MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG OKT 2023 Die Industriepolitik von der Energiepolitik emanzipieren – Plädoyer für einen neuen strategischen Ansatz AG Energie und Umwelt im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung • Die Zeit billiger Energie ist mit dem Ukrainekrieg vorbei • Erneuerbare Energien senken die Energiekosten – aber nicht nur bei uns • Energiekosten senken ersetzt keine Industriepolitik • Industriepolitik schützt Wertschöpfungscluster und stärkt Resilienz • Die nötige Neuaufstellung von Industriepolitik orientiert sich strategisch an Innovation und Transformation • Es gibt genügend Kernkompetenzen für die Märkte von morgen • Wichtigste Staatsaufgaben: Bildung, Forschung, Infrastruktur, Digitalisierung Der Wertschöpfungsanteil der Industrie wie auch des verarbeitenden Gewerbes am BIP lag 2022 in Deutschland bei 23,5%. Unverändert belegte Deutschland damit einen sehr guten Platz in Europa, nicht zuletzt im Vergleich zu Frankreich(13,3%), den Niederlanden(17,0%), Spanien(17,6%) oder Italien(20,5%). Allerdings lag Deutschland – u.a. hinter Ländern wie Polen(27,6%), Tschechien(27,0%) oder Rumänien(24,8%) – nur auf Platz 9, während es in den Jahren 2017 bis 2019 immerhin noch Platz 5 belegte. 1 Wie selbstverständlich versteht sich Deutschland als ein Industrieland mit hohem Wohlstand und mit vergleichsweise vielen tariflichen, also sozial gut abgesicherten und gut bezahlten Arbeitsplätzen. Doch das Bild bekommt Risse, in diesem Sommer nicht zuletzt durch die Konjunkturprognose des Internationalen Währungsfonds. Der IWF sieht Deutschland 2023 mit einem Wachstum von-0,3% auf dem letzten Platz der Reihe der 1 Eurostat: Gliederung des Bruttoinlandsprodukts und Einkommens nach A*10 Wirtschaftsbereichen(online Datencode: NAMA_10_A10); https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser; Irland bringt es gar auf einen Anteil von 41,1%. neun fortgeschrittenen Volkswirtschaften. 2022 lag Deutschland auf dem vorletzten Platz, und erst 2024 wird mit einer Erholung gerechnet. 2 Und der Economist fragte am 19. August 2023: Is Germany once again the sick man of Europe? Selbst wer das für übertrieben hält oder in Rechnung stellt, dass diejenigen Länder, die jetzt gut dastehen, weniger gut als Deutschland durch die Zeit der Corona-Krise gekommen sind, weil da die Energiepreise niedrig waren und industrielle Produktion weniger personalintensiv und coronaanfällig war – die Sorgen sind begründet. All das hat verständlicherweise die Diskussion über die industrielle Basis in Deutschland, über Industriepolitik und über Energie-, vor allem aber Industriestrompreise verstärkt. Sehr zu Recht hat die Energiepreiskrise im Gefolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine die Frage nach der Bedeutung günstiger Energiepreise für die Industrie und für den Wohlstand in Deutschland auf die Tagesordnung gebracht. Auch die AG Energie und Umwelt des Managerkreises hat dieses Thema zu einem der Schwerpunkte des Jahres 2023 gemacht. Auf der Basis der energiewirtschaftlichen und-politischen Expertise der Mitglieder sind die oben genannten Thesen entwickelt worden: Die Energiepreise Dass das verarbeitende Gewerbe ganz allgemein, vor allem aber die Industrie und per definitionem die energieintensive Industrie hoch energiepreissensibel sind, versteht sich von selbst. Schon mit den ersten Preissprüngen nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine begann eine Debatte über die Preise für Strom, Gas und Wärme, ganz gleich ob für Haushalte, Gewerbe oder Industrie. Auf EU-Ebene wurde sie zunächst im Rahmen der Überlegungen zur Reform des Energiemarktes geführt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellte die Frage hoher Strompreise an den Ausgangspunkt ihrer eigenen Überlegungen zu einer Neufassung des Energie- und insbesondere Strommarktdesigns. Sie versprach eine Reform des europäischen Strommarkts, von der vor allem Konsument_innen profitieren sollen. hat sich heute tatsächlich als effizientester Mechanismus bei der der langfristigen Steuerung des Ausbaus von Erzeugungsinfrastruktur erwiesen. Im Kern lief von der Leyens Vorschlag auf derselben Spur wie der einiger Mitgliedstaaten im Rahmen der Debatte um das künftige Strommarktdesign. Griechenland, Spanien und Frankreich ging es beispielsweise darum, die in der Tat niedrigen Grenzkosten von Erneuerbaren Energien(und Kernenergie) in einem eigenen Marktsegment in Marktpreise zu übersetzen – was erhebliche Verwerfungen im Strommarkt und bei der Finanzierung von Erzeugungsanlagen nach sich gezogen hätte. Denn Erneuerbare Energien sind zwar preisgünstig bezogen auf die Betriebskosten, sie müssen aber ihre Kapitalkosten verdienen. Dazu benötigen sie entweder inframarginale 3 Erlöse oder anderweitige belastbare Mittelzuflüsse, wie z. B. durch eine öffentliche Förderung. Überdies sind Wind und PV volatil und müssen durch steuerbare Anlagen bzw. Investitionen in Speicherlösungen abgesichert werden. 