktuelle Lage im Land blicken(37 Prozent). KRITISCHE BEWERTUNG DER PROBLEMLÖSUNGSFÄHIGKEIT VON POLITIK In den Fokusgruppen konnten wir dem Verhältnis junger Menschen zur deutschen Politik noch etwas tiefer nachgehen. An dieser Stelle ist es sinnvoll, die Befragten noch einmal in drei Altersgruppen zu unterteilen, da sich das Verhältnis junger Menschen gerade in der Alterspanne von 16 bis 30 Jahren grundlegend wandelt. Die jüngsten Teilnehmenden von 16 bis 19 Jahren zeigen in den Gruppendiskussionen grundsätzlich das stabilste Vertrauen in die deutsche Politik, das selbstverständlich durch die aktuellen Krisen herausgefordert wird. Allerdings werden die politischen Entscheidungsprozesse teilweise auch als wenig nachvollziehbar beschrieben. Der Umgang der Politik mit der Coronakrise wird meist wohlwollend und nachsichtig bewertet. Die Jugendlichen fühlten sich selbst während der Pandemie weitestgehend sicher – Einfluss von Politik Abb. 10 Was denken Sie, wie stark ist der Einfluss von politischen Entscheidungen für Sie persönlich? Haben Sie das Gefühl, in Ihrer Umgebung und bei Themen, die Ihnen wichtig sind, etwas verändern zu können, wenn Sie sich entsprechend engagieren? Einfluss von Politik auf das eigene Leben gar nicht 5 14 sehr stark Selbstwirksamkeit gar nicht 7 7 sehr stark 32 weniger stark % weiß nicht/ 5 keine Angabe 45 stark Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren QUELLE: infratest dimap 44 weniger stark % 38 stark 7 weiß nicht/ keine Angabe 18 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs so waren im Fall der Diksussionteilnehmer:innen deren Schulen weitestgehend gut organisiert und der vorgegebene Lernstoff gut schaffbar –, und das obwohl die schlechte Digitalisierung der Schulen als Problem wahrgenommen wird. Alles in allem nehmen die an den Fokusgruppen teilnehmenden 16- bis 19-Jährigen die deutsche Politik trotz ihres grundlegenden Vertrauens an vielen Stellen als langsam und zu bürokratisch wahr. Dieser Eindruck verstärkt sich vor dem Hintergrund der aktuellen Inflation, die auch den jüngsten Befragten bereits Sorgen bereitet. Es besteht der Wunsch nach einer schnelleren und effizienteren Gesetzgebung und einer verbesserten Kommunikation zwischen Bürger:innen und Politik. Ich würde denen eine 3+ geben. Ich meine, es war halt die erste Pandemie so. Da ist klar, dass Fehler gemacht werden und dass nicht alles perfekt läuft. C5(weiblich, 19 Jahre) griffe und eine fehlende langfristige Pandemieplanung, haben im Zuge der Maskendeals teilweise den Eindruck, dass für Politiker:innen andere Regeln gelten. Die Gesellschaft wirkt auf die Teilnehmenden durch die Pandemie nachhaltig voneinander entfremdet und weniger tolerant im Miteinander. In diesem Sinne wünschen sich diejenigen mit formal hohem Bildungsniveau für die Zukunft besonders einen verbesserten Zusammenhalt in der Bevölkerung, einen verstärkten Fokus auf die Abwendung der Klimakrise sowie Chancengerechtigkeit in der Bildung und eine zunehmende Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die Teilnehmenden mit formal niedrigem Bildungsniveau erhoffen sich insbesondere eine ausreichende Rentenhöhe, keine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters, eine sichere Energieversorgung, eine bessere finanzielle Unterstützung im Rahmen von Ausbildung und Studium und mehr Klimaschutz. Sie sehen für die Realisierung die Politik in der Verantwortung, können dabei aktuell aber nicht genug Fortschritt erkennen. Also vor ein paar Jahren wurden ja diese, ich weiß nicht, ob man die wirklich Hilfspakete nennen kann, aber halt das Geld, was in die Digitalisierung fließen sollte, ist dann irgendwie doch irgendwie verloren gegangen sozusagen. B6(weiblich, 18 Jahre) Ich vertraue unserer Regierung schon ziemlich doll auf jeden Fall, weil man sieht es irgendwie jetzt auch an dem ganzen Ukraine-Konflikt. Ich habe auf jeden Fall das Gefühl, dass sie immer nach bestem Gewissen immer alles gut abwägen. A5(männlich, 17 Jahre) Bereits in der nächsten Altersgruppe trifft man auf ein anderes Verhältnis zur Politik und ihren Akteur:innen. In den Fokusgruppen nehmen die 19- bis 23-Jährigen die Bundesregierung vor dem Hintergrund der zahlreichen Krisen als eher unstrukturiert und reagierend statt gestaltend wahr. Da die Befragten nicht mehr unbedingt im zusätzlichen Schutz ihres elterlichen oder schulischen Umfelds leben, dominiert hier der Eindruck, die Politik habe die aktuelle Situation nicht ausreichend unter Kontrolle. Dies zeigt sich auch im Umgang mit der Coronapandemie. Von den Teilnehmenden der mittleren Altersgruppe wird diese Zeit im Gegensatz zur jüngsten Altersgruppe häufig als„verlorene Lebenszeit“ wahrgenommen, da man Freunde nicht sehen und Hobbys nicht nachgehen konnte. Während die Teilnehmenden mit formal niedrigem/mittlerem Bildungsniveau für die politischen Entscheidungen während der Pandemie ein gewisses Verständnis zeigen, äußern sich die Teilnehmenden mit formal hohem Bildungsniveau deutlich kritischer. Sie nennen häufig erlebte FreiheitseinEs war irgendwie insgesamt so eine Politik auch, die sehr planlos und aber auch sehr voreilig geführt worden ist. C4(männlich, 19 Jahre) Ja, also auf der einen Seite natürlich, dass die ganzen Maskendeals und so, wie viel Geld da in Taschen geflossen ist, Politiker stehen trotzdem noch in derselben Position. B4(weiblich, 23 Jahre) Ja, ich würde schon sagen, dass Politik dafür verantwortlich ist, denn im Endeffekt sitzen die am längeren Hebel. Die Politik ist ja auch dafür da, genau solche Probleme zu lösen. Also natürlich ist auch wichtig, dass sich das Volk dafür interessiert und sich dafür stark macht, aber ausführen sollte das immer noch die Politik. E3(weiblich, 22 Jahre) Der bereits in den ersten beiden Altersgruppen erkennbare Trend setzt sich auch bei den ältesten Teilnehmenden der Fokusgruppen von 23 bis 30 Jahren fort; sie sind tendenziell am kritischsten eingestellt: Insbesondere niedrig/mittel Gebildete erleben die Politik als unstrukturiert und finden politische Entscheidungen als ungerecht. Die Regierung wirke gelähmt und entscheidungsunfähig. Die Teilnehmenden mit formal hohem Bildungsniveau sehen als ein zentrales Problem, dass jüngere Generationen nicht ausreichend in Entscheidungsprozesse involviert sind, sondern ältere Generationen über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Deutschland wird in dieser Altersgruppe insgesamt in FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 19 einem bisher ungekannten Dauerkrisenmodus wahrgenommen, der wenig Hoffnung auf Besserung verspricht. Dabei zeigen sich punktuell auch nationalistische Tendenzen und populistische Äußerungen. Teilnehmende wünschen sich teilweise eine Fokussierung auf die Probleme in Deutschland und grenzen sich dabei gegenüber Migrant:innen und den Problemen anderer Länder sowie den damit verbundenen Hilfsleistungen durch Deutschland ab. Sie fordern insbesondere die Erneuerung der maroden Infrastruktur, die Bekämpfung von Altersarmut, mehr Unterstützung bei der Bewältigung der steigenden Lebenshaltungskosten und eine Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit. Die komplette Infrastruktur ist Schrott, die Bildung ist schlecht, die Migrationspolitik ist im Prinzip in einer Sackgasse. D2(männlich, 24 Jahre) um ihr Wohlergehen und ihre Absicherung in der Zukunft kümmern müssen.  Zum Beispiel Digitalisierung könnte man so viel einfacher durchbringen und viel schneller, aber trotzdem passiert es halt einfach nicht. B6(weiblich, 18 Jahre) Da würde ich, glaube ich, vielleicht wegen der Wehrpflicht ist ja jetzt zum Beispiel wieder ein großes Thema, dass eben einfach bei, sage ich mal, die 40- bis 50-jährigen Leuten einfach drüber geredet wird, ob jetzt eben die junge Generation da ein Jahr jetzt verpflichtet wird. F6(männlich, 18 Jahre) Also, jetzt zum Beispiel bei Corona, das war ja wie so ein … ich weiß nicht, also, das war irgendwie so viel zu … viel hin und her und gar nicht so richtig strukturiert. E1(männlich, 25 Jahre) Beängstigend, egal, mit wem man spricht,[...] jeder hat gerade irgendwie nicht Angst um sein Leben, aber es geht um das Überleben. E2(weiblich, 27 Jahre) Und, ja, ich habe das Gefühl irgendwie, in Deutschland – wie gesagt – handelt man irgendwie immer erst, wenn schon die Kacke am Dampfen ist, also, dass man da irgendwie auch bisschen schneller aktiv wird. A1(männlich, 24 Jahre) Defizite bei der Modernisierung und Digitalisierung von Schulen und Universitäten sind für nahezu alle Teilnehmende im täglichen Leben sicht- und spürbar und verstärken das Empfinden, politisch unsichtbar zu sein. Die empfundene Ausblendung der jungen Generation aus politischen Zielsetzungen wird zudem als Barriere für einen Austausch zwischen jungen Menschen und der Politik wahrgenommen. So entsteht das Gefühl, dass die Politik in erster Linie um sich selbst kreist und auf eigene Belange blickt, während Diskussionen und Entscheidungen über die Köpfe junger Menschen hinweg geführt und getroffen werden – beispielsweise bei der Diskussion um eine Wiedereinführung des Wehrdienstes. Diese Wahrnehmung ruft häufig Gefühle von Frustration, aber auch Angst hervor, sodass das politische Geschehen oftmals ausgeblendet und verdrängt wird. Viele der jungen Menschen ziehen für sich auch den Schluss, dass sie sich selbst 20 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs 5 WIE POSITIONIEREN SICH JUNGE WÄHLER:INNEN POLITISCH, UND WIE NEHMEN SIE PARTEIEN WAHR? JUNGE WÄHLER:INNEN SEHEN SICH LINKS DER MITTE Die politische Landschaft wird häufig anhand einer Dimension links(progressiv) – rechts(konservativ) unterteilt, entlang derer sich politische Parteien wie auch individuelle Wertpräferenzen verorten lassen. Auf der LinksRechts-Skala von 0„links“ bis 10„rechts“ positionieren sich die unter 30-Jährigen im Durchschnitt bei einem Wert von 4,5, also leicht links der Mitte. Sie verorten sich damit weltanschaulich ähnlich wie die wahlberechtigte Bevölkerung insgesamt(vgl. Roßteutscher et al. 2021). In soziodemografischer Hinsicht positionieren sich junge Frauen(4,2) etwas weiter links als junge Männer(4,8). Ähnlich gilt dies für formal höher Gebildete(4,3), die sich weiter links als formal mittel oder niedrig Gebildete(jeweils 4,8) einstufen. Mit Blick auf die Parteisympathie zeigt sich ein wenig überraschendes Bild: Junge Anhänger:innen der Linken verorten sich vergleichsweise weit links im politischen Spektrum(2,2), gefolgt von den Anhänger:innen der Grünen, die sich ebenfalls deutlich links der Mitte positionieren(3,7). Anhänger:innen der SPD sehen sich selbst leicht links der Mitte(4,3), junge Menschen mit einer Parteipräferenz für Union und FDP verorten sich knapp rechts der Mitte(jeweils 5,2). Die Anhänger:innen der AfD positionieren sich gemäßigt rechts(6,1). Links-Rechts-Selbsteinstufung Und wo würden Sie sich selbst einordnen auf einer Skala von 0 bis 10, wenn 0„links“ und 10 „rechts“ bedeutet und 5 genau in der Mitte ist? Abb. 11 Angaben in Mittelwerten GESAMT LINKS 0 1 2 3 4,5 MITTE 4 5 6 RECHTS 7 8 9 10 GESCHLECHT männlich 4,6 weiblich 4,6 ALTER 16-18 4,4 19-22 4,5 23-26 4,8 27-30 4,2 BILDUNG niedrig 4,8 mittel 4,8 hoch 4,3 Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 21 PROGRESSIVE GRUNDHALTUNG BEI JUNGWÄHLER:INNEN Klassischerweise lässt sich der politische Raum mit einer ökonomischen und einer kulturellen Achse unterteilen. Entlang dieser Konfliktdimensionen lassen sich politische Forderungen und Vorhaben formulieren, durch deren Zustimmung oder Ablehnung die Position im politischen Raum deutlich wird. Zwei Themengebiete, die sich gut zur Verortung auf der ökonomischen Achse eignen, sind Staatsschulden und Umverteilung. Auf der kulturellen Achse werden Positionen zu Gleichberechtigung, Klimaschutz und Zuwanderung betrachtet. Prinzipiell zeigt sich, dass sich die weltanschauliche Mitte-Links-Positionierung junger Menschen in Deutschland auch in ihren Policy-Orientierungen spiegelt. Insgesamt stößt unter den fünf Themenkomplexen insbesondere die Frage der Gleichberechtigung auf hohe Akzeptanz(88 Prozent), wobei junge Frauen hier nicht überraschend eine höhere Priorität als junge Männer sehen (92 vs. 85 Prozent). Große Unterstützung finden außerdem Klimaschutzinvestitionen(78 Prozent) und eine stärkere Besteuerung von hohen Einkommen bei gleichzeitiger Entlastung niedrigerer Einkommen(77 Prozent), die jeweils gut drei Viertel der Jungen als wichtig erachten. Dies bestätigen auch die Diskussionen in den Fokusgruppen, in denen mehr Klimaschutz eingefordert und die zunehmende soziale Ungleichheit als besorgniserregend gesehen wurde. Schon so soziale Ungleichheit, auch auf die Zukunft gerichtet, wie lang das quasi überhaupt noch gut gehen kann, wie lange sich die Leute wirklich damit zufrieden zeigen. C1(männlich, 26 Jahre) Klar, mit dem Klimawandel ein ganz großes Thema, gerade auch für unsere Generation, das ist irgendwie ganz zentral. F5(weiblich, 18 Jahre) Bei der Aufnahme neuer Schulden ist die Jungwählerschaft dagegen zurückhaltend. Zwei Drittel sprechen sich mit Blick auf die Zukunft dafür aus, die Schuldenbremse einzuhalten und keine neuen Schulden aufzunehmen(65 Prozent). Dabei sieht insbesondere die jüngste Altersgruppe von 16 bis 18 Jahren eine Neuverschuldung kritisch und Policy-Positionen Abb. 12 Im Folgenden finden Sie verschiedene politische Maßnahmen. Bitte geben Sie für jede dieser Maßnahmen an, ob Sie ihr voll und ganz zustimmen, eher zustimmen, eher nicht zustimmen oder überhaupt nicht zustimmen. Und sehen Sie diese Maßnahmen eher als linke Politik oder eher als rechte Politik an? Bitte verwenden Sie wieder die Skala von 0 bis 10, bei der 0„links“ und 10„rechts“ bedeutet und 5 genau in der Mitte ist STIMME VOLL UND GANZ/EHER ZU Angaben in Prozent 0 25 50 75 100 Einstufung Mittelwert Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern fördern 88 3,8 mehr in Klimaschutz investieren 78 3,7 höhere Einkommen stärker besteuern/niedrigere entlasten 77 3,5 Einhaltung der Schuldenbremse 65 5,2 die Einwanderung nach Deutschland stärker begrenzen 49 0 5 LINKS Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe 7,4 10 RECHTS QUELLE: infratest dimap 22 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs möchte neue Schulden vermeiden(73 Prozent). Die knapp unter 30-Jährigen zeigen sich für eine Neuverschuldung offener, unterstützten aber die Schuldenbremse ebenfalls mehrheitlich(59 Prozent). Auch wenn die Schuldenaufnahme kritisch bewertet wird, sehen die jungen Erwachsenen in den Fokusgruppen ganz klar die Dringlichkeit von Investitionen. Man hat so die schwarze Null verfolgt und überall gespart und nirgendwo irgendwas aufgebaut. Im Prinzip müsste man alles neu sanieren. Egal, wo man hinguckt, alles ist irgendwie Schrott, die Straßen sind Schrott, die Brücken, die Schulen, die Unis und die Kindergärten. D2(männlich, 24 Jahre) Zum Beispiel Digitalisierung könnte man so viel einfacher durchbringen und viel schneller, aber trotzdem passiert es halt einfach nicht. B6(weiblich, 18 Jahre) Auf geringere Zustimmung stößt eine Begrenzung der Einwanderung nach Deutschland. In dieser Frage ist das Meinungsbild in der Jungwählerschaft gespalten: Die eine Hälfte möchte die Einwanderung nach Deutschland stärker begrenzen(49 Prozent), die andere Hälfte(47 Prozent) ist gegenteiliger Auffassung. Diesen Befund bekräftigen auch Teilnehmende in den Fokusgruppen und sprechen sich dafür aus, den Zuzug oder Sozialleistungen zu begrenzen. Häufig geht dies einher mit der Forderung, dass sich die Politik stärker mit den Herausforderungen in Deutschland zu befassen habe, anstatt sich international zu engagieren. Ich finde es super, dass Asylbewerber Unterstützung bekommen und Geflüchtete aus dem Krieg, aber es wird halt zu wenig auf das eigene Volk geschaut, und da unterstützt. C2(weiblich, 28 Jahre) Dass halt die Schutz bekommen, die auch Schutz brauchen, und dass man denen halt auch den Schutz gewährleistet, aber nicht, dass jeder, auch von anderen Ländern, wo auch alles in Ordnung ist, dass jeder halt kommt und halt auch von uns alles bekommt und wir halt da auch drunter... das auch bezahlen müssen und wir dann auch im Endeffekt weniger haben. D4(weiblich, 21 Jahre) Insgesamt zeigen sich bei der Unterstützung der verschiedenen politischen Maßnahmen bekannte Muster. So steigt der Wunsch nach Investitionen in den Klimaschutz mit dem Bildungsgrad, bei der Einhaltung der Schuldenbremse und der Forderung nach stärkerer Begrenzung von Einwanderung sinkt hingegen die Zustimmung mit zunehmender Bildung. In der Frage der Einwanderung treten außerdem Unterschiede zwischen Stadt und Land hervor. Während auf dem Land(57 Prozent) und in Städten unter 100.000 Einwohner:innen(52 Prozent) mehr als die Hälfte die Einwanderung stärker begrenzen möchte, gilt dies in Großstädten nicht(40 Prozent). In urbanen Zentren spricht sich vielmehr eine Mehrheit(56 Prozent) gegen eine Begrenzung der Einwanderung aus. POSITIONSWAHRNEHMUNGEN DER PARTEIEN UND DAS STREBEN IN DIE POLITISCHE MITTE Die weltanschauliche Verortung der bundesdeutschen Parteien auf der klassischen Links-Rechts-Dimension durch die jungen Wähler:innen folgt im Grundsatz einem aus Bevölkerungsbefragungen bekannten Muster. 6 Auf der LinksRechts-Skala von 0„links“ bis 10„rechts“ wird von ihnen die Linkspartei sehr weit am linken Rand(1,2) positioniert. Als Partei deutlich links der Mitte gelten bei den jungen Erwachsenen die Grünen(3,3). Mittiger wird von ihnen die SPD(4,0) platziert. Am stärksten in der Mitte sehen sie im bundesdeutschen Parteiensystem die Liberalen(5,0), während CDU(5,6) und CSU(5,9) auch in ihren Augen Mitte-Rechts-Parteien darstellen. Deutlich rechts positionieren sie wiederum die AfD(8,7). Soziodemografische Unterschiede in der weltanschaulichen Positionswahrnehmung der bundesdeutschen Parteien treten insbesondere entlang der formalen Bildung auf, zudem bestehen Stadt-Land-Unterschiede. Formal höher Gebildete und Großstädter:innen nehmen das bundesdeutsche Parteiensystem dabei offensichtlich polarisierter wahr. Nicht nur verorten sie die Parteien der politischen Ränder weiter außen als formal niedrig Gebildete und junge Menschen auf dem Land. Auch die beiden Unionsparteien werden von ihnen weiter rechts von der Mitte eingeordnet. Weitere regionale Differenzen sind dagegen nicht erkennbar, auch keine signifikanten Ost-West-Unterschiede. Gleicht man die wahrgenommene weltanschauliche Positionierung der Parteien mit der oben vorgestellten Selbsteinstufung der jungen Erwachsenen(4,5) ab, zeigt sich die deutliche Distanz auch junger Menschen zu den Angeboten am politischen Rand, vor allem zur politischen Rechten(Linke 3,3; AfD 4,2) und gleichzeitig ihre Nähe zu den Angeboten der politischen Mitte. Am nächsten stehen sie auf der klassischen Links-Rechts-Dimension dabei SPD und FDP(jeweils 0,5), gefolgt von CDU(1,1), Grünen (1,2) und CSU(1,4). Geringe Differenzen zwischen der Selbsteinstufung der Parteianhänger:innen und der Posi6 Vgl. für frühere Studien Neundorf(2012), mit aktuellen Daten Dippel et al.(2022). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 23 Links-Rechts-Einstufung Parteien Abb. 13 In der Politik reden die Leute häufig von„links“ und„rechts“. Wo würden Sie die folgenden Parteien auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen, wenn 0„links“ und 10„rechts“ bedeutet und 5 genau in der Mitte ist? Und wo würden Sie sich selbst in dieser Skala einordnen? LINKS MITTE RECHTS Die Linke 1,2 SPD 4,0 CDU 5,6 AfD 8,7 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 3,3 Grüne 5,0 FDP 5,9 CSU 4,5 Links-RechtsSelbsteinstufung Mittelwerte, Grundgesamtheit: Deutsche von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap tionswahrnehmung der jeweils eigenen Partei belegen schließlich, dass die Links-Rechts-Dimension theoriekonform auch für junge Menschen Orientierungs- und Entscheidungshilfe ist. Auffällig ist dabei als durchgehendes Muster, dass sowohl junge Anhänger:innen von Linken (1,3 vs. 2,2 Selbsteinstufung), Grünen(3,5 vs. 3,7) und SPD(3,9 vs. 4,3) als auch die von FDP(5,3 vs. 5,2), Union (CDU 5,5 bzw. CSU 5,6 vs. 5,2) und der AfD(7,2 vs. 6,1) sich im Schnitt gegenüber der aktuell präferierten Partei selbst weltanschaulich leicht mittiger positionieren. Ungeachtet der Tendenz zur gegenüber der eigenen Partei mittigeren Selbstpositionierung gilt speziell für Linke und AfD jedoch, dass sich erkennbare Teile ihrer jungen Anhänger:innen weit links- bzw. weit rechtsaußen positionieren. Neben der fehlenden Unterscheidbarkeit sehen sich viele der Teilnehmenden nicht von den Inhalten der Parteien angesprochen. In ihrer Wahrnehmung richten sich viele der inhaltlichen Parteipositionen in den ihnen wichtigen Themenbereichen eher an ältere Wahlberechtigte und ignorieren dafür die Wünsche der jungen Generationen. Junge Wähler:innen sehen sich folglich mit ihren Anliegen und Sorgen häufig nicht von den Parteien repräsentiert. 7 Es entsteht der Eindruck, dass viele politische Konzepte nur einen kurz- bis mittelfristigen Zeithorizont haben und nicht die langfristigen Bedarfe junger Menschen einbeziehen. Auch von der Außendarstellung und Kommunikation der Parteien fühlen sich die Teilnehmenden wenig angesprochen und abgeholt. TROTZ VERMISSTEM PARTEIPROFIL, DEUTLICHE UNTERSCHIEDE IN DER WAHRNEHMUNG DER PARTEIEN Obwohl die Verortung und Unterscheidungen auf der Rechts-Links-Achse den Befragten problemlos gelingt und deutliche Unterschiede sichtbar werden, zeigt sich in den Fokusgruppen, dass viele junge Menschen kaum inhaltliche Unterschiede in den Positionen der Parteien sehen. Also du brauchst halt in der Partei, damit die mich überzeugt, die muss halt greifbar, nahbar sein, und im Endeffekt sind fast alle Parteien gleich so. Die haben fast alle die gleichen Interessen, die eine mehr, die andere weniger. Klar gibt es dann vielleicht noch eine AfD, die dann komplett abstrakt irgendwas noch extra mit reinnehmen will. A2(männlich, 27 Jahre) 7 Beispielhaft zur ungleichen Repräsentation bei politischen Entscheidungen sei hier auf die Forschung von Lea Elsässer verwiesen(Elsässer 2018). 24 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Links-Rechts-Einstufung: Parteiverortung und Selbstverortung – Parteianhänger:innen Abb. 14 In der Politik reden die Leute häufig von„links“ und„rechts“. Wo würden Sie die folgenden Parteien auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen, wenn 0„links“ und 10„rechts“ bedeutet und 5 genau in der Mitte ist? Und wo würden Sie sich selbst einordnen auf einer Skala von 0 bis 10, wenn 0„links“ und 10„rechts“ bedeutet und 5 genau in der Mitte ist? Selbstverortung Parteiverortung AfD 6,1 7,2 CSU 5,2 5,6 CDU 5,2 5,5 FDP 5,2 5,3 SPD 3,9 4,3 Grüne 3,5 3,7 Die Linke 1,3 0 1 2,2 2 3 LINKS 4 5 6 MITTE 7 8 RECHTS 9 10 Mittelwerte, Grundgesamtheit: Deutsche von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap Entsprechend wird die Mitgliedschaft in einer Partei oftmals als unattraktiv bewertet. Häufig wird die fehlende Identifikation mit einer bestimmten Partei angeführt. Wie auch die quantitativen Ergebnisse bereits gezeigt haben, sehen sich die meisten jungen Menschen nicht ausreichend von dem Angebot einer Partei überzeugt. Häufig wird die Kombination aus den Stärken der Grünen im Bereich Klimaschutz und den sozialen Themen der SPD als überzeugend empfunden. Neben den inhaltlichen Vorbehalten besteht eher ein geringes Wissen über bestehende Beteiligungsmöglichkeiten in Parteien, außerdem schreckt der antizipierte hohe Altersdurchschnitt der anderen Parteimitglieder und der als gering eingeschätzte Einfluss bei der Mitgestaltung politischer Themen als junge Person fast alle Teilnehmenden ab. Die Jungwähler:innen befinden sich zudem in einer Lebensphase, in der die Ausgestaltung ihres eigenen Lebens Priorität besitzt und gesellschaftliche Themen tendenziell in den Hintergrund treten. Da mit der Parteimitgliedschaft ein hoher Zeitaufwand verknüpft wird, scheint die Vereinbarkeit mit der eigenen Lebenswelt kaum möglich. Also, jetzt auf Parteimitgliedschaft bezogen, ich bin jetzt nicht von einer Partei so krass überzeugt, dass ich sage, okay, da würde ich gerne Mitglied werden. E1(männlich, 25 Jahre) Ich hätte gar nicht so die Ahnung, weil ich mich damit halt jetzt nicht so sehr beschäftige. B1(weiblich, 28 Jahre) Wir haben das jetzt in der Schule gelernt, dass, wenn ich jetzt in eine Partei eintreten würde hier auf Ortsebene, dass ja die Parteimitglieder, die quasi ganz unten sind, also auf der untersten Ebene von der Partei, ja eigentlich gar kein wirkliches Mitspracherecht haben, und ich glaube, der Weg da hoch, der erfordert so viel Zeit und der erfordert so einen krassen Hintergrund, den man haben muss, um überhaupt Einfluss zu haben. F5(weiblich, 18 Jahre) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 25 Häufig ist den Teilnehmenden nicht bekannt, dass Parteien eigene Jugendorganisationen haben. Nur in Einzelfällen bestehen Berührungspunkte durch Freund:innen, Mitschüler:innen oder Kolleg:innen, die sich in einer Jugendorganisation engagieren. Die Idee, mit jungen Gleichgesinnten zusammenzukommen und hinter die Kulissen schauen zu können, weckt zwar vereinzelt Neugier und trifft das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Dennoch empfinden viele ein Engagement in einer Jugendorganisation als abschreckend, auch hier wieder aus Zeitgründen und fehlenden inhaltlichen Übereinstimmungen. Die Jugendorganisation der Grünen wirkt auf einige Teilnehmenden noch am attraktivsten, da diese in stärkerem Maße als jung, dynamisch und zukunftsfähig betrachtet wird. Also ich finde es schon attraktiv und auch interessant, da mal reinzugucken, aber auch einfach nur, um hinter die Kulissen zu gucken, wie das alles so organisiert wird und was da für Arbeit wirklich hintersteckt, weil, also ich sage es mal so, Meckern können alle, aber das halt auch hinzukriegen, ist halt, denke ich, schon krasses Stück Arbeit. C6(weiblich, 16 Jahre) Probleme der Gesellschaft aufgreift und sich besonders für soziale Gerechtigkeit, Bildung, Rente, Wohnen oder die Rechte von Arbeitnehmenden und Ausländer:innen einsetzt. Dabei ist die SPD aus Sicht der meisten Teilnehmenden allerdings noch nicht in der aktuellen Zeit angekommen. Häufig wird zudem ein klares Parteiprofil vermisst, das der SPD einen einzigartigen Charakter geben würde. Die grundsätzlichen Werte und Ziele der Partei werden jedoch positiv betrachtet, wodurch die Partei auch als grundlegend wählbare Option betrachtet wird, jedoch orientiere sich die SPD in der konkreten Umsetzung ihrer Ziele eher an der älteren Bevölkerung und gehe damit an den Bedürfnissen und der Lebenswelt junger Menschen vorbei. Somit erscheint die SPD in der Regel zwar grundsätzlich sympathisch aufgrund ihrer Tradition und Inhalte, gleichzeitig erscheint sie jungen Menschen als oftmals veraltet und wenig offen für Neues. Zudem wird die Umsetzung von inhaltlichen Zielen teilweise als zu verkopft und im Ergebnis als mangelhaft kritisiert. Die Jungwähler:innen vermissen Nahbarkeit, Jugendlichkeit und Lockerheit. Also bei mir von allen Parteien, wenn, dann tendiere ich mehr auch zur SPD, da die auch viel Wert auf Bildung und Bildungsgerechtigkeit setzen. Das finde ich sehr wichtig. A3(männlich, 20 Jahre) PARTEIIMAGES REFLEKTIEREN PERSÖNLICHE EINDRÜCKE Bei der Bewertung und Verortung der deutschen Parteien nutzen viele junge Menschen nicht nur die Rechts-LinksUnterteilung, sondern erachten zusätzliche Merkmale als besonders wichtig wie die Jugendlichkeit, den Altersdurchschnitt oder auch das Geschlechterverhältnis der Parteimitglieder und Funktionär:innen. Grundsätzlich wirken die Parteien im mittleren Bereich der Links-Rechts-Skala auf die meisten Teilnehmenden sympathischer und seriöser, sie werden zusätzlich weitaus mehr wahrgenommen als die Parteien am politischen Rand. Mit dem Attribut„jung“ wurden in den Fokusgruppengesprächen insbesondere die Grünen und die FDP bedacht. Die Unionsparteien dagegen oftmals als „alt“ beschrieben, was sich auf die Funktionär:innen, aber auch auf die Wählerschaft und auf die ehemalige Rolle als Regierungspartei bezieht. Die SPD scheint eher eine Mittelposition einzunehmen: Sie gilt zwar vielen als„veraltet“, entweder aufgrund ihres Personals oder ihrer Geschichte und der weniger auf junge Menschen ausgerichteten Angebote, andererseits wird sie auch als„erfahren“ eingestuft. Die