Angela Borgwardt „… und es hat Zoom gemacht.“ Studierende im dritten Digitalsemester: Situation NETZWERK Eine St W u I n S d SE e N f S ü C r HA d F i T e Wissenschaft Paper No. 2 und Perspektiven Online-Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung am 29. APRIL 2021 Seit März 2020 steht die Hochschullandschaft unter den Zeichen der COVID-19-Krise. In kürzester Zeit mussten die Hochschulen den Lehrbetrieb auf digitale Lehre umstellen, Campusse wurden geschlossen. Studium und Lehre haben sich grundsätzlich verändert. Inzwischen ist seit Ausbruch der Corona-Pandemie über ein Jahr vergangen. Manche Studierenden befinden sich bereits im dritten Digitalsemester und haben die Hochschule noch nie von innen gesehen. Auch wenn die Online-Lehre an vielen Hochschulen grundsätzlich funktioniert, ist das Studieren mit erheblichen Einschränkungen verbunden. In der zweiten„Stunde für die Wissenschaft“ der FriedrichEbert-Stiftung standen die zentralen Herausforderungen für Studierende sowie mögliche Lösungsansätze und Perspektiven im Mittelpunkt. Hintergrund nehmer_innen aus der ganzen Welt sowie der Wegfall von langen Fahrtwegen. Die Auswirkungen der COVID-19-Krise erforderten im März 2020 an den Hochschulen eine rasche Umstellung auf digitale Lehre, was insgesamt sehr gut funktioniert hat. 1 Der Lehrbetrieb konnte online weitgehend aufrechterhalten werden. Die Krisenbewältigung der Hochschulen wird überwiegend positiv bewertet. 2 Erste Forschungsergebnisse zum digitalen Studium Die insgesamt flexible und kreative Reaktion der Hochschulen auf die Krisensituation kann als gemeinsame Leistung der Lehrenden, Studierenden, Hochschulleitungen und-verwaltungen gesehen werden. Deutlich wurde ein hohes Maß an „Resilienz“ der Hochschulen , was laut Wissenschaftsrat eine zentrale Fähigkeit eines zukunftsfähigen Wissenschaftssystems ist. 3 Im Zuge der Online-Lehre haben sich die digitalen Kompetenzen von vielen Beteiligten erhöht und es wurden Vorteile der digitalen Tools deutlich, zum Beispiel die Möglichkeiten zum asynchronen Lehren und Lernen, unkomplizierte Online-Treffen mit TeilUngeachtet dessen ist für fast drei Millionen Studierende in Deutschland das Studium in Pandemiezeiten mit erheblichen Herausforderungen verbunden, was in der öffentlichen Debatte, in den Medien und bei politischen Maßnahmen im letzten Jahr nur selten eine Rolle spielte. Erst in den vergangenen Wochen trat das Thema verstärkt in den Fokus. Studentische Aktionen, zum Beispiel der Initiative#nichtnuronline, zielten darauf, Aufmerksamkeit für die Anliegen der Studierenden zu schaffen und Perspektiven auf ein Studium in Präsenz zu erhalten. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und der Deutsche Hochschulverband(DHV) forderten Strategien für eine schrittweise Öffnung der Hochschulen , die sich an örtlichen Inzidenzwerten orientieren und Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln durch ausreichende, kostenlose Schnelltests und PCR-Tests ergänzen sollten. Auf diese Weise könnten in manchen Studiengängen Präsenz- und Praxisanteile möglich werden, die in digitaler Form nicht zu realisieren sind, zum Beispiel die Arbeit in Laboren und Bibliotheken, Prüfungen sowie kleinere Seminare und Übungen. 4 Große öffentliche Beachtung erhielt die Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven Seite 02 /7 NETZWERK WISSENSCHAFT Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die Studierenden am 12. April 2021. Steinmeier zeigte sich davon beeindruckt, wie solidarisch, engagiert und kreativ die Studierenden mit den Herausforderungen in der Krise umgegangen sind und richtete an sie den Appell, sich zu beteiligen, wenn nach der Krise die Spielregeln für zukunftsfähige Hochschulen neu geschrieben werden. Rede des Bundespräsidenten an die Studierenden in Deutschland Vor