# r uhrzeit zukunft ___ Konferenzbericht Progressive Innovationspolitik für den erfolgreichen Strukturwandel /online 2 Impressum © Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgeber Landesbüro NRW, Petra Wilke(V. i. S. d. P.) Godesberger Allee 149, 53175 Bonn Tel.: 0228 883-7202 Fax: 0228 883-9208 landesbuero-nrw@fes.de www.fes.de/landesbuero-nrw www.facebook.com/FESNRW twitter.com/FESNRW Erscheinungsjahr 2021 Verantwortlich Petra Wilke Henrike Allendorf Annika Arnold Damian Jordan Autorin Sonja d‘Agestino Redaktion Landesbüro NRW, Friedrich-Ebert-Stiftung Design Petra Bähner/ www.petrabaehner.de Druck Druckerei Brandt GmbH ISBN 978-3-96250-879-1 Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-EbertStiftung herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung der Friedrich-Ebert-Stiftung nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Die Ausführungen und Schlussfolgerungen sind von den Autor_innen in eigener Verantwortung vorgenommen worden. # r uhrzeit zukunft 3 ___ Einleitung Sich beständig neu erfinden – das ist Teil der kulturellen DNA des Ruhrgebiets. Unter diesem Leitbild für eine progressive Innovationspolitik fanden sich am 1. März 2021 hochrangige Vertreter_innen aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Verbänden zur 2. Ruhrzeitzukunft-Konferenz zusammen. muss die Mobilität des Ruhrgebietes weiterentwickelt werden, um zu einer höheren Lebensqualität in der Region beizutragen? lassen sich Fragen der Klimakrise in Antworten für ein gutes Leben in der Region und gute Arbeit verwandeln? Auch diese Konferenz stand unter dem Eindruck der Pandemie und so diskutierten die Referent_innen im digitalen Raum mit einem sachkundigen Publikum die zukünftigen Herausforderungen für das Ruhrgebiet. können die Digitalisierung, Smart CityEntwicklungen und e-Governance das Leben in der Region zum Besseren verändern? Bedingt durch die Energiewende, die Klimakrise, Digitalisierung und Innovationsdruck befand sich das Ruhrgebiet schon vor der aktuellen Corona-Krise in einer tiefgreifenden Transformation. Dieser Strukturwandel wird nun zusätzlich verstärkt. Denn einerseits verordnet die Pandemie dem öffentlichen Leben den Stillstand, andererseits beschleunigt sie die Digitalisierung und Entwicklungen zur Zukunft der Arbeit. Diese Fähigkeit zur Gestaltung des Wandels ist also nun ganz besonders gefragt. Workshop 1 Mobilität Damit der Wandel erfolgreich gelingt, muss das Ruhrgebiet noch enger zusammenwachsen. Dafür braucht es einen klaren politischen Kompass und konkrete praxisnahe Antworten auf die aktuellen Herausforderungen. Workshop 2 Klimakrise Im Mittelpunkt der Diskussionen um die Zukunftsvorstellungen für das Ruhrgebiet standen folgende Fragen: Workshop 3 Smart City, e-Governance 4 ___ Eröffnung Zukunftsperspektiven im Ruhrgebiet „Wie anfällig für Katastrophen unsere Welt mit ihrer bisherigen Art zu Leben und zu Wirtschaften ist“, das hätten die Menschen durch die CoronaKrise erfahren, schilderte Petra Wilke, Leiterin des Landesbüros NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung bei der Konferenzeröffnung. Zudem verändert die Pandemie den Alltag in hohem Maße und verordnet dem öffentlichen Leben eine Zwangspause. In der Pandemie ließen sich Antworten auf andere drängende Fragen neu bewerten: Das betreffe beispielsweise die Notwendigkeit neuer ökologischer und sozial gerechter Mobilitätskonzepte. Auch die Frage nach der sozialen Gestaltung und Nutzung von technischer Innovation rücke in den Vordergrund, Antworten auf die Klimakrise scheinen plötzlich in greifbare Nähe zu rücken. Gleichwohl böte die aktuelle Situation auch die Chance, innovative Konzepte und Ideen früher als erwartet in der Praxis umzusetzen. Dies gilt bspw. für vermehrtes Arbeiten im Homeoffice und die Erledigung alltäglicher Aufgaben via Internet. Worauf es nun ankomme, sei die aktuell durch die Corona-Pandemie erzwungenen Veränderungen, wie beispielsweise den Digitalisierungsschub, auch politisch durch neue Regeln zu flankieren, so Thomas Kutschaty, Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag von NRW in seiner Begrüßungsrede. „Online wie offline müssen aber auch Regeln und Schutz – am Arbeitsplatz, in der Familie, in allen sozialen Beziehungen, gelten.