Digitale Signale Gesellschaftliche Teilhabe heute Jan Engelmann und Philipp Otto im Gespräch mit: Thorben Albrecht Barbara Blaha Lilly Blaudszun Christina Boll Valentina Kerst Matthias C. Kettemann Daniela Kolbe Elvan Korkmaz-Emre Paul Nemitz Mathias Richel Daniel Seitz Oliver Suchy Frank Wagner Jens Zimmermann Impressum 6/2021 Friedrich-Ebert-Stiftung Medienpolitik Godesberger Allee 149 53175 Bonn www.fes.de/medienpolitik Für diese Publikation ist in der Friedrich-Ebert-Stiftung verantwortlich: Roland Feicht Für diese Publikation ist beim iRights.Lab verantwortlich: Philipp Otto Autoren Jan Engelmann und Philipp Otto Redaktion Roland Feicht Gestaltung und Satz Christoph Löffler, iRights.Lab Verlag Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. ISBN: 978-3-96250-936-1 Creative-Commons-Lizenz: CC BY-NC-ND 4.0 Die Texte dieses Werks sind unter der Creative-Commons-Lizenz des Typs„Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz“ lizenziert. Um eine Kopie dieser Lizenz einzusehen, besu chen Sie https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/. Diese Lizenz beinhaltet unter anderem, dass die Texte bei Nennung der Autoren und dieser Publikation als Quelle ohne Veränderung veröffentlicht und weitergegeben werden dürfen. Ausgenommen von dieser Lizenz sind alle Nicht-Text-Inhalte wie Fotos, Grafiken und Logos. Bildnachweise: Titel: picture alliance/ empics| Jane Barlow Seite 8: picture alliance/ ASSOCIATED PRESS| Eugene Hoshiko Seite 16: picture alliance/dpa| Sebastian Gollnow Seite 24: picture alliance/dpa| Andreas Arnold Seite 32: picture alliance/ ASSOCIATED PRESS| Eugene Hoshiko Digitale Signale Gesellschaftliche Teilhabe heute Jan Engelmann und Philipp Otto im Gespräch mit: Thorben Albrecht Barbara Blaha Lilly Blaudszun Christina Boll Valentina Kerst Matthias C. Kettemann Daniela Kolbe Elvan Korkmaz-Emre Paul Nemitz Mathias Richel Daniel Seitz Oliver Suchy Frank Wagner Jens Zimmermann Inhalt FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DIGITALE SIGNALE 5 22 30 8 14 6 Einleitung 8 KAPITEL 1: Wie gelingt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? 14 KAPITEL 2: Wie lernen wir in Zukunft? 22 KAPITEL 3: Was bedeutet Gute Arbeit, wenn deine Kollegin eine Maschine ist? 30 KAPITEL 4: Welche Öffentlichkeit erhält die Demokratie? 38 Die Autoren 39 Die Friedrich-Ebert-Stiftung 6 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Einleitung Die beiden Corona-Jahre 2020/21 werden als Zeitraum in die Geschichte eingehen, in dem die disruptiven Potenziale der Digitalisierung endgültig kollektiv ins Bewusstsein und den Alltag drangen. Der öffentliche Diskurs über Inzidenzwerte, Hygienekonzepte, Teststrategien, Impf stoffverteilung und Verwaltungsabläufe verband sich mit der Beobachtung, dass Länder, die bereits über eine stärker aus gebaute digitale Infrastruktur verfügen, agiler und resilienter auf Katastrophen wie eine Pandemie reagieren können. Die zur Begründung häufig ins Feld geführten Prinzipien lauten: •  auf Datenanalyse gestütztes, evi denzbasiertes Handeln • gezielter Wissenstransfer durch Vernetzung • interoperable Datenmanagementund Austauschsysteme • iterative Testphasen und Feedbackschleifen •  Beschleunigung und Effizienzstei gerung durch den Einsatz digitaler Tools • Offenheit für Innovation und bürgerschaftliches Know-how Tatsächlich ist die Digitalisierung, bis weit in die 10er-Jahre hinein von der Politik eher stiefmütterlich behandelt, mit voller Wucht auf die Tagesordnung gelangt. In Talkshows werden jetzt die datenschutzrechtlichen Vor- und Nachteile von Corona-Apps heiß diskutiert, und die Forderung aus der netzaktivistischen Szene nach einer proaktiveren Datenfreigabe des Staates und offenen Programmierschnittstellen bekommt plötzlich einen größeren Resonanzraum. Alle spüren: Ja, es muss sich tatsächlich dringend etwas ändern. Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher. Und je stärker wir auf gesellschaftliche Teilhabe beim Prozess einer möglichst demokratischen Digitalisierung pochen, desto weniger können wir diesen Prozess einfach an die Politik delegieren. Das schon fast sprichwörtliche„Neuland“ ist jenes Terrain, das wir erst als konkrete Utopie und dann als etwas noch zu Schaffendes bzw.„Instituierendes“ empfanden. Vielleicht fehlte der Digitalisierung vor der Pandemie tatsächlich eine Art Big Bang, der alle mitriss. In Deutschland kam sie als strukturelle Herausforderung in den gesellschaftlichen Sektoren ungleichzeitig, gleichsam als Dominoeffekt in Zeitlupe an. Während sich Unternehmen bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts neuen Technologien und Marktbedingungen stellen mussten, warteten der Bildungsbereich und die öffentliche Verwaltung geduldig auf einen Weckruf von oben, um ihre eigenen Strukturen zu erneuern. Dabei waren bestimmte Megatrends seit vielen Jahren nicht mehr zu übersehen: • Neue Fertigkeiten trennen die Generationen, Digital Natives stellen Forderungen und Ansprüche an die Leistungsfähigkeit etablierter Systeme. • Institutionen müssen responsiver und anpassungsfähiger werden, sie „verflüssigen“ sich. • Personelle Netzwerke werden mit neuen Tools der Online-Kommunikation und kollaborativen Arbeitsformen produktiv zusammengeführt und erweitert. • Wissenstransfer und Know-howVermittlung verändern sich und erfordern neue Formen des Selbstmanagements und des kollaborativen Lernens. • Die Schaffung von Jobs in Zeiten des Fachkräftemangels erfordert Vorhersagemodelle zur frühzeitigen Erkennung neuer Bedarfe. • Arbeitsprozesse werden agiler und setzen immer stärker auf schnelle Prototypenbildung; eine Fehlerkultur tritt an die Stelle des proklamierten„Scheiterns”. • Algorithmische Systeme und machinelles Lernen machen Arbeitsprozesse effizienter, aber auch in transparenter. • Organisationale Planung verläuft nicht statisch, sondern bedeutet ein flexibles Reagieren auf sich rapide wandelnde Rahmenbedingungen; Dashboards mit Echtzeitdaten ersetzen statische Prozessablaufdiagramme. • Der exogene Beschleunigungsdruck macht bei Individuen und Institutionen die Ausbildung spezifischer Resilienzen erforderlich. Die Digitalisierung setzt uns unter Anpassungsdruck und fordert von uns Selbstinitiative. Die meisten Menschen bemessen ihren Mehrwert vor allem an den persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen als Konsument_innen, während der Ausbildung oder im Arbeitsleben gegeben werden. Und dabei ist zu beobachten, dass sie die Jahre 2020/21 weniger als spannende intellektuelle Lernkurve, sondern schlicht als zähe, persönliche Leidenszeit empfunden haben. Die Wortneuschöpfung„mütend“ im Frühjahr 2021 bezeichnet treffend eine kollektive Gemütslage, die von dringend anstehenden Innovationen in ferner Zukunft nichts mehr hören will. Es geht um das Hier und Jetzt, das intelligent zu ge stalten ist. Mit Blick auf die schwierigen Bedingungen, die etwa Kinder und Jugendliche, Arbeitnehmer_innen, Schulen, Pflege heime und Unternehmen in unterschiedlicher Weise betrafen, wurde offenbar, dass gerade in Zeiten gesteigerter Ungeduld und Angst Entsolidarisierungstendenzen um sich greifen, die das Fundament einer lebenswerten Gesellschaft zu untergraben drohen – etwa im Streit über die richtigen Impfpriorisierungen oder angesichts neidisch beäugter Freiheitsexperimente in einzelnen Kommunen. Wie können angesichts dieser schwierigen Gemengelage die Grundwerte der Sozialen Demokratie wie Freiheit, Chan cengleichheit, Gerechtigkeit und Soli darität aufrechterhalten und neu gelebt werden? Und wie können wir vor allem verhindern, dass die auf digitalen Kanä len geäußerte Verachtung einer oft langsam agierenden, deliberativen Demokra tie sich noch weiter steigert und zu einer DIGITALE SIGNALE 7 schweren Akzeptanzkrise der Politik und ihrer staatlichen Institutionen verfestigt? Darum geht es vor allem im letzten Kapitel dieser Broschüre. Aber zunächst geht es darum, den Nahbereich der Menschen schrittweise zu erkunden. Denn dieser verändert sich gerade radikal: die eigene Wohnung, in der das Ho meoffice die Vereinbarkeitsfrage von Be ruf und Familienarbeit dringlicher macht denn je; die Schule, die als sozialer Ort und physischer Begegnungsraum unterschiedlicher Milieus und Herkünfte über Monate weggefallen ist; der Betrieb, in dem Kurzarbeit und die technischen Umwälzungen in Richtung künstlicher Intelligenz Ängste schüren. Hinzu kommt der abstrakte Raum„Öffentlichkeit“ bzw. die mediale Sphäre, aus der die Menschen verstärkt algorithmisch kuratierte Informationen beziehen und sich als politische Individuen vor großem Publikum artikulieren. Aus allen Bürger_innen werden potenzielle Sender_innen, ihren zum Teil diffusen Botschaften(man denke nur an #allesdichtmachen) muss die Politik als digitale Signale zu verarbeiten lernen und in einen Diskurs über das Gemeinsame verwandeln. Zwar sind nicht alle diese Entwicklungen neu, doch ihre Wahrnehmung und Prob lematisierung haben sich in den letzten anderthalb Jahren enorm gesteigert. Aus der Perspektive sozialer Teilhabe fragen wir deshalb danach, wie denn nun genau die Digitalisierung die Organisation unserer Gesellschaft bereits neu formatiert hat bzw. wie die Grundwerte der Sozialen Demokratie durch die Digitalisierung mit neuer Bedeutung versehen werden können. Dies konnte für uns nicht anders funktionieren, als die Folgen der Digitalisierung durch das Prisma der Pandemie zu lesen. Dem Befund, vorhandene strukturelle Probleme seien im Lichte der Lockdowns verschärft hervorgetreten, schlossen sich denn auch alle 14 Gesprächspartner_innen an. Wir sind ihnen zu außerordentlichem Dank verpflichtet, dass sie trotz der weitverbreiteten„Zoom Fatigue“, also dem Verdruss über allzu viele digitale Kommunikationen, für ein Online-Mee ting oder E-Mail-Interview bereitstanden. Dabei wurde ein einheitlicher Fragenkatalog genutzt, um einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu stiften. Die Unterschiede im Sprachstil der mündlichen und schriftlichen Antworten wurden bewusst beibehalten. Es handelt sich um wörtliche Zitate. Überwiegend kreisen die eingeholten Stellungnahmen um die Frage, was die Digitalisierung denn zukünftig zu verbessern helfen könnte – für die Menschen, für die gesellschaftliche Organisation unseres Miteinanders. Insofern bietet das vorliegende Kaleidoskop der Antworten auch eine ermutigende Perspektive des Fortschritts – etwas, das in den dissonan ten Debatten der letzten Monate unseres Erachtens viel zu kurz gekommen ist. Geplant war das Ganze als großes Tafelgespräch an einem langen Tisch. Pandemiebedingt musste es in Einzelgesprächen organisiert werden, die hier zusammengefügt werden. Durch den Austausch der Meinungen konnten die Interviewten auch Bezug aufeinander nehmen. Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Versuchsanordnung wäre wohl in allen denkbaren Settings dieselbe gewesen: Es ist überaus lohnend, über die rapi den Veränderungen und Problemlösungsansätze in einer Gesellschaft miteinander zu sprechen. Der Rückzug ins Private und die stumme Wut auf„die da oben“ mögen im Einzelfall verständlich sein, füh ren uns als Gesamtgesellschaft aber nicht weiter. Es liegt an uns selbst, den Weg dieser Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Und es ist deshalb von enormer Wichtigkeit, für erneuerte Teilhaberechte, einen starken Sozialstaat und die Gemeinwohlorientierung der digitalen Transformation zu streiten. Ein Zurück in das vordigitale Zeitalter wird es nicht geben. Umso mehr müssen Erzählung und Politik der Sozialen Demokratie, die immer auch Wege des Fortschritts beschrieben, am Puls der Zeit bleiben, beständig ihre Grundan nahmen überprüfen und regelmäßig auch „Updates“ ihrer Ziele vornehmen. Diese Publikation versteht sich als bescheidener Diskussionsbeitrag dazu. Jan Engelmann Philipp Otto Wie gelingt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? DIGITALE SIGNALE Familie(von lateinisch familia„Gesinde“, einer Kollektivbildung von famulus„Diener“) bezeichnet soziologisch eine durch Partnerschaft, Heirat, Lebenspartnerschaft, Adoption oder Abstammung begründete Lebensgemeinschaft. Homeoffice„bedeutet für Tausende Frauen gerade vor allem home und wenig office. Das ist auch deshalb bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden. Wer mit der Krise gut um geht, wer dem Druck standhält, wer die richtigen Prioritäten setzt, wer seine Leute mit nimmt und seine Teams lebendig hält, der kann gerade ganz besonders auf sich aufmerk sam machen. Und diesen Moment verpassen viele Frauen, weil sie – aus welchen Gründen auch immer – zurückstecken.“ 1 1  Julia Jäkel: Zurück in der Männerwelt, in: ZEIT ONLINE vom 28.4.2020, online unter: https://www.zeit. de/2020/19/frauen-beruf-fuehrungspositionen-rollenbilder-coronavirus-krise/komplettansicht. ©Renate Bauereiss © privat © Stephan Pramme 10 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Wie gelingt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Die vernetzte Arbeit via Laptop und Smartphone kann leicht zur Entgrenzung von Arbeit führen. Diese Ten denz wird insbesondere dort zum Problem, wo zusätzlich Familien- oder Carearbeit geleistet werden muss, in den privaten Haushalten also. Wenngleich sich die Belastung zwischen Frauen und Männern bereits vor Corona ungerecht verteilte, so hat der Abzug vieler Be schäftigter ins Homeoffice dieses Problem in Teilen so gar noch verschärft. Was muss getan werden, um eine Retraditionalisierung der Geschlechterrollen unter di gitalen Vorzeichen zu verhindern? Welchen Effekt hat Teilzeitarbeit, wenn dieses Modell vorrangig nur Frau en betrifft? Und welche digitalen Tools wären nötig bei der Organisation des Familienalltags? Zu diesem Thema sprachen wir mit: Dr. Christina Boll ist seit April 2019 Leiterin der Abteilung„Familie und Familienpolitik“ am Deutschen Jugendinstitut(DJI) und zugleich als Gastprofessorin für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit(HdBA) tätig. Zuvor war sie Forschungsdirektorin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut(HWWI). Promoviert hat sie zum Thema„Lohneinbußen von Frauen durch geburtsbedingte Erwerbsunterbrechungen“, wofür sie 2011 mit dem Deutschen Studienpreis der KörberStiftung ausgezeichnet wurde. Valentina Kerst(SPD) ist Staatssekretärin für Wirtschaftspolitik, Wirt schaftsförderung, Tourismus und digitale Gesellschaft im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissen schaft und digitale Gesellschaft. Die Diplom-Betriebswirtin arbeitete parallel zu ihrem Studium bei eco – Verband der Internetwirtschaft – im Bereich Business Development und gründete nach ihrem Abschluss eine Digitalberatung. 2015 wurde sie Mitglied im Programmbeirat des SPD-Parteivorstands zum SPD-Grundsatzprogramm „#Digital Leben“ – Themenbereich „Gute Arbeit in der digitalen Gesellschaft“. Mathias Richel ist Mitbegründer und Geschäftsführer der Richel, Stauss GmbH, die sich auf strategische Kom munikation, Konzeption und Campaig ning für politische Akteure, Verbände und Unternehmen in Zeiten des Wandels konzentriert. Zuvor war er Geschäftsführer bei Jung von Matt/Spree mit Schwerpunkt„Digitale Kommunikation“, davor Executive Creative Di rector bei der Digitalagentur Torben, Lucie und die gelbe Gefahr(TLGG). Der Sozialdemokrat und Politikblogger war Gründungsvorsitzender des D64 – Zentrum für Digitalen Fortschritt. Die Zeitschrift„Capital“ zählt Richel zu den Top-40-Führungskräften unter 40. DIGITALE SIGNALE 11 beim Elterngeld die Zahl der exklusiven Vätermonate zu erhöMit dem Ausbruch von Covid-19 erlebte das Homeoffice hen, weil wir wissen, dass nach der ersten Geburt wie bei einer gleichsam seinen verspäteten Durchbruch, zumindest in Zäsur sich die Arbeitsteilung im Haushalt ändert. Selbst Paare, Büro- oder Behördenjobs. Gleichwohl stritten während des die modern gestartet sind, also egalitär, neigen nach der ersten ersten Lockdowns Paare über die gleichberechtigte Auftei Geburt dazu, wieder einen Schritt zurückzugehen. Da gibt es lung der Betreuungs- und Hausarbeit. Was muss geschehen, etliche Studien, die das zeigen, und die Weichen werden am um solche Rollbacks künftig zu verhindern? Anfang gestellt, weil beide natürlich die neuen Rollen einüben. Und da haben wir mit den zwei Monaten, die die Väter derzeit Mathias Richel: Die Antwort ist leicht: Normalisierung. Hoexklusiv haben, zu wenig Teilhabe an Erziehung und Haushalt. meoffice darf kein„Angebot“ der Arbeitgeber sein, das man dankend annehmen darf, sondern eine Selbstverständlichkeit Wenn die Väter ihre Monate nicht nehmen, ist der Zeitraum wie ein regelmäßig ausgezahltes Gehalt. In unseren eigenen einfach zu kurz, um diese Rollen tatsächlich zu festigen und Vorstellungs- und Mitarbeitergesprächen geht es immer wenineue Muster auch so einzuüben und einzufrieren, dass sie nicht ger um die Höhe des Lohns, sondern um ein gutes Zeitarran beim nächsten kleinsten Widerstand wieder zurückgedreht wergement.„Wie viele Stunden pro Woche? Und kann ich die teilden. Mit dem Einfrieren meine ich: Sie müssen einfach eine weise remote von zu Hause arbeiten?