diesem Hintergrund wurden in der zweiten Veranstaltung der Reihe„Eine Stunde für die Wissenschaft“ der Friedrich-Ebert-Stiftung die Herausforderungen für Studierende in der Pandemie benannt und mögliche Lösungsansätze und Perspektiven diskutiert. Herausforderungen für Studierende in der Pandemie Erschwerte Studienbedingungen im Online-Studium: Felix Pinkert, Assistenzprofessor am Institut für Philosophie der Universität Wien, verwies auf die Kehrseite der erfolgreichen Umstellung auf Online-Lehre. Von den Studierenden sei dann auch erwartet worden, weiter zu studieren und die geforderten Studienleistungen zu erbringen. Ein großer Teil der Studienleistungen sei auch erbracht worden, 5 was als große Leistung der Studierenden zu werten sei. Dabei werde allerdings oft vergessen, dass das Studium unter erschwerten Bedingungen stattfindet und ein reines Online-Studium mit großen Belastungen und Problemen verbunden ist. Ein beträchtlicher Teil der Studierenden habe die Hochschule im Präsenzbetrieb noch nie kennengelernt. Diese zeichne sich durch eine spezifische Struktur und Kultur aus: Dazu gehöre ein lebendiges Sozialleben mit vielfältigen Kontakten, die Möglichkeit zur Vernetzung und zum Austausch, schnelle gegenseitige Hilfe bei Fragen und freundschaftliche Unterstützung. Die schnelle Umstellung auf Online-Lehre habe vor allem die organisatorischen Aspekte des Studiums sicherstellen sollen, indem dafür gesorgt wurde, dass Lehrveranstaltungen stattfinden und Inhalte vermittelt werden konnten sowie Materialien zugänglich waren. Für das Funktionieren einer Hochschule und den Studienerfolg seien aber auch die informellen sozialen Beziehungen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die Folgen der pandemiebedingten Einschränkungen für Studierende sind nach Pinkert erheblich: Verzögerungen im Studienverlauf, zum Beispiel durch ausgefallene oder verschobene Praktika und Auslandsaufenthalte, finanzielle Probleme, vor allem durch den Wegfall von Nebenjobs, eine größere Planungsunsicherheit im Leben, Zukunftsängste in Bezug auf den Arbeitsmarkt sowie die Verstärkung von bereits existierenden Nachteilen durch das Fehlen von gemeinschaftsorientierter Unterstützung, seien es geteilte Studienmaterialien, Computerräume an der Hochschule oder Kinderbetreuungsangebote. Verschlechterung der Finanz- und Erwerbssituation: Eine zentrale Herausforderung für die Studierenden sei die Verschlechterung ihrer Finanz- und Erwerbssituation, betonte Jacqueline Niemietz, Masterstudentin der Bildungswissenschaften an der Freien Universität Berlin und Stipendiatin der FriedrichEbert-Stiftung. In der bundesweiten repräsentativen Studie„Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie“, die vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung(DZHW) gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Hochschulforschung an der Universität Konstanz durchgeführt wurde, sind im Sommersemester 2020 knapp 28.600 Studierende online zu ihren Erfahrungen befragt worden. Die Ergebnisse geben einen Einblick, wie sich die Corona-Pandemie auf Studierende an deutschen Hochschulen ausgewirkt hat. Studie„Studieren in Zeiten der Corona-Pandemie“ 2020 Für viele Studierende sei das Arbeiten immens wichtig, da sie ihren Lebensunterhalt über Nebenjobs finanzieren, verdeutlichte Niemietz. Nach der DZHWStudie waren vor der Corona-Pandemie 57 Prozent der befragten Studierenden erwerbstätig. 6 Bei knapp 40 Prozent dieser arbeitenden Studierenden hat sich die Erwerbssituation im Zuge der Pandemie erheblich verschlechtert, das heißt sie haben ihren Job verloren, wurden unbezahlt freigestellt oder sind von Arbeitszeitreduzierungen betroffen. Im Ergebnis mussten die Studierenden im Sommersemester 2020 eklatante Einnahmeeinbußen verkraften: Im Durchschnitt hatten sie pro Monat 232 Euro weniger zur Verfügung – und somit lediglich 658 Euro. Dies sei viel zu wenig, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, meinte Niemietz. Auch die Überbrückungshilfe 7 hätte hier aufgrund ihres geringen Umfangs und teilweise hohen bürokratischen Hürden nicht gegensteuern können. Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven Seite 03 /7 NETZWERK WISSENSCHAFT Höheres Risiko zum Studienabbruch: Niemietz verdeutlichte, dass der Einnahmenrückgang der Studierenden das Risiko des Studienabbruchs deutlich erhöht hat. Wenn sich zusätzlich noch die Erwerbssituation der Eltern verschlechterte, was bei 32 Prozent der Studierenden der Fall war, erhöhte sich das Risiko eines Studienabbruchs weiter. Nach der DZHW-Studie verschlechterte sich insbesondere für internationale Studierende und Studierende aus einem nicht-akademischen Elternhaus die Erwerbs- und Finanzierungssituation im Zuge der Corona-Pandemie – bei diesen Studierendengruppen ist die Gefahr eines Studienabbruchs somit besonders hoch.„Das Versprechen, durch Bildung den sozialen Aufstieg schaffen zu können, wird damit nicht eingelöst“, meinte Niemietz. Schwierigkeiten in der Orientierungsphase: Lucca Pizzato, Masterstudent im Studiengang Soziokulturelle Studien an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder, verwies auf die besonderen Schwierigkeiten von Studienanfänger_innen, sich in den neuen Strukturen einer Hochschule zurechtzufinden. In der Orientierungsphase stellten sich viele Fragen, zum Beispiel wie die Prüfungsanmeldung funktioniert, welche Kurse belegt werden müssen oder wo man einen Bibliotheksausweis erhält. In einer OnlineUniversität könnten diese Fragen schnell zu einem Gefühl der Überforderung führen, da die Unterstützung durch Kommiliton_innen auf dem Campus wegfällt. In Pandemie-Zeiten fehle der Campus als Ort der persönlichen Begegnung und des informellen Austauschs mit anderen Studierenden, um sich die Infrastruktur und Kultur einer Hochschule gemeinsam erschließen zu können. Fehlen des diskursiven Raums: In Zeiten der Pandemie sei aber auch das wissenschaftliche Arbeiten erschwert. Pizzato machte deutlich, dass das Interesse und die Leidenschaft an Wissenschaft auch dadurch lebt, sich in Debatten mit den Kommiliton_innen über Studieninhalte austauschen zu können, etwa bei einem gemeinsamen Mittagessen in der Mensa oder bei Studierendenparties. Die sozialen Netzwerke und Kontakte vor Ort dienten nicht nur als soziales Ventil für den Leistungsdruck, sondern auch als Gelegenheit, die Inhalte aus Vorlesungen und Seminaren zu verarbeiten und sich damit auseinanderzusetzen. Dagegen würden die Studierenden in der Online-Universität vereinzelt vor ihren Bildschirmen sitzen und vor allem Input erhalten.„Der Campus fehlt auch als diskursiver Raum, der anregt und hilft, in der Wissenschaft anzukommen“, meinte Pizzato. Psychische Belastungen: Nach Pizzatos Erfahrungen sind unter den Studierenden Gefühle der Überforderung, Einsamkeit und Verlorenheit sowie soziale Verarmung weit verbreitet. Ohne das akademische Leben und die persönliche Begegnung gestalte sich das Studium für viele sehr schwierig. Hinzu komme eine monatelange Perspektiv- und Aussichtslosigkeit auf ein„normales“ Studium, was bei einem größeren Teil der Studierenden zu Frustration und mangelnder Motivation führe. Prof. Dr. Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam und Vizepräsident für Governance, Lehre und Studium der Hochschulrektorenkonferenz, stimmte zu: Auch wenn in der Corona-Pandemie zunächst der körperlichen Gesundheit – im Sinne des Schutzes vor dem Virus – ein Primat eingeräumt worden sei, sei es von großer Bedeutung, die psychische Gesundheit mit zu bedenken. Für viele Studierende sei ein rein digitales Studium mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden. Mangelnder Zugang zur Infrastruktur: Die vollständige Schließung der Hochschulen hat für Studierende auch deshalb gravierende Folgen, weil sie dadurch keinen oder nur einen erschwerten Zugang zur notwendigen technischen, räumlichen oder organisatorischen Infrastruktur haben, sei es zu Labors, Bibliotheken, Computer oder WLAN. Davon sind Studierende aus finanzschwachen Familien besonders betroffen, da es ihnen häufiger an einer digitalen Ausstattung mangelt(Laptops, WLAN). Günther berichtete, dass die Hochschulen in der Pandemie sehr unterschiedliche Strategien umgesetzt haben; nicht wenige hätten die Präsenz nahezu vollständig beendet und selbst die Gebäude verschlossen. Nach den Erfahrungen im ersten Digitalsemester habe die HRK jedoch die Devise ausgegeben:„So viel Präsenzlehre wie möglich, so viel Online-Lehre wie nötig“ – wobei das Ausmaß natürlich immer von der Rechts- und Viruslage abhängig zu machen sei. Als Hochschulleiter der Universität Potsdam habe er sich an diesem Ziel orientiert: Sobald es möglich war, wurden Gebäude offen gelassen, um den Studierenden zum Beispiel einen Zugang zur digitalen Infrastruktur zu geben. Auch kleinere Präsenzformate waren dort unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln möglich, etwa Praktika oder praktische Übungen in Sport, Musik und Kunst. In diesen Fächern hätte das Fehlen jeglicher Präsenzangebote ansonsten zu gravierenden Verzögerungen im Studienverlauf und vielleicht sogar zum Studienabbruch geführt. Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven Seite 04 /7 NETZWERK WISSENSCHAFT Perspektiven und Lösungsansätze In der Diskussion und im Chat wurden Perspektiven und Lösungsansätze für die Herausforderungen der Studierenden gesammelt. Öffnungskonzepte entwickeln und Präsenzanteile ausbauen: Angesichts der derzeitigen Lage, in der das Impftempo zugenommen hat und Testmöglichkeiten bestehen, findet es Günther wichtig, möglichst bald – vielleicht schon im Laufe des Sommersemesters – rechtskonform und gesundethisch vertretbar Präsenzelemente anzubieten, auch wenn ein solcher Wechsel mitten im Semester logistische Probleme mit sich bringe, etwa weil manche Studierende nicht vor Ort seien. Bei einer deutlich verbesserten Impfsituation im Wintersemester 2021/22 rechnet Günther mit einem Präsenzanteil von deutlich über 50 Prozent. Eine Diskussion sei auch darüber zu führen, ob konkrete Öffnungs- bzw. Präsenzperspektiven für Geimpfte oder Studierende mit negativen Tests angestrebt werden sollten. Finanzielle Unterstützung für Studierende erweitern: In der Debatte bestand Einigkeit, dass die Unterstützung für finanziell notleidende Studierende ausgeweitet werden sollte. Nach Ansicht von Niemietz müsste der Zuschuss der Überbrückungshilfe erhöht werden, damit die Lebenshaltungskosten gedeckt werden können. Auch müsste die Bewilligung der Anträge transparent und angemessen sein – derzeit werden viele Corona-Hilfe-Anträge von finanziell notleidenden Studierenden abgelehnt. 8 Auch die BAföG-Förderung müsste laut Niemietz unbedingt erhöht werden. Bei der Berechnung der Fördersätze sollten die unterschiedlich hohen Lebenshaltungskosten in Städten und Regionen einbezogen werden. Günther erinnerte an die Vorschläge der HRK zur BAföG-Reform. 9 Bei der notwendigen Novellierung wolle die HRK darauf hinwirken, eine spezielle NotfallKlausel in das BAföG aufzunehmen, damit finanzielle Belastungen in Notsituationen künftig über dieses Instrument abgedeckt werden können und nicht mehr besonderer Maßnahmen bedürfen. 10 Digitale Räume zur sozialen Integration anbieten: Auf die soziale Verarmung vieler Studierender müsste nach Pizzatos Auffassung mit konkreten Maßnahmen reagiert werden. Hochschulleitungen, Lehrende, aber auch Fachschaften und Asten sollten kostenfreie digitale Räume kreieren, um Studierende in ihrem Sozialleben zu unterstützen. In diesem Bereich sind Hochschulen und studentische Initiativen schon aktiv geworden, zum Beispiel indem digitale Buddy-Programme für Studienanfänger_innen oder internationale Studierende angeboten werden. 