A N A LY S E KLIMAWANDEL, ENERGIE UND UMWELT BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT Ada Ámon/Orsolya Fülöp In Ungarn leben 70% der Bevölkerung in Städten, von denen 93 bereits über eine Klimastrategie verfügen; weitere 31 sind Mitglied des Konvents der Bürgermeister und haben einen Aktionsplan für nachhaltige Energie und Klima erstellt. Die Hauptstadt Budapest hat am 21.März 2021 eine Klima­ strategie und einen Aktions­ plan für nachhaltige Energie und Klima beschlossen. Ziel ist eine Emissionsreduzierung um 40% bis zum Jahr 2030 im Vergleich zu 2015. Die größte Emissionsverminderung kann durch die energetische Sanierung von Wohngebäuden erreicht werden. Daneben hat Budapest ein großes Potential bei der Reduzierung von Emissionen im Transportsektor: durch Verlagerungen auf den Fahrradverkehr und den öffentlichen Personennahverkehr. BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT Zeitraum mit einem Anstieg des Anteils der erneuerbaren Energien 6 am Endverbrauch um mindestens 21%. Betrachtet man die Bevölkerungszahl, zeigt sich die Relevanz des urbanen Lebensraums in Ungarn, denn 70% der Bewohner_innen des Landes leben in Städten(rund 6,88 Mio. Menschen, davon 1,75 Millionen in Budapest) 1 . Das wiederum bedeutet, dass der Energieverbrauch – z. B. bei Heizung und Beleuchtung von Gebäuden, beim Gebrauch von Haushaltsgeräten, im Verkehr wie in der Güterbeförderung – größtenteils auf städtischem Gebiet realisiert wird. Über den Verbrauch hinaus spielen die Städte auch in der Produktion eine wichtige Rolle: 37% 2 des gesamten ungarischen Bruttoinlands­ produkts(BIP) werden in Budapest erwirtschaftet. Sowohl der Konsum von Gütern als auch deren Produktion sind mit Energieverbrauch, d. h. mit der Emission von Treibhausgasen verbunden. Insbesondere die Städte spielen deshalb in Ungarn aus all diesen Gründen eine sehr wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels. Recherchen durch die Autorinnen dieses Textes ergaben, dass bis jetzt in 93 Städten(79 inklusive Budapest und 14 der 23 Budapester Bezirke) eine Klimastrategie ausgearbeitet wurde. Als Mitglied des Konvents der Bürgermeister in Europa erstellten 31 ungarische Städte einen Aktionsplan für nach­ haltige Energie 7 – unter ihnen 6 Budapester Bezirke und die„Hauptstädtische Kommunalverwaltung“ von Budapest. Mit diesem Aktionsplan verpflichteten sich die Kommunen zur Emissionsreduktion um 40% bis zum Jahr 2030, und zwar im Vergleich zu einem von der jeweiligen Stadt bestimmten Ausgangsjahr(d. h. das als Basis genannte Jahr ist unterschiedlich, das Zieljahr ist jedoch gleich). Des Weiteren wurden Maßnahmen beschlossen, um die bereits wahrnehmbaren schädlichen Folgen des Klimawandels zu bekämpfen oder um sich deren Negativentwicklungen anzupassen. ZIELSETZUNGEN FÜR DEN KLIMASCHUTZ IN UNGARN Laut des Nationalen Energie- und Klimaplans 3 setzt sich die ungarische Regierung zum Ziel, die Emission von Treibhausgasen bis 2030 um mindestens 40% zu senken, wobei die Werte aus dem Jahre 1990 als Vergleichsmaßstab dienen. Nach Angaben des statistischen Amtes der Europäischen Union Eurostat 4 lagen die Treibhausgasemissionen in Ungarn 2018 um 32% niedriger als im Jahre 1990 5 . So gesehen plant Ungarn bis 2030 eine Verminderung um 8 Prozentpunkte. Die Regierung rechnet im gleichen DER KLIMAWANDEL FÜHRT ZU PROBLEMEN Die gravierendsten Auswirkungen des Klimawandels für Budapest sind folgende: Es regnet insgesamt immer seltener. Dabei gibt es immer häufiger Unwetter mit Starkregen, wenn also große Niederschlagsmengen mit hoher Intensität fallen, die vom stürmischen Winden begleitet werden. 