Linke und AfD werden eher nicht in Alterskategorien gefasst. ZUSCHREIBUNGEN ZUR SPD: MITTEL-ALT, SOZIAL UND SYMPATHISCH Die SPD wird von den Jungwähler:innen meist als eine erfahrene und soziale Partei wahrgenommen, die zentrale Die SPD ist vielleicht jetzt bei einer Bundestagswahl nicht die Partei, die mich zu 100 Prozent ansprechen würde, aber für Mecklenburg-Vorpommern hat unsere Ministerpräsidentin einige gute Sachen gemacht, wie dass wir keinen Beitrag für die Kita bezahlen müssen, was sehr, sehr wertvoll ist, und sie ist eine junge, moderne Frau, nicht das klassische Bild vom weißen, alten Mann, sage ich mal, deswegen kommt es ganz stark auf die Position drauf an. A8(weiblich, 28 Jahre) Ich glaube, die SPD hat schon gute Ansätze und trifft, glaube ich, eigentlich den Kern unserer Bevölkerung so generell, so was wie mit Wohnungen, Schulen, sozial. Das ist, glaube ich, so der Kern unserer Bevölkerung, nur irgendwie setzen sie es nicht richtig um. E2(weiblich, 27 Jahre) Also, ich finde, die SPD altert halt ziemlich, mit den Jahren … wird immer älter, weil sie eben ja auch immer nur das in der Politik haben wollen, was sie gerade in ihrer Lebenssituation, ihrem Alter sozusagen benötigen und irgendwie in ihrer eigenen Bubble sind und nicht wirklich mitbekommen wollen, was jetzt die jungen Leute interessiert. F4(männlich, 21 Jahre) 26 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs ZUSCHREIBUNGEN ZUR CDU: ALT, STABILISIEREND UND WIRTSCHAFTSKOMPETENT Mit den Parteien CDU/CSU 8 assoziieren die meisten Teilnehmenden wirtschaftliche Themen. Sie sind weitestgehend zufrieden mit der Arbeit der CDU in der Vergangenheit. Aufgrund des noch jungen Lebensalters wurden die Teilnehmenden mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin politisch sozialisiert. Die Regierungszeit Merkels steht in der Erinnerung vieler Teilnehmender für eine strukturierte und stabilisierende Zeit. Diese Eigenschaften verbinden junge Wähler:innen daher auch teilweise mit der CDU. Hier spielt die Verknüpfung mit der Zeit vor der Coronapandemie eine wichtige Rolle, die insbesondere bei den Teilnehmenden der mittleren Altersgruppe von 19 bis 23 Jahren retrospektiv als eine Zeit höherer Lebensqualität empfunden wird. Gleichzeitig wirkt die CDU für viele Teilnehmende zu konservativ und schlichtweg alt und scheint sich durch die Auswahl ihrer Themenschwerpunkte und ihrer Kommunikationsweise hauptsächlich auf eine deutlich ältere Wählerschaft zu konzentrieren. Vereinzelt wird die CDU auch mit Maskendeals assoziiert und es werden Fragen nach persönlicher Bereicherung gestellt. Insgesamt bedient die CDU das Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit und wirtschaftlicher Stabilität der Teilnehmenden. Gleichzeitig fehlt ihr aus Sicht vieler Jungwähler:innen die soziale Komponente in ihren Positionen, weshalb sich ein Großteil der Teilnehmenden nicht in ausreichendem Maße mit der CDU identifizieren kann. Für viele junge Menschen gehört die CDU zwar aufgrund der Eltern zum Kern der deutschen Parteienlandschaft, spielt aber in ihrer eigenen Lebenswelt keine weitere Rolle. Also das ist auf gar keinen Fall, dass ich jetzt irgendwie hier Mitglied der CDU sein würde so, aber wenn ich mir anschaue, wie ich unter einer CDU-Regierung gelebt habe und wie ich jetzt lebe unter eine Ampel, finde ich, wirkte das einheitlicher, und irgendwie habe ich mich da, also sicherer ist das falsche Wort, sicher, aber irgendwie war das alles so harmonisch. F5(weiblich, 18 Jahre) Ich würde sagen, was eher jetzt nicht zu mir passen würde, wären jetzt zum Beispiel die CDU/CSU oder die AfD, die würde ich immer ausschließen eigentlich. Ich finde, das ist eher eine Partei für, sind Parteien für ältere Menschen und nicht für unsere junge Generation. E5(männlich, 19 Jahre) ZUSCHREIBUNGEN ZU DEN GRÜNEN: JUNG, NAHBAR UND RADIKAL Die Grünen hingegen erscheinen den Jungwähler:innen meist jung, nahbar und lockerer. Die Politiker:innen und Parteimitglieder der Grünen wirken teilweise zwar selbst wohlsituiert, aber dennoch darauf bedacht, die Bedürfnisse der Jungwähler:innen zu verstehen und sich für diese einzusetzen, wodurch sie das Vertrauen der Teilnehmenden gewinnen können. Laut den Jungwähler:innen stehen die Grünen für Klimaschutz und Zukunftskompetenz, wodurch sie sich von den anderen Parteien unterscheiden. Gleichzeitig finden sich in den Fokusgruppen auch immer junge Menschen, die die Grünen als zu radikal und damit für sie nicht wählbar empfinden. Die Teilnehmenden sehen folgende Themenschwerpunkte bei den Grünen: Klima, Gleichberechtigung, Feminismus und Bildung. Diese stimmen in großen Teilen mit den eigenen wichtigen Themen überein. Zudem schätzen viele Teilnehmende Robert Habeck, da er Einblicke in das chaotische Geschäft des politischen Betriebs gibt und dies in einer verständlichen und direkten Sprache vermittelt. Dies trifft die Forderung der Teilnehmenden nach einem authentischen und sympathischen Einblick in das Leben als Politiker:in. Die Performance der Grünen in der Ampelregierung wird insbesondere von den ältesten Teilnehmenden(23 bis 30 Jahre) kritisiert, da die Partei ihrer Meinung nach ihre Wahlversprechen nicht ausreichend umsetzt und zentrale Parteipositionen revidiert. Die jüngsten Teilnehmenden (16 bis 19 Jahre) haben hingegen häufig das Gefühl, dass die Grünen ihre Ziele Schritt für Schritt umsetzen und somit Veränderungen ermöglichen. Teilnehmenden mit formal niedrigem/mittleren Bildungsniveau und hier insbesondere ältere Teilnehmende halten den Grünen hingegen einen dogmatischen Fokus auf nachhaltige Themen und vereinzelt auch eine zu progressive Gesellschafts- und Migrationspolitik vor und fürchten durch die Umsetzung ihrer politischen Ziele Preissteigerungen, die sich viele nicht mehr leisten können, und dadurch soziale Verwerfungen. Und deswegen sage ich, einfach nur vor dem Hintergrund des Klimawandels machen die Grünen das momentan einfach am besten. C4(männlich, 19 Jahre) Und die Grünen würde ich jetzt nicht wählen, weil dann können wir hier uns bald gar nichts mehr leisten. F1(weiblich, 30 Jahre) 8 Da insgesamt nur vier Teilnehmende in Bayern wohnhaft waren, spielte die CSU keine primäre Rolle. Sie wurde von den Teilnehmenden teilweise jedoch selbst genannt. In diesen Fällen wurde die CSU mit der CDU gleichgesetzt, weshalb im weiteren Verlauf des Berichts nur noch auf die CDU eingegangen wird. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 27 Also ich habe die Grünen auch gewählt. Irgendwie weiß ich nicht, also diese Richtung jetzt gefällt mir nicht mehr so viel. Ich bin auch überzeugt von dem Klimawandel, dass man dafür was tun muss, aber nicht zum Schaden unserem Wohlstand hier in Deutschland. F2(männlich, 30 Jahre) ZUSCHREIBUNGEN ZUR FDP: JUNG, WOHLHABEND UND ZUKUNFTSFÄHIG Die FDP wird in der Regel als gut strukturierte, zukunftsfähige und eher junge Partei wahrgenommen, die ihren Fokus hauptsächlich auf wirtschaftliche Themen und Freiheitsrechte legt. Teilnehmende, die selbst um ihre finanzielle Lage besorgt sind, verbinden den wirtschaftspolitischen Fokus der FDP teilweise mit der Hoffnung auf eine entsprechende Verbesserung ihrer eigenen Lage. Viele Teilnehmende sind jedoch der Meinung, dass die FDP eher ein wohlhabenderes Publikum anspricht, mit dem sich die meisten Jungwähler:innen nicht identifizieren können. Die Teilnehmenden beklagen die Abstinenz sozialer Ziele, wodurch die Partei die Bedürfnisse junger Wähler:innen nur unzureichend trifft. Ja, ich tendiere da eher zu der FDP, denn das ist für mich einfach so die neutrale Mitte, sage ich mal. Ich bin jetzt auch nicht so zu 100 Prozent, aber auf jeden Fall von allen Parteien die FDP. Gut, im Wahlprogramm halt auch, auch für Struktur, für die Bürger sich einsetzen, dass man weniger Abgaben zahlen muss, dass man finanziell stabil ist und nicht so viele Ausgaben hat. D4(weiblich, 21 Jahre) Bei der FDP finde ich, dass sie zu wenig, also die soziale Frage zu wenig behandeln. Es ist halt deren Motto, dass alles selber von der Bevölkerung oder vom Markt selber geregelt wird. A5(männlich, 17 Jahre) Dann haben wir noch die FDP vor allen Dingen, für extrem reiche Leute. A1(männlich, 24 Jahre) ZUSCHREIBUNGEN ZUR LINKEN: SOZIAL, LEBENSFERN UND WENIG WAHRNEHMBAR Die Linke, von den Teilnehmenden am linken Ende der Links-Rechts-Skala platziert, erhält ebenfalls wenig Zustimmung. Dies liegt insbesondere an ihren außenpolitischen Vorstellungen. Der starke Fokus auf soziale Themen wird zwar honoriert, allerdings beklagen die Teilnehmenden teilweise die fehlende Verknüpfung mit wirtschaftlichen Fragestellungen. Insgesamt ist die Linke den meisten Teilnehmenden zu weit von den eigenen Positionen entfernt und wird überhaupt nur sehr wenig wahrgenommen. Das ist für mich diese Arroganz, zu sagen, ja lasst uns aus der NATO austreten, lasst uns gar nichts investieren. Ja gut, hätten wir jetzt nicht so einen Partner wie Amerika, der einfach wahnsinnig viel Geld da reinsteckt, dann hätten wir gar nicht diese Möglichkeiten dazu. A5(männlich, 17 Jahre) ZUSCHREIBUNGEN ZUR AFD: RASSISTISCH, REAKTIONÄR UND NATIONALISTISCH Die AfD-Beurteilung beruht im wesentlich auf einer als rassistisch wahrgenommenen Migrationspolitik und einer als überholt empfundenen Vorstellung der Geschlechterrollen. Obwohl die AfD allen Teilnehmenden insgesamt zu weit rechts steht, werden bestimmte politische Positionen von einzelnen Teilnehmenden positiv bewertet. Insbesondere in den Fokusgruppen mit formal niedrigem/mittlerem Bildungsniveau von 19 bis 23 Jahren und von 23 bis 30 Jahren finden die AfD-Position zur Rente und grundsätzliche nationale Fokussierung angesichts der multiplen Krisen teilweise Zustimmung. Und ich finde auch, bei der AfD denkt man halt schon, klar, auch immer erst mal so ein bisschen an Rassismus, aber da ist ja auch ganz viel irgendwie so dieses traditionelle Frauenbild irgendwie, die Frau ist zu Hause, die arbeitet nicht, die hat nichts zu sagen, muss dem Mann dienen und so. Also, da bin ich halt auch raus. D1(weiblich, 26 Jahre) 28 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Thema Rentenversicherung, Neuzugänge bzw. dass halt zum Beispiel Mütter oder so was sehr gerne unterstützt werden dort, so das wären eigentlich die Punkte, die mich wirklich da noch interessieren würden, aber es sind einfach viel zu viele Punkte, die einfach für mich kompletter Quatsch sind, deswegen. C3(männlich, 19 Jahre) Die dargestellten Parteibilder beruhen auf den persönlichen Eindrücken der Teilnehmenden und waren Gegenstand unserer qualitativen Forschung. Sie unterstreichen deutlich, dass junge Wähler:innen ein sehr klares Verständnis von den Parteien im politischen Wettbewerb haben. So identifizieren sie eindeutig die Markenkerne der Parteien. Gleichzeitig sind jungen Wähler:innen in ihrer Bewertung der Parteien auch andere Kategorien wichtig – so spielen beispielsweise das(empfundene) Alter der Spitzenpolitiker:innen, ihr Kommunikationsstil und ihre Zugewandtheit zu jungen Menschen eine wichtige Rolle.  FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 29 6 WELCHE BERÜHRUNGSPUNKTE HABEN JUNGE WÄHLER:INNEN MIT POLITIK UND PARTEIEN? BERÜHRUNGSPUNKTE MIT POLITIK: (SOZIALE) MEDIEN SIND WICHTIG – ALLTAGSGESPRÄCHE AUCH Für die politische Willensbildung in Demokratien unverzichtbar ist der kommunikative Austausch zwischen Politiker:innen und Bürger:innen, aber auch der Austausch über das politische Geschehen unter den Bürger:innen selbst. Vier Fünftel der Jungwähler:innen kommen im alltäglichen Medienkonsum mit Politik häufig oder zumindest gelegentlich in Berührung(80 Prozent). Dabei sind für die junge Generation soziale Netzwerke mittlerweile ein intensiv genutzter medialer Träger. Bereits drei Viertel(72 Prozent) von ihnen gelangen über sie gelegentlich bis häufig in Kontakt mit Politik. Das Alltagsgespräch, ob digital vermittelt oder aber im direkten persönlichen Kontakt, hat auf jeden Fall auch für junge Menschen einen hohen Stellenwert. Drei Viertel von ihnen tauschen sich mindestens gelegentlich, wenn nicht sogar häufig mit Freundd:innen und der Familie über politische Themen(72 Prozent) aus, zwei Drittel kommen darüber hinaus auch in der Schule, an der Uni bzw. bei der Arbeit mit Politik in Berührung(66 Prozent). Im Kommunikationsverhalten junger Menschen zeigen sich deutliche Bildungseffekte über die verschiedenen Kommunikationsformen hinweg. Junge Menschen mit formal hoher Bildung nutzen nicht nur Medien häufiger zur politischen Information, sie kommunizieren auch im privaten Kontext intensiver über politische Themen als formal niedrig Gebildete. Im Altersverlauf zeigen sich gegenläufige Trends. Medienkonsum und persönliche Gespräche im Familien- und Freundeskreis gewinnen mit dem Alter an Bedeutung für die politische Kommunikation. Der Stellenwert des interpersonellen Austausches im halböffentlichen Raum nimmt dagegen tendenziell ab. Offensichtlich setzt sich die Auseinandersetzung mit Politik in der Schule später in Ausbildung und Beruf nicht in gleicher Stärke fort. Das Kommunikationsverhalten variiert unter den Parteianhänger:innen. Anhänger:innen der Linken setzen sich am häufigsten mit politischen Themen auseinander, ihnen folgen Wähler:innen der Ampelparteien. Etwas geringere mediale Berührungspunkte mit Politik haben hingegen Anhänger:innen der Union. Eine deutlich abfallende Kommunikationsintensität ist bei den AfD-Anhänger:innen auffällig. Sie kommen über die verschiedenen Kommunikationswege 9 deutlich seltener mit Politik in Berührung als die jungen Anhänger:innen der anderen Parteien. Nur Nichtwähler:innen zur letzten Bundestagswahl bzw. junge Menschen ohne aktuelle Parteipräferenz weisen eine noch geringere politische Kommunikationsneigung auf als sie. Also ich finde, attraktiv sind die meistens nur dann, wenn sie auch wirklich irgendwie auf unsere Generation Rücksicht nehmen, also dass sie quasi bestimmte Zielgruppen ansprechen, die jetzt nicht nur eine Generation betreffen, sondern vor allem auch die Jugend fördern, weil das betrifft uns ja auch am meisten und unser weiteres Leben. A6(weiblich, 18 Jahre) Also ich glaube, mehr Social-Media-Präsenz, dass man quasi die Jugend da abholt, wo sie sich auch am meisten aufhält, Instagram und Co. A6(weiblich, 18 Jahre) […] die Parteien leben halt von den Stimmen der alten Menschen. Sie möchten ja auch weiter im Rennen sein, und dementsprechend schenken sie natürlich eher der Mehrheit das Gehör, was halt eben die alten Menschen sind, um ihre Stimmen zu bekommen,[…] ist halt scheiße für uns. B4(weiblich, 23 Jahre) […] die Jugend von heute, ich würde mich auch noch dazuzählen, sich schon mehr für Politik interessiert, als es noch vor, ja, zu Generationen unserer Eltern der Fall war, einfach, weil wir jetzt eben Social Media haben. Wir sind immer präsent. Wir bekommen immer alles mit so. Wir leben in dieser virtuellen Welt. Und Politik ist halt so das Hauptthema, dass die Welt beschäftigt, so. Alles ist politisch. Und ich glaube schon, dass wir in Zukunft da schon mehr mitmischen werden. B4(weiblich, 23 Jahre) Weil der Robert Habeck dem, also der sagt auch mal, habe ich zumindest so das Gefühl, ich habe schon öfter so Interviews gesehen, der sagt mal, wenn es scheiße läuft so oder wenn er keinen Plan hat oder wenn gerade alles so scheiße und anstrengend ist, dann sagt der das halt auch. C5(weiblich, 19 Jahre) 30 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Berührungspunkte mit Politik im Alltag Abb. 15 Wie häufig kommen Sie in den folgenden Situationen im Alltag mit Politik in Berührung? 