11 Dieses Engagement müsste aber noch deutlich verstärkt werden, um die soziale Interaktion zu befördern und den Studierenden Möglichkeiten zum Austausch und zur Vernetzung zu bieten. Beratungsangebote an Hochschulen stärken: Durch die Krise hat sich der wichtige Stellenwert der Beratung an Hochschulen gezeigt. Insbesondere für Erstsemester und internationale Studierende wären mehr Beratungsangebote wichtig, zum Beispiel bei Fragen in Bezug auf den Studienverlauf oder Prüfungsanmeldungen. Hilfreich könnten hier spezielle Beratungsangebote sein, die Studierende dabei unterstützen, die Struktur und die Abläufe an einer Hochschule kennenzulernen. Im Zuge der Pandemie ist auch der Bedarf an psychologischer Beratung erheblich gestiegen. Die bereits bestehenden Beratungsangebote müssten noch ausgeweitet werden, um dem hohen Bedarf gerecht zu werden. Präsenzstudium durch Online-Angebote ergänzen: Die COVID-19-Krise hat auch die tragende Rolle des Präsenzstudiums und des sozialen Campus sehr deutlich gemacht. Ebenso wurden die Vorteile von OnlineFormaten deutlich. Künftig sollten die digitalen Möglichkeiten dazu genutzt werden, die Präsenzangebote zu ergänzen, um die Lehre didaktisch zu verbessern sowie studierendenzentrierter und inklusiver zu gestalten. Bei der Entwicklung von neuen Konzepten (Blended Learning und Teaching) sollten die Erfahrungen und Ideen der Studierenden aus den Digitalsemestern einbezogen werden. 12 Zudem müsste dafür gesorgt werden, dass die digitale Infrastruktur in Hochschulen und Wohnheimen auf die Mischung von Präsenz- und Online-Lehre ausgelegt ist und auch digitale Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Rückkehroptionen für Studienabbrecher_innen schaffen: Für Studierende, die im Zuge der Pandemie ihr Studium abgebrochen oder unterbrochen haben, sollten nach Pinkert attraktive Möglichkeiten geschaffen werden, das Studium wieder aufzunehmen – auch zu einem späteren Zeitpunkt im Berufsleben bzw. nach einigen Jahren. Sinnvoll wären dabei Spielräume in den Studienplänen und bei der Anrechnung von Studienleistungen. 13 Situation der Studierenden einbeziehen: „In der Lehre sollten die Menschen im Vordergrund stehen“, meinte Pinkert. An diesem Prinzip sollten sich die Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven Seite 05 /7 NETZWERK WISSENSCHAFT Lehrenden orientieren, um auf die besonderen Herausforderungen für Studierende in der Pandemie zu reagieren. Wenn Student_innen zum Beispiel etwas mehr Zeit für die Bearbeitung einer Aufgabe brauchen, eine Arbeit nicht ganz pünktlich abgeben oder nicht so effektiv oder konzentriert wie sonst studieren, sollten sich die Lehrenden darüber bewusst sein, dass ein Studium während der Pandemie mit großen psychischen Belastungen verbunden ist und flexibel darauf reagieren. Fünf zentrale Erkenntnisse 1. Es sollten konkrete, schrittweise Öffnungskonzepte für Hochschulen entwickelt und umgesetzt werden, sodass die Studierenden eine klare Perspektive auf mehr Präsenzangebote haben. Positive Impulse aus der Krise aufnehmen: Günther erinnerte an Schumpeters Denkfigur der„kreativen Zerstörung“: Ein zerstörerischer Akt habe demnach immer auch zur Folge, dass kreative Energie freigesetzt und darüber nachgedacht wird, wie die schwierige Lage zu bewältigen ist und gleichzeitig Verbesserungen erreicht werden können. Die Pandemie habe zum Beispiel der notwendigen Digitalisierung der Hochschulen einen starken Schub gegeben. Wenn künftig digitale Elemente stärker in die Lehre einbezogen werden, sollte diese Veränderung dazu genutzt werden, die zunehmend heterogene Studierendenschaft bedarfsgerechter zu versorgen. Auch das Thema nachhaltiger Campus, das schon seit vielen Jahren relevant sei, habe durch die Pandemie Rückenwind erhalten, zum Beispiel durch die Reduzierung von Dienstreisen. Günther zeigte sich zuversichtlich, dass nach dem Ende der COVID-19-Krise ein deutlich verbessertes Hochschulsystem entstehen kann, auch wenn es sicherlich einige Zeit dauern könnte, bis die negativen Folgen der Krise verarbeitet sind und eine neue, bessere Normalität Wirklichkeit werden kann. 2. Die finanzielle Unterstützung für Studierende sollte erhöht und erweitert werden. Dies gilt nicht nur für die aktuelle pandemiebedingte Sondersituation, sondern es sollten entsprechende Mechanismen für zukünftige Krisensituationen einbezogen werden, zum Beispiel im Zuge einer BAföG-Reform. 3. Die Unterstützungsangebote zur Beratung, Vernetzung, psychosozialen Betreuung und sozialen Integration sollten insgesamt ausgebaut werden, insbesondere für Studienanfänger_innen und internationale Studierende. Diese Notwendigkeit bleibt auch über die aktuelle Pandemiesituation hinaus bestehen. Personen, die während und bedingt durch die Folgen der Corona-Pandemie ihr Studium abgebrochen haben, sollten ein niedrigschwelliges Angebot zur Wiederaufnahme des Studiums erhalten. 4. Digitale Formate können Präsenzangebote ergänzen, indem sie Lehre didaktisch verbessern, flexiblere Lernmögichkeiten bieten und dazu beitragen, einer zunehmend heterogenen Studierendenschaft mit unterschiedlichen Bedarfen gerecht zu werden. Die Erfahrungen der Corona-Krise sollten daher dazu genutzt werden, qualitativ hochwertige digitale Lehre in das Studienangebot nachhaltig zu integrieren. 5. Bei der Ausgestaltung der Hochschulen nach der Krise sollten die studentischen Belange und Erfahrungen einbezogen und die Studierenden aktiv beteiligt werden, sodass Lernende und Lehrende, Hochschulleitungen und Politiker_innen die Hochschullandschaft gemeinsam zukunftsfähig weiterentwickeln können. Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven NETZWERK WISSENSCHAFT Fussnoten Seite 06 /7 1 Vgl. dazu z.B. Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft(Hg.): Hochschulen, Corona und jetzt? Future Skills, Diskussionspapier 4, Essen 2020, https://www.future-skills.net/analysen/hochschulencorona-und-jetzt ; Hochschulforum Digitalisierung(Hg.): Das digitale Sommersemester 2020: Was sagt die Forschung? Kurz und kompakt. 2020, https://hochschulforumdigitalisierung.de/sites/default/files/dateien/kurz_und_kompakt-Das_digitale_Sommersemester_2020.pdf (3.5.2021). 2 Vgl. z.B. Sabine Behrenbeck: Krisenmanagement an deutschen Hochschulen während der Corona-Pandemie 2020. Beobachtungen und Einschätzungen. In: Das Hochschulwesen 4+5, 2020, S. 146-157. 3 Wissenschaftsrat: Positionspapier„Impulse aus der Covid19-Krise für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland“, Drs. 8834-21, Januar 2021, https://www.wissenschaftsrat.de/download/2021/8834-21.pdf (5.5.2021). 4 Vgl. DHV und HRK fordern Perspektiven für Hochschulen, 18.3.2021, https://www.forschung-und-lehre.de/politik/dhv-undhrk-fordern-perspektive-fuer-hochschulen-3581/ ; Hochschulrektoren verlangen Rückkehr zur Präsenzlehre, Spiegel Panorama Online, 5.3.2021, https://www.spiegel.de/panorama/bildung/corona-pandemie-hochschulrektoren-fordern-rueckkehr-zur-praesenzlehre-a-f50de8ba-f643-46bc-aa82-af005f9719de (6.5.2021) 5 Vgl. z.B. Jacqueline Niemietz: Studieren während der Covid19-Pandemie, Juli 2020, https://www.researchgate.net/publication/343501375_Studieren_wahrend_der_Covid-19_Pandemie (5.5.2021). 6 Vgl. Karsten Becker/Markus Lörz: Studieren während der Corona-Pandemie: Die finanzielle Situation von Studierenden und mögliche Auswirkungen auf das Studium. DZHW-Brief 09/2020, https://www.dzhw.eu/pdf/pub_brief/dzhw_brief_09_2020.pdf (5.5.2021). 