4 Heute sind derlei Konzepte auf EU-Ebene weitgehend vom Tisch. De facto hat die Kommission keine Abschaffung oder Spaltung der Merit Order vor. Vielmehr beabsichtigt sie aus guten Gründen die Stärkung langfristiger gegenüber kurzfristigen oder außerbörslichen Strommarktkontrakten. Es geht ihr darum, dauerhaft niedrigere und weniger volatile Strompreise zu erreichen und hierzu Langfristkontrakte und -absicherungen zu stärken. Demgegenüber war der Strommarkt bis Ende 2021 in der corona-bedingten Erwartung weiter sinkender Gas- und Strompreise ziemlich eindeutig auf kurze Fristen und den außerbörslichen OTC-Handel einjustiert. Als sich – noch vor Ausbruch des Ukrainekrieges – erste nicht gedeckte Nachfragespitzen zeigten, begannen die Preise bereits zu steigen. Weder der Versuch also, durch eine Spaltung der Merit Order künftig niedrige Preise zu erreichen, noch Wetten auf niedrige Preise retten das bis Ende 2021 auf der Basis von billigem Gas erreichte, extrem günstige Preisniveau. Wie man es dreht oder wendet: Eindeutig ist nur, dass das Preisniveau absehbar nicht wieder so niedrig sein wird, wie vor dem Einmarsch Die Präsidentin problematisierte jedoch ein ehernes Prinzip des Strommarktes, die Merit Order. Bei diesem Grundprinzip des Strommarktes bestimmen die kurzfristigen Grenzkosten der Erzeugung die Reihenfolge des Kraftwerkseinsatzes. Das 2 https://www.imf.org/en/Blogs/Articles/2023/07/25/global-economyon-track-but-not-yet-out-of-the-woods. 3 Inframarginale Erlöse entstehen zwischen den eigenen Grenzkosten und den Marktpreisen. 4 Kernenergie ist nur limitiert verfügbar, pannenanfällig und als Neubauten kaum bezahlbar. 50Hertz hat unlängst in einer Studie gezeigt, dass auf der Basis von EE ein Strompreis von 10 ct inkl. Besicherung möglich ist.(„Grüne Grundlastfähigkeit für die Industrie“. https://www.50hertz. com/Portals/1/Images/04%20Infografiken/20230626_50Hertz_Pressemitteilung_Gru%CC%88ne_Grundlast_final%20(1).pdf) S 2 Russlands in die Ukraine. Erst recht übrigens nicht ohne Energiewende. Denn nur Erneuerbare Energien werden dauerhaft nicht mit hohen CO 2 -Preisen belastet sein und(hoffentlich) vom Einflussbereich Dritter unabhängig sein. Nur Erneuerbare Energien werden dauerhaft nicht durch Knappheitspreise beeinflusst sein. Und Wind und Photovoltaik weisen einen klaren Kostenvorsprung auf vor allen anderen neuen Erzeugungsanlagen. Selbst ohne CO 2 -Preisaufschlag und erst recht vor der Kernenergie, wie die„Lazard’s Levelized Cost of Energy“-Analyse ganz eindeutig zeigt. Aber: Die klimatischen Bedingungen für die Produktion von Erneuerbarer Energie sind in anderen Teilen der Welt ganz eindeutig besser als in Deutschland(und auch in den meisten Teilen Europas). Und zwar – am Beispiel der PV kann man das gut zeigen – nicht nur in Ländern mit schwierigen politischen Bedingungen, sondern auch in Ländern mit guter Infrastruktur, gutem Ausbildungsstand usw., zum Beispiel in ganz Australien, im kompletten Südwesten der USA, in Chile, Brasilien, Südafrika, Namibia, oder auch im Maghreb. Die Sonnenintensität ist dort um den Faktor 2,5 bis 3 höher als in DeutschBandbreite LCOE aktuell(ct/kWh, subventionsfrei) ct/kWh 30,0 25,0 20,0 15,0 10,0 6,8 5,0 0,0 2,2 onshore Wind 12,7 8,7 9,2 9,3 10,4 6,6 2,2 3,5 4,2 3,8 grob erke) Groß PV aftw cher Speicher offshore (Gaskr D Spei PV + nshore + o Wind Gu Wind 25,7 20,1 20,1 15,1 16,8 10,5 12,8 10,6 6,2 4,5 Ko PV Q h u le ar Gas ti P e e r aker Nuklear fdach-HH PV Au Quelle: Lazard’s Levelized Cost of Energy Analysis, Version 16.0, April 2023, S. 2.; eigene Darstellung; US$/€: 0.91. Quelle: Weltbank Long-term average of photovoltaic power potential(PVOUT) Daily totals: 2.0 2.4 2.8 3.2 3.6 4.0 4.4 4.8 5.2 5.6 6.0 6.4 Yeraly totals: 730 876 1022 1168 1314 1461 1607 1753 1899 2045 2191 2337 S 3 land. Anders ausgedrückt: Während in Deutschland PV in Freiflächenanlagen etwa zu 4 bis 5 ct/kWh produzieren kann (Tendenz steigend wegen Fachkräftemangel, Lieferkettenproblemen und Finanzierungskosten), kostet die Erzeugung anderswo kaum 2 ct/kWh. Natürlich kommen da noch die Besicherung und die Infrastruktur hinzu, Speicher und vieles mehr. Fluktuierende Erneuerbare allein reichen nicht. 1. Eckpunkte einer neuen, strategischen Industriepolitik Dauerhaft erfolgreich ist wirtschaftlich nur, wer seine Kernkompetenzen auf die Märkte von morgen bringt. Das gilt für Geschäftsfeldentwicklungen ebenso wie für Unternehmen oder ganze Volkswirtschaften. Die alte Boston-ConsultingMatrix ist ein gutes Instrument, das zu verstehen. Denn klar ist: Unser – bis dato sicher geglaubter – Wohlstand hat Erdgas als Stütze verloren. Großhandelspreise von 1,4 bis 2,1 ct/kWh wie im Verlauf der Jahre 2016 bis 2020 werden wir nicht mehr sehen. Wir werden vielmehr bei Gas im Bereich von 4 bis 5 ct/kWh liegen(aktuell liegen die Jahresfutures an den Börsen für die Jahre 2024 bis 2026 zwischen 3 und 5 ct/kWh, bei Strom entsprechend zwischen 11 und 14 ct/kWh 5 ). Damit verliert aber auch unsere bisherige Strategie, der energieintensiven Industrie gleichsam reine Großhandelspreise durch allerlei Ausnahmen zu verschaffen, ihre Wirksamkeit. Es wird nicht mehr ausreichen, dass die Industrie fast keine Umlagen, fast keine Abgaben und fast keine Netzentgelte zahlt, wenn in rechtssicheren Demokratien die Commoditypreise niedriger sind. Mal ganz abgesehen davon, dass diese Ausnahmen schon in der Vergangenheit beihilferechtlich immer hoch umstritten waren. Einführungsphase Wachstumsphase Orientieren Auswählen Sättigung/ Degeneration Investieren Reifephase Desinvestieren Abschöpfen niedrig relativer Marktanteil hoch Politische Herausforderungen Der unbestreitbare Erfolg unserer Volkswirtschaft in den vergangenen 20 Jahren basierte auf Voraussetzungen, die nicht dauerhaft zu sichern sind. Die Konzentration auf energiepolitische Regelungen war in der Vergangenheit erfolgreich, hat aber zugleich eine strukturierte und strategische Wirtschafts- und Industriepolitik ersetzt. Nicht etwa eine hoch wettbewerbsfähige