0 25 50 im alltäglichen Medienkonsum 49 Angaben in Prozent 75 100 31 15 5 in persönlichen Gesprächen mit Freund:innen/Familie 31 41 23 5 bei der Nutzung sozialer Netzwerke 38 34 20 7 bei der Arbeit/ in der Schule/in der Uni 30 36 häufig gelegentlich Deutsche zwischen 16 und 30 Jahren, fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/ keine Angabe QUELLE: infratest dimap 26 7 selten nie WELCHE KOMMUNIKATIONSKANÄLE WERDEN VON DEN JUNGWÄHLER:INNEN GENUTZT? SOZIALE MEDIEN ALS WICHTIGSTE INFORMATIONSQUELLE 9 Von den sozialen Medien nutzen die jungen Wähler:innen am stärksten Instagram und TikTok, wobei diese mit Blick auf Seriosität und Neutralität sehr unterschiedlich bewertet werden: Während politische Botschaften auf Instagram tendenziell eher akzeptiert und erwartet werden, lösen entsprechende Beiträge auf TikTok teilweise auch Unverständnis und Aversion aus. Der Vorteil sozialer Medien wird in der kurzen und leicht verständlichen Zusammenfassung der Themen gesehen, die sowohl sprachlich als auch visuell auf die Bedürfnisse junger Menschen zugeschnitten sind und einen zeitsparenden Überblick ermöglichen. Als Nachteil der sozialen Medien wird hingegen die häufig einseitige Berichterstattung wahrgenommen, die eine generell kritische Haltung hinsichtlich des Wahrheitsgehalts von Nachrichten nach sich zieht. Zudem wird der in den sozialen Medien angewandte Algorithmus und das Folgen von Influencer:innen als Gefahr gesehen, ungewollt in eine Meinungsblase gezogen und in der Folge einseitig beeinflusst zu werden. Bevorzugt werden daher häufig Quellen, die als unabhängiger und neutraler wahrgenommen werden und kurze und lebendig gestaltete Erklärvideos zu einer Thematik bieten. Formate wie die Politiker:inneninterviews von Joko und Klaas, die Investigationen von Jan Böhmermann im„ZDF Magazin Royale“, der Austausch von Menschen unterschiedlichster Meinung des Kanals„Unbubble“ oder die Kinderinterviews mit Politiker:innen von„Late Night Berlin“ werden hier als Positivbeispiele genannt. Thema jetzt so Social-Media-Sachen finde ich immer so ein bisschen gefährlich, weil da werden meistens immer nur Ausschnitte, zum Beispiel jetzt bei TikTok oder so, da werden meistens nur Ausschnitte von etwas gezeigt, so ein besonderer Moment, und man weiß gar nicht den Hintergrund davon. C3(männlich, 19 Jahre) Auch am meisten Instagram, aber auch TikTok, wobei ich eben TikTok nicht so wirklich Vertrauen schenke, sondern dann wirklich eher mir, wenn dann, wenn ich irgendwas sehe, dann wirklich Artikel noch mal nachrecherchiere quasi, die dann auch vertrauenswürdig sind. A6(weiblich, 18 Jahre) Also ich würde viel lieber einfach gleich von den Parteien, vielleicht von einer unabhängigen Quelle haben, als durch jedes einzelne Programm mich durchlesen zu müssen. E5(männlich, 19 Jahre) 9 Ungeachtet der starken Social-Media-Präsenz der AfD schließt dies auch die Nutzung sozialer Netzwerke durch junge AfD-Anhänger:innen ein. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 31 Ich finde auch, vor allem bei TikTok, dass man eben schnell in eine Richtung geleitet wird, wenn du zwei Videos von der gleichen Partei anschaust. E3(weiblich, 22 Jahre) und glatte Bild von Politik und ihren handelnden Personen eher verstärkt. Positiv erscheinen hingegen Profile und Posts, die(authentische) Einblicke in den Alltag der Personen oder Parteien zulassen, unperfekt erscheinen oder humorvoll sind(z. B. Aufgaben der anstehenden Woche oder #söderisst). Bei der Auswahl der Themen werden besonders die Überschrift und das Titelbild als ausschlaggebend dafür erachtet, ob diesen weitere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Meist werden Inhalte vertieft, die einen persönlich betreffen, wie beispielsweise das 49-Euro-Ticket, für die man sich grundsätzlich interessiert oder die weltweit für Aufsehen sorgen(aktuell der Ukraine-Krieg oder das Erdbeben vom 6.2.2023 in der Türkei und Syrien). Die Zusammenfassung des Themas ist zudem entscheidend dafür, ob das Interesse geweckt wird, sich tiefergehend mit der Materie auseinandersetzen zu wollen. Also ich glaube, so ein bisschen das Bild macht es aus und die Überschrift, also was auf dem Bild draufsteht. Na ja, so Schlagworte oder halt, ja, so Eilmeldungen, von wegen, ja das und das ist jetzt passiert oder das wurde beschlossen, genau. D6(männlich, 18 Jahre) Ich würde vielleicht noch sagen, diese weltpolitischen Themen, also Russland-Ukraine-Konflikt, ja, gerade die Stellung von China in der Welt. Das sind so Dinge, die mich schon sehr catchen, weil die halt eben auch langfristig eine sehr große Bedeutung spielen. C1(männlich, 26 Jahre) AMBIVALENTES URTEIL ÜBER SOCIALMEDIA-KANÄLE VON POLITIKER:INNEN Teilweise wird in sozialen Medien Parteien und Politiker:innen gefolgt, um sowohl von Stellungnahmen zu aktuellen Themen oder Skandalen zu erfahren oder um sich ein detaillierteres Bild von einer Person oder einer Partei machen zu können. Diese Stellungnahmen, geteilten Reden bzw. Interviews oder Instagram-Lives schaffen ein Gefühl von Nahbarkeit, Sichtbarkeit und Interaktion mit der Politik und ihren Akteur:innen. Profile, die zu professionell inszeniert sind, lösen jedoch ein ambivalentes Gefühl aus und verstärken die wahrgenommene Distanz zur Politik zusätzlich. Ambivalent werden Auftritte von Politikschaffenden in Unterhaltungsformaten erlebt, die normalerweise Menschen mit sehr lockerem und nahbarem Charakter eine Bühne geben. Es ist ein Balanceakt zwischen nahbar, locker und peinlich, aufgesetzt, wodurch sich das versteifte Ja, manchen Parteien folge ich, manchen Politikern, das auf jeden Fall. Ich finde, da geht noch mehr, also ich finde, die Politiker, das ist immer noch etwas unantastbar. Das fühlt sich noch nicht so an, als wäre es einer von uns. Das hört sich vielleicht blöd an, aber das ist mir immer noch viel zu professionell alles. Also das fühlt sich so an. F5(weiblich, 18 Jahre) Alles, so von allem so ein bisschen. Also ich finde, das, was halt auch manchmal ältere Politiker machen auf Snapchat und TikTok, das ist halt schon grenzwertig peinlich. D2(männlich, 24 Jahre) SCHULE EIN WICHTIGER, ABER SCHWIERIGER ORT DER POLITISCHEN BILDUNG Die Schule wird, insbesondere bei der jüngsten Altersgruppe, als weiterer wichtiger Berührungspunkt mit politischen Themen wahrgenommen, der allerdings abhängig vom Lehrpersonal qualitativ sehr unterschiedlich bewertet wird. Allerdings beziehen sich auch die älteren Teilnehmenden in den Fokusgruppen immer wieder auf ihre Erfahrungen in der Schule – positiv wie negativ. Während Frontalunterricht mit reiner Wissensvermittlung als besonders langweilig und wenig Interesse weckend erlebt wird, erscheint die Behandlung von aktuellen Themen auf interaktive oder spielerische Weise lebhaft und reizvoll. Das Diskutieren von Thesen zu aktuellen Ereignissen unter Anleitung einer neutral eingestellten Lehrperson, das Nachspielen von Wahlen, die spielerische Nutzung von Apps, z. B.„Buzzard“, oder der Einbezug von visuellen Inhalten, wie Ausschnitte aus der„heute-show“, regen zu einer bewussten Auseinandersetzung mit politischen Themen an. Besonders nachhaltig und wissensbereichernd wirken zudem Erlebnisse mit Politik außerhalb des Klassenzimmers, wie beispielsweise Erlebnismuseen oder Erfahrungen im politischen Arbeitskontext wie Planspiele im Landtag, in denen die Rolle von Politiker:innen eingenommen und beispielsweise eine Parlamentsdebatte oder die Verabschiedung eines Gesetzesentwurfs nachgespielt wird. In diesem Kontext werden auch persönliche Gespräche mit Politiker:innen, die authentisch auf Augenhöhe und in verständlicher Sprache mit den Jungwähler:innen in Kontakt 32 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs treten und von ihren Problemen und ihrem Arbeitsalltag berichten, sehr positiv bewertet. Ja, tatsächlich, denn ich habe das Gefühl, ich habe so ein Trauma von der Schule, weil dieser Unterricht irgendwie nie vergangen ist, denn es war einfach so langweilig und alles wurde runtergerattert und, ja, weiß ich nicht. F1(weiblich, 30 Jahre) POLITISCHE TALKSHOWS UND INFOSTÄNDE TREFFEN AUF WENIG INTERESSE Politische Talkshows werden aufgrund der zeitlichen Länge, der teils schwer verständlichen Sprache und der als wenig konstruktiv erlebten Diskussionen häufig gemieden. Vor Wahlen werden Diskussionen zwischen einflussreichen Politiker:innen und Spitzenkandidat:innen der Parteien teilweise jedoch auch bewusst gesucht, um den dort gewonnen Eindruck der Politiker:innen und deren Standpunkte zu verschiedenen Themen in die eigene Wahlentscheidung einzubeziehen. Also meine Schule arbeitet manchmal mit so einer App, die heißt„Buzzard“, und da wird immer kurz so das Thema zusammengefasst und dann kann man auf Pro und Contra klicken und dann sich so dazu belesen, und ich finde, das ist eigentlich eine ganz gute Variante, um das auch so spielerisch mehr zu machen. C5(weiblich, 16 Jahre) GESPRÄCHE ÜBER POLITIK IN DER FAMILIE JA, MIT FREUND:INNEN/KOLLEG:INNEN NICHT Auch persönliche Gespräche über Politik stellen einen Berührungspunkt dar. Dieser ist jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt. In den Familien wird vergleichsweise viel über Politik gesprochen, gleichzeitig gibt es dort häufig ein homogenes Meinungsbild, welches auch die Jugendlichen, insbesondere jüngere, die noch zu Hause leben, beeinflusst. Der Austausch im Freundeskreis oder mit Kolleg:innen findet dagegen eher zu ausgewählten politischen Themen statt – andere Themen werden dagegen bewusst gemieden, oftmals besteht die Sorge vor Konflikten aufgrund unterschiedlicher Einstellungen, die das Verhältnis nachhaltig belasten könnten. Also man sieht auf den ersten Blick, worum geht es hier, und dann kann man sich danach eben dafür entscheiden, ob man genauer irgendwie dazu recherchiert oder eben nicht, also dass man dann quasi immer durchscrollt, interessiert mich das jetzt oder nicht, ist halt immer direkt auf den ersten Blick, finde ich, erkennbar, als wenn man sich irgendwie eine 30-minütige Talkshow anguckt und, weiß ich nicht, es dauert halt irgendwie dann auch immer zu lange, um dann wirklich die Fakten zu bekommen, die man eigentlich nur will. A6(weiblich, 18 Jahre) Um Infostände von Parteien machen die Teilnehmenden weitestgehend einen Bogen. Zum einen besteht die Sorge eines aggressiven Werbeversuchs der Parteien, zum anderen erscheint die Konfrontation mit einer politisch deutlich überzeugteren und versierteren Person teilweise bedrohlich. Die seltenen Erlebnisse aus der Vergangenheit mit Personen an Parteiständen sind hauptsächlich in negativer Erinnerung. Die Parteimitglieder wirkten zwar freundlich, aber gleichzeitig sehr glatt, aufgesetzt, teilweise lustlos und unauthentisch, sodass kein tiefgründiger Austausch möglich war. Mit Freunden rede ich eigentlich weniger über Politik, aber mit meiner Familie. Ukraine, Russland, der Krieg, also der betrifft uns auch ein bisschen, da ich auch Verwandte in den Ländern habe, die dann auch gezwungen werden, dahin zu gehen. A3(männlich, 20 Jahre) Ja, also ich selber rede eigentlich schon gerne darüber, aber meine Kollegen, die reden zum Beispiel etwas richtig gut oder etwas schlecht. C3(männlich, 19 Jahre) Die sind halt alle sehr glatt und sehr, ja, keine Ahnung, es ist halt, glaube ich, ist ja auch bei der CDU das Gleiche, die sind halt immer so, ich habe das Gefühl, die erzählen dir halt das, was du hören willst, um halt gewählt zu werden. C5(weiblich, 19 Jahre) Zum Beispiel die eine, die mal am Wahlkampfstand war von den Linken, in der Bahnhofsstraße. Und dann habe ich die angesprochen, weil ich da vorbeigegangen bin und wissen wollte, was sie machen will oder bewegen will. Und in dem Gespräch ist gar nicht rübergekommen, dass sie überhaupt wirklich ernsthaft was bewegen will. A1(männlich, 24 Jahre) FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 33 INTERESSE AM EIGENEN POLITISCHEN ENGAGEMENT EHER GERING Insgesamt sind Wissen über und Interesse am politischen Engagement und der persönlichen Einflussnahme bei den teilnehmenden Jungwähler:innen eher gering. Nur in Einzelfällen berichten die jungen Wähler:innen davon, dass sie aktiv an Demonstrationen teilnehmen. Es fehlt häufig das tiefergehende Interesse daran, sich mit gesellschaftspolitischen Themen auseinanderzusetzen und seine freie Zeit dafür zu investieren. Reizvoll erscheint der Gedanke, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen und dabei ein Gemeinschaftsgefühl erleben zu können. Gleichzeitig halten Unsicherheiten aufgrund mangelnden Wissens davon ab. Na ja,[…] Demonstrationen, da fallen mir die Klimakleber ein, die in aller Munde sind, die guten Klimaaktivisten. B2(weiblich, 23 Jahre) In einzelnen Fällen haben die jungen Wähler:innen bereits im jüngeren Alter durch die Schule an Jugendwahlen teilgenommen oder sich im Kinder- und Jugendparlament