7 Seit Juni 2020 können Studierende die sogenannte Überbrückungshilfe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beantragen und pro Monat„je nach nachgewiesener Bedürftigkeit“ einen nicht rückzahlbaren Zuschuss zwischen 100 und 500 Euro erhalten – unter der Voraussetzung, weniger als 100 Euro auf dem Konto zu haben. Vgl. https://www.überbrückungshilfe-studierende.de (20.5.2021). 8 Seit Beginn der Überbrückungshilfen im Juni 2020 bis zum Februar 2021 wurden rund 140.000 Anträge abgelehnt(fast jeder dritte gestellte Antrag). Vgl. Sinan Reçber: Studierende beklagen Willkür bei Bewilligung von Corona.Hilfen, Tagesspiegel online, 31.3.2021, https://www.tagesspiegel.de/wissen/fast-jeder-dritteantrag-abgelehnt-studierende-beklagen-willkuer-bei-bewilligungvon-corona-hilfen/27059280.html (5.5.2021). 9 HRK-Beschluss vom 27.4.2021 zur BAföG-Reform: Pressemitteilung, https://www.hrk.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/meldung/hrk-mitgliederversammlung-fordert-grundlegende-bafoeg-reform-4814/ ; HRK-Entschließung: https://www. hrk.de/positionen/beschluss/detail/anforderungen-an-eine-weiterentwicklung-des-bundesausbildungsfoerderungsgesetzes-bafoeg/ (7.5.2021). 10 Zu den zentralen Herausforderungen im Zuge der Corona-Krise gehört die gefährdete Studienfinanzierung. Aufgrund seiner großen Bedeutung wird dieses Thema in der 3.„Stunde für die Wissenschaft“ am 20. Mai 2021 im Fokus stehen, in der die Notwendigkeit einer BAföG-Reform diskutiert wird. 11 Hochschulen und Fachschaften bieten bereits verschiedene digitale Aktivitäten zur sozialen Integration an, z.B. digitale Spieleabende und Partys, ein„Get Together“, Begegnungsmöglichkeiten auf einem virtuellen Campus oder Online-Kulturangebote. Vgl. Hochschulforum Digitalisierung: Fokusmonat März: Digitale Campuskultur, https://hochschulforumdigitalisierung.de/ de/blog/digitale-campuskultur-dcm (4.5.2021). 12 Ein Beispiel ist die studentische Zukunfts-AG„DigitalChangeMaker“ im Hochschulforum Digitalisierung(HFD): Studierende bringen hier innovative, kreative und engagierte Perspektiven ein, um die digitale Transformation an Hochschulen aktiv mitzugestalten. Vgl. https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/ changemaker (2.5.2021). 13 Auch die Finanzierungsmöglichkeiten müssten darauf abgestimmt sein, zum Beispiel wie im Modell eines„PerspektivenBAföG“, das das BAföG u.a. auch für ältere Studierende sowie Teilzeit- und Weiterbildungsstudierende öffnet. Vgl. Michael Cordes/Dieter Dohmen: Ein BAföG für das 21. Jahrhundert. Perspektiven für die Weiterbildung. Bonn 2019, https://www.fes. de/studie-perspektiven-bafoeg (20.05.2021). Die Studie wurde im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Eine Stunde für die Wissenschaft Paper No.2 Studierende im dritten Digitalsemester: Situation und Perspektiven NETZWERK WISSENSCHAFT DIE AutorIN dieser Publikation Netzwerk Wissenschaft Seite 07 /7 Dr. Angela Borgwardt ist Politikwissenschaftlerin und Germanistin und arbeitet als freie wissenschaftliche Publizistin und Redakteurin in Berlin. Impressum Copyright by Friedrich-Ebert-Stiftung 2021 Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Abteilung Analyse, Planung und Beratung Redaktion: Dr. Martin Pfafferott und Lena Bülow Gestaltung& Satz: minus Design, Berlin Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Das Netzwerk Wissenschaft behandelt aktuelle wissenschafts- und hochschulpolitische Fragestellungen in Form von Konferenzen und Publikationen. Ziel der Aktivitäten ist es, zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Hochschulwesen, zur zukünftigen Gestaltung des deutschen Hochschulsystems und zum Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in fortschrittliche Politik beizutragen. 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