“ Unter dem Deckmantel der Digitalisierung dürften diese Regeln nicht außer Acht gelassen werden. Und das gelänge nur durch Expertise, auch mit internationalen Erfahrungswerten, betonte Kutschaty. Die Zukunft der Mobilität sehe er in digital vernetzten Verkehrssystemen: Im Internet müsse man beispielsweise alle öffentlichen und privaten Anbieter in Echtzeit auf einen Blick haben und für jede beliebige Strecke den schnellsten oder preisgünstigsten Weg ermitteln können. In der digitalen Verkehrswende, die explizit nicht nur im Austausch von Verbrennungs-, durch Elektromotoren bei Autos bestehe, fänden sich auch Antworten auf die Klimakrise. Petra Wilke Leiterin Landesbüro NRW, Friedrich-Ebert-Stiftung Thomas Kutschaty MdL Fraktionsvorsitzender im Landtag NRW # r uhrzeit zukunft 5 »Es kommt darauf an, die aktuell durch die Corona-Pandemie erzwungenen Veränderungen(…) auch politisch durch neue Regeln zu flankieren.« 6 ___ Keynote In der folgenden Keynote erklärte Francesca Bria, Präsidentin des Italian National Innovation Fund, dass die Nutzung von Daten bei der Verbreitung progressiver Innovationen eine große Rolle spielen würde. Eine smarte Stadt müsse nach den Bedürfnissen der Bürger_innen ausgerichtet und ihnen dienlich sein. Bria betonte, die Belange der Menschen müssten bei der Gestaltung der Digitalisierung, der Verkehrswende und in Klimafragen an erster Stelle stehen sowie vorhandene Technologien hierbei als Mittel zum Zweck gesehen und effektiv genutzt werden. Dies gelänge beispielsweise durch Online-Partizipation der Bürger_innen . Wichtig bei der Datenverwertung sei jedoch gleichzeitig eine geeignete Datennutzungsstrategie, welche Transparenz beim Gebrauch der Daten, sowie die Einhaltung eines Ethik-Kodex berücksichtige, ebenso wie den Schutz und die Sicherheit der Privatsphäre der Daten. So behielten die Bürger_innen selbst die Kontrolle über die Nutzung ihrer Daten, so Bria. »Einhaltung eines Ethik-Kodex« Auf digitalen Plattformen könnten einerseits demokratische Entscheidungen bezüglich Stadtentwicklung seitens der Bürger_innen getroffen werden, andererseits auch Nutzer_innendaten gesammelt werden, um beispielsweise die Parkplatzsituation oder die Müllentsorgung in den Innenstädten zielgerichtet zu verbessern. Die Umsetzung von Zielen der Städteplanung könne besonders gut durch Nutzer_innendaten der Stadtbevölkerung verwirklicht werden, welche daher als öffentliches Gut zu betrachten seien, ergänzte Bria. Francesca Bria Präsidentin des Italian National Innovation Fund # r uhrzeit zukunft 8 ___ Workshop 1 Mobilität – ein Fall für genossenschaftliche Governance-Strukturen? Dass die Mobilität eine der dominantesten und drängendsten Herausforderungen in unseren Städten ist, darüber kann auch das Jahr der Pandemie mit dem rasanten Anstieg von Home Office und den weggefallenen Urlaubsfahrten nicht hinwegtäuschen. Dies gilt ganz besonders für die Metropolregion Ruhrgebiet, die als zentraler Verkehrsknotenpunkt nicht nur den täglichen Berufsverkehr, sondern auch den Fernverkehr auf mehreren Autobahnen bewältigen muss. Ansätze, in der stadtnahen Mobilität weg vom motorisierten Individualverkehr zu kommen, gibt es viele, wobei jedoch eine integrierte Sichtweise der verschiedenen