1 Quelle: Zentrale Statistikbüro, http://www.ksh.hu/docs/hun/xstadat/ xstadat_eves/i_wdsd001b.html,(Abgerufen: 21. März 2021) 2 Quelle: Zentrale Statistikbüro, http://www.ksh.hu/docs/hun/xstadat/ xstadat_eves/i_qpt012c.html,(Abgerufen: 21. März 2021) 3 https://ec.europa.eu/energy/sites/default/files/documents/hu_final_ necp_main_en.pdf 4 https://ec.europa.eu/info/departments/eurostat-european-statistics_en 5 https://ec.europa.eu/eurostat/databrowser/view/sdg_13_10/default/ table?lang=en 6 Biomasse, Biokraftstoffe, Biogas, Sonnenenergie, Wasserenergie, Windenergie, geothermische Energie. 7 Aktionsplan für nachhaltige Energie und Klima/ Sustainable Energy and Climate Action Plan, SECAP. Vgl.: https://www.konventderbuerger­ meister.eu/pl%C3%A4ne-und-ma%C3%9Fnahmen/aktionspl%C3%A4ne.html 2 BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT Grafik 1 Anzahl der stürmischen Tage pro Jahr(heftige Windstöße mit über 60 km/h Geschwindigkeit) in Budapest laut Messstellen im innerstädtischen Bereich zwischen 1961 und 2019 8 55 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 1961 1971 1981 1991 2001 2011 Gleichzeitig nimmt die Dauer von Dürreperioden in Budapest zu. Der ausbleibende Niederschlag wirkt sich offensichtlich auch auf den Wasserstand der Donau aus. Wenn an den oberen Abschnitten der Donau und in den Wassereinzugsgebieten Trockenheit herrscht, werden die niedrigen Wasserstände des Flusses verstärkt. Auch am Budapester Abschnitt des Flusses ist dann der Wasserstand für längere Zeit niedrig, und selbst extremes Niedrigwasser ist keine Seltenheit mehr. Der oftmals niedrige Pegel der Donau führt bereits jetzt zu quantitativen und qualitativen Problemen in der Trinkwasserversorgung: Häufigkeit und Schwere von Problemen mikrobiologischer Art werden daher zukünftig zunehmen. Die jährliche Durchschnittstemperatur stieg im vergangenen Jahrhundert um 1°C, und wird in den folgenden Jahrzehnten vermutlich um weitere 1-2°C steigen. Die durchschnittliche Erwärmung betrifft hauptsächlich die immer heißer werdenden Sommermonate. Die bebauten Gebiete der Hauptstadt haben sich innerhalb eines halben Jahrhunderts beinahe verdreifacht, wodurch der Anteil der Grünflächen am Stadtgebiet erheblich reduziert wurde und der ‚Wärmeinsel’-Effekt sich verstärkte. Grafik 2 Anzahl der Tage im Jahr mit mindestens 27°C Tagesmitteltemperatur 3 Tage lang(Hitzewelle) in den städtischen Gebieten von Budapest zwischen 1901 und 2019 9 30 27 24 21 18 15 12 9 6 3 0 1961 1971 1921 1931 1941 1951 1961 1971 1981 1991 2001 2011 8 Quelle: Meteorologischer Landesdienst, in: Budapest Környezeti Állapotértékelése 2019-2020, Hauptstädtische Kommunalverwaltung Budapest 9 Quelle: Meteorologischer Landesdienst, in: Budapest Környezeti Állapotértékelése 2019-2020, Hauptstädtische Kommunalverwaltung Budapest 3 Der 2019 neu gewählte Budapester Oberbürgermeister 10 und der Budapester Stadtrat verpflichten sich zu einer ‚grünen’ und demokratischen Entwicklung mit Bürger_innenbeteiligung. Als eine der ersten Maßnahmen wurde der Klimanotstand in Budapest ausgerufen. Diesem Beispiel folgten später mehrere Bezirksstadträte der Hauptstadt 11 . Die Budapester Klimastrategie und der Budapester Akti­ onsplan für nachhaltige Energie und Klima wurden am 21. März 2021 von der Hauptstädtischen Kommunalverwal­ tung beschlossen 12 . In diesen Dokumenten definierte die Hauptstadt jene Maßnahmen, die im aktuell ablaufenden Jahrzehnt umgesetzt werden müssen, um den Ausstoß von Kohlendioxyd in Budapest bis 2030 um 40% zu reduzieren(verglichen mit 2015), und um die absehbaren Folgen des Klimawandels zu verringern. Ein beträchtlicher Teil der CO 2 -Emissionen 13 in Budapest entstehen durch Heizung und Klimatisierung von Gebäuden und beim privaten und gewerblichen Kraftfahrzeugverkehr. Grafik 3 CO 2 -Emission gemäß Endenergieverbrauch je nach Energie­ trägern in Budapest(2015) 14 1% 10% 0% 13% 24% 10% VORSCHLÄGE FÜR EINE ‚GRÜNE’ ZUKUNFT Damit die umweltbewusste,„Grüne Stadt“ und das in der Budapester Klimastrategie gesetzte Ziel, die Emissionen um 40% zu reduzieren, erreicht werden können, sind in Budapest umfassende und tiefgreifende Veränderungen erforderlich. Folgende wirkungsvolle Maßnahmen werden empfohlen: 1. Durchführung energetischer Sanierungen in einem Drittel der Budapester Wohnungen Als effizienteste Methode zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen gilt die Reduzierung des Energiebedarfs von Wohngebäuden, d. h. Wärmedämmung, der Austausch von Fenstern und die Modernisierung des Heizsystems sowie die Installierung von Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien. Um das Budapester Gebäudesanierungsprogramm starten zu können, sollte ein aus mehreren Komponenten bestehendes Finanzierungsmodell entwickelt werden, das sowohl nationale als auch internationale Finanzmittel mobilisiert. Nur wenn finanzielle Fördermaßnahmen verfügbar sind, können die Bürger_innen umfassende Sanierungen beginnen. Auf einem Klimatreffen der Budapester Bürger_innen 15 forderte die überwiegende Mehrheit eine finanzielle Unterstützung für energetische Modernisierungsmaßnahmen an Gebäuden. Neben der Bereitstellung finanzieller Unterstützung ist die Einrichtung eines Beratungsbüros für die beteiligten Bewohner_innen bei den Renovierungsarbeiten durch Ratschläge und Berechnungen erforderlich. 42% Strom Erdgas Benzin Fernwärme Dieselkraftstoff Brennholz Sonstiges (geothermische und Sonnenenergie, Biokraftstoff, Kohle, usw.) 10 Bei den Kommunalwahlen 2019 wurde Gergely Karácsony als Oberbürgermeister(OB) der Hauptstadt gewählt, der Mitglied der progressiven Partei Párbeszéd[zu Deutsch Dialog] ist und als Gegner zur regierenden Fidesz-Partei gilt. Die Bezirksbürgermeister_innen gehören sowohl den Oppositions- als auch den Regierungsparteien an. 11 In Budapest gibt es zwei kommunale Ebenen: neben der Haupt­ städtischen Kommunalverwaltung(Stadtrat) verfügen alle 23 Stadt­ bezirke eine lokale Kommunalverwaltung(Bezirksräte). Die beiden Ebenen haben abweichende Befugnisse, Aufgaben und Kompetenzen. Sie arbeiten selbständig und voneinander unabhängig mit einem eigenen Bezirkshaushalt. Die Hauptstädtische Kommunalverwaltung wird vom OB, die Kommunalverwaltungen der Stadtbezirke vom Bezirksbürgermeister_innen geführt. Den OB wählen die Bürger_innen alle 5 Jahre, die Bezirksbürger­m­­­ eister_innen alle 4 Jahre durch eine direkte Wahl. 12 https://budapest.hu/Documents/klimastrategia/BP_ kl%C3%ADmastrat%C3%A9gia_SECAP.pdf[Text auf Ungarisch] 13 Kalkuliert nach der Berechnungsmethode des Konvents der Bürgermeister SECAP. 14 Quelle: Climate Strategy& Sustainable Energy and Climate Action Plan of Budapest(adopted in 2021) 2. Senkung des PKW‑Verkehrs von 61% auf höchstens 30%(gemessen an Personenkilometern 16 ) Damit dieses Ziel erreicht wird, sollte der Anteil des öffentlichen Personennahverkehrs auf 50% erhöht werden, hauptsächlich durch Flottenmodernisierung und besseres Verkehrsmanagement(Priorisierung des öffentlichen Personennahverkehrs, z. B. durch separate Fahrspuren, Abstimmung der Verkehrsampeln auf die Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs; Einführung eines elektronischen Fahrkartensystems mit Zeiterfassung im öffentlichen Personennahverkehr und damit verbundener Tarife). Eine weitere Bedingung ist die Reduzierung des Verkehrsaufkommens: In einigen 15 Die Budapester Stadtverwaltung veranstaltete im September 2020 eine viertägige Bürgerversammlung zu Klimafragen, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der Klimastrategie stand. Die 50 teilnehmenden Bürger_innen repräsentierten dabei die Einwohnerschaft von Budapest in Hinsicht auf Geschlecht, Alter und Bildungsniveau. 