“ sind gängige Fragen in bestimmte Rollenteilung lange genug einüben, damit sie sitzt. unserer Branche. Sicher auch eine Antwort auf den FachkräfteDamit auch die Routineeffekte, die die Väter dadurch erzielen, mangel. Die Menschen wissen einfach, dass sie etwas Gesuchtes ihnen zeigen: Ach, geht doch. So schwierig ist das doch gar zu bieten haben, und Arbeitgeber müssen sich bemühen, gute nicht. Und ich kann das auch. Ich kann das genauso gut und vor Leute einstellen zu können. Wenn diese Selbstverständlichkeit allem: Das Umfeld traut mir das auch genauso zu wie den Müteingezogen ist, dann muss sie natürlich auch geschlechter- und tern. Denn das ist auch ein Lernprozess, der Zeit braucht. Diesen rollenunabhängig sein. Diese Selbstverständlichkeit bedeutet Lernprozess müssen wir ermöglichen und das schaffen wir mit nämlich auch, dass neben Homeoffice nicht auch noch nebenbei zwei Monaten schon gar nicht, wenn die Väter nach wie vor, wie der Haushalt gemacht oder Kinder betreut werden könsie es häufig machen, diese zwei Monate parallel mit nen. Und zur Not muss man diese neuen Selbstverder Mutter nehmen. Denn wenn sie diese parallel ständlichkeiten auch gesetzlich regeln, damit sie nehmen, stehen sie natürlich doch eher wie der sich etablieren. „Homeoffice sodass die dominanten Rollen und die GePraktikant am Wickeltisch hinter der Mutter, Valentina Kerst: Es gibt sehr viele Frauen, die in Berufen arbeiten, die als„klas ist nicht die schlechterstereotype wieder durchbrechen. sische Frauenberufe“ bezeichnet werden und in denen kein Homeoffice möglich ist. Lösung für Wir brauchen also viel mehr Zeiten des Ausprobierens der Väter, auch wirklich die Damit ergibt sich bereits zu Beginn eine Ungleichheit. Es wurde festgestellt, dass alles.“ Anstrengung, es mal alleine zu machen. Und ich bin mir ganz sicher, dass sie das genauso Männer, die im Homeoffice arbeiten konnten, gut hinbekommen. Aber das ist wie gesagt ein vermehrt die Betreuung der Kinder und die AufgaLernprozess. Das Elterngeld kann da aus meiner ben in der Hausarbeit dann übernommen haben, wenn Sicht viel erreichen. Es scheitert bisher am Geld der Frauen in ihren Jobs als Krankenschwester etc. tätig gewesen Finanzminister. Denn das Elterngeld ist ja gebunden an das sind. Das ist eine gute Entwicklung, aber löst das allgemeine vorherige Einkommen. Problem nur bedingt. Daher liegt der Schlüssel für die Veränderung darin, dass wir eine veränderte Berufskultur haben Wenn man nicht genau dort, wo sich letztlich die Rollenteilung müssen. Sowohl die diskutierte 32-Stunden-Woche als auch die ausprägt, nämlich direkt nach der Geburt, ansetzt, dann hat man weitere Arbeit an dem Thema Vorbilder sind essenziell dafür. das Übel nicht an der Wurzel gepackt. Das sieht man auch in der Folgezeit, wenn in Fällen, wo die Kinder krank werden, jene Christina Boll: Man muss in der Tat an den Strukturen arbeiVäter, die Elternzeit genommen haben, tatsächlich eher geneigt ten, an den ganzen gleichstellungspolitischen Maßnahmen, die sind, zu Hause zu bleiben. Tatsächlich fühlen sie sich auch mehr letztlich dazu führen, dass Frauen die gleichen Opportunitäts verantwortlich. Bis 2020 haben wir über zehn Jahre gebraucht, kosten der unbezahlten Arbeit haben wie Männer, dass ihnen um diese Effekte anhand der Daten sehen zu können. Aber es also genauso viel Geld entgeht, wenn sie sich zu Hause um alles gibt sie. Und ich glaube, das sollte uns ermutigen, an dem Punkt kümmern. Erst wenn wir das in den Blick nehmen, haben wir weiterzugehen. eine Situation, in der wirklich gleichberechtigt geteilt werden kann, weil auch die Anreize entsprechend gleichmäßig verteilt Ein anderer Punkt sind Frauen in Führung. Wir müssen da einsind. Solange Frauen zum Beispiel pro Stunde noch immer 20 fach vorankommen, die Frauen dauerhafter in Führungspositio Prozent weniger verdienen als Männer, haben wir eher den Fehl nen zu etablieren und sie nicht in dem Moment wieder rauszuanreiz, dass es sich für die Haushaltskasse einfach mehr rentiert, kicken, wo die Kinder kommen. Stichwort Teilzeit. Wir wissen, wenn Männer vollumfänglich erwerbstätig bleiben. Wir sehen ja dass weniger als fünf Prozent der deutschen Führungskräfte in auch an den Befragungen, dass die Männer während des ersten Teilzeit arbeiten. Selbst in den Niederlanden, einem Teilzeitland, Lockdowns im Frühjahr 2020 weniger Stunden reduziert haben sind es nur zehn Prozent. Es ist nach wie vor sehr, sehr unüblich. als die Frauen. Die Väter haben zwar auch reduziert und auch Wir haben im Grunde erstens zu viele Mütter in Teilzeit und ihre Kinderbetreuungszeit ausgedehnt, aber eben nicht in dem zweitens eine zu geringe Wochenarbeitszeit in Teilzeit. Das unUmfang, wie die Mütter das getan haben, und dies von einem terscheidet uns auch von anderen europäischen Ländern. Es gibt schon viel höheren Niveau ausgehend. eben ein Spektrum der Tätigkeiten, die Sie in 20 Stunden ma chen können, das irgendwie beschränkt ist. Bei Führungskräf Aber: Den Gender Pay Gap zu verringern, macht man halt nicht ten haben wir manchmal gute Lösungen von Jobsharing-Modeleben mal so, sondern dahinter stecken ganz viele andere Maß len. Diese sind dann ganz prominent in den Medien, aber das nahmen. Was ich persönlich für wichtig halte, ist tatsächlich, muss dann auch persönlich klappen mit diesen zwei Personen. 12 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Ansonsten ist eine 20-Stunden-Woche in der Regel der Todesstoß für eine Führungsposition. Und deswegen hängen die Din- Zumindest in unserer Wahrnehmung hat das Jahr vielleicht ge einfach miteinander zusammen. Denn wenn mehr Frauen in auch ein Gutes mit sich gebracht: dass nämlich das Thema Führungspositionen kommen wollen, müssen wir auch an der Homeoffice auf breiterer Front verankert und damit auch Wochenarbeitszeit schrauben. Und das wiederum setzt flexib eine gewisse gewohnheitsrechtliche Kontrolle der Präsenz le Modelle voraus. Entsprechende Studien zeigen, dass Frauen, einfach aufgegeben wurde – ganz einfach, weil es nicht an die flexibel arbeiten können, auch ihre Wochenarbeitszeit ein ders möglich war. Ist das denn jetzt schon ein Indikator da bisschen erhöhen können, weil sie dann natürlich auch abends für, dass sich da insgesamt ein bisschen tut bei der typischen oder am Wochenende noch mal ihren Laptop aufmachen. Aber deutschen Neigung zur Vollzeit? solange wir es aufgrund all dieser Rahmenbedingungen nicht hinbekommen, dass die Frauen ein genauso hohes Einkommen Boll: Ich glaube, wir müssen da unterscheiden zwischen der wie die Männer und die gleichen Beschäftigungs- und Karriere- Präsenz- und der Vollzeit. Das eine ist die Flexibilisierung der perspektiven haben, wird die Entscheidung, wer sich denn um Arbeitsorte und das andere der Arbeitsumfang. Ich glaube tatden Haushalt kümmert, nicht gleichberechtigt getroffen werden. sächlich, dass Corona da in mehrfacher Hinsicht etwas angesto Und wir dürfen dabei auch nicht vergessen: Es geht nicht nur um ßen hat. Auf jeden Fall ist das Bewusstsein auch bei den ArbeitKinderbetreuung, es geht auch um Hausarbeit. Bei der Haus gebern dafür gewachsen, wie schwierig es für Eltern ist, diese arbeit sieht es noch viel dunkler aus als bei der Kinderbetreuung. Pendelzeiten zu ermöglichen und wirklich im Büro präsent zu Dort hat sich relativ wenig getan und das sieht man anhand der sein, bzw. auch die Sensibilität dafür oder die Erkenntnis, dass Zeitverwendungsdaten, die wir immer analysieren. Stichwort es ja doch ganz gut funktioniert, wenn sie außerhalb des Bü Intensivierung von Elternschaft. Die Eltern haben immer höhere ros arbeiten. Die großen Unternehmen, das zeigen ja jetzt die Ansprüche an sich, was sie alles mit ihren Kindern tun müssen. Befragungen, sind auch der Meinung, dass sie vielleicht nicht Aber die Hausarbeit frisst eben auch sehr, sehr viel Zeit und die in diesem Ausmaß bei Homeoffice bleiben werden, aber dass ist nach wie vor extrem ungleich verteilt. sie auf jeden Fall auf eine neue Stufe der Verbreitung von Homeoffice gestiegen sind, die sie nach der Pande Sollten – auch angesichts der Erfahrungen in den mie nicht zurückdrehen werden. Bei den kleinen Jahren 2020/21 – deutsche Betriebe endgültig Abschied von der Präsenzkultur und der Fi „Wir und mittelständischen Unternehmen ist das, so glaube ich, eine Spur schwieriger. Teilweise xierung auf das Vollzeitmodell nehmen? In ternationale Arbeitstheoretiker_innen prebrauchen hat das mit der Branchenstruktur, mit der Art der Berufe zu tun. Es gibt dort wenidigen das ja seit den 90er-Jahren, aber man hat das Gefühl, dass da recht wenig passiert. Richel: Ja! Und die Begründung ist leicht: Jede Arbeit, die vor oder hinter einem Flach bildschirm stattfindet, kann auch von zu Hause Alternativen zur Präsenzkultur.“ ger Diversität von Arbeitszeitmodellen, weil es einfach insgesamt weniger Mitarbeiter_innen gibt. Ich glaube, da ist die Lösung schwieriger. Aber auch da habe ich den Eindruck, dass das Verständnis für die Eltern auf jeden Fall gestiegen ist. Und hier geschehen. Und wenn man das noch konsequenter noch mal insbesondere das Verständnis für Vädenkt, dann ist auch völlig egal, wo die getane Arbeit ter. Ich glaube, Corona hat es wirklich geschafft, dann im Ergebnis landet. Das bedeutet, Deutschland befindet die gesellschaftliche Debatte darüber anzustoßen, was sich in einem globalen Wettbewerb um die Fachkräfte, weil sich eigentlich ändern muss. Und dass das Homeoffice eben kein niemand mehr für eine Arbeit in ein anderes Land oder sogar Produktivitätskiller ist, sondern schon ganz gut funktionieren auf einen anderen Kontinent umziehen muss. Gleichzeitig brau- kann. Wir wissen ja auch aus den vorliegenden Studien, dass die chen wir aber schlaue Lösungen, damit Alternativen zur Prä- Menschen eher dazu neigen, im Homeoffice mehr zu arbeiten als senzkultur nicht zu einem neuen social divide führen. Nämlich im Büro. Das Risiko der Selbstausbeutung ist ja nicht von der gegenüber denjenigen, deren Handwerk von der Präsenz abhän- Hand zu weisen. Daher, glaube ich, kommen wir voran. gig ist. Das darf nicht zu unterschiedlichen Teilhabemöglichkeiten mit mehr oder weniger Privilegien für manche führen. Es ist aber nicht die Lösung für alles. Es gibt einfach Berufe, Da gilt ist es noch Antworten auf die noch zu wenig gestellten die gehen gar nicht im Homeoffice. Und wir müssen auch sehen: Fragen zu finden. Menschen sind soziale Wesen, die brauchen auch Austausch. Und wir wissen vom Silicon Valley, wie wichtig Synergieeffek Kerst: Seit Jahrzehnten wird bereits über die Notwendigkeit der te sind. Gerade da, wo wir produktiv und kreativ sein wollen, Präsenzkultur etc. diskutiert und ein drastisches Umdenken ge- ist es einfach auch nötig, Menschen zusammenzubringen. Die fordert. Im Corona-Jahr 2020 haben zum Teil 40 Prozent der Innovationsforschung zeigt immer wieder, dass Menschen idea Beschäftigten im Homeoffice gearbeitet. Und man hat gesehen, lerweise in Teams zusammenarbeiten. Das geht natürlich auch dass es durchaus funktionieren kann. Toxisch war allerdings, digital, aber nur zum Teil. Sie müssen sich teilweise einfach dass Homeoffice für viele zu 100 Prozent und gepaart mit Kin- auch mal ungeplant austauschen können. derbetreuung und Homeschooling durchgeführt worden ist. Das ist nie die Idee des Homeoffice gewesen. Zum zweiten Punkt: Was definieren wir denn als Vollzeit? In den skandinavischen Ländern heißt das 35 Wochenstunden. DaWir können aber auf die intensiven Erfahrungen der letzten ran gemessen arbeiten in Deutschland viele Menschen in VollMonate zurückgreifen und beide Welten sehr gut miteinander zeit. Meine persönliche Meinung ist, dass wir uns den Wohl verbinden. Denn wir haben erlebt, dass berechtigt hinterfragt stand auch irgendwie verdienen müssen. Es kommt nicht jede_r wird, ob man wirklich jeden Tag in das Büro pendeln muss. Die mit einem Teilzeitjob aus. Wir brauchen schon so was wie vollMenschen können ihre Lebensmodelle verändern und das ist zeitnahe Teilzeit, wie immer man das definiert. Und was mir eine sehr gute Entwicklung. Insgesamt und mit dem Blick auf ganz wichtig ist: Kriegen wir es hin, die Teilzeitstrafen im Lohn das letzte Jahr muss man leider feststellen, dass sich vieles ohne wegzuradieren, indem wir die Männer in die Teilzeit kriegen? Covid-19 nicht so schnell bewegt hätte. Wir haben ja derzeit im Gender Pay Gap den großen Treiber Teilzeit, und zwar bezogen auf den Stundenlohn. DIGITALE SIGNALE 13 Wir sehen Stundenlohnnachteile für Teilzeitbeschäftigte und die Zum Beispiel, wenn sich Kitakräfte mal über solche Apps aus sind in der letzten Verdienststrukturerhebung sogar noch mal tauschen können zur flexiblen Gestaltung von Wochenarbeits größer als davor. Beim Gender Pay Gap gehen sieben Prozent- zeit. Also so etwas wie digitale Einsatzpläne, damit sie das bes punkte von 21 – also ein Drittel – auf das Konto Teilzeit bei den ser lösen können, um eine dauerhafte, verlässliche Betreuung Frauen. Und das ist wirklich enorm. In Europa hat kein anderes auch sicherzustellen, wenn der Bedarf sich kurzfristig ändert. Land so eine ausgeprägte Teilzeitstrafe(die Differenz zwischen durchschnittlichem Vollzeit- und Teilzeitlohn pro Stunde) wie Das ist ja alles immer sehr, sehr statisch. Ich glaube, überall wir. Und das hängt, wie vorhin schon gesagt, zum einen damit da, wo eine Familie wirklich angewiesen ist auf diese Unter zusammen, dass wir so wenige Wochenstunden in Teilzeit arbei- stützung, könnte gerne mehr Digitalisierung Einzug halten. Das ten. Das hängt aber auch damit zusammen, dass wir so lange in würde Eltern enorm entlasten. Teilzeit verbleiben und nicht zur Vollzeit zurückkehren, wenn die Kinder groß sind. Familien stellen nicht zuletzt auch eine wichtige Keimzel Auch das ist eine deutsche Besonderheit: dass die Mütter, auch le des ehrenamtlichen Engagements dar. Laut dem letzten wenn die Kinder schon im Teenageralter sind, noch immer zu Freiwilligensurvey 2019 vollzieht sich dieses bereits zu 57 einem Großteil in Teilzeit arbeiten. Und das muss sich ändern. Prozent ganz oder teilweise über das Internet – etwa in der Aber ich glaube, wir kriegen das Thema mit den Lohnstrafen Flüchtlingshilfe, beim Erstellen offener Kartenportale oder erst weg, wenn es einfach normal wird, dass man in Teilzeit bei Covid-19-Hackathons. Welche staatlichen Anreize und vollzeitnah arbeitet. Und dafür müssen wir die Männer da rein- Unterstützungsleistungen für ein solches Online-Voluntee bekommen. Solange Teilzeit ein Frauenthema ist, wird es diese ring sind denkbar? Lohnstrafen geben, denn wir haben nun mal einfach das Prob lem, dass Frauenarbeit noch immer überwiegend in ganz vielen Boll: Ich würde das gegenwärtige System tatsächlich so belasBerufen einfach weniger gut bezahlt wird als Männerarbeit. Und sen. Ich würde sagen, tatsächlich freiwillige Leistungen sollten ich glaube, erst wenn die Männer da aufschreien und auch freiwillige Leistungen bleiben. Und wir müssen sagen:„Was soll das eigentlich? Ob ich nun 20 oder eher an der gesellschaftlichen Anerkennung arbeiUnterschied für meinen Stundenlohn machen“, 30 oder 25 Stunden arbeite, kann ja wohl keinen „Wie wäre ten. erst dann wird sich daran etwas ändern. eine App, die Als Ökonomin sage ich ganz explizit: Nicht nur finanzielle Anreize sind entscheidend, Nicht nur in Zeiten von Social Distancing streben Eltern eigentlich immer nach dem Gegenteil von Selbstisolierung: Sie agieren als Netzwerker_innen, suchen den direkten die Situation in der Kita anzeigt?