Verkehrsmittel und Zugangsmöglichkeiten oft vernachlässigt wird. An diesem Punkt setzte die Diskussion zwischen Arno Klare MdB, Prof. Dr. Michael Roos von der Ruhr-Universität Bochum und Tanja Trottmann von der Schweizer Mobilitätsgenossenschaft Mobility im Workshop an. Es wurde die Frage gestellt, inwiefern genossenschaftliche Modelle zur Lösung der Mobilitätsprobleme im Quartier, aber auch in der Metropolregion beitragen können. Mobilität vom Bedürfnis her zu denken , diese integrierte Sichtweise könnte flexible Genossenschaftsstrukturen abbilden. Jedes Quartier könne dann die vor Ort benötigten Angebote realisieren, während regional übergreifende Genossenschaften die verschiedenen Angebote durch entsprechende Mobilitätsschnittstellen integrieren. Der Begriff der gesellschaftlichen Solidarität erlange durch die Pandemie wieder neue Prominenz. Ein Genossenschaftsmodell nähme dieses Momentum der gesellschaftlichen Solidarität auf, wie Prof. Roos ausführte, denn sie sei gelebte Solidargemeinschaft und Partizipation an der Gestaltung des Quartiers. Diese gemeinschaftlich getragene Verantwortung wurde auch im Beitrag von Tanja Trottmann, die als Leiterin des Bereichs Genossenschaftswesen ihre ausgewiesene Expertise in der administrativen und unternehmenspolitischen Bewertung von Genossenschaften in die Diskussion einbrachte, deutlich. Arno Klare MdB Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur Prof. Dr. Michael Roos Ruhr-Universität Bochum # r uhrzeit zukunft 9 Am Beispiel der Schweizer Mobility Genossenschaft konnten viele Aspekte aus dem hypothetischen Raum in die konkrete Gegenwart gebracht und betrachtet werden. Von dem Best-Practice-Beispiel des Genossenschaftsmodells ausgehend wurden flankierende Maßnahmen, wie die Privilegierung von ausgewählten Verkehrsmitteln durch Umweltspuren und ähnlichem von geteilter(und genossenschaftlicher) Mobilität diskutiert, um diesen nachhaltigen Mobilitätsformen zu einem Attraktivitätsvorteil gegenüber dem motorisierten Individualverkehr zu verhelfen. Als Mitglied des Ausschusses für Verkehr und digitale Infrastruktur im Deutschen Bundestag, öffnete Arno Klare immer wieder den Blick auf die Gesamtheit der öffentlichen Mobilität, den ÖPNV. Dieser bilde die zentrale Achse, da Busse und Bahnen, als älteste Ridesharing-Modelle, so viele Menschen nachhaltig ans Ziel brächten wie kein anderes Verkehrsmittel im Stadtverkehr. Entscheidend für eine erfolgreiche Integration und Stärkung der umweltschonenden und städtebaulich attraktiven Mobilität sei es, eine gemeinsame App als Zugangsschlüssel für die verschiedenen Angebote zur Verfügung zu stellen. So könnten die Angebote aus einer Hand erfahren und genutzt werden, während Ticketing und Auskunft niedrigschwellig und komfortabel abrufbar seien. Die Schwierigkeit, die vielen verschiedenen Bedürfnisse und Anforderungen an ein integriertes Mobilitätssystem zu adressieren, wurde in der Diskussion deutlich aufgezeigt. Dass ein Genossenschaftsmodell durchaus Stärken aufweisen kann, die es zu nutzen gilt, darüber waren sich die Diskutant_innen auf dem virtuellen Panel aber auch im direkten Austausch mit den Teilnehmenden einig. »Der Begriff der gesellschaftlichen Solidarität erlangt durch die Pandemie wieder neue Prominenz.