16„Personenkilometer oder Passagierkilometer(Pkm) ist bei der Ortsveränderung von Personen bzw. Passagieren eine Maßeinheit für die Transportleistung oder Verkehrsleistung. Sie bemisst sich als Produkt der beförderten Personen bzw. Passagiere und der dabei zurückgelegten Entfernung(Abstand von Start- und Zielort) in Kilometern(km). Diese Größe findet Eingang in die wirtschaftlichen und statistischen Erhebungen von Verkehrsunternehmen,-verbünden und von Staaten.“(https://de.wikipedia.org/wiki/Personenkilometer) 4 BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT Stadtteilen Budapests sollte der PKW-Verkehr an Bedingungen geknüpft werden(Ausweisung von Klimaschutzzonen). Eine seit langem geplante, emissionsgebundene Gebühr(Maut) zum Zwecke einer allgemeinen Verminderung des motorisierten Verkehrs könnte ebenfalls ein wichtiges Instrument sein. Außerdem soll der Anteil des Fahrradverkehrs von momentan 1% auf 5% erhöht werden – und zwar durch den Ausbau eines klar gestalteten, gut nutzbaren und sicheren Hauptverkehrsnetzes für Fahrräder, sowie durch Vermehrung der öffentlichen Fahrradabstellplätze und Weiterentwicklung des öffentlichen Fahrradverleihsystems. 5. Erhöhung der Anzahl und Ausdehnung der Grünflächen Größe und Lage von Grünflächen beeinflussen das Stadtklima. Das Grün in der Stadt kann einen Teil der Treibhausgase und des Staubes in der Luft binden. In Budapest beträgt die Fläche von öffentlichen Gärten bzw. Parkanlagen nur 6m 2 pro Kopf – in einigen Bereichen der Innenstadt sogar weniger als 1m 2 (Laut WHO-Empfehlung sind mindestens 9m 2 pro Person Grünfläche erforderlich). Gemäß den in der Budapester Klimastrategie festgelegten Zielen soll das Pro-Kopf-Angebot an Grünflächen bis 2030 auf 7m 2 und die Größe der geschützten Naturgebiete um 350 Hektar zunehmen. 3. Erhöhung der Menge des erzeugten Solarstroms auf das 130-fache Der einfachste und kostengünstigste Weg, um den Anteil erneuerbarer Energien in Budapest zu steigern, besteht darin Solarenergie zu fördern, vor allem durch die Installation von Solarzellen. Die geografischen und klimatischen Bedingungen für die Nutzung der Sonnenenergie sind ausgezeichnet(die Anzahl der Sonnenstunden und Sonnentage ist hoch), der Einsatz von Solarzellen ist jedoch vorerst noch gering: In Budapest werden nur 0,2% des Stromverbrauchs durch Solarzellen erzeugt. Laut der verfügbaren Daten 17 wären durch die Montage von Solarmodulen an Gebäuden und an anderen geeigneten Flächen in Budapest etwa eine Kapazität von 1.500 Megawatt bis 2030 zu erreichen. 4.„Greening“ und Entwicklung einer„effizienten Fernwärme/ Fernkühlung“ 18 . Dies bedeutet ein Fernwärmesystem, das mindestens 50% erneuerbare Energie, 50% Abwärme oder 75% Wärme aus Kraft-Wärme-Kopplung nutzt oder zu 50% eine Kombination dieser Energien und Wärme. Derzeit basiert das Fernwärmesystem in Budapest hauptsächlich auf Erdgas. Etwa 15% der Budapester Wohnungen beziehen Fernwärme. Es gibt keine Vorschrift darüber, dass sich neue Gebäude an das Fernwärmesystem anschließen müssten. Auf Landesebene versucht der Staat, die Fernwärme gegenüber anderen Energieträgern attraktiver zu machen, indem er die Mehrwertsteuer auf Fernwärme von 27% auf 5% senkt. Inhaber des Budapester Fernwärmeversorgungsunternehmens ist die Stadt Budapest(das ist der Fall bei allen Fernwärmeversorgungsunternehmen in den verschiedenen Gemeinden). 17 Budapest – Rooftop solar potential – Google Environmental Insights Explorer – Make Informed Decisions 18 … gemäß Energieeffizienz-Richtlinie 2012/27/EU. Ein Rückgang der CO 2 -Emissionen in Budapest um 40% könnte die gesamten Emissionen Ungarns um rund 5% reduzieren. SCHLUSSFOLGERUNG: MEHR MACHT DEN STÄDTEN! Nach Schätzungen 19 liegt der Finanzierungsbedarf der Maßnahmen des Budapester Aktionsplans für nachhaltige Energie und der Budapester Klimastrategie bei rund 2.500 Milliarden HUF 20 (ca. 7 Milliarden EUR). Der Erfolg der Bestrebungen für Klimaschutz hängt somit von der Verfügbarkeit von Finanzmitteln ab. Die neuerlichen Maßnahmen der nationalen Regierung, die darauf abzielen, der Stadt Finanzierungsmittel in großem Maße zu kürzen, gefährden das Budapester Vorhaben. Neben Budapest sind auch alle anderen Gemeinden vom Vorgehen der ungarischen Regierung betroffen, die sich in 2020 auf deren„Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise” berufen. Folge: Den Gemeindeverwaltungen werden Einnahmen aus Parkgebühren 21 und der Fahrzeugsteuer 22 vorenthalten und bei der Gewerbesteuer 23 auf die Hälfte reduziert. Laut 19 Die Schätzungen beruhen auf den Annahmen der Autor_innenen der Budapester Klimastrategie bzw. den Expert_innen der Budapester Stadtverwaltung. 20 Zum Vergleich: Im Haushalt der Hauptstädtischen Kommunalverwaltung sind für 2021 Ausgaben von 390 Milliarden HUF(1,09 Milliarden EUR) geplant. 21 Die Benutzer_innen von Kraftfahrzeugen sind verpflichtet, der Kommunalverwaltung für das Parken in öffentlichen Räumen Gebühren zu zahlen. 22 Nach geltendem Recht sind Kraftfahrzeughalter_innen und Kraftfahrzeugbesitzer_innen verpflichtet, eine an der Leistung des Fahrzeugs bemessene Steuer zu zahlen(bei Bussen und Lastwagen zählt das Gewicht). Zuvor haben die Kommunalverwaltungen 40 Prozent dieser Steuereinnahmen erhalten. 23 Gewerbliche Tätigkeiten auf dem Gebiet der Kommune sind steuerpflichtig. Steuerpflichtige gewerbliche Tätigkeiten sind: Eine Tätigkeit des Unternehmers, die darauf abzielt, in dieser Eigenschaft einen Gewinn oder ein Einkommen zu erzielen. Die Einnahmen aus der von der Gemeinde festgelegten Gewerbesteuer können v. a. zur Wahrnehmung der Aufgaben des öffentlichen Personennahverkehrs und zur Finanzierung von Sozialleistungen verwendet werden. In Budapest hat die Hauptstädtische Kommunalverwaltung einen Anspruch auf Gewerbesteuereinnahmen(die Bezirksverwaltungen nicht). 5 Berechnungen 24 würden den Kommunen damit jährlich etwa 100 Milliarden Forint(280 Millionen Euro) entzogen. Besonders in Budapest führen diese Maßnahmen zu großen finanziellen Einbußen, so dass die Hauptstadt an den Rand ihrer Funktionsunfähigkeit gedrängt wurde. Die Lage der Hauptstadt wird des Weiteren dadurch erschwert, dass die ungarische Regierung systematisch versucht, sowohl die Hauptstädtische Kommunalverwaltung als auch die einzelnen Stadtbezirke von Budapest von der Verteilung von EU-Fördermitteln fernzuhalten. Ein Beispiel dafür sind die Verhandlungen über den„Europäischen Aufbauplan“ 25 . Die EU-Kommission hat damit ein neues Instrument zur Bewältigung der durch die COVID-19-Pandemie verursachten Krise geschaffen. Diese könnten für die Finanzierung der Budapester Klimastrategie eingesetzt werden und beispielsweise zur Umstellung auf saubere Verfahren zur Energieerzeugung beitragen. Die ungarische Regierung sollte der EU-Kommission bis zum 30. April einen Plan einreichen zur Verwendung der rund 5.900 Milliarden Forint 26 (16,5 Milliarden Euro), die Ungarn aus dem Wiederaufbaufonds zustehen. Im Dezember veröffentlichte die nationale Regierung Ungarns nur einen groben Plan darüber. Die Stadt Budapest bekam nicht die Möglichkeit, die in Brüssel vorgelegten Pläne der Regierung einzusehen und durfte auch an den Verhandlungen nicht teilnehmen. Dabei hatte die Budapester Kommunalverwaltung gegenüber der ungarischen Regierung ausdrücklich ihren Willen bekundet, an den Verhandlungen über die Klimamaßnahmen mitzuwirken. Die Bu­ da­pester Stadtverwaltung war es ja auch, die proaktiv handelnd einen Entwicklungsplan für den Zeitraum 2021 bis 2027 ausgearbeitet hat. Die Nichteinbeziehung der Hauptstadt bei der Gestaltung des Plans in puncto Finanzen wirft einerseits Legitimations- und Rechtsfragen auf. Andererseits gefährdet die Vorgehensweise der Orbán-Regierung auf nationaler Ebene die Umsetzung notwendiger Maßnahmen zum Klimaschutz. Leidtragende sind in erster Linie die Bewohner_innen und Beschäftigten in Budapest und Umgebung, deren Recht auf eine gesunde Umwelt und Lebensweise droht, beeinträchtigt zu werden. 24 https://index.hu/belfold/2021/01/16/gemesi_gyorgy_a_kozepkadari_ korszak_tanacsrendszeret_epitik_vissza/ 25 https://ec.europa.eu/info/strategy/recovery-plan-europe_de 26 Zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Textes war das Ergebnis der Verhandlungen zwischen der EU‑Kommission und der ungarischen Regierung sowie zwischen der Hauptstädtischen Kommunalverwaltung und der nationalen Regierung Ungarns noch nicht bekannt. 6 BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT ÜBER DIE AUTOREN IMPRESSUM Ada Ámon widmet ihre Tätigkeit seit beinahe dreißig Jahren dem Klimaschutz und der Energiepolitik, zurzeit leitet sie bei der das Referat Klimaschutz der Stadt Budapest, zudem ist sie Beauftragte des Oberbürgermeisters für Klimafragen. Außerdem leitete sie zwei Jahrzehnte lang den „Energiaklub“(energiaklub.hu/en), ein, unabhängiger Think Tank zu Fragen der Klima- und Energiepolitik mit Sitz in Budapest. Ámon war überdies leitende Mitarbeiterin bei dem nicht-staatlichen Think Tank„E3G – Third Generation Environmentalism“(e3g.org), wo sie die Region Mittel- und Osteuropa betreute. Friedrich-Ebert-Stiftung Budapest Verantwortlich: Office Budapest Friedrich-Ebert-Stiftung 1054 Budapest| Fővám tér 2–3. Tel.:+36-1-461-60-11| Fax:+36-1-461-60-18 fesbp@fesbp.hu www.fes-budapest.org Orsolya Fülöp ist Wirtschaftswissenschaftlerin. Zurzeit arbeitet sie als Fachreferentin für Nachhaltige Städte in der Abteilung für Klima und Umwelt der Stadt Budapest. Zuvor war sie Projektleiterin, danach fachliche Leiterin beim Energiaklub. Fülöps Schwerpunktthemen sind das Energieeffizienz-Potential von Wohngebäuden, die Klimastrategien von Gemeinden und Aktionspläne für nachhaltige Energien. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese Publikation wird auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. 7 BUDAPESTS WEG IN EINE GRÜNE ZUKUNFT Die deutlichsten Folgen des Klimawandels in Budapest sind: Erwärmung, Hitzewellen im Sommer, Dürre und Trockenheit, extreme Wetterereignisse wie Starkregen und heftige Stürme. Die geplante Reduzierung der Emissionen um 40% erfordert u. a. die umfassende energetische Sanierung eines Drittels der Budapester Wohngebäude, die Reduzierung des Anteils des PKW-Verkehrs in der Stadt von 61% auf höchstens 30%, die Steigerung der Solarstrommenge auf das 130-fache, die Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien auf mindestens 50 Prozent in der Fernwärme sowie die Vergrößerung der geschützten Grünflächen auf kommunaler Ebene um 350 Hektar. Der Finanzierungsbedarf für die Maßnahmen der Budapester Kli­ mastrategie und des Budapester Aktionsplans für nachhaltige Ener­ gie beträgt geschätzte 2.500 Milliarden Forint(ca. 7 Milliarden Euro). Erfolg oder Misserfolg der Bemühungen um den Klimaschutz hängen von der Verfügbarkeit der erforderlichen Finanzmittel ab. Ge­fährdet wird das Erreichen der Klimaziele durch die ungarische Regierung, die der Budapester Stadtverwaltung in letzter Zeit erhebliche Mittel versagt. Weitere Informationen finden Sie hier: www.fes-budapest.org