engagiert. Vereinzelt wurde Unterschreiben von Onlinepetitionen genannt. Die Jugendorganisationen der Parteien sind häufig kaum bekannt und sofern Kenntnisse vorhanden sind, reichen diese nicht aus, um ein Engagement anzustoßen. Ich glaube, dass es halt voll schwierig ist für so eine Partei, vielleicht junge Leute zu bekommen, weil, also zumindest ist es bei mir so, ich habe so das Gefühl, ich muss mich dann so festlegen. C5(weiblich, 19 Jahre) 34 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs 7 WAS SIND WAHLMOTIVE JUNGER WÄHLER:INNEN, WELCHE FAKTOREN HABEN EINFLUSS AUF IHRE WAHLENTSCHEIDUNG, UND ÜBER WELCHES WAHLPOTENZIAL VERFÜGEN DIE PARTEIEN? HAUPTWAHLMOTIVE: INHALTE, ZUKUNFTSKOMPETENZ UND REGIERUNGSFÄHIGKEIT Das Wahlverhalten der jungen Bundesbürger:innen zur Bundestagswahl 2021 sorgte bereits am Wahltag für großes Aufsehen. In der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen waren die Grünen mit 24,0 Prozent erstmals bei Bundestagswahlen stärkste politische Kraft geworden, gefolgt von der FDP mit 20,5 Prozent. SPD(15,6 Prozent) und Unionsparteien(10,8 Prozent) mussten sich dagegen im September 2021 mit dem dritten bzw. vierten Platz begnügen. Bei den 25- bis 34-Jährigen fiel der Wählerrückhalt für SPD(17,4 Prozent) und Unionsparteien(13,6 Prozent) nicht wesentlich größer aus. Auch in diesem Alterssegment mussten sie sich den Grünen(22,9 Prozent) erstmals geschlagen geben, die Unionsparteien blieben darüber hinaus auch hinter den Liberalen zurück(14,9 Prozent)(vgl. Bundeswahlleiter 2022). Wurde am 26.9.2021 im Gesamtergebnis bereits eine für das bundesdeutsche Parteiensystem bislang unbekannte Pluralisierung sichtbar, 10 galt dies umso mehr für das Abschneiden der Parteien unter den jungen Wahlberechtigten. SPD und Union sprachen bundesweit zusammen erstmals weniger als die Hälfte der Wähler:innen(49,8 Prozent) an, von den unter 25-Jährigen erreichten sie jedoch gerade einmal jede:n Vierte:n(26,4 Prozent). Woran aber haben sich die jungen Wähler:innen im September 2021 orientiert? Worin sehen sie selbst die Beweggründe für ihre Wahlentscheidung? Rückblickend stellen sie vor allem die inhaltlichen Positionen der Parteien in den Mittelpunkt(88 Prozent über dem Skalenmittelpunkt von 5; Durchschnittswert 7,9) und die Beurteilung ihrer Problemlösungsfähigkeit(82 Prozent; Mittelwert 7,4). Neben programmatischen Aspekten waren für die jungen Wähler:innen gouvernementale Fragen relevant. Für eine Mehrheit von ihnen waren Einschätzungen zur Regierungsfähigkeit(76 Prozent; Mittelwert 6,9) sowie zu den Koalitionsaussichten wichtig(62 Prozent; Mittelwert 6,1). Dem Spitzenpersonal der Parteien messen die jungen Wähler:innen im Vergleich hierzu weniger Bedeutung für die eigene Wahlentscheidung von 2021 bei. Die personelle Aufstellung der Parteien benennt rund die Hälfte der Wähler:innen bis 30 Jahre als einen wichtigen Faktor für die damalige Wahlentscheidung(51 Prozent; Mittelwert 5,3). Zu solchen eher rationalen, das heißt auf Programmund Personalangeboten abstellenden oder auch koalitionstaktisch gelagerten Entscheidungskalkülen treten in der Selbstwahrnehmung der Befragten intuitive Faktoren. So bekennen sieben von zehn Personen, Frauen(6,9 Prozent) mehr noch als Männer(6,3 Prozent), dass das eigene Bauchgefühl(71 Prozent, Mittelwert 6,6) für sie bei der Bundestagswahlentscheidung bedeutend war. Zu solchen emotionalen Aspekten zählt die Wahlforschung traditionell auch Parteibindungen. Eine affektive Nähe an eine einzelne Partei aber wird nur von wenigen Jungwähler:innen für die eigene Wahlentscheidung im September 2021 als zentral hervorgehoben(39 Prozent; Mittelwert 4,8), was neben gering ausgeprägten parteipolitischen Prädispositionen junger Menschen durchaus auch modellkonform die mittelbare Wirkung von Parteibindungen, nämlich über die selektive Wahrnehmung und Bewertung von Positionen und Personal der Parteien, spiegeln könnte. Auch das nahe soziale Umfeld entwickelt konzeptionell eher einen indirekten Einfluss auf die eigene Parteipräferenz über die Vermittlung politischer Ansichten und Einstellungen. Möglicherweise deshalb wird auch ihm eher eine nachrangige Bedeutung für die eigene Wahlentscheidung durch die Jungwähler:innen beigemessen, wobei sich dahinter natürlich auch ein schwacher Transfer von Meinungen, Haltungen und Positionen sowohl unter jungen Menschen als auch zwischen den Generationen verbergen könnte. Schlussendlich schätzt nur jede:r Vierte(26 Prozent; Mittelwert 3,4) den Einfluss von Familie und Freund:innen als hoch ein. Obwohl der kommunikative Austausch im privaten Kontext für formal niedrig Gebildete einen unterdurchschnittlichen Stellenwert aufweist, attestieren diese nachträglich dem Einfluss von Familie und Freund:innen und deren po10 Vgl. zur Entwicklung des bundesdeutschen Parteiensystems Niedermayer(2022). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 35 Bundestagswahl 2021: Motive der Wahlentscheidung Abb. 16 Wie wichtig waren bei Ihrer Entscheidung für die[gewählte Partei] die folgenden Punkte? Bitte verwenden Sie wieder die Skala von 0 bis 10, wobei 0„ganz unwichtig“, 10„ganz wichtig“ bedeutet. Angaben in Prozent 0 die inhaltlichen Positionen der Partei die Fähigkeit der Partei, die wichtigsten zukünftigen Probleme Deutschlands zu lösen die Fähigkeit der Partei, gut zu regieren 25 50 75 100 88 82 76 mein Bauchgefühl die möglichen Koalitionen, die die Partei für eine Regierung eingehen würde der Spitzenkandidat oder die Spitzenkandidatin der Partei meine Nähe zur Partei was meine Familie oder Freund:innen politisch denken 71 62 51 39 26 Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 19 bis 30 Jahren, die an der Bundestagswahl 2021 teilgenommen haben; fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap litischen Vorstellungen eine größere Bedeutung für die eigene Bundestagswahlentscheidung als formal höher Gebildete(4,8 zu 3,2 Mittelwert). Letztere wiederum begründen ihr Wahlverhalten zur Bundestagswahl nochmals häufiger mit den inhaltlichen Positionen der eigenen Partei als niedrig Gebildete – möglicherweise Ausdruck ihres im Vergleich höheren politischen Interesses und eines intensiveren politischen Kommunikations- und Informationsverhaltens. 36 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Bundestagswahl 2021: Motive der Wahlentscheidung – Bildung Abb. 17 Wie wichtig waren bei Ihrer Entscheidung für die[gewählte Partei] die folgenden Punkte? Bitte verwenden Sie wieder die Skala von 0 bis 10, wobei 0„ganz unwichtig“, 10„ganz wichtig“ bedeutet. alle Angaben in Mittelwerten Bildungsabschluss GANZ UNWICHTIG hoch mittel niedrig GANZ WICHTIG die inhaltlichen Positionen der Partei die Fähigkeit der Partei, die wichtigsten zukünftigen Probleme Deutschlands zu lösen die Fähigkeit der Partei, gut zu regieren mein Bauchgefühl die möglichen Koalitionen, die die Partei für eine Regierung eingehen würde der Spitzenkandidat/ die Spitzenkandidatin der Partei meine Nähe zur Partei was meine Familie/ Freund:innen politisch denken 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Grundgesamtheit: Deutsche von 19 bis 30 Jahren, die eine Partei bei der Bundestagswahl 2021 gewählt haben; fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 37 GRÜNDE DER NICHTWAHL: WENIG MOTIVIERENDES PARTEIENANGEBOT AM HÄUFIGSTEN GENANNT Die Wahlbeteiligung der Jüngeren stieg im September 2021 stärker als unter den bundesdeutschen Wahlberechtigten insgesamt. Wie bei allen bisherigen Bundestagswahlen zeigte sich dennoch erneut ein Altersgefälle. Mit Beteiligungsniveaus von um die 70 Prozent blieb die Mobilisierung der unter 30-Jährigen abermals erkennbar hinter dem bundesweiten Schnitt zurück. 11 Was aber hat nach eigenem Bekunden junge Wahlberechtigte im September 2021 abgehalten, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen? Dass die damalige politische Ausgangskonstellation zur Bundestagswahl nur wenig Anreiz zur Wahlteilnahme bot, spielte für die jungen Nichtwähler:innen keine zentrale Rolle. Für lediglich 19 Prozent ging es 2021 nicht um eine wirklich wichtige Entscheidung. Auch Krankheit oder Urlaub waren keineswegs zentral für die Entscheidung, den Wahlurnen letztlich fernzubleiben. Entsprechende Verhinderungsgründe macht rückblickend nur ein knappes Drittel der jungen Nichtwähler:innen(31 Prozent) geltend. Stattdessen werden politisch gelagerte Gründe in den Vordergrund gestellt. Ein wenig überzeugendes politisches Angebot spielte für gut die Hälfte der Nichtwähler:innen eine entscheidende Rolle(55 Prozent). Sie beanstanden, dass es damals keine Partei gegeben habe, denen sie ihre Stimme geben wollten. Fast ebenso viele von ihnen stellen heraus, dass sie sich zur Bundestagswahl nicht ausreichend informiert gefühlt haben(49 Prozent). Jeweils etwa ein Drittel der jungen Nichtwähler:innen signalisiert schließlich, grundsätzlich kein Interesse an Politik zu haben (34 Prozent) bzw. generell nicht wählen zu gehen(36 Prozent). Ein sichtbarer Teil der jungen Nichtwähler:innen dürfte daher für die Parteien bereits nur äußerst schwer oder gar nicht zu erreichen sein. Die Detailanalyse der Nichtwahlgründe deckt auf, dass ein wenig überzeugendes Parteienangebot von den oberen Altersgruppen deutlich häufiger als Begründung gebraucht wird als von den jüngeren – möglicherweise Folge kumulativer Enttäuschungen über mehrere Wahlperioden hinweg. Gleichzeitig geben Männer eher als Frauen(50 vs. 25 Prozent) und formal niedrig Gebildete wiederum eher als formal höher Gebildete(46 vs. 25 Prozent) an, Wahlen grundsätzlich fernzubleiben. Dass junge Menschen mit formal niedriger Bildung im Vergleich zu formal höher gebildeten 11 Die Wahlbeteiligung erreichte bei den 18- bis 20-Jährigen 70,5 Prozent, bei den 21- bis 24-Jährigen 71,2 Prozent und bei 25- bis 29-Jährigen 72,4 Prozent. Insgesamt bewegte sich das Beteiligungsniveau zur Bundestagswahl 2021 bei 76,6 Prozent(vgl. Bundeswahlleiter 2022: 11). Bundestagswahl 2021: Gründe für Nichtwahl Abb. 18 Es gibt unterschiedliche Gründe, nicht an Wahlen teilzunehmen. Geben Sie für jeden der folgenden Gründe an, ob dieser auf Ihre Entscheidung, nicht an der Bundestagswahl teilzunehmen, zutrifft oder nicht. 0 Es gab keine Partei, der ich meine Stimme geben wollte. Ich fühlte mich nicht ausreichend informiert, um eine Wahlentscheidung zu treffen. Ich gehe grundsätzlich nicht wählen. 25 36 50 55 49 Angaben in Prozent 75 100 39 48 60 Ich interessiere mich gar nicht für Politik. 34 63 Ich war verhindert, z. B. durch Krankheit oder Urlaub. Es ging bei dieser Wahl nicht um eine wirklich wichtige Entscheidung. 31 19 ja, trifft zu 68 67 nein, trifft nicht zu Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 19 bis 30 Jahren, die an der Bundestagswahl 2021 nicht teilgenommen haben, fehlende Werte zu 100 Prozent: weiß nicht/keine Angabe QUELLE: infratest dimap 38 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Nichtwähler:innen ihre Wahlabstinenz im September 2021 öfter mit einem schlechten individuellen Informationsstand(55 vs. 42 Prozent) und fehlendem politischen Interesse(39 vs. 20 Prozent) begründen, belegt für sie eine erkennbar geringe politische Involvierung. Letzteres scheint für die Nichtwahl in den neuen Bundesländern prägender zu sein als für den Westen der Republik. So bekunden ostdeutsche Nichtwähler:innen häufiger ein grundsätzliches Desinteresse an der Politik als ihre westdeutschen Altersgenoss:innen(44 vs. 31 Prozent), zugleich ziehen sie öfter auch persönliche Informationsdefizite(62 vs. 46 Prozent) zur Begründung der Nichtwahl heran. Die selbst berichteten Motive zur Nichtwahl deuten auf verschiedene Faktoren hin, die die Nichtwahl junger Menschen befördern können: ein aus ihrer Sicht wenig attraktives politisches Angebot, Kommunikationsbarrieren sowie eine grundsätzliche Ferne zur Politik. Der Vergleich von Wähler- und Nichtwähler:innen über verschiedene politische Einstellungen hinweg bestätigt dies. Wie oben bereits dargestellt, sind junge Nichtwählende weniger als Wählende mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden (31 vs. 55 Prozent). Sie beziehen aber auch eine kritischere Position zur Parteiendemokratie und dortigen Programmangeboten(64 vs. 48 Prozent) und verfügen nach eigenem Bekunden häufiger über ungenügende Vorstellungen zur Rolle der Parteien im politischen Prozess(29 vs. 14 Prozent). Darüber hinaus tun sie sich tendenziell schwerer mit der Sprache in der Politik(40 vs. 34 Prozent). Letzteres geht Hand in Hand mit einer gegenüber Wählenden sichtbar schwächeren politischen Kommunikationsneigung. Nur jede:r dritte Nichtwähler:in(33 Prozent) berichtet von einem häufigen Kontakt mit der Politik über die Massenmedien und damit nur etwa halb so viele wie unter den jungen Wähler: innen von 2021(57 Prozent). Die Gespräche in den Fokusgruppen bestätigen, dass es vielen jungen Menschen nicht leichtfällt, sich zwischen den zur Wahl stehenden Parteien zu entscheiden. Auch wenn es für viele selbstverständlich ist, zur Wahl zu gehen, weil sie die Demokratie aufrechterhalten wollen, überzeugt sie die zur Verfügung stehende Auswahl nicht. Immer wieder äußern Teilnehmende, dass sie das Gefühl haben, Parteien versprechen vor der Wahl Dinge, die sie nach der Wahl nicht einhalten, und begründen dies mit Erfahrungen aus der Vergangenheit. Dadurch fällt die Entscheidung oft nicht„für“ eine Partei, sondern„gegen“ die anderen. Also ich finde, das Wählen ist für mich so das einzige Mittel, einen gewissen Einfluss auf das Politikgeschehen zu haben. Also über die Partei sehe ich es jetzt nicht, deswegen halt dann über die Wahl, und ich finde halt auch, dass nicht alle Menschen in dieser Welt haben Wahlrecht und nicht alle Frauen, und deswegen finde ich es umso wichtiger, dass wir unser Wahlrecht gebrauchen und das schätzen, zu schätzen wissen, und dadurch finde ich es eigentlich eine Pflicht für jeden, wählen zu gehen. F5(weiblich, 18 Jahre) Wenn man jetzt sagen würde, am Sonntag wären Wahlen, und von dem, was ich jetzt mitbekomme und sehe in der Politik, auch von den Parteien, gäbe es bei mir jetzt keine, wo ich jetzt sagen würde, die würde ich wählen, weil das halt einfach, für mich passt da halt nicht so wirklich was. B6(weiblich, 18 Jahre) Also FDP, Linke und AfD kommt absolut überhaupt nicht infrage für mich. Dann sind halt nur noch die Grünen, SPD und CDU da. Also da bleibt jetzt auch nicht mehr viel. Für mich macht das dann grundsätzlich halt das Rennen dann, wer bietet dann die besten Konditionen quasi. C2(weiblich, 28 Jahre) Also, ich sage immer, es ist natürlich keine Pflicht in Deutschland, wählen zu gehen, aber wenn dir was an der Demokratie liegt, wenn du irgendwas daran geil findest, dann solltest du doch wenigstens zum Wahllokal gehen. Und wenn man dann auf dem Wahlzettel irgendwie Sonnenblümchen malt. Das ist ja komplett egal. Du warst da und hast deinen Beitrag dazu geleistet, dass es eine Demokratie auch weiterhin bleiben kann A1(männlich, 24 Jahre) Also ich habe den auch genommen, ich gehe aber nicht wählen, weil ich halt immer das Gefühl hab, zwischen Übeln wählen zu müssen. B2(weiblich, 23 Jahre) Nur wenige setzen sich detailliert mit den Wahlprogrammen auseinander, weshalb der Wahl-O-Mat ein sehr beliebtes Mittel ist, um die eigene inhaltliche Verortung mit der Parteienlandschaft abzugleichen. Das Ergebnis des Wahl-O-Mats erfährt anschließend einen Abgleich mit dem bestehenden Bauchgefühl und wird, soweit diese nicht miteinander übereinstimmen, unter anderem im Freundesoder Familienkreis diskutiert. Der Einfluss der politischen Einstellungen von Familie und Freund:innen sowie deren Wahlentscheidung wird dabei von den meisten Teilnehmenden bewusst wahrgenommen und anerkannt. Die jüngeren Wählenden nutzen darüber hinaus auch InformatioFRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 39 nen aus ihrem Schulunterricht für ihre Wahlentscheidung, sofern sie bereits wahlberechtigt sind. […] ich hatte anfangs noch gar keine Ahnung von der Politik jetzt so momentan. Da hatte meine Mutter mir einfach empfohlen, schlag mal die Webseite auf, Wahl-O-Mat, gucke dir das an, mache das ein bisschen fertig, dann kann ich dir noch was dazu sagen, weil meine Mutter kennt sich ja schon ein bisschen besser aus mit dem Thema Politik. C3(männlich, 19 Jahre) Ja, ich finde auch, wie gesagt, der Austausch mit Familie, Freunden. Ich mein, klar, oft … also, je jünger man ist, wird man ja auch einfach oft durch die Familie so ein bisschen geprägt. Da gibt es ja eigentlich immer schon irgendwie so eine, na ja, Partei, die gewählt wird. D1(weiblich, 26 Jahre) Damals hatten wir in der Schule so ein paar Gruppen, und die durften dann halt im Jahrgang sozusagen in jeder Klasse Präsentationen halten und haben uns das quasi so vorgestellt. Zudem hatten wir auch so eine Simulation, die wir ausprobieren konnten, und es war halt auch alles online. Da konnte man sich das alles noch mal so bildlich vorstellen. B3(weiblich, 19 Jahre) ANALYSE VERSCHIEDENER EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE WAHLENTSCHEIDUNG Zusätzlich zur Analyse einzelner soziodemografischer und parteipolitischer Gruppen haben wir untersucht, welche Faktoren sich auf die Wahlentscheidung junger Menschen bei der Bundestagswahl 2021 ausgewirkt haben. Nach den gängigen Theorien der Wahlforschung zur Entscheidungsfindung vor der Stimmabgabe übt immer eine Reihe von unterschiedlichen lang- und kurzfristigen Faktoren einen Einfluss auf die Wahlentscheidung aus. Dazu wurden die Wähler:innengruppen aller sechs im aktuellen Bundestag vertretenen Parteien miteinander verglichen. Mithilfe von logistischen Regressionsanalysen kann geprüft werden, welche Merkmale einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Wahlentscheidung junger Menschen bei der letzten Bundestagswahl ausgeübt haben und wie sich diese zwischen den Parteien unterschieden. Für jede Partei wird dabei einzeln ein Modell gerechnet, bei der die abhängige Größe jeweils die Wahl für oder gegen eine Partei ist. Im folgenden Koeffizientenplot sind die Ergebnisse der logistischen Regressionen für alle Parteien in einer Grafik dargestellt. Zu sehen ist der Einfluss verschiedener Werte auf die Wahlentscheidung für die einzelnen Parteien unter Kontrolle soziodemografischer Merkmale. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang besteht dann, wenn die horizontale Linie(jeweils in der entsprechenden Parteifarbe) nicht die mittlere Nulllinie kreuzt. SOZIODEMOGRAFISCHE EINFLUSSFAKTOREN AUF DIE WAHLENTSCHEIDUNG So zeigt sich beim ersten Modell, dass es bereits bei der recht eng gefassten Altersgruppe unserer Befragung(16 bis 30 Jahre) auch unter den Jungwähler:innen einen Alterseffekt bei den beiden Volksparteien gibt. Je näher die Befragten an die 30 Jahre rücken, desto wahrscheinlicher wird auch die Wahlentscheidung für die SPD oder die CDU/ CSU. Mit Blick auf das Geschlecht gibt es signifikante Effekte bei der FDP und den Linken, hier finden sich eher Männer, während der Effekt bei den Sozialdemokrat:innen zugunsten von weiblichen Wähler:innen ausfällt. Eine höhere formale Bildung wirkt sich positiv auf die Wahlentscheidung für die Liberalen und Grünen aus, während diese eine stark negative Wirkung auf die Wahl für die AfD hat. Auch regionale Unterschiede zeigen sich unter den jungen Befragten. Hier findet sich ein positiver Zusammenhang zwischen dem Wohnort in Ostdeutschland sowohl bei der Wählerschaft der Linken als auch der AfD, für einen westdeutschen Wohnort findet sich ein Zusammenhang bei den CDU/CSU-Wähler:innen. Mit einem genaueren Blick auf den Lebensort macht das Leben in der Großstadt die Wahl der Grünen und der Linken wahrscheinlicher, während sich hier für die CDU/CSU und die AfD ein negativer Zusammenhang findet. Bei der Selbstverortung im politischen Raum findet sich bei allen Parteien ein Zusammenhang außer bei der SPD. Eine linke Selbstverortung hat einen starken Einfluss auf 40 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs Zusammenhang Soziodemografie und Parteiwahl Ergebnisse der logistischen Regression soziodemografische SPD CDU/CSU Merkmale −1.5 −1.0 −0.5 Grüne 0 FDP 0.5 Die Linke 1.0 Alter Abb. 19 AfD 1.5 Geschlecht Bildungsgrad hoch Region Ost Links-RechtsSelbsteinstufung finanzielle Situation Migration −1.5 −1.0 −0.5 0 QUELLE: infratest dimap, eigene Berechnungen 0.5 1.0 1.5 die Entscheidung für die Linken oder Grünen, während eine rechte Selbstverortung die Wahl der CDU/CSU, FDP oder AfD begünstigt. Auch die subjektive ökonomische Selbstverortung hat bei allen Parteien außer der SPD einen Einfluss auf die Wahlentscheidung. Während eine höhere Unzufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation die Wahl der Linken oder der AfD begünstigt, wählen junge Menschen, die zufrieden mit der eigenen finanziellen Situation sind, eher die Grünen, CDU/CSU oder FDP. Darüber hält die eigene oder elterliche Migrationsgeschichte junge Menschen eher davon ab, die Grünen zu wählen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 41 EINFLUSSFAKTOR WERTE AUF DIE WAHLENTSCHEIDUNG Werten wir die Effekte von individuellen Wertevorstellungen auf die Wahlentscheidung bei der letzten Bundestagswahl aus, so lässt sich feststellen, dass das Ergebnis für die sechs im Bundestag vertretenen Parteien unterschiedlich ausfällt, aber im Gesamtbild auch die vorherige deskriptive Analyse bestätigt. Auffällig ist, dass es bei jeder Partei(mit Ausnahme der SPD) einen positiven Wahleffekt hinsichtlich einer Werteorientierung gab. Wenig überraschend begünstigte bei der Bundestagswahl 2021 ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein die Wahlentscheidung für die Grünen. Im Gegensatz dazu führte ein hohes Umweltbewusstsein zu einer sinkenden Wahlwahrscheinlichkeit für die AfD, die FDP, aber auch für die Linke. Wem gesellschaftliche Gerechtigkeit ein besonders zentrales Anliegen gewesen ist, der entschied sich besonders häufig für die Linke. Bei den Anhänger:innen der FDP hatte dies jedoch einen negativen Wahleffekt, bei den anderen Parteien ist hingegen kein Einfluss feststellbar. Junge Menschen, denen das Bewahren von Traditionen besonders wichtig war, wählten eher die Unionsparteien oder die AfD – jedoch kaum die Grünen. Das Streben nach Macht verzeichnete lediglich einen positiven Wahleffekt bei der FDP, während es bei Wähler:innen der Linken einen negativen Effekt hatte. Zusammenhang Werte und Parteiwahl Ergebnisse der logistischen Regression SPD CDU/CSU Werte −1.5 −1.0 −0.5 Grüne 0 Macht FDP 0.5 Die Linke 1.0 Abb. 20 AfD 1.5 Gerechtigkeit Tradition Umweltbewusstsein −0.75 −0.50 −0.25 0 QUELLE: infratest dimap, eigene Berechnungen 0.25 0.50 0.75 EINFLUSSFAKTOR POLITISCHE EINSTELLUNGEN AUF DIE WAHLENTSCHEIDUNG Die Zustimmung oder Ablehnung bestimmter Policy-Positionen auf der kulturellen und ökonomischen Achse hat Einfluss auf die Wahlentscheidung. Dies bestätigen auch unsere Regressionsanalysen. Mit Blick auf die ökonomische Dimension erhöht die Zustimmung zur Einhaltung der Schuldenbremse die Wahrscheinlichkeit, dass sich junge Menschen bei der letzten Bundestagswahl für die CDU/CSU entschieden haben, während die Ablehnung der Schuldenbremse die Wahl der Linken begünstigte. Das Thema Umverteilung durch Steuern hat bei den meisten Jungwähler:innen einen signifikanten Einfluss auf ihre Entscheidung. Mit steigender Zustimmung zur Umverteilung zwischen Arm und Reich steigt auch die Wahrscheinlichkeit für eine Wahlentscheidung zugunsten der SPD, Grünen und Linken. Die Ablehnung von mehr Umverteilung durch Steuern hingegen be42 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs günstigt die Wahl der FDP und in schwächerem Ausmaß auch der CDU/CSU. Auf der kulturellen Achse lassen sich die abgefragten Themen Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern sowie die Regulierung von Migration verorten. Das Thema Einwanderung wirkt sich vor allem bei der Wählerschaft von Parteien aus dem rechten Spektrum auf die Wahlentscheidung aus. Der stärkste Zusammenhang findet sich hier bei der Ablehnung von mehr Einwanderung und der Wahl der AfD, in schwächerem Ausmaß finden wir signifikante Effekte für die FDP und CDU/CSU. Auf der linken Seite des politischen Spektrums findet sich der Zusammenhang nur bei den Grünen. Wenn junge Wähler:innen für weniger Begrenzungen im Bereich Migration nach Deutschland sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Grünen bei der letzten Bundestagswahl gewählt haben. Das Thema der Förderung von Gleichstellung entfaltet hingegen kaum eine Wirkung mit Blick auf die Wahlentscheidung junger Menschen außer bei den Wähler:innen der SPD. Eine Befürwortung der Förderung in diesem Bereich erhöht die Wahrscheinlichkeit der SPD-Wahl. Obwohl das Thema Klimakrise für viele junge Menschen ein allgegenwärtiges und wichtiges ist, wirkte es sich nur bei wenigen auf die eigene Wahlentscheidung in der letzten Bundestagswahl aus. Hier stechen zwei Effekte deutlich heraus. Ein besonders starker Zusammenhang findet sich bei der Ablehnung von Investitionen zum Klimaschutz und der AfD-Wahl. Das Thema polarisiert am stärksten unter den abgefragten Konfliktfeldern, und hier zeigt sich auch der stärkste Zusammenhang zwischen der Befürwortung von mehr Investitionen für den Klimaschutz und der Wahlentscheidung für die Grünen. Etwas überraschend gibt es auch bei den FDP-Anhänger:innen einen leicht positiven Effekt bei Klimainvestitionen, was jedoch vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass marktorientierte Maßnahmen von der FDP-Wählerschaft grundsätzlich unterstützt werden. Zusammenhang politische Einstellungen und Parteiwahl Ergebnisse der logistischen Regression SPD CDU/CSU Konfliktdimensionen −1.5 −1.0 −0.5 Grüne 0 FDP 0.5 Die Linke 1.0 Schuldenbremse Abb. 21 AfD 1.5 Begrenzung der Einwanderung Umverteilung durch Steuern Förderung der Gleichberechtigung Investitionen in Klimaschutz −1.5 −1.0 −0.5 0 QUELLE: infratest dimap, eigene Berechnungen FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 0.5 1.0 1.5 43 EINFLUSSFAKTOR WAHLMOTIVE AUF DIE WAHLENTSCHEIDUNG Auch mit Blick auf die Wahlgründe haben wir die jungen Wähler:innengruppen im Vergleich mithilfe einer multivariaten Regressionsanalyse untersucht. Auch wenn viele angeben, dass ihnen die Inhalte der Parteien besonders wichtig sind, gibt es für keine Partei einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem programmatischen Inhalt als Wahlgrund und der jeweiligen Wahlentscheidung. Obwohl bei einer Bundestagswahl gerade die Anwärter:innen für das Bundeskanzler:innenamt besonders im Fokus der medialen Berichterstattung und jeder Wahlkampagne stehen, finden wir nur bei einer Partei einen positiven Zusammenhang zwischen der Präferenz für bestimmte Personen und die Wahlentscheidung. Hier sticht die FDP deutlich heraus. Bei den jungen FDP-Wähler:innen liegt hier deutlich der Fokus ihrer Wahlentscheidung. Für CDU/CSU-Wähler:innen ist ihr persönliches Umfeld ein wichtiger Richtungsgeber vor der Wahl. Gespräche im Freundes- und Familienkreis sind bei ihnen ein wichtiger Faktor bei der Entscheidungsfindung. Begünstigt wird die Entscheidung für die CDU/CSU außerdem dadurch, dass ihre Anhänger:innen die Regierungsfähigkeit der Partei als besonders wichtig erachten und die durch ihre Wahl möglich werdenden Koalitionen gut finden. Mit Blick auf das politische Personal kann man festhalten, dass junge CDU/CSU-Wähler:innen sich bei der letzten Bundestagswahl eher trotz und nicht wegen des Kandidaten Zusammenhang Wahlgründe und Parteiwahl Ergebnisse der logistischen Regression SPD Wahlgründe −1.0 CDU/CSU −0.5 Grüne FDP 0 Personen Abb. 22 Die Linke 0.5 AfD 1.0 Parteinähe Koalitionsmöglichkeiten Problemlösungskompetenz Regierungsfähigkeit Familie/ Freund:innen −1.0 −0.5 QUELLE: infratest dimap, eigene Berechnungen 44 0 0.5 1.0 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs für die Partei entschieden haben. Mit Blick auf den Personeneffekt finden wir auch bei den Linken einen negativen Zusammenhang zur Wahlentscheidung. Daneben ist die allgemeine empfundene Nähe zur Partei der wichtigste Wahlgrund für diese Gruppe. Eine solche Nähe ist am wenigsten für die FDP-Wähler:innen ausschlaggebend, gefolgt von jungen sozialdemokratischen Wähler:innen, hier finden wir einen negativen Zusammenhang zur Wahlentscheidung. Für die SPD-Wähler:innengruppe ist hingegen entscheidend, dass durch ihre Wahl bestimmte Regierungskoalitionen möglich werden. Bei den jungen Grünen-Anhänger:innen ist die Überzeugung, dass ihre Partei besonders gut zukünftige Probleme lösen kann der Grund mit dem stärksten Einfluss auf ihre Wahlentscheidung. Ein negativer Zusammenhang findet sich in dieser Gruppe mit der Überzeugung der Regierungsfähigkeit ihrer Partei. JE NACH PARTEI BEEINFLUSSEN UNTERSCHIEDLICHE FAKTOREN DIE WAHLENTSCHEIDUNG Unsere Regressionsanalysen zeigen, dass die Wahlentscheidung von unterschiedlichen Einflussfaktoren je nach Parteianhängerschaft geprägt ist, so lässt sich die Wählerschaft anhand diverser Kategorien voneinander abgrenzen. Hinsichtlich der stärksten Einflussfaktoren auf die Parteiwahl ergeben sich verschiedene Rückschlüsse für die Parteien. • Eine positive Wahlentscheidung für die SPD findet sich eher bei weiblichen Jungwählerinnen sowie bei Befürworter:innen einer Umverteilung durch Steuern. Auch die möglichen Koalitionsoptionen waren ein wichtiger Wahlgrund bei der Wahlentscheidung für die SPD bei der Bundestagswahl 2021. Darüber hinaus zeichnet sich die SPD-Wählerschaft durch ihre Heterogenität aus, die zahlreiche Anknüpfungspunkte für verschiedene Wähler:innengruppen bietet. • Bei der CDU/CSU finden sich positive Wahlentscheidungen eher bei den männlichen Jungwählern sowie jungen Menschen, die in Westdeutschland leben. Sie verorten sich eher mitte-rechts auf der politischen Skala und sind mit ihrer ökonomischen Situation zufrieden. Positive Wahlentscheidungen für die CDU/CSU sind auch oft mit Werten und Einstellungen verbunden, wie Traditionen zu bewahren, die Einwanderung nach Deutschland zu begrenzen und keine weiteren Staatsschulden aufzunehmen. Gespräche im persönlichen Umfeld sowie die Regierungsfähigkeit der Partei und mögliche Koalitionsoptionen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Stimmabgabe für die Union. • Bei der positiven Wahlentscheidung von jungen Wähler:innen für die Grünen finden sich Zusammenhänge mit einer formal höheren Bildung, einer Selbstverortung links auf der politischen Skala und einer Zufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation. Ebenfalls positive Einflussfaktoren waren Umweltbewusstsein, Umverteilung durch Steuern sowie die Problemlösungsfähigkeit einer Partei. • Auch bei der FDP findet sich ein Zusammenhang mit formal höherem Bildungsniveau, einer Mitte-RechtsSelbstverortung auf der politischen Skala sowie ökonomischer Zufriedenheit bei Jungwähler:innen. An politischen Werten scheinen das Streben nach Macht und die Ablehnung einer Umverteilung durch Steuern einen positiven Effekt auf die Wahlentscheidung für die FDP zu haben. Außerdem zeigt sich bei der letzten Bundestagswahl ein starker Kandidierendeneffekt bei der FDPWahlentscheidung junger Wähler:innen. • Positive Einflussfaktoren auf die Wahl der Linken waren das Geschlecht(männlich), ein Wohnort in Ostdeutschland und die Unzufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation. Für die Wahlentscheidung der Linken-Wähler:innen ausschlaggebend waren Themen wie gesellschaftliche Gerechtigkeit, mehr Umverteilung durch Steuern. Zudem verspüren die Linken-Wähler:innen eine generelle Nähe zu ihrer Partei. • Auch bei der AfD zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang mit dem Wohnort in Ostdeutschland und ihrer Wahlentscheidung. Die eigene Verortung im rechten Spektrum sowie die Unzufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation haben außerdem einen Einfluss auf die Wahlentscheidung für die AfD. Darüber hinaus ist den AfD-Wähler:innen das Bewahren von Traditionen ein wichtiger Wert und thematisch stellen sie sich klar gegen Migration und Investitionen im Bereich Klimaschutz. POTENZIALANALYSE: ÄHNLICHE POTENZIALE FÜR SPD UND GRÜNE TROTZ UNTERSCHIEDLICHER ERGEBNISSE Mit dem unterdurchschnittlichen Rückhalt der Volksparteien bei den jungen Wähler:innen zur Bundestagswahl 2021 steht die Frage im Raum, ob der Erfolg von SPD und Union bei den jungen Bürger:innen von vornherein durch geringe Wähler:innenpotenziale beschränkt ist oder aber durchaus bestehende Potenziale von ihnen nicht genutzt werden können. Die Messung von Wahlneigungen gegenüber den verschiedenen Parteien(Propensity to Vote – PTV) für junge Bundesbürger:innen auf einer Skala von 0 (sehr unwahrscheinlich) bis 10(sehr wahrscheinlich) 12 zeigt in Übereinstimmung mit ihrem Bundestagswahlergebnis, dass die Grünen bei den Jungwähler:innen tatsächlich über eines der größten Wähler:innenpotenziale in Deutschland verfügen. Mit einem Wert über dem Skalenmittelpunkt von 5 tendieren 41 Prozent der 16- bis 30-Jährigen eher zu einer Stimmabgabe für die Grünen als dagegen(Mittelwert 4,4). Die Wahlneigung zugunsten der SPD fällt ähnlich aus. So können sich 39 Prozent grundsätzlich vorstellen, ihr Kreuz bei der SPD zu machen(Mittelwert 4,6). Deutlich dahinter zurück bleibt das entsprechende Potenzial der Unionsparteien. Nur ein Drittel der 12 Vgl. zur Diskussion des PTV-Messinstruments van der Eijk et al.(2006). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 45 Jungwähler:innen zeigt eine entsprechende Wahlneigung für die CDU/CSU(33 Prozent; Mittelwert 4,0). Und auch für die FDP reicht trotz ihres überdurchschnittlichen Wahlerfolges zur Bundestagswahl das Potenzial bei den Jungwähler:innen nicht über 30 Prozent hinaus(Mittelwert 4,4). Passend zur oben beschriebenen weltanschaulichen Distanz der Jungen gegenüber der Linkspartei, vor allem aber gegenüber der AfD, fallen auch die Jungwähler:innenpotenziale der politischen Ränder im Vergleich am niedrigsten aus. Die Linkspartei zu wählen(Mittelwert 3,1), kann sich mit einem Wert über dem Skalenmittelpunkt ein Fünftel von ihnen(21 Prozent) grundsätzlich vorstellen. 15 Prozent zeigen sich offen für eine Wahl der AfD(Mittelwert 1,8). Beide Parteien sehen sich zugleich überdurchschnittlich häufig mit einer dezidierten Abneigung konfrontiert. Knapp zwei Drittel der jungen Menschen(64 Prozent) schließen mit einem Skalenwert von 0 eine Wahl der AfD für sich definitiv aus, mit Blick auf die Linke ist es immerhin knapp jede:r Dritte(31 Prozent). Die entsprechenden Werte für Union und FDP liegen bei 23 bzw. 20 Prozent. Auffällig ist mit Blick auf die Grünen, dass sich nicht nur überdurchschnittlich viele junge Wahlberechtigte eine Wahl der Partei offenhalten, sondern gleichzeitig mit Wahlwahrscheinlichkeit für Parteien(PTV) Abb. 23 Es gibt eine Reihe von politischen Parteien in Deutschland. Jede davon würde gern Ihre Stimme bekommen. Geben Sie bitte für jede der folgenden Parteien anhand einer Skala von 0 bis 10 an, wie wahrscheinlich es ist, dass Sie diese Partei jemals bei einer Bundestagswahl wählen werden. 0 steht dabei für„sehr unwahrscheinlich“ und 10 für„sehr wahrscheinlich“. ABNEIGUNG ZUSTIMMUNG 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X sehr unwahrscheinlich (unentschieden) sehr wahrscheinlich weiß nicht/ keine Ahnung/ kenne diese Partei nicht 100 CDU/CSU 75 SPD alle Angaben in Prozent Grüne 50 33 25 23 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 4,0 Ø 100 Die 75 Linke 39 15 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 4,6 Ø FDP 50 31 30 25 21 20 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 3,1 Ø 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 4,0 Ø Mittelwerte, Grundgesamtheit: Deutsche im Alter von 16 bis 30 Jahren, fehlende Werte: kenne diese Partei nicht/weiß nicht/keine Angabe 41 28 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 4,4 Ø AfD 64 15 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 X 1,8 Ø QUELLE: infratest dimap 46 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs 28 Prozent ein erheblicher Teil dies für sich auch entschieden ausschließt – ein Ergebnis, das sich auch in den Diskussionen innerhalb der Fokusgruppen immer wieder bestätigt. Eine ähnliche hohe Wahlabneigung findet sich dagegen für die SPD nicht. Nur 15 Prozent schließen für sich eine Wahl der SPD von vornherein aus, was sich wiederum in der generellen Sympathie gegenüber den Sozialdemokrat:innen im qualitativen Teil der Studie widerspiegelt. Dass die Wahlneigung junger Wähler:innen gegenüber der SPD ähnlich groß ist wie gegenüber den Grünen, obwohl die Ergebnisreihenfolge zur letzten Bundestagswahl in dieser Altersgruppe ein anderes Bild erwarten lässt, liefert bereits einen Hinweis für ein spezifisches Ausschöpfungsproblem der Sozialdemokrat:innen in den unteren Alterssegmenten. Demgegenüber deutet sich mit Blick auf die unterdurchschnittlichen Unions-Wahlneigungen junger Wahlberechtigter für die CDU/CSU bereits von vornherein ein kleineres Wählerreservoir an.  FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 47 8 SCHLUSSFOLGERUNGEN UND EMPFEHLUNGEN Unsere empirische Studie zeichnet das vielschichtige Bild einer jungen Generation, die stark von ihrer Krisenerfahrung geprägt ist. Betrachtet man die Einstellungen der befragten 16- bis 30-Jährigen zu Werten und Politik, so ist eine deutliche Einigkeit erkennbar: Es besteht ein existenzielles Bedürfnis nach Sicherheit, dies umfasst finanzielle wie soziale Sicherheit. Gleichzeitig spielen eher„postmaterielle“ Werte wie Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, gesellschaftliche Vielfalt und Klimaschutz eine starke Rolle im Leben der jungen Erwachsenen. Auch scheint sie in ihrer Analyse der gesellschaftspolitischen Entwicklungen und Ereignisse ein sehr realistischer Blick zu einen, ihre Bewältigungsstrategie im Umgang mit den Krisen ist vielfach durch Pragmatismus und die Suche nach Lösungen gekennzeichnet. Die Werte zu Demokratievertrauen sind für junge und ältere Menschen trotz der unruhigen Zeiten erstaunlich stabil. Dennoch nimmt ungefähr die Hälfte jeweils bei beiden Altersgruppen eine skeptische Position hinsichtlich des Funktionierens der Demokratie ein. In ihrer Wahlabsicht und ihrem Kommunikationsverhalten unterscheiden sich die jungen Menschen jedoch deutlich von den älteren Wähler:innen. So verorten sie sich selbst links der Mitte und befürworten daher eher politische Maßnahmen, die sie ebenfalls im progressiven Spektrum einordnen. Häufig ist es allerdings auch so, dass sie das parteipolitische Angebot nicht überzeugt und sie sich für keine Partei entscheiden können. Treffen sie eine Wahlentscheidung, lassen sich die jungen Wähler:innen von programmatischen Inhalten der Parteien, ihrer Zukunftskompetenz und Regierungsfähigkeit leiten. Abgeleitet aus den Ergebnissen unserer Studie lassen sich fünf zentrale Empfehlungen ziehen: 1 Junge Menschen schreiben der Politik eine hohe Alltagsrelevanz für ihr eigenes Leben zu. Was sie hingegen nicht sehen, ist, dass Politik auch für sie – und nicht nur die Älteren – gemacht wird. Von den meisten Parteien fühlen sie sich weder gesehen noch angesprochen. Dabei geht es ihnen explizit nicht nur um vermeintliche „jugendpolitische Themen“. Politische Akteur:innen sollten daher auch die finanziellen Sorgen junger Erwachsener adressieren und politische Angebote zu den Themen Rente und Alterssicherung sowie Wohnen auch aus Sicht junger Menschen machen. 2 Die Parteibindung junger Wähler:innen ist häufig noch nicht so stark ausgeprägt wie die der älteren Generationen. Zudem ist der Anteil der Nichtwähler:innen unter den jungen Menschen im gesamtgesellschaftlichen Vergleich höher als bei älteren Wählergruppen. Als häufigen Grund für die Nichtwahl gaben die jungen Menschen an, dass es keine politische Partei gäbe, die ihren Vorstellungen entspreche. Mit einer klaren Programmatik, die soziale und klimapolitische Fragen verbindet, steigt die Attraktivität von politischen Parteien bei jungen Menschen. 3 Die 16- bis 30-Jährigen bewegen sich mit einem gesunden Misstrauen gegenüber Algorithmen und Fake News im digitalen Raum. Für die eigene Meinungsbildung suchen junge Menschen nach objektiven Formaten, die einen neutralen Überblick zu parteipolitischen Positionen bieten. Häufig wurde der Wahl-O-Mat zur politischen Orientierung vor Wahlen genutzt, aber auch Formate der öffentlich-rechtlichen Medien wurden positiv bewertet. Insbesondere zur parteipolitischen Abgrenzung in Wahlzeiten sollten diese Angebote ausgeweitet werden. 4 Parteien sollten dort kommunikativ auftreten, wo junge Menschen unterwegs sind: in den sozialen Netzwerken – und hier sollten sie auch mit gezielten Formaten angesprochen werden. Dabei geht es in erster Linie um Authentizität, keine durchgestylten Kanäle, sondern den/ die Politiker:in als Mensch, der/die einen Blick in seinen/ihren Alltag als Politiker:in gewährt und politische Einordnungen kurz und knapp vornimmt. Die Ansprüche sind dabei hoch: Einerseits wird erwartet, dass Abgeordnete über Expertise verfügen, gleichzeitig sollen sie nicht abgehoben daherkommen, möglichst natürlich auftreten und eine verständliche Sprache benutzen. 