Industriestruktur, sondern ein niedriger Gaspreis, gepaart mit Ausnahmen und mit der Aussicht auf eine Energiewende, die für niedrige Preise sorgt, waren der Garant des Erfolgs. Das haben wir umso überzeugter geglaubt, als wir ignoriert haben, dass Energiepreise nur mit der Energiewende beherrschbar bleiben – und nicht ohne. Und weil nun die Voraussetzungen andere geworden sind, hat diese These eine Reihe von Konsequenzen: 5 Marktdaten z.B. bei: https://www.energate-messenger.de/markt/ strom/preisgruppe/174994/eex-phelix-de-futures-base bzw. https://www.energate-messenger.de/markt/gas-oel-und-wasserstoff/preise/208565/ice-natgas-futures-apr-27 Quelle: eigene Darstellung Jedes neues Geschäft beginnt dort, wo das Marktwachtum klein ist und der relative Marktanteil gering. Das ist mit Fragezeichen verbunden. Aber der Unternehmer glaubt an die Zukunft, investiert, mal verliert er, mal aber schafft er oder sie es, den Markt zu entwickeln. Zwar müssen die Anfangsinvestitionen und die Abschreibungen verdient werden. Aber es gibt Nachahmer, die zeigen, dass der Weg richtig ist. Die Nachahmer machen weniger Fehler, müssen aber den Markt für sich noch erobern. Und man selbst wird der rising star. Der Markt wächst, der eigene Marktanteil relativ wie absolut auch. Und irgendwann sind die Abschreibungen verdient. Das eigene Wachstum kommt an seine Sättigung und die Nachahmer sind einem immer dichter auf den Fersen. Das ist die Zeit der Reife, das Geschäft ist zur Cash-Cow geworden. Die klassische Unternehmensstrategie ist dann die Abschöpfung, die Desinvestition. Hieraus wird die Reinvestition in neue Fragezeichen finanziert. Wenn nicht, droht die Degeneration. Man kommt auf den sprichwörtlichen Hund. Nun gibt es naturgemäß Grenzen der Übertragbarkeit strategischer Geschäftsfeldentwicklung auf ganze VolkswirtS 4 schaften. Vor allem entstehen diese nicht auf der grünen Wiese. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass ein beträchtlicher Teil unseres Wohlstandes auf Cash-Cows basiert, die wir mit viel Geld davor bewahren, unterzugehen. Dies ist Geld, das uns bei Innovationen fehlt. hat es auch nicht geschafft, sich aus sich selbst heraus zu begründen. Geht es um Arbeitsplätze? Geht es um gute Arbeit mit Tarifbindung? Geht es um die Steigerung der Resilienz Europas? Geht es um bestimmte Grundstoffe? Brauchen wir die überhaupt? Nun ist der Umgang mit Cash-Cows nicht leicht. Vor allem mit solchen, deren Position gefährdet ist. Mit ihnen sind politische Strukturen verbunden, Cluster und Kompetenzen. Entweder es gelingt, sie an die gewandelte Wettbewerbssituation anzupassen – oder man kommt tatsächlich nicht umhin, sich von ihnen zu trennen, zu desinvestieren. Dass unsere Volkswirtschaft in die Situation kommt, in einem industriellen Kernbestand derart unter Druck zu geraten, ist dem Mangel an innovationsorientierter Industriepolitik der vergangenen Jahre geschuldet. Allzulange haben wir in Deutschland Industriepolitik auf Energiepolitik reduziert, darauf, die energieintensive Industrie vor Kosten zu bewahren. Das hat aber auch den industriepolitisch nötigen Handlungs- und Lösungsraum reduziert. Der Ukrainekrieg hat die Grenzen dieses Ansatzes geklärt. Damit dergleichen nicht wieder passiert, sind Innovationsbrücken nötig. Strategische Innovation oder klimapolitische Transformation sind Kriterien, die den eigentlichen Kern von Industriepolitik ausmachen. Deswegen ist das auch zu Recht eine Bedingung des von der SPD-Fraktion vorgeschlagenen Industriestrompreises. Nicht mehr einfach Energiepreise nach unten anpassen, sondern die Unterstützung an Anpassung und an Innovation knüpfen. Die Orientierung am Netto-NullIndustrie-Konzept und grünen Industrieplan der EU ist richtig. Zielsetzung muss sein, solche Technologien nach vorn zu bringen, die Klimaneutralität ermöglichen und solche, die dies dann für klimaneutrale Produkte nutzen können. Die Nutzung des Klima- und Transformationsfonds ist hierzu das geeignete Instrument. Denn hier finanzieren klimabelastende Aktivitäten solche, die das Klima schützen. 2. Zielsetzungen einer neuen Industriepolitik Aber auch das geht nicht endlos. Es wird(Teile von) Industrien geben, für die selbst die besten Erneuerbaren-Energie-Preise nicht reichen oder die weder innnovations- noch transformationsfähig oder-willig sind. Industrien, die hierzulande trotz aller Bemühungen im Wettbewerb mit den entsprechenden Industrien an anderen Standorten mit besseren Bedingungen für Erneuerbare Energien ohne Chancen sind. In letzter Konsequenz bedeutet das auch, sich von solchen Bereichen zu trennen. Die oben so genannte als Energiepolitik getarnte alte Industriepolitik hat es nicht geschafft, für Innovation zu sorgen. Sie Innovative Industriepolitik ist natürlich keine, die blind für die Folgen Wertschöpfung exportiert – auch wenn – wie gesagt – bestimmte Industriezweige nicht aus sich heraus überzeugen oder gegenüber Standorten mit besseren Bedingungen für Erneuerbare Energien das Nachsehen haben. Innovative Industriepolitik muss zeigen, dass sie eine strategische Funktion erfüllt, wenn wir – beispielsweise – Aluminum, Naphta, Elektrolyseure oder PV-Module in Deutschland oder Europa herstellen, selbst wenn diese nicht wettbewerbsfähig sind gegenüber Ländern mit – wie gezeigt – dauerhaft günstigeren Konditionen. Der Ukrainekrieg zeigt, wie prekär es sein kann, wirtschaftspolitisch erpressbar zu werden. Wir haben Glück gehabt mit dem vergangenen Winter, wir können froh sein über die