« Tanja Trottmann Leiterin Genossenschaftswesen, Mobility Genossenschaft 10 ___ Workshop 2 Klimaschutz solidarisch gestalten Über die Bedeutung von Klimaschutz für Kommunen und Regionen muss längst nicht mehr debattiert werden. Viel relevanter ist die Frage nach einer gerechten Lastenverteilung und danach, wie Maßnahmen zur Reduzierung von Emissionen sozial gerecht gestaltet werden und in der Breite wirken können. Gemeinsam mit den Konferenzteilnehmer_innen diskutierten Burkhard Drescher, Geschäftsführer der Innovation City Management GmbH, Martina Schmück-Glock, Fraktionsvorsitzende der SPD im Ruhrparlament und Frank Schwabe MdB darüber, wie Klimaschutz solidarisch gestaltet werden kann. Burkhard Drescher erläuterte in Kürze das Konzept der Innovation City, das als von Bund, Land und dem Initiativkreis Ruhr gefördertes Modellprojekt kommunalen Klimaschutz durch Stadtentwicklung vorantreibt. Drescher erklärte, dass etwa 40 Prozent des CO 2 -Ausstoßes aus Gebäuden kämen und hier durch Sanierungsmaßnahmen der Heiz- und Stromaufwand enorm reduziert werden könne. Die energetische Modernisierung von Gebäuden setze damit dezentral vor Ort an und gehe damit eine Energiewende„bottom up“ an. Man müsse Bürger_innen zu Klimaaktivist_innen und Akteur_innen machen , um sie so in die Gestaltung der Energiewende miteinzubeziehen. Dies gelänge aber nur, wenn Klimaschutz bedeute, dass das Portemonnaie entlastet werde. Was wiederum nur über finanzielle Förderung, individuelle Beratung und den Dialog vor Ort gelingen könne . Je stärker und kleinteiliger Bürger_innen, Vereine, Initiativen und Unternehmen auf kommunaler Ebene in Modernisierungsprozesse, Stadtentwicklung oder Bauvorhaben einbezogen würden, desto höher seien am Ende auch die Akzeptanz und die Identifikation mit den entsprechenden Vorhaben. Martina Schmück-Glock, Fraktionsvorsitzende der SPD im Ruhrparlament stimmte der Aussage, dass frühe Partizipation gut sei, grundsätzlich zu, verwies aber auch auf die Notwendigkeit zu regionaler Zusammenarbeit, beispielsweise bei den Themen Verkehr oder Flächenverbrauch. Burkhard Drescher Geschäftsführer, Innovation City Ruhr Martina Schmück-Glock Vorsitzende der SPD im Ruhrparlament # r uhrzeit zukunft 11 Auch Frank Schwabe MdB betonte, dass gerade im Ruhrgebiet die Stadtplanung und Stadtentwicklung oft die jeweilige Nachbarstadt betreffe und hier kontinuierlicher Austausch und Koordinationsbedarf über die Stadtgrenzen hinweg bestehe. Ebenso seien Verbote oder Maßnahmen der Einschränkung wenig sinnvoll, vielmehr müsse Beratung und Förderung so gestaltet werden, dass Bürger_innen sich identifizieren, profitieren und so aktiviert werden. Ebenso unterstrich Schwabe, dass es wichtig sei, die Unternehmen und die Industrie im Ruhrgebiet beim Umstieg auf klimaneutrales Wirtschaften zu begleiten und zu unterstützen. Auch dies könne nur auf überregionaler Ebene geschehen, sei aber deswegen nicht weniger wichtig. Anhaltender Strukturwandel biete hier die Chance neu zu denken. Warum könnte Klima- und Umweltschutz bei Unternehmen im Ruhrgebiet perspektivisch nicht auch ein Wettbewerbsvorteil sein, fragte Schwabe weiter. Letztlich wurde deutlich, dass kommunaler Klimaschutz vor allem von unten und nicht von oben umgesetzt werden müsse und dafür entsprechende Anreize notwendig seien. »Warum kann Klimaund Umweltschutz bei Unternehmen im Ruhrgebiet perspektivisch nicht auch ein Wettbewerbsvorteil sein?« Frank Schwabe MdB Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit 12 ___ Workshop 3 Smarty City und e-Governance: Potentiale der Digitalisierung im Ruhrgebiet Die Dringlichkeit von integrierter und nachhaltiger Stadtplanung in wachsenden urbanen Räumen ist hoch und die zu bewältigenden Herausforderungen sind vielfältig. Ob für die Umsetzung der Energiewende, die Verwirklichung des Rechts auf Wohnraum, die Schaffung öffentlicher Räume oder die Förderung der partizipativen Demokratie auf lokaler Ebene – in der Digitalisierung liegen große Potentiale für die Gestaltung der Städte von morgen. Dabei ist es entscheidend, technische Innovationen so zu gestalten, dass sie an die Bedürfnisse der Bürger_innen und an die Ziele der Stadtplanung angepasst sind. Wie aber kann das gelingen? Über diese Frage diskutierten die fachkundigen Teilnehmenden der Konferenz mit Michaela Bonan, Leiterin des Projektbüros Smart City und des Projektes„Nordwärts“ Dortmund, Dr. Frank Dudda, Oberbürgermeister der Stadt Herne und Peer Krumrey, Direktor des Büros der baltischen Staaten der Friedrich-Ebert-Stiftung. Als Oberbürgermeister der Stadt Herne hat Frank Dudda konkrete Erfahrungen bei der Entwicklung und Umsetzung von Smart-City-Projekten auf kommunaler Ebene gemacht. Worauf es dabei entscheidend ankomme, so sein Argument in der Diskussion, sei ein VoneinanderLernen. Für gute Lösungen müssten Netzwerke gebildet werden, die die verschiedenen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse bündeln. Dieser ganzheitliche Ansatz habe den Vorteil, dass man einzelne Themen wie Gesundheit, Energie und Mobilität, zusammendenken und von guten Ideen der Netzwerkparter_innen profitieren könne. Neben der thematischen Betrachtung sei aber auch die Gestaltung der technischen Lösungen von großer Bedeutung bei der Entwicklung von smarten Städten. In Herne beispielsweise sei eine auf Open-Source-Technologien basierende Smart-City-IT-Plattform gestartet worden, um die Datenverwaltung und die Datenkontrolle an den Bedarfen der Bürger_innen auszurichten. Wichtig für die Entwicklung solcher Plattformen seien Allianzen mit Partner_innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und lokaler Wirtschaft. Michaela Bonan Leiterin Projektbüro Smart City und Projekt Nordwärts‘ Dortmund Dr. Frank Dudda Oberbürgermeister Stadt Herne # r uhrzeit zukunft 13 Michaela Bonan betonte darüber hinaus, dass der technologische Wandel von der Beteiligung von Bürger_innen und Mitarbeiter_innen der Verwaltung begleitet werden müsse. Transformation bedeute nicht nur technologischen Wandel, sondern auch Veränderung von Organisationen und Kultur. Damit dies gelänge, müsse die Veränderung von den Beteiligten mitgestaltet werden. Dabei sei es wichtig, so Bonan, dass Experimentierräume geschaffen werden und die gemachten Erfahrungen für Verbesserungen im Kleinen genutzt würden. Zudem sei auch bedeutend, dass diese Experimentierräume nicht nur digital, sondern auch in analoger Form geschaffen werden, damit auch nicht-technikaffine Personen an der Gestaltung der Digitalisierung mitwirken können. Peer Krumrey schilderte das Erfolgsrezept der umfassenden Digitalisierung in Estland.„Das Mindset der politischen Entscheidungsträger_innen ist hier ganz anders.“ erklärte er. Man denke weniger in umfassenden Konzepten und Pilotprojekten für eine digitale Agenda, sondern vielmehr in kleinen Schritten, die erst im Nachhinein zum großen Ganzen führen können. „Kleine Schritte sind das Erfolgsrezept der umfassenden Digitalisierung in Estland“ , so Krumrey. Wie diese kleinen Schritte aussehen, leite sich von den jeweiligen Bedarfen ab. Dieses bedarfsorientierte Denken in kleinen Schritten könne auch entscheidend dabei helfen, die Widerstände gegen den Begriff„Digitalisierung“ abzubauen, der in Deutschland oft noch vorherrsche. Das Quartier könne, aufgrund der räumlichen Überschaubarkeit, einen guten Ort für eine Schritt-für-Schritt-Digitalisierung darstellen. An dieses Argument anschließend, wurde in der Diskussion auch auf das Projekt Innovation City Bottrop verwiesen, das durchaus als Best-Practice-Beispiel für die Smart-City-Entwicklung im Ruhrgebiet verstanden werden könne. Das Projekt stehe für eine ganzheitliche und interdisziplinäre Quartiersentwicklung, um den Herausforderungen des Klima- und Strukturwandels zukunftsorientiert begegnen zu können. Peer Krumrey Direktor Baltische Staaten, Friedrich-Ebert-Stiftung »Transformation bedeutet(…) auch Veränderung von Organisationen und Kultur.« 14 ___ Impulsvortrag Ein Jahr nach Corona – Neustart für die Infrastruktur im Revier? Die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft habe sich in der Corona-Krise resilient gezeigt und diese gut gemeistert, resümierte Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorsitzender der Emschergenossenschaft/ Lippeverband in seinem Impulsvortrag. Doch halte die Wirtschaft den Lockdown nicht länger aus. Denn die Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung würde derzeit, bedingt durch Finanzierungsdefizite und Investitionsstau in Infrastruktur, erodieren. Weiter stellte Paetzel fünf Thesen für die Infrastrukturpolitik auf,„welche auf ihre Lösung warten“. öffentliche Sektor müsse dauerhaft in die Lage versetzt werden, effektiv seine infrastrukturellen Aufgaben zu übernehmen. Energie, Wasser, Abwasser und die grundlegende Infrastruktur seien keine Fragen für den Wettbewerb, da sie hier nur der kurzfristigen Investitionslogik unterworfen würden. Wichtige Infrastruktur gehöre in öffentliche Hand. müssten im Ruhrgebiet stärker zusammengefasst werden. Sowohl Planung, als auch Bau und Betrieb von Infrastruktur müsse in gemeinsamen Zuständigkeiten, in einer Hand liegen. Die Diskussion, wie man Gesellschaften zusammenbringt, müsse endlich geführt werden. 3. P robleme, die im Ruhrgebiet nicht auf kommunaler, sondern nur auf überkommunaler Ebene zu lösen sind, seien existent. Beispiele hierfür seien Smart City, Klimaresilienz, sowie der öffentliche Personennahverkehr. Der Bereich Infrastruktur könne als Vorreiter für eine neue Phase der überkommunalen Zusammenarbeit im Ruhrgebiet fungieren. Genossenschaftsidee könne ein Vorbild für eine neue Governance sein. So würden öffentliche Institutionen, die sich in ihrem Ausbau der Genossenschaftsidee anlehnen, an Flexibilität und Legitimation gewinnen. Ein solches innovatives und neuartiges Modell verpflichte alle Akteure an einem Ziel zu arbeiten und stärke die Selbstorganisation. der Frage der Infrastruktur müsse man auch die soziale Innovation stärker in den Fokus rücken und ihr eine stärkere Rolle zuteilwerden lassen. Innovationen im Home-Office und flexible Arbeitszeiten trügen als flexiblere Lösungen mehr zur Entlastung und Stärkung der Infrastruktur bei als der Ausbau von Straßen. Prof. Dr. Uli Paetzel Vorsitzender der Emschergenossenschaft/ Lippeverband # r uhrzeit zukunft 15 ___ Diskussion Karola Geiß-Netthöfel, Regionaldirektorin des Regionalverbandes Ruhr, verwies in der sich anschließenden Diskussion auf den Elf-Punkte-Plan , auf welchen sich die elf Oberbürgermeister_innen und vier Landräte des Reviers gemeinsam mit den Vorsitzenden und Geschäftsführenden der großen kommunalen Verkehrsunternehmen zur Stärkung des ÖPNV geeinigt hätten. Im Rahmen des Plans würden ÖPNV-Projekte bereits gemeinsam realisiert und eine Kooperation der Gesellschaften sei im Gange. Eine Fusion stehe bislang jedoch noch in den Sternen. Auch Rolf Buch, Moderator des Initiativkreises Ruhr, sah sich selbst als Vertreter der These einer überregionalen Lösung der Infrastrukturpolitik. Man müsse größer und mutiger denken, so Buch. Insgesamt waren sich die Diskutanten bei den Themen Infrastruktur und Klimaschutz einig darüber, dass man es nicht bei der Planung allein belassen dürfe, sondern Bau und Betrieb zwingend umgesetzt werden müssten. Ebenso sei es bei der Digitalisierung wenig zielführend, Maßnahmen bis ins Detail auszudiskutieren, wenn man vorankommen wolle. Groß denken und kleine Schritte gehen – das sei eben kein Widerspruch, schloss Tom Hegermann resümierend die 2. RuhrzeitzukunftKonferenz. »Groß denken und kleine Schritte gehen ist eben kein Widerspruch.« Karola Geiß-Netthöfel Regionaldirektorin des Regionalverbandes Ruhr Rolf Buch Moderator des Initiativkreises Ruhr