5 Die Schule als erster Lernort der Demokratie darf nicht unterschätzt werden. Sofern Politik im Elternhaus keine besondere Rolle einnimmt, kommen Schüler:innen hier das erste Mal mit Politik in Berührung. Auf diese Erfahrung wird im späteren Leben negativ wie positiv immer wieder Bezug genommen. Ein praxisorientierter, mit Planspielen und mit Einbindung lokaler Politiker:innen kombinierter Sozialkundeunterricht ist eine nachhaltige Investition in unsere Demokratie. Zudem sollten auch außerschulische politische Bildungsangebote sowie weitere Beteiligungsmöglichkeiten gestärkt werden, da der Bedarf an interaktiven und vertrauenswürdigen Informations- und Lernorten zu Politik und Demokratie auch über die Schulzeit hinaus groß ist.  48 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs KURZZUSAMMENFASSUNG DER STUDIENERGEBNISSE HOHE LEBENSZUFRIEDENHEIT, ABER STARKE BEUNRUHIGUNG ÜBER DIE VERHÄLTNISSE IN DEUTSCHLAND • Drei Viertel der Jungwähler:innen sind beunruhigt über die Verhältnisse in Deutschland(74 Prozent), damit sind sie beunruhigter als alle Wahlberechtigten in Vergleichserhebungen im Januar 2023. Bei den Anhänger:innen der Ampelpartein gibt es noch die höchsten Zuversichtswerte(SPD: 32 Prozent, Grüne: 31 Prozent, FDP: 25 Prozent), aber auch hier überwiegt die Beunruhigung. Frauen sind weniger zuversichtlich als Männer(14 vs. 23 Prozent), Bildungsunterschiede hingegen treten kaum hervor. • Insgesamt herrscht jedoch unter den 16- bis 30-Jährigen eine sehr hohe Lebenszufriedenheit(85 Prozent). So werden die Bildungssituation(85 Prozent) ebenso wie die familiäre(84 Prozent) und die Wohnsituation (80 Prozent) als sehr positiv eingeschätzt. Etwas weniger zufrieden ist man mit der beruflichen Perspektive (76 Prozent) und mit der finanziellen Situation(62 Prozent). Junge Frauen sind etwas unzufriedener mit ihrer finanziellen Situation als junge Männer, und mit dem formalen Bildungsgrad steigt auch die Zufriedenheit mit der finanziellen Situation. Wenig überraschend sind Anhänger:innen der Ampelparteien und Union am zufriedensten mit ihrem Leben, Anänger:innen der Linken und AfD sind in allen Bereichen etwas abgeschlagen. • Finanzielle und soziale Sicherheit sind für junge Erwachsene die wichtigsten Werte, aber auch gesellschaftliche Empathie ist stark ausgeprägt, während egoistische Einstellungen eher im Hintergrund stehen: Am wichtigsten ist jungen Erwachsenen über alle demografischen Gruppen hinweg ein sicheres Einkommen(88 Prozent) und gute Freund:innen(87 Prozent) zu haben. Darauf folgen Familienleben, gesellschaftlicher Respekt und sozial Benachteiligten zu helfen sowie Meinungsvielfalt zu tolerieren. Am wenigsten wichtig ist jungen Menschen das Streben nach Macht und Einfluss(33 Prozent) und politisches Engagement(43 Prozent). Soziodemografische Unterschiede sind gering, deutlichere Unterschiede gibt es hinsichtlich der Parteianhängerschaft. Linke und Grüne auf der einen und AfD-Anhänger:innen auf der anderen Seite bilden gegensätzliche Pole hinsichtlich ideelllibertärer bzw. konservativ-autoritärer Werte. Für Linkeund Grüne-Anhänger:innen ist Diversität der wichtigste Wert, noch vor einem sicheren Einkommen, dem abgeneigt gegenüber stehen mit großem Abstand die AfDAnhänger:innen. Ähnlich verhält es sich bei umweltbewussten Aspekten und der Wahrung von Traditionen. STABILE DEMOKRATIEZUFRIEDENHEIT, ABER KRITIK AN FUNKTIONSDEFIZITEN • Die junge Generation ist nicht demokratieskeptischer als ältere Generationen: Die Hälfte der Jungwähler:innen(51 Prozent) ist grundsätzlich zufrieden mit dem Funktionieren der Demokratie, verglichen mit der wahlberechtigten Bevölkerung im DeutschlandTREND der ARD vom Oktober 2022 entspricht dies demselben Niveau. Junge Männer sind etwas zufriedener mit der Demokratie als Frauen(53 vs. 48 Prozent), erhebliche Auswirkungen hat das formale Bildungsniveau: Formal hoch Gebildete(61 Prozent) sind sehr viel zufriedener mit der Demokratie als mittel(37 Prozent) und niedrig(36 Prozent) Gebildete. Grünen-Anhänger:innen sind am zufriedensten(78 Prozent), von den Af DAnhänger:innen sind es nur zwölf Prozent. Auch bei jungen Ost- und Westdeutschen unterscheiden sich die Demokratiezufriedenheitswerte, allerdings sind diese nicht so stark ausgeprägt wie in den älteren Generationen, was auf eine Annäherung zwischen Ost und West hindeuten kann(44 Prozent der jungen Ostdeutschen sind zufrieden, während nur 35 Prozent der älteren ostdeutschen Generation zufrieden mit der Demokratie sind). • Jungwähler:innen sind zu großer Mehrheit von der Notwendigkeit politischer Parteien für das Funktionieren der Demokratie überzeugt(82 Prozent). Allerdings äußern sie auch deutliche Kritik an Politik und Parteien. So bemängeln knapp zwei Drittel(65 Prozent) fehlende Beteiligungsmöglichkeiten in der Politik. Etwas mehr als die Hälfte(52 Prozent) ist von keiner der im Wettbewerb stehenden Parteien überzeugt, für knapp 40 Prozent ist die Sprache der Politiker:innen ein Problem. Nur jede:r Vierte(26 Prozent) ist der Ansicht, dass Parteien offen für die Ideen junger Menschen seien und nur jede:r Fünfte(20 Prozent) glaubt, dass die Politik Sorgen junger Menschen ernst nimmt. Ebenfalls jede:r Fünfte(19 Prozent) gibt an, gar kein Verständnis von der Rolle politischer Parteien zu haben, bei den jüngsten(16 bis 18 Jahre) und den niedrig Gebildeten ist es sogar jede:r Dritte. Junge Frauen äußern sich in der Tendenz etwas politikferner als junge Männer. • Politik spielt im Leben der 16- bis 30-Jährigen eine erhebliche Rolle. Knapp 60 Prozent der Jungwähler:innen vertreten die Einschätzung, Politik habe einen starken Einfluss auf ihr Leben. Im untersten Alterssegment der 16- bis 18-Jährigen ist dies etwas schwächer ausgeprägt. Mit höherer formaler Bildung steigt die Annahme des politischen Einflusses. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 49 • Allerdings wird die eigene Selbstwirksamkeit, Einfluss auf politische Themen nehmen zu können, geringer eingeschätzt. Weniger als die Hälfte(45 Prozent) ist der Ansicht, selbst politischen Einfluss geltend machen zu können. Formal niedrig und mittel Gebildete sind hier besonders kritisch. Unter den Parteianhängerschaften zeigen sich deutliche Unterschiede: Während Anhänger:innen der SPD(60 Prozent) und Grünen(57 Prozent) sehr viel überzeugter von der eigenen Selbstwirksamkeit sind, sinkt diese bei Linken-(50 Prozent), FDP-(50 Prozent) und Unions-Anhängern:innen(46 Prozent). POLITISCH LINKS DER MITTE UND EIN DIFFERENZIERTER BLICK AUF DAS PARTEIENANGEBOT • Auf der Links-Rechts-Skala positionieren sich junge Menschen leicht links der Mitte, junge Frauen und höher Gebildete schätzen sich noch mal etwas linker als der Durschnitt ein. Zur Verortung der Parteien auf der Links-Rechts-Skala: Die Linke wird weit links positioniert, gefolgt von den Grünen, die SPD ist links der Mitte, die FDP befindet sich in der Mitte, die Unionsparteien rechts davon, die AfD ist weit rechts einsortiert. Höher gebildete junge Erwachsene geben rechten und linken Parteien polarisierendere Werte, während niedriger Gebildete die Linke und AfD leicht moderater einschätzen. Während AfD-Anhänger:innen alle anderen politischen Parteien deutlich linker einstufen, selbst die Unionsparteien werden als links der Mitte verortet, schätzen Grünen- und Linken-Anhänger:innen konservative Parteien und die AfD als sehr viel rechter ein. Vergleicht man die politische Selbstpositionierung mit parteipolitischer Verortung der Parteianhänger:innen, so ist auffällig, dass sich Anhänger:innen der Linken, der Grünen, SPD, FDP, CDU, CSU mittiger positionieren als ihre jeweiligen Parteien(die sie eher links bzw. rechts einstufen). Selbst die AfD-Anhänger:innen sehen sich eher in der politischen Mitte vertreten als ihre Partei, die sie sehr viel weiter rechts einschätzen. • Befragt nach Policy-Präferenzen entlang gesellschaftlicher Konfliktdimensionen stimmen junge Erwachsenen bei drei Maßnahmen progressiven Positionen zu: Gleichberechtigung(88 Prozent), Klimaschutz(78 Prozent), stärkere Besteuerung von hohen Einkommen(77 Prozent). Die Einhaltung der Schuldenbremse wird als eine Maßnahme rechts der Mitte verortet und erhält entgegen der grundsätzlichen Links-Positionierung eine Zustimmung von fast zwei Dritteln der Befragten. Eine Begrenzung der Einwanderung wird als klar rechte Maßnahme eingestuft – hier ist die Jungwählerschaft in ihrer Unterstützung jedoch gespalten(sie wird von 49 Prozent unterstützt). • Bei der Bewertung und Verortung der deutschen Parteien nutzen viele junge Menschen nicht nur die Rechts-Links-Unterteilung, sondern erachten zusätzliche Merkmale als besonders wichtig wie die Jugendlichkeit, den Altersdurchschnitt oder auch das Geschlechterverhältnis der Parteimitglieder und Funktionär: innen. Grundsätzlich wirken die Parteien im mittleren Bereich auf die meisten Teilnehmenden sympathischer und seriöser, sie werden zusätzlich weitaus mehr wahrgenommen als die Parteien am politischen Rand. Insgesamt ist der Blick auf die unterschiedlichen Parteien sehr differenziert und basiert insbesondere auf dem Kriterium, wie„jung“ eine Partei wirkt und ob man sich so von ihr angesprochen und vertreten fühlt. JUNGE MENSCHEN SIND FÜR POLITISCHE INHALTE ERREICHBAR • Die Berührungspunkte mit Politik sind vielfältig: zuvorderst durch den alltäglichen Medienkonsum(80 Prozent), gefolgt von Social-Media-Nutzung(72 Prozent) und Gesprächen im persönlichen Umfeld(72 Prozent) sowie Gesprächen im schulischen/beruflichen Kontext (66 Prozent). Anders als vermutet, spielt der direkte Austausch über Politik nach wie vor eine zentrale Rolle für junge Menschen. Im Altersverlauf verändert sich das Kommunikationsverhalten: Für die über 23-Jährigen nehmen Gespräche im persönlichen Umfeld zu, die Nutzung der sozialen Medien ist bei den 18- bis 26-Jährigen am stärksten ausgeprägt. Die Jüngsten(16- bis 18-Jährigen) kommen in der Schule am stärksten mit politischen Inhalten in Berührung. AfD-Anhänger:innen haben die wenigsten Berührungspunkte mit Politik, die der Linken am stärksten. HAUPTWAHLMOTIVE: INHALTE, ZUKUNFTSKOMPETENZ UND REGIERUNGSFÄHIGKEIT • Rückblickend ist für junge Wähler:innen bei der Bundestagswahlentscheidung 2021 die inhaltliche Position der Partei der wichtigste Faktor(88 Prozent) gewesen. Dem folgen die Problemlösungsfähigkeit der Partei(82 Prozent), ihre Regierungsfähigkeit(76 Prozent) sowie das eigene Bauchgefühl(72 Prozent). Koalitionsbündnisse(62 Prozent), Spitzenkandidat:in(51 Prozent), affektive Parteinähe(39 Prozent) und schließlich das Wahlverhalten des Umfelds(26 Prozent) rangieren auf den hinteren Plätzen. Es zeigen sich wenig soziodemografische Unterschiede. Lediglich bei den formal niedriger Gebildeten sticht heraus, dass das eigene Umfeld stärkeren Einfluss auf die Wahlentscheidung hat. Hinsichtlich Parteianhängerschaft ist auffällig, dass Linkenund Grünen-Anhänger:innen das programmatische Angebot am wichtigsten ist, während der/die Spitzenkandidat:in in den Hintergrund tritt. 50 KRISENERWACHSEN  MAI 2023  FES diskurs WÄHLER:INNENPOTENZIAL FÄLLT UNTERSCHIEDLICH FÜR DIE PARTEIEN AUS • Unter den 16- bis 30-Jährigen verzeichnen die Grünen (41 Prozent) und die SPD(39 Prozent) das höchste Wähler:innenpotenzial. Die kleinsten Potenziale finden sich bei den Linken mit 21 Prozent und mit 15 Prozent bei der AfD. Interessant ist auch ein Blick darauf, welcher Anteil die Wahl einer bestimmten Partei kategorisch ausschließt. Die größte klare Ablehnung erfährt die AfD(64 Prozent), gefolgt von der Linken(31 Prozent) und den Grünen(28 Prozent). Die anderen Parteien folgen dann mit einigem Abstand(CDU 23 Prozent und FDP 20 Prozent). Lediglich 15 Prozent können sich auf keinen Fall die eigene Stimmabgabe für die SPD vorstellen.  FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 51 ABBILDUNGSVERZEICHNIS 7 Abbildung 1 Verhältnisse in Deutschland 8 Abbildung 2 Verhältnisse in Deutschland – Parteianhänger:innen 9 Abbildung 3 Zufriedenheit mit Lebensbereichen 10 Abbildung 4 Zufriedenheit mit Lebensbereichen – Bildung 11 Abbildung 5 Wertorientierungen 13 Abbildung 6 Wertorientierungen – Parteianhänger:innen 15 Abbildung 7 Demokratiezufriedenheit 16 Abbildung 8 Demokratiezufriedenheit: West/Ost 17 Abbildung 9 Einstellungen zur Politik 18 Abbildung 10 Einfluss von Politik 21 Abbildung 11 Links-Rechts-Selbsteinstufung 22 Abbildung 12 Policy-Positionen 24 Abbildung 13 Links-Rechts-Einstufungen Parteien 25 Abbildung 14 Links-Rechts-Einstufungen: Parteiverortung und Selbstverortung – Parteianhänger:innen 31 Abbildung 15 Berührungspunkte mit Politik im Alltag 36 Abbildung 16 Bundestagswahl 2021: Motive der Wahlentscheidung 37 Abbildung 17 Bundestagswahl 2021: Motive der Wahlentscheidung – Bildung 38 Abbildung 18 Bundestagswahl 2021: Gründe für Nichtwahl 41 Abbildung 19 Zusammenhang Sozialdemografie und Parteiwahl 42 Abbildung 20 Zusammenhang Werte und Parteiwahl 43 Abbildung 21 Zusammenhang politische Einstellung und Parteiwahl 44 Abbildung 22 Zusammenhang Wahlgründe und Parteiwahl 46 Abbildung 23 Wahlwahrscheinlichkeit für Parteien(PTV) LITERATURVERZEICHNIS Aarts, Kees; Van Ham, Carolien; Thomassen, Jaques 2017: Modernization, Globalization, and Satisfaction with Democracy, in: Van Ham, Carolien; Thomassen, Jaques; Aarts, Kees; Andeweg, Rudy(Hrsg.): Myth and Reality of the Legitimacy Crisis: Explaining Trends and Crossnational Differences in Established Democracies, Oxford, S. 37–58. 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Ein Blick auf die Dynamik der wechselnden Parteipräferenzen in der politischen Mitte LINK Junge Menschen zur Wahl 2021: Wie schauen junge Menschen in Deutschland vor der Bundestagswahl 2021 auf aktuelle gesellschaftliche Fragen? LINK Wie schauen junge Menschen in Deutschland auf die Rolle des Staates? LINK Zurück in die Zukunft? Gesellschaftliche Vorstellungen für eine Politik nach der Pandemie LINK Die Krise trifft uns alle – gleich? Politik für und mit Jugendlichen in der Corona-Pandemie LINK Gesellschaft im Corona-Stresstest: Sorgen und Hoffnungen in Zeiten der Pandemie LINK FES-INTERNETANGEBOTE FES-Themenportal„Jugend“ LINK FES-Empirische Sozial- und Trendforschung LINK Volltexte und weitere Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung unter www.fes.de/publikationen Impressum © 2023 Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeberin: Abteilung Analyse, Planung und Beratung Godesberger Allee 149, 53175 Bonn www.fes.de/apb Kontakt/Bestellung: C.Yakar@fes.de Titelbild: picture alliance/Photoshot Gestaltungskonzept: www.leitwerk.com Umsetzung / Satz: www.stetzer.net Gestaltung Grafiken: www. ixtract.de Lektorat: Sönke Hallmann Druck: Druckerei Brandt GmbH, Bonn ISBN: 978-3-98628-315-5 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-­Stiftung. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Wie blicken junge Wähler:innen auf Politik, Parteien und Gesellschaft? Welche politischen Einstellungen haben sie, was ist ihnen wichtig, wie treffen sie ihre Wahlentscheidung? Und welche Bedeutung haben dabei die vielfältigen Krisen wie die Klimakatastrophe, der Krieg in Europa und die Folgen der Coronapandemie, die das Aufwachsen junger Menschen prägen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer empirischen Untersuchung, die die Meinungsforschungsinstitute infratest dimap und Kantar Public im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung Ende 2022/Anfang 2023 durchgeführt haben. Die Ergebnisse zeichnen ein vielschichtiges Bild einer jungen Generation, die in Krisen aufwächst, realistisch auf die Welt und ihr Leben blickt und von der Politik mehr gehört werden möchte. ISBN 978-3-98628-315-5