Deutschland-Geschwindigkeit zumindest bei der Bewältigung der Gaskrise. Und wir haben zusammengehalten und uns in Europa nicht erpressen lassen. Daraus sollten wir lernen. Strategisch ist Industriepolitik dann, wenn sie langfristig und nachhaltig Abhängigkeiten vermeidet und hierfür gleichsam eine Versicherungsprämie zahlt. Voraussetzung ist aber, dass die betreffenden Branchen tatsächlich diese strategische Bedeutung besitzen. Das schließt Resilienzfragen ein, von Atemschutzmasken bis hin zu einfachen Medikamenten. Höchste Zeit, hier Klarheit zu schaffen. Strategisch ist Industriepolitik schließlich dann, wenn sie hilft Wertschöpfung in anderen Branchen zu ermöglichen, das heißt, unerlässliche Funktionen in bestimmten industriellen Clustern zu übernehmen, die ihrerseits mit einer hohen Wertschöpfung verbunden sind. 3. Die Industriepolitik von der Energiepolitik emanzipieren Kluge und strategische Industriepolitik besteht nicht daraus, energieintensive Industrien durch Energiepolitik vor Innovation zu bewahren oder vor Transformation zu schützen – im Gegenteil. Die Verkleidung von Industriepolitik als Energiepolitik hat vielmehr die Energiewende überkomplex gemacht. Ein gutes Beispiel ist die„besondere Ausgleichregelungs-Durchschnitts-Strompreis-Verordnung“, die nötig war, weil die Erneuerbaren bis ins vergangene Jahr mit der S 5 EEG-Umlage auf den Strompreis finanziert wurden. Oder die § 19(2)-Umlage im Energiewirtschaftsgesetz, die immer noch statisches Verhalten von Großverbrauchern belohnt und nicht Flexibilität. Stattdessen – wie gesagt – könnten übergangsweise vergünstigte Industriestrompreise sofern beihilferechtlich zulässig, an Transformation geknüpft werden. Denkbar wäre auch die Berücksichtigung der Bedeutung für die europäische Resilienz einzubeziehen. Stattdessen könnten auch die neuen Grenzausgleichsmechanismen für CO 2 (CBAM) erweitert werden um entsprechende Mechanismen für Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte, um die gerade hier bestehenden Wettbewerbsvorteile der deutschen Wirtschaft transparent zu machen.Vor allem aber sind in Deutschland eine Menge industriepolitischer Impulse möglich. Es geht nicht darum, die Schwächen in den Mittelpunkt der Industriepolitik zu stellen, sondern die Stärken des Standorts, die Kompetenzen Deutschlands im Maschinenbau, in den Energiewendetechnologien, in der Chemie und in vielen anderen Bereichen mit Märkten von morgen zu betonen. Hierfür soll der Staat Anstöße und Flankierung geben. Umsetzen können das die Unternehmen. Der Staat hat ohnehin eine Menge zu tun auf den Feldern Bildung, Forschung, Infrastruktur und Digitalisierung. Chancen sind vorhanden. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es wird weder schnell noch leicht, noch ohne Anstrengung, noch vollumfänglich möglich sein, die Industrie- von der Energiepolitik zu emanzipieren und beide wieder„sortenrein“ aufzustellen. Aber wenn die These richtig ist, dass die Energiewende dabei hilft, wenigstens halbwegs industrieverträgliche Preise zu generieren, dann sollten wir das so schnell es geht tun. Die Industrie modernisieren, ohne dabei strategische Funktionen zu ignorieren. Mit Franz Müntefering: Billig können andere besser. Wir müssen gut sein. Zuletzt erschienene Publikationen des Managerkreises: MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG MAI 2023 Das Finanzierungsschachbrett für den Verkehr: Gedanken zu einer Angebots- und Investitionsoffensive AG Verkehr und Mobilität im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung • Wo wir stehen: Das Deutschland-Ticket ist erfolgreich eingeführt; der Konsens zu Infrastrukturinvestitionen in Bahn und Schiene steht; der Absatz von Elektroautos steigt. • Jetzt ist es an der Zeit, neue Wege für die Finanzierung nachhaltigen Verkehrs im System zu erschließen und Prioritäten zu setzen. • Wir schlagen angesichts von Mittelkonkurrenz und Umsetzungsdefiziten im föderalen Aufbau ein„Finanzierungsschachbrett“ vor. • Ziel ist die Erschließung von zusätzlichen konsumtiven 15-20 Mrd. Euro ab 2030 für die Erreichung der Klimaziele und eine wirksame Umsetzungsorganisation. 1. Aktueller Stand und zunehmende Mobilitätsbedürfnisse Die Verkehrsinfrastruktur von Straße und Schiene 1 leidet unter Substanzverlust, weist Engpässe und Missing Links auf (im rein nationalen aber auch im EU-Binnenmarkt-Kontext). 1 In diesem Papier thematisieren wir nur die Straßen- und Schienenverkehrswege als diejenigen Verkehrsträger, deren Optimierung den höchsten Beitrag zur Verkehrswende leisten kann. Der Inlandsflugund Binnenschifffahrtsverkehr bleibt ausgeklammert. Die dort erforderlichen Investitionen/Förderprogramme in alternative Antriebe und Wasserstraßen bleiben hier unberücksichtigt. In 2020 wurde z. B. ein 2,5 Mrd.-Euro-Paket als Konjunkturprogramm zum Ausbau und zur Erneuerung von Wasserwegen aufgelegt. Häufig fehlt eine intermodale Verknüpfung der Netze. Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich aus einem für die Verkehrswende nicht ausreichenden Angebot sowie höheren Betriebskosten aufgrund des Übergangs zu nachhaltigen Antrieben und automatischen Bedienformen. Die Klimaziele im Verkehrssektor werden bei Weitem verfehlt. Schon diese Qualifizierung macht deutlich, dass es um unsere„Lebensadern” bei gleichzeitig zunehmenden Mobilitätsbedürfnissen schlecht bestellt ist. Welche Konsequenzen es hat, wenn nichts passiert? Es entstehen höhere volkswirtschaftliche Kosten für den Wirtschaftsstandort Deutschland durch ein unzuverlässiges Verkehrssystem gerade für Güterverkehre auf Straße und Schiene. Hinzu kommt die Beeinträchtigung Das Finanzierungsschachbrett für den Verkehr: Gedanken zu einer Angebots- und Investitionsoffensive. AG Verkehr und Mobilität im Managerkreis der FriedrichEbert-Stiftung, Juni 2023. MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DEZ 2022 Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen Ein Impulspapier der AG Gesundheit des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung Prof. Dr. Ingo Jungclaussen und Dr. Bernhard van Treeck • In der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher bestehen schon länger erhebliche Defizite. • Die Corona-Pandemie führt zu weiteren Engpässen, da der Bedarf steigt: 82% der Kinder und Jugendlichen fühlen sich durch die Pandemie belastet. • Die Gesetzesänderungen von 2019 haben die zukünftigen Zugangsvoraussetzungen zur psycho-therapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen stark eingeschränkt. • Ohne die Fachhochschulen/Hochschulen für angewandte Wissenschaften und die Zugangswege, die sie pädagogischen und sozialen Berufsgruppen eröffnen, wird insbesondere für die Zukunft keine bedarfsgerechte Versorgung möglich sein. Zentrale Probleme der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher werden seit Jahrzehnten diskutiert, aber nicht gelöst. Dabei hat die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Corona-Pandemie im Besonderen gelitten. Der zurückliegende Anstieg der Psychotherapeut_innen für Kinder und Jugendliche ist zunächst zu begrüßen – gleichzeitig gaukelt dieser eine Scheinsicherheit vor. Zum einen ist der Bedarf größer, was nicht zuletzt die Corona-Pandemie gezeigt hat. Zum anderen wurde durch die gesetzlichen Veränderungen des früheren Gesundheitsministers, Jens Spahn, zentralen Berufsgruppen der Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen für alle Zeiten versperrt. Durch dieses gesetzliche Austrocknen des Nachwuchses ist für die Zukunft ein substantieller Versorgungsnotstand für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu erwarten. Um diese falsche Weichenstellung zu korrigieren, ist der Gesetzgeber aufgerufen, gegenzusteuern. Darum geht es primär in diesem Papier. Die Datenlage zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen während der Corona-Krise ist mittlerweile gut. Die Ergebnisse der federführenden deutschen COPSY-Längsschnittstudie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter der Leitung von Prof. Dr. Ravens-Sieberer 1 belegen, dass sich eineinhalb Jahre nach Pandemiebeginn im Herbst 2021 noch 82% der Kinder und Jugendlichen durch die Pandemie belastet fühlten. Hierbei nimmt die psychische Belastung einen zentralen Stellenwert ein(s. Tabelle). Psychische Auffälligkeiten, vor allem im Bereich Angst und Depression, stiegen im Pandemieverlauf signifikant an. Die Belas1 https://www.uke.de/kliniken-institute/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschung/arbeitsgruppen/ child-public-health/forschung/copsy-studie.html https://www.aerzteblatt.de/archiv/224865/Seelische-Gesundheit-undGesundheitsverhalten-von-Kindern-und-Eltern-waehrend-der-COVID19-Pandemie Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen Prof. Dr. Ingo Jungclaussen und Dr. Bernhard van Treeck, Dezember 2022. Plattform für Innovation& Transformation MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DEZ 2022 2T – Tarifvertrag Transformation Sozialpartnerschaftliche und zukunftssichernde Transformation Plattform für Innovation& Transformation im Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung Gabriele Schmidt und Dr. Frank Lelke • Erfolgreiche Transformation benötigt ein strukturiertes und transparentes Vorgehen unter Beteiligung der Beschäftigten. • Unternehmen in eine sichere Zukunft führen: Dazu gehört ein gemeinsames Verständnis der Transformation über die Einführung von IT-Systemen hinaus. Personalentwicklung wird zum wettbewerbsentscheidenden Faktor. • Der Tarifvertrag Transformation bündelt die zentralen Gestaltungselemente von Arbeitszeiterfassung bis zur Weiterbildung im Einvernehmen der Sozialpartner. • Der Beitrag greift die Idee des Digitalisierungs-Tarifvertrags der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di auf und entwickelt daraus branchenübergreifende Gestaltungsfelder und Handlungsempfehlungen. Ein strukturiertes und nachvollziehbares Vorgehen unter Beteiligung der Beschäftigten ist für die erfolgreiche Digitalisierung in der Arbeitswelt unabdingbar. Es ergeben sich neue Geschäftsmodelle, Unternehmensstrategien, Kultur- und Wertparameter, neue bzw. veränderte Berufsbilder und Funktionen sowie kurzzyklische Weiterbildungsnotwendigkeiten. Zudem verschärfen der demografische Wandel und der stetig steigende Bedarf an Fach- und Führungskräften die Ausgangslage für und in Unternehmen. Dies kann auf Seiten der Mitarbeiter_innen zu Unsicherheit hinsichtlich einer erfolgreichen Zukunft führen. Ziel ist die erfolgreiche Gestaltung dieser Transformation in Betrieben und Verwaltungen durch ein tarifvertragliches Regelwerk mit Gestaltungsmöglichkeiten für die Sozialpartner. Die ‚Plattform für Innovation und Transformation‘ definiert dafür einen Betrachtungsraum von drei Dimensionen samt entsprechenden Gestaltungsfeldern für die Transformation. 