“ sondern es geht auch darum, Signale zu set zen: Was ist gesellschaftlich erwünscht? Was der Staat ins Schaufenster stellt, ist die sozi ale Norm. Wenn der Staat sagt: Das wollen wir so haben und das finden wir klasse, wenn Austausch mit anderen Eltern, organisieren das passiert, dann hat das eine Wirkung. Und Schulfeste oder das gemeinsame Spielen ihrer das würde ich auch nach wie vor beim Ehrenamt Kinder. Wie könnten datenbasierte Tools den All so sehen. Ich würde immer dafür plädieren zu sagen: tag von Familien erleichtern? Haben Sie dazu Wünsche Wir müssen davon wegkommen zu glauben, Dinge sind nichts oder Ideen? wert, weil sie nicht bezahlt werden. Am Beispiel Kinder wissen wir das am allerbesten. Natürlich ist eigentlich das größte Glück Richel: Digitale Teilhabe sucht immer den Weg des Praktischen. auf Erden das, was es umsonst gibt. Ja, und wir müssen uns die Das Einfache und Gute setzt sich meist durch Nutzung durch. Erkenntnis bewahren, dass wir ja teilweise auch wirklich noch Alles, was Eltern den Alltag digital erleichtert, wird auch ge aus freien Stücken Dinge tun, ohne dass uns jemand Geld dafür nutzt werden. Das ist die Realität. Leider ist die deutsche Reguzahlt. lierungssituation viel zu oft an dieser Realität vorbeigedacht und der Datenschutz nur ein unpraktisch gedachtes Tool von diesen Richel: Das Ehrenamt ist sicher kein rein altruistisches Instrudysfunktionalen Rahmenbedingungen. Digitalität bedeutet auch ment, aber es beruht zunächst einmal auf Freiwilligkeit. Und es Agilität und Flexibilität. Da müssen wir deutlich besser werden. ist eine wichtige Säule für unser Gemeinwesen, die gefördert werden muss. Vor allem braucht es erst einmal sehr viel mehr Kerst: Das Netzwerken und der Zusammenhalt zwischen Eltern Aufmerksamkeit für das Ehrenamt. Der Staat darf das Ehrenamt sind unerlässlich. Daher war und ist für die meisten diese Zeit nämlich nicht als selbstverständlich ansehen. Es muss wieder eine absolut neue und sehr einschränkende Erfahrung. Denverstärkt zu Ehren kommen. Unabhängig davon, ob es digital noch: Bitte keine Chatgruppen mehr! Es ist erstaunlich, dass oder auf dem Dorffußballplatz stattfindet. Und gute Projekte Eltern sich weiterhin über ineffektive Kommunikationsplattformüssen gestärkt und gefördert werden. Das Ehrenamt hat jede men austauschen, sich E-Mails weiterleiten oder endlose Dis Bühne verdient, die wir bauen können. kussionen in Chats führen. Daher wünsche ich mir mehr datenbasierte Tools, die den Eltern den Alltag tatsächlich erleichtern. Kerst: Genau die genannten Zahlen und Projekte machen nicht Schauen wir auf Covid-19: eine App, die Eltern per Ampel den nur Mut, sondern auch Lust auf digitales Ehrenamt. Daher soll aktuellen Stand in der Kita oder Schule aufzeigt, ob es heute ten Hackathons, digitale Ehrenamtspreise, Vorbilder in den eine Notbetreuung gibt oder die Einrichtung schließt. Das wäre Kommunen intensiv – auch öffentlichkeitswirksam – unterstützt eine digitale Revolution, die ihren Namen verdient! werden. Wir brauchen für diese Idee eine starke Unterstützung. Im finanziellen Bereich kann man sich einen Digitalbonus für Boll: Es geht vor allem um Lösungen, die nicht bei den Eltern, Vereine vorstellen oder beispielsweise bessere Abschreibungen sondern bei den familienunterstützenden Dienstleistungen anfür die Anschaffung von digitalen Endgeräten sowie Unterstütsetzen, die Eltern enorm helfen würden. zung bei der Einführung und Lizenzierung(Open Data) von Software. Auch das Projekt des„freiwilligen digitalen Jahres“ sollte unbedingt weiterverfolgt werden. Wie lernen wir in Zukunft? DIGITALE SIGNALE Schule(lateinisch schola von altgriechisch σχολή, Ursprungsbedeutung:„Müßiggang“, „Muße“, später„Studium“,„Vorlesung“), auch Bildungsanstalt oder Lehranstalt genannt, ist eine Institution, deren Bildungsauftrag in der Vermittlung von Wissen und Können durch Lehrer_innen an Schüler_innen, aber auch in der Wertevermittlung und in der Erziehung zu mündigen, sich verantwortlich in die Gesellschaft einbringenden Persön lichkeiten, besteht. Digitale Schule:„Hinter der Digitalisierungseuphorie steckt vielerorts ein stiller Konsens. Er lautet in etwa so: Wir modernisieren die Schule nur an der Oberfläche. Wir opti mieren mit digitalen Mitteln unsere traditionelle Lernkultur. Wir gießen den alten Wein in Hightech-Schläuche. Die Grundannahmen unserer Schule tasten wir nicht an.“ 1 1  Jöran Muuß-Merholz: Digitale Schule zwischen Unterrichtsabsicherung und neuer Lernkultur, 7.5.2020, on line unter: https://www.forumbd.de/blog/digitale-schule-zwischen-unterrichtsabsicherung-und-neuer-lernkultur/(Letzter Zugriff 29.05.21) © Ingo Pertramer © medialepfade.org © privat 16 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Wie lernen wir in Zukunft? Homeschooling und Distanzunterricht sind neue Be griffe, die während der Pandemie strukturelle Missstände nur beschönigt haben. Weder war das deutsche Bildungssystem genügend auf digitalen Unterricht vorbereitet, noch können Eltern die erlernten Fach kompetenzen von Lehrkräften so einfach ersetzen. Die Leidtragenden waren die Schüler_innen, die im Lock down weitgehend auf sich gestellt waren. Vielleicht ist deshalb jetzt der beste Zeitpunkt, über das Bildungs system im 21. Jahrhundert noch einmal grundsätz licher nachzudenken: Was sind die zentralen Werte und Kompetenzen, die im digitalen Zeitalter vermittelt werden sollten? Wie können wir nachwachsenden Al terskohorten Werkzeuge an die Hand geben, die ihnen in der Arbeitswelt von morgen wirklich helfen? Wie viel Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen muss gewährleistet sein, damit sie ihre eigenen Potenziale entfalten können? Zu diesem Thema sprachen wir mit: Barbara Blaha arbeitet am liebsten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. Sie leitet den Thinktank Momentum Institut(Wien) und den Momentum Kongress, ist Universitäts rätin der Universität Salzburg, lehrt am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und ist Mitgründerin des Wiener Balls der Wissenschaften. Von 2006 bis 2010 gehörte sie dem Publikumsrat des ORF an. 2012 veröffentlichte sie gemeinsam mit Sylvia Kuba den Band„Das Ende der Krawattenpflicht. Wie Politikerinnen in der Öffentlichkeit bestehen“. Daniel Seitz ist Gründer von mediale pfade. Er brennt für eine freie, poli tisierte Gesellschaft, die ihre soziale Verantwortung wahrnimmt. Als Medienpädagoge ist er überzeugt, dass Medienbildung einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu politischer Teilhabe, Selbstentfaltung und Kreati vität leisten kann. Daniel Seitz lebt in Berlin. Er ist Autor beim Medienpädagogik Praxisblog, zentrale Themen sind Migration und Flucht, Antiras sismus, Hacker_innen-Kultur sowie Webvideos. Frank Wagner ist seit 2007 Rektor der Gebrüder-Grimm-Schule, einer offenen Ganztagsschule in Hamm, die unter seiner Ägide 2019 den Deutschen Schulpreis erhielt. Dabei überzeugte sie in allen sechs Qualitätskriterien„Leistung“,„Umgang mit Vielfalt“,„Unterrichtsqualität“,„Ver antwortung“,„Schulklima, Schulle ben und außerschulische Partner“ sowie„Schule als lernende Institution“. Bereits 2015 pilotierte er dort eine offene Lernlandschaft unter beengten Raumverhältnissen. Auf Wagners Schreibtisch steht die Jobbeschreibung „Director of unnecessary and special projects“. DIGITALE SIGNALE 17 Regelmäßig erscheinen Studien, die die Undurchlässigkeit des deutschen Bildungssystems beklagen. Was ist zu tun, um insbesondere die Schulen wieder zu einer starken Säule für gesellschaftliche Teilhabe und selbst gewählte Berufswege zu machen? vertiefen können. Dabei werden sie von Begleitlehrer_innen individuell unterstützt. Frontalunterricht ist eher die Ausnahme. Hausaufgaben werden gemeinsam mit den Lehrer_innen in der Nachmittagsbetreuung erledigt. Das kommt vor allem auch Kindern aus bildungsfernen Schichten zugute, die in dieser Weise nicht sich selbst überlassen werden. Daniel Seitz: Leider wird gerade wieder deutlich, wie stark Frank Wagner: Wenn wir über die Schule der Zukunft spreSchule auf Leistung und abfragbares Wissen abzielt. Viele Jahre chen, müssen wir folgende Gedanken zugrunde legen: Welche hatte ich das Vergnügen, mit Schulabbrecher_innen zu arbeiten. Kinder wollen wir hier aus unserer Schule entlassen? Von welDas waren allesamt herausragende Persönlichkeiten und tolle cher Gesellschaft träumen wir in Deutschland? Denn welche Menschen, nur hat sie eben das System Schule überhaupt nicht Prägung wir Kindern heute in der Schule mitgeben, wird einen erreicht und sie hatten wohl auch kein gesteigertes Interesse maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie sie morgen die Zu daran. Den Lernwillen von Menschen zu unterdrücken, dafür kunft unserer Gesellschaft mitgestalten. braucht es schon eine gehörige Anstrengung. Wenn wir also von einer gerechten, friedlichen und demokra Sicherlich ist ein wichtiger Schritt die Individualisierung und tischen Gesellschaft träumen, in der jeder Mensch sein Poten der Fokus auf die Stärken der Schüler_innen. Das geht beides zial einbringen kann, dann muss sich das auch in unserem Ler nicht in Klassenstärken wie bislang und auch nicht mit dem Fonen und in unserer Schulkultur widerspiegeln. Wir müssen an kus auf Noten und der einseitigen Orientierung auf„Verwertbarden Schulen die Werte leben, die wir uns für die Gesellschaft keit“, die dahintersteckt. Nun sind wir ja im Corona-Jahr alle zu von morgen in Deutschland wünschen. Wir an der GebrüderBildungsexpert_innen geworden, vielleicht schaffen wir es, die Grimm-Schule in Hamm wünschen uns mutige Kinder, Lehr sen Schwung mitzunehmen und endlich grundsätzlich an einikräfte und Eltern, denen wir etwas zutrauen, die sich dadurch gen Stellschrauben zu drehen: eine deutliche Erhöhung selbst auch etwas zutrauen. Wir wünschen uns Mender Lehrer_innen-Anzahl, flächendeckende Unter schen, die sich ihrer Potenziale bewusst werden stützung durch(Sozial-)Pädagog_innen, bessere Ausstattung, Weiterbildung in Medienkompe „Unsere und diese auch ausleben können. Wir wünschen uns Kinder, die ihre natürliche Begeisterung tenz und vieles mehr. Eigentlich würde ich mir fast eine Verdopplung der Zahl der Lehrkräfte wünschen, aber das scheint radikaler zu sein, als jahrzehntelang die Bildung gan zer Generationen zu vernachlässigen. Meine Vorschläge klingen vielleicht etwas formell, aber ehrlich gesagt sind das gerade mal die zwingenden Grundvoraussetzungen, um weiter Schule schert alle über einen Kamm.“ für das Lernen nicht verlieren, die wertschät zend und humorvoll miteinander umgehen und sich gegenseitig annehmen, auch wenn sie verschieden sind. Kinder, die eine eigene Meinung begründen und diese auch selbstbewusst vertreten können, Kinder, die sich Wis sen selbstständig aneignen können, Kinder, die um die Ecke denken und auf kreative Weise Heüber Integration, Teilhabe und Inklusion zu spre rausforderungen meistern. chen, da sind sich die Kolleg_innen an den Schulen recht einig. Es geht nicht immer mehr zu gleichbleibenden Daraus ergibt sich mittel- bis langfristig betrachtet eine VerBedingungen. änderung des Lernens – weg von der Schule des Industriezeitalters, hin zu einer Schule des Lernens der Zukunft. Doch dafür Barbara Blaha: Ein Kind aus der Arbeiterschicht muss schon braucht es Gedanken, die das bisherige Lernen infrage stellen: überdurchschnittlich gut sein, um für das Gymnasium über Welche Lerninhalte brauchen unsere Kinder, um in der Schu haupt in Betracht gezogen zu werden. Um die soziale Durchläsle und im weiteren Verlauf ihres Lebens gut klarzukommen? sigkeit zu erhöhen, wäre daher die flächendeckende gemeinsame Müssen wir zwangsweise ganze Schulbücher abarbeiten? Geben Schule der 10- bis 14-Jährigen essenziell, damit auch Kinder aus die Schulbuchverlage uns Lehrer_innen vor, was unsere Kinder bildungsfernen Milieus die Chance auf höhere Bildung, bessere wirklich brauchen? Können wir dies als pädagogische Expert_ Jobs und ein gutes Einkommen bekommen. Ansonsten werden innen nicht viel besser selbst beurteilen? Ist der derzeitige Lernsie schon davor ausgesiebt. Mehr individuelle Förderung insbestoff wirklich geeignet, um die Kinder fit dafür zu machen, die sondere von Kindern aus benachteiligten Schichten nach ihren Herausforderungen der Zukunft zu meistern? Bedürfnissen und Talenten ist ein weiterer Punkt. Leider schert unser Schulsystem alle über einen Kamm, ohne zu berücksich Das übergeordnete Leitziel an der Gebrüder-Grimm-Schutigen, dass nicht jedes Kind mit Baby-Yoga, Mandarin-Kurs le fasst unsere Auffassung von Zielen und Visionen einer zuoder Tablet aufwächst. Viele haben nicht einmal einen eigenen kunftsfähigen Schule wie folgt zusammen:„Kinder sollen laSchreibtisch und Eltern, die sich selber beim Lesen, Schreiben chend Leistung lieben lernen.“ Eigentlich gar nicht neu, aber und Rechnen schwertun. aktueller denn je. Hierzu muss ich etwas ausholen, was die Aus gangslage angeht. Der Unterricht an deutschen Schulen vollzieht sich im Grun de genommen wie vor 100 Jahren: Eine Lehrperson steht frontal vor der Klasse, Hausarbeiten werden meistens zu Hause und allein erledigt. Wie sollte stattdessen die Schule der Zukunft aussehen? Blaha: In Skandinavien ist man schon viel weiter. Der Unterricht erfolgt projektorientiert. Die Kinder eignen sich ihr Wissen entlang ihrer Interessen und Begabungen an, die sie gezielt Eine gute Allgemeinbildung ist von unschätzbarem Wert für gelingende gesellschaftliche Teilhabe in einer demokratischen Gesellschaft. Allerdings nimmt das Wissen der Menschheit exponentiell zu. Das Wissen explodiert förmlich – und das in allen Fachbereichen. Ist deshalb die logische Konsequenz, dass Schü lerinnen und Schüler auch mehr Wissen in ihrem Kopf unterbringen müssen? Geht das überhaupt? Und dann kommen auch noch Kompetenzen dazu. Ich selbst, Jahrgang 1971, brauchte noch keine digitalen Skills in meiner Schulzeit. Heute ist das 18 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG quasi bereits Voraussetzung. Aber wir alle haben doch nur einen petenzen modulartig zunehmend digital bereitgestellt werden, Kopf, ein Gehirn. Meiner Meinung nach werden Schüler_innen können diese im Rahmen von verschiedenartigen Drehtürmonicht in der Lage sein, diese zunehmende Menge an Fachwissen dellen erlernt und bei Bedarf ohne großen Aufwand wiederholt auswendig zu lernen und jederzeit im Gedächtnis abrufbar be- werden. Außerdem ermöglichen sie das gemeinsame Lernen unreitzuhalten. Gleichzeitig nimmt die Bedeutung von bestimmten terschiedlichster Schülergruppen, unabhängig von Alter, Jahr Kompetenzen und Fertigkeiten bzw. Skill-Sets und damit ver- gang, Leistungsstand und vom Unterricht im Klassenverband bundenen Werthaltungen zu. Im Fachdiskurs nennt man diese – sie alle arbeiten selbstständig an dem jeweiligen für ihr Weidigital literacies. Also noch etwas obendrauf. Wenn wir die terkommen relevanten Modul, das sie sich als nächstes Lernziel Fachinhalte schon nicht schaffen, wie sollen dann auch noch gesetzt haben. Skills eingebaut werden… Und dabei sind sie von entscheidender Wichtigkeit – die Zukunftsskills. Wir versuchen an der Ge- Wenn alle am Lernen Beteiligten über eine digitale Plattform brüder-Grimm-Schule gerade einen Weg zu entwickeln, Zeit für jeweils datenschutzkonformen Zugriff auf die dem Kind zugedas Erlernen dieser Skills einzubauen. Und das geschieht wie wiesenen Lernmodule haben und Eltern wie auch Kind hierüfolgt: Wir priorisieren Fachinhalte und binden digitale Lernme- ber persönliches Feedback zum Lernstand bekommen, wird die dien ein. Basiskompetenzen werden digital und so trainiert, dass individuelle Förderung erheblich erleichtert – sie erfolgt dann sie abrufbar jeder Schülerin bzw. jedem Schüler zur Verfügung passgenau und aufeinander abgestimmt. Auch im Bereich der stehen. Elternbildung können diese Module die Grundlage dafür schaffen, Eltern zu helfen, ihr Kind beim Lernen bestmöglich zu Selbstverständlich vermitteln wir darüber hinaus jede Menge unterstützen. Fachinhalte, diese müssen allerdings nicht alle jederzeit im Ge hirn zur Verfügung stehen. Welch ein Glück, dass es das Inter- Ich möchte an dieser Stelle auch über unser Lernkaleidoskop, net gibt. Wissen ist überall und jederzeit durch Smartphones und eine offene Lernumgebung, etwas ausführlicher berichten. Alle Internet abrufbar. Die Recherche von Fachinhalten ist übrigens Fachräume, das pädagogische Zentrum, die Mensa, das Au ebenfalls eine Basiskompetenz, die jedes Kind bei uns ßengelände und auch ein Teil der Verwaltung stehen beherrschen sollte. Wir lernen demnach gerade in als Räumlichkeiten zur Verfügung, wobei jeder einem Dreisäulenmodell: • Trainierte Basiskompetenzen jederzeit sicher im Kopf abrufbar •  Fachwissen, nicht immer mit dem Ziel, die ses jederzeit abrufbar im Gedächtnis zu verankern „Gibt es genügend Zeit für Kreativität?“ Quadratmeter unserer kleinen Grundschule äußerst durchdacht genutzt wird. Das Kaleidoskop ist in verschiedene sogenannte Lerninseln unterteilt. An jeder dieser Lerninseln steht ein kleiner Monitor mit verschiedenen möglichst kreativen Arbeitsaufträgen. Das notwendige Material zum Lösen der Aufgabe befindet sich in ei nem einheitlich für die verschiedenen Lern•  Zukunftsskills, darunter an zentraler Stelle inseln designten jeweiligen Schrank. SelbstKreativität, die einen wichtigen Baustein der so verständlich können Lösungsmöglichkeiten für genannten 21st Century Skills1 zur Bewältigung von die Aufgaben auch in anderen Lerninseln gefunden Komplexität bildet. werden. Aber wie ist es denn um das Thema Kreativität an deutschen Schulen bestellt? Gibt es Zeit für Kreativität? Im Fach Kunst oder Musik vielleicht schon, aber darüber hinaus? Für uns besteht ein enger Zusammenhang zwischen der intensiven, kreativen Auseinandersetzung mit einem Projektthema und den(digitalen) Automatisierungsprozessen der Basiskompetenzen. Wir hoffen, dass durch die Begeisterung für ein Projekt thema intrinsische Motivation für das Trainieren und Automatisieren entsteht. Basiskompetenzen stellen bei uns die Sammlung der wichtigsten, absolut unverzichtbaren Lerninhalte bzw. Lern methoden dar, die alle Schüler_innen für ihre weitere Schullauf bahn und das Leben erlernen müssen. Wir erwarten, dass alle Schüler_innen diese Basiskompetenzen sicher beherrschen und selbst Kinder mit Teilhabeeinschränkungen eine – wie wir es humorvoll nennen –„Überlebensfähigkeit“ entwickeln. Digitale Medien können mittlerweile sehr gut für das Training von Basiskompetenzen eingesetzt werden. Zahlreiche Apps oder auch webbasierte Dienste sind bereits entwickelt worden oder stehen in Kürze zur Verfügung. Wenn passgenaue BasiskomWir wünschen uns sehr, Design-Thinking-Prozesse 2 hier einzubinden. Die kreative Aufgabe oder auch eine selbst erdachte Herausforderung stellt den Startpunkt dar. Nach der konkreten Problemfrage sollen Ideen entwickelt werden und schließlich möglichst schnell auch Prototypen designt werden. Eine gelernte Schreinerin unterstützt hierbei im Rahmen eines multiprofessionellen Teams bei der Ausführung. Das Kaleidoskop enthält darüber hinaus eine zusätzliche Lerninsel für Erwachsene bzw. Eltern. Diese Lerninsel befindet sich ziemlich genau im Zen trum des Kaleidoskops und lädt dazu ein, sich mit modernen Gedanken von Bildung zu beschäftigen oder die Kids bei der Arbeit im Kaleidoskop zu beobachten. Ein Transfer von Ergebnissen in den Stadtteil ist bereits angedacht. Seitz: Man sieht hier sehr gut: Wer sich tiefer in die Bildungsszene eingräbt, entdeckt eine wunderbare Welt engagierter Leh rer_innen, die mit viel Engagement und Fachwissen Konzepte weiterentwickeln. In diesen Genuss kommt aber tatsächlich leider nur ein Bruchteil der Schüler_innen. Eine Veränderung des Unterrichts sollte, wie eben gesehen, an Gebäudekonzepten 1  Vgl. dazu Bernie Trilling/Charles Fadel: 21st Century Skills: Learning for Life in Our Times, San Francisco 2009. In ihrem Buch beschreiben Trilling und Fadel die Fähigkeiten, die zum Überleben und Gedeihen in einer komplexen und vernetzten Welt erforderlich seien. Die Inhalte des 21. Jahrhunderts umfassen danach nicht nur die grundlegenden Kernkompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern beinhalten auch das globale Bewusstsein, wirtschaftliche Kompetenz und eine erhöhte Sensibilität für Gesundheitsfragen. Die Kompetenzfelder des 21. Jahrhunderts teilen sich in drei Kategorien auf: Lern- und Innovationsfähigkeiten, digitale Kompetenz und Lebens- und Karrierefähigkeiten. 2  Design Thinking ist eine kollaborative Methode für Innovationsprozesse, zum Beispiel in der Geschäftsfeld- oder Produktentwicklung einer Organisation. Leitende Prinzipien sind dabei unter anderem die konsequente Entwicklung eines Modells aus der Anwendersicht, schnelle Prototypenbildung sowie eine iterative Vorgehens weise. DIGITALE SIGNALE 19 starten. Da gibt es tolle Ansätze mit offenen Architekturen, die bedenken. Jede Schülerin und jeder Schüler unserer Schule soll wesentlich freiere Unterrichtsformen, fächer- und altersüber Demokratie direkt erleben. Dafür entwickeln wir gerade einen greifend, ermöglichen. Darüber hinaus sollten Schulen mit der eigenen Handlungsstrang auf unserer recht neuen Lernplattmodernsten Ausstattung arbeiten, die wir ihnen bieten können. form. Hier können bald schnell und direkt Umfragen generiert Solange wir Schüler_innen eher mit der Vergangenheit von und von allen Schüler_innen gestellt und beantwortet werden. Kultusministerien und Schulträgern konfrontieren als mit ihrer Das Gleiche ist für Eltern geplant. Erst kürzlich haben wir im eigenen Gegenwart und Zukunft, werden wir dem, was wir der Schulleitungsteam darüber diskutiert, wie praktisch es wäre, für jungen Generation schuldig sind, kaum gerecht werden. So lang die anstehende Schulöffnung in der Pandemie über verschiedene sam kommen interaktive und digitale Methoden und Ansätze Arten von Wechselmodellen auch Eltern schnell über die eigein die Lehrer_innen-Ausbildung. Das heißt im Umkehrschluss ne, bekannte Plattform abstimmen lassen zu können. Darüber aber auch: Es gehen jetzt immer noch Lehrer_innen von der Uni, hinaus sollen auf der Plattform Tools bereitgestellt werden, die die die nächsten 40 Jahre unterrichten werden mit Methoden, die sozialen Netzwerken nachempfunden sind. Hier steht die Mögbereits jetzt veraltet sind. lichkeit zum Verfassen von Kommentaren im Mittelpunkt. Diese müssen allerdings gewissen Qualitätsansprüchen hinsichtlich Was ich – als primär außerschulischer politischer Bildner – in Meinungsfreiheit sowie Wertschätzung genügen. Und nicht der schulischen Bildung stark vermisse, ist Persönlichkeitsbil zuletzt sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, den Wahr dung. Viel zu häufig wird rein formales Wissen vermittelt, dabei heitsgehalt von Nachrichten einzuschätzen und Fake News zu aber vergessen, die Inhaltevermittlung auch an Werten auszu erkennen. richten und diese ins Zentrum zu stellen. Dafür bräuchte es aber auch eine demokratische Kultur an der Schule, die dies vorlebt. Ich möchte an dieser Stelle noch einen Schritt weitergehen und Ich wünsche mir ein Lehrer_innen-Bild, das sich aus vorbild die im deutschen Bildungswesen angelegte Trennung von alllichen Werten und nicht über vermeintlichen Wissensvorsprung gemeiner und beruflicher Bildung im angebrochenen 21. Jahr definiert und auch so im Gesamtrahmen – nicht nur in den auf hundert infrage stellen. Denn diese strikte Trennung von Schugewandten Unterrichtsstunden – durch sein Handeln le und Beruf hat dazu geführt, dass unter Umständen erkennbar ist. Ich wünsche mir Schüler_innen, die als voll wertige Bürger_innen anerkannt, aber auch 13 Jahre lang bis zum Abitur am Gymnasium ein „Es wichtiges Ziel nur wenig in den Blick genommen wird: die Berufswahl. In trockenen, künstlich geht um die inszenierten Berufsberatungen in Arbeitsgefordert werden. Dafür bräuchte es echte Partizipation und eine gemeinsame GeSchaffung von ämtern werden dann oft etwas zusammenhanglos mithilfe von Computerprogrammen staltung des Schulcampus – mit allem, was dazugehört –, um so auch eine Ausbildung WirksamkeitsStärken gesucht und Berufsideen vermittelt. Geht da nicht viel mehr? Wir an der Gebrüzu mündigen Bürger_innen zu ermöglichen, die im Morgen verstehen, dass unsere Welt ge erlebnissen.“ der-Grimm-Schule sind der Überzeugung, dass Potenziale, Talente und Stärken bereits staltbar ist, die Wirksamkeitserlebnisse schafft. frühzeitig in der Schule gesucht und gefunden Dies wäre auch eine Voraussetzung dafür, dass werden müssen. Und warum sollten nicht auch Benachfolgende Generationen entstehen, die immun rufsideen immer wieder begleitend diskutiert und besind gegen Falschinformationen, Hass und Abwertungsme nannt werden? chanismen gegenüber anderen, weil sie nicht schon früh vor al lem Konkurrenz um Noten, Abschlüsse und Aufstiegschancen Wir Menschen sehnen uns danach, glücklich zu sein. Und dafür erleben. So könnten wir auch schon früh solidarischen Umgang ist der Beruf nicht nur wichtig, sondern unter Umständen so fördern und den abstrakten Begriff mit Leben füllen. Dafür gar entscheidend. Um zufrieden, glücklich und wirksam sein zu braucht es multidisziplinäre Teams, die Ressourcen, Zeit und können, sollten Menschen möglichst Berufe wählen, die ihren Fachwissen haben, um den Lernraum Schule umfassender zu Potenzialen entsprechen. Deshalb sehen wir an unserer Schubetrachten. Wenn wir Freiheit auch gegenüber jungen Menschen le die Aufgabe, bereits in der Grundschulzeit den Lernenden ernst meinen, müssen wir aus einer Schulpflicht ein Recht auf Potenziale und Talente aufzuzeigen und darüber ins Gespräch Bildung machen. Das würde Schüler_innen auch in der aktuelzu kommen. Talente sind deshalb immer auch ein Thema an den len Situation mehr helfen, könnten sie doch einen berechtigten regelmäßig stattfindenden Schülersprechtagen. Alle Schüler_in Anspruch geltend machen, der weit über das hinausgeht, was nen genießen es sehr, in diesen ca. 15 Minuten im vertrauten wir ihnen aktuell bieten können. Vieraugengespräch mit der Lehrerin bzw. dem Lehrer gemeinsam zu überlegen, wo individuelle Talente stecken, wie diese Wagner: Ich persönlich habe den Eindruck, dass es Menschen sich zeigen oder geweckt werden können. immer schwerer fällt, Meinungen anderer Menschen sachlich zu diskutieren und zu tolerieren. Gerät hier ein Baustein unseres Am Ende der Grundschulzeit erhalten alle Viertklässler_innen Gesellschaftssystems ins Wanken? Und was können wir Schudann eine sogenannte Talent-Urkunde. Auf dieser Urkunde sind len dagegen tun? Ziel an unserer Schule in Hamm ist es, bereits verschiedene nach der multiplen Intelligenztheorie sortierte TaGrundschüler_innen Wirksamkeit im politischen Kontext erlelentbereiche vermerkt. Gleichzeit befinden sich neben den In ben zu lassen. Dafür werden in parlamentarischen Strukturen telligenzbereichen Vorschläge für passende gängige Berufe. So wie zum Beispiel dem Schülerparlament echte, relevante, le können die Schüler_innen konkrete Ideen zur späteren Berufsbensnahe Entscheidungen getroffen. Auch Grundschüler_innen wahl bereits in der vierten Klasse erahnen. Selbstverständlich merken sofort, wenn es nur um kindliche, künstlich erzeugte achten wir darauf, dass wir unsere Schüler_innen nicht auf be Entscheidungsprozesse statt um echte, eventuell die gesam stimmte Talentbereiche einschränken bzw. Talentbereiche auste Schule betreffende Lösungen geht. Aber parlamentarische schließen. Strukturen sind nicht alles, wenn wir politische Wirksamkeit 20 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Wagner: Die Beobachtung einer Unterrichtsstunde im Rahmen Während der Pandemie entstand ein Handlungsdilemma einer Zoom-Konferenz des Distanzunterrichts eines Gymnasidadurch, dass reiner Online- oder Hybridunterricht zu ums hat mich sehr nachdenklich gemacht. Nach den ersten zehn einem messbaren Absinken der Leistungen in den eher bil- Minuten Anwesenheitskontrolle durch den Lehrer hatten die dungsfernen Haushalten führte. Wie gehen wir mit diesem Schüler_innen 20 Minuten lang die Aufgabe, ihre in Heimarbeit Dilemma um? aufgeschriebenen Ergebnisse von Fragen aus einem Schulbuch vorzutragen. Die Ergebnisse wurden regelmäßig mit„Hm – ja Blaha: Wer vor der Krise wenige Ressourcen hatte, hat in der – okay“ bewertet, durchgängig und ohne Emotion. Dann folgte Krise noch weniger. Kinder aus ärmeren, bildungsfernen Fa- zehn Minuten lang ein kurzer Vortrag des Lehrers über den neumilien haben oft nicht einmal einen eigenen Computer und El- en Lernstoff und die Stunde endete nach genau 32 Minuten mit tern, die ihnen beim Lernen in vielen Fällen nur schwer helfen dem Hinweis auf die nächsten zu bearbeitenden Aufgaben. Ankönnen. Je länger sie nicht in die Schule gehen können, desto schließend war mir klar, dass irgendjemand sich mit dem Kind mehr fallen sie zurück. Wir müssen daher alles daransetzen, würde hinsetzen müssen, um das neue Thema zu besprechen und die Schulen, so gut es geht, zu öffnen und spezielle Betreuungs- quasi den Part des„Lehrenden“ zu übernehmen. Selbstverständangebote für diese Kinder schaffen. Gratis-Notebooks für alle lich gab sich hier am Gymnasium in diesem Zusammenhang Schüler_innen würden den Distanzunterricht im Falle partieller kein Erziehungsberechtigter die Blöße und gestand ein, dass Schulschließungen erleichtern und Hybridunterrichtsformen ersein Kind diese Aufgabe nicht selbstständig bearbeiten konnte. möglichen. Da gibt es übrigens auch dringenden Nachholbedarf Aber genau hier liegt der Hund begraben. Ohne Eltern funktiobei den Pädagog_innen: Ein PDF-Arbeitsblatt hochzuladen und niert der Distanzunterricht auf diese Art und Weise nicht. das eine Stunde später wieder digital einzusammeln, ist kein Kein Wunder, dass Nachhilfeinstitute gefragter sind als je zu Distanzunterricht. Das ist schlicht bequem. vor. Und so wird das Bildungssystem aufrechterhalten, denn das Abitur muss ja irgendwie erreicht werden. Wir haben uns als Seitz: Leider stellt dieses Defizit eine Kontinuität dar – in einem Gebrüder-Grimm-Schule bereits vor Jahren über diese Proreichen Land, das sich offenbar damit abgefunden hat, blematik Gedanken gemacht: Wie können Kinder so ziemlich die geringste Bildungsdurchlässigkeit lernen, die keine solchen Unterstützungsmög für bildungsferne Zielgruppen über Jahrzehnte zu manifestieren. Da spielen leider viele Faktoren, insbesondere Klassismus und Rassismus, eine Rolle. Problemlösungsstrategien können „Ohne Eltern funktiolichkeiten haben? Wo kein Elternteil den Part des Lehrenden übernehmen kann, wo das Geld nicht reicht, um ein Nachhilfeinstitut zu finanzieren. Schlussfolgernd müssen nur greifen, indem wir genau diese Gruppen stärken. Das fängt beim Offensichtlichsten, der Ausstattung zu Hause, an. Das geht si cherlich weiter bis zur Entlastung der Elternhäuser – wer in Armut leben muss, wird weniger niert der Distanzunterricht nicht.“ wir also im Distanzunterricht – aber auch in der Präsenz – immer danach schauen, ob die Kinder die Aufgaben auch alleine, ohne Hilfe von Erwachsenen lösen können. Es geht also darum, Aufgabenstellungen Freiraum und Gestaltungsmöglichkeiten bei der systematisch ähnlich zu formulieren, sodass Förderung der Kinder haben. Dabei könnte gerade sie leicht und vielleicht sogar unter Zuhilfedie Digitalisierung große Chancen eröffnen, indem sie nahme von Symbolen zu verstehen sind. Wir haben völlig neue Jobs anbietet, die sehr häufig auch völlig vorbei an deswegen ein schuleinheitliches System solcher Symbole formalen Bildungswegen entstehen. entwickelt. Darüber hinaus arbeiten wir mit einem Lernzeitplan-System, das übersichtlich, einheitlich strukturiert und von Aktuell liegen konkrete Handlungsmöglichkeiten auf der Hand: jedem Erwachsenen oder einem anderen Kind kontrolliert werWenn wir in diesem Schuljahr Zeugnisse vergeben[was flä den kann. Schulassistent_innen sind pausenlos im Einsatz, um chendeckend so gehandhabt wurde, Anm. d. Red.], öffnen wir Kindern, die mit dem Distanzunterricht nicht klarkommen, zu die Schere der Bildungschancen noch weiter. Gruppen, die es helfen und sie zu unterstützen. Wir haben den großen Vorteil, ohnehin schon schwer hatten, haben es danach noch schwerer. im Rahmen eines Pools mehrere dieser Integrationshelfer_innen Dass Schule unter Extremdruck – wie gerade jetzt – nicht die recht flexibel einsetzen zu können. Das Training des Umgangs verpassten Entwicklungen der letzten 20 Jahre nachholen kann, mit den digitalen Medien, die für den Distanzunterricht notwen sollte klar sein. Es lohnt sich aber, einige Anstrengungen der dig sind, fand übrigens zentral in den zwischenzeitlichen Phasen letzten Jahre zu intensivieren: Allem voran bieten OER(offedes Präsenzunterrichts statt. Die Bedeutung des Umgangs mit ne Bildungsressourcen bzw. open educational resources) 3 eine digitalen Medien schätzen wir so hoch ein, dass wir einen hier großartige Chance, die tollen Ansätze und Methoden, vor al für eigenen Kinderlehrplan entwickelt haben, der auch nach der lem zu Online- und Hybridunterricht, in die Breite zu bringen Pandemie hohe Bedeutung haben wird. und jeweils die Klassen und Bedingungen zu individualisieren. Außerdem bedarf es massiver zusätzlicher Investitionen. Hier bietet sich an, den Digitalpakt deutlich zu überarbeiten: zum Wir wissen heute noch nicht genau, wie die Berufe der Zu einen die Zugangsvoraussetzungen deutlich zu vereinfachen, kunft aussehen werden. Was wir jedoch wissen: Es gibt ein damit die Mittel endlich dorthin fließen, wo sie sollten. Zum an stark wachsendes Interesse von Frauen an MINT-Studien deren könnte in diesem Zusammenhang eine zentrale Forderung gängen. Ihr Anteil an den Erstsemestern über alle Fächer nachjustiert werden: Es braucht Weiterbildung, gerade jetzt und gruppen hinweg entspricht mittlerweile annähernd dem der gerade jetzt sehr dringend. Männer. Dennoch wird der IT-Fachkräftemangel allseits be klagt. Wie lässt sich in der gesamten Bildungskette wirksam für die neuen digitalen Berufe werben? 3  John H. Weitzmann: Offene Bildungsressourcen(OER) in der Praxis. Hg. von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg(mabb), Berlin 2013, S. 4:„Unter OER sind Lehr- und Lernmaterialien zu verstehen, die ungehinderter genutzt, kopiert, verändert und wiederveröffentlicht werden können als herkömmliche Lehr-und Lernma terialien.“ Wie die Handreichung zeigt, impliziert dies eine freie Lizenzierungspraxis und damit eine komplette Umstellung vom herkömmlichen Urheberrechtsregime („Alle Rechte vorbehalten“) sowie der damit verbundenen Produktions- und Distributionsweise. DIGITALE SIGNALE 21 Blaha: Ich denke, zunächst einmal müssen wir das Image der Wagner: Wir als Grundschule stellen unseren 225 Schüler_inneuen digitalen Berufe aufwerten und hier auch mit tradierten nen ca. 80 Tablets zur Verfügung. Wir scheuen uns zurzeit Geschlechterklischees und Rollenbildern aufräumen. Es ist imnoch, jedem Kind ein solches Gerät dauerhaft zur Verfügung mer noch so, dass IT-Berufe als Männerbastion wahrgenommen zu stellen. Denn es soll sich um ein sinnvoll einzusetzendes Arwerden. Frauen werden dagegen direkt oder indirekt immer beitsgerät handeln und nicht nur zum Daddeln genutzt werden. noch eher in klassische Frauenberufe gedrängt. Die sind durch Diese Tablets können bei Bedarf von den Schüler_innen am sodie Bank aber viel schlechter bezahlt als gut bezahlte IT-Berufe. genannten Infopoint, einer Aufsichtsstelle im Lernkaleidoskop, Das ist der nächste Punkt, auf den wir hinweisen müssen: dass ausgeliehen werden. Viele Aufgaben im Lernkaleidoskop erforMINT-Fächer gerade angesichts des akuten Fachkräfdern ein digitales Device, etwa zur Recherche oder zum temangels enorme Möglichkeiten bei Karriere und Fotografieren von Ergebnissen. In unserer Lern Einkommen bieten. Zudem müssen wir uns in den Schulen gerade in den naturwissenschaft„Technologie insel„Bauen“ haben alle Schüler_innen jederzeit die Möglichkeit, digitale Prozesse kennenzu lichen Fächern viel intensiver mit der voranschreitenden Digitalisierung und den digitalen Berufen auseinandersetzen. Meiner ist kein Selbstzweck, lernen. Lego-Roboter und weiteres digitales Lernmaterial kommen hier zum Einsatz. Das spielerische Programmieren soll hier mit Wahrnehmung nach geschieht das immer noch viel zu wenig. sondern GesellschaftsgeFreude und Motivation erlernt werden. Leider ist hier ein hoher finanzieller Aufwand notwendig – für uns als Grundschule schwer Seitz: Zumindest in der Informatik ist der Unterschied immer noch deutlich. Beim Förstaltung.“ zu stemmen. derprogramm„Jugend hackt“ sind wir intensiv Eine viel größere Motivation als der direkte Ummit unseren Teilnehmerinnen im Gespräch, da ge gang mit digitalen Materialien stellt jedoch der Ansatz nau dies, mehr Frauen in technologische Berufe zu bringen, des Lernens und Arbeitens im digitalen Zeitalter dar. ITeines unserer zentralen Themen ist. Dabei werden uns nach wie Technologie-Firmen im Silicon Valley strahlen eine erfrischenvor viele Hürden berichtet – von„Männerberufen“ bis hin zu de, fröhliche und vor allem innovative Atmosphäre aus. Ziel häufigem Sexismus ist da leider alles dabei. Wichtige Ansätze könnte sein, genau dies den Schüler_innen deutlich zu machen. sind unserer Erfahrung nach: Räume schaffen, in denen sich Gamification wird zur Erhöhung der Arbeitsmotivation einge Mädchen und junge Frauen diskriminierungsfrei ausprobieren setzt – warum nicht auch in manchen Bereichen im Unterricht? können, gegebenenfalls braucht es dafür auch Räume, die nur Der Umgang in IT-Start-ups ist häufig sehr offen, damit Innova Mädchen bzw. jungen Frauen zugänglich sind. Rollenvorbilder tionen möglich sind. Fehler dürfen und sollen gemacht werden. sind enorm hilfreich, um überhaupt Berufe einer digitalen Ge Humor spielt eine zentrale Rolle. Diese Art des Arbeitens ist für sellschaft als potenzielle Berufe wahrzunehmen. Hier können uns Europäer_innen manchmal noch schwer nachzuvollziehen, wir sicherlich noch wesentlich besser werden, gerade an Schulen sie zeigt jedoch meines Erachtens einen hohen Anziehungsgrad und bei der Vermittlung dieser Fächer dort. für junge, motivierte Personen. Für mich als Schulleiter steht ein solches Leadership schon lange nicht mehr zur Disposition. Es Auch haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, technische ist zwingend notwendig. Ohne Anzug und Krawatte, aber im Themen nicht„im luftleeren Raum“ zu verhandeln, sondern die mer zielgerichtet, wahrheitsliebend, humorvoll und wertschät se mit gesellschaftlichen Themen zu verknüpfen. Das eröffnet zend unterwegs zu sein, schafft eine leistungsstarke Arbeitsat noch mal einen anderen Zugang und erschließt damit auch neue mosphäre. Und Lehrkräfte übertragen diese Stimmung sofort in Zielgruppen. Denn Technologie ist kein Selbstzweck, Techno den Klassenraum, was sich direkt auf das Lern- und Leistungs logie ist Gesellschaftsgestaltung. verhalten der Schülerinnen und Schüler überträgt. Und damit schließt sich der Kreis – du kannst als Mensch Wirksamkeit erleben. Was bedeutet Gute Arbeit, wenn deine Kollegin eine Maschine ist? DIGITALE SIGNALE Arbeit im Sinne der Betriebswirtschaftslehre ist jede plan- und zweckmäßige Betätigung einer Arbeitsperson in körperlicher und geistiger Form, die dazu dient, Güter oder Dienstleistungen in einem Betrieb zu produzieren. Arbeiten 4.0:„Das Grundproblem ist die Frage, was wir mit den vielen Daten machen. Und ich glaube, wir haben viel Spielraum, viele Daten, die wir im öffentlichen Bereich, auch in der Privatwirtschaft in Deutschland haben, effektiver, effizienter, für mehr Pro duktivität, für neue Geschäftsmodelle zu machen. Aber es darf eben nicht beliebig sein.“ 1 1  Hubertus Heil: Eröffnungsrede zum KI-Observatory vom 3.3.2020. Redemanuskript online unter: https:// www.denkfabrik-bmas.de/fileadmin/Bilder/Artikelseiten/KI_Observatorium/Redemanuskripte/Redenmanu skript_Heil_KI-Observatory_DE.pdf(Letzter Zugriff am 28.05.2021) © Susie Knoll © Benno Kraehahn © Europäische Kommission © Andreas Schebesta 24 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Was bedeutet Gute Arbeit, wenn deine Kollegin eine Maschine ist? In der Geschichte der Industriearbeit haben Techno logiesprünge immer wieder zu Verschiebungen in der Zusammensetzung von Belegschaften geführt. Durch die Digitalisierung ergeben sich neue Zäsuren: Wäh rend die Robotik vor allem Effizienzgewinne in der Fertigung mit sich bringt, beeinflussen Big Data und künstliche Intelligenz auch grundsätzliche Entschei dungsvorgänge auf der Managementebene. Folgerich tig haben die Gewerkschaften hier ein neues Betäti gungsfeld ausgemacht, bei dem etwa Betriebsrät_innen datenanalytisches Know-how erwerben und neue Mit bestimmungsgarantien erhalten müssen, um mögliche Auswirkungen auf Arbeitsbedingungen abschätzen zu können. Welche Vorbehalte gibt es aus ihrer Sicht ge gen maschinelles Lernen? Wo zeigen sich kooperative Wege der Begleitung von algorithmischen Prozeduren? Welche Rolle spielt Technologie insgesamt bei einer zeitgemäßen Definition Guter Arbeit? Zu diesem Thema sprachen wir mit: Thorben Albrecht ist als Funktionsbereichsleiter Grundsatzfragen und Gesellschaftspolitik bei der IG Metall für strategische und politische Themen verantwortlich. Er war Mitglied der Global Commission on the Future of Work der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO) und beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, wo er unter anderem den Dialogprozess„Arbeiten 4.0“ angestoßen hat. Zu den Stationen seiner Karriere gehören auch die SPD(unter anderem als Bundesgeschäftsführer) und der Deutsche Gewerkschaftsbund(DGB). Daniela Kolbe(SPD) ist diplomierte Physikerin und seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages. In der aktuellen Wahlperiode war Kolbe Vorsitzende der Enquete-Kommission„Künstliche Intelligenz“, die ihre Arbeit Ende Oktober 2020 erfolgreich beendete. Daneben ist sie ordentliches Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Daniela Kolbe ist zudem stellvertretende Vorsitzende des Kuratoriums der Bundeszentrale für politische Bildung und stellvertretende Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung. Paul Nemitz ist Hauptberater in der EU-Kommission, Generaldirektion Justiz und Verbraucherschutz, in Brüs sel. Als Direktor für Grundrechte in der EU-Kommission war er verantwortlich für die Arbeiten zur Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die NSA-Ermitt lung sowie die Verhandlungen des Privacy-Shield-Abkommens mit den USA. Er ist zudem Mitglied der Datenethikkommission der Bundesregierung. Zuletzt war er Co-Autor des Buches„Prinzip Mensch. Macht, Freiheit und Demokratie im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“, Bonn 2020. Oliver Suchy leitet die Abteilung„Digitale Arbeitswelten und Arbeitsweltberichterstattung“ beim Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds(DGB). Ein Schwerpunktthema ist die Nutzung und Gestaltung von Systemen künstlicher Intelligenz(KI) in der Arbeitswelt. Suchy arbeitet neben seinem Engagement bei GPAI(Global Partnership on Artificial Intelligence) auch im KI-Netzwerk der OECD ONE AI, und ist Mitglied der KIPlattform„Lernende Systeme“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und im Steuerkreis der Initiative„Neue Qualität der Arbeit“(INQA). DIGITALE SIGNALE 25 Durch die Digitalisierung von Wertschöpfungsbereichen wie Forschung& Entwicklung, Vertrieb oder Marketing haben viele Beschäftigte das diffuse Gefühl, schleichend ersetzbar zu werden durch Maschinen. Ist diese Angst grundsätzlich berechtigt? auf dem Stand der Technik von gestern. Allein diese Studien zeigen eine dramatische Entwicklung: 2015 wurden insgesamt 15 Prozent der Tätigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt als „hoch automatisierungsgefährdet“ eingestuft; drei Jahre später waren es schon 25 Prozent. Aber solche Zahlen sind halt immer abstrakt. Paul Nemitz: Es ist Wachsamkeit geboten in zwei Bereichen: Es geht bei der Debatte jedoch um viel mehr. Seit einiger Zeit bewo massenhaft repetitive Routine auftritt und dort, wo die re- findet sich die Regierungspolitik in einer Art Dilemma: Sie will lativen Personalkosten wie Lohnstückkosten sehr hoch sind. – berechtigterweise – Digitalisierung fördern und voranbringen, Bei massenhafter Routine ergeben sich Effizienzen der Auto aktuell erkennbar an der Fortschreibung der KI-Strategie oder matisierung aus der Reduzierung der Masse an Personal und der der Datenstrategie der Bundesregierung. Andererseits will sie relativ geringen Komplexität der Automatisierung. Bei hohen Ängste und Kontrollverluste bei den Beschäftigten vermeiden. relativen Personalkosten bzw. hohen Lohnstückkosten kann sich Dazu werden dann Sprachbilder benutzt wie„der Mensch im auch bei hoher Komplexität Automatisierung lohnen. So ent- Mittelpunkt“ oder die„menschenzentrierte KI“. Doch was bewickelt ein deutsches Unternehmen Roboter für die Gehirnchideutet das konkret? rurgie, die als Unterstützer des Chirurgen vermarktet werden, aber eben nicht nur die Präzision erhöhen, sondern vor allem Aus meiner Sicht ist hier keine Konsistenz zu erkennen. Schon auch den Eingriff sehr verkürzen, bei den hohen Stundenkos den entsprechenden Strategiepapieren fehlen ein klares Zielbild, ten eines Operationsteams eine wichtige Effizienz. Massenhafte ein Masterplan, eine Erzählung, der die Menschen vertrauen Routinen der Sprachverarbeitung, etwa im Vertrieb, Bestellwe- können, weil sie mit konkreten Hilfen unterlegt ist. Es wird das sen, bei der Schadensbearbeitung in der Versicherung, kommen Prinzip Hoffnung ausgerufen, verbunden mit dem Slogan,„die mit zunehmender Präzision der automatisierten Sprach- und Menschen mitzunehmen“. Das ist das Gegenteil des emanzipaSchriftverarbeitung in den Bereich breitester Autotorischen Ansatzes, den die Digitalisierung im Grunde matisierung. Es wird in all diesen Bereichen daja bietet. Kurz: Es fehlt an der notwendigen Verrum gehen, höherwertige Dienstleistungen, die netzung der unterschiedlichen Ansätze und Kreativität, Urteilskraft oder menschliche Empathie erfordern, weiterzuentwickeln und „Die Technik Tools für eine politische Roadmap. Eine Politik der Ermöglichung braucht eine Strategie des durch Umschulung Mitarbeiter_innen, deren Routinen vollständig oder teilweise automaersetzt nur Empowerments. Hier geht es aber nicht nur um Qualifizierung und Weiterbildung, son tisiert wurden, für diese neuen Aufgaben zu befähigen. Thorben Albrecht: Natürlich ist die Angst da, bestimmte Tätigkeiten.“ dern auch um Souveränität, um das Sagen und Haben, um Zeit und – klar – auch Geld. Wer die Menschen„mitnehmen“ will, muss ihnen auch die Möglichkeit zu mehr berufli dass digitale Maschinen uns die Arbeit wegnehcher Mobilität und Selbstbestimmung geben. men. Und bei einzelnen Tätigkeiten tun sie das ja auch, wie Paul das schon beschrieben hat. Aber – das ist wichtig – die Technik ersetzt eben nur bestimmte TätigDaniela Kolbe: Die Digitalisierung ist uns ja nicht unbekannt. keiten und nicht ganze Berufe, auch wenn diese sich verändern. Sie läuft schon länger, denn schließlich arbeitet niemand mehr Das ist das große Manko der ganzen dystopischen Studien, an mit einer Schreibmaschine. Obwohl: Die Stelle für die Schlüsgefangen von der Studie von Frey/Osborne aus dem Jahr 2013. 4 selverwaltung im Bundestag hat tatsächlich noch eine elektriEs wird geschaut, welche Tätigkeiten ersetzbar sind, und daraus sche Schreibmaschine, ist aber eine extreme Ausnahme. Wir auf den Verlust von Arbeitsplätzen geschlossen. Beflügelt wird haben also alle schon Erfahrungen gesammelt, wie rasant sich die Debatte natürlich auch dadurch, dass inzwischen nicht mehr Arbeitsprozesse verändern. Das zeigt den Menschen einerseits: nur manuelle Tätigkeiten ersetzbar sind, das kennen wir ja seit Danach ist wahrscheinlich immer noch Arbeit da und mitunter den mechanischen Webstühlen und den mit ihrer Einführung verbessern sich sogar die Arbeitsbedingungen. Viele Menschen verbundenen Konflikten, sondern dass jetzt zunehmend auch haben andererseits aber in der Vergangenheit auch schon negakognitive Tätigkeiten durch Algorithmen und künstliche Inteltive Erfahrungen mit der Digitalisierung in der Arbeitswelt geligenz(KI) übernommen werden können: Artikel schreiben, sammelt, Arbeitsverdichtung und gefühlte Überforderung sind juristische Bewertungen vornehmen, Versicherungsfälle über zwei Aspekte. Dieser Erfahrungswelt sollten sich alle Akteure prüfen etc. Dass„Wissensarbeit“ teilweise ersetzbar wird, beun bewusst sein. ruhigt Wissenschaftler_innen und Journalist_innen logischerweise noch mal mehr, als das bei eher mechanischen Tätigkeiten Ich verstehe daher, dass die Menschen KI in der Arbeitswelt der Fall war. deutlich kritischer sehen als in anderen Lebensbereichen. Gerade Sozialdemokrat_innen sollten deshalb die Schutzmacht Oliver Suchy: Die Debatte über die Digitalisierung der Arbeitsder Beschäftigten in diesem Veränderungsprozess sein und sich welt – Stichworte Arbeit 4.0 oder Industrie 4.0 – drehte und weiter für stärkere betriebliche Mitbestimmung, mehr Weiter dreht sich meines Erachtens ohnehin viel zu sehr um die Frage, bildung und gegen die Prekarisierung von Arbeitnehmer_innen ob ein einzelner Arbeitsplatz durch„Maschinen“ oder Techno– zum Beispiel bei den Click- und Crowdworker_innen – einsetlogie ersetzbar ist. Dazu gibt es ja auch seit Jahren sehr detailzen. Wenn man zeigt, dass man – und Hubertus Heil hat ja schon lierte Untersuchungen, zum Beispiel durch das IAB(Institut entsprechende Vorschläge gemacht – diese neuen Formen von für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) – hier geht es sogar um Arbeit schützen und gut ausgestalten kann, dann sind Begriffe einzelne Tätigkeiten und weniger um Berufe, allerdings immer wie„menschenzentrierte KI“ auch keine leeren Phrasen mehr. 4  Carl Benedikt Frey/Michael A. Osborne: The Future of Employment: How susceptible are Jobs to Computerisation? Oxford, 2013. Online unter: https://www. oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf(Letzter Zugriff am 29.05.2021. 26 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Albrecht: Genau, es kommt auf die Gestaltung an. Denn auch Die VUCA-Welt, also ein System, das auf den zentralen Rah wenn wir mit großen Augen die Fortschritte„künstlicher Intel- menbedingungen von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und ligenz“ betrachten, wird nicht alles, was technisch möglich ist, Ambiguität aufbaut, ist keine ferne Zukunft. auch automatisch Realität. Wenn ich mir überlege, ob ich KI in einem bestimmten Bereich im Unternehmen einsetzen will, muss ich mir drei Fragen stellen. Was kann KI? Was darf KI? Was bedeutet eigentlich Gute Arbeit – das vom DGB einge Und was bringt KI? führte Leitbild einer modernen, humanen Arbeitswelt – im Kontext von Industrie 4.0? Woran macht sie sich konkret Es geht also, erstens, darum, was technisch möglich ist. Und zwei- fest? tens können und müssen wir nicht alles machen, was technisch möglich ist. Hier geht es nicht nur um ethische KI 5 , wie sie häu- Albrecht: Gute Arbeit bedeutet für mich in erster Linie: Arbeit, fig diskutiert wird, sondern um gesetzliche Regeln oder solche, von der man gut leben kann. Arbeit, die sicher ist und Sicher die zum Beispiel durch Tarifverträge oder Betriebsvereinbarun- heit bietet, zum Beispiel im Alter. Arbeit, die nicht krank macht. gen aufgestellt werden. Also nicht nur darum, ob KI über Leben Und die im besten Fall auch Sinn macht. Das alles muss auch der und Tod entscheiden darf, wie bei autonomen Waffen, für die Anspruch an Arbeit im digitalen Zeitalter bleiben. Und gerade wir dringend ein internationales Verbot brauchen, sondern zum beim letzten Punkt, dem Sinn von Arbeit, sehe ich theoretisch Beispiel auch, ob eine künstliche Intelligenz eine_r Mitarbeiter_ sehr große Chancen in der Digitalisierung. Wenn Maschinen in kündigen darf, wie das bei manchen Arbeitsplattformen der uns die Routinearbeiten abnehmen, haben wir mehr Zeit für das Fall zu sein scheint, was aber nach deutschem Arbeitsrecht jetzt Menschliche. Für anspruchsvollere Aufgaben, für Kreativität schon verboten ist. Und die dritte Frage ist, ob der Einsatz von und zwischenmenschliche Kontakte. KI in Arbeits- und Produktionsprozesse passt und tatsächlich Vorteile bringt. Das hat dann auch mit der Akzeptanz zu tun, Nemitz: Gute Arbeit in der Industrie 4.0. bedeutet, dass Men bei Arbeiter_innen und Kund_innen. Ich kenne Versicherungen, schen die Herrschaft über Maschinen behalten und nicht umdie Schadensfälle vollautomatisch prüfen und positive gekehrt durch sie gesteuert und zu deren Dienern Bescheide auch automatisiert zustellen, bei negativen werden. Außerdem geht es um eine faire PartiBescheiden aber weiterhin auf Menschen setzen, zipation am Mehrwert durch Automatisierung weil es ein gewisses Einfühlungsvermögen erfordert, wenn man den Kunden nicht verprellen „Das Leitbild und Virtualisierung. Eine arbeitsrechtliche Absicherung in der sogenannten Gig Ecowill. Und das haben Maschinen eben nicht. ist Humaninomy, also jenes Arbeitsmarktsegment, in dem kleine Aufträge kurzfristig an SoloSuchy: Wir sehen, dass Automatisierungspo tenziale mit KI und Robotic Process Automation(RPA) deutlich zunehmen. Es geht aber auch um Wertschöpfungs- und Wirtschaftsstruktusierung durch Hightech.“ selbstständige, Freiberufler oder geringfü gig Beschäftigte vergeben werden, gehört ebenso dazu wie die Bereitstellung durch die Betriebe von Strukturen zur Kommuniren, es geht um die Macht der Datennutzung, es kation und Selbstorganisation der Mitarbeigeht um Customizing, also eine datenbasierte Per ter_innen untereinander für gewerkschaftliches sonalisierung der Wertschöpfung. Nicht unbedingt Losoder anderes gemeinsames Engagement. Die sogröße 1, sondern mehr noch eine prädiktive Vermessung und ziale Rolle von Arbeit als Mechanismus des Zusammengleichsam Einkapselung der Konsument_innen über Apps und kommens und Zusammenwirkens und der Kommunikation zwidigitale Assistenten wie Alexa. Dies wird die Arbeitswelt und schen Menschen darf nicht weiter degenerieren, sondern muss Arbeitsplätze der Zukunft mindestens genauso stark beeinflus neu erfunden und gestärkt werden. Industrie 4.0 darf Vereinsen wie beispielsweise der Einsatz intelligenter Robotik. samungstrends nicht stärken. Einerseits ist das eine Frage von Marktmacht und politischer Intervention, wie wir es aktuell in den USA am Beispiel Facebook Suchy: Das Leitbild ist, kurz gesagt, Humanisierung durch sehen, wo es konkrete Pläne für eine Zerschlagung gibt. Ande Hightech. Wir wollen digitale Technologien nutzen, um die rerseits ist das eine Frage von Unternehmensstrategien. Allein Arbeitsbedingungen zu verbessern, zu erleichtern und Belas der Transformationsatlas der IG Metall zeigt hier ein erschretungen zu senken. Hier bewegen wir uns allerdings auf einem ckendes Stochern im Nebel auf Arbeitgeberseite. Also auch ein schmalen Grat, denn wir haben es zumeist mit Zielkonflikten Grund für mehr Mitbestimmung und Beratung. Doch auch hier zu tun. Entscheidend ist die Handlungsträgerschaft bei der finden sich zwar eine Reihe von Zukunfts- oder Kompetenzzen Mensch-Maschine-Interaktion. Also: Welchen Grad der Autotren, allerdings Insellösungen und Doppelstrukturen, weil poli nomie werden die Maschinen, Roboter oder Softwaresysteme tisch jeder sein eigenes Süppchen kocht. haben? Wer steuert wen? Welche Handlungsspielräume bleiben den Beschäftigten, wenn sie durch Assistenzsysteme unterstützt Diejenigen die ja politisch mitgenommen werden sollen, bleiben werden? Kommen wir zu einer augmented autonomy, also einer nicht nur mit Fragezeichen am Spielfeldrand stehen. Sie machen computergestützt erweiterten Autonomie, oder wird es vollends längst ihre Erfahrungen mit neuen Technologien am Arbeitszur Fremdbestimmung? Insbesondere KI bietet hier ein breites platz. Und das ist eben nicht die schöne neue digitale ArbeitsFeld, wo sich allerdings ein weiterer wichtiger Zielkonflikt zeigt. welt, die wir uns alle erträumt haben. Erfahrbar sind konkrete Was passiert mit den Daten der Beschäftigten? Es gibt viele SysAnzeichen von Kontroll- und Autonomieverlust, digitaler Über teme, die brauchen diese Daten. Doch wofür werden sie sonst wachung, Fremdsteuerung und hohen Belastungen, siehe Ho noch genutzt? Wie ist es bei Emotionsanalysen im Callcenter, meoffice. Dass also die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz um wenn das System Anleitungen gibt, freundlicher zu sprechen sich greift, ist so gesehen keine Überraschung. Schon gar nicht, oder schneller zu arbeiten? Was wird hier eigentlich optimiert? wenn wir uns vergegenwärtigen, dass gleichzeitig ganze Indus Prozesse, Organisationsfragen? Oder die Beschäftigten selbst? trien umgestellt werden sollen, Stichwort ökologische Wende. Werden wir also selbst immer mehr wie Maschinen? 5  Vgl. hierzu etwa das gemeinsame Projekt von Bertelsmann Stiftung und iRights.Lab https://algorules.org zu neun zentralen Gestaltungsregeln für algorithmische Systeme. DIGITALE SIGNALE 27 Albrecht: Grundsätzlich stecken da ja positive Potenziale drin. liche Prozess beachtet werden. Womöglich muss der zukünfWenn eine Arbeiterin in einer hoch automatisierten Fabrik we- tig stärker durchgesetzt werden, etwa indem es weiterhin ein niger Zeit damit verbringt, die Maschine mit Werkteilen zu füt- menschliches Feedback gibt oder indem man tatsächlich auch tern und sie zu bedienen, kann sie anspruchsvollere Aufgaben in mal Kolleg_innen sieht. der Überwachung und Optimierung des Gesamtprozesses übernehmen. Wenn ein Krankenpfleger weniger Berichte schreiben muss, hat er mehr Zeit für die Patienten. Aber natürlich ist auch Die Gewerkschaften unternehmen bereits Anstrengungen, das Umgekehrte möglich: dass der Mensch zum Anhängsel der die innerbetriebliche Mitbestimmung auch auf den Einsatz Maschine wird, weil ihm zum Beispiel in einem Logistiklager von zum Beispiel KI-Technologien auszuweiten. Auf welche jeder Handgriff vorgegeben wird. Es kommt also bei der Digita- Ziele läuft dieses Engagement hinaus? lisierung noch mal mehr auf die Gestaltung von Arbeit im Sinne Guter Arbeit an. Suchy: Die Mitbestimmung ist seit jeher ein heißes Eisen und verführt insbesondere Arbeitgeberverbände leider noch immer Suchy: Letztlich geht es um Personalisierung, auch auf der Ebe- zu einer anachronistischen Selbstbezogenheit. Moderne Arbeitne des Betriebs. Gesundheit, Wissen – alles kann datenbasiert geber bzw. Unternehmensvertreter_innen sind da schon weiter. „optimiert“ werden. Wollen wir das, wo ist die Grenze? Das Wir haben zum Beispiel zusammen mit dem ifaa, einem For fängt ja schon bei KI-gestützten Bewerbungsverfahren an. Und schungsinstitut, das vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall endet nicht nur bei der Vermessung von Individuen, sondern finanziert wird, im Rahmen der Plattform„Lernende Syste ermöglicht auch psychosoziale Graphen in Belegschaften. Die me“, der KI-Plattform der Bundesregierung, einen Ansatz für „gläsernen“ Beschäftigten, es gibt sie doch längst. Es wird Zeit, Change-Prozesse beim Einsatz von KI im Betrieb veröffentlicht, den Vorhang zu lüften, um zu sehen, was möglich ist, und darü- den die ganze Arbeitsgruppe mitgetragen hat – also auch Verber zu verhandeln, was sinnvoll ist und wo die Grenzen gesetzt treter_innen wichtiger Unternehmen, die daran ebenfalls mit werden. Das ist allerdings anspruchsvoll, braucht Kompetenzen geschrieben haben. und neue verbindliche Mitspracherechte für die Beschäftigten. Und dafür brauchen wir einen neuen Solche Papiere halten rechtspolitische Fragen zwar Rechtsrahmen. In der Arbeitsforschung wird außen vor, das White Paper 6 atmet aber einen übrigens überall die Bedeutung von Partizipation herausgestrichen. Mit einer„gewährten“ „Wollen wir neuen Geist einer Beteiligungs- und Mitbestimmungskultur, der aus meiner Sicht weg Mitbestimmung oder Beteiligung können wir aber in den entscheidenden Fragen nicht denn gläserweisend ist. Es geht ja schließlich auch nicht ums Prinzip, nicht um mehr oder weniger, viel anfangen. Eben weil es um unvermeidliche Zielkonflikte geht. Deshalb ist es Zeit für ne Beschäfsondern um anderes. Es geht um die schon erwähnten Zielkonflikte, um Akzeptanz in ein neues Verständnis von Mitbestimmung, die nicht nur punktuell anfällt, sondern in der tigte?“ der Belegschaft für Systeme, die Arbeit ver ändern und im Zweifel die Daten der Beschäfganzen Prozesskette wirken muss, gerade bei tigten brauchen. Es geht um Transparenzfragen lernenden Systemen. und die Arbeitsgestaltung im Kontext algorithmischer Systeme. Um ein produktives Miteinander von Albrecht: Auch wenn die Technik„intelligenter“ wird, muss Mensch und Maschine zu den Bedingungen Guter Arbeit zu der Mensch das Maß der Dinge bleiben. Daniela, ihr habt das erreichen, brauchen wir eine neue Form von Co-Governance. in der Enquete-Kommission„menschenzentrierte KI“ genannt. Und dafür müssen wir Mitbestimmung weiterdenken. Wir haben in der ILO-Kommission zur Zukunft der Arbeit gesagt, dass Technologie in den Dienst menschenwürdiger Arbeit Wie das geht, hat der DGB dieses Jahr in einem eigenen Kon gestellt werden muss, und einen Technologieansatz gefordert, zeptpapier 7 veröffentlicht. Die Forschung zeigt auch hier immer der dem Menschen Autonomie und Kontrolle(human in com wieder gute Beispiele, doch wenn es politisch wird, wenn die mand) verleiht. Ich denke, es gibt hier durchaus einen Konsens, Rede ist von verbindlichen Regeln der Kooperation, gehen im was Gute Arbeit im digitalen Zeitalter bedeutet. Aber dieser norHaus der Deutschen Wirtschaft die Jalousien runter. Völlig konmative Ansatz muss in der Praxis auch durchgesetzt werden und textfrei kommt ein einfaches Njet. So kommen wir nicht weidas ist leider längst nicht überall der Fall. ter. Leider verhält sich die regierende Politik hier auch nicht sonderlich progressiv. Auf der einen Seite ein„Vielleicht“, auf Kolbe: Gute Arbeit in Zeiten von KI bedeutet für mich, dass tat der anderen ein„Na ja“, eigentlich nichts. Dafür gibt es dann sächlich der Mensch auch bei der Gestaltung der Arbeitsbedinaber eine Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag, die gungen im Mittelpunkt steht. Betriebliche Mitbestimmung ist Empfehlungen gibt. Das könnte die Politik eigentlich auch mal dabei ein zentraler Hebel. Es geht aber tatsächlich, Thorben und ernster nehmen. Meines Erachtens braucht es tatsächlich schnell Oliver haben es zu Recht angesprochen, um die Frage mensch eine Reform, sonst wird das nichts mit der KI. Das Bundeswirt licher Autonomie. Wann entscheidet wirklich der Mensch? Da schaftsministerium hat gerade wieder vermeldet, dass ganze 5,8 stehen wir noch am Anfang einer spannenden gesellschaftlichen Prozent der Unternehmen in Deutschland KI einsetzen. Die StuDiskussion. Was mir hier noch zu kurz kommt, ist die Erkennt die trägt übrigens den Titel„Auf Künstliche Intelligenz kommt nis, dass Arbeit mehr ist als eine wirtschaftliche Notwendigkeit. es an“. Nun, eben nicht nur. Ich verstehe Arbeit auch als einen sozialen Akt. Hier kommen Menschen aus unterschiedlichen Schichten zusammen, um ko Albrecht: Mitbestimmung erfordert heute auch, Einblick in die ordiniert Tätigkeiten auszuführen. Bei aller Begeisterung für digitalen„Produktionsbereiche“ zu bekommen. Paul, wir hat technische Erleichterungen der Arbeit sollte dieser gesellschaftten, glaube ich, an anderer Stelle schon mal darüber gesprochen, 6  Norbert Huchler et al.: Kriterien für die Mensch-Maschine-Interaktion bei KI. Ansätze für die menschengerechte Gestaltung in der Arbeitswelt. Online unter: https://www.plattform-lernende-systeme.de/files/Downloads/Publikationen/AG2_Whitepaper2_220620.pdf(Letzter Zugriff 29.05.21) 7  Künstliche Intelligenz(KI) für Gute Arbeit. Ein Konzeptpapier des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz(KI) in der Arbeitswelt, März 2020, Berlin. Online unter: https://www.dgb.de/themen/++co++90915258-9f34-11ea-9825-5254008f5c8c(Letzter Zugriff 29.05.21) 28 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG ob Gewerkschaften nicht auch Zugang zum digitalen Zwilling sie dagegen erkennbar zu einer weiteren Zerstückelung von eines Unternehmens haben müssten, wenn wir Mitbestimmung Arbeit, die eher zu mehr Monotonie und weniger Selbstbestim im digitalen Zeitalter sicherstellen wollen. mung führt. Das mit einem Gesetz zu regulieren, ist schwer bis unmöglich. Betriebsrät_innen sind da viel näher dran. ArbeitNemitz: Mehr noch als Automatisierung erfordert KI eine Ein- nehmer_innen sind die Expert_innen für ihren Arbeitsbereich. beziehung von Betriebsräten und konkret betroffenen Arbeit- Sie kennen die Tricks und Hürden der einzelnen Prozesse. Wenn nehmer_innen in alle Prozesse zur Vorbereitung ihres Einsat- ein KI-System erfolgreich eingeführt werden soll, dann macht zes im Betrieb. Betriebsräte müssen qualifiziert werden oder es womöglich auch unternehmerisch Sinn, dass sie sagen kön Beratung an die Seite bekommen, um die Auswirkungen auf nen, worin sie Unterstützung wünschen und wie das aussehen Selbstbestimmung und Wohlbefinden sowie auf Weiterentwick- soll. Sie müssen aber nicht nur bei der Einführung eines KI-Syslungsmöglichkeiten von Menschen in den neuen Mensch-Ma- tems mitbestimmen können – was ja durchaus schon der Fall ist schine-Interaktionen besser bewerten zu können. Das emphatic –, sondern im weiteren Verlauf der Anwendung beteiligt blei computing, also die Fähigkeit von digitalen Systemen, Gefühle ben. So möchten wir verhindern, dass gelernte Zusammenhänge zu erkennen, zu manipulieren oder vorzuspiegeln, ist die am zu ungewünschten Ergebnissen führen. weitesten in die Menschenwürde eingreifende Form der Automatisierung. Sie darf nicht genutzt werden, um das Herrschafts- Ich finde deine Forderung, lieber Thorben, nach Qualifizierung verhältnis zwischen Mensch und Maschine umzudrehen. Das von Betriebsrät_innen sehr gut. Da kommt gerade viel auf sie Lernen von KI und die damit verbundene Weiterentwicklung zu. Ich möchte sie aber nicht überfordern. In vielen Betrieben der Systeme erfordern eine kontinuierliche Mitbestimmung bei stemmen nicht freigestellte Betriebsrät_innen die Betriebsder Überwachung und Kontrolle der Systeme im betrieblichen ratsarbeit. Das ist sehr fordernd. Der SPD-Bundestagsfraktion Einsatz. Diese kontinuierliche Kontrolle darf sich nicht nur auf war es darum wichtig, in der Enquete-Kommission neben der betriebliche Effizienz und Aufgabenerfüllung durch das System Weiterbildung die Möglichkeit für Betriebsrät_innen zu veranbeziehen, sondern muss auch Rechte und Interessen der Arbeit- kern, auch externe Sachverständige hinzuzuziehen. Betriebs nehmer_innen mit einbeziehen, um deren schleichende rät_innen sollen sich da beraten lassen – und zwar, Unterhöhlung durch sich weiterentwickelnde, lernen- ohne dass der Arbeitgeber zustimmen muss. Das de KI-Systeme zu unterbinden. Albrecht: KI ist auch deshalb eine qualitati„Auch nach der ist uns gelungen. Aber ich weiß auch, dass sich die Union bei diesem Thema querstellt. ve Veränderung, weil die Grundlage, auf der ein Betriebsrat der Einführung eines KI-Systems zustimmen muss, kein fester Grund ist. Implementierung von KI bleibt die In fast allen Segmenten des Arbeits markts sind digitale Freelancer_innen Einerseits verfügen die Arbeitgeber häufig selbst nicht über die Informationen, die eigent lich der Betriebsrat bekommen müsste, weil die Funktionsweise von zum Beispiel selbstlernenden Beteiligung wichtig.“ unterwegs, die ihre Kompetenzen unterschiedlichen Auftraggebern anbieten. Diese Soloselbstständigen stehen bei den Gewerkschaften nicht unbedingt im Mit Systemen häufig eine Blackbox ist. Und es ist mit telpunkt des Interesses, werden aber immer der Zustimmung zur Einführung noch nicht getan, weil mehr. Müsste man nicht auch für sie bessere sich das System im Betrieb ja weiterentwickelt. Da braucht es Löhne und Arbeitsbedingungen erstreiten? dann regelmäßige Konsultationen und Konfliktlösungsmecha nismen zwischen Arbeitgeber und Betriebsrat, ob alles in eine Albrecht: Digitale Freelancer_innen werden nicht zuletzt mehr, Richtung läuft, die den Arbeitnehmerinteressen gerecht wird. weil Arbeitsplattformen es erleichtern, Aufgaben so auszuglie Solche„Prozessvereinbarungen“ sind für Betriebsräte und Gedern. So bildet sich ein Parallelarbeitsmarkt, der zwar nur einen werkschaften nicht völlig neu, aber es braucht KI-spezifische geringen Anteil am Gesamtarbeitsmarkt hat, aber Auswirkun Qualifizierungen für Betriebsrät_innen und Beschäftigte in gen auf die Arbeit insgesamt haben kann – und zwar vor allem technischen, gesetzlichen und kulturellen Fragen. negative. Plattformarbeit hat inzwischen dieselbe GrößenordDas eröffnet auch den Gewerkschaften ein neues Feld: Mit dem nung wie Leiharbeit, und ähnlich könnte sie sich auch auf klas Aufbau von betriebsübergreifendem Know-how zu KI-Fragen sische Arbeitsverhältnisse auswirken. Deshalb ist sie auch ein könnten sie Mitarbeitervertretungen sowie Beschäftigte schulen Thema für Gewerkschaften, auch wenn sie bislang kein Massen und unterstützen. Sie könnten sich zum Beispiel auch an einer phänomen ist. Zertifizierung von KI-Anwendungen im Hinblick auf die Ver haltens- und Leistungskontrollfunktionen beteiligen, jedenfalls Wir brauchen bei dieser Frage eine Doppelstrategie: Einerseits bei Standardanwendungen. Eine solche Zertifizierung könnte müssen wir kritisch hinterfragen, ob es sich bei der Arbeit auf helfen, Blockaden bei der Einführung von KI-Systemen zu ver Plattformen oder anderen Tätigkeiten wirklich um selbststänmeiden, indem sie die gerade beschriebene prozesshafte Beglei dige Arbeit handelt oder ob sich die Plattformen nur vor ihrer tung durch die Mitbestimmungsträger erleichtert, auch wenn sie Verantwortung als Arbeitgeber drücken wollen. Hier hat das diese, aufgrund der beschriebenen permanenten Veränderung Bundesarbeitsgericht ja ein erstes Urteil gesprochen und einem der Systeme, nicht ersetzt. Plattformarbeiter zugesprochen, dass er ein unbefristetes Ar beitsverhältnis mit der Plattform hat, also kein Freelancer ist. Kolbe: Die Enquete-Kommission und ihre Empfehlungen wurDer Arbeiter hat übrigens mit Unterstützung der IG Metall geden ja schon angesprochen. Das Thema„Betriebliche Mitbeklagt – so viel dazu, dass Gewerkschaften sich nicht um Free stimmung“ haben wir als zentrale Stellschraube für Gute Arbeit lancer_innen kümmern. im Zeitalter von KI identifiziert, ganz einfach, weil KI-Systeme auch ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten. Im Pflege Andererseits wird es zukünftig auch mehr echte Soloselbstständienst erleichtern sie vielleicht die Arbeit, bei Amazon führen dige geben, die mit digitalen Technologien ihre Selbstständig DIGITALE SIGNALE 29 keit aufziehen. Auch die sind in Gewerkschaften willkommen, Aus der Versicherungstheorie ist bekannt, dass sich Menschen da sie zum Beispiel Mindestvergütungen gegenüber Auftragge- nie selbst als Opfer sehen können. Deshalb sind individuelle bern nicht allein durchsetzen können. Hier gibt es bei den Me- Entscheidungen gegen Absicherung, gerade in jungen Jahren, dienschaffenden schon lange Traditionen, aber die IG Metall ist systematisch suboptimal. Der Gesetzgeber hat daraus zum Beizum Beispiel auch Teil der YouTubers’ Union, mit der YouTu- spiel die Konsequenz gezogen, die Versicherung für die Haftung ber_innen ihre Position gegenüber der Plattform stärken für Autounfälle in Form einer gesetzlichen Pflicht zum wollen. Abschluss einer Haftpflichtversicherung allgemein zu garantieren. Ein derartiges System, bezogen Kolbe: Ich möchte ergänzen, dass die IG Me tall mit der Plattform„Fair Crowd Work“ ein „Die Soloauf die soziale Absicherung der neuen Selbstständigen, erhält ihnen Flexibilität, ohne der Beratungs- und Hilfsangebot für Plattformarbeiter_innen stellt. Zusammen mit der juristischen Unterstützung sind das zwei ganz selbständigen sollten mehr Gesellschaft die Risiken der neuen Selbstständigkeit, die ja auch und gerade den Un ternehmen zugutekommt, aufzubürden. konkrete Dinge, die von Gewerkschaften angestoßen werden. Sie prägen die Zukunft der Arbeitswelt mit. Darum lohnt sich eine Schutzrechte bekommen.“ Es ist auch richtig, die Unternehmen, die sich dieser Flexibilität bedienen, an den Kosten der Gewerkschaftsmitgliedschaft auch zukünftig. Absicherung der flexiblen Arbeitnehmer_innen Und was die Rahmenbedingungen angeht, so ste- zu beteiligen. Ebenso sollten die flexiblen Arbeit hen 2021 viele interessante Vorhaben an. Mit dem nehmer_innen in die Systeme der betrieblichen InterDigital Services Act und dem Digital Markets Act werden essenvertretung systematisch mit einbezogen werden müsgleich zwei spannende Richtlinien diskutiert. Beide werden die sen. Das Problem der Einbeziehung freier Mitarbeiter_innen in Arbeit von Plattformen betreffen. Auf Bundesebene hat Bun- die betriebliche Mitbestimmung stellte sich schon in vordigitaler desarbeitsminister Hubertus Heil gute Vorschläge 8 gemacht, Zeit, zum Beispiel im Rundfunk und der Presse. Hier kämpfen wie einerseits Selbstständige besser abgesichert werden können Gewerkschaften weiterhin und mit Erfolg dafür, freie Mitarbei und andererseits die Plattformökonomie endlich besser reguliert ter_innen in die Personalvertretung mit einzubeziehen, gegen werden kann. den Widerstand konservativer Kräfte. Die allgemeine, horizon tale gesetzliche Verpflichtung zur Einbeziehung freier Mitarbei Nemitz: Die sogenannten Soloselbstständigen sollten mehr als ter_innen und die effiziente Umsetzung dieser Vertretung in den bisher in Deutschland schon üblich in den Genuss aller SchutzStrukturen gewerkschaftlicher Vertretung in allen Sektoren ist rechte der Arbeitnehmer_innen kommen. eine zentrale gewerkschaftliche und politische Zukunftsaufgabe in der digitalen Welt. 8  Vera Rosigkeit: Was Hubertus Heil für Soloselbstständige erreichen will, in: Vorwärts Online vom 1.12.2020. Online unter: https://www.vorwaerts.de/artikel/ plattformoekonomie-hubertus-heil-soloselbststaendige-erreichen-will(Letzter Zugriff 29.05.21) Welche Öffentlichkeit erhält die Demokratie? DIGITALE SIGNALE Öffentlichkeit ist der Bereich des gesellschaftlichen Lebens, in dem Menschen zusam menkommen, um Probleme zu besprechen, die in politischen Prozessen gelöst werden sollen. Dafür muss der Zugang zu allen Informationsquellen und Medien frei sein, und die Informationen müssen frei diskutiert werden können. In diesem frei zugänglichen (öffentlichen) Raum soll sich die Mehrheitsmeinung ungestört durch Zensur und andere Barrieren herausbilden können. Strukturwandel der Öffentlichkeit:„Wie lässt sich in der virtuellen Welt des dezentrierten Netzes – also ohne die professionelle Autorität einer begrenzten Anzahl von Verlagen und Publikationsorganen mit geschulten, sowohl redigierenden wie auswäh lenden Lektoren und Journalisten – eine Öffentlichkeit mit Kommunikationskreisläufen aufrechterhalten, die die Bevölkerung inklusiv erfassen?“ 1 1  Jürgen Habermas: Moralischer Universalismus in Zeiten politischer Regression, in: Leviathan(01/2020), S. 7–28, online unter: https://doi.org/10.5771/0340-0425-2020-1-7(Letzter Zugriff 29.05.21) © via Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 ©Hans-Bredow-Institut© Artvertise GbR © Foto-AG Gymnasium Melle, CC BY-SA 4.0 32 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Welche Öffentlichkeit erhält die Demokratie? Der viel beschworene information overload durch das Internet ist immer mehr als Problem erkannt worden: Politiker_innen befürchten gezielte Desinformations kampagnen vor Wahlen, meinungsstarke Verschwö rungstheoretiker_innen bringen pseudowissenschaft liche Studien in Umlauf, die Polarisierung sozialer Gruppen und aggressive Hate Speech nehmen zu. Es lässt sich mutmaßen, dass die Zunahme von Kanälen nicht notwendigerweise zu mehr Orientierungswissen geführt hat. Denn der Umgang mit vielen Informatio nen und Quellen ist eine wichtige Kernkompetenz un serer Zeit, die allerdings gelernt und eingeübt sein will. Wie lässt sich die politische Öffentlichkeit in Zeiten ihrer algorithmischen Zerstreuung aufrechterhalten? Welche Initiativen geben Anlass zur Hoffnung, dass auch die digitale Sphäre politische Beteiligung und Repräsentation geschaffen hat? Welche Hebel besitzt der Gesetzgeber, um den hohen Einfluss privatwirt schaftlicher Plattformen auf Demokratien zumindest zu dämpfen? Zu diesem Thema sprachen wir mit: Lilly Blaudszun studiert Jura an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt(Oder). Sie war stellvertretende Vorsitzende der Jusos MecklenburgVorpommern von 2017 bis 2019. Ihren Ruf als„politische Influencerin“ erarbeitete sie sich durch ihre aktive Teilnahme an Online-Debatten, ins besondere auf Twitter und Instagram. Seit Juli 2020 arbeitet sie für die SPD MecklenburgVorpommern im Kommunikationsbereich und gehörte bei der Landtagswahl 2021 zum S o c i a l- M e d i a-Wa h l k a m pfteam von Manuela Schwesig. Die Wochenzeitung Die Zeit nahm sie 2019 in ihre Beilage „Die 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen“ auf. Dr. Matthias C. Kettemann ist Privatdozent für Internetrecht an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Forschungsprogrammleiter am Leibniz-Institut für Medienforschung| Hans-Bredow-Institut(HBI) und Forschungsgruppenleiter am Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft, Berlin, sowie des Sustainable Computing Lab der Wirtschaftsuniversität Wien. Seit 2020 vertritt er eine Professur für Internationales Recht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zuletzt erschienen:„The Normative Order of the Internet“(Oxford 2020). Elvan Korkmaz-Emre vertritt seit 2017 die Interessen ihrer ostwestfälischen Heimat Gütersloh und die Werte der Sozialdemokratischen Partei im Deutschen Bundestag. Die Diplom-Verwaltungswirtin war nach ihrem Hochschulabschluss vor allem als Projektmanagerin in der Stadtentwicklung tätig. Als stellvertretende Sprecherin der AG Digitale Agenda und Berichterstatterin für Smart Cities arbeitet sie derweil an Lösungen, um die Souveräni tät über Daten und Technologien zurückzugewinnen. Dr. Jens Zimmermann(SPD) vertritt seit 2013 den Wahlkreis Odenwald im Deutschen Bundestag. Als digitalpolitischer Sprecher seiner Fraktion ist er unter anderem Obmann im Ausschuss Digitale Agenda sowie ordentliches Mitglied im Finanzausschuss. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Katholischen Universität EichstättIngolstadt und der Regent’s University London promovierte er im Bereich Dienstleistungsmanagement und arbeitete als freiberuflicher Dozent und Berater. DIGITALE SIGNALE 33 welche Folgen meine Handlungen da haben können. Das alles Die Neuen Medien, wie sie in den 90er-Jahren noch genannt umfasst digitale Bildung. Nicht zuletzt vielleicht auch noch eiwurden, stellten das Prinzip der Massenmedien gewissernen ethischen Aspekt: Wie sollte ich mich verhalten? Bildung maßen vom Kopf auf die Füße: Aus reinen Empfänger_innen zielt hier also auf Wissenserwerb. wurden potenzielle Sender_innen, und die Einführung von Rückkanälen und Interaktionsmöglichkeiten bildete den Die Digitalisierung stellt uns da vor große Herausforderungen, Übergang zum Web 2.0. Führte der damit einhergehende weil sie derzeit Räume schafft, in denen strukturell bedingt ein massive Zugewinn an Informationen und Kanälen auch zu hohes Maß an Unsicherheit besteht, in denen wir vielleicht auch einem Zugewinn an Wissen und aktiver Beteiligung? gar kein„richtiges“ Wissen vermitteln können, außer: dass man sich bewusst sein soll, dass man eben nicht weiß, woher eine Lilly Blaudszun: Das Potenzial dafür zumindest ist enorm! Nie Information kommt oder wohin sie geht, wenn man sie teilt. waren Meinungsaustausch und Wissen so leicht zugänglich wie Wie kommt da jetzt die Beteiligung rein? Ich glaube Beteiligung heute. Aber klar ist auch, dass Diskurse nicht in einer politischen ist ein sehr voraussetzungsreicher Begriff. Auch da halte ich den Blase stattfinden und letztlich verpuffen dürfen, sondern dass Zugewinn der Neuen Medien für sehr bedingt. Beteiligung ist Wege gesucht werden müssen, um wirklich alle aus der Gesell- ja nicht, wenn ich meine Meinung einfach irgendwo ins Netz schaft zu erreichen. Meine Generation ist damit aufgewachsen, stelle. Beteiligt bin ich erst, wenn jemand darauf antwortet, ich dass Interaktion die Norm ist, und dementsprechend davon ge- auch gehört werde. Erst in dem Moment werde ich zum Teil von prägt, auch einen solchen Anspruch an Kommunikation zu ha etwas, einer Debatte, einem Planungsprozess, einer politischen ben, während die Generation meiner Mutter meines Erachtens Entscheidungsfindung. Das hat also auch etwas mit Macht zu überwiegend noch deutlich vorsichtiger ist, was das Senden im tun oder mit Machtverteilung. Netz betrifft. Jens Zimmermann: Soziale Medien haben unseren Umgang Elvan Korkmaz-Emre: Wissen ist ja nicht gleich Information. mit Informationen grundlegend verändert. Wir konsumieren Und Beteiligung ist nicht gleich Beteiligung. Ich vermehr Nachrichten und wir reagieren schneller. Das biesuche das mal abzugrenzen: Wissen ist für mich tet viele Chancen für mehr politische Beteiligung etwas, das man selbst hat und mit dem man etwas machen kann. Information kommt von „Die und mehr Meinungsfreiheit, aber eben auch für Fake News, oberflächliche Meinungsmache außen und muss verarbeitet werden. Wissen ist dann gewissermaßen das Instrument, mit dem ich Information verarbeite, einordne, Netz-Utopien der frühen Jahre und Filterblasen. Diese zu überwinden und einen gemeinsamen solidarischen Umgang miteinander in den sozialen Medien zu erbewerte und Schlussfolgerungen ziehe. Wissen ist generalistisch, Information bezieht haben sich nicht möglichen, ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. sich auf ein konkretes Datum. Auf Grundlage meines Wissens bewerte ich zum Beispiel, realisiert.“ Matthias C. Kettemann: Sicher hat das Interob ich eine Information für glaubhaft halte oder net die Kommunikation revolutioniert. Wir wisfür fragwürdig. sen viel mehr, wir können global Informationen Insofern nähern wir uns der Antwort ja schon an: Eine suchen und finden, wir sind mit der ganzen Welt ver Veränderung der Medien und ein Zugewinn an Informatio- netzt. Viele haben ein Megafon. Klar: Die Utopien der frünen können per se keinen Zugewinn an Wissen bedeuten. Ich hen Jahre haben sich nicht realisiert. Nicht durch jedes Megafon kann aber meine eingespielte Heuristik auf Grundlage von In- erscholl das Lied der Freiheit. Die„Facebook-Revolutionen“ formationen überprüfen, was diese wiederum verändern mag. des Arabischen Frühlings waren natürlich keine solchen. Und Voraussetzung dafür ist, dass ich den Informationen traue. Die dennoch: Es ist eine Generation groß geworden, die ihre Stim Neuen Medien haben die Verlässlichkeit von Information aller- me erhebt. Ohne soziale Medien wäre Greta Thunberg nicht so dings beschädigt. Demgegenüber filtern die Institutionen hinter groß geworden, hätte es den Hashtag#MeToo nicht gegeben. Hörfunk und Fernsehen Informationen, überprüfen sie, sodass Ohne soziale Medien wäre Macht mächtiger geblieben. Wild, ich darauf vertrauen kann. Die sogenannten Neuen Medien ha- wirbelnd, kreativ, zeternd – auch manchmal hochgefährlich und ben das Problem von Desinformation verschärft. digitale Gewalt ausübend, die sich in realer Gewalt manifestiert: Hier ist eine neue Kommunikationswelt entstanden. Gleichzeitig bietet das Internet die Möglichkeit, Informationen jederzeit abzurufen. Dies verändert Geschwindigkeiten und auch Anforderungen an verschiedenen Stellen in unserer Ge- Wie erklären Sie sich die zunehmende Spaltung der Gesell sellschaft. Die erhöhte Geschwindigkeit von immer neuen Mel- schaft, insbesondere in westlichen Demokratien? Der Philo dungen erschwert eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit soph Peter Sloterdijk begründet sie mit dem Umstand, dass Informationen. Wer täglich alle neuen Meldungen und ihre Re- immer mehr Menschen die„Verheißung der Gleichheit“ aktionen in den Neuen Medien liest, hört oder sieht, kratzt an der beim Wort nähmen. Müssen wir demnach die sozialen Netz Oberfläche und hat eventuell nicht die Zeit, sich tiefer gehend werke als legitime Austragungsorte dieses Anspruchs ver mit der aktuellen Diskussion über beispielsweise Datenpolitik stehen? Die neuen Kommunikationsformen lassen ja nicht auseinanderzusetzen. nur Jürgen Habermas, den Vordenker des Strukturwandels der Öffentlichkeit, nach eigener Aussage irritiert und ratlos Deshalb müssen wir auch hier wieder über das Thema„Digitale zurück. Bildung“ reden. Es geht nicht nur darum, dass wir lernen, mit der Technik umzugehen, sondern mit den Strukturen dahinter. Blaudszun: Je nach Plattformtypus bieten soziale Netzwerke Ich muss verstehen, in was für einer Art von öffentlichem Raum im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz auch das Leisich mich im Internet bewege bzw. auf den verschiedenen Platttungsvermögen, der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwir formen, wie Facebook, Twitter oder Telegram, wie sie funkti- ken. Die sozialen Netzwerke sind definitiv von Bedeutung für onieren, wie ich mit den geteilten Informationen umgehe und Diskurse und daher auch ein wichtiger Raum für Meinungsbil- 34 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG dung. Es ist hier auch deutlich einfacher, Verbündete zu finden der Idee des Weltbürgertums. Manchen reicht es aus, sich als und sich mit ihnen auszutauschen. Die Schwäche, die Sie an-„Bayer“ zu fühlen oder als„Ostwestfälin“. Mit den unterschiedsprechen, kann demnach zur Stärke transformiert werden und lichen Orientierungen verbinden sich dann auch unterschiedliHabermas’ Sorgen zumindest schmälern. che politische Präferenzen. Wer sich ohnehin als Weltbürger_in versteht, mag möglicherweise sogar ein Problem mit dem Natio Zimmermann: Ich glaube nicht, dass wir alles, was in den sozi- nalstaat haben und sich zum Beispiel in Fragen von Migration alen Medien passiert, einfach so hinnehmen müssen. Beim The- entsprechend positionieren. ma Hate Speech, bei Fake News und strafbaren Inhalten müs- In gewissem Maße sind diese unterschiedlichen Orientierunsen wir klare Grenzen ziehen und insbesondere Minderheiten gen natürlich, und es hat sie wohl schon immer gegeben. Der schützen. Gleichzeitig gilt es, die Bürger_innen zu stärken: Auf- zeit verstärken sich allerdings die Kontraste zwischen diesen klärung, Information und demokratische Beteiligung brauchen Orientierungen, weil ihre Implikationen viel sichtbarer werden. auch gute Medienkenntnisse. Aufklärung darüber, wie man Wir werden zunehmend mit Fragen konfrontiert, bei deren Be Fake News, Manipulation und Meinungsmache erkennt, sind antwortung es entscheidend ist, was für ein Selbstverständnis wichtige Elemente für die politische Bildung im digitalen Zeit- ich habe. Natürlich kann dabei auch eine„deutsche“ kollektive alter. Identität Offenheit und Toleranz bedeuten. Das sind die täglichen Aushandlungsprozesse, die wir also auch politisch nicht Ich würde also sagen, das sind zwei Seiten derselben Medaille. unterschätzen dürfen. Das passiert einerseits im Privaten, also dort, wo wir alle mit Personen in unserem Umfeld kommunizieren und Möglichkei- Die Auswirkungen der Neuen Medien darauf sind so vielfältig, ten haben, einen solidarischen Umgang zu fördern. Aber es ist dass man sie ja gar nicht alle nennen kann. Die globale Verexplizit auch politisch. Wir brauchen Regeln und auch gesetz- netzung begünstigt auf der einen Seite transnationale Identitätsliche Grundlagen für diesen Austausch. entwürfe. Sie kann aber auch – wie wir derzeit sehen – andere Orientierungen verstärken. Es können sich auch kleine ComKettemann: Was Ihre Spaltungshypothese angeht, sind munitys zusammenfinden und gegenseitig bestäti die empirischen Befunde durchaus gemischt. Ja, gen, bis zu dem Punkt, an dem keinem außer neben individuellen Rechten ist auch der gesellschaftliche Zusammenhalt herausgefordert, aber „Dass im halb dieser Community mehr getraut wird. Ich kenne Sloterdijks These zu dieser Sache die gesellschaftliche Vielfalt ist ein Wert, der zu schützen ist. Ein Institut wie das neue ForNetz alle nicht, aber seine Schlussfolgerung kann ich deshalb jedenfalls nicht teilen. Gleichheit schungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt(FGZ), an dem ich beteiligt bin, untersucht gleich seien, wird in den Neuen Medien sicherlich nicht erzeugt; sie verstärken die Spaltungen braucht die Gesellschaft? Was ist überhaupt genau diese Fragen: Wie viel Zusammenhalt ist eine eher. Zusammenhalt? Dass alle das Gleiche denken? Mitnichten! Mit Spaltung verhält es sich so wie Illusion.“ Dass im Netz alle gleich seien, diese Vorstel lung halte ich entsprechend für eine Illusion. mit Desinformation: Wenn wir zu viel darüber reden Vielmehr verteilt sich die Macht dort nach Geoder in Schockstarre verfallen, dann haben doch dieje sichtspunkten, die sich dem Zugriff demokratisch nigen schon gewonnen, die der Spaltung das Wort reden oder legitimierter Institutionen weitestgehend entziehen. Das Desinformation verbreiten. Auf dem Boden des Grundgesetzes, ist ein Problem! Und das hat verschiedene Ursachen, die aber fest verankert in der freiheitlich-demokratischen Grundordnicht naturgegeben sind. Wir können da politisch durchaus etnung, müssen wir dafür kämpfen, dass niemand abgehängt wird. was verändern. Wobei ich nicht sage, dass das leicht ist. Gewiss Auch Impfgegner_innen, Coronaleugner_innen und Reichsbür scheint mir dagegen, dass wir diese Phänomene ausführlich er ger_innen brauchen Angebote, wieder zurück in die Mitte der forschen müssen und die Neuen Medien der Forschung dafür Gesellschaft zu kommen. Das Overton-Fenster 9 darf sich nicht entsprechende Daten zur Verfügung stellen sollten. Das passiert verschieben. Wir müssen klare Kante zeigen gegen die wenigen bisher zu wenig, was eine politische Regulierung erschwert. echten Feind_innen der Demokratie. Aber den vielen, die abge Deswegen fordern wir Schnittstellen für die Forschung zu den hängt sind und nur nach Bedeutung für ihr Leben suchen, nach Plattformen. Resonanz, denen müssen wir Angebote geben. Korkmaz-Emre: Die zentrale Frage ist ja, von welcher Spal tung wir hier sprechen. Der Eingangsfrage entnehme ich, dass Sie davon ausgehen, dass eine„Gesellschaft“ mit einem Staat korrespondiert, also die Menschen in einem Staat einen Zusam menhang bilden, vielleicht auch bilden müssen, den man dann „Gesellschaft“ nennt. Ich denke, dass Sie in Ihrer Formulierung damit schon eine mögliche Antwort angelegt haben. Denn es ist wohl so, dass manche der Staatsbürger_innen, die Sie als Teil der„Gesellschaft“ betrachten, ihre eigene Identität maßgeblich mit Bezug auf diesen Staat definieren oder aus bestimmten Vor stellungen, Bildern, die sie mit ihm assoziieren, beziehen. An dere orientieren sich an anderem: an der europäischen Idee, an Die EU leitet der Wunsch, die großen Internetplattformen und ihre Macht zu regulieren, vor allem nach Prinzipien der Steuergerechtigkeit und Verbrauchersouveränität. Sind das die wesentlichen Hebel, um dem Datenkapitalismus„made in USA“ zu begegnen? Kettemann: Das sind wichtige Hebel, aber wie das Beispiel Irland zeigt, sind selbst europäische Staaten nicht die größten Fans einer fairen Besteuerung von Unternehmen. Die EU macht sich eher einen Namen als recht konsequente Bürgerrechtsorganisation. Das begann mit dem Datenschutz und führte über den Schutz des Rechts auf Privatsphäre bis zum Recht auf Verges9  Laut Wikipedia wird als Overton-Fenster„der Rahmen an Ideen bezeichnet, die im öffentlichen Diskurs akzeptiert werden, unter dem Gesichtspunkt der öffent lichen Moral. Nach diesem Modell enthält dieses Fenster eine Reihe von Postulaten, die im aktuellen Klima der öffentlichen Meinung als politisch akzeptabel an gesehen werden und die ein Politiker empfehlen kann, ohne als zu extrem zu wirken, um ein öffentliches Amt zu erhalten oder zu behalten.“ https://de.wikipedia.org/ wiki/Overton-Fenster(Letzter Zugriff 16.06.21) Der französische Philosoph Michel Foucault wählte dafür den Begriff„diskursive Formation“, also eine historisch kontingente Konfiguration bestimmter Regeln, die die Grenzen des Sagbaren markieren. DIGITALE SIGNALE 35 senwerden: Die EU exportiert„Digitalrecht“ in die Welt. Ame- Zugriff auf Facebook und Google ist dagegen schwer, weil sie rika hat Facebook, Apple und Google, China hat Huawei und international aufgestellte Konzerne sind. Das ist ein Dilemma. TikTok – die EU hat die DSGVO und bald auch den Digital Ser- Diese Global Player haben einen großen Einfluss auf die Struk vices Act(DSA), den Rechtsakt über digitale Dienste. Gekop- tur von Öffentlichkeit und damit auf Politik, entziehen sich aber pelt mit jenem über digitale Märkte, dem Digital Markets Act gleichzeitig politischem Einfluss. (DMA), werden hier ganz wichtige Weichen gestellt, um dem Datenkapitalismus Einhalt zu gebieten: mehr Transparenz hin- Nun kann man sagen, solange Verbraucher_innen ihre Rechte sichtlich Plattformregeln und-löschungen, Rechtsschutz gegen behalten, freiwillig entscheiden, wem sie ihre Daten geben und private Löschentscheidungen, Klarheit über die Wirkung der damit Macht übertragen, ist ja alles gut. Mal abgesehen davon, Algorithmen, die Aufmerksamkeit steuern, eine Abschätzung dass diese Souveränität heute trotz DSGVO nicht realisiert ist, der Risikopotenziale von Plattformen, Koordinator_innen für denke ich, können Verbraucher_innen aber die Folgen ihres digitale Dienste, um europäische Werte zu schützen – das sind Handelns nicht angemessen überblicken. Sie können strukturell wichtige Hebel. bedingt kein ausreichendes Wissen darüber haben, was ein Un ternehmen mit ihren Daten anstellt. Denn sie unterliegen, etwas Zimmermann: Ich glaube, es gibt auch hier zwei Seiten. Natür- überspitzt formuliert, keiner Kontrolle. Dem Prinzip nach wird lich müssen wir regulieren. Wir müssen den Verbraucher_innen damit das getan, was Geld und Einfluss vermehrt. Das kann aber mehr Macht gegenüber den großen Plattformen geben. Mehr nur in den seltensten Fällen im Sinne der Verbraucher_innen Macht über ihre Daten, Information und darüber, welche Diens sein. Deshalb ist allein der Verbraucherschutz nicht die Antwort te sie nutzen möchten und welche Rechte sie dort haben. Das auf die Herausforderung des„Datenkapitalismus“. geht einher mit der Regulierung von Plattformen in Bezug auf Steuerzahlungen und mit wettbewerbsrechtlichen Bestimmun- Das ist aber ein genuin sozialdemokratisches Thema! Denn die gen. Wenn Plattformen zu mächtig werden, müssen wir sie not soziale Marktwirtschaft ist da der Gegenentwurf. Die Betonung falls zerschlagen. Die andere Seite ist die Förderung von Alter- liegt auf„sozial“. Der Gegenbegriff oder eher der Gegenentwurf nativen. Europa setzt klare Werte im digitalen Raum: zum„Datenkapitalismus“ ist deshalb die„DatendemoDie Verbraucher_innen stehen im Zentrum. Wir kratie“. Das ist ja der Versuch, die wirtschaftlichwollen solidarische Plattformen und demokratischen Austausch. Dafür gilt es europäische Al„Je mehr kapitalistische Rationalität institutionell so einzuhegen, dass die Interessen der Marktakteure, ternativen und Innovationen zu fördern, zum Beispiel eine europäische Medienplattform oder im lokalen Raum genossenschaftlich Daten es gibt, desto höhere und somit ihr wirtschaftliches Handeln, nicht dem Gemeinwohl zuwiderlaufen – im besten Fall es sogar fördern. Genossenschaften sind organisierte Verkaufsplattformen. Standards da ein Beispiel. Aber auch kommunale Unternehmen. Es ist nicht zufällig, dass das die Facebook, Instagram, Twitter und Co. müs sen ihrer Verantwortung als große Internetunternehmen gerecht werden und ihren Beitrag müssen gelten.“ klassischen Infrastrukturanbieter sind, die bei uns so organisiert sind. Es gibt Bereiche, da können wir den Märkten nicht freien Lauf für die Gesellschaft und unseren Umgang mit- lassen, erst recht nicht in einer Welt digitalisierter einander leisten. Es braucht klare Regeln, aber eben Prozesse. auch passende Angebote. Da ist in den vergangenen Jahren einiges passiert. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und dessen Weiterentwicklung finden globale Beachtung. Unser Land Jetzt haben wir fast nur über die Folgen der Digitalisierung und die politischen Entscheider_innen übernehmen mit dieser gesprochen. Müssten an die Seite netzbasierter Kommunika Gesetzgebung international eine Vorbildfunktion. tion nicht auch andere(analoge) Innovationen treten, um die deliberative Demokratie und die Teilhabechancen der Bür Blaudszun: Klar ist, wir dürfen den Datenkapitalismus nicht so ger_innen zu stärken? hinnehmen, wie er ist. Je mehr Daten es gibt, desto höhere Stan dards müssen gelten. Die Zerschlagung riesiger Internetkonzer- Zimmermann: Ja! Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ne muss geprüft und im Zweifel mit aller europäischen Macht alle immer digitaler leben werden und damit auch soziale Medurchgesetzt und im Gegenzug Open-Source-Projekte gestärkt dien und der digitale Austausch einen höheren Stellenwert einwerden. Daten dürfen nicht nur bei den großen Unternehmen nehmen werden. Dennoch braucht es auch in der analogen Welt liegen. Und wir dürfen die Beschäftigten nicht aus den Augen neue Ideen. Wir müssen„online“ und„offline“ zusammenden verlieren: Die rechtliche Absicherung ihrer Interessen muss das ken. Dann entstehen neue Formen für Kommunikation und für Gegengewicht zur Macht der Plattformen sein. das Zusammenleben. Das digitale Leben bietet viele Chancen, und ich bin Internetoptimist. Die Grundwerte Freiheit, Gerech Korkmaz-Emre: Ich sehe Steuergerechtigkeit und Verbrau- tigkeit und Solidarität werden mit den neuen technischen Mögchersouveränität als zwei wichtige Hebel, die aber eher nach- lichkeiten gestärkt, doch zugleich müssen wir sie neu definieren gelagerte Verwerfungen adressieren, als das Problem an der Ur- und gerade als Europäer_innen auch verteidigen. Bildung ist der sache zu fassen. Denn warum haben wir eigentlich ein solches Schlüssel zu vielem und gerade mit zunehmender DigitalisieUnbehagen an dem, was Sie„Datenkapitalismus“ nennen? Es ist rung müssen wir dafür sorgen, dass viele Zugang dazu bekom die immanente Monopoltendenz auf datengetriebenen Märkten men. Wir brauchen deshalb eine digitale und analoge Bildungs– wer hat, dem wird gegeben. Gleichzeitig sind diese Märkte strategie, die Bürger_innen durch ihr ganzes Leben begleitet. nicht ohne Einfluss auf die Politik – im Gegenteil. Man kann sagen, dass Amazon, Facebook, Google und Co. in gewissem Kettemann: Es gibt so viele vordringliche Innovationsfelder, Sinne Infrastrukturanbieter sind oder unsere bisherigen Infra- dass ich sie kaum alle aufzählen kann: Bildung; Arbeit, die Sinn strukturen verändern. Facebook und Google verändern etwa macht; Infrastruktur, die Menschen erlaubt, auch auf dem Land unsere Kommunikations- und Informationsformen. Die„alten“ zu wohnen; eine Förderung des Lokaljournalismus, der die Poli Infrastrukturen der Massenmedien sind sehr stark reguliert. Der tik kontrolliert, Menschen aber auch vor Augen führt, dass„die 36 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Medien“ auf der Seite der Wahrheit stehen sollen und nicht jener ich wünsche mir, dass sie die entsprechenden Offline-Formate der Macht. Faire Betreuungsangebote, um Careworker_innen nicht ersetzen, sondern gemeinsam für mehr Teilhabe sorgen. zu entlasten, um allen Menschen zu ermöglichen, sich zu ver wirklichen. Wer drei Jobs und Kinder hat, der hat keine Zeit für Korkmaz-Emre: Ich bin offen für Veränderungen an unserem Demokratie. Aber Demokratie ist voraussetzungsreich und zu Regierungssystem, oder noch stärker: Ich halte sie in mancher den Voraussetzungen gehört, dass Menschen Zeit haben müs- Hinsicht für nötig. Ich glaube aber nicht, dass wir damit die He sen, um sich politisch zu betätigen. Wer um‘s Heute zittert, rausforderungen, die sich im Zusammenhang mit den kann nicht an morgen denken. Menschen prekär zu veränderten Kommunikations- und Informationsbeschäftigen, arm zu halten, zu unterdrücken, zu infrastrukturen ergeben, einfach kompensieren marginalisieren – dagegen müssen wir vorgehen. Arbeitnehmerrechte stärken, faire Entlohnung „Unsere können. sicherstellen... Es wächst eine politisierte Generation heran, die gesehen hat, was Bewe Chance liegt in Wenn Sie etwa an die Frage denken, par tizipative Elemente auch auf Bundesebene gungen bewirken können. Sie muss den Raum bekommen, sich entfalten zu können. Es muss sich daher auch offline wieder mehr bewegen. der proaktiven Aneignung.“ zu etablieren, dann denke ich, dass das derzeit nicht gerade die einfachste Konstellation für so ein Vorhaben ist. Desinformation und Beeinflussung über die sozialen Korkmaz-Emre: Unsere Chance liegt auch in Medien sind gegenwärtig ein großes Probder proaktiven Aneignung. Wir können die Techno- lem, wir sehen das beim Brexit, wir sehen das logie hinter den neuen Kanälen natürlich selbst dafür in den USA. Da muss man also vorsichtig sein und nutzen, Beteiligung und damit Gleichheit zu erhöhen. Ich bei der Ausgestaltung neuer Instrumente dafür sorgen, denke da etwa an die Ergänzung klassischer Bürgerbeteiligung dass man diejenigen, die dort mitberaten, auch in die Lage ver in der kommunalen Planung. Auf diese Weise betten wir die setzt, unabhängig und auf Grundlage gesicherter Informationen Technologie in eine andere institutionelle Logik ein. Gleichheit zu entscheiden. Da ist es dann aber prinzipiell egal, ob man das bezieht sich hier auf das Recht, gehört und ernst genommen zu analog oder digital macht. werden. Wir können aber in der Weiterentwicklung unseres RegierungsBlaudszun: Natürlich dürfen wir nicht allein auf netzbasierte systems nicht einfach unser eigenes Ding machen und ignorieKommunikation setzen. Gibt es genügend Zeit für Kreativität? ren, was sonst so passiert. Politisch legitimierte Akteure haben Analoge Formate haben natürlich auch große zwischenmensch- heute einfach nicht mehr die notwendige Souveränität über die liche Vorteile. Die digitalen Angebote sind extrem relevant, aber Strukturen der Öffentlichkeit. Öffentlichkeit aber macht Politik. DIGITALE SIGNALE 37 © Valentina von Klencke, CC BY-SA 4.0 © Bettina Volke Fotografie 38 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Die Autoren Jan Engelmann arbeitet als Politkberater und Projektmanager beim Thinktank iRights.Lab. Zuvor war er unter anderem bei Wikimedia Deutschland als Geschäftsführer tätig. Er hat Politikwissenschaft in Heidelberg und Köln studiert, begann seinen beruflichen Weg als Lektor in einem medienwissenschaftlichen Verlag und war Mitbegründer des politiktheoretischen Magazins POLAR. Er hat zahlreiche Beiträge und Bücher zu Fragen der Gegenwartskultur und des Medienwandels veröffentlicht. Zuletzt war er Co-Autor einer Studie zu KI in der öffentlichen Verwaltung und hat die Neuauflage des Bandes„Wer regiert das Internet?“ (2019) in der medienpolitischen Reihe der FES betreut. Philipp Otto ist Gründer und Direktor des Thinktanks iRights.Lab. Er ist Rechtswissenschaftler und zudem Leiter des Innovationsbüros des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (https://www.innovationsbuero.net). Er war Visiting Researcher beim Berkman Center for Internet& Society an der Harvard University und hat eine Vielzahl an Büchern, Aufsätzen und strategischen Analysen an der Schnittstelle von Recht, Technik, Gesellschaft und Politik im Kontext der Digitalisierung veröffentlicht, unter anderem den Sammelband„3TH1CS – Die Ethik der digitalen Zeit“(2019). Er unterstützt öffentliche Einrichtungen, die Zivilgesellschaft, Unternehmen und Wissenschaft dabei, eine positiv geprägte und praktische digitale Zukunft zu entwickeln. Website: www.irights-lab.de. DIGITALE SIGNALE 39 Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozial demokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Als gemeinnützige Einrichtung gestalten wir unsere Arbeit eigenständig und unabhängig. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: • politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft • Politikberatung • internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern • Begabtenförderung • das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek. Bestellung Printversion/Kontakt: medienpolitik@fes.de Hinweise zum Datenschutz finden Sie unter: www.fes.de/datenschutzhinweise www.fes.de Die beiden Corona-Jahre 2020/21 werden als Zeitraum in die Geschichte eingehen, in dem die disruptiven Potenziale der Di gitalisierung endgültig kollektiv ins Bewusstsein und den Alltag drangen. Umso mehr müssen Erzählung und Politik der Sozialen Demokratie, die immer auch Wege des Fortschritts beschrieben, am Puls der Zeit bleiben, beständig ihre Grundannahmen überprü fen und regelmäßig auch„Updates“ ihrer Ziele vornehmen. Die vorliegenden Interviews bilden eine Art virtuelles Tischgespräch, bei dem 14 Menschen aus unterschiedlichsten berufli chen Kontexten ihre Gedanken zum Status quo und der Zukunft der Digitalisierung darlegen. Die Gespräche kreisen um die menschlichen Nahbereiche der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Schule und des Be triebs sowie abschließend um die mediale Sphäre der Öffentlichkeit.