2T – Tarifvertrag Transformation: Sozialpartnerschaftliche und zukunftssichernde Transformation Gabriele Schmidt und Dr. Frank Lelke, Dezember 2022. CREATED BY GERMANY Monitor Deutschland 2035 Baden-Württemberg http://createdbygermany.de MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Die sozial-ökologische Transformation: Leitlinie einer zukunftsfähigen Innovationspolitik in Baden-Württemberg Hagen Krämer und Arno Brandt • Created by Germany – Monitor Deutschland 2035 zeigt Spitzenwerte für BadenWürttemberg bei zentralen Innovationsindikatoren • Baden-Württembergs Stärken: Industrielle Basis, Hightech, hoher Innovationsgrad, hohe Diversität, enge Verknüpfung Forschung und Wirtschaft, Transferzentren • Auf dem Weg zu einer klimaneutralen und dekarbonisierten Industrie: Transformation ist mehr als Strukturwandel • Pfadabhängigkeit auflösen! Zukunftsfähige Innovationspolitik muss eine Richtung vorgeben Der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung hat im November 2021 den„Monitor Deutschland 2035“ veröffentlicht. Hintergrund ist das Projekt„Created by Germany – Wirtschaftspolitische Impulse für Deutschland 2035“ mit Szenarien für die deutsche Volkswirtschaft im Jahre 2035. Dargestellt und bewertet werden die Themenfelder Wertschöpfung, Innovation, Knowhow, Klima, öffentliche Sicherheit und soziale Sicherheit auf der Basis von 26 Indikatoren. Im Folgenden werden die im„Created by Germany – Monitor Deutschland 2035“ verwendeten Indikatoren zum Themenfeld„Innovation“ mit dem Fokus auf das Bundesland BadenWürttemberg analysiert, politisch eingeordnet und diese um einige weitere relevante Kennziffern ergänzt. In den Blick genommen wird die Rolle von Großunternehmen, KMU und vom Staat sowie auch von Universitäten, Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen bei der Entwicklung des innovatorischen Potenzials Baden-Württembergs. 1. Die Innovationslandschaft in Baden-Württemberg Baden-Württemberg zählt nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen und globalen Vergleich mit zu den innovativsten Regionen. 1 Bei fast allen Innovationsindikatoren nimmt die Wirtschaft des Bundeslandes eine Spitzenposition ein(vgl. Abb. 1 im Anhang). Die Wirtschaft ist geprägt durch eine starke industrielle Basis mit bedeutenden Großunternehmen und Zulieferern in der Automobilindustrie, der Elektrotechnik und im Maschinenbau sowie einer Vielzahl von leistungsfähigen kleinen und mittelständischen Unternehmen(KMU). Die technologischen Schwerpunkte liegen vorwiegend im Bereich der gehobenen Technologien(Hightech, aber nicht Spitzentechnologie). 1 Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg(2020): Innovationsstrategie Baden-Württemberg(Fortschreibung 2020), Stuttgart. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg(2021): Innovationsindex 2020, Baden-Württemberg belegt in der Europäischen Union wieder den Spitzenplatz, Stuttgart. Die sozial-ökologische Transformation: Leitlinie einer zukunftsfähigen Innovationspolitik in Baden-Württemberg – Created by Germany, Monitor Deutschland 2035, Baden-Württemberg, Prof. Dr. Hagen Krämer und Dr. Arno Brandt, Oktober 2022. S 6 SEP 2022 MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Sommerhit Neun-Euro-Ticket – Aber was kommt danach? Vorschläge für einen nachhaltigen und kundenfreundlichen öffentlichen Verkehr Ein Impulspapier der AG Verkehr und Mobilität des Managerkreises Jürgen Fenske, Stefan Heimlich, Bernd Törkel, Hans Leister Mit dem Neun-Euro-Ticket rückt erstmals ein für den ÖPNV völlig neues Angebot und Anreizmodel für die Bürger_innen in den Vordergrund. Der Ansturm und Zuspruch ist beispiellos: Nach Informationen des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen(VDV) sollen allein im Juni 2022 rd. 30 Mio. Personen das Ticket einschließlich der Kund_innen mit Abonnements besessen haben. Die Bezeichnung „Neun-Euro-Ticket“ kennen 98% der Befragten. 1 Aber: Preise allein, auch attraktive Preise, werden die Verkehrswende nicht herbeiführen. Auch die Angebote müssen stimmen. Das heißt: Neben einer kundenorientierten Tarifgestaltung brauchen wir Klarheit über den künftigen finanziellen Rahmen für den ÖPNV. Und dieser kann nicht allein mit dem bisherigen Finanzierungssystem des ÖPNV gestaltet werden, sondern muss alle Förderungsmöglichkeiten des Bundes und der Länder im Verkehr und alle Verkehrsträger einbeziehen. Es war eine bahnbrechende Entscheidung von Bundestag und Bundesrat: Das Neun-Euro-Ticket im Nahverkehr gilt für jedermann bis zum 31. August 2022. Ein Fahrschein, ein Tarif. Ganz Deutschland ist für drei Monate ein einziger Verkehrsverbund! 1 Attraktivität und Akzeptanz des Neun-Euro-Tickets beruhen auf drei Gründen: dem sensationell günstigen Preis, der leichten Handhabbarkeit ohne Rücksichtnahme auf besondere Tarifbestimmungen und der deutschlandweiten Gültigkeit des Tickets. Zunächst ist festzuhalten, dass der in der deutschen Verkehrspolitik einmalige und geradezu disruptive Vorschlag einer bundesweiten Nahverkehrsflatrate vor allem im sozialpolitischen 1 Vgl. Pressemitteilung des VDV über die 9-Euro-Marktforschung vom 11. Juli 2022. Kontext zu sehen ist. Zwar wurden bislang das 365-Euro-Ticket oder ein kostenloser ÖPNV-Tarif diskutiert, aber fast nirgendwo umgesetzt. Der Bundesregierung ging es jetzt in erster Linie um eine finanzielle Entlastung für die Bürger_innen in Zeiten deutlich steigender Energiepreise und einer hohen Inflationsrate. Neben dem sogenannten Tank-Rabatt und der Energiepauschale sollten auch die Fahrgäste von Bussen und Bahnen finanziell entlastet werden. Mit dem Neun-Euro-Ticket liegen die Einsparungen für den Einzelnen bzw. für Familien mit Abonnements oder Zeitkarten zum Teil deutlich über den sonstigen Hilfen des Entlastungspaketes der Bundesregierung. Dabei ist nicht zu vergessen, dass die Einführung auch auf eine ökologische Komponente zielt, wenn diese auch nicht im Vordergrund stand. Eine Verkehrswende ist im Zusammenspiel von Kosten/Preisen, Attraktivität aus Sicht der Kund_innen, ökologischen Effekten und Finanzierbarkeit für die öffentliche Hand zu sehen. Sommerhit Neun-EuroTicket – Aber was kommt danach? Vorschläge für einen nachhaltigen und kundenfreundlichen öffentlichen Verkehr AG Verkehr und Mobilität im Managerkreis der FriedrichEbert-Stiftung, September 2022. JUN 2022 MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Das geplante Niedersächsische Krankenhausgesetz(NKHG) – eine Blaupause auch für andere Bundesländer? Volker Amelung Durch die COVID-Pandemie ist die Diskussion über den längst überfälligen Strukturwandel im stationären Sektor etwas in den Hintergrund gerückt – allerdings, ohne dass deshalb die Notwendigkeit geringer geworden ist. Die niedersächsische Landesregierung hat nun einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der durchaus auch für andere Bundesländer als Blaupause dienen könnte. Für eine Strukturdiskussion sind drei Punkte aus diesem Gesetzesentwurf besonders hervorzuheben: I. Einführung eines Versorgungsstufenmodells(Grund- und Regelversorgung, Schwerpunktversorgung und Maximalversorgung) II. Einführung einer kleinräumigeren Krankenhausplanung(acht statt vier Versorgungsregionen) III. Schaffung von regionalen Gesundheitszentren, insbesondere dort, wo ein Krankenhaus der Grundregelversorgung nicht oder nicht mehr besteht; dies beinhaltet somit die explizite Forderung nach sektorenübergreifenden Versorgungskonzepten In derartigen Gesetzesvorhaben erlangen häufig vermeintlich kleinere Themen unberechtigterweise zu wenig Aufmerksamkeit. Exemplarisch sei hier nur die Forderung nach einer Etablierung von Demenzbeauftragen genannt. Zwei grundlegende Themenfelder sollen vorab nochmals betrachtet werden: Warum braucht es einen Strukturwandel? Und warum tun wir uns damit so schwer? Die folgenden Ausführungen sind als Impulse zu verstehen und sollen vor allem die Diskussion anregen. 1. Warum ist der Strukturwandel notwendig? Auch wenn die Sicherstellung der stationären Versorgung zweifellos zur grundgesetzlich verbrieften Daseinsvorsorge gehört (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen 2022: Aktueller Krankenhausplan NRW) und somit die Erreichbarkeit in allen Regionen unabdingbar ist, müssen die aktuellen Strukturen grundsätzlich zur Disposition gestellt werden. Fünf Themenfelder – die hier lediglich angerissen werden können – sollten dabei im Fokus stehen. Auswirkungen der Strukturen auf die Qualität der Versorgung Prekäre Personalsituation im Gesundheitswesen „Green Health Care“ als Treiber für den Strukturwandel Effizienz der Strukturen Rolle von Krankenhäusern in der(regionalen) Versorgung Das hohe Vertrauen in die Qualität der Versorgung stellt eine der zentralen Stärken des deutschen Gesundheitssystems dar. Obwohl die Bedeutung von Behandlungsfällen für die Behandlungsqualität vielfach dokumentiert ist(Enquetekommission 2021, S. 78f.), findet kein wirklicher Qualitätswettbewerb statt. Somit muss ordnungspolitisch sichergestellt werden, dass sogenannte „Focus Factories“ entstehen können, in denen mengensensitive Leistungen gebündelt werden. Dabei geht es nicht um die JUN 2022 MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Keine Energiewende ohne soziale Wärmewende: Impulse für eine bezahlbare Versorgung mit„grüner Wärme“ Ein Positionspapier der AG Energie und Umwelt des Managerkreises • Damit die Wärmewende gelingt, muss sie sozial sein. • Eine sozial verträgliche Wärmewende berücksichtigt die Einkommens- und Wohnsituation auf der Seite der Privatkund_innen. • Mögliche Ansatzpunkte sind die Verringerung des Bedarfs, die Effizienz der Umwandlung und die Nutzung klimaneutraler Energieträger. • Die Betrachtung der Strukturen der Nachfrageseite sollte die Auswahl der technologischen Optionen(Energieträger und Infrastruktur) prägen. • Die Wärmewende muss örtlich angepasst werden(kommunale Energieplanung). • Eine soziale Wärmewende bedeutet, zu fördern, zu entlasten und zu unterstützen. Der Wärmebereich ist der größte Energieverbrauchssektor in Deutschland. Nur der Verkehrssektor hat bislang weniger zur Verbrauschminderung beigetragen. Auch wenn die Emissionen des Wärmesektors bereits zurückgegangen sind, bleibt doch noch eine große Aufgabe für die Wärmewende. Wie kann eine soziale Wärmewende angesichts der Preissteigerungen für Energie in Folge des Ukrainekriegs aussehen und gelingen? Die ökonomische wie auch soziale Lebenswirklichkeit der Menschen muss von Anfang an berücksichtigt werden: bei der Entwicklung von Strategien und der Auswahl der Technologien bis zu den Schritten der energetischen Sanierung. Die nachfolgenden politischen Handlungsempfehlungen sind nicht nur bei der Umsetzung und Finanzierung der Wärmewende, sondern auch beim Gelingen der Energiewende insgesamt von zentraler Bedeutung. dazu kann sich in Deutschland durchaus sehen lassen: Der Anteil Erneuerbarer Energien am Bruttostromverbrauch hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt und lag 2021 bei 41,4 Prozent. Doch eine erfolgreiche Energiewende erfordert nicht nur eine Strom-, sondern auch eine Wärmewende. Heizen, Warmwasser und Prozesswärme verbrauchen fast die Hälfte unseres Energiebedarfs in Deutschland. Wir stehen somit vor einer gewaltigen Aufgabe, die große Veränderungen in unserer Gesellschaft mit sich bringen, Kapitalströme umlenken, zu einem Umbau der Infrastruktur führen und neue Technologien auf den Markt bringen wird – die Wärmewende. Damit sie gelingt, muss sie sozial sein. Ohne soziale Balance wird schon bald die Akzeptanz schwinden und die Energiewende käme insgesamt zu einem Stillstand. Wenn wir von Energiewende sprechen, denken wir zumeist an die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien. Die Bilanz In den Großstädten ist die energetische Gebäudesanierung in die Kritik geraten, da sie insbesondere in begehrten Wohnlagen zu Das geplante Niedersächsische Krankenhausgesetz(NKHG) – eine Blaupause auch für andere Bundesländer? Prof. Dr. Volker Amelung, Juni 2022. Keine Energiewende ohne soziale Wärmewende: Impulse für eine bezahlbare Versorgung mit„grüner Wärme“ AG Energie und Umwelt im Managerkreis der FriedrichEbert-Stiftung, Juni 2022. MAI 2022 MANAGERKREIS DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 Forderungen für die Zukunft unseres Landes Ein Positionspapier des Managerkreises NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung NRW hatte am 15. Mai 2022 die Wahl. Nun ist es an den Parteien, für die kommende Legislatur eine Regierung zu bilden. Im Februar dieses Jahres hatte der Vorstand des Managerkreises in NRW ein Policy Paper„Nordrhein-Westfalen 2035: Comeback eines Landes im Strukturwandel“, basierend auf dem „Monitor Deutschland 2035“, veröffentlicht. Der entsetzliche und menschenverachtende Ukraine-Krieg, aber auch die Corona-Pandemie, lassen uns Versäumnisse der Vergangenheit gesamtgesellschaftlich schmerzlich spüren. Die zukünftige Landesregierung NRWs muss schnell gebildet werden und sich vor allem hinter einer zukunfts- und innovationsorientierten Vision für unser Land vereinen. Um keine Zeit zu verlieren, können notfalls auch vor der formalen Regierungsbildung parlamentarische(und damit gesellschaftliche) Mehrheiten für wichtige Zukunftsthemen genutzt werden. Für die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen möchten wir insbesondere folgende fünf Themenbereiche in den Mittelpunkt stellen. 1. Massive Investitionen in Bildung und Wissenschaft Unumstritten ist Bildung für die Zukunft unseres Landes das zentrale Thema. Nur wenn wir sicherstellen, dass jedes Kind eine bestmögliche Förderung und Ausbildung erhält, werden wir auch langfristig mit NRW wirtschaftlichen Erfolg haben. Unsere Zukunft hängt an der Qualifikation unserer Kinder. Zudem ist es ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit, kein Kind zurückzulassen. Wir glauben daher, dass die Ressorts für Bildung und Wissenschaft die Schlüsselressorts jeder Landesregierung sein und nicht wie bislang eher unwillig zwischen den Koalitionspartner_innen hin- und hergeschoben werden sollten. Dieser Bedeutung Rechnung tragend, müssen die Investitionen in Bildung und Wissenschaft von der zukünftigen Landesregierung massiv ausgebaut werden – kein Land investiert pro Schüler_in weniger als NRW. Deswegen halten wir es auch dringend für geboten, die Ressorts Bildung und Wissenschaft mit einer entsprechenden Expertise zu besetzen und darüber hinaus zur Chef_innensache zu erklären. Das Regierungsprogramm muss sich unserer Überzeugung nach mindestens folgenden Punkten widmen: Lehrer_innen müssen sich wieder auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können und von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Die Gebäudesubstanz der Schulen muss schneller und nachhaltiger saniert werden. Die psychosozialen Folgen sowie die Wissens- und Kompetenzrückstände als Resultat der Corona-Krise müssen an den Schulen schnell und umfassend aufgeholt werden, u. a. durch den flächendeckenden Einsatz von Sozialarbeiter_innen und durch integrierte Konzepte zur Unterstützung von Familien. Die digitale Kompetenz, Infrastruktur und Ausstattung an Schulen muss der Lebensrealität und den Anforderungen 5 Forderungen zur Zukunft unseres Landes Managerkreis NRW, Mai 2022. Alle Veröffentlichungen finden Sie unter: https://www.managerkreis.de/publikationen Brücke zwischen Management und Politik Der Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ein Forum für Unternehmer_innen, Führungskräfte und Vertreter_innen aus Wirtschaftsverbänden und Politik, die sich der Sozialen Demokratie verbunden fühlen. Wir beraten seit 1991 in wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen. In acht Regionalkreisen und fünf thematischen Arbeitsgruppen bieten wir unseren Mitgliedern die Möglichkeit, sich einzubringen und Netzwerke zu knüpfen. Wir erarbeiten Impulspapiere, organisieren Hintergrundgespräche mit Entscheidungsträger_innen aus Politik und Wirtschaft und laden zu öffentlichen Veranstaltungen ein. Darüber hinaus gibt es Angebote für Young Leaders und exklusiv für Frauen. Mehr Informationen zum Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung finden Sie unter www.managerkreis.de. Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung| Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.| Godesberger Allee 149| 53175 Bonn| Deutschland Verantwortlich: Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung| Hiroshimastraße 17| 10785 Berlin www.managerkreis.de| ISBN: 978-3-98628-334-6| September 2023 Inhaltliche Verantwortung und Redaktion: Susanne Fischer| Kontakt: managerkreis@fes.de, 030 26 935 7051 Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden.