Zwischen Ungewissheit und Zuversicht Die Studie wurde finanziert mit Mitteln der Stabilitätsinitiative Nordafrika und Naher Osten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zwischen Ungewissheit und Zuversicht Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Herausgegeben für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Jörg Gertel und Ralf Hexel Aus dem Englischen übersetzt (bis auf Vorwort, Kapitel 1, 2 und 4) von Lilian-Astrid Geese, Katrin Zimmermann(Kapitel 3), Claudia Butterly(Kapitel 7) und Mathias Nord(Kapitel 8) Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-8012-0513-3 © 2017 by Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn Umschlaggestaltung: Ralf Schnarrenberger, Hamburg Lektorat: Dr. Heiner Lindner Satz: Kempken DTP-Service | Satztechnik ∙ Druckvorstufe ∙ Mediengestaltung, Marburg Tabellen ∙ Diagramme ∙ Grafiken: Kempken DTP-Service | Satztechnik ∙ Druckvorstufe ∙ Mediengestaltung, Marburg (nach Vorlagen der Autorinnen und Autoren) Druck und Verarbeitung: CPI books, Leck Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2017 Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de Inhaltsverzeichnis Vorwort Ralf Hexel........................................ 9 I Einleitung Kapitel 1 Jugend in der MENA-Region 2016/17 Jörg Gertel....................................... 15 Kapitel 2 Ungewissheit Jörg Gertel....................................... 39 II Gewohnheiten und Werte Kapitel 3 Werte Jörg Gertel · David Kreuer............................... 75 Kapitel 4 Jugend und Religion Rachid Ouaissa.................................... 101 Kapitel 5 Gender Ines Braune...................................... 121 Kapitel 6 Familie und Zukunft Christoph H. Schwarz................................ 141 5 III Wirtschaft Kapitel 7 Wirtschaft und Beschäftigung Jörg Gertel...................................... 163 Kapitel 8 Die arabische Mittelschicht: Prekarität und Mobilisierung Jörg Gertel · Rachid Ouaissa............................ 195 Kapitel 9 Hunger und Gewalt: Räume der Unsicherheit Jörg Gertel · Tamara Wyrtki............................. 215 Kapitel 10 Mobilität, Migration und Flucht Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner......................... 237 IV Politik und Gesellschaft Kapitel 11 Kommunikation Carola Richter..................................... 265 Kapitel 12 Politik Mathias Albert · Sonja Hegasy........................... 287 Kapitel 13 Mobilisierung Nadine Sika · Isabelle Werenfels.......................... 309 Kapitel 14 Gesellschaftliches Engagement Friederike Stolleis.................................. 333 6 V Jugend im Vergleich Kapitel 15 Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie Mathias Albert · Jörg Gertel............................. 357 VI Anhang Methodik der Studie Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel....... 379 Fragebogen...................................... 391 Berechnung des Schichtenindex......................... 423 Literaturverzeichnis................................ 424 Dank.......................................... 431 Zu den Autorinnen und Autoren......................... 432 7 Vorwort Ralf Hexel D ie vorliegende Studie»Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika« ist ein Projekt der Friedrich-EbertStiftung. Partner bei der Erstellung der Studie waren die Universität Leipzig, Kantar Public(früher TNS Infratest Politikforschung), TNS Marokko sowie weitere Forschungszentren und Meinungsforschungsinstitute im Nahen Osten und Nordafrika(MENA-Region). Das wissenschaftliche Konzept der Studie und des Fragebogens wurde von einem Wissenschaftlichen Beirat 1 erarbeitet, in dem namhafte Forscher aus der MENA-Region und Deutschland mitwirkten. Die Details des etwa 200 Fragen umfassenden Fragebogens wurden federführend von der Universität Leipzig im engen Austausch mit dem Wissenschaftlichen Beirat und den anderen Projektpartnern ausgearbeitet. Die Studie 2 orientiert sich an zwei übergeordneten Fragen:(1) Wie gestaltet sich die Situation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen fünf Jahre nach dem sogenannten Arabischen Frühling? 3 (2) Wie gehen die jungen Menschen mit den neuen Unsicherheiten und Ungewissheiten ihres Alltages um? Darüber hinaus sollen mit einem weit gefächerten Fragenkatalog auch Wissenslücken geschlossen werden. Denn die alltägliche Lage junger Menschen in der MENA-Region ist bisher kaum länderübergreifend und systematisch untersucht worden, und es liegen hierzu nur begrenzt wissenschaftlich valide Erkenntnisse vor. 1 Die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats waren: Prof. Dr. Mathias Albert(Universität Bielefeld), Prof. Dr. Asef Bayat(University of Illinois), Prof. em. Dr. Hajo Funke(Freie Universität Berlin), Prof. Dr. Jörg Gertel(Universität Leipzig), Dr. Sonja Hegasy(Leibniz-Zentrum Moderner Orient, Berlin), Dr. Ghassan Khatib(Birzeit University, Ramallah), Prof. Dr. Rachid Ouaissa(Universität Marburg), Juniorprofessorin Dr. Nadine Sika(American University of Cairo), Prof. Dr. Hassan Rachik (Université Hassan II, Casablanca), Dr. Isabelle Werenfels(Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin). 2 Die Studie erscheint auch auf Arabisch(Dar al-Saqi, Beirut) und Englisch(Saqi Books, London). 3 Der Begriff»Arabischer Frühling« ist umstritten, sowohl in der Region als auch in der internationalen wissenschaftlichen Debatte. Der Grund ist die jahreszeitliche Konnotation des Frühlings als Beginn einer bevorstehenden positiven Zeit bzw. Entwicklung. Die Autorinnen und Autoren der Studie sind sich dessen bewusst, haben sich aber entschieden, den Begriff trotz seiner Ambivalenz zu verwenden. Vorwort 9 Um Antworten auf die gestellten Fragen zu erhalten, wurden mit insgesamt 9.000 jungen Menschen im Alter von 16–30 Jahren in acht Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas Interviews durchgeführt: Ägypten, Bahrain, Jemen, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina und Tunesien. Außerdem wurden syrische Flüchtlinge im Libanon in die Erhebung einbezogen. Im Sommer 2016 wurden etwa 1.000 Jugendliche pro Land/Erhebungsgruppe in 60-minütigen Interviews befragt. Zudem wurden in jedem Land/jeder Erhebungsgruppe im Winter 2016/17 qualitative Interviews durchgeführt, denn nicht alle Aspekte von Alltagsleben, Wertvorstellungen und gesellschaftlichen Orientierungen lassen sich in Zahlen erfassen. Die Namen dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen wurden anonymisiert. Die MENA-Region befindet sich in einer fundamentalen Krise und Umbruchsituation, die gekennzeichnet ist von militärischen Konflikten, Terroranschlägen, dem Zerfall staatlicher Ordnung und ungelösten sozioökonomischen Problemen. Junge Menschen sind davon in besonderer Weise betroffen. Zur Erfassung und Beschreibung ihrer Situation in der Region haben die Autorinnen und Autoren der Studie deshalb die Begriffe Unsicherheit und Ungewissheit als zentrale Kategorien gewählt. Unsicherheit bezieht sich auf die konkret erlebte aktuelle Lebenssituation und die Verfügbarkeit von Ressourcen. Ungewissheit verweist dagegen auf den Umgang mit der Zukunft, mit den eigenen Wünschen und Hoffnungen. Junge Menschen in der Region sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, mit den oft angstbesetzten Unsicherheiten ihres Alltagslebens umzugehen und zugleich hoffnungsvoll zu leben. Die vorliegende Publikation zeigt exemplarisch auf, wie sie sich in zunehmend schwierigen und konfliktbeladenen Verhältnissen bewegen und Problemlösungen finden müssen. Bemerkenswert ist, dass die Mehrzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen trotz wirtschaftlicher Benachteiligung, fehlender politischer Beteiligung und dem allgegenwärtigen Gefühl von Unsicherheit, das von Land zu Land variiert, dennoch zuversichtlich in die Zukunft blickt. Dies ist insbesondere nach den enttäuschten Hoffnungen der Aufstände des Arabischen Frühlings von 2010/2011, an denen sich besonders junge Menschen beteiligt hatten, überraschend. Obwohl sich ihre ökonomische Situation und die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten seitdem verschlechtert haben, gehen sie oft optimistisch mit dem Leben um. Nur knapp zehn Prozent von ihnen – so ein empirischer Befund der Studie – sind fest zur Migration entschlossen. Aufgrund ihrer permanent 10 Ralf Hexel schwierigen Situation sind sie jedoch hin- und hergerissen zwischen immer wieder auftauchenden Abwanderungsgedanken und der Verbundenheit mit ihren Familien und ihrer Heimat. Junge Menschen sind die zentralen Akteure für die Gestaltung der Zukunft. Niemals zuvor war in der MENA-Region ihr Anteil an der Gesellschaft so hoch wie heute. Die 15- bis 29-Jährigen machen inzwischen 30 Prozent der Bevölkerung aus. Ihre Einstellungen, Wertvorstellungen und Zukunftsentwürfe geben deutliche Hinweise auf zukünftige Entwicklungen in den Gesellschaften, in denen sie leben. Während die politische und wirtschaftliche Situation in den Ländern der MENA-Region derzeit wenig Anlass für Optimismus gibt, zeichnen die Ergebnisse der Studie das Bild einer Jugend, die besser gebildet ist als jemals zuvor, die sich ihrer Heimat stark verbunden fühlt, die über eine positive Lebenseinstellung verfügt, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich gesellschaftlich zu engagieren. Die derzeitigen autoritären Machtstrukturen in der Mehrzahl der Länder der Region verhindern jedoch, dass sie ihr Talent, ihr Wissen und ihr Engagement wirksam in die Gestaltung des eigenen Lebens und der Gesellschaft einbringen können. Stabilität und Entwicklung wird es für die Region nur dann geben, wenn junge Menschen politisch und wirtschaftlich an der Gestaltung der Zukunft teilhaben können, wenn es gelingt, inklusivere Gesellschaftsmodelle zu etablieren. Die vorliegende Studie möchte einen empirisch fundierten Beitrag zur Debatte um junge Menschen in der MENA-Region leisten und diese auf eine breitere Informationsgrundlage stellen. Die folgenden Ergebnisse stellen daher eine Einladung zur Auseinandersetzung dar, um bekannte Einsichten mit neu gewonnenen Erkenntnissen abzugleichen und Raum für weitere Diskussionen zu öffnen. Im Namen der Friedrich-Ebert-Stiftung möchte ich allen Institutionen und Personen danken, die an der Erstellung der Studie mitgewirkt haben. Unter teilweise sehr schwierigen äußeren Bedingungen ist es gelungen, mit tausenden von jungen Menschen in der MENA-Region ins Gespräch zu kommen, Interviews durchzuführen, entsprechende Daten zu erfassen und auszuwerten und sie wissenschaftlich zu analysieren. Mitwirkende aus insgesamt elf Ländern haben in einer großartigen Team- und Koordinierungsarbeit eine Studie produziert, die einen maßgeblichen Beitrag zur Erforschung der Situation junger Menschen in der MENA-Region darstellt. Besonders möchte ich den folgenden Personen danken: den Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats, deren Wissen und Expertise die Grundlage Vorwort 11 für die wissenschaftliche Qualität der Studie legten, dem Mitherausgeber Prof. Dr. Jörg Gertel von der Universität Leipzig, dessen konzeptionelle und inhaltliche Beiträge die Studie maßgeblich prägen, meiner Kollegin Dr. Friederike Stolleis, die die redaktionelle Arbeit der Studie koordiniert und wichtige inhaltliche Beiträge beigesteuert hat sowie Helmut Dietrich, der unter schwierigen Bedingungen die Umfragen in den beteiligten Ländern koordinierte. Die der vorliegenden Studie zugrunde liegenden und in Tabellen und Grafiken aufgearbeiteten Umfrageergebnisse sind unter folgendem Link abrufbar: http://www.fes.de/lnk/jugendstudie. Berlin, im November 2017 Ralf Hexel 12 Ralf Hexel I Einleitung Kapitel 1 Jugend in der MENA-Region 2016/17 Jörg Gertel D ie vorliegende Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) zur Situation junger Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten(MENA) beschäftigt sich mit zwei Fragen: Wie gestalten sich die Lebenswelten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling; und wie gehen sie mit den neuen Ungewissheiten und Unsicherheiten ihres Alltages um? In den vergangenen Jahren haben nicht nur Terroranschläge, bewaffnete Konflikte und Kriege zugenommen, die ökonomische Lage und die Arbeitsmarktsituation sind in vielen arabischen Ländern sehr problematisch und junge Menschen sind dabei regelmäßig am stärksten betroffen. Dennoch ist ihre genaue Situation sowohl innerhalb als auch außerhalb der Region weitgehend unbekannt. Zwar ist im Gefolge der Umbrüche 2011 das Interesse an Jugendlichen, die häufig als Protagonisten der Aufstände gelten, neu erwacht, und vielzählige Dokumentationen, nationale Befragungen und kleinteilige Analysen sind entstanden. Doch eine systematische, länderübergreifende Untersuchung von Jugendlichen der MENA-Region, die auf intensiven und vergleichbaren Einzelinterviews beruht, existiert bisher nicht. Die empirischen Befunde der vorliegenden Studie zeigen in vielen Bereichen die Ungewissheiten auf, mit denen Jugendliche und junge Erwachsene umgehen müssen. Zwei strukturelle Dynamiken treffen dabei zusammen: Einerseits ist gerade die Jugendzeit durch die Verunsicherungen, eine persönliche Position und eine eigene Rolle in der Gesellschaft zu finden, charakterisiert; diese Reise in das Erwachsenwerden ist in vielen Stadien ungewiss. Andererseits sind es die prekären und vielfach instabilen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der MENA-Region, die die Jugendphase für junge Menschen nochmals erschweren. Unsicherheit manifestiert sich dabei als Ausgeliefertsein gegenüber Gewalthandlungen und als mangelnder Zugang zu Ressourcen. Erst die Verfügung über Ressourcen generiert das Vermögen zum Handeln. Während also Unsicherheit gegenJugend in der MENA-Region 15 wärtig im Alltag wirkt, beziehen sich Ungewissheit und Zuversicht auf die Zukunft. Welche Möglichkeiten haben Jugendliche und junge Erwachsene, mit oft angstbesetzter Ungewissheit umzugehen und eine hoffnungsvolle Zuversicht zu leben? Die vorliegende Publikation zeigt dies exemplarisch auf und stellt zentrale Ergebnisse der Befragungen vor. Parallel dazu werden weitergehende empirische Befunde länderspezifisch online zugänglich gemacht. Hierdurch möchten wir einen Raum eröffnen, sich mit der Situation von Jugendlichen in der MENA-Region tiefer gehender auseinanderzusetzen, als dies bisher möglich war. Dabei stehen acht Länder im Fokus, die ein weites Spektrum der Alltagserfahrungen junger Menschen in der MENA-Region abdecken: Ägypten, Bahrain, Jemen, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina und Tunesien. Zusätzlich wurden junge syrische Flüchtlinge im Libanon befragt, um Problemlagen von Migration und Flucht in der MENA-Region abbilden zu können. Im Folgenden wird daher zunächst in die Untersuchungsländer eingeführt. Danach wird das Untersuchungsdesign der Studie vorgestellt und daraufhin inhaltlich im Kontext der aktuellen Jugendforschung positioniert. Schließlich werden die einzelnen Kapitel des vorliegenden Bandes zusammenfassend präsentiert. 1 Charakteristika der MENA-Region Eingangs ist die Frage zu stellen, ob einzelne Länder überhaupt sinnvoll miteinander verglichen werden können. Die wichtigste Auseinandersetzung dazu wird im Rahmen des Entwicklungsdiskurses geführt. Seit mehreren Jahrzehnten wird kontrovers darüber nachgedacht, inwieweit es sinnvoll ist, sogenannte»Entwicklungsstände« von(nationalen) Staaten zu messen und miteinander zu vergleichen, wie für die hier untersuchten Länder in Tabelle 1.1. Eine Position geht davon aus, dass dadurch nicht vergleichbare Sachverhalte und häufig nicht messbare Eigenschaften durch eine willkürliche Auswahl von(numerischen) Indikatoren zwanghaft und fälschlicherweise miteinander in Beziehung gesetzt werden(Crush 1995; Escobar 1995). Eine andere Position hebt demgegenüber hervor, dass erst durch aggregierte statistische Aussagen nicht beobachtbare Phänomene erkannt, benannt und untersucht werden können(vgl. Simon 2006). Schließlich bestehen weitere Überlegungen darin, dass Themen, unabhängig von der Methode, durch die sie lanciert werden, immer diskursiv geprägt sind, ge16 Jörg Gertel prägt etwa dadurch, ob sie machtpolitisch erwünscht sind oder wie interessengeleitet ihre Setzung ist(Pieterse 2001). Für postkoloniale Staaten wie die der MENA-Region bestehe ein Ergebnis beispielsweise darin, dass durch unzulässige Vergleiche die scheinbare Unterlegenheit des einen oder anderen Landes fest- und fortgeschrieben werde(Sachs 1992). Diese Argumente gilt es zu bedenken, wenn die Auswahl der Untersuchungsländer wie folgt anhand statistischer Kriterien eingeordnet wird. Der Entwicklungsstand wird seit einigen Jahren mit dem Human Development Index gemessen(vgl. Tab. 1.1). Er bildet neben der Einkommenssituation auch die Lebenserwartung und die Bildungssituation numerisch ab. Entsprechend dieser Kategorien zählt Bahrain zu den Ländern mit einem sehr hohen Entwicklungsstand; es nimmt weltweit 2013 den 44. Rang ein. Libanon, Jordanien und Tunesien erzielen einen hohen und Palästina, Ägypten sowie Marokko wiederum einen mittleren Entwicklungsstand; der Jemen schließlich gilt als Land mit einem niedrigen Entwicklungsstand, er belegt Rang 154 im internationalen Vergleich. Insofern repräsentieren die Untersuchungsländer ein Spektrum von wohlhabenden bis hin zu armen Ländern und damit unterschiedliche Lebenschancen; diese wirken sich als Rahmenbedingungen entsprechend differenziert auf die Jugendlichen aus. Bereits die nationalen Einkommenssituationen sind ausgesprochen ungleich: In Bahrain, das als ein Beispiel für ein wohlhabendes Land am Arabischen Golf stehen kann, erwirtschaften die Bewohner das dreifache Pro-Kopf-Einkommen der Libanesen und mehr als das zehnfache Durchschnittseinkommen der Jemeniten. In demografischer Hinsicht wiederum ist Ägypten mit über 80 Millionen das größte und Bahrain mit 1,3 Millionen Einwohnern das kleinste Land. Bahrain ist gleichzeitig – ähnlich wie der Libanon und Jordanien – hochgradig urbanisiert, während der ländliche Raum besonders im Jemen, in Marokko, Ägypten und in Tunesien ausgeprägt ist und der Landwirtschaft eine wichtige Rolle zukommt. Die arabischen Länder sind außerdem ganz unterschiedlich von Gastarbeiterüberweisungen, Tourismuseinnahmen und ausländischen Investitionen abhängig. In den letzten Jahren hat sich allerdings in der gesamten Region die wirtschaftliche Situation vielfach verschlechtert, und die Jugendarbeitslosigkeit bleibt hoch. Terroranschläge, bewaffnete Konflikte und Krieg kennzeichnen darüber hinaus den Alltag vieler Personen. Der Jemen ist von einem Mehrfrontenkrieg, dramatischen Hungerkrisen und von der Ausbreitung ansteckender Krankheiten betroffen – im Sommer 2017 leiden sieben Millionen Menschen akut an Mangelernährung, und es wird über Jugend in der MENA-Region 17 Tab. 1.1 Entwicklungsindikatoren arabischer Länder Menschliche Entwicklung Bahrain Sehr hohe Libanon Jordanien Hohe Tunesien Palästi- Ägypna ten Mittlere Marokko Jemen Niedrige Syrien HDIRang HDI-Index (2013) BIP (2011–2013) Bevölkerung (2013) Urbane Bevölkerung Rate der Alphabetisierung Migrantenüberweisungen(% GDP) Jugendarbeitslosigkeit Internetnutzer 44 0,82 42.400 1,3 89 95 .. 5 88 65 0,77 16.600 4,8 88 90 18 17 61 77 0,75 11.400 7,3 83 98 12 29 41 90 0,72 10.800 11,0 67 80 4 35 41 107 0,69 4.500 4,3 75 96 .. 41 .. 110 0,68 10.700 82,1 44 74 6 34 44 129 0,62 7.000 33,0 58 67 7 19 55 154 0,50 4.000 24,4 34 66 4 34 17 118 0,66 10.700 21,9 57 85 3 36 24 Quelle Arab Human Development Report(UNDP 2016). Hinweise Alle Angaben gerundet | In der Tabelle sind die Untersuchungsländer der vorliegenden Studie aufgenommen; Syrien wurde dazu genommen, um die Situation vor den bewaffneten Konflikten im Jahr 2011 abzubilden. HDI-Index= Human Development Index(Index der menschlichen Entwicklung); er basiert auf drei Indikatoren: Lebenserwartung, Bildung, Einkommen. BIP= Bruttoinlandsprodukt(pro Kopf in US-$, berechnet auf Grundlage der Kaufkraftparität). Die Bevölkerung ist in Millionen Personen angegeben, die städtische Bevölkerung als Prozentanteil an der Gesamtbevölkerung. Die Rate der Alphabetisierung ist als Prozentanteil der Gesamtbevölkerung angegeben, die 15 Jahre und älter ist. Migrantenüberweisungen werden als Prozentanteil am BIP ausgewiesen. Jugendarbeitslosigkeit wird in Prozent angegeben und bezieht sich auf die Altersgruppe von 15–24 Jahren(2008–2013). Zu beachten ist hierbei, dass es schwierig ist, Arbeitslosigkeit zu messen, da kaum formal institutionalisierte Berufsausbildungen für Jugendliche in der MENA-Region existieren, auch ist die Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit sowie zwischen bezahlter Arbeit innerhalb und außerhalb des formellen Sektors – bei oft wechselnden Tätigkeiten, fluktuierenden Arbeitsperioden sowie schwankenden Bezahlungen im informellen Sektor – nur sehr schwer zu ziehen(vgl. Kap. 7). Internetnutzer sind in Prozent der Gesamtbevölkerung für 2012 angegeben. 300.000 Fälle mit Verdacht auf Cholera berichtet. Syrien zerfällt in mehrere Einflussbereiche und Konfliktzonen, Hunderttausende wurden in Kriegshandlungen getötet, und 12 Millionen Personen sind auf der Flucht. Syrische Flüchtlinge leben als Binnenflüchtlinge im eigenen Land oder in den angrenzenden Staaten wie in Jordanien und im Libanon. Palästina ist zudem durch die israelische Besatzung geprägt, und in vielen anderen Ländern ist die Sicherheitslage angespannt. Als weitere Referenzgruppe der Untersuchung wurden daher syrische Flüchtlinge im Libanon befragt, die als 18 Jörg Gertel extrem verwundbare Gruppe einen Ausschnitt aus der Alltagsrealität in der MENA-Region darstellen. 1 2 Die Studie In Anbetracht der jüngeren politischen Umbrüche sowie der vielfach problematischen Sicherheitslage in den Ländern der MENA-Region stellte die zeitgleiche Durchführung von Tausenden über einstündigen Face-to-Face Interviews nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine logistische Herausforderung dar(vgl. Methodenkapitel im Anhang). Dennoch, zur Beantwortung der Untersuchungsfrage konnten im Rahmen der vorliegenden Studie im Sommer 2016 insgesamt 9.000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16 bis 30 Jahren innerhalb weniger Wochen befragt werden. Drei Charakteristika kennzeichnen die Stichprobe: (1) Durch die weite Altersspanne der Stichprobe können Gruppen in unterschiedlichen Lebensphasen und Verantwortungsbereichen erfasst werden: einerseits diejenigen, die noch bei ihren Eltern wohnen(69 Prozent) und andererseits jene, die bereits in Partnerschaft leben, meist verheiratet sind und teilweise bereits eigene Kinder haben(29 Prozent). 2 Die erste Gruppe, Personen, die noch bei den Eltern leben, verstehen sich mehrheitlich als Jugendliche(95 Prozent), aber auch diejenigen mit eigenem Hausstand begreifen sich ganz überwiegend als jugendlich(83 Prozent), und nur eine kleine Gruppe sieht sich bereits als erwachsen(17 Prozent). Das impliziert, dass viele Befragte oft sehr eng mit der Elterngeneration verwoben sind – sie wohnen zusammen, essen gemeinsam oder unterstützen sich finanziell; kurz, sie bilden eine Reproduktionseinheit. Auch zwischen jungen Erwachsenen mit eigenem Hausstand und ihren Herkunftsfamilien bestehen vielfältige ökonomische, soziale und emotionale Verflechtungen. Durch diese Stichprobenziehung wird das Spektrum jugendlicher Transitionsprozesse, die die Übergänge von der Kindheit zur Erwachsenwelt charakterisieren, der empirischen Untersuchung zugäng1 Im Jahr 2014 wurden 41 Prozent der gewaltsam vertriebenen Personen weltweit in arabischen Ländern gezählt, während diese Länder nur fünf Prozent der Weltbevölkerung stellen. Auf jede Person, die in einem bewaffneten Konflikt ums Leben kommt, sterben zudem drei bis fünfzehn andere indirekt an Krankheiten, medizinischen Komplikationen und Mangelernährung(UNDP 2016, 39). 2 Hinzu kommt eine kleine Gruppe von zwei Prozent, die in anderen Konstellationen wohnt. Jugend in der MENA-Region 19 lich; hierzu zählen etwa der Übertritt von der Ausbildung ins Berufsleben, der Aufbau einer Partnerschaft und die Heirat, der Auszug aus dem Elternhaus sowie die Gründung einer Familie und die Geburt eigener Kinder. Bereits hieran wird deutlich, dass es»die« Jugend nicht geben kann. Beispielsweise betrachten sich selbst Verheiratete noch ganz überwiegend (83 Prozent) als jugendlich. (2) Durch die Struktur der Stichprobenziehung – 1.000 Befragte pro Land – können die Befunde einzelner Länder miteinander in Beziehung gesetzt und verglichen werden. Alle übergreifende Angaben – etwa Durchschnittsangaben der 9.000 Befragten – beziehen sich entsprechend auf die neun Länder(bzw. auf acht Staaten und die Gruppe der syrischen Flüchtlinge im Libanon). Damit ist folgender Effekt verbunden: Es wird angenommen, jedes Land sei bei jedem zu untersuchenden Aspekt gleich wichtig. Demografisch beispielsweise wird damit das kleine Bahrain dem einwohnerreichen Ägypten gleichgestellt, obwohl dieses 63-mal mehr nationale Einwohner aufweist, während bei der Wirtschaftsleistung wiederum die Bürger in Bahrain durchschnittlich über 4-mal so viel Einkommen wie die Ägypter verfügen. Die übergreifenden Angaben sind deshalb an keiner Stelle als repräsentativ für die gesamte MENA-Region oder die arabischen Länder zu verstehen. Sie repräsentieren die Untersuchungsgruppe der neun Länder, wobei jedes Land mit gleicher Gewichtung in die Kalkulation eingeht. Umgekehrt gilt, dass Binnendifferenzierungen innerhalb der Länder aufgrund der Stichprobengröße wiederum nur bedingt zu erfassen sind. Räumlich manifeste Unterschiede innerhalb der Länder sind sinnvoller aus verschiedenen Siedlungsgrößen abzuleiten und weniger auf die administrativen Differenzen zwischen Stadt und Land zu beziehen, welche in den einzelnen Staaten uneinheitlich definiert sind (vgl. Tab. 1.1). (3) Vor Betrachtung der Eigenschaften der befragten Jugendlichen sind noch drei Gewichtungsfaktoren zu bedenken. So wurde durch die Auswahl der Befragten und die anschließende Gewichtung sichergestellt, dass sowohl das Geschlechterverhältnis als auch die Altersverteilung jeweils landesspezifischen Bedingungen entspricht; auch die regionale Verteilung der Stichprobenziehung korrespondiert – bis auf wenige Ausnahmen – mit der Bevölkerungsverteilung entsprechend nationaler Verwaltungseinheiten(vgl. Methodenkapitel im Anhang). Während die Geschlechterverhältnisse und die Altersverteilung ausgewogen sind, zeigt bereits ein erster Blick in die empirischen Befunde die große Binnendifferenzierung der 20 Jörg Gertel Tab. 1.2 Charakteristika der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Menschliche Entwicklung Männer/Frauen Alter(Ø) Arabisch als Muttersprache Englischkenntnisse Bezeichnet sich als Jugendlicher Bildung a – Niedrig – Mittel – Hoch Familienstand – Ledig – Verheiratet – Andere Beschäftigung – Schüler/Student – Nicht arbeitend – Bezahlte Arbeit Bahrain Sehr hohe 51/49 23 100 94 96 1 20 79 73 26 1 56 21 23 Libanon 52/48 23 99 60 88 14 21 65 80 19 1 41 25 34 Jordanien Hohe 52/48 23 100 20 100 b 14 46 40 72 27 1 30 c 57 13 Tunesien 50/50 23 Palästi- Ägypna ten Mittlere 51/49 22 51/49 23 Marokko 50/50 23 Jemen Niedrige 52/48 23 Syr. Flüchtl. a) 50/50 24 100 100 100 93 100 99 44 30 28 14 5 10 95 95 85 93 92 83 10 4 25 26 49 64 28 27 30 35 15 26 62 69 45 39 36 10 87 68 72 87 55 43 13 31 27 13 43 55 0 1 1 0 2 2 39 42 32 44 26 2 44 35 49 42 61 54 17 23 19 14 13 44 Fragen 1, 3, 4, 11, 14, 22, 23, 25, 27, 65, 66, 67. Hinweise n=9.000 · Alle Angaben gerundet und in Prozent(bis auf»Alter«, hier ist Altersdurchschnitt angegeben) | a Bildung: Um unterschiedliche nationale Ausbildungssysteme vergleichen zu können, wird hier nur die Situation der ältesten Gruppe(26–30 Jahre; n=2.867) betrachtet.»Niedrig« beinhaltet Analphabeten, diejenigen die Lesen und Schreiben können und alle, die über einen Grundschulabschluss verfügen;»Mittel« bezieht sich auf alle, die über einen mittleren Schulabschluss verfügen; und»Hoch« auf alle, die mindestens ein Abitur haben, inklusive aller Personen mit Hochschulabschluss. b In Jordanien nahmen nur Personen an der Befragung teil, die sich selbst als»Jugendliche« bezeichneten. c Aus rechtlichen Gründen nahmen in Jordanien nur Personen an der Befragung teil, die mindestens 18 Jahre alt waren. Entsprechend fallen die Schülerzahlen geringer aus. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen(vgl. Tab. 1.2). Die Bildungssituation ist sehr unterschiedlich, ebenso wie der Familienstand: Je nach Land sind zwischen 43 und 87 Prozent alleinstehend bzw. zwischen 13 und 55 Prozent bereits verheiratet. Auch in der Beschäftigungssituation bestehen große Unterschiede: In Bahrain sind beispielsweise 56 Prozent der Befragten Schüler und Studenten, während dies bei den syrischen Flüchtlingen nur 2 Prozent sind. Berufstätig sind je nach Land Jugend in der MENA-Region 21 zwischen 13 und 23 Prozent, allein im Libanon sind es 34 Prozent und bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon gar 44 Prozent der Befragten. Entsprechend bestimmen verschiedene Kontexte die Situation junger Menschen in der MENA-Region. Die quantitativen statistischen Befunde wurden zudem durch die Ergebnisse aus über 100 qualitativen Befragungen – mindestens 10 in jedem Land – ergänzt. Die entsprechenden Interviews wurden im Dezember 2016 und im Januar 2017 durchgeführt. Befragt wurden nur Personen, die zuvor bereits an der quantitativen Befragung teilgenommen hatten(vgl. Methodenkapitel im Anhang). Ermöglicht durch die Zeitversetzung von quantitativer und qualitativer Befragung um ein halbes Jahr konnten erste empirische Befunde bereits auch mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen besprochen werden. Um das Spektrum von Jugendlichkeit und das Selbstverständnis junger Erwachsener in der MENA-Region in einer ersten Annäherung aufzuzeigen, werden sechs persönliche Positionen zur Frage, was Jugend ausmacht, exemplarisch vorgestellt: Ich denke, Teil der Jugend zu sein, bedeutet Sport zu treiben, in den Klub zu gehen, Reisen zu unternehmen und das Leben zu genießen. Als junger Mensch habe ich Träume und Pläne, die ich umsetzen möchte. Ich denke an die Zukunft, an meine Kinder und was ich ihnen bieten möchte, beispielsweise, welche Ausbildung sie bekommen. Mariam, 26, verheiratet, arbeitet als Lehrerin in Bahrain(BA-3) In der heutigen Zeit jung zu sein heißt, das Leben zu genießen, mein Studium fortzusetzen und gleichzeitig, das Leben bis zum Maximum auszukosten. Die Zeit der Jugend ist die allerwichtigste im Leben. Als junge Menschen sind wir vielen Ereignissen ausgesetzt, wir sammeln viele Erfahrungen von verschiedenen Menschen, das ermöglicht es uns, unser zukünftiges Leben zu planen. Hanna, 20, alleinstehend aus Casablanca in Marokko(MA-10) Es besteht kein Zweifel, dass die Umstände, die unsere Leben heute bestimmen, härter sind als jemals zuvor. Ich glaube, die früheren Generationen hatten im Vergleich zu uns ein angenehmeres Leben. Sie lebten ihren Lebensstil in ruhigeren und stabileren Zeiten. Unsere Leben ist von Anfang an grundlegend anders, denn wir wuchsen mit Revolutionen auf, mit instabilen Bedingungen im öffentlichen Raum, mit dem Verlust an Sicherheit, der Abwesenheit der Polizei und der Erfahrung mehrfacher unerwarteter Wechsel in der Staatsführung. Sara, 17, Schülerin, lebt in Bani Suef, Ägypten(EG-2) 22 Jörg Gertel Jugend ist die Basis der Gesellschaft und die Stütze, auf die sie aufbaut. Ich meine, dass der junge Mann derjenige ist, der die Familie gründet, er wird zum Ehepartner und Vater, zum Bruder, der eine Position in seinem Land hat. Um also ein Mitglied der Gesellschaft zu werden, müssen wir zunächst eine Arbeit finden, die uns den Lebensstandard ermöglicht, eine Familie zu gründen, unser Berufsleben zu starten und Ansprüche zu haben, die wachsen können. Gegenwärtig, glaube ich, hat die Jugend keine Ansprüche, denn wir finden keine Arbeit. Wie können wir also eine Familie gründen, leben, essen oder trinken? Wir sind überhaupt nicht sicher. Jeden Tag hören wir von Bomben. Mein Sicherheitsgefühl ist aufgrund vieler Dinge gesunken; wir erleben jede Art gewalttätiger Aktionen wie Explosionen und Schusswechsel. Wenn ich rausgehe in die Straßen, bin ich nicht sicher, dass ich unverletzt nach Hause komme. Muataz, 29, verheiratet, arbeitet in Giza, Ägypten(EG-3) Als junger Mann bin ich gezwungen, hart zu arbeiten, hier oder woanders; die Jugend ist eine Zeit für harte Arbeit. Die Zukunft ist unklar und instabil, doch ich hoffe auf bessere Bedingungen beim Wohnen und Arbeiten und hinsichtlich des Lebensstandards. Samir, 26, Ramallah, Palästina(PS-4) Ich bin regelmäßig ins Internetcafé gegangen, um mich[im Netz] mit Leuten meines Alters zu treffen, von hier und aus dem Ausland, beispielsweise den USA. Ich weiß, dass ich hart arbeite und von der ›Hand in den Mund‹ lebe. Ich bin nicht einmal in der Lage, meine Situation zu verbessern oder meine Möglichkeiten zu entwickeln, etwa eine Wohnung zu kaufen. Ich meine damit nicht, dass ich mich weniger wert fühle, doch ich fühle, dass die dort bessere Lebenschancen haben, als wir sie hier haben. Sie arbeiten, und der Staat hilft ihnen, und ihre Eltern helfen ihnen. Ich mache meinen Vater nicht dafür verantwortlich; es liegt nicht in seiner Hand, aber wir haben wirklich mit den Bedingungen zu kämpfen. Das betrifft besonders die vergangenen fünf Jahre, also die Zeit nach der Revolution und die schlechten wirtschaftlichen Bedingungen, die wir im Moment haben. Ich habe nur einen Hauptschulabschluss, also bin ich weit davon entfernt, ans Heiraten zu denken. Das ist gegenwärtig fast unmöglich geworden. Heiraten bedeutet, eine Wohnung zu haben, und das heißt, eine halbe Million ägyptische Pfund(ca. 25.000 Euro) zu besitzen. Das habe ich nicht; es ist schwer genug, satt zu werden. Ich arbeite nur, um überhaupt leben zu können. Ahmad, 20, arbeitet als Elektriker in Ägypten(EG-8). Diese Aussagen machen exemplarisch deutlich, dass die Jugendzeit dynamisch ist. Es geht für einige darum, das Leben zu genießen und sich Träume zu erfüllen. Jugend kann aber auch bedeuten, hart zu arbeiten und verantwortungsbewusst zu handeln. Zudem wird deutlich, dass sich für andere Jugendliche die gegenwärtige Situation nicht als vergleichbar mit der früherer Jugendgenerationen darstellt. Aufgrund der ökonomischen Probleme können junge Erwachsene ihrer gesellschaftlichen Rolle kaum Jugend in der MENA-Region 23 noch gerecht werden. Gleichzeitig sind sie durch den Zugang zu neuen Medien heute in der Lage, ihre Situation in einem weltweiten Gefüge einzuordnen. Diese unterschiedlichen Positionen werden auch in der aktuellen Jugendforschung sichtbar. 3 Jugendforschung Jugendliche in der MENA-Region waren lange Zeit kaum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen.»Jugend« als sozialer Kategorie wurde erst in der postkolonialen Phase, ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eine gesellschaftliche Relevanz zuerkannt. Die ländlich geprägten Agrargesellschaften Nordafrikas und des Nahen Ostens kannten bis dahin vor allem Kinder und Erwachsene; das»Jugendliche« war oft auf den Moment des Übertritts von der einen in die andere Lebensphase beschränkt und durch Rituale( rites de passage) wie Heirat, aber auch durch die Geburt eigener Kinder markiert. Erst die beiden jüngeren Ereignisse des 11. Septembers 2001 und des Arabischen Frühlings 2010/11 haben die Jugendlichen der Region ins breite öffentliche Interesse gebracht, dann jedoch gleich auf die internationale Bühne gehoben. Vorher hatten junge Menschen als»Jugendliche« eher nur vorübergehende gesellschaftliche Bedeutung: In der Vergangenheit wurden junge Männer etwa für militärische Auseinandersetzungen rekrutiert, auch stellte die Jugend wiederholt das Objekt rhetorischer Vereinnahmungen dar, etwa während der Unabhängigkeitsbestrebungen und Nationenbildung einzelner Länder(vgl. Ouaissa 2014; Hecker 2014) oder sie fielen wie in den 1970er- und 1980er-Jahren bei Protestaktionen gegen staatliche Sparmaßnahmen auf(Walton& Seddon 1994) oder wurden während der ersten Intifada sichtbar(Larzillière 2004). Positive und negative Bilder über die Jugend wechselten sich dabei ab(Bayat 2010). Eine wesentliche inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Jugend bezieht sich von Anfang an darauf, wie es konzeptuell zu erklären und empirisch zu fassen ist(Bourdieu 1980). Drei Fragen sind dabei leitend: Was bildet der Begriff Jugend ab; existiert eine soziale Kategorie innerhalb der Gesellschaft, die sinnvoll als Jugend zu bezeichnen ist; und wie ist diese Kategorie/Klasse, wenn sie existiert, zu definieren? Die Debatte über die Jugend in der MENA-Region bezieht sich fast durchgängig auf die sogenannte Jugendblase( youth bulge), die wachsende demografische Bedeutung junger Menschen, als Startpunkt für die 24 Jörg Gertel Ausbildung einer neuen gesellschaftlichen Klasse(vgl. Dhillon 2008). In der Tat war der Anteil der Jugendlichen an der Gesellschaft niemals zuvor so hoch wie heute: Allein die 15- bis 29-Jährigen machen mittlerweile 30 Prozent der arabischen Bevölkerung aus(UNDP 2016, 22). Trotzdem bleiben Alterseinteilungen von Gruppen willkürlich; die Definition von Jugend ist kaum hinreichend allein durch ein Altersspektrum abzubilden. Bei der Ausbildung von Jugend als einer gesellschaftlich relevanten Gruppe greifen stattdessen mehrere Entwicklungen ineinander: Mit der Moderne entstehen lokal übergeordnete Sozialisierungsinstitutionen wie Schule und Universitäten – die formelle Ausbildung wird zum Massenphänomen. Gleichzeitig vollziehen sich Veränderungen in der Arbeitsgesellschaft(die Landwirtschaft erlebt einen rasanten Bedeutungsverlust, Lohnarbeit tritt anstelle von Subsistenztätigkeiten, Kinderarbeit wird zusehends geächtet, der Arbeitseintritt wird für immer mehr Tätigkeiten standardisiert); die Urbanisierung nimmt rasant zu; und es entsteht – oft ausgehend vom städtischen Gefüge der Arbeitsgesellschaft – eine neue Freizeit- und Konsumkultur. Parallel zu den gesellschaftlich-institutionellen Veränderungen, die die Jugend als gesellschaftliche Gruppe erst hervorgebracht haben, spielen biologische Entwicklungen(Pubertät) und soziale Übergänge – wie das Ende der Ausbildung, der Beginn der Berufstätigkeit oder der Eintritt ins Militär sowie der Auszug aus dem elterlichen Wohnraum, die Heirat oder die Geburt eigener Kinder – eine Rolle, um Jugendphasen ein- und abzugrenzen. Inwieweit es mit der Formierung von Jugendlichkeit( youthfulness) zur Ausbildung eines(einzigen) jugendlichen Habitus – eines Lebensstils – kommt(Bayat 2010), bleibt fraglich, da sich allein durch die überwältigende Menge an jungen Menschen mit ihren so unterschiedlichen Alltagspraktiken und Lebensentwürfen eher Vielfältigkeit von Jugendlichkeit denn Uniformität materialisiert. Die Überlegungen der postkolonialen Studien zeigen, dass Kategorien nicht per se fixiert sind, sondern immer wieder interessengeleitet ausgehandelt werden. Jugend als Kategorie und jugendliche Identitäten stellen aus dieser Perspektive Bündel von Narrativen der Selbstproduktion innerhalb einer Vielzahl diskursiver Felder dar. Dies korrespondiert mit Überlegungen von Bennani-Chraïbi(1994), die bereits in den 1990er-Jahren von bricolage culturel spricht, um die»Bastelidentitäten« marokkanischer Jugendlicher zu beschreiben(vgl. Schaeffer Davis& Davis 1989). Vor dem Hintergrund, dass sich biografische Übertritte hin zum Erwachsenwerden mit der Heirat jüngst immer weiter nach hinten verschieJugend in der MENA-Region 25 ben, hat sich dies nochmals verändert, da etwa arbeitslosen Schulabgängern oder Universitätsabsolventen zunehmend die wirtschaftlichen Voraussetzungen fehlen, um eine Wohnung zu kaufen oder eine Hochzeit auszurichten, worauf die vorausgegangenen Interviews bereits hingewiesen haben. Anstatt in die Welt der Erwachsenen, die adulthood, einzutreten, verharren junge Menschen in der waithood(Singerman 2007), einer Art Wartezustand und prekärer Latenzzeit, durch die sich die Dauer der Jugend stark verlängert(vgl. Dhillon& Yousef 2009; Honwana 2012). Diese Phase bleibt ambivalent: Einerseits ist sie Ausdruck vom Scheitern an den ökonomischen Bedingungen und beinhaltet Unselbstständigkeit und Abhängigkeiten von der Familie, was ich(Gertel 2017) als contained youth bezeichne. Da Jugendliche aufgrund mangelnder Arbeit oft gezwungenermaßen länger in ihren Herkunftsfamilien leben, können sie sich nicht aus dem engeren Sozialisierungsverband herauslösen und eigenständig werden; sie bleiben eine eingehegte Gruppe. Andererseits enthält diese Zeit jedoch unter Umständen auch kreatives und transformatives Potenzial. Identitäten werden komplexer, gleichzeitig bilden sich unterschiedliche Lebensgefühle und Jugendkulturen aus. Emma Murphy(2012) hält, in Auseinandersetzung mit Mannheims(1928) klassischem Generationenbegriff und implizit in der Weiterführung von Bennani-Chraïbis Überlegungen, fest: »Einzelne Personen mögen sich im Fall der arabischen Jugend aus dieser generationsbezogenen Narration geschmeidig hinein- und herausbewegen; Erfahrungen wie Arbeitslosigkeit, zeitverzögerte Heirat oder politische Frustration bringt Personen zusammen, aber Patchwork-Kompositionen von gegenwärtigen jugendlichen Identitäten bedeuten, dass nichts in Stein gemeißelt ist; unterschiedliche Komponenten der Narrationen haben größere oder kleinere Bedeutungen für Individuen und dies auch unterschiedlich zu verschiedenen Zeitpunkten. Neue Möglichkeiten oder materielles Glück können sie[die Narration] als unmittelbar weniger relevant erscheinen lassen«(Murphy 2012, 17). Untersuchungen zur Jugendkultur thematisieren inmitten der fortschreitenden globalen Entgrenzung die Formierung von Gruppen, die Bedeutung der Peergroup oder von Subkulturen wie der Musikszene(vgl. Hecker 2012; Swedenburg 2012). Somit ist festzuhalten, dass sich, während Jugend sich als soziale Kategorie in der MENA-Region formiert, ihre Binnendifferenzierung gleichzeitig vergrößert. Parallel dazu hat sich die gesellschaftliche Rolle und der Einfluss der Jugendlichen verändert: Sie gelten nicht mehr nur als zentrale Akteure für die Gestaltung der Zukunft, sondern werden gerade im afrikanischen 26 Jörg Gertel Kontext als social shifters(Durham 2000) bzw. als social breakers and makers(Honwana& DeBoek 2005) bezeichnet. In der MENA-Region sind Jugendliche heute besser gebildet als jemals zuvor, verfügen über eine Medienkompetenz wie keine andere soziale Gruppe(Braune 2008; Richter 2011; Transfeld& Werenfels 2016) und können durch die wachsende sprachliche Konvergenz im Englischen zunehmend grenzüberschreitende soziale Netzwerke bilden. Zeitweise waren sie die zentralen Protagonisten des Arabischen Frühlings(vgl. Alhassen& Shihab-Eldin 2012; Khalaf& Khalaf 2012; Bayat 2017). Dennoch hat sich nach den Aufständen von 2011 wenig für Jugendliche verbessert; im Gegenteil, ihre ökonomische Lage hat sich verschlechtert, die institutionelle Durchlässigkeit hat eher abgenommen und die Teilnahme an gesellschaftlichen Beteiligungsprozessen scheint schwieriger denn je. Ihre gegenwärtige Position in den Gesellschaften der MENA-Region steht daher infrage. In den vergangenen zehn Jahren ist die Forschungslandschaft, die sich mit Jugendlichen in der MENA-Region beschäftigt, allerdings vielfältiger, mehrsprachiger und teilweise unübersichtlich geworden. Deutsch-, französisch- und englischsprachige Arbeiten, um neben Arabisch nur einige andere Publikationssprachen zu nennen, sind entstanden. Gleichzeitig ist die Wissensproduktion über Jugend immer stärker auch zu einem politischen Feld geworden, bei dem um Deutungshoheit gerungen wird. Oft wird dies auf zwei Sichtweisen reduziert: Jugend wird als Problem und Gefahr verstanden oder die Probleme und Gefährdungen der Jugend werden thematisiert. Noch immer sind allerdings statistische Daten, insbesondere solche, die länderübergreifende Zusammenhänge herstellen, eher rar, hochauflösende aggregierte empirische Befunde, die explizit zu Jugendlichen generiert wurden, liegen kaum vor oder sind schwer zugänglich. Solche Studien entstehen meist durch Regierungsagenturen innerhalb einzelner arabischer Länder, aber auch durch wachsende Interessen der Markt- und Meinungsforschung. Doch auch die Zivilgesellschaft und internationale Agenturen haben Interesse an empirischen Erhebungen, ebenso wie private Forschungsinstitutionen und öffentliche Universitäten. Hieraus ist ein komplexes Feld der Wissensproduktion entstanden, das sich vereinfacht zwei Gruppen zuordnen lässt. Zum einen existieren Studien vonseiten internationaler Organisationen, nationaler Regierungsbehörden, halbstaatlicher Einrichtungen, Marktforschungsinstituten oder PR-Agenturen; diese Akteure wählen oft einen quantitativen Zugang(vgl. Lamloum& Ali Ben Zina 2015; Burson MarstelJugend in der MENA-Region 27 ler 2015). Die Befragungsmethoden sind dabei unterschiedlichster Provenienz wie Telefonumfragen, Onlineerhebungen oder der Einsatz von standardisierten Fragebögen. Häufig sind solche Studien nur auf ein Land ausgerichtet, dabei aber regional ungleich verteilt. Wenn sie überregional angelegt sind, verfügen sie bisher selten über analytischen Tiefgang und beruhen oft auf sekundären Daten. Klassische Themen sind Bildung, Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit sowie Arbeitsmigration und Konsumverhalten. Exemplarisch kann der jüngste Arab Human Development Report von 2016 angeführt werden, der seinen Fokus auf die arabische Jugend richtet(UNDP 2016). Für seine Zusammenstellung wurden allerdings keine eigenen standardisierten Befragungen vorgenommen, sondern vorhandene Sekundärdaten ausgewertet. Diese gehen etwa auf das World Value Survey, Daten von Markt- und Meinungsforschungsinstituten wie Gallup oder auf Weltbankdaten zurück. Vielfach sind aber auch Auskünfte nationaler Statistikinstitute grundlegend. Wissensproduktion steht dabei in einem klaren Verwendungszusammenhang, was sie der Kritik zugänglich macht. So wurde etwa im Falle des jüngsten Arab Human Development Report auf intransparente editorische Prozesse aufmerksam gemacht; insbesondere wurde herausgestellt, dass einzelne Inhalte politisch ausgehandelt wurden, indem sie beispielsweise Botschaftern zur Kenntnisnahme vorgelegt und im Nachgang zensiert wurden(vgl. Al-Ali et al. 2016). Zum anderen sind Untersuchungen anzuführen, die durch universitäre und akademische Forschungseinrichtungen entstehen(vgl. Bonnefoy& Catusse 2013; Gertel& Ouaissa 2014; Herrera& Bayat 2010). Hier kommen international unterschiedliche Wissenssysteme zusammen. Da es weltweit unterschiedliche Erfahrungen mit Jugendstudien gibt, jedoch auch entsprechende sprachliche Verständnisprobleme und Nichtkenntnisnahmen, bleibt der Austausch partiell. Meist wird ein qualitativer Zugang gewählt (Feldforschung, qualitative Befragungen, Zielpersonengespräche, Medienanalyse). Oft scheint dies alternativlos, da die finanzielle Ausstattung akademischer Arbeiten beschränkt ist und aufwändige Genehmigungsverfahren nicht verfolgt werden können. Der Fokus solcher Untersuchungen richtet sich beispielsweise auf Fragen der Identitätsaushandlung, auf Jugendkulturen oder Mediennutzung sowie Mobilisierung, Widerstand und Protest. Jüngst haben im Nachgang des Arabischen Frühlings zwei größere Forschungszusammenschlüsse internationaler Wissenschaftler, die mit europäischen Geldern unterstützt werden, den Forschungsstand zu Jugendlichen in der MENA-Region deutlich erweitert, neue Einsichten gene28 Jörg Gertel riert und wichtige Forschungsperspektiven aufgezeigt. Daraus sind Dutzende von Arbeitspapieren, filmisch dokumentierte Interviews, Porträts und Konferenzen entstanden. Das Sahwa-Projekt(2014–2017), das sich aus arabischen und europäischen Partnern zusammensetzt, beleuchtet allgemein Übergänge, Wandlungsprozesse und Zukunftsperspektiven in fünf arabischen Mittelmeerländern(Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten und Libanon). Das Power2Youth-Projekt(2015–2017) untersucht, ebenso weitgehend gestützt auf bestehende Daten, die Ursachen und Dynamiken, die zur Exklusion und Inklusion arabischer Jugendlicher in den Arbeitsmarkt und ins zivile Leben führen, und thematisiert die transformativen Effekte individuellen und kollektiven jugendlichen Handelns. Sechs Länder standen dabei im Fokus(Marokko, Tunesien, Ägypten, Libanon, Palästina und die Türkei). Auch hier sind die Wissenschaftler durchaus kritisch gegenüber den Politikzielen, die mit den Programmen verbunden sind. In einem Grundsatzpapier, das sich mit der Regierbarkeit von Jugend auseinandersetzt, halten Catusse und Destremau fest: »Aus der Vogelperspektive betrachtet, erscheint der öffentliche politische Diskurs über Jugend und über ›Jugendprobleme‹ als dicht und zeitweise als exzessiv. Trotz der Hervorhebung von Jugend als Problem und als wichtiges Anliegen wirft ein genauerer Blick Licht auf die Tatsache, dass konkrete Daten und Informationen über Jugendliche oft nur spärlich vorliegen und auch nicht immer belastbar sind. Die konkreten Mechanismen und Institutionen zur Implementierung politischer Maßnahmen sind in Wirklichkeit kaum signifikant. Oft handelt es sich um leere Hülsen, hochgradig politisiert aber mit wenig Bedeutung«(Catusse& Destremau 2016, 14). Auch vor diesem Hintergrund möchte die vorliegende Studie einen Beitrag leisten, die Debatte um junge Menschen in der MENA-Region auf eine breitere Informationsgrundlage zu heben. Insofern stellen die vorgelegten Ergebnisse eine Einladung zum komplementären Lesen dar, also dazu, bekannte Einsichten mit den neuen hier vorgelegten Befunden abzugleichen. 4 Kapitel – Argumentation Ungewissheit: Im folgenden Kapitel 2 wird aus konzeptueller und empirischer Perspektive die Bedeutung von Ungewissheit herausgearbeitet. Ungewissheit bezieht sich auf das, was die Zukunft bringt: Vieles, wenn nicht alles, ist uns unbekannt; wir können es nicht vorhersehen. Wir wissen Jugend in der MENA-Region 29 nur zu einem gewissen Umfang, wie die Dinge sich entfalten werden. Individuen wie Gesellschaften versuchen allerdings fortwährend, Ungewissheiten einzuhegen und damit einzelne Aspekte des Alltags auf die Zukunft auszurichten und planbar zu machen. Jugendliche sind von Ungewissheiten nochmals besonders betroffen: Um den Anforderungen der globalisierten Welt gewachsen zu sein, müssen sie sich aus behüteten Familienbeziehungen und Reproduktionskontexten herauslösen. Im Mittelpunkt stehen daher die Fragen, wie Sicherheiten hergestellt werden können und wem dies am besten gelingt. Werte: Jörg Gertel und David Kreuer beleuchten in Kapitel 3 die Werte Jugendlicher und junger Erwachsener der Region. Werte verstehen sie als Orientierungsmuster und als Anhaltspunkte für individuelle und kollektive Ziele. Die große Vielfalt an Werten und Lebensentwürfen ist dabei keineswegs stabil und fixiert, sondern unterliegt Veränderungen. Während grundlegende Sozialisierungsinstitutionen wie Familie und Schule landesspezifische Prägungen aufweisen, zeichnen sich in Anbetracht steigender Ungewissheit, nach dem hoffnungsvollen Vertrauen in Gott, vor allem drei verbreitete Orientierungsmuster ab: der Wunsch nach Recht, Ordnung und Sicherheit; der Wunsch nach einem angemessenen Lebensstandard, der vielfach mit der Forderung nach adäquaten Arbeitsplätzen zusammenhängt; und schließlich der Wunsch nach vertrauensvollen Partner- und Familienbeziehungen. Die Autoren zeigen, dass vier übergeordnete Wertebündel – Gemeinschaftssinn, Erfolgsorientierung, Freiheitsstreben und Sittlichkeit – die arabischen Jugendlichen heute prägen, dass allerdings die individuellen Ausprägungen der Werte sowie die Lebensrealität deutlich komplexer sind und in Anbetracht von Kriegserlebnissen und Gewalterfahrungen zudem vielfach durch biografische Brüche geprägt sein können. Zuversicht erwächst vielen aus dem unbedingten Vertrauen in Gott, was als sehr persönliche Angelegenheit verstanden wird. Religion: Rachid Ouaissa geht in Kapitel 4 der Frage nach, ob es sich bei der seit einigen Jahren zu beobachtenden Zunahme an Religiosität der Jugendlichen tatsächlich um einen Aufstieg bzw. eine Rückkehr der Religion handelt oder ob es sich im Spannungsfeld von Globalisierungsdruck und der Sehnsucht nach lokaler Kultur vielmehr um individuelle Manöver handelt, die darauf abzielen, eigene Identitäten zu basteln. Die empirischen Daten liefern zunächst das Bild von eher frommen Jugendlichen in der Region. Dabei fühlen sich Frauen religiöser als Männer. Generell setzt eine größere Religiosität oft erst nach der Schulzeit ein, findet 30 Jörg Gertel sich vor allem in Großstädten und bei den Wohlhabenden, besonders wenn der Bildungsgrad des Vaters hoch ist. Weniger religiöse Jugendliche stammen hingegen aus Familien mit geringem Bildungskapital, aus den unteren Mittelschichten bzw. armen Schichten der Gesellschaft. Religion, so der Autor, ist eine private Angelegenheit, doch Religiosität wird zum Hoffnungsgeber und zur Quelle von Optimismus. Religion dient nicht mehr politischen oder ideologischen Zwecken, sondern dem individuellen Wohlfühlen und der Selbstdisziplinierung. Sie wird zum Kanal der Spiritualität und weniger Ausdruck von Ideologie oder Politik. Der Grad der Frömmigkeit steigt, jedoch vor allem auf individueller Ebene und nicht mehr als eine kollektive Sozialutopie. Dies interpretiert Ouaissa als Rückgang der politischen Religiosität und als Zunahme der sozialen Religiosität; er überlegt, ob wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt erleben. Geschlechter: Ines Braune zeigt in Kapitel 5, inwieweit sich Geschlechterrollen bei den Jugendlichen und Erwachsenen der MENA-Region verändert haben. Die Autorin argumentiert, dass Ungleichheit in der arabischen Welt oftmals vor allem als geschlechtsspezifisch wahrgenommen wird und daher andere, oft entscheidende, Faktoren nicht in den Blick geraten. Anhand von vier Themen – Jugendlichkeit, Bildung, Zukunft, sexuelle Belästigung – zeichnet sie ein Bild, bei dem deutlich wird, dass unterschiedliche Lebensbereiche miteinander verbunden sind und sich intersektionale Ungleichheiten verschieben und verschärfen. Dabei spielen auch die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und Jemen eine Rolle, ebenso wie bestimmte Einstellungsmuster, die Männer und Frauen teilen. Während beispielsweise auf den ersten Blick überwiegend junge Frauen bereits verheiratet sind, zeigt eine genauere Analyse des sozioökonomischen Hintergrundes, dass besonders junge Menschen aus unteren Schichten – Männer wie Frauen gleichermaßen – diesen Schritt vollzogen haben. Hinsichtlich sexueller Belästigung stellt die Autorin exemplarisch heraus, dass davon deutlich mehr Frauen betroffen sind; allerdings zeigt sich dann, dass junge Männer und Frauen gleichermaßen frauenfeindliche Einstellungen teilen, und das unabhängig vom Bildungsstand. Familie: Christoph H. Schwarz beleuchtet im 6. Kapitel die Rolle der Familie und zeigt, dass Familie für Jugendliche weiterhin eine, wenn nicht die Schlüsselrolle in den arabischen Ländern einnimmt. Gerade bei finanziellen Bedürfnissen sind die Familie und Verwandtschaftsnetzwerke die wichtigsten Ansprechpartner. Die Jugendlichen selbst sind an starken Jugend in der MENA-Region 31 Familienbanden interessiert, erachten eigene Kinder als wichtig und würden auch wenig an der Erziehung ändern, die sie selbst genossen haben. Gleichzeitig verfolgen sie in diesem Bereich auch autonome Ziele, etwa wenn es darum geht, den eigenen Partner für die Heirat auszuwählen. Die Frage der Heirat wiederum entscheidet nicht, wie oft angenommen, über ihre eigene Wahrnehmung als Jugendliche oder Erwachsene. Schwarz stellt abschließend heraus, dass, obwohl die Lebenschancen zwischen den Generationen, bezogen auf die Eltern der Befragten, offensichtlich ungleich verteilt sind, die jungen Erwachsenen den Älteren in der Regel nicht mit Vorbehalten, Forderungen oder Feindseligkeit begegnen. Ökonomie: Jörg Gertel geht in Kapitel 7 der Frage nach, wie junge Erwachsene gegenwärtig ihre ökonomische Situation angesichts von drei Jahrzehnten neoliberaler Politik, massiver Privatisierung und dem Abbau des Wohlfahrtsstaates einschätzen. Er zeigt, dass die Jugendlichen gegenüber ihrer Elterngeneration von drei Dynamiken betroffen sind: vom massiven Verlust der Arbeitsplatzsicherheit, einer wachsenden wirtschaftlichen Polarisierung sowie von nicht eingelösten Bildungsversprechen. Selbst mit deutlich besserer Ausbildung ist ein sozialer Aufstieg für viele in weite Ferne gerückt. Der Verlust abgesicherter staatlicher Arbeitsplätze geht vielmehr noch mit dem Verlust staatlicher Fürsorge einher. Nur ein Drittel der Jugendlichen ist überhaupt berufstätig, wenn Schüler, Studenten und Studentinnen nicht berücksichtigt werden. Alle anderen sind vorübergehend oder sogar generell ohne Arbeit; und von den Berufstätigen sind fast die Hälfe in ungesicherten Arbeitsverhältnissen tätig. Vor diesem Hintergrund nimmt die Bedeutung der Familie als soziales und ökonomisches Sicherungssystem weiter zu. Ein Bruch mit der Familie wird für diese Generation der »eingehegten Jugend« nahezu undenkbar, da kaum eine andere Institution ökonomische Unsicherheit abfedert. Der soziale Prozess der Verunsicherung wird somit zum Dauerzustand und Prekarität allgegenwärtig. Junge Familien, die potenziell als gut ausgebildete Doppelverdiener in eine hoffnungsvolle gesellschaftliche Zukunft starten könnten, sind, so zeigen die Befunde, mit massiven ökonomischen Problemen konfrontiert. Etwa die Hälfte der jungen Männer, die bereits einem Haushalt vorstehen, beurteilen die ökonomische Situation ihrer Familien als»eher schlecht« und»sehr schlecht«. Neue gesellschaftliche Brüche sind in diesen Entwicklungen angelegt. Mittelklasse: Jörg Gertel und Rachid Ouaissa zeigen in Kapitel 8, dass die arabische Mittelschicht zwar jahrzehntelang eine wichtige Größe darstellte, sich heute jedoch in Auflösung befindet. Obgleich junge Leute für 32 Jörg Gertel ihre Familien einzelne Klassenpositionen identifizieren können, weitgehend geprägt durch den Bildungshintergrund und das Erwerbsprofil der Elterngeneration, wird die Gesellschaft durch eine Reihe von Rissen polarisiert. Zwei Dynamiken wirken zusammen: Über die letzte Generation hinweg wurde die Beschäftigungsstruktur umgebaut, sodass wirtschaftliche Absicherung für viele verloren gegangen ist. Jüngst haben zudem Kriege, bewaffnete Konflikte, Revolutionen und Unruhen die soziale Sicherheit zusätzlich erschüttert. Seither ist die Mittelschicht in Segmente zerfallen, die ein unterschiedliches Maß an Instabilität und Prekarität aufweisen. Die junge Generation ist dabei in zwei ambivalente Prozesse eingebettet. Erstens verliert diese Generation, zusätzlich zu den schwindenden Klassenpositionen, die Gewissheit einer sozialen Identität. Wenn gesellschaftliche Strukturen zusammenbrechen, ist es für den Einzelnen nicht mehr einfach, sich mit einem Staat zu identifizieren – schon gar nicht mit seiner politischen Praxis. Zweitens ist die politische Mobilisierung, das Ringen um Teilhabe, am stärksten unter den Gruppen ausgeprägt, die jüngst eine soziale Abwärtsmobilität erfahren haben. Diese Erfahrungen spiegeln sich schließlich in den Vorlieben junger Leute für spezifische politische Systeme wider: Diejenigen, welche zu den wirtschaftlichen Gewinnern zählen, also die obere Mittelschicht, stellen die größte Gruppe derer, die sich einen »starken Mann« an der Spitze wünschen, während ein religiöses System auf Grundlage der Scharia am häufigsten von den untersten Mittelschichten und den Armen favorisiert wird. Zwar wünscht sich weiterhin eine Mehrheit, in erster Linie verkörpert durch den Kern der Mittelschicht, ein demokratisches System – doch diese Mittelschicht ist volatil geworden. Hunger und Gewalt: Jörg Gertel und Tamara Wyrtki betonen in Kapitel 9, dass im Kontext wachsender Ungewissheiten zwei Formen von Sicherheit ausschlaggebend sind: die Sicherung der Grundbedürfnisse und die Abwesenheit von Gewalt, und zwar in beiden Formen, der direkten und strukturellen Gewalt. Zu Letzteren zählen auch Mangelernährung und Hunger, da sie im Sozialsystem wirksam werden. Die Befunde zeigen unterschiedliche Ausprägungen von Nahrungsunsicherheit und Gewalt, in die Jugendliche verwickelt sind. In Ägypten und anderen importabhängigen Ländern fehlt ihnen beispielsweise oft die Kaufkraft, um die Lebensmittel zu erwerben, die de facto auf dem Markt vorhanden sind. In Palästina wiederum befeuert unter anderem die Politik Israels lokale Armut und Nahrungsunsicherheit. Im Jemen und in Syrien sind demgegenüber kriegsbedingt Millionen von Personen, vielfach Jugendliche und Kinder, von Jugend in der MENA-Region 33 Hunger bedroht. Sie erleben den Zusammenbruch der Wirtschaft, den Kollaps sozialer Beziehungen und den Tod von Angehörigen. Selbst Familienmitglieder können sich gegenseitig nicht immer helfen. Viele junge Menschen sind daher traumatisiert und sowohl perspektiv- wie hoffnungslos. Lange Ketten von Transaktionen ermöglichen es, so Autor und Autorin, dass Hunger- und Gewalträume(in der MENA-Region) und Profiträume (etwa in internationalen Handelssälen, die Rohstoffpreise generieren) zwar kausal verbunden sind, jedoch territorial auseinanderfallen. Risiken sind dadurch charakterisiert, dass soziale Verantwortungsgefüge zerfallen und Haftungen, etwa gegenüber Waffen- und Spekulationsgeschäften, die zu Krieg und Hunger führen, bisher kaum einzuklagen sind. Migration: Jörg Gertel und Ann-Christin Wagner beleuchten in Kapitel 10 die Mobilität junger Menschen in der MENA-Region, die vielfach falsch eingeschätzt wird. Sie zeigen anhand der empirischen Befunde, dass generell nur eine kleine Gruppe, weniger als zehn Prozent, fest zur Migration entschlossen ist. Die Arbeitsmigration konzentriert sich dabei auf die arabische Welt, auch wenn sie durch historische, sprich koloniale und sprachliche Verbindungen nach Europa geprägt ist. Die Absicht, im Ausland Arbeit zu suchen, ist begrenzt. Die Möglichkeiten der virtuellen Mobilität im Netz, die Verfestigung der Außengrenzen vieler Länder und die hohen Kosten der Migration tragen hierzu bei. Aufgrund ihrer vielfach prekären Situationen sind Betroffene zwischen vorübergehenden Abwanderungsüberlegungen und der tiefen Verbundenheit mit ihren Heimatländern und ihren Familien bei ihren Überlegungen dennoch hin- und hergerissen. Emigration wird dabei keineswegs als»einfacher Ausweg« verstanden. Die Autorin und der Autor stellen anhand der empirischen Befunde drei Mechanismen heraus. Zum einen ist die Bereitschaft, den eigenen Lebensentwurf zu ändern, ungleich verteilt: Junge, alleinstehende Männer zeigen die höchste Flexibilität. Zum anderen hängt die individuelle Mobilität auch mit vorangegangenen Migrationserfahrungen innerhalb der familiären Netzwerke zusammen. Und schließlich gehören Flucht und Asyl als Konsequenz bewaffneter Konflikte leider vielfach zum Lebensalltag arabischer Jugendlicher. In den Aufnahmeländern bedeutet die häufig erzwungene Immobilität der Flüchtlinge, dass selbst nach gewaltsamer Vertreibung neue Unsicherheiten den Alltag der jungen Menschen prägen. Kommunikation: Carola Richter geht in Kapitel 11 der Frage nach, welche Rolle die(neuen) Medien im Alltag junger Menschen in der MENARegion spielen. Die Begriffe»Facebook-Revolution«,»Twitter-Protest« oder 34 Jörg Gertel der»Al-Jazeera-Effekt« zeigen bereits ihre scheinbar immense politische Bedeutung auf. Die Autorin argumentiert, dass zwar die Mediennutzung global konvergiert, auch in den arabischen Ländern sind die gleichen Technologien und Formate vorhanden. Doch aufgrund des seit Langem bestehenden Misstrauens gegenüber den Medien und infolge des jüngst verstärkten Rückzugs Jugendlicher aus der Tagespolitik zeichnet sich eine Verschiebung ihrer Mediennutzung ab; die neuen Medien werden zunehmend allein für private Kommunikation verwendet, besonders um soziale Netzwerke zu pflegen. Smartphones eröffnen dabei, wie keine anderen Geräte, den Zugang zum Internet und ermöglichen es, mit Freunden und Verwandten in Verbindung zu bleiben sowie digitale Produkte wie Musik und Bilder auszutauschen. Gleichzeit sind die traditionellen Massenmedien, obwohl sie oft staatlich kontrolliert sind, noch immer präsent und spielen für Jugendliche, die nur limitieren Zugang zu digitalen Medien haben, noch immer eine Rolle, etwa im Jemen und bei den syrischen Flüchtlingen. Richter resümiert, dass medienbasierte Kommunikation für Jugendliche und junge Erwachsene gleichzeitig beides ist, Auslöser und Bewältigungsmechanismus, um mit den Unsicherheiten des Alltagslebens umzugehen. Politik: Mathias Albert und Sonja Hegasy beschäftigen sich in Kapitel 12 mit der Bedeutung von Politik im Alltag Jugendlicher und junger Erwachsener. Sie gehen der Frage nach, wie nahe an bzw. wie weit weg von Politik sie fünf Jahre nach den Ereignissen des Arabischen Frühlings agieren. Drei Befunde stehen im Mittelpunkt. Erstens, die Aufstände von 2011 verdeutlichen und drücken das Potenzial der Politisierung der jungen Bevölkerung in arabischen Ländern aus, die vielfach nur eine eingeschränkte politische Öffnung zulassen. Zweitens, eine große Mehrheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen distanziert sich gegenwärtig – nach den Erfahrungen der zurückliegenden Jahre – von der Politik und betont, sie sei nicht an ihr interessiert. Dies bezieht sich jedoch häufig auf Parteipolitik, denn gleichzeitig existiert Interesse und Engagement in den Feldern der Alltagspolitik. Drittens, scheinbar widersprüchlich wünscht sich ein Großteil der Jugendlichen eine größere Präsenz des Staates. Hierbei geht es allerdings in erster Linie um eine verbesserte soziale Sicherheit, die der Staat bei wachsenden Unsicherheiten bereitstellen solle. Die Autorin und der Autor kommen daher zu dem Schluss, dass bei den Jugendlichen ein bedeutsames Potenzial für einen konstruktiven Wechsel politischer Ordnungen in der Zukunft besteht. Jugend in der MENA-Region 35 Mobilisierung: Nadine Sika und Isabelle Werenfels beleuchten in Kapitel 13 die politische Mobilisierung von jungen Erwachsenen. Sie stellen fest, dass die Ereignisse 2010/11 den Höhepunkt der politischen Mobilisierung Jugendlicher zur Änderung der Staat-Gesellschafts-Beziehungen darstellten. Vielfach entstand im Nachgang die Frage, inwieweit Jugendliche Akteure des Wandels sind. Trotz der Desillusionierung, die für viele in den letzten Jahren mit den formalen politischen Prozessen einhergingen, sind Jugendliche noch immer bereit, politisch aktiv zu werden. Allerdings hätten sich ihre Aktionsfelder verschoben: Sie treten nun vor allem für sozioökonomische Ziele und nicht mehr für politischen Wandel ein. Die Befunde zeigen, dass sich am häufigsten junge alleinstehende Männer im Alter von 22 bis 25 Jahren mobilisieren; sie haben zudem häufiger Gewalterfahrungen in ihrem Leben gemacht und sind durchschnittlich pessimistischer als andere ihrer Generation. Mobilisierte Jugendliche zeigen auch höhere Vertrauenswerte in Nichtregierungsorganisationen als die Nichtaktivisten. Zudem scheinen sich junge Menschen aus arabischen Republiken, die 2011 einen Regimebruch erfahren haben, eher zu mobilisieren als diejenigen in arabischen Monarchien. Generell, so resümieren die Autorinnen, sind die Aktiven wie die Nichtengagierten im Moment gleichermaßen eher weniger an politischer Freiheit und bürgerlichen Rechten (inklusive Minderheitenrechten) interessiert, sondern eher an der Sicherheit der Grundbedürfnisse und der Abwesenheit von Gewalt. Ziviles Engagement: Friederike Stolleis beleuchtet in Kapitel 14 das zivilgesellschaftliche Engagement der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Anhand der empirischen Befunde zeigt sie, dass junge Menschen in der MENA-Region im Allgemeinen gerne bereit sind, sich für die Belange anderer sowie für bestimmte Ziele oder Themen einzusetzen. Eher selten tun sie dies allerdings im Rahmen formaler zivilgesellschaftlicher Organisationen wie Schüler- oder Studentengruppen, Jugendorganisationen, Vereinen, religiösen Institutionen, politischen Parteien oder Gewerkschaften; nur ein Drittel derer, die sich engagieren, wählt diesen Weg. Tendenziell engagieren sich dabei wohlhabendere Jugendliche häufiger als ärmere, jedoch stellen sie kaum Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen. Das bedeutet, dass das geringe Engagement im Rahmen einer solchen Organisation eher von jungen Menschen der Unter- und Mittelschicht geprägt wird, die entsprechend öfter angeben, pessimistisch zu sein und Unsicherheit zu empfinden als ihre Altersgenossen. Darin, so die Autorin, unterscheiden sich die heutigen Jugendlichen von früheren 36 Jörg Gertel Generationen, für die zivilgesellschaftliches Engagement oftmals im Kontext von antikolonialen Befreiungsbewegungen oder dem Aufbau eines unabhängigen Staates stand. Durch den Wandel von Werten und Zielen junger Menschen, aber auch durch den festen Griff, mit dem die autoritären Staaten der Region oftmals Institutionen der Zivilgesellschaft kontrollieren und kooptieren, haben diese offensichtlich an Attraktivität eingebüßt. Vergleich mit Deutscher Shell Studie: Mathias Albert und Jörg Gertel ordnen die Befunde der vorliegenden Studie im 15. Kapitel schließlich in die Erfahrungen mit der deutschen Shell Studie ein. Der Vergleich dient dem Zweck, ein reflexives Mittel zur analytischen Reichweitenabschätzung zu eröffnen, und um die jeweiligen Ergebnisse in größere Zusammenhänge einordnen zu können. Dies wird möglich, da sich einige zentrale konzeptionelle und inhaltliche Felder in beiden Studien nicht nur überscheiden, sondern sich explizit aufeinander beziehen. Vor diesem Hintergrund halten die Autoren fest, dass zwar länderspezifische Unterschiede sichtbar werden, doch dass diese innerhalb der MENA-Region teilweise größer sind als zwischen einzelnen arabischen Ländern und Deutschland. Für die arabischen und deutschen Jugendlichen(hier 16–25 Jahre) steht in fast allen Bereichen des Alltags das Thema Sicherheit an erster Stelle. Dies bezieht sich etwa auf den Zugang zum Arbeitsmarkt und auf die weiter reichende soziale Sicherheit. Dabei wird deutlich, dass sich die arabischen Jugendlichen häufig in einem strukturellen Nachteil befinden. Dieser ist darauf zurückzuführen, dass sie vielfach stärker von ihren Eltern abhängig sind als ihre Altersgenossen in Deutschland, was etwa zeitgerechte Erfahrungen der Eigenverantwortlichkeit verhindert, die zentrale Voraussetzungen darstellen, um etwa im globalisierten Arbeitsmarkt erfolgreich zu bestehen. Dennoch ist das Spektrum jugendlicher Lebenswelten in der MENA-Region groß und Ungewissheit wie Zuversicht bleiben ungleich verteilt. Abschließend bleibt festzuhalten, dass die vorliegende Studie, die die Stimmen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Region zu Wort kommen lässt und damit überwiegend empirischen Charakter hat, nur eingeschränkt theoriegeleitet argumentieren kann. Die empirischen Befunde sind allerdings weder in einem theoriefreien Feld entstanden noch entfaltet sich ihre Repräsentation in einem interessenfreien und neutralen politischen Raum. Daher ist es gerade die Ambivalenz von theoretischer Prägung, Problemorientierung und Deskription, die im Einzelfall der jeweiligen Befunde in nachfolgenden Diskussionen anzusprechen ist. Schließlich Jugend in der MENA-Region 37 ist noch anzumerken, dass dies eine erste Studie ihrer Art in der MENA-Region ist, die als Instrument erst dann dauerhaften Ertrag einbringt, wenn sie – analog etwa zur Shell Studie – in späteren Jahren fortgesetzt und wiederholt wird. 38 Jörg Gertel Kapitel 2 Ungewissheit Jörg Gertel D ieses Kapitel führt zunächst in die konzeptionelle Dimension von Ungewissheit ein und zeigt dann anhand der empirischen Befunde exemplarisch auf, welche Ungewissheiten auf den Alltag der jungen Menschen in der MENA-Region einwirken und wie sie damit umgehen. Ziel ist es, im Kontext unzureichender Sicherheiten die Verwundbarkeit von jungen Menschen in der MENA-Region gruppen- und länderspezifisch herauszuarbeiten. Die Produktion von Sicherheiten, so die zentrale These, dient dazu, Ungewissheiten einzuhegen. Doch die Strategien, die dabei zur Anwendung kommen, bleiben nicht nur immer begrenzt, sie haben unterschiedliche Reichweiten, oft abhängig von den jeweiligen Expositionen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen. Mehr noch: Durch dramatisch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen greifen bisher erfolgreiche Strategien nicht mehr. Ungewissheiten und Unsicherheiten nehmen zu. Jugendliche in der MENA-Region, so die zweite These der vorliegenden Studie, sind davon besonders betroffen. Ungewissheit ist Teil des Alltags. Sie bezieht sich auf das, was die Zukunft bringt: Vieles, wenn nicht alles, ist unbekannt, es ist nicht vorherzusehen. Einerseits liegt das, was kommt, jenseits menschlicher Einflussnahme. Andererseits birgt aber auch individuelles wie gesellschaftliches Handeln immer Ungewissheiten. Handeln generiert fortwährend unbeabsichtigte Konsequenzen, während die Reflexivität, die kontinuierliche Kopplung des Handelns an den aktuellen Wissensstand, immer beschränkt bleibt. Wir wissen nur zu einem gewissen Umfang, wie die Dinge sich entfalten werden. Individuen wie Gesellschaften versuchen allerdings fortwährend, Ungewissheiten einzuhegen und damit einzelne Aspekte des Alltags auf die Zukunft auszurichten und planbar zu machen. Ungewissheit ist dabei ungleich in Raum und Zeit verteilt, sie ist keine immer gleiche Eigenschaft der Zukunft; sie variiert, je nachdem wie sie wahrgenommen und erlebt und wie mit ihr umgegangen wird. Das Spektrum der UngewissUngewissheit 39 heit kann zum einen bis zu Situationen reichen, in denen selbst die grundlegendsten Sicherheiten für das, was in Kürze eintritt, fehlen – wie in Kriegssituationen, in denen völlig offen sein kann, ob man die künftigen Sekunden oder Minuten überlebt. Zum anderen kann die menschliche Zukunft durch strukturelle gesellschaftliche Prädispositionen(etwa über Bildungszugänge und Eigentumsrechte) so eingehegt sein, dass beispielsweise die Möglichkeiten sozialer Mobilität für einzelne Gruppen auch zukünftig, über Generationen hinweg, festgeschrieben zu sein scheinen. Jugendliche sind von Ungewissheiten nochmals besonders betroffen: Um den Anforderungen der globalisierten Welt gewachsen zu sein, müssen sie sich von behüteten Familienbeziehungen und Reproduktionskontexten emanzipieren. In der Jungendphase geht es um die Loslösung aus dem Elternhaushalt und aus dem unmittelbaren Sozialisierungskontext, es geht darum, neue Rollen auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und eine eigene Identität und Persönlichkeit auszubilden. Das ist immer wieder mit tief greifenden Verunsicherungen und persönlichen Ungewissheiten verbunden, die – abhängig von der Situation – auf unterschiedliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen treffen; etwa solche, die, wie in der MENA-Region, sich als instabil und unsicher erweisen. Drei Fragen stehen daher am Anfang dieses Kapitels: Wie wird Ungewissheit eingehegt und Sicherheit hergestellt? Welche gesellschaftlichen Transformationen nehmen Einfluss auf die Sicherheitsausstattung? Was passiert, wenn die bisherigen Taktiken und Strategien, mit Unsicherheiten umzugehen, nicht mehr greifen? 1 Einhegung von Ungewissheit: Die Produktion von Sicherheit Um die Frage aufzuarbeiten wie Ungewissheit eingehegt werden kann, sind drei Handlungsebenen zu unterscheiden, in denen menschliche Strategien und Taktiken entwickelt und wirksam werden und versuchen, Sicherheiten in das Feld der Ungewissheiten einzubringen: die individuelle Ebene, die Haushaltsebene und die des Gemeinwesens. Diese Ebenen sind oft nur analytisch voneinander zu trennen; sie überlagern sich in der Praxis, sind hochgradig miteinander verflochten, beeinflussen sich gegenseitig und können jeweils unterschiedliche Bedeutungen für einzelne Personen und Gruppen einnehmen. Zudem ist festzuhalten, dass weder die einfache Kausalität der Zusammenhänge, wie sie hier dargestellt wer40 Jörg Gertel den, noch die Bandbreite der Praktiken, die angesprochen werden, einem vollständigen Bild von dem entsprechen, was unternommen werden kann, um Ungewissheiten einzuhegen. Sie dienen vielmehr dazu, exemplarisch einzelne konzeptionelle Startpunkte deutlich zu machen, von denen aus es möglich ist, ein Bild davon zu gewinnen, wie sich die Herstellung von Sicherheiten vollziehen kann. Die Überlegungen greifen dabei maßgeblich auf Giddens’ Ausführungen zur Strukturierung der Gesellschaft([1986] 1992) und auf Bourdieus Kapitalverständnis(1983) zurück. (1) Auf der individuellen Ebene treffen körperliche Befindlichkeiten, emotionale und diskursive Prozesse zusammen und werden in unterschiedlichen Ebenen der Bewusstheit eingelagert bzw. sind von dort aus wirksam. Hier werden Identitäten ausgehandelt. Strukturell verfasste Sozialisierungsprozesse verzahnen sich dabei mit dem subjektiven Machen von Erfahrungen. Von zentraler Bedeutung ist dabei die ontologische Sicherheit. Sie umfasst Zuversicht und Vertrauen, dass Natur und Sozialwelt so sind, wie sie erscheinen, einschließlich der existenziellen Grundlagen des Selbst und der sozialen Identität. Die fortwährende Suche nach ontologischer Sicherheit beinhaltet die Stabilisierung der Handlungsfähigkeit über die Zeit. Sie wird der Ungewissheit entgegengesetzt. Das individuelle Repertoire, mit Ungewissheiten umzugehen, ist dabei mit übergeordneten Handlungsebenen verbunden und vielfach von diesen abhängig. Handeln und subjektives Erfahrungen-machen verschränkt sich mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext(Scott 1991). Da das bewusste, reflexive Handeln seine Grenzen hat, wird ein großer Teil der ontologischen Sicherheit über Routinen hergestellt, die den Alltag durchziehen. Vorgegeben durch die Routinisiertheit werden die impliziten Handlungskriterien nur in besonderen, vor allem krisenhaften Situationen in die Explizitheit des diskursiven Bewusstseins gehoben(Reckwitz 1999, 319). Eine besondere Form, in der sich die Steuerungshoheit der Handelnden umdreht, und Instabilität bis in die Tiefen der subjektiven Verfasstheit durchschlägt, kann bei Androhung oder Anwendung von Gewalt stattfinden, die sich in traumatische Erlebnisse übersetzen. Giddens(1992, 112) fasst solche»kritischen Situationen« als Ereignisse zusammen, die sich durch einen radikalen, nicht vorhersehbaren Bruch auszeichnen, viele Menschen betreffen und die Gewissheiten der institutionellen Routinen bedrohen oder zerstören. Es kommt damit zur generellen Unvorhersehbarkeit der Ereignisse. In Fortführung dieser Überlegungen ist zu fragen, wann Verantwortung für Ereignisse und Entwicklungen, die nicht zu erklären oder nicht zu bewältigen sind und die Ungewissheit 41 die ontologische Sicherheit bedrohen, an übergeordnete Instanzen delegiert beziehungsweise mit ihnen geteilt wird? Calkins(2016) zeigt solche Verschiebungen in den religiösen Bereich – beziehungsweise das Vertrauen in Gott – exemplarisch unter den Bedingungen von Armut und Marginalisierung im Nordsudan. Für junge Menschen in der MENA-Region werden in den folgenden Kapiteln zu Werten, Religion und zu Hunger(Kap. 3, 4 und 9) die Wechselbeziehungen zwischen Wissen und Glauben herausgearbeitet, um diese Dynamiken deutlich zu machen. (2) An zweiter Stelle sind die Familienebene und der unmittelbare Reproduktionskontext anzusprechen. In diesen Gefügen – oft als Haushaltsebene operationalisiert – sind, verallgemeinernd gesprochen, die Solidarbeziehungen zwischen einzelnen Personen häufig am stärksten ausgebildet; Bedürfnisse wie materielle Unsicherheiten werden ausgeglichen, und es kommt zwischen Familienmitgliedern zur Umverteilung von Risiken: Die Arbeitsfähigen versorgen soweit möglich die nicht arbeitsfähigen Mitglieder eines Haushalts, und die Gesunden kümmern sich vielfach um die Kranken der Familie. Das große Feld der Ungewissheit, das hier einzuhegen versucht wird, ist – neben anderen – die Herstellung materieller Sicherheit, die der»Überlebensökonomie«(Elwert et al. 1983; Evers et al. 1983) und der»Existenzsicherung«(Chambers& Conway 1987; Ellis 2000). Hierbei steht der Zugang zu Ressourcen im Mittelpunkt; denn diese stellen, so die folgende Argumentation, erst die Voraussetzungen zum Handeln dar. Die unmittelbare Daseinsvorsorge ist an sie gekoppelt. Durch die Denkfigur des Giddens’schen Strukturbegriffs als rekursiv organisierte Menge von Regeln und Ressourcen erschließt sich zudem der Zusammenhang von (individuellen) Handlungen und(sozialer) Struktur. Damit werden jene gesellschaftlichen Prozesse erfasst, die die Handlungsbedingungen und Handlungsmöglichkeiten für den Einzelnen im sozialen Gefüge erst generieren und es erlauben, materielle und soziale Sicherheiten herzustellen. Durch die Verschränkung mit Bourdieus Arbeiten(1982; 1983) werden für die empirische Analyse im Folgenden vier Formen von Ressourcen unterschieden: inkorporierte Ressourcen, die mit dem Körper verwoben sind (Bildung, Ernährungsstatus); institutionalisierte Ressourcen, die an Personen gebunden sind(soziale Netzwerke); allokative Ressourcen, die an Eigentumsrechte gekoppelt sind(Eigentum etwa an Land, Maschinen, Tieren) und monetäre Ressourcen, die ebenfalls auf Eigentumsrechten basieren, jedoch in Form von Geld einfacher zwischen Personen ausgetauscht werden können(Gertel 2007; 2010). Das Ressourcenkonzept macht 42 Jörg Gertel komplexe soziale und ökonomische Vorgänge auch empirischen Analysen zugänglich. Mechanismen, die etwa auf der Haushaltsebene den Umgang mit Ressourcen bestimmen – wie ihre Akkumulation, ihre gegenseitige Konvertierung und ihre Nutzbarmachung durch Dritte – werden quantitativ und qualitativ erfassbar. Auch können die Wirkungen von Handlungen, im Sinne habitueller bzw. institutioneller Rückkopplungen, die die Bedingungen der Existenzsicherung strukturieren, konzeptionell bis an den Körper der Betroffenen zurückgebunden werden. Entsprechend wird davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Entwicklungsprozesse sich auch in der körperlichen Befindlichkeit und den inkorporierten Ressourcen des Individuums niederschlagen. In diesem Sinne sind, in Rückbezug zur ersten Handlungsebene, Körper als letzte Instanz des gesellschaftlichen Raums zu begreifen. (3) Mit dem übergeordneten Gemeinwesen ist die dritte Handlungsebene angesprochen. Sie bezieht sich auf Gruppen und Gesellschaften und betrifft übergreifende soziale Formen. Diese reichen von der Verfasstheit und der diskursiven Macht der Sprache(Topologien, Kategorien, Texte) bis hin zu reproduzierten sozialen Praktiken und deren Materialisierung in sozialen Institutionen und formalen Organisationen. In erster Linie ist damit der Staat angesprochen, dessen Aufgabe es ist, institutionalisierte Sicherheiten hervorzubringen – wie etwa die Umsetzung des Gewaltmonopols innerhalb seines Staatsgebietes inklusive der Garantie der Sicherheit seiner Bürger sowie der Rechtssicherheit –, aber auch seinen Wohlfahrtsaufgaben nachzukommen und die Grundbedürfnisse seiner Bürger zu sichern. Die umfassendste soziale Absicherung der Bürger wird mit der Ausbildung des Wohlfahrtsstaates in Verbindung gebracht(vgl. Offe 1984). Eine staatliche Sozialpolitik entwickelte sich im Europa des 19. Jahrhunderts während der Industrialisierung, mit der Herausbildung von Nationalstaaten und demokratischen Entscheidungsprozessen. Die Arbeiter sahen sich neuen Risiken wie Arbeitsunfällen, Invalidität und Arbeitslosigkeit ausgesetzt. Andere Risiken wie Krankheit und Alter waren nicht neu, die traditionellen Hilfssysteme wie beispielsweise die Großfamilie verloren jedoch an Bedeutung. Als wichtigste politisch-institutionelle Voraussetzung für neue staatliche regulierte Absicherungsformen gilt das Entstehen von Gewerkschaften. Zu Anfang wurde durch Sozialversicherungen(Rente, Krankheit, Unfall) nur die Fabrikarbeiterschaft erfasst. Weitere Bevölkerungsteile wurden nach und nach in soziale Sicherungssysteme eingegliedert. Erst seit Ende der 1960er-Jahre kann dann in Westeuropa von voll Ungewissheit 43 entwickelten Wohlfahrtsstaaten gesprochen werden. Doch spätestens mit der internationalen Schuldenkrise und dem erstarkenden Neoliberalismus fanden in den 1980er-Jahren bereits tiefe Einschnitte in das Portfolio der Leistungen statt. In den postkolonialen Ländern der MENA-Region trafen in dieser Phase zwei Prozesse zusammen: Die der Nationalstaatenbildung der jungen unabhängigen Staaten, die sich aus den strukturellen Bedingungen der Kolonialherrschaft und den feudaler Gesellschaftsstrukturen herauslösen mussten und eigene Systeme sozialer Sicherheit zu entwickeln hatten. Zum anderen mussten die externen Interventionen, die anfangs als»Entwicklungshilfe« legitimiert waren, in die nationale Zukunftsplanung und die Absicherung der lokalen Gesellschaften eingebaut werden. James Scott(1998) überträgt Teile der Einblicke in die Ausbildung europäischer (Wohlfahrts-)Staatlichkeit auf postkoloniale Gesellschaften im globalen Süden, um das»Scheitern des Zukunft-machens« durch große Projektinterventionen zu erklären. Wichtig ist dies für die Erklärung unzureichender sozialer Sicherungen. Scott stellt vier Mechanismen heraus: Erstens: Zur administrativen Ordnung von Natur und Gesellschaft werde die Simplifizierung und Standardisierung komplexer Realitäten notwendig. Was dabei – etwa in Form traditioneller Strukturen – als unlesbar und als irrational wahrgenommen werde, sei in lesbare und administrativ geeignete Formen zu transformieren. Teile der Realität würden dabei neu entworfen. Die Instrumente der Standardisierung, die als Vorgabe von zentraler Bedeutung sei, umfassen etwa Landkataster, Karten über Konzessionen, Bevölkerungsstatistiken sowie Pläne und Entwürfe moderner Siedlungen. Zweitens, stellt Scott heraus, kombinieren sich die Verwaltungsinstrumentarien der Rationalisierung mit einer Ideologie, die er als hochgradig modernistisch bezeichnet; dem ungebrochenen Glauben in Wissenschaft, Technologie und Fortschritt, der bestimmte Formen der Planung und der sozialen Organisation nach sich zieht. Drittens: In dem Fall, dass sich beide Elemente, die der Standardisierung und des modernistischen Glaubens mit der Staatsmacht oder der Macht internationaler Organisationen verbinden, werde das Interventionspotenzial tödlich. Denn diese Akteure seien in der Lage, weitreichende Pläne in die Praxis umzusetzen, sie im großen Stil zu materialisieren. Als vierte Voraussetzung führt er eine schwache Zivilgesellschaft an, die etwa aufgrund von Kriegsereignissen oder ökonomischer Schwäche nicht über die Kapazitäten verfüge sich diesen Plänen zu widersetzen. Personen in postkolonialen Situationen verfügen demnach nur über eingeschränkte Kapazitäten um den Komplexitäten 44 Jörg Gertel entgegenzutreten, die ihre Existenzsicherungen bedrohen. Betroffene Gruppen sind allerdings nicht als reine Opfer moderner Planung zu verstehen, sondern sie können durchaus offizielle Pläne unterlaufen und alternative Strategien entwickeln. Dennoch wird deutlich, dass institutionelle und soziale Sicherheiten zunehmend in postnationalen Räumen, jenseits nationaler Einflussnahme, ausgehandelt werden. Schlussfolgerung: Ungewissheiten sind omnipräsent. Gleichermaßen versuchen wir fortwährend, sie durch die Herstellung von Sicherheiten einzuhegen. Dies erfolgt oft gleichzeitig auf unterschiedlichen Handlungsebenen, wobei die Unversehrtheit des Körpers und die Abwesenheit von Gewalt grundlegende Bedürfnisse sind. Auf der individuellen Ebene kommt der ontologischen Sicherheit eine zentrale Bedeutung zu; die Herstellung von Alltagsroutinen zählt dabei zur wichtigsten Strategie. Im Spektrum zwischen Wissen und Glauben entscheidet sich, was selbst bewältigt werden kann und wann Verantwortungen etwa an Expertensysteme oder religiöse Institutionen delegiert werden. Auf der Haushaltsebene bündeln sich Strategien zur Herstellung materieller Sicherheit, die vor allem auf die Existenzsicherung( Livelihood Security) abzielen. Im Mittelpunkt der empirischen Analyse steht das Zusammenwirken von Regeln und Ressourcen, da hierdurch die Handlungsmöglichkeiten um Sicherheiten herzustellen, maßgeblich strukturiert werden. Auf Ebene des Gemeinwesens werden vor allem institutionalisierte soziale Sicherheiten unterschiedlichster Formen generiert. Doch in der globalisierten Welt ist die Frage zu stellen, ob angesichts der tief greifenden Umbrüche überkommene Strategien noch greifen. 2 Wachsende Ungewissheit durch Armut und Ungleichheit Ungewissheiten werden durch gesellschaftliche Transformationen – etwa durch politische Umwälzungen, ökonomische Einschnitte und persönliche Veränderungen –, von denen junge Menschen der MENA-Region besonders betroffen sind, fortwährend neu konfiguriert. Im Folgenden werden drei Dynamiken diskutiert, die neue gesellschaftliche Situationen hervorbringen, in denen die bisherigen Strategien, mit Unsicherheiten umzugehen und Ungewissheiten einzuhegen, auf allen drei Handlungsebenen nicht mehr ohne Weiteres greifen. Dazu zählt erstens die sich ausbreitende PrekarisieUngewissheit 45 rung der Arbeitsverhältnisse, zweitens die Auflösung institutioneller Gewissheiten sowie drittens die wachsende weltweite Ungleichheit, die gleichzeitig zur sozialen Fragmentierung sowie zur territorialen Konversion der Lebensverhältnisse im weiteren Mittelmeerraum führt. Ausgangspunkt der ersten Dynamik und des diskursiven Feldes der Prekaritätsdebatte ist die Auseinandersetzung mit der(europäischen) Arbeitsgesellschaft. In Anbetracht der problematischen wirtschaftlichen Situation der MENA-Region und den tief greifenden Umbrüchen in den Beschäftigungsverhältnissen(vgl. Kap. 7) erlaubt es dieser Fokus, Aspekte von Ungewissheit und Unsicherheit für die arabischen Länder neu zu erfassen. Im Gegensatz zur Mikroebene der Armuts- und Ressourcenbetrachtung stehen hier gesellschaftsübergreifende Entwicklungen der Meso- und Makroebene im Blickfeld. Ausgehend von Robert Castels(2005) Beobachtung der Wiederkehr sozialer Unsicherheit in die abgesicherten Gesellschaften des Globalen Nordens geht Klaus Dörre(2009) davon aus, dass nicht erst seit dem Kollaps der Finanzmärkte soziale Unsicherheit in Europa zu einer Massenerfahrung geworden ist, sondern diese eine Folge des funktionierenden Finanzmarktkapitalismus sei. Er argumentiert, dass die finanzkapitalistische Landnahme eine neue Form der Prekarität hervorgebracht habe. Prekarität und Prekarisierung werden von Castel& Dörre (2009) mehrdimensional betrachtet.»Neben der Arbeitskraftperspektive (Einkommens- und Beschäftigungssicherheit) sind die Tätigkeitsperspektive(Identifikation mit der Tätigkeit, Qualität der sozialen Beziehungen) und mit ihr ihr Status, gesellschaftliche Anerkennung und individuelle Planungsfähigkeit, von Bedeutung«(ebd., 17). Vier Aspekte kennzeichnen das Prekaritätsverständnis: Im Zentrum steht das Erwerbsverhältnis: Wenn die Beschäftigten deutlich unter ein Einkommens-, Schutz-, und soziales Integrationsniveau sinken, werden sie als prekär bezeichnet. Prekär zu sein hat zudem eine subjektive Seite: Sinnverluste, Anerkennungsdefizite, Planungsunsicherheit in der Erwerbsarbeit zählen dazu. Es handelt sich bei Prekarität damit um eine relationale Kategorie; sie hängt von der Definition des gesellschaftlichen Normalitätsstandards ab, dieser ist verschieden und kann sich ändern. Entsprechend ist das Prekariat keine homogene Klasse (vgl. Standing 2011). Aus der Erosion von Normalitätsstandards leiten sich vielmehr auch konzeptionell unterschiedliche Zonen von gesellschaftlicher Integration, Prekarität und kompletter Entkopplung ab(vgl. Marchart 2013, der umfassender von»Prekarisierungsgesellschaft« spricht). Lorey(2012) geht noch einen Schritt weiter; sie verweist darauf, dass mit der Heraus46 Jörg Gertel bildung von Lohnarbeit und industriekapitalistischen Verhältnissen bestimmte Regierungsweisen entstanden sind. Unter dem neoliberalen Regime von Flexibilisierung, Deregulierung und Entsicherung erfahre Prekarisierung eine Normalisierung, die»Regieren durch Unsicherheit« ermögliche. Prekarisierung werde»im Neoliberalismus durch ihren Einzug auch in die Mitte gleichsam ›demokratisiert‹«(ebd., 25). Zygmunt Bauman(2007) hat sich wie kaum ein anderer Sozialwissenschaftler in den letzten Jahren mit den Ausprägungen von Ungewissheit in globalisierten Gesellschaften auseinandergesetzt. Seine Arbeiten beleuchten die zweite Dynamik: die Auflösung institutioneller Sicherheiten. Er identifiziert fünf gesellschaftliche Herausforderungen der Moderne, die – wie zu zeigen sein wird – auch in gewissem Umfang die MENA-Region betreffen: Erstens stellt er heraus, dass soziale Formen(Strukturen, Institutionen, Muster) ihre Gestalt und Ausprägung heute nicht mehr lange halten können, da sie sich schneller zersetzen und auflösen, als Zeit notwendig wäre, sie zu erschaffen. Besonders sich erst andeutenden Formen wird nicht ausreichend Zeit eingeräumt, um sich zu etablieren. Sie können daher aufgrund ihrer geringen Lebenserwartung weder als Orientierung für menschliches Handeln noch für langfristige Lebensstrategien dienen. Tatsächlich sei ihre Lebenserwartung kürzer, als es Zeit benötigt, eine zusammenhängende und konsistente Strategie zu entwickeln, und sie sei nochmals um vieles kürzer, um ein individuelles Lebensprojekt umzusetzen. Zweitens beurteilt Bauman die Trennung von Macht und Politik im nationalstaatlichen Gefüge als problematisch. Ein Großteil der Macht, die im modernen Staat verfügbar war, um effektiv zu arbeiten, bewege sich nun zum politisch unkontrollierten globalen Raum, der vielfach exterritorial verfasst sei. Die Abwesenheit politischer Kontrolle mache die neuen Machtstrukturen zur Quelle tief greifender und im Prinzip ungezähmter Ungewissheit. Politische Institutionen entkoppeln sich immer stärker von den Alltagsproblemen der Bürger, die ihrerseits dem Staat weniger Aufmerksamkeit schenken. Aufgegeben durch den Staat, etwa durch sogenannte Subsidiaritätsprinzipien oder vertragliche Auslagerungen, würden diese Funktionen zum Spielball unvorhersehbarer Marktkräfte, sie würden Privatinitiativen und dem individuellen Geschick überlassen. Drittens, unterminiere der graduelle aber anhaltende Rückzug kommunaler und staatlich unterstützter Absicherung die Grundmauern der sozialen Solidarität. Der Begriff der Gemeinschaft( community) klinge zunehmend leer. Zwischenmenschliche Bindungen, einst aus langer und kontinuierlicher Investition Ungewissheit 47 von Zeit und Anstrengung als Sicherheitsnetz gewoben, würden immer brüchiger und hätten nur noch temporären Bestand. Gesellschaft werde zunehmend als Netzwerk und nicht mehr als Struktur gesehen und behandelt, sie werde als Matrix zufälliger Verbindungen und Unterbrechungen wahrgenommen und als Menge scheinbar unendlicher Kombinationen behandelt. Viertens führe der Zusammenbruch langfristigen Denkens, Planens und Handelns sowie die Schwächung und das Verschwinden sozialer Strukturen, in denen Denken, Planen und Handeln für noch kommende lange Zeiträume eingeschrieben werden könnten, zu einer Verschmelzung von politischer Geschichte und individuellen Leben in eine Serie kurzfristiger Projekte und Episoden, die im Prinzip unendlich seien, sich aber nicht zu der Art von Sequenzen kombinieren, in denen Konzepte wie Entwicklung, Erwachsenwerden oder Karriere sinnvoll angewandt werden könnten. Fünftens, vergangener Erfolg erhöhe, so Bauman, nicht notwendigerweise die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Siege. Ein rasches und tief greifendes Vergessen veralteter Informationen und schnell alternder Gewohnheiten könne für den nächsten Erfolg wichtiger sein als die Erinnerung an vergangene Handlungen und die Entwicklung von Strategien auf den Grundlagen früheren Lernens. Die Verantwortung zur Lösung der Dilemmata, die durch permanent sich ändernde Umstände entstehen, werde – so seine Schlussfolgerungen – letztlich auf die individuellen Schultern verschoben, von denen erwartet wird, die»freie Wahl zu haben« und die Konsequenzen ihres Handels zu tragen. Während die Gefahren also durch übergeordnete Kräfte produziert werden, lagern sie die Zahlung eventueller Kosten an den Einzelnen aus. Folglich sei der Mechanismus, der individuellen Interessen am besten diene, daher nicht mehr die Konformität mit Regeln, sondern Flexibilität: die Bereitschaft, Stil und Taktiken in kurzer Zeit zu wechseln, Zusagen und Loyalitäten ohne Zögern aufzugeben und Optionen entsprechend ihrer momentanen Verfügbarkeiten zu verfolgen, statt eigenen etablierten Präferenzen zu folgen. Die dritte Dynamik betrifft die materielle Unsicherheit, die nun überall in Europa wie in der MENA-Region zuzunehmen scheint. In Weiterführung der Debatten um Marginalisierung und Armut in sogenannten Entwicklungsländern bezieht sich die Auseinandersetzung auf globale Ungleichheiten. Diese haben weltweit zugenommen: 72 Prozent der Weltbevölkerung besitzen beispielsweise nur 2,4 Prozent des globalen Vermögens (Credit Suisse 2016). Während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zwischen Anfang der 2000er-Jahre und 2015 nur 1 Prozent Zuwachs am 48 Jörg Gertel globalen Wohlstand verzeichnet, sind 50 Prozent des Zuwachses an die reichsten 1 Prozent der Menschheit gegangen. In theoretischen Betrachtungen wird das eine Ende des Spektrums von Ungleichheit, das der Ärmsten, oft implizit mit Unsicherheit gleichgesetzt, das andere Ende, das der Reichsten, mit Sicherheit. Durch die Analyse längerer Zeitreihen werden dabei gesellschaftliche Umverteilungsprozesse hin zu mehr Gleichheit bzw. zu mehr Ungleichheit sichtbar(vgl. Piketty 2013, Milanovic 2015, Atkinson 2015). Jenseits der Diagnose gibt es bezüglich der Ursachen von Armut und Ungleichheit konkurrierende Erklärungsansätze. Ein Ansatz beschäftigt sich mit polyzentrischen und postnationalen finanzkapitalistischen Dynamiken(Harvey 2005; McKenzie 2015; Beckert 2016). Die technologisch getriebene Beschleunigung der Austausch- und Informationsprozesse ermöglich nicht nur Transaktionen von Millionenwerten in US-Dollar oder Euro in Geschwindigkeiten, die als Algorithmen die»Echtzeit« unterschreiten und der menschlichen Steuerung nur noch indirekt zugänglich sind, sie generieren zudem auch unbeabsichtigte Konsequenzen, deren Wirkungen beispielsweise als Preiserhöhungen von Grundnahrungsmitteln, etwa durch stratifizierte Finanzprodukten wie Derivate, erst verzögert mit großer Macht wirksam werden können(vgl. Gertel 2015). Für die vorliegende Untersuchung zur Frage von Unsicherheit und Ungewissheit leiten sich hieraus folgende Fragen ab: Wie ist die MENA-Region im Gefüge globaler Ungleichheiten positioniert, was ist aus den Debatten um das Ende des Wohlfahrtsstaates und um wachsende Prekarität für die MENA-Region abzuleiten? Welche Konversionen im Hinblick auf neue Unsicherheiten zeichnen sich im weiteren Mittelmeerraum ab? Im Mittelpunkt steht dabei besonders die Situation der Jugendlichen nach der Finanzkrise 2007/08 und erneut nach dem Arabischen Frühling(2011) sowie nach den neuen Fluchtbewegungen im Nachgang bewaffneter Konflikte wie in Syrien, Libyen und Jemen, die die Verschränkungen globaler Dynamiken in ein neues Licht rücken. Festzuhalten ist vorläufig bereits, dass kontingente, ungewisse und risikobehaftete Arbeits- und Lebensbedingungen nicht mehr nur postkoloniale Gesellschaften und jene an den»Rändern« des Globalen Nordens prägen, sie erfassen die gesamte Gesellschaft und werden auch in der MENA-Region wirksam, wiewohl sie hier auf andere Rahmenbedingungen treffen. Ergebnisse dieser räumlichen und sozialen Konversion von Unsicherheit sind an den empirischen Befunden der folgenden Ausführungen deutlich abzulesen(vgl. Tab. 2.1). Zu fragen ist somit: Inwieweit treffen diese Beobachtungen auf die Welt der Jugendlichen und Ungewissheit 49 Tab. 2.1 Operationalisierung von Ungewissheit Bereiche der Sicherheit 1. Gewaltfreiheit 2. Soziale Sicherheit – Staat – Haushalt 3. Existenzsicherung – Ressourcen – Regeln 4. Ontologische Sicherheit – Wissen – Glauben Kapitel der Studie (1–15) Empirische Indikatoren (exemplarisch) Hunger und Gewalt Gewalterfahrungen Gesellschaftliches Engagement Politik, Mobilisierung Familie, Gender Beteiligungsprozesse Institutionen Vertrauen Ökonomie Mittelschicht, Migration Werte, Shell-Vergleich Einkommen, Schulden Mobilität, Migration Präferenzen Ungewissheit Kommunikation Religion Zukunftsängste Mediennutzung Gläubigkeit jungen Erwachsenen in der MENA-Region zu, und wie sind sie zu erfassen? Die folgenden Ausführungen bringen die konzeptionellen Überlegungen mit den empirischen Befunden zusammen. Dabei können, wie in der vorliegenden Studie, vier Bereiche bzw. zehn Felder unterschieden werden, in denen Sicherheiten hergestellt werden. Wie deutlich wurde, steht die Gewaltfreiheit im Mittelpunkt aller Sicherheitsbestrebungen. In Anschlag gebracht werden dazu Strategien auf drei Handlungsebenen, die erstens darauf abzielen soziale bzw. menschliche Sicherheit über das Gemeinwesen, meist in Form von staatlichen Leistungen, herzustellen; die zweitens, in Form von Existenzsicherungsstrategien, von den einzelnen Familien und Haushalten ausgehen; und die drittens als ontologische Sicherheit vielfach in Routinen verankert sind. 3 Empirische Analyse von Unsicherheit und Verwundbarkeit Ziel der folgenden Ausführungen ist es, im Kontext ungleich verteilter Sicherheiten die Verwundbarkeit von jungen Menschen in der MENA-Region gruppen- und länderspezifisch herauszuarbeiten. Dies erfolgt in drei Schritten: Zunächst wird die Ausprägung von Unsicherheit untersucht, dann werden die verwundbaren Gruppen identifiziert und beschrieben, und schließlich wird die Binnenstruktur der Verwundbarkeit ausgeleuchtet. Der erste Analyseschritt – der die Ausprägungen von Unsicherheit deutlich macht – beschäftigt sich mit den wahrgenommenen und den strukturellen 50 Jörg Gertel Tab. 2.2 Selbsteinschätzung junger Menschen:»Sicher« oder»Unsicher« Ø Unsicher(1) – Krieg – Wirtschaft – Karriere – Familie – Gewalt – Emotionen – Nahrung – Gesundheit Sicher(10) Alle Bah- Tune- Jorda- Ma- Ägyp- Liba- Paläs- Je- Syr. rain sien nien rokko ten non tina men Flüchtl.ª ) 6,5 7,6 7,4 7,1 6,7 6,7 6,6 6,5 5,2 4,5 5,4 7,0 6,5 6,3 6,1 6,1 4,9 6,3 3,3 3,9 5,6 6,7 5,9 6,4 6,5 6,6 5,4 5,5 4,4 3,3 5,7 7,2 6,3 6,5 6,4 6,5 5,3 6,5 3,9 3,4 6,7 7,8 8,0 7,5 7,0 7,0 6,7 7,5 5,2 3,8 6,8 8,2 7,8 6,8 6,2 6,7 7,1 6,8 5,8 5,6 6,8 7,3 7,6 7,1 6,8 6,7 7,1 7,1 6,6 5,2 7,3 8,8 8,8 8,0 7,1 7,3 7,8 8,0 5,8 4,9 7,5 7,7 8,4 8,1 7,4 7,2 7,7 8,1 6,9 6,3 Frage » Wenn Du heute Deine persönliche Situation in allen ihren Teilen und Aspekten bedenkst(Schule/Job, Familie, ökonomische Situation, politischer Wandel, zukünftige Entwicklungen etc.) – alles zusammengenommen – fühlst Du Dich eher sicher oder unsicher?« Frage » Kannst Du das Gebiet der Unsicherheit spezifizieren: Bitte schätze Deine Situation auf einer Skala von 1(überhaupt nicht sicher) bis 10(völlig sicher) ein – Ich fühle mich sicher/unsicher in den folgenden Bereichen: …« Fragen 1, 9, 10. Hinweise n=9.000 | Die Zahlen repräsentieren Durchschnittswerte. Es können Rundungsfehler auftreten. | Der niedrigste Wert pro Zeile(repräsentiert»unsicher«) ist fett dargestellt. Die vollständigen Antwortoptionen der Frage 10 lauten:» Ich fühle mich sicher/unsicher in den folgenden Bereichen:«»meine ökonomische Situation; meine Gesundheit; meine Gefühle; meine Exposition gegenüber Gewalt; mein Zugang zu Nahrungsmitteln; die Zukunft meiner Familie; die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte und Krieg; meine zukünftige berufliche Karriere.« | ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. Unsicherheiten. Entsprechend betrifft die erste Ebene der Analyse die persönliche Einschätzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinsichtlich ihrer eigenen Situation von Sicherheit bzw. Unsicherheit. Hiermit steht die subjektive Wahrnehmung im Mittelpunkt. Dazu wurden den Befragten zwei zusammenhängende Fragen gestellt: eine allgemeine, die generelle Einschätzung betreffend und eine nachgelagerte, die einzelne Aspekte von Unsicherheit thematisiert(vgl. Tab. 2.2). Welche Bereiche werden von den Jugendlichen als besonders unsicher wahrgenommen? An exponierter Stelle steht»die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte und Krieg«, gefolgt von»meine ökonomische Situation« und»meine zukünftige berufliche Karriere«(vgl. Tab. 2.2). Danach folgen, mit deutlichem Abstand, drei weitere Aspekte, die mit Unsicherheit verknüpft sind:»die Zukunft meiner Familie«;»meine Emotionen«; meine Exposition gegenüber Gewalt«. Am sichersten erscheinen insgesamt»der Ungewissheit 51 Zugang zu Nahrungsmitteln« und die eigene»Gesundheitssituation«. Diese Befunde korrespondieren mit den Analysen zu den Werteorientierungen der Jugendlichen(vgl. Kap. 3), bei denen deutlich wird, dass drei Leitbilder von zentraler Bedeutung sind: der Wunsch nach Sicherheit sowie nach Recht und Ordnung; ein angemessener Lebensstandard inklusive adäquater Arbeitsplätze; sowie der Wunsch nach vertrauensvollen Partnerschaften und Familienbeziehungen. Werden die einzelnen Bereiche der wahrgenommenen Unsicherheit zusammenfassend betrachtet(Zeile 2 in Tab. 2.2) so zeigt sich, dass sich die jungen Menschen in Bahrain, Tunesien und Jordanien – wenn auch mit leichten Unterschieden – deutlich am sichersten fühlen. Diejenigen in Marokko, Ägypten, im Libanon und in Palästina weisen bei den aggregierten Werten kaum Unterschiede auf und liegen im Mittelfeld. Am unsichersten fühlen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Jemen und die syrischen Flüchtlinge im Libanon. Die beiden letzten Gruppen sind von gewalttätigen Konflikten betroffen, die sich in vielen Bereichen ihres Alltags auswirken – etwa auch auf ihre weitere Lebensplanung. Entsprechend sind die Binnendifferenzen zwischen den Ländern in einzelnen Bereichen teilweise groß. Dies betrifft besonders die unterschiedliche Einschätzung hinsichtlich der Zukunft der Familie: Hier nehmen die Jugendlichen in Tunesien(»eher sicher«) und die syrischen Flüchtlinge im Libanon(»eher unsicher«) die Extrempositionen ein. Aber auch die zukünftige berufliche Tätigkeit und der Zugang zu Nahrungsmitteln gestalten sich sehr ungleich: Die Jugendlichen in Bahrain und die syrischen Flüchtlinge bilden hier die beiden Enden des Spektrums. Doch auch innerhalb einzelner Länder können die Unterschiede zwischen einzelnen Aspekten der Unsicherheit groß sein. In Tunesien und im Libanon ist beispielsweise aus der Sicht der Befragten die Gesundheitssituation eher sicher, während die eigene ökonomische Situation bzw. die Wahrscheinlichkeit von bewaffneten Konflikten als deutlich unsicherer wahrgenommen wird. Im Jemen und unter den syrischen Flüchtlingen scheint hingegen die eigene Gesundheitssituation im internen Vergleich zu anderen Faktoren relativ sicher zu sein, wiewohl sie immer noch weit unter dem Durchschnitt der anderen Länder liegt. Um vor diesem Hintergrund das Ausmaß der Unsicherheit länderspezifisch einordnen zu können werden Quartile – vier gleich große Gruppen – der wahrgenommenen Unsicherheit berechnet und ihre Verteilung auf die einzelnen Länder betrachtet(vgl. Abb. 2.1). Dabei zeigt sich, dass die einzel52 Jörg Gertel Abb. 2.1 Selbsteinschätzung: Sicherheit nach Ländern 100 6 10 10 90 23 23 16 17 16 80 17 25 51 70 25 26 60 34 28 30 80 30 50 36 40 35 30 52 43 20 29 28 26 27 10 29 24 20 21 21 15 16 0 7 13 Bahrain Tunesien Jordanien Ägypten Marokko Libanon Palästina Jemen Syrien Unsicher Eher unsicher Eher sicher Sicher Fragen 1, 10. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die Quartile, die vier möglichst gleich großen Gruppen, leiten sich aus der Verteilung der Punktwerte im Sample ab, die sich aus der Durchschnittsberechnung aller acht Aspekte(Items) ergeben haben(vgl. Tab. 2.2). Das Spektrum spannt sich grundsätzlich von 1 Punkt=»überhaupt nicht sicher« bis zu 10 Punkten=»völlig sicher«. Die Gruppengrenzen sind wie folgt gezogen: Als»Unsicher« wurden alle bezeichnet, die gleichviel oder weniger als 5,38 Punkte erzielen; als»Eher Unsicher« diejenigen zwischen 5,39 und 6,63 Punkten; als»Eher Sicher« diejenigen zwischen 6,64 und 7,75 Punkten; und als»Sicher« alle, die gleichviel oder mehr als 7,76 Punkte im Durchschnitt erzielen. nen Gruppen in den Ländern unterschiedlich groß sind. In Bahrain und Tunesien fühlen sich mehr als drei Viertel der Jugendlichen eher sicher oder auch ganz sicher, was im Jemen und unter den syrischen Flüchtlingen nur auf eine Minderheit zutrifft. In den anderen vier Ländern ist das Verhältnis ausgeglichen: Etwa die Hälfte fühlt sich sicher und die andere Hälfte unsicher. Festzuhalten ist daher allgemein, dass die»gefühlte Sicherheit« sowohl Einschätzungen vergangener Erfahrungen mit der Abschätzung von Konsequenzen der laufenden Entwicklungen in der Zukunft verbindet als auch diese wiederum verschränkt mit der Einordnung der eigenen Situation im Kontext anderer gesellschaftlicher Positionen und Dynamiken. Diese Beurteilung wird teilweise innerhalb von Sekunden abgerufen und ist nicht nur hochgradig subjektiv, sie verlässt damit den engeren Bereich Ungewissheit 53 einer Sicherheitseinschätzung, der allein durch die Verfügung über Ressourcen definiert wäre. Die zweite Betrachtungsebene der Analyse von Unsicherheit resultiert aus objektiveren, sprich nachprüfbaren Indikatoren, die über individuelle subjektive Einschätzungen hinausgehen. Für diese Perspektive eignet sich ein Schichtenindex, den wir aus mehreren Variablen berechnet haben(vgl. Anhang): Hierzu zählen der Ausbildungsstand des Vaters, die Wohneigentumsverhältnisse, andere Wohlstandsindikatoren und die aktuelle ökonomische Situation der Familie. Der Ausbildungsstand des Vaters repräsentiert die Bildungsressourcen der Familie und korreliert mit der Beschäftigungs- und Einkommenssituation der Herkunftsfamilie der Jugendlichen (vgl. Kap. 7). Das Wohneigentum ist ein zentraler Indikator für das akkumulierte Einkommen; oft ist Wohneigentum der Bereich, in den Familien über viele Jahre hinweg den größten Teil ihres verfügbaren Kapitals investiert haben; es ist zudem Gegenstand von Wohlstandstransfers zwischen Generationen(Erbe). Das Wohlstandsranking wiederum besteht aus drei Indikatoren und bildet die Schnittstelle zwischen dem akkumulierten und dem verfügbaren Einkommen. Die hier gewählten Indikatoren repräsentieren zudem Aspekte der Mobilität(eigenes Fahrzeug, eigener Internetzugang), die in der Gesellschaft ungleich verteilt sind(vgl. Abb. 2.2). Die Einschätzung der ökonomischen Situation bewertet vor allem die Verfügung über monetäre Ressourcen, aber auch die wirtschaftliche Gesamtlage im (mittelfristigen) Zeitverlauf und im(bekannten) gesellschaftlichen Gefüge; sie eignet sich daher zur relativen Positionierung ressourcenabhängiger Schichteneinschätzung. Bei der Konstruktion des Indexes wurden für die einzelnen Indikatoren Punktwerte vergeben(vgl. Anhang). Insgesamt waren für jeden der 9.000 Fälle zwischen 3 und 14 Punkten zu erreichen. Aus der Verteilung der Summen für die Einzelfälle wurden, soweit möglich, fünf gleich große Gruppen gebildet(Quintile) und entsprechend benannt: Unterste Schicht, Untere-Mittel-Schicht, Mittlere Schicht, Obere-MittelSchicht und Oberste Schicht(vgl. Abb. 2.2). Bei den empirischen Befunden fällt zunächst auf, dass bei der Verteilung in unterschiedliche Schichten kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen existieren. Bei den Altersgruppen zeigt sich jedoch, dass die älteren Jugendlichen(26–30 Jahre) überwiegend der untersten Schicht(28%) angehören und nur wenige zur obersten Schicht zählen(11%). Bei der jüngeren Gruppe(16–20 Jahre) ist dies ausgewogener: Hier zählen 18 Prozent zur untersten und 18 Prozent zur obersten Schicht. Noch deutlicher 54 Jörg Gertel Abb. 2.2 Schichtenindex nach Ländern 100 9 6 13 9 12 90 10 15 18 37 80 16 23 29 27 70 33 26 60 29 42 84 50 31 27 34 32 40 30 62 39 27 24 22 23 20 15 20 10 12 13 12 15 13 12 10 0 7 6 3 21 Bahrain Libanon Jordanien Palästina Tunesien Ägypten Marokko Jemen Syr. Flüchtl. a) Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht Mittlere Schicht Obere-Mittel-Schicht Oberste Schicht Fragen: 1, Schichtenindex. Hinweise: Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Dargestellt sind Quintile, fünf möglichst gleich große Gruppen des Schichtenindex. Zu beachten ist, dass es sich hierbei um relationale und nicht um absolute Aussagen handelt; sie beziehen sich auf das Universum der Stichprobe. Aufgrund der Verteilung der abgefragten Indikatoren(vgl. Anhang) können zwischen 3 und 14 Punkten erzielt werden: Die Unterste Schicht erzielt 5 und weniger Punkte, die Untere-MittelSchicht erzielt zwischen 6 und 7 Punkten, die Mittlere Schicht erzielt zwischen 8 und 9 Punkten, die Obere-Mittel-Schicht erzielt zwischen 10 und 11 Punkten, die Oberste Schicht erzielt 12 und mehr Punkte | ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. fällt diese gesellschaftliche Polarisierung beim Vergleich zwischen denjenigen Jugendlichen aus, die noch zu Hause wohnen und den jungen Erwachsenen, die bereits einen eigenen Hausstand gegründet haben. Bei den Jugendlichen, die noch zu Hause wohnen, zählen 15 Prozent zur untersten und 17 Prozent zur obersten Schicht. Bei den jungen Erwachsenen mit eigenem Hausstand zählen hingegen 35 Prozent zur untersten und 8 Prozent zur obersten Schicht. Werden die einzelnen Länder betrachtet, so zeigt sich eine deutliche Ungleichverteilung der gesellschaftlichen Schichten, die von uns länderübergreifend konstruiert wurden: Während sich in Bahrain vor allem die obersten Schichten konzentrieren, ist das Gegenteil der Fall für die syrischen Flüchtlinge im Libanon sowie für die Ungewissheit 55 Jemeniten. Der Libanon hat hingegen den größten Anteil in der OberenMittel-Schicht, Tunesien bei der Mittleren Schicht und Marokko bei der Unteren-Mittel-Schicht. Die dritte Betrachtungsebene verknüpft beide Perspektiven der Unsicherheit. Hierzu wird der Schichtenindex(fünf Felder) mit dem Sicherheitsindex (vier Felder) kombiniert. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten(20 Felder) werden zusammengefasst, und zwar so, dass um die beiden Extrempositionen(unterste Schicht& höchste Unsicherheit sowie oberste Schicht & höchste Sicherheit) Bereiche aggregiert werden(Felder A–E; vgl. Tab. 2.3). Daraus entstehen fünf Gruppen: Neben der Mittleren Schicht, die alle Felder von Sicherheit umfasst, werden zum einen jeweils die unterste und untere Schicht sowie die oberste und die obere Schicht zusammenfasst und zum anderen die unsicheren und eher unsicheren sowie analog die sicheren und eher sicheren Gruppen. Daraus ergeben sich folgende Kombinationen und Eigenschaften(vgl. Tab. 2.3): Gruppe A: Untere Schichten und unsicheres Lebensgefühl(29%): Hier, in dieser größten Gruppe, versammeln sich Personen, die sowohl nach ihrer Ressourcenausstattung(Schichtenindex) als auch entsprechend ihrer eigenen Wahrnehmung(Sicherheitsindex) in unsicheren Verhältnissen leben. Die Aufteilung zwischen Männern(52%) und Frauen(48%) ist fast gleich gewichtet. Gegenüber den beiden jüngeren Altersgruppen(16–20 & 21–25 Jahre) mit 31 und 29 Prozent sind die älteren Jugendlichen(26– 30 Jahre) mit 40 Prozent deutlich stärker vertreten. 41 Prozent dieser Gruppe bezeichnen sich selbst als Flüchtlinge, der mit Abstand höchste Wert(vgl. Tab. 2.4). Wird die Beschäftigungssituation betrachtet(vgl. Kap. 7), so sind diejenigen in der Ausbildung in der Minderheit(9 Prozent Schüler, 5 Prozent Studenten). Berufstätige sind mit 27 Prozent und die vorübergehend nicht Arbeitenden sind mit 29 Prozent vertreten. Die mit Abstand größte Gruppe(30%) stellen diejenigen, die dauerhaft ohne Arbeit sind – ganz überwiegend handelt es sich dabei um Frauen. Was die Zukunft ihrer Gesellschaft betrifft, ist insgesamt knapp die Hälfte der Gruppe A eher pessimistisch, und auch bei den eigenen Zukunftsaussichten ist nur etwas mehr als die Hälfte zuversichtlich(vgl. Tab. 2.13). Die Gruppe A ist damit als die verwundbarste einzuordnen. Gruppe B: Untere Schichten, aber sicheres Lebensgefühl(13%): Diese Gruppe vereint Widersprüchliches: Bezogen auf ihre Ressourcenausstattung und die objektiven Kriterien des Lebensstandards gehören sie zur unteren Schicht, doch bezogen auf ihr Lebensgefühl und ihre eigene Wahr56 Jörg Gertel Tab. 2.3 Gruppen der Unsicherheit und Verwundbarkeit Unsicher Eher unsicher Eher sicher Sicher Unterste Schicht A 14 4 Untere-Mittel-Schicht 6 6 Mittlere Schicht C 4 7 Obere-Mittel-Schicht 2 5 Oberste Schicht D 1 2 B 2 1 5 4 7 6 6 6 E 4 7 Frage 10(Quartile), Schichtenindex(Anhang) Hinweis n=9.000 | Die Tabelle zeigt die Bildung von fünf Gruppen(A–E), die sich aus der Verbindung von den Gruppen(Quartile) der Sicherheit(Abb. 2.1) mit den Gruppen aus dem Schichtenindex (Abb. 2.2) ergeben. Sie verkörpern unterschiedliche Eigenschaften der Sicherheit/Unsicherheit. Die fetten schwarzen Linien markieren die Gruppengrenzen. Alle Angaben sind in Prozent(sie addieren sich insgesamt auf 100 Prozent). Es kann zu Rundungsfehlern kommen. nehmung fühlen sie sich sicher. Das Verhältnis von Frauen zu Männern ist ausgeglichen; auch die Altersgruppen zeigen kaum Unterschiede. Diese Gruppe bescheinigt sich selbst allerdings die höchste Religiosität(7.6 von 10 Punkten). Die Gruppe hat analog zur ersten Gruppe sehr wenig Studenten und die geringste Zahl an Berufstätigen, während die Zahl der momentan und dauerhaft nicht Arbeitenden über dem Durchschnitt liegt. Insgesamt sind 80 Prozent optimistisch, was die Zukunft ihrer Gesellschaft angeht (vgl. Tab. 2.13). Sie stellt in dieser Hinsicht die zuversichtlichste Gruppe überhaupt dar und ist auch, was das eigene Leben und die Zukunft betrifft, zusammen mit der mittleren Schicht, deutlich am positivsten eingestellt. Gruppe C: Mittlere Schicht, unsicheres und sicheres Lebensgefühl (24%): Diese Gruppe entspricht vollständig der mittleren Gruppe aus dem Schichtenindex. Auch hier ist das Verhältnis von Männern und Frauen fast ausgeglichen. Die mittlere Altersgruppe ist etwas stärker vertreten(36% gegenüber 33% bei der jüngsten und 31% bei der ältesten Gruppe). Die Berufsgruppen kommen fast ausgeglichen vor, mit Schülern, Berufstätigen und den im Moment nicht Arbeitenden als größte Gruppen. Insgesamt sind hier drei Viertel optimistisch und zuversichtlich bezüglich der eigenen Zukunft und der ihrer Gesellschaft(vgl. Tab. 2.13). Gruppe D : Obere-Schichten und unsicheres Lebensgefühl(11%): Es ist die kleinste Gruppe; auch sie ist durch Ambivalenzen gekennzeichnet, diesmal mit umgekehrten Vorzeichen. Bezogen auf die Ressourcenausstattung und die objektiven Kriterien des Lebensstandards gehören sie zur oberen Schicht, doch bezogen auf ihr Lebensgefühl und ihre eigene WahrUngewissheit 57 nehmung fühlen sie sich unsicher. Hier dominieren die Männer mit 55 gegenüber den Frauen mit 45 Prozent. Die Gruppe wird zudem eher durch jüngere Personen geprägt. Mit 12 Prozent sind hier auch die meisten befragten Christen vertreten. Bei den Berufsgruppen stechen die Studierenden hervor. Das kleinste Segment bilden diejenigen, die nie arbeiten. Insgesamt stellt diese Gruppe mit 23 Prozent auch die größte Anzahl derjenigen, die politisch(sehr) interessiert sind. Hinsichtlich der Zukunft ihrer Gesellschaft sind hier insgesamt zwei Drittel optimistisch(vgl. Tab. 2.13). Gruppe E: Obere Schichten und sicheres Lebensgefühl(24%): In dieser Gruppe versammeln sich Personen, die sowohl nach ihrer Ressourcenausstattung als auch entsprechend ihrer eigenen Wahrnehmung in sicheren Verhältnissen leben. Die Aufteilung zwischen Männern und Frauen ist fast gleich gewichtet. Es dominiert die jüngste Altersgruppe. Im Hinblick auf die Beschäftigungssituation sind mit Abstand vor allem Schüler und Studenten am häufigsten vertreten. Ebenso wie in der vorangegangenen Gruppe verfügt knapp die Hälfte über eine Krankenversicherung. Die Zukunft ihrer Gesellschaft sehen knapp drei Viertel optimistisch. Bei der eigenen Zukunft sind zwei Drittel zuversichtlich, doch findet sich hier auch die größte Gruppe(knapp ein Drittel) mit gemischten Gefühlen(vgl. Tab. 2.13). Insgesamt handelt es sich dennoch um die resilienteste Gruppe, die Gefährdungen am besten abfedern kann. Wie verteilen sich die fünf Gruppen auf die einzelnen Länder? Das Spektrum der Unsicherheit spannt sich auf zwischen der Situation der jungen Menschen in Bahrain, die ganz überwiegend abgesichert sind und resilient erscheinen, und den syrischen Flüchtlingen im Libanon, die fast komplett ungesichert und verwundbar sind(vgl. Abb. 2.3). Die Gegensätzlichkeit könnte dabei kaum größer sein. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den fünf Ländern Libanon, Jordanien, Palästina, Tunesien und Ägypten können überwiegend, also zu mehr als der Hälfte, als abgesichert gelten, wenn bei der Betrachtung die mittlere Schicht mit einbezogen wird(Gruppen C–E). In Marokko und Jemen hingegen muss die Mehrzahl als ungesichert gelten. Wird in einem zweiten Interpretationsschritt die mittlere Gruppe ausgeklammert – die bis auf die Randpositionen von Bahrain und den syrischen Flüchtlingen über die anderen Länder relativ gleich verteilt ist – und nur die Verteilung der beiden ambivalenten Gruppen(B und D) betrachtet, so zeigt sich, dass die Gruppe B, die unteren Schichten mit dem sicheren Lebensgefühl, größere Bedeutung in Tunesien, Ägypten und Marokko erzielt(diese Länder stellen knapp zwei Drittel[65%] 58 Jörg Gertel Abb. 2.3 Verwundbare Gruppen nach Ländern 100 9 12 15 13 90 24 19 4 19 34 80 14 8 25 53 70 33 22 60 29 31 50 26 94 40 20 34 32 10 72 12 30 14 22 5 24 20 10 31 30 6 10 23 23 17 8 12 3 0 5 21 Bahrain Libanon Jordanien Palästina Tunesien Ägypten Marokko Jemen Syr. Flüchtl. Verwundbar Verwundbar-optimistisch Resilient-pessimistisch Resilient Mitte Fragen Sicherheitsindex(Abb. 2.1)& Schichtenindex(Abb.2.2). Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Dargestellt sind Quintile, fünf möglichst gleich große Gruppen der Verwundbarkeit pro Land. Für die Berechnung siehe Tabelle 2.3. Zu beachten ist, dass es sich hierbei um relationale und nicht um absolute Aussagen handelt; sie beziehen sich auf das Universum der Stichprobe. der Gruppe B), während die Gruppe D, die oberen Schichten mit dem unsicheren Lebensgefühl, in den Ländern Bahrain, Libanon und Palästina vorherrscht(die drei Ländern stellen über die Hälfte[56%] der Mitglieder von Gruppe D). Ungewissheit 59 4 Binnenstruktur der Verwundbarkeit Im Folgenden werden die Eigenschaften der fünf Gruppen durch ausgewählte Indikatoren genauer beschrieben, sodass sich das Gefüge von Unsicherheit und Verwundbarkeit gruppenspezifisch aufzeigen lässt. Dabei wird in vier Schritten vorgegangen: Zunächst wird in die Rahmenbedingungen eingeführt(Soziales Profil, Work-Life-Balance und Haushaltsinfrastruktur), dann werden die zurückliegenden Transformationserfahrungen aufgezeigt(Stabilität des Lebens, Einschnitte in den Alltag, Gewalterfahrungen). Vor diesem Hintergrund geht es anschließend um das soziale Eingebundensein und die gesellschaftliche Verankerung(Vertrauen in Institutionen, Zugriff auf soziale Netzwerke) und schließlich um die Vorstellungen und Imaginationen der Zukunft(Zukunftsängste und Einschätzungen der Zukunftsentwicklung). Diese Befunde sind immer auch in Bezug zu den Einsichten aus den folgenden Kapiteln zu bewerten. Sie bieten einen ersten Einblick. Am sozialen Profil der fünf Gruppen wird deutlich, dass die Beschäftigungssituation ausgesprochen unterschiedlich ausfällt(Tab. 2.4): Während in den abgesicherten Gruppen(D& E) sich über die Hälfte der Befragten noch in Ausbildung befinden – sie sind Schüler und Studenten –, trifft dies nur für ein Siebtel der verwundbarsten Gruppe(A) zu. Umgekehrt verhält es sich mit der momentanen und strukturellen»Arbeitslosigkeit«. Viele Personen, Frauen wie Männer, gehen Tätigkeiten nach, doch wenn diese Arbeiten unbezahlt bleiben, werden die entsprechenden Personen als vorübergehend oder dauerhaft ohne Arbeit, als»arbeitslos« repräsentiert. Dies betrifft weit über die Hälfte in den beiden exponiertesten Gruppen(A& B), jedoch nur noch ein Viertel der abgesichertsten Gruppe(E). De facto ist nur wenig mehr als ein Fünftel der Befragten berufstätig. Am häufigsten finden sich Personen, die für Lohn arbeiten in der verwundbarsten Gruppe. Arbeit ist dementsprechend nicht einfach mit»Sicherheit« gleichzusetzen. Diese Gruppe weist, wie bereits herausgestellt wurde, zudem mit Abstand den größten Anteil an Flüchtlingen auf und konstituiert sich auch am deutlichsten durch junge Erwachsene mit einem eigenen Hausstand. Gegenüber der Haushaltsstruktur ist die formale Absicherung für den Krankheitsfall gegenläufig verteilt. Die Verwundbarsten sind am wenigsten abgesichert, sie haben kaum Zugang zu Krankenversicherungen. Wird vor diesem Hintergrund die Selbsteinschätzung der Work-Life-Balance der jungen Menschen betrachtet, so wird deutlich, dass je nach 60 Jörg Gertel Tab. 2.4 Soziales Profil der Gruppen Beschäftigungsstatus – Schüler – Studenten – Dauerhaft ohne Arbeit – Vorübergehend ohne Arbeit – Berufstätig Eigener Haushalt Flüchtling Krankenversichert(Ja) Religiosität(Punkte: 1–10 Ø) Alle A Verwundbar 100 29 18 9 17 5 18 30 25 29 22 27 29 42 17 41 30 14 7,3 7,2 B Verwundbaroptimistisch 13 17 10 22 34 18 28 7 29 7,6 C Mitte 24 D Resilientpessimistisch 11 21 20 16 32 16 9 25 20 22 19 26 18 9 8 36 41 7,1 7,1 E Resilient 24 26 28 8 17 20 19 4 42 7,5 Fragen 15, 24, 25, 65, 66, 67, 68, 95, 121, 169. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent(außer der letzten Zeile zur Religiosität; angegeben sind Punktwerte zwischen 1=»überhaupt nicht« und 10=»sehr«). Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar.»Eigener Haushalt« bedeutet, dass die jungen Erwachsenen nicht mehr bei ihren Eltern wohnen, sondern mit ihrem Partner und Partnerin oder mit ihrer eignen Familie. Gruppe, zwischen einem Viertel und einem Drittel von sich selbst sagt, dass sie zwischen Arbeit und Freizeit gut ausgleichen können(Tab. 2.5). Doch knapp die Hälfte fühlt sich insgesamt unterfordert. Sie schöpfen ihre Möglichkeiten im Alltag, in der Ausbildung oder auch im Beruf nicht aus, und dies teilweise sogar dauerhaft. Besonders betroffen sind neben einigen Schülern auch diejenigen, die vorübergehend oder dauerhaft nicht arbeiten. Auf der anderen Seite fühlen sich knapp zehn Prozent überfordert. Auch hier sind die dauerhaft Arbeitslosen am häufigsten betroffen. Bezogen auf die fünf Gruppen sind drei Aspekte bemerkenswert. Die verwundbarste Gruppe zeigt die häufigsten pathologischen Befunde: In den Gruppen A und B sagen jeweils neun Prozent von sich selbst, sie würden ihre Möglichkeiten dauerhaft nicht ausschöpfen und sich krank fühlen. Weitere fünf Prozent der ersten Gruppe geben an, dauerhaft gestresst zu sein und sich krank zu fühlen. Demgegenüber beurteilen diejenigen aus der mittleren Gruppe am häufigsten ihre persönliche Situation als ausgeglichen. Die resilienteste Gruppe(E) ist durch niedrige Extremwerte gekennzeichnet, zeigt jedoch die größten Häufigkeiten bei einfach vorkommenden Stresssituationen und auch bei einfacher Unterforderung. Ungewissheit 61 Tab. 2.5»Work-Life-Balance« Alle A B C D E Ich schöpfe meine Möglichkeiten dauerhaft nicht aus 7 und fühle mich krank Ich schöpfe meine Möglichkeiten dauerhaft nicht aus 20 Ich schöpfe meine Möglichkeiten nicht aus 28 Ich lebe eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit 31 Ich fühle mich gestresst 9 Ich fühle mich dauerhaft gestresst 4 Ich bin dauerhaft gestresst und fühle mich krank 3 9 9 7 5 4 21 23 22 18 16 27 27 26 27 29 25 28 35 34 34 9 9 7 9 11 5 3 2 4 5 5 2 2 3 1 Frage » Kannst Du Deine maximalen Leistungen im Studium, Deiner Arbeit oder Deinem Alltag abrufen? Was beschreibt Deine Situation am besten?« Frage 84. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Zu den allokativen Ressourcen zählen die Verfügung über Wohnraum sowie die Haushaltsinfrastruktur(vgl. Tab. 2.6). Wohnraum, als Apartments oder auch Häuser, ist der Bereich, in den Privatpersonen im Laufe ihres Lebens das meiste Geld investieren. Hier akkumuliert sich der Ertrag von Arbeit bzw. in einigen Fällen des zur Verfügung stehenden Kapitals. Zwei Drittel der Befragten bzw. ihre Eltern sind Eigentümer der Wohnung oder ihres Hauses. Die Spanne zwischen den fünf Gruppen ist dabei groß. Während nicht einmal die Hälfte der verwundbarsten Gruppe(A) eigenen Wohnraum hat, verfügen in den drei abgesichertsten Gruppen(C, D, E) etwa doppelt so viele Personen über eine eigene Wohnung. Bei der Grundausstattung der Familien mit Haushaltsinfrastruktur sind die grundlegenden Versorgungsanschlüsse – Wasser, Elektrizität, Fernsehen – und die Ausstattung mit einer separaten Küche fast überall gegeben. Die Verfügung über einzelne Geräte erlaubt ein Wohlstandsranking. Selbst wenn die Unsichersten, die der Gruppe A, in etwas geringerem Umfang über Satellitenempfang und Kühlschränke verfügen, zeigt sich eine größere Polarisierung erst bei der Ausstattung mit Computern. Die folgenden drei Aspekte – Stabilität der Lebensbereiche, Einschnitte in den Alltag und Gewalterfahrungen – geben Auskunft über jüngst zurückliegende Transformationserfahrungen der jungen Menschen. Als instabil werden vor allem die politische und ökonomische Situation angesehen(Tab. 2.7). Nur für kleinere Gruppen – sie bewegen sich in mittleren Schichten im einstelligen Prozentbereichen – erscheint die Aussicht auf 62 Jörg Gertel Tab. 2.6 Haushaltsressourcen: Verfügbare Infrastruktur Alle A B C D E Eigentümer der Wohnung= Ja 68 42 59 80 86 83 Zeitraum, in dem du in dieser 13 10 14 15 15 14 Wohnsituation lebst(Ø Jahre) Wasseranschluss Separate Küche Elektrizität Fernseher Satellitenantenne Kühlschrank Computer/Laptop Internetzugang a Auto/Transporter a Klimaanlage a 92 82 92 95 97 99 92 85 89 95 98 98 90 86 92 91 93 93 86 82 86 87 92 90 80 67 79 83 89 88 80 55 84 89 94 96 53 14 34 62 82 90 47 12 19 54 76 86 39 1 1 42 80 85 32 2 4 30 61 73 Frage » Welche der im Folgenden genannten Dinge stehen in Deinem Haushalt zur Verfügung?« Fragen 51, 52, 55. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. | a Diese Items sind ins Schichtenranking eingegangen. Entsprechend findet sich ihre Verteilung auch in der Tabelle wieder. Tab. 2.7 Stabilität im Leben Alle A B C D E Die politische Situation 33 45 25 31 31 23 Meine ökonomische Lage 18 38 10 11 14 5 Aussicht auf ein erfülltes Leben 9 17 6 6 8 5 Vertrauen zu meinen Freunden 5 7 4 4 6 4 Glaube an meine Fähigkeiten 3 5 1 1 3 1 Mein Glaube, meine religiöse Überzeugung 1 2 1 1 2 1 Die Beziehungen zu meiner Familie 1 2 1 1 2 1 Frage » Manche Dinge im Leben ändern sich kontinuierlich. Andere bleiben gleich. Wie viel Stabilität gibt es für Dich in verschiedenen Lebensbereichen?« Hier:»Instabil« Frage 167. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Für die Beantwortung der Frage waren fünf Antwortoptionen vorgesehen:»Instabil«,»Eher instabil«,»Teil-teils«,»Eher stabil«,»Stabil«. ein erfülltes Leben sowie das Vertrauen zu Freunden instabil zu sein. Der eigene Glaube, die religiöse Überzeugung und die Beziehungen zur FamiUngewissheit 63 lie werden hingegen kaum jemals als instabil wahrgenommen(vgl. Kap. 3). Wie zu vermuten, geben die Befragten der verwundbarsten Gruppe(A) ihre politische und ökonomische Situation mit deutlichem Abstand am häufigsten als instabil an. Dies trifft auch noch auf die Aussicht auf ein erfülltes Leben zu. In der resilientesten Gruppe(E) erscheint nur für ein knappes Viertel der Befragten die politische Situation als instabil, alle anderen Bereiche zeigen sich als eher stabil. Dazu korrespondieren die Befunde zu den persönlichen Einschnitten im Alltagsleben(Tab. 2.8), die sich auf die vergangenen fünf Jahre beziehen (Referenz: Sommer 2016). Fünf Bereiche liegen sehr eng beieinander und erscheinen zwischen einem Viertel und einem Fünftel der jungen Menschen als»sehr wichtig«. Dazu zählen die Einschnitte durch wachsende Gewalt, Nahrungsknappheit, Arbeitsplatzverlust, Veränderungen in der Familie und durch soziale Instabilität. Durch wachsende Gewalt ist, wie auch von den anderen Einschnitten, besonders die verwundbarste Gruppe(A) betroffen: Ein Drittel beurteilen wachsende Gewalt als»sehr wichtigen« und ein weiteres Drittel als»wichtigen« Einschnitt. Doch auch von den beiden folgenden Gruppen(B& C) schätzt jeweils ein Viertel der Befragten wachsende Gewalt als»sehr wichtig« ein und für jeweils ein weiteres Drittel von ihnen stellt sie immer noch einen»wichtigen« Einschnitt dar. Bei der Nahrungsknappheit zeigen sich die größten Differenzen zwischen den fünf Gruppen: Ganz offensichtlich kombinieren sich hier einerseits die schwache Ressourcenausstattung der Befragten mit den Rahmenbedingungen bewaffneter Konflikte in Syrien und im Jemen – beide Länder stellen über die Hälfte(56%) der Mitglieder aus Gruppe A – und prägen dadurch die Situation der Nahrungsknappheit(vgl. Kap. 10). Andererseits konstituieren Bahrain und Libanon, einmal zusammen mit Jordanien(E) und einmal mit Palästina(D), mehr als die Hälfte der Mitglieder der beiden abgesichertsten Gruppen. Hier spielte Nahrungsknappheit in den vergangenen fünf Jahren keine große Rolle. Schließlich zeigt sich die selektive Wirkung der Entwicklungen nach dem Arabischen Frühling auch in den Angaben zur allgemeinen Unsicherheit (soziale Instabilität) und der wirtschaftlichen Misere(Arbeitsplatzverluste). Die Veränderungen in der Familie verlaufen hingegen weitgehend gruppenunabhängig; sie zeitigen nur bei der Gruppe D eine geringere Häufigkeit. Die folgenden Ausführungen greifen die vorausgegangenen Befunde auf und beleuchten im Kontext allgemein zunehmender Instabilität und sich ausbreitender Konflikte die persönlichen Erfahrungen mit Gewalt (Tab. 2.9). Die beiden häufigsten Erfahrungen bestehen darin, Zeuge von 64 Jörg Gertel Tab. 2.8 Persönliche Einschnitte Alle A B C D E Wachsende Gewalt 26 33 26 24 19 20 Nahrungsknappheit 25 35 27 22 15 17 Arbeitsplatzverlust 24 32 24 20 17 19 Veränderungen in der Familie 22 24 21 20 15 23 Soziale Instabilität 21 30 22 19 13 15 Konflikte zwischen Glaubensgemeinschaften 16 24 16 14 10 12 Zunehmende Isolation von der Außenwelt 15 22 16 13 9 11 Klimawandel 15 17 19 15 10 14 Frage » Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben? Wie wichtig waren diese Veränderungen?« Hier:»sehr wichtig« Frage 141. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Für die Beantwortung der Frage waren fünf Antwortoptionen vorgesehen:»Sehr wichtig«,»Wichtig«,»Teil-teils«,»Unwichtig«,»Sehr unwichtig«. Tab. 2.9 Erfahrungen mit Gewalt Alle A B C D E Hast Du/Bist Du jemals … 1. Zeuge von Gewalt geworden? 32 43 32 32 26 23 2. psychologische Gewalt erfahren? 14 24 9 13 11 7 3. Vertreibung oder Ausweisung erfahren? 12 32 4 5 7 2 4. Dein Haus oder anderes wurden zerstört 11 28 4 5 6 2 5. Hunger gelitten? 10 27 4 4 4 1 6. eine andere Form der Gewalt erfahren? 8 11 5 8 7 5 7. Gewalt innerhalb der Familie erfahren? 7 12 5 7 6 3 8. sexuelle Belästigung erfahren? 6 6 6 7 6 4 9. mehrfach zusammengeschlagen worden? 5 8 4 6 5 2 10. brauchtest einen Arzt nach Schlägen? 5 8 3 4 4 2 11. je Folter erlitten? 4 9 2 2 2 1 12. Teilnahme gewalttätiger Demonstration 4 4 4 4 4 3 13. in bewaffneten Konflikt verletzt worden? 3 6 2 2 3 1 14. im Gefängnis gewesen? 3 5 2 3 2 1 Keine Gewalterfahrung(1–14) 57 37 61 59 66 72 Eine Gewalterfahrung(1–14) 17 14 24 20 15 17 Multiple Gewalterfahrungen(mehr als eine) 26 49 15 21 19 11 Frage 168. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Für die Beantwortung der Frage waren zwei Antwortoptionen vorgesehen:»Ja« und»Nein«. Hier sind die Ja-Antworten wiedergegeben. Ungewissheit 65 Gewalthandlungen geworden zu sein und selbst bereits unter psychologischer Gewalt gelitten zu haben. Zwei weitere Befunde sind besonders augenfällig: Die Gewalterfahrungen konzentrieren sich in Gruppe A; und sexuelle Belästigungen sind in allen Gruppen fast gleichermaßen ausgeprägt(vgl. Kap. 5). Die zusammenfassenden Angaben machen das unterliegende Muster nochmals deutlich: In der resilientesten Gruppe(E) haben fast drei Viertel der Mitglieder bisher keine persönlichen Gewalterfahrungen gemacht. Demgegenüber hat die Hälfte der verwundbarsten Gruppe(A) multiple Gewalterfahrungen durchlebt. Das Spektrum der Unsicherheiten ist entsprechend weit gespannt. Gegenüber gewalttätigen Erfahrungen und destabilisierenden Entwicklungen steht das Vertrauen in Institutionen und in soziale Netzwerke, die im Folgenden beleuchtet werden. Das Vertrauen in Organisationen und Institutionen gibt Auskunft über die Stabilität und Glaubwürdigkeit, die dem eigenen Staat und seinen Organen bescheinigt wird. Tabelle 2.10 verdeutlicht nochmals, dass von allen Institutionen mit Abstand am häufigsten der eigenen Familie Vertrauen entgegengebracht wird, nämlich von 80 Prozent der Befragten. An zweiter Stelle folgt das Militär, anschließend das Bildungswesen, die Polizei, die Regierung und das öffentliche Gesundheitssystem, dem immerhin noch ein Drittel der Befragten ihr Vertrauen bescheinigen. Mit Abstand am wenigsten wird politischen Parteien und den Parlamenten Vertrauen geschenkt(vgl. Kap. 12). Werden die fünf Gruppen in den Blick genommen, so ergeben sich folgende Muster: Zunächst wird der Familie durchgängig von allen Gruppen in gleichem Umfang Vertrauen entgegengebracht. Die am besten abgesicherte Gruppe(E) vertraut zudem vergleichsweise am häufigsten vier weiteren Institutionen – den Bildungseinrichtungen, der Polizei, der Regierung und dem öffentliches Gesundheitssystem – die ohnehin über alle Gruppen hinweg hohe Zustimmungswerte erzielen. Die unsicherste Gruppe(A) vertraut demgegenüber vergleichsweise stärker als andere Gruppen in Institutionen mit generell eher mittleren und niedrigen Vertrauenswerten. Dazu zählen Stammesstrukturen, religiöse Organisationen, die Vereinten Nationen, Menschenrechtsorganisationen und das Parlament. Dies mag mit der regionalen Zusammensetzung der Gruppe zusammenhängen, denn ein großer Teil dieser Gruppe wird, wie bereits herausgestellt, durch syrische Flüchtlinge im Libanon und durch Jemeniten gestellt, die einerseits durch ethnische Gruppen und Stämme geprägt sind und die andererseits bedingt durch die Kriegssituation in ihren Heimatländern und den daraus entstehenden 66 Jörg Gertel Tab. 2.10 Vertrauen Alle A B C D E Familie Militär Bildungswesen Polizei Regierung Öffentliches Gesundheitssystem Rechtssystem und Gerichte Stamm Vereinte Nationen Religiöse Organisationen Medien Menschenrechtsorganisationen Gewerkschaften Milizen(bewaffnete Gruppen) Nachbarschaftsvereine Parlament Politische Parteien 80 79 78 80 78 83 54 52 68 59 46 48 42 35 36 38 45 57 40 30 33 34 39 52 34 25 30 31 35 49 33 26 30 26 36 50 26 25 37 30 19 22 25 34 24 26 21 16 24 28 24 23 19 24 23 26 26 24 18 18 20 17 23 21 15 22 19 26 18 18 13 14 18 18 19 19 16 18 17 10 22 19 16 19 16 20 17 18 11 10 14 17 15 14 9 11 9 8 8 11 9 8 Frage » Hast Du Vertrauen in verschiedene Institutionen?« Hier:»Vertrauen« Frage 114. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Antwortoptionen auf die Frage 114 sind: »Kein Vertrauen«,»Eingeschränktes Vertrauen«,»Vertrauen«. Flucht- und Versorgungssituationen bereits einschlägige Erfahrungen mit den Vereinten Nationen und Menschenrechtsorganisationen gemacht haben. Die zweite Gruppe(B) zeigt demgegenüber die häufigsten Zustimmungswerte gegenüber dem Militär; immerhin zwei Drittel dieser Gruppe vertrauen ihm. Hinzu treten vergleichsweise hohe Vertrauenswerte für das Rechtssystem, für religiöse Organisationen, die Medien und Gewerkschaften. Die mittlere Gruppe(C) steht bei zwei Institutionen an der Spitze: bei Gewerkschaften und politischen Parteien. Dies korrespondiert mit den Befunden zur Mittelschicht – auch hier zeigen sich die zentralen Segmente der Mittelschicht am häufigsten mit demokratischen Strukturen verbunden(vgl. Kap. 8). Der Zugriff auf soziale Netzwerke beinhaltet soziales Eingebundensein, die Möglichkeit sich in der Gesellschaft verorten zu können und die Verfügung über ein Sicherungsnetz, das im Notfall mobilisiert werden kann. Dies trägt zur ontologischen Sicherheit bei. Der Aufbau und die Pflege Ungewissheit 67 sozialer Netzwerke benötigen allerdings Zeit und Engagement, und diese sind in gewissem Umfang immer dem Prinzip der Reziprozität verpflichtet – Tausch und Transaktionen, auch von Informationen, beruhen auf Gegenseitigkeit. Die»Verrechnungen« von Gabe und Gegengabe können dabei über lange Zeiträume erfolgen. Wie also sind die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in soziale Netzwerke eingebunden? Folgende Befunde sind herauszustellen(vgl. Tab. 2.11): Insgesamt sind knapp 60 Prozent Teil einer festen Clique, also Teil eines Freundschaftskreises von Gleichaltrigen. Die Häufigkeit ist allerdings ungleich verteilt: Bei der unsichersten Gruppe A ist nicht einmal die Hälfte Teil einer Clique; bei den sichersten drei Gruppen(C–E) sind dies hingegen zwei Drittel der Jugendlichen. Dieses Muster wiederholt sich bei der Internetnutzung, nur sind die Unterschiede noch deutlicher, sowohl was den Anteil der Nutzer als auch die Dauer der Nutzung betrifft. Die häufigste Funktion bei Nutzung virtueller sozialer Netzwerke ist es, mit Familie und Freunden in Kontakt zu bleiben – für alle Nutzergruppen ist dies fast gleichermaßen der Fall. Umgekehrt verfügt ein Siebtel der Befragten weder über einen Internetzugang noch über eine feste Clique. Hierbei stechen die beiden unsichersten Gruppen deutlich hervor: Ein knappes Drittel bzw. ein Fünftel scheinen in dieser Hinsicht gesellschaftlich isoliert. Die gefühlte Unsicherheit und die Ressourcenunsicherheit korrespondieren hier also mit schwachen sozialen Netzwerken. Geraten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in kleinere oder größere Zwangslagen, benötigen Geld, werden krank, haben persönliche Probleme oder aber suchen Arbeit: An wen wenden sie sich? Bei dieser Frage wird die relative Bedeutung sozialer Netzwerke offensichtlich, und strategische Optionen werden sichtbar. Die Befunde zeigen differenzierte Bilder: Am auffälligsten ist zunächst, dass in allen vier Fällen – beim Bedarf nach Geld, der Suche nach Arbeit, im Krankheitsfall und bei persönlichen Problemen – die Familie mit Abstand der wichtigste Ansprechpartner ist. Besonders bei Krankheit und Geldangelegenheiten entscheiden sich mehr als drei Viertel der Jugendlichen dafür, ihre Familien anzusprechen. Bei persönlichen Problemen und bei der Arbeitssuche ist für die meisten immer noch die Familie der erste Ansprechpartner, doch Freunde sowie der eigene Partner werden in diesen Bereichen wichtiger. Zwischen den Gruppen bestehen die größten Binnendifferenzen bei dem Bedarf von Geld. Hierbei würden sich 70 Prozent der unsichersten Gruppe an die Eltern wenden, während sich bei der sichersten Gruppe sogar 88 Prozent an die Eltern wenden würden. Bei persönlichen Problemen zeigen sich hingegen keine 68 Jörg Gertel Tab. 2.11 Soziale Netzwerke Alle A B C D E Bist Du Teil einer festen Clique?= Ja 58 44 54 64 66 66 Nutzt Du das Internet?= Ja – Stunden/Tag(Ø) Für was nutzt Du soziale Netzwerke? a – In Kontakt bleiben(Familie, Freunde) – Musik, Videos teilen – Freunde treffen – Arbeit suchen 75 51 65 83 92 96 5,2 3,7 4,3 5,0 6,1 6,4 38 38 30 34 36 44 21 12 16 19 22 31 19 10 13 16 23 28 11 6 11 9 12 16 Weder Clique noch Internet 14 31 20 8 3 2 Sicherheit: An wen wendest Du Dich im Falle … … Du benötigst Geld? – Familie – Mein Partner b – Freunde – Niemanden 80 70 82 82 84 88 57 52 57 60 61 68 20 24 21 22 19 14 2 3 2 2 0 1 … Du suchst Arbeit? – Familie – Freunde – Mein Partner b – Internet – Öffentliche Institutionen – Private Initiativen – Nachbarn – Personen mit gleicher Herkunft – Niemanden 42 39 39 40 45 47 32 35 30 33 31 27 27 25 24 27 25 33 20 6 16 23 24 34 20 12 23 24 20 25 7 4 7 8 7 8 6 7 6 6 4 3 6 8 7 7 4 3 6 9 6 5 5 2 … Du bist krank? – Familie – Mein Partner b – Freunde – Öffentliche Institutionen 79 74 76 79 84 86 62 60 57 62 69 73 11 12 11 11 13 11 6 5 14 8 3 4 … Du hast persönliche Probleme – Familie – Mein Partner b – Freunde – Niemanden 66 66 66 66 67 66 58 54 57 60 58 69 31 23 26 34 36 37 5 5 6 4 4 4 Fragen 129, 132, 149, 153, 155. Hinweisen n=9.000 | Alle Angaben in Prozent(bis auf die dritte Zeile zur Dauer der Internetnutzung; hier erfolgen die Angaben in Stunden pro Tag). Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar | a » Wozu nutzt Du soziale Netze wie Facebook, Blogs oder WhatsApp?«=»Regelmäßig«. Diese Frage wurde nur Internetnutzern gestellt. Die folgenden Optionen haben fünf Prozent und weniger erreicht: für die Partnersuche; um über Politik zu diskutieren; um über Religion zu diskutieren; zur Mobilisierung von Freunden und anderen Personen; für den aktiven Widerstand gegen bestimmte politische Positionen; um Freunde und anderen für religiöse Angelegenheiten zu gewinnen; für den aktiven Widerstand gegen bestimmte religiöse Positionen. Für die Frage» An wen wendest Du Dich …?« wurden nur Antworten berücksichtigt, die mindestens zwei Prozent erreicht haben. b Prozentwerte wurden nur für diejenigen Befragten berechnet, die verheiratet sind. Ungewissheit 69 Tab. 2.12 Zukunftsängste Alle A B C D E Zunehmende Unsicherheit 34 46 36 32 26 22 Schwer zu erkranken 33 40 36 30 28 27 Zu verarmen 32 46 32 27 26 23 Verlust des Arbeitsplatzes a 30 39 31 27 26 23 Einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen 29 38 31 28 23 19 Bewaffnete Konflikte, die meine Familie bedrohen 28 39 29 27 19 17 Weniger Erfolg zu haben, als ich mir wünsche 26 29 30 26 22 23 Mich mit den Eltern dauerhaft zu überwerfen 22 21 27 24 18 21 Aus ökonomischen Gründen auswandern zu müssen 22 33 20 20 16 13 Aus politischen Gründen auswandern zu müssen 20 28 19 18 16 15 Unverheiratet zu sein und ledig zu bleiben 17 20 19 16 14 14 Drogenabhängig zu werden 16 18 22 17 11 13 Keine Freunde zu haben 16 19 17 14 15 13 Frage » Sprechen wir über Deine Zukunftsängste. Was macht Dir Angst?« Hier:»große Angst« Frage 140. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Die Frage zu Zukunftsängsten hat fünf Antwortoptionen:»Große Angst«,»Ziemliche Angst«,»Etwas Angst«,»Überhaupt keine Angst«,»Das kann nicht passieren« | a Diese Frage wurde von allen beantwortet, nicht nur von denen, die berufstätig sind. Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich der Ansprechpartner. Das Feld scheint hier weitgehend homogen. Schließlich ist noch darauf aufmerksam zu machen, dass es bei der Arbeitssuche aber auch bei persönlichen Problemen und bei Geldangelegenheiten eine nicht unbeachtliche Zahl von Personen gibt – oft quer zu den fünf Gruppen – die niemanden haben, an den sie sich im Zweifelsfall bei Schwierigkeiten wenden könnten. Wie gestalten sich vor diesem Hintergrund die Zukunftsängste und die allgemeine Einschätzung der Zukunftsperspektiven seitens der jungen Menschen(vgl. Tab. 2.12; Tab. 2.13)? Aus den vorangegangenen Informationen ist bereits zu schlussfolgern, dass die ungewissen und instabilen Rahmenbedingungen am häufigsten mit Angst besetzt sind. Konkret zählen dazu Zukunftsängste wie die zunehmende Unsicherheit, die Angst zu verarmen, der mögliche Verlust des Arbeitsplatzes, die Angst einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen und die Angst vor bewaffneten Konflikten, die die Familie bedrohen. Ein(knappes) Drittel hat bei den ersten sechs Szenarien»große Angst«, und ein weiteres(knappes) Fünftel hat»ziemliche 70 Jörg Gertel Tab. 2.13 Einschätzung der Zukunft Alle A Persönliches Leben und Zukunft – Eher düster 13 27 – Eher zuversichtlich 65 54 – Gemischt 22 19 Gesellschaftliche Zukunft – Eher düster – Eher zuversichtlich 30 41 70 59 B C D E 8 9 11 6 72 74 62 65 20 18 27 29 20 25 32 27 80 75 68 73 Frage » Wie siehst Du Deine Zukunft und Dein persönliches Leben?« Frage » Und wie siehst Du die Zukunft unserer Gesellschaft?« Fragen 165, 166. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. | Die fett dargestellten Zahlen stellen die höchsten Angaben pro Zeile dar. Angst« – insgesamt also jeweils etwa die Hälfte aller Befragten. Bezogen auf die einzelnen Gruppen zeigen sich folgende Strukturen: Am häufigsten fühlen sich die Mitglieder der Gruppe A gegenüber starken Zukunftsängsten exponiert; bei drei Aspekten gilt dies allerdings für die Gruppe B, die ansonsten mit am zuversichtlichsten ist. Sie befürchten am häufigsten, weniger Erfolg zu haben, als sie sich wünschen, sich mit ihren Eltern dauerhaft zu überwerfen und drogenabhängig zu werden. Der Druck, aus ihrer Armutssituation zu entkommen, lastet trotz großer Zuversicht demnach schwer auf den Mitgliedern dieser Gruppe. 5 Fazit Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung von Ungewissheit im Leben junger Menschen in der MENA-Region. Im Mittelpunkt steht die These, dass die Produktion von Sicherheiten dazu dient Ungewissheiten einzuhegen. Eingangs werden daher konzeptionelle Einblicke in drei miteinander verzahnte Bereiche der alltäglichen Sicherheitsproduktion vorgestellt: die der ontologischen Sicherheit auf individueller Ebene, der Existenzsicherung auf Haushaltsebene und die der sozialen Absicherung auf Ebene der Gemeinwesen, meist verkörpert durch den Staat. Die Abwesenheit von Gewalt ist dabei von grundlegender Bedeutung. Die Möglichkeiten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Ungewissheiten Ungewissheit 71 einzuhegen, stehen allerdings, wie gezeigt wurde, vor großen Herausforderungen. Denn in der MENA-Region werden die Rahmenbedingungen durch politische Umbrüche, Gewalteskalation und wirtschaftliche Schwierigkeiten wie auch durch die Dynamiken der Globalisierung grundlegend verändert: Die jungen Menschen haben schwere Startbedingungen. Bisherige Strategien zum Abfedern von Unsicherheiten greifen nur noch bedingt oder gar nicht mehr. Dies wird daran deutlich, dass junge Menschen gegenüber Unsicherheiten unterschiedlich exponiert und verwundbar sind. Es zeigt sich empirisch besonders deutlich, wenn die verwundbarste Gruppe mit der widerstandsfähigsten Gruppe verglichen wird – beide zusammen machen bereits mehr als die Hälfte aller Befragten aus. Die widerstandsfähigste Gruppe, die entsprechend ihrer Ressourcenausstattung(Schichtenindex) und ihrer eigenen Wahrnehmung(Sicherheitsindex) in sicheren Verhältnissen lebt, konstituiert sich vor allem aus Schülern und Studenten. Drei Viertel haben keinerlei persönliche Gewalterfahrungen; sie sind in einer Clique oder im Internet stark vernetzt, und ihr Vertrauen in Familie, Bildungseinrichtungen, Polizei und Regierung ist weitgehend ungebrochen. Nur ein kleiner Teil sagt von sich selbst, große Zukunftsängste zu haben. Die Ungewissheit erscheint gut beherrschbar und viele sind zuversichtlich. Die verwundbarste Gruppe, die entsprechend ihrer Ressourcenausstattung (Schichtenindex) und ihrer eigenen Wahrnehmung(Sicherheitsindex) in unsicheren Verhältnissen lebt, konstituiert sich demgegenüber vor allem aus jungen Erwachsenen, die bereits einen eigenen Hausstand aufgebaut haben. Zwei Drittel sind allerdings vorübergehend oder dauerhaft ohne Arbeit. Deutlich mehr als ein Drittel bezeichnen sich als Flüchtlinge. Sie haben dramatische Umbrüche in den letzten Jahren erlebt, und etwa die Hälfte hat bereits multiple Gewalterfahrungen gemacht. Ein Drittel ist sozial weitgehend isoliert: diese jungen Menschen verfügen weder über eine Clique noch über einen Internetzugang. Diese Gruppe sieht sich insgesamt einer Vielzahl von großen Ängsten ausgesetzt. Etwa die Hälfte sieht die eigene Zukunft düster oder gemischt. Die Ungewissheiten sind entsprechend dramatisch und haben auch somatische Konsequenzen. Für einige ist der Stress oder die Unterforderung so groß, dass sie sich krank fühlen. Insgesamt spannt sich die Situation der Jugendlichen und jungen Menschen der MENA-Region damit gruppenspezifisch zwischen Ungewissheit und Zuversicht auf. 72 Jörg Gertel II Gewohnheiten und Werte Kapitel 3 Werte Jörg Gertel · David Kreuer W erte sind Referenzpunkte für menschliches Verhalten. Im vorliegenden Kapitel beleuchten wir die Werte und Orientierungsmuster der jungen Menschen in der MENA-Region und gehen der Frage nach, wie stabil diese in Zeiten vielfältiger Umbrüche und Krisen in der Gesellschaft sind. Für Jugendliche und junge Erwachsene beschrieb Bennani-Chraïbi(1995) bereits in den 1990er-Jahren das Phänomen der»Bastelidentitäten«( bricolage culturel) in Marokko; dann nämlich, wenn Jugendliche als»traditionell« eingestufte Werte und Religiosität mit Versatzstücken»moderner« Bezugssysteme sowie mit kreativen Bewältigungsstrategien in einem Alltag voller neuer sozialer und ökonomischer Hürden und Herausforderungen verknüpfen. Von jungen Menschen werden für gelingende Biografien zunehmend Mobilitätsbereitschaft, Spontanität, Durchsetzungsvermögen und Selbstständigkeit verlangt, vor allem aber Flexibilität, Kreativität, Schnelligkeit und Problemlösungskompetenz. Für den Eintritt ins Erwerbsleben werden zudem Schlüsselqualifikationen wie Loyalität, Verlässlichkeit, Disziplin und Gründlichkeit eingefordert. Sprach- und soziale Kompetenzen kommen ebenso selektiv hinzu wie das sichere Navigieren durch konfessionelle und regionale Bezugssysteme. In der Vielfältigkeit der Lebenswelten werden Jugendliche der MENA-Region damit zu flexiblen Gestaltern ihrer Identitäten und Biografien. In diesen biografischen Narrativen zeigen sich heute allerdings neue normative Bezugspunkte. Das ist auf die zunehmende Globalisierung, allgegenwärtige Kommunikationsnetzwerke und verstörende Erfahrungen visueller und körperlicher Gewalt zurückzuführen. Im Kontext der gesellschaftlichen Umbrüche im Nachgang des Arabischen Frühlings steht in diesem Kapitel die Frage im Mittelpunkt, wie sich der Wegfall von Planungssicherheit und verbindlichen institutionellen Ankern auf das Wertegefüge junger Menschen auswirkt. Wir gehen davon aus, dass Werte helfen, kollektive und individuelle Entscheidungen zu treffen sowie mögliche Muster zur Selbstorientierung bieten. Werte 75 »Werte sind Vorräte an gesellschaftlich und persönlich Wünschbarem, potenzielle Orientierungsmuster. Sie sind keine konkreten Handlungsvorgaben, keine Normen, sie sind auch nicht einklagbar. Werte sind individuelle Vorstellungen davon, was erstrebenswert sei. Damit sind sie allgemeinere Anhaltspunkte, an denen sich menschliches Verhalten orientieren kann, an denen es sich, um verständlich zu bleiben, aber nicht notwendig orientieren muss. Während Normen vorrangig zwischen den Menschen wirken und als Gebrauchsanweisung für den zwischenmenschlichen Umgang unser Verhalten strukturieren, sind Werte in den Menschen«(Fritzsche 2000, 97, Herv. i. Orig.). Unsere Analyse ist in vier Schritte gegliedert: Zunächst werden die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die befragt wurden, vorgestellt und wesentliche Merkmale erläutert. Danach werden ihre Wertegefüge untersucht und diskutiert. Anschließend besprechen wir länderübergreifende Zusammenhänge und Gruppierungen, bevor wir abschließend die Auswirkungen der gesellschaftlichen Umbrüche und die Ängste der Jugendlichen thematisieren und dabei auf individuelle Diskontinuitäten sowie den Wandel von Werten eingehen. 1 Charakteristika der Jugendlichen Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der MENA-Region im Alter von 16 bis 30 Jahren, die im Sommer 2016 in acht Ländern befragt wurden, leben überwiegend noch bei ihren Eltern. Ein Teil – ein knappes Drittel – hat allerdings bereits einen eigenen Hausstand gegründet. Dies betrifft vor allem Frauen, die im Durchschnitt jünger heiraten als Männer ihrer Generation. Trotzdem zählen sich fast alle Befragten noch zur Gruppe der Jugendlichen(91 Prozent der Frauen und 93 Prozent der Männer) und nicht zu den Erwachsenen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind dabei stark mit ihren Eltern verbunden: Sie wohnen nicht nur zusammen, sondern essen häufig auch gemeinsam und bilden somit eine gemeinsame Reproduktionseinheit. Das bedeutet: Einzelne Personen können ein eigenes Budget haben, doch ein Teil der Einkünfte der Haushaltsmitglieder geht in eine gemeinsame Kasse. Aber auch zwischen den jungen Erwachsenen mit eigenem Hausstand und ihren Herkunftsfamilien bestehen vielfältige Verflechtungen(vgl. Kap. 7). Im Folgenden werden anhand von Bildung, Sprachkenntnissen, Schichtenzugehörigkeit, sozialer Vernetzung, individuellen Lebenszielen, Bedeutung von Familie, Kindern und Generationengerechtigkeit sowie Positionen zur eigenen Zugehörigkeit zentrale 76 Jörg Gertel · David Kreuer Tab. 3.1 Jugend und Bildung »Höchster erreichter Abschluss« Analphabet Kann lesen und schreiben Grundschule Mittelschule Abitur Technische/Berufsausbildung Universitätsabschluss(BA/MA) Promotion Summe(Prozent) Alle Durchschnitt 4 2 15 41 16 5 16 (7) 100 Geschlecht männlich weiblich 2 5 2 3 16 15 44 39 17 16 6 4 14 18 (5)(2) 100 100 Alter Haushalt 16–20 21–25 26–30 Eltern Eigener 2 3 5 2 8 2 2 4 2 4 17 13 16 13 20 61 34 27 47 29 13 22 14 17 14 2 6 6 5 4 2 20 28 14 21 (7)(4)(3) 100 100 100 100 100 Fragen 3, 4, 15, 26. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler vorliegen. | »Haushalt Eltern«= Die Befragten leben im selben Haushalt wie ihre Eltern;»Haushalt Eigener«= Die Befragten haben bereits einen eigenen Haushalt gegründet. Zahlen in Klammern weisen auf Einzelfälle hin. Charakteristika der Jugendlichen vorgestellt, die – so unsere These – eng mit der Ausprägung von Werten zusammenhängen. Bildung: Bildung zu untersuchen ist nicht ganz einfach. Zum einen befindet sich ein Teil der befragten Jugendlichen noch in der Ausbildung, zum anderen haben sich die Einschulungsraten innerhalb von wenigen Jahren dramatisch verändert(und dabei oft erhöht), sodass Vergleiche zwischen den Gruppen – insbesondere, wenn sie länderübergreifend durchgeführt werden – nicht unproblematisch sind. Wir stellen hier daher nur allgemeinere Aussagen vor. Werden die Analphabeten und diejenigen, die lediglich lesen und schreiben können, sowie Personen, die nur die Grundschule absolviert haben, zusammengefasst, so wird deutlich, dass ein Fünftel der Befragten über keine oder nur über eine minimale formale Bildung verfügt(vgl. Tab. 3.1). Demgegenüber hat die große Mehrheit mittlerweile eine weiterführende Schulbildung genossen. Aufgrund ihres Alters befindet sich ein Teil der Befragten allerdings noch in Ausbildung, während die Älteren diese in der Regel abgeschlossen haben, berufstätig sind oder unbezahlt im Haushalt arbeiten. Entsprechend ist die Altersstruktur bei der Ausbildung mitzudenken. Es zeigt sich, dass die jüngste Gruppe(16–20 Jahre) mit Abstand den größten Anteil an Mittelschülern aufweist und nur eine kleine Gruppe über einen weiterführenden Schulabschluss verfügt. Bei der mittleren Altersgruppe(21–25 Jahre) streut dies Werte 77 deutlicher. In der ältesten Gruppe(26–30 Jahre), in der viele ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben, ist die Polarisierung groß; ein Viertel hat keine oder nur eine minimale formale Bildung und drei Viertel verfügen über einen Mittelschulabschluss oder weiterführende Bildung. Noch deutlicher wird diese Polarität bei denen, die bereits einen eigenen Haushalt gegründet haben. Insgesamt bildet sich das aus vielen Studien bekannte Muster ab: Einschulungsraten und die Höhe der Bildungsabschlüsse haben sich oft jahresbezogen verbessert. Die Länderunterschiede sind allerdings beachtlich. Bei einem Vergleich der durchschnittlich absolvierten Schuljahre liegen Bahrain, Tunesien, Palästina und der Libanon vorne; hier gehen die Befragten durchschnittlich 12 oder 13 Jahre in die Schule. In Jordanien, Marokko und Ägypten liegt der Durchschnitt bei zehn bis elf Jahren, im Jemen bei acht Jahren und bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon bei sieben Jahren. Sprache: Fast alle befragten Jugendlichen(99 Prozent) geben Arabisch als Muttersprache an. Dabei ist zu beachten, dass die gesprochenen Dialekte sich in Vokabular, Aussprache und sogar Grammatik stark unterscheiden. Erst die Schriftsprache, das in der Schule gelernte Hocharabisch, gewährleistet ein gegenseitiges Verständnis über Ländergrenzen hinweg. Mit großem Abstand folgen bei den Muttersprachen Englisch(2 Prozent, vor allem im Libanon), Amazigh(nur in Marokko) und Französisch(überwiegend in Marokko). Bei den von den Jugendlichen beherrschten Fremdsprachen liegt Englisch(34 Prozent der Befragten) insgesamt deutlich vor Französisch(18 Prozent); lediglich in Marokko und Tunesien, historisch stark von Frankreich beeinflusst, ist dies umgekehrt(zusammen 55 Prozent Französisch, 29 Prozent Englisch). Gesellschaftlicher Status: Die soziale Schichtung ist von Land zu Land unterschiedlich ausgestaltet. Nichtsdestotrotz interessiert uns ein übergreifender regionaler Vergleich, um die Jugendlichen in Bezug auf ihre Ausstattung mit Ressourcen verschiedener Art zueinander in Beziehung setzen zu können. Daher berechneten wir einen»Index der sozialen Schichten«(vgl. Kap. 2). Er beruht auf vier Kriterien: dem Bildungsstand des Vaters, dem Vermögensstand des Haushalts, der Wohnsituation und der wirtschaftlichen Selbsteinschätzung. Je höher die Befragten und ihre Eltern in diesen Kategorien abschneiden, desto höher schätzen wir ihren gesellschaftlichen Status ein. Unsere Analyse bringt einige deutliche Unterschiede zutage. Je höher die Schicht, desto größer ist beispielsweise der Anteil der Unverheirateten gegenüber den Verheirateten. Die Angehörigen der unteren 78 Jörg Gertel · David Kreuer Schichten fühlen sich tendenziell weniger sicher und blicken zudem weniger optimistisch in die Zukunft. Soziale Netzwerke: Drei Viertel der Jugendlichen nutzen das Internet; knapp die Hälfte hat einen Internetanschluss zu Hause. Soziale Netzwerke wie Facebook dienen vor allem dazu, mit Freunden und der Familie in Kontakt zu bleiben(bei 75 Prozent der Nutzer) und werden nur selten zur politischen(9 Prozent) oder religiösen Mobilisierung( taʿbiʾa) genutzt(13 Prozent). Drei Viertel der Interviewten besitzen ein Smartphone. Gleichzeitig ist über die Hälfte der Jugendlichen in einen festen Freundeskreis eingebunden, und fast alle sind zufrieden oder sehr zufrieden mit ihren Freunden und Freundinnen. Jeder siebte ist allerdings weder Teil einer solchen Clique noch hat er Zugang zum Internet. Dies ist unter den syrischen Flüchtlingen im Libanon sowie unter Jugendlichen im Jemen und in Marokko am häufigsten der Fall. Die stärksten Gefühle der Verbundenheit bestehen insgesamt zu»Offline-Institutionen«: der eigenen Familie(im Schnitt 8,2 von 10 Punkten), der Herkunftsregion(im Schnitt 7,1) und der religiösen Gemeinschaft (im Schnitt 7,0). Jugendliche ohne Internetzugang vergeben hier durchschnittlich höhere Punktwerte. Mit anderen jungen Menschen auf der Welt fühlen sich hingegen vor allem die Internetnutzer verbunden, und zwar durch Mode(35 Prozent), Fußball(34 Prozent) und Musik(32 Prozent) als gemeinsame Interessen. Diese sind teilweise nach Geschlechtern differenziert: männlich dominiert sind Fußball(49 Prozent der Männer gegenüber 18 Prozent der Frauen) und Computerspiele(34 Prozent zu 24 Prozent); die Verbindungen über Mode sind hingegen häufiger von Frauen geprägt (39 Prozent zu 30 Prozent). Lebensziele: Vor die Wahl gestellt, von vier möglichen individuellen Zielen ein einziges auszuwählen, zeigt sich, dass sich fast die Hälfte der Jugendlichen und jungen Erwachsenen für»einen guten Job« entscheidet, knapp ein Drittel für»eine gute Ehe« und ein knappes Fünftel für»gute Familienbeziehungen«(vgl. Tab. 3.2). Die zentrale Bedeutung der Arbeitssituation und der hieraus abgeleiteten Hoffnung auf eine erfüllte Zukunft werden hieran ersichtlich. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind allerdings gerade bei den ersten beiden Zielen bemerkenswert. Fast zwei Drittel der Männer entscheiden sich für einen guten Job, gegenüber einem Drittel bei den Frauen. Dies korrespondiert mit der aktuellen Arbeitsmarktsituation, bei der Männer nach wie vor die Hauptverdiener stellen und Frauen vor allem temporär eine entlohnte Berufstätigkeit ausüben. Diese liegt häufig in der Zeit zwischen dem Ende der Ausbildung und Werte 79 Tab. 3.2 Eigenschaften junger Menschen in der MENA-Region Religion: » Wie religiös bist Du?«(10 Punkte= sehr religiös; hier 8–10 Punkte) – »Religion ist Privatsache und niemand sollte sich einmischen«= Ja Individuelle Ziele: » Was ist wichtiger für Deine persönliche Zukunft?«(nur eine Nennung) – »Eine gute Arbeit« – »Eine gute Ehe« – »Gute familiäre Beziehungen« – »Gute Freunde« Soziale Beziehungen: – Familie:»Für ein glückliches Leben braucht man eine Familie«=»Ja« – Kinder:»Für ein glückliches Leben braucht man Kinder«=»Ja« – Kinder auf dieselbe Weise erziehen, wie Du selbst erzogen wurdest a – Generation: Beziehung; jüngere und ältere Generation b =»angespannt« – Ältere Generation sollte Ansprüche zurückschrauben c =»Ja« Selbst und Gesellschaft: – »Ich fühle mich aus der Gesellschaft ausgeschlossen« (10 Punkte= stimme voll zu; hier 8–10 Punkte) – »Ich gehöre einer Minderheit an« (10 Punkte= stimme voll zu; hier 8–10 Punkte) – »Ich bin ein Staatsbürger mit den gleichen Rechten wie alle anderen« (1 Punkt= stimme gar nicht zu; hier 1–3 Punkte) Zukunft: » Wie siehst Du Deine eigene Zukunft und Dein persönliches Leben?« – »Eher pessimistisch« – »Eher optimistisch« – »Gemischt, so oder so« – »Und wie sieht es mit der Zukunft unserer Gesellschaft aus?« – »Eher pessimistisch« – »Eher optimistisch« Alle Durchschnitt 52 83 48 30 19 4 92 85 71 44 34 17 10 10 13 65 22 30 70 Fragen 120, 121, 124, 127, 133, 138, 139, 144, 165, 166. Hinweise n=9.000 | Alle Antworten werden in Prozent wiedergegeben. | Die Skala für»Religion« reicht von 1–10 Punkten: 1= gar nicht religiös/10= sehr religiös. Die Skala für»Ausgeschlossenheit«,»Minderheit« und »Staatsbürgerschaft« reicht von 1 bis 10 Punkten: 1= stimme gar nicht zu/10= stimme voll zu. den neuen Anforderungen, die die Gründung eines eigenen Hausstands mit sich bringt(vgl. Kap. 7). Besonders, wenn Kinder geboren werden und betreut werden müssen, wechseln vorher berufstätige Frauen in Tätigkeiten der unbezahlten Hausarbeit. Korrespondierend hierzu sehen junge Frauen überwiegend, aber keineswegs mit großer Mehrheit, eine gute Ehe als wichtigstes Lebensziel. Dieser Wunsch nimmt mit steigendem Alter auch weiter zu und»eine gute Ehe« erreicht die höchste Zustimmung bei 80 Jörg Gertel · David Kreuer Geschlecht männlich weiblich 47 57 82 85 62 34 19 41 16 22 4 4 90 93 84 86 70 71 44 44 37 32 16–20 51 81 52 22 20 7 90 81 70 45 34 19 16 18 11 10 10 11 8 9 Alter 21–25 53 84 50 31 16 3 92 86 69 44 36 17 10 9 25–26 52 84 41 37 20 2 93 89 73 42 34 18 9 11 Haushalt Eltern Eigener 51 56 82 85 54 33 24 45 18 21 5 2 91 94 83 91 69 73 44 42 36 32 16 21 10 11 9 10 16 11 12 13 16 12 17 62 67 67 64 63 66 63 22 22 22 23 22 23 20 33 27 29 30 32 29 33 67 73 71 70 68 71 67 a Die vollständige Frage lautet:» Würdest Du Deine Kinder auf dieselbe Weise erziehen, wie Deine Eltern Dich erzogen haben(oder tust Du dies bereits)?« Antworten hier=»auf genau dieselbe Weise« und»ungefähr gleich«. b Die vollständige Frage lautet:» Die Beziehungen zwischen der jüngeren und der älteren Generation in Deinem Land= angespannt«; c Die vollständige Frage lautet:» Die ältere Generation sollte ihre Ansprüche zugunsten der jüngeren Generation zurückschrauben.« der Gruppe der jungen Erwachsenen, die bereits einen eigenen Hausstand gegründet haben. Familie: Hieran anschließend ist zu fragen, wie wichtig Familie, eigene Kinder und die Beziehungen zwischen den Generationen sind(Tab. 3.2). Die große Mehrzahl der jungen Erwachsenen ist sich einig: Man benötigt eine Familie, um ein glückliches Leben führen zu können. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Altersgruppen und Personen mit unterWerte 81 schiedlichem Familienstand sind dabei minimal; die Familie als wichtigster Bezugspunkt ist gesetzt. Ganz ähnlich ist dies beim Thema Kinder. Der Wunsch nach eigenen Kindern ist für viele ganz eindeutig; er nimmt mit dem Alter zu und kommt am häufigsten bei jenen vor, die bereits einen eigenen Hausstand gegründet haben. Auffällig ist dabei, dass mehr als zwei Drittel ihre eigenen Kinder genau so oder ähnlich erziehen würden, wie sie selbst es durch die eigenen Eltern erfahren haben. Das spricht dafür, dass trotz aller gesellschaftlichen Umbrüche soziale Normen und Werte mit einer gewissen Beständigkeit an die nächste Generation übermittelt werden. Gesellschaft: Wie aufgehoben und gesellschaftlich eingebunden fühlen sich die jungen Menschen? Drei Aspekte sind hierbei wichtig: sich von der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen, einer Minderheit anzugehören oder sich nicht als gleichwertiger Bürger zu fühlen. Es sind allerdings nur kleine Gruppen(zwischen 10 und 20 Prozent der Befragten je nach Kategorie), die sich komplett von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen, eher Männer als Frauen und wiederum vor allem diejenigen, die bereits einen eigenen Haushalt gegründet haben. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Jugendlichen formal besser gebildet sind als je zuvor, Arabisch neben Englischkenntnissen mit Abstand die wichtigste sprachliche Referenz darstellt, drei Viertel das Internet nutzen beziehungsweise sogar ein Smartphone besitzen, und dass die Joborientierung entscheidend für den Lebensentwurf ist, welcher sich überdies stark an den Werten von Familie und Kindern orientiert. 2 Wertegefüge der Jugendlichen Zentraler Referenzpunkt der weiteren Argumentation ist die Frage an die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, was sie in ihrem Leben für erstrebenswert halten:» Als Individuen haben wir Vorstellungen und Entwürfe von unserem persönlichen Leben, unseren Gewohnheiten und unserem Verhalten. Wenn Du über mögliche persönliche Errungenschaften nachdenkst, wie wichtig sind Dir dann die folgenden Punkte?« Zur Beantwortung wurden 28 verschiedene Aspekte(Items) angeboten, für die sie jeweils zwischen einem Punkt( absolut unwichtig) und zehn Punkten( absolut wichtig) vergeben konnten(vgl. Tab. 3.3). 82 Jörg Gertel · David Kreuer Tab. 3.3 Bedeutung möglicher Errungenschaften im Leben Gesamt männlich weiblich An Gott glauben 9,1 9,1 9,2 Recht und Ordnung respektieren Einen hohen Lebensstandard erreichen Einen Partner haben, dem ich vertrauen kann Ein gutes Familienleben führen Nach mehr Sicherheit streben Bewusst ein gesundes Leben führen Gute Freunde haben, die mich schätzen und akzeptieren Unter allen Umständen umweltbewusst handeln Meinen Partner selbst wählen können Auf die Geschichte meines Landes stolz sein Fleißig sein, hart arbeiten, zielstrebig sein Das Leben genießen, so sehr es geht Finanziell unabhängig von anderen sein Mit anderen verbunden sein Die Regeln von Ehre und Schande achten 8,9 8,9 8,9 8,8 8,8 8,8 8,8 8,7 8,8 8,7 8,7 8,7 8,7 8,7 8,7 8,6 8,6 8,6 8,5 8,5 8,4 8,4 8,5 8,4 8,4 8,5 8,4 8,4 8,4 8,4 8,4 8,4 8,3 8,3 8,3 8,3 8,3 8,4 8,2 8,3 8,3 8,2 8,2 8,2 8,2 Die Traditionen meines Heimatlandes bewahren 8,0 8,0 7,9 Meine eigene Phantasie und Kreativität entwickeln 7,9 8,0 7,9 Die Botschaft des Islams verbreiten 7,9 7,8 8,0 Meinungen tolerieren, die ich nicht teile 7,7 7,7 7,7 Unabhängig von Ratschlägen anderer agieren 7,5 7,6 7,5 Verwestlichung vermeiden 7,1 7,2 7,1 Sozial ausgegrenzte und an den Rand gedrängte Menschen unterstützen 7,0 7,0 7,0 Mich in meinen Entscheidungen von meinen Emotionen leiten lassen 6,7 6,6 6,8 Tun, was die anderen tun 5,9 6,0 5,8 Macht ausüben und Einfluss haben 5,8 6,0 5,6 Meine eigene Agenda verfolgen, auch gegen die Interessen anderer 5,2 5,3 5,1 Mich politisch engagieren 4,7 4,9 4,5 Fragen 3, 131. Hinweise Alle Antworten werden in Punktwerten von einem Punkt(»absolut unwichtig«) bis zehn Punkten(»absolut wichtig«) wiedergegeben. Die gestrichelten Linien unterscheiden vier Bereiche von nahe beieinander liegenden Werten. Bei der ersten Durchsicht der Ergebnisse fällt auf, dass die höchste Zustimmung für den»Glauben an Gott« gegeben wird und die mit Abstand geringste für»politisches Engagement«. Der Glaube an Gott ist dabei für die allermeisten eine private Angelegenheit, in die sich niemand einmischen sollte(vgl. Tab. 3.2); er impliziert daher nicht, dass man sozial oder politisch in religiösen Zusammenhängen aktiv und mobilisiert ist. Vielmehr handelt es sich um eine persönliche Entscheidung, auf Gott zu vertrauen. Das führt, wie die qualitativen Interviews zeigen, zu einer Form von Zuversicht, die Werte 83 angesichts unsicherer Lebensumstände, bewaffneter Konflikte und ungewisser Zukunftsaussichten bemerkenswert ist. Warum die Jugendlichen der MENA-Region trotz ihrer prekären Situation vielfach – zu zwei Dritteln – so optimistisch sind, wird beispielsweise vom 19-jährigen Buraq im Jemen herausgestellt: Ich teile diese positive Sichtweise, weil wir an Gott glauben und weil wir glauben, dass Er uns helfen wird und uns alles Gute zukommen lassen wird(YE-2). Afrah, eine unverheiratete Hochschulabsolventin von 28 Jahren, die in einer Behindertenwerkstatt in Sana’a arbeitet, stellt fest: Obwohl ich in harten Zeiten mit psychologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen lebe, vertraue ich auf Gott, dass solche Krisen ein Ende finden und wir die Korruption besiegen und eine bessere Zukunft haben werden(YE-4). Die 26-jährige verheiratete Esraa aus Gaza unterstreicht: Ja, ich bin optimistisch und ich glaube fest an Gott und ich bin sicher, Gott wird uns helfen(PS-5). Und Nawal, eine syrische Geflüchtete im Libanon, sagt: Ich bin optimistisch, dass das Leben besser werden wird, und wir beten zu Gott für eine Verbesserung der Situation, damit wir in unser Land zurückkehren und dort ein besseres Leben führen können. Wir sind abhängig von Gott(LB/SY-6). Die Politik wird demgegenüber vorwiegend als unglaubwürdig, interessen- und klientelgeleitet wahrgenommen. Der 26-jährige Mohammad aus dem Libanon ist überzeugt: Politiker sind Lügner. Während der Wahlen laufen sie den Menschen hinterher und zahlen ihnen Geld, damit diese sie wählen(LB-7). Er sagt weiter: Die Politiker sind verantwortlich für die Kämpfe. Sie sind eine Mafia, das heißt, der Staat ist zur Mafia geworden(LB-7). Buraq, 19, aus Abyan im Jemen, unterstreicht mit Nachdruck: Wir bekommen nichts als Kopfschmerzen von der Politik; es geht nur darum, wie man lügt und lügt. Die Sprache der Politik im Jemen ist die Sprache der Waffen(YE-2). 84 Jörg Gertel · David Kreuer Said aus Marokko ergänzt: Politik in Marokko ist größtenteils eine Farce, Parteien können nichts verändern. Die Programme aller Parteien sind identisch(MA-1). Eingerahmt von diesen beiden Grundpositionen folgt eine größere Gruppe von 15 Aspekten(Items), die sehr hohe Zustimmungswerte erzielen und sehr eng beieinander liegen: Sie reicht vom»Respekt für Gesetz und Ordnung«(8,9 Punkte) bis zur»Achtung der Regeln von Ehre und Schande« (8,2 Punkte). Eine weitere, kleinere Gruppe von Items liegt im mittleren Bereich zwischen knapp sieben und acht Punkten: Dazu gehören Aspekte wie»die Tradition des Heimatlandes bewahren«(8,0 Punkte) bis hin zur Aussage»sich in den Entscheidungen von seinen Emotionen leiten lassen« (6,7 Punkte). Vier Aspekte bilden das Ende des Spektrums:»tun, was die anderen tun«,»Macht und Einfluss haben«,»seine eigene Agenda verfolgen, auch gegen die Interessen der anderen« und»sich politisch engagieren«. Geschlechterspezifisch sind die Bewertungen fast identisch. Einzig bei Fragen zum politischen Engagement, dem Durchsetzen eigener Ziele sowie zu Macht und Einfluss und der Bedeutung finanzieller Unabhängigkeit unterscheiden sich die Perspektiven etwas – meist sind dies aber Felder von nachrangiger Bedeutung. Auch was die Altersgruppen angeht, treten kaum Unterschiede auf. Die auffälligsten Differenzen zeigen sich zwischen einzelnen Ländern (vgl. Tab. 3.4). Hier sind vier Erkenntnisse von Bedeutung: Erstens, der»Glaube an Gott« steht nur in drei Ländern klar an erster Stelle: in Marokko, Palästina und im Jemen. In Bahrain und bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon nimmt»Recht und Ordnung respektieren« den ersten Platz ein, und in Tunesien ist das wichtigste Bestreben wiederum,»einen hohen Lebensstandard[zu] erreichen«. In Ägypten und im Libanon ist der Abstand zwischen dem Glauben an Gott und den anderen Werten sehr gering. Zweitens, die wichtigsten Werte streuen prinzipiell nicht sehr. Dem »Glauben an Gott« folgen, in wechselnden Konstellationen, fünf weitere Werte, die in fast allen Ländern – mit Ausnahme von Marokko – ähnlich hoch bewertet wurden. Dazu zählen»Recht und Ordnung respektieren«, »einen hohen Lebensstandard erreichen«,»nach mehr Sicherheit streben« und»einen Partner/eine Partnerin haben, dem/der ich vertrauen kann«. Mit drei Aspekten, die hier sichtbar werden, ist das gesellschaftliche Befinden der jungen Menschen in den arabischen Ländern im Jahr 2016 gut Werte 85 Tab. 3.4 Bedeutung möglicher Errungenschaften im Leben: Pro Land An Gott glauben Recht und Ordnung respektieren Einen hohen Lebensstandard erreichen Einen Partner haben, dem ich vertrauen kann Ein gutes Familienleben führen Nach mehr Sicherheit streben Bewusst ein gesundes Leben führen Unter allen Umständen umweltbewusst handeln Finanziell unabhängig von anderen sein Die Regeln von Ehre und Schande achten Die Botschaft des Islams verbreiten Verwestlichung vermeiden Sozial ausgegrenzte und an den Rand gedrängte Menschen unterstützen Mich in meinen Entscheidungen von meinen Emotionen leiten lassen Tun, was die anderen tun Macht ausüben und Einfluss haben Meine eigene Agenda verfolgen, auch gegen die Interessen anderer Mich politisch engagieren Fragen 1, 131. Antworten nach Punkten 1= absolut unwichtig 10= absolut wichtig Gesamt 9,1 8,9 8,8 8,8 8,7 8,7 8,6 8,4 8,3 8,2 7,9 7,1 7,0 6,7 5,9 5,8 5,2 4,7 Bahrain 9,5 9,8 9,8 9,5 9,4 9,6 9,7 9,7 9,6 4,6 5,8 4,9 3,1 9,3 5,4 3,3 2,3 3,1 zusammengefasst. Es geht vielen vor allem darum, Recht und Ordnung wiederherzustellen bzw. aufrecht zu erhalten, Sicherheit und einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen und für sich selbst eine vertrauensvolle Partnerbeziehung und ein gutes Familienleben zu verwirklichen. Drittens, auffällig ist zudem, dass den»Regeln von Ehre und Schande« eine hohe Bedeutung beigemessen wird. Es handelt sich dabei um traditionelle Werte, die weniger im Islam als vielmehr in gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Stammesstrukturen begründet liegen und sich auf die Vorstellung sozialer Reziprozitätsbeziehungen, den Status einzelner Familien und die Beziehungen zwischen den Geschlechtern auswirken. Diese traditionellen Regeln sind nicht nur im Jemen, sondern auch in Tunesien, bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon sowie in Palästina, Jordanien und dem Libanon wichtig. Allein im fast komplett urbanisierten Bahrain spielen diese Vorschriften offenbar kaum noch eine Rolle. In Ägypten und Marokko sind sie eher von nachgelagerter Bedeutung. 86 Jörg Gertel · David Kreuer Jemen 9,8 9,1 9,0 9,2 9,1 9,0 8,7 8,6 7,5 9,4 9,2 8,0 7,4 5,8 4,9 5,3 4,2 4,5 Syrische Flüchtl.ª ) 9,3 9,5 9,0 9,0 8,9 8,8 8,7 8,8 8,7 9,0 7,5 8,4 7,9 6,6 6,7 5,9 5,3 3,9 Tunesien 9,4 9,1 9,5 9,1 9,1 9,2 9,0 8,5 8,6 9,3 8,7 7,5 8,3 6,1 5,5 5,9 5,4 4,1 Libanon 9,2 9,1 9,1 9,0 8,9 8,7 8,8 8,8 8,6 8,6 6,6 7,6 7,9 6,7 5,6 6,6 5,5 5,3 Marokko 8,2 7,7 7,8 7,8 7,7 7,8 7,8 7,8 7,7 7,6 8,0 7,3 7,6 7,4 6,8 6,4 7,0 6,3 Ägypten 8,5 8,5 8,2 8,1 7,9 8,0 7,9 7,5 7,6 8,3 7,6 7,0 6,9 6,6 6,4 5,9 5,6 6,1 Jordanien k. A. 8,6 8,3 8,4 8,4 8,4 8,3 8,1 8,2 8,6 k. A. 6,5 7,2 6,3 6,0 6,4 6,3 4,6 Palästina 9,1 8,5 8,8 8,9 8,7 8,6 8,6 8,0 7,9 8,7 8,1 7,1 6,9 5,5 5,9 6,3 5,7 4,5 Hinweise In dieser Tabelle werden nur die fünf wichtigsten sowie die fünf am wenigsten wichtigen Aspekte dargestellt, die anderen Aspekte(Items) wurden ausgelassen. Der höchste Wert pro Zeile wird fett wiedergegeben. | k. A.= keine Angabe. ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. Viertens, die unwichtigsten Aspekte für individuelle Vorstellungen und Ziele liegen in den verschiedenen Ländern, trotz einzelner Ausreißer, wiederum dicht beisammen und konzentrieren sich auf die letzten fünf Optionen(Tab. 3.4). Im Durchschnitt der einzelnen Länder betrachtet ist es vergleichsweise unwichtig, sich»politisch zu engagieren«,»seine Agenda auch gegen die Interessen anderer zu verfolgen«,»Macht auszuüben und Einfluss zu haben«,»das zu tun, was die anderen tun« oder»sich in seinen Entscheidungen von seinen Emotionen leiten zu lassen«. 3 Länderübergreifende Wertedimensionen Um vor diesem Hintergrund Zusammenhänge zwischen den Antworten der befragten Jugendlichen über die Ländergrenzen hinweg zu finden, führten wir eine Faktorenanalyse(Hauptkomponenten) durch – ein statistisches Verfahren zur Dimensionsreduktion. Für 25 Items ergab sie vier Werte 87 Faktoren, die statistische Zusammenhänge beschreiben. 1 Diese Faktoren lassen sich als Wertedimensionen interpretieren. Sie erklären etwa die Hälfte der Varianz – also der Streuung um den Mittelwert. Für jeden Faktor bestimmten wir dann die am stärksten zusammenhängenden Aspekte/ Items; diese sind auch inhaltlich verwandt. Aus unserer Analyse ergeben sich vier Wertedimensionen, die wir mit plakativen Bezeichnungen versehen haben: 1. Gemeinschaftsorientierung: Beziehungen und Bewusstsein: • Gute Freunde haben, die mich schätzen und akzeptieren • Einen Partner haben, dem ich vertrauen kann • Ein gutes Familienleben führen • Ein bewusst gesundes Leben führen • In jeder Situation umweltbewusst agieren • Mit anderen verbunden sein Die hier aufgelisteten Werte betonen die soziale Eingebundenheit und Verantwortung des einzelnen Menschen für sich selbst und seine Umgebung. 2. Erfolgsorientierung: Konformität und Macht: • Tun, was die anderen tun • Mich politisch engagieren • Meine eigene Agenda verfolgen, auch gegen die Interessen anderer • Macht ausüben und Einfluss haben • Mich in meinen Entscheidungen von meinen Emotionen leiten lassen Der persönliche Erfolg steht hier im Vordergrund, wobei sowohl gesellschaftliche Konformität als ein passendes Mittel zum Zweck erscheint als auch die Durchsetzung eigener Interessen ohne übertriebene Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer. Oft geht diese Haltung mit einem politischen Engagement einher. 3. Freiheitsorientierung: Kreativität und Unabhängigkeit: • Unabhängig von den Ratschlägen anderer agieren • Meine eigene Fantasie und Kreativität entwickeln 1 Drei Aspekte haben wir für diese Analyse ausgeklammert:»Glauben an Gott«,»Die Botschaft des Islams verbreiten« und»Meinen Partner selbst wählen können«. Hier gab es jeweils zu viele fehlende Werte, da die ersten beiden Fragen in Jordanien nicht gestellt wurden und die dritte nur die ledigen Jugendlichen betraf. 88 Jörg Gertel · David Kreuer • Fleißig sein, hart arbeiten, zielstrebig sein • Meinungen tolerieren, die ich nicht teile • Das Leben genießen, so sehr es geht Hier geht es um Formen der Selbstverwirklichung, bei denen Kreativität, Genuss und Toleranz eine große Rolle spielen – aber auch hartes Arbeiten, um auf den eigenen Füßen stehen zu können. 4. Sittlichkeitsorientierung: Sicherheit und Tradition: • Die Regeln von Ehre und Schande achten • Sozial ausgegrenzte und an den Rand gedrängte Menschen unterstützen • Verwestlichung vermeiden • Nach mehr Sicherheit streben • Recht und Ordnung respektieren Die hier zusammengefassten Werte beschreiben das Streben nach Sicherheit und nach einem verlässlichen moralischen Rahmen in ungewissen Zeiten. Dabei umfassen die traditionellen Werte auch die Unterstützung sozial schwächerer Gruppen. Jeder Mensch kann Teile aller vier Dimensionen in sich tragen, verkörpern und leben. Dementsprechend sind die vier Wertedimensionen – Gemeinschaft, Erfolg, Freiheit, Sittlichkeit – in verschiedenen Kombinationen in jeder einzelnen Person vorhanden. Aber gibt es Ähnlichkeiten zwischen den Personen? Um diese Frage zu beantworten, haben wir eng beieinanderliegende Fälle per Clusteranalyse identifiziert. Bei diesem Verfahren werden Einzelfälle nach ihrer relativen Ähnlichkeit in Gruppen zusammengeführt, bis sich(in unserem Fall) fünf Gruppen herauskristallisieren. Im Folgenden werden wir diese fünf Gruppen von Jugendlichen, die ähnliche Werte teilen, beschreiben. Dafür sind die jeweilige Häufigkeit und die Verbindung zu den vier Wertedimensionen wichtig(Tab. 3.5). Auch hier entspringen die Benennungen unserer eigenen Interpretation der statistischen Ergebnisse und illustrieren eher Tendenzen, als dass sie klare Unterschiede abstecken. Für die weitere Analyse ist es allerdings wichtig vorauszuschicken, dass nicht davon ausgegangen werden sollte, die meisten Jugendlichen in der MENA-Region würden sich einem der fünf Typen zuordnen lassen. Unsere Beschreibung zeigt lediglich Trends und Bündelungen auf, die sich mit statistischen Verfahren aus den 9.000 geführten Befragungen herauslesen Werte 89 Tab. 3.5 Gruppenbildung und Wertedimensionen Gruppe 1. Sittlich und unflexibel(48%) 2. Gebildet und zuversichtlich(17%) 3. Unsicher und abhängig(16%) 4. Selbstbezogen, nach Erfolg strebend(13%) 5. Individualisiert und flexibel(6%) Gemeinschaft + – Erfolg – – + + + überdurchschnittlich wichtig, · – unterdurchschnittlich wichtig Freiheit + – Sittlichkeit + – – lassen. Diese Ergebnisse sollten daher als eine Einladung zur Diskussion verstanden werden und keinesfalls als direkt anwendbares Rezept für politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Interventionen. Es folgt nun eine Charakterisierung der fünf Typen. Zu lesen sind die Typen jeweils durch die Kombination der Tab. 3.5 mit den vorausgegangenen Beschreibungen der Wertedimensionen. Die Befunde zeigen, soviel ist vorwegzunehmen, dass die Wertorientierung jeweils unabhängig von Alter, Bildungsstand oder wirtschaftlicher Lage ist. Typ 1: »Sittlich und unflexibel« Für diesen Typ, der etwa die Hälfte des Samples beschreibt(48 Prozent), werden die Aussagen der Tabelle und die vorausgegangenen Ausführungen nochmals exemplarisch zusammengefasst: Individuen dieser Gruppe beachten die Regeln von Ehre und Schande, unterstützen die sozial Ausgeschlossenen und Marginalisierten, möchten Verwestlichung vermeiden, suchen nach mehr Sicherheit und respektieren Gesetz und Ordnung; sie sind jedoch keineswegs erfolgsorientiert. Dazu zählt, dass sie nicht das zu tun versuchen, was andere tun, sie interessieren sich nicht für Politik, setzen nicht den eigenen Standpunkt gegen die Interessen anderer durch oder möchten gar Macht und Einfluss ausüben. Was zeichnet die Individuen vor diesem Hintergrund als Gruppe aus? Viele in dieser Gruppe arbeiten nicht oder leben neben der eigenen Arbeit von Transfereinkommen. Sie sind häufiger in Flüchtlingslagern und Kleinstädten zu Hause und betrachten sich als Teil der untersten bis mittleren Schichten, sehen die eigene wirtschaftliche Lage als sehr schlecht an und haben häufiger Schulden. Der eigene Vater arbeitet öfter als Tagelöhner und die Mutter als Hausfrau. Eine Ernährung, die Halal-Kriterien achtet, ist ihnen sehr wichtig. Diese Jugendlichen surfen häufiger als andere im Inter90 Jörg Gertel · David Kreuer net und besuchen Freunde und Verwandte. Für die Freizeitgestaltung ist eine feste Clique oft von Bedeutung. Dieser Typ schätzt alle Grundrechte als wichtig ein und ist der Meinung, die ältere Generation solle zugunsten der jüngeren Abstriche machen. Die Befragten sind in ihrer Lebensplanung allerdings eher unflexibel. Die Gruppe bevorzugt häufiger als die anderen ein religiös-politisches System. Typ 2: »Gebildet und zuversichtlich« Was diese Gruppe(17 Prozent aller Befragten) angeht, so sind Gemeinschaft und Freiheit wichtig, Erfolg und Sittlichkeit eher nicht. Hier finden sich viele Studierende wieder, die ausschließlich von Transfereinkommen leben, zur obersten Schicht zählen und in Großstädten zu Hause sind. Das Bildungsniveau des Vaters und die eigenen Fremdsprachkenntnisse sind überdurchschnittlich hoch. Das Internet wird intensiv genutzt. Man sieht sich selbst als überdurchschnittlich religiös. Kinder sind nicht unbedingt nötig zum Glücklichsein und man würde die eigenen Kinder anders erziehen, als man selbst erzogen wurde. Die Eltern sind öfter in Rente. Mit der Verteilung des Wohlstands zwischen alter und junger Generation ist man in dieser Gruppe häufiger als in den anderen zufrieden. Freizeittätigkeiten sind häufig Musik hören, Filme schauen, lesen, Kino und Theater besuchen, tanzen und feiern, einkaufen, musizieren oder schauspielen. Die Jugendlichen sind eher unpolitisch und fühlen sich weniger stark mit »Offline-Institutionen« wie Familie, Stamm oder Glaubensgemeinschaft verbunden. Sie fühlen sich grundsätzlich sicher, empfinden ihre wirtschaftliche Lage als sehr gut und blicken zuversichtlich in die eigene berufliche Zukunft. Das politische System der Wahl hat oft einen»starken Mann« an der Spitze. Typ 3: »Unsicher und abhängig« Diese Gruppe(16 Prozent der Befragten), die freiheitsbezogenen Werten relativ wenig Wichtigkeit beimisst, umfasst öfter verheiratete junge Leute, die dementsprechend bereits außerhalb des Elternhauses leben. Sie zählen sich oft zur untersten Schicht und leben eher im ländlichen Raum. Die Eltern sind häufig in der Landwirtschaft tätig und haben formell einen niedrigen Bildungsstand. Internetzugang und Fremdsprachenkenntnisse fehlen diesen jungen Menschen überdurchschnittlich oft. In der Freizeit hören sie sich häufiger Gebete, Predigten und Rezitationen an. Die eigene Situation wird als unsicher wahrgenommen, die wirtschaftliche Lage als abhängig und eher schlecht und die eigenen Zukunftsaussichten als wenig verheißungsvoll. Werte 91 Typ 4: »Selbstbezogen, nach Erfolg strebend« Diese Gruppe umfasst 13 Prozent der Befragten; für sie spielen Gemeinschaftswerte nur eine kleine Rolle, wohingegen erfolgsbezogene Themen (z. B. tun, was die anderen tun, Macht haben und Einfluss ausüben, politisch aktiv sein und eine eigene Agenda verfolgen) für sie sehr wichtig sind. Überdurchschnittlich viele Jugendliche dieser Gruppe arbeiten im Moment nicht und verfügen über kein eigenes Budget. Sie rechnen sich zur unteren Mittelschicht und leben öfter alleine. In ihrer Freizeit gehen sie häufiger als ihre Altersgenossen in Cafés oder Jugendclubs. Sie wünschen sich öfter als andere ein kombiniert sozialistisch-islamisches System. Typ 5: »Individualisiert und flexibel« Erfolgsbezogene Werte sind auch für diesen Typ(6 Prozent der Befragten) wichtig, während Sittlichkeit eine geringe Rolle spielt. In dieser Gruppe sind mehr Männer als Frauen zu finden; die Jugendlichen leben überwiegend in der Großstadt. Sie sind häufig nicht Teil einer Clique, empfinden die Grundrechte als unwichtig und sehen sich selbst als weniger religiös an als die anderen Gruppen(und dies sogar mit sinkender Tendenz über die letzten fünf Jahre). Dennoch erreicht auch hier die Frage nach dem Glauben an Gott den höchsten Zustimmungswert. Sie engagieren sich überdurchschnittlich oft in Projekten und sind flexibel in der Lebensplanung. Die Verteilung dieser Gruppen in den untersuchten Ländern(vgl. Abb. 3.1) zeigt die jeweilige relative Bedeutung der unterschiedlichen Wertegefüge. Dabei wird nochmals deutlich, dass der Typ 1 –»aus schwieriger wirtschaftlicher Lage, sittlich und unflexibel in die Zukunft« – insgesamt die Hälfte der befragten Jugendlichen umfasst und die Binnendifferenzierungen dieser Gruppe entsprechend groß sind. Dennoch werden auch die länderspezifischen Unterschiede etwa im Vergleich zwischen Marokko und Tunesien ersichtlich. Bahrain zeigt, im Vergleich mit den anderen Ländern, wiederum ein völlig anderes Profil: Im Stadtstaat spielt der Typ 2 –»gebildet, zuversichtlich, unpolitisch« – die herausragende Rolle. 4 Ängste und individuelle Brüche in den Wertegefügen Über diese regionalen Gruppierungen und transnationalen Gemeinsamkeiten hinaus sind die einzelnen Wertvorstellungen außerordentlich komplex und haben sich, so unsere Annahme, als Ergebnis steigender sozialer Reibungen in den vergangenen Jahren an mancher Stelle angepasst und 92 Jörg Gertel · David Kreuer Abb. 3.1 Jugendliche Wertebündel in arabischen Ländern 100 12 90 29 80 41 48 70 53 57 59 10 65 67 60 75 19 8 50 16 14 40 14 6 2 30 20 10 6 4 0 3 Bahrain 25 17 Marokko 24 11 Ägypten 15 16 7 Jordanien 18 12 3 Libanon 27 8 2 Jemen 27 9 3 Syr. Flüchtl. a) 14 10 9 2 Palästina 9 11 12 1 Tunesien Typ 1: Sittlich und unflexibel Typ 2: Gebildet und zuversichtlich Typ 3: Unsicher und abhängig Typ 4: Selbstbezogen und nach Erfolg strebend Typ 5: Individualisiert und flexibel Hinweise Alle Angaben in Prozent. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. neu angeordnet. Terrorangriffe, bewaffnete Konflikte, Krieg und schwierige ökonomische Bedingungen sind verantwortlich für wirtschaftliche Unsicherheit und haben zu neuen Ungewissheiten im alltäglichen Leben geführt. In den folgenden Abschnitten untersuchen wir, wie sich individuelle Visionen als Konsequenz solcher Erfahrungen verändert haben und welche Auswirkungen dies auf die Wertvorstellungen hat. Der Abbau des Sozialstaates, innenpolitische Unruhen und der daraus resultierende Zusammenbruch institutioneller Anker spiegeln sich in einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber dem politischen System wider. Kaum ein Angehöriger der jungen Generation ist bereit, sich politisch zu engagieren. Parteien und Parlamenten wird mit sehr großen Vorbehalten begegnet, und der jeweiligen Regierung wird im Schnitt nur von einem Drittel der jungen Menschen das Vertrauen ausgesprochen, am wenigsten von denen, die am unsichersten leben(vgl. Kap. 2 und 13). Abgesehen von der eigenen Familie, die durchgängig – unabhängig von Geschlecht, Alter und Familienstand – hohes Vertrauen genießt, ist nur noch das Militär in der Lage, bei Werte 93 Tab. 3.6 Zukunftsängste – Befürchtest Du …»sehr stark« Alle eine wachsende 34 Unsicherheit ernsthaft krank zu 33 werden arm zu werden 32 Deinen Job zu 30 verlieren a Opfer eines Terroranschlags zu 29 werden dass bewaffnete Konflikte Deine 28 Familie bedrohen nicht so erfolgreich im Leben zu 26 sein, wie Du das wünschst einen ernsthaften Bruch mit Deinen 22 Eltern dass Du gezwungen sein wirst, Dein Land aus 22 wirtschaftlichen Gründen zu verlassen dass Du gezwungen sein wirst, Dein Land aus poli20 tischen Gründen zu verlassen unverheiratet und alleinstehend zu 17 bleiben drogenabhängig 16 zu werden keine Freunde zu 16 haben Bahrain 2 14 15 16 6 1 12 16 2 10 13 1 10 Ma- Ägyp- Jordarokko ten nien 19 23 14 26 29 20 20 23 23 28 17 17 20 26 12 17 16 10 20 19 14 18 13 11 15 13 14 12 8 16 14 14 8 17 17 7 9 11 7 Palästina 21 25 26 26 13 12 17 12 9 11 10 5 8 Libanon 32 30 26 26 22 23 19 12 22 17 8 8 12 Tunesien 65 61 54 59 57 57 61 59 33 33 38 45 36 Je- Syr. men Flüchtl. 73 51 42 46 53 51 39 45 58 44 59 50 46 30 39 17 41 44 32 43 34 15 32 14 23 24 Fragen 3, 140. Hinweise Alle Angaben in Prozent | Der höchste Wert pro Zeile wird fett dargestellt. Es können Rundungsfehler vorliegen.(Frage 140)» Lass uns nun über Deine Zukunftsängste sprechen. Befürchtest Du …«. a Diese Frage nach einem möglichen Jobverlust wurde allen gestellt, nicht nur denjenigen, die arbeiten. mehr als der Hälfte der Jugendlichen glaubwürdig zu erscheinen. Bei diesem institutionellen Versagen erstreckt sich das Gefühl der Unsicherheit und der Angst vor allem auf zwei Bereiche: auf die Zunahme physischer Gewalt, 94 Jörg Gertel · David Kreuer die mit Terroranschlägen und bewaffneten Konflikten verbunden ist, sowie auf Probleme der Existenzsicherung(vgl. Tab. 3.6; vgl. ferner Kap. 2). Hierzu zählt die Angst, arm zu werden, die Arbeit zu verlieren, nicht so erfolgreich zu sein, wie man es sich wünscht, aber auch, sich ernsthaft mit den Eltern zu überwerfen – was für viele bedeuten würde, die letzte Rückversicherung im Gefüge der wachsenden Unsicherheit zu verlieren. Schließlich ist auch die unmittelbar körperliche Dimension wichtig: Die Angst, ernsthaft krank zu werden, prägt eine große Gruppe – besonders jedoch die jungen Tunesier, die generell viele Felder der Unsicherheit sehr hoch bewerten. Im Jemen, in Tunesien und im Libanon nimmt das Gefühl wachsender Unsicherheit jeweils den ersten Rang ein. Bei den syrischen Flüchtlingen, den jungen Palästinensern und Jordaniern rangiert hingegen die Angst, zu verarmen, an erster Stelle. Die jungen Marokkaner haben vor allem Angst davor, die Arbeit zu verlieren, die Ägypter, ernsthaft krank zu werden, und die Bahrainer, sich mit ihren Eltern zu überwerfen. Insgesamt zeigt sich, dass die ersten vier Felder zwar mit wechselnden Konstellationen, aber für die Jugendlichen in allen Ländern mit großen Bedenken belegt sind(vgl. Tab. 3.6), was auf eine steigende Unsicherheit im alltäglichen Leben hindeutet. Hinzu kommen unterschiedliche Erfahrungen mit Gewalt(vgl. Tab. 3.7). Männer sind häufiger exponiert als Frauen und die Älteren etwas häufiger als die Jüngeren. Länderspezifisch sind die Unterschiede jedoch am größten. Während teilweise weit mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Marokko, Jordanien, Ägypten, im Libanon und in Bahrain angeben, keinerlei Gewalterfahrungen gemacht zu haben, auch nicht Zeuge von Gewalthandlungen gewesen zu sein, ist dies bei den von Kriegserfahrungen betroffenen jungen Menschen aus Syrien und im Jemen völlig anders. Aber auch in Palästina und in Tunesien geben mehr als die Hälfte an, mit Gewalt in Berührung gekommen zu sein. Am häufigsten sind sie Zeugen von Gewalthandlungen geworden oder sehen sich psychologischer Gewalt ausgesetzt. Für einzelne Personen ergeben sich hieraus Brüche in der individuellen Werteorientierung. Der 27-jährige Mahmoud aus Birzeit im Westjordanland stellt fest: Mein Vater war neunmal im Gefängnis und letztes Jahr haben sie unser Haus zerstört; wir haben jetzt nichts mehr. Ich hatte ein Problem: Ich wurde angeschossen und war verletzt und musste länger als einen Monat im Krankenhaus bleiben. Ich habe bei der Polizei eine Beschwerde eingereicht, aber[nichts] passierte, weil diejenigen, die mich angeschossen hatten, einflussreich sind und gute Beziehungen haben. Ich vertraue niemandem. Es gibt in diesem Land niemanden, dem man vertrauen kann(PS-7). Werte 95 Tab. 3.7 Erfahrungen mit und Einstellung gegenüber Gewalt Stimmst Du eher zu oder eher nicht? 5 Antwortoptionen: hier=»ich stimme nachdrücklich zu« Wenn ich mir all die Gewalt anschaue, die im Fernsehen gezeigt wird, werde ich traurig und depressiv Ich hasse Gewalt: Ich ertrage es nicht, wenn Menschen Gewalt erfahren Im öffentlichen Raum wird die Situation immer angespannter Ich glaube dass die Anwendung von Gewalt nur zu weiterer Gewalt führen wird Um mich selbst oder meine Familie zu verteidigen, ist es legitim, Gewalt anzuwenden Frauen, die sich unangemessen kleiden, sollten sich nicht über sexuelle Belästigung beschweren Ich habe Sorge, dass bewaffnete Konflikte meine Existenz und meine Familie bedrohen werden In schweren Konflikten müssen wir Stärke zeigen, selbst mit Gewalt a Um mich verteidigen zu können, betreibe ich Selbstverteidigungssport Andere bedrohen mich andauernd Hast Du/Bist Du jemals...(»Ja«) 1. Zeuge von Gewalt geworden? 2. psychologische Gewalt erfahren? 3. Vertreibung oder Ausweisung erfahren? 4. Dein Haus/Produktionsmittel wurden zerstört b 5. Hunger gelitten? 6. eine andere Form der Gewalt erfahren? 7. Gewalt innerhalb der Familie erfahren? 8. sexuelle Belästigung erfahren? 9. mehrfach zusammengeschlagen worden? 10. brauchtest einen Arzt nach den Schlägen? c 11. je Folter erlitten? 12. Teil einer Demonstration, bei der es zu Gewalt kam? 13. in einem bewaffneten Konflikt verletzt worden? 14. schon einmal im Gefängnis? Zusammenfassung 1–14 Gewalterfahrung= keine Gewalterfahrung= einmalig Gewalterfahrung= mehrfach(mindestens 2 von 14) Gesamt n= 9.000 44 40 38 34 23 20 16 15 6 5 32 14 12 11 10 7 7 6 5 5 4 4 3 3 57 18 26 Fragen 3, 168, 170. Hinweise n=9.000 | Alle Angaben in Prozent | Der höchste Wert pro Zeile wird fett dargestellt. Es können Rundungsfehler vorliegen. Es ist grundsätzlich zu bedenken, dass es sich um sensible Fragen handelt und die Antwort auch von der Befragungssituation abhängigen. Daher ist bei der Interpretation dieser Ergebnisse besondere Vorsicht geboten. Fatima, 27, alleinstehend, aus der belagerten Stadt Taiz im Jemen betont: Ich vertraue niemandem, weil sich dieser Tage alle falsch verhalten. Sie führt weiter aus: 96 Jörg Gertel · David Kreuer Syr. Flüchtl. Jemen Palästina Tunesien Marokko Jordanien Ägypten Libanon Bahrain 57 54 40 45 16 31 31 39 84 52 52 41 44 21 30 25 36 61 57 41 31 41 17 26 18 38 73 49 46 41 42 18 23 25 37 20 20 23 10 23 9 16 11 16 75 22 35 30 29 10 21 14 13 2 35 34 5 22 9 7 10 15 5 18 17 9 25 7 15 9 16 20 5 8 3 16 7 6 6 4 1 8 6 2 9 7 4 6 1 1 55 38 42 53 29 29 22 16 1 31 28 16 18 8 11 9 4 1 71 14 6 3 4 5 3 2 1 61 4 9 4 5 6 3 4 1 45 19 6 2 6 6 5 1 1 11 15 12 12 3 6 5 2 1 8 18 8 8 7 5 5 2 1 3 8 2 10 12 4 9 1 1 5 10 6 9 4 5 5 2 1 7 8 5 5 6 4 5 3 1 16 4 3 2 4 2 2 1 1 2 3 3 9 4 2 6 2 1 6 5 2 2 4 2 3 1 1 4 4 4 2 4 4 2 2 1 15 42 50 40 57 61 69 80 97 7 17 23 35 25 22 15 13 1 77 42 27 25 19 17 17 8 2 Die vollständigen Fragen lauten: a » Im Fall von schweren Konflikten gibt es keine andere Lösung: Wir müssen Stärke zeigen, selbst mit Gewalt«; b » Hast Du jemals die Erfahrung gemacht, dass Dein/Euer Haus oder Produktionsmittel mit Absicht zerstört wurde?« und: c » Musstest Du jemals einen Arzt aufsuchen, weil Du mehrfach zusammengeschlagen wurdest?« Ich hatte früher eine sehr positive Sicht auf die Dinge und war optimistisch. Aber alles hat sich zum Schlechten gewendet und der Verfall nimmt täglich zu. Deswegen bin ich nicht mehr optimistisch und bin zur Pessimistin geworden(YE-7). Werte 97 Die Zermürbung durch den Krieg hat ihre Spuren hinterlassen. Sara, 17 und alleinstehend, Schülerin aus Beni Suef in Ägypten, sagt: Was mein inneres Sicherheitsgefühl angeht, ich weiß es nicht. Vor langer Zeit sagte meine Mutter immer zu mir: ›Wenn du siehst, dass jemand etwas Schweres trägt, hilf ihm‹, aber jetzt sagt sie mir: ›Sprich mit niemandem‹(EG-2). In Bahrain beschreibt die 23-jährige Iman, die bislang nicht in der Lage war, ihr Studium abzuschließen oder einen langfristigen Arbeitsplatz zu finden, die Erfahrung sozialer Isolierung nach dem Arabischen Frühling so: Vor den Revolutionen ging es den Menschen besser, sie waren mit kleinen Dingen zufrieden. Jetzt haben sie allen Luxus und sind nicht glücklich. Die Menschen sind komplizierter und verwirrter geworden. Sie haben viele Probleme. Niemand fühlt sich gut oder entspannt. Bei Familienzusammenkünften waren wir früher immer glücklich, heute ist das anders. Die Menschen mögen keine Zusammentreffen mit anderen, sie bleiben lieber alleine, weit weg von Menschen und Lärm. Ich habe mich früher viel mit Freundinnen getroffen, heute sehen wir uns nicht mehr oft. Wir machen Pläne und sagen dann doch wieder ab(BH-10). Der öffentliche Raum wird in der MENA-Region zunehmend als unsicher erlebt, politische Ordnungen als widersprüchlich, während Gewalttaten oft ungestraft verübt werden können. In der Konsequenz zerfallen soziale Strukturen und Institutionen zunehmend, ohne dass Neue Zeit hätten, sich zu etablieren. Diese Ungewissheit übersetzt sich in eine ontologische Unsicherheit, die bis dato als selbstverständlich wahrgenommene Routinen und Verpflichtungen des täglichen Lebens infrage stellt. 5 Fazit Bei den jungen Menschen in der MENA-Region existiert eine große Vielfalt an Werten und Lebensentwürfen; diese sind keineswegs stabil, sondern unterliegen Veränderungen. Die grundlegendsten Institutionen zur Weitergabe von Werten werden innerhalb eines jeden Landes errichtet. Interaktion mit Institutionen wie Familie, Schule und sozialen Netzwerken etabliert historische Narrative und landesspezifische Einstellungen, welche die jeweilige Sozialisierung prägen. Neben dem Glauben an Gott lassen sich allgemein drei Wertemuster erkennen: der Wunsch nach Recht, Ordnung und Sicherheit; der Wunsch nach einem angemessenen Lebensstandard, der oft einhergeht mit der Forderung nach angemessener Arbeit; 98 Jörg Gertel · David Kreuer und der Wunsch nach verlässlichen Partnerschafts- und familiären Beziehungen. Diese übergeordneten Muster variieren im Detail je nach Land. Neben länderspezifischen Eigenheiten können zudem auch regionale Konformitäten die Wertebildung formieren. Die wichtigsten Wertevorstellungen, die junge Menschen der Region heute charakterisieren, können in vier Bereiche unterteilt werden: Gemeinschaftsgefühl, Sittlichkeit, Erfolgsorientierung und Streben nach Freiheit. Jugendliche und junge Erwachsene positionieren sich an verschiedenen Punkten innerhalb der Matrix dieser Wertedimensionen. Das konkrete individuelle Erleben von Wertevorstellungen und Lebensrealitäten ist allerdings deutlich komplexer. Es kann durch biografische Brüche geprägt sein, zum Beispiel durch Erfahrungen von Flucht, Krieg oder Gewalt. Oft gibt der Glaube an Gott – als sehr persönliche Angelegenheit, in die sich niemand einmischen sollte – den jungen Menschen die Kraft, mit Leid und Not umzugehen und sogar Zuversicht zu spüren. Werte 99 Kapitel 4 Jugend und Religion Rachid Ouaissa 1 Einleitung D as Kapitel thematisiert die Religiosität der Jugendlichen in den arabischen Ländern. Es wird der Frage nachgegangen, ob es sich bei der seit einigen Jahren zu beobachtenden Zunahme an Religiosität der Jugendlichen in der MENA-Region tatsächlich um einen Aufstieg bzw. eine Rückkehr der Religion handelt oder um individuelle Manöver, im Einklang zwischen Globalisierungsdruck und Sehnsucht nach lokaler Kultur eigene Identitäten zu entwickeln. Dabei wird versucht, den Zusammenhang zwischen Religiosität und Einstellung sowie Verhaltensweisen, die auf religiösen Vorstellungen basieren, zu verstehen. Seit Mitte der 1980er-Jahre und nicht zuletzt seit dem Arabischen Frühling erlebt die MENA-Region eine markante Rekonfiguration des religiösen Feldes. Mit dem Scheitern der postkolonialen Entwicklungsmodelle und der damit verbundenen panarabistischen und nationalistischen Narrative gewannen die islamistischen Diskurse bei breiten Schichten der Gesellschaften der MENA-Region an Zulauf. Die islamistischen Bewegungen wurden zum Sammelbecken sowohl der frustrierten und marginalisierten Teile der Gesellschaft als auch der aufsteigenden frommen Mittelschichten (Kepel 2000: 9). Dadurch übernahmen diese Bewegungen, gerade in der Zeit des Rückzuges des Staates aus seinem wohlfahrtsstaatlichen Aufgabenbereich, die Rolle eines parallelen Rentiersystems(vgl. Müller 2002: 126129). Mit der Implantierung der vom IWF und Weltbank diktierten Strukturanpassungsprogramme übernahmen die islamistischen Bewegungen in vielen Staaten der Region die Wohlfahrtsaufgaben des Staates(vgl. Ouaissa 2012). Durch die schrittweise Öffnung der politischen Systeme ab Anfang der 1990er-Jahre entstanden in vielen Staaten der Region islamistische Parteien, die auch in den nationalen Parlamenten einzogen und am politischen Wettbewerb teilnahmen. Parallel dazu – geprägt durch das Ende Jugend und Religion 101 des Krieges in Afghanistan und die Rückkehrwelle der sogenannten Afghanistanveteranen sowie den zweiten Golfkrieg – wurden gewalttätige islamistische Gruppen viel sichtbarer. Inzwischen haben auch der globale Salafismus und der Wahhabismus an Attraktivität gewonnen. Sozioökonomisch hat die Liberalisierungspolitik mit dem objektiven (realen) und subjektiven(gefühlten) Ungleichheiten, die sie beförderte, bei den Jugendlichen der Region neue Muster des Konsumverhaltens gefördert. Der globale Konsumismus erreichte breite Teile der nahöstlichen Mittelschichten(vgl. Mitchell 1999). Der Spagat zwischen den von der Globalisierung herbeigeführten Konsumformen und den lokalen islamischen Glaubensformen wird immer deutlicher. Es findet eine Art Ökonomisierung bei zeitgleicher zunehmender Entideologisierung des Islams statt(vgl. Haenni 2005). In diesem Kontext werden auch die neuen Erscheinungsformen des Glaubens als»Cool Islam«(vgl. Boubekeur 2009) bezeichnet. Halal-Produkte wie»Mecca-Cola« oder modisch gestylte, verschleierte Frauen verweisen auf zunehmend»hybride« Konsumformen. Damit wird die»Globalisierung« islamisiert. Für Jordanien spricht Tobin von einer »neoliberalen islamischen Pietät«(Tobin 2016). Rückzug des Staates, Legitimationskrise der herrschenden Elite, Globalisierung der Konsumformen und Zunahme des Einflusses der neuen Medien sowie der massiven Präsenz des Westens in der Region, dadurch verursachtes Demütigungsgefühl, vor allem nach dem zweiten Golfkrieg, kennzeichnen eine neue Periode der Turbulenz, in der die Alltagsreligiosität in der Region offenbar zugenommen hat. Nicht nur in den Alltagspraktiken, sondern auch in der Ästhetik der Städte und der urbanen Zentren, Universitäten sowie Schulen und weiteren Sektoren der Öffentlichkeit sind islamische Symbole bei breiten Schichten der Gesellschaft sichtbar geworden. Esposito spricht von Wiederbelebung( revival) der Religiosität und beschreibt sie wie folgt: »Die Anzeichen für ein islamisches Wiedererwachen im persönlichen Leben sind viele: steigende Aufmerksamkeit für religiöse Pflichten(Moscheebesuche, Gebete, Fasten), Ausbreitung religiöser Programme und Publikationen, verstärkte Bedeutung islamischer Kleidung und Werte sowie die Revitalisierung des Sufismus(Mystizismus). Diese breit angelegte Erneuerung ist auch durch die Wiederbehauptung des Islam im öffentlichen Leben begleitet: dem Anwachsen von islamisch orientierten Regierungen, Organisationen, Gesetzen, Banken, sozialen Wohlfahrtsleistungen und Bildungseinrichtungen«(Esposito 1999, 10). 102 Rachid Ouaissa Für Dekmejian wurde der Rückgriff auf religiöse Werte begünstigt, vor allem bei den jungen Generationen, und zwar durch das ideologische Vakuum nach dem Scheitern der nationalistischen Ideologien, und dieser Rückgriff dient als Schutzschild gegen die»Verwestlichung«(vgl. Dekmejian 1988). Wachsende ökonomische Unsicherheiten und die zunehmenden sozialen Ungleichheiten erklären darüber hinaus ab Mitte der 1990er-Jahre den Rückgriff auf die Religion, die als sozialer Halt und Schöpfer der Hoffnung dient. In ihrer umfassenden Studie zu religiösen Alltagspraktiken in Marokko distanzieren sich Mohammed El Ayadi, Hassan Rachik und Mohamed Tozy (2013: 286) von der These der Rückkehr der Religion und sprechen von einer religiösen Erneuerung. Dabei spielen sowohl die ideologische Instrumentalisierung der Religion durch die herrschende Elite als auch der Anstieg der Einschulungsrate in der Region eine wichtige Rolle. Vor allem von den Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren wird die ideologische Seite der Religion überbetont. Damit stellt sich die Frage, ob es sich hierbei tatsächlich um einen Aufstieg bzw. eine Rückkehr der Religion oder um individuelle Manöver mit dem Ziel handelt, im Einklang zwischen Globalisierungsdruck und Sehnsucht nach lokaler Kultur, eigene Identitäten zu basteln. Von den befragten Jugendlichen sind 94 Prozent muslimischen und 6 Prozent christlichen Glaubens. In Ägypten sind 8 Prozent der Befragten Christen und 92 Prozent Muslime. Im Libanon sind 58 Prozent der Befragten Muslime und 38 Prozent Christen. Die befragten Jugendlichen sind zwischen 16 und 30 Jahre alt und gehören damit der Generation der 1980erbis 2000er-Jahre an. Ab den 1980er-Jahren begann in der gesamten Region, und zwar im Zuge des Rückgangs der Ölpreise auf dem Weltmarkt, eine bis heute anhaltende Wirtschaftskrise. Wegen der Restrukturierung der Wirtschaft, die von massiver Verschuldung begleitet ist, nahmen die Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg im staatlichen Sektor drastisch ab. Obwohl die junge Generation besser ausgebildet ist als die ihrer Eltern, verschlechterten sich die Beschäftigungsmöglichkeiten für die Jugendlichen in fast allen arabischen Staaten. Dagegen hat die Elterngeneration der heutigen Jugendlichen, die Generation der 1960er-Jahre, von den staatlichen Entwicklungsmodellen der 1960er-Jahre profitiert. Diese Generation war von den nationalistischen und panarabistischen»großen Erzählungen« geprägt. In den 1960er-Jahren boomte die Ölwirtschaft, und davon profitierten sowohl die Ölstaaten als auch die Nichtölstaaten. Einnahmen aus Ölexporten, aus regionaler Arbeitsmigration und aus finanziellen Unterstützungsleistungen der großen ÖlJugend und Religion 103 exporteure an die Frontstaaten ließen die Wachstumsraten der Länder der Region zwischen 1973 und 1983 jährlich um bis zu 11 Prozent des BIPs steigen. Die Arbeitslosenquote lag bis in die 1980er-Jahre bei etwa 5 Prozent in Ägypten und 1,6 Prozent in Jordanien(vgl. Winckler 2005: 88 ff.). Der Staat wurde nicht nur der Hauptarbeitgeber und Dienstleister, sondern sicherte auch Karrieren und soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Mit der Verteilungspolitik des Staates und den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten entstand der Sozialpakt zwischen den Staaten und den Gesellschaften der Region. Die empirischen Befunde haben ergeben, dass bei mehr als der Hälfte der Befragten der Ausbildungsgrad des Vaters durchschnittlich oder hoch ist. In allen Ländern – außer dem Libanon und Tunesien – ist der Staat der Hauptarbeitgeber der Väter. Mit Ausnahme der drastischen Verschlechterung der Sicherheits- und Wirtschaftssituation in Syrien und im Jemen schätzen mehr als 70 Prozent der Befragten(in Bahrain 97 Prozent) die ökonomische Situation der Familie als gut bzw. sehr gut ein. 62 Prozent der Befragten schätzen ihre persönliche wirtschaftliche Situation als gut bzw. sehr gut ein. Insgesamt stufen sich mehr als 30 Prozent der Befragten als Angehörige der oberen Mittelschicht und 50 Prozent als Teil der unteren Mittelschicht ein. Außer in Marokko und Ägypten wohnen mehr als 90 Prozent der Befragten in Gegenden, die von Eigentumswohnungen oder Häusern geprägt sind, Sie können dort aber trotzdem nur zur Miete wohnen (vgl. Frage 52). Dennoch zeigen die Umfragen, dass Ängste die Grundeinstellung der Jugendlichen bezüglich deren Zukunftsaussichten prägen. Auf die Frage»Wie religiös bist Du heute?«(Bezug: Sommer 2016) liegt der Durchschnitt(arithmetisches Mittel) aller befragten Jugendlichen auf einer Skala von 1(überhaupt nicht religiös) bis 10(sehr religiös) bei 7,3 Punkten. Dabei zeigen die Jugendlichen in Bahrain mit 8,6 die höchsten Punktwerte; landesspezifisch bilden sie die Spitze der Religiosität. Die Jugendlichen in Tunesien erscheinen mit durchschnittlich 6 Punkten hingegen am wenigsten religiös(vgl. Abb. 4.1). Verglichen mit dem Grad der Religiosität vor fünf Jahren, also vor dem Arabischen Frühling, ist aus heutiger Sicht ein geringer Anstieg der Religiosität bei den Befragten zu verzeichnen. Der Gesamtdurchschnitt der Stichprobe erreicht für diesen Zeitpunkt vor fünf Jahren 6,9 Punkte. Auch hier liegen die befragten Jugendlichen in Bahrain unverändert mit 8,6 an der Spitze und die jungen Tunesier bilden mit 5,7 Punkten die andere Seite des Spektrums(vgl. Abb. 4.1). Damit scheint es in der Tat so zu sein, dass sich die Jugendlichen gegenwärtig als religiöser einschätzen. Dies 104 Rachid Ouaissa Abb. 4.1 Religiosität heute und vor 5 Jahren 9 8,6 8,6 8,1 8 7,7 7,5 7,5 7,3 7,3 7,3 7,2 6,9 7,0 6,9 6,9 7 6,6 6,4 6,3 6,1 6,0 6 5,7 5 4 3 2 1 Bahrain Jemen Ägypten Marokko Gesamt Paläs- Syr. Jordatina Flüchtl. a) nien Libanon Tunesien Heute Vor 5 Jahren Fragen 1, 121. Hinweise Angaben in Punktwerten von 1 Punkt(»überhaupt nicht religiös«) bis 10 Punkten(»sehr religiös«). Es können Rundungsfehler auftreten. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. mag auch in Bezug auf die Vorgängergeneration gelten und ist kein Zufall. Während die Generation der 1960er-Jahre an die staatlichen Utopien glaubte und von der wirtschaftlichen Prosperität profitierte, ist die heutige Generation in ihrem Sozialaufstieg blockiert. Die zu beobachtende Präsenz der Religion bei den Jugendlichen scheint eine Art Ersatz für die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten zu sein. Folgende Argumentationsschritte schließen sich an: Als Erstes wird die religiöse Einstellung der befragten Jugendlichen deskriptiv erläutert. Danach werden zweitens die Zusammenhänge zwischen religiöser Einstellung und strukturellen Bedingungen beleuchtet. Zunächst wird dazu anhand der Fragen»Wie religiös bist Du heute?« und»Wie religiös warst Du vor fünf Jahren?« der Grad der Religiosität der Jugendlichen in endpunktbenannten Skalen gemessen und die wesentlichen Merkmale der jeweiligen Gruppen mithilfe von Faktoren wie Klassenzugehörigkeit, Bildungsgrad des Jugend und Religion 105 Abb. 4.2 Religiosität heute – Religiosität vor 5 Jahren 35 30 25 20 15 10 12 5 8 27 24 32 27 34 31 0 Wenig religiös Etwas religiös Stärker religiös Sehr religiös Religiosität heute Religiosität vor 5 Jahren Frage 1, 121. Hinweise Angaben in Prozent(3% ohne Angaben). Es können Rundungsfehler entstehen. Vaters, sowie Wohnort dargestellt. Damit kann festgestellt werden, welche Gruppe sich hinsichtlich ihrer religiösen Selbsteinschätzung verändert hat. Zum Schluss werden die politischen Einstellungen in Bezug auf den Religiositätsgrad diskutiert. 2 Der gegenwärtige Zustand der Jugendreligiosität in der MENA-Region Um ein differenziertes Bild des Grades der Religiosität der befragten Jugendlichen in den acht Staaten sowie bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon zu erhalten, wird eine Gruppierung der Antworten vorgenommen. Ausgehend von der Frage»Wie religiös bist Du heute?« und der Frage»Wie religiös warst Du vor fünf Jahren?« wird die Selbsteinstufung von 1(überhaupt nicht religiös) bis 10(sehr religiös) in vier Typen gruppiert: Gruppe 1: »Wenig religiös«(1 bis 4 Punkte); Gruppe 2:»Etwas religiös«(5 bis 6 Punk106 Rachid Ouaissa Tab. 4.1 Religiosität nach Altersgruppen Altersgruppe Wenig religiös Etwas religiös Stärker religiös Sehr religiös Gesamt 16–20 21–25 26–30 9 24 33 34 100 8 25 32 35 100 8 25 32 35 100 Fragen 3, 121. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Die Gruppe»wenig religiös« erzielt bei Frage 121 zwischen 1–4 Punkte,»etwas religiös« 5–6 Punkte,»stärker religiös« 7–8 Punkte und die Gruppe»sehr religiös« 9–10 Punkte. te); Gruppe 3:»Stärker religiös«(7 bis 8 Punkte); Gruppe 4:»Sehr religiös« (9 bis 10 Punkte). Dies ergibt folgendes Bild: Über sämtliche Länder hinweg stufen sich 8 Prozent als»wenig religiös« ein, weitere 24 Prozent als»etwas religiös«, 32 Prozent der befragten Jugendlichen als»stärker religiös«, und 34 Prozent der Befragten verstehen sich als»sehr religiös«(vgl. Abb. 4.2). Verglichen mit der Religiosität vor fünf Jahren ist festzustellen, dass vor allem die beiden Gruppen»stärker religiös«(damals 27 Prozent) und»sehr religiös«(31 Prozent) an Zulauf gewonnen haben. Dagegen hat die Zahl der Befragten, die sich als»wenig religiös«(12 Prozent) bzw.»etwas religiös« (27 Prozent) einstufen, abgenommen. Dies ist ein Zeichen der Zunahme an Religiosität. Damit stufen sich heute insgesamt zwei Drittel der Befragten als»stärker religiös« bzw.»sehr religiös« ein im Vergleich zu 58 Prozent vor fünf Jahren. Korrespondierend dazu stufen sich gegenwärtig 32 Prozent der Befragten als»wenig religiös« bzw.»etwas religiös« ein, während der Wert vor fünf Jahren noch bei 39 Prozent lag(vgl. Abb. 4.2). Bei Differenzierung des Religiositätsgrades nach dem Alter zeigt sich kaum Unterschiede bei der Religiosität(vgl. Tab. 4.1). Allgemein gilt, dass die jungen Menschen mit steigendem Alter nicht religiöser werden. Ein Vergleich der Religiosität zwischen den Geschlechtern zeigt, dass sich Frauen – mehr als Männer – vor allem den Gruppen der»stärker Religiösen« und»sehr Religiösen« zuordnen(vgl. Abb. 4.3). Von den zwei Drittel der befragten Jugendlichen, die sich als»sehr religiös« bzw. als»stärker religiös« eingestuft haben, stellen Frauen 72 Prozent und Männer 62 Prozent. Dagegen ist der Anteil derer, die sich als»wenig religiös« bzw.»etwas religiös« empfinden(insgesamt ein Drittel) bei jungen Männer(38 Prozent) höher als bei jungen Frauen(28 Prozent). Jugend und Religion 107 Abb. 4.3 Religiosität: Männer und Frauen im Vergleich 40 35 30 25 20 34 15 31 27 22 10 5 11 6 0 wenig religiös etwas religiös Männer stärker religiös Frauen Fragen 3, 121. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 38 31 sehr religiös Dass Frauen religiöser als Männer erscheinen, ist nicht wirklich überraschend. In der gesamten MENA-Region sind die sozialen Aufstiegschancen für Frauen viel niedriger als die Aufstiegschancen der Männer. Der ökonomische Wandel der letzten Jahre hat vor allem die weiblichen Jugendlichen hart getroffen. Neben der Jobkrise spielt der Rückgriff auf die patriarchalische Sozialordnung in Zeiten sozialer, politischer und ökonomischer Turbulenzen eine Rolle beim Anstieg des Grads der Religiosität von Frauen, wie der UNDP Report beschreibt: «Arbeitsmärkte in arabischen Ländern offenbaren den Stempel der sozialen Normen, die – entweder implizit oder explizit – die Geschlechtersegregation bei den Arbeitskräften hinnehmen und Frauen bestärken, sich darauf zu konzentrieren, Kinder zu bekommen und sie aufzuziehen«(UNDP 2009, 46). Der Ländervergleich(vgl. Abb. 4.1) zeigt, dass sich vor allem die Jugendlichen in Bahrain mit 8,6 bei einer durchschnittlichen Religiosität aller Länder von M=7,3 als ziemlich religiös einstufen. Auch die Jugendlichen 108 Rachid Ouaissa Tab. 4.2 Religiosität heute und vor fünf Jahren nach Ländern Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syr. Flüchtl. Tunesien Wenig religiös Heute Vor 5 Jahren 6 8 6 6 6 10 8 21 13 21 8 3 7 18 6 8 15 21 Etwas religiös Heute Vor 5 Jahren 20 27 2 2 14 20 31 29 32 34 18 30 27 34 36 35 43 41 Stärker religiös Heute Vor 5 Jahren 43 35 5 5 26 24 39 28 31 25 43 43 39 30 34 32 33 29 Sehr religiös Heute Vor 5 Jahren 32 30 87 87 54 46 22 22 24 19 31 25 27 19 24 25 9 9 Fragen 1, 121. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Fett markiert sind die Zahlen, die»Heute« (Stand Sommer 2016) die größte Differenz zur Situation von vor fünf Jahren aufweisen(Minimum 5 Prozent Differenz). im Jemen(8,1), in Marokko(7,5) und in Ägypten(7,5) stufen sich als überdurchschnittlich religiös ein. Die befragten Jugendlichen in Jordanien(6,9), im Libanon(6,6), in Palästina(7,2) und in Tunesien(6,0) sowie die syrischen Flüchtlinge im Libanon(7,0) stufen sich unter dem Durchschnitt ein. Ein detaillierter Blick auf den Grad der Religiosität zeigt, dass 87 Prozent der Jugendlichen in Bahrain und 54 Prozent im Jemen sich als»sehr religiös« bezeichnen. Die Jugendlichen in Marokko(43 Prozent), Ägypten(43 Prozent), Jordanien(39 Prozent) und Palästina(39 Prozent) stufen sich mehrheitlich als»stärker religiös« ein. Als»etwas religiös« bezeichnet sich die Mehrheit der Jugendlichen in Tunesien(43 Prozent), Libanon(32 Prozent) sowie die syrischen Flüchtlinge im Libanon(36 Prozent). Der Anteil der Gruppe der»wenig Religiösen« ist vor allem in Tunesien(15 Prozent) und im Libanon(13 Prozent) relativ hoch(Tab. 4.2). Somit kann man die Länder in Gruppen unterteilen: Länder mit sehr hoher Religiosität(Bahrain und Jemen); Länder mit überdurchschnittlicher Religiosität(Ägypten, Marokko, Jordanien und Palästina) und Länder, deren Jugendliche als wenig religiös einzustufen sind: Tunesien, die syrischen Flüchtlinge und Libanon. Das Ergebnis ist nicht überraschend. Die Golfstaaten gelten als viel religiöser und konservativer als die übrigen arabischen Regionen. Die Religion ist auch sehr bedeutend als Instrument zur Legitimierung der Macht in den arabischen Monarchien. Die Monarchien in Jordanien, MaJugend und Religion 109 Tab. 4.3 Wohnumfeld nach Religiositätsgruppen Wenig religiös Etwas religiös Stärker religiös Sehr religiös Großstadt 100.001+ 8 21 31 40 100 Stadt 1.001– 100.000 10 34 34 22 100 Ländliche Gemeinde 20.000 8 21 31 40 100 Fragen 5, 121. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Flüchtlingslager 5 25 40 30 100 rokko und den Golfstaaten legitimieren sich religiös. In Ägypten und Palästina haben die religiösen Bewegungen seit Mitte der 1980er-Jahre an gesellschaftlicher Macht gewonnen. Ob als Widerstandsbewegung – wie in Palästina – oder als Anbieter sozialer Güter – wie in Ägypten –, die religiösen Bewegungen traten an die Stelle der laizistischen Regime und bieten alternative Gesellschaftsmodelle. Tunesien ist dagegen noch von der laizistischen Politik Bourguibas und Ben Alis geprägt, die die Alltagspraktiken der Bevölkerung heute noch beeinflusst. Die religiöse Pluralität des Libanon erklärt dort die niedrige Religiosität der Befragten. Bei den Befragten im Libanon sind 58 Prozent muslimischen Glaubens und 38 Prozent christlichen Glaubens. Die Religiosität der Jugendlichen hat sich in den fünf Jahren seit dem Arabischen Frühling in unterschiedlichen Staaten verschieden entwickelt. Auf Grundlage der Prozentwerte in Tabelle 4.2 ist in Bahrain keine große Veränderung der Religiosität der Jugendlichen zu verzeichnen. In Ägypten dagegen ist ein markanter Trend von»wenig religiös« bzw.»etwas religiös« hin zu mehr und sehr viel mehr Religiosität, in Jordanien ein Rückgang von »wenig religiös« zugunsten von»stärker religiös« zu verzeichnen. Der Grad an Religiosität ist auch im Libanon, in Palästina, in Marokko und im Jemen stark gestiegen. Allerdings ist in Marokko die Gruppe der»wenig Religiösen« größer geworden: von 3 Prozent vor fünf Jahren auf heute 8 Prozent. Mit einem ähnlichen Anteil(6 Prozentpunkte) wuchs die Gruppe der»sehr Religiösen«. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon blieb die Verteilung der Grade der Religiosität stabil. In Tunesien, Palästina und im Libanon nahm der Anteil der»wenig Religiösen« ab und der Anteil der»stärker Religiösen« zu, z. B. in Tunesien von 29 Prozent auf 33 Prozent. 110 Rachid Ouaissa Es ist also ein markanter Zuwachs der Religiosität in allen Ländern zu verzeichnen. Zweifelsohne sind hier sowohl die politischen Ereignisse in den jeweiligen Staaten als auch die wirtschaftlichen Konditionen und Krisen bei der Prägung der Religiosität der befragten Jugendlichen entscheidend(vgl. Kap. 7). Darüber hinaus sind der Umgang mit der Religion in den jeweiligen politischen Systemen sowie die Art der Legitimation der Regime sehr wichtig. Interessant ist aber, dass in Marokko, einem Land das seit den Parlamentswahlen 2011 von der islamistischen Partei PJD(Parti pour la Justice et le Développement) regiert wird, der Anteil der geringen Religiosität im Vergleich zu vor fünf Jahren, gewachsen ist. 3 Strukturelle Bedingungen und Religiosität der Jugend Die arabischen Großstädte(mehr als 100.000 Einwohner) sind religiös heterogen und beherbergen sowohl einige Jugendliche mit niedriger Religiosität(8 Prozent) als auch Jugendliche, die sich als»etwas religiös« einstufen(21 Prozent), und auch Jugendliche, die sich als»stärker religiös« bezeichnen(31 Prozent). Vor allem sind jedoch junge»sehr religiöse« Menschen in Großstädten präsent(40 Prozent). Ein analoges Muster religiöser junger Menschen gilt für die Jugendlichen in ländlichen Gebieten (vgl. Tab. 4.3). Jugendliche und junge Erwachsene mit geringer Religiosität finden sich demgegenüber vor allem in mittleren Städten von 1.000 bis 100.000 Einwohnern. In Flüchtlingslagern scheinen die Spitzenwerte an den Enden des Spektrums, also bei»wenig religiösen« und»sehr religiösen« Jugendlichen hingegen eher abgeschliffen. Entgegen den Ergebnissen von Ernest Gellner im Marokko der 1970erJahre und der Ansicht, dass der urbane Islam toleranter als der rurale Islam sei, scheinen die sozialen Transformationen der letzten Jahre und die unterschiedlichen Formen von Mobilität sowie die massiven Urbanisierungen die Intensitäten der Religiosität in den urbanen Zentren und ruralen Gebieten der arabischen Länder etwas verändert zu haben. Der konservative Islam hat sich nun auch in den Großstädten der Region durchgesetzt. So leben sowohl in den Großstätten als auch im ländlichen Raum vor allem sehr religiöse junge Leute. In den urbanen Zentren, bevölkert von arbeitssuchenden Migranten aus dem ländlichen Raum, finden die jungen Menschen in den religiösen Gruppen möglicherweise einen Ersatz für gewohnte dörfliche Gemeinschaften. Interessant sind – wie bereits angesprochen – Jugend und Religion 111 Tab. 4.4 Religiosität nach Bildungsgrad des Vaters Bildungsstand Analphabet Lese- und schreibkundig ohne formelle Bildung Grundschule Weiterführende Schule Abitur Fachabitur Akademischer Grad(MA, BA) Promoviert Wenig religiös 7 8 8 9 10 7 8 9 Etwas religiös 23 21 31 25 28 25 17 13 Stärker religiös 34 32 34 34 35 36 26 15 Fragen 30, 121. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Sehr religiös 36 39 27 32 27 32 49 63 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 100 die kleinen und mittleren Städte der Region, die vor allem die wenig religiösen Gruppen zu beherbergen scheinen. In den letzten Jahren sind die Kleinstädte der MENA-Region zu einem Zufluchtsort der bürgerlichen Teile der Gesellschaft geworden. In kleinen und mittleren Städten lebt der höchste Anteil junger Menschen(44 Prozent), die sich als wenig und etwas religiös einstufen. Bezüglich des Zusammenhangs von Religiosität und Bildung zeigen die empirischen Befunde zunächst, dass bei mehr als der Hälfte der Befragten der Ausbildungsgrad des Vaters auf hohem oder mittlerem Niveau liegt. In allen Ländern, mit Ausnahme des Libanons und Tunesiens, ist der Staat der Hauptarbeitgeber des Vaters. Wie in weiteren Teilen der Studie belegt wurde(siehe Kapitel 7), spielt der Vater eine wichtige Rolle als Garant der wirtschaftlichen Situation der Familie und der Sozialisation der Jugendlichen. Deswegen ist ein Einfluss des Vaters auf die religiöse Ausrichtung der Jugendlichen naheliegend. Entsprechend wird im Weiteren nach dem Zusammenhang zwischen Bildungsgrad des Vaters und Religiosität gefragt. Darüber hinaus wird auch der Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Klassenzugehörigkeit und der religiösen Selbsteinstufung beleuchtet. Wie in der Tabelle 4.4 zu sehen ist, stufen sich die Jugendlichen, deren Väter höhere Bildungsgrade erreicht haben, meistens als»sehr religiös« ein, während Jugendliche, deren Väter über eine geringere formelle Bildung verfügen, häufiger»etwas religiös« bzw.»stärker religiös« sind. Im Einzelnen gestaltet sich das Bild wie folgt: 63 Prozent der Befragten, deren Väter einen Doktortitel halten, bezeichnen sich als sehr religiös. Ähnliches gilt für Be112 Rachid Ouaissa Tab. 4.5 Religiosität und Klassenzuordnung Klasse Wohlhabend Obere Mittelklasse Untere Mittelklasse Arm Bedürftig Wenig religiös 9 10 8 7 13 Etwas religiös 18 23 25 28 18 Stärker religiös 15 34 32 33 34 Sehr religiös 58 33 35 32 35 Fragen 47, 121. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Gesamt 100 100 100 100 100 fragte, deren Väter über einen Universitätsabschluss verfügen(49 Prozent). Es ist allerdings zu bemerken, dass nur 16 Prozent der Befragten einen Vater mit Doktortitel oder mit universitären Abschluss haben, während, bei ähnlicher Gruppengröße, Befragte, deren Väter Analphabeten sind (15 Prozent der Befragten), sich nur 36 Prozent als sehr religiös bezeichnen. Des Weiteren lassen die empirischen Daten zum sozialen Hintergrund der vier religiösen Gruppen vermuten, dass ein Zusammenhang zwischen Selbsteinschätzung der Klassenzugehörigkeit und dem Grad der Religiosität besteht(Tab. 4.5). Die 58 Prozent der Befragten, die ihre Familien als»wohlhabend« eingestuft haben, bezeichnen sich selbst als»sehr religiös« und 9 Prozent von ihnen sehen sich als»wenig religiös«. Außerdem ist ein gewisser Bezug zwischen dem Grad»stärker religiös« und der»Oberen Mittelklasse« zu beobachten. Demnach stufen sich diejenigen, die sich zu 34 Prozent als »stärker religiös« bezeichnen, als Angehörige der»Oberen Mittelklasse« ein. Als»stärker religiös« bezeichnen sich aber auch jeweils ein Drittel der Angehörigen der»armen« und»mittellosen« Schichten. Die Befragten, die sich demgegenüber häufig als»eher religiös« bezeichnen, verorten sich selbst in der»Unteren Mittelklasse«(25 Prozent) bzw. in den armen Schichten der Gesellschaft(28 Prozent). Interessant ist auch, dass der Anteil derer, die sich als»wenig religiös« bezeichnen, bei der Gruppe der»Mittellosen« am höchsten ist(13 Prozent). Damit widerlegt die Studie die viel popularisierte These des Zusammenhangs zwischen Religiosität und Armut bzw. Religiosität und niedrigem Bildungsgrad. Im Gegenteil scheinen die religiösen Menschen aus finanziell gesicherten Familien und aus dem Milieu des »Bildungsbürgertums« zu stammen. Dagegen gehören die wenig religiösen Menschen vor allem den ärmeren Schichten der Gesellschaft an. Jugend und Religion 113 Die befragten Jugendlichen sind durchschnittlich besser ausgebildet als ihre Eltern, dennoch sind ihre sozialen Aufstiegsmöglichkeiten deutlich geringer und die Zukunftsängste viel größer. Vor der Implementierung der Strukturanpassungsprogramme bot der riesige öffentliche Sektor soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Ab Ende der 1970er-Jahre hat sich, bedingt durch die massiven Investitionen im Bildungsbereich, die Zahl der Universitätsabsolventen vervielfacht, während gleichzeitig die Rekrutierungsmechanismen auf dem Arbeitsmarkt und speziell im öffentlichen Sektor heruntergefahren wurden. Diese Situation spiegelt sich in den Umfrageergebnissen insofern wider, als die befragten Jugendlichen die wirtschaftliche Unsicherheit und die Sorge um die Karriere – neben der Gefahr des Ausbruchs von bewaffneten Konflikten – als sehr wichtig einstufen. Die aus den Universitäten strömenden Absolventen(vor allem mit technischen Abschlüssen) konnten nicht mehr vom in die Krise geratenen öffentlichen Sektor absorbiert werden. Es scheint, dass die Religiosität als eine Art Kapital dient, um zu kompensieren, was die Elterngeneration hatte, nämlich soziale Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildungskapital. Religion stiftet Sicherheit und Optimismus und wird zur Hilfe genommen, um die düsteren wirtschaftlichen Aussichten doch noch mit Hoffnung zu versehen. Wie Tabelle 4.6 zeigt, fühlt sich die Gruppe der Jugendlichen, die sich als»wenig religiös« einschätzen, mit 38 Prozent am unsichersten. Dagegen fühlen sich die Jugendlichen, die die Ausprägung»sehr religiös« angegeben haben, am sichersten(32 Prozent). Zu beobachten ist, dass das Sicherheitsgefühl mit dem selbst empfundenen Religiositätsgrad der Jugendlichen ansteigt. Mit Sicherheit sind hier Erfahrungen und Einschätzungen aus verschiedenen Bereichen(wie Gesundheit, Ernährung, Emotionen, Familie, Wirtschaft, Karriere, Gewalt und Krieg) zusammengefasst(vgl. Tab. 2.2). Die Religion scheint mangelnde Perspektiven zu kompensieren und Sicherheit zu verleihen. Es ist genau dieses Sicherheitsgefühl, das die hoch religiösen Jugendlichen bezüglich ihrer Zukunft und der Zukunft der Gesellschaft optimistisch stimmt(vgl. Tab. 4.7). Analog zu der Frage nach dem Sicherheitsempfinden scheinen die religiösen jungen Menschen viel optimistischer zu sein als die nicht religiösen. Wie für Marwan aus dem Jemen(30 Jahre alt, verheiratet) gibt die Religion Hoffnung für viele frustrierte junge Menschen: Wir sind optimistisch, da wir der islamischen Religion folgen(YE-10). 114 Rachid Ouaissa Tab. 4.6 Religiosität und Wahrnehmung der eigenen Zukunft und Zukunftschancen Unsicher Eher unsicher Eher sicher Sicher Wenig religiös 38 21 19 22 100 Etwas religiös 31 26 24 19 100 Stärker religiös 24 27 28 21 100 Frage 121, Sicherheitsindex(vgl. Abb. 2.1). Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Sehr religiös 23 21 24 32 100 Tab. 4.7 Religiosität und Wahrnehmung der Zukunft unserer Gesellschaft Wenig religiös Etwas religiös Stärker religiös Eher pessimistisch 37 34 30 Eher optimistisch 63 66 70 100 100 100 Fragen 121, 166. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Sehr religiös 26 74 100 Wie Tabelle 4.7 zeigt, sind die befragten Jugendlichen, die sich als sehr religiös einstufen, zu 74 Prozent optimistisch in Bezug auf die Zukunft der Gesellschaft. Jugendliche sind entsprechend häufiger pessimistisch, wenn sie sich als weniger religiös einstufen: Die Gruppe der Pessimisten wächst von 26 Prozent(»sehr religiös«) auf 37 Prozent(»wenig religiös«). Es scheint, dass Religion nicht nur Sicherheit gibt, sondern in Zeiten von Krisen, Umbrüchen und Wandel auch Halt und Optimismus verleiht. Damit wird Religion nicht mehr als ein gesamtgesellschaftliches politisches Projekt bzw. als eine kollektive islamische Sozialutopie begriffen, sondern als eine Stütze gebraucht, um individuelle Utopien zu realisieren. Die Religion wird zum Ersatzkapital in Zeiten voller Unsicherheiten. Dies zeigt sich daran, dass die befragten Jugendlichen sich zwar als überdurchschnittlich religiös einstufen, ihr Vertrauen in religiöse Institutionen jedoch nicht sehr hoch ist. So liegt das Vertrauen in religiöse Institutionen(Frage 114:»Hast Du Vertrauen in öffentliche Einrichtungen?«) mit 23 Prozent im Vergleich zu Familie(80 Prozent), Militär(54 Prozent), Bildungssystem (42 Prozent) sowie Polizei(40 Prozent) nur unteren im Mittelfeld(vgl. Kap. 2; Jugend und Religion 115 Tab. 2.10). Bei den befragten Jugendlichen in Jordanien ist das Vertrauen in religiöse Institutionen am höchsten(49 Prozent) und bei den Jugendlichen in Bahrain(4 Prozent) am niedrigsten. Vor allem traditionelle religiöse Institutionen wie die Zawiya genießen bei einigen Jugendlichen in Ägypten und den syrischen Flüchtlingen großes Ansehen. Insgesamt beurteilen die befragten jungen Menschen Religion als eine private Angelegenheit. Auf die Frage»Religion ist eine Privatangelegenheit, in die sich niemand einmischen sollte. Stimmst Du dem zu?«(Frage 124) antworten 83 Prozent der Befragten mit ja. Diese Meinung ist vor allem bei den jungen Tunesiern(93 Prozent) und den syrischen Flüchtlingen(92 Prozent) ausgeprägt. Zugleich wünschen sich 60 Prozent der Befragten, dass der Islam eine bedeutendere Rolle im Alltag spielen soll. Auch hinsichtlich des Engagements der Jugendlichen in religiösen Einrichtungen(Frage 162:»Wo und wie engagierst Du Dich«?) geben nur 13 Prozent der Jugendlichen an, dass sie in religiösen Einrichtungen engagiert sind, dabei sind unter den Befragten die Ägypter mit 17 Prozent am häufigsten vertreten. Insgesamt zeigen die empirischen Befunde, dass eine große Mehrheit der sehr religiösen Jugendlichen in der MENA-Region nicht oder nur in begrenztem Umfang politisch aktiv ist. Darüber hinaus sind die mobilisierten Jugendlichen weniger religiös als die nicht mobilisierten Jugendlichen. Im Gegensatz dazu ist unter denjenigen, die eine niedrige Religiosität beanspruchen, der Prozentsatz der Aktivisten höher als der bei den geringfügig Aktiven und bei den Nichtaktivisten(vgl. Kap. 13). In Bezug auf die politische Rolle der Religion in den politischen Systemen (Frage 113:»Wenn Du Dich in der Welt umschaust: Welches politische System wünscht Du Dir«?), sprechen sich im Mittel 11 Prozent der Befragten (in Jordanien 18 Prozent, Palästina 33 Prozent und Jemen 17 Prozent) für ein auf der Scharia basiertes politisches System aus. Weitere 11 Prozent wollen ein politisches System, das sowohl auf demokratischen als auch auf islamischen Prinzipien basiert. Auch diese Quote ist in den gleichen Ländern höher: Jordanien(22 Prozent), Jemen(18 Prozent) sowie Palästina und Marokko(jeweils 15 Prozent). Dagegen sprechen sich mehr als 38 Prozent der Befragten für ein demokratisches System aus, und 26 Prozent wünschen sich einen starken Mann an der Spitze des Landes(vgl. Abb. 12.3). Bezüglich der politischen Präferenzen der vier religiösen Gruppen wünschen sich sowohl die jungen Menschen mit»wenig« Religiosität als auch die Befragten, die sich als»etwas« und»stark religiös« eingestuft haben, vorwiegend ein demokratisches Regierungssystem – am wenigsten jedoch 116 Rachid Ouaissa Tab. 4.8 Religiosität und bevorzugtes politisches System Starker Mann soll das Land regieren Religiöser Staat auf der Grundlage der Scharia Demokratie Demokratisch-islamisches System Wenig religiös 31 6 37 10 Etwas religiös 23 9 43 12 Stärker religiös 21 12 40 12 Fragen 113, 121. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Sehr religiös 32 12 33 10 die»sehr Religiösen«(Tab. 4.8). Wobei der Wunsch nach einem»starken Mann, der das Land regieren soll« bei allen Befragten an zweiter Stelle geäußert wird. Auffällig ist jedoch, dass der Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit, mit der in der politischen Tradition der Region ein gerechter politischer Führer assoziiert wird, vor allem bei den wenig Religiösen und bei den stark Religiösen gewünscht wird. Interessant wäre es, die Umfrage an diese Stelle zu vertiefen, um zu erfahren, ob die beiden Gruppen sich ähnlich starke Führungen wünschen. Es lässt sich aber vermuten, dass sich die»wenig Religiösen« eher an starken Führungspersönlichkeiten wie Nasser oder Bourguiba orientieren und die»sehr Religiösen« eher religiöse Persönlichkeiten(einen gerechten Kalifen) zur Führung des Staates wünschen. In beiden Fällen scheint der Wunsch nach politischem Wandel und die Sehnsucht nach Gerechtigkeit groß zu sein. Wie angedeutet, präferieren alle vier Gruppen ein demokratisches System, jedoch ist dieser Wunsch stärker bei den»etwas Religiösen«(43 Prozent) und»stärker Religiösen«(40 Prozent). Bei den beiden Gruppen ist der Wunsch nach einer starken Führungspersönlichkeit etwas schwächer (23 Prozent und 21 Prozent) als bei den»wenig Religiösen« und den»sehr Religiösen«. Während also die wenig Religiösen und die sehr Religiösen sich vor allem einen starken Mann an der Spitze des Staates wünschen, präferieren die Gemäßigten ein demokratisches System. Wie erwartet, ist ein auf der Scharia basierter religiöser Staat nur bei wenigen gewünscht, dabei aber vor allem bei denjenigen, die sich als»stärker religiös«(12 Prozent) und»sehr religiös«(12 Prozent) bezeichnen. Auch ein politisches System, das demokratische Elemente mit islamischen Elementen kombiniert, wird nur im geringeren Maße gewünscht, und das vor allem von den jungen Menschen die sich als»stärker religiös«(12 Prozent) und»etwas religiös«(12 Prozent) bezeichnen. Jugend und Religion 117 4 Schlussfolgerungen Die empirischen Befunde lassen den Schluss zu, dass Religion eine zunehmend wichtige Rolle in den Alltagspraktiken der jungen Menschen in der MENA-Region spielt. Obwohl einige nationale Differenzen zu verzeichnen sind, liefern die empirischen Daten das Bild von eher frommen Jugendlichen in der Region. Dabei sehen sich Frauen im Vergleich zu den Männern als religiöser, während bei den Altersgruppen kaum Unterschiede erkennbar sind. Die stark religiösen Gruppen sind häufiger in den Großstädten und in ländlichen Bereichen zu finden. Jugendliche und junge Erwachsene in den mittleren und kleinen urbanen Zentren stufen sich dagegen häufiger als weniger und etwas religiös ein. Gemessen am Bildungsgrad des Vaters sowie der Selbsteinschätzung der Klassenzugehörigkeit wird deutlich, dass die Gruppe der»sehr Religiösen« tendenziell aus Familien stammt, die»wohlhabend« sind und in denen der Vater über einen universitären Abschluss verfügt. Dem gegenüber kommen Jugendliche, die sich als wenig religiös oder etwas religiös bezeichnen, öfter aus Familien der unteren Mittelschichten bzw. armen Schichten der Gesellschaft mit geringerem Bildungskapital. Deutlich wird aber auch, dass Religiosität zum Hoffnungsgeber und zur Quelle von Optimismus wird. Religion dient nicht mehr politischen und/oder ideologischen Zwecken, sondern dem individuellen Wohlfühlen und der Selbstdisziplinierung. Religion wird zum Kanal der Spiritualität und weniger Ausdruck von Ideologie oder Politik. Anlehnend an Charles Taylor(2009) scheinen die befragten Jugendlichen aus der arabischen Welt im Zeitalter des»expressiven Individualismus« angekommen zu sein. Damit bezeichnet Taylor der Stand der Religiosität im Westen in den 1960er-Jahren. Ausgehend von der Theorie Émile Durkheims des gesellschaftlichen Orts des Sakralen, unterscheidet Taylor eine Paläo-, eine Neo- und eine Post-Durkheim’sche Periode. In der ersten Periode war die soziale Ordnung stark hierarchisiert und durch Religion strukturiert. In der Neo-Durkheim’schen Periode wird die Religionszugehörigkeit stark politisiert. Religion wird für Zwecke der gesellschaftlichen Mobilisierung, wie etwa im Nationalismus, gebraucht. In der Post-Durkheim’schen Periode wird Religion zu einer individuellen Angelegenheit. Frömmigkeit wird zur Lebens- und Ausdrucksform der eigenen Persönlichkeit. Taylor spricht hier von der Suche nach Spiritualität, die Harmonie, Gleichgewicht und Ausgewogenheit verleiht(Taylor 2012: 846). Für Taylor gelten selbst religiöse Veranstaltungen, die Formen von Massenveranstal118 Rachid Ouaissa tungen und Spektakeln annehmen, als individuelle religiöse Praxen und Ausdruck der Suche nach neuen Formen individueller Spiritualität. Die Jugendlichen in der arabischen Welt scheinen in der Religiosität Hilfe bei der Suche nach Perspektiven zu finden. Spiritualität wird zum Fluchtort und zur Hoffnungsgeberin in einer Welt, die kulturell, politisch, ökonomisch und sozial durcheinandergeraten ist und wo das Vertrauen in die herrschenden Systeme nicht sehr hoch ist. Wirtschaftlich wird diese Phase durch die Krise des Entwicklungsstaates und das Scheitern der Entwicklungsmodelle sowie die Implementierung der Strukturanpassungsprogramme markiert. Diese Phase wird auch als die neoliberale Phase bezeichnet. Mit den Revolten in der arabischen Welt im Jahre 2011 beginnt ein neuer Zyklus. Er ist gekennzeichnet durch eine Ideologiemüdigkeit und den Versuch, durch nicht organisierte Bewegungen individuelle Utopien gegen die von oben forcierten Gesellschaftsordnungen zu realisieren. Dies erklärt den zunehmenden Pragmatismus der heutigen Akteure. Es kann festgehalten werden, dass Religion immer mehr zu einer individuellen Angelegenheit zu werden scheint. Der Grad der Frömmigkeit steigt vor allem auf individueller Ebene und nicht mehr als eine kollektive Sozialutopie, wie es der arabische Nationalismus oder der politische Islam waren, auch wenn die Religiosität Formen von kollektiven Erfahrungen wie Massenveranstaltungen beibehält. Religion wird zum Mittel der Verwirklichung partikularer bzw. individueller Lebenswelten, wie sie Schulze(2012) beschreibt. Schulze spricht von der Befreiung der individuellen Lebenswelten von staatlicher Bevormundung. Mit dem Scheitern der staatlich normierten Gesellschaftsmodelle und dem Machtgewinn der individuellen Lebensutopien wird, angelehnt an Charles Taylor, eine Post-Durkheim’sche Ära eingeleitet, in der eine Trennung zwischen Werten und Normen stattfindet(Schulze 2012: 45 f.). Bei den befragten Jugendlichen sind ein Rückgang der politischen Religiosität und eine Zunahme der sozialen Religiosität zu verzeichnen. Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt. Jugend und Religion 119 Kapitel 5 Gender Ines Braune D ie Stimmen und Körper der Frauen standen im Zentrum des Arabischen Frühlings. Zwar demonstrierten Männer und Frauen gemeinsam für Freiheit und Würde in einer patriarchalen Gesellschaft, doch gleichzeitig wurden weibliche Körper Opfer gewalttätiger Übergriffe und sexueller Belästigungen. Fast zeitgleich konzentriert sich der öffentliche Diskurs auf das Thema Arbeitsmigration und Flüchtlingsströme, wobei hier junge Männer und Fragen der Männlichkeit im Fokus stehen. Was vermitteln uns die damit verbundenen Erfahrungen und scheinbar getrennten Diskurse hinsichtlich der Geschlechterrollen und Ungleichheiten in den Ländern der MENA-Region heute? Wir behaupten, dass Ungleichheit aufgrund der hohen öffentlichen Relevanz des Gender-Aspekts in der MENA-Region oft durch die geschlechtsspezifische Brille gesehen wird(vgl. AHDR 2005; 2016; El Feki et al. 2017). Das vorliegende Kapitel ist daher weder eine geschlechtsspezifische Analyse, noch ist es ausschließlich frauenrelevanten Themen gewidmet. Vielmehr sollen die intersektionalen Verknüpfungen – also die Überschneidungen von verschiedenen Diskriminierungsformen in einer Person – zwischen Gender, Bildung, Nationalität und sozialem Hintergrund analysiert werden. In diesem Zusammenhang widmen wir uns zunächst der Jugend und dem Jungsein aus einer historischen Perspektive. Da Bildung beim Thema Geschlechtergerechtigkeit eine elementare Rolle spielt, werden im Anschluss Fragen der Bildung unter anderem hinsichtlich in ihrer generationalen Dimension erörtert. Auf der Annahme gründend, dass wir es heute mit einer besser gebildeten Jugendgeneration zu tun haben, konzentriert sich der dritte Teil dieses Beitrages auf die Perspektiven junger Männer und Frauen bezüglich Arbeit und Familie. Teil vier thematisiert schließlich den Aspekt der sexuellen Belästigung. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengeführt, um zum Thema Gender in der MENA-Region ein differenziertes Bild zu zeichnen. Gender 121 1 Jung oder verheiratet? Jugendlich und verheiratet! Die Frage, wer sich der Jugend zugehörig erklären darf, ist sinnvollerweise auch unter dem Aspekt der historischen Geschlechterbeziehungen zu betrachten. Die Jugendstudie zu jungen Menschen im ländlichen Raum Marokkos aus dem Jahr 1969(» Ce que disent 296 ruraux«) ließ die Mädchen unberücksichtigt. Argumentiert wurde, es handele sich bei ihnen entweder um Kinder oder Mütter. Eine Übergangsphase fehlte in dieser Wahrnehmung (Pascon/Bentahar 1969).»Jugend« war damals noch kein eigenständiges Konzept, sondern bezog sich auf die kurze Phase, in der jemand nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen ist. In der MENA-Region ist die Jugend als eigene Kategorie also ein recht junges Phänomen, das sich erst in den vergangenen 50 bis 60 Jahren entwickelte. In einem Adoleszenzprojekt der Harvard University über den zwanzigjährigen Zeitraum Mitte der sechziger bis Mitte der achtziger Jahre konstatierten die Autoren Davis/Davis bereits die Schwierigkeit, für den Zeitraum zwischen Kindheit und Erwachsenenalter einen arabischen Begriff zu finden. Sie hielten fest, dass die Markierung und Institutionalisierung einer bestimmten Phase erst mit der Einführung eines staatlichen Schulwesens erfolgte.»Die Schule schuf sowohl das Konzept als auch die Erwartungen, die mit ihm einhergehen.«(Davis/Davis 1989: 59). Jungen und Mädchen erleben die Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter in einer formalisierten schulischen Bildung. Heute ist das Konzept der Jugend in der MENA-Region fest verankert, und die Phase, die als Jugend wahrgenommen wird, dehnt sich auch dort immer weiter aus. Asef Bayat führt an dieser Stelle die Idee der»Jugendlichkeit«(» youthfulness«) ein. Diese sei mit einem spezifischen, mit dem Jungsein verbundenen Habitus und Denken verknüpft und fließe auf diesem Weg in die Debatte über junge Menschen in der MENA-Region ein. Der Autor weist darauf hin, dass es vor allem die Städte sind, in denen junge Menschen zur Jugend werden (Bayat 2010: 7). In der vorliegenden Befragung betrachtet sich die große Mehrheit junger Menschen als jugendlich(92 Prozent), und zwar unabhängig von Geschlecht, Milieu und Schulbildung. Dennoch sind in unserem Sample deutlich mehr junge Frauen als Männer verwitwet oder geschieden. Damit wird deutlich, dass von Mädchen erwartet wird, dass sie früher eine Ehe eingehen und in einem geregelten Kontext(das heißt verheiratet) leben, um in ihrer eigenen Familie Verantwortung und Mutterschaft zu üben. Das 122 Ines Braune Abb. 5.1 Wer ist verheiratet? Nationale Perspektive 70 68 60 50 40 36 51 35 35 42 43 30 19 20 10 26 27 26 19 20 20 12 6 20 5 0 Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syr. Flüchtl. a) Tunesien Männlich Weiblich Fragen 1, 3, 14. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. verweist wiederum auch auf das höhere Alter, das junge Männer erreichen müssen, bevor sie finanziell in der Lage sind, zu heiraten(vgl. Kap. 6). 1.1 Wer ist verheiratet? Die nationale Perspektive Ein Fünftel der männlichen(21 Prozent) und etwas mehr als ein Viertel (28 Prozent) der weiblichen Befragten sind nach den Umfrageergebnissen verheiratet. Dabei fallen jedoch nationale Abweichungen auf(vgl. Abb. 5.1). In Marokko und Tunesien ist der Anteil der Verheirateten an den befragten Jugendlichen mit zusammen 13 Prozent gering. Bezeichnenderweise ist zugleich der Frauenanteil bei den jugendlich Verheirateten in diesen beiden Ländern am größten: 77 Prozent der in einer Ehe lebenden jungen Menschen in Marokko sind weiblich; in Tunesien sind es sogar 79 Prozent. Deutlich wird, dass junge Menschen hier in der Regel in einem Gender 123 höheren Alter die Ehe eingehen. Dies gilt insbesondere bei den Männern, die nur selten vor dem dreißigsten Lebensjahr heiraten. Einen anderen Spitzenwert erreichen die syrischen Flüchtlinge: Mit 55 Prozent Anteil bei den verheirateten Paaren sind sie, neben den Jemeniten(43 Prozent), die Gruppe mit der höchsten Zahl von Eheschließungen. Die deutliche Unsicherheit der eigenen Lage scheint ein Pushfaktor beim Streben nach Sicherheit über soziale Bindung zu sein. In den übrigen Ländern beträgt der Anteil von Ehepartnern unter den befragten Jugendlichen zwischen 13 und 31 Prozent. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist in Tunesien und Marokko besonders hoch, während er in Bahrain am geringsten ist. Ein Grund dafür könnte die starke finanzielle Position des(zukünftigen) Ehemannes sein. Wie in der wohlhabenden Gesellschaft Bahrains ist der Anteil verheirateter Frauen und Männer im armen Jemen und bei den syrischen Flüchtlingen relativ ausgewogen. Hier ließe sich argumentieren, dass in Zeiten massiver Unsicherheit und schlechter Aussichten, bei denen sich perspektivisch keine Verbesserung der Lage abzeichnet, die Ehe zu einer Frage der Sicherheit wird. Erweiterte soziale Netze, die über Eheschließung und Familiengründung aufgebaut werden, gestalten sich zunehmend wichtiger als die finanzielle Position des zukünftigen Gatten. Kurz: In den von uns untersuchten Ländern sind mehr junge Frauen als junge Männer verheiratet, wenngleich es nationale Differenzen gibt. Die ähnliche Quote verheirateter junger Frauen und Männer in Bahrain, bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon und im Jemen verweist allerdings auf andere, durchaus konträre Gründe. Während Bahrain zu den einkommensreichsten Ländern der Erde zählt und ein hohes Maß an Sicherheit aufweist, stellen die Rahmenbedingungen für die beiden anderen Gruppen das genaue Gegenteil dar. 1.2 Wer ist verheiratet? Die Klassenperspektive Betrachten wir die Verheirateten durch die Brille ihrer sozialen Herkunft, fällt auf, dass die Mehrheit der Ehefrauen und-männer im Sample der Untersten Schicht und Unteren-Mittel-Schicht angehört(vgl. Kap. 2; Anhang). Dabei gibt es keinen deutlichen Unterschied zwischen den weiblichen und männlichen Personen(vgl. Abb. 5.2). Ein vollständiges Bild ergibt sich allerdings erst, wenn wir die massiven nationalen Disparitäten berücksichtigen(vgl. Kap. 2, Tab. 2.3): Junge syrische Flüchtlinge im Libanon stellen den höchsten Anteil Verheirateter. Dabei 124 Ines Braune Abb. 5.2 Wer ist verheiratet? Schichtenperspektive 45 40 39 35 34 30 25 24 22 21 20 18 15 14 12 10 5 0 Unterste Schicht UntereMittel-Schicht Mittlere Schicht ObereMittel-Schicht Männlich Weiblich Fragen 3, 14, Schichtenindex(vgl. Kapitel»Schichtenindex« im Anhang). Hinweise Angaben in Prozent. Rundungsfehler können auftreten. 98 Oberste Schicht gehören die Flüchtlinge überwiegend der Untersten Schicht(84 Prozent) und mit einer kleinen Gruppe(13 Prozent) der Unteren-Mittel-Schicht an (vgl. Abb. 2.2). In Bahrain ist es dagegen genau umgekehrt. Nach den Umfrageergebnissen sind fast alle jungen Bahrainer Angehörige der OberenMittel-Schicht(29 Prozent) und der Obersten Schicht(62 Prozent). Trotz Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern ergibt sich in der Gesamtbetrachtung, dass die Mehrheit verheirateter junger Frauen und Männer in der MENA-Region zu den unteren Schichten zählt. Tatsächlich steigt mit niedrigerer Schichtenzugehörigkeit der Anteil der Ehen. Während in der Untersten Schicht 34 Prozent der jungen Frauen verheiratet sind, sind es 24 Prozent der Unteren-Mittel-Schicht und nur 8 Prozent in der Obersten Schicht. Der Anteil verheirateter Männer ist ähnlich: Von ihnen sind 39 beziehungsweise 18 und 9 Prozent in der Untersten, Unteren-Mittel- respektive Obersten Schicht Ehemänner. Es lässt sich unabhängig von diesen Detailbetrachtungen festhalten, dass der Anteil Verheirateter in den unteren Gender 125 Schichten höher ist als in den oberen Schichten. Dieser Aspekt ist wiederum relevant mit Blick auf die Frage, ob sich Ledige und Verheiratete in die Kategorie»Jugendliche« oder»Erwachsene« einordnen. Junge Ledige verstehen sich in der Regel ebenso als jugendlich(96 Prozent) wie die Mehrheit der in einer Ehe Lebenden(83 Prozent). Eine genauere Analyse zeigt jedoch, dass die Selbstwahrnehmung verheirateter junger Menschen von einer Kombination aus sozialer Schicht, Bildungsniveau und Klassenbewertung abhängt. Sowohl Männer als auch Frauen aus den unteren Schichten, die nur eine Grundschulbildung haben und sich als arm bezeichnen, betrachten sich eher als Erwachsene, als dies Verheiratete aus der oberen Mittelschicht mit höherer Bildung tun. Diese verstehen sich häufiger als»Jugendliche« und verfügen über einen spezifischen Habitus und den sozialen und ökonomischen Hintergrund, Jugendlichkeit zu gestalten. Auf der Grundlage der eingangs genannten Beobachtung, nach der es für junge Frauen zwischen Kindheit und Erwachsenenalter scheinbar keine Übergangsphase gab, die ihnen als»Jugend« galt und in deren Zusammenhang die urbane und kollektive Bildungserfahrung ein wichtiger Faktor eines jugendlichen Lebensstils war, lässt sich schlussfolgern, dass sich aktuell eine umfassende Konvergenz der Lebensbedingungen junger Männer und Frauen vollzieht. Dabei macht der Wohnort der Probanden – im ländlichen oder städtischen Raum – keinen Unterschied hinsichtlich der Selbstzuweisung der Kategorien»jugendlich« oder»erwachsen«. Gleichwohl fällt auf, dass es nicht mehr allein die Ehe ist, die der Selbstwahrnehmung als»erwachsen« zugrunde liegt. Vielmehr hängt es wesentlich häufiger von Bildung und sozialer Herkunft ab, ob die befragten jungen Menschen sich als Jugendliche oder Erwachsene betrachten. Bei den jungen Vertretern der Mittel- und Oberschicht ist es überdies sozial wie finanziell akzeptabel, eine längere Zeit lang unverheiratet zu sein oder zu heiraten und dennoch einen jugendlichen Lebensstil zu pflegen. 2 Bildung zählt Bei der Geschlechtergerechtigkeit in der MENA-Region sind Bildungschancen einer der wichtigsten Faktoren. Gleicher Zugang zu Bildungsangeboten für Männer und Frauen werden immer wieder hervorgehoben. Für die menschliche Entwicklung insgesamt ist Bildung ebenso wichtig, erklären die befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Folgenden soll 126 Ines Braune Abb. 5.3 Schulbesuch in Jahren 14 12,0 11,9 11,2 11,8 11,4 11,6 11,3 11,6 11,1 11,4 10,1 9,7 10,0 9,3 9,4 12 10 8 6,3 6,9 6,2 6 4 2 0 Bahrain Palästina Tunesien LibanonNational Jordanien Marokko Ägypten Jemen Syr. Flüchtl. Männlich Weiblich Fragen 1, 3, 26. Hinweise Angaben zur Länge des Schulbesuchs wurden auf maximal 13 Jahre limitiert. Alle Befragten, die 14 Jahre und länger angaben, wurden auf 13 Jahre limitiert. Dadurch wird der nummerische Vergleich von Zeiträumen zwischen unterschiedlichen Schulsystemen sinnvoller. aufgezeigt werden, wo Gender für Disparitäten relevant ist und wo andere intersektionale Aspekte eine Rolle spielen. In diesem Zusammenhang ist zunächst festzuhalten, dass die heutige Jugend – und zwar beide Geschlechter – insgesamt besser gebildet ist als frühere Generationen. In fast allen Ländern sind Jungen und Mädchen durchschnittlich zehn Jahre zur Schule gegangen. Allerdings gibt es regionale und Geschlechterunterschiede, die nicht übersehen werden dürfen. An Abbildung 5.3 zeigen sich zwei Strukturen: Die Schuldauer in Bahrain, Palästina, Tunesien Libanon und Jordanien ist fast identisch. Sie sinkt jedoch in Marokko, Ägypten sowie im Jemen und bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon ab; gleichzeitig mit der verkürzten Schulzeit drehen sich die Gender-Anteile um: Mädchen sind in den letztgenannten Ländern kürzer in die Schule gegangen als Jungen. Die jungen Syrer der heutigen Flüchtlingsgeneration sind Gender 127 durchschnittlich nur etwa sieben Jahre zur Schule gegangen. Bei den Mädchen und Frauen war die Schulzeit noch kürzer. Im Jemen ist der Unterschied noch ausgeprägter: Mädchen sind durchschnittlich sechs Jahre zur Schule gegangen und damit drei Jahre weniger als Jungen. Die geringe Beschulung der Mädchen lässt sich möglicherweise darauf zurückführen, dass insgesamt weniger Mädchen an Schulen angemeldet waren, während die Schulzeit der die Schule besuchenden Mädchen genau so lang war wie bei den Jungen. Einige Länder weisen demgegenüber hohe Beschulungsraten auf. In Bahrain, Palästina, Tunesien, Libanon, und Jordanien dauerte der Schulbesuch bei beiden Geschlechtern durchschnittlich zwischen 11 und 12 Jahren, wobei die Mädchen etwas länger zur Schule gegangen sind als die Jungen. 2.1 Bildung aus geschlechtsspezifischer und nationaler Perspektive Der Vergleich der von Frauen und Männern in der Region erzielten Schulabschlüsse trägt zu einem klareren Bild von der Bildungskluft bei(vgl. Tab. 5.1). Während sich in Tunesien, Palästina, Bahrain und im Libanon überhaupt keine jungen Analphabeten finden und praktisch alle Befragten eine institutionalisierte Bildung genießen, geben etliche syrische Flüchtlinge an, dass sie weder lesen noch schreiben können(Männer 11 Prozent; Frauen 18 Prozent). Analphabetentum ist auch im Jemen ein Problem. Der Gender Gap ist dort überdies am höchsten. Der Anteil schreib- und leseunkundiger Frauen liegt um das Elffache über dem der Männer(Männer 2 Prozent; Frauen 25 Prozent). Junge syrische Flüchtlinge und die jungen Jemeniten stehen für die Mehrheit junger Analphabeten in der Region. Von ihnen gibt es auch eine kleine Zahl in Marokko und Ägypten. In den meisten Ländern konstituiert sich die größte Gruppe allerdings aus jungen Menschen, Männer wie Frauen, mit einem Abschluss einer weiterführenden Schule. Auffallend ist der relativ hohe Anteil akademischer Abschlüsse, wobei die Zahl weiblicher Jugendlicher und junger Frauen in Tunesien, Ägypten, Jordanien und Palästina genauso hoch ist bzw. sogar leicht höher als die der Männer. Gleiches gilt für Bahrain und Libanon, wo wir eine besonders hohe Zahl junger Menschen mit einem akademischen Abschluss finden; sie stellen teilweise über die Hälfte der Befragten. Die bisher analysierten Zahlen zeigen daher, dass die der Umfrage zugrunde liegenden Daten überwiegend eine junge Generation mit hohem Bildungsstandard umfasst. Die von bewaffneten Konflikten und großer Unsicherheit gekenn128 Ines Braune Tab. 5.1 Höchster erreichter Bildungsabschluss nach Ländern und Geschlecht 1 Marokko 2 Tunesien 3 Ägypten 4 Jordanien 5 Palästina 6 Libanon National 7 Jemen 8 Bahrain 9 Syrische Flüchtlinge + 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe 1 Bis einschließlich Primarstufe 2 Sekundarstufe 3 Höher als Sekundarstufe Männlich 15 41 45 16 42 41 14 59 27 14 66 21 5 50 45 11 32 57 30 29 41 9 48 43 59 30 11 Weiblich 18 44 38 14 39 47 21 45 34 11 60 29 2 36 62 8 30 62 58 21 21 11 44 45 63 29 8 Fragen 1, 3, 27. Hinweise Die Bildungsabschlüsse wurden in drei Kategorien zusammengefasst:»Bis einschließlich Primarstufe«/»Sekundarstufe«/»Höher als Sekundarstufe«. Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. zeichneten Länder Syrien und Jemen bilden die traurige Ausnahme. Bei einem niedrigeren Bildungsniveau ist jedoch auch die Geschlechterungleichheit stärker ausgeprägt. Frauen sind von den genannten negativen Folgen von Kriegen und Konflikten deutlich stärker betroffen als Männer. Andererseits übersteigt die Zahl der hochgebildeten Frauen die der Männer mit Hochschulabschluss. Die relevante Frage in diesem Zusammenhang lautet, was die jungen Frauen mit ihren Bildungsabschlüssen in Zukunft machen können(vgl. Abschnitt 2.3 dieses Kapitels). Gender 129 Tab. 5.2 Höchster erreichter Bildungsabschluss der Mutter 1 Marokko 2 Tunesien 3 Ägypten 4 Jordanien 5 Palästina 6 Libanon National 7 Jemen 8 Bahrain 9 Syr. Flücht. 1 Analphabet 43 22 18 18 6 2 Lesen und Schrei12 1 11 4 2 ben 3 Primarstufe 23 41 10 22 17 4 Sekundarstufe 15 19 26 36 38 5 Abitur 6 Technisches Diplom 7 Universitätsabschluss 5 6 10 7 24 0 1 11 12 5 1 4 12 1 8 8 Doktortitel 0 0 9 Weiß nicht 2 7 3 1 0 6 82 5 56 6 4 1 10 23 5 6 24 31 4 48 7 19 2 1 1 3 0 3 0 11 1 34 1 1 1 1 2 2 Fragen 1, 39. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 2.2 Bildung aus der Generationenperspektive Die vorstehend präsentierten Zahlen sind mit Blick auf die Gender-Verteilung vor allem im Vergleich zum Bildungsniveau der Elterngeneration interessant(vgl. Tab. 5.2). Analphabetentum findet sich weitaus häufiger bei den Müttern und Vätern als bei der jungen Generation. Bei den Vätern gilt das insbesondere in Marokko, Jemen und unter den syrischen Flüchtlingen. Mit enormen nationalen Unterschieden ist insgesamt ein Viertel der Mütter lese- und schreibunkundig. Im Jemen beträgt der Anteil der Analphabetinnen bei den Müttern 82 Prozent, unter den syrischen Flüchtlingen 56 Prozent, in Marokko 43 Prozent. Während in Ägypten, Tunesien und Jordanien etwa ein Fünftel der Mütter weder lesen noch schreiben kann, sind es in Palästina, im Libanon und in Bahrain maximal 6 Prozent. Diese Zahlen reflektieren auch den allgemeinen Standard des jeweiligen nationalen Bildungswesens: Neben Ländern wie Syrien, Jemen und Marokko, wo die Analphabetenrate – bei Männern und Frauen – generell hoch ist, haben wir es mit Ländern zu tun, in denen bereits die Elterngeneration Zugang zu höherer Bildung hatte. Dazu gehören Bahrain, Ägypten, Jordanien, Libanon und Palästina. In den unteren Bildungsschichten finden sich 130 Ines Braune allerdings mehr Frauen als Männer. Die Väter verfügen allgemein über höhere Schulabschlüsse als die Mütter. Die einzige Ausnahme ist hier der Libanon, wo die Mütter meist einen höheren Schulabschluss erreichten als die Väter. Lassen wir den Sonderfall der syrischen Flüchtlinge – mit einer alarmierend hohen Analphabetenrate bei den jungen Syrerinnen – außen vor, können wir festhalten, dass die jungen Frauen generell besser gebildet sind als ihre Mütter. Bei den jungen Frauen liegt vor allem die Zahl der Analphabetinnen deutlich niedriger als in der Müttergeneration. Dieser Trend sagt jedoch weder etwas über die Qualität der Bildung aus, die in der MENA-Region häufig kritisiert wird(vgl. AHDR 2016), noch darüber, inwieweit es den jungen Frauen gelingt, mit ihrer Bildung entsprechend gut bezahlte Jobs zu finden. 3 Zukunftspläne: Arbeit oder Familie Von besonderem Interesse sind die Pläne junger Männer und Frauen zum Thema Arbeit und Familie in Abhängigkeit von ihrem Bildungsstand. Was streben gerade die jungen Frauen in dieser Hinsicht an? Eine Antwort auf diese Frage erhoffen wir uns durch die Betrachtung der Entscheidungen, die junge Menschen über ihre Zukunftspläne mit Blick auf die Erwerbstätigkeit und/oder Familie treffen. Sie wurden gefragt, was sie für ihre persönliche Zukunft am wichtigsten erachten: eine gute Ehe, eine gute Arbeit, gute Freunde oder gute Familienbeziehungen. Sie mussten sich jeweils für eine Option entscheiden. Bei den jungen Männern kristallisierte sich ein guter Job häufiger als wichtigstes Ziel heraus(62 Prozent), bei den Frauen war es meist eine gute Ehe(41 Prozent). Eine gute Beschäftigung stand bei den Frauen auf Platz zwei(34 Prozent), während umgekehrt nur 19 Prozent der Männer eine gute Ehe als wichtigstes Ziel nannten. Als drittwichtigstes Ziel gaben sowohl die Frauen als auch die Männer gute Familienbeziehungen an. Gute Freunde scheinen dagegen insgesamt selten absolute Priorität zu genießen: Diese stehen bei beiden Geschlechtern nur für 4 Prozent an erster Stelle. Die Zahlen bestätigen das Argument, dass die eigene erweiterte Familie die wichtigste Referenz für die Identitätsbildung und für sozialen und finanziellen Schutz ist, während das Netzwerk der Freunde jenseits von Verwandtschaftsbeziehungen nur sekundäre Bedeutung hat. Gender 131 3.1 Konflikte bei den Einstellungen Auffällig ist die unterschiedliche Beantwortung der Frage nach der Bedeutung von Ehe und Arbeit für die Zukunft bei den jungen Männern und Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten(vgl. Abb. 5.4). Es werden deutliche Differenzen und abweichende Interessen zwischen den jungen Männern und Frauen sowie auch zwischen den Frauen in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft deutlich. Bei den männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen nimmt die Bedeutung einer guten Beschäftigung mit höherem sozialen Status ab. 70 Prozent der jungen Männer aus der Untersten Schicht gegenüber nur 52 Prozent aus der Obersten Schicht geben an, ein guter Job habe bei ihnen Priorität für ihre Zukunft. Diese Tatsache könnte sich darauf zurückführen lassen, dass Menschen mit einer gesicherten gesellschaftlichen Stellung davon überzeugt sind, ohnehin einen»guten Job« zu bekommen. Zugleich nimmt die Bedeutung, die einer guten Ehe zugemessen wird, in den höheren Schichten zu. Wo die wirtschaftliche Lage als gesichert gilt, widmen die Männer der Bedeutung der Familiennetze stärkere Aufmerksamkeit. Aus der weiblichen Perspektive betrachtet ist das Gegenteil richtig. Zu den spannendsten Ergebnissen der Umfrage gehört, dass eine gute Ehe für die Frauen aus der Oberen-Mittel-Schicht und Obersten Schicht weniger wichtig ist als eine gute Beschäftigung. Dagegen wünschen sich nur 22 Prozent der Frauen aus der Untersten Schicht vor allem einen guten Job. Bei den Frauen aus der Obersten Schicht sind es 44 Prozent. Nur 31 Prozent von ihnen wollen in erster Linie eine gute Ehe. Die 30-jährige Sakhaa aus Jordanien schildert ihre Position in dieser Frage. Sie hat einen M.A. in Internationalem Recht, arbeitet im Medien- und Bildungssektor und verfügt über ein eigenes Arbeitseinkommen: Ich habe mir keine Gedanken über eine Beziehung gemacht. Umso weniger, da ich in einer Familie lebe, die von den Problemen geprägt ist, die meine Eltern wegen des Geldes miteinander haben. Ich wünsche mir einen Partner, der ehrgeizig, intelligent und gebildet ist, der tolerant ist und akzeptiert, dass ich nachts arbeite und männliche Kollegen habe; jemand der kultiviert ist und die Traditionen wahrt. Er muss keinen akademischen Abschluss haben, muss jedoch akzeptieren, dass ich in anderen Ländern den Hijab ablege, selbst in Jordanien. Er soll auch die Meinungen anderer respektieren. Jemand, der mein Leben, die Verantwortung und auch die Probleme teilt und bereit ist, auch von meinem Einkommen zu leben(JO-7). 132 Ines Braune Abb. 5.4 Beziehung zwischen Geschlecht und Gesellschaftsschicht hinsichtlich Arbeit und Familie 80 70 70 66 61 60 55 52 50 48 45 44 42 39 40 32 37 31 30 34 22 20 21 21 18 19 10 14 0 Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht Mittlere Schicht Obere-Mittel-Schicht Männlich: Arbeit Weiblich: Ehe Weiblich: Arbeit Männlich: Ehe Fragen 3, 127, Schichtenindex(vgl. Kapitel»Schichtenindex« im Anhang). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Oberste Schicht Während sich junge Frauen aus höheren Schichten darum bemühen, eine gute Arbeit zu finden, mithin eigenes Geld zu verdienen und auch neben der Gründung einer eigenen Familie Erfüllung zu finden, betonen die jungen Männer aus der gleichen Klasse die Bedeutung der Ehe und familiärer Bindung. Das stellt eine massive Herausforderung der traditionellen Geschlechterrollen und Familienstrukturen dar, insbesondere da, wo Ehen innerhalb einer bestimmten sozialen Schicht geschlossen werden. Die folgenden Zitate zweier junger Männer zum Thema Ehe illustrieren die verschiedenen Sichtweisen. Die erste Aussage stammt vom 31-jährigen Bahrainer Ahmad. Er ist zurzeit verlobt, denkt aber daran, die Beziehung »gegebenenfalls zu beenden«. Ahmad hat einen Universitätsabschluss und arbeitet im öffentlichen Sektor. Das zweite Zitat stammt von dem 30-jährigen Ägypter Muataz. Auch er ist Akademiker. Gender 133 Ich habe meine eigene Persönlichkeit. Ich möchte, dass sie Hausfrau und Mutter ist. Das muss ihr genügen. Der Ehemann muss sich um alles andere kümmern. Sonst könnte er einfach schlafen(BH-12). Der Prophet sagt, du sollst die Frau heiraten wegen ihrer Schönheit, ihres Stammbaums und ihrer Religion. Das ist das wichtigste. Auch ihre Bildung und Zufriedenheit sind wichtig. Sie muss in jeder Situation zu mir halten. Ich brauche eine Frau, die meine Kinder richtig erziehen kann(EG-3). Dagegen sehen Frauen aus den unteren Schichten ihre Zukunft häufiger in einer guten Ehe(48 Prozent) und seltener in einem guten Job(22 Prozent). Gute Familienbeziehungen sind für sie sekundär(26 Prozent). Junge Männer und Frauen aus den unteren Schichten halten tendenziell an traditionellen Rollenmodellen fest, nach denen sich die Männer um Arbeit kümmern und Geld verdienen, während die Frauen für die Qualität der Ehe zuständig sind. Eine junge Jordanierin beschreibt diese Perspektive; Fatima ist ledig und wird aktuell von ihrem Vater unterhalten: Mein künftiger Ehemann? Jemand der mir hilft, aus der finanziellen Lage, in der ich zurzeit bin, herauszukommen und meine Träume zu erfüllen. Ein gottesfürchtiger Mann, der mich zu mehr Frömmigkeit anhält, einen guten Ruf in der Gemeinde hat, der liebevoll und nicht aggressiv ist. Ich werde ihm eine Hausfrau sein und mich um unsere Haushaltsangelegenheiten kümmern(JO-6). 3.2 Wer ist erwerbstätig? Das Thema der nicht arbeitenden Frauen Für die Frauen ist der Weg auf den Arbeitsmarkt der Knackpunkt ihrer Bildungs- und Arbeitsbiografie(vgl. Kap. 5.7). Unter den berufstätigen jungen Menschen finden sich weitaus mehr Männer als Frauen. Gleichwohl stellen die Frauen knapp ein Viertel der Erwerbsbevölkerung. Ihr Anteil an den aus unterschiedlichen Gründen temporär nicht lohnarbeitenden Personen beträgt 40 Prozent. Auffällig ist allerdings der hohe Anteil der Frauen an den Personen, die grundsätzlich keiner bezahlten Beschäftigung nachgehen(96 Prozent). Diese Gruppe besteht überwiegend aus Hausfrauen. Wie sieht ihr nationaler und sozialer Hintergrund aus? Über welche Bildung verfügen sie? Bevor wir uns den Details widmen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die meisten von ihnen – etwa drei Viertel(72 Prozent) – verheiratet sind. Nur 26 Prozent von ihnen sind ledig oder verlobt. Etwa die Hälfte ist zwischen 26 und 30 Jahre alt, ein Drittel zwischen 21 und 25 Jahre. Nur 20 Prozent der Frauen im jüngsten Cluster – 16 bis 20 Jahre – geben an, prinzipiell nicht zu arbeiten. Die Gruppe der nicht berufstätigen 134 Ines Braune Abb. 5.5 Nicht erwerbstätige Frauen 70 60 66 50 40 42 30 31 20 19 10 13 0 Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht Mittlere Schicht Obere-Mittel-Schicht Nicht erwerbstätige Frauen Fragen 3, 127, Schichtenindex(vgl. Kapitel»Schichtenindex« im Anhang). Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Oberste Schicht Frauen besteht also hauptsächlich aus älteren und bereits verheirateten Frauen, von denen einige bereits Kinder haben und sich um Familie und Haushalt kümmern. Zu ihrem Bildungsstand lässt sich sagen, dass viele von ihnen nie zur Schule gegangen sind oder nur einen Grundschulabschluss haben(44 Prozent), 30 Prozent besuchten eine weiterführende Schule, 11 Prozent der Frauen haben die Hochschulreife(Baccalauréat), 3 Prozent vollendeten eine Fachhochschulausbildung und 11 Prozent erreichten einen akademischen Grad. Es ist jedoch vor allem die gesellschaftliche Herkunft, die die Arbeitschancen dieser Frauen bestimmt: Je niedriger die soziale Schicht ist, desto größer ist der Anteil nicht erwerbstätiger Frauen(vgl. Abb. 5.5). Offenbar trifft das Argument, Frauen aus ärmeren Familien müssten einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, um zum Haushaltseinkommen beizutragen, hier nicht zu. Besonders gravierend ist in diesem Zusammenhang die Lage der syrischen Flüchtlinge. Bei ihnen sind 74 Prozent der Gender 135 Frauen grundsätzlich nicht berufstätig(mit temporär Arbeitslosen und Schülerinnen sind es sogar 88 Prozent). Allerdings haben sie ab dem Moment, in dem ihnen im Libanon externe Hilfe zuteilwird, auch nicht das Recht, arbeiten zu gehen. Festzuhalten ist, dass die Gruppe der nicht berufstätigen jungen Erwachsenen fast ausschließlich aus Frauen besteht, die ein überwiegend niedriges Bildungsniveau haben, aus unteren Schichten kommen oder – wie die syrischen Flüchtlinge – in wenig gesicherten Strukturen leben. All diese Aspekte beeinträchtigen die Optionen der Frauen, ihre eigene Zukunft zu gestalten. 4 Sexuelle Belästigung Eingangs wurde herausgestellt, dass Machtbeziehungen und Sicherheitsthemen häufig über den weiblichen Körper im öffentlichen Raum verhandelt werden. Die Behandlung der Frauen und die Verortung von Frauenfragen kennzeichnen insbesondere in unsicheren Zeiten den Zustand von Freiheit und Gerechtigkeit in einer Gesellschaft. Das gleiche gilt für die Interaktion im öffentlichen Raum. Zahllose Übergriffe und Angriffe auf Frauen erschüttern das Vertrauen in die öffentliche Ordnung. In den Gesellschaften der MENA-Region, wo – gemäß traditionellen Werten – die Ehre und der Ruf der Familie auf der Integrität des weiblichen Körpers basieren, betreffen diese Attacken letztlich die ganze Familie. Auch die Männer werden angegriffen, wenn sie sich – ebenfalls entsprechend einem traditionellen Verständnis – als unfähig erweisen, die weiblichen Mitglieder der Familie adäquat zu schützen. Männer und Frauen gleichermaßen geben an, von verbalen und physischen sexuellen Belästigungen betroffen zu sein. Dies trifft vor allem in Ägypten, Marokko und Tunesien zu(vgl. Abb. 5.6). In Marokko und Ägypten ist die Zahl derjenigen, die die entsprechenden Fragen nicht beantworten wollten, dabei ausgesprochen hoch: 9 Prozent der ägyptischen und 6 Prozent der marokkanischen Jugendlichen verweigerten eine Antwort – im Vergleich zu knapp 1 Prozent in anderen Ländern. Auch junge Menschen in Jemen, Jordanien und syrische Flüchtlinge geben an, von Übergriffen betroffen zu sein, während in Palästina, Libanon und Bahrain Männer von Übergriffen fast genauso häufig betroffen sind wie die Frauen. In den anderen Ländern stellen Frauen die Mehrheit derjenigen, die von sexuellen 136 Ines Braune Abb. 5.6 Fälle sexueller Belästigung 20 20 18 16 15 14 14 12 10 88 8 7 6 6 5 4 4 3 2 2 22 2 0 Marokko Tunesien Ägypten Jemen Jordanien Syr. Flüchtl. Palästina Männlich Weiblich Fragen 1, 3, 168. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 11 Libanon 00 Bahrain Übergriffen berichten(vgl. Abb. 5.6). Darüber hinaus zeigt sich, dass sexuelle Belästigung eher in Großstädten ein Thema ist als in kleineren Ortschaften mit einem überschaubareren Lebensumfeld. Der Jemen stellt dabei eine Ausnahme dar: Dort scheinen sexuelle Übergriffe auf Männer in erster Linie ein kleinstädtisches Phänomen zu sein. 4.1 Mehr Spannungen im öffentlichen Raum Im Rahmen der vorliegenden Studie wurden junge Männer und Frauen befragt, ob sie der Aussage, die Lage im öffentlichen Raum sei zunehmend angespannt, eher zustimmend oder eher ablehnend gegenüberstehen. Die Antworten bestätigen die Annahme, dass vor allem in den Großstädten die Spannungen im öffentlichen Raum zunehmen. Die Mehrheit der Jugendlichen lebt in großen Städten; sie nimmt – unabhängig vom Geschlecht – zunehmende Spannungen wahr. Über drei Viertel beantworten Gender 137 die entsprechende Frage mit»Stimme zu« oder»Stimme stark zu«, 14 Prozent sind unentschlossen und nur 8 Prozent teilen die Aussage nicht. Besonders stark wird die Zunahme der Spannungen von jungen Menschen aus Bahrain, Tunesien, Jemen sowie bei den syrischen Flüchtlingen empfunden. Ihre Wahrnehmung bezieht sich vor allem auf Städte und besonders auf die von Konflikten geprägten Flüchtlingslager. Die 17-jährige Ägypterin Sara berichtet von ihren Erfahrungen: Wenn ich durch die Straßen laufe, fällt mir auf, dass sich die Moral der Leute total geändert hat. 75 Prozent der Jugendlichen sind unethisch. Sicherheit gibt es nicht. Ich habe Angst, wenn ich unterwegs bin und einen Rock und weite Kleidung trage. Ich werde verbal angemacht. Die Leute könnten mich auf der Straße ausrauben. Ich halte meine Tasche immer ganz fest(EG-2). Frage: Wenn etwas geschähe, würde Dir niemand helfen? Nein, niemand. Ich sah mal eine junge Frau, die belästigt wurde. Sie schrie, und ich war geschockt, als ich sah, wie die Leute reagierten. Sie gaben ihr die Schuld, sagten, sie wäre zu laut und sie solle lieber ruhig weitergehen. Früher hatten die Männer Angst, so etwas zu tun. Andere hätten sie dafür angreifen können. Heute, wenn das Opfer schreit, beschuldigen die Leute die betroffene Frau, nicht den Täter(EG-2). 4.2 Keine Kollision der Einstellungen Vor dem Hintergrund des eben angeführten Zitates werden die Einstellungen junger Menschen hinsichtlich der Aussage:»Frauen, die unangemessen gekleidet sind, sollten sich nicht über sexuelle Belästigung beschweren« analysiert(vgl. Abb. 5.7). Es fällt auf, dass es keine allgemeine Tendenz einer Ablehnung der Aussage unter den Jugendlichen gibt. Im Gegenteil: Die Umfrageergebnisse ergaben insgesamt mehr Zustimmung als Ablehnung zu dieser Haltung. Die geschlechtsspezifische Analyse zeigt, dass die Zahl der Frauen, die die zitierte Meinung ablehnen, geringfügig höher ist, als die der männlichen Befragten, die der Aussage häufiger zustimmten oder sich nicht eindeutig dazu verhielten. Während in den meisten arabischen Ländern keine relevanten Unterschiede zu erkennen sind, bildet Bahrain eine Ausnahme: Hier lehnen Männer und Frauen, abgesehen von 2 Prozent, gleichermaßen die Aussage entschieden ab. Ziehen wir die männlichen Stimmen aus Bahrain 138 Ines Braune Abb. 5.7»Frauen, die unangemessen gekleidet sind, sollten sich nicht über sexuelle Belästigung beschweren.« Männlich 22 15 19 23 21 Weiblich 27 16 16 23 18 0 10 20 30 40 50 60 70 80 Stimme überhaupt nicht zu Stimme zu Stimme nicht zu Stimme stark zu Fragen 3, 170. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 90 100 Mittel von denen ab, die die Aussage ablehnen, wird die Differenz zwischen den jungen Männern, die die Sichtweise zurückweisen, gegenüber denjenigen, die sie teilen, ausgeprägter. Ohne die Frauen aus Bahrain sinkt die Zahl der dem Statement nicht zustimmenden Frauen unter die Rate der ihm zustimmenden Frauen, d. h., mehr Frauen stimmen der Aussage dann zu. Das Bildungsniveau hat auf das Ergebnis keinen Einfluss. Die jeweilige Position der befragten jungen Männer und Frauen erweist sich – mit Ausnahme von Bahrain – als unabhängig davon, ob diese Analphabeten oder wenig gebildet sind oder ob sie Abitur oder studiert haben. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass mehr Frauen als Männer unter verbaler oder physischer Belästigung leiden. Dies ist insbesondere relevant in den Städten, wo die Jugend die Lage im öffentlichen Raum insgesamt als zunehmend angespannt wahrnimmt. Mit Blick auf die Kleidungsvorschriften für Frauen und damit im Zusammenhang stehende Übergriffe im öffentlichen Raum sieht die Jugend die entsprechende VerGender 139 antwortung dafür mehrheitlich bei den nicht angemessen gekleideten Frauen. Ihre Positionierung erfolgt dabei unabhängig von Geschlecht und Bildung. Die Mehrheit der Frauen – in absoluten Zahlen und abzüglich der jungen Bahrainerinnen – stimmt dieser Aussage ebenfalls zu. 5 Fazit Die MENA-Region wird oft in einer geschlechterspezifischen Perspektive gesehen. Um Ungleichheit und Unsicherheit zu erklären, sind jedoch kontextabhängig weitere Aspekte wie soziale Herkunft, nationale Zugehörigkeit, Bildung oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation relevant. Die Lebensbedingungen junger Männer und Frauen haben sich bis zu einem gewissen Grad angenähert: Beide erleben sowohl im urbanen Umfeld als auch im ländlichen Raum die Lebensphase, die als»Jugend« bezeichnet wird. Allerdings besteht ein enger Zusammenhang zwischen Jugendlichkeit und sozialer Herkunft: Jugendlichkeit wird vor allem von jungen Menschen aus den oberen Schichten für sich reklamiert, und zwar unabhängig davon, ob sie verheiratet sind oder nicht. Im Gegensatz dazu gehört die Mehrheit der verheirateten jungen Menschen – Männer wie Frauen – im vorliegenden Sample unteren Schichten an. Hinsichtlich der Bildung ist festzuhalten, dass das Bildungsniveau der aktuellen Jugendgeneration – vor allem bei den jungen Frauen – höher als das ihrer Eltern ist. Dennoch ist der Anteil der Frauen unter denjenigen, die einen geringen Bildungsstand aufweisen, überproportional hoch. Auf der anderen Seite stellen die Frauen auch den etwas höheren Anteil mit akademischem Abschluss. Relevant sind jedoch der Zugang zum Arbeitsmarkt und damit verbundene Lebensentwürfe und Erwartungshaltungen. Die Konfliktlinie verläuft hier zwischen den besser gebildeten Frauen aus höheren Schichten und der Einstellung von Männern gegenüber berufstätigen Frauen. Die Frauen aus den unteren Schichten teilen dagegen die eher traditionellen Erwartungen der Männer. Zur Frage der sexuellen Belästigung zeichnet sich eine deutliche Diskriminierung der Frauen ab. Bezüglich der Verantwortung für die Übergriffe teilen Frauen und Männer unabhängig von ihrem Bildungsniveau eine frauenfeindlichen Haltung. Neben den unterschiedlichen nationalen Kontexten – zu denen auch Gebiete mit bewaffneten Konflikten gehören – überschneiden sich vor allem Aspekte der sozialen Schichtenzugehörigkeit und des Geschlechts hinsichtlich Unsicherheit und Ungleichheit. 140 Ines Braune Kapitel 6 Familie und Zukunft Christoph H. Schwarz I n diesem Kapitel geht es um die Rolle der Familie im Leben der jungen Menschen in der MENA-Region. Dabei betrachte ich nicht nur die Bedeutung, die Jugendliche ihrer Herkunftsfamilie beimessen, sondern auch ihre eigenen Familiengründungspläne. Dieser Aspekt stellt nach wie vor den wichtigsten Schritt im Übergang zum Erwachsenenalter dar. Ich argumentiere, dass, wenn man die subjektive Perspektive und die Selbsteinschätzung der Jugend in den im Rahmen der Studie betrachteten Ländern berücksichtigt, die Familie zwar weiterhin die zentrale gesellschaftliche Institution für junge Menschen ist, die Ehe allerdings – im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung in der wissenschaftlichen Diskussion – subjektiv nur selten das Ende der Jugend markiert. In den folgenden vier Abschnitten werde ich meine Argumentation wie folgt entwickeln: Nach einer kurzen Zusammenfassung der wissenschaftlichen und politischen Diskussion über die Rolle der Familie im Leben junger Menschen der Region widme ich mich zunächst der Schlüsselfrage nach den Konsequenzen der längeren wirtschaftlichen Abhängigkeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von ihren Familien und dem dadurch verzögerten Übergang ins Erwachsenenleben. Im zweiten Teil skizziere ich die aktuelle Familiensituation der Befragten mit Blick auf ihre ökonomischen und affektiven Dimensionen. In diesem Zusammenhang diskutiere ich auch die Bedeutung der Erziehung durch die Eltern. Der dritte Abschnitt widmet sich den Generationenbeziehungen in der Gesellschaft und wie diese von jungen Menschen wahrgenommen werden. Abschließend erörtere ich, welche Zukunftschancen die Jugend für sich sieht: mit Blick auf ihren Übergang ins Erwachsenenalter, ihre Selbstwahrnehmung als»jugendlich« oder»erwachsen« sowie auf die Frage der Familiengründung und die Zukunftsorientierung. In den Schlussfolgerungen fasse ich die Erkenntnisse und Fragen für eine weitere Debatte des Themas zusammen. Familie und Zukunft 141 1 Die Rolle der Familie im Nahen Osten und Nordafrika In den vergangenen zwanzig Jahren wurde die Lage der Jugend in der MENA-Region in der Politik und von in der Region tätigen internationalen Organisationen vor allem aus demografischer Perspektive diskutiert. Dabei erregte das Phänomen des youth bulge – eine als ungewöhnlich definierte Wölbung der demografischen Pyramide im Bereich der Altersgruppen 15–24 – immer wieder Besorgnis. 1 Bereits lange vor 2011 – und insbesondere im Arab Human Development Report von 2002 – konzentrierte sich der englischsprachige wissenschaftliche Diskurs über Jugend in der Region auf die offene Frage der Integration einer aktuell großen Kohorte junger Menschen in einen weitgehend gesättigten Arbeitsmarkt, und das angesichts kontinuierlicher Stellenstreichungen im öffentlichen Sektor (UNDP 2002). Fehlendes Vermögen infolge von Erwerbslosigkeit, Unterbeschäftigung und fallenden Reallöhnen behindert junge Menschen in ihrem Streben, sich von ihren Eltern unabhängig zu machen und eigene Familien zu gründen. Internationale Organisationen forderten in früheren Dekaden mehr Geld für Bildung und plädierten dezidiert für eine spätere Eheschließung, um junge Menschen – insbesondere junge Frauen – besser zu fördern und ihnen die notwendige Zeit für Bildung und Ausbildung zu gewähren. Heute zeigt sich jedoch angesichts des youth bulge, dass der verzögerte Übergang ins Erwachsenenalter praktisch für eine ganze Jugendgeneration in der Region zum Problem geworden ist. Diane Singerman (2007) führte zur Beschreibung dieses Phänomens den Begriff waithood ein, um die Periode unbestimmten Wartens im Übergangsstadium zwischen Jugend und»Erwachsenenleben« zu beschreiben. Singerman verweist damit auf die»politische Ökonomie der Ehe«: Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit fällt es jungen Menschen zunehmend schwerer, die Ressourcen zu generieren, die den vorherrschenden gesellschaftlichen Normen entsprechend Voraussetzung sind, um zu heiraten. Viele Autoren sehen die Eheschließung nach wie vor als wichtigsten Schritt im Übergang ins Erwachsenenalter an. 1 Der Begriff wurde von Gary Fuller(1995) eingeführt, und zwar in einer Publikation der CIA, also in außen- und sicherheitspolitischen Debatten. Schon dieser Entstehungskontext des Begriffs macht deutlich, dass Jugendliche, mit dem Begriff des youth bulge in erster Linie als gesichtslose quantitative Masse imaginiert wurden, die eine Bedrohung politischer Stabilität darstelle. 142 Christoph H. Schwarz Die hohe gesellschaftliche Bedeutung der Ehe, die sich auch in den beträchtlichen Kosten einer Hochzeit manifestiert, führt demnach in Kombination mit der aus dem schrumpfenden Arbeitsmarkt resultierenden Jugenderwerbslosigkeit zu massiver sozialer Exklusion junger Menschen und erschwert ihnen zunehmend eine umfassende gesellschaftliche Partizipation. Sie bleiben weitaus länger als frühere Generationen von ihren Herkunftsfamilien abhängig(vgl. Kap. 7). Zahlreiche dieses Phänomen thematisierende Publikationen erwarten daher größere Generationenkonflikte zwischen der Jugend und den Älteren, die in vielen Staaten der MENA-Region in ihrem eigenen Erwachsenwerden von den zentralstaatlichen Ökonomien relevante Unterstützung erfahren hatten(Salehi-Isfahani 2008, Dhillon/Yousef 2009). Auch der aktuelle AHDR(Arab Human Development Report, UNDP 2016) verweist auf diese Debatten und diskutiert, wie waithood innerhalb der Familie verhandelt wird. Dabei hat das Konzept»waithood« seit 2011 viel Kritik erfahren, zumal es oftmals zur Begründung einer neoliberalen Programmatik eingesetzt wurde, die junge Erwachsene»aktivieren« will, indem diese zu zukünftigen Kleinunternehmern erzogen werden, was auf eine Individualisierung und Entpolitisierung der sozialen Risiken des Aufwachsens zielt. Herrera(2017a; 2017b) und Sukkarieh(2017) kritisieren den AHDR dementsprechend. In diesem Sinne sei hier angeführt, dass die Realität vieler Jugendlicher und junger Erwachsenen sich eher als Prekarität verstehen lässt, die sich weniger durch passives Warten als durch Hektik, zunehmende soziale Beschleunigung und den Zwang zu kurzfristiger Planung im informellen Sektor auszeichnet (Schwarz 2017; Schwarz, Oettler 2017). 2 Dennoch kann man festhalten, dass das Verständnis der Rolle der Familie ein Schlüssel zum Verständnis der demografischen Entwicklung und des Generationenübergangs im Allgemeinen ist. Dies gilt insbesondere in den nahöstlichen und nordafrikanischen Gesellschaften, in denen Jugendliche die altersbezogene demografische Mehrheit darstellen und in denen Familien sozioökonomisch eine noch zentralere Rolle spielen als im westlichen Kontext, wo Familie oft vor allem unter dem Aspekt der Reproduktion 2 Auch bezüglich der politischen Handlungsfähigkeit Jugendlicher scheint der Begriff der waithood problematisch, da sie hier letztlich als passive Subjekte vorgestellt werden. Nicht nur ein Phänomen wie die seit Jahrzehnten regelmäßig auftretenden Proteste arbeitsloser Universitätsabsolventen für öffentliche Beschäftigung in Ländern wie Marokko und Tunesien geraten damit aus dem Blick(Emperador 2009; Schwarz 2017; Hamdi, Weipert-Fenner 2017), sondern auch weniger sichtbare Formen von Aktivismus und Handlungsstrategien, wie sie etwa Bayat(2007) unter dem Begriff der youth non-movements herausgearbeitet hat. Familie und Zukunft 143 diskutiert wird. Für die MENA-Gesellschaften hingegen betrachten Autoren wie Halim Barakat die Familie als»grundlegende soziale Einheit der Organisation der Gesellschaft und der Produktion«(Barakat 1993, Hervorhebung von CS). Damit wird die fundamentale Bedeutung der Primärgruppenbeziehung auch über die Reproduktionssphäre hinaus hervorgehoben. Gertel(vgl. Kap. 7) verweist darauf, dass die zentrale Stellung der Familie in nahezu allen sozioökonomischen und sozialpsychologischen Lebensbereichen zum Phänomen der contained youth führt: Die jungen Menschen haben kaum eine Möglichkeit, sich aus der engen Bindung an die Herkunftsfamilie zu lösen. Andere Sozialwissenschaftler betonen die elementare Rolle der Familie für die Stabilität der patriarchalischen oder»neo-patriarchalischen« Ordnung in den MENA-Gesellschaften, sei es bei den Geschlechterbeziehungen, sei es mit Blick auf die autoritäre politische Herrschaft(Sharabi 1988). Es ist bemerkenswert, dass die wissenschaftliche Forschung hier überwiegend auf den Lehrsätzen der Modernisierungstheorie aufbaut, nach denen die »Familie« in der MENA-Region mit»Tradition« assoziiert wird und oft als »träges« Element sowie aufgrund ihres patriarchalischen Charakters als Hindernis gegenüber der»Entwicklung« erscheint. Verschiedene Autoren in jüngerer Zeit hinterfragen jedoch die implizite Annahme eines Widerspruchs zwischen Patriarchat und Moderne. Sie verweisen auf die Funktionalität bestimmter patriarchalischer Strukturen für moderne Herrschaftsformen und gleichzeitig auf häufig übersehene Aspekte weiblicher Handlungsmacht( agency) in den MENA-Gesellschaften. Das von ihnen gezeichnete Bild ist dynamischer und wirft ein Licht auf die dramatischen Veränderungen in den Familienstrukturen und Generationenbeziehungen, die durchaus widersprüchliche Konsequenzen hinsichtlich sozioökonomischer Aspekte, demografischer Entwicklung und Geschlechterrollen haben(Hopkins 2003, Stack 2003). Gender in der MENA-Region ist ein umfassend erforschtes Thema, insbesondere mit Blick auf verschiedene Aspekte der Lage und Handlungsmacht von Frauen, unter anderem in der Familie. Trotz der weitgehend unstrittigen zentralen Bedeutung der Familie in den MENA-Gesellschaften und ihrem Niederschlag in der Kulturproduktion – die»Flucht aus der Familie« ist ein wiederkehrendes Sujet in der arabischen Literatur(Rooke 2000, van Leeuwen 2000) – ist die Diskussion über Familie als eigenes Thema, das heißt über ihre veränderte Rolle und Struktur, in der MENA-Region praktisch zum Stillstand gekommen, wie Suad Joseph(2008) bereits 144 Christoph H. Schwarz vor fast zehn Jahren konstatierte. Auch die Ereignisse des Jahres 2011 führten nicht zu weiterer englischsprachiger Forschung zu diesem Themenkomplex. 3 2 Lebenssituation und Familienleben Die Umfragedaten ermöglichen eine Momentaufnahme der aktuellen Familiensituation von 9.000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in neun Ländern der MENA-Region. Vor dem Hintergrund der oft unsicheren und kaum prognostizierbaren Entwicklung der Region seit 2011 illustrieren die Daten vor allem, dass die Rolle der Familie im Leben der jungen Menschen kaum überbetont werden kann. Die elementare Funktion der Familie im Leben der Befragten im Alter zwischen 16 und 30 zeigt sich bereits in ihrer Wohnsituation: Die meisten von ihnen leben in einem familiären Umfeld, sei es im gleichen Haushalt mit den eigenen Eltern(69 Prozent) oder im eigenen Haushalt im gleichen Haus(3 Prozent). 24 Prozent führen mit ihrem Partner einen eigenen Haushalt. Knapp 4 Prozent nennen andere Settings: Sie leben entweder allein, in einer Wohngemeinschaft oder in anderen Konstellationen. 2.1 Die allgemeine Wirtschaftslage In den Haushalten derjenigen, die noch bei ihren Eltern wohnen, leben durchschnittlich 5,6 Personen(einschließlich der Befragten selbst). Zu den räumlichen Bedingungen sagen knapp zwei Drittel von ihnen, dass sie ein eigenes Zimmer haben. Auf die Frage nach dem Haushaltsvorstand nennt die große Mehrheit der Befragten den Vater(85 Prozent), während eine Minderheit von 13 Prozent die Mutter angibt. Von denjenigen, die die Mutter als alleinigen Haushaltsvorstand nennen, haben die meisten(60 Prozent) ihren Vater verloren. Diese Antworten scheinen auf den ersten Blick auf eine klare Kontinuität der patriarchalischen Familienstruktur in der MENA3 Zu diesem Komplex erschienen vor 2012 vor allem Arbeiten zur Familie in den Golfstaaten, beispielsweise Alsharekh(2007) oder Hasso(2011) zu Familienkrise und Staatlichkeit in Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Publikationen von Gebel und Heyne(2014), die unter anderem die Muster der Familiengründung beim Übergang der Frauen ins Erwachsenenalter in der Region diskutieren. Zudem scheint die Situation alleinstehender Frauen inzwischen mehr Aufmerksamkeit zu erhalten(Labidi 2017). Familie und Zukunft 145 Region hinzudeuten. Auf die Frage, wer die Alltagsangelegenheit des Haushalts regelt, nennen jedoch 59 Prozent derjenigen, die noch bei ihren Eltern leben, den Vater, während 48 Prozent die Mutter angeben(Mehrfachantworten waren möglich). Die Tatsache, dass fast die Hälfte der Befragten die Mutter bei der»Regelung der Haushaltsangelegenheiten« als aktiven Part begreift, bietet Grund zur Annahme, dass komplexere Verhandlungsmuster zwischen den vor allem männlichen»Haushaltsvorständen« und den tatsächlichen, häufig weiblichen»Managern« vorliegen. Derartige haushaltsinterne Entscheidungsfindungsprozesse in unterschiedlichen Familienkonfigurationen sind komplex und erfordern weitere qualitative Untersuchungen. Die meisten Befragten sind mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage ihrer Familie recht zufrieden. Sie bezeichnen sie als»eher gut«(60 Prozent) oder »sehr gut«(11 Prozent). Rückblickend auf das Jahr 2010, also die Zeit vor den Aufständen in der Region, sagten 59 Prozent der Befragten, dass ihre Lage»eher gut« wäre und 19 Prozent bezeichneten sie als»sehr gut«. Das deutet auf eine als geringfügig verschlechtert wahrgenommene Lage seit 2011 hin. Bemerkenswert ist weiterhin, dass drei Viertel der Befragten ihre Familie zur unteren oder oberen Mittelschicht zählen(vgl. Kap. 8). Diese Einschätzungen variieren stark je nach regionalem Kontext und der politischen Lage im jeweiligen Land: Bei den Jemeniten oder Syrern, die aus ihrem Land fliehen mussten oder aktuell mit einem bewaffneten Konflikt konfrontiert sind, sieht sich ein wesentlich größerer Prozentsatz als arm, während sich unter den Bahrainis kaum jemand dieser Kategorie zugehörig fühlt(vgl. Abb. 8.1 in Kap. 8). 2.2 Wirtschaftliche Abhängigkeit von der älteren Generation Nur 46 Prozent der jungen Befragten geben an, dass sie über ein eigenes Budget verfügen. Dieses stammt entweder aus eigener Arbeitstätigkeit (55 Prozent der Befragten, die über eigenes Geld verfügen) oder es handelt sich um Zuwendungen ihrer Familien(46 Prozent, Mehrfachnennung möglich). Von den 25- bis 30-Jährigen ist etwa jeder zehnte Befragte wirtschaftlich vollständig von der Familie abhängig. Von denjenigen, deren einzige Einkommensquelle Transferzahlungen der eigenen Familie oder anderer Personen oder Institutionen sind, sind 65 Prozent Studierende und 8 Prozent Langzeitarbeitslose. Ihre Familien bleiben überdies die einzige und 146 Christoph H. Schwarz Abb. 6.1 Bindung an soziale Gruppen und imaginäre Communities 9 8 6,8 7,0 7 8,2 7,1 6 5,6 5,8 Deiner nationalen Gemeinschaft? Deiner religiösen Gemeinschaft? der Arabischen Nation? Deiner Stammesgemeinschaft? den Menschen in Deiner Region? Deiner Familie? jungen Menschen in aller Welt? 5 4,3 4 3 2 1 0 Mittelwert Frage 126 » Empfindest Du eine Bindung zu …« Hinweis Die Antwortmöglichkeiten lagen zwischen 1 Punkt(»Gar keine«) und 10 Punkten(»Sehr starke«). wichtigste sozioökonomische Einheit, an die sich die Jungen im Notfall wenden. In den im Rahmen der Umfrage geführten qualitativen Interviews wird diese Abhängigkeit als emotional belastend beschrieben. So kommentiert etwa Muhammad(29) aus Kairo wie folgt: Das ist für jeden jungen Menschen schwer. Die Eltern geben sehr viel Geld für ihre Söhne aus, damit diese eine gute Ausbildung haben. Leider verdient man sehr wenig, und es herrscht eine enorme Einkommensdisparität(…) Angesichts dieser Schwierigkeiten bitten die Jugendlichen ihre Eltern um Hilfe(EG-6). Andere, wie Sofian(17) aus Jordanien, verweisen auf die sozialen Umstände: Nicht die Jugendlichen tragen die Schuld. Sie finden keine Arbeit und sind gezwungen, ihre Eltern um Geld zu bitten(JO-9). Familie und Zukunft 147 2.3 Affektive Aspekte und elterliche Erziehung Die Familie ist eindeutig die soziale Gruppe, zu der die jungen Menschen – im Vergleich zu ihrer nationalen, religiösen oder tribalen Gemeinschaft oder zur»arabischen Nation« – die stärkste Bindung haben(vgl. Abb. 6.1). Bezeichnend ist, dass die befragten Jugendlichen der MENA-Region kaum eine Bindung an die»jungen Menschen in aller Welt« spüren. Dies ließe sich als recht geringe Identifizierung mit der eigenen Generation lesen, das heißt mit den jungen Menschen in der MENA-Region oder europäischen Nachbarstaaten, in denen es – um nur einen gemeinsamen Nenner zu erwähnen – 2011 große Protestbewegungen gab. Dieser Mangel an Identifizierung mit den»jungen Menschen in aller Welt« ist nicht zuletzt deswegen bemerkenswert, da er im deutlichen Widerspruch zu den Bildern steht, die zu jener Zeit in den westlichen Medien zirkulierten und den Eindruck vermittelten, die Jugend in der MENA-Region führe einen gemeinsamen Kampf, der starke transnationale Züge aufweise und auf einen die Region umfassenden intergenerationalen Konflikt verweise(vgl. Abschnitt 3). Doch in den im Rahmen dieser Studie durchgeführten offenen Interviews erwähnten nur wenige Befragte Konflikte mit ihren Eltern oder anderen Vertretern der älteren Generation. In der Regel sprachen sie mit Respekt und Zuneigung von ihren Eltern. Hören wir beispielsweise die 16-jährige Nadine aus dem Libanon: Ich vertraue meiner Mutter. Sie steht mir näher als jeder andere Mensch, und sie hat genug Lebenserfahrung, um zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. Sie kann mir helfen und mich zum Besseren hinführen(LB-10). Die Aussage des 21-jährigen Bassem aus Ägypten zeigt, dass die Herkunftsfamilie auch zentral ist, wenn es um Fragen der Migration und räumlichen Mobilität geht: Ich würde sehr gern in Alexandria wohnen, in der Nähe meiner Eltern. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich wäre gern in der Nähe meiner Arbeit und meiner Familie.(…) Ich möchte auch ins Ausland reisen, doch dann wäre ich meiner Familie sehr fern. Ich weiß nicht, ob ich einem anderen Ort so viel emotionale Loyalität gegenüber empfände wie diesem(EG 4). In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass die Eltern der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrer Erziehung oder in der täglichen Interaktion mit ihren Kindern kaum physische Gewalt anzuwenden scheinen. 148 Christoph H. Schwarz Abb. 6.2 Bildungsstil in verschiedenen sozialen Schichten 100 6 7 5 6 6 19 23 24 24 31 75 33 31 34 35 50 33 25 42 39 37 35 30 0 Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht MittlereSchicht Obere-Mittel-Schicht Oberste Schicht Ganz anders Anders Ähnlich Genauso Frage » Würdest Du Deine Kinder so erziehen/Erziehst Du Deine Kinder so, wie Deine Eltern Dich erzogen haben?« Frage 139, Schichtenindex(vgl. Kap. 2, Anhang) Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Zumindest gibt die überwältigende Mehrheit der Befragten(91 Prozent) an, keine Gewalt in der Familie erfahren zu haben. 4 Dabei ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Befragten nur gering. Überdies bewerten die meisten jungen Befragten die Erziehung, die ihnen ihre Eltern ermöglichten, als eher positiv. Sie selbst würden in dieser Hinsicht kaum etwas anders machen. Auf die Frage, ob sie ihre Kinder ebenso erziehen würden, wie ihre Eltern sie erzogen haben, oder ob sie das bei ihren Kindern bereits tun, antwortet die Mehrheit der Befragten »ganz genauso«(37 Prozent) oder»ähnlich«(33 Prozent). Nur 24 Prozent 4 Selbst wenn man davon ausgeht, dass nicht alle Antworten wahrheitsgemäß sind, da es sich um ein Tabuthema handelt, über das man ungern mit fremden Interviewern spricht, und Begriffe von »Gewalt« sehr unterschiedlich sein können, so ist dies doch ein bemerkenswertes Ergebnis, das Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein kann. Familie und Zukunft 149 sagen, sie würden ihre Kinder»anders« oder»ganz anders« erziehen(6 Prozent). Während es zwischen den Geschlechtern in dieser Frage kaum Unterschiede gibt, sind Nationalität und Schichtzugehörigkeit wichtige Faktoren bei der intergenerationalen Weitergabe von Erziehungsstilen. Dabei stellen Syrer, Libanesen und Marokkaner die konservativste Gruppe, während Bahrainer, Ägypter und Jemeniten ihre Kinder eher anders erziehen würden. Die Relevanz der sozialen Schichtung gemäß dem Index zeigt die folgende Abbildung(Abb. 6.2): Es zeigt sich, dass die Befragten aus»vermögenden« Schichten sich eher für einen anderen Erziehungsstil als ihre Eltern entscheiden, während die Vertreter der unteren Schichten dazu tendieren, ihre Kinder ähnlich zu erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Dabei weisen die Schichten in dieser Hinsicht kaum Geschlechterdifferenzen auf – mit Ausnahme der Frauen aus der Unterschicht, die leicht konservativer zu sein scheinen als die Männer. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Entscheidung für einen anderen Erziehungsstil inhaltlich nicht notwendigerweise Liberalität impliziert, ebenso wenig wie die Betonung von Kontinuität per se eine inhaltlich konservativere, patriarchalische oder autoritäre Haltung voraussetzt. Vielmehr sind diese Ergebnisse vor allem als Hinweis auf das Maß an Identifikation mit der älteren Generation zu lesen, die weitgehend stark ausgeprägt ist, wie wir im Folgenden sehen werden. 3 Perspektiven intergenerationaler Beziehungen Eine Tendenz zu intergenerationalen Konflikten oder Ressentiments der jüngeren Generationen gegenüber den Älteren lässt sich mit den empirischen Befunden nicht belegen. Im Gegenteil dazu sehen die meisten der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen den aktuellen Zustand und die zukünftige Entwicklung intergenerationaler Beziehungen in ihrem unmittelbaren Umfeld oder der Gesellschaft insgesamt positiv. Es wird jedoch deutlich, dass die Befragten intergenerationale Konflikte häufiger jenseits ihres unmittelbaren familiären Umfelds wahrnehmen, beispielsweise in ihrer Nachbarschaft oder der Gesellschaft insgesamt: 76 Prozent beschreiben die Beziehungen zwischen der älteren und der jüngeren Generation innerhalb ihrer Familie als»harmonisch«, 58 Prozent sagen das gleiche für ihre Nachbarschaft, doch nur 47 Prozent für ihr Land. Für die nationale Ebene sehen 44 Prozent der Befragten»Spannungen« in den 150 Christoph H. Schwarz Abb. 6.3 Wahrnehmung der Reichtumsverteilung zwischen den Generationen 16% 17% Weiß nicht 35% 32% Die ältere Generation sollte ihre Ansprüche zugunsten der jüngeren zurückschrauben Der Reichtum ist gleichmäßig zwischen Alten und Jungen verteilt Die jüngere Generation sollte ihre Ansprüche zugunsten der älteren zurückschrauben Frage 144 » Zur Vermögensverteilung zwischen den Generationen: Welcher der folgenden Aussagen stimmst Du am ehesten zu?« Beziehungen. Nur eine Minderheit von 11 Prozent fürchtet allerdings, dass sich die intergenerationalen Beziehungen in ihrem Land in Zukunft verschlechtern werden, während eine Mehrheit von 46 Prozent davon ausgeht, dass sie sich verbessern werden. Die Aussichten für die Nachbarschaft und die eigene Familie sind noch positiver: Hier gehen 47 Prozent beziehungsweise 53 Prozent von einer Verbesserung aus. Hinsichtlich der ökonomischen Dimension der intergenerationalen Beziehungen konstatiert ungefähr ein Drittel der Befragten, dass»die ältere Generation ihre Ansprüche zugunsten der jüngeren Generation zurückschrauben sollte«, während ungefähr der gleiche Anteil der Meinung ist, dass »der Wohlstand zwischen der jüngeren und der älteren Generation gerecht verteilt ist«. 16 Prozent fordern, dass die jüngere Generation»ihre Ansprüche zugunsten der älteren Generation zurückschrauben muss«(vgl. Abb. 6.3). 4 Familie und Lebensplanung Mehr als ein Viertel der Befragten ist bereits verheiratet: 36 Prozent der Frauen und 21 Prozent der Männer. Der Geschlechterunterschied ist signifikant. Tendenziell heiraten die Frauen in einem jüngeren Alter als die Männer. Die große Mehrheit(80 Prozent) der Verheirateten lebt nicht mehr im Haushalt ihrer Eltern. Die kleine Kohorte der von der Studie erfassten Familie und Zukunft 151 Abb. 6.4 Relevanz der Familie für die eigene Lebensplanung 1% 2% 5% Man braucht eine Familie 92% Man kann allein leben und glücklich sein Allein ist man auf jeden Fall glücklicher Unsicher Frage 133 » Glaubst Du, dass man nur in einer Familie ein glückliches Leben führen kann? Oder ist man ebenso glücklich oder sogar glücklicher allein?« Geschiedenen und Verwitweten(n=84) kehrt, soweit sie nicht ohnehin im Haushalt der Herkunftsfamilie geblieben war, meist ins Elternhaus zurück (60 Prozent). Das unterstreicht ein weiteres Mal die Bedeutung der Ehe für die Lebenssituation und die Unabhängigkeit von der Herkunftsfamilie. Diesem allgemeinen Charakteristikum der MENA-Gesellschaften entsprechend ist die Lebensplanung der jungen Menschen in den neun Ländern der Studie stark familienorientiert. Die Antworten der Befragten bestätigen die aktuelle Relevanz des Familienlebens: Die Frage, ob man eine Familie braucht, um ein glücklicheres Leben zu führen, beantwortet die überwältigende Mehrheit der Befragten(92 Prozent) mit Ja. Nur 5 Prozent glauben, dass»man auch allein glücklich sein kann«(Abb. 6.4). Bei der innerhalb einer Skala von 1(völlig unwichtig) bis 10(sehr wichtig) zu beantwortenden Frage, wie wichtig ihnen aktives Engagement»für ein gutes Familienleben« sei, ergeben die Bewertungen der Befragten einen durchschnittlichen Wert von 8,7. Die von der Studie betrachteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen betonen damit die große Bedeutung des Familienlebens(vgl. Abb. 6.5). Interessanterweise gibt es kaum Unterschiede hinsichtlich des Familienstandes: Alleinstehende antworteten ähnlich wie Verheiratete, Verlobte oder Geschiedene. Auch zwischen den Nationalitäten sind kaum Unterschiede festzustellen. 152 Christoph H. Schwarz Abb. 6.5 Einstellungen und Prioritäten 10 9 8,7 8,5 8,7 8 8,7 8,8 8,4 7 6 5 4 3 2 1 0 Männlich Weiblich Dem Partner vertrauen Den Partner selbst wählen Sich um die Familie kümmern Frage 131 » Jeder Mensch hat individuelle Ideen vom eigenen Leben, pflegt persönliche Einstellungen und Verhaltensformen. Wie wichtig sind Dir die folgenden Aspekte bei dem, was Du in Deinem Leben erreichen willst – auf einer Skala von 1(›völlig unwichtig‹) bis 10(›absolut wichtig‹)?« Auch wenn die Jugend in der MENA-Region ihrer Familie einen hohen Stellenwert beimisst, will sie Entscheidungen, beispielsweise die Partnerwahl, autonom treffen(vgl. Abb. 6.5). Bei der Frage, wie wichtig ihnen ihre Eigenständigkeit in dieser Angelegenheit ist – angezeigt auf einer Skala von 1(völlig unwichtig) bis 10(sehr wichtig) – ergeben ihre Antworten einen Durchschnittswert von 8,4. Dieser Wert stellt einen der höchsten bei insgesamt 28 bewerteten Aspekten dar(vgl. Tab. 3.3). Auch zu den Erwartungen an ihre Partner haben die befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen klare Vorstellungen: Einen noch höheren Zustimmungswert als die vorstehend genannte Frage erreicht die Aussage:»einen Partner haben, dem ich vertrauen kann«(8,8). Die Geschlechterunterschiede bei dieser Frage sind nicht signifikant. Familie und Zukunft 153 4.1 Übergang ins Erwachsenenalter: Ist die Ehe noch der alles entscheidende Schritt? Auf den ersten Blick scheinen alle in diesem Kapitel diskutierten Ergebnisse die von zahlreichen Wissenschaftlern vertretene Annahme zu bestätigen, dass die Eheschließung in den überwiegend muslimischen Gesellschaften der MENA-Region der wichtigste Schritt im Übergang ins Erwachsensein sei. Es überrascht daher nicht, dass sich von den noch ledigen (alleinstehenden oder verlobten) Befragten 95 Prozent als»jugendlich« bezeichnen. Ein Blick auf andere Befragte, die bereits den wichtigen Schritt zur Bildung einer eigenen Familie vollzogen haben – verheiratete, geschiedene oder verwitwete Befragte 5 – zeigt jedoch, dass sie sich zu über 80 Prozent nicht als»erwachsen«, sondern ebenfalls als»jugendlich« begreifen. Wir können also sagen, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe als entscheidendes soziales Kennzeichen für das»Erwachsensein« nicht der Selbstwahrnehmung der großen Mehrheit der Befragten entspricht. Erwähnenswert ist auch, dass es hinsichtlich dieser generationalen Selbstpositionierung kaum Geschlechterunterschiede gibt. Diese Selbstwahrnehmung könnte darauf hindeuten, dass junge Menschen in der MENARegion dem Etikett»jugendlich« aktuell eine ganz andere Bedeutung zuschreiben als in vielen westlichen Gesellschaften, wo Jugend in der Regel mit ökonomischer Abhängigkeit von den Eltern und dem Verzicht auf die Übernahme von Verantwortung für andere assoziiert wird. Entsprechend sollten Faktoren wie ökonomische Unabhängigkeit, Elternschaft, biologisches Alter und die damit verbundene soziale Bedeutung in der künftigen Forschung neu bewertet werden, da die Daten dieser Studie gewissermaßen der vorherrschenden Annahme einer zentralen Bedeutung der Ehe für die Selbstwahrnehmung als»erwachsen« widersprechen. In diesem Zusammenhang könnten Asef Bayats(2007, 2011) Überlegungen zur»Einforderung von Jugendlichkeit«( reclaiming youthfulness) ein produktiver Ausgangspunkt sein, da sie die politischen Dimensionen von Generationenverhältnissen unmittelbar miteinbeziehen. 5 Jordanien findet in dieser Abbildung keine Berücksichtigung, da dort nur Personen befragt wurden, die sich als Teil der Jugend verstehen. 154 Christoph H. Schwarz Abb. 6.6 Zukunftsorientierung der weiblichen Befragten 50 50 42 40 40 36 32 30 24 20 24 22 19 10 6 3 2 0 16–20 21–25 26–30 Gute Freunde Ein guter Job Gute innerfamiliäre Beziehungen Eine gute Ehe Frage 127 » Was ist Dir für Deine Zukunft am wichtigsten?« Fragen 3, 4, 127. Hinweis Angaben in Prozent. 4.2 Perspektiven und Prioritäten für die Zukunft Bei den Präferenzen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft fällt auf, dass ihnen familienbezogene Aspekte wie»eine gute Ehe«(30 Prozent) und»gute Familienbeziehungen«(19 Prozent) sehr wichtig sind.»Ein guter Job« stellt jedoch für die Mehrheit der jungen Menschen(48 Prozent) das wichtigste Ziel dar(nur Einfachantwort möglich). Alter, Geschlecht und Beschäftigungsverhältnisse scheinen diese Antwort am stärksten zu beeinflussen: Bereits Erwerbstätige messen einem Arbeitsplatz tendenziell weniger und einer guten Ehe mehr Bedeutung bei. Eine Detailbetrachtung des Samples nach Altersgruppen und Geschlecht zeigt, dass sich die Prioritäten der weiblichen Befragten mit zunehmendem Alter deutlich verändern(vgl. Abb. 6.6). Im Vergleich dazu unterscheiden sich die Antworten der männlichen Befragten in den verschiedenen Altersgruppen wenig(vgl. Abb. 6.7). Familie und Zukunft 155 Abb. 6.7 Zukunftsorientierung der männlichen Befragten 70 60 62 63 59 50 40 30 24 20 20 18 14 15 13 10 8 3 2 0 16–20 21–25 26–30 Gute Freunde Gute innerfamiliäre Beziehungen Ein guter Job Eine gute Ehe Frage 127 » Was ist Dir für Deine Zukunft am wichtigsten?« Fragen 3, 4, 127. Hinweis Angaben in Prozent. Auffällig an dieser Grafik ist insbesondere, dass Berufstätigkeit für die weiblichen Befragten der jüngsten Altersgruppe eine hohe Priorität hat. 40 Prozent der 16- bis 20-Jährigen nennen diese als ihr wichtigstes Ziel. In der mittleren und höchsten Altersgruppe sinkt die Orientierung auf den Beruf dagegen auf 24 Prozent. Für 50 Prozent der weiblichen Befragten zwischen 26 und 30 Jahren ist»eine gute Ehe« das wichtigste Thema. Interpretiert man die Diagramme als Indikatoren für eine Verschiebung der Ziele im Lebenslauf von Frauen sowie mit Blick auf die Geschlechterrolle, die Mädchen und Frauen für sich in einem bestimmten Alter sehen, dann deuten die Ergebnisse darauf hin, dass jüngere Mädchen zunächst noch hohe Erwartungen an eine Selbsterfüllung durch eine aktive ökonomische Funktion und Partizipation auf dem Arbeitsmarkt haben, während junge erwachsene Frauen sich tendenziell an traditionellere Geschlechterrollen anpassen und eine stärkere wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Ehemännern akzeptieren. 156 Christoph H. Schwarz Bei den Prioritäten der männlichen Befragten zeigt die Studie demgegenüber weniger Abweichungen:»Ein guter Job« genießt in allen drei Altersgruppen Vorrang(Abb. 6.7). Obwohl»eine gute Ehe« mit zunehmendem Alter an Bedeutung gewinnt, betrachten fast zwei Drittel der Jungen und Männer in allen Altersgruppen »einen guten Job« mit Abstand als wichtigsten Aspekt für ihre Zukunft. In den qualitativen Interviews wird die Beziehung zwischen den beiden Themen in den männlichen Lebensläufen noch deutlicher. Hier zeigt sich sehr deutlich die Wichtigkeit, die junge Männer der materiellen Basis ihrer Ehe zuweisen. Ein Beispiel dafür ist Muhammad(29) aus Kairo, der die Frage, ob Arbeit oder Ehe für ihn wichtiger sei, wie folgt beantwortet: Die Arbeit ist mir wichtiger. Warum? Ohne Arbeit hat das Eheleben für mich keine Bedeutung, denn das Eheleben hängt vom Arbeitsleben ab. Wenn ich keinen Ehrgeiz in meinem Job entwickele oder kein gutes Einkommen habe, wird meine Ehe scheitern. Die meisten Beziehungsprobleme haben mit Geld zu tun. Geld hat den größten Einfluss auf die Paarbeziehung(EG-6). Die prekären sozioökonomischen Bedingungen spielen auch bei der Suche nach einem Ehepartner eine Rolle. 63 Prozent der Männer und 61 Prozent der Frauen bejahten die Frage, ob es in jüngerer Zeit schwieriger geworden sei, einen Ehepartner zu finden. Der Blick auf nationale Unterschiede zeigt, dass Tunesier und Jordanier in dieser Hinsicht am häufigsten Schwierigkeiten sehen(69 Prozent in beiden Gruppen beantworteten die vorstehende Frage mit Ja). Erstaunlicherweise ist dieser Anteil mit am niedrigsten in Gesellschaften, die aktuelle bewaffnete Konflikte erleiden: Jemen(60 Prozent) und Syrien(59 Prozent). Die meisten Frauen, die von wachsenden Schwierigkeiten bei der Partnersuche berichten, gaben – mit der Möglichkeit der Mehrfachnennung – als Grund an, dass»immer mehr Männer arm sind und nicht für eine Familie sorgen können«(53 Prozent). Andere nennen»Mangel an Vertrauen« (33 Prozent) als Problem oder beklagen, dass»die moralischen Standards der Männer verfallen«(30 Prozent). Dies findet ein Echo bei den Männern, bei denen die Mehrheit angibt, das Hauptproblem sei, dass»Frauen mehr finanzielle Sicherheit wollen«(51 Prozent) oder dass»die Frauen zu anspruchsvoll geworden sind«(42 Prozent). Diese Antworten verweisen auf die Wirtschaftskrise der letzten Jahre und auf signifikante Klassenunterschiede bei beiden Geschlechtern, da die Befragten der unteren Schichten die unmittelbaren ökonomischen Aspekte stärker hervorheben, während Familie und Zukunft 157 die Männer aus den obersten Schichten(20 Prozent) es auch für problematisch halten, dass»Frauen neue Partnerschaftsmodelle anstreben«. Nach den eigenen Ängsten gefragt, nennt jedoch nur ein Drittel die Sorge,»allein und unverheiratet zu bleiben«. Ebenso wenige fürchten, dass es»zu einem ernsthaften Bruch mit den eigenen Eltern« kommen könnte. Tatsächlich sehen die meisten befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen die zukünftige Sicherheit ihrer Familie recht positiv. Eine Ausnahme stellen die Jemeniten dar(5,2 auf eine Skala von 1= völlig unsicher bis 10= völlig sicher), und insbesondere die Syrer(3,8), die die zukünftige Sicherheit ihrer Familie allgemein mit großer Skepsis sehen. Interessanterweise geben die Tunesier die positivsten Antworten auf diese Frage(8,0), gefolgt von den Bahrainern(7,8) und den Marokkanern(7,0)(vgl. Tab. 2.2). Die qualitativen Interviews lassen jedoch vermuten, dass dieser Optimismus eher normativ ist: Die Jugend geht davon aus, dass man von ihr Zuversicht erwartet. Betrachten wir den Fall des 17-jährigen Sofian aus Jordanien. Er äußert große Zweifel angesichts der Zukunft und betont: Die Situation hier bei uns, beispielsweise die Lage der Flüchtlinge, sehe ich mit vielen Fragezeichen. Man hofft auf Gott. Optimismus für die Gesellschaft empfindet niemand. Niemand in unserer Gesellschaft ist optimistisch(JO-9). Marwa(17) aus Ägypten äußert sich ähnlich: Es wird jeden Tag schlimmer. Die Leute haben kein Geld für Lebensmittel, Bildung, Gesundheitsversorgung. Sie haben nicht einmal Arbeit. Ich möchte arbeiten, aber es gibt keine Stellen. Es gibt keinen Grund für Optimismus. Es mangelt an Sicherheit. … Alles wird immer schwieriger. Für mich und meine Leute gibt es keinen Grund, optimistisch zu sein(EG-5). Auch ältere Befragte, wie Muhammad(29) aus Shubra(Kairo), beschreiben eine gewisse Zukunftsangst: Die Jugend ist besorgt angesichts der Zukunft. Diese Generation Jugendlicher leidet unter der Ungerechtigkeit. Sie bekommt keine Chance: Weder bietet die Regierung Arbeit, noch gibt sie Geld für die Jugend aus. Es gibt auch keine Möglichkeit der politischen Partizipation. Die junge Generation heute ist im Vergleich zu früheren Jugendgenerationen massiv benachteiligt. Der Staat kümmert sich nicht um die Jugend(EG-6). Dieses Gefühl eines generationalen Wandels bei den Lebenschancen, das in derartigen Statements seinen Ausdruck findet, schlägt sich jedoch, wie 158 Christoph H. Schwarz wir gesehen haben, nicht in einer spezifischen Animosität oder in Ressentiments der Jungen gegenüber den Älteren nieder. 5 Schlussfolgerungen Die Familie hat nach wie vor zentrale Bedeutung für die Realität und die Lebensplanung der jungen Menschen in den Gesellschaften des Nahen Ostens und Nordafrikas. Im Falle finanzieller Not bleiben Familie und Verwandtschaftsnetzwerke die Ersten, an die sich junge Menschen wenden. Die Beziehungen zur Herkunftsfamilie werden fast durchgängig als positiv bewertet. Angesichts der allgemeinen Unsicherheit und des problematischen Zustands öffentlicher Einrichtungen in vielen der im Rahmen der Studie betrachteten neun Länder ist der Wert zuverlässiger Primärgruppenbeziehungen kaum zu überschätzen. In dieser volatilen Situation sind Generationenkonflikte in naher Zukunft kaum zu erwarten. Die Jugend in der MENA-Region zeigt nicht nur ein hohes Maß von sozioökonomischer Abhängigkeit von ihren Familien, sondern auch eine klare persönliche Orientierung auf starke Familienbande. Die überwältigende Mehrheit der Befragten möchte selbst eine Familie gründen und die Elternrolle übernehmen, soweit sie das nicht schon getan hat, und die meisten von ihnen würden ihre Kinder sehr ähnlich erziehen, wie sie selbst erzogen wurden. Damit verzichten sie jedoch nicht auf Eigenständigkeit in ihren individuellen Entscheidungen, beispielsweise bei der Wahl ihres Ehepartners. Ihre eigene Positionierung im Generationensystem und ihre Selbstwahrnehmung als»jugendlich« oder»erwachsen« hängt jedoch nicht nur von der Frage der Ehe ab. Die Jugend zeigt sich in hohem Maß besorgt über die materielle Grundlage ihrer künftigen Ehe. Die Realität der jungen Menschen in der MENA-Region und die Rolle der Familie in diesem Kontext erweisen sich mithin als divers, komplex und dynamischem Wandel unterliegend und sollte weiter untersucht werden. Familie und Zukunft 159 III Wirtschaft Kapitel 7 Wirtschaft und Beschäftigung Jörg Gertel I n den sechs Jahren seit dem Arabischen Frühling hat sich die Wirtschaftslage in der MENA-Region vielfach verschlechtert: Nicht nur beherrschen bewaffnete Konflikte das tägliche Leben in Libyen, Syrien, dem Irak und im Jemen, auch für viele andere Länder ist die ökonomische Lage ausgesprochen schwierig. In Jordanien, im Libanon und in der Türkei leben derzeit Millionen von Flüchtlingen aus den Nachbarländern. Tourismuseinnahmen, eine wichtige Stütze der Volkswirtschaften, sind in Ägypten, Tunesien und Jordanien eingebrochen, während gleichzeitig Investitionen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – aufgrund der politisch instabilen Lage rückläufig sind. Der neueste Arab Human Development Report zeigt entsprechend, dass der Human Development Index, der den»Entwicklungsfortschritt« eines Landes misst, seit 2010 erheblich gefallen ist, während die Ungleichheit in der MENA-Region zunimmt(UNDP 2016). Das bedeutet keineswegs, dass diese Probleme ausschließlich auf innere Ursachen zurückzuführen wären. Vielmehr sind interne und externe Ursachen gesellschaftlicher Polarisierung weltweit miteinander verflochten, sie resultieren beispielsweise aus der kolonialen Vergangenheit, asymmetrischen Wechselkurssystemen, umfassenden Zwangsmaßnahmen der Deregulierungen und Privatisierungen sowie aus dem internationalen Finanzsystem, das gesellschaftlich tief gehende Prozesse der Kommerzialisierung und Kommodifizierung nach sich zieht. Doch wie schätzen junge Menschen ihre wirtschaftliche Lage selbst ein und inwieweit spielen wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftliche Ungewissheit für sie eine Rolle? Im Folgenden werde ich anhand der empirischen Befunde argumentieren und zeigen, dass die Situation junger Menschen von erheblich zurückgegangener Beschäftigungssicherheit und zunehmender Prekarität geprägt ist. Hinzu kommt das gescheiterte Versprechen, Bildung würde soziale Mobilität ermöglichen. Für qualifizierte junge Menschen gibt es im Gegenteil nur wenige Arbeitsplätze, und für die Mehrheit sind die Chancen auf Wirtschaft und Beschäftigung 163 soziale Mobilität deutlich begrenzt. Die meisten erleben so nicht nur eine verlängerte Jugendphase, ihnen fehlen auch die notwendigen Mittel für die Gründung einer Familie. Dies wird bisher oft verharmlosend als waithood, als Warteperiode, bezeichnet; tatsächlich verändert jedoch diese Situation die Alltagsplanung unmittelbar und individuelle Zukunftsperspektiven strukturell. Das ist weit gravierender als einfaches Warten bis zu einem Zeitpunkt, ab dem das Leben quasi unverändert weiter geht. Junge Erwachsenen sind vielmehr gezwungen, länger eng mit ihrer Familie verknüpft zu bleiben, sie können sich von den Familienbanden nicht einfach lösen oder gar einen Bruch herbeiführen. Es ist schwer für sie, eigenständig zu werden und emotionale sowie finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Nach Jahrzenten der Deregulierung, der Zurückdrängung des Staates aus seiner gesellschaftlichen Verantwortung, existieren in der Region weder Maßnahmen noch öffentliche Angebote, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sozialen Schutz bieten würden oder gar Unterstützung für eine qualifizierte Berufsausbildung, die nennenswert oder gar institutionalisiert wären. In einer Welt wachsender Unsicherheiten wird damit die Familie zur wichtigsten Komponente sozialer Sicherheit, während das Potenzial für individuelle Frustration wächst und ein neues, kollektives Moralempfinden entsteht, das vor allem auf Sittlichkeit und private Religiosität setzt(vgl. Kap. 3& Kap. 4). Junge Menschen der Region stellen daher in steigendem Maße eine contained youth, eine eingehegte und gezähmte Jugend dar, die sich nicht entfalten kann(vgl. Gertel 2017). In diesem Kapitel werden die Strukturen und Dynamiken der wirtschaftlichen Situation für junge Menschen in vier Schritten untersucht. Zunächst werden die allgemeinen wirtschaftlichen Bedingungen behandelt, denn sie prägen den Arbeitsmarkt und die Konjunkturperspektiven. Der zweite, erweiterte empirische Teil betrachtet die wirtschaftliche Situation junger Menschen und ihrer Eltern. Dabei wird den Generationendynamiken und den wechselnden Bedingungen des Arbeitsmarktes nachgegangen. Anschließend wird die Reproduktionseinheit»Familie« und ihre Reorganisation nach der Jugendzeit betrachtet. Im Fazit wird die Bedeutung von Unsicherheit und Ungewissheit für das wirtschaftliche Leben der jungen Menschen zusammengefasst. 164 Jörg Gertel 1 Hintergrund Dieser Abschnitt behandelt die mittelfristigen ökonomischen Entwicklungen der Region mit dem Ziel einzuschätzen, in welcher wirtschaftlichen Lage sich die jungen Menschen und ihre Familien heute befinden. Dies korrespondiert mit der Forderung nach einer stärkeren Verbindung von Jugendforschung und allgemeinen politisch-ökonomischen Entwicklungen (Côté 2014; Sukarieh& Tannock 2016). Sehr vereinfachend ausgedrückt sind postkoloniale arabische Länder entweder ölreiche Staaten und als ziemlich vermögend zu klassifizieren, oder sie haben eine Vorgeschichte als Wohlfahrtsstaaten, deren Bestrebungen sich darauf richten, die grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. Zwei befristete Entwicklungen sind für beide Typen wichtig: zum einen die steigenden Öleinnahmen in arabischen Golfstaaten seit den frühen 1970er-Jahren und zum anderen die länderübergreifende Arbeitsmigration in diese ölreichen Staaten. So fanden viele Ägypter, Sudanesen und Jemeniten in den arabischen Golfstaaten oder in Libyen sowie im Irak zu diesem Zeitpunkt Arbeit (Marokkaner und Tunesier emigrierten hingegen eher nach Europa). Doch beide Wirtschaftssysteme blieben anfällig gegenüber externen Ereignissen, mit erheblichen Folgen: Einerseits brachten die neuen Petrodollar einigen Ländern wirtschaftlichen Wohlstand, andererseits trugen sie zur internationalen Schuldenkrise der 1980er-Jahre bei. Neu entstandene Privatbanken, vorwiegend westlicher Herkunft mit Tätigkeit in Asien, stellten anfangs billiges Geld(das heißt Petro- beziehungsweise Xenodollar) mit niedrigen, aber variablen Zinssätzen zur Verfügung. Allzu oft wurde dieses Geld in kaum rentable Prestigeprojekte investiert(vgl. El-Masry 1994). Dies führte während der Hochzinspolitik Mitte der 1980er-Jahre, die immens steigende Zinszahlungen nach sich zog, beinahe zum Staatsbankrott einiger Länder und war Anlass für strukturelle Wirtschaftsreformen neoliberaler Natur. Betroffen davon waren insbesondere arabische Wohlfahrtsstaaten wie Ägypten oder Marokko. Andererseits förderten die Überweisungen der Arbeitsmigranten – die in der Regel an den Steuerbehörden der Empfängerländer vorbei direkt an Verwandte überwiesen wurden – in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren durch einen Bauboom und diverse kleinere Investitionen die Entstehung einer jungen, aufstrebenden Mittelschicht. So konnten für kurze Zeit auch innerhalb der(früheren) Wohlfahrtsstaaten wirtschaftliche Probleme und hierdurch erzeugter Druck auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich abgefedert werden. Wirtschaft und Beschäftigung 165 Kurz darauf breitete sich jedoch die Schuldenkrise aus, und nachfolgende Zwangsliberalisierungen durch Strukturanpassungsmaßnahmen im Rahmen des Washington-Konsenses setzten Mitte der 1980er-Jahre ein. Die wachsende Last der Auslandsverschuldung beschränkte die Handlungsmöglichkeiten der einzelnen arabischen Staaten teilweise dramatisch. 1986 hatte Ägypten beispielsweise mit Auslandsschulden in Höhe von etwa 30 Milliarden US-Dollar zu kämpfen. Die Umstrukturierung von Volkswirtschaften gemäß dem Rezept»mehr Markt, weniger Staat« wurde vom Internationalen Währungsfonds(IWF) und der Weltbank vorangetrieben. In vielen Ländern wurde ein Paket von Maßnahmen eingesetzt: Abbau von Handelsbeschränkungen, um Märkte für ausländische Investitionen zu öffnen, Wechselkursanpassungen, Abwertung nationaler Währungen, Privatisierung öffentlicher Unternehmen sowie Entlassungen in staatlichen Unternehmen, Senkung öffentlicher Ausgaben und Abbau von Subventionen, vor allem für Nahrungsmittel. Gleichzeitig wurden neue Steuern eingeführt. Das war das Ende des Wohlfahrtsstaates, und es kam zu einer Reihe von»Landnahme-Prozessen«(Dörre 2009) sowie der Ausweitung marktgesteuerter Kommodifizierungsprozesse. Teilweise führte das tatsächlich zu einer makroökonomischen Stabilisierung, aber gleichzeitig auch zum Verlust sicherer Arbeitsplätze in öffentlichen Unternehmen und zu mehr Armut. In der Konsequenz verursachte dies beispielsweise weitreichende Nahrungsmittelunsicherheit, was wiederum eine Reihe von Protesten und Brotaufständen zur Folge hatte(Walton& Seddon 1994; Gertel 2014). In dieser Zeit wuchsen die Eltern der Befragten auf. Seitdem weiteten sich die wirtschaftliche Umstrukturierung, Kommodifizierung und Privatisierung weiter aus: Extraterritoriale Enklaven, Freihandelszonen und Freihandelsabkommen entstanden, was häufig zum Vorteil transnationaler Unternehmen war(Haberly 2013). Gleichzeitig wurde die Deregulierung von Finanztransaktionen autorisiert, vor allem in den Vereinigten Staaten. Eine beschleunigte»Technoliberalisierung«(Gertel 2014), die Verschmelzung von Technoscience und Neoliberalismus, bereitete den Weg und war mitverantwortlich für die Subprime-, Hypotheken- und Finanzmarktkrise sowie für die internationalen Nahrungspreisproteste von 2007/08, die auch in mehreren arabischen Ländern stattfanden. Weitere Folgen waren die Bankenrettungen(von der Öffentlichkeit bezahlt), der massive Verlust von hoch verschuldetem privatem Immobilieneigentum sowie eine gravierende Jugendarbeitslosigkeit in der MENA-Region und den südlichen Ländern der Europäischen Union. Die 166 Jörg Gertel »Finanzialisierung« – die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Finanzkapital – entfaltete ihre Auswirkungen auch in der MENA-Region, vor allem durch die neue Bedeutung von Staatsfonds, den wachsenden Einfluss von privatem Anlagekapital und dem Preisanstieg für Nahrungsmittel(Dixon 2014; Sippel 2015). Der unmittelbare Einfluss des globalen Bankensektors auf soziale Entwicklungen vor Ort nimmt seither zu, während gerade in erdölarmen Ländern die wirtschaftliche Handlungsmacht schrumpft: Es fehlt an Einkommensquellen, was von sinkenden Steuereinnahmen und hohen Verbindlichkeiten begleitet wird. Ein Ausverkauf der Gemeinschaftsgüter ist oft die Folge. So wird zum Beispiel Wasser zur Ware, und Landeigentumsrechte, das nationale»Tafelsilber«, werden zunehmend privatisiert(Gertel et al. 2014). Mithin kommen kolonial gewachsene wirtschaftliche Abhängigkeiten weiterhin zum Tragen, doch in einer globalisierten, polyzentrischen Welt überlagern und verschränken sie sich gleichzeitig vielfach mit neuen Dynamiken, die zur Produktion von Unsicherheit und Ungewissheit beitragen. Die Jugend ist dem im besonderen Maße ausgesetzt. 2 Wirtschaftliche Situation der Jugend Die wirtschaftliche Lage der jungen Menschen wird in mehreren Schritten betrachtet: Beginnend mit der Selbsteinschätzung der wirtschaftlichen Situation ihrer Familien geht es anschließend um die Rolle von Bildungsstand und Beschäftigung der Eltern, der aktuellen Beschäftigungslage der Jugend und schließlich um die generationenübergreifenden Verschiebungen der Arbeitsverhältnisse sowie um die Analyse von Zugangsmöglichkeiten der jungen Menschen zum Arbeitsmarkt, inklusive ihren eigenen Ambitionen. 2.1 Wirtschaftliche Situation der Familien Zunächst wird die Einschätzung der aktuellen wirtschaftlichen Situation der Familien aus Sicht der jungen Erwachsenen beleuchtet(vgl. Abb. 7.1). An den empirischen Befunden fällt zunächst auf, dass über zwei Drittel der jungen Menschen die wirtschaftlichen Umstände ihrer Familie als»sehr gut«(11 Prozent) oder»gut«(60 Prozent) einschätzen. Weniger als ein Drittel empfindet sie als»schlecht«(19 Prozent) oder»sehr schlecht«(9 ProWirtschaft und Beschäftigung 167 zent). Wie sind diese überwiegend positiven Einschätzungen in Anbetracht der problembehafteten Lage sechs Jahre nach dem Arabischen Frühling zu erklären? Drei Überlegungen sind zu diskutieren: 1. In den einzelnen arabischen Ländern ist die Wirtschaftslage nicht so schwierig, wie sie oft dargestellt wird. 2. Die Situation ist problematisch, aber die Befragten empfinden oder beschreiben sie aus bestimmten Gründen nur in Teilen als ernst. 3. Die Gründe für diese unerwarteten Aussagen ergeben sich aus den Begleitumständen der Interviews und der Datenqualität. Wie plausibel ist also die Beurteilung der ökonomischen Lage? Wird zunächst die Situation in einzelnen Länder vergleichend betrachtet, so ergibt sich eine bereits bekannte Rangfolge: Die empirischen Befunde zeigen, dass die ökonomische Situation der Familien der Befragten in Bahrain – als Repräsentant der reichen Golfstaaten – als besonders gut wahrgenommen wird. Als besonders schlecht hingegen wird die ökonomische Situation der Familien syrischer Flüchtlinge im Libanon und im kriegsbelasteten Jemen angegeben. Auch die Situation in Palästina ist problematisch: Über ein Viertel der Familien kämpft mit wirtschaftlichen Problemen(vgl. Abb. 7.1). Bemerkenswert sind die vergleichsweise noch recht guten Bewertungen der wirtschaftlichen Lage in Marokko, Tunesien, Ägypten, Jordanien und im Libanon – zumindest so wie sie von den befragten jungen Menschen eingeschätzt wird. Diese Struktur gilt es in den folgenden Ausführungen weiter im Auge zu behalten. Zwei Aspekte sind allerdings vorwegzunehmen: In Jordanien und Ägypten sind junge Erwachsene durch die Berufstätigkeit ihrer Väter in etablierten öffentlichen Beschäftigungsverhältnissen weitgehend abgesichert. Hinzu kommt, dass trotz ausgewogener Altersverteilung der Anteil der Schüler und Studenten nicht nur in Bahrain, sondern auch in Marokko und im Libanon hoch ist. Beide Gruppen bewerten die familiären wirtschaftlichen Umstände im Allgemeinen positiver als andere Gruppen. Greifen in diesen Fällen daher Überlegungen, dass die Jugendlichen die schwierige ökonomische Situation nicht im vollen Ausmaß als solche wahrnehmen? Hierfür steht, dass junge Menschen lange im Kontext ihrer Familien leben und in gewissem Umfang in behüteten Situationen aufwachsen, da sie noch keine weiter reichenden Verantwortungen tragen. Hinzu kommt, dass Jugendlichen ihr eigenes Leben – unabhängig davon wie es von außen beurteilt wird – als»normal« und in der Regel eher als 168 Jörg Gertel Abb. 7.1 Einschätzung der wirtschaftlichen Situation der eigenen Familie 100 5 13 90 35 80 9 12 9 4 11 15 46 70 49 60 81 72 67 68 58 50 75 40 62 29 30 20 10 21 0 Bahrain 11 1 Marokko 12 2 Tunesein 15 4 Ägypten 18 3 Jordanien 20 3 Libanon 18 40 21 9 Palästina Jemen Syr. Flüchtl. a) Sehr gut Eher gut Eher schlecht Sehr schlecht Frage » Wie schätzt Du die wirtschaftliche Lage Deiner Familie heute ein?« Fragen 1, 20. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. »gut« erscheint, denn dass sie es als Ausnahmesituation erleben; gerade was familieninterne Erzählungen und Machtstrukturen betrifft, fehlen ihnen unter Umständen Vergleichsmöglichkeiten. Daher ist die Beurteilung der ökonomischen Situation der Familie immer auch als eine gewichtete Bewertung durch die Jugendlichen zu lesen. Zudem sind zwei weitere Aspekte zu bedenken: Zum einen wurden die Befragungen überwiegend im öffentlichen Raum durchgeführt, was dazu führen kann, dass die Spitzen im ökonomischen Profil abgeschnitten werden: Reiche, etwa in Gated Communities, und Marginalisierte, etwa in Slums, werden dann insgesamt weniger erreicht. Zudem gilt, dass leicht zugängliche Personen in Städten eher befragt werden als Personen in abgelegenen Orten auf dem Land. Zum anderen gilt es auch zu bedenken, wie gefragt wurde. Bei der Frage zur ökonomischen Situation der Familie wurden vier Antwortkategorien anWirtschaft und Beschäftigung 169 geboten:»eher gut«,»eher schlecht« sowie»sehr gut« und»sehr schlecht«. Eine Mittelposition war ausdrücklich nicht vorgesehen. Die Befragten wurden damit gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden: für die Seite: »es geht gut« oder für die Seite»es geht schlecht«. Da es Fremden gegenüber als unhöflich gilt, bei der Frage, wie es der Familie ökonomisch geht, eine negative Antwort zu geben – außer in Situationen, die ohne Zweifel problematisch sind –, erklärt sich hieraus ein Teil der gewichteten Antworten. Die Aspekte der ökonomischen Selbsteinschätzung sind allerdings noch nicht umfassend beantwortet und werden am Ende des Kapitels nochmals aufgegriffen. 2.2 Beschäftigung in der Elterngeneration Der folgende Abschnitt behandelt Alter, Bildungsstand, Beschäftigungslage und Einkommensverhältnisse der Eltern. Ein erster Blick auf die Altersstruktur der Elterngeneration liefert folgende Informationen: Das Durchschnittsalter bei den Vätern liegt bei 56(je nach Land zwischen 53 und 57 Jahren) und bei den Müttern bei 50 Jahren( je nach Land zwischen 48 und 51 Jahren). Das bedeutet, dass sie Anfang und Mitte der 1960er-Jahre geboren wurden und in den 1970er- und 1980er-Jahren selbst Jugendliche waren. Bildung, Berufstätigkeit und Einkommen weisen oft hohe Korrelationen auf. Väter: 16 Prozent der Väter des Samples sind Analphabeten, 8 Prozent können lesen und schreiben, weitere 20 Prozent haben nur eine Grundschulbildung genossen. Folglich verfügt knapp die Hälfte der Väter nur über eine minimale oder gar keine formale Bildung. Demgegenüber haben 22 Prozent der Väter eine weiterführende Schule besucht, 11 Prozent haben Abitur gemacht, 4 Prozent verfügen über ein technisches oder berufsbezogenes Diplom, 15 Prozent über einen Universitätsabschluss und weitere 1 Prozent sogar über einen Doktortitel(3 Prozent der Befragten kennen den väterlichen Bildungsabschluss nicht). Zwischen den einzelnen Ländern existieren jedoch deutliche Unterschiede: Die Gruppe der gar nicht oder nur wenig formal Ausgebildeten macht bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon 82 Prozent aus, im Jemen 70 Prozent und in Marokko 62 Prozent. Vergleichsweise niedrigere Zahlen treffen in den folgenden Ländern zu: Tunesien(45 Prozent), Jordanien(41 Prozent), Libanon(36 Prozent), Ägypten(33 Prozent), Palästina(23 Prozent) und in Bahrain betrifft dies nur 6 Prozent der Väter. 170 Jörg Gertel Mütter: Hier spiegelt sich das Bild: 28 Prozent sind Analphabetinnen, 6 Prozent können lesen und schreiben, und weitere 19 Prozent haben nur eine Grundschulbildung. So hat etwas mehr als die Hälfte aller Mütter nur eine minimale oder gar keine formale Bildung. Jedoch besuchte eine große Gruppe eine weiterführende Schule(25 Prozent), 8 Prozent verfügen über einen höheren Schulabschluss(Abitur), 4 Prozent über eine technische oder andere Berufsausbildung mit Diplom und 8 Prozent haben einen Universitätsabschluss. Kaum eine Mutter führt einen Doktortitel – insgesamt sind dies nur elf Personen(Mütter) von 9.000 Befragten. Dieses Bildungsprofil zeigt sich analog zu den Vätern auch in der länderspezifischen Betrachtung. Damit wird eine wichtige strukturelle Voraussetzung für den Arbeitsmarkt deutlich. Denn regelmäßig ist der Vater als Haushaltsvorstand auch der wichtigste Einkommensbezieher. Im vorliegenden Sample arbeiten fast ausnahmslos alle Väter für Geldeinkommen. Bei den Müttern trifft das Gegenteil zu: Bei Angaben zur wichtigsten beruflichen Tätigkeit – das heißt die Tätigkeit mit der längsten Beschäftigungsdauer – gaben 80 Prozent der Interviewten an, dass ihre Mütter keiner entlohnten Beschäftigung nachgehen oder als Hausfrau tätig sind. Nur fünf Prozent arbeiten als Staatsangestellte, drei Prozent sind Arbeitnehmerinnen, und zwei Prozent sind im Ruhestand. Alle anderen Berufsgruppen machen jeweils weniger als einen Prozentpunkt aus. Aufgrund der Bedeutung des Arbeitseinkommens der Männer werden im Folgenden die Väter und ihre Berufsaktivitäten genauer untersucht. Tabelle 7.1 unterscheidet zehn verschiedene Berufsgruppen, in denen die Väter der Befragten in ihrem Berufsleben am längsten tätig waren oder noch sind. Die einzelnen Gruppen zeichnen sich durch ein unterschiedliches Maß an Sicherheiten aus, definiert durch Beschäftigungskontinuität, Einkommenshöhe und Lohnstabilität, Lohnfortzahlung bei Krankheit sowie Sozialleistungen und Rentenansprüche. Wie sind die empirischen Ergebnisse zur Beschäftigungssituation zu interpretieren? Drei Aspekte sind entscheidend(vgl. auch Tab. 7.1): (1) Das Beschäftigungsprofil zeigt die Grenzen der Erklärungsmöglichkeiten des europäischen Konzeptes der staatlichen Hilfe bei Arbeitslosigkeit für die MENA-Region auf. Das herkömmliche westliche Konzept ist nur sinnvoll, wenn im Falle vorhergehender offizieller Arbeitsleistungen (einschließlich Zahlungen für Sozialabgaben und Steuern) Transferleistungen des Staates für diejenigen zur Verfügung stehen, die erwerbslos sind. Da generelle Transferzahlungen im Falle arabischer Golfstaaten Wirtschaft und Beschäftigung 171 Tab. 7.1 Beschäftigungssituation der Elterngeneration: Väter Öffentlicher Dienst Angestellter Im Ruhestand Selbstständig: Höhere Bildung Selbstständig: Familienbetrieb Arbeiter(kontinuierliche Beschäftigung) Selbstständig: Qualifizierte Tätigkeit Selbstständig: Dienstleistung Selbstständig: Landwirtschaft Tagelöhner Häufigkeit n=7.302 (%) 22 10 10 3 2 5 17 10 8 11 Kontinuierliche Arbeit X X N. z. (X) (X) X (X) (X) Stabiles Einkommen X X X (X) (X) (X) Monatliche Bezahlung (%) 95 94 93 Monatseinkommen( € ) 780 1.525 889 Lohnfortzahlung bei Krankheit(%) 64 55 N. z. 71 3.054 32 51 1.628 17 63 1.015 18 34 836 16 27 619 10 12 473 7 21 424 5 Fragen 31, 32, 34, 35, 36. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. | Diese Berechnung basiert nicht auf einer umfassenden konsumbezogenen Ausgabenprüfung und stellt bezüglich des Monatseinkommens entsprechend nur eine Schätzung dar. Zu beachten ist, dass die Angaben zum elterlichen Einkommen auf den Informationen der Kinder beruhen. Aufgenommen wurden nur Fälle, in denen der Vater des/der Befragten noch lebt(n=7.302). Die Kategorien»ohne Arbeit« und »unbezahlte Arbeit«(zum Beispiel Hausfrau) treffen nicht zu; die Kategorie»Andere«(2 Prozent) ist ebenfalls nicht in der Tabelle enthalten. Monatseinkommen bezieht sich nur auf monatlich Bezahlte(n=3.212). X= Trifft zu;(X)= Trifft teilweise zu; N. z.= Nicht zutreffend. Ausreißer wurden in die Berechnung nicht aufgenommen. Die fett gedruckten Linien kennzeichnen die vier Felder der Beschäftigungssicherheit. Landeswährungen wurden in Euro umgerechnet, basierend auf den Durchschnittswerten von Mai 2016. keineswegs an den Arbeitsstatus, sondern an die Staatsbürgerschaft gekoppelt sind und in anderen arabischen Ländern kaum staatliche»Arbeitslosenhilfe« existiert, ist das europäische Konzept der Hilfe bei Arbeitslosigkeit kaum übertragbar, da alle nicht alimentierten arbeitsfähigen männlichen Personen in der MENA-Region potenziell und kontinuierlich nach Arbeits- oder Geschäftsmöglichkeiten suchen. Eine scheinbare temporäre Nichttätigkeit ist daher nicht ohne Weiteres gleichzusetzen mit Arbeitslosigkeit, da selbst Gespräche und Kontaktpflege neue Möglichkeiten eröffnen könnten. Das Einholen von Informationen erfordert Zeit, teilweise Geld und ist Arbeit. (2) Die Art der Beschäftigung und der Modus der Bezahlung hängen zusammen: Tageweise Bezahlung deutet oft auf Arbeitsplatzunsicherheit 172 Jörg Gertel hin(zum Beispiel Gelegenheitsarbeit als Tagelöhner) und signalisiert schwankende Einnahmen und unbeständige Beschäftigung. Dagegen steht eine monatliche Vergütung im Allgemeinen für ein regelmäßiges Einkommen (zum Beispiel Angestellte im öffentlichen Dienst), auch wenn die Einkommenshöhe etwa bei Tätigkeiten im Privatsektor schwanken kann. Von den noch lebenden Vätern(82 Prozent) kennen wir bei den meisten(von 89 Prozent) die Art der Bezahlung: Überwiegend werden sie monatlich(61 Prozent) entlohnt, andere werden täglich bezahlt(15 Prozent) oder abhängig vom Arbeitseinsatz(11 Prozent), wöchentlich(5 Prozent) oder pro Saison(3 Prozent) und manchmal auch zweiwöchentlich(3 Prozent). Einige – vor allem sehr alte Väter – arbeiten ohne Vergütung(1 Prozent). Der größte Anteil der täglich bezahlten Arbeiter findet sich im Jemen(24 Prozent), gefolgt von denen der syrischen Flüchtlinge(19 Prozent) und der Palästinenser(18 Prozent). In Bahrain betrifft dies nur 2 Prozent und in Tunesien 9 Prozent der Väter. Dieses Muster zeigt sich auch bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Insgesamt betrachtet genießt nur ein Drittel der Väter, die einer Lohnarbeit nachgehen, diese Sozialleistung. Dies bezieht sich beinahe ausschließlich(bis zu 90 Prozent) auf monatlich bezahlte Arbeit, besonders also bei Angestellten im öffentlichen Dienst und bei Rentnern. Auf andere Lohn- oder Einkommensarten trifft es hingegen kaum zu. (3) Aus der Beschäftigung des Vaters können somit Schlüsse hinsichtlich der wirtschaftlichen Stabilität einer Familie gezogen werden. Tabelle 7.1 zeigt, dass vier Felder der Beschäftigungssicherheit zu unterscheiden sind: (a) In der Vätergeneration arbeitet ein Drittel in staatlichen Unternehmen oder als Angestellte und bezieht daraus feste monatliche Einkommen, die kaum schwanken. Dies trifft auch auf eine andere Gruppe, die Ruheständler zu. Auch wenn die durchschnittliche Vergütung für Staatsangestellte und Rentner oft eher bescheiden ist, so verkörpern diese Gruppen den stabilen wirtschaftlichen Kern ihrer Familien, denn das regelmäßige und kaum schwankende Einkommen erlaubt die Deckung der lebensnotwendigen Ausgaben. Zusammengenommen stellen diese Tätigkeiten das erste Feld dar.(b) Das zweite Feld konstituiert sich aus drei Berufsgruppen, die etwa 10 Prozent des Samples ausmachen; es umfasst Arbeiter in kontinuierlicher Beschäftigung, Arbeitskräfte in Familienbetrieben und Selbstständige mit hohem Bildungsabschluss, etwa Ärzte oder Juristen. Selbst wenn ihre Einkommen fluktuieren und auch, wenn nicht sicher ist, dass immer ausreichend Arbeit vorhanden ist, liegen die durchschnittlichen monatlichen Einkommen deutlich höher – teilweise viermal so hoch – wie Wirtschaft und Beschäftigung 173 die der Berufstätigen im ersten Feld.(c) Eine weitere Berufsgruppe stellt die Übergangsgruppe zwischen dem zweiten und dem vierten Feld dar. Es sind die Selbstständigen, die zwar nicht zwingend eine hohe formale Ausbildung, aber besondere Qualifikationen für ihre Arbeit benötigen.(d) Das vierte Feld setzt sich zusammen aus Selbstständigen in der Landwirtschaft, aus Kräften im Dienstleistungsbereich und Tagelöhnern. Gewöhnlich erhalten sie ihre Bezahlung täglich oder für einen bestimmten Arbeitseinsatz, selten monatlich. Sie verfügen über das geringste Einkommen. Diese Gruppen sind insgesamt gesehen in der wirtschaftlich unsichersten Lage und sind oft der Armut ausgesetzt. Die Beschäftigungsstruktur in den Ländern verrät zum einen, dass mindestens die Hälfte der Väter in Bahrain, Jordanien und Ägypten über sichere Einkommen verfügen, während weniger als ein Sechstel sich in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen befinden(vgl. Tab. 7.2). Zum anderen existiert in Tunesien, Palästina und dem Jemen eine gewisse Polarisierung: Ungefähr ein Drittel unsicherer Beschäftigungen steht einem Drittel sicherer Beschäftigungen gegenüber. Im Libanon und in Marokko heben sich wiederum die mittleren Positionen deutlich ab: Beschäftigungen im Bereich der qualifizierten Selbstständigen überwiegen – was deutlich macht, dass ein bescheidener Wohlstand für größere Gruppen auch über Tätigkeiten im Privatsektor erzielt werden kann. Syrische Flüchtlinge im Libanon sind erneut am unteren Ende des Spektrums zu finden; selbst in der Vätergeneration hängen bereits etwa zwei Drittel von unsicheren Beschäftigungssituationen ab. Diese Struktur der wirtschaftlichen(Un-) Sicherheit spiegelt sich auch darin wider, wie oft und in welcher Höhe das monatliche Einkommen ausgezahlt wird: In Bahrain erhalten beinahe alle Väter eine monatliche Vergütung. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon trifft dies dagegen nur auf weniger als ein Drittel zu. Auch im Jemen ist die Lage schwierig. In allen anderen Ländern stehen etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Väter in Beschäftigungsverhältnissen mit monatlicher Bezahlung. Dennoch gehen die Lohnhöhen deutlich auseinander: Die Bandbreite reicht von durchschnittlich 2.500 Euro pro Monat in Bahrain bis etwa 100 Euro pro Monat für syrische Flüchtlinge. Auch wenn diese Angaben bezüglich der Messgenauigkeit des Einkommens eine Interpretationstoleranz zulassen, unterscheiden sich die Löhne um den Faktor 25. Analog gilt dies für die drei Länder Libanon, Palästina und Jordanien, die sich deutlich von den drei verbleibenden Ländern Marokko, Tunesien, Ägypten bezüglich der Lohnhöhe abheben. Aus der Kombination der Informationen zur mo174 Jörg Gertel Tab. 7.2 Beschäftigungsstruktur nach Ländern: Väter Bah- Jorda- Ägyp- Tune- Paläs- Je- Liba- Ma- Syr. rain nien ten sien tina men non rokko Flüchtl. Öffentlicher Dienst Angestellter Im Ruhestand Sicher ∑ 24 26 37 19 23 28 11 7 6 23 10 9 6 8 1 16 9 3 27 20 5 17 1 3 2 8 1 74 56 51 42 32 32 29 24 10 Selbstständig: Höhere Bildung 7 2 7 1 2 1 3 1 1 Selbstständig: Familienbetrieb 2 2 2 0 5 1 2 5 3 Arbeiter(kontinuierliche 3 5 5 2 6 3 9 7 3 Beschäftigung) Selbstständig: Qualifizierte Tätigkeit 4 12 17 11 19 16 29 21 13 Teils-Teils ∑ 16 21 31 14 32 21 43 34 20 Selbstständig: Dienstleistung Selbstständig: Landwirtschaft Tagelöhner Unsicher ∑ 1 10 6 8 9 12 18 6 16 0 2 3 4 8 22 5 10 23 0 5 4 23 17 2 4 15 28 1 17 13 35 34 36 27 31 67 Andere Summe 8 6 5 9 3 12 3 12 3 100 100 100 100 100 100 100 100 100 Monatseinkommen Vater(%) Betrag( € ) 97 65 68 60 53 44 55 60 31 2.590 575 252 319 704 222 1.010 330 104 Fragen 1, 31, 32. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Der höchste Wert pro Zeile wird fett dargestellt. Es können Rundungsfehler auftreten. | Die in Blau dargestellten Zahlen sind Zwischensummen und weisen unterschiedliche Felder der Beschäftigungssicherheit aus: Das zweite und dritte Feld wurden zusammengefasst. Das Monatseinkommen bezieht sich allein auf diejenigen Väter, die monatlich entlohnt werden. Diese Berechnung basiert nicht auf einer umfassenden konsumbezogenen Ausgabenprüfung und stellt nur eine Schätzung der Kinder dar. Landeswährungen wurden in Euro umgerechnet, basierend auf den Durchschnittswerten von Mai 2016. natlichen Entlohnung und zur durchschnittlichen Lohnhöhe wird deutlich, dass die Ungleichheit der Einkommenssicherheit gravierend ist, selbst wenn nationale Kaufkraftunterschiede mitgedacht werden. Die Existenzsicherung und das tägliche Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die in der MENA-Region aufwachsen, wird daher durch sehr ungleiche wirtschaftliche Bedingungen geprägt. Wirtschaft und Beschäftigung 175 2.3 Wirtschaftliche Einbindung der Jugend Der folgende Abschnitt behandelt die wirtschaftliche Einbindung von jungen Erwachsenen in die übrige Gesellschaft. Die empirische Analyse erfolgt in drei Schritten: Zuerst wird untersucht, wer über ein Budget verfügt (Taschengeld, Arbeitseinkommen). Im zweiten Schritt stehen die Beziehungen und Zugangsmöglichkeiten zu Kreditinstituten im Mittelpunkt. Der dritte Schritt beurteilt die Entwicklung von Sparmöglichkeiten und Schuldenbelastungen. Etwa die Hälfte der jungen Menschen verfügt über ein Budget in der Form von Taschengeld oder Arbeitseinkommen: es sind überwiegend Männer(über die Hälfte), bei Frauen sind es weniger(ein Drittel). Abhängig vom Land verfügen 30 bis 70 Prozent der jungen Menschen über eigene finanzielle Mittel(vgl. Tab. 7.3). Taschengelder sind oft Transfereinkommen und werden normalerweise von den Eltern zur Verfügung gestellt. Es verfügen mehr junge Menschen über ein Transfereinkommen als über Einkommen aus selbst geleisteter Arbeit. Länderspezifisch betrachtet unterstützen zwischen 9 und 60 Prozent der elterlichen Haushalte ihre Kinder, indem sie ihnen regelmäßig Transfereinkommen zur Verfügung stellen(vgl. Tab. 7.4). Was die Häufigkeit angeht stehen Jugendliche in Jordanien und Bahrain an der Spitze, die syrischen Flüchtlinge und Jugendliche im Libanon am Ende des Spektrums. Bei der Transferhöhe führen Bahrain und Libanon, während der Jemen das Schlusslicht bildet. Junge Menschen mit Erwerbsarbeit erzielen demgegenüber durchschnittlich höhere Einkommen, zumindest wenn sie monatlich bezahlt werden. Die meisten jungen Arbeiter mit monatlichem Einkommen leben in Jordanien, im Libanon und in Bahrain. Demgegenüber bilden in Marokko und im Jemen monatlich gezahlte Einkommen eher eine Ausnahme. Die Verfügung über Bank- und Kreditkarten ist ein Indikator der Einbindung von jungen Erwachsenen in den formalen Bankensektor. Bei der Frage, wie verbreitet Bank- und Kreditkarten sind, ergeben sich drei Befunde. Erstens haben mehr Männer als Frauen Zugang zu Banken, und das vor allem eher die älteren Männer als die jüngeren. Wie aufgrund der vorangegangenen Informationen zu erwarten, ist die Einbindung in Bahrain am größten: Weit über zwei Drittel verfügen über ein Bankkonto, und weit über die Hälfte besitzt eine Kreditkarte. Bei den Jemeniten und den syrischen Flüchtlingen im Libanon ist das vollkommen anders: Von ihnen hat fast niemand Zugang zum Bankensystem. In allen anderen Ländern haben 176 Jörg Gertel Tab. 7.3 Wirtschaftliche Einbindung junger Menschen in der arabischen Welt Bahrain Libanon Jordanien Palästina Marokko Tunesien Ägypten Jemen Syr. Flüchtl. Ø Eigenes Budget »Ja« (%) 70 70 K. A. 49 30 31 33 35 52 46 (a) Monatseinkommen Nur eigene Arbeit ( € ) 1.377(233) 678(264) K. A. 569(152) 248(80) 210(100) 176(151) 130(40) 87(163) 434 (b) Monatliches Transfereinkommen Keine eigene Arbeit( € ) 313(464) 171(309) K. A. 82(260) 126(161) 64(135) 62(160) 30(231) 88(86) 117 Bankkonto »Ja« (%) 79 20 18 15 14 25 14 2 0 21 Kreditkarte »Ja« (%) 60 17 14 8 17 19 13 1 1 17 Möglichkeit, Geld zu sparen »Ja«(%) Gesparter Betrag ( € ) Schulden vorhanden »Ja«(%) 24 210 1 14 109 14 16 123 21 15 145 24 9 74 3 14 73 15 24 58 5 9 31 28 1 44 47 14 96 18 Fragen 1, 63, 64, 65, 67, 70, 75, 85, 88. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. | Diese Berechnung basiert nicht auf einer umfassenden konsumbezogenen Ausgabenprüfung und stellt bezüglich des Monatseinkommens nur Schätzungen dar. Monatseinkommen bezieht sich auf Personen, die regelmäßig jeden Monat Geld erhalten. Die Zahlen in Klammern stehen für die Fallzahl gemessen an 1.000 Fällen pro Land(zu beachten ist, dass die Anzahl der arbeitenden Personen von Land zu Land unterschiedlich ist). Durchschnittsangaben basieren auf den neun Zahlen in jeder Spalte. Die Zahlen in Spalten(a) und(b) repräsentieren einen zu hohen Durchschnitt bezogen auf die Samplegruppe als Ganze, denn sie stehen für regelmäßige und monatlich gezahlte Einkommen(die durchschnittlich höher sind). Unregelmäßige Transfereinkommen und Arbeitseinkommen, die täglich, wöchentlich oder pro Saison gezahlt werden,(die geringer sind) wurden nicht einbezogen. Die Unterschiede in den Angaben zur Verfügung über ein eigenes Budget und zur Höhe der beiden Einkommensquellen, erklären sich dadurch, dass in einigen Ländern der Anteil anderer Zahlungsweisen – täglich oder pro Arbeitseinsatz gezahlte Löhne – besonders hoch ist. K. A.= Keine Angabe. Tab. 7.4 Haushaltsbeziehungen: Transferzahlungen an Befragte und von Befragten Bah- Liba- Jorda- Paläs- Ma- Tune- Ägyp- Je- Syr. rain non nien tina rokko sien ten men Flüchtl. Unterstützung durch Familie(%) Betrag( € /Monat) 46 31 60 313 171 99 26 16 14 16 21 9 82 126 64 62 30 88 Regelmäßige Unterstützung an Familie(%) 1 7 9 6 5 7 2 6 8 Betrag( € /Monat) 191 308 159 231 129 92 38 58 52 Fragen 1, 67, 70, 80, 81. Hinweis Es können Rundungsfehler auftreten. Wirtschaft und Beschäftigung 177 zwischen einem Viertel und einem Sechstel der jungen Erwachsenen zumindest ein Bankkonto. Zweitens verfügen beinahe drei Viertel(74 Prozent) der Bankkontoinhaber auch über ein Budget. Umgekehrt gilt: Bei den jungen Menschen ohne eigene finanzielle Mittel haben 90 Prozent auch kein Bankkonto. Drittens ist die wirtschaftliche Einbindung junger Menschen in den elektronischen Geldumlauf asymmetrisch: Die Hälfte der Befragten hat weder ein eigenes Budget noch einen Bankzugang; etwas über ein Viertel(29 Prozent) hat ein eigenes Budget, aber keinen Bankzugang; eine kleine Gruppe besitzt ein persönliches Bankkonto, aber hat kein Budget (5 Prozent); nur etwa ein Sechstel der Befragten(15 Prozent) verfügt über beides, Budget und persönliches Bankkonto. Welchem jungen Erwachsenen ist es unter diesen Bedingungen möglich, Geld zu sparen? Nur etwa ein Siebtel der jungen Menschen ist dazu in der Lage: Im Durchschnitt sparen junge Männer dabei 130 Euro monatlich, Frauen 87 Euro. Die Sparmöglichkeiten unterscheiden sich von Land zu Land(vgl. Tab. 7.3). In Bahrain, Palästina, Jordanien und dem Libanon können die höchsten Beträge gespart werden, weniger in Marokko, Tunesien und Ägypten, wohingegen die syrischen Flüchtlinge im Libanon und die Jemeniten nur kleine Beträge auf die Seite legen können. Im Allgemeinen können junge Menschen, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen, mehr Geld sparen als von Transfereinkommen abhängige Personen. Gespartes Geld dient vor allem als Rücklage für Notfälle(61 Prozent). Weitere Gründe sind Rücklagen für eine bevorstehende Eheschließung(11 Prozent), Hausbauvorhaben(7 Prozent) oder Vorsorge für die Kinder(7 Prozent). Für eine mögliche Emigration sparen nur 2 Prozent derjenigen, die überhaupt in der Lage sind, Geld zur Seite zu legen – im Ganzen nur 20 Personen. Rotierende Spargemeinschaften sind eine besondere Form des Sparens. Sie werden privat und freiwillig organisiert und basieren auf sozialen Netzwerken. Ihre Mitglieder – häufig beträgt die Mitgliederzahl zwischen fünf und zwanzig – vereinbaren den Einzahlungsbetrag(normalerweise zwischen 10 und 100 Euro), den jedes Mitglied regelmäßig einzahlt, zum Beispiel wöchentlich oder monatlich. Im Rotationsverfahren werden diese Einlagen an jeweils ein anderes Mitglied ausgezahlt. Selbst ohne Zugang zu formalen Kreditinstituten macht es diese Strategie möglich, dass größere Geldbeträge auf einmal zur Verfügung gestellt werden können. Rotierende Spargemeinschaften kommen als Sparform unterschiedlich häufig vor: am häufigsten in Ägypten(14 Prozent der Befragten), Jordanien(11 Prozent) und dem Jemen(10 Prozent), gefolgt von Palästina(9 Prozent) und 178 Jörg Gertel Bahrain(6 Prozent). Dagegen spielen diese Netzwerke in Marokko, Tunesien, dem Libanon und bei den syrischen Flüchtlingen nur eine kleine oder keine Rolle. Die durchschnittliche monatliche Höhe der Einzahlungen beträgt in Ägypten 128 Euro, in Jordanien 74 Euro, im Jemen 46 Euro, in Palästina 131 Euro und in Bahrain 260 Euro. In einigen Fällen sind die Einzahlungen in finanzieller und sozialer Hinsicht bedeutender als herkömmliche Ersparnisse. Die Verschuldungssituation junger Erwachsener steht zu ihren Sparmöglichkeiten im Kontrast. Mehr als ein Sechstel der Befragten ist verschuldet. Die syrischen Flüchtlinge im Libanon sind am häufigsten verschuldet; hier hat beinahe die Hälfte der Befragten Schulden. Im Jemen, in Palästina und Jordanien beträgt die Schuldenquote bei den jungen Menschen zwischen 20 und 30 Prozent. In Tunesien und im Libanon ist ein Sechstel verschuldet, während in Ägypten, Marokko und Bahrain Schulden kaum eine Rolle spielen. Zwei Drittel der Schuldner sind gegenüber mehr als einer Person verschuldet. Schulden auf mehrere Kreditgeber aufzusplitten bedeutet, die Zugangsmöglichkeiten zu erweitern, während die Managementanforderungen wachsen. Um das Ausmaß der Verschuldung abschätzen zu können wurde eine relationale Messmethode angewandt. »Gering« bedeutet weniger als ein Monatsbudget,»mittelhoch« kommt einem ein- bis sechsmonatigem Budget gleich,»hoch« entspricht einem Budget von über sechs Monaten. Entsprechend wird die subjektive Bedeutung der Schulden untersucht und verglichen, nicht die finanzielle Höhe der Schulden. Die Ergebnisse verraten, dass etwa die Hälfte derjenigen mit Schulden ihre Schuldenlage als mittelhoch betrachten, etwa ein Viertel nennt geringe Schulden, und etwa ein Drittel bestätigt eine hohe Schuldenlast. Die hohe Schuldenlast betrifft hauptsächlich junge Menschen in Palästina, Jordanien und dem Jemen. Wie hängen Verschuldung und Sparmöglichkeiten zusammen? Insgesamt gilt, dass die unteren Schichten kaum jemals in der Lage sind zu sparen, während die Möglichkeiten für die höheren Schichten zunehmen(zur Definition von»Schicht« vgl. Kap. 2). Umgekehrt verhält es sich mit Schulden. Am häufigsten sind Schulden bei den unteren Schichten und am seltensten bei den oberen Schichten anzutreffen. Wirtschaft und Beschäftigung 179 2.4 Beschäftigungsprofil Dieser Abschnitt untersucht die Ausbildungsstruktur und das gegenwärtige Beschäftigungsprofil junger Menschen. Natürlich stehen nicht alle in einem Beschäftigungsverhältnis und arbeiten gegen Bezahlung – unter ihnen finden sich auch viele Schüler und Studenten. Zudem gibt es junge Erwachsene, die gegenwärtig nicht arbeiten, das heißt Arbeitseinkommen erzielen, und auch solche, die nie für Geld arbeiten. Im Einzelnen können fünf Gruppen unterschieden werden(vgl. Tab. 7.5): 1. Schüler: Sie sind eher männlich(54 Prozent) und in ihrer Mehrheit (90 Prozent) zwischen 16 und 20 Jahre alt. Fast alle sind unverheiratet (98 Prozent) und leben bei ihren Eltern(97 Prozent). Ein Drittel(32 Prozent) verfügt über ein eigenes Budget. Dieses ist jedoch nur bei sehr wenigen (1 Prozent) das Ergebnis ihrer eigenen Arbeit. Im Durchschnitt verfügen die Schüler mit Budget über etwa 80 Euro monatlich, das sie als Transfereinkommen von ihren Eltern erhalten. 2. Studenten: Diese Gruppe(52 Prozent männlich) bildet das kleinste Segment des Samples. Über die Hälfte(56 Prozent) sind zwischen 21 und 25 Jahre alt, ein weiteres Drittel weist die Altersspanne von 16 bis 20 Jahren auf. Die Mehrheit ist unverheiratet(91 Prozent) und lebt noch bei den Eltern(92 Prozent). Die Hälfte von ihnen(49 Prozent) besitzt ein eigenes Budget(von etwa monatlich 180 Euro), was bei nur wenigen von ihnen (7 Prozent) das Ergebnis eigener Arbeit ist. 3. Nicht Arbeitende: Mit einem Viertel ist dies das größte Segment des Samples. Diese Gruppe arbeitet aus verschiedenen Gründen gegenwärtig nicht zum Gelderwerb. Sie verteilt sich beinahe gleichmäßig über alle Altersgruppen, jedoch bilden die Jüngsten die kleinste Gruppe. 60 Prozent sind Männer und 40 Prozent sind Frauen. Zwei Drittel sind unverheiratet. Nur ein Sechstel(16 Prozent) hat ein eigenes Budget von monatlich durchschnittlich 159 Euro. Einkommen aus eigener Arbeit existiert nicht. 4. Niemals Arbeitende: Beinahe alle sind Frauen(96 Prozent), und etwa die Hälfte von ihnen gehört zu der ältesten Gruppe(26–30 Jahre). Die Mehrheit der Frauen, über zwei Drittel, ist verheiratet, fast ein Drittel lebt dagegen noch bei den Eltern. Weniger als ein Fünftel hat ein eigenes Budget von monatlich 94 Euro, das vollständig aus Transfereinkommen generiert wird. 5. Arbeitende: Die älteste Gruppe stellt die der arbeitenden Befragten dar: Über die Hälfte ist zwischen 26 und 30 Jahre alt, obwohl auch einige 180 Jörg Gertel Tab. 7.5 Berufliche Situation junger Menschen in der arabischen Welt Schüler n=9.000 18 Jordanien 10 a Jemen 19 Marokko 26 Tunesien 24 Ägypten 17 Palästina 24 Bahrain 21 Libanon 20 Syr. Flüchtl. 2 Studenten 17 20 7 19 15 15 18 35 21 0 Nicht Nie Arbeitend Arbeitend Arbeitend 25 18 22 41 16 13 28 32 13 28 14 14 36 8 17 27 22 19 15 20 23 17 5 23 14 12 34 17 37 44 Gesamt 100 100 100 100 100 100 100 100 100 100 Fragen 1, 25, 65, 66, 67, 68. Hinweise Alle Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Die fett markierten Ziffern stellen den höchsten Wert pro Zeile dar. | Diejenigen Schüler(n=33) und Universitätsstudenten (n=132), die zusätzlich arbeiten, wurden nur unter»Schüler« und»Studenten« erfasst und nicht als »Arbeitend«. a In Jordanien wurden Menschen unter 18 Jahren aus rechtlichen Gründen vom Sample ausgeschlossen. Daher ist die Häufigkeit von Schülern geringer. Jüngere arbeiten und Geld verdienen. Drei Viertel dieser Gruppe sind Männer. Die Hälfte der Gruppe ist unverheiratet, 40 Prozent sind verheiratet. Etwa die Hälfte dieser Gruppe wohnt noch zu Hause, aber alle verfügen aufgrund ihrer Arbeit über ein eigenes Budget. Über 95 Prozent von ihnen generieren dieses Einkommen vollständig durch ihre eigene Arbeit. Bei den Übrigen, die zusätzlich auch Transfereinkommen erhalten, beträgt dieses 252 Euro monatlich. Hinsichtlich der beruflichen Stellung der Befragten ergibt sich ein von Land zu Land ein unterschiedliches Bild(vgl. Tab. 7.5). Marokko, Tunesien und Palästina zeichnen sich durch einen hohen Anteil von Schülern aus, dagegen sind unter den syrischen Flüchtlingen kaum Schüler. Bei der Bildung zeigt sich ein Gradient, der sich auf die Gesamteinkommenssituation bezieht: Mehr als die Hälfte der Befragten in Bahrain sind entweder Schüler oder Studenten. Auch in Marokko, Palästina und im Libanon beträgt der Anteil dieser beiden Gruppen über 40 Prozent. Die Jemeniten und die syrischen Flüchtlinge im Libanon bilden wieder den Schluss. Aber was ist mit denen, die zurzeit oder auf Dauer keiner bezahlten Arbeit nachgehen? Ohne Zweifel ist eine Mehrheit wirtschaftlich aktiv. Auch ohne Bezahlung führen diese Menschen beispielsweise reproduktive Arbeiten aus wie HausWirtschaft und Beschäftigung 181 haltsführung, Kochen und Kindererziehung. Jordanien und Tunesien beherbergen die größten Gesellschaftsgruppen, die zurzeit nicht in bezahlten Arbeitsverhältnissen tätig sind; die kleinste Gruppe findet sich dagegen im Libanon. Die größte Gruppe derjenigen, die nie arbeiten, sind bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon, im Jemen und in Ägypten zu finden – dies trifft insbesondere auf junge, verheiratete Frauen zu. 2.5 Die arbeitende Jugend Wir wissen, dass Arbeitsbiografien, die vom Anfang des Berufslebens bis zum Ende ungebrochen sind, selbst im ländlichen Raum der MENA-Region zunehmend verschwinden. Doch nicht nur Bauern oder Nomaden sind gezwungen ihre beruflichen Tätigkeiten zu verändern, sich neue Kenntnisse anzueignen, entsprechende Fähigkeiten zu erwerben und sich neu zu orientieren(Gertel/Breuer 2012). Dieser instabile Kontext trifft umso mehr auf die Berufssituation(urbaner) Jugendlicher zu. Die veränderte berufliche Praxis spiegelt die Sequenz gesellschaftlicher Transformationen und Umbrüche wider und zeigt sich an den empirischen Befunden: Die heutigen arabischen Jugendlichen sind zwar formal besser ausgebildet als ihre Eltern, drängen entsprechend auf einen anderen Arbeitsmarkt und sollten eigentlich Innovationen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich generieren. Doch in Anbetracht mangelnder qualifizierter Beschäftigungsmöglichkeiten werden sie regelmäßig unter ihren Qualifikationen eingestellt, was zu Frustrationen, Abhängigkeiten von Arbeitgebern und Eltern, auch zu Protesten und Widerstand führt(vgl. Kap. 8). Sara, eine 30-jährige Syrerin, die verheiratet ist und im Libanon lebt, erläutert die lokale Situation: Für junge Menschen gibt es hier nur sehr wenige Möglichkeiten. Sie studieren und machen ihren Abschluss. Dann suchen sie einen Arbeitsplatz, finden aber keinen. Die Mehrheit der College-Absolventen arbeitet in Restaurants und Cafés. Sie finden keine Anstellung, die ihrer Ausbildung entspricht. Dies ist für junge Menschen eine der größten Schwierigkeiten. Die Studenten studieren fünf Jahre an der Uni. Sie machen das, um eine anständige Anstellung mit angemessenem Einkommen zu bekommen, das ihnen einen finanziellen Spielraum erlaubt. Aber diese Gelegenheit gibt es nicht. Sie können weggehen und das Land verlassen. Aber das schadet dem Land. Die Mehrheit der jungen Menschen emigriert, aber es ist schlecht, denn 70 Prozent gehen fort, um Arbeit zu finden. Und man darf nicht glauben, dass junge Menschen, die weggehen, eine ihrem Ausbildungsabschluss entsprechende Anstellung finden: Sie müssen jeden verfügbaren Job machen. Da sind wir wieder beim gleichen Problem angelangt. Die jungen Menschen studieren fünf Jahre, aber sie finden keine ihrem Abschluss entsprechende Arbeit, 182 Jörg Gertel weder hier in diesem Land noch im Ausland. Natürlich gibt es auch junge Leute, die gute Anstellungen finden. Vergiss nicht, es gibt Freundschaftsdienste und Nepotismus. Das bedeutet, dass die falsche Person eine Stellung innehat, die eigentlich jemand anderes haben sollte. Manche jungen Menschen bekommen von ihren Eltern Unterstützung beim Aufbau ihrer eigenen Firma, denn nach fünf Jahren College-Studium reicht ihr Kapital nicht. Wir können also feststellen, dass es für junge Menschen, die von ihren Eltern Förderung und Unterstützung bekommen, Arbeitsplatzmöglichkeiten gibt; und diese können wiederum ihren Freunden Jobs anbieten(LB/SY-1). Aus den vorausgegangen Informationen ist bereits deutlich geworden, dass das gesellschaftliche Profil der arbeitenden jungen Bevölkerung durch drei Merkmale charakterisiert ist: Drei Viertel sind Männer; die Mitglieder dieser Gruppe gehören vorwiegend der höchsten Altersgruppe an; und etwa 40 Prozent sind verheiratet. Wird vor diesem Hintergrund die nachgeordnete Rolle von Frauen bei der Beschäftigungsstruktur genauer betrachtet, fallen zwei Befunde auf. Erstens gibt es Unterschiede in der beruflichen Tätigkeit von Frauen: Von den unverheirateten Frauen, die noch bei ihren Eltern leben, gehen nur 9 Prozent einer bezahlten Arbeit nach. Von denen, die unverheiratet bereits ihren eigenen Haushalt gegründet haben, arbeiten dagegen 24 Prozent(insgesamt ist dies allerdings eine kleine Gruppe). Bei den verheirateten Frauen zeigt sich folgendes Bild: Kaum eine bei ihren Eltern lebende verheiratete Frau arbeitet, um Geld zu verdienen (nur vier Frauen) – und auch verheiratete Frauen mit eigenem Haushalt arbeiten eher selten zur Einkommenserzielung: nur 12 Prozent arbeiten für Lohn(14 Prozent arbeiten vorübergehend nicht, 72 Prozent arbeiten auf Dauer nicht). Selbstverständlich sind jedoch viele in unbezahlter Hausarbeit tätig, kümmern sich um die Versorgung und Erziehung der Kinder oder gehen anderen reproduktiven Tätigkeiten nach. Folglich werden die beruflichen Aktivitäten junger Frauen durch ihren Familienstand und ihren Lebensentwurf geprägt. Zweitens: Generationsverschiebungen bei der Berufstätigkeit von Frauen sind eher marginal. In beiden Generationen arbeiten hauptsächlich Männer für Geld. Etwa 20 Prozent der Frauen aus der Elterngeneration erzielen Lohneinkommen, bei der jetzigen Generation junger Frauen sind es etwa 25 Prozent. Diese Frauen sind überwiegend in sicheren Angestelltenpositionen tätig. Die Tätigkeit in einem Lohnarbeitsverhältnis beschränkt sich allerdings häufig auf eine vorübergehende Zeitspanne: auf die Zeit zwischen Ausbildungsabschluss und Eheschließung, gegebenenfalls ausgedehnt bis zur Geburt von Kindern. Aus gesellschaftlicher Perspektive stellen sich daher die Fragen, in welchem Ausmaß traWirtschaft und Beschäftigung 183 ditionelle Rollenmuster Bestand haben(vgl. Kap. 5) – und inwieweit sich für Frauen zukünftig neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnen, solche, die beispielsweise durch institutionalisierte Kinderbetreuung ermöglicht werden. 2.6 Die Verschiebung generationstypischer Beschäftigungsmuster Wie gestaltet sich die männliche Beschäftigungssituation, und welche Charakteristika zeichnen sie im Vergleich mit der Elterngeneration und den (vier) Feldern der Beschäftigungssicherheit aus? Zunächst fällt auf, dass Beamte und Angestellte nicht mehr ein Drittel der Erwerbstätigen stellen, was in der Elterngeneration der Fall war, sondern nur noch weniger als ein Viertel. Zudem gibt es selbstverständlich auch kaum junge Menschen, die bereits im bezahlten Ruhestand sind(vgl. Tab. 7.6). Die Struktur der beruflichen Tätigkeit zeigt somit, dass die wirtschaftlich abgesicherte Gruppe der jungen Erwachsenen, die in diesem ersten Bereich anzutreffen sind, im Generationenvergleich deutlich kleiner geworden ist: Dies ist bereits der Fall, wenn Männer und Frauen zusammen betrachtet werden, besonders groß ist der Unterschied jedoch, wenn nur die männlichen Erwerbstätigen betrachtet werden. Dieses erste Feld der Beschäftigung hat insgesamt 20 bis 24 Prozent an Erwerbstätigen verloren. Ein generationsbezogener Bruch der Beschäftigungsstruktur wird bereits sichtbar. Komplementär hierzu passt, dass der vierte Bereich, der der besonders einkommensschwachen Gruppen, beträchtlich zugenommen hat; es handelt sich vor allem um einfache Dienstleistungen und um Tagelöhner(nur landwirtschaftliche Aktivitäten haben abgenommen). Heute sind etwa 40 Prozent der jungen arbeitenden Männer in diesem Bereich tätig. Währenddessen ist der zweite Bereich – bestehend aus Selbstständigen mit hohem Bildungsabschluss, Familienbetrieben und abgesicherten Arbeitern – nur leicht gewachsen, und der dritte Bereich hat leichte Verluste erlitten. Somit wird insgesamt eine wachsende Polarisierung der Beschäftigungssicherheit deutlich, sichere Arbeitsplätze verschwinden, unsichere Arbeitsbedingungen setzen sich durch, Prekarität weitet sich aus, obwohl die junge Generation besser denn je ausgebildet ist. Dieses Muster wachsender Unsicherheit spiegelt die Umstrukturierung der Arbeitsgesellschaft seit den 1980er-Jahren wider, die als Folgen der Strukturanpassungsprogramme, dem Abbau sozialer Schutzmaßnahmen, der Privatisierung staatlicher Unternehmen inklusive Massenentlassungen 184 Jörg Gertel Tab. 7.6 Beschäftigungssituation: Berufstätige junge Menschen in der arabischen Welt Öffentlicher Dienst Angestellter Im Ruhestand Selbstständig: Höhere Bildung Selbstständig; Familienbetrieb Arbeiter(kontinuierliche Beschäftigung) Selbstständig: Qualifizierte Tätigkeit Selbstständig: Dienstleistung Selbstständig: Landwirtschaft Tagelöhner Häufigkeit n=2.165 (%) 9(8) 15(13) 0(0) 6(5) 4(4) 14(12) 14(16) 16(16) 4(4) 16(19) Kontinuierliche Arbeit X X N. z. (X) (X) X (X) (X) Stabiles Einkommen X X X (X) (X) (X) Monatliche Bezahlung (%) 88 87 K. A. 78 61 Monatseinkommen( € ) 593(570) 839(965) K. A. 965 (1.009) 424(425) Lohnfortzahlung bei Krankheit(%) 65(64) 55(56) K. A. 44(37) 24(22) 76 410(422) 23(21) 60 447(463) 25(24) 43 527(586) 19(16) 35 295(299) 18(16) 33 176(181) 7(6) Fragen 73, 75, 76. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. | Diese Berechnung basiert nicht auf einer umfassenden konsumbezogenen Ausgabenprüfung und stellt bezüglich des Monatseinkommens nur eine Schätzung dar. Diese Berechnung erfasst auch Schüler(n=33) und Studenten(n=132), die zusätzlich gegen Bezahlung arbeiten. Aus der Tabelle genommen wurde die Kategorie»Andere« mit 4 Prozent der arbeitenden Jugend. Die Linien in Fettdruck unterteilen vier Felder unterschiedlicher Beschäftigungssicherheit. Die Zahlen in Klammern stehen nur für männliche Befragte (n=1.619). Die Berechnung des Monatseinkommens basiert auf 1.325 Fällen(395 sind Frauen mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 505 Euro, 930 sind Männer mit einem durchschnittlichen Einkommen von 572 Euro). X = Trifft zu;(X)= Trifft teilweise zu; N. z.= Nicht zutreffend. Der Hinweis K. A.= Keine Angabe; hier liegen keine oder sehr wenigen Fälle vor, auf Durchschnittsangaben wurde daher verzichtet. Landeswährungen wurden in Euro umgerechnet, basierend auf den Durchschnittswerten von Mai 2016. einsetzte. Die Elterngeneration hatte bei ihrem Eintritt in den Arbeitsmarkt noch einen leichteren Zugang zu sicheren Arbeitsplätzen. Mit dem Abbau der früheren arabischen Wohlfahrtsstaaten haben sich seitdem die Arbeitsbedingungen deutlich verschlechtert. 1 Die generationenübergreifende Verschiebung der beruflichen Aktivität – das Wechseln von Berufsfeldern unterschiedlicher Sicherheit – ist ein entscheidender Indikator der gesell1 Es sollte bedacht werden, dass die Befragten oft Berufseinsteiger sind, denen in den ersten Jahren im Allgemeinen schlechtere Arbeitsbedingungen angeboten werden. Trotzdem sind die negativen Verschiebungen beim Lohnniveau und bei der Lohnfortzahlung bei Krankheit offensichtlich. Bei der Häufigkeit der monatlichen Bezahlung ist das anders, was anscheinend in zunehmendem Maße akzeptiert wird. Wirtschaft und Beschäftigung 185 Tab. 7.7 Generationenbezogene berufliche Mobilität Bahrain Libanon Jordanien Palästina Marokko Tunesien Ägypten Jemen Syr. Flüchtl. Summe& Ø N 217 371 137 224 125 144 196 134 422 1.970 Unverändert (%) 55 33 47 38 38 40 47 50 61 45 Fragen 1, 31, 32, 71, 73. Hinweis Es können Rundungsfehler auftreten. Aufstieg (%) 7 37 24 31 30 33 17 18 14 23 Abstieg (%) 38 30 29 31 33 27 35 32 25 31 schaftlichen Entwicklung. Bei einer Gesamtbetrachtung ergibt sich, dass weniger als die Hälfte der Fälle(45 Prozent) unverändert bleibt(Tab. 7.7): Vater und Sohn arbeiten beide in demselben Feld. Dagegen steigen 23 Prozent in ein Feld mit mehr Sicherheit auf, während 31 Prozent in unsicherere Bedingungen absteigen. Dies sind Hinweise auf berufsbedingte soziale Mobilität. Bezogen auf die einzelnen Länder findet sich der größte Anteil der Absteiger in Bahrain und Ägypten, in allen anderen Ländern steigt etwa ein Drittel der jungen Berufstätigen ab – mit Ausnahme der syrischen Flüchtlinge, die überwiegend bereits im unsichersten Feld tätig sind und nicht weiter absteigen können. Der größte generationsbezogene Aufwärtstrend findet im Libanon statt, gefolgt von Tunesien, Palästina und Marokko. In dieser Hinsicht hat Bahrain die Schlussposition inne. Im Allgemeinen hängt soziale Mobilität mit der sozialen Schicht zusammen: Je höher die soziale Schicht, desto häufiger findet eine berufsbedingte Abwärtsmobilität statt. Innerhalb der höchsten sozialen Schicht stiegen 39 Prozent ab(11 Prozent stiegen auf), während in der untersten sozialen Schicht»nur« 23 Prozent einen Abstieg, hin zur geringeren Arbeitsplatzsicherheit erlebten(18 Prozent stiegen auf). Die größten Verluste an sicheren Positionen sind daher in höheren sozialen Schichten zu verzeichnen. Über die letzten Dekaden wirkten dabei zwei Mechanismen zusammen: die systematische Abschaffung des Wohlfahrtsstaates und das gescheiterte Versprechen sozialer Mobilität durch Bildung. 186 Jörg Gertel 2.7 Zugang zum Arbeitsmarkt Welche Elemente charakterisieren die Arbeitsverhältnisse, und wie finden die jungen Erwerbstätigen ihre Arbeitsplätze? Auf die Frage, warum sich die jungen Erwachsenen für einen bestimmten Berufsweg entschieden, gab die überwiegende Mehrheit an, dass sie keine andere Wahl hatte(Tab. 7.8). Mit einigem Abstand folgen Begründungen, die die Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes hervorheben; auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Arbeit wird angeführt. Weiter wird genannt, dass die Arbeit gute Lernmöglichkeiten bietet und der Stelleninhaber mit Freunden und Kollegen interagieren kann. Wichtig ist auch, dass die eigene Stellung verbessert werden kann. Nur ein Viertel der Befragten betonte, dass die Arbeit gut bezahlt ist. Während Männer angeben keine andere Option bzw. Wahlmöglichkeit zur Verfügung gehabt zu haben, steht für Frauen die Sicherheit des Arbeitsplatzes an erster Stelle. Mit höherem Alter verlieren sich die Unterschiede etwas. Doch diese Zwangslage ist ein Schichtenproblem: Junge Erwachsene aus den beiden unteren sozialen Schichten sagen zu 81 Prozent respektive 61 Prozent, dass sie keine andere Wahl hatten, während von den Berufstätigen aus der mittleren und den beiden oberen Schichten jeweils nur knapp die Hälfte diese Begründung wählt. Eine gute Bezahlung hingegen ist für die unteren Schichten kaum je ausschlaggebend für die Akzeptanz einer Beschäftigung: Sie haben schlicht keine Wahl. Sie müssen annehmen, was sie bekommen. Entsprechend gefällt insgesamt nur einem Drittel der männlichen Befragten überhaupt ihre Arbeit(»sehr« oder»absolut«), während nur noch 17 Prozent der Vertreter der untersten sozialen Schicht diese Aussage treffen. Besonders skeptisch sind die jüngeren Männer. Die Arbeitsbeziehungen werden also davon bestimmt, dass es an Alternativen mangelt und die Einkommensmöglichkeiten allgemein schlecht sind. In den arabischen Ländern fehlen öffentliche Einrichtungen, die sich für einen transparenten Arbeitsmarkt einsetzen. Was den Zugang zu Arbeitsplätzen angeht, leuchtet daher das klassische Argument von Mark Granovetter( The Strength of Weak Ties, 1973) ein: Soziale Netzwerke spielen eine herausragende Rolle. Einerseits sind»schwächere Bindungen« wichtig, um von möglichen Arbeitsstellen zu erfahren; Informationen zu Arbeitsgelegenheiten stammen in erster Linie von Freunden oder – im Sinne von Granovetter – von den Freunden von Freunden. Andererseits spielen»starke Bindungen« jedoch auch eine Rolle in der MENA-Region:»Jemand aus der Familie« gab den wichtigen Hinweis auf den Arbeitsplatz weiter. Wirtschaft und Beschäftigung 187 Tab. 7.8 Charakteristika der beruflichen Tätigkeit Alle n=2.164 Geschlecht Männlich Weiblich n=1.620 n=544 Welches sind die Gründe für die Arbeitsaufnahme?(Antwort=»Trifft zu«) Ich hatte keine andere Wahl. 57 60 50 Es ist ein sicherer Arbeitsplatz. 49 47 56 Gute gesellschaftliche Akzeptanz der Arbeit. 46 44 50 Ich kann viel lernen. 40 38 46 Ich habe Kontakt mit Freunden und Kollegen. 39 38 44 Ich habe die Möglichkeit, meine Position 38 36 42 zu verbessern. Es ist die einzige Arbeit, von der ich weiß, 31 32 26 wie man sie ausführt. Die Bezahlung ist gut. 26 27 24 Der Betrieb gehört meiner Familie. 18 20 13 Mein Chef kommt aus der gleichen Gegend. 18 18 17 Wie hast Du von dieser Arbeit erfahren? – Freunde gaben mir die Information. 41 41 39 – Die Information kam aus der Familie. 27 28 21 – Aus dem Internet. 5 5 8 – Ich habe die Stellenanzeige gelesen. 4 4 5 – Eine öffentliche Einrichtung informierte 4 3 5 mich. – Durch eine private Arbeitsvermittlung 2 1 2 – Andere Quelle. 18 18 19 Gefällt Dir diese Arbeit? Antwort=»sehr& zu 100 Prozent« 39 36 46 Fragen 3, 77, 78, 79. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 16–20 n=364 66 46 42 37 35 34 33 24 21 24 49 30 1 1 1 1 16 32 Alter 21–25 n=696 26–30 n=1.123 58 54 48 51 47 46 42 40 41 39 38 39 28 32 27 26 20 16 19 15 37 40 30 24 6 6 5 5 3 5 1 2 19 19 40 40 Auch hier fällt die zentrale Rolle von Verwandtschaft und sozialen Netzwerken auf. Dies ist in dem Kontext zu betrachten, dass für etwa zwei Drittel der männlichen Jugend der Wunsch nach einem guten Arbeitsplatz das wichtigste Lebensziel darstellt. Dieses Ziel ist für sie bei Weitem wichtiger als eine gute Ehe. Somit stellt sich die Frage, wie die ideale berufliche Situation aussehen sollte. Dazu wurden alle jungen Menschen, das ganze Sample, befragt(vgl. Tab. 7.9): Unabhängig von der gegenwärtigen beruflichen Situation – Schüler oder Student, arbeitend oder nicht arbeitend –, 188 Jörg Gertel Tab. 7.9 Eigenschaften einer Arbeitsstelle Erzielung von hohem Einkommen Wichtigkeit von Arbeitsplatzsicherheit Verbesserung der Position möglich Sinnvolle Tätigkeit ausführen Etwas erreichen Für die Gesellschaft nützlich Sich anerkannt fühlen Eigene Ideen umsetzen Genug Freizeit Kontakt mit anderen haben Möglichkeit, andere zu unterstützen Schüler 63 65 55 53 51 48 48 49 43 41 45 Studenten 61 60 54 53 52 46 45 50 43 44 45 Nicht Arbeitend 59 62 55 50 47 44 44 45 41 42 42 Nie Arbeitend 57 58 48 45 45 44 44 43 40 39 43 Arbeitend 69 64 60 54 54 52 51 50 49 49 48 Frage » Wie sollten die Beschäftigungsumstände und Deine Stelle beschaffen sein, damit Du zufrieden bist?«(Antwort: »Sehr wichtig«) Fragen 25, 65, 66, 67, 68, 82. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. n=9.000. sie alle haben vor allem zwei Wünsche: ein hohes und ein sicheres Einkommen. Drei weitere Aspekte sind ihnen ebenfalls wichtig: Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung, die Tätigkeit sollte sinnvoll sein, und schließlich möchten sie auch etwas erreichen. Die größten Unterschiede ergeben sich bei einem Vergleich zwischen den Beschäftigten in einem festen Arbeitsverhältnis mit der Gruppe, die niemals gegen Bezahlung arbeitet, wobei natürlich auch geschlechtsspezifische Unterschiede abgebildet werden. Die erste Gruppe besteht bis zu drei Vierteln aus Männern. Hingegen konstituiert sich die zweite Gruppe beinahe ausschließlich aus Frauen. Von Generation zu Generation betrachtet bleiben die Ausgangsbedingungen für den Eintritt in den Arbeitsmarkt jedoch ungleich, und die Jugendlichen sind sich der veränderten Lage voll bewusst. Die 17-jährige Sara aus Ägypten betont: Es besteht kein Zweifel, dass die Umstände, die heute unser Leben bestimmen, schwieriger sind als die Umstände in vergangenen Zeiten. Ich möchte damit sagen, dass die älteren Generationen mit ihren Leben zufriedener waren, als wir es sind. Sie lebten in einer ruhigeren und stabileren Zeit, unser Leben ist von Anfang an vollkommen anders. Wir wurden in Revolutionen und Straßenunruhen hineingeboren(EG-2). Wirtschaft und Beschäftigung 189 3 Jugendliche und junge Erwachsene: Trennung der Reproduktionseinheiten Was passiert, wenn aus Jugendlichen in ökonomischer Hinsicht Erwachsene werden? Die Einbeziehung von Familienstand und Geschlecht bei der Betrachtung der wirtschaftlichen Situation junger Erwachsener in arabischen Ländern liefert die folgenden Befunde: Von den über zwei Dritteln des Samples(69 Prozent), die noch zu Hause bei ihren Eltern leben, ist der größere Anteil männlich und der kleinere Anteil weiblich, was teilweise daran liegt, dass Frauen bei ihrer Eheschließung durchschnittlich jünger sind(Tab. 7.10). Dieses Bild wird ergänzt durch die Gruppe der jungen Erwachsenen, die schon ihren eigenen Haushalt(29 Prozent) gegründet haben: Sie zählt mehr Frauen als Männer. Das Durchschnittsalter der noch bei den Eltern lebenden Männer und Frauen beträgt 21, wohingegen diejenigen mit eigenem Haushalt 27 Jahre alt und überwiegend verheiratet sind. Mit der Begründung eines Haushalts beginnt ein neuer Reproduktionszyklus: Ein Paar zieht zusammen, und in der Regel haben sie nach einer bestimmten Zeit eigene Kinder. Damit ändert sich oft das Verhältnis zwischen reproduktiver Tätigkeit und bezahlter Arbeit im neuen Haushalt. Dies spiegelt sich in den Befunden wider: Die Haushalte sind kleiner und die Anzahl der Menschen, die arbeiten können, ist geringer. Hinzu kommt, dass die Arbeitskraft für Kinderbetreuung und andere Haushaltsaktivitäten benötigt wird. Ein Blick auf die Situation junger arbeitender Menschen zeigt, dass von denjenigen, die bei ihren Eltern leben, nur etwa 10 Prozent der Frauen und knapp ein Viertel Männer einer Lohnarbeit nachgehen. Von den jungen Erwachsenen mit eigenem Haushalt arbeiten dagegen zur Einkommenserzielung 13 Prozent der Frauen, jedoch 58 Prozent der Männer. Knapp die Hälfte von ihnen erhält ein festes Monatsgehalt. Mit den jungen Familien entstehen neue Reproduktionseinheiten und eine neue Generation, die Verantwortung für dritte Personen übernimmt. Die ökonomischen Wechselbeziehungen erstrecken sich dabei über den eigenen Haushalt hinaus. Ein Viertel aller Frauen, die schon ihren eigenen Haushalt haben, werden noch von ihren Eltern finanziell unterstützt. Umgekehrt sind es vor allem Männer, die mit ihren Herkunftsfamilien wirtschaftlich sowohl durch unregelmäßige als auch durch fortlaufende Zahlungen verbunden sind. Wirtschaftlich betrachtet hat das Konzept einer abgeschlossenen Jugendzeit – die mit der Gründung einer eigenen Familie zu Ende geht – daher eher verwischte Grenzen; es ist unscharf. Verschiedene wirt190 Jörg Gertel Tab. 7.10 Wirtschaftliche Situationen alter und neuer Reproduktionseinheiten Häufigkeit(%) Alter( Ø ) Verheiratet(%) Anzahl von Personen/HH( Ø ) Anzahl von Personen/HH, arbeitsfähiges Alter( Ø ) Wirtschaftliche Selbsteinschätzung: Familie 2016 Situation=»ziemlich schlecht& sehr schlecht« Berufliche Stellung: Arbeitend(22%) Monatseinkommen Befragte(%) Betrag( € ) Transfereinkommen von Eltern(%) Betrag( € ) Unterstützung an Eltern – unregelmäßig(%) Unterstützung an Eltern – regelmäßig(%) Betrag( € ) Eltern Haushalt Männlich Weiblich 39 30 22 21 4 2 6 6 5 5 24 20 23 10 19 10 465 422 27 35 149 115 17 8 8 3 166 123 Eigener Haushalt Männlich Weiblich 11 18 27 26 82 93 4 5 2 3 48 38 58 13 45 10 671 600 7 25 313 138 27 7 10 1 103 154 Fragen 3, 14, 15, 16, 17, 20, 25, 65, 66, 67, 68, 69, 70, 73, 75, 80, 81. Hinweise Hier werden zwei Reproduktionseinheiten verglichen: junge Menschen, die noch im elterlichen Haushalt leben(alte Reproduktionseinheit) und solche, die im eigenen Haushalt leben(neue Reproduktionseinheit). Die Kategorie»Andere« trifft auf 2 Prozent der Fälle zu und ist in der Tabelle nicht dargestellt(n=9.000). schaftliche Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen bestehen fort oder können nach vorübergehender Beendigung auch wieder aufgenommen werden. Es zeigt sich allerdings auch, dass die gegenwärtigen Startbedingungen für die jungen Familien schwer sind. Die unsichere Arbeitsmarktsituation schlägt durch: Etwa die Hälfte der jungen Männer, die nun einem eigenen Haushalt vorstehen, beurteilen die ökonomische Situation ihrer Familien als»eher schlecht« und»sehr schlecht«. Damit wird ein völlig anderes Bild gezeichnet, als es eingangs des Kapitels für die große Gruppe der Jugendlichen plausibel schien. 4 Fazit Welche Auswirkungen haben neu auftretende wirtschaftliche Unsicherheiten und soziale Ungewissheiten auf die Jugend und jungen Erwachsenen in der MENA-Region? In den letzten drei Jahrzehnten führten neoliberale Wirtschaft und Beschäftigung 191 Transformationen mit radikalen Marktöffnungen und massiven staatlichen Sparmaßnahmen nicht nur zum Abbau arabischer Wohlfahrtsstaaten und reduzierten soziale Schutzmechanismen, sondern als Folge des Arabischen Frühlings verschärften sich auch existenzielle Unsicherheiten. Die durch Regimewechsel, Gewalteskalation und wirtschaftliche Einbrüche ausgelösten neuesten Ungewissheiten entfalten schwerwiegende Auswirkungen und wirken tief in die Gesellschaft hinein. Dabei zeigt sich, dass die Prekarisierung in den arabischen Ländern quer zu den Schichtungen verläuft; sie ist keineswegs unmittelbar mit Armut zu identifizieren. Das kann auch nicht ursächlich darauf reduziert werden, ein Ergebnis interner Unfähigkeit oder Ineffizienz zu sein. Investitionen in den Energiesektor, in Tourismus und in Landbesitz sind vielmehr mit transnationalen Unternehmen und internationalen Finanzmärkten verknüpft; auch der Arbeitsmarkt ist global verflochten und äußerst mobil, und Preise für Nahrungsmittel wie Getreide und Fleisch werden nicht mehr allein innerhalb von Landesgrenzen bestimmt, sondern durch die in New York oder London ansässigen Warenterminbörsen. Vor diesem Hintergrund sind für die arabische Jugend zwei Prozesse entscheidend: Die wirtschaftliche Verschlechterungen und die soziale Abstiegsmobilität haben sich im Laufe von Jahrzehnten verschärft und treffen auch die oberen Gesellschaftsschichten. Gerade junge Menschen, die jüngst eine eigene Familie gegründet haben, erleben und spüren Unsicherheit, Abhängigkeit und eine realistische Resignation, was ihre Existenzsicherung und ihre Arbeitsbedingungen betrifft. Der größte Teil der abgesicherten staatlichen Arbeitsplätze, häufig Verwaltungsstellen, ist in der Zeit nach den Strukturanpassungsmaßnahmen verschwunden. Für junge Menschen hat dies weitreichende Folgen. Sie sind tatsächlich besser ausgebildet, aber die Bedingungen, zu denen sie eingestellt werden, sind in zunehmendem Maße prekär. Das bedeutet auch, dass Bildung keine Garantie mehr für sozialen Aufstieg darstellt. Im Gegenteil: Teure private Bildung erhöht möglicherweise sogar die Schulden einer Familie. Das Wegfallen staatlicher Fürsorge verschlimmert die Unsicherheit. Dies ist umso gravierender, als alternative Systeme zum Schutz der sozialen Sicherheit kaum zur Verfügung stehen. Die Bedeutung der Familie als soziales und wirtschaftliches Sicherungssystem nimmt dementsprechend weiter zu. Für die aktuelle Generation der contained youth ist ein Bruch mit der Familie beinahe undenkbar, denn es gibt kaum andere Einrichtungen, die wirtschaftliche Unsicherheiten abfedern könnten. Der soziale Prozess der Unsicherheit wird zum Dauerzustand – Prekarität ist allgegen192 Jörg Gertel wärtig. Die Erosion gesellschaftlicher Normalitätsstandards wirkt auf die Jugendlichen und die Gesamtgesellschaft zurück; junge Familien, die potenziell als gut ausgebildete Doppelverdiener in eine hoffnungsvolle gesellschaftliche Zukunft starten können sollten, sind mit massiven ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert. Neue gesellschaftliche Brüche sind daher bereits strukturell angelegt. Dies erscheint umso problematischer, da die jüngeren Jugendlichen in einer Situation»geborgter Sicherheit« leben. Noch sind sie Teil ihrer Herkunftsfamilien und fühlen sich überwiegend sicher, doch die Potenzialität großer Ungewissheiten wartet. Auf allen Ebenen – der individuellen, der familiären und der des Gemeinwesens – sind die Unsicherheiten seit der Jugendzeit ihrer Eltern dramatisch gestiegen. Erlernte Routinen bringen kaum noch Erfolg, die Existenzsicherung junger Familien ist bedroht, und auch die Staaten der MENA-Region können kaum adäquate Arbeitsplätze oder soziale Absicherung für die jungen Erwachsenen bereitstellen. Eine komplette Generation bewegt sich zeitverzögert und für den Moment eher unsichtbar weiter ins gesellschaftliche Abseits. Wirtschaft und Beschäftigung 193 Kapitel 8 Die arabische Mittelschicht: Prekarität und Mobilisierung Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Das Einkommen der Mittelschichtfamilie ist begrenzt: Es reicht für den Alltagsbedarf, nicht mehr und nicht weniger. Armut ist eine ständige Bedrohung, und das bereitet Menschen mit begrenztem Einkommen Sorge. Sobald sie unter irgendwelchen Umständen ihre Arbeit verlieren, verfallen sie in Armut(LB/SY-1). Sara(30 Jahre, verheiratet, syrischer Flüchtling, lebt im Libanon) Die Mittelschicht ist die wichtigste Klasse unter den Gruppen, aus denen sich das Land zusammensetzt. Heutzutage spielt die Mittelschicht aufgrund von Kriegen jedoch keine Rolle, da die Oberschicht alles kontrolliert(YE-8). Rifaat(17 Jahre, alleinstehend, lebt in Taiz, Jemen) I m Nachgang der neoliberalen Neuausrichtung der arabischen Volkswirtschaften seit den 1980er-Jahren – einschließlich der Erfahrungen mit strukturellen Anpassungsmaßnahmen, expansiver Globalisierungsdynamik und undurchsichtiger Finanzialisierungsprozesse – ist eine der wichtigsten Fragen, inwieweit der schrittweise Zusammenbruch der Mittelschicht zur politischen Mobilisierung und den sozialen Unruhen während des Arabischen Frühlings und danach beigetragen hat. Die Debatten um soziale Mobilität und Prekarität gehen oft davon aus, dass die schrumpfende Mittelschicht und der soziale Abstieg ihrer Mitglieder mit größeren wirtschaftlichen Unsicherheiten einhergehen(Bayat 2011; Ouaissa 2014), einschließlich persönlich wahrgenommener Unsicherheiten und der Infragestellung der eigenen Position in der Gesellschaft(Castel/Dörre 2009; Standing 2011), was sich im Gegenzug in mangelnder sozialer Stabilität und politischer Mobilisierung niederschlagen kann(Lorey 2012; Marchart 2013). Wir zeigen, dass die nach Ende des Zweiten Weltkrieges und den politischen Unabhängigkeiten hervorgegangene arabische Mittelschicht jahrzehntelang eine wichtige Größe darstellte, insbesondere in Gesellschaften mit mittlerem und niedrigem Einkommen, sich heute jedoch in einem Auflösungsprozess befindet. Obgleich junge Leute weiterhin beDie arabische Mittelschicht 195 stimmte Klassenpositionen wahrnehmen und erleben – weitgehend geprägt durch den Bildungshintergrund und das Arbeitsprofil der Elterngeneration – wird die Gesellschaft durch eine Reihe von Rissen polarisiert. Zunehmende Prekarität wirkt sich nicht nur auf die politische Mobilisierung aus, sondern auch auf die Präferenz für einzelne politische Systeme: Unter den jungen Menschen stellen diejenigen, welche zu den wirtschaftlichen Gewinnern zählen, also die obere Mittelschicht, die größte Gruppe derer, die sich einen»starken Mann« an der Spitze wünschen, während ein religiöses System auf Grundlage der Scharia am häufigsten von den untersten Mittelschichten und den Armen favorisiert wird. Zwar wünscht sich weiterhin eine Mehrheit, in erster Linie verkörpert durch den Kern der Mittelschicht, ein demokratisches System – doch»Das Alte stürzt«, um die berühmte Formulierung Chinua Achebes(1958) zu bemühen, der damit auf Asymmetrien im kolonialen Machtgefüge Bezug nahm, die sich durch den Einfluss neuer, fremder Kräfte ergaben. Wie stabil also, so fragen wir, stellt sich die Situation der Mittelschicht fünf Jahre nach den politischen Umbrüchen dar? Wir beginnen unsere Analysen mit einer einfachen Frage: Wie nehmen junge Erwachsene fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling mit Blick auf ihre gesellschaftliche Stellung die eigene Situation und die ihrer Familien wahr? Auf die Frage, welcher Klasse( tabaqat ijtimâ’iyya) sie ihre Familie zuordnen würden(vgl. Abb. 8.1), bezeichneten drei Prozent ihre eigene Familie als»sehr arm«(’ala bâb Allah), weitere 17 Prozent als»arm«( faqîra), die Hälfte des Samples(50 Prozent) ordnete sich der»unteren Mittelklasse« zu( at-tabaqa al-mutawassita ad-dunya) und knapp ein Drittel (29 Prozent) der»oberen Mittelklasse«( at- tabaqa al-mutawassita al-’ulya). Ein Prozent bewertet ihre Familie als»wohlhabend«( tharriyya). Selbst im Nachgang tief greifender Umwälzungen und sozialer Risse in der Gesellschaft seit 2011 ordnen also immer noch gut zwei Drittel ihre Familie der Mittelklasse zu. Abbildung 8.1 zeigt die Klassenverteilung in einzelnen Ländern gemäß der Positionierung ihrer Familien durch die Befragten. Ausgehend von der Häufigkeit und Verteilung von Klassenzugehörigkeiten ergibt sich auf den ersten Blick eine bekannte, länderspezifische Rangfolge: Bahrain erweist sich als wohlhabendstes Land mit einem winzigen Armenanteil und dem größten Segment an Wohlhabenden. Im Gegensatz dazu finden sich die größten Gruppen armer Menschen im Jemen und unter den syrischen Flüchtlingen im Libanon. Allgemein formuliert, spielt die Mittelschicht in 196 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Abb. 8.1 Verteilung der familiären Klassenzugehörigkeit nach Land 110 2 1 1 1 100 6 3 13 90 19 24 23 32 80 44 41 39 45 70 60 53 50 70 56 64 50 40 47 30 52 50 47 20 28 10 02 31 6 14 18 9 11 12 2 1 3 1 6 Bahrain Tunesien Libanon Jordanien Ägypten Palästina Marokko Jemen Syr. Flücht. a) Wohlhabend Obere Mittelklasse Arm Sehr arm Untere Mittelklasse Fragen 1, 47. Hinweise n=9.000 · Angaben in Prozent. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. allen Ländern eine signifikante Rolle, unterscheidet sich jedoch in der Größenordnung. Da den Teilnehmern keine besonderen Kriterien hinsichtlich der Klassenmerkmale vorgegeben waren, nahm jede(r) Befragte eine eigene Bewertung vor, die sich beispielsweise abhängig von Alter, Geschlecht und Situation im Land unterscheiden kann. Was für Schlussfolgerungen können also aus den Antworten gezogen werden? Um diese Frage zu beantworten, werden die empirischen Ergebnisse in drei Schritten bewertet. Zuerst beschreiben und kennzeichnen wir die Mittelschicht in Abhängigkeit von Arbeits- und Einkommenssituationen und in Beziehung zu Konsummustern und Freizeitprofilen. Als Zweites analysieren wir länderspezifische Eigenschaften, identifizieren interne, klassenbezogene Unterschiede und untersuchen die gesellschaftliche Polarisierung im Nachgang des Arabischen Frühlings. Abschließend werden wir die Konsequenzen dieser Trends in Bezug auf politisches Handeln und Mobilisierung beleuchten. Die arabische Mittelschicht 197 1 Merkmale der Mittelschicht Der arabische Begriff tabaqa wird häufig als»Klasse« im engsten Wortsinn übersetzt, allgemein bedeutet er jedoch»Schicht« und kann auch als »Stockwerk«(in einem Gebäude) verstanden werden. Der Begriff ist demnach ambivalent und bringt verschiedene Konnotationen mit sich, da er in den einzelnen Ländern möglicherweise unterschiedlich verwendet wird und selten eindeutig definiert ist. An dieser Stelle sollte er daher in einem weiteren, nicht theoretischen Sinne verstanden werden. Dennoch werden die Begriffe»Schicht« und»Klasse« in den folgenden Ausführungen nicht synonym verwendet. Wie aussagekräftig ist die durch junge Leute identifizierte Klassenposition, und welche Eigenschaften sind mit den einzelnen Klassenidentitäten verbunden? Vier Merkmale sind bedeutsam: Erstens, die Klassenposition hängt mit dem formellen Bildungsstand der Eltern zusammen. Je niedriger dieser ist – von Vater und Mutter – desto häufiger ordnen junge Leute ihre Familien den niedrigeren gesellschaftlichen Schichten zu(vgl. Tab. 8.1). Zum Zweiten korreliert dies mit der Einkommenssicherheit im elterlichen Haushalt: Exemplarisch geben die feste monatliche Bezahlung der Väter und ihr Beschäftigungsprofil darüber Auskunft(vgl. Kap. 7). So zeigt sich, dass monatlich entlohnte Väter häufiger in den höheren Klassen anzutreffen sind. Dies trifft in beiden Mittelklassegruppen auf circa zwei Drittel der Väter zu. Drittens offenbart das Beschäftigungsprofil der Vätergeneration(vgl. Tab. 8.2) deutlich die internen Abgrenzungen zwischen den beiden Mittelklassegruppen(ebenso wie der Schichtenindex; vgl. Tab. 8.6): In der oberen Mittelklasse ist die Hälfte aller Haushalte durch ein stabiles väterliches Einkommen wirtschaftlich abgesichert, während lediglich ein Sechstel in wirtschaftlich unsicheren Verhältnissen lebt. Im Gegensatz dazu sind in der unteren Mittelklasse nur mehr 40 Prozent der Haushalte abgesichert, und mehr als ein Viertel ist als wirtschaftlich ungesichert zu betrachten (vgl. Tab. 8.2). Viertens korrespondiert das Bildungs- und Einkommensmuster, von dem die Elterngeneration geprägt ist, weitgehend mit dem der jungen Generation. Zwei Ergebnisse veranschaulichen die Querverbindungen: Einerseits verfügen unter denjenigen, die ihre Familie einer höheren Klasse zuordnen, nicht nur tendenziell mehr Personen über ein eigenes Budget, sondern dieses ist auch vergleichsweise höher als in anderen Schichten. Andererseits steigen mit höherem sozialem Status auch die Nutzung von Mobiltelefonen und die monatlichen Ausgaben. Über die 198 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Tab. 8.1 Merkmale der Mittelklasse: Generationenbeziehungen (100%) Bildungsferne der Eltern Vater Mutter Einkommenssituation Vater: Festes Monatseinkommen Ego: Eigenes Budget Kommunikationsprofil Ego: Eigenes Mobiltelefon Ausgaben/Monat(Angabe in € ) Wohlhabend 1 16 18 82 75 99 37 Obere MK 29 24 31 72 52 97 20 Untere MK 50 44 54 62 41 93 16 Arm 17 75 84 33 38 77 8 Sehr arm 3 86 86 22 31 64 6 Fragen 30, 34, 35, 39, 47, 65, 147, 148. Hinweise n=9.000 | »Bildungsferne« umfasst drei Gruppen:(a) Analphabeten sowie(b) Menschen, die lesen und schreiben können, aber keine formelle Bildung erfahren haben und(c) Menschen, die nur eine Grundschule besucht haben. | Angaben in Prozent; unterste Zeile in€. | MK = Mittelklasse. Hierarchie ökonomischer Teilhabe spiegeln junge Erwachsene die Klassenposition ihrer Eltern. Somit lässt sich festhalten, dass die Befunde der Selbsteinschätzung zur Klassenzugehörigkeit auf dieser Ebene plausibel sind. Ein Quervergleich mit den genannten Indikatoren bringt keine Widersprüche hervor. Inhaltlich sind zwei Einsichten herauszustellen: Erstens sind Bildung und Einkommen in arabischen Ländern wichtige Unterscheidungsmerkmale für die klassenbezogene Identität. Zweitens ist die soziale Struktur in gewissem Umfang generationsübergreifend persistent; die gesellschaftliche Stellung junger Menschen ist oft mit der ihrer Eltern verknüpft. Entsprechende Muster haben länderspezifische Ausprägungen. In Abhängigkeit von den betrachteten Kriterien gestaltet sich»die« Mittelschicht entweder größer oder kleiner. Gemäß der vorliegenden Befunde sind Bahrain, der Libanon und Tunesien die wohlhabendsten Länder; die ärmsten Länder beziehungsweise Gruppen sind die syrischen Flüchtlinge im Libanon, die Jemeniten, die Palästinenser und die Marokkaner. Um die Mittelschicht noch besser eingrenzen zu können, untersuchen wir nun zwei weitere Aspekte, nämlich Konsumverhalten und Freizeitaktivitäten(vgl. Tab. 8.2). Die arabische Mittelschicht 199 Tab. 8.2 Merkmale der Mittelklasse: Beschäftigung des Vaters Wohlhabend Öffentlicher Dienst 28 Angestellter 16 Im Ruhestand 9 Sicher 53 Selbstständig: Höhere Bildung 19 Selbstständig: Familienbetrieb 2 Arbeiter(kontinuierliche Beschäftigung) 0 Selbstständig: Qualifizierte Tätigkeit 12 Teils-Teils 33 Selbstständig: Dienstleistung 5 Selbstständig: Landwirtschaft 1 Tagelöhner 1 Unsicher 7 Obere MK 27 14 11 52 6 2 4 17 29 7 4 5 16 Untere MK 21 9 10 40 1 2 6 17 26 9 8 10 27 Arm 9 2 4 15 0 3 5 14 22 16 18 22 56 Sehr arm 7 1 4 12 0 2 1 11 14 11 25 26 62 Fragen 32, 47. Hinweise Wir befragten die Teilnehmer zu ihrem Vater:» Was war seine Hauptbeschäftigung(längster Beschäftigungszeitraum)?« Zur Klassifikation der Berufsgruppen siehe Kapitel 3. Die drei häufigsten Nennungen der einzelnen Klassen sind in Fett dargestellt. Die Zahlen in Fettblau stellen die Zwischensummen dar. Die Reihen ergeben keine 100 Prozent, da drei Kategorien in der Tabelle unberücksichtigt sind:»Arbeitslos«= 4 Prozent(dabei größte Häufigkeit bei der Gruppe»Sehr Arm« mit 9 Prozent);»Unbezahlte Arbeit«= 0 Prozent und»Sonstige«= 3 Prozent. | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. 2 Klassenposition: Konsum- und Freizeitverhalten »Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist.« Diese Redensart aus dem 19. Jahrhundert gibt im Kern die Überlegungen von Pierre Bourdieu wieder, als er sich – nachdem er jahrelang in Algerien zu wirtschaftlichen Austauschprozessen geforscht hatte – richtungsweisend mit der Verbindung zwischen Klassenposition und Lebensweise in Frankreich befasste(Bourdieu[1979] 1982). Bourdieu stellt fest, dass auch kulturelle Güter einer Ökonomie unterliegen, kulturelle Bedürfnisse einen sozialisationsbedingten Charakter aufweisen und der Geschmack daher ein bevorzugtes Merkmal von»Klasse« ist. Zwei extreme Positionen grenzen das Konsumspektrum der Jugend in der MENA-Region ab(vgl. Tab. 8.3): Die meisten wohlhabenden Jugendlichen geben ihr Geld für Kleidung, Mobiltelefone, Fast Food und das 200 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Tab. 8.3 Mittelklasse und Konsummuster Nahrungsmittel(Öl, Zucker) Kleidung Weizen und Brot Wasser/Elektrizität Mobiltelefon Ausgehen mit Freunden Internet Miete Lokaler Imbiss Studium Medikamente Gasflaschen(Kochen) Verkehr/Reisen McDonald’s, Pizza Hut, KFC Zigaretten Schulden/Raten Körperpflege Videos, Online-Spiele Musik Versicherung Sonstiges Alle 59 47 40 31 27 20 18 16 16 16 15 13 11 10 10 9 5 2 2 2 5 Wohlhabend 21 68 13 13 47 41 40 (4) 17 5 9 (2) (6) 44 (8) 11 (6) (9) (8) (3) (7) Obere MK 43 61 26 20 38 29 27 7 22 18 12 7 16 16 10 6 7 4 3 2 6 Untere MK 60 48 40 31 28 19 17 13 16 16 14 14 12 9 10 9 5 2 2 2 5 Arm 85 24 56 47 10 7 3 38 7 10 24 22 4 2 9 15 1 1 2 4 5 Sehr arm 87 15 78 42 6 (8) (6) 34 6 7 29 29 (4) (2) 14 13 (1) 0 0 (3) 9 Frage 97 » Monatliche Ausgaben: Bitte nenne die vier Dinge, für die Du am meisten Geld ausgibst.« Hinweise n=9.000 | Die in Fett dargestellten Zahlen verweisen auf die vier häufigsten Antworten pro Klasse und die Zahlen in Klammern nennen die genauen Fallzahlen, wenn diese sehr gering sind (weniger als zehn Fälle). | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. Ausgehen mit Freunden aus, dicht darauf folgen Ausgaben für den Internetzugang. Im Gegensatz dazu geben sehr arme und arme Jugendliche ihr Geld am häufigsten für Nahrungsmittel, Weizen und Brot, Wasser, Elektrizität und Miete aus. Als nächstes folgen auf ihrer Liste Medikamente und Gasflaschen zum Kochen. Zwischen diesen beiden Polen des sozialen Spektrums, die auf komplett unterschiedliche Konsumstrukturen hindeuten, liegen die beiden Gruppen der Mittelschicht. Die meisten Mitglieder der oberen Mittelklasse wenden ihr Geld für Kleidung, Nahrungsmittel, Mobiltelefone und das Ausgehen mit Freunden auf. Dieses Profil verschiebt sich in der unteren Mittelklasse etwas, da dort die meisten Jugendlichen ihr Geld für Nahrungsmittel ausgeben, gefolgt von Kleidung, Weizen und Brot sowie Elektrizität. Je niedriger die soziale Position ist, Die arabische Mittelschicht 201 desto häufiger entfallen die Ausgaben also auf grundlegende Bedürfnisse (vgl. Tab. 8.3). In welchem Zusammenhang stehen klassenabhängige Konsumprofile mit Einkaufsmustern für Lebensmitteleinkäufe bei den Jugendlichen(vgl. Tab. 8.4)? Produktspezifisch ist dies zunächst von mehreren Faktoren abhängig: beispielsweise vom täglichen Bedarf, der Nähe des Anbieters und den jeweiligen Preisen. Insgesamt werden lokale Lebensmittelhändler mit Abstand am häufigsten genannt, gefolgt von Supermärkten, Metzgereien, Bäckereien und Wochenmärkten. Es gibt jedoch schichtenspezifische Unterschiede. Wohlhabende Jugendliche kaufen meist im Supermarkt oder in der Mall ein, gefolgt von Hypermärkten und lokalen Lebensmittelhändlern. Dies ist teilweise darauf zurückzuführen, dass die überwältigende Mehrheit der befragten wohlhabenden Jugendlichen in Bahrain lebt, das städtebaulich sehr gut erschlossen ist. Malls und Hypermärkte sind hier wichtige Bestandteile der Lebensmittelversorgung. Zudem sind Kaufkraft und Kundenwünsche von Bedeutung. Das Einkaufen an diesen Orten ist nicht nur der Notwendigkeit geschuldet, sondern wird häufig mit Freizeitaktivitäten und Zeitvertreib kombiniert. Die meisten armen und sehr armen Jugendlichen nutzen für ihren täglichen Bedarf hingegen lokale Lebensmitteläden und Wochenmärkte sowie Supermärkte, Metzgereien und Nachbarschaftsmärkte. Dieses Muster ist von begrenzter Kaufkraft, eingeschränkter Mobilität und einer Selbstpositionierung der Nichtzugehörigkeit geprägt. Das Einkaufsverhalten der Mittelklasse bildet sich zwischen diesen beiden Polen heraus und ist nahezu identisch, wobei die gleiche Reihenfolge gilt: Lebensmittelhändler, Supermarkt, Metzgerei, Bäcker, Wochenmärkte und Mall. Allerdings sind einige kleinere Verschiebungen erkennbar, zum Beispiel dass in der unteren Mittelschicht mehr Menschen primär Lebensmittelhändler nutzen und seltener in Supermärkten und in der Mall einkaufen(vgl. Tab. 8.4). Diese Einkaufsmuster spiegeln sich in der Bedeutung von Brot für die tägliche Ernährung wider. Während lediglich ein Drittel der Wohlhabenden Brot als sehr wichtig für sich selbst und ihre Familien erachtet, sehen die armen und sehr armen Jugendlichen dies für sich und ihre Familien ganz anders. Für die große Mehrheit der Armen, deutlich mehr als drei Viertel, ist die Verfügbarkeit von billigem Brot sehr wichtig. Aufgrund ihrer begrenzten Kaufkraft müssen sie einen Großteil ihrer verfügbaren Mittel für Brot aufwenden. Auch hier ist die Mittelschicht wiederum innerhalb dieses Spektrums positioniert(vgl. Tab. 8.4). Halal-Produkte sind auch ein Klas202 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Tab. 8.4 Mittelklasse und Einkaufsmuster »Nutzt Du für Lebensmit- Alle Wohl- Obere Untere Arm teleinkäufe …?« habend MK MK Sehr arm Lebensmittelhändler Supermarkt Metzgerei Bäcker Wochenmarkt Mall(Einkaufszentrum) Nachbarschaftsmarkt Mobiler Straßenhändler Hypermarkt Straßenverkauf Großhändler 70 31 64 71 79 72 45 69 54 43 37 28 45 27 44 47 43 43 39 22 40 41 32 30 37 9 33 38 43 39 22 62 33 22 4 4 16 8 13 16 21 37 16 5 9 15 27 35 16 34 21 16 4 3 13 3 9 13 20 26 13 2 11 16 11 9 Billiges Brot ist … …»sehr wichtig« 54 35 49 57 82 90 Halal-Produkte sind … …»sehr wichtig« 56 35 52 55 64 67 Einkauf von halal-Produkten – Körperpflege 8 10 9 10 5 3 – Fertiggerichte 32 23 30 30 42 35 – Fleisch 45 29 38 43 59 60 Frage 98 » Wie wichtig ist billiges Brot für Dich und Deine Familie?«»Sehr wichtig«(54 Prozent);»Wichtig«(33 Prozent);»Nicht wichtig«(13 Prozent). Frage 109 » Hast Du jemals bewusst ein Produkt – Nahrungsmittel oder für Körperpflege – erworben, das als halal ausgewiesen war?«(ja/nein),»Ja«-Antworten in Prozent. Fragen 98, 106, 108, 109. Hinweise n=9.000 | Frage 106; mehrere Antworten möglich,»Ja«-Antworten in Prozent. Die in Fett dargestellten Zahlen verweisen auf die vier häufigsten Antworten pro Schicht. | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. senindikator. Im Gegensatz zu Brot, das als Grundnahrungsmittel eine besonders wichtige Rolle spielt, bezieht sich halal in erster Linie auf Fleisch und die Praxis, Tiere nach islamischem Brauch zu schlachten. Für die Armen ist Fleisch jedoch teuer und gilt als Luxusprodukt, das sie sich kaum jemals leisten können. Halal-Verzehr steht daher in erster Linie für eine glaubensbasierte Praxis und nicht für ein Einkaufsverhalten, das als Beleg für Nahrungsmittelkonsum dienen könnte. Tatsächlich lässt sich feststellen, dass die Einkauffrequenz beim Metzger analog absteigender Klassenhierarchie abnimmt. Die arabische Mittelschicht 203 Darüber hinaus vermitteln Freizeitaktivitäten Einblicke in die soziale Differenzierung und Klassenposition(vgl. Tab. 8.5). Es fällt unmittelbar auf, dass schichtenübergreifend alle jungen Erwachsenen»Fernsehen« als häufigste Aktivität angeben. Dies trifft auf Frauen(72 Prozent) häufiger zu als auf Männer(62 Prozent) und eher auf die älteren als die jüngeren Altersgruppen.»Im Internet surfen«, generell an zweitwichtigster Stelle, ist die häufigste Freizeitaktivität der Mittelschichtgruppen, insbesondere in der oberen Mittelklasse. In beiden Gruppen wird dies häufiger von Männern als Frauen und häufiger in jüngeren als in älteren Altersgruppen praktiziert. In den Antworten der»Armen« und»Sehr Armen« findet das Internet hingegen kaum Erwähnung. Sie besuchen häufiger»Nachbarn und Verwandte« oder unternehmen»Etwas mit der Familie«. Für die Wohlhabenden hingegen ist das Internet wichtig, aber»Videos und DVDs schauen« oder »Musik hören« werden auch häufig genannt. Diese Gruppe weist auch die höchste Antwortquote für Kino- und Theaterbesuche auf(vgl. Tab. 8.5). Die beiden Mittelschichtgruppen unterscheiden sich – wenn überhaupt – darin, wie sie ihre Aktivitäten gewichten. Die Mitglieder der oberen Mittelklasse differenzieren sich stärker aus: Sie hören vor allem Musik, »besuchen Nachbarn«,»gehen ins Kaffeehaus«,»machen etwas mit der Familie« und»betreiben Sport«, während Jugendliche der unteren Mittelklasse – diejenigen mit dem häufigsten Fernsehkonsum und durchschnittlicher Internetnutzung – fast gleich häufig»Musik hören«,»Nachbarn besuchen« oder»etwas mit der Familie machen«. Aus diesen Antworten wird deutlich, dass die Kommerzialisierung der Freizeitaktivitäten in den höheren Klassen zunimmt. Dementsprechend lautet eine Schlussfolgerung an dieser Stelle, dass sich auf dem Bildungs- und Beschäftigungsniveau der Elterngeneration basierende soziale Klassenzugehörigkeiten, in den Verbrauchs- und Freizeitmustern der Jugend reproduzieren. Die entsprechenden Muster sind dabei auch abhängig vom Zugang zu finanziellen Mitteln. Soziale Klassen sind als soziale Konstrukte nie festgeschrieben. Um es mit Bourdieu zu sagen:»Eine soziale Klasse ist definiert weder durch ein Merkmal(nicht einmal das Wichtigste, wie Menge und Zusammensetzung von Kapital) noch durch eine Summe von Merkmalen(Geschlecht, Alter, soziale Herkunft, ethnische Herkunft – der Anteil von Schwarzen und Weißen zum Beispiel oder das Einkommen von Einheimischen und Immigranten, Bildungsgrad etc.) noch auch durch eine Kette von Merkmalen, welche von einem Hauptmerkmal(der Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse) kausal abgeleitet sind. Eine soziale Klasse ist vielmehr definiert durch 204 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Tab. 8.5 Mittelklasse und Freizeitaktivitäten Fernsehen Im Internet surfen Nachbarn und Verwandte besuchen Etwas mit der Familie unternehmen Musik hören Nichtstun, entspannen Ins Café gehen Sport treiben Einfach mit Anderen treffen Bücher/Zeitschriften lesen Gebete, Aufnahmen hören Einkaufen Videos/DVD‹s schauen Jugendclub Kino oder Theater Am Computer spielen Sonstiges An einem Projekt arbeiten Tanzen/Partys Schauspielern/Musik machen Alle 67 43 27 23 23 14 13 11 10 9 9 8 6 4 3 3 2 2 2 1 Wohlhabend 57 44 (9) 9 41 16 17 12 (7) 13 (2) 10 21 (7) 16 (3) (4) (7) (2) (1) Obere MK 64 57 18 17 25 10 17 14 7 13 7 8 8 5 6 5 2 2 3 1 Untere MK 70 45 25 23 25 13 13 12 9 9 10 8 7 4 3 3 3 2 2 1 Arm 63 21 42 31 11 27 6 7 20 5 10 6 2 2 (6) 1 3 2 1 0 Sehr arm 62 8 51 43 11 19 (7) (8) 19 (9) 15 11 0 (3) 0 (1) (6) 4 (4) 0 Frage 164 » Welche Freizeitaktivitäten praktizierst Du am häufigsten? Bitte nenne bis zu drei Aktivitäten mit der höchsten Frequenz unter der Woche.« Hinweise n=9.000 | Die in Fett dargestellten Zahlen verweisen auf die vier häufigsten Antworten pro Klasse und die Zahlen in Klammern nennen die genauen Fallzahlen wenn diese sehr gering sind(weniger als zehn Fälle). | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisformen ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht.«(Bourdieu[1979] 1984, 106) 3 Interne Differenzierung und soziale Mobilität in der Mittelschicht An diesem Ausgangspunkt, der Annahme der sozialen Konstruktion der Klasse, stellt sich die Frage, inwiefern die Zusammensetzung der Mittelschicht mit der sozialen Differenzierung innerhalb der Gesellschaft in Verbindung steht. Der Schichtenindex – zusammengesetzt aus Quintilen, fünf Die arabische Mittelschicht 205 Tab. 8.6 Klassenzugehörigkeit gemäß Schichtenindex Klasse Schicht Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht Mittlere Schicht Obere-Mittel-Schicht Oberste Schicht (21,5%) (20,5%) (23,9%) (19,7%) (14,4%) Wohlhabend 2,3 4,6 10,0 17,7 65,4 100,0 Obere MK 2,4 11,7 26,0 30,4 29,5 100,0 Untere MK 13,4 26,1 29,7 21,0 9,9 100,0 Arm 67,3 22,0 8,8 1,6 0,3 100,0 Sehr arm 86,8 10,3 2,6 0,4 0,0 100,0 Frage 47, Schichtenindex. Hinweise n=9.000 | Umrandungen fassen die Untergruppen der beiden Mittelklassen in sechs verschiedene Teilgruppen zusammen: OMO = Obere Mittelklasse und Oberste Schicht; OMM = Obere Mittelklasse und Obere-Mittel-Schicht; OMU = Obere Mittelklasse und Mittlere Schicht, UntereMittel- und Unterste Schicht; UMO = Untere Mittelklasse und Oberste und Obere-Mittel-Schicht; UMM = Untere Mittelklasse und Mittlere Schicht; UMU = Untere Mittelklasse und Untere-Mittel- und Unterste Schicht. | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. Gruppen von(annähernd) identischer Größe – lässt sich zur Beantwortung dieser Frage hinzuziehen(vgl. Tab. 8.6). Der Index basiert auf verschiedenen Variablen, einschließlich des Bildungsgrades des Vaters, einem Wohlstandsranking, Verfügung über Wohneigentum und der wirtschaftlichen Selbsteinschätzung von Familien im Jahr 2016(vgl. Kap. 2). Die Hauptindikatoren des Schichtenindex zeigen eine ausgewogene Geschlechterverteilung in den fünf Gruppen, und auch die Altersstruktur ist weitgehend homogen. Mit Blick auf den Familienstand lässt sich jedoch feststellen, dass in der untersten Gesellschaftsschicht nur noch knapp die Hälfte alleinstehend ist, während dies in der obersten Gruppe mehr als drei Viertel sind(78 Prozent); dementsprechend wohnen viele Angehörige dieser Gruppe noch bei ihren Eltern(83 Prozent). Wenn die Klassenstruktur ins Verhältnis zum Schichtenindex gesetzt wird, ergibt sich ein genaueres Bild der internen Stratifizierung: Die beiden Mittelklassegruppen sind nun intern differenziert und jeweils in fünf Gruppen unterteilt(vgl. Tab. 8.6). Um die Analyse zu erleichtern und die Gruppenmerkmale besser vergleichen zu können, wurden die zehn Kleingruppen, aus denen sich obere und untere Mittelklasse zusammensetzen, in sechs Gruppen von annähernd gleicher Größe zusammengefasst. Abbildung 8.2 wendet dieses hochauflösende Bild der Klassenpositionen auf die einzelnen Länder an und illustriert die jeweiligen Muster. Um das 206 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Abb. 8.2 Struktur der Mittelschicht nach Ländern 110 110 100 Wohlhaben9d0 OMO 80 UMO 70 OMM 60 OMU 50 UMM 40 30 UMU 20 Arm 10 Sehr arm 0 6 33 41 10 2 6 2 Bahrain 6 8 14 24 17 27 31 Tunesien 3 7 4 1 2 1 1 1 1 100 8 9 10 9 83 90 7 15 6 21 8 22 28 10 80 11 15 14 70 18 11 7 21 14 60 6 30 50 14 23 18 20 33 64 40 30 19 21 15 19 28 20 9 14 18 10 8 11 12 721317 0 Libanon Jorda- Ägypnien ten Palästina Marokko Jemen Syr. Flücht. Fragen 35, 47, 75, Schichtenindex. Hinweise Angaben in Prozent. OMO = Obere Mittelklasse und Oberste Schicht; OMM = Obere Mittelklasse und Obere-Mittel-Schicht; OMU = Obere Mittelklasse und Mittlere Schicht, UntereMittel- und Unterste Schicht; UMO = Untere Mittelklasse und Oberste und Obere-Mittel-Schicht; UMM = Untere Mittelklasse und Mittlere Schicht; UMU = Untere Mittelklasse und Untere-Mittel- und Unterste Schicht. | Bahrain UMO und Sehr arm= 0 · Libanon Sehr arm= 0 · Tunesien Wohlhabend= 0 · Jordanien Wohlhabend= 0 · Jemen Wohlhabend= 0 · Syrische Flüchtlinge Wohlhabend, OMO, UMO und OMM= 0. Zusatztabelle zur obigen Abb. 8.2 Selbsteinschätzung – Klasse Berechneter Schichtenindex Rang Einkommen Vater( € ) Einkommen Ego(männlich)( € ) (n=7.055) Obere MK OMO 1 1.946 1.089 761 Untere MK UMO 2 1.248 707 1.380 Obere MK OMM 3 942 689 785 Obere MK OMU 4 587 490 1.036 Untere MK UMM 5 534 475 1.328 Untere MK UMU 6 383 261 1.765 Hinweise Die Tabelle repräsentiert nur die beiden Mittelklassen – die Wohlhabenden, Armen und Sehr Armen sind hier nicht berücksichtigt. Die Segmentierung der Mittelklasse basiert auf dem Schichtenindex. Die Spaltenfolge richtet sich nach dem durchschnittlichen Monatseinkommen von Vater und Befragten(männlich). Dementsprechend erwirtschaften die Gruppen auf Rang 1 das höchste Monatseinkommen(Obere Mittelklasse und oberste Schicht) und die Gruppen auf Rang 6 das niedrigste Einkommen(Untere Mittelklasse und untere-mittlere /unterste Schichten). Die Hinweise zur Ermittlung des Einkommens von Tab. 7.3 gelten auch hier. | MK = Mittelklasse. Die arabische Mittelschicht 207 Verfahren zu erläutern: Es wurden zwei Klassifikationen miteinander kombiniert. Zunächst wird die subjektive Selbsteinschätzung Jugendlicher hinsichtlich der familiären Klassenstruktur herangezogen, um die Zugehörigkeit zu einer»oberen« oder»unteren Mittelklasse« festzustellen. Sodann wird der objektivere Schichtenindex berechnet, um für die obere und untere Mittelklasse Untergruppen festzustellen. Diese zehn Untergruppen werden vereinfachend in sechs Untergruppen zusammengefasst(vgl. Abb. 8.2). Wenn das monatliche Durchschnittseinkommen des Vaters und des Befragten(männlich) für die sechs Mittelschichtgruppen als Grundlage für ein Ranking verwendet wird, so geht daraus eine Neuordnung der Untergruppen hervor, welche die bisherige Eingruppierung ebenso durchbricht wie die strikte Unterteilung in eine obere und untere Mittelklasse. In der Neuordnung folgt nun der Untergruppe»Obere Mittelklasse« mit dem Obersten-Schichtsegment(OMO) die Untergruppe»Untere Mittelklasse« mit dem Segment Oberste und Obere Mittelschicht(UMO). Die beiden anderen Untergruppen aus der»Oberen Mittelklasse«(OMM; OMU) folgen erst an dritter und vierter Stelle. Dies legt nahe, dass die klassenbezogene Selbsteinschätzung der jungen Erwachsenen zumindest aus einkommensbezogener Sicht differenzierter betrachtet werden kann: Eine Untergruppe, namentlich die aus der Unteren Mittelklasse mit dem höchstbewerteten Einkommen, wird nun neu positioniert. Anders ausgedrückt: Die Klassifizierung der Unteren Mittelklasse wurde aus einer Selbsteinschätzung abgeleitet; diese»Klasse« umfasst die Hälfte des gesamten Samples. Wird diese große Gruppe durch die Linse des Schichtenindex betrachtet, lassen sich(wie auch in der oberen Mittelklasse) drei Untergruppen bilden. Die höchste und damit wohlhabendste Teilgruppe der Unteren Mittelklasse ordnet sich in die Obere Mittelklasse ein, wenn das Monatseinkommen von Vater und Sohn als Klassifizierungskriterium herangezogen wird. Ausgehend von dieser internen Differenzierung, vergleichen wir nun die individuelle Klassenzuordnung der 20- bis 30-Jährigen mit der wirtschaftlichen Situation der Familien in den Jahren 2010 und 2016(vgl. Tab. 8.7). Hier offenbaren sich Wachstum und Einbußen der Mittelschichtgruppen seit dem Arabischen Frühling und zeigen die soziale Mobilität aus Sicht einzelner Familien. Das Ergebnis ist eindeutig: Bei einem Viertel der Familien(25 Prozent) hat sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, und nur bei knapp einem Achtel(12 Prozent) hat sich die Lage verbessert. Die Ergebnisse deuten auf eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung hin: 208 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Die Schere zwischen arm und reich in der Gesellschaft weitet sich immer mehr. Die wohlhabenderen Gruppen nehmen an Größe zu(hier bezeichneten mehr Personen die wirtschaftliche Situation ihrer Familien im Jahr 2016 als»sehr gut«), während die Lage der ärmeren Gruppen der Mittelschicht immer verzweifelter wird(hier bezeichneten mehr Personen die wirtschaftliche Situation ihrer Familien im Jahr 2016 als»eher schlecht« oder»sehr schlecht«). Die massiven sozialen Verwerfungen scheinen sich vor allem im sozialen Abstieg vieler Angehöriger der unteren Mittelschicht in die Armut zu manifestieren. Dies spiegelt sich auch in der Wahrnehmung junger Leute. Muhammad, 26 Jahre, aus Zarqa in Jordanien, betont: Selbst für Leute, die Arbeit haben, sind die Löhne weder im privaten noch im öffentlichen Sektor hoch genug, und die Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Früher gab es die Klassen der Armen, der Mittelschicht und der Reichen, aber heute sehe ich nur noch arm und reich.[Die] Mittelschicht ist abgeschafft. Das Leben besteht mittlerweile nur noch aus Schlafen und Arbeiten, um Geld zu verdienen, jeden Tag. Ich gelte als arm und habe nur mich selbst zu versorgen. Die Mittelschicht steht für den Luxus, ausgehen zu können. In der Mittelschicht lebt man oberhalb der Armutsgrenze, doch mittlerweile leben leider alle unterhalb der Armutsgrenze(JO-11). Muataz aus Kairo, 29 Jahre alt, teilt diese Einschätzung: Bis vor kurzem, vor der Revolution, gab es eine Mittelschicht, und sie war groß. Doch jetzt ist sie dabei, sich aufzulösen. Früher gab es eine arme Bevölkerungsschicht, eine Mittelschicht und die Reichen. Heute sind jedoch aus meiner Sicht nur zwei Klassen übrig geblieben, von denen die eine arm und die andere reich ist(EG-3). Diese gesellschaftliche Bruchlinie setzt im Herzen der Mittelschicht an und zieht sich durch die armen Bevölkerungsschichten: Die Zahl der jungen Leute in zwei von drei Gruppen der oberen Mittelklassen(OMM, OMU), die die wirtschaftliche Situation ihrer Familie im Jahr 2010 mit 2016 vergleichen und sie als»sehr gut« bezeichnen, ist gesunken. Dem stehen kleine Verbesserungen bei den negativen Einschätzungen gegenüber(»eher schlecht« oder»sehr schlecht«). Je niedriger die gesellschaftliche Klasse insgesamt, desto deutlicher ist der Rückgang in den positiven(»sehr gut« und»eher gut«) und der Anstieg in den negativen Bereichen(»eher schlecht« oder »sehr schlecht«), was auch durch die Angaben zur»Abstiegsmobilität« belegt ist. In der wachsenden Gruppe der Armen ist eine dramatische gesellschaftliche Abstiegsmobilität zu beobachten. Es ist keineswegs überraschend, dass folgende Gruppen am stärksten von dem wirtschaftlichen Die arabische Mittelschicht 209 Niedergang betroffenen sind: Syrische Flüchtlinge im Libanon(64 Prozent der Haushalte), Jemeniten(59 Prozent), aber auch Palästinenser(23 Prozent), Ägypter(22 Prozent) und Libanesen(17 Prozent). Die Haushalte, in denen es wirtschaftlich bergauf geht – von denen es nicht einmal halb so viele gibt wie die, die sich im Abstieg befinden – konzentrieren sich auf Palästina(25 Prozent), Jordanien(17 Prozent), Marokko(15 Prozent) und Ägypten(13 Prozent). Die Bewertung der wirtschaftlichen Situation entspricht der aus anderen Bereichen des jugendlichen Alltagslebens: Wer einen gesellschaftlichen Abstieg erlebt, betrachtet seine Möglichkeiten auf ein erfülltes Leben mit größerer Wahrscheinlichkeit als unbeständig; dies gilt auch für die politische Situation, das Vertrauen in Freunde und das Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten. Unsicherheit wird omnipräsent und prägt den Alltag. Bushra, 18 Jahre, alleinstehend, aus Abyan im Jemen, hebt hervor: Ich bin pessimistisch, da ich die dunkle Seite der Zukunft sehe. Jedwede Bemühung wird ergebnislos sein. Ich werde zum Beispiel in naher Zukunft meinen Schulabschluss machen, dann werde ich auf Arbeitssuche gehen, aber ich schätze, ich werde nichts finden, da alle staatlichen Angelegenheiten von irgendwelchen Gruppen gesteuert werden. Die Bedingungen im Land sind schlecht und verschlechtern sich weiter. Mit der Gesellschaft geht es in allen Bereichen bergab, wirtschaftlich, sozial und politisch. Ich fürchte, diese Verschlechterung wird noch zunehmen, insbesondere im Zuge von Preiserhöhungen, unregelmäßigen Gehaltszahlungen und Unsicherheit(YE-1). Jawad, 19 Jahre, aus Irbid in Jordanien unterstreicht: Angst vor Armut: Ich fürchte, ich werde mir kein Auto kaufen und werde es mir nicht leisten können, zu heiraten oder eine Ausbildung zu machen oder ein Haus zu bauen. Die Menschen sind arm, entweder weil ihre Väter arbeitslos sind und es sich nicht leisten können, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen, oder sie arbeiten, aber es gibt kein festes Gehalt und keine Versicherung für sie und ihre Familien. Ihre Arbeit reicht lediglich aus, die wichtigsten Grundbedürfnisse ihrer Familien zu decken. Ich kann mich nicht selbst durch Arbeit vor der Armut schützen. Manche Leute reisen in ein anderes Land, um dort zu arbeiten, anstatt ihrem Land zu dienen und in Armut zu leben, denn die Gehälter in Jordanien sind sehr niedrig. Ich blicke nicht optimistisch in die Zukunft, denn die aktuelle wirtschaftliche Lage in Jordanien ist schlecht, und meine Arbeit ist nicht gut genug bezahlt, um mich selbst abzusichern; sie deckt meine Bedürfnisse nicht. Darüber hinaus gibt es nur wenige Beschäftigungsmöglichkeiten in Jordanien. Deshalb sehen junge Hochschulabsolventen sich gezwungen, Arbeit im Ausland zu suchen. Welches Schicksal würde mich dort als jungen, arbeitenden Mann ohne Studium erwarten(JO-1)? 210 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Tab. 8.7 Wirtschaftliche Situation von Mittelklassefamilien in 2010 und 2016 Klassenzugehörigkeit (Selbsteinschätzung) Mittelschichtsgruppen ( n=6.274 ) Wirtschaftliche Situation 2010 sehr gut 2016 2010 eher gut 2016 2010 eher schlecht 2016 2010 sehr schlecht 2016 Netto-Mobilität (% Familien) – Aufstiegsmobilität – Abstiegsmobilität Obere MK OMO 524 Untere MK UMO 959 Obere MK OMM 524 Obere MK OMU 774 Untere MK UMM 969 Untere MK UMU 1.342 39 24 22 22 15 15 45 18 15 8 4 3 57 62 71 72 64 59 54 72 83 86 79 61 4 12 7 6 18 22 2 9 2 5 16 32 0 2 0 1 3 4 0 0 0 1 1 5 +8 –1 –2 –12 –4 –19 16 14 12 8 14 11 8 15 14 20 18 30 Arm 1.154 10 2 43 17 31 49 15 33 –38 10 48 Fragen 20, 21, 47, Schichtenindex. Hinweise Um den Vergleich mit der Situation im Jahr 2010 zu ermöglichen, wurden nur Befragte im Alter von 20 bis 30 berücksichtigt(n=6.274). Außerdem wurden zwei Gruppen nicht einbezogen: »Wohlhabend«(n=83); und»Sehr Arm«(n=195). Umrandete Felder verweisen auf größere Häufigkeiten im Jahr 2016 verglichen mit 2010(mehr als fünf Prozentpunkte Unterschied). | OMO = Obere Mittelklasse und Oberste Schicht; OMM = Obere Mittelklasse und Obere-Mittel-Schicht; OMU = Obere Mittelklasse und Mittlere Schicht, Untere-Mittel- und Unterste Schicht; UMO = Untere Mittelklasse und Oberste und Obere-Mittel-Schicht; UMM = Untere Mittelklasse und Mittlere Schicht; UMU = Untere Mittelklasse und Untere-Mittel- und Unterste Schicht. | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. 4 Politische Mobilisierung für welches politische System? Im Folgenden setzen wir die wirtschaftliche Abwärtsmobilität zu den politischen Absichten und Aktivitäten der jungen Menschen in der MENA-Region ins Verhältnis(vgl. Tab. 8.8). Die Absicht, politisch aktiv zu werden (Politische Intention), lässt sich am häufigsten bei den Gruppen beobachten, die vom sozialen Niedergang besonders betroffen sind; sie ist unter den Armen am stärksten ausgeprägt. Die größere Häufigkeit tatsächlicher politischer Betätigung(Politische Aktivität) verschiebt sich allerdings etwas; und zwar auf die Gruppen in der unteren Mittelschicht, die immer noch von den gesellschaftlich polarisierenden Fliehkräften und dem Verlust wirtschaftlicher Sicherheit in Mitleidenschaft gezogen sind, jedoch über Die arabische Mittelschicht 211 Tab. 8.8 Politische Intentionen und Aktivitäten der Mittelschicht Klassenzugehörigkeit (Selbsteinschätzung) Mittelschichtsgruppen Obere MK OMO Politische Mobilisierung – Politische Intention:»Hoch« 23 – Politische Aktivität:»Hoch« 13 Bevorzugtes politisches System – Demokratisches System 40 – Ein starker Mann 35 – Religiöser Staat(Scharia) 6 Rolle des Staates – »Größere Rolle« 77 – »Soziale Absicherung« 62 Untere MK UMO 25 12 37 33 9 78 61 Obere MK OMM 29 15 43 25 9 80 59 Obere MK OMU 30 15 40 23 11 78 61 Untere MK UMM 32 18 41 23 11 75 66 Untere MK UMU 31 17 35 24 13 76 65 Arm 37 16 37 22 13 74 63 Frage 159: » Wenn Dir etwas wichtig ist und Du möchtest gehört werden oder politischen Einfluss ausüben, welche der folgenden Möglichkeiten würdest Du überlegen umzusetzen?«(11 Antwortfelder; etwa»an einem Streik teilnehmen«) Wir haben aus den jeweils fünf möglichen Antwortoptionen, von denen jeweils eine auszuwählen war(sicher nicht= 1; wahrscheinlich nicht= 2; vielleicht= 3; wahrscheinlich= 4; sicher= 5) Durchschnittswerte ermittelt und diese zusammenfassend pro Befragtem in drei Kategorien politischer Intention unterteilt:»Keine«(≤1)= 36 Prozent;»Gering«(>1–2)= 35 Prozent;»Hoch«(>2)= 30 Prozent. Frage 160: » Welche von diesen Möglichkeiten hast Du umgesetzt oder daran teilgenommen?« Wir haben die Summe aller»Ja«-Antworten(maximal 11) ermittelt(z. B. 22 Prozent nahmen an Wahlen teil; 12 Prozent an einer Demonstration; und 7 Prozent boykottieren bestimmte Waren; hat jemand an allen drei Aktivitäten teil genommen erhält er 3 Punkte) und sie in drei Kategorien politischer Betätigung unterteilt:»Keine«(0 Punkte)= 65 Prozent;»Gering«(1 Punkt)= 20 Prozent;»Hoch« (2–11 Punkte)= 15 Prozent. Die reine Teilnahme an einer Wahl(1 Punkt) wird dementsprechend als »geringe« politische Aktivität gesehen. Frage 113: » Wenn Du Dich in der Welt umschaust, welches politische System würdest Du vorziehen?« Mögliche Antworten:»Ein starker Mann/eine starke Frau, der/die das Land regiert«(26 Prozent/ 1 Prozent);»Ein religiöser Staat auf Grundlage der Scharia«(11 Prozent);»Ein sozialistisches System« (1 Prozent);»Eine Kombination aus sozialistischem und islamischem System«(2 Prozent);»Ein demokratisches System«(39 Prozent);»Eine Kombination aus demokratischem und islamischem System« (11 Prozent);»Ein System ohne Nationalstaaten«(0);»Sonstiges«(1 Prozent);»Weiß nicht«(7 Prozent). Fragen 113, 115, 116, 159, 160. Hinweise: Syrischen Flüchtlinge im Libanon wurden die Fragen 159 und 160 nicht gestellt(n=8.000). Zahlen in Fett verweisen auf den höchsten prozentualen Wert pro Zeile. | OMO = Obere Mittelklasse und Oberste Schicht; OMM = Obere Mittelklasse und Obere-Mittel-Schicht; OMU = Obere Mittelklasse und Mittlere Schicht, Untere-Mittel- und Unterste Schicht; UMO = Untere Mittelklasse und Oberste und Obere-Mittel-Schicht; UMM = Untere Mittelklasse und Mittlere Schicht; UMU = Untere Mittelklasse und Untere-Mittel- und Unterste Schicht. | Alle Angaben in Prozent. | MK = Mittelklasse. mehr Ressourcen verfügen als die Armen. Absicht und Umsetzung stehen in klarer Korrelation zueinander: Wer ehrgeizige politische Absichten ver212 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa folgt, wird auch häufiger politisch aktiv. Allerdings bleibt die politische Betätigung auf ein kleines Segment der Jugend beschränkt: Während immerhin ein Drittel angibt, politisch aktiv werden zu wollen, ergreift nur ein Sechstel der befragten Jugendlichen konkrete Maßnahmen, die über die Teilnahme an einer Wahl hinausgehen. Was die einzelnen Länder betrifft, so liegen die Jugendlichen in Palästina(25 Prozent), Jemen(21 Prozent), Tunesien und Ägypten(19 Prozent) in dieser Hinsicht deutlich über dem Durchschnitt(vgl. Kap. 13). Ist die Mittelschicht also mehrheitlich als unpolitisch anzusehen? Anders gefragt: Welche Verbindung besteht zwischen Klassenposition, politischer Mobilisierung, dem bevorzugten politischen System und der gewünschten Rolle des Staates? Wo finden sich die meisten Unterstützer des jeweiligen Systems: für die Demokratie, einen»starken Mann«, der das Land regiert, für ein»demokratisch-islamisches System« oder einen»religiösen Staat auf der Grundlage der Scharia«? Auch wenn ein demokratisches System insgesamt die größte Unterstützung findet, gibt es eine tendenziell segmentierte Wählerschaft: Ein starker Mann wird häufig von den Wohlhabenden unterstützt; ein religiöses System auf Grundlage der Scharia wird am häufigsten von den ärmeren Schichten bevorzugt, und der Kern der Mittelklasse spricht sich primär für ein demokratisches System aus. Welche Aufgaben soll der Staat übernehmen? Drei Viertel aller Befragten wünschen sich, dass die Regierung in ihrem Alltagsleben mehr Präsenz zeigt und größeren Einfluss ausübt – bei circa zwei Drittel aller Jugendlichen steht der Wunsch nach sozialer Absicherung ganz oben auf der Liste. Die Sehnsucht nach Sicherheit und Gewissheit prägt die Grundwerte der jungen Menschen(vgl. Kap. 3). Die Umsetzung dieser Werte gehört zu den Hauptzielen für die Zukunft, doch stellt sich die Umsetzung im Alltag auf absehbare Zeit eher ambivalent dar: Dieses findet einerseits Ausdruck in einem tiefen Misstrauen gegenüber Politikern und Institutionen wie dem Parlament und spiegelt sich andererseits gleichzeitig in dem Wunsch nach einer Regierung, welche grundlegende Bedürfnisse erfüllen kann. Da diese Art von Sicherheit in Zeiten ungebremster Globalisierung, politischer Unruhen und bewaffneter Konflikte vom Nationalstaat kaum zu erbringen ist, obgleich viele junge Menschen sich dies sehr wünschen, rückt die Bedeutung des Islam, der als sehr persönliche Glaubensangelegenheit wahrgenommen wird, für die Jugend in den Vordergrund. Drei Viertel derjenigen, die sich im wirtschaftlichen Abstieg befinden, betonen, dass ihr persönlicher Glaube stabil sei – mehr als in jeder anderen Gruppe. Die arabische Mittelschicht 213 5 Fazit In der Selbstwahrnehmung junger Menschen repräsentiert die Mittelschicht einen großen Teil der arabischen Gesellschaft, doch frei aussuchen, ob man dazu gehört oder nicht, das kann man nicht. Soziale Klassen sind vielmehr das Ergebnis langwieriger, anhaltender, und generationsübergreifender Aushandlungsprozesse. Sie entstehen aus einem Geflecht sozialer Beziehungen. Das Bildungs- und Beschäftigungsprofil der Eltern prägt das Konsum- und Freizeitverhalten der Jugend in der MENA-Region, dient als Unterscheidungsmerkmal und trägt dazu bei, dass sich Klassenzugehörigkeiten in gewissem Umfang auf nachfolgende Generationen übertragen. Die arabischen Gesellschaften und Klassenmuster sind jedoch von diversen Rissen durchzogen: Langfristig ist die wirtschaftliche Absicherung aufgrund der Verwerfungen in der Beschäftigungsstruktur verloren gegangen, welche ihrerseits mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaats und dem Verlust sicherer staatlicher Arbeitsplätze einhergehen(vgl. Kap. 7). Mittelfristig ist es seit dem Arabischen Frühling zu weiteren gesellschaftlichen Turbulenzen in Form von Krieg, bewaffneten Konflikten, Revolutionen und inneren Unruhen gekommen, was die soziale Absicherung zusätzlich erschüttert hat. Seither ist die Mittelschicht in Segmente zerfallen, die ein unterschiedliches Maß an Unsicherheit und Prekarität aufweisen; sie ist am zerbröckeln. Wenn»Das Alte stürzt«(Achebe 1958), bleibt dies nicht ohne Konsequenzen. Die junge Generation ist besonders stark von der Dynamik sozialer und wirtschaftlicher Polarisierung betroffen und weitreichend in zwei ambivalente Prozesse eingebettet. Erstens die politische Mobilisierung. Diese ist am stärksten unter den Gruppen ausgeprägt, deren Familien eine soziale Abwärtsmobilität erfahren haben. Aber selbst Aktivisten sind sich oft nicht bewusst, wie komplex die Gründe für ihre Entrechtung sind, und wenden sich daher häufig nur an ihre Regierung, um Hilfe zu fordern. Zweitens verliert diese Generation, zusätzlich zu den verschwindenden Klassenpositionen, die Gewissheit einer sozialen Identität und persönlicher Zukunftsaussichten. Wenn gesellschaftliche Strukturen zusammenbrechen, ist es für den Einzelnen nicht mehr einfach, sich mit einem Staat zu identifizieren – schon gar nicht mit der Politik dieses Staates. Was bleibt ihnen? Es ist das Vertrauen in die Familie und der persönliche(religiöse) Glaube. Diese Erfahrungen spiegeln sich in den Vorlieben junger Leute für spezifische politische Systeme wider. 214 Jörg Gertel · Rachid Ouaissa Kapitel 9 Hunger und Gewalt: Räume der Unsicherheit Jörg Gertel · Tamara Wyrtki W ie kaum eine andere Region der Welt sind das postkoloniale Nordafrika und der Nahe Osten immer wieder durch Brotpreisproteste, sogenannte IWF-Aufstände, Nahrungspreiskrisen und politische Umbrüche geprägt. Der Arabische Frühling, ausgelöst durch die Revolutionen in Tunesien und Ägypten, aber auch die bewaffneten Konflikte in Syrien und im Jemen, steht für viele Bürger für eine neue Form kollektiver Erfahrung: für eine länderübergreifende simultane Nahrungsunsicherheit. Die öffentlich erhobene Forderung nach Nahrungssouveränität, die in den Slogans von 2011, dem Ruf nach dem Recht auf Brot, nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit(ʿ aysh, hurriyya, ʿadala ijtimaʿiyya) und dem Wunsch nach dem Sturz des Systems( isqat al-nizam) ihren Ausdruck fand, symbolisiert die zentrale Bedeutung von Brot und verweist gleichzeitig auf das Versagens der Regierungen, die Grundbedürfnisse ihrer Bürger zu sichern. Nirgends empfinden Menschen in Unsicherheit so viel Ungerechtigkeit wie bei ihren verzweifelten Bemühungen, Tag für Tag das Wohl ihrer Familien zu gewährleisten und sie ausreichend mit Nahrung zu versorgen. Oft geht Nahrungsunsicherheit dabei mit Gewalt einher. Besonders in Situationen von bewaffneten Konflikten und Hunger sind direkte und strukturelle Gewalt oft hochgradig miteinander verzahnt. Galtung(1969) erfasst Gewalt als Ursache für den Unterschied zwischen dem Potenziellen und dem Tatsächlichen, als Kluft zwischen dem,»was möglich gewesen wäre« und dem,»was ist«. Während direkte Gewalt unmittelbare Konfrontationen zwischen Menschen beschreibt, ist die strukturelle Gewalt ins Sozialsystem eingeschrieben; sie hindert Menschen daran, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und weist eine hohe Affinität zur sozialen Ungerechtigkeit auf. Für viele arabische Familien ist die Gefahr, in die Armut abzurutschen und den Zugang zu ausreichenden Lebensmitteln zu verlieren, alltäglich präsent. Doch während die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwar vielfach die Protestaktionen des Arabischen Frühlings angeschoben haben, Hunger und Gewalt 215 sind sie nicht per se zu den verwundbarsten Gruppen zu zählen, die von Nahrungsunsicherheit und Hunger am stärksten betroffen wären. Dies sind Kleinkinder, schwangere Frauen und alte Menschen, bei denen sich die Kombination von Mangelernährung und Krankheiten am dramatischsten auswirkt. Jugendliche und junge Erwachsene sind tendenziell – und oft im Gegensatz zu ihren Eltern – die körperlich widerstandsfähigsten Familienmitglieder. Sie haben generell auch weniger Pflichten als diese, wenngleich auch sie in Krisenzeiten gezwungen sind, zusätzliche Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen. Entsprechend beantworten sie Fragen zum Thema Sicherheit und Hunger anders als ihre Eltern. Wir argumentieren, dass Nahrungsunsicherheit und Gewalt oft Hand in Hand gehen und vor allem die armen und schwachen Bevölkerungsgruppen treffen. Doch obwohl wir wissen, dass beide Phänomene drastische Folgen für die Betroffenen haben, die kaum reversibel sind und zu sozialen Brüchen sowie zum Verlust sozialer Standards führen, ist über die Ursachenstruktur von Hunger und die politische Ökonomie langer Handlungsketten von Handel und der Bedeutung von privatem Profit bisher wenig bekannt. Unsere Argumentation zu Räumen der Unsicherheit vollzieht sich in vier Schritten: Zunächst diskutieren wir nach einer kurzen Einleitung in die Struktur des Nahrungssystems der MENA-Region grundlegende Erklärungen zu den Ursachen von Nahrungskrisen und präsentieren dann die empirischen Befunde im regionalen Kontext. Anschließend betrachten wir einzelne Fallstudien zu Nahrungsunsicherheit und Hunger und erörtern die spezifische Lage junger Menschen im jeweiligen Zusammenhang. 1 Nahrungssysteme in den MENA-Staaten Die Nahrungsversorgung arabischer Länder hat sich zunehmend mit dem globalen Nahrungssystem verflochten und ist von diesem abhängig. Dabei zeichnen sich vier Phasen ab: In der Zeit der europäischen Kolonialherrschaft wurde die kleinteilige landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft der arabischen Staaten umstrukturiert und selektiv für die Produktion von Exportgütern nach Europa, besonders nach Frankreich und England, neu ausgerichtet. In der Folge intensivierte sich die ökonomische Integration der MENA-Region, Marktproduktion und Kommerzialisierung schritten voran und ProduktionsKonsum-Beziehungen wurden über immer größere Distanzen ausgedehnt. 216 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Zum Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelten sich die USA zur dominanten Kraft im internationalen Nahrungssystem: Zunehmend exportierte sie billiges Getreide – auch in die jungen arabischen Nationalstaaten. Als diese ihre politische Unabhängigkeit erlangten, wurde die Landwirtschaft weitgehend vernachlässigt, während die Industrialisierung häufig zunächst die lebensmittelverarbeitende Branche erfasste: Investitionen flossen beispielsweise in Fabriken zur Herstellung von Zucker, Milchprodukten oder Obstsäften. In jenen frühen Jahren des arabischen Sozialstaates wurde die Subventionierung von Lebensmitteln ausgebaut, und man sorgte dafür, dass auch die Armen an der Entwicklung teilhatten. Für große Teile der Bevölkerung herrschte damals Nahrungssicherheit. Als zur Mitte der 1980er-Jahre die internationale Schuldenkrise einsetzte, kam es zur Deregulierung der Wirtschaft, und es waren zunehmend die transnationalen Lebensmittelkonzerne, die nun von den»offenen« Märkten profitierten. Die verschuldeten Staaten der MENA-Region fielen unter die Kontrolle von Weltbank, IWF und anderen internationalen Organisationen, die unter den Bedingungen der ökonomischen Strukturanpassung Kredite zur Verfügung stellten und unter anderem die Abschaffung der Zölle und Kürzungen der Staatsausgaben forderten. In der Folge wurden Nahrungssubventionen systematisch reduziert oder gar gestrichen. Zwischen 1990 und 2000 wurde in Algerien, Ägypten, im Iran, in Jordanien, Marokko, Tunesien und im Jemen die Subventionierung von Lebensmitteln fast komplett eingestellt(Gertel 2005). Gleichzeitig wurden die bis dahin als Hilfeleistung gedachten Getreidelieferungen(vor allem aus den USA) in kommerzielle Handelsbeziehungen umgestellt. Parallel dazu konzentrierte sich der Getreidehandel auf den privaten Sektor. Unternehmen wie Cargill, Continental Grain und ADM wurden die neuen Global Players, die den weltweiten Nahrungsmittelfluss sowie die internationalen Preise steuerten. Aufgrund der asymmetrischen Liberalisierung entstand überdies eine von Willkür gekennzeichnete Lage, in der einerseits Handelsrestriktionen abgebaut und Freihandel gefördert wurden, während sich andererseits die Handelsblöcke(EU, NAFTA) protektionistisch aufstellten und entsprechend agierten. Arabische Staaten wie Marokko, Tunesien und Ägypten, die, von ausländischen Experten beraten, seit den 1980er-Jahren darauf hofften, ihre Obst- und Gemüseexporte nach Europa ausbauen zu können, konkurrierten um beschränkte Quoten und reduzierte Zeitfenster. Der versprochene Nutzen des Freihandels hat sich für sie gesellschaftlich nie gelohnt. Hunger und Gewalt 217 Vielmehr verschärfte sich bei ihnen die gesellschaftliche Polarisierung, und die Armut nahm zu. Zur Jahrhundertwende griff die Dynamik der Finanzialisierung auf das globale Nahrungssystem über(Gertel& Sippel 2016). Auf nationalökonomischer Ebene bedeutete das einen Abzug der Investitionen vom industriellen Sektor, um mit Finanzkapital höhere Profite zu generieren: Unter anderem begannen Supermärkte als Banken zu fungieren. Das ging einher mit einer wachsenden Bedeutung des Shareholder Value und der Notwendigkeit für Lebensmittelkonzerne, vor allem kurzfristige Gewinne zu erzielen(vgl. Dixon 2014 für Ägypten). In der Folge setzte die Finanzialisierung des Alltags ein. Selbst Unter- und Mittelschichtshaushalte nutzten zunehmend neue Finanzprodukte(zum Beispiel Derivate als Teil ihrer Rentenpläne). Schließlich prägten immer häufiger technologiebasierte virtuelle Preisbildungsprozesse die Lebensmittel- und Zukunftsmärkte. Institutionelle Investoren(Rentenfonds und andere) spekulierten mit Rohstoffen und landwirtschaftlichen Produkten und lösten damit auch in der MENA-Region drastische Steigerungen der Nahrungspreise aus. 2008 litten zum ersten Mal in der Geschichte über eine Milliarde Menschen in der Welt Hunger, mitverursacht durch Spekulationsgewinne. Mangelernährung und Hunger stellen heute das größte Gesundheitsrisiko dar, mit Konsequenzen, die weit über das kumulierte Gefahrenpotenzial von AIDS, Malaria und Tuberkulose hinausgehen. Zusammenfassend bedeutet das, dass die Schwelle für die Herausbildung neuer Nahrungskrisen und neuer gesellschaftlicher Verwerfungslinien sinkt. Nach dreißig Jahren Neoliberalismus, Deregulierung und Strukturanpassungsmaßnahmen gibt es – vor allem für die von niedrigen Einkommen und Armut geprägten arabischen Länder – immer weniger Möglichkeiten, Krisen abzufedern. Ungebremst durch die(mittlerweile teilweise abgewählten) Regierungen wirken sich Preisschwankungen zunehmend direkt auf die privaten Haushalte aus, Preiserhöhungen sind in voller Stärke für jeden Einzelnen spürbar. Die öffentlichen Massenproteste der Jahre 2008 und 2010/11 zeigen diese Anfälligkeit für die globalisierten Nahrungsmittelkrisen in aller Klarheit: Der Arabische Frühling begann just, als die internationalen Lebensmittelpreise ihren Höhepunkt erreichten. 218 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki 2 Erklärungen für Nahrungsunsicherheit und Hunger Um Nahrungsunsicherheit und Hunger zu erklären werden drei Ursachen unterschieden: Produktionsschwierigkeiten, Markt- und Zugangsprobleme sowie Interventionsversagen. Anhänger der Modelle von Produktionsengpässen argumentieren, Hunger sei eine Folge unzureichender Nahrungsmittelproduktion. Diese wurden lange aus malthusianischer Perspektive gesehen und in den Zusammenhang mit Bevölkerungswachstum und der Begrenztheit landwirtschaftlicher Produktionsflächen gestellt. Doch in einem global vernetzten Nahrungssystem lassen sich lokale Produktionsausfälle ausgleichen. Geografisch beschränkte Erklärungsversuche sind damit obsolet. Überdies konnten in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Produktionszuwächse pro Fläche erzielt werden, was rein demografischen Erklärungsansätzen ebenfalls die Überzeugungskraft nimmt. In der global verflochtenen Welt können aus Produktionseinbrüchen resultierende Preissteigerungen allerdings über weite Distanzen von Standorten landwirtschaftlicher Erzeugung zu(städtischen) Konsumenten und Verbrauchern weitergegeben werden. Unterernährung, Hunger und Krankheiten in den Ländern der MENA-Region finden ihre Ursache dann letztlich in Problemen beim Anbau von Weizen in Frankreich, den USA oder in Russland. Das verweist bereits auf die im Folgenden geschilderten preisabhängigen Zugangsprobleme zu Nahrungsmitteln. Der zweite Erklärungsansatz beleuchtet Markt- und Zugangsprobleme ( Entitlement Failure; Sen 1991): Zentrale Gelenkstelle dieser Überlegungen ist die asymmetrische Preisbildung, gekoppelt mit der Preisvolatilität von Nahrungsmitteln innerhalb weltweit verflochtener Austauschbeziehungen (Prakasch 2011). Selbst bei lokal hinreichend vorhandenen Nahrungsmitteln kann es mangels ausreichender Ressourcen oder ausreichenden Kapitals zu Nahrungsunsicherheit und Hunger kommen. Sprich, einzelne Personen und Gruppen verfügen nicht über die notwendige Kaufkraft, Produkte zu erwerben, die lokal vorhanden sind. Sen(1991) nennt dies den Verlust von Austauschansprüchen( exchange entitlement failures). Nahrungsunsicherheit und Hunger sind somit als Zugangsprobleme zu Nahrungsmitteln zu verstehen. Dies ist insbesondere ein Problem für die wachsende Zahl der Armen. Der dritte Ansatz analysiert Verantwortungsprobleme und Interventionsversagen( Response Failure; Devereux 2007).»Neue« Hungerkrisen, solche unter Globalisierungsbedingungen, resultieren, so die Argumentation, aus Hunger und Gewalt 219 möglichen, aber unzulänglichen oder komplett ausbleibenden Interventionen. Sie stehen oft im Zusammenhang mit restriktiven politischen Regimen, sind jedoch auch als Konsequenz problematischer entwicklungspolitischer Interventionen denkbar, welche lokale Strategien der Existenzsicherung untergraben. Nahrungskrisen in Kriegen oder komplexen Notsituationen können Ergebnis davon sein, dass das Nahrungssystem an verschiedenen Segmenten unterbrochen wird: auf der Ebene der Produktion ebenso wie auf der Ebene von Vermarktung oder des Transfers. Hier besteht ein Zusammenhang zwischen Nahrungsunsicherheit und Gewalt. Belagerungen wie beispielsweise in Syrien oder im Jemen werden gezielt eingesetzt. Hungersnöte»geschehen« dann nicht einfach, sie werden bewusst»gemacht«. Sie sind dementsprechend nicht als Scheitern der sozialen oder ökonomischen Ordnung zu verstehen, sondern vielmehr als deren Produkt. Entsprechend müssen nicht nur lokale Ursachen von Unsicherheit analysiert werden, sondern auch externe, insbesondere von Hunger und Gewalt profitierende Kräfte in den Blick genommen werden (zur Logik von Kriegsökonomien vgl. Edkins 2007). Vor diesem Hintergrund werden wir uns im Folgenden mit vier Fragen befassen: Wie positionieren sich junge Menschen der MENA-Region im globalen Nahrungssystem? Wer ist der Nahrungsunsicherheit besonders ausgesetzt? Wie wichtig ist die Rolle nationaler Regierungen bei der Verhinderung beziehungsweise Abfederung dieser Unsicherheiten? Welche länder- und gruppenspezifischen Probleme resultieren hieraus? 3 Hunger und Gewalt in der MENA-Region Auf die Frage nach den für sie wichtigsten Transformationen in den vergangenen fünf Jahren seit dem Arabischen Frühling stellen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen am häufigsten Nahrungsunsicherheit und wachsende Gewalt heraus. Über die Hälfte der Befragten nennt»zunehmende Gewalt« und»Nahrungsknappheit«(mit jeweils 57 Prozent) als»wichtige« beziehungsweise»sehr wichtige« Veränderung in ihrem Leben. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon(80 Prozent), dem kriegszerrütteten Jemen(77 Prozent) und im instabilen Ägypten(71 Prozent) überrascht der Verweis auf Probleme in der Nahrungsversorgung nicht. Jedoch werden sie auch in Palästina und Jordanien, mit Blick auf die vergangenen fünf Jahre, als zentrale Probleme angeführt(Abb. 9.1). Nahrungsunsicherheit 220 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki kombiniert sich in diesen Ländern außerdem mit zunehmender sozialer Instabilität und Gewalt(vgl. Abb. 9.2). Vor allem syrische Flüchtlinge im Libanon und die Jemeniten verweisen auf eine problematische Lage, wenn sie nach Ihrer Einschätzung der aktuellen Lebensmittelversorgung gefragt werden(vgl. Tab. 9.1). Für beide Gruppen steht die Nahrungsunsicherheit in unmittelbarem Zusammenhang mit gewaltsamen Konflikten. Allgemein zeigt sich auch eine Gewaltexponiertheit in Tunesien und Palästina, wo über ein Viertel der Befragten, nach eigenen Angaben, bereits mehr als einmal selbst Gewalt erlebt hat. Das Spektrum der Zwischenfälle beziehungsweise Erlebnisse, nach denen wir fragten, umfasst sowohl Erfahrungen niedrigerer Intensität – wenn etwa Jugendliche und junge Erwachsene Zeugen von Gewalthandlungen werden – als auch die bewusste Zerstörung eigener Produktionsmittel oder der Wohnung, aber auch Vertreibung und Abschiebung, medizinische Versorgung infolge von erlittener Gewalt(Zusammenschlagen, Verprügeln), Gefängnisaufenthalte, Hunger, Folter, Verwundung oder Verletzung in einem bewaffneten Konflikt, häusliche Gewalt, psychische Gewalt, sexuelle Belästigung, Teilnahme an einer Demonstration, die in Gewalt mündete, sowie eine beliebige andere eigene Gewalterfahrung. Zusammengefasst finden sich diese Fälle als»Gewaltexposition«(vgl. Tab. 9.1). Die genauere Betrachtung der am stärksten exponierten Gruppe – Mitglieder der untersten Schicht, die in ihrer Eigenbewertung zudem die höchsten Unsicherheitswerte angeben(vgl. Kap. 2) – verdeutlicht, dass in dieser Gruppe tatsächlich die meisten Gewalterfahrungen gemacht werden. Interne Gruppendifferenzen sind besonders ausgeprägt in Ägypten und Jordanien, während im Jemen, bei den syrischen Flüchtlingen, jedoch auch in Palästina und in Tunesien Gewalterfahrungen nicht nur die unteren Schichten betreffen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem sind. Eine hohe Korrelation der Erfahrung von Gewalt und Nahrungsknappheit zeigt sich bei knapp zwei Dritteln(61 Prozent) der jungen Menschen, die sowohl ihre Erfahrung mit zunehmender Gewalt als auch mit Lebensmittelknappheit in den vergangenen fünf Jahren für»sehr wichtig« erachten. Um das Maß zu identifizieren, in dem junge Menschen die Konsequenzen von Nahrungsunsicherheit spüren, unterscheiden wir zwischen denen, die für sich die Gefahr sehen, den Zugang zu Lebensmitteln zu verlieren(Kategorie»Exponiert«; Tab. 9.1), und denen, die ihren Zugang zu Lebensmitteln bereits als völlig unsicher beschreiben(Kategorie:»Nahrungsunsicher«). Neben den syrischen Flüchtlingen und den Jemeniten verweisen auch Hunger und Gewalt 221 Abb. 9.1 Bedeutung von Nahrungsknappheit 100 6 4 90 23 23 12 80 40 20 18 70 16 23 24 60 15 15 50 42 40 27 25 30 30 32 20 13 10 7 0 Bahrain 20 7 Libanon 14 Tunesein 20 24 Marokko Palästina 9 10 14 38 29 Jordanien 5 6 19 38 32 Ägypten 1 6 4 6 15 12 35 37 45 39 Jemen Syr. Flüchtl. a) Sehr wichtig Wichtig Teils-teils Unwichtig Sehr unwichtig Frage 141 » Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben?« Aspekt: Nahrungsknappheit:» Wie wichtig war sie«. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. junge Menschen im Libanon, in Palästina, Ägypten und Marokko häufig darauf, dass sie Nahrungsunsicherheit ausgesetzt sind. In vielen Fällen lässt sich das auf Einkommens- und Kaufkraftprobleme zurückführen. Überdies geht aktuelle Nahrungsunsicherheit in einigen Fällen mit der Erfahrung von Hunger in der Vergangenheit einher. Durchschnittlich litten zehn Prozent aller Befragten schon einmal Hunger, wenngleich das Gesamtbild von deutlichen Länderdifferenzen geprägt ist. Auch hier sind die syrischen Flüchtlinge und die Jemeniten am stärksten betroffen. Doch es finden sich in Marokko, Palästina, Jordanien und Ägypten auch kleinere Gruppen, die in ihrem Leben bereits Hunger leiden mussten. Das gilt insbesondere für die Verwundbarsten unter ihnen(siehe oben); in den vier letztgenannten Ländern konzentrieren sich frühere Hungererfahrungen gerade auf diese Gruppen. 222 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Abb. 9.2 Bedeutung wachsender Gewalt 100 8 9 7 14 90 19 8 16 13 80 15 23 70 21 60 27 27 54 50 40 39 38 30 28 33 20 17 10 4 6 0 Bahrain 16 Libanon 16 19 23 Marokko Palästina Ägypten 10 7 17 42 24 Jordanien 13 8 12 36 31 Tunesein 2 10 3 8 15 10 35 27 45 45 Jemen Syr. Flüchtl. Sehr wichtig Wichtig Teils-teils Unwichtig Sehr unwichtig Frage 141 » Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben?« Aspekt: wachsende Gewalt:» Wie wichtig war sie«. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Insgesamt weisen Männer diesbezüglich eine höhere Häufigkeit als Frauen auf, Ältere sind stärker betroffen als Jüngere, und junge Erwachsene mit eigenem Haushalt leiden wesentlich öfter unter Hunger als Jugendliche und junge Erwachsene, die noch bei ihren Eltern leben(16 Prozent im Verhältnis zu 7 Prozent). Die Befunde zeigen zudem auch spezifische Zusammenhänge auf: Mehr als ein Drittel(36 Prozent) derjenigen, die aktuell Nahrungsunsicherheit konstatieren(die Gruppe: Nahrungsunsicher), berichtet ebenfalls von früherer Hungererfahrung. Das gleiche gilt für gut ein Viertel(28 Prozent) derjenigen, die latent mit dem Risiko der Nahrungsunsicherheit leben(die»exponierte« Gruppe). In den übrigen Gruppen finden sich kaum Fälle früherer Hungererfahrung. Diese Befunde verdeutlichen sowohl die Kopplung von Armut und Hunger als auch die Persistenz persönlicher Exponiertheit und individueller Hungererfahrungen. Hunger und Gewalt 223 Tab. 9.1 Merkmale von Nahrungsunsicherheit und Gewalt Bahrain Libanon Nahrung 1. Nahrungsknappheit; Wandel(5 Jahre):(%) 2. Sicherheit: Nahrungszugang(Punkte 1–10)(Ø) 3. Exponiert(Nahrungsunsicherheit)= 3–5 von max. 10 Punkten(%) 4. Nahrungsunsicher= 1–2 von max. 10 Punkten(%) 5. Bereits Hunger gelitten(%) 6. Bereits Hunger gelitten/niedrigste Schicht& nahrungsunsicher(%) 7. Bedeutung von billigem Brot=»sehr wichtig«(%) 8. Besitz von Rationskarte(%) Gewalt 9. Zunehmende Gewalt; Wandel(5 Jahre)(%) 10. Soziale Instabilität; Wandel(5 Jahre)(%) 11. Sicherheit: Bewaffnete Konflikte(Punkte 1–10)(Ø) 12. Gewaltexposition(%) 13. Gewaltexposition Niedrigste Schicht& Unsicher(%) 20 27 8,8 7,8 6 17 1 2 1 1 0 3 21 43 1 1 10 44 25 32 7,0 4,9 0 8 2 10 Fragen 3, 10, 98, 104, 141, 168, Schichtenindex(vgl. Kap. 2 und Kap.»Methodik« im Anhang). Hinweise Der höchste Wert pro Zeile wird fett dargestellt(außer Zeilen 2. und 11.; hier ist es der niedrigste Wert). Es können Rundungsfehler vorliegen. Die Einschätzung der Nahrungsunsicherheit basiert auf den Aspekten 1–8, die durch folgende Fragen ermittelt wurden: 1. (Frage 141)» Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben? Wie wichtig waren diese Veränderungen?« Aspekt= Nahrungsknappheit; Antwort:»Wichtig« und»Sehr wichtig« 2. (Frage 10)» Bitte spezifiziere die einzelnen Bereiche von Sicherheit: Ich fühle mich sicher/unsicher in folgenden Bereichen:« Aspekt=Mein Zugang zu Nahrungsmitteln; Antwort:» Bitte bewerte Deine Situation auf einer Skala von 1(überhaupt nicht sicher) bis 10«(völlig sicher); Ø=»Durchschnitt« und steht für den nationalen Durchschnitt. 3.& 4. Die beiden Kategorien repräsentieren zwei eigenständige Gruppen, die auf die gleiche Frage zurückgehen(Frage 10): 3.»Exponiert«, Personen, die gegenüber Nahrungsunsicherheit exponiert sind(3–5 von 10 Punkten); und 4.»Nahrungsunsicher«, Personen, die eindeutig unter Nahrungsunsicherheit leiden(1–2 von 10 Punkten). Angaben entsprechend der eigenen Bewertung der persönlichen Lage. 5. (Frage 168)» Hast Du jemals … Hunger gelitten?«= Antwort:»Ja«. 6. (Frage 168) Bereits Hunger gelitten: Diese Daten repräsentieren die Häufigkeit der faktischen Hungererfahrung der verwundbarsten Gruppe pro Land(Menschen mit dem niedrigsten Schichtenprofil und der nach eigener Einschätzung höchsten Unsicherheit; vgl. Abschnitt 2). Die Zahlen sind dargestellt in Prozent der bereits Hunger leidenden Gruppe beziehungsweise der Gruppe mit Hungererfahrung. Aus Perspektive des Staates ergeben sich zwei wichtige Merkmale: Einerseits kann es in komplexen Notlagen zum Zerfall staatlicher Strukturen kommen, und Autoritäten werden gewaltsam infrage gestellt(beispielsweise im Jemen, in Syrien oder Libyen). Hier haben wir es mit Situationen 224 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Tunesien Jordanien Marokko Palästina Ägypten Jemen Syrische Flüchtlinge 46 68 59 66 71 77 80 8,8 8,0 7,1 7,5 7,3 5,8 4,9 5 7 16 19 12 33 70 1 1 3 3 4 15 7 2 6 6 6 5 19 46 3 15 11 15 15 26 47 64 72 40 63 65 83 87 2 4 1 4 71 0 46 66 66 48 57 62 72 80 47 69 52 61 59 62 83 6,5 6,3 6,1 4,9 6,1 3,3 3,9 25 17 19 27 17 42 77 30 32 25 36 36 42 79 7. (Frage 98)» Wie wichtig ist Dir und Deiner Familie billiges Brot?«= Antwort:»Sehr wichtig«. 8. (Frage 104)» Hast Du/habt Ihr eine Rationskarte um Lebensmittel zu erhalten?«= Antwort:»Ja«. Die Einschätzung der Gewalterfahrungen basiert auf den Aspekten 9–13, die durch folgende Fragen ermittelt wurden: 9.& 10. (Frage 141)» Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben? Wie wichtig waren diese Veränderungen?« Aspekte= Zunehmende Gewalt& Soziale Instabilität; Antwort:»Wichtig« und »Sehr wichtig« 11. (Frage 10)» Bitte spezifiziere die einzelnen Bereiche von Sicherheit: Ich fühle mich sicher/unsicher in folgenden Bereichen:« Aspekt= Die Wahrscheinlichkeit von bewaffneten Konflikten und Krieg; Antwort:»Bitte bewerte Deine Situation auf einer Skala von 1(überhaupt nicht sicher) bis 10(völlig sicher); Ø=»Durchschnitt« und steht für den nationalen Durchschnitt. 12. »Gewaltexposition« Diese Angaben basieren auf dem Violence Exposure Index, der diejenigen umfasst, die mehrfach(mehr als einmal) Gewalt erlebt haben(mindestens 2 der 14 Optionen von Frage 168 positiv beantwortet). 13. »Gewaltexposition: Niedrigste Schicht& Unsicher« Diese Angaben repräsentieren die Gewalterfahrung der schwächsten Gruppe pro Land Menschen mit dem niedrigsten Schichtenprofil und der nach eigener Einschätzung höchsten Unsicherheit; vgl. Kap. 2). Die Zahlen werden als prozentualer Anteil dieser Gruppe aufgeführt. zu tun, in denen massive Gewalt, Hunger und die Gefahr eines frühzeitigen Todes vorherrschen, Vertreibung von Bevölkerungsgruppen stattfinden, massive Schäden für Gesellschaft und Wirtschaft entstehen und nicht selten Behinderungen der humanitären Hilfe durch politische und militäHunger und Gewalt 225 rische Zwänge an der Tagesordnung sind. Andererseits kann die Handlungsfähigkeit von Regierungen durch Importabhängigkeit blockiert sein. Da viele ärmere arabische Staaten – wie Marokko oder Ägypten – von Getreideimporten abhängig sind, ist eine durchgehende Nahrungsversorgung bei stabilen Preisen von zentraler Bedeutung. Ein großer Anteil der untersten Klassen konsumiert nach wie vor hauptsächlich Brot, wofür häufig der größte Teil des Haushaltsbudgets ausgegeben werden muss. Die unterste Schicht in unserem Sample gibt an, dass zu ihren vier wichtigsten Alltagsausgaben vor allem Lebensmittel(84 Prozent) sowie Weizen und Brot (59 Prozent) zählen. Die jeweilige Häufigkeit liegt noch höher bei jungen Menschen, die bereits ihren eigenen Haushalt führen. Hier sind es 94 beziehungsweise 63 Prozent der Befragten, die angeben, dass sie das meiste Geld für Lebensmittel und Weizen aufwenden(sie konnten jeweils 4 von 20 Produkten auswählen; vgl. Kap. 8). Um Proteste gegen zu hohe Nahrungspreise zu verhindern wird Weizen und Brot in vielen Ländern großzügig subventioniert. Die empirischen Befunde bestätigen die Bedeutung dieses Phänomens: Mit Ausnahme der Befragten in den beiden wohlhabendsten Ländern(Bahrain und Libanon) sowie in Marokko(mit dem Festpreis für Brot nach dem französischen Modell) unterstreichen zwei Drittel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass die Verfügbarkeit von preiswertem Brot für sie und ihre Familien»sehr wichtig« sei. Allerdings stehen Rationskarten für Lebensmittel nur für zwei Länder/Gruppen zur Verfügung, darunter für die syrischen Flüchtlinge im Libanon und für die Ägypter: 80 Prozent der untersten Schicht und 55 Prozent der obersten Schicht verfügen in Ägypten über Rationskarten. Rationskarten sind somit ein wichtiges Instrument staatlicher Intervention, insbesondere wenn es um den Transfer von Ressourcen in die Sektoren geht, in denen sich Armut mit sensiblen politischen Umständen verbindet. Die Forderung nach dem»Recht auf Brot« ist so gesehen ein eminent politischer Akt, der sogar zum Sturz von Regierungen führen kann, wie es 2011 geschehen ist. 4 Fallstudien Jugendliche und junge Erwachsene aus Ägypten, Palästina, Jemen und von den syrischen Flüchtlingen im Libanon werden aufgrund ihrer hohen Exposition gegenüber Nahrungsunsicherheit und Gewalt ausgewählt, um das 226 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki kontextabhängige Verständnis von Hungerräumen zu vertiefen. Ägypten ist nicht nur mit Abstand das größte Land in der MENA-Region mit einem großen Anteil in Armut lebender Menschen, sondern es ist vor allem auch in hohem Maß abhängig von Getreideimporten aus Europa, Russland und Nordamerika. In Palästina kombinieren sich extreme Armut und soziale Polarisierung mit eingeschränkter räumlicher Mobilität und ökonomischer Abhängigkeit von Israel. Syrien und Jemen stehen für Länder mit komplexen Krisensituationen. Millionen junger Menschen sind dort mit Hunger, Krieg und akuter Lebensgefahr durch Krankheiten konfrontiert, wobei sich unterschiedliche räumliche Mobilitäten herausbilden: Während es sich im Fall der Jemeniten in erster Linie um Binnenvertreibung handelt, überqueren Millionen Syrer als Flüchtlinge internationale Grenzen(vgl. Kap. 10). 4.1 Ägypten Wenngleich wenige Menschen akut an Hunger leiden, spüren viele die strukturellen Konsequenzen der Unterernährung; insbesondere bei Kindern geht dies mit massiven, irreversiblen Auswirkungen einher. Ägypten ist in hohem Maß von Lebensmittelimporten – insbesondere von Getreide – abhängig. Infolge der Armut weist das Land einen Pro-Kopf-Verbrauch von etwa 180 Kilogramm Weizen pro Jahr auf, die höchste Rate weltweit. Extrem beschleunigte Privatisierung und langfristige Entmachtungsprozesse führten bereits im Vorfeld des Arabischen Frühlings zu massiven Protesten. Seit 2011 bemüht sich Ägypten vergebens um politische Stabilität. Mehrfache Regierungswechsel und-umbildungen brachten bisher keine Lösung. Unter strikter Staatskontrolle stützt sich das ägyptische Nahrungssystem auf umfängliche Subventionen und den schrittweisen technologieorientierten Umbau: Drei Befunde sind für Ägypten herauszustellen: Die jüngst eingeführten Smart Cards sollen das analoge Lebensmittelkartensystem durch ein digitales System ersetzen. Dabei wird zum ersten Mal auch Brot, das früher quasi unlimitiert vorhanden war, in den Korb der rationierten Lebensmittel aufgenommen. Zwar führt dieser Vorstoß zu besserer staatlicher Regulierung und Steuerung, doch das Problem der Nahrungssicherheit löst er nicht: Einerseits ändert sich damit nichts an den Gewinnen der transnationalen Konzerne im Getreidehandel, die bei den Armen einen robusten Markt finden; andererseits verfügen Arme über wenig Ausgabenflexibilität, da sie einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel – und hier vor allem für vermeintlich billiges Getreide – aufwenden müssen. Hunger und Gewalt 227 Darüber hinaus bestand bereits am Anfang der 1990er-Jahre für die große Mehrheit der Bezieher von Niedrigeinkommen nur ein schmaler Grat zwischen einem sicheren und einem unsicheren Zugang zu Nahrungsmitteln. In den vergangenen Jahren hat sich ihre Lage drastisch verschärft, nicht zuletzt als Folge der schwachen Wirtschaft des Landes. Ohne subventioniertes Brot und Rationskarten wäre die Lage für viele Ägypter noch dramatischer. Allerdings treiben die Kosten der Subventionierung – über eine Milliarde Euro jährlich – die ägyptische Regierung in die ökonomische und politische Abhängigkeit von den USA und den Golfstaaten. Schwer quantifizierbar sind die mit dieser Entwicklung einhergehenden Kosten der Unter- und Mangelernährung, die sich etwa in hohen Ausgaben für Medikamente und in niedrigen Lebenserwartungen manifestieren und bei der Jugend ein Gefühl von Unsicherheit und Ungewissheit bewirken. Dieses steht wiederum in direktem Zusammenhang mit der wahrgenommenen Unfähigkeit des Staates, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Dazu der 29-jährige Muataz(verheiratet, Arbeiter) aus Gizeh: Ich glaube, dass die Jugend heute keine Hoffnung mehr hat, weil es keine Arbeit gibt. Wie kann sie eine Familie gründen, leben, essen oder trinken?(EG-3). Die 17jährige Sara aus Bani Suef ergänzt: Es gibt keine Stabilität. Jeder Tag ist anders, als der Tag zuvor. Jeden Tag herrscht eine andere Politik, manchmal herrschen sogar andere Leute, und immer werden andere Entscheidungen getroffen(EG-2). Samer, ein junger Mann mit Frau und Kindern aus Kairo, erklärt: Ich persönlich bin sehr pessimistisch. Ich bete darum, dass ich Brot oder Bohnen zum gleichen Preis wie gestern finde(EG-1). 4.2 Palästina In Palästina hat die Nahrungsunsicherheit andere Ursachen. Sowohl die Verfügbarkeit von Lebensmitteln als auch mangelnde Kaufkraft sind ein Problem, und beide Faktoren sind im Zusammenhang mit der Entwicklung des Landes und den Beziehungen zu Israel zu sehen. Allerdings bestehen Unterschiede zwischen der Situation im Westjordanland und im Gazastreifen – sowohl hinsichtlich des Ausmaßes der Nahrungsunsicherheit als auch mit Blick auf ihre Gründe. Ein Faktor ist die israelische Blockade des 228 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Gazastreifens, die ab 2007 für zunehmende Unsicherheit sorgte: Die Hälfte aller Haushalte litt 2014 unter massiven Versorgungsengpässen(PCBS 2016). Die Lage verschärfte sich noch, als die illegalen Tunnel, die Gaza mit Ägypten verbanden, zerstört wurden. Hohe Arbeitslosigkeit, beschränkte Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen, und unzureichende Produktionskapazitäten führten zu hohen Lebensmittelpreisen und unterminierten die Nahrungssicherheit. Zwar hat der Personen- und Warenverkehr in und aus dem Gazastreifen mittlerweile zugenommen, doch die aus der Blockade resultierenden Infrastrukturdefizite bestehen nach wie vor. Die Bevölkerung im Westjordanland muss sich demgegenüber mit den Beschränkungen ihrer Wirtschaftstätigkeit als Konsequenz beschränkter Mobilität auseinandersetzen. Ein komplexes System physischer Barrieren mit Checkpoints und Straßenblockaden sowie bürokratische Hindernisse, die Erweiterung der jüdischen Siedlungen und Restriktionen beim Zugang zu Land und zu natürlichen Ressourcen wie auch die anhaltende Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung schwächen die Möglichkeiten der Existenzsicherung. Sie gefährden damit auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Der im Westjordanland ausgesprochen wichtige Agrarsektor hat eine doppelte Funktion: Er trägt durch die Landwirtschaft und die Schaffung von Arbeitsplätzen zur Nahrungssicherheit bei. Zugleich ist er ein wichtiges Symbol der Resilienz der Palästinenser sowie ein bedeutender Faktor bei der Aufrechterhaltung und Fortschreibung der palästinensischen Identität, die durch fortgesetzten Landverlust infolge der Besatzung und dem Ausbau israelischer Siedlungen bedroht ist. Hanadi, 30, verheiratet, drei Kinder, beschreibt ihre Lage wie folgt: Die Besatzung führt zu mehr Armut. Durch hohe Preise droht uns Armut. … Mein Mann war ein Jahr lang arbeitslos. Das war unser Ende. Wir verschuldeten uns. Er konnte keinen Job finden. Auch in unserer Ehe läuft es nicht gut, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen schlecht sind. Geld ist wichtig(PS-1). Mahmoud, ein 27-jähriger Selbstständiger aus Bir Zait, der kürzlich erleben musste, dass das Haus seiner Familie von der israelischen Armee zerstört wurde, erklärt: Die Besatzung ist einer der Hauptgründe für die drohende Armut. Wenn Israel beschließt, Städte, Straßen und Kontrollpunkte dicht zu machen, sind die Menschen quasi paralysiert. Sie können nicht mehr arbeiten oder ihre Schulden bezahlen. [Die Menschen] finden kein Brot für ihre Kinder(PS-7). Hunger und Gewalt 229 4.3 Syrien und Libanon In Syrien ist die Nahrungsunsicherheit in hohem Maß vom Krieg bestimmt. 2016 lebten fast zehn Millionen Menschen im akuten Versorgungsnotstand, klassifiziert als»Nahrungsunsicher« oder als»Gefährdet von Nahrungsunsicherheit«(FAO/WFP 2016). Mehrere Faktoren wirken hier zusammen. Die Flucht der Landbevölkerung bringt die Landwirtschaft und damit die heimische Nahrungsmittelproduktion weitgehend zum Erliegen und beraubt den Vertriebenen gleichzeitig ihre Lebensgrundlage. Seit Kriegsbeginn sind die Lebensmittelpreise drastisch gestiegen: Die Wirtschaftssanktionen entfalteten ihre Wirkung, die Wirtschaft brach zusammen. Einfuhrprobleme und die Fragmentierung der Märkte durch die kriegsführenden Fraktionen verschlimmerten die Lage weiterhin, wenn auch mit signifikanten regionalen Unterschieden. Für die Menschen in Aleppo oder in den ländlichen Regionen um Damaskus, die zum Teil unter Belagerung standen und massive Kampfhandlungen erlebten, gab es entweder keine oder nur sehr teure Lebensmittel. So zahlten beispielsweise die Einwohner von Madaya im September 2016 für ein Kilo Reis vier Mal so viel wie ihre Nachbarn in Damaskus, und es dauerte sechs Monate, bis Hilfslieferungen die Stadt erreichten(WFP 2016a). Angesichts der sich täglich verschlechternden Sicherheitslage und der Schwierigkeiten, in Syrien die Grundbedürfnisse zu befriedigen, flohen große Teile der Bevölkerung in andere Landesteile oder Nachbarländer. Ahmad, 22, kommentiert das wie folgt: Wenn sich an der Unterdrückung, den Aufständen und anderen Umständen nichts ändert, wird es weiterhin große Armut geben. Es könnte sogar zu Hungersnöten kommen. Die Preise für Gemüse und Brot auf dem syrischen Markt steigen ins Unermessliche, die Menschen können nichts mehr kaufen(LB/SY-2). Die 26-jährige Mariam erklärt: In Syrien sind die Preise um das Zehnfache gestiegen, die Einkommen blieben aber gleich. So viel Hunger habe ich nie zuvor gesehen. Früher ging niemand hungrig zu Bett. Ein solches Ausmaß von Erschöpfung und Armut habe ich noch nie erlebt(LB/SY-3). Im Libanon sind die Flüchtlinge ein weiteres Mal mit einer ungewissen Versorgungslage konfrontiert: 90 Prozent wurden 2016 als»Nahrungsunsicher« klassifiziert(vgl. Kap. 10; WFP 2016b). Die betroffenen Haushalte reduzieren häufig ihre Ausgaben für Bildung und Gesundheit, Hausbesitzer 230 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki verkaufen ihre Häuser oder Land, oder sie nehmen ihre Kinder aus der Schule, damit diese arbeiten gehen und ein zusätzliches Einkommen erzielen. Wenngleich im Libanon ausreichend Lebensmittel zur Verfügung stehen, kann sich nicht jeder leisten, etwas zum Essen zu kaufen. Eine hohe Arbeitslosenrate infolge des beschränkten Zugangs zum libanesischen Arbeitsmarkt sowie unregelmäßige Einkommen aus dem informellen Sektor bedeuten für die syrischen Migranten eine hohe Abhängigkeit von Waren- und Geldkrediten sowie von Lebensmittelgutscheinen. Die zunehmende monatliche Kluft zwischen Einkommen und Ausgaben führt zu einer anhaltenden Verschuldung der Haushalte(vgl. Kap. 7). Die 30-jährige verheiratete Nour beschreibt ihre Lage mit folgenden Worten: Ich bin pessimistisch. Ich kann die Bedürfnisse meiner Kinder nicht befriedigen. Ich habe kein Geld. Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr. Ich bange um die Zukunft meiner Kinder. Ich kann ihre Grundbedürfnisse nicht decken(LB/SY-5). 4.4 Jemen Der Jemen erlebte 2016 einen Krieg an mehreren Fronten. Bewaffnete Zusammenstöße zwischen den Anhängern des ehemaligen Präsidenten Ali Abdallah Salih(ursprünglich mit Sitz in Sanaa) und schiitischen Huthi(aus dem Nordjemen) verlagerten sich nach und nach in den Süden, wobei die Fronten durch die militärische Intervention eines Bündnisses unter saudischer Führung verschwammen. Vor allem im Süden gibt es überdies AlQaida- und IS-Kämpfer, gegen die die USA umstrittene Drohneneinsätze fliegt. Die Lage verschärfte sich seit 2015. Diese Situation kostete mehrere tausend Menschen das Leben, und 2,4 Millionen Binnenflüchtlinge werden gezählt. Etwa die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren ist chronisch unterernährt, zehn Millionen Menschen drohen zu verhungern. Damit ist der Jemen das Land mit der höchsten Unterernährungsrate weltweit(Oxfam 2016). Der jüngste Choleraausbruch 2016 und der Neuausbruch 2017 verschlimmerten die Lage weiter. Die Epidemie ist emblematisch für ein Drama, das vom Kollaps der Wirtschaft, dem Zusammenbruch des Gesundheitswesens und zunehmender Nahrungsunsicherheit geprägt wird. Die empirischen Befunde zeigen, dass die alltägliche Erfahrung des Krieges für die Jugend von einschneidender Bedeutung ist. Alles andere erscheint ihnen sekundär. So sagt die 18-jährige Bushra aus Abyen im Süden des Landes: Hunger und Gewalt 231 Ich fühle mich nicht mehr sicher, denn es gibt keine Sicherheit mehr. Neben den ungerechtfertigten Bombardierungen werden Morde verübt, ohne dass es Abschreckung oder Strafe gäbe. All das ist Folge des nicht-existierenden Staates(YE-1). Die 28-jährige Afrah aus Sanaa betont: Als Frau fühle ich mich unsicher, wenn ich auf die Straße gehe, wegen der Bombardierungen, der Konflikte und der Probleme an den Checkpoints(YE-4). Ahmad, 17, aus Sanaa ergänzt: Es gibt weniger Sicherheit, weil die Korruption alle Institutionen, die Polizei und Justiz, erfasst hat: Die Bedingungen im Land haben sich verschlechtert. Das Land ist unsicher geworden. Wegen der Bombardierungen. Selbst in den Moscheen. Auch die wirtschaftliche Lage ist schlecht: Die Fabriken haben ihre Produktion wegen des Krieges eingestellt. Exporte und Importe sind verboten. Ich traue den Menschen nicht mehr. Alles hat sich seit 2011 zum Schlechten gewandelt: Parteien, Sicherheit, Polizei und Gerichte(YE-5). Die von uns befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen verweisen auch auf den zunehmenden Zerfall der Gesellschaft und den Zusammenbruch von Solidaritätsbeziehungen. Die 27-jährige Fatima erklärt: Ich traue niemandem. Heutzutage benimmt sich jeder falsch(YE-7). Afrah führt aus: Die drohende Verarmung ist real, denn unser Land leidet unter Krisen und Krieg. Die Menschen werden egoistischer wegen der Armut und der Probleme, unter denen sie leiden. Wer etwas hat, behält es für sich. Keiner denkt an die anderen, die in Not sind. Es gibt keine Solidarität wegen der Krise. Kriege führen dazu, dass die Menschen nicht mehr zusammenhalten. Sie vergessen die sozialen Werte, die einst für sie galten(YE-4). Die Nahrungsunsicherheit im Jemen zeigt deutlich, wie viele Faktoren hier zusammenwirken: Je nach Ort oder Lage mangelt es an Lebensmitteln oder an der Kaufkraft für die verfügbaren Lebensmittel. Das geht einher mit dem Versagen der internationalen Gemeinschaft, die nicht einschreitet und sich ihrer Verantwortung entzieht. Dazu kommen die Zerstörung der Handelsrouten und das Ende der landwirtschaftlichen Produktion, die Blockade von Handelseinfuhren und eine seit Langem andauernde Treibstoffkrise(vgl. Mundy 2017). Der Übergang von Subsistenzlandwirtschaft zur entlohnten Erwerbstätigkeit als Haupteinkommensquelle macht die Menschen im Jemen besonders anfällig bei Einfuhrblockaden und Preissteigerungen. Sie können dann nicht länger ausreichend für sich sorgen. 232 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Dennoch ist der Agrarsektor nach wie vor ein wichtiger Faktor für die ländliche Bevölkerung. Durch die Vernichtung der landwirtschaftlichen Infrastruktur schädigt der Krieg daher nicht nur die Produktion, sondern lässt ganze Familien ohne Existenzgrundlage und ohne Zugang zu Nahrungsmitteln zurück. Doch auch in der Frontstadt Taiz sind die Lebensmittelpreise dramatisch in die Höhe geschnellt; es stellen sich ähnliche Probleme. Der 30-jährige Khalid ist verheiratet, jedoch finanziell abhängig von seinem Vater. Er sagt: Ich habe ein Kind und bin Angestellter ohne Gehalt. Ich leide, denn wir finden keine Freunde und niemanden, der uns in dieser Zeit der Not hilft. Den Menschen sind unsere Probleme gleichgültig. Die Leute rennen weg, unterstützen dich in keiner Weise. Gerade die Händler werden zunehmend egoistisch. Wegen der Krise helfen sie nicht einmal mehr ihren Freunden. Wir alle hier leiden, das ganze Land leidet unter diesen Schwierigkeiten(YE-9). Die 18-jährige Tahiyah aus Aden hält fest: Die Leute, vor allem die Händler, werden immer egoistischer: Sie lassen die Preise steigen, ohne sich darum zu kümmern, ob die Leute ein Einkommen haben. Selbst Freunde helfen sich nicht mehr gegenseitig, um für sich weitere Verluste zu vermeiden und nicht selbst in Armut und Not zu geraten(YE-12). 5 Fazit In einer Welt wachsender Ungewissheit sind zwei Formen von Sicherheit essenziell: die Sicherung und Gewährleistung der Grundbedürfnisse und die Abwesenheit von Gewalt. Nach dem Arabischen Frühling nahm allerdings die Unsicherheit vieler Jugendlicher und junger Erwachsener im Alltag zu. Direkte und strukturelle Gewalt wirken zusammen und verschärfen sich gegenseitig; sie führten zu komplexen Notsituationen wie in Syrien und im Jemen. Gleichzeitig sind das globale Nahrungssystem und gesellschaftliche Entwicklungen eng miteinander verzahnt, sodass Räume der Sicherheit und Räume der Unsicherheit im globalen Gefüge voneinander abhängig sind und verschiedene Räume der Nahrungssouveränität prägen. Beispielsweise gehen Krieg und Hunger an einem Ort mit Gewinnen aus Waffen- und Getreideverkäufen an einem anderen Ort einher. Dies bedeutet auch, dass Rentenersparnisse»hier« – etwa durch Investitionen in Pensionsfonds – mit der Nahrungsunsicherheiten»dort« zusammenhängen, Hunger und Gewalt 233 wenn dadurch institutionelle Investoren(wie Pensionsfonds und Banken) die Möglichkeit bekommen mit Rohstoff- und Nahrungsmittelpreisen zu spekulieren. Unsicherheit entsteht damit in unterschiedlichen räumlichen Kontexten: In den Räumen des Hungers wird Nahrungsunsicherheit individuell oder in der Gruppe physisch erfahren. Verursachungsräume des Hungers entfalten sich in Form von globalen Waren- und Wertschöpfungsketten und in kurzfristigen Assemblagen, deren – oft nicht intendierten – Folgen der Preisbildung zu Unterernährung und Hunger führen können (vgl. Gertel 2015). In diesem Sinne sind sie gewalttätig, denn sie bringen irreversible soziale Konsequenzen hervor. Die Betroffenen sind allerdings nicht per se in der Lage, die komplexen Ursachen von Krieg und Hunger zu identifizieren. Während die Auswirkungen von gewalttätigen Kämpfen, Vertreibung und Armut für alle offensichtlich sind, bleiben Mechanismen wie die Konzentration von Marktmacht in internationalen Handelshäusern oder global tätigen Einzelhandelsketten ebenso wie die ökonomischen Taktiken von Banken oder souveräner Staatsfonds sowie die Finanzspekulation mit Nahrungsmitteln und die Investmentstrategien von Konsortien für private Kapitaleinleger schwer durchschaubar oder werden aktiv verschleiert. In ihrem Buch»Ausgrenzungen« betont Sassen, dass»die Formen von Wissen und Intelligenz, die wir achten und bewundern, häufig der Ausgangspunkt für lange Transaktionsketten sind, die in schlichter Ausgrenzung münden«(Sassen 2015, 7). Solche Ketten von Informationen mit fragmentierten und undefinierten Verantwortlichkeiten sind daher als Formen von Gewalt zu verstehen. Ausgrenzung und Hunger sind räumlich manifeste Folgen der technoliberalen Transformationen, die die anonyme Gewinnorientierung der Shareholder-Ökonomien hervorbringen. Analog zur Debatte über» Food from Nowhere« versus» Food from Somewhere« (Campbell 2009) sollten wir uns auf bislang unbekannte Räume der komplexen Ursachen von Preiserhöhungen und Nahrungsunsicherheit konzentrieren. Es gilt die Perspektive zu erweitern und nicht nur den Hunger und die Gewalt vor Ort zu sehen, sondern auch die kausalen Zusammenhänge und ihre Räume, die sich in den globalen Ketten von Transaktionen und Preisbildung manifestieren. Erst dann können wir sinnvoll und vollumfänglich über die Förderung und Stärkung der lokalen Jugend sprechen. Sabr, ein junger Palästinenser sieht das so: Jeder ist vollständig damit beschäftigt, genügend Geld zu verdienen. Das ist es, was die Regierung will. Die Menschen werden durch Kredite und Armut gefesselt. 234 Jörg Gertel · Tamara Wyrtki Die Leute sollen ausschließlich darüber nachdenken, wie sie ihre Raten zahlen, und nicht über Politik oder andere Dinge. Denn erst wenn Menschen genügend Einkommen erzielen, beginnen sie darüber nachzudenken, warum alles so schwierig ist und wie Veränderung möglich wäre(PS 6). Hunger und Gewalt 235 Kapitel 10 Mobilität, Migration und Flucht Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner W ir leben im»Zeitalter der Mobilität«(Urry 2000), das sich durch immer schnellere Transfers von Menschen, Waren, Informationen und Bildern über internationale Grenzen hinweg auszeichnet. Im Netz globaler Verbindungen bildet die MENA-Region einen zentralen Schnittpunkt. Allerdings ist wenig darüber bekannt, wie junge Menschen die unterschiedlichen Formen von Mobilität dort einschätzen und wie sie von Migration und Flucht betroffen sind. Die Proteste des Arabischen Frühlings und in seiner Folge die massiven kriegsbedingten Vertreibungen aus Syrien und Libyen haben zwar die Fluchtbewegungen in Richtung Europa in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Anders als die Migration über das Mittelmeer oder die sogenannte Balkanroute blieben aber die Mobilitätsmuster innerhalb der MENA-Staaten, einschließlich der Golfregion, sowie die zirkuläre Arbeitsmigration in Nachbarstaaten weitgehend unbeachtet. Dies führte sowohl in der wissenschaftlichen Forschung als auch in der Politik zu einer verzerrten Darstellung der Migrationsmuster im Nahen Osten und Nordafrika(Fargues 2017). Wir halten es daher für essenziell, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der Region – Bleibewillige wie potenzielle Auswanderer – selbst zu Wort kommen. In diesem Kapitel erörtern wir die Aspekte, die für die Jugend der MENA-Region im Zusammenhang mit Migration relevant sind. Wir diskutieren, wie Mobilität und der kontextuelle Rahmen persönlicher Erfahrung miteinander verbunden sind und unter welchen Bedingungen der Weg ins Ausland zu einem Teil der persönlichen Lebensplanung wird. Unsere empirischen Befunde zeigen, dass eine erstaunlich geringe Zahl junger Menschen aus der Region überhaupt die Absicht hat, auszuwandern. Angesichts der vielfachen Krisen, die sie erleben, überrascht das. Mobilität erweist sich dann auch als ein weitaus komplexeres Projekt, als man annehmen möchte. Sie ist abhängig von diversen Dispositionen; sie beMobilität, Migration und Flucht 237 dingt oft ein Ressourcenpooling in der Familie sowie in sozialen Netzen und sie beinhaltet nicht selten ein kollektives Auswahlverfahren, damit aus der Reihe möglicher Migrationskandidaten der geeignetste bestimmt werden kann(vgl. Gertel& Sippel 2014). Um unsere Erkenntnisse zu positionieren, beginnen wir unsere Argumentation mit einigen Überlegungen zur Migrationsforschung. Dann lassen wir die Daten der Erhebung für sich selbst sprechen: Zunächst konzentrieren wir uns auf die Flexibilität junger Menschen im Zusammenhang mit der Bereitschaft zur Veränderungen ihrer aktuellen Lage, dann geht es um die Ursachen und Entschiedenheit von Auswanderungswünschen. Abschließend richten wir den Blick auf die syrischen Flüchtlinge im Libanon, deren Fall beispielhaft illustriert, welche Konsequenzen die Vertreibung für junge Menschen in den untersuchten Ländern hat. 1 Um welche Mobilität geht es? Trotz zahlreicher Hindernisse war es lange Zeit durchaus möglich, sich vergleichsweise frei vom südlichen in den nördlichen Mittelmeerraum zu bewegen. Erst nach dem Schengener Abkommen(Schengen II, 1995), das die»Festung Europa« errichtete, blieb der Jugend des Globalen Südens der Weg in den Norden versperrt. Fast zeitgleich entwickelte sich jedoch durch die Einführung des Internets ein neuer sozialer Raum. Soziale Interaktionen waren nun nicht mehr abhängig von der gleichzeitigen Präsenz am gleichen Ort. Virtuelle Emigrationen setzten seitdem zumindest temporär bestehende Restriktionen der räumlichen Mobilität außer Kraft (Braune 2011). In Chat Rooms etwa eröffnet sich zunehmend die Möglichkeit zur Kommunikation über Geschlechter-, Länder- und Sprachgrenzen hinweg. Doch die virtuelle Mobilität wirkt auf die Offlinerealität zurück und kann beispielsweise den Wunsch nach Migration im echten Leben befördern. Mariam, eine 25-jährige Befragte aus Kairo macht deutlich: Das Internet ist heute sehr wichtig. Anders als früher können wir heute online Nachrichten über das Land, wo es Arbeit gibt, oder über jede beliebige Person empfangen oder sehen. Wir können uns über das Reisen und vieles andere informieren. Das macht vieles leichter. Außerdem bietet es Möglichkeiten, ins Ausland zu reisen(EG-10). 238 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Virtuelle Räume geben den Blick auf andere Welten frei, und zwar auch denen, die kaum eine formelle Bildung genossen haben. Der 20-jährige Elektriker Ahmad aus Mahala, Ägypten, dessen Schulzeit sich auf die Grundschuljahre beschränkt, erzählt, was sein Interesse an einer Arbeitsmigration ins Ausland weckte: Ich bin immer ins Internet-Café gegangen. Im Netz traf ich Leute meines Alters, von hier und auch aus dem Ausland, zum Beispiel aus den USA. Ich will nicht sagen, dass ich das Gefühl hatte, weniger wert zu sein. Aber ich glaube, dass sie bessere Chancen haben als wir hier(EG-8). Um die diversen Formen der räumlichen und sozialen Mobilität zu erfassen und virtuelle Mobilität sowie flexible Formen der Identitätsaushandlung in unsere Analyse zu integrieren, sollten wir von Mobilitäten sprechen, im Plural. Unser Ausgangspunkt ist die Mobilitätswende( mobility turn) in den Sozialwissenschaften. Dabei ist festzuhalten, dass menschliche Mobilität ein Teil der allgemeinen Zirkulation von Waren, Geld, Technologie und Ideen ist, die gemeinsam die ungleichen Bewegungen von Individuen und ganzen Bevölkerungsgruppen prägen. Während sozialen Unterschieden, Ethnizität, Geschlecht und Religion als migrationsbestimmenden Faktoren viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, sollten wir – Van Hear(2014) folgend – den Fokus auf die materiellen Bedingungen des sozioökonomischen Status verlagern, denn dieser beeinflusst nicht nur die Migrationsergebnisse, sondern den Migrationsprozess selbst, das heißt Entscheidungsfindungsprozesse, Routen und Destinationen. Van Hear konzentriert sich in seiner Untersuchung auf eine spezifische, in der globalen Migration stark präsente sozioökonomische Gruppe, nämlich die gebildete, jedoch unterbeschäftigte Jugend, die Migration»oft als Möglichkeit wahrnimmt, aus dem Prekariat herauszukommen. Vielen Migranten gelingt es allerdings auch in den Aufnahmeländern nicht, sich hieraus zu lösen. Sie erleben dort die Unsicherheit ihres Lebens und ihrer Existenzsicherung«(ebd. 115). Mobilität ist also nicht zwangsläufig an Armut gekoppelt: Die syrische Flüchtlingskrise belegt, dass die Ärmsten der Armen diejenigen sind, die in der(syrischen) Heimat zurückbleiben müssen, da sie ihre Flucht gar nicht finanzieren können. Vertreibung( displacement) kann daher auch losgelöst von räumlicher Bewegung stattfinden, und zwar dann, wenn unterbrochene oder verhinderte Mobilität zu»räumlicher Verdrängung« oder erzwungener Immobilisierung führt(Lubkemann 2008). Ähnlich argumentiert De Haas(2014), wenn er fordert, die»menschliche Mobilität Mobilität, Migration und Flucht 239 Tab. 10.1 Flexibilität – Charakteristika n=9.000 Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, eigenes Land Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, europäisches Land Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, arabisches Land Unterqualifizierte Arbeit annehmen: 0 Familie verlassen, um mich zu qualifizieren Familie verlassen, selbst unter Lebensgefahr Jemanden heiraten aus einer höheren Schicht Jemanden heiraten aus einer niedrigeren Schicht Jemanden heiraten mit anderer Religion Jemanden heiraten, der/die älter ist als ich Flexibilitätsindex:»Hoch« (Ø 25%) Gesamt Durchschnitt 49 35 33 32 39 18 38 32 15 13 25 Geschlecht Männ- Weiblich lich 16–20 Alter 21–25 26–30 Haushalt Eltern Eigener 55 43 49 51 47 50 45 43 27 36 37 33 38 27 40 24 33 33 31 34 29 36 27 31 32 32 31 31 48 30 40 43 34 43 28 23 14 18 20 18 20 15 36 40 41 38 32 41 28 37 26 34 33 29 34 26 20 10 15 16 14 16 12 14 12 11 14 14 13 12 32 18 25 27 23 27 19 Frage » Um Deine aktuelle Lage zu ändern, wärst Du bereit zu …«»Stimme zu«&»Stimme eher zu« Fünf Antwortoptionen Stimme nicht zu; Stimme eher nicht zu; Unentschieden; Stimme eher zu; Stimme zu(Antworten in Prozent) Fragen 3, 4, 14, 181, Flexibilitätsindex. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. Haushalt= Eltern(Befragte leben bei ihren Eltern); Haushalt= Eigener(Befragte leben im eigenen Haushalt). Der Flexibilitätsindex berechnet sich auf der Grundlage von Szenarien, die drei Kategorien erzwungener sozialer Mobilität abfragen: die Familie zu verlassen; unbekannte bzw. nachteilige Arbeitsbedingungen zu akzeptieren; eine Heirat in eine andere Gruppe zu vollziehen. Pro Item/Option waren hierbei zwischen einem(»Stimme nicht zu«) und fünf Punkten(»Stimme zu«) zu vergeben. Für jede Option wurden zunächst Durchschnittswerte berechnet, dann wurden die Durchschnitte jeweils für die drei Kategorien zusammengeführt und schließlich hiervon ein einziger Durchschnittswert berechnet. Daraufhin wurde die Verteilung aller individuellen Durchschnittswerte zugrunde gelegt und in vier gleich große Gruppen aufgeteilt(Quartilen). Die höchste Gruppe»Hoch« mit den höchsten Durchschnittswerten(die flexibelsten Personen) erzielten mindestens drei Punkte. Das entspricht den Antworten von»Unentschieden« bis»Stimme zu«. als Fähigkeit bzw. Freiheit der Menschen[zu fassen], den eigenen Lebensstandort zu wählen«(ebd. 4). Dieses neue Verständnis von Handlungsmöglichkeiten im Migrationskontext als Wahloption zwischen Gehen und Bleiben überwindet die künstliche Unterscheidung zwischen Push- und Pull-Faktoren sowie zwischen freiwilliger und erzwungener Migration. 240 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Tab. 10.2 Flexibilität – Länder n=9.000 Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, eigenes Land Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, europäisches Land Arbeit annehmen: Ländlicher Raum, arabisches Land Unterqualifizierte Arbeit annehmen Familie verlassen, um mich zu qualifizieren Familie verlassen selbst bei Lebensgefahr Jemanden heiraten aus einer höheren Schicht Jemanden heiraten aus einer niedrigeren Schicht Jemanden heiraten mit anderer Religion Jemanden heiraten, der/die älter ist als ich Flexibilitätsindex: »Hoch« (Ø 25%) »Eher Hoch«&»Hoch« (Ø 50%) Marokko 41 40 30 31 44 32 45 36 29 24 42 63 Jordanien 55 40 47 39 43 19 42 37 19 17 30 56 Tune- Ägyp- Sysien ten rienª ) 57 25 47 54 31 38 40 22 39 35 26 40 55 34 23 20 18 14 40 36 31 36 31 23 17 11 10 9 14 9 26 23 22 54 51 51 Bahrain 34 30 24 24 43 24 34 31 16 14 26 49 Liba- Jenon men 44 63 32 24 18 40 16 44 35 37 14 17 33 47 24 46 18 8 9 14 20 20 43 40 Palästina 67 26 33 29 28 10 30 29 8 6 15 35 Frage » Um Deine aktuelle Lage zu ändern, wärst Du bereit zu …«»Stimme zu«&»Stimme eher zu« Fünf Antwortoptionen Stimme nicht zu; Stimme eher nicht zu; Unentschieden; Stimme eher zu; Stimme zu(Antworten in Prozent) Fragen 3, 181, Flexibilitätsindex(vgl. Tab. 10.1). Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. Die fett dargestellten Zahlen markieren die höchsten Werte pro Zeile. ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. 2 Schwere Entscheidungen: Will die Jugend der MENA-Region anders leben? Die persönliche Mobilitätsdisposition bestimmt die Bereitschaft der Menschen, das eigene Leben zu ändern. Wir untersuchen dies anhand Szenarien in drei Bereichen potenzieller Entscheidungen, um die Flexibilität der Jugendlichen und jungen Erwachsenen auszuloten: an der Bereitschaft, in eine andere Gruppe zu heiraten; die Eltern zugunsten von beruflicher Mobilität, Migration und Flucht 241 Weiterbildung/Qualifikation zu verlassen; an der Akzeptanz ungünstiger Lebensbedingungen, um Geld zu verdienen(vgl. Tab. 10.1). Bevor dies im Einzelnen weiter analysiert wird, ist zunächst festzuhalten, dass für die Befragten Migration nicht als größtmögliche Herausforderung erscheint, die sie sich vorstellen können. Bestimmte Formen der Partnerwahl sind weniger akzeptabel. Tatsächlich sind die Befragten weniger bereit eine ältere Person zu heiraten oder jemanden aus einer anderen Religionsgruppe, als auszuwandern und dabei das eigene Leben zu riskieren. 2.1 Eheschließung jenseits der eigenen Gruppe Die Akzeptanz(oder Ablehnung) einer Person als Ehepartner sagt viel über die Porosität – beziehungsweise Unüberwindlichkeit – der Grenzen im sozialen Raum aus. Wie bereits ausgeführt, lehnen es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen fast kategorisch ab, einen deutlich älteren oder andersgläubigen Partner zu heiraten. Frauen sind offensichtlich aus Statusgründen deutlich weniger als Männer geneigt, einen Partner aus einer anderen Religionsgemeinschaft zu heiraten. Klassenschranken scheinen dagegen weniger relevant. Tatsächlich würde ein Drittel aller Befragten bereit oder eher bereit sein, einen Partner aus einer niedrigeren Klasse zu heiraten, was besonders für Männer zutrifft. Eine Aufwärtsmobilität durch Eheschließung wird von beiden Geschlechtern allerdings für wünschenswerter gehalten. Insgesamt konstatieren wir teilweise beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern(vgl. Jemen und Libanon; Tab. 10.2). 2.2 Die Familie verlassen Der Erwerb einer guten beruflichen Qualifikation scheint – zumindest in manchen Ländern – ein akzeptables Motiv für das Verlassen der Herkunftsfamilie zu sein. Über ein Drittel der Befragten billigt(»Stimme zu« oder »Stimme eher zu«), dass man seine Familie aus diesem Grund verlassen kann. In den Interviews zeigt sich jedoch, dass die Befragten Migration alles andere als leicht nehmen. Vielmehr sind sie hin- und hergerissen zwischen ihrem Wunsch, weiter bei Familie und Freunden zu leben und einen sinnvollen Beitrag für ihre Heimatländer zu leisten, sowie der Sehnsucht, aus der beruflichen Sackgasse, in der sie stecken, herauszukommen. Hamza, ein 25-jähriger Student aus Settat in Marokko, beschreibt den Zwiespalt, in dem Arbeitsmigranten stecken: 242 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Wenn du zu Hause keine Arbeit findest, aber im Ausland arbeiten darfst, dann lebst du im Ausland, weit entfernt von deiner Familie und deinen Freunden. Du lebst dann in einer anderen Welt(MA-7). Allerdings erklärt knapp die Hälfte der Befragten, dass sie nicht bereit wären ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um die Heimat zu verlassen. Die Jemeniten treffen diese Aussage noch häufiger. Wir interpretieren das als Verweis auf die Überlebensstrategien der jungen Jemeniten in Zeiten des Krieges. 2.3 Akzeptanz unattraktiver Beschäftigung Die Hälfte der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist bereit (»Stimme zu« oder»Stimme eher zu«), im ländlichen Raum des eigenen Landes eine Beschäftigung aufzunehmen. Etwas geringer ist ihre Bereitschaft, in einem anderen arabischen Staat oder in Europa Arbeit zu suchen (jeweils ein Drittel). Die relativ stark ausgeprägte Bereitschaft junger Marokkaner und Tunesier, in der Landwirtschaft in Europa zu arbeiten, spiegelt die lange Tradition nordafrikanischer Arbeitsmigranten wider, die in den südlichen und westlichen Mittelmeerraum auswandern und dort einfache Tätigkeiten verrichten(vgl. Gertel& Sippel 2014). Generell ist die Option, im Ausland in der Landwirtschaft zu arbeiten, jedoch wenig attraktiv. Knapp die Hälfte der Befragten möchte keine Tätigkeit in der Landwirtschaft anderer arabischer Staaten oder Europas aufnehmen. Auf die entsprechende Frage antworteten sie mit»Stimme nicht zu« oder»Stimme eher nicht zu«. Etwa die Hälfte ist ebenfalls nicht gewillt, eine Beschäftigung zu akzeptieren, die nicht ihren beruflichen Qualifikationen entspricht. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon und den jungen Marokkanern ist der entsprechende Anteil geringfügig niedriger. Allerdings sind die meisten jungen Syrer vom formellen Arbeitsmarkt im Libanon ausgeschlossen und müssen daher oft ausbeuterische und niedrig qualifizierte Beschäftigungsverhältnisse eingehen. Im letzten Teil dieses Kapitels werden wir darauf noch einmal zurückkommen. Um ein vollständiges Bild von der Bereitschaft zu erhalten, wie potenzielle Veränderungen im Leben akzeptiert werden, haben wir aus der Kombination der drei besprochenen Kategorien von erzwungener sozialer Mobilität – Familie, Arbeit, Heirat – einen Flexibilitätsindex errechnet. Im Zusammenhang mit der Flexibilität, problematische Lebensentscheidungen zu akzeptieren, ergeben sich verschiedene Gruppen, die sich in unterMobilität, Migration und Flucht 243 schiedlicher Größe auch auf nationaler Ebene manifestieren. Hierbei zeigt sich, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Marokko und Jordanien die höchste Flexibilität aufweisen. Generell sind die Abweichungen zwischen den verschiedenen Altersgruppen eher unbedeutend, während sich die Ergebnisse geschlechtsspezifisch deutlich ausdifferenzieren: Frauen sind weniger flexibel und verweisen auf größere soziale Zwänge in ihrer allgemeinen Lebensplanung. Die flexibelste Gruppe setzt sich aus jungen, ledigen Männern mit eigenem Arbeitseinkommen zusammen. Es bleibt allerdings zu klären, inwieweit diese Disponiertheit mit dem faktischen Migrationswunsch zusammenhängt. 3 Mobilitätseinstellungen und Migrationserfahrung junger Araber Um diese Frage aufzuarbeiten, beleuchten wir die Einstellungen zur Mobilität und die potenziellen Wünsche, das Heimatland zu verlassen. Wenn die Jugendlichen im Sommer 2016 – nach dem Schließen der Balkanroute (März 2016) – nach Europa hätten auswandern müssen, welche Ziele hätten sie angesteuert? Vier Länder wurden besonders häufig genannt: Deutschland, Frankreich, Schweden und Großbritannien(Tab. 10.3). Neben den Präferenzen der syrischen Flüchtlinge, welche die aktuellen Muster der Flüchtlingsströme widerspiegeln – Schweden und Deutschland als Hauptdestinationen – lassen sich auch traditionelle, postkoloniale und sprachliche Bindungen feststellen: Die meisten jungen Tunesier und Marokkaner würden beispielsweise am liebsten in Frankreich leben. Doch für wen gilt das konkret? Sind alle tatsächlich bereit, ihre Heimat zu verlassen? Im Folgenden beleuchten wir hierzu vier Aspekte: die Größe der zur Migration entschlossenen Gruppe; die Mobilitätsbereitschaft im Zusammenhang mit persönlichen vorangegangenen Auslandserfahrungen sowie mit Migrationserfahrungen von Verwandten und Personen im weiteren sozialen Netz. Dann betrachten wir individuelle Dispositionen hinsichtlich der Schichtzugehörigkeit und persönlicher Flexibilität. Zunächst ist herauszustellen, dass mehr als die Hälfte der Befragten – mit Ausnahme der Tunesier – Migration als Option für sich selbst kategorisch ausschließt. Zwischen 48 und 71 Prozent – je nach Land – betonen, dass sie»definitiv nicht auswandern werden«. 13 Prozent haben schon einmal mit dem Gedanken gespielt, 22 Prozent»würden gerne emigrieren« und 244 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Tab. 10.3 Migrationserfahrungen – Länder n= 9.000 Emigration: Persönliche Lage – (a) Keinesfalls – (b) Ich habe mit der Idee gespielt – (c) Ich würde gern auswandern – (d) Ich werde sicher auswandern Zielland(b/c/d; n=3.801) • Deutschland • Frankreich • Schweden Ego: Kontakt zu Asylbewerbern Ego: Im Ausland gelebt Familienangehöriger von Ego ausgewandert – Wichtig für Dich:»Ja« Emigration& Schicht (c/d; n=2.612) – Unterste Schicht – Untere-Mittel-Schicht – Mittlere Schicht – Obere-Mittel-Schicht – Oberste Schicht Ma- Tune- Ägyp- Jorda- Paläs- Liba- Je- Bah- Syrokko sien ten nien tina non men rain rien 63 40 62 56 19 11 16 2 16 40 19 16 3 8 3 27 24 42 15 32 30 52 20 32 10 8 14 23 8 19 6 10 2 5 3 10 14 41 12 12 41 49 43 45 71 55 71 55 48 12 19 8 22 10 15 21 19 21 32 2 5 2 2 10 41 38 15 18 48 28 36 17 13 16 45 30 9 10 54 8 13 6 1 8 8 9 6 1 21 14 41 16 10 20 56 39 61 27 56 17 47 21 39 17 46 19 40 18 44 21 44 20 57 29 46 28 58 20 42 17 44 18 0 44 21 25 18(2) 27 15 27 23 9(13) 17 22 33 24(3) 17 32 32 25(0) Fragen 3, 171, 173, 175, 176, 177, 178, 179, 180, Schichtenindex(vgl. Kap. 2 und Kap.»Methodik« im Anhang). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Die fett dargestellten Zahlen markieren die höchsten Werte pro Zeile. Zahlen in Klammern stehen für Einzelfälle. Emigration: Persönliche Lage(Frage 179)=» Was beschreibt am ehesten Deine Situation?« (a) Keinesfalls= Ich werde definitiv nicht auswandern(58%) (b) Ich habe mit der Idee gespielt= Ich spiele manchmal mit der Idee, auszuwandern(13%) (c) Ich würde gern auswandern= Ich würde gern auswandern(22%) (d) Ich werde sicher auswandern= Ich bin sicher, dass ich auswandern werde(7%). Zielland(Frage 180; falls Frage 179=b–d)=» Aktuell machen sich viele auf den Weg nach Europa. Wenn Du auswandern würdest, was wären Deine bevorzugten Zielländer?«(Mehrfachantworten). Ego: Kontakt zu Asylbewerbern(Frage 177)=» Warst Du(telefonisch, per SMS oder Skype) mit jemandem in Kontakt, der in den letzten drei Monaten versucht hat, in Europa Arbeit zu finden oder Asyl zu bekommen?«(Ja= 9%): Falls»Ja« (Frage 178):» Mit wem warst Du in Kontakt?«: Familie(49%), Freunde(57%), Nachbarn(5), Andere(6). Ego im Ausland gelebt(Frage 171)=» Hast Du je im Ausland gelebt?«(Ja= 630) Familienangehöriger von Ego im Ausland gelebt(Frage 173)=» Gibt es jemanden in Deiner Familie, der ausgewandert ist?«(»Ja«, n=1.765). Falls»Ja«: Wichtig für Dich(Frage 175)=» Ist diese Emigration für Dich von Bedeutung?« (»Ja«, n=822). Mobilität, Migration und Flucht 245 Emigration& Schicht: Zwei Optionen wurden berücksichtigt –(c)»Ich würde gern auswandern«(22%)&(d)»Ich bin sicher, dass ich auswandern werde.«(7%); dann wurde die Verteilung entsprechend der sozialen Schicht analysiert (Häufigkeiten in Prozent). ganz wenige(7 Prozent) sind entschlossen, ins Ausland zu gehen(»Ich bin sicher, dass ich auswandern werde«, vgl. Tab. 10.4) Wie ist dieses überraschend geringe Interesse an Migration zu erklären? Allgemein lässt sich zunächst festhalten, dass Frauen lieber in der Heimat bleiben als Männer (65 Prozent der Frauen gegenüber 51 Prozent der Männer). Männer spielen entsprechend auch eher mit dem Gedanken der Auswanderung(15 Prozent der männlichen Befragten im Verhältnis zu 11 Prozent der weiblichen Befragten). Diese Befunde sind im Licht der generell beschränkten Bewegungsfreiheit der Frauen zu sehen. Ein nuancierteres Bild ergibt sich, wenn wir die Migrationsabsicht in den Zusammenhang weiterer Alltagsaspekte stellen, etwa der Migrationserfahrungen in der Familie, der persönlichen Bereitschaft, die eigene Situation zu verändern, sowie der eigenen sozialen Schicht bzw. Klassenhintergrund. Nur wenige junge Menschen verfügen über eigene Migrationserfahrung: Weniger als ein Zehntel der Befragten hat schon einmal im Ausland gelebt. Überdies bezieht sich die Migrationserfahrung bei vielen auf die Länder der MENA-Region: Die meisten Befragten, die von eigenen Migrationserfahrungen berichten, haben diese in der Golfregion oder in anderen arabischen Staaten erworben. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie schon einmal im Ausland gelebt haben, am größten: Bereits vor dem syrischen Bürgerkrieg existierte eine traditionelle Arbeitsmigration von Syrern in den Libanon(Chalcraft 2008), nach Jordanien und in die Golfregion. Nichtsdestoweniger ist die Zahl der jungen Menschen aus Ländern mit starken historischen und sprachlichen Verbindungen nach Europa – Libanon, Marokko, Tunesien –, die Zeit auf der anderen Seite des Mittelmeers zugebracht haben, größer als in den übrigen MENA-Staaten. Zweitens ist den Befragten das Thema Migration vertrauter, wenn es Verwandte mit Auslandserfahrung gibt. Ein Fünftel der Befragten gibt an, dass ein Mitglied ihrer Familie in der Vergangenheit in ein anderes Land ausgewandert ist. Auch hier nimmt die tunesische und libanesische Jugend eine Sonderstellung ein: Fast die Hälfte hat Migranten im unmittelbaren Verwandten- und Freundeskreis. Bei den Destinationen der Familienmitglieder der jungen Leute zeigt sich ein vielfältigeres Muster als bei den 246 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Tab. 10.4 Migrationserfahrungen – Charakteristika n=9.000 Emigration: Persönliche Lage – (a) Keinesfalls – (b) Mit der Idee gespielt – (c) Ich würde gerne auswandern – (d) Ich werde sicher auswandern Ego: Im Ausland gelebt Familienangehöriger von Ego im Ausland gelebt Wichtig für Dich?(Ja=822) Falls»Ja«: – Persönlicher Verlust – Vom Geld profitiert – Emigration kein Ziel – Wunsch nach Emigration verstärkt – Konfusion, gemischte Gefühle Ego: Kontakt zu Asylbewerbern Gesamt Durchschnitt 58 13 22 7 7 20 47 22 28 14 30 21 9 Geschlecht Männ- Weiblich lich 16–20 Alter 21–25 26–30 Haushalt Eltern Eigener 51 65 57 55 62 55 66 15 11 14 15 12 15 9 26 18 24 23 20 24 18 8 5 7 7 6 7 7 8 6 5 7 10 5 11 20 20 19 20 20 20 18 52 48 46 45 48 46 49 18 26 13 23 25 18 27 24 33 30 26 23 28 21 14 14 14 11 14 13 13 35 24 33 23 27 31 20 23 19 19 20 20 18 24 11 7 8 10 9 9 8 Fragen 3, 4, 14, 171, 173, 175, 176, 177, 179. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Die Fett dargestellten Zahlen markieren Prozentwerte, die sich auf das komplette Sample(n=9.000) beziehen. Haushalt= Eltern(Befragte leben bei ihren Eltern); Haushalt= Eigener(Befragte leben im eigenen Haushalt). Emigration: Persönliche Lage(Frage 179)=» Was beschreibt am ehesten Deine Situation?« (a) Keinesfalls= Ich werde definitiv nicht auswandern (b) Mit dem Gedanken gespielt= Ich spiele manchmal mit der Idee, auszuwandern. (c) Ich würde gerne= Ich würde gerne auswandern (d) Ich werde sicher auswandern= Ich bin sicher, dass ich auswandern werde. Ego im Ausland gelebt(Frage 171)=» Hast Du je im Ausland gelebt?«(»Ja«). Familienangehöriger von Ego im Ausland gelebt(Frage 173)=» Gibt es jemanden in Deiner Familie, der ausgewandert ist?«(»Ja«), Falls»Ja«: Wichtig für Dich(Frage 175)=» Ist diese Emigration für Dich von Bedeutung?«(»Ja«); Falls»Ja« (Frage 176)=» Welche dieser Aussagen gibt Deine Meinung am besten wieder?«(Mehrfachantworten): Persönlicher Verlust=»Das ist für mich ein persönlicher Verlust«; Vom Geld profitiert=»Ich profitiere vom Geld, das er uns schickt«; Wunsch nach Emigration verstärkt=»Ich habe aus seinen Auslandserfahrungen gelernt und beschlossen, dass Emigration nichts für mich ist«; Wunsch nach Emigration verstärkt=»Mich fasziniert das Leben im Ausland. Mein Wunsch nach Auswanderung ist stärker geworden«; Konfusion, gemischte Gefühle=»Ich bin verwirrt und weiß nicht mehr, was ich denken soll.« Ego: Kontakt zu Asylbewerbern(Frage 177)=» Warst Du(telefonisch, per SMS oder Skype) mit jemandem in Kontakt, der in den letzten drei Monaten versucht hat, in Europa Arbeit zu finden oder Asyl zu bekommen?«(»Ja«). jungen Menschen selbst. Neben den Golfstaaten und anderen arabischen Ländern emigrieren sie vor allem nach Europa, die USA und Kanada. Auch hier weichen die marokkanischen und tunesischen Zahlen von den andeMobilität, Migration und Flucht 247 ren Ergebnissen ab: Marokkanische und tunesische Familienangehörige sind in der Vergangenheit überwiegend nach Europa ausgewandert. Offenbar treffen die Migrationserfahrungen innerhalb der eigenen Familie – die sich bei 20 Prozent aller Befragen finden – auf Resonanz bei den jungen Leuten: Etwa die Hälfte von ihnen gibt an, dass die Emigration eines Verwandten für sie persönlich wichtig war. Allerdings reagieren andere Jugendliche dieser Gruppe auch mit gemischten Gefühlen auf die Emigration eines geliebten Menschen(Tab. 10.4): Während etwa ein Viertel aus dieser Gruppe bestätigt, von den Rücküberweisungen in die Heimat profitiert zu haben (28 Prozent), und eine nahezu gleiche Zahl dadurch angeregt wurde, ebenfalls ein Leben in einem fremden Land anzustreben und entsprechend einen stärkeren Auswanderungswunsch entwickelte(30 Prozent), empfanden andere den Weggang ihres Angehörigen als persönlichen Verlust (22 Prozent) oder sprachen sich sogar deutlich gegen die Emigration aus (14 Prozent geben an, dass die Migrationserfahrungen ihres oder ihrer Verwandten sie davon abgebracht habe, selbst auswandern zu wollen). Zwar waren beide Geschlechter von der Migration innerhalb ihrer Familie gleichermaßen betroffen, doch Frauen scheinen die damit einhergehenden Widersprüche stärker wahrzunehmen. Sie geben eher an, dass sie von den Rücküberweisungen profitierten(31 Prozent der Frauen gegenüber 22 Prozent der Männer), doch sie empfinden auch den Verlust durch den Fortzug eines Angehörigen stärker(25 Prozent der Frauen im Verhältnis zu 17 Prozent der Männer). Drittens reflektiert ein Teil der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Migrationsbewegungen jenseits der jüngeren Vergangenheit auch im aktuellen Geschehen: 9 Prozent der Befragten waren in den letzten drei Monaten(Referenz: Mai/Juni 2016) telefonisch oder via Skype in Kontakt mit Arbeits- oder Asylsuchenden in Europa. Dabei kommunizierten sie in erster Linie mit Familienmitgliedern(49 Prozent) und Freunden (57 Prozent). Dies verweist einerseits auf die Bedeutung von Erfahrungen im Kreis der Verwandten sowie andererseits auf die Rolle sozialer Netzwerken für die Gestaltung eigener Migrationspläne. Allerdings kann sich der Kontakt mit Flüchtlingen und Asylsuchenden auch negativ auswirken. In Interviews mit jungen Menschen aus dem Libanon und Jordanien, beides unmittelbar von Flüchtlingsbewegungen betroffene Nachbarländer Syriens, wird von Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer wieder das Gefühl des»Vertriebenseins in der eigenen Heimat«( displaced at home) angesprochen. Es rührt aus der Wahrnehmung der eigenen Verdrängung 248 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Tab. 10.5 Migrationsdispositionen Flexibilitätsindex: n=9.000 Emigration: Persönliche Lage – (a) Ich werde definitiv nicht auswandern – (b) Ich habe mit der Idee gespielt – (c) Ich würde gern auswandern – (d) Ich werde sicher auswandern Niedrig 82 6 9 2 Niedrig M 67 12 16 5 Eher niedrig 69 10 16 4 Eher niedrig M Eher hoch Eher hoch M 42 53 28 18 15 21 30 26 38 9 7 14 Hoch 44 17 28 11 Hoch M 22 21 47 11 Gesamt 58 13 22 7 Fragen 173, 179, Flexibilitätsindex(vgl. Tab. 10.1). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Die fett markierten Zahlen liegen am oder über dem Durchschnittswert(arithmetisches Mittel). M = Migrationserfahrungen in der Familie. Der Flexibilitätsindex, der 98 Prozent des Samples erfasst unterscheidet vier Kategorien(Niedrig; Eher niedrig; Eher hoch; Hoch).»Hoch« bedeutet, dass der Befragte im Durchschnitt aller Kategorien eine hohe persönliche Flexibilität aufweist. vom Arbeitsmarkt durch billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland und verweist zugleich auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten. Sakhaa, eine 30-jährige Medienpädagogin aus Amman beklagt: Ich fühle mich als Flüchtling und bin arm in meinem eigenen Land. Statt der Jugend zu helfen und ihr Arbeit zu geben, fördert der Staat aber nur die Beschäftigung von Leuten aus anderen Ländern(JO-7). Viertens hat auch die soziale Schicht Einfluss auf die Bestimmung des Mobilitätspotenzials. Tendenziell sind es junge Menschen aus den wohlhabenderen Schichten, die sich eher für eine Auswanderung entscheiden. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Trend bei den befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Marokko, Tunesien, dem Jemen und Bahrain (vgl. Tab. 10.3). Besser Gestellte sehen sich angesichts der beträchtlichen Kosten, welche die Auswanderung mit sich bringen kann, eher in der Lage, ins Ausland zu gehen. Während die Migration für Arbeits- und Bildungszwecke, insgesamt akzeptiert ist, zeigen die Interviews auch ein komplementäres Bild. Neben der Arbeitssuche im Ausland, die das Hauptmotiv vieler Jugendlicher für den Aufbruch in die Ferne ist, dürfen wir nicht übersehen, dass auch weitere Gründe – nicht zuletzt»Reiselust« – eine Rolle spielen. Eine 20-jährige Studentin aus Casablanca beschreibt das wie folgt: Mobilität, Migration und Flucht 249 Ich wünschte, ich könnte eine Weltreise machen. Ich möchte die ganze Welt erkunden. Mein Hobby ist Fotografie. Ich fotografiere gerne Orte. Mit meinen Eltern bin ich quer durch Marokko gereist. Vom Norden bis in den Süden(MA-10). Allerdings bestätigen die Interviews auch, dass Vergnügungsreisen den wohlhabenderen Schichten vorbehalten und überdies in einem klaren geschlechterspezifischen Kontext zu sehen sind. In Gesellschaften mit restriktiven Geschlechternormen und eingeschränkter Freizügigkeit scheinen sie eher ein männliches Privileg zu sein. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass junge Menschen mit innerfamiliärer Mobilitätserfahrung tendenziell weniger häufig Migration als eigene Option kategorisch ablehnen und sich durchaus vorstellen können, selbst auszuwandern(vgl. Tab. 10.5). Diese Beobachtung gilt für beide Geschlechter. Ein weiterer migrationsfördernder Faktor ist die persönliche Bereitschaft zur Veränderung. Junge Menschen mit einem niedrigen Flexibilitätsindex sind eher entschlossen, im Herkunftsland zu bleiben. Sie sehen sich tendenziell eher nicht als Migranten, wobei auch diese Einstellung durch frühere Migrationserfahrung in der Familie geprägt wird. Insgesamt sind es daher am häufigsten sehr flexible Jugendliche und junge Erwachsene(vor allem alleinstehende Männer zwischen 20 und 25 Jahren), die Migrationserfahrungen und-erzählungen von Familienangehörigen kennen, bei denen die Wahrscheinlichkeit, Auswanderung als eine Möglichkeit für sich selbst in Erwägung zu ziehen, am deutlichsten gegeben ist. 4 Vom Ausweg in die Sackgasse: Syrische Flüchtlinge im Libanon Im letzten Abschnitt dieses Kapitels wollen wir uns der Lage der syrischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Libanon widmen und die Motive aufzeigen, die ihre kriegsbedingte Flucht beeinflussen und prägen. Flucht, anders als Migration in all ihren Facetten, impliziert die Erfahrung lebensbedrohlicher Situationen, oft den Verlust von Eigentum, manchmal sogar den von Familienangehörigen, immer massive Einschränkungen des Ressourcenerwerbs für die betroffenen Haushalte sowie spontane, häufig erzwungene Mobilität. Kurz gesagt: Flucht bedeutet die Fortschreibung der in der Heimat erlebten Unsicherheit und Schutzlosigkeit. 250 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Mittlerweile ist jeder fünfte Einwohner des Libanon Syrer. Seit Beginn der syrischen Flüchtlingskrise ist das Nachbarland mit am stärksten vom Zustrom der vom Bürgerkrieg Vertriebenen betroffen; es öffnete die Grenzen für Flüchtlinge bereits im April 2011. Im Januar 2015 registrierte der UNHCR, das Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen, knapp 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge im Libanon. Der UNHCR operiert im Rahmen eines 2003 vereinbarten Memorandum of Understanding, da der Libanon die Genfer Flüchtlingskonvention(1951) nicht unterzeichnet hat. Damit befinden sich die Syrer im Land»in einer Grauzone zwischen einem Status als ›Ausländer‹, ›Vertriebener‹ und ›de facto Flüchtling‹«(Dionigi 2016, 23). Da es keine offiziellen Flüchtlingslager gibt, siedelten sich die Syrer eigenständig in städtischen und ländlichen Gemeinden an. Infolgedessen entstanden zahllose Zeltstädte, vor allem in der Bekaa-Ebene. Indes war der Libanon – ein Staat mit einem fragilen Regierungssystem, Konflikten zwischen politischen Gruppen und Sekten/Clans sowie unzureichender Infrastruktur – kaum gerüstet, den massiven Zustrom der Vertriebenen bewältigen zu können. Erst im Oktober 2016 beendete die Wahl Michael Aouns ins Amt des Staatspräsidenten ein zweijähriges politisches Vakuum. Überdies sind die libanesisch-syrischen Beziehungen traditionell von Spannungen begleitet, nicht zuletzt aufgrund der 29-jährigen Präsenz syrischer Truppen auf libanesischem Hoheitsgebiet – zwischen 1976 und 2005 – und der engen Bande zwischen verschiedenen politischen Fraktionen im Libanon und dem syrischen Baath-Regime. Seltener dagegen findet die langjährige Präsenz syrischer Arbeitsmigranten Erwähnung – Schätzungen gehen von einer halben bis zu einer Million Menschen aus –, die sich vor dem Krieg im Rahmen zirkulärer Migration regelmäßig im Libanon aufhielten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ebenfalls, dass Libanons Politik der offenen Grenzen häufiges Ein- und Ausreisen durchaus förderte. Seit Ende 2012 drohte der syrische Bürgerkrieg auf das Nachbarland überzugreifen. Entsprechend sah man syrische Flüchtlinge im Libanon zunehmend als Bedrohung der Sicherheit und der sozialen, ökonomischen und politischen Stabilität des Landes an. Seit Januar 2013 müssen sich syrische Flüchtlinge im Libanon registrieren lassen. 2015 wurde die Politik der offenen Grenze und Freizügigkeit beendet, und es wurden neue, wesentlich restriktivere Visabestimmungen für Syrer erlassen. Im Mai desselben Jahres musste der UNHCR jedoch auf Bitten der libanesischen Regierung die Meldepraxis wieder einstellen. Es liegen insofern keine Mobilität, Migration und Flucht 251 statistischen Angaben über die Zahl der im Libanon lebenden Syrer aus jüngster Zeit vor. Die Einführung neuer Visatypen, die Verschärfung der Bedingungen für Visaanträge und die Einführung einer Gebühr von 200 USDollar für die jährliche Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis bedeuten, dass die Mehrheit der Syrer im Land keine Chance mehr hat, sich legal im Land aufzuhalten. Über 70 Prozent der Flüchtlinge werden damit in die Illegalität gedrängt(Janmyr 2016). Überdies müssen die beim UNHCR gemeldeten Flüchtlinge sich verpflichten, nicht zu arbeiten. 4.1 Umstände syrischer Flucht Betrachten wir nun, wie junge Syrer ihre Vertreibung erleben. Angesichts der Lage im Libanon und unter Berücksichtigung der Datensituation(die Grundgesamtheit ist unbekannt) können die Befunde der vorliegenden Studie nicht als repräsentativ gelten. Die folgenden Informationen spiegeln allerdings die Situation von 1.000 Befragten im Sommer 2016 wieder und zeichnen damit ein dichtes Bild ihrer Lage; sie vermitteln den Eindruck von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die vor dem Krieg fliehen mussten und große Verluste erlitten haben. Drei Viertel der Befragten haben zwischen 2011 und 2013, also in den ersten drei Jahren des Bürgerkriegs, ihre syrische Heimat verlassen. Die meisten mussten spontan und ohne Vorbereitung aufbrechen(Tab. 10.6). Fluchtgründe sind Kämpfe, Armut, materielle Schäden und Lebensgefahr. Die überwiegende Mehrheit der Befragten nennt gewaltsame Angriffe und Kämpfe als Fluchtgrund, zudem den Verlust von Einkommensmöglichkeiten, die Verknappung anderer Ressourcen – insbesondere Lebensmittelknappheit – und die Zerstörung von Häusern und Wohnungen. Kriegsbedingte Zerstörungen und Prekarität spielen eine zentrale Rolle: Über drei Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nennen den Verlust von Familieneigentum – in erster Linie Häuser, Wohnungen, Maschinen und Geräte – sowie, wenn auch weniger häufig, von Autos, Wertsachen und Land. Überdies berichten knapp zehn Prozent der Befragten vom Tod von Familienmitgliedern auf der Flucht. Viele erlebten selbst lebensbedrohliche Situationen und fürchteten Entführungen und medizinische Notfälle. Bei 50 Prozent derjenigen, die Familienangehörige auf der Flucht verloren haben, handelte es sich um einen Bruder. Diese Tatsache verweist auf die schwierige Lage junger Männer in Kriegszeiten, ein Aspekt, der bei den auf vertriebene Frauen und Kinder fokussierten Hilfsmaßnahmen oft übersehen wird. Gerade die Angst vor Zwangsrekru252 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner tierung trieb viele junge Syrer ins Exil. Die Zusammenführungen von Familien sind von besonderer Bedeutung: Die große Mehrheit der Befragten verließ Syrien, um Angehörigen zu folgen und sich im Ausland mit Familienmitgliedern zu vereinen. Zahlreiche Haushalte flohen gemeinsam(Tab. 10.7). Nur wenige syrische Jugendliche und junge Erwachsene erreichten den Libanon allein oder kamen in Begleitung entfernter Verwandter oder anderer Personen. Die meisten waren mit ihrem Ehepartner, Eltern, Geschwistern oder Kindern unterwegs. Dennoch reißt die Vertreibung Familien auseinander: Ein knappes Drittel der befragten jungen Menschen ließ Familienmitglieder in Syrien zurück, und den zwei Dritteln der Befragten, denen die Familienzusammenführung im Exil gelang, steht ein Viertel der Befragten gegenüber, deren FamiTab. 10.6 Syr. Flücht. im Libanon: Charakteristika n=1.000 Flucht: Vorbereitet oder spontan – Vorbereitet – Unvorbereitet Fluchtgründe – Kein Einkommen erzielbar, keine Ressourcen – Ich musste mit meiner Familie fliehen – Angst vor Entführung – Unmittelbare Lebensgefahr – Nichts mehr zu Essen, Hunger – Familienzusammenführung – Keine Perspektiven mehr in der Heimat – Haus/Wohnung wurde zerstört – Vermeidung der Zwangsrekrutierung – Medizinischer Notfall Hat Dein Haushalt Eigentum verloren? Falls ja a : – Haus – Maschinen, Geräte – Auto – Wertsachen – Land – Tiere Bedingungen für eine Rückkehr – Waffenstillstand in meiner Region – Umfassender Frieden – Entwaffnung der Kriegsparteien – Stabile Regierung – Anderes politisches System – Wiederherstellung der Infrastruktur – Wirtschaftliche Erholung des Heimatlandes – Wahrheits- und Versöhnungskommission – Entschädigung für Eigentumsverluste – Amnestie für Kriegsverbrechen Gesamt Prozent 14 86 87 85 82 81 79 77 77 75 68 67 85 a 91 41 26 21 20 9 91 92 90 87 81 88 89 85 88 80 Fragen 192, 193, 194, 195, 202. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. a Etwa 6 Prozent wissen nicht, ob sie Eigentum verloren haben. Diese Fälle wurden nicht in die Berechnung einbezogen. Fluchtgründe (Frage 192)» Was waren letztlich die Gründe für Dich, Deine Heimat zu verlassen?« Fünf Antwortoptionen – hier: »Stimme sehr zu« und»Stimme zu«. Bedingungen für eine Rückkehr(Frage 202)» Welche Bedingungen müssten gegeben sein, damit Du zurückkehrst?« Fünf Antwortoptionen – hier:»Sehr wichtig« und»Eher wichtig«. Mobilität, Migration und Flucht 253 Tab. 10.7 Syrische Flüchtlinge im Libanon – Aktuelle Situation Gesamt Geschlecht Mobilitätsfolge – Ganze Familie ging gleichzeitig – Ganze Familie ging, jedoch individuell – Einige sind noch in der Heimat Zusammensetzung Fluchtgruppe(Mehrfachantworten) – Allein – Ehemann/Ehefrau – Vater – Mutter – Bruder – Schwester – Kinder – Andere Familienzusammensetzung: Aktuelle Lage – Familie an einem Ort zusammen – Familie in einem Land, an verschiedenen Orten – Familie lebt in verschiedenen Ländern Mobilitätsstatus – Dauerhaft hier – Gelegentliche Rückkehr – Häufige Rückkehr Durchschnitt n=1.000 67 7 27 9 48 37 41 42 39 44 4 64 11 25 96 4 1 Männlich Weiblich 50 50 64 70 6 7 30 23 18 1 39 57 41 33 43 39 46 37 41 37 32 56 3 4 63 66 10 12 28 22 95 97 5 2 1 1 Fragen 3, 4, 14, 186, 187, 189, 190. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Haushalt= Eltern(Befragte leben bei ihren Eltern); Haushalt= Eigener(Befragte leben im eigenen Haushalt). Mobilitätsfolge (Frage 189)» Kannst Du uns etwas über die einzelnen Phasen Deiner Ausreise/Flucht berichten? Bitte gib an, was Deine Situation am besten beschreibt:« Ganze Familie ging gleichzeitig= »Die ganze Familie( usra) hat das Land gleichzeitig verlassen«; Ganze Familie ging, jedoch individuell= »Alle Familienmitglieder haben das Land verlassen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten«; Einige sind lien über verschiedene Länder verstreut wurden. Der Rest lebt an unterschiedlichen Orten im Libanon. Ein weiterer Faktor für den Fortgang aus der syrischen Heimat sind schließlich die Erwartungen an die eigene Zukunft: Drei Viertel der jungen Syrer geben an, dass sie Syrien verließen, weil sie für sich dort keine Zukunft mehr sahen. 254 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner 4.2 Die Rechtslage der Alter Haushalt Flüchtlinge im Libanon 16– 21– 26– El- Eige- An20 25 30 tern ner dere 31 25 44 35 57 8 Die Rechtslage der Syrer im libanesischen Exil muss als ambivalent bezeichnet werden, und unsere Be70 67 64 76 66 37 5 8 7 8 5 7 25 25 29 16 29 56 funde belegen das eingangs gezeichnete Bild ungleicher Aufenthaltssicherheit: Ein Drittel der Befragten verfügt über ein Visum, und 13 Pro9 12 8 3 10 31 zent sind ohne Papiere im Land. Bei 16 45 72 8 76 21 63 35 20 76 16 18 71 39 22 84 18 22 66 41 25 79 21 29 64 42 20 77 16 38 der Versorgung mit Dokumenten spielt der humanitäre Sektor die wichtigste Rolle: Weitere 43 Prozent der syrischen Flüchtlinge sind beim 11 40 69 12 66 22 5 4 3 4 3 7 UNHCR registriert – und 3 Prozent als syrische Palästinenser beim 66 67 61 73 63 39 10 12 11 10 11 10 24 21 28 17 26 51 UNRWA(Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina Flüchtlinge) –, während nur 11 Prozent bei den Behörden des Aufnahmelandes selbst 98 96 94 97 95 93 gemeldet sind. 1 4 5 2 4 7 Für den Zugang zum formellen 1 0 1 0 1 0 Arbeitsmarkt ist der Rechtsstatus noch in der Heimat=»Einige Familienmitglieder blieben zurück.« Zusammensetzung Fluchtgruppe (Frage 187)» Haben weitere Familienmitglieder Dich begleitet?« Mobilitätsstatus (Frage 186)» Hast Du das Land für immer verlassen oder reist Du manchmal zurück?« jedoch von größter Priorität. Hier spiegeln die Umfrageergebnisse die riesige Grauzone wider, in der sich die jungen Syrer im Libanon befinden. Insgesamt haben 62 Prozent der Befragten – nach ihrem eigenen Verständnis – eine Arbeitserlaubnis für das Aufnahmeland(basierend auf unterschiedlichen Aufenthaltstiteln). Eine weitere Gruppe von 26 Prozent verfügt nach eigenen Angaben über die Duldung ihrer – eigentlich illegalen – Beschäftigung. 12 Prozent dürfen nicht arbeiten. Die Mehrzahl der Befragten mit Arbeitserlaubnis – insgesamt drei Viertel – sind Visainhaber(37 Prozent) und beim UNHCR-Registrierte (38 Prozent), während die Zahl bei den Gruppen, die mit anderem Aufenthaltsstatus im Land leben, deutlich niedriger liegt. Die Folge: Unsicherheit Mobilität, Migration und Flucht 255 in mehrfacher Hinsicht. De jure dürfen beispielsweise die beim UNHCR Registrierten gar nicht arbeiten. Hinzu kommen unterbrochene Schul- oder Ausbildungslaufbahnen in Verbindung mit überwiegend informellen und instabilen Beschäftigungschancen, was wiederum zu niedrigen Einkommen und großer Abhängigkeit von Transferleistungen führt und die Exponiertheit gegenüber Armut und Hunger verstärkt. 4.3 Rückkehr – wenn die Bedingungen stimmen Die Vertreibung der Syrer hat zweifellos – zumindest vorläufig – einen dauerhaften Status erreicht: Die große Mehrheit der Befragten pendelt nicht mehr und kehrt kaum noch nach Syrien zurück. Die Interviews offenbaren dennoch den brennenden Wunsch nach Rückkehr in die Heimat und nach Wiedervereinigung mit Familie und Freunden. So unterstreicht Nawal, die mit Mann und Kindern in Akkar lebt: Mein größtes Ziel ist die Rückkehr in die Heimat, wo ich friedlich mit meiner Familie leben möchte(LB/SY-6). Darüber hinaus sehen einige der Interviewten die Rückkehr nach Syrien auch als Möglichkeit, den immer stärkeren Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit und häufigen Personenkontrollen im Libanon zu entgehen. Dieser Wunsch hat zudem mit den ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen zu tun, in welche die Syrer aufgrund der Illegalität ihres Aufenthaltsstatus gedrängt werden. Eine Rückkehr nach Syrien kommt für sie allerdings nur unter gewissen Bedingungen infrage, falls nämlich die Kampfhandlungen eingestellt werden und es zu einem umfassenden Frieden, zur Waffenruhe in ihrer Herkunftsregion und zur Entwaffnung der Kriegsparteien kommt (Tab. 10.6). Weiterhin wünschen sie sich eine Erholung der Wirtschaft, insbesondere die Wiederherstellung der Infrastruktur, sowie Entschädigungszahlungen für ihre materiellen Verluste. Neben Sicherheit und Wohlstand ist für die meisten auch politische Stabilität eine Voraussetzung für die Rückkehr, wenngleich sie hinsichtlich der Art des politischen Systems, das sie gern etabliert sehen würden, unsicher zu sein scheinen. Die große Mehrheit ist für politische Veränderung, das heißt für ein anderes politisches Regime oder die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission. Viele fordern auch eine Amnestie für Kriegsverbrechen oder wären mit einer stabilen Regierung zufrieden. Angesichts der aktuellen Bürgerkriegslage 256 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner in Syrien rückt eine Rückkehr der jungen Syrer unter den genannten Bedingungen allerdings in weite Ferne. 4.4 Ist das Gras dort wirklich grüner? In der Befragung wurden den jungen Syrern zwei Szenarien vorgelegt; sie wurden gebeten, zu überlegen, wie sie sich ihr Leben in den nächsten fünf Jahren vorstellen: Werden sie im Libanon bleiben oder ziehen sie nach Europa? Insgesamt sind die Jugendlichen(in der Altersgruppe zwischen 16 und 20 Jahren) optimistischer als die jungen Erwachsenen(in der Altersgruppe zwischen 20 und 30 Jahren). Männer halten darüber hinaus verschiedene Formen sozialer Mobilität für wahrscheinlicher als Frauen, was auf eine größere Bewegungsfreiheit der Männer verweist. Ihre aktuelle Situation im Libanon sehen die jungen Syrer vorsichtig optimistisch. Die Mehrheit der Befragten hält zwar die Fortsetzung ihrer Ausbildung im libanesischen Exil für unwahrscheinlich(26 Prozent) oder gar unmöglich (47 Prozent), doch die meisten sind zuversichtlich, dass sich die notwenigen Fähigkeiten erwerben lassen, um im Libanon eine gute Arbeit zu finden und vielleicht sogar eines Tages ein Haus erwerben zu können(Tab. 10.8). Hinsichtlich einer Heirat sind die jungen Flüchtlinge skeptischer: Etwa die Hälfte von ihnen hält es(bei großen geschlechtsspezifischen Unterschieden) für unwahrscheinlich oder unmöglich, dass sie die Person ihrer Wahl heiraten werden. Interessanterweise gibt es kaum große Unterschiede bei den Vorstellungen, die sich die jungen Syrer von einer möglichen Zukunft in Europa machen: Sie halten es für etwas wahrscheinlicher, dass sie auf der anderen Seite des Mittelmeeres ihr Studium bzw. ihre Ausbildung beenden, relevante Fähigkeiten erwerben und eigenen Wohnraum erwerben können. Die Interviews zeigen jedoch, dass die Jugend auch andere, etabliertere Migrationspfade in Erwägung zieht. Da die Rückkehr nach Syrien zunehmend unrealistisch ist, überlegt ein junger Bauarbeiter: Ich würde gern in der Golfregion arbeiten. Dann brauche ich mir keine Gedanken mehr darüber zu machen, ob ich nach Syrien zurückgehe oder nicht(LB/SY-2). Unter diesen Umständen überrascht es nicht, dass die Hälfte der jungen Syrer einer weiteren Migration nach Europa sehr skeptisch gegenübersteht. Weniger als die Hälfte aller Befragten stimmt der Aussage zu, dass die Menschen in Europa ihnen hilfsbereit und verständnisvoll begegnen werden Mobilität, Migration und Flucht 257 Tab. 10.8 Syrische Flüchtlinge im Libanon – Szenarien Libanon: Nach Deinen Wünschen heiratest Europa: Nach Deinen Wünschen heiratest Libanon: Eine gute Arbeit findest Europa: Eine gute Arbeit findest Libanon: Dein Studium/Ausbildung beendest Europa: Dein Studium/Ausbildung beendest Libanon: Notwendige Fähigkeiten erwirbst Europa: Notwendige Fähigkeiten erwirbst Libanon: Ein eigenes Haus/Wohnung besitzt Europa: Ein eigenes Haus/Wohnung besitzt Libanon: Mit Deiner Familie zusammenlebst Europa: Mit Deiner Familie zusammenlebst Gesamt Durchschnitt n=1.000 50 46 69 66 27 37 67 70 53 59 90 80 Geschlecht Männlich Weiblich 50 50 59 39 55 34 81 57 80 51 26 28 37 37 72 62 76 63 57 49 62 56 88 91 76 84 Frage » Bitte schätze Deinen Lebensweg für die nächsten fünf Jahren ein. Zwei Szenarien:« A) » Du bleibst, wo Du bist(Libanon). Wie wahrscheinlich ist es, dass Du …« Hier: Sehr wahrscheinlich & Wahrscheinlich B) » Du gehst nach Europa. Wie wahrscheinlich ist es, dass Du …« Hier: Sehr wahrscheinlich& Wahrscheinlich Antwortoptionen Sehr wahrscheinlich; Wahrscheinlich; Unwahrscheinlich; Unmöglich (Angaben in Prozent) Tab. 10.9 Syrische Flüchtlinge im Libanon – Einschätzungen zu Europa Du musst die Sprache sprechen, um Arbeit zu finden. Wenn du Arbeit hast, kommst du zurecht. Es wird Jahre dauern, bis du die Sprache sprichst. Integration ist möglich, auch wenn sie Zeit braucht. Die Menschen dort verstehen uns und werden uns helfen. Wir werden immer Fremde bleiben. Erst die nächste Generation wird integriert sein. Wenn du erst den richtigen Pass hast, ist alles andere egal. Wenn du einen Partner/eine Partnerin in Europa findest und ihn/sie heiratest, bist du zu Hause. Frage » In Europa werden Flüchtlinge von manchen begrüßt, von anderen mit Besorgnis betrachtet. Inwieweit stimmst Du den folgenden Aussagen zu?« Hier:»Stimme sehr zu«&»Stimme zu«. Antwortoptionen »Stimme sehr zu«;»Stimme zu«;»Unentschieden«;»Stimme nicht zu«&»Stimme überhaupt nicht zu«.(Angaben in Prozent.) 258 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Alter 16– 21– 26– 20 25 30 31 25 44 66 51 33 60 49 29 74 70 65 71 67 61 29 29 25 41 39 33 71 72 61 78 70 63 53 55 52 65 61 54 93 87 89 83 80 77 Haushalt El- Eige- Antern ner dere 35 57 8 63 31 65 58 27 70 69 68 78 68 62 81 30 25 28 40 35 37 69 65 71 74 68 68 51 54 57 57 59 65 88 91 88 78 82 71 Fragen 3, 4, 14, 203. Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. Haushalt= Eltern(Befragte leben bei ihren Eltern); Haushalt= Eigener(Befragte leben im eigenen Haushalt). und Integration zwar Zeit braucht, aber möglich ist(Tab. 10.9). Zum Zeitrahmen der Integration erklärt knapp die Hälfte der Befragten, dass es der nächsten Generation vermutlich leichter fallen werde, sich zu integrieren, während sie selbst immer Fremde bleiben würden. Hinsichtlich der verschiedenen Wege der Integration ist die Mehrheit zuversichtlich, dass ein Arbeitsplatz ihr neues Leben im Ausland fördern werde. Sprachkenntnisse nehmen für sie einen zentralen Stellenwert ein, wenngleich über die Hälfte von ihnen davon ausgeht, dass es Jahre dauern wird, bis sie die Landessprache beherrschen. Andere Aspekte wie der Zugang zu einem neuen Pass oder Heirat mit einem Partner oder einer Partnerin vor Ort gelten als weniger relevant(wobei sich hier deutliche Geschlechterunterschiede abGesamt Durchschnitt n=1.000 71 64 58 49 47 41 37 23 Geschlecht Männlich Weiblich 50 50 70 72 67 61 58 58 54 44 49 45 41 42 41 33 27 19 16–20 31 76 69 62 53 51 42 43 25 Alter 21–25 25 76 68 62 54 51 43 39 26 26–30 44 64 58 53 44 42 40 32 20 Haushalt Eltern Eigen 35 57 70 69 67 61 59 57 50 47 49 45 41 43 40 34 22 21 Frage 3, 4, 14, 204 Hinweise Es können Rundungsfehler auftreten. Haushalt= Eltern(Befragte leben bei ihren Eltern); Haushalt= Eigener(Befragte leben im eigenen Haushalt). Mobilität, Migration und Flucht 259 zeichnen). Etwa ein Drittel der Befragten hat zu keiner dieser Fragen eine eindeutige Meinung, was wir als weiteres Indiz für die Unsicherheit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen interpretieren. Schließlich bleibt festzuhalten, dass die jungen Syrer hin- und hergerissen scheinen, zwischen tiefer Erschöpfung als Folge ihrer langen Jahre der Flucht und der großen Motivation, ein neues Leben beginnen zu wollen: Etwa ein Viertel der Befragten erklärt, sie seien müde und müssten sich erholen. Über ein Drittel möchte sich nur in Sicherheit wissen. Eine etwa ebenso große Zahl möchte allerdings härter arbeiten, eine neue Sprache lernen, und sich in ein neues kulturelles Umfeld einleben – wenngleich die beiden letzten Optionen nur zu jeweils 16 Prozent genannt werden. 5 Fazit Die Mobilitätsvorstellungen und Migrationshoffnungen der jungen Menschen in der MENA-Region werden häufig falsch interpretiert. Generell will nur eine kleine Zahl von jungen Menschen – deutlich unter zehn Prozent – wirklich auswandern. Angesichts der zahlreichen Krisen in der Region ist dies eine bemerkenswert geringe Zahl. Für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist es kompliziert zu einem Entschluss zu kommen, ob sie auswandern oder ihr gewohntes Leben weiterführen möchten. Die Bindung an Familie und Heimatland ist sehr eng, und Migration gilt keineswegs als »ein einfacher Ausweg«. Die jungen Menschen in den MENA-Staaten haben gemischte Gefühle, wenn es um das Fortgehen geht. Folgende Mechanismen strukturieren ihre Handlungsfelder: Zunächst beschränken sich die Muster der Arbeitsmigration häufig auf die Länder des Nahen/Mittleren Ostens sowie Nordafrikas, sie unterliegen jedoch auch dem Einfluss der historisch und sprachlich engen Beziehungen zu bestimmten Ländern Europas. Dabei lässt sich Mobilität nicht auf die Hoffnung reduzieren, Arbeit im Ausland zu finden. Junge Menschen sind generell daran interessiert, zu reisen und den eigenen Horizont zu erweitern. Die Einstellungen zur Mobilität sind nicht nur vom Geschlecht und Familienstand abhängig, sondern werden auch von den Migrationserfahrungen innerhalb der Familie, dem persönlichen Veränderungswillen, der sozialen Schicht und sozialen Netzwerken geprägt. Das größte Interesse an eigener Emigration zeigen entsprechend flexible Jugendliche und junge Erwachsene mit Migrationserfahrungen im eigenen sozialen Umfeld. 260 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner Die Gründe für das relativ geringe Migrationsinteresse sind ebenso komplex: Die erhöhte virtuelle Mobilität und die neuen Kommunikationsmittel gehen etwa mit der zunehmenden Undurchlässigkeit der EU-Außengrenzen einher, und die Kosten der Auswanderung machen es vor allem den ärmeren Schichten schwer, diesen Weg zu gehen. Viele junge Menschen haben ein realistisches Verständnis von den Vor- und Nachteilen eines Umzugs ins Ausland und kennen die kulturellen und beschäftigungsrelevanten Hürden gegenüber der Integration in der Fremde. Sie sehen die europäischen Sozialstaaten keineswegs als»Paradies«. Flucht und Asyl, nicht selten eine Folge bewaffneter Konflikte, sind wiederum bedauerlicherweise zu einem Teil des Alltags von jungen Menschen in den MENA-Staaten geworden. Für die jungen syrischen Flüchtlinge im Libanon sind sowohl die kriegsbedingte Bedrohung als auch der Wunsch, bei der Familie zu bleiben oder sich wieder mit ihr zu vereinen, elementare Gründe, die Heimat zu verlassen. Die Unterbrechung der traditionellen Pendelmigration zwischen Syrien und dem Libanon sowie zunehmende Einschränkungen der Bewegungsfreiheit der Syrer im Gastland bedeuten für sie allerdings den Übergang aus der»langfristigen Vertreibung« in die»zwangsweise Ansiedlung«: Aus hochmobilen Arbeitsmigranten werden nun teilweise immobilisierte Flüchtlinge. Die Kehrseite der erzwungenen Vertreibung ist erzwungene Immobilität. Diese Befunde zu unterschiedlichen Formen der Mobilität decken sich mit der aktuellen Einordnung von Migranten als neuem»Prekariat«(Standing 2011). Um der großen Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern zu entgehen, integrieren sie sich – häufig trotz höherer Bildung – in den Niedriglohn- und Zeitarbeitssektor der Industriestaaten und auch der postkolonialen Länder der MENA-Region, wo sie mangels Chancen, ein festes Einkommen zu beziehen oder Karriere zu machen, letztlich in einer anderen dauerhaften Form existenzieller Unsicherheit stecken bleiben. Insofern sind eine restriktive Einwanderungspolitik und die Existenz einer Reserve für den Schattenarbeitsmarkt nur scheinbar ein Widerspruch. Erschreckende Lebensbedingungen und drohende Abschiebung sind die Realität, in der auch junge Migranten leben. Daher überrascht es nicht, dass sich die Jugend der MENA-Region durchaus dessen bewusst ist, dass räumliche Mobilität und soziale Aufwärtsmobilität nicht notwendigerweise Hand in Hand gehen. Während der Wunsch, Arbeit zu finden oder eine Ausbildung zu machen, nach wie vor einige motiviert, ins Ausland zu gehen, Mobilität, Migration und Flucht 261 wissen sie sehr wohl, dass das Versprechen auf ein besseres Leben durch Auswanderung nicht mehr unbedingt gilt. 262 Jörg Gertel · Ann-Christin Wagner IV Politik und Gesellschaft Kapitel 11 Kommunikation Carola Richter » Facebook-Revolution«,»Twitter-Proteste« oder»Al-Jazeera-Effekt«: So wurde die Rolle von Medien für den politischen und sozialen Wandel in der MENA-Region im letzten Jahrzehnt häufig arg verkürzt beschrieben. In der Tat sind Medientechnologien bei der Jugend in der MENA-Region weitverbreitet. Die vorliegende Studie zeigt, dass 75 Prozent aller befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der MENA-Region das Internet nutzen. Durchschnittlich verbringen sie 5,2 Stunden täglich online. Über drei Viertel der Befragten besitzen ein Smartphone(78 Prozent) und 86 Prozent aller Haushalte verfügen über ein Fernsehgerät. Allerdings warnte der Politologe Marc Lynch bereits 2008, dass selbst die Wissenschaft die Rolle der Medien beim politischen Wandel in nicht westlichen Ländern überschätze(Lynch 2008: 18). Nach 2011 konstatierte er wiederum, dass Experten wie Aktivisten in einer»Tahrir-Blase« gefangen seien, in der sowohl die an den Protesten Beteiligten als auch ihre akademischen Beobachter die außergewöhnliche Rolle der sozialen Medien für politische Mobilisierung in den Gesellschaften der MENA-Region immer wieder betonen(Lynch 2013). Aber jenseits von aktivistischer Mediennutzung bleibt die Frage, welche Rolle die Medien im Alltag der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der MENA-Region spielen: Welche Medien präferieren sie, was sind die Kommunikationsgewohnheiten der Jugendlichen, in welchem Zusammenhang stehen ihre Präferenzen und Gewohnheiten mit dem gesellschaftlichen Wandel? Ich werde im Folgenden ausführen, wie durch eine globale Verfügbarkeit von ähnlichen Technologien und Formaten eine Konvergenz der Mediennutzung auch in der MENA-Region festzustellen ist. Misstrauen gegenüber traditionellen Medien und politische Desillusionierung führen zu einer fundamentalen Verschiebung in der Nutzung der sozialen Medien hin zu privater Kommunikation und dem Aufrechterhalten bestehender sozialer Netze. Mediatisierte Kommunikation ist damit sowohl Auslöser als auch Kommunikation 265 Strategie zur Bewältigung der Unsicherheit, die den Alltag der MENA-Jugend prägt. Meine Ausführungen konzentrieren sich auf drei Aspekte: Zunächst betrachte ich die Integration von Medientechnologien, Plattformen und Diensten in die Alltagskommunikation junger Menschen. Anschließend erörtere ich die Frage, ob es Besonderheiten bei der Suche nach politischen Informationen und ihrer medialen Weitergabe in Gesellschaften der MENA-Region gibt. In diesem Zusammenhang untersuche ich auch, inwieweit Medien einen bestimmten politischen Platz in der Gesellschaft einnehmen und wie viel Vertrauen sie in der Jugend genießen, um Aussagen über»Facebook-Revolutionen« und den»Al-Jazeera-Effekt« entsprechend zu bewerten. Abschließend diskutiere ich die Heterogenität der Mediennutzungsmuster in der MENA-Region, die entgegen allen Annahmen so gar nicht homogen sind. Während die Daten insgesamt auf eine große Verbreitung von Kommunikationsmitteln in der Region hindeuten, zeigen die einzelnen Länderberichte nämlich markante Unterschiede. Offensichtlich verläuft eine digitale Kluft nicht nur zwischen dem Globalen Norden und Süden, sie zeigt sich auch innerhalb der MENA-Region. Die Kommunikationsmuster müssen daher im Licht eines regionalen digital divide interpretiert werden. 1 In Verbindung bleiben. Die Jugend der MENA-Region im Zeitalter der Mediatisierung Kommunikation für junge Menschen ist zunehmend mediatisierte Kommunikation. Das gilt für die MENA-Jugend ebenso wie für europäische Jugendliche(Feierabend et al. 2016). Der beständige Ausbau der Medientechnologien in den letzten Jahren hat die Kommunikationspraktiken drastisch verändert – und dieser Prozess ist lange noch nicht abgeschlossen. Wie ihre Vorgängergenerationen halten junge Menschen Kontakt zu Freunden, informieren sich und tauschen sich aus, doch diese Interaktionen sind maßgeblich von neuen Technologien beeinflusst. Die Kommunikationswissenschaft nennt diesen Prozess Mediatisierung. Der Begriff bezeichnet die Aneignung verschiedener neuer Medien in Alltagsroutinen (Hepp/Krotz 2014). In diesem Zusammenhang wird argumentiert, dass die Grenzen zwischen Online- und Offlinekommunikation verschwimmen, zwischen privater und öffentlicher Kommunikation bestehe praktisch kein 266 Carola Richter Tab. 11.1 Nutzung von Social-Media-Plattformen in den MENA-Staaten Land Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl.ª ) Gesamt (100) (75) (92) (94) (72) (70) (88) (31) (55) WhatsApp 92 85 84 97 89 60 25 93 98 80 Viber 11 44 26 44 19 39 42 19 12 30 Skype 15 22 22 19 25 15 36 7 2 20 Facebook 20 99 82 85 95 92 98 66 25 75 Twitter 41 35 14 24 18 14 15 15 4 22 Instagram 88 38 31 43 17 33 33 18 3 38 Fragen 1, 149, 154. Frage » Nutzt Du …(Name der Plattform)?«(Mehrfachnennungen). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Antworten beziehen sich nur auf diejenigen, die das Internet nutzen. Angaben dazu in Klammern nach dem Ländernamen. ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. Unterschied mehr. Freundeskreise, die sich häufig»offline« sehen – in der Schule, Universität oder im Café – konsolidieren ihren Zusammenhalt durch die sozialen Medien, insbesondere durch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp. Mediatisierte Kommunikation ist also ein wichtiger Faktor im Leben der jungen Menschen in der MENA-Region. Sie hilft ihnen, in Verbindung zu bleiben. 1.1 Instant Messaging zum Kontakthalten zu Familie und Freunden Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp, Viber und Skype sind als Medien für soziale Vernetzung( social networking) und Teilen( sharing) mindestens ebenso wichtig wie Facebook, Twitter und Instagram. Dabei sind, unabhängig von gewissen lokalen Präferenzen, WhatsApp und Facebook die am häufigsten genutzten Services(Tab. 11.1). Facebook wird vor allem in den beiden als Geburtsorte des Arabischen Frühlings bezeichneten Ländern, Ägypten und Tunesien, sowie in Marokko und Palästina genutzt. Fast alle jungen Internetnutzer in diesen Ländern sind auch auf Facebook. Da Facebook einen eigenen Instant-Messaging-Service integriert hat, ist anzunehmen, dass häufige Facebook-Nutzer über diese Plattform ebenfalls direkt mit Freunden und Familie kommunizieren. Für die bahrainischen Jugendlichen und die syrischen Flüchtlinge spielt Facebook dagegen Kommunikation 267 praktisch keine Rolle. Als beliebtester Instant-Messaging-Service gilt fast überall WhatsApp. Einzig die tunesische Jugend bevorzugt den WhatsAppKonkurrenten Viber. Die bahrainischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen unterscheiden sich in ihrer starken Nutzung von Instagram und Twitter von den anderen Gruppen. In anderen Ländern der MENA-Region spielt Twitter nur eine untergeordnete Rolle. Trotz eines kürzlich ergänzten Features, das auch private Kommunikation erlaubt, gilt Twitter nach wie vor als eher öffentlicher Kommunikationskanal mit einem stärker politischen Charakter und scheint weniger attraktiv zu sein als die anderen Plattformen. 1.2 Ein absolutes Muss: Das personalisierte Smartphone Die Dominanz des Instant Messaging korreliert mit der extrem hohen Konvergenz von mobiler Telefonie und Internetzugang. Die Jugendlichen gehen praktisch ausschließlich mobil(per Smartphone) ins Internet. Obwohl das Internet am häufigsten zu Hause genutzt wird, spielen größere oder stationäre Endgeräte wie Laptops, PCs oder Tablets nur eine untergeordnete Rolle. Häufig suchen sich die Nutzer WLAN-Hotspots in Geschäften, Cafés, Universitäten oder Schulen, um auch unterwegs online zu bleiben(Tab. 11.2). Die Daten zeigen weiterhin, dass in der MENA-Region – mit regionalen Unterschieden – im Durchschnitt jeder junge Mensch zwischen 16 und 30 Jahren ein Smartphone besitzt(vgl. Abb. 11.5b). Mit Ausnahme Tunesiens präferieren Jugendliche und junge Erwachsene Smartphones gegenüber einfachen Handys, die nur Telefonate und Kurzmitteilungen(SMS) erlauben. Das Smartphone ist heute das wichtigste Gerät, um die verfügbaren Kommunikationsfunktionen an unterschiedlichen Orten nutzen zu können. Es lässt sich personalisieren und ermöglicht praktisch überall»connected«(in Verbindung) zu bleiben. 1.3 Kommunikationszweck: Eher privat als politisch Im Gegensatz zu der Annahme, dass soziale Medien vor allem politisch genutzt werden – auf der auch der Mythos der»Facebook-Revolution« basiert – nutzt die Jugend der MENA-Region soziale Medien eher für unpolitische Zwecke(Abb. 11.1). Den befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen dienen soziale Medien in erster Linie zur Aufrechterhaltung des»Kontakts mit Familie und 268 Carola Richter Tab. 11.2 Geräte mit Internetzugang und Ort des Internetzugangs Land Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syrische Flüchtlinge Gesamt Geräte mit Internetzugang Smart- Lap- PC Tabphone top let 100 1 0 0 91 17 25 20 90 16 9 10 98 27 6 12 92 28 20 11 81 31 27 9 82 35 27 12 95 13 22 5 99 1 1 0 92 19 14 9 Zu Hause 99 78 84 89 72 88 83 63 Überall 2 53 37 50 42 42 43 26 Ort des Internetzugangs Internet- Arbeits- Schule/ café platz Uni Geschäft/ Restaurant 3 4 1 1 27 16 14 25 18 32 11 19 24 32 22 18 43 13 26 27 13 14 20 8 27 11 16 8 23 9 7 4 84 41 1 24 1 1 85 37 20 18 14 13 Fragen 1, 149, 151, 152. Frage 152 » Mit welchem Gerät gehst Du in der Regel online?« Frage 151 » Wo nutzt Du das Internet?«(Mehrfachnennungen). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Antworten beziehen sich nur auf diejenigen, die das Internet nutzen. Freunden«. Dies gilt in allen untersuchten Ländern und über alle Geschlechtergrenzen und Bildungsniveaus hinweg. Wichtig sind den Befragten auch das Teilen von Bildern, Musik und Videos sowie die Organisation von Treffen mit Freunden. Die neuen Technologien, die den schnellen und einfachen Austausch von digitalen Medieninhalten erlauben, wirken quasi als Katalysator für die Dominanz von sozialen Medien bei der Mediennutzung Jugendlicher. Ein weiteres, zunehmend wichtiger werdendes Motiv für die Nutzung sozialer Medien durch junge Menschen stellt die Arbeitssuche dar. Dagegen ist die Onlinepartnersuche bei der MENA-Jugend noch keine verbreitete Praxis. Nur in Bahrain sind Jugendliche und junge Erwachsene stärker an Onlinepartnervermittlungen interessiert. Der Hauptzweck von sozialen Medien besteht also darin, bestehende Netzwerke zu konsolidieren. Sie ersetzen frühere Kommunikationskanäle wie Briefe und Telefon und helfen, räumliche Entfernungen zu überwinden. Die 26-jährige Marokkanerin Zainab beschreibt, wie soziale Medien für sie funktionieren: Kommunikation 269 Abb. 11.1 Nutzungszwecke sozialer Medien in den MENA-Staaten Bahrain 79 74 74 59 31 17 14 17 Ägypten 73 53 59 34 15 14 11 12 Jordanien 65 43 42 35 22 16 17 25 Libanon 83 55 62 22 12 8 56 Marokko 65 38 44 36 21 12 12 18 Palästina 79 53 42 24 3647 Tunesien 81 48 61 29 13 65 7 Jemen 83 47 51 25 8 1110 20 Syrische Flüchtlinge 3 83 29 36 14 6 8 1 Gesamt 76 51 54 32 16 11 9 13 Kontakt mit Familie und Freunden Organisation von Treffen Teilen von Musik und Videos Arbeitssuche Partnersuche Politische Information Politische Mobilisierung Religiöse Mobilisierung Fragen 1, 144, 155. Frage 155 » Wozu nutzt Du soziale Netze wie Facebook, Blogs oder WhatsApp?«(Mehrfachnennungen). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Antworten beziehen sich nur auf diejenigen, die das Internet nutzen und diese als»häufig« oder»immer« angeben. Mit Freunden und Nachbarn pflege ich ganz normale Beziehungen. Wir treffen uns gelegentlich und lernen voneinander kochen. Meine Freizeit verbringe ich jedoch vor allem auf Facebook, chatte mit Freunden und erzähle, was im Laufe des Tages passiert. Wir reden vor allem über den Haushalt oder die Familie. Manchmal hängen wir auch eine oder zwei Stunden zusammen in der Mall ab(MA-4). Soziale Medien fördern auch den Zusammenhalt von Freundeskreisen und Familien, die sich so trotz Sicherheitsproblemen oder wirtschaftlicher Schwierigkeiten, über die sich viele beklagen, begegnen können. Der 30-jährige Samer aus Ägypten kommentiert das wie folgt: 270 Carola Richter Abb. 11.2 Soziale Netze – Clique versus Internet 14% Internet und Clique 28% 47% Clique, aber kein Internet Internet, aber keine Clique Keine Clique, kein Internet 11% Fragen 129, 149. Frage 129 » Gehörst Du einer festen Gruppe von Freunden – einer ›Clique‹ – an, die sich häufig trifft und deren Mitglieder sich untereinander gut kennen?« Frage 149 » Nutzt Du das Internet?« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Es gibt vieles, was ich jetzt nicht mehr mache[zum Beispiel ausgehen]. Sicherheit und Geld sind mir das Wichtigste. Wie soll man ohne Geld glücklich sein? Selbst wenn du Geld hast, ist es besser zu sparen(EG-1). Der 22-jährige Bob aus dem Libanon ergänzt: Wir können nicht mehr irgendwo zelten, weil wir Fremde und Ausländer fürchten, und auch weil es wiederholt Diebstähle und Gewalt gab. Auf Facebook finden wir neue Möglichkeiten durch Gruppen und Seiten, die das Thema diskutieren und die Einreise von Flüchtlingen in den Libanon kritisieren und ablehnen(LB-2). 1.4 Förderung der Freundschaft online Wir fragten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ob sie einer Clique angehören, das heißt, Teil einer festen Gruppe von Freunden sind. Die Antworten setzten wir in Relation zu dem Aspekt Internetnutzung(Abb. 11.2). Etwa die Hälfte der Befragten ist sowohl in einer Clique, als auch im Internet, was nahelegt, dass Freundschaften auch online gepflegt werden. Die im Bildungswesen arbeitende 30-jährige Bahrainerin Fatima berichtet, sie würde mit ihren Freundinnen Kommunikation 271 reden, lachen, Karten oder PS[PlayStation] spielen, spazieren oder in Clubs gehen, shoppen, je nachdem. Wir machen, wozu wir Lust haben. Wir chatten via WhatsApp oder Snapchat(BH-1). Nur eine Minderheit von 11 Prozent der Befragten ist in einer Clique und gibt zugleich an, keinen Internetzugang zu haben. Eine deutlich größere Gruppe von 28 Prozent nutzt das Internet, ist jedoch nicht Teil einer Clique. Wer weder zur Schule geht noch studiert oder arbeitet, ist seltener Mitglied einer Clique. Diese beiden Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Onlinekommunikation zwar als Ersatz für nicht bestehende oder schwer aufzubauende Offlinebeziehungen funktionieren kann, doch in der MENA-Region bilden sich nur selten rein offline agierende Cliquen. 14 Prozent der Befragten gehören weder einer Clique an, noch nutzen sie das Internet. Sie scheinen damit relativ abgekoppelt zu sein von(mediatisierten) Freundschaften. Es handelt sich bei ihnen signifikant häufiger um weibliche Befragte, die eher älteren Altersgruppen angehören, in der Regel verheiratet sind und über weniger materiellen Wohlstand verfügen(vgl. Tab. 2.11). Nawal, eine 20-jährige verheiratete syrische Geflüchtete, gehört dieser Kategorie an. Zu ihrem Status erklärt sie schlicht: Mich interessiert nur mein Zuhause und meine Kinder. Ich hab keine Zeit zu vergeuden(LB/SY-6). Trotz ihrer Aussage können wir schlussfolgern, dass die mediatisierte Kommunikation Teil der Alltagsroutinen der Jugend der MENA-Region ist. Freundschaften werden mit dem Smartphone in der Hand gepflegt, über WhatsApp-Nachrichten und geteilte Fotos. Die digital vermittelte Kommunikation ist zugleich eine Möglichkeit, trotz bestehender Unsicherheit in Verbindung zu bleiben: Dank ihr wahrt man bestehende Familienbande und Freundschaften, die ansonsten wegen bestehender Gefahren, aufgrund geografischer Entfernung oder wegen wirtschaftlicher Härten verloren gingen. 272 Carola Richter 2 Zwischen Misstrauen und Desillusionierung: Mediennutzung und die Suche nach politischen Informationen Die sozialen Medien bilden den wichtigsten Zugangskanal zu politischen Informationen, auch wenn soziale Medien generell stärker zur privaten, unpolitischen Kommunikation genutzt werden. Allerdings zeigt die Mehrheit der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre prägenden Jahre während des Arabischen Frühlings erlebten, nur wenig Interesse an(der offiziellen) Politik. Einige Befragte sahen die sozialen Medien eine Zeit lang als Mittel zur politischen Partizipation – die Nutzung sozialer Medien war ein regelrecht politischer Akt. Zum Zeitpunkt der Datenerhebung 2016 scheint das jedoch nicht mehr der Fall zu sein. Die Interviews offenbaren eine weitgehende politische Desillusionierung nach dem Arabischen Frühling, die einige Befragte heute davon abhält, soziale Medien zu politischen Zwecken zu nutzen. Die 22-jährige Studentin Hikmat aus Palästina beschreibt das Phänomen so: Ich nutze Facebook nicht mehr so oft wie früher. In den sozialen Netzwerken bin ich überhaupt nicht mehr. Ich schaue nur noch die Nachrichten, beteilige mich aber an nichts mehr(PS-2). Die 17-jährige Schülerin Sara aus Ägypten berichtet: Früher teilte ich[Posts]. Jetzt nicht mehr. Ich weiß, dass ich, wenn ich etwas teile, was nicht wahr ist, Teil der Lüge bin. Also teile ich nur noch, wovon ich mit hundertprozentiger Sicherheit weiß, dass es richtig ist, oder witzige Posts, die mit Politik nichts zu tun haben(EG-2). Der Politologe Marc Lynch(2013) verweist ebenfalls auf die»Rückentwicklung von Twitter«( Twitter devolution) in der Region und meint damit eine »gefährliche Polarisierung« durch Tweets und Facebook-Posts, die auch ganze Familien erfasse. Das belegt die Aussage einer 25-jährigen Universitätsabsolventin aus Ägypten: Anfangs teilten wir Meinungsäußerungen, doch niemand wollte zuhören oder anderen zustimmen. Alle beharrten darauf, dass nur sie Recht hätten. Ich sah einige Leute über ihre Meinung streiten. Auch Freundschaften zerbrachen. Am Ende war alles umsonst, da sich niemand für andere Meinungen interessierte. Kommunikation 273 Jetzt höre ich nur noch Nachrichten, um zu wissen, was los ist oder welche Neuigkeiten es gibt(EG-10). Statt eines Instruments für politische Debatten sind die sozialen Medien für viele Befragte mittlerweile nur noch ein Einwegkanal zum Empfang von Nachrichten. Auch Evgeny Morozov ist skeptisch gegenüber einem häufig erwarteten Anstieg der politischen Deliberation mittels sozialer Medien. Er argumentiert(2011), dass die digitalen Medien in erster Linie autoritären Institutionen und den Regimeeliten helfen, neue und wirksamere Wege der Kontrolle und Repression der Bürgerinnen und Bürger zu finden. 2.1 Der Glaubwürdigkeitsverlust der Medien als Grund für fehlendes politisches Interesse Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling haben die sozialen Medien ihre einstige politische Glaubwürdigkeit verloren. Sie werden heute häufig nicht anders als die traditionellen Massenmedien Fernsehen, Radio und Zeitung als reine Informationskanäle genutzt. Das Misstrauen gegenüber den Medien rührt vor allem daher, dass diese viele Jahrzehnte lang nur Sprachrohr der herrschenden Regierungen waren. Zwar führte die Privatisierung bei Printund audiovisuellen Medien zu einer Professionalisierung der Präsentation und Produktion, doch politische Loyalität dem Regime gegenüber oder die Parteinahme für bestimmte politische Akteure verhinderte wahrhaft unabhängige Medien(Richter/El Difraoui 2015). Viele Befragte werfen den Medien Voreingenommenheit gegenüber einer politischen Strömung, die Produktion von Fake News, unethische oder eine skandalisierende Berichterstattung vor. Abbildung 11.3 illustriert das Maß an Vertrauen in die Medien im Vergleich zum Vertrauen in die Regierung der jeweiligen Staaten. Ein großes Problem ist die begrenzte Medienkompetenz in der Gesellschaft. Die Bildung einer unabhängigen Meinung aus verschiedenen Quellen gestaltet sich schwierig, wenn die Annahme gilt, Medien sollten die »Wahrheit« präsentieren. Die 23-jährige Bahrainerin Iman klagt: [Die Medien] haben einhundert Gesichter. Ich traue ihnen nicht. Zu einer Frage gibt es sehr viele verschiedene Meinungen und Kommentare. Man verliert sich in ihnen und weiß nicht, wem man glauben soll. Sie sind nicht glaubwürdig(BH-10). Der Vergleich von Vertrauen in die Medien und Vertrauen in die Regierung ist aufschlussreich(vgl. Abb. 11.3). In Bahrain und Ägypten vertraut die 274 Carola Richter Abb. 11.3 Vertrauen in Medien und Regierung in den MENA-Staaten 100 96 95 90 88 83 80 70 60 50 48 50 40 62 35 60 56 70 65 47 46 48 43 30 75 60 20 10 0 Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Medien Regierung Fragen 1, 114. Frage 114 » Hast Du Vertrauen in öffentliche Einrichtungen?«. Hier:»Begrenztes Vertrauen« und»Vertrauen«. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Jugend der Regierung, ist jedoch den Medien gegenüber eher skeptisch. Hier glauben die jungen Befragten möglicherweise der Rhetorik der Regierung als Garantin für Stabilität, während sie fürchten, dass die Medien diese Stabilität gefährden. Da wo das Vertrauen in die Medien höher ist als in die Regierung, beispielsweise in Libanon, Palästina und Marokko, ist die Medienlandschaft pluralistischer, was die Glaubwürdigkeit der Medien offenbar erhöht. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit spielen diese die Rolle der vierten Gewalt. Eine 30-jährige Marokkanerin bestätigt das: Ich würde sagen, dass die Leute sich heute bewusst sind, dass die Medien ihre Aufgabe erfüllen. Vieles, was sich früher im Verborgenen abspielte, wird heute von den Medien aufgedeckt. Ich meine, dass die Medien funktionieren und ihre Aufgabe erfüllen. Das Fernsehen hilft den Menschen und zeigt vieles(MA-9). Kommunikation 275 2.2 Das Fernsehen als wichtigste politische Informationsquelle Eine Minderheit der Befragten – knapp ein Fünftel – gibt an, sich aktiv über Politik zu informieren(vgl. Tab. 11.3). Für sie bleibt das Fernsehen die wichtigste Quelle, wenngleich die nationale TV-Landschaft häufig von staatlichen oder parteinahen Sendern dominiert wird. Auf Platz zwei folgt das Internet, das vermutlich, weil es ein pluralistischeres Medium ist, in Bahrain, Jordanien und Marokko sogar das Fernsehen als wichtigsten Informationskanal überholt hat und auf dem ersten Rang steht. Der 22-jährige Oday aus Jordanien weist in diesem Zusammenhang auf einen Nebeneffekt der Nutzung von Onlinemedien hin: Ich verfolge keine Nachrichten, aber ich erfahre manches über Facebook(JO-13). Über Satellitenübertragung und eine gemeinsame Sprache erreichen TVSender ein panarabisches Publikum. Vor allem die Nachrichtensender Al-Jazeera und Al-Arabiya richten sich nicht an nationale Zuschauer, sondern wollen ein breites regionales Publikum erreichen. Ein 30-jähriger marokkanischer Anstreicher schildert das so: Ich sitze mit Freunden im Café und jeder sagt seine Meinung. Wir schauen AlJazeera und Al-Arabiya. Von ihnen erfahren wir die Nachrichten(MA-3). Die Informationspräferenzen variieren allerdings stark von Land zu Land. Während die Jemeniten vor allem auf das nicht mediatisierte, persönliche Gespräch bauen, ist Letzteres für die Jordanier offenbar keine relevante Informationsquelle. Die Bahrainer nutzen unterschiedliche Informationskanäle, vermutlich um zu vergleichen und zu bewerten, während sich die syrischen Flüchtlinge – vermutlich, weil der Zugang zu anderen Medien für sie schwierig ist – fast ausschließlich über das Fernsehen informieren. Nur im Jemen – und in geringerem Umfang auch in Bahrain und Palästina – bezieht eine signifikante Zahl der Befragten politische Information noch über das Radio. Zeitungen scheinen für die Jugend als Informationsquelle nicht mehr relevant zu sein. Einzig Bahrain stellt hier mit 65 Prozent der Befragten, die angeben, sie bezögen ihre Informationen aus der Zeitung, eine Ausnahme dar. Dies ist gleichwohl ein sehr kleiner Teil der insgesamt 12 Prozent, die sich überhaupt aktiv informieren. Diese ambivalenten Resultate lassen sich möglicherweise mit der Verfügbar276 Carola Richter Tab. 11.3 Aktive Informationsbeschaffung in den MENA-Staaten nach Medientyp Land Aktive Informations- TV Inter- Persönliches Handy beschaffung net Gespräch Jemen 32 53 18 83 17 Palästina 23 75 66 32 21 Libanon 21 67 45 36 23 Tunesien 21 80 69 25 3 Marokko 17 69 71 42 24 Syr. Flüchtl. 17 89 7 19 7 Ägypten 14 76 66 53 26 Bahrain 12 75 91 81 82 Jordanien 8 62 67 16 19 Gesamt 18 71 51 46 22 Fragen 1, 157, 158. Frage 157 » Informierst Du Dich aktiv über Politik?«(»Ja«). Frage 158 » Welche Informationsquellen und Medien nutzt Du?«(Mehrfachantworten). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Zeitung 7 10 6 14 29 1 26 65 14 16 Radio 43 23 5 15 16 4 6 28 4 19 keit der Medien und dem Maß an Medienfreiheit und-pluralität im jeweiligen Land erklären. So tendieren die Bahrainer beispielsweise zu einer Diversifizierung ihrer Nachrichtenquellen. Sie nutzen Zeitungen, Radio und das Internet, da sie über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen und die Infrastruktur Alternativen zum Staatsfernsehen zulässt. Im Jemen und in Palästina gibt es dezentrale Rundfunkstationen, durch die die Öffentlichkeit Zugang zu den vom Fernsehen und den staatstreuen oder staatsabhängigen Zeitungen vernachlässigten Lokalmeldungen hat. In Marokko und Ägypten existiert ein recht lebendiger Printsektor: Mehrere private und die Opposition repräsentierende Qualitätszeitungen sind auf dem Markt. Die jungen Tunesier halten ihr Fernsehen für eine gute Informationsquelle, möglicherweise aufgrund der Professionalisierung der Sender nach 2011. Zusammenfassend lässt sich ein weitverbreitetes Misstrauen gegenüber den Medien feststellen. Wer aktiv nach politischen Informationen sucht, nutzt sie dennoch, um Nachrichten zu sehen oder zu hören, hegt jedoch Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Skeptiker diverse Informationsquellen nutzen und auf verschiedene Medien bauen, um unterschiedliche Sichtweisen zu erfahren, sowie persönliche Gespräche führen, um die Meldungen zu verifizieren. Kommunikation 277 3 Internet versus TV: Die neue digitale Kluft in der Region Die Kommunikationsmuster in den einzelnen MENA-Staaten variieren. Während Alter, Bildung, ruraler oder urbaner Kontext und Geschlecht keine signifikante Rolle spielen, ist das jeweilige Land ein bedeutender Einflussfaktor. Dies gilt insbesondere mit Blick auf den Anteil junger Menschen, die überhaupt Zugang zum Internet haben oder zu Hause online gehen können sowie hinsichtlich der Zeit, die sie online verbringen. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern, die auf einen klaren digital divide in der MENA-Region verweisen. 3.1 Unterschiede beim Internetzugang und Besitz von Smartphones In dem Sample steht Bahrain für die reichen Golfstaaten mit einer gut ausgebauten digitalen Infrastruktur, staatlicher Fürsorge und einem hohen Lebensstandard. Am anderen Ende des Spektrums finden sich die Jemeniten und syrische Flüchtlinge sowie die Palästinenser, die gewaltsamen Konflikten ausgesetzt sind und oft mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Ländern fertig werden müssen, in denen es keine ausreichende Infrastruktur gibt, um ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die zuletzt genannten Gruppen haben am wenigsten Zugang zum Internet. Sie begannen später, das Internet oder Smartphones zu nutzen, und besitzen durchschnittlich weniger Endgeräte, als die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in anderen Staaten der MENA-Region. Während alle Bahrainer Befragten das Internet nutzen und zu Hause online gehen können, sind es nur 31 Prozent der Jemeniten und 55 Prozent der syrischen Flüchtlinge im Libanon, die Zugang zum Internet haben. Nur 6 Prozent der Jemeniten und 10 Prozent der syrischen Flüchtlinge verfügen über einen privaten Internetzugang(vgl. Abb. 11.4). Im Mittelfeld finden sich die weniger wohlhabenden Länder Marokko, Ägypten und Tunesien, in denen der Staat jedoch in den 2000erJahren den Ausbau der entsprechenden Infrastruktur und die Verfügbarkeit von Computern massiv gefördert hat. Dort wurde der Telekommunikationsmarkt liberalisiert und für den Wettbewerb geöffnet(Abdulla 2007). Die digitale Kluft wird weiterhin dadurch vertieft, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in vielen Staaten der MENA-Region erst spät begonnen haben, digitale Medien und insbesondere Smartphones zu nutzen. Während die Jugend in Bahrain bereits 2005 im Internet surfte und 278 Carola Richter Abb. 11.4 Internetnutzung und Medienverfügbarkeit in MENA-Privathaushalten 110 100 100 100 99 97 97 97 98 99 99 94 98 90 81 89 92 93 88 86 86 80 76 80 75 74 72 70 75 70 70 62 60 61 58 50 48 55 47 40 30 20 10 0 Bahrain Ägypten Libanon 22 Marokko Palästina Tunesien 31 6 10 Jemen Syr. Flüchtl. Gesamt TV im Haushalt verfügbar Satellitenschüssel im Haushalt verfügbar Internetnutzung Internet im Haushalt verfügbar Fragen 1, 55, 149, 151. Frage 55 » Welche der folgenden Dinge(Geräte) stehen in Deinem Haushalt zur Verfügung?« (Mehrfachantworten). Frage 149 » Nutzt Du das Internet?« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 2009 zu Smartphones wechselte, gingen junge Palästinenser, Jemeniten und syrische Flüchtlinge erst 2011 online und besaßen erst 2013 ein Smartphone. Die digitale Kluft zeigt sich auch in der Zeit, die junge Menschen täglich im Internet verbringen: Das reicht von 8,4 Stunden täglich in Bahrain bis zu 3,2 Stunden bei den Jemeniten und syrischen Flüchtlingen(vgl. Abb. 11.5a und 11.5b). Zahraa, eine 23-jährige arbeitslose Akademikerin aus Bahrain, gibt an, dass sie»etwa Dreiviertel des Tages im Internet« verbringt. Ein deutlicher Geschlechterunterschied bei der Internetnutzung in den verschiedenen MENA-Staaten ist nicht zu erkennen. In Tunesien, ÄgypKommunikation 279 Abb. 11.5a Digitale Kluft: Interneterstnutzung und Surfdauer in den MENA-Staaten 9,0 Bahrain 8,0 Stunden online 2016 7,0 Libanon 6,0 Ägypten 5,0 Tunesien 4,0 Marokko Jordanien Palästina Syr. 3,0 Flüchtl. Jemen 2,0 1,0 Jahr der Erstnutzung des Internet 0,0 2004 05 06 07 08 09 10 11 12 Fragen 150, 153. Frage 157 » In welchem Jahr hast Du begonnen, das Internet zu nutzen?« Frage 158 » Wie viele Stunden bist Du täglich online?« Hinweis Angaben in Durchschnittswerten(arithmetisches Mittel). 13 2014 ten und Palästina verbringen die jungen Frauen sogar ein paar Minuten länger online als die Männer. 3.2 Unterschiedliche Kommunikationsausgaben Angesichts des beobachteten digital divide überrascht nicht, dass Jemeniten, syrische Flüchtlinge und Palästinenser nicht vorrangig Geld für Mobiltelefone und Internet ausgeben im Gegensatz zu den jungen Menschen in den anderen MENA-Staaten(vgl. Abb. 11.6). Für sie haben die Grundversorgung mit Lebensmitteln, Gas, Strom oder Kleidung notwendigerweise Priorität. Bei den bahrainischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen Mobiltelefone dagegen an der zweiten Stelle der monatlichen Ausgaben. Ausgaben für das Internet finden sich auf Rang fünf. Die Bahrainer geben auch einen signifikanten Betrag für Videos und Spiele aus. Letzteres ist in keinem anderen Land ein wichtiger Ausgabeposten. Dazu Gassem, ein 25-jähriger Bahrainer: 280 Carola Richter Anzahl eigener Smartphones 2016 Abb. 11.5b Digitale Spaltung: Erstbesitz eines Smartphones · Zahl eigener Geräte 1,4 1,2 Bahrain Marokko 1,0 Tunesien Libanon 0,8 Ägypten Palästina Syrische Flüchtlinge 0,6 Jemen 0,4 0,2 Jahr des Erstbesitzes 0,0 2008 09 10 11 12 13 2014 Fragen 145, 146. Frage 145 » In welchem Jahr hattest Du Dein erstes Smartphone?« Frage 146 » Wie viele Smartphones besitzt Du?« Hinweise Angaben in Durchschnittswerten(arithmetisches Mittel). Daten für Jordanien nicht verfügbar. Die Jugend in meinem Land beschäftigt sich nur mit Fußball und der PlayStation. Das ist alles(BH-2). Mit Ausnahme von Bahrain nutzt die Mehrheit der jungen Menschen in allen anderen MENA-Staaten Prepaidkarten anstelle von Mobilfunkverträgen. Houssam, ein 26-jähriger Arbeiter aus dem Libanon, nennt die Gründe: Ich muss realistisch sein und akzeptieren, dass ich insgesamt 100 Dollar verdiene. Dieses Geld gebe ich größtenteils dafür aus, mein Telefon für die Arbeit zu laden. Der Rest geht für Haushaltsausgaben drauf(LB-7). Das weist darauf hin, dass Verbundensein(Konnektivität) sehr wichtig ist. Prepaidkarten ermöglichen, schnell die monatlichen Ausgaben zu reduzieren, wenn das Geld knapp ist. Auch wenn kein Geldbetrag auf das Telefon geladen wird, ist man dank WLAN und der Anruffunktion erreichbar. Kommunikation 281 Abb. 11.6 Ranking der Ausgaben für Kommunikationsaktivitäten in MENA-Staaten 1 3 5 7 9 11 13 Rang 15 17 19 21 Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Gesamt Mobiltelefon Internet Fragen 1, 97. Frage 97 » Bitte nenne die vier Dinge, für die Du am meisten Geld ausgibst?«(Mehrfachantworten: 4 von 21 Optionen). Die monatlichen Ausgaben für Mobiltelefonie variieren stark von Land zu Land. Den pro Person dafür ausgegebenen 6 Euro monatlich im Jemen stehen 33 Euro in Bahrain gegenüber. Im Vergleich zum durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukt der einzelnen Länder ist Telefonie am teuersten in Tunesien und am billigsten in Bahrain. Frauen und junge Menschen mit einem niedrigeren Bildungsniveau geben tendenziell etwas weniger Geld für Mobiltelefonie und Internet aus als Männer oder höher Gebildete. Der Geschlechterfaktor spielt nur in Tunesien eine Rolle: Dort geben die Frauen mehr für ihr Telefon aus als anderswo. 282 Carola Richter Tab. 11.4 Die häufigsten Freizeitaktivitäten in den MENA-Staaten nach Geschlecht Land Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Gesamt Fernsehen mw 63 67 64 73 74 85 59 74 76 87 58 73 66 84 37 39 63 62 67 Im Internet surfen mw 49 50 53 46 57 46 55 50 38 34 57 49 60 63 31 9 20 11 43 Zeit mit der Familie verbringen mw 9 8 18 25 26 26 15 16 9 21 32 42 6 23 27 44 27 36 23 Nachbarn/ Verwandte besuchen mw 5 10 16 25 30 33 11 30 7 25 31 39 3 11 39 68 44 53 26 Nichts tun/ Entspannen mw 22 24 6 8 16 9 10 9 3 3 8 6 3 6 21 23 39 36 14 Cafés m 12 28 13 23 37 15 62 1 1 13 Shopping w 14 17 15 11 12 7 5 7 2 8 Fragen 1, 3, 164. Frage 164 » Was sind Deine Hauptfreizeitbeschäftigungen? Bitte nenne maximal bis zu drei Aktivitäten, für die Du Dir in der Woche die meiste Zeit nimmst.« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. m= Männer(männliche Befragte); w= Frauen (weibliche Befragte). 3.3 Die digitale Kluft überbrücken: Fernsehen als wichtiges Medium Trotz der Konzentration der Wissenschaft auf Internet und Mobiltelefone als Kommunikationsmittel bleibt das Fernsehen das am häufigsten frequentierte Medium der Jugend in der MENA-Region. Nach ihrer bevorzugten Freizeitbeschäftigung gefragt, sagt eine Mehrheit von 67 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in allen Ländern mit Ausnahme Jemens, sie säßen am liebsten vor dem Fernseher. Das ist ihnen durchgängig wichtiger als das Surfen im Internet und toppt alle anderen Aktivitäten, wie Freunde treffen, Sport treiben oder Shoppen. 86 Prozent der Haushalte der MENA-Region haben einen Fernseher. TV ist demnach leicht verfügbar und preiswert. Dabei stellen Satellitenprogramme(zu denen 80 Prozent der im Rahmen der Studie berücksichtigten Haushalte Zugang haben) die bequemste Variante für den Empfang einer Vielzahl panarabischer und internationaler Sender. Man muss überdies nicht das Haus verlassen und kann die Programme allein oder mit Freunden verfolgen. Alternativen wie Kino, Theater oder Discos sind in den meisten Staaten der Kommunikation 283 MENA-Region noch nicht sehr verbreitet, werden aber nachgefragt. Wie der 25-jährige Highschool-Absolvent Hamza aus Marokko fordern auch viele andere in den Interviews, dass der Staat Räume und Bereiche schaffen sollte, wo die Jugendlichen ihre Zeit verbringen können, anstatt in Cafés abzuhängen und nichts zu tun. Sie sollten etwas unternehmen, sie sollten sich beschäftigen können und nicht nur Fernsehgucken oder im Internet surfen(MA-7). Dies könnten die Gründe für die allgemeine Verbreitung des Fernsehens als Freizeitaktivität sein. Bei einigen Aktivitäten gibt es einen bemerkenswerten Geschlechterunterschied. Tabelle 11.4 zeigt eine Auswahl der häufigsten Freizeitaktivitäten und die entsprechende Verteilung bei männlichen und weiblichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Generell schauen die weiblichen Befragten mehr Fernsehen als die Männer. Die Männer wiederum surfen in ihrer Freizeit öfter im Internet als die Frauen. Cafébesuche sind vor allem in Tunesien und Marokko ebenfalls eine typisch männliche Aktivität. In Tunesien verbringen die Männer sogar etwas häufiger Zeit im Café als im Internet. Wahrscheinlich aufgrund der schlechten finanziellen Lage und der nicht ausreichenden technologischen Infrastruktur fällt der Jemen deutlich aus dem Rahmen der sonstigen Freizeitaktivitäten. Dort ist der Besuch von Nachbarn und Verwandten die bevorzugte Beschäftigung, noch vor dem Fernsehen. Auch die Jemenitinnen verbringen ihre Freizeit nicht online, sondern besuchen Nachbarn und Verwandte oder unternehmen etwas mit der Familie. Allgemein ist festzustellen, dass Aktivitäten mit der Familie und Besuche in der Nachbarschaft häufiger von den Gruppen unternommen werden, die auf der Verliererseite der digitalen Kluft stehen: Jemeniten, Palästinenser und syrische Flüchtlinge. Es sind insbesondere die Frauen, die ihre Zeit in einem Netzwerk von Verwandten verbringen. Die Bahrainis wiederum stellen insofern eine Ausnahme dar, als Familien- und Verwandtenbesuche eher eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen wird hier häufiger»Nichtstun, Entspannen« als Freizeitbeschäftigung genannt. Aktivitäten außerhalb des Hauses beschränken sich in Bahrain meist auf Besuche von Malls und»Fast Food«-Restaurants. Das»Nichtstun« scheint wiederum auch ein preiswerter Zeitvertreib für junge syrische Flüchtlinge und Jemeniten zu sein. Der 30-jährige Marwan, ein verheirateter Mann aus dem Jemen, sagt diesbezüglich: 284 Carola Richter Ich habe keinen Fernseher. Wie gesagt: Die Bedingungen sind schlecht. Ich habe nichts zu tun(YE-10). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Betrachtung der Verfügbarkeit von Endgeräten und der Priorität der mediatisierten Kommunikation den digital divide als Ausdruck der ökonomischen Kluft in der MENARegion deutlich widerspiegelt. In den vergangenen zehn Jahren investierten einige Staaten in den Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur. Dies gilt jedoch nicht für alle, wie der Vergleich zwischen Ägypten und dem Jemen zeigt. Den meisten Bewohnern der Region steht allerdings ein Fernsehgerät zur Verfügung. Sie haben damit Zugang zu nationaler und transnationaler Kommunikation – wenn auch eher in einem One-to-many- als in einem Many-to-many-Modus. 4 Schlussfolgerungen Wir stellen eine globale Konvergenz in der Mediennutzung fest. Diese ist auf die Verfügbarkeit ähnlicher Technologien und Formate zurückzuführen. Die Jugend in der MENA-Region agiert hier nicht anders als junge Menschen anderswo. Die Hauptergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass das Smartphone das wichtigste Instrument für den Internetzugang ist. Das Internet dient in erster Linie dem Kontakt zu Freunden und dem Teilen digitaler Produkte. Gleichzeitig sind die traditionellen Massenmedien im medialen Bouquet nach wie vor präsent, und das trotz einer stark kontrollierten beziehungsweise polarisierten Medienlandschaft, die die meisten Länder kennzeichnet. Eine große Zahl junger Menschen hat aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der unzureichenden Infrastruktur tatsächlich nur einen beschränkten oder gar keinen Zugang zu digitalen Medien. Das gilt insbesondere im Jemen und für die syrischen Flüchtlinge. Ein weiterer interessanter Aspekt der Konvergenz sind die ansonsten typischen Differenzmarker Gender und Bildung, die bei den Mediennutzungsmustern weitaus weniger relevant sind als erwartet. Die Tatsache, dass die Frauen in Tunesien und Bahrain mehr Zeit online und mit ihren Smartphones verbringen, verweist überdies auf einen neuen Trend: Die Frauen übernehmen neue Kommunikationstechnologien heute ebenso früh wie die Männer. Angesichts der immer noch herrschenden gesellschaftlichen Beschränkung der rein physischen Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum erfüllen soziale Medien möglicherweise auch eine Kompensationsfunktion. Kommunikation 285 Politische Äußerungen in den sozialen Medien, die man als Konsequenz ihrer scheinbaren Bedeutung im Arabischen Frühling hätte erwarten können, sind in der Studie nur bedingt relevant. Die Frustration angesichts von Polarisierung und unethischer Berichterstattung schürte das Misstrauen gegenüber allen Medien und führte zum politischen Rückzug aus ihnen. Aktuell werden die sozialen Medien vor allem für die private Kommunikation genutzt. Sie stabilisieren so die bestehenden sozialen Netze. Dies deutet darauf hin, dass die mediatisierte Kommunikation sowohl Auslöser als auch Bewältigungsstrategie für die Unsicherheit im Alltagsleben der Jugend in den MENA-Staaten ist. 286 Carola Richter Kapitel 12 Politik Mathias Albert · Sonja Hegasy 1 Einführung: Politik im Umbruch 1 D ie Jugend der MENA-Region gilt als wichtigster Motor der Proteste, die die Region 2011 erschütterten. Sie sind besser gebildet als ihre Eltern, doch ihre Aufstiegschancen in der Gesellschaft sind weitaus schlechter, denn die Bevölkerung wächst schneller als der Arbeitsmarkt. Überdies wurden die Möglichkeiten, nach Europa oder in die USA auszuwandern, nach und nach eingeschränkt. Auslandsreisen oder-aufenthalte – sei es als Studierende oder als Touristen – sind nach dem 11. September zunehmend schwerer zu realisieren, selbst für diejenigen, die über die entsprechenden finanziellen Mittel verfügen(vgl. Kap. 10). Es mag banal klingen, aber weltweit populäre Angebote für Urlauber wie Airbnb oder HomeExchange sind für junge Araber kaum realisierbar, da internationale Visumrestriktionen ihnen nicht die nötige Flexibilität erlauben. Wir wollen in diesem Beitrag die Beziehung nachzeichnen, die junge Menschen in der MENA-Region unter diesen Umständen zur Politik haben, und untersuchen entsprechend ihre Politiknähe bzw.-ferne. Unser Argument lautet, dass die häufig als Arabischer Frühling beschriebenen Aufstände in der Region Ausdruck der Politisierung junger Menschen innerhalb einer begrenzten politischen Öffnung waren, die seit den 2000er-Jahren viele Länder kennzeichnet. Politisierung meint in erster Linie eine ausgeprägte Sensibilisierung für politische Fragen, die das»Ende des Postkolonialismus«(Hamid Dabashi) markieren. Gleichzeitig gibt es eine große Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, die angeben, sie seien nicht an Politik interessiert, denn Politik ist für sie reine Parteipolitik. Die Umfrageergebnisse dieser Studie weisen überdies darauf hin, dass die Jugend 1 Dieses Kapitel weicht in der Endfassung leicht von der Übersetzung der englischen Originalfassung »Politics« in: Coping with Uncertainty: Youth in the Middle East and North Africa(Saqi Books, London 2018) ab. Politik 287 der Region – mit Ausnahme der Befragten in Palästina – wenig Interesse an einem»starken Mann« an der Spitze eines politischen Systems hat. Zwar dokumentieren Analysen und Beobachtungen auf der Makroebene der internationalen Politik den sich in der Region rasch vollziehenden Wandel, doch sind diese meist rein summarisch. Die Bewertung der Entwicklung durch die am stärksten Betroffenen, das heißt, die in der Region lebenden Menschen sowie ihre Einstellung gegenüber dem, was geschieht, wird dagegen häufig kaum wahrgenommen, obwohl sie wichtige Subjekte und Akteure des politischen und sozialen Wandels sind. Die vorliegende Studie stellt insofern eine Besonderheit dar, als dass sie fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling in diversen politischen Themenkomplexen die Meinung der Jugend in der Region beleuchtet. Diese Untersuchung ist nur eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2016, doch sie liefert eine Reihe von Einsichten in die Selbstwahrnehmung der 16- bis 30-Jährigen im Nahen Osten und Nordafrika. In diesem Kapitel wollen wir nicht nur ihre politischen Einstellungen und Positionen analysieren und bewerten, sondern auch betrachten, in welchem Maß politische Fragen für sie eine Rolle spielen. Unser erstes Augenmerk gilt daher dem allgemeinen Interesse an Politik, das die Grundlage jedes produktiven politischen Handelns darstellt(wenngleich politisches Interesse, wie die Abschnitte 2.2 und 2.3 zeigen werden, nicht automatisch bürgerliches Engagement oder politische Mobilisierung bedeutet). Anschließend widmen wir uns dem Vertrauen, das junge Frauen und Männer in den MENA-Ländern in Institutionen und insbesondere in den Staat haben. Relevant in diesem Zusammenhang ist vor allem die Frage, ob die Jugend 2016 dem Staat eine wichtigere Rolle in ihrer jeweiligen Gesellschaft zuschreiben möchte oder ob sie dessen stärkere Zurücknahme befürwortet. Mit der Frage des Staatsvertrauens zusammenhängend, wenngleich sich nicht gänzlich mit ihr deckend, steht die Haltung der Jugend gegenüber dem politischen System insgesamt, die wir im dritten Abschnitt thematisieren. Hierbei geht es uns nicht nur um die Zufriedenheit mit dem politischen System im eigenen Land, sondern auch um Präferenzen hinsichtlich möglicher Alternativen. Nach diesen einführenden Betrachtungen von Aspekten, die unabhängig von nationalen oder regionalen Spezifika in jeder Studie zum politischen Interesse der Jugend erfragt werden, wollen wir uns einem insbesondere die MENA-Region kennzeichnenden Thema widmen: Wie stehen Jugendliche und junge Erwachsene zum Arabischen Frühling? Dabei geht es uns weniger darum, ob sie bestimmte Entwicklungen begrüßen, sondern vor 288 Mathias Albert · Sonja Hegasy allem um ihre Ansichten zu deren Konsequenzen für den politischen und sozialen Wandel heute. In den qualitativen Interviews zeigte sich deutlich, dass die Befragten die Volksaufstände in der Region nach 2010/11 rückblickend und angesichts der Kriege in Jemen, Syrien und Libyen sowie der instabilen Lage im Libanon, Irak und Ägypten negativ bewerten. Eine 25-jährige Teilnehmerin der Umfrage aus dem ländlichen Raum Marokkos formuliert dies stellvertretend für viele: Ich habe nie an einer Demonstration teilgenommen und habe auch nicht die Absicht, dies zu tun. Die Aufstände haben nichts gebracht. Die politischen und wirtschaftlichen Probleme blieben ungelöst. Das Land ist total zerstört(MA-6). 2 Themenkomplexe 2.1 Politisches Interesse Die Aussagen der befragten jungen Frauen und Männer über Politik und ihr Interesse daran müssen mit Vorsicht betrachtet werden. Die Länderumfrage ergibt, dass sich etwa 18 Prozent der Jugend an Politik»interessiert« oder»sehr interessiert« zeigt. Während unter den jungen Ägypterinnen und Ägyptern 23 Prozent sagen, sie seien»interessiert« oder»sehr interessiert«, sind es in Marokko 28 Prozent, in Palästina jedoch nur 19 Prozent, im Libanon 16 Prozent, in Jordanien 13 Prozent und in Tunesien 10 Prozent (vgl. Abb. 12.1). Die Zahlen deuten darauf hin, dass die Jugend der MENA-Region ein eher geringes Interesse an Politik hat, was der Vergleich mit Deutschland übrigens bestätigt(vgl. Kap. 15). Gleichwohl müssen wir diese Zahlen korrekt lesen, denn sie verbergen durchaus gravierende Unterschiede in der Definition von Politik und beim politischen Interesse. In einigen qualitativen Interviews verstanden die Befragten den Begriff Politik ausschließlich auf Parteipolitik oder die nationale Politik ihres Heimat- oder Aufenthaltslandes bezogen und erklärten, dass sie an(dieser) Politik nicht interessiert seien. Ihr vorgeblich geringes politisches Interesse reflektiert häufig Misstrauen und Enttäuschung über die Politiker. So erklärt eine 30-jährige Marokkanerin aus Marrakesch mit Primarschulbildung: Politik 289 Abb. 12.1 Politisches Interesse 100 90 80 39 38 44 57 70 53 63 70 67 60 85 50 40 38 30 25 20 14 10 04 Gesamt 20 3 Ägypten 17 8 5 Jordanien 21 11 5 Libanon 32 28 28 24 4 Marokko 15 4 Palästina 23 6 4 Tunesien 20 10 Jemen 11 4 Syr. Flüchtl. a) Nicht interessiert Etwas interessiert Interessiert Sehr interessiert Frage 156 » Interessierst Du Dich für Politik?« · Angaben in Prozent. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. Wie gesagt, Politik interessiert mich nicht.[…] Ich könnte auch sagen, dass sie nicht so gut arbeiten, wie sie sollten.[…] Es gibt große Probleme, in der Politik, in der Bildung. Sie sagen, sie wollen das Analphabetentum bekämpfen und etwas gegen Schulabbrecher tun. Darüber berichten dann auch die Medien. Aber sie reden nur. Sie unternehmen nichts(MA-9). Eine 18-jährige Jemenitin antwortet: Politik interessiert mich nicht. Das ist frustrierend und vergeudete Zeit. Politik ist nur zum Vorteil des Einzelnen, und niemand ist ehrlich. Politik ist in jeder Hinsicht für unser Leben wichtig(YE-122). Andere verneinten die Frage nach ihrem politischen Interesse, da sie dies mit aktivem politischem Engagement gleichsetzten. Einige erklärtermaßen nicht an Politik interessierte Teilnehmer der Studie erwähnten nichtsdestoweniger die Defizite und Korruption im nationalen Gesundheitswesen 290 Mathias Albert · Sonja Hegasy als ein großes Problem. Es müsse eine Reform dieses Sektors geben, sagten sie und forderten, der Gesundheitsminister müsse etwas unternehmen. Manche der Befragten wiederum antworteten zunächst, sie wären nicht politikinteressiert, um sich dann auf die Frage nach ihren Prioritäten in den Bereichen Innen- und Außenpolitik recht interessiert an internationaler Politik zu zeigen. Wenige Wochen vor der Amtseinführung Donald Trumps als amerikanischer Präsident waren viele Befragte gut über seine politische Agenda informiert. Viele verwiesen auf seine Politik hinsichtlich der Ausweisung von Muslimen aus den USA und der Schließung von Moscheen, erwähnten jedoch auch seine Leugnung des Klimawandels. Eine Studierende aus Casablanca erklärt entsprechend, sie sei»nicht interessiert an Politik«, um dann festzustellen: Außenpolitik ist für uns interessanter. Die amerikanische Politik zum Beispiel. Ich verfolge Politik allgemein eigentlich nicht. Die marokkanische Politik ist nichts, was ich verfolgen wollte. Die Parlamentarier versprechen vieles, aber wenn sie Minister werden, tun sie doch nichts(MA-10). So war sie recht informiert über den US-Präsidentschaftswahlkampf und nannte UNICEF und MINURSO als Organisationen, über die die USA eine Rolle in Marokko spielen. Eine 30-jährige Interviewpartnerin aus Marrakesch, die zunächst ebenfalls in der Umfrage ankreuzen ließ, Politik interessiere sie nicht, führte anschließend aus: Innenpolitik ist mir wichtig. Wir leben in diesem Land. Hier sollte es erst mal eine gute Justiz geben.[…] Ich denke, die Gesundheitsversorgung hat Priorität, denn das ist doch ein Alltagsproblem der Menschen(MA-9). Diese Zitate legen nahe: Im Gegensatz zu ihrer Selbstwahrnehmung zeigte sich im qualitativen Teil der Erhebung, dass viele Teilnehmerinnen, die angaben, sie wären nicht an Politik interessiert, politische Fragen tatsächlich recht leidenschaftlich diskutierten. Das angeblich fehlende politische Interesse ist, wie wir gesehen haben, auf mehrere Gründe zurückzuführen. Für manche ist es nur ein auf bestimmte politische Aspekte beschränktes Desinteresse. Andere Befragte haben sich von der Politik abgewandt, weil sie dem politischen System, Parteien, dem Parlament oder Politikern nicht mehr trauen. Für eine weitere Gruppe stehen andere Probleme im Vordergrund(so sagen beispielsweise nur vier Prozent der syrischen Flüchtlinge, sie hätten»Interesse« oder»großes Interesse« an Politik). Politik 291 Abb. 12.2 Politische Information 100 90 80 70 69 60 82 79 88 86 83 77 79 83 92 50 40 30 20 10 18 0 Gesamt 12 Bahrain 21 14 8 Ägypten Jordanien Libanon 23 17 Marokko Palästina Nein Ja Frage 157 » Informierst Du Dich aktiv über Politik?« Hinweise Angaben in Prozent. 21 Tunesien 31 17 Jemen Syr. Flüchtl. Durchgängig, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, zeigen sich junge Männer stärker an Politik interessiert als junge Frauen. Überdies gibt es überall einen deutlichen Zusammenhang von politischem Interesse und Bildungsniveau. Wenngleich weniger linear als im letztgenannten Bereich ist ebenfalls festzustellen, dass sich junge Menschen mit eigenem Geld mehr für Politik interessieren als diejenigen, die über keine finanziellen Mittel verfügen. Der Familienstand scheint demgegenüber – wie die Betrachtung mehrerer Länder bestätigt – hinsichtlich dieser Frage irrelevant zu sein. Die nationalen Unterschiede beim politischen Interesse reflektieren nicht notwendigerweise die Intensität, mit der die Jugend sich über Politik informiert. So erklären beispielsweise nur 14 Prozent der jungen Menschen in Ägypten, dass sie sich aktiv politisch informieren, während 23 Prozent sagen, dass sie sich für Politik interessieren oder stark interessieren. Im Libanon und in Tunesien ist die Zahl derjenigen, die sich politisch informie292 Mathias Albert · Sonja Hegasy Abb. 12.3 Bevorzugtes politisches System 100 3 7 7 21 6 23 7 11 5 14 16 3 2 90 32 5 34 3 1 7 2 3 6 80 8 7 3 6 22 14 5 4 4 16 70 8 18 15 60 17 25 23 60 18 17 9 33 50 40 69 30 52 51 52 21 27 32 13 20 32 10 24 23 23 21 0 Libanon Syr. Flüchtl. Ägypten Tunesien Bahrain Jemen Marokko Palästina Jordanien Weiß nicht Andere Ein sozialistisch-islamisches System Ein demokratisch-islamisches System Ein religiöser Staat auf der Grundlage der Scharia Ein starker Mann an der Spitze des Staates Ein demokratisches System Frage 113 » Wenn Du Dich in der Welt umschaust: Welches politische System wünscht Du Dir?« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Politische Systeme, die insgesamt weniger als 2 Prozent erreichen, werden nicht wiedergegeben(Sozialistisches System; eine starke Frau an der Spitze; ein System ohne Nationalstaaten; Andere) ren, höher als die Zahl derjenigen, die sich politisch interessieren(21 Prozent gegenüber 16 Prozent im Libanon; 21 Prozent gegenüber 10 Prozent in Tunesien). Zum Teil lassen sich diese Unterschiede durch die Tatsache erklären, dass diejenigen, die sich nach eigener Angabe»wenig« für Politik interessieren und sich dennoch aktiv über Politik informieren, durchaus über ein gewisses politisches Wissen verfügen. Das könnte wiederum genau der Grund sein, warum sie sich von der Politik abgewandt haben. Bemerkenswert ist, dass in den meisten Ländern das Fernsehen die nach wie vor wichtigste Informationsquelle für diejenigen darstellt, die sich Politik 293 Tab. 12.1 Politische Handlungsoptionen An einer Demonstration teilnehmen Sich an einem Streik beteiligen Mitglied einer Partei werden Wählen gehen Sich über Internet/Twitter zur Mitgliedschaft in einer bestehenden Gruppe informieren Andere via Internet zum Handeln aufrufen Den Kauf bestimmter Waren boykottieren Flugblätter verteilen Eine Onlinepetition unterzeichnen Sich in einem Verein engagieren Als Sprayer aktiv werden Gesamt 11 11 8 30 8 8 15 7 5 11 4 Bahrain 9 8 8 12 3 2 4 1 2 2 1 Ägypten 15 10 8 40 10 10 22 7 8 8 6 Frage 159 » Wenn Dir etwas wichtig ist, das Du gern berücksichtigt oder politisch wirksam sähest: Welche der folgenden Möglichkeiten käme für Dich infrage/nicht infrage? Würdest Du …?« Tab. 12.2 Politische Aktionen genutzt An einer Demonstration teilnehmen Sich an einem Streik beteiligen Mitglied einer Partei werden Wählen gehen Sich über Internet/Twitter zur Mitgliedschaft in einer bestehenden Gruppe informieren Andere via Internet zum Handeln aufrufen Den Kauf bestimmter Waren boykottieren Flugblätter verteilen Eine Onlinepetition unterzeichnen Sich in einem Verein engagieren Als Sprayer aktiv werden Gesamt 12 6 4 22 2 2 7 2 1 5 1 Bahrain 8 3 3 9 0 0 1 0 0 0 0 Ägypten 19 3 3 36 2 1 13 1 2 1 1 Frage 160 » Welche dieser Optionen hast Du bereits genutzt oder woran hast Du Dich beteiligt?« aktiv politisch auf dem Laufenden halten. Wenig überraschend folgt in der Rangliste das Internet(vgl. Tab. 11.3), das in Jordanien, Marokko und Bahrain dem Fernsehen als Hauptinformationsquelle bereits den Rang abgelaufen hat. Die drittwichtigste Quelle bei der Informationsbeschaffung bleibt jedoch fast überall das persönliche Gespräch. 294 Mathias Albert · Sonja Hegasy Jordanien 3 3 2 16 Libanon 13 14 10 35 Marokko 5 13 8 21 Palästina 8 10 7 27 Tunesien 18 16 8 39 Jemen 16 12 13 47 5 9 9 7 13 6 7 8 13 6 15 8 11 10 15 18 15 23 7 6 11 5 5 11 4 7 9 4 6 3 5 13 16 13 15 17 3 3 9 3 4 4 Hinweise Angaben in Prozent für»Wahrscheinlich« und»Sicher«. Es können Rundungsfehler auftreten. Syrische Flüchtlinge im Libanon haben an dieser Frage nicht teilgenommen(n=8.000). Jordanien 2 2 1 14 Libanon 15 10 8 21 Marokko 5 2 2 15 Palästina 11 11 6 22 Tunesien 23 9 2 24 Jemen 12 5 7 2 3 2 1 3 3 2 2 3 3 3 2 3 6 4 3 15 4 9 2 2 3 2 3 1 2 1 1 1 2 6 6 10 8 6 1 1 1 2 2 2 Hinweise Angaben in Prozent für Ja-Antworten(Mehrfachantworten möglich). Es können Rundungsfehler auftreten. Syrische Flüchtlinge im Libanon haben an dieser Frage nicht teilgenommen (n=8.000). Nun ist politisches Interesse etwas anderes als politisches Engagement. Bei Letzterem ist wiederum zwischen kommentierender Auseinandersetzung und tatsächlicher Initiative beziehungsweise(Erfahrung mit eigener) Aktion/Aktivität zu unterscheiden. In die Kategorie»eigene Aktivitäten« fällt in allen Ländern die Teilnahme an Wahlen als»regelmäßige« Teilhabe, Politik 295 gefolgt vom politischen Boykott bestimmter Waren. Wenngleich es in Meinungserhebungen nicht ungewöhnlich ist, dass bestimmte politische Maßnahmen gewählt werden, weil sie wenig individuellen Einsatz verlangen(wie der Boykott), fällt doch auf, wie populär Warenboykotte als eine Form politischer Aktion in der Region sind. Die jungen Jemeniten und Ägypter sind in dieser Hinsicht noch aktiver als die Palästinenser. Zu sehen ist dies im Zusammenhang mit den weitreichenden Debatten über Boykotte gegen Waren aus Israel und Dänemark und die BDS-Kampagne (»Boycott, Divestment and Sanctions«). Im Ranking möglicher Formen der politischen Einmischung folgen auf den Boykott das Engagement für eine NGO sowie die Teilnahme an Demonstrationen oder Streiks. In dieser Hinsicht weisen die Länder jedoch deutliche Unterschiede auf. Anders als gemeinhin angenommen wird, hielten nur 10 Prozent es für»wahrscheinlich« oder»sicher« denkbar, Partner für eine Initiative via Internet zu mobilisieren. Geantwortet wurde hier auf die Frage, ob man eigene politische Aktivitäten in Erwägung gezogen habe. Auf die Frage»Welche dieser Optionen hast Du bereits genutzt? Wo hast Du Dich direkt beteiligt?« gaben jedoch nur noch 2 Prozent an, andere über das Internet zu mobilisieren. In Jordanien würden nur 7 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen»wahrscheinlich« oder»sicher« Freunde via Internet mobilisieren und 5 Prozent würden sich in einer Gruppe oder einer Organisation engagieren. In Tunesien würden sich hingegen 15 Prozent via Internet mobilisieren lassen beziehungsweise sich einer Gruppe oder Organisation anschließen. Bei der Mobilisierung über das Internet liegt der entsprechende Anteil der Befragten von 13 Prozent in Marokko und im Jemen am höchsten. In allen Ländern sind junge Männer eher als junge Frauen geneigt, sich politisch zu engagieren. Während 34 Prozent der Männer einen»hohen Grad an Bereitschaft« nennen(mindestens 2,1 auf einer Skala von 1 bis 3, wobei 1,0»keine Bereitschaft« bedeutet) und sich damit deutlich abheben von 25 Prozent der Frauen, kehrt sich das Verhältnis bei einer»geringen Bereitschaft« zum politischen Handeln(1,1 bis 2,0) mit einem Anteil von 37 Prozent Frauen gegenüber 33 Prozent Männern um. Die Frage, ob sie in ihrem Leben bereits selbst politisch aktiv waren, wird von den meisten mit der Teilnahme an Wahlen beantwortet. Der Anteil dieser Gruppe an den Jugendlichen und jungen Erwachsenen insgesamt beträgt jedoch nur ein Fünftel. 12 Prozent der Befragten hatten sich schon einmal an einer Demonstration beteiligt. Tunesien erzielt hier mit 23 Pro296 Mathias Albert · Sonja Hegasy zent die höchste Rate. Andere Formen politischen Handelns – Streik, Mitgliedschaft in einer politischen Partei – erreichen mit 2 bis 6 Prozent deutlich niedrigere Werte. Nun wäre zu erwarten, dass unterschiedliche soziale Merkmale bei der Erwägung oder Umsetzung politischer Initiativen die relevanten Unterschiede beim politischen Interesse insgesamt widerspiegeln würden. Doch die einzelnen Länder und individuellen Aspekte der politischen Partizipation ergeben ein differenzierteres Bild. So ziehen in Tunesien mehr junge Frauen als Männer eine Wahlteilnahme in Erwägung oder haben sich bereits an Wahlen beteiligt. Auch in vielen anderen Ländern gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Diese sind jedoch nicht so stark ausgeprägt. Auf einer Liste von 28 Aspekten des persönlichen Lebens, die den Befragten wichtig sind, erreicht»Politisches Engagement« den niedrigsten Wert. Auch das spiegelt die Frustration angesichts der politischen Entwicklungen in jüngerer Zeit wider. Mit Ausnahme des Jemen erweist sich ein niedriger Wert für die Wichtigkeit politischen Engagements als ein kohärentes Merkmal in allen Ländern. Mit anderen Worten:»Politisches Engagement« steht am Ende der Rangskala der wichtigsten 28 Dinge für die Jugend in allen in die Studie einbezogenen Ländern. Hier sind sich die syrischen Flüchtlinge im Libanon mit den jungen Marokkanern und Bahrainern einig. Und auch im Jemen schafft das»politische Engagement« es nur auf den vorletzten Rang. Allerdings sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass der Mangel an politischem Interesse weniger der Politik im Allgemeinen als in erster Linie der erlebten, oftmals korrupten, Politik gilt. Als bevorzugtes politisches System findet sich nur bei 33 Prozent der palästinensischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein religiöser, auf der Scharia basierender Staat an erster Stelle(vgl. Abb. 12.3). 23 Prozent der jungen Palästinenser sind für ein demokratisches System. Bei den übrigen Befragten findet sich ein religiöser Staat weder auf Platz eins noch auf Platz zwei. Mit 69 Prozent erzielt das demokratische System den höchsten Zuspruch im Libanon. In Ägypten erreicht es 51 Prozent, in Tunesien und bei den syrischen Flüchtlingen jeweils 52 Prozent. Nur 25 Prozent der ägyptischen Jugend möchten»einen starken Mann, der das Land regiert«. Mehr Unterstützung bekam der»starke Mann« in den Monarchien Jordanien (32 Prozent) und Marokko(27 Prozent) sowie in Bahrain(60 Prozent)(vgl. Abb. 12.3). Politik 297 Abb. 12.4 Rolle des Staates im Alltag 100 4 3 2 3 3 3 6 6 4 6 2 6 90 20 19 20 12 19 21 80 34 44 70 60 50 91 90 40 76 78 78 82 79 73 30 63 53 20 10 0 Gesamt Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Kleinere Rolle Zufrieden Größere Rolle Frage 115 » Sollte der Staat eine größere oder kleinere Rolle im Alltag spielen oder bist Du mit dem Status Quo zufrieden?« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. 2.2 Mehr oder weniger Staat? Es zeigen sich diverse konsistente Muster für die meisten Länder der Region bei der Frage, welche Rolle der Staat in der Gesellschaft spielt und welche er spielen sollte. Die dieser Studie zugrunde liegenden Daten ergeben insgesamt eine hohe Wertschätzung für den Staat bei der Jugend: Fast alle Befragten würden entweder eine größere Rolle des Staates im Alltag befürworten oder sind mit dem Status Quo einverstanden. Nur ein kleiner Anteil(zwischen 2 und 6 Prozent) präferiert einen Staat, der sich weniger in ihren Alltag einmischt. Hinsichtlich der Legitimität und der gewünschten Rolle des Staates in der MENA-Region ist dies eine wichtige Erkenntnis. Sie hilft zu verstehen, warum der Rückzug des Staates und seiner Institutionen im Irak, in Syrien, im Jemen und in Libyen und der Wunsch nach 298 Mathias Albert · Sonja Hegasy Tab. 12.3 Die drei wichtigsten Rechte Gewaltfreiheit Sicherung der Grundbedürfnisse Grundrechte für Minderheiten Rede- und Meinungsfreiheit Versammlungsfreiheit Politische Wahlfreiheit Freizügigkeit, Reisefreiheit Gesamt 85 Bahrain 99 Ägypten 76 Jordanien 79 Libanon 88 Marokko 81 Palästina 82 Tunesien 86 Jemen 78 Syr. Flüchtl. 94 83 95 81 76 75 59 86 76 94 93 28 82 19 32 19 33 6 23 17 20 48 22 37 45 63 56 64 63 44 35 11 0 10 19 9 22 7 16 5 7 14 0 24 18 16 17 12 11 17 8 29 0 31 19 30 24 43 25 44 42 Frage 111 » Bitte nenne die drei wichtigsten Rechte in einer Rangfolge!« · Werte in Prozent. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Angegeben sind die Häufigkeiten der drei wichtigsten Ränge. einem Regimewechsel in anderen Ländern(darunter Ägypten, Palästina und tendenziell auch Marokko) häufig mit Skepsis gesehen wird, selbst wenn staatliche Institutionen keine Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger erbringen. In nahezu allen untersuchten Ländern nennen die jungen Befragten als für sie wichtigste Rechte die»Abwesenheit von Gewalt«, die»Sicherung der Grundbedürfnisse« sowie»Meinungs- und Redefreiheit«. 2 Diese Auswahl ist bereits ein Hinweis darauf, warum junge Erwachsene hohe Erwartungen an den Staat haben und sich viel von ihm erhoffen. Die zunehmende Instabilität in der Region hat Konsequenzen für alle Lebensbereiche junger Menschen. Für die Bürgerinnen und Bürger – gleich welchen Alters – sind soziale und physische Sicherheit klassische Staatsaufgaben. Bei anderen als den drei genannten wichtigsten Rechten sind die Unterschiede stärker ausgeprägt. Sie erscheinen deutlicher als Spiegelbild der spezifischen Situation im Land. Für die ägyptischen Interviewpartner ist das Recht auf Freizügigkeit wichtiger(31 Prozent) als die Freiheit, politische Führer zu wählen(24 Prozent), oder die Grundrechte für Minderheiten(19 Prozent). 2 Den Befragten wurde eine Liste mit sieben Rechten vorgeschlagen, von denen sie drei als die ihnen wichtigsten nennen konnten. Politik 299 Dennoch wird in Ägypten das Recht, die politische Führung selbst zu wählen, höher bewertet als in anderen Staaten. Grundrechte für Minderheiten spielen in Palästina wiederum eine eher geringe Rolle(6 Prozent), während Reisefreiheit dort(mit 43 Prozent) eine größere Bedeutung hat. Das Bild ändert sich deutlich bei der Frage, ob der Staat die Rechte, die die jungen Menschen für die wichtigsten erachten, tatsächlich garantiert. Während 89 Prozent in Ägypten und Jordanien und 87 Prozent in Marokko sagen, der Staat gewährleiste die Abwesenheit von Gewalt, sind es in Palästina nur 50 Prozent. Die entsprechenden Zustimmungsraten sind mit 42 Prozent im Libanon und 41 Prozent im Jemen noch geringer. Ähnlich ist die Wahrnehmung hinsichtlich der Sicherung der Grundbedürfnisse durch den Staat. In Ägypten(89 Prozent), Jordanien(88 Prozent) und Marokko(80 Prozent) wird der Aussage, der Staat könne dafür sorgen, am ehesten zugestimmt, während dies in Palästina(46 Prozent), im Jemen (43 Prozent) und im Libanon(35 Prozent) am wenigsten so wahrgenommen wird. 3 Im Jemen, einem Land, in dem ein von der internationalen Öffentlichkeit weitgehend ignorierter Krieg stattfindet, haben junge Menschen am wenigsten Hoffnung auf Sicherheit und Arbeit. Eine 18-jährige unverheiratete Frau aus dem Gouvernement Abidjan beschreibt dies wie folgt: Neben den ungerechtfertigten Bombardements und willkürlichen Morden ohne Abschreckung oder Strafe müssen wir mit dem Verlust unserer Sicherheit fertig werden. All das ist Folge eines abwesenden Staates(YE-12). Hinsichtlich einer Reihe von Rechten ragen Palästina, Jemen und Libanon in der von der Zielgruppe wahrgenommenen geringen Fähigkeit des Staates, die wichtigsten Rechte zu gewährleisten, heraus. Hier ist der Staat besonders fragil bzw. abwesend bei der Sicherung von Grundrechten. Zum Teil findet sich diese Wahrnehmung auch in der Haltung zur Frage, ob der Staat im Alltag eine größere Rolle spielen solle: 92 Prozent der jungen Libanesen – mehr als in jedem anderen Land – meinen, dass der Staat sich stärker manifestieren solle. Im Jemen teilen nur 82 Prozent der Befragten diese Ansicht. In Palästina sind es mit 73 Prozent noch weniger. Neben dem Libanon ist Tunesien das Land, in dem die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen den Staat in ihrem Alltag stärker präsent sehen möchten(90 Prozent). Die entsprechenden Werte für Jordanien und Marokko 3 Die entsprechenden Werte für die syrischen Flüchtlinge bleiben hier außen vor. Bei ihnen findet die Aussage, der Staat könne die ihnen wichtigsten Rechte sichern, natürlich die geringste Zustimmung. 300 Mathias Albert · Sonja Hegasy Tab. 12.4 Vertrauen in Institutionen Gesamt Familie 91 Bildungswesen 78 Militär 77 Öffentliches Ge73 sundheitswesen Polizei 68 Rechtssystem 64 und Gerichte Regierung 63 Religiöse Organi58 sationen Medien 57 Gewerkschaften 53 Menschenrechtsorganisationen 53 (NGOs) Stamm 51 Parlament 46 Vereinte 44 Nationen Nachbarschafts40 vereine Parteien 38 Zawiya 28 Milizen(bewaff24 nete Gruppen) Bahrain 94 97 95 98 96 94 95 89 48 89 86 86 89 16 87 86 83 12 Ägypten 92 64 85 64 77 73 80 52 49 44 39 25 44 36 34 33 26 25 Jordanien 71 86 75 0 39 52 91 59 87 79 46 50 54 96 28 47 0 90 Libanon 94 82 93 66 73 58 34 49 61 55 53 33 34 45 13 33 13 9 Marokko 88 73 0 66 0 53 51 56 58 45 49 48 41 41 55 40 47 0 Frage 114 » Hast Du Vertrauen in öffentliche Einrichtungen?« Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Palästina 97 87 52 79 72 70 62 61 68 54 57 71 41 31 49 39 20 23 Tunesien 96 67 87 66 63 65 43 42 46 36 35 17 36 33 27 20 10 6 Je- Syr. men Flüchtl. 96 95 73 74 59 74 68 72 50 71 51 57 46 65 59 51 40 55 26 47 44 64 66 61 28 49 23 79 43 20 23 23 6 18 16 8 sind die niedrigsten. Dennoch hätte auch da – mit 63 Prozent in Jordanien und 54 Prozent in Marokko – die Mehrheit gern»mehr Staat«. Diejenigen, die den Staat im Alltag gestärkt sehen möchten, wurden gefragt, ob sich dies auch auf Fragen der sozialen Sicherheit, Überwachung, Transparenz oder andere Bereiche beziehen solle. Die Mehrzahl der Antworten zeigt eine höhere Bedeutung sozialer Sicherheit gegenüber der Überwachung, und Überwachung ist den Befragten mehrheitlich wichtiger als Transparenz. Bei allen Staaten rangiert die Antwort»Andere« auf Platz vier. Nur in zwei Ländern hat die Überwachung – als Ausdruck des Wunsches nach physischer Sicherheit – Vorrang vor sozialer Sicherheit: Jordanien (28 Prozent für soziale Sicherheit gegenüber 48 Prozent für Überwachung) und Libanon(51 Prozent für soziale Sicherheit gegenüber 65 Prozent für Politik 301 Überwachung). Im Fall des Libanon ist das weniger überraschend: Hier wird, wie in Jordanien, weitgehend die Abwesenheit des Staates beklagt. Jordanien sieht sich(wie Ägypten) als Frontstaat(d. h. mit Grenzen zu Israel). Im Jemen sind beide Aspekte gleichermaßen wichtig(61 Prozent der Befragten nennen Überwachung, 60 Prozent nennen soziale Sicherheit). Diese Präferenzen deuten darauf hin, dass der Wunsch nach mehr staatlicher Intervention im Alltag nicht notwendigerweise für die Sehnsucht nach einem mächtigeren Staat steht. Häufig geht es den Befragten eher um eine effizientere, wirksamere und legitimere Arbeit staatlicher Institutionen. So wünschen sich die 48 Prozent der jungen Jordanier, die für mehr staatliche Präsenz sind, mehr Maßnahmen im Bereich Überwachung. Jordanien ist im Vergleich zu den übrigen Ländern der Region auch die Nation mit dem geringsten Vertrauen in die Polizei als Institution(39 Prozent). Grundsätzlich gibt es beim Vertrauen in staatliche wie nicht staatliche Institutionen große Abweichungen in den einzelnen Ländern. Die Familie bleibt die Institution, die das höchste Vertrauen genießt. Die drei weiteren Institutionen mit konsistent hohen Vertrauenswerten(über 50 Prozent in den Ländern dieser Umfrage) sind das Bildungssystem, das Militär sowie Gerichte und Justizbehörden. Im qualitativen Teil der Studie wurde deutlich, dass Vertrauen ins Bildungssystem vor allem Vertrauen in einzelne Lehrkräfte bedeutet, die in einigen Antworten auch als Rollenmodell angeführt werden. Gleichzeitig findet sich in den qualitativen Interviews auch deutliche Kritik am Bildungssystem – insbesondere an der fortgesetzten Privatisierung der Bildung vom Kindergarten bis zur Universität. Mittlerweile sparen die meisten Haushalte, vom ungelernten Arbeiter bis zum Universitätsprofessor, um ihre Kinder in private Bildungseinrichtungen zu schicken(vgl. Mazawi/Sultana 2010). Dennoch ist im Vergleich zu anderen Institutionen das Vertrauen ins Bildungswesen mit 64 Prozent in Ägypten und bis zu 87 Prozent in Palästina nach wie vor eher hoch. Dagegen konstatieren wir ein stark schwankendes Maß an Vertrauen in andere Institutionen. In den qualitativen Interviews bestätigt sich überdies ein weiteres konsistentes Muster: Das Vertrauen in die Regierung ist in der Regel immer stärker ausgeprägt als das in Parlamente oder politische Parteien. Auch die religiösen Organisationen genießen sehr viel Vertrauen. Diese weisen nur im Libanon und in Tunesien Werte von unter 50 Prozent auf. 302 Mathias Albert · Sonja Hegasy 2.3 Die Entwicklung nach 2011 Asef Bayat(2013) verweist auf ein weitverbreitetes Gefühl von Enttäuschung und Verzweiflung seit den Protesten 2010/11. Der Soziologe zeigt auf, dass Revolutionen im Kontext des gescheiterten Postkolonialismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend als negative Idee betrachtet wurden. In der Welt nach Frantz Fanon, Michel Aflaq oder Hassan el-Banna 4 wurden die Revolutionäre zu Bürokraten und Diktatoren. Das Ideal der Revolution wurde so weitgehend delegitimiert. An seine Stelle trat die Reform als wichtigstes Ideal des angestrebten Wandels. Bayat argumentiert, dass die Forderungen des Jahres 2011 daher auf Reformen zielten: Es ging nicht um eine Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung und des politischen Systems. Weder verfügten die Protestierer über die Mittel für eine Übernahme, noch hatten sie sich darauf vorbereitet. Damit scheiterten die Aufstände und Sympathisanten wie Gegner sahen die Folgen der Ereignisse von 2011 negativ. In Ägypten, Libanon, Palästina und Tunesien ist die Zahl derjenigen, die sagen, sie hätten schon einmal an einer Demonstration teilgenommen, tatsächlich höher als die Zahl derjenigen, die sagen, dass sie eine solche Initiative in Erwägung ziehen würden, um politisch Einfluss zu nehmen. 5 Für diesen interessanten Unterschied gibt es mehrere mögliche Gründe, die sich keineswegs gegenseitig ausschließen. So haben möglicherweise viele junge Menschen 2011 und später spontan an einer Demonstration teilgenommen, ohne das vorab für sich in Erwägung gezogen zu haben. Andere haben vielleicht in der Vergangenheit demonstriert, und die Tatsache, dass sie das für sich in Zukunft eher ausschließen, könnte ein Hinweis auf ihre Desillusionierung angesichts der fehlenden Wirkung politischen Handelns sein. Ein 29-jähriger Ägypter, der sich bisher an keiner politischen Aktion beteiligt hat und dies auch für die Zukunft nicht plant, sieht die Ereignisse des Jahres 2011 dennoch als Wendepunkt der Politisierung der Jugend: Für mich, wie für viele andere, war Politik vor der Revolution vom 25. Januar irrelevant. Wir wussten nichts von Politik, wir verstanden nichts von Politik. Erst 4 Frantz Fanon, Michael Aflaq und Hassan el-Banna waren drei einflussreiche politische Stimmen mit unterschiedlichen Visionen für die postkoloniale arabische Welt. 5 Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass Jugendliche unterhalb des Wahlalters in Erwägung ziehen könnten, in Zukunft wählen zu gehen, jedoch bisher noch keine Möglichkeit einer Wahlbeteiligung hatten. Politik 303 nach der Revolution begannen wir, uns für Politik zu interessieren. Erst dann verfolgten wir die Nachrichten und begriffen die Welt, fragten ›Was ist richtig?‹ und so weiter. Wir waren natürlich weit entfernt von allem oder besser gesagt: Zwischen diesen Dingen und uns gab es eine Barriere. Ich glaube, dass es heute niemanden mehr in Ägypten gibt, der nicht politisch interessiert ist. Zumindest hat jeder eine politische Meinung. … Seit der Revolution gibt es niemanden mehr in Ägypten, den Politik nichts angeht(EG-6). Um einzuordnen, wie die Teilnehmer an der Umfrage die Ereignisse von 2011 fünf Jahre später sehen, wollen wir einen genaueren Blick auf die Begriffe werfen, mit denen diese beschrieben werden, und die mit den entsprechenden Referenzen einhergehenden Aussagen näher beleuchten: Während der Begriff Arabischer Frühling meist von Beobachtern außerhalb der Region verwendet wird, wählen 16 Prozent der von uns Befragten diese Bezeichnung als eine Variante unter mehreren(Mehrfachantworten waren möglich). Der Begriff Arabischer Frühling verweist auf die Idee des Zerfalls und der Aufgabe überkommener, nicht mehr funktionierender Regierungssysteme. Gleichzeitig sehen viele den Arabischen Frühling auch als Teil einer ausländischen Intervention(vgl. Hegasy 2016). 80 bis 90 Prozent aller Befragten der Erhebung konnten die folgenden beiden Aussagen nicht eindeutig zurückweisen(sie antworteten mit»Stimme zu« oder»Vielleicht«):»Externe Akteure schürten diese Ereignisse« und»Internationale Akteure haben sich lange bemüht, die Regime der MENA-Region zu stürzen«. So gesehen wären die bevorzugten Begriffe zur Beschreibung der Mobilisierung seit 2011 eher»Aufstand«,»Unruhen«,»Rebellion«,»Bürgerkrieg«, »Staatsstreich« oder»Anarchie«. Drei Viertel(74 Prozent) der Befragten verwendeten einen dieser sechs Begriffe. Die syrischen Flüchtlinge sprachen überhaupt nicht vom Arabischen Frühling, da für sie die Protestbewegung in einen Bürgerkrieg mündete. Sie beschreiben die Proteste vor allem als »Chaos und Anarchie«(54 Prozent) oder als»Ausländische Intervention« (26 Prozent). 59 Prozent aller Befragten wählten positiv konnotierte Begriffe wie»Frühling«,»Revolution«,»Aufstand« oder»Volksbewegung«. Befragte aus Ländern, die nicht selbst oder unmittelbar von den Protestbewegungen erfasst wurden, wie der Libanon, Palästina und in geringerem Maß auch Jordanien, betrachten sie ebenfalls tendenziell eher als ausländische Einmischung oder Chaos. Knapp ein Drittel der Befragten hält am Begriff»Revolution« fest. In Tunesien ist das insbesondere die Altersgruppe der 16- bis 20-Jährigen. In Ägypten sprechen noch 65 Prozent der Befragten von einer»Revolution«. Dort gibt es keine deutliche Abweichung zwischen den Altersgruppen. 304 Mathias Albert · Sonja Hegasy Männliche und weibliche Teilnehmer beantworteten die Frage weitgehend gleich. Auch die unterschiedlichen sozialen Schichten weisen hier keine quantitativen Differenzen auf. In den Augen ausländischer Beobachter ist das ein interessantes Phänomen, da sich von außen betrachtet im Land nicht viel geändert hat: Der Staatschef ist – wie Hosni Mubarak – wiederum ein ehemaliger General der Streitkräfte. Zwei Gründe könnten es erklären: Erstens ist»Revolution« die offizielle, staatlich sanktionierte Bezeichnung, die alle nationalen Medien für die Entwicklungen seit Januar 2011 verwenden. Zweitens gilt der Sturz Mubaraks nach wie vor als nie da gewesenes Ereignis in der postkolonialen Geschichte Ägyptens und als Beispiel für eine Selbstbestimmung oder Selbstbefähigung, die in den vierzig Jahren zuvor undenkbar gewesen wäre. Für die Bürger des Landes war es die absolute Wende, das heißt eine revolutionäre Situation. Die Frage, ob die Ereignisse noch heute andauern und ob die Revolution nach wie vor stattfindet, beantworten die meisten jungen Befragten positiv: So sehen es 43 Prozent der Befragten in Ägypten und 76 Prozent in Tunesien. Alle Regimes im Nahen Osten haben – offenbar erfolgreich – den Begriff»Revolution« übernommen und präsentieren sich selbst als Lösung für die 2011 laut gewordenen Probleme. Die drei bevorzugten Begriffe zur Beschreibung der Aufstände in den Ländern, die vom Arabischen Frühling nicht unmittelbar betroffen waren (Jordanien, Libanon, Palästina), sind laut den empirischen Befunden: »Ausländische Intervention«(20 Prozent) und Arabischer Frühling(19 Prozent) in Jordanien;»Anarchie«(42 Prozent) und»Ausländische Intervention« (33 Prozent) im Libanon; sowie»Ausländische Intervention«(39 Prozent) und»Anarchie«(33 Prozent) in Palästina. Von den angebotenen Aussagen zur Bewertung der Ereignisse seit 2010 erzielten die folgenden zwei Statements bei den Teilnehmern der Erhebung die geringste Zustimmung: »Durch die Ereignisse geht es uns heute besser« und»Die Ereignisse förderten die islamische Solidarität«. Die erstgenannte Bewertung(»Heute geht es uns besser«) erhielt allerdings in Ägypten die meiste Zustimmung (etwa ein Viertel der Befragten), was zum Teil auch die Zustimmung zum Militär in Ägypten erklärt(vgl. Abb. 12.5). »Setzte die Muslimbruderschaft die Ereignisse in Gang?« war eine weitere Frage, die 42 Prozent der ägyptischen Teilnehmer – ohne große Abweichungen in den Altersgruppen – mit Nein beantworteten. Signifikant mehr negative Antworten kamen aus Tunesien, dem Jemen und von den syrischen Flüchtlingen im Libanon. Die Frage, ob es ihnen heute durch die Politik 305 Abb. 12.5»Dank der Ereignisse geht es uns heute besser« 100 6 6 3 8 12 22 22 26 23 15 16 10 21 80 16 20 60 42 37 68 40 79 81 82 72 73 57 20 36 37 10 0 Bahrain Marokko Ägypten Jordanien Tunesien Libanon Palästina Syr. Flüchtl. Jemen Stimme zu Stimme teilweise zu Stimme nicht zu Frage 119 » Wie bewertest Du die folgende Aussage? ›Dank der Ereignisse geht es uns heute besser‹?« Antwortoptionen: Stimme nicht zu; Stimme teilweise zu; Stimme zu. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Ereignisse besser gehe, verneinten 72 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Tunesien. In Ägypten konnten nur 37 Prozent der Befragten dieser Aussage nicht zustimmen. Das verweist auf eine große Unzufriedenheit mit der Entwicklung in Tunesien, obwohl das Land als einzige Erfolgsgeschichte der Region gilt. Die vorstehend beschriebenen Ergebnisse zeigen, dass eine Mehrheit heute die Aufstände negativ konnotiert. So erklärte eine 26-jährige Marokkanerin mit höherem Schulabschluss aus einer Stadt mit gut ausgebauter Infrastruktur: Mir gefiel das nicht. So viele Unschuldige verloren ihr Leben. Wenn es ein politisches Problem ist, dann soll der Politiker das Problem mit seinem politischen Gegner lösen. Warum sollen Unschuldige dafür zahlen? Ich will nicht, dass die Gesellschaft zum Sündenbock wird. Jetzt werden überall Kinder zu Waisen, Obdachlosen oder Exilanten. … Was ich mit dem Arabischen Frühling verbinde ist, 306 Mathias Albert · Sonja Hegasy dass jemand, dem soziale Ungerechtigkeit widerfährt, sich umgebracht hat. Das führte zur Revolution der Jugend, denn sie spürten die Ungerechtigkeit. Zu viel Unterdrückung führt dazu, dass die Sache eines Tages in die Luft fliegt. Damit verbinde ich den Arabischen Frühling. So fing es an: mit Ungerechtigkeit und falschen Versprechen(MA-4). Einige Teilnehmer der Umfrage erwähnten Aktionen, an denen sie sich infolge der 2011 begonnenen Mobilisierung beteiligten(Proteste gegen Wasser- oder Stromknappheit, Schulungen im Gesundheitswesen). Allerdings fühlten auch sie sich betrogen. Ein 19-jähriger Jemenit ohne eigenes Einkommen sagte: Ich dachte zuerst, dass es bei den Aufständen um den Kampf gegen die Korruption in diesen Ländern ging. Sie sollten Entwicklung bringen, haben die Dinge aber nur schlimmer gemacht(YE-2). 3 Jugend und Politik: Wie geht es weiter? Zusammenfassend lassen sich zwei wichtige Erkenntnisse aus den Daten der Erhebung zum Thema Politik festhalten: zum einen das hohe Maß an Vertrauen in den Staat in Fragen der sozialen Sicherheit(die als wichtigste Priorität gesetzt wird) und zum anderen der nachdrückliche Verweis auf ausländische Intervention, die zu den Ereignissen der Jahre 2010/2011 führte(was nicht notwendigerweise als Verschwörungstheorie zu verstehen ist). Insbesondere mit Blick auf Tunesien ist die deutliche Unzufriedenheit der Jugend mit ihrer Lage 2016 im Vergleich zur Zeit vor 2011 bemerkenswert. Eine der wichtigsten Einsichten der Umfrage ist, dass die jungen Menschen trotz Desillusionierung und dem Gefühl der Unsicherheit, noch nicht ganz das Interesse an Politik verloren oder sich von ihr abgewendet haben. Zwar sind politisches Interesse und Engagement bei ihnen schwach ausgeprägt, doch die qualitativen Interviews mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfordern eine differenzierte Auswertung ihrer Antworten auf die Fragen zur Politik. Das von den jungen Befragten genannte Interesse(oder fehlende Interesse) an Politik bezieht sich häufig nur auf die Ebene der offiziellen, staatlichen oder Parteipolitik. Anders sieht es bei der Alltagspolitik aus: Sie wird weiter reichend verstanden und hier findet sich auch ein stärkeres Engagement. Dies bedeutet gleichwohl keine völlige Desillusionierung oder eine Abkehr von institutionalisierter Politik. Die Politik 307 Studie belegt, dass die Jugend sehr wohl Forderungen an den Staat richtet(und nicht nur an nicht staatliche Institutionen). Mit anderen Worten: Wir sehen ein deutliches Potenzial der Jugend, die politischen Systeme der Zukunft konstruktiv zu verändern. 308 Mathias Albert · Sonja Hegasy Kapitel 13 Mobilisierung Nadine Sika · Isabelle Werenfels 1 D ie Aufstände des Arabischen Frühlings von 2010/2011 stellten einen bisherigen Höhepunkt von Jugendmobilisierung im Nahen/Mittleren Osten und Nordafrika(MENA) dar. Junge Menschen übernahmen dabei eine aktive Rolle und stellten ihre Fähigkeit unter Beweis, die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft zu beeinflussen. Nach den Aufständen von 2011, die den Sturz einer Reihe von langjährigen Herrschern der MENA-Region zur Folge hatten, ließ in der Wissenschaft und(europäischen) Politik das Interesse an der Massenmobilisierung der Jugend nach. Stattdessen konzentrierte man sich auf die Rolle der Jugend beim Wandel in den MENA-Gesellschaften und beobachtete die wachsende Politikverdrossenheit, die selbst pluralistische und/oder sich demokratisierende Gesellschaften erfasste, beispielsweise den Libanon, Marokko, Tunesien und bis 2013 auch Ägypten. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass die Jugend sich nach der Aufstandsphase nicht mehr politisch oder sozial engagiert und für einen Wandel eingesetzt hätte. Im Gegenteil: Unsere Erkenntnisse weisen darauf hin, dass junge Menschen sich auch nach dem Arabischen Frühling – trotz zunehmender sozialer und wirtschaftlicher Probleme und des Durchgreifens der Regime gegen Aktivisten – weiterhin engagieren. Statt für politischen Wandel mobilisieren sie nunmehr in erster Linie für sozioökonomische Ziele. Auch hat die Mobilisierung vielfältigere Formen angenommen. In den ersten beiden Jahren nach den Aufständen in den MENA-Ländern blieb die Jugendmobilisierung in der gesamten Region sehr hoch. Von Bahrain bis Marokko entstanden starke Protestbewegungen, die diverse politische Reformen, gute Regierungsführung und politische Rechenschaftspflicht einforderten. Die Reaktion der Regime schwankte zwischen Repressalien gegen junge politische Aktivisten, ihrer Instrumentalisierung für 1 Die Autorinnen danken Barbara Heckl für ihre präzisen Anmerkungen zu Text und Tabellen. Mobilisierung 309 Regimezwecke und der Umsetzung einzelner politischer Reformen – beispielsweise durch die Änderung spezifischer Verfassungsbestimmungen, Regierungsumbildungen oder die Ausrufung von Neuwahlen. Diese sogenannten»Upgrade«-Strategien autoritärer Regime bewirkten einen Rückgang des politischen Aktivismus sowie die Rückkehr zu traditionellen oder die Erprobung neuer Formen gesellschaftlichen Engagements. Dieses Engagement bedeutet allerdings keine existenzielle Bedrohung für die MENA-Regime: Es stellt diese nicht direkt infrage, sondern konzentriert sich auf schrittweisen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandel und kann durchaus auch zur Konsolidierung der autoritären Regime beitragen. Gesellschaftliches und basisnahes(»grassroots«) Engagement sind wichtige Formen der Mobilisierung von jungen Menschen, die angesichts gemeinsamer Probleme kollektiv aktiv werden. So fordern sie etwa den garantierten Zugang zu Wohnraum oder zur Gesundheitsversorgung. Ein Beispiel für monothematische Proteste dieser Art war 2015 die libanesische #YouStink-Bewegung, die zunächst im virtuellen Raum und später auch in der realen Welt gegen die Unfähigkeit der Regierung aufbegehrte, den Müll in Beiruts Straßen zu entsorgen. Zu den neuen Formen der Mobilisierung und Partizipation in der Region gehören Jugendinitiativen und Start-up-Unternehmen. In diesem Rahmen unterstützen junge Menschen andere junge Menschen mit mangelnder Schulbildung oder fehlenden unternehmerischen Chancen durch Trainingsangebote. Eine andere Schiene der Mobilisierung sind Informations- und Monitoringkampagnen, oft in den sozialen Medien. So twitterte die von jungen Tunesiern und Tunesierinnen gegründete Watchdog-Organisation Al Bawsala live aus der tunesischen Verfassunggebenden Versammlung zur Diskussion um die Formulierung von Frauenrechten in der neuen Verfassung und löste damit unmittelbare Proteste bei Aktivisten und Aktivistinnen vor dem Parlament aus. In Ägypten wirkte die nach den Vergewaltigungen auf dem Tahrir-Platz geführte Twitter-Debatte über sexuelle Belästigung transregional mobilisierend. Eine ähnliche Mobilisierung findet länderübergreifend über soziale Netzwerke zu Menschenrechtsproblemen in der MENA-Region statt. 2 Die wachsende Bedeutung sozialer Medien und Netzwerke für die Mobilisierung der Jugend spiegelt sich in den – wenn auch übertriebenen – Begriffen»Facebook-Revolution« oder»Twitter-Re2 Mareike Transfeld und Isabelle Werenfels(Hg.),#HashtagSolidarities: Twitter Debates and Networks in the MENA Region, SWP-Research Paper Nr. 5, März 2016. 310 Nadine Sika · Isabelle Werenfels volution« wider, die von den westlichen Medien bereits 2008 nach den Demonstrationen in Ägypten verwendet wurden. Zwei junge Ägypter verbreiteten damals Demonstrationsaufrufe über das Internet und bereiteten damit den Boden für die spätere sogenannte»Bewegung des 6. April«. 3 Junge Menschen engagieren sich nicht zuletzt auch in den verschiedensten bereits existierenden Organisationen: von Parteien und Gewerkschaften bis hin zu Nichtregierungsorganisationen(NGOs) und religiösen Verbänden. Sie wollen die Armut bekämpfen oder fordern bessere Bildung, Gleichberechtigung der Geschlechter und Umweltschutz. Diese jungen Menschen machen nicht unbedingt gegen das Regime mobil, sondern arbeiten auch mit Regierungsorganisationen zusammen, um ihre Ziele zu verfolgen. Manche von ihnen unterstützen bestehende Systeme oder Machthaber indes explizit, etwa die jugendbasierte politische Partei Mustaqbal Watan in Ägypten, deren Mitglieder Lobbyarbeit leisten und Menschen zur Unterstützung sozialer und politischer Entscheidungen des Al-SisiRegimes aufrufen. Die Daten der vorliegenden Studie bestätigen dieses diffuse und breit gefächerte Bild der Mobilisierung, differenzieren es weiter und bieten somit den Schlüssel zu einem profunderen Verständnis mobilisierter Jugendlicher. Wir sprechen in dieser Studie von einer Mobilisierung junger Menschen, wenn diese bereit sind, sich im Rahmen(organisierten) politischen Handelns – beispielsweise in Demonstrationen oder Streiks, aber auch durch Teilnahme an Wahlen – zu engagieren, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen und sich politisch durchzusetzen. Es sind diejenigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, bei denen politische und gesellschaftliche Partizipation stärker ausgeprägt ist als bei den restlichen Befragten aus der MENA-Region. 4 Unabhängig davon, ob junge Menschen für oder gegen das jeweilige machthabende Regime mobilisieren, verfolgt dieses Kapitel vier Fragen: Wer wird mobilisiert oder engagiert sich? Wo und wie erfolgt die Mobilisierung? Warum setzen sich junge Menschen politisch oder gesellschaftlich ein? Welches Verhältnis haben sie zum Staat und für welche Visionen der Gesellschaft und/oder der politischen Ordnung werden sie aktiv? 3 Linda Herrera,»Youth and citizenship in the Digital Age: A View from Egypt,« Harvard Educational Review 82, Nr. 3(2012), S. 333-352. 4 Dieser Beitrag bezieht sich nicht auf im Libanon lebende syrische Flüchtlinge, da sich deren Situation im Hinblick auf Mobilisierung und Engagement grundlegend von der Situation Jugendlicher unterscheidet, die in ihren Herkunftsländern leben. Mobilisierung 311 1 Der Grad der Mobilisierung: Ägypten führend Mit dem Index der politischen Intention misst die vorliegende Studie, wie ernst junge Menschen in der MENA-Region ihr Engagement nehmen. Bewertet wird die Bereitschaft junger Menschen zu gezieltem politischem Handeln, beispielsweise durch die Teilnahme an Wahlen, Demonstrationen, Streiks, den Boykott bestimmter Waren oder die Mitgliedschaft in gesellschaftlichen und politischen Organisationen(vgl. Tab. 8.8). Trotz des generell geringen Interesses der Jugend an Politik(vgl. Kap. 12), kann der Studie zufolge fast ein Drittel(30 Prozent) aller Befragten aufgrund eines hohen Grades an politischer Intention als»mobilisiert« oder»aktiv/engagiert« bezeichnet werden. Knapp über ein Drittel(34 Prozent) zeigt moderates Engagement, ein ähnlich großes Cluster(34 Prozent) ist politisch nicht aktiv (vgl. Tab. 13.1). Die Bereitschaft zum politischen Handeln variiert allerdings deutlich in den einzelnen Ländern: Mit einem Anteil von 41 Prozent politisch Aktiven führt Ägypten die Rangfolge an. Die Erklärung dafür ist unter anderem das stark polarisierte und ideologiegeprägte Klima im Land, in dem zwei große Lager massiv gegen den jeweiligen Gegner mobilisieren. Die politische Partizipation der Jugend nahm zwischen den Aufständen der Jahre 2011 und 2013, vor der Machtübernahme al-Sisis, jeweils deutlich zu. In Ägypten gab es zwei Parlamentswahlen(2011 und 2016), zwei Präsidentschaftswahlen(2011 und 2016) und zwei Verfassungsreferenden(2011 und 2014). Bereits dadurch boten sich den jungen Ägyptern mehr Partizipationsmöglichkeiten als in anderen Ländern der Region – auch als in Tunesien, wo weniger Wahlen stattfanden. In Marokko und Tunesien liegt der Mobilisierungsanteil mit 39 beziehungsweise 35 Prozent knapp hinter Ägypten. Diese Resultate sind wenig überraschend: Tunesien hat das demokratischste politische System in den untersuchten Ländern, und politische Mobilisierung ist relativ risikofrei. Marokko ist zwar kein demokratischer Staat, weist jedoch ein pluralistisches und von relativer Parteienkonkurrenz geprägtes politisches System auf. Zum Zeitpunkt unserer Befragung standen dort Wahlen an, und die Zivilgesellschaft hat im Vergleich zur übrigen MENA-Region eine starke Position. Mit 35 Prozent politisch engagierten Jugendlichen liegt der Jemen noch vor Tunesien. Dies lässt sich mit politischen Unruhen und der Polarisierung zwischen den Huthi und dem prosaudischen Lager erklären und ist vor dem Hintergrund des Aufstands 2011, des danach einsetzenden kurzen, aber anfangs hoffnungsvollen Über312 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Tab. 13.1 Politische Mobilisierung nach Ländern Keine Gering Hoch Marokko 31 30 39 Tunesien 25 40 35 Ägypten Land Jorda- Paläsnien tina 21 52 34 38 31 36 41 17 30 Libanon 35 37 28 Jemen 19 46 35 Bahrain 69 18 13 Gesamt 36 34 30 Fragen 1, 159& Politischer Intentionsindex(vgl. Tab. 8.8). Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Zur Definition der Kategorien siehe Tab. 8.8. gangsprozesses sowie einer von einem gewissen Pluralismus geprägten politischen Geschichte des Landes zu sehen. Am unteren Ende des regionalen Spektrums steht Bahrain, gefolgt von Jordanien. Dabei sind die Ergebnisse der Studie für Bahrain mit Vorsicht zu betrachten, da die Regierung seit dem dortigen Aufstand im Jahr 2011 hart durchgreift. Angehörige der unterdrückten schiitischen Mehrheit im Land sind daher möglicherweise zurückhaltender in ihrem politischen Engagement oder lehnen ein solches für sich ab. Ein 26-jähriger politisch interessierter Befragter aus Bahrain sagte dazu im Interview Folgendes: Ich versuche nicht allzu tief in die Politik einzudringen. Das führt zu nichts Gutem (BH-8). Auch in Jordanien erklärt sich das geringe Engagement zum Teil durch Angst vor Repressalien, die in den qualitativen Interviews mehrfach als Grund genannt werden. Der geringe Mobilisierungsgrad in Jordanien hängt gleichzeitig mit einer hohen Zufriedenheit mit der Performance der Regierung insgesamt und einem hohen Maß an gefühlter Sicherheit zusammen. Diese Faktoren dürften insbesondere vor dem Hintergrund der gewaltsamen Konflikte in den Nachbarstaaten durchaus eine Rolle spielen und entsprechen dem von uns in der vorliegenden Studie festgestellten Zusammenhang zwischen Mobilisierung und Unsicherheit: Je unsicherer ein junger Mensch sein Umfeld wahrnimmt, desto leichter lässt er sich mobilisieren. Mehr als ein Drittel der Befragten, die sich unsicher fühlen, neigen zu starkem politischem Engagement, während bei den sich sicher Fühlenden nur ein Viertel bereit ist, aktiv zu werden(vgl. Tab. 8.8). Ein weiterer Faktor einer stärkeren Mobilisierung ist die direkte Gewalterfahrung junger Menschen. Wir konnten einen Zusammenhang zwischen Mobilisierung 313 der wiederholten Erfahrung von Gewalt und ausgeprägter Mobilisierungsbereitschaft feststellen. Etwa ein Drittel(30 Prozent) der politisch stark engagierten jungen Menschen hat eigene Gewalterfahrungen unterschiedlicher Art gemacht. Unter den Befragten, die wiederholt Gewalt erfahren haben, bekennt sich fast die Hälfte zu starkem politischem Engagement. Letztlich scheint auch Pessimismus stärker mobilisierend zu wirken als Optimismus. Insgesamt ist die MENA-Jugend allerdings sowohl mit Blick auf ihre persönliche als auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Zukunft eher optimistisch gestimmt. Nicht anders als die Jugend insgesamt bezeichnet sich auch die Mehrheit der politisch Aktiven(59 Prozent) als Optimisten. Der Mobilisierungsgrad der Pessimisten liegt mit 37 Prozent jedoch über dem der Optimisten(29 Prozent). Pessimismus führt also nicht zu einem geringeren politischen Engagement. Im Gegenteil: Unter den Pessimisten finden sich mehr Personen mit hoher politischer Intention. 2 Der Prototyp des engagierten Jugendlichen: Mittelschicht, männlich, ledig In der MENA-Region engagieren sich mehr junge Menschen aus den Mittelschichten als aus der obersten gesellschaftlichen Schicht(Tab. 13.2)(vgl. Kap. 8). Jedoch schwanken die Zahlen von Land zu Land stark. Im Jemen stellen mit 30 Prozent die Jugendlichen aus der untersten Gesellschaftsschicht die größte Gruppe unter den politisch Aktiven dar. Marokko ist das einzige Land, in dem mit 22 Prozent verhältnismäßig viele der mobilisierten Jugendlichen aus der untersten Schicht kommen; die größte Gruppe der marokkanischen Mobilisierten(40 Prozent) kommt indes aus der UnterenMittel-Schicht. Betrachtet man die Verteilung der aktiven und nicht aktiven Jugendlichen innerhalb der einzelnen Schichten(Tab. 13.3) über die gesamten acht Länder, zeigt sich, dass in der obersten Schicht deutlich mehr nicht aktiv(53 Prozent) als aktiv(22 Prozent) sind. In der untersten Schicht sowie den unteren Mittelschichten ist der Anteil der aktiven und nicht aktiven Jugendlichen etwa gleich groß(jeweils ca. ein Drittel). Die meisten politisch aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind männlich(Tab. 13.4). Unter den sehr Engagierten beträgt der Männeranteil 59 Prozent, der Frauenanteil 41 Prozent. Diese ungleiche Geschlechterverteilung ist mit 70 Prozent Männer im Verhältnis zu 30 Prozent Frauen im 314 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Tab. 13.2 Schichtzugehörigkeit innerhalb der Gruppen der nicht aktiven, wenig aktiven und sehr aktiven Jugendlichen Verteilung in% Kein Engagement Geringes Engagement Hohes Engagement Unterste Schicht 14 12 14 15 Untere-MittelSchicht 21 17 23 24 Mittlere Schicht 27 23 30 28 Obere-MittelSchicht 22 24 21 21 Oberste Schicht 16 24 12 12 Gesamt 100 100 100 100 Fragen Schichtenindex(vgl. Kap. 2 und Kap.»Methodik« im Anhang)& politischer Intentionsindex(vgl. Kap. 8; Tab. 8.8). Hinweise Angaben in Prozent. Rundungsfehler können auftreten. Die fett gestellten Ziffern kennzeichnen Werte, die über dem jeweiligen Durchschnitt liegen. Tab. 13.3 Verteilung der nicht aktiven, wenig aktiven und sehr aktiven Jugendlichen innerhalb der Schichten Unterste Untere-Mittel- Mittlere Obere-Mittel- Oberste Ø Schicht Schicht Schicht Schicht Schicht Kein Engagement 32 29 30 39 53 36 Geringes Engagement 35 38 38 33 26 34 Hohes Engagement 33 33 32 28 22 30 Jemen am stärksten ausgeprägt. An zweiter Stelle kommt Bahrain. Mehrere Befragungsteilnehmerinnen im Jemen bekundeten, dass sie sich gerne politisch engagieren würden. Aufgrund des ihnen traditionell von Familie, Staat und Gesellschaft zugeschriebenen Platzes schrecken sie jedoch davor zurück. Am geringsten ist der Geschlechterunterschied bei der mobilisierten Jugend in Tunesien mit 53 Prozent Männern gegenüber 47 Prozent Frauen. Auch in Bezug auf den Familienstand unterscheiden sich Jugendliche, die sich für ihre politischen oder gesellschaftlichen Anliegen aktiv einsetzen, leicht von ihren weniger aktiven Altersgenossen. 31 Prozent der politisch hoch engagierten Jugendlichen sind alleinstehend und nur 26 Prozent sind verheiratet. Diese Zahlen sind dabei vor dem Hintergrund der Tatsache zu sehen, dass zwei Drittel der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ledig sind(Tab. 13.4). Bei alleinstehenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Mobilisierungsgrad insgesamt höher als bei den Verheirateten. Der Anteil mobilisierter junger Menschen ist auf dem Land etwas höher als in der Stadt. Im ländlichen Raum sind 33 Prozent der Jugendlichen Mobilisierung 315 Tab. 13.4 Politisches Handeln und struktureller Hintergrund Politische Mobilisierung Fallzahl Geschlecht MW Alter Jahre Familienstand Ledig Verheiratet Keine Gering Hoch 2.863 47 53 22,7 70 25 2.759 48 52 23,1 65 28 2.378 59 41 22,8 72 22 Gesamt 8.000 51 49 22.9 69 25 Lebenssituation Bei den Eltern 74 71 77 74 Eigenes Budget Ja Nein 46 54 41 59 40 60 43 57 aktiv; in den Kleinstädten sind 28 Prozent aktiv und in Großstädten mit über 100.000 Einwohnern sind 30 Prozent politisch hoch mobilisiert. In Ägypten und Tunesien konzentriert sich der Anteil der mobilisierten jungen Menschen in den Großstädten, während ihr Anteil in Marokko und im Jemen besonders in Kleinstädten hoch ist. Interessanterweise unterscheiden sich politisch aktive junge Menschen im Hinblick auf Alter und Beschäftigungsstatus kaum von ihren übrigen Altersgenossen. Die beiden jüngeren Altersgruppen(16–20 und 21–25) sind unter den jeweiligen Befragten etwas stärker vertreten als die Gruppe der 26- bis 30-Jährigen. Das regionale Durchschnittsalter derjenigen, die sich politisch stark engagieren(22,8 Jahre), und derjenigen, die sich überhaupt nicht mobilisieren lassen(22,7 Jahre), ist praktisch identisch(Tab. 13.4). Schließlich ist bei der aktiven Jugend eine geringere religiöse Bindung festzustellen als bei nicht Aktiven. Während sich 72 Prozent der nicht mobilisierten Jugendbevölkerung als sehr oder stark religiös bezeichnen, beläuft sich der Anteil derjenigen mit relativ ausgeprägter oder starker religiöser Bindung unter den Befragten mit einem hohen politischen Intentionsgrad auf 62 Prozent. Mit 37 Prozent ist nur eine Minderheit der mobilisierten Jugend wenig oder relativ wenig religiös. Einzig in Tunesien geben fast zwei Drittel der Befragten mit einem hohen politischen Intentionsgrad an, dass sie wenig oder relativ wenig religiös sind. Dies entspricht der vergleichsweise geringen Religiosität in Tunesien und passt insofern in das Muster der politischen Mobilisierung. Die Daten der vorliegenden Studie ergeben weiterhin, dass eine große Mehrheit der sehr religiösen jungen Menschen in den von uns betrachteten Ländern nicht oder nur begrenzt bereit ist, sich für politische Ziele zu mobilisieren. Generell ist die politische Intention bei weniger religiösen jungen Menschen stärker ausgeprägt als bei religiösen jungen Menschen. In zwei 316 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Ländern ist dies besonders prägnant: im Jemen und in Marokko. Im Jemen beträgt der Anteil der mobilisierten Jugendlichen, die für sich eine geringe Religiosität angeben, 50 Prozent, während sich diese Zahl in Marokko auf erstaunliche 90 Prozent beläuft. Jedoch lässt sich aus diesen beiden Fällen keineswegs die Schlussfolgerung ziehen, dass die(eher) säkularen Jugendlichen sich stark mobilisieren, wenn sie eine kleine Minderheit in sehr religiösen Gesellschaften sind. Beispielsweise ist die Zahl der wenig religiösen jungen Menschen in Jordanien prozentual gesehen ebenso niedrig wie in Marokko(je 8 Prozent). Jedoch weisen hier nur 18 Prozent der wenig religiösen Jugendlichen ein hohes Maß an politischer Intention auf, was den niedrigsten Wert der untersuchten Länder darstellt. Die Mobilisierung nicht religiöser junger Menschen lässt sich somit besser anhand von politischen Konjunkturen und dem jeweiligen nationalen politischen Umfeld erklären, beispielsweise im Zusammenhang mit den Wahlen in Marokko oder den politischen Unruhen im Jemen. Für die nicht religiöse Bevölkerung stand in diesen Fällen besonders viel auf dem Spiel, da religiöse Akteure tendenziell die politische oder militärische Bühne dominieren. 3 Formen des Aktivismus: Demonstrationen vor Parteienengagement Bei der Gruppe der gesellschaftlich und politisch hoch engagierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen war die häufigste Form des konkreten politischen Engagements die Beteiligung an Wahlen(34 Prozent), gefolgt von Demonstrationen(29 Prozent). Verhältnismäßig wenige aktive Jugendliche engagieren sich in sozialen oder politischen Organisationen(9 Prozent) und Parteien(10 Prozent). Doch ihr Engagement liegt deutlich über den 4 Prozent des parteipolitischen Engagements junger Menschen insgesamt. Im Fokus des gesellschaftlichen und politischen Engagements der aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen Schulen und Universitäten. Dieser Befund unserer Studie überrascht nicht, da der öffentliche Raum seit dem Arabischen Frühling für politisches Engagement weitgehend zum Sperrgebiet wurde. Die bevorzugten Formen des politischen oder gesellschaftlichen Engagements variieren stark von Land zu Land wie auch innerhalb der einzelnen Länder. In Tunesien wird in der Gruppe der männlichen, der Mittelschicht angehörenden, ledigen und im ländlichen Raum lebenden jugendlichen Mobilisierung 317 Aktivisten die Teilnahme an Demonstrationen als bevorzugte Form des politischen Engagements häufiger genannt als die Teilnahme an Wahlen. Im Gegensatz dazu manifestierte sich die Jugendmobilisierung in Jordanien primär als Wahlbeteiligung und kaum in Demonstrationen(Abb. 13.1). Die palästinensische Jugend engagierte sich wiederum am stärksten an Schulen und Universitäten. Dies ist ein Hinweis auf überdurchschnittliches politisches Engagement bei gleichzeitiger Einschränkung einer generellen Mobilisierung und des öffentlichen Raumes in den Palästinensischen Gebieten durch die Palästinensische Autonomiebehörde ebenso wie durch das israelische Militär. Als Hauptgrund dafür, dass sie sich nicht mobilisieren lassen, nennen Jugendliche und junge Erwachsene in den meisten Ländern das Fehlen von Initiativen im näheren Umfeld. Ein fast ebenso wichtiges Motiv findet sich in der Feststellung, dass sie für nichts anderes als den Kampf um ihr eigenes wirtschaftliches Überleben Zeit haben. Ein weiterer Grund für fehlendes Engagement ist der Verdacht, bestimmte Projekte dienten nur den materiellen Interessen der jeweiligen Initiatoren, respektive das Wissen, dass ein eigenes derartiges Engagement keine Einkünfte generiert. 42 Prozent der Nichtaktiven geben außerdem an, dass sie sich aus Rücksicht auf ihre Familie nicht gesellschaftlich oder politisch engagieren. Auffällig in diesem Zusammenhang sind die großen Unterschiede innerhalb der Region. Während dieses Argument vor allem im Libanon und im Jemen angeführt wird, spielen tatsächliche oder angebliche Familienzwänge in Bahrain, Ägypten, Jordanien und Tunesien eine eher sekundäre Rolle. Im Zusammenhang mit dem Arabischen Frühling gab es insbesondere in Ländern wie Tunesien, Ägypten und dem Jemen, wo die Mobilisierung zum Sturz der Regimes führte, zahlreiche Diskussionen über die Verbindung zwischen der mobilisierten Jugend und den sozialen Medien und Netzwerken. Der vorliegenden Studie zufolge besteht hier durchaus ein Zusammenhang. Während die Facebook-Nutzung der politisch oder gesellschaftlich Aktiven bei durchschnittlich 88 Prozent liegt, beläuft sie sich bei nicht aktiven jungen Menschen auf 73 Prozent. Obwohl im Gesamtbild Twitter sehr weit hinter Facebook rangiert, nutzen engagierte junge Menschen Twitter häufiger als diejenigen, die wenig oder gar nicht aktiv sind (26 Prozent gegenüber 21 Prozent). Den Aktivisten bieten soziale Medien und Netzwerke wichtige Plattformen für die politische Mobilisierung. 15 Prozent mobilisieren ihre Freunde, ihre Familie und das sonstige Umfeld gegen oder für bestimmte politische Positionen(Tab. 13.5). Die Onlinemobilisie318 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Abb. 13.1 Formen gesellschaftlichen und politischen Engagements Jugendlicher 55 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 Marokko Tunesien Ägypten Jordanien Palästina Libanon Jemen Bahrain Teilnahme an Wahlen Teilnahme an einer Demonstration Boykott bestimmter Waren Teilnahme an einem Streik Engagement in einem Verein Parteimitgliedschaft Bekannte via Internet zum Handeln mobilisieren Frage 100. Hinweise Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Dargestellt sind die tatsächlich ausgeübten Aktionen derjenigen, die politisch hoch mobilisiert sind. rung steht tendenziell auch in einem engen Zusammenhang mit der Nutzung des Internets als Quelle für Nachrichten und politische Information. Unsere Erhebung ergab, dass das Internet für 64 Prozent der stark mobilisierten Jugend nach dem Fernsehen(68 Prozent) die wichtigste Quelle für politische Informationen und Nachrichten darstellt. Die in diesem Zusammenhang am wenigsten wichtige Informationsressource sind mit 20 Prozent die Printmedien(Zeitungen). Das Internet wird folglich zunehmend zur Hauptquelle für politisches Wissen und zum relevantesten Instrument der Mobilisierung und ersetzt»traditionelle« Informationsquellen. Diese Entwicklung ruft nach einer vertieften wissenschaftlichen und politischen Analyse der Dynamiken zwischen zunehmender InternetkommuMobilisierung 319 Tab. 13.5 Hauptnutzung sozialer Netzwerke, mobilisierte Jugend vs. andere Jugendliche Musik/Videos teilen Politik diskutieren Freunde u. a. mobilisieren Ablehnung bestimmter politischer Positionen Religiöse Fragen diskutieren Religiös mobilisieren Ablehnung religiöser Positionen Mobilisierte Jugend 56 18 15 15 20 20 15 Wenig und nicht mobilisierte Jugend 56 8 7 7 12 11 8 Frage 155 » Wozu nutzt Du soziale Netze wie Facebook, Blogs oder WhatsApp?«(Befragte, die mit »Häufig« oder»Regelmäßig« antworten). Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. nikation und dem Grad der politischen Intention sowie den tatsächlichen Arten des politischen Engagements von Jugendlichen. 4 Prioritäten: Sozioökonomische Themen vor Politik Als Hauptgrund für ihr bürgerschaftliches und politisches Engagement nennt die Mehrheit der mobilisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen (26 Prozent) den Wunsch, den Armen zu helfen. 24 Prozent geben an, dass sie andere junge Menschen unterstützen wollen. Zu den am wenigsten häufig genannten Gründen zählen die Gleichberechtigung von Männern und Frauen sowie Hilfe bei der Integration von Migranten und Flüchtlingen (Tab. 13.6). Ganz offensichtlich ist die gesellschaftlich engagierte Jugend eher am sozioökonomischen denn am politischen Wandel interessiert. Die entsprechenden Befunde unserer Studie reflektieren hier auch den allgemeinen sozialen und religiösen Diskurs in den Ländern der Region, wo politische Entscheidungsträger und religiöse Führer generell dazu neigen, Wirtschaftsreformen für wichtiger zu halten als sozialpolitische Veränderung. Auch das geringe Interesse an der Gleichberechtigung von Frauen und Männern spiegelt das Lebensumfeld der jungen Menschen in der MENA-Region in einer patriarchalischen Gesellschaft wider. Dagegen wäre bei der engagierten Jugend ein höheres Interesse an der Flüchtlingsthematik zu erwarten, insbesondere im Libanon und in Jordanien, den beiden Ländern, die viele syrische und palästinensische Flüchtlinge aufgenommen haben. 320 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Tab. 13.6 Hauptgründe für Engagement mobilisierter Jugendlicher Marokko Für die Hilfe für Arme und 21 Schwache Für die Interessen der Jugend 21 Für eine bessere und 21 sauberere Umwelt Für ein besseres Leben 17 in der Gemeinschaft Für ältere Menschen 19 Für die Organisation von Freizeitaktivitäten für junge 20 Menschen Für die Kultur und Traditionen 16 Für eine bessere Situation 17 behinderter Menschen Für die Garantie von 20 Sicherheit und Ordnung Für meine religiöse 17 Überzeugung Für die Gleichberechtigung 16 von Männern und Frauen Für den sozialen und 16 politischen Wandel Für eine bessere Versorgung 17 und Integration von Migranten Für die Unterstützung 16 von Kriegsflüchtlingen Andere 11 Tunesien 29 15 20 18 28 16 20 23 21 22 19 13 16 13 13 Ägypten 23 37 24 31 16 32 17 17 16 20 14 19 11 11 11 Jordanien 19 22 16 14 15 17 20 16 15 20 16 14 11 12 19 Palästina 29 26 27 25 27 24 22 22 27 30 24 15 9 9 13 Libanon 35 30 42 33 37 33 28 39 33 29 33 27 16 14 14 Jemen 27 25 23 25 19 21 19 13 25 23 18 10 5 18 5 Bahrain 31 5 6 9 27 5 13 12 23 11 6 28 9 5 3 Gesamt 26 24 24 23 23 23 19 20 22 22 19 17 12 13 11 Frage 161 » Setzt Du Dich für soziale oder politische Ziele ein, oder engagierst Du Dich für andere Menschen zu folgenden Themen?« Hinweise Angaben in Prozent. Hier: Prozentsatz der Antwort»Häufig« unter den mobilisierten Jugendlichen. Es können Rundungsfehler auftreten. Doch auch hier zeigen sich tendenziell wenige Differenzen zu Einstellungen und Motiven der übrigen Bevölkerung und den jeweils dominanten nationalen politischen Diskursen. Allerdings korreliert das generelle politische Interesse mit dem Mobilisierungsgrad junger Menschen: Während zwei Drittel der jungen Aktivisten erklären, dass sie sich zumindest ein wenig für Politik interessieren, ist es bei der nicht engagierten Jugend nur ein Drittel. Die Prioritätensetzung der befragten jugendlichen Aktivisten sieht, so die Befunde unserer Studie, wie folgt aus: Am wichtigsten ist ihnen die Erfüllung der Grundbedürfnisse, an zweiter Position steht Gewaltfreiheit. Mobilisierung 321 Tab. 13.7 Bedeutung von Grundrechten Mobilisierungsgrad Gewaltfreiheit Sicherung von Grundbedürfnissen Grundrechte für Minderheiten Meinungs- und Redefreiheit Versammlungsfreiheit Wahlfreiheit Freizügigkeit Fragen 1, 110, 159. Hinweis Alle»Ja«=»Hoch«. Marokko Wenig oder Ja gar nicht Tunesien Wenig oder Ja gar nicht Ägypten Wenig oder Ja gar nicht Jordanien Wenig oder Ja gar nicht 8,3 6,6 9,4 9,4 8,4 7,6 8,4 8,2 8,0 6,9 9,5 9,6 8,2 8,0 8,5 8,2 7,3 6,3 8,0 7,6 6,0 6,7 6,7 6,4 7,9 6,9 9,1 8,7 7,3 7,2 8,0 7,7 7,5 6,7 8,7 8,4 6,8 6,7 7,3 7,2 6,8 6,4 7,7 7,5 6,9 7,1 5,9 5,5 7,5 6,7 8,8 8,5 7,4 7,4 7,3 6,9 Erst an dritter Stelle steht in fast allen Staaten, mit Ausnahme von Bahrain und Ägypten, wo sie noch niedrigere Priorität hat, die Meinungsfreiheit. Stattdessen wünschen sich engagierte junge Menschen in Bahrain – nach der Erfüllung der Grundbedürfnisse und Gewaltfreiheit – die Sicherung der Grundrechte für Minderheiten, während in Ägypten Personenfreizügigkeit und Reisefreiheit das drittwichtigste Anliegen ist(Tab. 13.7). Diese Ergebnisse bestätigen, dass auch politisch engagierte Jugendliche und junge Menschen in der MENA-Region stärker an Fragen der Ökonomie und Sicherheit als an politischen Themen interessiert sind. Zwar sind ihnen Freiheiten wichtig, doch ein hoher Lebensstandard und viel Sicherheit rangieren noch vor der Meinungsfreiheit. Dass die aktive Jugend in Bahrain die Rechte von Minderheiten zu den drei wichtigsten Belangen zählt, ist wiederum verständlich: Die Bahrainer sind mehrheitlich Schiiten, während die Regierung von der sunnitischen Minderheit geführt wird. Wenngleich auf der Prioritätenliste der engagierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Meinungsfreiheit nur den dritten Rang erreicht, entscheidet sich doch eine Mehrheit von ihnen für die Demokratie als politisches System erster Wahl(36 Prozent). Dabei lässt sich kein Unterschied zwischen den mobilisierten und den nicht mobilisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen feststellen, von denen 37 Prozent ein demokratisches System bevorzugen. An zweiter Stelle der erwünschten politischen Systeme rangiert bei mobilisierten Jugendlichen mit 24 Prozent eines mit einem starken Mann an der Spitze, gefolgt an dritter Stelle von einem zugleich demokratischen und islamischen Staat(13 Prozent)(Abb. 13.2). Es 322 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Palästina Libanon National Jemen Bahrain Gesamt Wenig oder Ja Wenig oder Ja Wenig oder Ja Wenig oder Ja Wenig oder Ja gar nicht gar nicht gar nicht gar nicht gar nicht 9,1 9,0 9,0 8,9 8,7 8,9 9,3 9,3 8,9 8,4 9,2 9,1 9,2 9,0 9,3 9,6 9,1 9,3 8,9 8,6 7,0 7,5 8,1 8,1 7,5 7,7 8,7 9,0 7,5 7,3 8,3 8,5 8,7 8,7 7,7 8,4 6,7 7,0 7,9 7,9 7,3 7,9 8,5 8,5 4,6 6,2 6,1 6,2 7,1 7,3 6,3 7,1 7,6 8,0 6,1 7,6 5,4 5,8 6,5 7,1 8,1 8,4 8,6 8,4 7,6 8,4 6,1 6,3 7,6 7,7 Hinweis Angaben als Mittelwerte(arithmetisches Mittel) der Frage 110 aus einer Skala von 1(»überhaupt nicht wichtig«) bis 10(»sehr wichtig«). Abb. 13.2 Bevorzugte Staatsform: Nicht engagierte und engagierte Jugend Demokratisch/islamisch Demokratisch Sozialistisch/Islamisch Sozialistisches System Religionsstaat auf der Grundlage der Scharia Starke Frau Starker Mann 3 2 2 1 1 1 13 11 12 10 36 37 23 28 0 5 10 15 20 25 30 35 40 Nicht engagierte Jugend Engagierte Jugend Frage 113 » Wenn Du Dich in der Welt umschaust: Welches politische System wünscht Du Dir?« Hinweise Angaben in Prozent. Andere Angaben wurden hier nicht berücksichtigt, daher werden keine 100 Prozent erzielt(n=8.000). Es können Rundungsfehler auftreten. Mobilisierung 323 Abb. 13.3 Bevorzugtes politisches System nach Land(Mobilisierte Jugend) Bahrain Jemen Libanon Palästina Jordanien Ägypten Tunesien Marokko 0 10 20 30 40 50 60 70 Demokratisch/Islamisch Demokratisch Religionsstaat auf der Grundlage der Scharia Starker Mann Fragen 1, 113, 159. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. ist bezeichnend, dass von den Jugendaktivisten der acht im Rahmen der MENA-Studie betrachteten Länder die in einer der drei Monarchien – Jordanien, Marokko und Bahrain – lebenden jungen Menschen tendenziell die Staatsführung in einer starken Hand sehen möchten. Nur 13 Prozent der hier untersuchten Gruppe der engagierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen bevorzugt einen auf der Scharia basierenden religiösen Staat. Dieser findet die höchste Zustimmung bei jugendlichen Aktivisten in den besetzten Palästinensischen Gebieten: 30 Prozent bekunden hier ihr Interesse an einem rein islamischen Staat gegenüber 25 Prozent, die einen demokratischen Staat vorziehen. Aktivisten im Libanon und in Bahrain haben mit 3 Prozent und 0 Prozent jeweils das geringste Interesse an einem religiösen Staat(Abb. 13.3). Paradoxerweise ist in Bahrain zugleich der Anteil stark religiöser junger Menschen in der mobilisierten Jugend am höchsten. Das explizite Desinteresse am auf der Scharia basierenden religiösen Staat liegt möglicherweise an der regional überdurchschnittlichen Zufrie324 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Abb. 13.4 Vertrauen der mobilisierten Jugend Politische Parteien Religiöse Organisationen Menschenrechtsorganisationen Parlament Regierung Justiz Polizei Militär 53 36 12 33 45 22 36 46 18 53 40 12 39 38 24 28 45 27 32 40 28 17 29 54 0 10 20 30 40 50 60 Kein Vertrauen Begrenztes Vertrauen Vertrauen Frage 114 » Hast Du Vertrauen in öffentliche Institutionen?«(Ohne Antwortoption»weiß nicht«). Familie als Institution wird hier nicht betrachtet. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. denheit mit dem Status Quo in Bahrain, die auch in den im Folgenden aufgezeigten Vertrauensniveaus ihren Niederschlag findet. 5 Vertrauen in Institutionen: Militär auf Platz eins Die Jugend in der MENA-Region hat generell geringes Vertrauen in staatliche und nicht staatliche Institutionen. Dabei ist bei der mobilisierten Jugend das mangelnde Vertrauen in staatliche Institutionen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung stärker ausgeprägt, während politische Parteien und Menschenrechtsorganisationen bei ihnen vergleichsweise mehr Vertrauen genießen(Abb. 13.4 und 13.5). Das größte Vertrauen bei der Jugend insgesamt genießt das Militär. In der hier speziell betrachteten Gruppe der engagierten jungen Menschen gilt das gleichermaßen: 54 Prozent von ihnen haben volles Vertrauen zum Mobilisierung 325 Abb. 13.5 Vertrauen der nicht mobilisierten Jugend Politische Parteien Religiöse Organisationen Menschenrechtsorganisationen Parlament Regierung Justiz Polizei Militär 8 15 12 14 53 39 33 44 23 40 46 45 43 33 29 28 25 27 31 39 47 41 34 52 0 10 20 30 40 50 60 Kein Vertrauen Begrenztes Vertrauen Vertrauen Fragen 1, 114, 159. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Familie als Institution wird hier nicht betrachtet. Militär. Mit jeweils 79 Prozent ist das bei den tunesischen und libanesischen Aktivisten am stärksten ausgeprägt, während das Vertrauen der palästinensischen Aktivisten mit 24 Prozent den niedrigsten Wert erreicht(Tab. 13.8). Diese Resultate sind nicht überraschend, da sich das Militär in Tunesien während der Aufstände nicht auf die Seite des Diktators stellte und in der neuen Ära maßgeblich am Kampf gegen den Terror beteiligt ist(»Die Armee schützt die tunesischen Bürger vor Terroristen«) 5 . Das tunesische Militär gilt als deutlich weniger korrupt als die Polizei und wurde im Gegensatz zu Letzterer während der Diktatur nicht zur Unterdrückung der Bevölkerung eingesetzt. In den besetzten palästinensischen Gebieten gibt es kein funktionierendes Militär, sondern lediglich eine Polizei mit paramilitärischen Befugnissen(nationale Sicherheitskräfte). Durch den Konflikt zwischen der Hamas und der Palästinensischen Autonomiebehörde nach den Parla5 Interview, tunesischer Jugendlicher, 30 Jahre. 326 Nadine Sika · Isabelle Werenfels mentswahlen von 2006 kam es zu einer direkten Konfrontation zwischen den nationalen Sicherheitskräften und der Hamas, wodurch sich Gewalt und Spaltung unter den Palästinensern noch weiter verschärften. Diese Entwicklungen erklären teilweise, warum die palästinensischen Jugendlichen ihrem»Militär« so wenig vertrauen. Im Vergleich zum Militär genießt die Polizei sehr wenig Vertrauen: Nur 28 Prozent der mobilisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen der MENA-Region geben an, dass sie der Polizei vollkommen vertrauen(vgl. Abb. 13.4). Bei einem insgesamt ebenfalls niedrigen Vertrauensniveau erreicht die Polizei bei der nicht mobilisierten Jugend dennoch einen Vertrauenswert von 42 Prozent(Abb. 13.5). Auch das Vertrauen in das Justizwesen ist unter Aktivisten mit 27 Prozent eher schwach. Das größte Vertrauen in die Justiz haben ägyptische Aktivisten mit 43 Prozent. Gleichwohl liegt dieser Wert unter der Vertrauensrate für die Justiz bei der übrigen ägyptischen Jugendpopulation(54 Prozent)(Tab. 13.8). Dies dürfte am Ruf des ägyptischen Justizwesens liegen, zumindest partiell unparteilich und unabhängig zu sein. Grundsätzliches Vertrauen in die Regierung haben 24 Prozent der befragten Aktivisten in der MENA-Region, wobei der entsprechende Prozentsatz bei den libanesischen Jugendlichen am geringsten ist. Hier erklären 63 Prozent der Befragten, dass sie keinerlei Vertrauen in die Regierung haben. Umgekehrt vertrauen mit 65 Prozent in Jordanien und 80 Prozent in Bahrain(Tab. 13.8) sehr viele jugendliche Aktivisten ihren jeweiligen Regierungen. Ob diese Befunde darauf zurückzuführen sind, dass die jeweiligen Regierungen bessere Arbeit leisten oder ob man in diesen beiden Ländern einfach nur mehr Angst davor hat, die Regierung zu kritisieren, bleibt offen. Das geringste Vertrauen genießen die Parlamente, und zwar sowohl bei der aktiven als auch bei der nicht aktiven Jugend. Der Wert für die einzelnen Parlamente liegt bei der erstgenannten Kohorte bei nur 12 Prozent (Abb. 13.4). In diesem Ergebnis spiegelt sich das Bewusstsein junger Menschen in der Region, dass Wahlen manipuliert und die Legislativen von der Exekutive maßgeblich gesteuert werden, sodass Parlamente schwach sind und nicht mehr den Volkswillen repräsentieren, sondern lediglich die Entscheidungen der Herrscher absegnen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass – gemeinsam mit jugendlichen Aktivisten in Bahrain(8 Prozent), dem Jemen(10 Prozent) und Palästina(10 Prozent) – tunesische Aktivisten sich hinsichtlich des Vertrauens in das Parlament mit 10 Prozent am unteren Mobilisierung 327 Tab. 13.8 Vertrauensniveau der Jugend nach Ländern Mobilisiert? Militär Polizei Justiz Regierung Parlament Menschenrechtsorganisationen Religiöse Organisationen Parteien Marokko Hoch Wenig/ gar nicht K. A. K. A. 21 17 14 20 25 19 K. A. K. A. 7 4 3 11 14 3 Tunesien Hoch Wenig/ gar nicht 79 72 25 30 27 34 10 16 10 8 20 13 14 11 3 3 Ägypten Hoch Wenig/ gar nicht 61 70 25 41 43 54 26 45 14 18 18 17 25 35 14 9 Frage114 » Hast Du Vertrauen in öffentliche Institutionen?«(Anteil derjenigen, die mit»Vertrauen« antworten – mit Ausnahme derjenigen, die mit»weiß nicht« antworteten. Ende der Skala befinden(Tab. 13.8): Tunesien ist der einzige Staat in der Region, der aktiv einen Demokratisierungsprozess einleitete. Daher hatte die Jugend im Allgemeinen und speziell die mobilisierte Jugend hohe Erwartungen an ihr erstes legitimes Parlament und nur wenig Geduld mit dem anschließenden langwierigen politischen Prozess. Ein 25-jähriger Tunesier formuliert das folgendermaßen: Die Parlamentarier machen leere Versprechungen, die sie nicht halten, sie sind unglaubwürdig. Sie kommen ihrer Verantwortung gegenüber den Bürgern und Bürgerinnen nicht nach(TN-3). Andere tunesische Jugendliche bezeichnen Politiker als Lügner, die sich allein ihren Streitereien widmeten und nur die eigenen Interessen im Blick hätten. Die Jugend ist vom Status quo und dem ausgebliebenen sozioökonomischen Wandel seit 2011 enttäuscht. Das lässt sich auch an den Antworten der Befragten zu den Zukunftsperspektiven ablesen, aus denen hervorgeht, dass die tunesische Jugend mit dem, was sie erwarten kann, am wenigsten zufrieden ist. Das Vertrauen in die Parlamente ist bei mobilisierten und nicht mobilisierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen geringer als ihr Vertrauen in Menschenrechtsorganisationen(Abb. 13.4 und 13.5). Das geringste Maß an Vertrauen genießen die Parteien: Insgesamt liegt ihr Wert bei 8 Prozent. Unter den jungen Aktivisten sind es mit 12 Prozent geringfügig mehr als bei den nicht aktiven jungen Menschen. Die niedrigsten Vertrauenswerte bei den Aktivisten erzielen die politischen Parteien in Bahrain(2 Prozent) 328 Nadine Sika · Isabelle Werenfels Jordanien Hoch Wenig/ gar nicht 48 61 17 26 32 35 65 82 25 35 19 25 39 51 27 31 Palästina Hoch Wenig/ gar nicht 24 28 30 37 26 31 22 27 10 12 19 19 24 24 11 8 Libanon Hoch Wenig/ gar nicht 79 85 28 35 22 17 9 9 11 9 16 12 19 15 19 6 Jemen Hoch Wenig/ gar nicht 36 33 20 20 22 23 16 16 10 11 22 24 26 37 4 5 Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Bahrain Hoch Wenig/ gar nicht 26 20 80 86 24 11 80 83 8 5 3 4 4 4 2 3 und Tunesien(3 Prozent)(Tab. 13.8). Ähnlich wie die Parlamente gelten auch Parteien als reine Augenwischerei: In den Augen der Jugend sind sie nur Werkzeuge zur Instrumentalisierung der Opposition und zur Legitimierung der Herrscher in der internationalen Staatengemeinschaft. In den politischen Debatten spielen die Parteien praktisch keine Rolle, wie das Beispiel Ägypten eindrücklich belegt: Seit der Machtübernahme al-Sisis 2013 gibt es mehr Parteien als unter Mubarak. Diese haben sich mehrheitlich zur Koalition»Aus Liebe zu Ägypten«( Fi hubb Misr) zusammengeschlossen, die jedoch in erster Linie der Legitimierung des Regimes dient. Bei den politisch aktiven Jugendlichen und jungen Erwachsenen erreichen religiöse Organisationen einen Vertrauenswert von 22 Prozent. Mit nur 14 beziehungsweise 19 Prozent liegen die tunesischen und libanesischen Aktivisten unter dem Durchschnitt ebenso wie die Bahrainer, die mit 4 Prozent das geringste Vertrauen in religiöse Organisationen bekunden. Länderintern liegt das Vertrauen der mobilisierten Jugend in Tunesien und dem Libanon gleichwohl über den entsprechenden Niveaus der nicht mobilisierten Jugendpopulation beider Länder. Den Menschenrechtsorganisationen vertrauen 18 Prozent der Aktivisten, im Vergleich zu 15 Prozent der Nichtaktivisten in den betrachteten Ländern. Am niedrigsten ist dieser Wert in Bahrain(3 Prozent). Bahrain, Jordanien und der Jemen sind die einzigen Länder der vorliegenden Studie, in denen die politische Jugend Menschenrechtsorganisationen weniger vertraut als die nicht politisch und gesellschaftlich Aktiven(Tab. 13.8). Mobilisierung 329 6 Fazit In diesem Beitrag wurden die Haupteigenschaften und Prioritäten der mobilisierten Jugend in der MENA-Region aufgezeigt und Parallelen und Unterschiede zwischen ihr und den nicht politisch und gesellschaftlich aktiven jungen Menschen diskutiert. Die mobilisierte Jugend lebt anteilmäßig eher auf dem Land, ist weniger religiös, gehört häufiger einer mittleren Einkommensschicht an, interessiert sich mehr für Politik und neigt stärker zur Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke als der durchschnittliche nicht mobilisierte Jugendliche. Darüber hinaus ergeben unsere Befunde, dass sich die mobilisierte Jugend überwiegend aus unverheirateten, männlichen Aktivisten zusammensetzt. In der Gruppe der Mobilisierten sind überdies eigene Gewalterfahrungen und eine stärkere Neigung zum Pessimismus wahrscheinlicher als bei den übrigen Jugendlichen. Das Vertrauen der mobilisierten Jugend in staatliche und nicht staatliche Institutionen entspricht tendenziell dem Niveau der Jugendpopulation insgesamt. Dennoch liegt es im Fall offizieller staatlicher Einrichtungen unter dem der nicht politisch aktiven Jugend, wobei die Parlamente besonders niedrige Vertrauenswerte erreichen. Dagegen haben die Aktivisten mehr Vertrauen in NGOs als die Nichtaktivisten. Bei den Fragen nach Ängsten und Interesse an bestimmten politischen Systemen entsprechen die Antworten der mobilisierten Jugend eher den allgemeinen Trends in ihren jeweiligen Ländern als den Antworten der Aktivisten in anderen Ländern der MENA-Region. Der nationale politische und soziale Kontext und die jüngste Geschichte in einem Land haben relevante Auswirkungen auf die Mobilisierungsmuster. Junge Menschen in Republiken, die einen Zusammenbruch des Regimes nach dem Arabischen Frühling erlebten, sind politisch aktiver als die Jugend der Monarchien in der MENA-Region. Gleichzeitig spielen der Grad an Pluralismus und politischen Freiheiten ebenso wie spezifische politische Konjunkturen oder Ereignisse(beispielsweise die Häufigkeit von Wahlen) tendenziell eine wichtigere Rolle als die Frage, ob es sich beim betreffenden Land um eine Republik oder Monarchie handelt. Jedenfalls haben sie in der gesamten Region einen großen Einfluss auf den Grad der Mobilisierung. Der mobilisierten Jugend geht es nicht in erster Linie um politische Themen wie zum Beispiel Meinungsfreiheit. Priorität für sie haben die Si330 Nadine Sika · Isabelle Werenfels cherung ihrer Grundbedürfnisse und Gewaltfreiheit. Insgesamt kümmern sich die Aktivisten nicht mehr um politische Freiheiten und gesellschaftliche Rechte – einschließlich der Rechte von Minderheiten – als nicht aktive junge Menschen. Für die Aktivisten sind die wichtigsten Themen sozioökonomische Rechte und soziale Fragen. Dies erklärt auch, warum sich die Muster der Jugendmobilisierung in Tunesien, dem einzigen Land, das von Freedom House als»frei« eingestuft wird, kaum von denen der übrigen MENA-Staaten unterscheiden. 6 6 https://freedomhouse.org/report/freedom-world/freedom-world-2017. Mobilisierung 331 Kapitel 14 Gesellschaftliches Engagement Friederike Stolleis U ntersuchungen zu Rolle und Wesen der Zivilgesellschaft des Nahen/ Mittleren Ostens und Nordafrikas(MENA) haben im Laufe der Zeit sehr unterschiedliche Bilder vermittelt. Bis in die frühen 1990er-Jahren beschrieben europäische und US-amerikanische Wissenschaftler eine überwiegend passive Gesellschaft, die von tribalen und religiösen Strukturen dominiert wurde und wenig Raum für eine Zivilgesellschaft nach westlichem Verständnis ließ – von Räumen für junge Menschen ganz zu schweigen. Dieses Bild wurde Mitte der 1990er-Jahre durch einen neuen Ansatz infrage gestellt, der Zivilgesellschaft – im Sinne von zivilgesellschaftlichen Organisationen – als ein entscheidendes Element demokratischer Transformationsprozesse darstellte(Norton 1995, 1996). In der Folge wurde die Förderung von Zivilgesellschaft zu einem zentralen Element westlicher entwicklungspolitischer Arbeit in der MENA-Region. Mit dem Ausbleiben eines demokratischen Übergangs begann jedoch auch der Enthusiasmus für die Zivilgesellschaft zu sinken. Erst mit dem Arabischen Frühling stand diese für Theorie und Praxis wieder im Fokus. Da die Bewegungen des Arabischen Frühlings zu großen Teilen von jungen Menschen initiiert oder unterstützt wurden, setzte man große Hoffnung auf sie als potenzielle Vermittler eines positiven Wandels im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Arbeit. Auf der Grundlage der empirischen Befunde sollen in diesem Kapitel die Motivation junger Frauen und Männer in der MENA-Region für gesellschaftliches Engagement und ihre Einbindung in Organisationen der Zivilgesellschaft untersucht werden. Gesellschaftliches Engagement 333 1 Zivilgesellschaftliche Organisationen und der Arabische Frühling Religiöse karitative Einrichtungen, Berufsverbände und pädagogische Einrichtungen sind seit Jahrhunderten traditionelle Formen zivilgesellschaftlicher Organisation in der MENA-Region. Moderne Organisationsformen wie Gewerkschaften, Berufsverbände und Studentenausschüsse entstanden meist in der Kolonialzeit und spielten in vielen Ländern eine wichtige Rolle im Unabhängigkeitskampf. In der postkolonialen Ära wurden die Zivilgesellschaften im Nahen Osten und Nordafrika durch ihren jeweiligen politischen Kontext geprägt. Die meisten Regierungen der Region herrschten autoritär und suchten, die Zivilgesellschaft streng zu kontrollieren. Seit den späten 1980er-Jahren entstanden infolge von Wirtschaftsreformen und externem Druck in vielen der MENA-Länder zivilgesellschaftliche Organisationen. Oft schloss das Engagement ihrer Mitglieder Lücken in der öffentlichen Infrastruktur. Die zunehmende Unfähigkeit vieler MENA-Staaten, die Grundversorgung ihrer wachsenden Bevölkerung zu sichern, hat die Zahl der zivilgesellschaftlichen Organisationen in den vergangenen zwanzig Jahren rasch nach oben schießen lassen. Heute bieten diese, zusammen mit zahlreichen informellen Initiativen, eine große Bandbreite von Diensten an und stellen damit einen stabilisierenden Faktor für Gesellschaft und Staat dar. In vielen MENA-Staaten sind zivilgesellschaftliche Organisationen als sogenannte GONGOs( governmental non-governmental organizations) tätig. 1 Nicht alle tun dies aus Überzeugung; in vielen Fällen stellt die Nähe zur Regierung die einzige Möglichkeit dar, überhaupt zivilgesellschaftlich aktiv zu werden. Das Verhältnis dieser Organisationen zu staatlichen Stellen ist daher ambivalent. Die Regierungen der MENA-Region nutzen eine Vielzahl von Mitteln, um Zivilgesellschaft zu kontrollieren, zu kooptieren oder zu diskreditieren. 2 Entsprechend schwach und fragil sind diese Organisationen. Viele von ihnen haben Schwierigkeiten, eindeutige Ziele und Strategien für sich zu identifizieren. Häufig sind sie finanziell abhängig und in ihren Entscheidungen von den Geldgebern gesteuert, sodass sie gezwungen sind, ihre Programme und Projekte eher sporadisch und spontan 1 Oder auch als sogenannte FLONGOs( first lady non-governmental organizations), wenn sie unter der Schirmherrschaft einer der Ersten Damen der Region agieren. 2 Dies gilt in besonderem Maße für Menschenrechtsorganisationen(vgl. Carothers/Brechenmacher 2014; zu Ägypten Brechenmacher 2017). 334 Friederike Stolleis umzusetzen. Schwache interne Steuerungsstrukturen und das Fehlen interner demokratischer Verfahren bedeuten zudem oft mangelnde Effizienz sowie fehlende Transparenz, Glaubwürdigkeit und Eigenverantwortung an der Basis(Halaseh 2012). Mit dem Arabischen Frühling hat gesellschaftliches Engagement in der MENA-Region zugenommen. Selbst in Ländern, in denen es nicht zu Massenprotesten und Revolutionen kam, lockerte die politische Führung zumindest vorübergehend bestehende Restriktionen, um die aufgebrachte Bevölkerung zu befrieden. Allgemein spielten die Organisationen der institutionalisierten Zivilgesellschaft jedoch nur eine marginale Rolle bei den Aufständen. Auch wenn sich Gewerkschaften in Tunesien und Ägypten an den Aufständen beteiligten, Nichtregierungsorganisationen in Libyen und Jemen sich bemühten, die neuen Regierungen zu stabilisieren, und Mitglieder von politischen Parteien und Gewerkschaften auf den Straßen Marokkos protestierten, kann keine dieser Initiativen als treibende Kraft des Arabischen Frühlings bezeichnet werden. In vielen Fällen wurden sie von der Entwicklung ebenso überrascht wie die herrschenden Regimes(Yom 2015). Dagegen führten soziale Bewegungen junger Menschen, die sich gegenseitig über informelle Netzwerke mobilisierten, in vielen MENA-Staaten die Proteste an. Diese engagierte, oftmals sowohl vom Staat als auch von zivilgesellschaftlichen Organisationen marginalisierte Jugend bildete ihre eigene Gruppen und Bewegungen, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen(vgl. Kap. 13). In welchem Maß haben die Ereignisse des Arabischen Frühlings das gesellschaftliche Engagement junger Menschen beeinflusst? Eine Evaluierung der Zivilgesellschaft in der MENA-Region würde feststellen, dass diese sich durch die Aufstände kaum verändert hat. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – darunter Tunesien, Libyen und syrische Organisationen in Oppositionsgebieten oder im Exil – wurden die zivilgesellschaftlichen Organisationen durch die von vielen Staaten verabschiedeten neuen NGOund Antiterrorgesetze und die damit einhergehende Einschränkung ihres Handlungsspielraumes eher geschwächt. Allerdings illustriert der nicht institutionelle Aktivismus während des Arabischen Frühlings, dass der Fokus auf zivilgesellschaftliche Organisationen nicht ausreicht, um die gesamte Dimension des politischen und gesellschaftlichen Engagements in der MENA-Region zu erfassen. Der Blick auf die Jugend offenbart in diesem Prozess eine eigene Dynamik. Um diesen über den Aspekt der Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen hinaus nachzuvollziehen, wurden im Rahmen der Gesellschaftliches Engagement 335 vorliegenden Studie junge Menschen zunächst nach der Motivation für ihr Engagement gefragt und anschließend um Auskunft gebeten, in welchem institutionellen Rahmen sie tätig sind. Ihre Antworten deuten darauf hin, dass junge Erwachsene generell bereit sind, sich für andere Menschen oder bestimmte Ziele und Themen einzusetzen. Allerdings sind sie deutlich weniger geneigt, sich Organisationen der Zivilgesellschaft anzuschließen. Ihre Antworten verweisen zudem auf eine enge Beziehung zwischen gesellschaftlichem Engagement und sozialer Schichtung: Während mit der Zugehörigkeit zu höheren Schichten tendenziell ein stärkeres gesellschaftliches Engagement einhergeht, sinkt die Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen bei besser gestellten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das impliziert, dass ein Engagement im Rahmen einer offiziellen Institution eher die Unter- und Mittelschichtjugend anspricht. In dieser Gruppe manifestiert sich darüber hinaus verstärkt ein Gefühl von Unsicherheit und Pessimismus, in welchem sich zumindest teilweise eine Motivation für eine aktive Mitgliedschaft in einer zivilgesellschaftlichen Organisation erkennen lässt. 2 Gesellschaftliches Engagement junger Menschen Gesellschaftliches Engagement ist jungen Erwachsenen in der MENA-Region generell wichtig. Die Mehrheit der Befragten(64 Prozent) gibt an, dass sie sich häufig oder gelegentlich für soziale oder politische Ziele beziehungsweise für andere Menschen einsetzt. Nur ein Drittel der Interviewten (36 Prozent) schließt ein Engagement für eines der genannten Ziele oder Themen grundsätzlich aus. Die am häufigsten von den aktiven jungen Menschen genannten Themen sind Hilfe für Arme und Schwache sowie Umweltschutz(Abb. 14.1). Angeführt werden außerdem verschiedene ehrenamtliche und freiwillige Aktivitäten in Bereichen, die man im weitesten Sinn als karitativ oder unpolitisch beschreiben kann. Der Einsatz für sozialen und politischen Wandel steht dagegen in allen Ländern an letzter Stelle des gesellschaftlichen Engagements.(Weniger häufig genannt werden nur der Einsatz für Migranten, Geflüchtete und Opfer bewaffneter Konflikte, also Themen, die nicht in allen der untersuchten Länder von Relevanz sind.) Diese Erkenntnis überrascht insofern nicht, als es in den meisten der hier betrachteten Ländern schwierig ist, sich politisch zu betätigen. Wo gesellschaftliches Engagement 336 Friederike Stolleis Abb. 14.1 Ziele und Themen gesellschaftlichen Engagements allgemein Hilfe für Arme und Schwache Bessere und sauberere Umwelt Besseres Leben in der Gemeinschaft in meiner Region Interessen junger Menschen Hilfe und Unterstützung für ältere Menschen Organisation sinnvoller Freizeitaktivitäten für junge Menschen Kultur und Traditionen meines Landes Bessere Situation behinderter Menschen Garantie von Sicherheit und Ordnung in meiner Region Meine religiöse Überzeugung Gleichberechtigung von Männern und Frauen Sozialer und politischer Wandel in meinem Land Bessere Versorgung und Integration von Migranten Unterstützung von Kriegsflüchtlingen Andere 18 14 13 13 17 12 12 13 14 14 12 12 8 8 7 31 34 33 32 27 31 30 29 27 26 28 20 17 17 18 0 10 20 30 40 50 Häufig Gelegentlich Frage 161 » Setzt Du Dich für soziale oder politische Ziele ein oder engagierst Du Dich für andere Menschen zu folgenden Themen?«(Mehrfachantworten möglich). Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. einer strikten Kontrolle unterliegt, ist oftmals bereits der Einsatz für eine bestimmte Sache, und sei sie noch so unpolitisch, ein politischer Akt. Viele junge Aktivistinnen und Aktivisten versuchen, die Lage in ihrer unmittelbaren Umgebung durch Aufklärungskampagnen zu gesundheitlichen, sozialen oder ökologischen Fragen zu verbessern, wobei ihnen die Distanzierung von»Politik« wichtig ist. Die in Palästina lebende 31-jährige Lehrerin Hanadi steht beispielhaft für sie: Ich bin ehrenamtliche Helferin beim palästinensischen Roten Halbmond, aber mit Politik hat das nichts zu tun. Wir organisieren Aktivitäten für Schulen und Kindergärten und Tage der Offenen Tür. Wir machen auch Sommercamps und andere Gesellschaftliches Engagement 337 nette Sachen. Wir nehmen an Kursen zum Thema Gesundheitsbewusstsein teil, denn Diabetes ist hier eine weit verbreitete Krankheit. Wir müssen ein stärkeres Bewusstsein schaffen und die Bedrohung durch Erkrankungen reduzieren. Die Menschen müssen lernen, Medikamente zu nehmen. Das sind soziale Fragen, um Politik geht es dabei nicht(PS-1). Andere verstehen ihr Engagement als Wohltätigkeitsdienst und Armenhilfe. In akuten humanitären Krisen und bei den Hilfsaktionen für Geflüchtete oder Kriegsopfer verbinden sie ihren Einsatz häufig mit Freiwilligenarbeit. So helfen sie bei der Verteilung von Gütern durch nationale oder internationale Hilfsorganisationen, wie Ranim, eine 22-jährige Studentin in Tyros/Libanon: Meine Freunde und ich beschlossen zu Neujahr, den Armen zu helfen und auf die Straße zu gehen, denn ihre Kinder wissen nicht, was Weihnachten und Neujahr bedeuten. Die Eltern sind in einer schwierigen Lage, und die Kinder brauchen Spielzeug, Kleidung und Heizgeräte. Also bemühten wir uns nach Kräften, sie zu unterstützen. Vor einiger Zeit beteiligten sich meine Schulfreunde und ich an einer Reinigungsaktion: Wir machten den Park sauber. Unser Lehrer schlug auch vor, dass wir Familien in Not helfen(LB-9). Die Studentin Fatima, 21 Jahre, ist selbst aus Syrien geflüchtet und lebt heute in Baalbek/Libanon, wo sie syrischen Familien hilft: Ich war ehrenamtliche Helferin bei Save the Children. Wir unterstützten syrische Flüchtlinge mit Informationen und versuchten, sie optimistisch zu stimmen.(…) Außerdem bin ich Mitglied beim Roten Kreuz und habe ein Gesundheitszertifikat von ihnen bekommen. Eine Zeit lang habe ich mich um die Erfassung der Bedürfnisse von Flüchtlingen gekümmert. Damit hörte ich jedoch auf, als das Flüchtlingslager in eine andere Region verlegt wurde. Ich habe auch bei der Wasserverteilung mitgemacht und half bei der Zuteilung von Waschräumen, Holz, Zelten und manchmal Lebensmitteln. Es war eine gute Erfahrung. Ich habe mich gern an diesen Projekten beteiligt, denn durch die Verteilung von Schultaschen und anderen Sachen konnte ich etwas Freude in die Kinderherzen bringen(LB/SY-11). Esraa, eine 21-jährige Hausfrau in Taiz/Jemen, berichtet: Ich bin Mitglied in einer Jugendgruppe. Mit meinen Freundinnen führe ich in unserem Bezirk Seminare zu kulturellen und anderen Themen durch. Wir kommen aus verschiedenen Gebieten. Wir nehmen an Informationstreffen teil und diskutierten soziale Fragen, beispielsweise die Kinderehe.(…)[Nach dem Arabischen Frühling] habe ich mich keiner Gruppe offiziell angeschlossen, aber mich an Hilfsaktionen beteiligt. Wir arbeiteten als Helfer für mehrere Hilfsorganisationen. Dabei mussten wir dafür sorgen, dass die Verteilung an arme Familien gerecht ablief(YE-6). Welche Rolle religiöse Überzeugungen beim gesellschaftlichen Engagement Einzelner spielen, lässt sich schwer sagen, da Religion oft eines von meh338 Friederike Stolleis Abb. 14.2 Ziele und Themen des gesellschaftlichen Engagements nach Ländern 100 90 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. a) Hilfe für Arme und Schwache Bessere und sauberere Umwelt Meine religiöse Überzeugung Gleichberechtigung von Mann und Frau Sozialer und politischer Wandel in meinem Land Frage 161 » Setzt Du Dich für soziale oder politische Ziele ein oder engagierst Du Dich für andere Menschen zu folgenden Themen?«(»Häufig« und»Gelegentlich«; Mehrfachantworten möglich) Hinweise Angaben in Prozent · a) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. reren Motiven sein kann. So fließen zum Beispiel in die Organisation religiöser Feiern auch soziale Aspekte ein, wie die Aussage von Ahmad, einem 17-jährigen Arbeiter in Sanaa/Jemen, illustriert: Ich engagiere mich gemeinsam mit Freunden in meiner Nachbarschaft. Unsere Arbeit wird von einem Viertelverantwortlichen koordiniert. Wir organisieren Aktivitäten und besetzen bei den Feiern zum Geburtstag des Propheten die Passierstellen: Wir bilden eines der Kontrollkomitees, die den Zugang der Menschen auf den Platz steuern und Alten und Behinderten helfen(YE-5). Beim Vergleich der Antworten auf nationaler Ebene anhand von fünf ausgewählten Bereichen gesellschaftlichen Engagements variieren die Vorlieben für bestimmte Ziele und Themen nur minimal(Abb. 14.2). Bei aller Gesellschaftliches Engagement 339 Abb. 14.3 Ziele und Themen des gesellschaftlichen Engagements nach sozialen Schichten 80 72 70 70 63 60 50 40 30 27 26 23 47 46 40 35 30 53 52 43 40 34 57 57 47 48 37 20 18 16 50 48 10 0 Unterste Schicht UntereMittel-Schicht Mittlere Schicht ObereMittel-Schicht Oberste Schicht Hilfe für Arme und Schwache Bessere und sauberere Umwelt Meine religiöse Überzeugung Gleichberechtigung von Mann und Frau Sozialer und politischer Wandel in meinem Land Frage 161 » Setzt Du Dich für soziale oder politische Ziele ein oder engagierst Du Dich für andere Menschen zu folgenden Themen?«(»Häufig« und»Gelegentlich«; Mehrfachantworten möglich) Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Übereinstimmung ist jedoch erkennbar, dass gesellschaftliches Engagement mit ökonomischem Wohlstand zunimmt: So stellt Bahrain den höchsten Prozentsatz engagierter junger Menschen; bei syrischen Flüchtlingen im Libanon ist ihr Anteil unter den jungen Erwachsenen am geringsten. Der einzige leicht abweichende Wert findet sich in Bahrain, wo sich weniger jungen Menschen für ihre religiösen Überzeugungen einsetzt als für andere Themen. Das verwundert nicht, da Religion im Zusammenhang mit den sunnitischschiitischen Spannungen in Bahrain ein heikles Thema ist. Eine eindeutige Verbindung zeigt sich zwischen sozialem Engagement und gesellschaftlicher Stellung: Je höher die soziale Schicht, desto eher setzen sich junge Menschen für gesellschaftliche Anliegen ein(Abb. 14.3). Dies gilt in allen fünf beispielhaft gewählten Feldern gesellschaftlichen 340 Friederike Stolleis Abb. 14.4 Institutionen des gesellschaftlichen Engagements nach sozialen Schichten 35 29 30 31 30 25 20 22 20 20 22 19 22 15 18 19 20 13 7 6 20 15 11 7 5 9 10 5 4 3 12 8 7 10 8 6 5 0 Unterste Schicht UntereMittel-Schicht Mittlere Schicht ObereMittel-Schicht Oberste Schicht Schulische oder universitäre Organisation Jugendorganisation Verein Religiöse Vereinigung Partei Gewerkschaft Frage 162 » Wo und wie engagierst Du Dich?« Basis Befragte, die mindestens einmal Frage 161 mit»häufig« oder»gelegentlich« beantwortet haben. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Engagements. Die Überschneidung von höherem sozioökonomischem Status und aktivem gesellschaftlichem Engagement ist bei der Frage der Gleichberechtigung von Männern und Frauen am stärksten ausgeprägt und weniger deutlich – wenngleich dennoch präsent – beim religiösen Engagement. Dies bestätigt einen anderen Befund der vorliegenden Studie, nach dem die Religiosität – anders, als oftmals angenommen – mit einem höheren sozialen Status nicht abnimmt(vgl. Kap. 4). Im Hinblick auf die aktive Mitarbeit in einer zivilgesellschaftlichen Organisation stellt sich die Situation jedoch anders dar: Hier lässt sich weder eine eindeutige Verbindung zwischen gesellschaftlichem Engagement und Klassenzugehörigkeit feststellen noch belegen, dass sich die Angehörigen der obersten Schicht am stärksten einbringen(Abb. 14.4). Vielmehr ist hier Gesellschaftliches Engagement 341 die Beteiligung von Angehörigen der obersten Schicht am schwächsten ausgeprägt, während sich die Mittelschicht am intensivsten in zivilgesellschaftliche Organisationen einbringt. Eine Ausnahme stellt die Mitgliedschaft in Schüler- oder Studentenvereinigungen dar, die oftmals automatisch gegeben oder auch verpflichtend sein kann. Überdies sind die Schüler, aber auch die Studierenden vielfach zu jung, um unabhängig zu entscheiden. Doch selbst hier ist die mittlere Schicht stärker präsent als die oberste oder unterste Schicht, obwohl die höheren Schichten sicher mehr Oberschüler und Studenten stellen. Die Diskrepanz zwischen dem relativ hohen Maß an Engagement für unterschiedliche Ziele und Themen und der recht geringen Zahl aktiver Mitglieder in zivilgesellschaftlichen Organisationen belegen die Notwendigkeit einer umfassenderen Analyse. Die Konzentration auf offizielle Institutionen reicht an dieser Stelle nicht aus. Zwar wurde deutlich, dass die Jugend der MENA-Region bereit ist, sich für bestimmte Anliegen einzusetzen, sie wahrt jedoch Distanz zu allzu politischen Themen. Gleichzeitig zögert sie, sich in formalisierten Strukturen zu binden. Dieser Kontrast wird noch deutlicher, zieht man den sozialen Status mit in Betracht: Junge Angehörige der oberen Schichten sind am ehesten bereit, sich gesellschaftlich zu engagieren, sie sind aber auch gleichzeitig diejenigen, die sich am seltensten einer zivilgesellschaftlichen Organisation anschließen wollen. Entsprechend findet viel jugendliches Engagement in der MENA-Region im Bereich des informellen bürgerlichen Aktivismus statt – im Bildungswesen, in Aufklärungskampagnen, in Freiwilligendiensten und Gemeindeinitiativen. 3 Zivilgesellschaftliche Organisationen und die engagierte Jugend In den meisten hier untersuchten Ländern haben diejenigen, die sich zivilgesellschaftlich engagieren wollen, die Wahl zwischen spezifischen Jugendorganisationen, beispielsweise Vereinigungen in der Schule oder Universität, religiösen Institutionen und der Mitgliedschaft in einer der traditionellen Institutionen des politischen Handelns(Parteien, Gewerkschaften). Insgesamt sind relativ wenige junge Erwachsene in der MENARegion Mitglied einer dieser Organisationen. Die nachstehend aufgeführten Daten entsprechen nur den Antworten jener zwei Drittel der Befragten, die 342 Friederike Stolleis Abb. 14.5 Institutionen des gesellschaftlichen Engagements allgemein In einer schulischen oder 36 universitären Organisation In einem Verein 27 Als Mitglied einer 24 Jugendorganisation In einer religiösen 15 Einrichtung Als Mitglied einer 10 Partei Als Mitglied einer 7 Gewerkschaft 0 10 20 30 40 Gesellschaftliches Engagement allgemein Frage 162 » Wo und wie engagierst Du Dich?«(Mehrfachantworten möglich). Basis Befragte, die mindestens einmal Frage 161 mit»häufig« oder»gelegentlich« beantwortet haben. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. angeben, sich gelegentlich oder häufig für politische Ziele einzusetzen oder sich im Interesse anderer zu engagieren(Abb. 14.5). Während junge Menschen häufig Mitglied einer Schüler- oder Studentengruppe sind(ihr Anteil unter den engagierten jungen Menschen beträgt 36 Prozent), treffen aus dieser Gruppe wesentlich weniger Jugendliche und junge Erwachsene die Entscheidung, sich einer politischen Organisation – einer Partei oder Gewerkschaft – anzuschließen(10 beziehungsweise 7 Prozent). Die Mitgliedschaft in einer Studenten- oder Jugendorganisation gewährt in der Regel Zugang zu einer Reihe von Programmen, die die Redefähigkeit und das intellektuelle Bewusstsein junger Menschen fördern sollen. Hikmat, eine 18-jährige Studentin in al-Bireh/Palästina, beschreibt dies so: Ich engagiere mich im Kulturkomitee der Universität. In der Universität kann ich sagen, was ich denke. … Wir organisieren kleine Feiern, informieren die StuGesellschaftliches Engagement 343 dierenden, diskutieren unterschiedliche Themen oder besprechen Bücher. Wir haben einen eigenen Lesezirkel. So lassen wir uns inspirieren und organisieren Aktivitäten innerhalb und außerhalb der Universität. Im Kulturverein von al-Bireh veranstalteten wir auch eine Buchmesse(PS-2). Der 27-jährige Ladenbesitzer Mahmoud in Bir Zeit/Palästina, wünscht sich konkretere Aktionen: Ich habe mich linken Organisationen angeschlossen. Sie … organisieren Camps und Aktivitäten für junge Leute. Aber das reicht mir nicht. Es gibt auch Diskussionsclubs oder Kreise für Selbstkritik. Diese dienen in erster Linie dem Austausch von Ideen und Erfahrungen und weniger der Debatte. So erweitern wir unseren Horizont. Wir sprechen über die Lage in Palästina und unsere Rolle in der Gesellschaft. Allerdings machen wir wenige Aktionen. In Palästina reden die Leute viel, aber sie handeln wenig(PS-7). Bob, 22 Jahre alt und Student in Byblos/Libanon, erklärt: Ich war bei den Pfadfindern in Chekka und half Kindern mit besonderen Bedürfnissen in den Ferien und bei großen Veranstaltungen. Wir Mitglieder der Pfadfinder und ihre Freunde, wir verbringen unsere Freizeit in Cafés und spielen Billard. Außerdem führen wir politische Debatten und gehen zu Festivals(LB-2). Die Befunde zur Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen auf nationaler Ebene spiegeln die rechtlichen Strukturen und politischen Umstände wider, in denen diese tätig sind(Abb. 14.6). Das Engagement der aktiven Jugend in Gruppen an Schulen und Universitäten ist am stärksten im Jemen, in Palästina und Tunesien, wo diese Organisationen in das Bildungssystem integriert sind. Jugendgruppen außerhalb von Bildungseinrichtungen sind am populärsten unter libanesischen Jugendlichen sowie bei syrischen Flüchtlingen im Libanon, die mit dem Verlassen ihrer Heimat die stabile Bindung an staatliche schulische und universitäre Jugendorganisationen verloren haben. Vereine und Verbände sind am aktivsten im Libanon und in Tunesien, wo die entsprechenden Gesetze nicht staatlichen Organisationen ein relativ freies Agieren erlauben. Syrischen Flüchtlingen helfen sie da, wo es keine staatlichen Dienste oder Leistungen gibt. Einzig in Ägypten sind religiöse Institutionen bei den engagierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen beliebter als andere Organisationen. Parteien treten nur wenige junge Menschen bei. Eine Ausnahme stellt der Libanon mit einer geringfügig höheren Mitgliedschaft in Parteien dar, was auf eine relative Freiheit der politischen Organisation sowie auf die 344 Friederike Stolleis Abb. 14.6 Institutionen des gesellschaftlichen Engagements nach Ländern 50 38 34 49 24 23 14 8 4 46 34 41 48 27 30 16 12 10 39 42 39 45 40 35 30 23 30 25 20 12 4 8 20 15 9 13 11 13 10 8 16 14 7 14 12 12 17 15 10 7 4 5 0 Ägypten Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Schulische oder universitäre Organisation Jugendorganisation Verein Religiöse Vereinigung Partei Gewerkschaft Frage 162 » Wo und wie engagierst Du Dich?« Basis Befragte, die mindestens einmal Frage 161 mit»häufig« oder»gelegentlich« beantwortet haben. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Tatsache zurückzuführen ist, dass die Parteienlandschaft die konfessionelle Fragmentierung des Libanon widerspiegelt und damit eine andere Form der Zugehörigkeit schafft. Unter syrischen Flüchtlingen im Libanon wiederum ist die Rate der Parteimitglieder am niedrigsten. Auch an Gewerkschaften zeigt die engagierte Jugend wenig Interesse. Hier weist Tunesien die höchsten Werte auf. Dort spielten die Gewerkschaften bereits während der Revolution eine wichtige Rolle und sind nach wie vor relevante Träger des politischen Transformationsprozesses. Was kennzeichnet Jugendliche und junge Erwachsene, die sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren? Wie sehen sie ihre Umwelt? Während der Mitgliedschaft oder Mitarbeit in schulischen und universitären Gruppen keine besonderen Merkmale zugeschrieben werden können, sind Gesellschaftliches Engagement 345 Abb. 14.7 Institutionen des gesellschaftlichen Engagements – Sicherheit/ Unsicherheit 30 26 25 20 15 14 13 10 7 5 44 27 19 17 11 6 5 28 21 17 12 9 6 27 26 26 16 10 8 0 Sicher Eher sicher Eher unsicher Unsicher Schulische oder universitäre Organisation Jugendorganisation Verein Religiöse Vereinigung Partei Gewerkschaft Frage 162 » Wo und wie engagierst Du Dich?« Basis Befragte, die mindestens einmal Frage 161 mit»häufig« oder»gelegentlich« beantwortet haben Die Kategorien»Sicher«,»Eher Sicher«,»Eher Unsicher«,»Unsicher« beziehen sich auf die Selbsteinschätzung der Jugendlichen(Frage 10). Zur Berechnung siehe Abb. 2.1. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. beim Engagement in anderen Organisationen klare Tendenzen erkennbar: Je unsicherer die Befragten ihre Umwelt wahrnehmen, desto wahrscheinlicher ist ihr Engagement in einer der fünf Organisationen(Abb. 14.7). So ist beispielsweise der Anteil derer, die in einer Jugendorganisation aktiv sind, unter den Jugendlichen, die ihre Umwelt als sicher wahrnehmen, eher gering(13 Prozent), während sich von denen, die sich unsicher fühlen, doppelt so viele(26 Prozent) in Jugendorganisationen engagieren. Das gleiche gilt mit Blick auf die optimistische oder pessimistische Haltung der Befragten: Zu den Aktivisten der zivilgesellschaftlichen Organisationen jenseits von Schule und Universität zählen tendenziell eher die Pessimisten unter den Befragten(Abb. 14.8). Auch hier ist der Anteil an Mitgliedern einer Jugendorganisation unter den»Optimisten« geringer 346 Friederike Stolleis Abb. 14.8 Institutionen des gesellschaftlichen Engagements – Optimismus/ Pessimismus 30 28 25 20 19 17 25 19 17 26 24 21 15 11 10 7 6 5 10 6 4 13 12 8 0 Optimistisch Beides Pessimstisch Schulische oder universitäre Organisation Jugendorganisation Verein Religiöse Vereinigung Partei Gewerkschaft Frage 162 » Wo und wie engagierst Du Dich?« Basis Befragte, die mindestens einmal Frage 161 mit»häufig« oder»gelegentlich« beantwortet haben. Die Kategorien»Optimistisch« und»Pessimistisch« beziehen sich auf die Beurteilung der Jugendlichen(Frage 165). Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. (17 Prozent) als unter den»Pessimisten«(26 Prozent). Gefühle von Unsicherheit und Pessimismus scheinen zu einer Motivation für ein Engagement in einer zivilgesellschaftlichen Organisation beizutragen, wobei Parteien und Gewerkschaften dafür offensichtlich die am wenigsten attraktiven Optionen sind. Wenngleich sich nur wenige junge Menschen in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagieren und diese im Arabischen Frühling nicht zu den relevanten treibenden Kräften zählten, so hat die Zivilgesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten doch eine wichtige Rolle gespielt: Menschenrechtsorganisationen trugen dazu bei, dass sich eine neue Generation entwickeln konnte, die sich ihrer Rechte bewusst ist. Frauengruppen förderten Initiativen im Bereich Gender-Mainstreaming und kämpften für die Gesellschaftliches Engagement 347 Rechte der Frauen, indem sie die Regierungen unter Druck setzten, internationale Abkommen und Konventionen zu Frauenrechten zu ratifizieren. Schließlich sind es auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich seit Jahrzehnten für eine bessere Qualität und einen leichteren Zugang zu Bildung einsetzen, mit der Folge, dass sich eine Generation junger Menschen herausbildete, deren Lebensanschauung sich deutlich von früheren Generationen unterscheidet(Halaseh 2012). Insofern haben sie, direkt oder indirekt, zu den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen beigetragen, die die MENA-Region aktuell erlebt. Die Mehrzahl der jungen Menschen mag sich der Bedeutung dieser Errungenschaften für ihre Lebensqualität nicht bewusst sein oder nimmt sie aufgrund ihrer Nähe zu staatlichen Positionen(auch viele der Regierungen haben sich Geschlechtergerechtigkeit und Bildung auf die Fahnen geschrieben) nicht als zivilgesellschaftliche Erfolge wahr. Jedenfalls scheinen sie diese nicht zu motivieren, sich verstärkt in Organisationen zu engagieren. 4 Gründe für ein Nichtengagement Natürlich engagieren sich nicht alle Menschen über ihr eigenes Interesse hinaus. Aber nur etwa ein Drittel(36 Prozent) der befragten jungen Erwachsenen gibt an, sie würden sich nie für soziale Ziele einsetzen oder zur Hilfe und Unterstützung anderer verpflichten wollen. Ihre Gründe sind vielfältig(vgl. Abb. 14.9): Manche erklären, sie lebten auf dem Lande oder in einer Region, in der es weder zivilgesellschaftliche Organisationen noch andere organisierte Aktivitäten gäbe, und könnten sich daher nicht engagieren. Zu diesen gehört Ghizian, eine 30-jährige Lebensmittelverkäuferin im ländlichen Tasaltante/Marokko: Ich habe mich keiner Gruppe angeschlossen, da die Leute hier nicht qualifiziert sind. Hier leben Analphabeten, Menschen ohne Bildung, die nicht verfolgen, was los ist. Es gibt keine Informationskampagnen, hier kommen keine Vereine hin, wir sind isoliert, und das ist alles. Manchmal passiert woanders etwas und dann reden alle davon. Aber hier erfahren wir nur, was im Fernsehen gezeigt wird(MA-9). Viele engagieren sich nicht, weil sie darin keine Perspektive sehen. Manche haben, wie der 24-jährige Ayham, der als Mechaniker in Irbid/Jordanien arbeitet, kein Vertrauen in zivilgesellschaftliche Organisationen: 348 Friederike Stolleis Abb. 14.9 Gründe für den Verzicht auf gesellschaftliches Engagement allgemein Keine oder nur wenige Initiativen in meiner Gegend Ich komme so schon kaum über die Runden Das nützt nur wenigen 37 28 24 25 30 33 Da verdient man nichts Keine Unterstützung durch die Regierung Nur starke Männer können mitbestimmen Fehlendes professionelles Management Es ist nicht klar, wo das Geld bleibt Das hat keine Perspektive Meine Familie will das nicht Ehrenamtliche Arbeit lohnt sich nie 24 24 25 21 23 22 26 18 32 32 30 33 32 32 27 28 0 10 20 30 40 50 60 70 Stimme sehr zu Stimme zu Frage 163 » Aus welchen praktischen Gründen engagierst Du Dich nicht in sozialen Projekten?« Basis Befragte, die sämtliche Statements in Frage 161 mit»Nie« beantwortet haben ohne Berücksichtigung der Angabe»Weiß nicht«. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. Ich bin kein Mitglied einer Organisation oder eines Vereins, weil ich diesen Gruppen nicht traue. Sie betreiben Gehirnwäsche bei den Jugendlichen und beeinflussen deren Denken. Sie pflanzen Ideen in ihre Köpfe und beuten sie aus(JO-3). Andere sind davon überzeugt, dass die Regierung die Belange der Zivilgesellschaft ignoriert, wie die 22-jährige Studentin Ranim in Tyros/Libanon: Jetzt will ich zuerst meine Ausbildung fertig machen. An etwas anderes denke ich nicht. Ich war auch nie Mitglied einer Gruppe oder Organisation. In anderen Ländern gibt es Vereine und ähnliches, die den Leuten helfen, ihre Meinung zu sagen, und die sind auch erfolgreich. Aber die Regierung hier will unsere Meinung gar nicht hören, die meiste Zeit ignoriert sie uns(LB-9). Und dann gibt es diejenigen, denen schlicht Kraft und Zeit fehlen, sich neben ihrer täglichen Arbeit als Ernährer für die Familie auch noch anderGesellschaftliches Engagement 349 Abb. 14.10 Gründe für den Verzicht auf gesellschaftliches Engagement nach Ländern 90 47 17 34 19 51 38 48 40 55 54 46 43 61 62 58 57 54 52 50 52 63 51 73 66 72 63 64 64 74 48 49 41 66 80 66 69 80 70 60 50 40 30 20 10 0 Bahrain Ägypten Jordanien Libanon Marokko Palästina Tunesien Jemen Syr. Flüchtl. Keine oder wenige Initiativen in meiner Gegend Ich komme so schon kaum über die Runden Keine Unterstützung durch die Regierung Das hat keine Perspektive Frage 163 » Aus welchen praktischen Gründen engagierst Du Dich nicht in sozialen Projekten?« Basis Befragte, die sämtliche Statements in Frage 161 mit»Nie« beantwortet haben ohne Berücksichtigung der Angabe»Weiß nicht«. Hinweis Angaben in Prozent. Es können Rundungsfehler auftreten. weitig zu engagieren. Diese Situation kennen Jugendliche und junge Erwachsene, die Krisen und Krieg erleben. So erklärt der 31-jährige Marwan, der verheiratet ist und als Taxifahrer in Taiz/Jemen arbeitet: Ich bin mehrfach aufgefordert worden, habe mich bisher aber keiner Gruppe angeschlossen. … Ich kümmere mich nur um meine Familie, ernähre sie und sorge für gute Lebensbedingungen. Das ist das, was mir am wichtigsten ist. Vor allem, wenn ich die Bettler und Obdachlosen auf der Straße sehe. Ich möchte alles tun, um meine Familie zu schützen; ihr gilt mein ganzes Engagement(YE-10). 350 Friederike Stolleis Oder Ahmad, alleinstehend, 22 Jahre, der aus Syrien geflüchtet ist und nun in Beirut/Libanon als Bauarbeiter arbeitet: Die Lage hat sich drastisch verändert, die Situation eskaliert. Wir müssen jetzt mehr als eine Schicht arbeiten, um in dieser elenden und teuren Zeit unsere Familien zu ernähren. Ich habe die Schule verlassen und treffe nur noch selten meine Freunde. Unter den aktuellen Umständen habe ich nicht genug Zeit, mich einer Bewegung oder Organisation anzuschließen(LB/SY-2). Die Analyse der Gründe für den Verzicht auf ein Engagement auf nationaler Ebene ergibt bis auf wenige Ausnahmen auch regional fast durchgängig das gleiche Bild(vgl. Abb. 14.10). Die Befragten im Jemen und in Bahrain verweisen vermehrt auf das Fehlen oder die geringe Zahl von Initiativen in der Nähe ihres Wohnorts. Wenig überraschend lautet die von syrischen Flüchtlingen im Libanon am häufigsten gegebene Antwort auf die entsprechende Frage:»Ich komme so schon kaum über die Runden.« In Palästina, wo NGOs gesetzlich streng reglementiert sind, wird vielfach auf mangelnde Unterstützung durch die Regierung als Grund für den Verzicht auf gesellschaftliches Engagement verwiesen. Ähnliche Argumente werden in Bahrain und Ägypten genannt, wo zivilgesellschaftliche Organisationen seit dem Arabischen Frühling drastisch verschärften Restriktionen unterliegen. 5 Fazit Die Ergebnisse der vorliegenden Studie verweisen auf eine allgemeine Offenheit der Jugend gegenüber gesellschaftlichem Engagement. Zwei Drittel der Befragten geben an, dass sie sich für soziale oder politische Ziele einsetzen oder ehrenamtlich tätig sind. Die beliebtesten Bereiche für das eigene Engagement sind die Hilfe für Arme und Schwache sowie der Umweltschutz. Es folgt eine Vielzahl anderer freiwilliger Tätigkeiten in karitativen oder eher unpolitischen Bereichen. Der Einsatz für gesellschaftliche und politische Veränderung steht angesichts der schwierigen Umstände für ein politisch motiviertes Bürgerengagement in den meisten der hier betrachteten Länder an letzter Stelle des jugendlichen Aktivismus. Wo gesellschaftliches Engagement unter massiver Staatskontrolle steht, wird oft der Einsatz für ein bestimmtes Thema bereits zum politischen Akt. Während junge Menschen generell bereit sind, sich für bestimmte Dinge einzusetzen, zögern sie, dies innerhalb eines institutionalisierten Rahmens Gesellschaftliches Engagement 351 zu tun. Nur ein Drittel der Engagierten ist Mitglied einer zivilgesellschaftlichen Organisation. Diese Tendenz verstärkt sich unter der besser gestellten Jugend: Angehörige der oberen Schichten sind eher geneigt, sich ehrenamtlich zu engagieren, werden jedoch seltener Mitglied einer formellen Organisation der Zivilgesellschaft. Für die Jugend aus den unteren Schichten gilt das Gegenteil. Sie fühlen sich auch weniger sicher und sind pessimistischer. Hier unterscheidet sich die heutige Jugend in der MENA-Region von früheren Generationen, für die gesellschaftliches Engagement in Gewerkschaften und Parteien Teil des antikolonialistischen Kampfes und des Aufbaus eines modernen Staates war. In jener Zeit wurden diese Organisationen von der städtischen Bevölkerung und den oberen Schichten getragen. Mit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel in der Region haben sich auch die Wertvorstellungen und Ziele junger Menschen verändert. Hinzu kommt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen angesichts der Einschränkungen, denen sie unter den autoritären Regimen der MENA-Region ausgesetzt sind, und der Kompromisse, die sie oftmals eingegangen sind, für junge Erwachsene, die sich für eine bestimmte Sache einsetzen möchten, an Attraktion verloren haben. Die Rolle der Jugend im gesellschaftlichen Engagement lässt sich am ehesten erfassen, wenn wir die Definition von Zivilgesellschaft erweitern und anerkennen, dass es nicht nur um formelle hierarchische Strukturen und Organisationen geht. Gesellschaftliches Engagement ist mehr als die Summe der zivilgesellschaftlichen Organisationen. Junge Menschen in autoritären, abgeschotteten Systemen finden eigene Wege der Mobilisierung und des Engagements für soziale und politische Themen. Zwar lassen sich formelle Institutionen ebenso leicht untersuchen wie fördern, doch um positive Veränderung zu erzielen, braucht es mehr. Vielversprechender scheint es, gesellschaftliches Engagement unter dem Aspekt der»aktivierten Staatsbürgerschaft« zu betrachten, um so den Blick über gesellschaftliches Engagement als Produkt formeller Organisationen und Strukturen hinaus zu weiten(vgl. Durac/Cavatorta 2015: 178 ff.). Um den Graben zwischen der Bereitschaft junger Menschen, sich zu engagieren und ihre Distanz gegenüber zivilgesellschaftlichen Organisationen zu überwinden, wäre es auf der praktischen Ebene begrüßenswert, wenn sich nationale zivilgesellschaftliche Organisationen auf diejenigen zubewegten, die jenseits formeller Strukturen aktiv sind und mit ihnen zu kooperieren bereit sind. Das gleiche gilt für westliche Strategien zur Unter352 Friederike Stolleis stützung der Zivilgesellschaft, deren Institutionen Jahr für Jahr mit beträchtlichen Zuschüssen gefördert werden. Wo es der lokale rechtliche Rahmen zulässt, sollte der Versuch unternommen werden, populärere, weiter verbreitete und stärker verankerte gesellschaftliche Strömungen zu unterstützen. Ein solcher Ansatz würde nicht nur ermöglichen, dass die Unterstützung einem größeren und repräsentativeren Anteil der Gesellschaft zukäme und so die jeweiligen Projekte auf eine solidere Grundlage stellte. Er würde auch die Beteiligung junger Menschen ermöglichen und fördern, die, wie sich gezeigt hat, gerne bereit sind, sich für eine Vielzahl von Themen einzusetzen, denen es aber oft an Zugang oder Überzeugung fehlt, sich den bestehenden zivilgesellschaftlichen Organisationen anzuschließen. Gesellschaftliches Engagement 353 V Jugend im Vergleich Kapitel 15 Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie Mathias Albert · Jörg Gertel D ie vorliegende FES-MENA-Studie über die Lebenswelten und Einstellungen junger Menschen in ausgewählten MENA-Staaten präsentiert reichhaltiges Datenmaterial und zeichnet ein nuanciertes Bild der jungen Generation in der Region. Ganz offensichtlich ist ein Vergleich zwischen verschiedenen Ländern nicht einfach, weder innerhalb einer Region und erst recht nicht zwischen Ländern innerhalb der Region und anderen Ländern. Dennoch denken wir, dass sich ein solcher Vergleich lohnt. Die Gegenüberstellung der vorliegenden Befunde mit denen der deutschen Shell Jugendstudie dient dazu, beide Studien im Lichte der jeweils anderen zu reflektieren sowie eine Reihe spezifischer Daten weiter auszuwerten 1 : Wie ist es etwa zu bewerten, wenn 25 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen eines Landes angeben, sie interessierten sich für Politik? Sind das viele oder wenige? Es erscheint sinnvoll, die Zahlen sowohl innerhalb der Region wie auch in Beziehung zu anderen Regionen zu vergleichen. Auch der direkte Vergleich einzelner Fälle kann, soweit gerechtfertigt und methodisch abgesichert, weitere Aufschlüsse bieten. Welche Schlussfolgerungen sind etwa daraus zu ziehen, dass die Jugend in vielen arabischen Ländern durchgängig optimistischer ist als die Jugend in Deutschland, gerade vor dem Hintergrund, dass Letztere für ihre Zukunft weniger wirtschaftliche Probleme zu erwarten hat? Der Vergleich einer Region(MENA) mit einem einzelnen Land(Deutschland) ist keine müßige Übung, um Einheiten verschiedener geografischer Größe und unterschiedlicher politischer Ordnungen miteinander in Beziehung zu setzen. Vielmehr hilft der Vergleich, Unterschiede innerhalb der MENA-Region aufzuzeigen, und er 1 Die Shell Jugendstudie wird seit vielen Jahren im Auftrag der Shell Deutschland Oil GmbH als unabhängige und umfassende Untersuchung der Lebenswelten und Einstellungen junger Menschen in Deutschland durchgeführt. Die aktuellste Fassung erschien 2015 unter dem Titel Jugend 2015. 17. Shell Jugendstudie(Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag). Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 357 verdeutlicht, dass Differenzen zwischen einigen Ländern in der Region stärker prononciert sind als zwischen einzelnen arabischen Staaten und der Bundesrepublik Deutschland. Wir haben uns bei dieser komparativen Betrachtung bewusst für die Shell Jugendstudie entschieden. Die seit 1953 in Deutschland durchgeführte Erhebung diente nicht zuletzt wegen ihrer großen Reichweite und der nachhaltigen öffentlichen Diskussion, die sie regelmäßig auslöst, bereits einer Vielzahl von Jugendstudien in anderen Ländern als Vorlage. Einige Aspekte und Fragen der aktuellen Shell Jugendstudie fanden überdies Eingang in die vorliegende Studie, so dass sich eine solide Vergleichsgrundlage ergibt. Im folgenden Abschnitt skizzieren wir Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Erhebungen, um dann mit einer vergleichenden Diskussion der Ergebnisse unserer Untersuchung und insbesondere der jüngsten Shell Jugendstudie aus dem Jahr 2015 fortzufahren. Fünf Themen stehen im Zentrum unserer Betrachtungen: • Wer ist»die Jugend«? • Familie und Generationen • Wirtschaftliche Lage • Politik und Staat • Optimismus und Pessimismus. 1 Konzeptionelle Grundlagen Die vorliegende Studie verwendet, ähnlich wie die Shell Jugendstudie, verschiedene Instrumente sowie eine Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden. Dabei kann letztere auf Grund ihrer langjährigen Existenz Veränderungen über längere Zeiträume hinweg berichten und analysieren, während es sich bei der vorliegenden Studie zur MENA-Region um die erste Ausgabe handelt, die eine Momentaufnahme der Gegenwart (2016/17) darstellt. Die FES-MENA-Erhebung teilt einige Themen mit der Shell Jugendstudie(beispielsweise Einstellungen zur Politik oder Zukunftsoptimismus beziehungsweise-pessimismus). Sie hat jedoch ihre eigene Struktur und umfasst Bereiche, die sich spezifisch auf die betrachtete Region beziehen(beispielsweise der Arabische Frühling). In ihrer grundlegenden Ausrichtung sind beide Untersuchungen jedoch ausreichend ähnlich, um als Basis für eine komparative Analyse der Ergebnisse zu dienen und Erkenntnisse zu liefern, die gegenseitig eine reflektierende 358 Mathias Albert · Jörg Gertel Kontextualisierung der Resultate erlauben. Die Shell Jugendstudie 2015 basiert auf der Befragung von insgesamt 2.558 jungen Menschen im Alter von 12 bis 25 Jahren in persönlichen CAPI-Interviews(Computer-AssistedPersonal-Interviewing), die Anfang 2015 geführt wurden. Die FES-MENAStudie erfasst dagegen 9.000 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 16 und 30 Jahren. Die Interviews fanden im Frühsommer 2016 statt (vgl. Kap.»Methodik« im Anhang). Für den Vergleich der beiden Stichproben wurde die jeweilige Altersstruktur angepasst und auf die Gruppe der 16- bis 25-Jährigen beschränkt, da beide Erhebungen für dieses Spektrum aussagefähig sind. Damit umfassen die gewichteten Subsamples 1.893 junge Deutsche und 6.133 junge Menschen aus der MENA-Region. Entsprechend können die im Folgenden präsentierten Resultate teilweise von den entsprechenden Gesamtergebnissen der Shell Jugendstudie und den in den vorherigen Kapiteln erläuterten Befunden abweichen. 2 Wer ist»die Jugend«? »Jugend« kann in verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich verstanden werden. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass der Begriff Jugend die Spanne zwischen zwei angrenzenden Lebensphasen markiert: Die Kindheit liegt auf der einen Seite und das Erwachsenenalter auf der anderen Seite. Wenngleich auch diese Phasen nur schwer substanziell definiert werden können, unterstreicht der Begriff»Adoleszenz«, dass Jugend oft in prozessualen Dimensionen gedacht wird: als die Reise hin zum Erwachsenwerden. Der Übergang von der Kindheit in die Adoleszenz und von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter ist zwar in viel Fällen häufig noch Gegenstand traditioneller und religiöser Übergangsrituale( rites de passage), doch wird er in modernen Gesellschaften von einer Kombination konkreter Schritte markiert – Verlassen des Ausbildungssystems, Eintritt ins Arbeitsleben, Eingehen einer Partnerschaft und Gründung einer Familie. Unterschiede zwischen europäischen und postkolonialen Ländern können auf die unterschiedliche Zusammensetzung dieser Schritte zurückgeführt werden sowie darauf, dass die Schritte im Lebenslauf junger Menschen zeitlich auseinander gezogen werden; einzelne Perioden werden zunehmend isoliert voneinander erlebt: Das Ausscheiden aus dem Bildungssystem(insbesondere bei Abschlüssen der höheren Bildung), der Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 359 Tab. 15.1 Deutschland und Arabische Länder: Familie Deutschland Personen pro Haushalt Eine 13 Zwei 24 Drei bis fünf 60 Sechs und mehr 4 Wohnsituation Bei den Eltern 60 Mit Partner/in 16 Allein 13 Wohngemeinschaft 9 Notwendigkeit der Familie Brauche eine Familie 62 Kann allein leben 22 Lebe besser allein 1 Weiß nicht 14 Kinder Man braucht Kinder 41 Kann ohne Kinder glücklich sein 36 Ohne Kinder glücklicher 4 Unsicher 18 Kindererziehung Ganz genauso 14 Ungefähr so 59 Anders 19 Ganz anders 6 Generationenbeziehungen: Jetzt: Harmonisch 54 Zukunft: Verschlechterung 34 Fragen 3, 15, 16, 133, 138, 139, 142, 143. Bahrain 1 3 42 54 92 7 1 0 81 10 4 6 58 27 4 12 21 38 39 2 70 11 Tunesien 1 3 63 33 90 6 1 1 96 3 1 1 82 13 1 4 46 24 23 7 28 10 Jordanien 1 7 29 63 86 12 1 0 92 7 0 1 87 8 1 4 45 24 21 10 45 12 dauerhafte Eintritt in den Arbeitsmarkt, der Start in eine feste Partnerschaft und die Gründung einer Familie – und dies zeitgleich für zwei Personen – kennzeichnen in westlichen Ländern heute Vorgänge, die sich nicht selten bis über das dreißigste Lebensjahr hinausziehen. Die Statuspassagen zwischen Adoleszenz und Erwachsensein verschwimmen zusehends: Immer mehr junge Menschen vollziehen den Prozess des Übergangs ins Erwachsenenalter nicht mehr in allen Schritten(erkennbar an der steigen360 Mathias Albert · Jörg Gertel Libanon Palästina Ägypten Marokko Jemen Syr. Flüchtl.ª ) 1 0 1 1 1 5 1 5 3 1 2 9 71 30 80 63 16 41 27 65 16 35 81 45 93 85 91 93 80 54 5 14 8 5 19 30 1 0 1 1 1 5 0 0 0 1 0 4 90 93 89 93 90 95 5 4 6 7 6 2 1 1 1 0 2 2 4 2 3 0 2 2 84 89 83 86 88 93 7 4 8 11 8 4 1 1 1 1 1 1 8 6 8 2 3 3 38 37 30 27 35 55 39 35 28 48 26 32 20 22 34 20 30 10 3 7 9 5 8 3 39 45 39 65 33 50 12 15 6 8 9 12 Hinweise Die Daten wurden für die Altersgruppe 16 bis 25 erhoben. Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. Der höchste Wert pro Zeile ist fett dargestellt. ª ) Es handelt sich um syrische Flüchtlinge im Libanon. den Zahl von Einpersonenhaushalten; vgl. Tab. 15.1), während gleichzeitig Jugendlichkeit in der westlichen Alltagskultur zu einem Ideal geworden ist, das man auch noch im höheren Alter anstrebt. Obwohl die Befunde hinsichtlich einer Verschiebung des Übergangs ins Erwachsenenleben auf eine spätere Lebensphase sich in Deutschland und den arabischen Ländern ähnlich darstellen, zeigt sich ein markanter Unterschied: Während der Übergang in Deutschland nicht mehr eindeutig abgrenzbar ist, erfolgt er Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 361 Tab. 15.2 Deutsche und arabische Jugend: Eigene Lebensziele Arabische Länder Rang Glaube an Gott 1 Achtung von Recht und Ordnung 2 Partner, dem ich vertrauen kann 3 Hohen Lebensstandard erreichen 4 Gutes Familienleben führen 5 Nach mehr Sicherheit streben 5 Bewusst gesund leben 7 Gute Freunde, denen ich wichtig 8 bin und die mich akzeptieren Stolz auf die Geschichte meines 8 Landes/Deutschlands Immer umweltbewusst handeln 10 Sorgfältig sein, hart arbeiten, 10 Ehrgeiz entwickeln Das Leben so weit wie möglich 10 genießen Finanziell von anderen 10 unabhängig sein Von anderen unabhängig sein Mit anderen in Verbindung stehen 14 Meine Fantasie und Kreativität 15 entwickeln Meinungen tolerieren, die ich 16 nicht teile Unabhängig von Ratschlägen 17 anderer handeln Eigenverantwortlich leben und handeln Sozial Ausgegrenzte und 18 Marginalisierte unterstützen Mich in meinen Entscheidungen 19 von meinen Gefühlen leiten lassen Tun, was andere tun 20 Mächtig und einflussreich sein 20 Meine eigene Agenda verfolgen, 22 auch gegen die Interessen anderer Politisch aktiv sein 23 Deutschland Rang 18 5 1 17 3 12 11 1 20 14 8 6 6 10 8 15 4 15 13 23 22 19 21 Arabische Länder (%) 65 56 54 51 49 49 46 44 44 42 42 42 42 39 35 30 29 24 25 15 15 12 10 Deutschland Muslime(%) 46 52 69 28 48 28 28 66 5 17 37 42 38 27 25 21 40 21 24 11 14 17 8 Deutschland Gesamt(%) 10 31 66 12 41 20 21 66 6 15 26 30 30 22 26 13 36 13 16 2 4 9 5 Frage 131 » Jeder Mensch hat individuelle Ideen vom eigenen Leben, pflegt persönliche Einstellungen und Verhaltensformen. Wie wichtig sind Dir die folgenden Aspekte bei dem, was Du in Deinem Leben erreichen willst – auf einer Skala von 1(= völlig unwichtig) bis 10«(= absolut wichtig)? Arabische Länder=»Absolut wichtig«/Deutschland=»Außerordentlich wichtig«. 362 Mathias Albert · Jörg Gertel Hinweise Die Daten wurden für die Altersgruppe von 16 bis 25 erhoben. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. Nicht alle genannten Fragen beziehen sich auf den deutschen beziehungsweise den arabischen Fragebogen in gleicher Weise. Zwei Paare von sehr ähnlichen Fragen sind in der vorstehenden Tabelle kursiv dargestellt. Auch die Antwortoptionen der beiden Fragebögen unterscheiden sich. Den deutschen Befragten wurden sieben Antwortmöglichkeiten angeboten. Dabei steht der niedrigste Wert(1) für»Unwichtig« und der höchste Wert(7) für»Außerordentlich wichtig«. Die Befragten in den Ländern der MENA-Region mussten sich dagegen zwischen zehn Varianten entscheiden. Dort liegt der niedrigste Wert mit(1) bei»Absolut unwichtig« und der höchste Wert mit(10) bei»Absolut wichtig«. Entsprechend kann kein direkter Vergleich der Bewertung gezogen werden. Jedoch erscheint angesichts der Tatsache, dass die maximale Differenzierungsmöglichkeit für die Probanden bereits mit sieben Optionen auf einer Skala erreicht ist und die sprachlichen Konnotationen der beiden Eckwerte in beiden Fragebögen vergleichbar sind(»Absolut wichtig« und »Außerordentlich wichtig«) ein Vergleich durch ein Ranking der Items/Antwortoptionen auf der Grundlage der Häufigkeit der entsprechenden Skalenwerte von 10 beziehungsweise 7 möglich und sinnvoll. in den MENA-Staaten zeitversetzt und verspätet. 2 Im Falle von Deutschland kann der Übergang ins Erwachsensein später im Leben stattfinden, als dies früher der Fall war. Ein Hauptgrund dafür liegt in der zunehmenden Vielfalt der Formen und Zeitschienen, innerhalb derer er erfolgt. In den MENA-Ländern gibt es allerdings kein Wachstum der Variationen. Im Gegenteil, aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage, infolge der düsteren Aussichten, Arbeit zu finden, und angesichts der daraus folgenden Schwierigkeiten, eine Familie zu gründen, befinden junge Menschen sich dort weitaus häufiger»im Wartestand«. Wir bezeichnen ihre Situation daher als eine Form »eingehegter Jugend«( contained youth; vgl. Kap. 7). Denn die jungen Erwachsenen der Region befinden sich nicht einfach nur im Wartestand, sie sind abhängiger von ihren Eltern und Familien als jemals zuvor und es fällt ihnen zunehmend schwerer, sich wirtschaftlich, emotional und hinsichtlich der Werte von ihren Eltern zu emanzipieren. Ein genauerer Blick in das Wertesystem der jungen Menschen zeigt komplementäre Strukturen(Tab. 15.2): Für die arabische Jugend stellt der Glaube an Gott mit Abstand die wichtigste Perspektive und Leistung in ihrem Leben dar. Für die große Mehrheit ist Religion dennoch eine reine Privatangelegenheit. 3 An zweiter Stelle steht der Wunsch nach einem Leben ohne Gewalt und das Erreichen ökonomischer Sicherheit. Letzteres drückt sich in der Bedeutung aus, die der Achtung von Recht und Ordnung, 2 Bei der Verwendung des Begriffs»verzögerte Adoleszenz« darf jedoch nicht vergessen werden, dass es für eine große Zahl insbesondere junger Frauen in der MENA-Region keine Adoleszenz gibt. Die Jugend wird von ihnen quasi übersprungen, da sie sich unmittelbar nach ihrer Kindheit direkt aktiv in die Verwaltung von Haushalts- und Familienangelegenheiten einbringen müssen. 3 Religiosität korreliert nicht notwendigerweise mit weniger Toleranz. Während die Jugend in Deutschland weit weniger religiös ist als junge Menschen in der MENA-Region, betont eine deutlich kleinere Gruppe junger Deutscher, dass es ihnen sehr wichtig ist, Meinungen zu tolerieren, die sie nicht teilen. Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 363 einem hohen Lebensstandard und dem Streben nach mehr Sicherheit zugemessen wird. Besonders wichtig ist allerdings auch Sicherheit in ihrer sozialen Dimension: Weit oben rangieren der Wunsch nach einem Partner, dem man vertrauen kann, gute familiäre Beziehungen und gute Freunde (vgl. Kap. 3). Bei deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen stehen soziale Aspekte an erster Stelle(Tab. 15.2): einen Partner zu haben, dem man vertrauen kann, gute Freunde und ein gutes Familienleben sind ihnen am wichtigsten. Auf den folgenden Positionen findet sich der Wunsch nach eigenverantwortlichem Leben und Handeln sowie nach Unabhängigkeit. Die geringste Bedeutung hat entsprechend, das zu tun, was andere tun. In Verbindung mit dem persönlichen Ziel, einerseits sorgfältig und hart zu arbeiten und andererseits die eigene Fantasie und Kreativität zu entwickeln, verweisen diese Einstellungen auf eine sich reduzierende Abhängigkeit von Familienbanden sowie den Wunsch, Raum für eigene Erfahrungen zu schaffen beziehungsweise sich, soweit es geht, auf den nächsten Schritt vorzubereiten: den Eintritt in einen von Konkurrenz geprägten Arbeitsmarkt. Weitere Befunde beziehen sich auf das Wertesystem junger deutscher Muslime, das sich zwischen der arabischen und der deutschen Jugend bewegt. So stimmen sie weitgehend mit den anderen jungen Deutschen bei deren wichtigsten Einstellungen und Erwartungen überein, wie etwa dem Wunsch nach einem Partner, dem sie vertrauen können, sowie nach guten Freunden. Hinsichtlich der Wichtigkeit eines hohen Lebensstandards und der Toleranz gegenüber anderen Meinungen schlagen sie mit ihrer Haltung eine Brücke zwischen arabischen und nicht muslimischen deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Der Glaube an Gott und der Respekt für Recht und Ordnung sind für deutsche Muslime wiederum ebenso wichtig wie für die Jugend in der arabischen Welt. 3 Familie und Generationen Die Familienstrukturen in Deutschland und den arabischen Ländern sind unterschiedlich: Mehr als ein Drittel der Haushalte junger Menschen zwischen 16 und 25 Jahren lebt in Deutschland in Ein- oder Zweipersonenhaushalten, während solche kleinen Haushalte in den arabischen Ländern eher die Ausnahme darstellen(Tab. 15.1). Dies steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Wohnsituation. Abgesehen von den syrischen 364 Mathias Albert · Jörg Gertel Flüchtlingen leben über 80 Prozent der arabischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei ihren Eltern. Fast niemand von ihnen lebt allein oder in einer Wohngemeinschaft. In unterschiedlichen Gesellschaften variiert die Rolle der Familie ganz offensichtlich; und auch die Wucht der Transformationen in der jüngeren Vergangenheit macht die Lage komplizierter. Die Länder der MENA-Region, insbesondere, wenn sie nicht zu den reichen Ölstaaten gehören, haben mit enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Seit Jahrzehnten werden ihre sozialen Systeme durch eine Politik des ökonomischen Umbaus und die Privatisierung fast aller öffentlichen Leistungen ausgezehrt. Im Angesicht der jüngsten Krisen und weit verbreiteter Unsicherheit bleibt daher die Familie – als traditionell zentrale Institution arabischer Gesellschaften – mehr denn je die einzige Instanz, der die Jugend nicht nur in hohem Maß vertraut, sondern die auch Sicherheit und Unterstützung im alltäglichen Kampf und im Notfall bietet. Mit Ausnahme der Bahrainer betonen 90 Prozent der jungen Menschen aus der MENA-Region, dass man eine Familie braucht, um glücklich zu sein (Tab. 15.1). In Deutschland treffen nicht einmal zwei Drittel der Befragten diese Aussage. Hier sind über 20 Prozent der jungen Menschen überzeugt, dass man auch allein ein glückliches Leben führen kann; eine beachtliche Zahl ist zudem unsicher, ob man eine Familie gründen oder Kinder haben muss, um glücklich zu sein. Die Rolle der Kinder im Zusammenhang mit Lebensglück wird von den jungen Deutschen insgesamt weniger häufig genannt als von der Vergleichsgruppe in den arabischen Ländern. Eine Zwischenposition wird hier vom stark urbanisierten Bahrain mit seinem hohen Einkommens- und Bildungsniveau eingenommen. Für die Bewertung der Generationenbeziehung lässt sich die Frage heranziehen, ob die jungen Menschen ihre Kinder ebenso erziehen würden, wie sie selbst von ihren Eltern erzogen wurden. Sowohl in Deutschland als auch in den arabischen Staaten möchte die Mehrheit ihre Kinder ungefähr so oder ganz genauso erziehen wie sie von ihren eigenen Eltern erzogen wurden. Das Bild ist etwas differenzierter in Bahrain, Ägypten und im Jemen, wo knapp 40 Prozent erklären, sie würden ihre Kinder anders oder ganz anders als ihre Eltern erziehen wollen. Dennoch bestätigen die Befunde die besondere Rolle, die die heutige Jugendgeneration der Familie in der arabischen Gesellschaft zuschreibt. Die generationsübergreifenden Beziehungen werden demgegenüber kritischer gesehen: Die Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren werden als eher angespannt beschrieben. Eine größere HarmoDie FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 365 Tab. 15.3 Deutschland und Arabische Länder: Wirtschaft und Soziale Schichtung Deutschland Bahrain Tunesien Jordanien Finanzielle Situation Sehr gut (Eher) gut (Eher) schlecht Sehr schlecht Soziale Schichtung Unterste Schicht Untere-Mittel-Schicht Mittlere Schicht Obere-Mittel-Schicht Oberste Schicht Berufstätigkeit Ego:»Ja« Beschäftigungsprofil Beamter/Öffentlich Angestellter Angestellter Arbeiter Familienbetrieb Selbstständig: Höhere Bildung Selbstständig: Handel etc. Selbstständig: Landwirtschaft (Gelegenheitsarbeit/Slb. Dienstl.) Beschäftigung& Wünsche: »Sehr wichtig« Sicherer Arbeitsplatz Sehr gutes Einkommen Karrierechancen Sinnvolle Beschäftigung Etwas erreichen Gefühl der Akzeptanz Etwas Nützliches für die Ges. Eigene Ideen umsetzen Ausreichend Freizeit Kontakte zu anderen Möglichkeit, anderen zu helfen Verwirklichung der Jobwünsche»Absolut sicher«/ »Sehr sicher« 11 69 16 4 11 22 30 25 12 33 3 70 21 0 0 3 0 / 69 32 38 52 24 45 46 58 49 32 29 18/19 25 4 9 67 62 63 6 25 22 2 9 6 0 30 20 2 29 23 13 25 26 36 14 22 50 3 10 8 8 11 Ø Arabische Länder 5 10 15 5 3 14 5 37 51 84 61 58 78 60 45 74 58 45 68 52 37 65 56 30 60 53 37 63 46 41 59 51 44 49 45 25 53 52 37 49 48 34 25 32 Fragen 3, 25, 62, 65, 66, 67, 68, 72, 82, 83, Schichtenindex. Hinweise Die Daten wurden für die Altersgruppe von 16 bis 25 erhoben. Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. Der höchste Wert pro Zeile ist fett dargestellt. 366 Mathias Albert · Jörg Gertel Libanon Palästina Ägypten Marokko Jemen Syr. Flüchtl. 8 9 10 6 3 0 63 51 62 76 32 11 25 27 23 16 38 44 4 13 5 3 27 45 9 20 26 50 56 94 18 28 29 23 23 5 36 27 25 12 15 1 29 17 13 12 5 0 8 7 8 3 1 0 21 17 13 9 10 41 Ø Arabische Länder 72 67 50 42 73 58 75 59 54 48 65 61 72 52 37 37 64 55 69 51 36 42 56 49 68 50 35 35 56 47 60 48 34 37 53 48 62 45 32 33 53 46 69 49 32 34 54 45 60 38 32 28 44 45 60 39 29 35 51 43 60 42 35 36 52 48 32 22 11 11 27 10 Finanzielle Situation (Frage 62)» Wie bewertest Du Deine aktuelle ökonomische Situation?« Um diese Frage mit der Stichprobe aus Deutschland vergleichen zu können, ignorierten wir diejenigen Antworten im deutschen Sample, die die Frage mit»Weiß nicht« beantworteten(742 Fälle, 39 ProDie FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 367 zent) und berechneten die Verteilung auf einer Grundlage von insgesamt 1.135 Fällen(16 Fälle ohne Antwort). Soziale Schichtung Die Berechnung des Schichtenindex für die Länder der MENA-Region wurde für diese Tabelle an die Shell Jugendstudie angepasst(Shell 2015, S. 430). Bei der Indexberechnung konnten maximal 14 Punkte erzielt werden: 3–6 Punkte= Unterste Schicht; 7–8 Punkte= Unteres Mittel; 9–10 Punkte= Mittel; 11–12 Punkte= Oberes Mittel; 13–14 Punkte= Oberste Schicht. Die Berechnung dieser Indexpunkte ruht auf vier Säulen, die für die beiden Studien fast identisch sind:(1) Bildung des Vaters(bis zu 6 Punkten);(2) persönliche wirtschaftliche Situation(für die Kalkulation des Schichtenindex in der MENA-Region wurde in den anderen Kapiteln bisher die Einschätzung der ökonomischen Situation der Familie zugrunde gelegt. Hier erfolgt eine Anpassung an die Einschätzung zur persönlichen ökonomischen Situation, die mit bis zu 3 Punkten berechnet wird);(3) Wohneigentum(bis zu 2 Punkten);(4) Wohlstandsranking(bis zu 3 Punkten). Die Shell Jugendstudie arbeitet beim Wohlstandsranking mit der persönlichen Schätzung der Anzahl der im Haushalt der Familie vorhandenen Bücher als Indikator und vergibt maximal 3 Punkte für»sehr viele« und 0 Punkte für »nur wenige« Bücher. Dagegen stützt sich die vorliegende Studie auf drei andere Indikatoren: Internetzugang(1 Punkt), Klimaanlage(2 Punkte), eigenes Auto(3 Punkte). Ein Vergleich ist daher möglich, jedoch gibt es bei 3 der 14 Punkte Abweichungen, da sie an einen anderen Kontext angepasst wurden. Berufstätigkeit Ego Diese Aussage bezieht sich auf den Beschäftigungsstatus:»Erwerbstätig« in den arabischen Ländern(n=984);»Erwerbstätig« in Deutschland(n=620)(vgl. Kap. 7). Beschäftigungsprofil (Frage 72) Die Kategorien»Gelegenheitsarbeiter« und»Selbstständig im Dienstleistungssektor« existieren im Sample der Shell Jugendstudie nicht. Die Fallzahlen aus den arabischen Ländern sind zu gering, um für die einzelnen Beschäftigungskategorien sinnvoll Durchschnittswerte zu generieren. Beschäftigung und Wünsche (Frage 82)» Wie sähe eine befriedigende Arbeitssituation/Tätigkeit für Dich aus? Wie wichtig ist Dir …«. Betrachtet wird hier die Angabe»Sehr wichtig«. Verwirklichung der Jobwünsche (Frage 83)» Wie zuversichtlich bist Du, dass Deine Wünsche hinsichtlich der Arbeit in Erfüllung gehen?« Die Angabe»Absolut sicher«, der höchste Wert, wurde in die Berechnung aufgenommen. Die Shell Jugendstudie nutzt vier vorgegebene Antwortoptionen. Wir zeigen auch hier den höchsten Wert»Sehr sicher«. Die erste Zahl in der Deutschland-Spalte steht für Schüler, Auszubildende und Universitätsstudierende. Die zweite Zahl repräsentiert alle übrigen. nie in den Generationenbeziehungen existiert allerdings häufiger in Bahrain, Marokko, Deutschland und bei den syrischen Flüchtlingen. Etwa ein Drittel der jungen Deutschen ist jedoch skeptisch und vermutet, dass sich die Generationenbeziehungen in Zukunft verschlechtern werden. 4 Wirtschaftliche Lage Auf den ersten Blick erscheint die wirtschaftliche Lage in der Wahrnehmung der Jugend positiv und konnotiert ein hohes Maß an Zufriedenheit. Etwa zwei Drittel der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland und den arabischen Ländern geben an, dass ihre persönliche Finanzlage gut ist(Tab. 15.3). Die Ausnahmen bilden die syrischen Flüchtlinge im Libanon und die Jemeniten. Beide Konflikte kommen aus oder leben in Ländern, die durch bewaffnete Konflikte und Krieg mit drastischen Folgen 368 Mathias Albert · Jörg Gertel für die Bevölkerung und die Wirtschaft gezeichnet sind. Generell basiert die Bewertung der ökonomischen Lage durch die Jugendlichen allerdings häufig auf eher subjektiven Gründen, insbesondere dann, wenn sie noch im Haushalt der Eltern leben und in hohem Maß von deren Einkommen abhängig sind; ältere Kohorten und verheiratete junge Erwachsenen haben eine völlig andere Einschätzung(vgl. Kap. 7). Eine genauere Analyse der Befunde offenbart zudem tief greifende sozioökonomische Stratifizierungen der gesellschaftlichen Schichten in Deutschland und in den arabischen Ländern. In Deutschland sind die extremen Pole der untersten und obersten Schicht eher wenig ausgeprägt, während die Zugehörigkeit zur mittleren Schicht dominiert; sie kommt drei Mal häufiger vor. Dagegen ist die Situation in den MENA-Ländern von einer deutlichen Polarisierung gekennzeichnet: Entweder zählt die Hälfte der Familien – wie im Fall Bahrain – zur obersten Schicht und nur wenige gehören der untersten Schicht an; oder mindestens die Hälfte, zum Teil auch deutlich mehr Familien zählen zur untersten Schicht, während praktisch niemand der obersten Schicht angehört. Diese Verteilung finden wir in Marokko, im Jemen und bei den syrischen Flüchtlingen. Selbst in Tunesien, Jordanien, Palästina und Ägypten ist der Anteil derjenigen, die der untersten Schicht angehören, immer noch doppelt so hoch wie in der deutschen Vergleichsgruppe. Allein der Libanon zeigt eine ähnliche Struktur wie Deutschland. Bei der Betrachtung von beruflichem Status und Beschäftigungssituation junger Menschen verstärkt sich der Eindruck, dass der Libanon ein ökonomischer Sonderfall in der MENA-Region ist. Während in Deutschland ein Drittel der 16- bis 25-Jährigen berufstätig ist, erreicht von den arabischen Staaten nur der Libanon einen Wert von knapp über 20 Prozent. In allen übrigen Ländern der Region liegt der Anteil erwerbstätiger junger Menschen deutlich unterhalb dieses Werts. Eine Ausnahme stellen auch hier die syrischen Flüchtlinge dar, die arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ein großer Unterschied zwischen den jungen Deutschen und jungen Menschen aus arabischen Ländern wird auch an der Beschäftigungsstruktur sichtbar: Fast alle jungen deutschen Erwerbstätigen sind Arbeiter oder Angestellte, die ein festes und regelmäßiges Monatseinkommen beziehen und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall genießen, während das nur für ein knappes Drittel dieser Altersgruppen in arabischen Ländern gilt. Die jungen Menschen der MENA-Region sind mehrheitlich selbstständig tätig – im Handel, im Dienstleistungssektor, in der Landwirtschaft oder als Gelegenheitsarbeiter mit entsprechend weniger Sicherheiten im beruflichen Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 369 Umfeld. Junge Menschen in Deutschland können sich entsprechend früher von ihren Familien unabhängig machen, was auch dadurch ermöglicht wird, dass ihre ökonomische Integration in die Gesellschaft in stärker institutionalisierten Bahnen erfolgt, welche die schulische und berufliche Bildung mit globalisierten Arbeitsmärkten verbinden. Die Vorstellungen von der idealen Beschäftigungssituation sind jedoch sehr ähnlich. Die»Bedeutung eines sicheren Arbeitsplatzes« erhält die häufigste Zustimmung – sowohl in Deutschland als auch in den arabischen Ländern. In der MENA-Region folgt dem der Wunsch,»ein hohes Einkommen zu erzielen«(Tab. 15.3). Auch über Optionen zu verfügen, die eigene Situation zu verbessern, ist für die meisten MENA-Jugendlichen wichtig. Während die arabischen Jugendlichen allgemein ambitionierter sind als ihre deutschen Altersgenossen, sind diesen wiederum häufiger die Möglichkeiten,»eigene Ideen umzusetzen« und»etwas Sinnvolles zu tun« wichtig. Auf die Frage nach der Zuversicht hinsichtlich der Realisierung ihrer beruflichen Wünsche zeigen sich insgesamt zwischen zehn Prozent und einem Drittel der jungen Menschen als sehr optimistisch. Die größten Skeptiker leben in Ägypten und Marokko. Erwartungsgemäß zeigen sich auch die syrischen Flüchtlinge zurückhaltend in ihren persönlichen Prognosen. Gleichwohl wirken hier auch strukturelle Kräfte, etwa die schichtspezifische Position der Familie in der jeweiligen Gesellschaft. In den arabischen Ländern geben sich entsprechend nur 14 Prozent der untersten Schicht absolut zuversichtlich, im Gegensatz zu 45 Prozent der obersten Schicht. In Deutschland trifft das auf 7 Prozent der untersten und 27 Prozent der obersten Schicht zu, was auf einen gleichberechtigteren Zugang zum Arbeitsmarkt hindeutet. 5 Politik und Staat Beim politischen Interesse der Jugend zeigen sich markante Unterschiede zwischen Deutschland und den Ländern der MENA-Region(Tab. 15.4). Während knapp die Hälfte der jungen Deutschen angibt, an Politik interessiert oder sehr interessiert zu sein, sind es in der MENA-Region nur ein Sechstel der Befragten. Trotz deutlicher Disparitäten zwischen einzelnen arabischen Staaten geht dieses Interesse allerdings nirgendwo über 30 Prozent hinaus(vgl. Kap. 12). Mit Ausnahme von Ägypten, Marokko und Jemen erklären ungefähr zwei Drittel der jungen Menschen ganz entschieden, 370 Mathias Albert · Jörg Gertel dass sie an Politik nicht interessiert sind. Eine komplexe Gemengelage individueller Faktoren ist für diese Differenz verantwortlich. Die schwierige Wirtschaftssituation der arabischen Länder, zunehmende Unsicherheit angesichts von Terroranschlägen und bewaffnete Konflikte in der Folge der Ereignisse der Jahre 2010/2011 haben massiv zur Erosion der Glaubwürdigkeit von Politik und Politikern beigetragen und schlagen sich in extrem geringem Vertrauen in die Parlamente nieder. 4 Unberührt davon ist das relativ große Vertrauen in staatliche Institutionen wie Justiz oder Militär, die im Großen und Ganzen als jenseits parteilicher Scharmützel stehend wahrgenommen werden. Tatsächlich befürwortet eine relativ große Zahl junger Menschen in vielen MENA-Ländern eine stärkere Rolle des Staates bei der Organisation des Alltags und als Garant sozialer Sicherheit(vgl. Kap. 12). Das verweist auf ein allgemein verbreitetes, relatives Misstrauen gegenüber Parteipolitik, das nicht auf den Staat übertragen wird, so lange dieser die Rolle eines ehrlichen Maklers und Verwalters sozialer Angelegenheiten wahrnimmt. Seit den Ereignissen von 2011 scheinen Internetnutzung und Politik in der MENA-Region eng zusammenzuhängen. Allerdings variiert die Internetnutzung deutlich von Land zu Land: Während in Bahrain jeder der befragten Jugendlichen Zugang zum Internet hat, kann im Jemen nur ein Drittel der Jugend Onlinedienste nutzen. Auch die Nutzungsdauer korreliert mit dem sozialen Status. Angehörige der untersten Schicht in der MENARegion sind durchschnittlich vier Stunden täglich online; bei der obersten Schicht sind es durchschnittlich sieben Stunden. Junge Deutsche aus der unteren Schicht nutzen etwa zwei Stunden täglich das Internet, die der obersten Schicht sind dagegen drei Stunden täglich im Netz. Allerdings zeigen die Befunde keine Korrelation von Internetnutzung und politischem Interesse. Die Mediennutzung in den arabischen Staaten dient zunehmend eher der privaten Kommunikation und der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte(vgl. Kap. 11). 4 Dieses geringe Vertrauen in Kombination mit erlebter Repression und Einschränkungen der Meinungsfreiheit wird häufig als Hindernis für ein politisches Engagement junger Menschen genannt, die ansonsten bereit wären, sich politisch zu engagieren. Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 371 Tab. 15.4 Deutschland und Arabische Länder: Politik und Zukunft Deutschland Bahrain Tunesien Jordanien Interesse an Politik Sehr interessiert Interessiert Wenig interessiert Nicht interessiert 8 1 3 5 39 6 6 8 38 21 25 15 15 72 67 72 Informierst Du Dich über 42 10 20 8 Politik?»Ja« Internetnutzung»Ja« (Std./Tag) Eigene Zukunft Eher düster Eher zuversichtlich Gemischt, mal so mal so Zukunft der Gesellschaft Eher düster Eher zuversichtlich 92 100 90 93 3 a 9 6 4 4 8 8 8 61 36 71 78 35 57 22 14 44 29 29 17 51 71 71 83 Fragen 3, 149, 153, 156, 157, 165, 166. Hinweise Die Daten wurden für die Altersgruppe von 16 bis 25 erhoben. Alle Angaben in Prozent. Es kann zu Rundungsfehlern kommen. Der höchste Wert pro Zeile ist fett dargestellt. a Bei der Berechnung der Nutzungsdauer des Internets sind die Zahlen nicht ohne weiteres zu vergleichen: Für die arabischen Ländern sind sie vermutlich vergleichsweise überrepräsentiert, da wir nach 6 Pessimismus oder Zuversicht Zuversicht ist das Privileg der Jugend, heißt es. Junge Menschen haben ihr Leben vor sich. Gleichwohl bietet nicht jede Gesellschaft und insbesondere nicht jede individuelle Lebenslage die gleichen Chancen. Für den Optimismus der Jugend scheint das jedoch keine Rolle zu spielen. 2015 erklärten 61 Prozent der befragten jungen Frauen und Männer in Deutschland, sie sähen ihre eigene Zukunft»eher zuversichtlich«(vgl. Tab. 15.4). Noch 2006 hatte ihr Anteil nur 50 Prozent betragen. Neben denen, die ihre Zukunft»gemischt – mal so mal so« sehen, lag der Anteil derjenigen, die 2015 eindeutig negative Erwartungen für sich hatten, die Zukunft als»eher düster« empfanden, nur noch bei 4 Prozent(im Vergleich zu 10 Prozent 2006). Ein wichtiger Befund ist dabei die enge Korrelation von Zuversicht 372 Mathias Albert · Jörg Gertel Libanon Palästina Ägypten Marokko Jemen Syr. Flüchtl. 5 3 2 4 9 0 10 13 19 24 20 3 20 27 38 28 32 10 65 57 40 45 38 87 20 20 12 16 32 15 96 72 79 76 31 52 7 4 6 4 3 3 17 11 8 8 10 36 72 60 68 78 76 49 11 29 24 14 15 15 43 45 19 16 22 46 57 55 81 84 78 54 der täglichen Nutzungsdauer fragten, während der Wert für Deutschland möglicherweise zu niedrig ist, da hier der Wochendurchschnitt gemessen wurde. Auf die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft gaben in der deutschen Stichprobe etwa 6 Prozent keine Antwort. und sozialem Status. Während etwa drei Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der obersten Schicht eher optimistisch in die (eigene) Zukunft blicken, gilt das in der untersten Schicht nur für ein Drittel der Befragten. Wenngleich aus methodischen Gründen kein Vergleich der absoluten Zahlen aus der Shell Jugendstudie und der vorliegenden Studie möglich ist, ergibt die vergleichende Betrachtung des relativen Maßes an Zuversicht in Deutschland und der MENA-Region ähnliche Werte. 65 Prozent der befragten Jugendlichen im Nahen Osten und Nordafrika erklären 2016, sie seien mit Blick auf die eigene Zukunft und ihr persönliches Leben eher optimistisch. Der entscheidende Unterschied zu ihren deutschen Altersgenossen besteht darin, dass die Einstellungen der MENA-Jugendlichen vom sozialen Status fast unabhängig sind, beziehungsweise eine leichte negative Korrelation aufweisen. So erklären knapp 60 Prozent der Befragten der untersten Schicht sich als eher optimistisch, während»nur« 53 Prozent der obersten Schicht der eigenen Zukunft und dem persönlichen Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 373 Leben mit Zuversicht entgegensehen. Die Abweichungen zwischen den einzelnen arabischen Ländern sind ausgeprägter: Es überrascht dabei nicht, dass die im Libanon lebenden syrischen Flüchtlinge weniger optimistisch sind als andere Jugendliche und junge Erwachsene. Doch auch die Jugend des reichen Landes Bahrain blickt weniger optimistisch und mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Sie ahnen, was sie verlieren könnten. Ein markanter Unterschied zwischen der Jugend in Deutschland und der MENA-Region zeigt sich – jenseits der Erwartungen für die eigene Zukunft – in ihrer Bewertung der Zukunft der Gesellschaft, in der sie leben. In Deutschland ist die Zahl derjenigen, die die Zukunft ihrer Gesellschaft mit Zuversicht sehen, in den vergangenen Jahren von 41 Prozent(2006) über 44 Prozent(2010) auf 51 Prozent(2015) gestiegen. Gleichwohl ist ihr Optimismus mit Blick auf die gesellschaftliche Zukunft deutlich geringer ausgeprägt als ihre Zuversicht hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft. 5 Der Kontrast zur MENA-Region ist hier deutlich: Dort sehen fast 70 Prozent der jungen Menschen die Zukunft der Gesellschaft optimistisch – ein Wert, der noch über dem Maß an Zuversicht hinsichtlich der eigenen Zukunft liegt. 7 Schlussbemerkungen Junge Menschen sind Teil der Gesellschaften, in denen sie leben. Die in vielerlei Hinsicht bestehenden Unterschiede zwischen den Ländern der MENA-Region einerseits und Deutschland andererseits sollten daher nicht überraschen. Gleichwohl zeigt der Vergleich, dass es letztlich eine Reihe von durchaus ähnlichen Eigenschaften und Zuschreibungen gibt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass Sicherheit sowohl für die arabische als auch für die deutsche Jugend einen hohen Stellenwert hat. Dies gilt insbesondere für die Sicherheit der eigenen Zukunftspläne, besonders im Zusammenhang mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt und der Möglichkeit, eine gut bezahlte Stelle zu verlässlichen Bedingungen inklusive sozialer 5 Hinweis: Die Frage nach der eigenen Zukunft der deutschen Jugendlichen bot drei Antwortmöglichkeiten(»eher düster«,»eher zuversichtlich«,»gemischt – mal so mal so«), während die Frage nach der Zukunft der Gesellschaft nur zwei Antworten vorgab(»eher düster«,»eher zuversichtlich«). Entsprechend lassen sich die Prozentzahlen aus den beiden Fragen nicht einfach vergleichen, da es wahrscheinlicher ist, dass die Frage(nach der Zukunft der Gesellschaft) bei nur zwei Antwortoptionen einen höheren Wert generiert. Allein die dritte Antwortoption(»gemischt – mal so mal so«) erzielte bei der Einschätzung der eigenen Zukunft 2006 etwa 40 Prozent, während es 2015 noch 35 Prozent waren. 374 Mathias Albert · Jörg Gertel Absicherung zu finden. Aus dieser Perspektive gesehen erweist sich, dass die aktuelle Jugendgeneration der MENA-Länder als»eingehegte Jugend« strukturell benachteiligt ist: Angesichts ökonomischer und politischer Unsicherheit und mangels institutioneller Karrierechancen ist die Abhängigkeit von der Familie als zentraler Sicherheit bietender Instanz größer denn je. Daher lässt sich die Frage, inwieweit Erwerbslosigkeit, defizitäre Wettbewerbsfähigkeit und Prekarität nicht nur Folgen eines globalisierten Arbeitsmarktes mit unzureichendem Beschäftigungsangebot sind, sondern auch Konsequenz einer tief greifenden Abhängigkeit der Jugend von ihren Familien, nicht abschließend beantworten. Adoleszenz ist für sie jedenfalls zu einer Falle geworden, die die frühzeitige Erfahrung von Eigenverantwortung und Selbstbehauptung ausschließt. Neben solchen inhaltlichen Aspekten sind für beide Studien auch die methodologischen Bezüge richtungsweisend. Dabei besteht der größte Unterschied zwischen der vorliegenden Studie und der Shell Jugendstudie in der langen Tradition der letztgenannten Erhebung. Die wiederholte Durchführung und Veröffentlichung einer umfassenden Jugendstudie über einen langen Zeitraum hinweg bietet nicht nur wissenschaftliche Vorteile: Im Gegensatz zu einer Momentaufnahme wird dadurch erst eine Beobachtung von Veränderungen im Laufe der Zeit möglich; eine solche Langzeitstudie erlaubt zudem auch die ständige Verfeinerung von Methodik und Instrumenten und bietet zugleich das Potenzial eines nachhaltigeren Eingangs in öffentliche Debatten. Sie rückt nicht nur einmalig die Lage der Jugend ins Bewusstsein, sondern trägt dazu bei, dass das Thema auf der Tagesordnung bleibt. Insofern hoffen wir, dass die vorliegende Erhebung im Nahen Osten und Nordafrika die erste in einer langen Reihe von Folgestudien sein wird. Die FES-MENA-Studie und die deutsche Shell Jugendstudie 375 VI Anhang Methodik der Studie Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel 1 Rahmenbedingungen und Ziele D ie vorliegende Studie»Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika« ist ein Gemeinschaftsprojekt der Friedrich-Ebert-Stiftung mit der Universität Leipzig, Kantar Public(vormals TNS Infratest Politikforschung), TNS Marokko sowie weiteren Forschungszentren und Meinungsforschungsinstituten in der MENA-Region. Insgesamt beteiligten sich 21 Einrichtungen und 56 Mitausrichter mit inhaltlichen, organisatorischen und technischen Beiträgen an der Erhebung. Für die wissenschaftliche Leitung zeichnete der Beirat des Projekts verantwortlich. Die konzeptionelle und praktische Koordination lag beim Leiter des Projekts in Rabat(Marokko). Am Anfang der MENA-Jugendstudie stand die Frage, wie sich angesichts der Tatsache, dass die alltägliche Lage junger Menschen in den arabischen Staaten bisher kaum länderübergreifend und systematisch untersucht wurde, wissenschaftlich validierbare Erkenntnisse generieren lassen können. Ausgehend von der Durchführbarkeit persönlicher Befragungen vor Ort wurden acht Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten ausgewählt: Ägypten, Bahrain, Jemen, Jordanien, Libanon, Marokko, Palästina und Tunesien. In die Erhebung einbezogen wurden zudem syrische Flüchtlinge im Libanon. Die Interviews wurden folglich mit neun zentralen Zielgruppen durchgeführt. Die datengenerierende Befragung wurde im Sommer 2016 realisiert: Einen Monat lang führten knapp 450 speziell geschulte Interviewer und Interviewerinnen je einstündige Gespräche mit über 9.000 Befragten in den acht ausgewählten Ländern. Ziel war es, fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling die Situation junger Menschen in der Region besser zu verstehen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf neuen Ungewissheiten und Unsicherheiten, die das Leben in diesem Teil der Welt gegenwärtig prägen. Die Studie betrachtet die Gesamtpopulation der in privaten Haushalten lebenden 16- bis 30-Jährigen(18- bis 30-Jährige in Jordanien) in den acht Anhang · Methodik 379 Ländern. Mit Ausnahme der syrischen Flüchtlinge im Libanon wurden die Interviews nur mit Staatsangehörigen der jeweiligen Länder geführt. Gearbeitet wurde hauptsächlich mit persönlichen CAPI-Befragungen. 1 Wo in einzelnen Instituten die technischen Bedingungen für eine CAPI-Erhebung nicht gegeben waren, wurden persönliche PAPI-Befragungen(mit Papier und Stift) durchgeführt. Bei den syrischen Flüchtlingen im Libanon kamen neben PAPI-Befragungen in einigen Fällen auch CATI-Interviews (computergestützte Telefoninterviews) zum Einsatz. Die folgende Tabelle A.1 zeigt die Erhebungsmethoden für die verschiedenen Zielgruppen. Tab. A.1 Zielgruppen und Erhebungsmethoden Land/Erhebungsgruppe Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syrische Flüchtlinge im Libanon Tunesien Befragungsmethoden CAPI PAPI CAPI CAPI PAPI+ CAPI CAPI PAPI PAPI+ CATI PAPI Angestrebt wurden insgesamt 1.000 Interviews(netto) pro Land/Erhebungsgruppe. Dieser Stichprobenumfang gilt als ausreichend groß, um die Zielgruppe sowie soziodemografische und regionale Untergruppen(beispielsweise Alter, Geschlecht, Bildungsniveau) adäquat zu repräsentieren. 2 Die Stichprobe Wichtige Qualitätsfaktoren für jede Studie sind die Methoden und Verfahrensweisen zur Ziehung der Stichprobe(Sample). Die Qualität misst sich daran, wie repräsentativ das Sample für die Grundgesamtheit ist, mit an1 Die CAPI-Methode(Computer Assisted Personal Interviews) gewährleistet eine hohe Qualität der erhobenen Daten und erlaubt eine komplexe Fragebogenstruktur. Nicht konsistente oder unzulässige Antworten der Befragten lassen sich mithilfe der Software in unmittelbarer Überprüfung ebenso leicht feststellen und vermeiden wie fehlerhafte Dateneintragungen durch die Interviewer und Interviewerinnen. Damit ist sichergestellt, dass die Interviewer und Interviewerinnen keine Fragen übersehen oder falsche Fragen stellen. 380 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel deren Worten, wie stark das Sample in allen relevanten Aspekten der betrachteten Population ähnelt. Die methodologischen Hauptziele der vorliegenden Studie waren die Gewährleistung der Vergleichbarkeit der jeweiligen nationalen Samples sowie die möglichst genaue Wiedergabe der länderspezifischen Strukturen hinsichtlich der untersuchten Grundgesamtheit. Aus Gründen der Machbarkeit wurde ein länderweites Quotensampling eingesetzt. Aus forschungspraktischen, rechtlichen und budgetären Erwägungen war eine komplette Zufallsziehung in der Region nicht möglich. So sind nicht in allen Ländern die Gesamtbevölkerung, ihre Verteilung und ihre Adressen bekannt bzw. die Informationen darüber öffentlich zugänglich. Es fehlt somit detailliertes Wissen über die Grundgesamtheit, was eine Voraussetzung für randomisiertes Sampling wäre. Darüber hinaus erfordern Interviews in Privatwohnungen in den meisten Ländern eine Sondergenehmigung der jeweiligen Regierung. Diese zeitgleich für acht Länder zu erlangen schien angesichts der aktuellen politischen Lage kaum realisierbar. Demgegenüber verfügen die lokalen Institute, die für die Stichprobenziehung verantwortlich zeichnen, über erprobte Verfahren zur Auswahl der Interviewstartpunkte(Sampling Points) und zur Identifizierung der für die Erhebung benötigten Haushalte für ein Quotensampling. Ziel war es, die Auswahl von zu befragenden Personen soweit wie möglich durch den Zufall zu generieren. Um dies umzusetzen, hatten die Interviewer und Interviewerinnen detaillierte Anleitungen zu befolgen. Insgesamt sollte möglichst eine geografische Verbreitung der Befragten entsprechend der Verteilung der Grundgesamtheit in jedem teilnehmenden Land erreicht werden. Nur einige dünn besiedelte, abgelegene Gebiete wie die Wüstenregionen in Marokko und Ägypten wurden aus den Samples ausgeschlossen. Die lokalen Institute verwendeten für jede geografische Zone eine Liste von Sampling Points mit genauen Ortsangaben. Die nachstehende Tabelle A.2 zeigt die erfassten Regionen sowie die Zahl der Sampling Points pro Land. 3 Der Fragebogen Der Fragebogen wurde vom Wissenschaftlichen Beirat des Projekts in enger Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig(Institut für Geografie und Orientalisches Institut) und Kantar Public entworfen und in zehn Abschnitte unterteilt: soziales Profil der Befragten, Einkommen und BeschäfAnhang · Methodik 381 Tab. A.2 Regionen und Sampling Points Land/ Erhebungsgruppe Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syrische Flüchtlinge im Libanon Tunesien Für die Stichprobe und Gewichtung berücksichtigte Zonen und Regionen Kairo, Gizeh, Helwan, Asyut, Minya, Beni Suef, Qalyubia, Gharbia(Tanta, Mahalla), Dakahlia, Alexandria Muharraq, Manama(Hauptstadt), Al-Tijari(Geschäftsviertel von Manama), Riffa (Süden) Ibb, Abyan, Sana’a City, Sana’a, Al Bayda, Taiz, Al Jawf, Hajjah, Al Hudaydah, Hadramaut, Dhamar, Shabwah, Aden, Lahij, Ma’rib,’Amran, Dhale, Raymah, Al Mahwit. (Ausgenommen: Al-Mahrah, Sa’ada, und Teile anderer Verwaltungseinheiten im Norden und Süden). Irbid, Ajloun, Jerash, Mafraq, Balqa, Madaba, Amman, Zarqa, Karak, Tafila, Ma’an, Akaba Beirut, Bekaa, Libanongebirge, Nabatieh, Norden, Süden Casablanca, Rabat, Fès, Marrakesch, Drâa, Tanger, Souss, Béni Mellal, Oriental Hebron, Jenin, Tubas, Bethlehem, Ramallah, Jericho, Jerusalem, Nablus, Salfit, Tulkarm, Qalqiliya, Gaza, Khan Yunis, Rafah, Nordgaza, Deir Al-Balah Ein offizielles und etwa 4.000 inoffizielle Flüchtlingslager in allen sechs(vor der Reform bestehenden) Verwaltungseinheiten: Beirut, Bekaa, Libanongebirge, Nabatieh, Norden, Süden Ariana, Béja, Ben Arous, Bizerte, Gabès, Gafsa, Jendouba, Kairouan, Kasserine, Kebili, Kef, Mahdia, Manouba, Medenine, Monastir, Nabeul, Sfax, Sidi Bouzid, Siliana, Sousse, Tataouine, Tozeur, Tunis, Zaghouan Zahl der Samplingpoints 46 13 103 100 100 73 107 100 80 tigung, Konsum und Ausgaben, Identität, Kommunikation und Internetnutzung, Rolle des Staates, Religion, Partizipation und politisches Interesse, Gewalt, und Mobilität. Die Details des Fragebogens wurden von der Universität Leipzig ausgearbeitet, die zu diesem Zweck Erkenntnisse aus den Shell Jugendstudien und aus eigenen quantitativen empirischen Studien in der MENA-Region zusammenführte. Auf der Grundlage mehrerer Gesprächsrunden mit Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats, Kantar Public und Vertretern der Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Region legte die Universität Leipzig im Herbst 2015 einen Entwurf für eine englische Master-Version des Fragebogens vor. Dieser umfasste insgesamt knapp 200 geschlossene Fragen(siehe Anhang), darunter zahlreiche Fragen mit detaillierten Einzelaspekten(Itemund Statement-Batterien). Offene Fragen waren nicht enthalten. Die durchschnittliche Interviewdauer für diesen Fragebogen wurde für alle Länder mit 60 bis 70 Minuten angesetzt. Der(englische) Master-Fragebogen diente als Grundlage für alle(arabischen) länderspezifischen Fragebögen. Um die länderübergreifende Vergleichbarkeit der Studienergebnisse zu gewährleisten, leiten sich die länderspezifischen Versionen des Stan382 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel dardfragebogens von einer gemeinsamen Master-Version ab. Die Übersetzung wurde in folgenden Schritten durchgeführt: 1. Entwicklung des Master-Fragebogens(einschließlich Programmierung und Instruktionen für die Interviewer und Interviewerinnen) in englischer Sprache; 2. Durchführung mehrerer Qualitätskontrollen durch Mitglieder der Projektgruppe und Übersetzung der endgültigen englischen Fassung des Master-Fragebogens in die arabische Sprache(Hocharabisch); 3. die hocharabische Version wurde anschließend(zusammen mit dem englischen Master-Fragebogen) an die nationalen Institute weitergeleitet, die die Anpassung der Übersetzungen an den jeweiligen arabischen Dialekt vornahmen(dies betrifft Marokko, Tunesien, Libanon und Palästina, die Institute der anderen Länder verwendeten die hocharabische Version); 4. im nächsten Schritt erfolgte die Prüfung der länderspezifischen Übersetzungen und Änderungsvorschläge am Fragebogen(sowie die Rückübersetzung ins Englische) durch die Universität Leipzig; 5. abschließend wurden die Änderungen an den Fragebögen diskutiert und von der Projektgruppe entweder genehmigt oder abgelehnt. Der endgültige Master-Fragebogen sowie die länderspezifisch angepassten Fragebögen wurden dann an TNS Marokko zur Programmierung übergeben. TNS Marokko und ein Subunternehmer übernahmen die Programmierung des arabischen Fragebogens. Das CAPI-Masterscript wurde getestet und(nach Einarbeiten einiger Änderungen) durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Universität Leipzig sowie Kantar Public verifiziert. Nach der Freigabe des Masterscripts wurden die länderspezifischen Versionen des Fragebogens(CAPI und PAPI) generiert, an die lokalen Institute ausgeliefert und von deren Forschungsteams getestet. 4 Schulung und Befragung Die Befragungen in den Ländern wurden von geschulten Teams aus jeweils etwa fünfzig von den lokalen Instituten rekrutierten Interviewern und Interviewerinnen durchgeführt. Auswahlkriterien waren Alter(25 bis 35 Jahre), Geschlecht(60 Prozent weiblich, 40 Prozent männlich) sowie BerufserfahAnhang · Methodik 383 rung als Interviewer. Überdies wurde auf eine ausgewogene Verteilung hinsichtlich geografischer Herkunft, lokaler Dialekte und Konfessionen geachtet. Zur Gewährleistung der Vergleichbarkeit der Daten aus den verschiedenen Ländern wurden die Interviewer und Interviewerinnen in allen beteiligten Ländern in identischen Schulungen und mit dem gleichen Lehrmaterial vorbereitet. Ein schriftlicher Leitfaden wurde von der Universität Leipzig und TNS Marokko in Zusammenarbeit mit Kantar Public entwickelt und den lokalen Instituten zur Verfügung gestellt. Das dreitägige Training der Interviewer und Interviewerinnen wurde von den lokalen Verantwortlichen und Teamleitern der lokalen Institute durchgeführt. Die Trainingssitzungen wurden zudem jeweils von einem Vertreter von TNS Marokko sowie dem Projektleiter begleitet. Vermittelt wurden Informationen zu den Hintergründen und zentralen Zielen der Studie, Inhalt des Fragebogens und Fragemethoden, Zeitplan und Gesprächsführung(z. B. Auswahl, Ansprache und Einladung möglicher Zielpersonen zur Teilnahme an der Erhebung). Während der Schulungsphase mussten alle teilnehmenden Interviewer und Interviewerinnen Probeinterviews führen, um sich mit dem Fragebogen sowie Begrifflichkeiten und Filtern vertraut zu machen. Jedes nationale Institut führte zur Prüfung der Forschungswerkzeuge (Erhebungsmethode und Fragebogen) zudem mindestens zwanzig PilotInterviews durch, bei denen insbesondere die Verständlichkeit des Fragebogens hinsichtlich Sprache, Formulierungen und Gesprächsanweisungen getestet wurde. Gleichzeitig wurden die Antwortkategorien für die jeweiligen Fragen auf Vollständigkeit geprüft und die Funktionalität der Filter kontrolliert. Die Pilot-Interviews dienten der weiteren Schulung der Interviewer und Interviewerinnen, zeigten potenzielle Probleme auf und überprüften die technologische CAPI-Umsetzung des Fragebogens sowie die soziale Akzeptanz beim Einsatz von CAPI-Tablets im ländlichen Raum oder in städtischen Randgebieten. Alle Pilot-Befragungen(Pre-Tests) fanden im Rahmen der Schulung der Interviewer und Interviewerinnen im März 2016 statt. Anschließend wurden die Ergebnisse der Pilotphase ausgewertet und die Fragebögen entsprechend angepasst. Individuelle Erfahrungen und Verbesserungsvorschläge wurden gesammelt, standardisiert und der Projektgruppe zugänglich gemacht. Die Projektgruppe diskutierte und prüfte die Kommentare und Empfehlungen der verschiedenen Institute und nahm, soweit erforderlich, Änderungen am Fragebogen vor. Insgesamt 384 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel kam es allerdings nur zu geringfügigen Anpassungen bei den Formulierungen und minimalen Abweichungen bei den Inhalten. Die einzige Ausnahme stellte der Fragebogen für die syrischen Flüchtlinge dar, bei dem bestimmte Fragen ausgelassen und andere ergänzend hinzugefügt wurden. Es folgten die Einarbeitung der geänderten Formulierungen, eine erneute Prüfung durch die Universität Leipzig und die finale Abnahme durch die Projektgruppe. Die Feldforschung vor Ort wurde – mit Ausnahme Tunesiens(Mai/Juni 2016) und Marokkos(Juni/Juli 2016) – in den ersten drei Maiwochen des Jahres 2016 vorgenommen. Die Interviews wurden grundsätzlich in lokalen arabischen Dialekten geführt, entweder in den Haushalten der Teilnehmer und Teilnehmerinnen oder an öffentlichen Orten wie Cafés oder Gemeindezentren. Die folgende Tabelle A.3 zeigt die Zahl der geführten Interviews. Sie bilden die Grundlage für die Erkenntnisse der Studie. Tab. A.3 Verteilung der Interviews Land/Erhebungsgruppe Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syrische Flüchtlinge im Libanon Tunesien Gesamt Zahl der geführten Interviews(brutto) 1.139 1.039 811 1.000 1.000 1.069 1.002 999 998 9.057 Zahl der Interviews (netto) 1.130 1.038 808 1.000 1.000 1.065 1.001 999 998 9.039 Insgesamt lagen für die Hauptgruppen der Studie Daten aus 9.057 Interviews vor(Bruttozahl). Aufgrund von Inkohärenzen oder fehlenden Angaben wurden 18 Interviews gelöscht. Die Nettozahl beläuft sich damit auf 9.039 Interviews. In den meisten Ländern beziehungsweise Erhebungsgruppen konnte die Zielvorgabe von 1.000 Interviews(netto) erreicht werden. In Tunesien und der Zielgruppe der syrischen Flüchtlinge im Libanon wurde die Planzahl nur um ein bzw. zwei Interviews verfehlt. Aufgrund der eskalierenden Waffengewalt und des Krieges im Jemen konnten dort nur 808 Interviews geführt werden. Anhang · Methodik 385 5 Datenerhebung, Prüfung und Gewichtung Alle erhobenen Daten wurden in der CAPI-Datenbank bei TNS Marokko und dem Subunternehmer des Instituts zentral gespeichert. Die per PAPI oder CATI erhobenen Daten wurden von den lokalen Instituten manuell ins CAPI-Programm eingegeben. Die automatische Plausibilitätsprüfung im CAPI-System kann gründliche Datenchecks und Datenbereinigungen im Nachgang allerdings nicht ersetzen. Zum einen lassen sich nicht alle theoretisch möglichen Konsistenzund Plausibilitätsprüfungen ins CAPI-System implementieren, da das Interview sonst überfrachtet würde. Zum anderen steigt mit zunehmender Komplexität des Fragebogens auch die Fehleranfälligkeit des Systems. In den Ländern, die mit PAPI oder CATI statt CAPI arbeiteten, war eine nachträgliche, gründliche Datenprüfung noch wichtiger. Kantar Public führte während des Feldprojekts mit vorläufigen Datensätzen via Excel- und SPSS-Syntax(Statistikprogramm) einen Datencheck durch. Die finale Prüfung erfolgte ebenfalls durch Kantar Public sowie parallel dazu durch die Universität Leipzig. Fehlerkorrekturen wurden durch Kantar Public vorgenommen. Da der endgültige Datensatz alle Länder umfasste, wurde die Prüfsyntax für alle Länder in gleicher Weise implementiert. Für jede Variable wurde ein Satz oder eine Bandbreite akzeptabler Werte festgelegt und jeder aufgezeichnete Wert wurde getrennt von den übrigen Daten auf Validität geprüft. Dies umfasste auch eine Prüfung auf fehlende Werte. Weitere Checks erfolgten mit Blick auf die Filter, das heißt mit Blick darauf, ob eine bestimmte Frage entsprechend der Routine des Fragebogens beantwortet werden musste oder nicht. Bei Zufallsstichproben sind strukturelle Differenzen innerhalb der Ergebnisse nicht ungewöhnlich. Um zu gewährleisten, dass die finale Struktur des Samples der Struktur der Grundgesamtheit entspricht, wurden Unterschiede durch faktorielle Gewichtung beseitigt. Zur Korrektur solcher strukturellen Differenzen mussten Gewichtungsfaktoren anhand von Vergleichen zwischen der Struktur des Samples und der Struktur der untersuchten Gesamtpopulation bestimmt werden. Für alle Zielgruppen wurden die Erhebungsdaten mit Blick auf die folgenden verfügbaren Strukturvariablen gewichtet(UN 2015, CIO 2015): Alter(drei Gruppen: 16 bis 20, 21 bis 25, 26 bis 30 Jahre), Geschlecht und Region. Die Gewichtung wurde iterativ durch den Vergleich der tatsächlichen 386 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel Verteilung mit der Zielstruktur ermittelt. Dieser Prozess wurde so lange wiederholt, bis eine annähernde Idealverteilung der drei Strukturvariablen erreicht war und keine weitere Verbesserung mehr erzielt werden konnte. Mit diesem Verfahren wird gewährleistet, dass in einem früheren Schritt verursachte Abweichungen in den folgenden Schritten korrigiert werden. Am Ende des iterativen Prozesses stehen Gewichtungsfaktoren für jede einzelne befragte Person. Die beschriebenen Schritte bei der Gewichtung erfolgten auf Länderbasis. Anders als bei den Länderstudien wurden die Erhebungsdaten für die Zielgruppe der syrischen Flüchtlinge nur hinsichtlich des Geschlechts gewichtet, da für diese Population keine weiteren statistischen Angaben vorlagen. 2 Der Gewichtungsprozess soll am Beispiel Ägypten mit 1.130 Interviews beschrieben werden: In einem ersten Schritt wurde die tatsächliche Verteilung der Altersgruppen mit der Zielverteilung dieser Gruppen verglichen: • Gruppe 1 (16 bis 20 Jahre): real: 34,9 Prozent, Ziel: 32,6 Prozent. • Gruppe 2 (21 bis 25 Jahre): real: 36,7 Prozent; Ziel: 34,7 Prozent. • Gruppe 3 (26 bis 30 Jahre): real: 28,4 Prozent, Ziel: 32,7 Prozent. Entsprechend wurden die Befragten der Gruppe 1 mit 0,94 gewichtet, Gruppe 2 mit 0,95 und Gruppe 3 mit 1,15. Aufgrund der Tatsache, dass die Zahl der Interviews pro Erhebung auf 1.000 heruntergerechnet wurde, erhielten die drei Gruppen folgende reduzierte Startgewichtung: 0,83, 0,84 und 1,02. Im zweiten Schritt wurde die Strukturvariable»Geschlecht« betrachtet: • Gruppe 1 (Männer): real 47,1 Prozent, Ziel 51,1 Prozent. • Gruppe 2 (Frauen): real 52,9 Prozent, Ziel 48,9 Prozent. 2 Im letzten Schritt erfolgte die Anpassung der Regionen. Für Ägypten wurden insgesamt elf Regionen festgelegt(vgl. Tab. A.2). 2 Ohne Startgewichtung für das Alter hätte die Geschlechtergewichtung 47,3 Prozent zu 52,7 Prozent betragen. Anhang · Methodik 387 Wird eine Strukturvariable angepasst, ändern sich auch die übrigen Strukturvariablen, was zu einer Verschlechterung ihrer Zielverteilung führt. Daher wurde der Iterationsprozess fortgesetzt, bis die letzte Zielzahl erreicht war. Die Zahl der durchzuführenden iterativen Zyklen hängt in hohem Maß von der Qualität des Samples ab. Im hier gewählten Beispiel waren nur drei Durchgänge erforderlich, was für die Qualität der Stichprobe spricht. Die Fallgewichte für die einzelnen Erhebungen betragen zwischen 0,349 und 2,500. Die Details für die jeweiligen Länder sind in Tabelle A.4 zusammengestellt: Tab. A.4 Zielgruppen und Fallgewichtung Land/Erhebungsgruppe Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syrische Flüchtlinge im Libanon Tunesien Gesamt Fallgewichtung(min.–max.) 0,571–2,080 0,700–1,210 0,400–2,500 0,349–2,500 0,707–1,397 0,517–2,379 0,763–1,596 1,001–1,001 0,474–1,803 0,349–2,500 In einem letzten Gewichtungsschritt wurden alle nationalen Samples an Nettosamples mit 1.000 Interviews angepasst. Daher hat beim Gesamtergebnis über alle neun Zielgruppen jede Gruppe das gleiche Gewicht (unabhängig von der Einwohnerzahl des jeweiligen Landes oder anderen Faktoren). Mit Ausnahme der Datenquellen für die syrischen Flüchtlinge im Libanon erfolgte die Gewichtung der Faktoren Geschlecht und Alter für alle Länder weitgehend auf der Grundlage von UN-Statistiken(UN 2015). In Bahrain wurden ergänzend offizielle nationale Daten(CIO 2015) herangezogen. Die regionale Gewichtung erfolgte auf Grundlage der von den nationalen Institutionen zusammen mit den Informationen zu den Stichproben übermittelten statistischen Angaben über die regionale Verteilung der jeweiligen Bevölkerung. 388 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel 6 Qualitative Interviews So wichtig die Erkenntnisse quantitativer Erhebungen auch sind: Nicht alle Aspekte des Alltagslebens lassen sich in Zahlen erfassen. Qualitative Forschung hilft, die Ergebnisse zu vertiefen und erlaubt kontextuelle Erklärungen. Daher wurden qualitative Interviews bereits sehr früh in das Forschungsdesign aufgenommen. Der Interviewleitfaden für die qualitativen Interviews entsprach thematisch der quantitativen Erhebung: (1) Chancen für Jugendliche und Politik; (2) Familie, Vertrauen und Generationengerechtigkeit; (3) Der Arabische Frühling; (4) Internationale Politik. Er wurde von Mitgliedern des Wissenschaftlichen Beirats entworfen, entwickelt und koordiniert. Für die Auswahl der zu Befragenden wurden folgende Quoten festgelegt: • männlich/weiblich: 50/50; • Großstadt/Kleinstadt/Ländlicher Raum: 33/33/33; • Grundschulbildung/Weiterführende Bildung/Höhere Bildung: 30/40/30. Die Interviewer und Interviewerinnen wurden von den lokalen Instituten rekrutiert, die auch die quantitative Erhebung durchgeführt hatten. In jedem Land/jeder Erhebungsgruppe wurden Ende 2016 und Anfang 2017 mindestens zehn qualitative Interviews durchgeführt. Tab. A.5 Qualitative Interviews Land/Erhebungsgruppe Ägypten Bahrain Jemen Jordanien Libanon Marokko Palästina Syrische Flüchtlinge im Libanon Tunesien Zeitraum der qualitativen Interviews 22. bis 26. Dezember 2016 21. Dezember 2016 bis 7. Januar 2017 20. Dezember 2016 bis 12. Januar 2017 17. Dezember 2016 bis 11. Januar 2017 17. Dezember 2016 bis 10. Januar 2017 8. bis 16. Dezember 2016 8. bis 21. Dezember 2016 23. Dezember 2016 bis 10. Januar 2017 1. bis 10. Januar 2017 Anhang · Methodik 389 Die Interviews wurden als Audiodateien mit arabischer Transkription und englischer Übersetzung eingeliefert und allen Autoren und Autorinnen der vorliegenden Studie zur Verfügung gestellt. 390 Thorsten Spengler · Helmut Dietrich · David Kreuer · Jörg Gertel Fragebogen 1 Vorbemerkung D er Fragebogen wurde aufgrund der internationalen Zusammensetzung des wissenschaftlichen Beirates der vorliegenden Studie zunächst in englischer Sprache entwickelt. Die fertige englische Fassung wurde dann in die arabische Sprache(Hocharabisch) übersetzt. Diese hocharabische Version wurde anschließend von den nationalen Instituten an den jeweiligen arabischen Dialekt angepasst, in dem die Befragungen de facto durchgeführt wurden. Die hier vorliegende deutsche Version – eine Übersetzung der englischen Fassung – wurde daher ebenso wie die englische Version nicht im Feld eingesetzt. Auf die Wiedergabe von Filtern und Sprüngen sowie die Kennzeichnung von Mehrfachantworten wurde verzichtet. Zu beachten ist, dass die Autoren gelegentlich an einigen wenigen Stellen andere Übersetzungen in ihren Beiträgen verwenden, etwa wenn sie näher am arabischen Original sind als in der vorliegenden deutschen Version des Fragebogens angegeben. Diese dient allein der besseren Orientierung der Leserinnen und Leser. 1 Interviewer: Land der Feldforschung(Bitte ankreuzen) Marokko Jordanien Tunesien Palästina Ägypten Libanon Jemen Bahrain Syrische Flüchtlinge(im Libanon) 2 Bitte nenne mir Deine Staatsangehörigkeit Marokkanisch Jordanisch Tunesisch Palästinensisch Ägyptisch Libanesisch Jemenitisch Bahrainisch Syrisch Staatenlos Andere 3 Interviewer: Bitte Geschlecht notieren Männlich Weiblich 4 Verrätst Du mir Dein Geburtsjahr? 5 Interviewer: Einordnung des Wohnumfelds/Milieus Flüchtlingslager Kleinstadt 20.001–100.000 Kleines Dorf< 50 Mittelstadt 100.001–500.000 Dorf 50–1.000 Großstadt> 500.000 Ländliches Zentrum 1.001–20.000 Anhang · Fragebogen 391 6 Interviewer: Region der Feldforschung 7 Interviewer: Raum der Feldforschung Städtisch Ländlich 8 Interviewer: Bitte nennen Sie den Sampling Point 9 Unter Berücksichtigung Deiner aktuellen persönlichen Lage in allen Aspekten(Schule/ Arbeit, Familie, wirtschaftliche Lage, politischer Wandel, zukünftige Entwicklung etc.): Fühlst Du Dich eher sicher oder eher unsicher? – Bitte bewerte Deine Situation auf einer Skala von 1(überhaupt nicht sicher) bis 10(völlig sicher) 1 Überhaupt 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Völlig nicht sicher sicher Persönliche Lage 10 Bitte spezifiziere die einzelnen Bereiche: Ich fühle mich sicher/unsicher in folgenden Bereichen: Bitte bewerte die Lage auf einer Skala von 1(überhaupt nicht sicher) bis 10(völlig sicher) 1 Überhaupt 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Völlig nicht sicher sicher Wirtschaftliche Lage Gesundheit Gefühle Gefährdung durch Gewalt Zugang zu Nahrung Zukunft meiner Familie Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Konflikts Berufliche Karriere 11 Verstehst Du Dich als Jugendlicher oder ordnest Du Dich den Erwachsenen zu? Jugendlicher Erwachsener PERSÖNLICHE LAGE 12 Bitte nenne mir Dein Geburtsland Marokko Libanon Tunesien Jemen Ägypten Bahrain Jordanien Saudi Arabien Palästina Syrien 13 Geschwisterfolge: Bist Du …? Einzelkind Ältestes Kind 14 Familienstand: Bist Du …? Ledig Libyen Irak Anderes Mittleres Kind Geschieden Jüngstes Kind 392 Jörg Gertel Verlobt Verheiratet Verwitwet 15 Wie ist Deine aktuelle Wohnsituation? Ich lebe bei meinen Eltern(im gleichen Haushalt) Ich lebe in einem Haus mit meinen Eltern(habe jedoch meinen eigenen Haushalt) Ich lebe mit meiner Familie/meinem Partner zusammen(ohne Eltern) Ich lebe allein Ich lebe in einer Wohngemeinschaft Andere 16 Wie viele Personen leben in Deinem Haushalt(einschließlich Dir selbst)? ___ 17 Darunter: Wie viele Personen(einschließlich Dir selbst) sind zwischen 16 und 65 Jahre alt? ___ 18 Wer von den Personen, mit denen Du zusammenlebst, ist der Haushaltsvorstand? Ich selbst Meine Mutter Mein Mann/Meine Frau Niemand Mein Vater Eine andere Person 19 Wer kümmert sich um die Alltagsangelegenheiten in Deinem Haushalt? Ich selbst Meine Mutter Mein Mann/Meine Frau Eine andere Person Mein Vater 20 Wie bewertest Du die aktuelle wirtschaftliche Lage Deiner Familie? Sehr gut Eher gut Eher schlecht Sehr schlecht 21 Wie bewertest Du rückblickend die wirtschaftliche Lage Deiner Familie im Jahr 2010? Sehr gut Eher gut Eher schlecht Sehr schlecht Weiß nicht 22 Was ist/sind Deine Muttersprache/n? Umgangssprachliches Arabisch(’amiya, Darija) Spanisch Amazigh Englisch Kurdisch Deutsch Französisch Armenisch Syrisch(Siryaniya) Nobiin(Nubiyya) Andere 23 Welche andere/n Sprache/n sprichst Du fließend? Umgangssprachliches Arabisch(’amiya, Darija) Spanisch Hocharabisch Englisch Amazigh Deutsch Kurdisch Armenisch Nobiin(Nubiyya) Andere Keine andere Sprache Anhang · Fragebogen 393 Französisch Syrisch(Siryaniya) 24 Studierst Du? Ja Nein 25 Gehst Du zur…? Schule Universität Berufsausbildung Ausbildung unterbrochen (Flüchtling etc.) 26 Wie viele Jahre bist Du zur Schule gegangen(ohne Vorschule und Universität)? Bitte nenne die Gesamtzahl der Jahre(maximal: bis zum Abitur). ___ 27 Höchster erreichter Abschluss Analphabet Kann lesen und schreiben, ohne formelle Bildung Grundschule Weiterführende Schule/Realschule Abitur/Baccalaureate/A-Levels/ tawjihi Berufsausbildung Universitätsabschluss, Akademischer Grad (MA, BA) Promotion ELTERN Vater 28 Lebt Dein Vater noch? Ja Nein Weiß nicht 29 Wie alt ist Dein Vater?(Jahre) _____ Weiß nicht 30 Was ist/war das Bildungsniveau Deines Vaters?(höchster Abschluss) Analphabet Abitur/Baccalaureate/A-levels/ tawjihi Kann lesen und schreiben, ohne formelle Bildung Universitätsabschluss, Akademischer Grad (MA, BA) Grundschule Promotion Weiterführende Schule/Realschule Weiß nicht 31 Welche Beruf(e) übt(e) Dein Vater aus?(Bitte ankreuzen) Beamter/Angestellter im Staatsdienst Angestellter(mit Versicherung) Arbeitnehmer(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfänger in einem Familienunternehmen Selbstständig mit höherem Bildungsabschluss(Arzt, Rechtsanwalt etc.) Selbstständig ohne höheren Bildungsabschluss, mit beruflicher Qualifikation(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft 394 Jörg Gertel Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiter(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Erwerbslos Unbezahlte Arbeit Rentner Andere 32 Was war/ist seine Hauptbeschäftigung?(Längstes Arbeitsverhältnis) Beamter/Angestellter im Staatsdienst Angestellter(mit Versicherung) Arbeitnehmer(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfänger in einem Familienunternehmen Selbstständig mit höherem Bildungsabschluss(Arzt, Rechtsanwalt etc.) Selbstständig ohne höheren Bildungsabschluss, mit beruflicher Qualifikation(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiter(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Erwerbslos Unbezahlte Arbeit Rentner Andere 33 Zur Hauptbeschäftigung Deines Vaters: Bitte nenne … Arbeitsstunden pro Tag___ Weiß nicht Arbeitstage pro Woche___ Weiß nicht Arbeitswochen pro Monat___ Weiß nicht Arbeitsmonate pro Jahr___ Weiß nicht 34 Gehaltszahlung im Hauptberuf: Erhält Dein Vater … Tagesgehalt Vierzehntägiges Gehalt Saisongehalt Wochengehalt Monatsgehalt Bezahlung pro Auftrag Weiß nicht Kein Gehalt 35 Falls erwerbstätig: Wie viel verdient Dein Vater? Pro Tag/Woche/Monat/Saison/Auftrag Pro Tag_______________ Pro Monat_______________ Pro Woche_______________ Pro Saison(Gesamtsumme im vergangenen Jahr) _______________ Pro vierzehn Tage_______________ Pro Auftrag(Gesamtsumme im vergangenen Jahr) _______________ 36 Bezieht Dein Vater eine Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall? Ja Nein Weiß nicht Mutter 37 Lebt Deine Mutter noch? Ja Nein Weiß nicht Anhang · Fragebogen 395 38 Wie alt ist Deine Mutter(Jahre)? _____ Weiß nicht 39 Was ist/war das Bildungsniveau Deiner Mutter?(höchster Abschluss): Analphabetin Abitur/Baccalaureate/A-levels/ tawjihi Kann lesen und schreiben, ohne formelle Bildung Universitätsabschluss, Akademischer Grad(BA, MA) Grundschule Promotion Weiterführende Bildung/Realschule Weiß nicht 40 Welche(n) Beruf(e) übt(e) Deine Mutter aus?(Bitte ankreuzen) Beamtin/Angestellte im Staatsdienst Angestellte(mit Versicherung) Arbeitnehmerin(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfängerin in einem Familienunternehmen Selbstständig mit höherem Bildungsabschluss(Ärztin, Rechtsanwältin etc.) Selbstständig ohne höheren Bildungsabschluss, mit beruflicher Qualifikation(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiterin(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Erwerbslos Unbezahlte Arbeit(z. B. Hausfrau) Rentnerin Andere 41 Was war/ist ihre Hauptbeschäftigung?(Längstes Arbeitsverhältnis) Beamtin/Angestellte im Staatsdienst Angestellte(mit Versicherung) Arbeitnehmerin(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfängerin in einem Familienunternehmen Selbstständig mit höherem Bildungsabschluss(Ärztin, Rechtsanwältin etc.) Selbstständig ohne höheren Bildungsabschluss, mit beruflicher Qualifikation(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiterin(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Erwerbslos Unbezahlte Arbeit(z. B. Hausfrau) Rentnerin Andere 42 Zur Hauptbeschäftigung Deiner Mutter: Bitte nenne … Arbeitsstunden pro Tag___ Weiß nicht Arbeitstage pro Woche___ Weiß nicht Arbeitswochen pro Monat___ Weiß nicht Arbeitsmonate pro Jahr___ Weiß nicht 396 Jörg Gertel 43 Gehaltszahlung im Hauptberuf: Erhält Deine Mutter … Tagesgehalt Vierzehntägiges Gehalt Saisongehalt Wochengehalt Monatsgehalt Bezahlung pro Auftrag Weiß nicht Kein Gehalt 44 Falls erwerbstätig: Wie viel verdient Deine Mutter? Pro Tag/Woche/Monat/Saison/Auftrag Pro Tag_______________ Pro Monat_______________ Pro Woche_______________ Pro Saison(Gesamtsumme im vergangenen Jahr) _______________ Pro vierzehn Tage_______________ Pro Auftrag(Gesamtsumme im vergangenen Jahr) _______________ 45 Bezieht Deine Mutter eine Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall? Ja Nein Weiß nicht 46 Siehst Du Dich als der Arbeiterklasse zugehörig? Ja Nein Nicht zutreffend Weiß nicht 47 Klasseneinordnung Deiner Familie: Wie würdest Du Deine Familie einordnen? Wohlhabend Obere Mittelschicht Untere Mittelschicht Arm Völlig mittellos/Bedürftig WOHNSITUATION 48 In welchem Wohnumfeld lebst Du? Sozialwohnungen Informelle Siedlung Privater Wohnbau Flüchtlingslager 49 Informelle Siedlung Informelles Grundstück Illegaler Wohnungsbau Provisorische Unterkunft/Ruine 50 In welchem Gebäudetyp lebst Du? Villa Einfamilienhaus Reihenhaus Wohnung Informelle/provisorische Unterkunft Zelt Zimmer Andere 51 Seit wie vielen Jahren lebst Du in dieser Wohnsituation? _____ 52 Bist Du/Ist Dein Haushaltsvorstand …? Mieter Eigentümer Deiner Unterkunft Mietfrei in einer von einem Unternehmen, einer Institution oder einer anderen Person gestellten Unterkunft lebend Anhang · Fragebogen 397 Andere 53 Habt ihr das Haus/die Wohnung …? Geerbt Gekauft Selbst gebaut 54 Hast Du ein eigenes Zimmer? Ja Nein Keine Angabe 55 Welche der im Folgenden genannten Dinge stehen in Deinem Haushalt zur Verfügung? Fließendes Wasser TV Klimaanlage Strom Satellitenempfang Moped, Motorrad WC Kühlschrank PKW/Kleintransporter/LKW/Traktor Separate Küche Computer/Laptop/Tablet Herd Internetzugang 56 Besitzt Dein Haushalt Nutztiere? Ja Nein 57 Wie viele Tiere besitzt Ihr? Schafe_____ Ziegen_____ Hühner_____ Kühe_____ Pferde_____ Esel_____ Maultiere Dromedare, Kamele Wasserbüffel Kaninchen Tauben Andere _____ _____ _____ _____ _____ _____ 58 Besitzt Deine Familie landwirtschaftliche Nutzflächen? Ja Nein 59 Wie viel landwirtschaftliche Nutzfläche besitzt sie? Bewässertes Land(m²)_______________ Regenfeldland( bour, etc.)(m²)_______________ Weiß nicht Weiß nicht 60 Produziert Deine Familie aktuell Lebensmittel zum eigenen Verzehr? Ja Nein 61 Wie groß ist der Anteil der selbst produzierten Lebensmittel an Euren Gesamtausgaben für Lebensmittel?(Grob geschätzt) in% 1 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 60 70 80 90 100 Weiß nicht Ausgaben für Lebensmittel ÖKONOMIE 62 Wie bewertest Du Deine persönliche wirtschaftliche Lage heute? Sehr gut Eher gut Eher schlecht Sehr schlecht 398 Jörg Gertel 63 Hast Du ein privates Bank- oder Postbankkonto? Ja Nein 64 Besitzt Du eine private Kreditkarte? Ja Nein 65 Hast Du selbst Geld zur Verfügung(Arbeitseinkommen, Zuwendungen Deiner Familie oder aus anderen Quellen)? Ja Nein 66 Wenn Du über kein eigenes Geld verfügst: Bist Du … Studierender Auszubildender oder Praktikant Vorübergehend erwerbslos(weniger als drei Monate) Langzeitarbeitslos(länger als drei Monate) Dauerhaft nicht berufstätig(zum Beispiel junge Eheleute, die nicht arbeiten dürfen) Rentner/Krank 67 Aus welchen Quellen beziehst Du Einnahmen? Familie Berufstätigkeit Stipendium Andere 68 Wenn Du ausschließlich von Deiner Familie finanziert wirst oder Transferzahlungen anderer Personen/Institutionen beziehst: Bist Du … Studierender Auszubildender oder Praktikant Vorübergehend erwerbslos(weniger als drei Monate) Langzeitarbeitslos(länger als drei Monate) Dauerhaft nicht berufstätig(zum Beispiel junge Eheleute, die nicht arbeiten dürfen) Rentner mit staatlichen Transferleistungen(z. B. wegen Behinderung) Rentner, ohne Einkommen(z. B. wegen Krankheit) Nicht zutreffend 69 Wenn Du ausschließlich von Deiner Familie oder aus anderen Quellen finanziert wirst (außer eigenem Arbeitseinkommen): Erhältst Du die Zahlungen … Regelmäßig Unregelmäßig 70 Schätze den Betrag, den Du durchschnittlich von Deiner Familie oder aus anderen Quellen(außer eigenem Arbeitseinkommen) erhältst: _______________ 71 Wenn Du erwerbstätig bist: Wie viele Beschäftigungsverhältnisse/Jobs hast Du aktuell? _______________ 72 Welche Beschäftigungsverhältnisse/Jobs hast Du? Beamter/Angestellter im Staatsdienst Angestellter(mit Versicherung) Arbeitnehmer(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfänger in einem Familienunternehmen Anhang · Fragebogen 399 Selbstständig mit höherer Bildung(Arzt, Rechtsanwalt etc.) Selbstständig ohne höhere Bildung(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiter(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Rentner Andere 73 Bitte nenne die Rangfolge dieser Beschäftigungsverhältnisse auf der Grundlage Deines Einkommens vom wichtigsten(1) bis zum unwichtigsten(3): 123 Beamter/Angestellter im Staatsdienst Angestellter(mit Versicherung) Arbeitnehmer(unversichert, aber fest angestellt/dauerhaft beschäftigt) Gehaltsempfänger in einem Familienunternehmen Selbstständig mit höherer Bildung(Arzt, Rechtsanwalt etc.) Selbstständig ohne höhere Bildung(Handel, Wirtschaft, Industrie etc.) Selbstständig in der Landwirtschaft Selbstständig im Dienstleistungssektor(dauerhaft berufstätig ohne regelmäßiges Einkommen) Hilfsarbeiter(nicht regelmäßig beschäftigt, ohne regelmäßiges Einkommen) Rentner Andere Zu Beschäftigung 1: Bitte gib an: 74 Arbeitsstunden pro Tag Arbeitstage pro Woche Arbeitswochen pro Monat Arbeitsmonate pro Jahr ____________ _______________ _______________ _______________ Zu Beschäftigung 2: Bitte gib an: Arbeitsstunden pro Tag Arbeitstage pro Woche Arbeitswochen pro Monat Arbeitsmonate pro Jahr _______________ _______________ _______________ _______________ Zu Beschäftigung 3: Bitte gib an: Arbeitsstunden pro Tag Arbeitstage pro Woche Arbeitswochen pro Monat Arbeitsmonate pro Jahr _______________ _______________ _______________ _______________ 75 Wie viel verdienst Du pro Beschäftigung? Beschäftigung 1: Tag_______________ Monat_______________ Woche_______________ Auftrag_______________ Pro vierzehn Tage_______________ 400 Jörg Gertel Wie viel verdienst Du pro Beschäftigung? Beschäftigung 2: Tag_______________ Monat_______________ Woche_______________ Auftrag_______________ Pro vierzehn Tage_______________ Wie viel verdienst Du pro Beschäftigung? Beschäftigung 3: Tag_______________ Monat_______________ Woche_______________ Auftrag_______________ Pro vierzehn Tage_______________ 76 Beziehst Du eine Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall?(Bitte pro Beschäftigung beantworten) Ja Nein Job 1 Job 2 Job 3 77 Wie hast Du Deine Hauptbeschäftigung gefunden? Information durch Freunde Durch einen privaten Arbeitsvermittler Via Internet Information durch öffentliche Stelle(Arbeitsamt) Information durch ein Familienmitglied Andere Stellenanzeige Beschäftigung 1 78 Warum hast Du diese Arbeit angenommen? Ich hatte keine Wahl Ich kann nichts anderes Es ist eine sichere Stelle Das Unternehmen gehört meiner Familie Mein Chef kommt aus der gleichen Gegend wie ich Die Bezahlung ist gut Die Arbeit genießt gesellschaftliches Ansehen Ich kann mit Freunden und Kollegen zusammen sein Ich kann viel lernen Ich kann Karriere machen 79 Magst Du Deine Arbeit? Überhaupt nicht Etwas Teils, teils Sehr Absolut Stimmt Stimmt teilweise Stimmt nicht Anhang · Fragebogen 401 80 Unterstützt Du Deine Eltern finanziell? Falls ja, regelmäßig oder unregelmäßig? Ich unterstütze meine Eltern nicht finanziell Ich unterstütze meine Eltern unregelmäßig Ich unterstütze meine Eltern regelmäßig 81 Mit wie viel Geld unterstützt Du Deine Eltern monatlich? _______________ 82 Wie sähe eine befriedigende Arbeitssituation/Tätigkeit für Dich aus? Wie wichtig ist Dir … 1 Überhaupt 2 Eher un- 3 Weder– 4 Eher 5 Sehr Weiß nicht wichtig wichtig noch wichtig wichtig nicht Gutes Einkommen Karrierechancen Sicherer Arbeitsplatz Kontakte zu vielen Menschen Das Gefühl, etwas zu erreichen Das Gefühl, akzeptiert zu werden Die Möglichkeit, anderen zu helfen Die Möglichkeit, eigene Ideen zu realisieren Etwas Nützliches für die Gesellschaft tun Etwas Sinnvolles tun Ein Job, der mir genug Freizeit lässt 83 Wie zuversichtlich bist Du, dass Deine Wünsche hinsichtlich Deiner Arbeit in Erfüllung gehen? Sehr pessimistisch Eher skeptisch Eher zuversichtlich Absolut sicher Nicht zutreffend 84 Kannst Du Deine maximale Leistung im Studium, in Deiner Arbeit oder in Deinem Alltag abrufen? Was beschreibt Deine Situation am besten? Ich leiste durchgängig weniger als ich kann und fühle mich krank Ich leiste durchgängig weniger als ich kann Ich leiste weniger als ich kann Bei mir ist das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit ausgeglichen Ich fühle mich gestresst Ich fühle mich ständig gestresst Ich bin ständig gestresst und fühle mich krank Keine Angabe 85 Bist Du in der Lage zu sparen? Ja Nein 402 Jörg Gertel 86 Wie viel sparst Du durchschnittlich pro Monat? _________ 87 Warum/Wofür sparst Du?(Hauptgrund) Aus Sicherheitsgründen/ Für den Notfall Für die Mitgift Um ein Haus zu bauen oder zu kaufen Für meine Kinder Für meine Rente Um auszuwandern Andere 88 Hast Du Schulden entweder bei Institutionen(zum Beispiel Banken) oder privat? Ja Nein 89 Bei wie vielen Institutionen(z. B. Banken) oder Personen hast Du Schulden? Institutionen(z. B. Banken)___ Personen___ 90 Wie hoch ist Deine Verschuldung? Gering(weniger als ein Monatsetat) Mittel(zwischen einem und sechs Monatsetats) Hoch(mehr als sechs Monatsetats) 91 Warst Du je Mitglied in einem rotierenden Sparverein(ROSCA)? Ja Nein 92 In welchem Jahr warst Du zuletzt an einer ROSCA beteiligt? _______ 93 Wie viele Mitglieder hatte die ROSCA(einschließlich Dir selbst)? ___ 94 Wie viel Geld investierst Du selbst monatlich in die ROSCA? _________ 95 Bist Du krankenversichert? Ja Nein Weiß nicht/Keine Angabe 96 Ist diese Versicherung …? Privat Staatlich Weiß nicht 97 Bitte nenne die vier Dinge, für die Du am meisten Geld ausgibst. Weizen und Brot Internet Musik Lebensmittel(Öl, Zucker, etc.) Video- und Onlinespiele Mit Freunden ausgehen Lokale Snacks Schuldendienst/ Raten Wasser/Strom McDonald’s, Pizza Hut, KFC Transport/Reisen Miete Kleidung Zigaretten Gasflaschen(Kochen) Mobiltelefon Medikamente Versicherung Studium Kosmetik Andere Anhang · Fragebogen 403 98 Wie wichtig ist Dir und Deiner Familie billiges Brot? Sehr wichtig Wichtig Unwichtig 99 Kauft oder backt Deine Familie Brot? Kauft Backt Kauft und backt 100 Musstest Du jemals Schlange stehen, um Brot zu bekommen(außerhalb des Ramadan)? Ja Nein 101 War das … Vor 2010 Nach 2010 Sowohl vor als auch nach 2010 102 Geschah das … Regelmäßig Oft Gelegentlich Selten 103 Wie viele Stunden wartetest Du durchschnittlich pro Woche? _____ 104 Habt Ihr eine Lebensmittelkarte? Ja Nein 105 Wie wichtig ist die Lebensmittelkarte für Dich und Deine Familie? Sehr wichtig Wichtig Nicht wichtig 106 Eure Lebensmittel kauft Ihr … Auf dem Wochenmarkt Beim Straßenhändler(stationär) Beim mobilen Händler(vom Wagen) Am Stand auf dem Nachbarschaftsmarkt Beim Lebensmittelhändler Beim Metzger In der Bäckerei Im Supermarkt(SB) Im Hypermarkt Beim Großhändler In Shopping Malls Andere 107 Wie häufig besuchst Du die jeweiligen Geschäfte für den Lebensmitteleinkauf? Täg- Jeden Zwei Mal Wöchent- Monat- Seltener als einlich zweiten Tag wöchentlich lich lich mal im Monat Wochenmarkt Straßenhändler(stationär) Mobiler Händler(mit Wagen) Marktstand Lebensmittelhändler Metzgerei Bäckerei Supermarkt(SB) Hypermarkt Großhändler Mall 404 Jörg Gertel 108 Viele Lebensmittel werden außerhalb der arabischen Welt produziert. Wie wichtig ist Dir, dass alle Produkte halal sind? Sehr wichtig Wichtig Nicht wichtig 109 Hast Du jemals bewusst ein als halal gekennzeichnetes Produkt(Lebensmittel, Kosmetika) gekauft? Was war das für ein Produkt? Kosmetika Fleisch Keins Fertiggerichte Andere Weiß nicht ÖFFENTLICHER RAUM 110 Wie wichtig ist für Dein Leben … 10 1 Überhaupt nicht wichtig 2 3 4 5 6 7 8 9 Absolut wichtig Gewaltfreiheit Sicherung der Grundbedürfnisse Grundrechte für Minderheiten Meinungs- und Redefreiheit Versammlungsfreiheit Politische Wahlfreiheit Freizügigkeit, Reisefreiheit 111 Bitte nenne die drei wichtigsten Rechte in ihrer Rangfolge(1= wichtigstes Recht). 1 2 3 Gewaltfreiheit Sicherung der Grundbedürfnisse Grundrechte für Minderheiten Meinungs- und Redefreiheit Versammlungsfreiheit Politische Wahlfreiheit Freizügigkeit, Reisefreiheit 112 Gewährleistet der Staat Dir, was Du hinsichtlich dieser drei Rechte brauchst? Ja Nein Gewaltfreiheit Sicherung der Grundbedürfnisse Grundrechte für Minderheiten Meinungs- und Redefreiheit Versammlungsfreiheit Politische Wahlfreiheit Freizügigkeit, Reisefreiheit 113 Wenn Du Dich in der Welt umschaust: Welches politische System wünschst Du Dir? Einen starken Mann an der Spitze des Staates Ein demokratisches System Eine starke Frau an der Spitze des Staates Ein demokratisch-islamisches System Anhang · Fragebogen 405 Einen religiösen Staat auf der Grundlage der Scharia Ein sozialistisches System Ein sozialistisch-islamisches System Ein System ohne Nationalstaaten Andere Weiß nicht 114 Hast Du Vertrauen in folgende Institutionen? Öffentliches Gesundheitswesen Bildungswesen Medien Familie Vereinte Nationen Polizei Regierung Gewerkschaften Parlament Zawiya(Religionsschule, Sufi-Orden) Menschenrechtsorganisationen(NGOs) Nachbarschaftsvereine Stamm Parteien Religiöse Organisationen Rechtssystem und Gerichte Militär Milizen(bewaffnete Gruppen) Kein Vertrauen Begrenztes Vertrauen Vertrauen Weiß nicht 115 Sollte der Staat eine größere oder kleinere Rolle im Alltag spielen, oder bist Du mit dem Status quo zufrieden? Größere Rolle Zufrieden Kleinere Rolle 116 Falls der Staat eine größere Rolle spielen soll: In welchen Bereichen sollte er stärker präsent sein? Soziale Sicherheit Überwachung Transparenz Andere 117 Falls der Staat eine kleinere Rolle spielen soll: In welchen Bereichen sollte er weniger präsent sein? Soziale Sicherheit Überwachung Transparenz Andere 118 Mit welchem Begriff beschreibst Du die Ereignisse in der MENA-Region seit Ende 2010/ Anfang 2011? Arabischer Frühling Erhebung Volksbewegung( haraka sha’biyya) Revolution Bürgerkrieg Andere Aufstand Ausländische Intervention Keine Angabe Unruhen Putsch( inqilab) Rebellion Anarchie( fawda) 406 Jörg Gertel 119 Wie bewertest Du die folgenden Aussagen mit Blick auf diese Ereignisse? Stimme nicht zu Stimme Stimme zu Weiß nicht teilweise zu Die Ereignisse haben nichts geändert Die Ereignisse dauern an Die Jugend setzte die Ereignisse in Gang. Dann übernahmen andere das Kommando Die Ereignisse haben die Jugend der Welt vereint Die Ereignisse waren sehr wichtig für mich Die säkulare Jugend machte die Ereignisse möglich Die Muslimbruderschaft machte die Ereignisse möglich Die Islamisten wurden durch die Ereignisse gestärkt Die Ereignisse haben mein Leben verändert Dank der Ereignisse geht es uns heute besser Die Ereignisse förderten die islamische Solidarität Die Ereignisse haben die säkularen Kräfte gestärkt Die Ereignisse brachten die Araber einander näher Die Ereignisse führten zu massiver Gewalt Internationale Akteure unterstützten die arabischen Regimes viel zu lang Externe Akteure lösten die Ereignisse aus Internationale Akteure waren seit langem bemüht, die arabischen Regimes zu Fall zu bringen Die USA wollten die gesamte Region aufhetzen 120 Stimmst Du den folgenden Aussagen(eher/nicht) zu? 1 Stimme über2 3 4 5 6 7 8 9 10 Stimme ganz haupt nicht zu und gar zu Ich sehe mich als Bürger, der die gleichen Rechte hat wie andere Bürger In dieser Gesellschaft haben nicht alle die gleichen Rechte Ich fühle mich von der Gesellschaft ausgegrenzt Ich gehöre einer Minderheit an GESELLSCHAFT UND IDENTITÄT 121 Wie religiös bist Du, auf einer Skala von 1(überhaupt nicht religiös) bis 10(sehr religiös)? 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Keine Angabe Heute Vor fünf Jahren 122 Verrätst Du mir Deine Konfession? Muslimisch Jüdisch Christlich Andere Keine Keine Angabe Anhang · Fragebogen 407 123 Interviewer: Welche sichtbaren konfessionellen Zeichen trägt der/die Befragte? (Nicht fragen. Eintragung nach Augenschein.) Gebetsfleck Kreuz Kopftuch Kurze Djellaba(nur bei Männern) Niqâb(nur bei Frauen) Keine sichtbaren/erkennbaren Zeichen Tattoo Andere 124»Religion ist eine Privatangelegenheit, in die sich niemand einmischen sollte.« Stimmst Du dem zu? Ja Nein Ist mir egal 125 Sollte der Islam im Alltag eine größere oder kleinere Rolle spielen, oder bist Du mit dem Status Quo zufrieden?(Auto-Code»Nicht zutreffend« für Nichtmuslime.) Größere Rolle Ausreichend wie es ist Kleinere Rolle Keine Angabe Nicht zutreffend 126 Fühlst du dich verbunden mit …? 1 Gar 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Sehr Weiß nicht stark nicht Deiner nationalen Gemeinschaft Deiner Religionsgemeinschaft Der arabischen Nation Deinem Stamm Menschen aus Deiner Region Deiner Familie Jungen Menschen in aller Welt 127 Was ist Dir für Deine Zukunft am wichtigsten? Gute Ehe Guter Job Gute Freunde Gute familiäre Beziehungen 128 Fühlst Du Dich jungen Menschen in anderen Ländern, die ähnliche Interessen teilen, verbunden? Ja Nein Musikszene Fußball Andere Sportarten Menschenrechtsbewegung Mode Spiele Reisen Religiöse Gruppen Andere 408 Jörg Gertel 129 Gehörst Du einem festen Freundeskreis – einer Clique – an, die sich regelmäßig trifft und deren Mitglieder sich gut kennen? Ja Nein 130 Wie zufrieden bist Du mit Deinem Freundeskreis? Sehr zufrieden Zufrieden Teils, teils Unzufrieden Sehr unzufrieden 131 Jeder Mensch hat individuelle Ideen vom eigenen Leben, pflegt persönliche Einstellungen und Verhaltensformen. Wie wichtig sind Dir die folgenden Aspekte bei dem, was Du in Deinem Leben erreichen willst – auf einer Skala von 1= völlig unwichtig bis 10= absolut wichtig? 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Keine Angabe Achtung von Recht und Ordnung Erreichen eines hohen Lebensstandards Achtung der Regeln von Ehre und Schande Macht und Einfluss ausüben Entwicklung der eigenen Fantasie und Kreativität Mehr Sicherheit anstreben Handeln in Unabhängigkeit von Ratschlägen anderer Hilfe für die gesellschaftlich Ausgegrenzten und Marginalisierten Verfolgen der eigenen Agenda, auch gegen die Interessen anderer Fleiß, harte Arbeit, Ehrgeiz Toleranz gegenüber Meinungen, die ich nicht teile Politisches Engagement Eigene(selbstständige) Partnersuche Das Leben genießen, so gut es geht Tun, was die anderen tun Wahrung der Traditionen meines Heimatlandes Ein gutes Familienleben Stolz auf die Geschichte meines Landes Vermeidung von Verwestlichung Einen Partner/eine Partnerin haben, dem/der ich vertrauen kann Gute Freunde haben, die mich schätzen und akzeptieren Anhang · Fragebogen 409 In Verbindung sein mit anderen Menschen Ein gesundheitsbewusstes Leben führen Mich in meinen Entscheidungen von meinen Gefühlen leiten lassen Finanzielle Unabhängigkeit Umweltbewusstes Handeln(unter allen Umständen) An Gott glauben Verbreitung der Botschaft des Islam 132 An wen wendest Du Dich …? LeuPartFaFreun- Nachte InterReliStaatPrivate NieWeiß Anner/ mide barn Heinetplattgionsgeliche InsInitiatimannicht dere in lie matformen lehrte titutionen ven den ort Wenn Du Geld brauchst? Wenn Du Arbeit suchst? Wenn Du krank bist? Wenn Du persönliche Probleme hast? 133 Kann man nur in einer Familie ein glückliches Leben führen? Oder ist man ebenso glücklich oder sogar glücklicher allein? Man braucht eine Familie Man kann allein glücklich sein Allein ist man auf jeden Fall glücklicher Unsicher 134 Wie beschreibst Du die Beziehung zwischen Mann und Frau …? Harmonisch … In Deinem Land … In Deinem Wohnumfeld … In Deiner Familie Angespannt Weiß nicht 135 Ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden, eine/n Partner/in zu finden? Ja Nein Weiß nicht 136 Warum ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden, eine Partnerin zu finden? (Männer) Die Frauen erwarten mehr finanzielle Sicherheit Die Frauen akzeptieren die traditionellen Regeln nicht mehr 410 Jörg Gertel Die Frauen wollen neue Formen von Partnerschaft Die Frauen sind zu anspruchsvoll geworden Mangelndes Vertrauen Andere 137 Warum ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden, einen Partner zu finden?(Frauen) Die Männer sind zunehmend arm und können keine Familie ernähren Die Männer akzeptieren keine gebildeten Frauen Der moralische Standard der Männer sinkt Die Männer sind zu anspruchsvoll geworden Mangelndes Vertrauen Andere 138 Kann man nur mit Kindern ein glückliches Leben führen? Oder ist man ebenso glücklich oder sogar glücklicher ohne Kinder? Man braucht eigene Kinder Man kann ohne Kinder glücklich sein Man ist ohne Kinder eindeutig glücklicher Unsicher 139 Würdest Du Deine Kinder so erziehen/Erziehst Du Deine Kinder so, wie Deine Eltern Dich erzogen haben? Ganz genauso wie meine Eltern Ungefähr so wie meine Eltern Anders als meine Eltern Ganz anders als meine Eltern 140 Sprechen wir über Deine Zukunftsängste. Was macht Dir Angst? Große Ziemliche Etwas Überhaupt Das kann nicht Keine Angst Angst Angst keine Angst passieren Angabe Verlust des Arbeitsplatzes Verarmung Schwere Erkrankung Keine Freunde zu haben Aus politischen Gründen auswandern zu müssen Ledig zu bleiben Mich mit den Eltern dauerhaft zu überwerfen Weniger Erfolg im Leben zu haben als ich mir wünsche Einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen Drogenabhängig zu werden Aus wirtschaftlichen Gründen auswandern zu müssen Zunehmende Unsicherheit Bewaffnete Konflikte, die meine Familie bedrohen Anhang · Fragebogen 411 141 Welche Veränderungen gab es in den letzten fünf Jahren in Deinem Leben? Wie wichtig waren diese Veränderungen? Sehr unwichtig Unwichtig Teils, teils Wichtig Sehr wichtig Nicht zutreffend Veränderungen in der Familie Soziale Instabilität Arbeitsplatzverlust Lebensmittelknappheit Konfessionelle Konflikte Zunehmende Isolation von der Außenwelt Zunehmende Gewalt Klimawandel 142 Wie beschreibst Du die Beziehung zwischen der älteren und jüngeren Generation …? Harmonisch Angespannt Weiß nicht … In Deinem Land … In Deinem Wohnumfeld … In Deiner Familie 143 Wie wird sich die Generationenbeziehung in Zukunft entwickeln …? Land Wohnumfeld Sie wird sich verbessern Sie wird so bleiben Sie wird sich verschlechtern Weiß nicht Familie 144 Zur Vermögensverteilung zwischen den Generationen: Welcher der folgenden Aussagen stimmst Du am ehesten zu? Der Reichtum ist gleichmäßig zwischen Alten und Jungen verteilt Die jüngere Generation sollte ihre Ansprüche zugunsten der älteren zurückschrauben Die ältere Generation sollte ihre Ansprüche zugunsten der jüngeren zurückschrauben Weiß nicht KOMMUNIKATION 145 In welchem Jahr bekamst Du Dein erstes Mobiltelefon/Smartphone? 145a Mobiltelefon_______ Erinnere mich nicht Nie 145b Smartphone_______ Erinnere mich nicht Nie 146 Wie viele Mobiltelefone/Smartphones besitzt Du aktuell? Mobiltelefone__ Smartphones__ 147 Hast Du aktuell einen Mobilfunkvertrag oder nutzt Du Prepaidkarten? Vertrag Prepaid Beides 412 Jörg Gertel 148 Wie viel gibst Du pro Monat für Dein Handy aus? _______________ Weiß nicht 149 Nutzt Du das Internet? Ja Nein 150 In welchem Jahr hast Du begonnen, das Internet zu nutzen? _______________ Erinnere mich nicht 151 Wo benutzt Du das Internet? Zu Hause Am Arbeitsplatz Internetcafé(Cybercafé) In der Schule/Universität In Geschäften, Cafés, Restaurants usw. Überall, wo ich Netzzugang habe Andere 152 Mit welchem Gerät gehst Du in der Regel online? Handy/Smartphone Tablet/iPad Desktop PC Laptop Smart TV 153 Wie viele Stunden täglich bist Du online? ______ 154 Nutzt Du … Facebook Skype Blogs Twitter WhatsApp Viber Instagram Keines 155 Wozu nutzt Du soziale Netze wie Facebook, Blogs oder WhatsApp? Nie Selten Um Musik, Videos oder Bilder zu teilen Um Arbeit zu suchen Um Treffen mit meinen Freunden zu organisieren Um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben Für die Partnersuche Um über Politik zu diskutieren Um Freunde und andere Personen für Politik zu mobilisieren Für den aktiven Widerstand gegen bestimmte politische Positionen Um religiöse Angelegenheiten zu diskutieren Für den aktiver Widerstand gegen bestimmte religiöse Positionen Häufig Regelmäßig Anhang · Fragebogen 413 PARTIZIPATION 156 Interessierst Du Dich für Politik? Sehr interessiert Interessiert Etwas interessiert Nicht interessiert 157 Informierst Du Dich aktiv über Politik? Ja Nein 158 Welche Informationsquellen und Medien nutzt Du? Persönliches Gespräch Internet Zeitung Mobiltelefon TV Radio Andere 159 Wenn Dir etwas wichtig ist, und Du möchtest gehört werden oder politischen Einfluss nehmen: Welche der folgenden Möglichkeiten käme für Dich infrage/nicht infrage? Würdest Du … Keinesfalls Eher nicht Vielleicht Wahrscheinlich Sicher Keine Angabe An einer Demonstration teilnehmen Dich an einem Streik beteiligen Mitglied einer Partei werden Wählen gehen Dich via Internet oder Twitter über die Mitgliedschaft in einer bestehenden Gruppe informieren Andere via Internet zum Handeln aufrufen Den Kauf bestimmter Waren boykottieren Flugblätter verteilen Eine Onlinepetition unterzeichnen Dich in einem Verein engagieren Als Sprayer aktiv werden 160 Welche dieser Optionen hast Du bereits genutzt, oder woran hast Du Dich beteiligt? An einer Demonstration teilgenommen Flugblätter verteilt Dich an einem Streik beteiligt Eine Onlinepetition unterzeichnet Mitglied in einer Partei geworden Dich in einem Verein engagiert Wählen gegangen Als Sprayer aktiv geworden Dich via Internet oder Twitter über die Mitgliedschaft in einer bestehenden Gruppe informiert Nichts davon Andere via Internet zum Handeln aufgerufen Keine Angabe Bestimmte Waren boykottiert 161 Setzt Du Dich für soziale oder politische Ziele ein, oder engagierst Du Dich für andere Menschen zu folgenden Themen? Häufig Manchmal Nie Für die Interessen junger Menschen Für ein besseres Zusammenleben in meinem Wohnumfeld Für die Organisation sinnvoller Freizeitaktivitäten für Jugendliche 414 Jörg Gertel Für eine bessere und sauberere Umwelt Für die Verbesserung der Lage Behinderter Für die bessere Versorgung und Integration von Migranten und Flüchtlingen Für Sicherheit und Ordnung in meinem Wohngebiet Für die Hilfe für Arme und Schwache Für den gesellschaftlichen und politischen Wandel in meinem Land Für hilfsbedürftige ältere Menschen Für diejenigen, die aus Regionen mit bewaffneten Konflikten kommen Für die Kultur und Traditionen meines Landes Für meine religiöse Überzeugung Für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern Für andere Ziele oder Gruppen 162 Wo und wie engagierst Du Dich? In einer Gruppe an meiner Schule oder Universität In einem Verein In einer religiösen Einrichtung Als Parteimitglied Als Gewerkschaftsmitglied Als Mitglied einer Jugendorganisation Ja Nein 163 Aus welchen praktischen Gründen engagierst Du Dich nicht in einem sozialen Projekt? Stimme überhaupt nicht zu Stimme nicht zu Stimme teilweise zu Stimme zu Stimme sehr zu Weiß nicht Es gibt keine oder nur sehr wenige Initiativen in meiner Gegend Fehlendes professionelles Management der Gruppe/n Es ist nicht klar, wo das Geld bleibt Das nützt nur wenigen Nur wer stark ist, hat etwas zu sagen Ehrenamtliche Arbeit lohnt sich nie Keine Unterstützung durch die Regierung Da verdient man nichts Das hat keine Perspektiven Meine Familie will das nicht Ich komme so schon kaum über die Runden 164 Was sind Deine Hauptfreizeitbeschäftigungen? Bitte nenne maximal drei Aktivitäten, für die Du Dir in der Woche die meiste Zeit nimmst. TV Einen Jugendclub besuchen Musikhören Sport treiben Videos/DVDs schauen Nachbarn oder Verwandte besuchen Im Internet surfen Leute treffen Anhang · Fragebogen 415 Nichtstun, Entspannen, Abhängen Bücher oder Zeitschriften lesen Ins Café gehen Kino oder Theater Tanzen, Partys Computerspiele Mitarbeit in einem Projekt Etwas mit der Familie unternehmen Shopping Musikmachen oder Schauspielen Gebete und Rezitationen hören Andere 165 Wie siehst Du Deine Zukunft und Dein persönliches Leben? Eher pessimistisch Eher optimistisch Gemischt, beides 166 Und wie siehst Du die Zukunft unserer Gesellschaft? Eher pessimistisch Eher optimistisch STABILITÄT UND MOBILITÄT 167 Manche Dinge im Leben ändern sich kontinuierlich. Andere bleiben gleich. Wie viel Stabilität gibt es für Dich in verschiedenen Lebensbereichen? Insta- Eher bil instabil Teils, teils Eher Stabil Nicht zustabil treffend Meine wirtschaftliche Lage Vertrauen zu meinen Freunden Persönliche Überzeugung von meinen Fähigkeiten Beziehung zu meiner Familie Mein Glaube, meine religiöse Überzeugung Politische Lage Aussicht auf ein erfülltes Leben Beziehung zu meinem Partner/meiner Partnerin 168 Hast Du jemals/Bist Du jemals …? Gewalt erlebt(als Zeuge) Erlebt, dass Dein Haus oder Deine Produktionsmittel absichtlich zerstört wurden Einen Arzt aufsuchen müssen, nachdem man Dich verprügelt hat Im Gefängnis gesessen Hunger gelitten Folter erlitten Eine Verletzung in einem bewaffneten Konflikt erlitten Häusliche Gewalt erfahren Vertreibung oder Ausweisung erfahren Psychische Gewalt erfahren Mehrfach zusammengeschlagen worden Sexuelle Belästigung erlebt(verbal, körperlich) Dich einer Demonstration angeschlossen, die in Gewalt mündete Selbst irgendeine Form von Gewalt erlebt Ja Nein Keine Angabe 416 Jörg Gertel 169 Verstehst Du Dich als Flüchtling? Ja Nein 170 Stimmst Du den folgenden Aussagen(eher/nicht) zu? Stimme keinesfalls zu Stimme nicht zu Stimme teilweise zu Stimme zu Stimme sehr zu Nicht zutreffend Angesichts all der Gewalt, die die Medien präsentieren, werde ich traurig und deprimiert Die Lage im öffentlichen Raum ist zunehmend angespannt Ich trainiere(Karate oder ähnliches), um mich selbst zu verteidigen Ich werde ständig von anderen bedroht Ich habe Angst, dass die bewaffneten Konflikte zu einer Bedrohung für mich und meine Familie werden Ich glaube, dass der Rückgriff auf Gewalt weitere Gewalt schürt Ich hasse Gewalt. Ich ertrage nicht, wenn Menschen unter Gewalt leiden Der Einsatz von Gewalt zur Selbstverteidigung oder zur Verteidigung meiner Familie ist legitim Bei schweren Konflikten gibt es keine andere Lösung: Wir müssen Stärke zeigen, auch mit Gewalt Wenn Frauen sich unangemessen kleiden, dürfen sie sich nicht über sexuelle Belästigung beklagen 171 Hast Du je im Ausland gelebt? Ja Nein 172 Wo hast Du gelebt? Golfstaaten Anderes arabisches Land Europa USA/Kanada Australien Asien Lateinamerika Subsahara-Afrika 173 Ist jemand aus Deiner Familie ausgewandert? Ja Nein 174 Wohin? Golfstaaten Anderes arabisches Land Europa USA/Kanada Australien Asien Lateinamerika Subsahara-Afrika 175 Ist diese Emigration für Dich von Bedeutung? Ja Nein Anhang · Fragebogen 417 176 Welche der folgenden Aussagen zur Auswanderung eines Familienangehörigen gibt am ehesten Deine Meinung wieder? Es ist für mich ein persönlicher Verlust Ich profitiere vom Geld, das er/sie uns schickt Ich habe aus seinen/ihren Auslandserfahrungen gelernt und beschlossen, dass Emigration nichts für mich ist Mich fasziniert das Leben im Ausland. Mein Wunsch nach Auswanderung ist stärker geworden Ich bin verwirrt und weiß nicht mehr genau, was ich denken soll 177 Warst Du(telefonisch, per SMS oder Skype) mit jemandem in Kontakt, der in den letzten drei Monaten versucht hat, in Europa Arbeit zu finden oder Asyl zu bekommen? Ja Nein 178 Wenn ja, mit wem warst Du in Kontakt? Familie Freunde Nachbarn Andere 179 Was beschreibt am ehesten Deine Situation? Ich werde definitiv nicht auswandern. Ich spiele manchmal mit der Idee, auszuwandern. Ich würde gern auswandern. Ich bin sicher, dass ich auswandern werde. 180 Aktuell machen sich viele auf den Weg nach Europa. Wenn Du auswandern würdest, was wären Deine bevorzugten Zielländer? Schweden Finnland Luxemburg Schweiz Spanien Frankreich Niederlande Andere Belgien Deutschland Portugal Keines dieser Länder Bulgarien Griechenland Großbritannien Dänemark Italien Österreich 181 Um Deine aktuelle Lage zu ändern, wärest Du bereit …? Stimme nicht zu Stimme eher nicht zu Unsicher Stimme eher zu Stimme zu Nicht zutreffend/ Weiß nicht Deine Familie zu verlassen, um Dich adäquat beruflich zu qualifizieren Deine Familie zu verlassen, selbst wenn Du Dein Leben riskierst Arbeit zu akzeptieren, für die Du weit überqualifiziert bist Jemanden zu heiraten, der/die weit über Deinem persönlichen Hintergrund steht Arbeit in Deinem Land im ländlichen Raum zu akzeptieren Arbeit in einem arabischen Land im ländlichen Raum zu akzeptieren Arbeit in Europa im ländlichen Raum zu akzeptieren Jemanden mit einer anderen Religion zu heiraten Jemand bedeutend Älteren zu heiraten 418 Jörg Gertel 182–184[Technische Informationen] Fragen für Flüchtlinge(nur für syrische Flüchtlinge im Libanon) 185 Wann hast Du Syrien verlassen(letzte Ausreise)? Monat___ Jahr_______ 186 Hast Du das Land für immer verlassen, oder reist Du manchmal zurück? Bin dauerhaft hier Reise manchmal zurück Reise häufig zurück 187 Haben weitere Familienmitglieder Dich begleitet? Allein Vater Bruder Ehemann/Ehefrau Mutter Schwester Kinder Andere 188 Wie viele Mitglieder Deines Haushalts sind bisher geflohen? ___ Kannst Du uns etwas über die einzelnen Phasen Deiner Ausreise/Flucht berichten? 189 Bitte gib an, was Deine Situation am besten beschreibt! Die ganze Familie hat das Land gleichzeitig verlassen Alle Familienmitglieder haben das Land verlassen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten Einige Familienmitglieder blieben zurück 190 Wie ist Deine Situation heute? Die ganze Familie ist zusammen: in einem Land, an einem Ort Die ganze Familie ist zusammen: in einem Land, an verschiedenen Orten Die Familie lebt in verschiedenen Ländern 191 Bitte nenne die Länder. Land 1______________________________________________________________________________________ Land 2______________________________________________________________________________________ Land 3______________________________________________________________________________________ 192 Was waren letztlich die Gründe für Dich, Deine Heimat zu verlassen? Stimme sehr zu Stimme zu Stimme teilweise zu Stimme nicht zu Ich musste mit meiner Familie gehen Unmittelbar lebensbedrohliche Lage Haus/Wohnung wurde zerstört Kein Einkommen möglich, keine Ressourcen mehr verfügbar Nichts mehr zu essen. Wir litten Hunger Angst, gekidnappt zu werden Familienzusammenführung Vermeidung von Zwangsrekrutierung Keine Perspektive mehr Stimme überhaupt nicht zu Nicht zutreffend Anhang · Fragebogen 419 Medizinischer Notfall 193 Konntest Du Dich auf die Ausreise/Flucht vorbereiten, oder war es eine spontane Entscheidung? Vorbereitet Unvorbereitet 194 Hat Deine Familie Eigentum verloren? Ja Nein Weiß nicht 195 Was hat sie verloren? Haus Maschinen Auto Land Tiere Wertsachen 196 Haben Mitglieder Deiner Familie auf der Flucht ihr Leben verloren? Ja Nein 197 Wie viele? _______________ 198 Wer von Deinen Familienmitgliedern starb auf der Flucht? Ehemann Kinder Mutter Ehefrau Vater Bruder Schwester Andere 199 Was waren die Hauptgründe? Gewaltsame Angriffe und Kämpfe Unzureichende medizinische Versorgung Ansteckende Krankheit Hunger Ertrinken Stress in unsicheren Situationen Altersbedingter Tod Andere Weiß nicht 200 Was ist Dein aktueller Rechtsstatus? Visa Nicht gemeldet(Besuch etc.) Im Aufnahmeland gemeldet Beim UNHCR registriert Beim UNRWA registriert 201 Hast Du eine Arbeitserlaubnis? Weder Erlaubnis noch Duldung Keine Erlaubnis, aber Duldung Erlaubnis 202 Welche Bedingungen müssten gegeben sein, damit Du zurückkehrst? Sehr unwichtig Eher unwichtig Teils, teils Eher wichtig Waffenruhe an meinem Herkunftsort Umfassender Frieden Entwaffnung der Kriegsparteien Stabile Regierung Sehr wichtig Nicht zutreffend 420 Jörg Gertel Anderes politisches System Wiederherstellung der Infrastruktur Wirtschaftliche Erholung in meinem Heimatland Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission Entschädigung für verlorenes Eigentum Amnestie für Kriegsverbrechen Bitte schätze Deine Chancen für die nächsten fünf Jahre in zwei Szenarien ein: 203 A: Du bleibst, wo Du aktuell bist. Wie wahrscheinlich ist es, dass Du…? Sehr wahrscheinlich Wahrscheinlich Unwahrscheinlich Unmöglich Nicht zutreffend Nach Deinen Wünschen heiratest Eine gute Arbeit findest Dein Studium beendest Die notwenigen Fähigkeiten erwirbst Eine eigene Wohnung besitzt Mit Deiner Familie zusammenlebst B: Du gehst nach Europa. Wie wahrscheinlich ist es, dass Du…? Sehr wahrscheinlich Wahrscheinlich Unwahrscheinlich Nach Deinen Wünschen heiratest Eine gute Arbeit findest Dein Studium beendest Die notwenigen Fähigkeiten erwirbst Eine eigene Wohnung besitzt Mit Deiner Familie zusammenlebst Unmöglich Nicht zutreffend 204 In Europa werden Flüchtlinge von manchen begrüßt, von anderen mit Besorgnis betrachtet. Inwieweit stimmst Du den folgenden Aussagen zu? Stimme sehr zu Stimme zu Stimme teilweise zu Stimme nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Keine Angabe Die Menschen dort verstehen uns und werden uns helfen Integration ist möglich, auch wenn sie Zeit braucht Wir werden immer Fremde bleiben. Erst die nächste Generation wird integriert sein Wenn Du einen Partner/eine Partnerin in Europa findest und ihn/sie heiratest, bist Du zu Hause Wenn Du erst mal den richtigen Pass hast, ist alles andere egal Wenn Du Arbeit hast, kommst Du zurecht Anhang · Fragebogen 421 Du musst die Sprache sprechen, um Arbeit zu finden Es wird Jahre dauern, bis Du die Sprache sprichst 205 Bewerte die Energie, die Du für die Bewältigung Deiner Aufgaben in den nächsten drei Monaten aufbringen musst. Wie würdest Du Deine Situation beschreiben? Ich bin müde Ich bin bereit, eine neue Sprache zu lernen Ich muss mich erholen Ich bin bereit, mich an ein neues kulturelles Umfeld anzupassen Ich hoffe nur auf eine sichere Lage Keine Angabe Ich bin bereit, noch härter zu arbeiten 422 Jörg Gertel Berechnung des Schichtenindex Tab. A.6 Schichtenindex: Variablen, Punktwerte und Prozentanteile Punktwert Prozentanteile Höchster Schulabschluss des Vaters – Bis zur Grundschule – Zwischen Grundschule und Studium – Universität – Unbekannt 2 44 4 37 6 15 2 3 Zufriedenheit mit der finanziellen Situation der Familie 2016 – sehr gut 3 11 – gut 2 60 – schlecht 1 19 – sehr schlecht 0 9 Wohnsituation – Miete – Eigentum – Keine Angaben 1 30 2 68 1 3 Wohlstandsindikatoren(höchstes zählt) – Klimaanlage – eigenes Fahrzeug – Internetanschluss – Keine der genannten 2 32 3 39 1 47 0 42 Fragen 20, 30, 52, 55. Hinweise (n=9.000). Die Berechnung des Schichtenindex basiert auf vier Aspekten: Bildung des Vaters; finanzielle Situation der Familie; Wohneigentum; Wohlstandsindikatoren(vgl. Kap. 2). Aufgrund der 15 einzelnen Indikatoren(bei denen zwischen 0 und 6 Punkten zu erzielen sind) kann eine Summe zwischen minimal 3 und maximal 14 Punkten erreicht werden. Die Einteilung, die sich aus den 9.000 Einzelsummen ergibt, erfolgt in Quintilen, fünf möglichst gleich große Gruppen(vgl. Abb. 2.2). Diese haben folgende Werte: Die Unterste Schicht erzielt 5 und weniger Punkte, die Untere-MittelSchicht erzielt zwischen 6 und 7 Punkten, die Mittlere Schicht erzielt zwischen 8 und 9 Punkten, die Obere-Mittel-Schicht erzielt zwischen 10 und 11 Punkten, die Oberste Schicht erzielt 12 und mehr Punkte. Die»Prozentanteile« zeigen die Verteilung für die gesamte Stichprobe auf. Anhang · Schichtenindex 423 Literaturverzeichnis Abdulla, Rasha(2007): The Internet in the Arab World: Egypt and Beyond. New York: Peter Lang. Achebe, Chinua([1958] 2001): Things Fall Apart(deutsch: Okonkwo oder Das Alte stürzt). London: Penguin. AHDR(Arab Human Development Report)(2005): Towards the Rise of Women in the Arab World. UNDP, Amman: United Nations Publications. AHDR(Arab Human Development Report)(2016): Youth and the Prospects for Human Development in a Changing Reality. UNDP, Beirut: United Nations Publications. Al-Ali, Naje/Zahra Ali/Isabel Marler(2016): Reflections on Authoring the Chapter on Young Women for the 2016 Arab Human Development Report(December 9, 2016), in: Jadaliyya, http://www.jadaliyya. com/pages/index/25627/reflections-on-authoring-the-chapter-on-young-women. Alhassen, M./A. Shihab-Eldin(Hg.)(2012): Demanding Dignity: Young Voices from the Front Lines of the Arab Revolutions, White Cloud Press. Alsharekh, A.(Hg.)(2007): The Gulf Family: Kinship Policies and Modernity. London: Saqi Books. Atkinson, Anthony B.(2015): Inequality. What Can Be Done? Cambridge: HUP. Barakat, H.(1993): The Arab world: Society, Culture, and State. Berkeley: Univ. of California Press. Bauman, Zygmut(2007): Liquid Times. Living in an Age of Uncertainty. Cambridge: Polity Press. Bayat, Asef(2007): Making Islam Democratic: Social Movements and the Post-Islamist Turn. Palo Alto, Calif.: Stanford University Press. Bayat, Asef(2010): Introduction: Being Young and Muslim in Neoliberal Times, in: L. Herrera/A. Bayat (Hg.): Being Young and Muslim. New Cultural Politics in the Global South and North. Oxford: Oxford University Press, 3-24. Bayat, Asef(2010): Live as Politics. How Ordinary People Change the Middle East.(deutsch: Leben als Politik. Wie ganz normale Leute den Nahen Osten verändern). Stanford: SUP. Bayat, Asef(2011): Reclaiming Youthfulness, in: S. Khalaf/R. S. Khalaf(Hg.): Arab Youth: Social mobilization in Times of Risk. London: Saqi Books, 47. Bayat, Asef(2013): Revolution in Bad Times, in: New Left Review, No. 80, March 2013, 47-60. Bayat, Asef(2017): Revolution without Revolutionaries. Making Sense of the Arab Spring. Stanford: SUP. Bayat, Asef/Linda Herrera(Hg.)(2010): Being Young and Muslim. New Cultural Politics in the Global South and North. Oxford: Oxford University Press. Beckert, Jens(2016): Imagined Futures. Fictional Expectations and Capitalist Dynamic. London: HUP. Behr, Timo/Aaretti Siitonen(2013): Building Bridges or Digging Trenches? Civil Society Engagement after the Arab Spring. Helsinki: Finnish Institute of International Affairs. Bennani-Chraïbi, Mounia(1994): Soumis et rebelles. Les jeunes au Maroc. Paris: CNRS Éditions. Bennani-Chraïbi, Mounia/Iman Farag(Hg.)(2007), Jeunesses des sociétés arabes. Par-delà les promesses et les menaces. Paris: Aux lieux d’être. Bonnefoy, Laurent/Myriam Catusse(Hg.)(2013): Jeunesses Arabes. Du Maroc au Yémen: loisirs, cultures et politiques. Paris: La découverte. Boubekeur, Amel/Roy Olivier(2009): Whatever happened to the Islamists? Salafism, Heavy Metal Muslims and the Lure of Consumerist Islam, Columbia/London/New York: Hurst. Bourdieu, Pierre(1979[1982]): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt. Bourdieu, Pierre(1980): La jeunesse n’est qu’un mot. Questions de sociologie. Paris: Minuit. Bourdieu, Pierre(1983): Ökonomisches Kapital, Soziales Kapital, Kulturelles Kapital, in: R. Kreckel(Hg.): Soziale Ungleichheiten, 183-198. Braune, Ines(2008): Aneignungen des Globalen. Internet-Alltag in der arabischen Welt. Eine Fallstudie in Marokko. Bielefeld: transcript. Braune, Ines(2011): Internet(forschung) in der arabischen Welt: Laute Hoffnungen, leiser Wandel. Global Media Journal 1(1), 1-13. 424 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Brechenmacher, Saskia(2017): Civil Society under Assault: Repression and Responses in Russia, Egypt, and Ethiopia. Washington: Carnegie Endowment for International Peace. Burson-Marsteller(2015): 7 th Annual ASDA’A Burson-Marsteller Arab Youth Survey 2015. Online available. Calkins, Sandra(2016): Who Knows Tomorow? Uncertainty in North Eastern Sudan. Berghan 2016. Campbell, Hugh(2009): Breaking New Ground in Food Regime Theory: Corporate Environmentalism, Ecological Feedbacks and the»Food from Somewhere« Regime?, in: Agriculture and Human Values, Bd. 26, No. 4, 309-319. Carvatorta, Francesco(2012): Arab Spring: The Awakening of Civil Society. A General Overview, IEMed Mediterranean Yearbook, 75-81. Carothers, Thomas/Saskia Brechenmacher(2014): Closing Space: Democracy and Human Rights Support under Fire. Washington: Carnegie Endowment for International Peace. Castel, Robert(2009): Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit, in: Castel/Dörre(Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung, 21-34. Castel, Robert/Klaus Dörre(Hg.)(2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt: Campus. Catusse, Myriam/Blandine Destremau(2016): Governing Youth, Managing Society: A Comparative Overview of Six Country Case Studies(Power2Youth, Working Paper 14), June. Chalcraft, John(2008): The Invisible Cage: Syrian Migrant Workers in Lebanon. Stanford, CA.: Stanford University Press. Chambers, Robert(1989): Vulnerability, Coping and Policy. IDS Bulletin 20, 2, 1-7. Chambers, Robert/G. R. Conway(1987): Sustainable Rural Livelihoods: Practical Concepts for the 21st Century. IDS Discussion Paper 296. Online verfügbar. CIO(Central Informatics Organization)(2015): Population 2014: http://www.data.gov.bh/en/ResourceCenter/DownloadFile?id=1453 Côté, J.(2014): Towards a New Political Economy of Youth, in: Journal of Youth Studies, 17(4), 527-543. Credit Suisse(2016): Global Wealth Report 2016. Online verfügbar. Crush, Jonathan(Hg.)(1995): Power of Development. London/New York: Routeledge. Dabashi, Hamid(2012): The Arab Spring: The End of Postcolonialism. London: Zed Books. Davis, Susan S./Douglas A. Davis(1989): Adolescence in a Moroccan Town. Making Social Sense. New Brunswick: Rutgers University Press. De Haas, Hein(2014): Migration Theory: Quo Vadis? DEMIG project paper 24. International Migration Institute, University of Oxford: https://www.imi.ox.ac.uk/publications/wp-100-14 Dekmejian, R. H.(1988): Islamic revival: Catalysts, Categories, and Consequences, in: S. T. Hunter(Hg.) (1988), The Politics of Islamic Revivalism: Diversity and Unity, Center for Strategic and International Studies. Washington D. C., 3-19. Devereux, Stephen(2007): Introduction: from»Old Famines« to»New Famines«, in: S. Devereux(Hg.): The New Famines: Why Famines Persist in an Era of Globalization, London: Routledge. Dhillon, Navtej(2008): Middle East Youth Bulge: Challenge or Opportunity? Brookings Institution(May). Dhillon, Navtej/Tarik Yousef(Hg.)(2009): Generation in Waiting. The Unfulfilled Promise of Young People in the Middle East. Washington: Brookings Institution. Dionigi, Filippo(2016): The Syrian Refugee Crisis in Lebanon. State Fragility and Social Resilience. LSE Middle East Centre Paper Series 15: http://eprints.lse.ac.uk/65565/1/Dionigi_Syrian_Refugees%20 in%20Lebanon_Author_2016.pdf Dixon, Marion(2014): The Land Grab, Finance Capital, and Food Regime Restructuring: The Case of Egypt, in: Review of African Political Economy, Bd. 41, No. 140, 232-248. Dörre, Klaus(2009): Prekarität im Finanzmarkt-Kapitalismus, in: R. Castel/K. Dörre(Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt: Campus, 35-64. Durac, Vincent/Francesco Cavatorta(2015): Politics and Governance in the Middle East. London: Palgrave. Edkins, Jenny(2007): The Criminalization of Mass Starvations: From Natural Disaster to Crime against Humanity, in: S. Devereux(Hg.): The New Famines: Why Famines Persist in an Era of Globalization, London: Routledge. Anhang · Literaturverzeichnis 425 El Ayadi, Mohammed/Hassan Tozy Mohamed Rachik(2013): L’Islam au Quotidien. Enquête sur les valeurs et les pratiques religieuses au Maroc. Casablanca: Editions prologues. El Feki, S./B. Heilman/G. Barker(Hg.)(2017): Understanding Masculinities: Results from the International Men and Gender Equality Survey(IMAGES) – Middle East and North Africa. Cairo and Washington, D. C.: UN Women and Promundo-US. Ellis, F.(2000): Rural Livelihoods and Diversity in Developing Countries. Oxford: Oxford University Press. El-Masry/Gamal Zaki(1994): Die afrikanische Auslandsverschuldung. Berlin: Haupt Verlag. Elwert, Georg/Hans-Dieter Evers/Werner Wilkens(1983): Die Suche nach Sicherheit: Kombinierte Produktionsformen im sogenannten Informellen Sektor. Zeitschrift für Soziologie 4, 1983, 281-296. Emperador Badimon, Montserrat(2009): The Unemployed Graduate’s Movement in Morocco. Challenging the Unlikelihood of a Collective Action, in: Revista Internacional de Sociología 67(1). DOI: 10.3989/ris.2009.i1.121. Escobar, Arturo(1995): Encountering Development. The Making and Unmaking of the Third World. Princeton: Princeton University Press. Esposito, J. L.(1999): The Islamic Threat: Myth or Reality? Oxford: Oxford University Press. Evers, H.-D./F. Betke/S. Pitomo(1983): Die Komplexität der Grundbedürfnisse. Eine Untersuchung über städtische Haushalte der untersten Einkommensschichten in Jakarta,(Working Paper, 43), Bielefeld. FAO/WFP(Food and Agriculture Organization/World Food Programme)(2016): Special Report: FAO/WFP Crop and Food Security Assessment Mission to the Syrian Arab Republic, Rome: FAO/WFP. Fargues, Philippe(2017): Mass Migration and Uprisings in Arab Countries: An Analytical Framework. International Development Policy 7.01. Feierabend, Sabine/Theresa Plankenborn/Thomas Rathgeb(2016): Jugend, Information, Multimedia. Ergebnisse der JIM-Studie 2016, in: Media Perspektiven, 12, 586-597. Fritsche, Yvonne(2000): Modernes Leben: gewandelt, vernetzt und verkabelt, in: A. Fischer et al.(Konzeption& Koordination): Jugend 2000(13. Shell Jugendstudie). Opladen: Leske und Budrich, 181-220. FSS/PCBS(Food Security Sector/Palestinian Central Bureau of Statistics)(2016): Socio-Economic& Food Security Survey 2014, State of Palestine, http://fscluster.org/state-of-palestine/document/sefsec-2014. Fuller, Gary(1995): The Demographic Backdrop to Ethnic Conflict: A Geographic Overview, in: CIA(Hg.): The Challenge of Ethnic Conflict to National and International Order in the 1990s. Washington D. C., 151-154. Galtung, Johan(1969): Violence, Peace, and Peace Research, in: Journal of Peace Research, Bd. 6, No. 3, 167-191. Gellener, Ernest(1969): Saints of the Atlas. Chicago: University of Chicago Press. Gertel, Jörg(2005): Food Security and Nutrition: The Impact of Globalization and Urbanization: Middle East/North Africa, in: U. Kracht/M. Schulz(Hg.): Food and Nutrition Security in the Process of Globalization, Münster: Lit Verlag, 183-197. Gertel, Jörg(2007): Theorien über Entwicklung und Unterentwicklung: Grundlegungen und fachwissenschaftliche Leitlinien. in: D. Böhn/E. Rothfuß(Hg.): Entwicklungsräume(Handbuch des Geographieunterrichtes 8/1), Köln: Aulis Verlag, 52-72. Gertel, Jörg(2010): Globalisierte Nahrungskrisen. Bruchzone Kairo. Bielefeld: transcript. Gertel, Jörg(2014): Krise und Widerstand, in: J. Gertel/R. Ouaissa(Hg.): Jugendbewegungen. Städtischer Widerstand und Umbrüche in der Arabischen Welt. Bielefeld: transcript, 32-75. Gertel, Jörg(2015): Spatialities of Hunger. Postnational Spaces, Assemblages and Fragmenting Liabilities, in: Middle East Topics and Arguments 5, 2015, 25-35. Gertel, Jörg(2017): Arab Youth – A Contained Youth?, in: Middle East – Topics and Arguments(META). Marburg, online verfügbar. Gertel, J./I. Breuer(Hg.)(2012) Alltagsmobilitäten: Aufbruch marokkanischer Lebenswelten. Bielefeld: transcript. Gertel, J./R. Rottenburg/S. Calkins(Hg.)(2014): Disrupting Territories: Land, Commodification and Conflict in Sudan. Woodbridge: James Currey. 426 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Gertel, Jörg/Rachid Ouaissa(Hg.)(2014): Jugendbewegungen. Städtischer Widerstand und Umbrüche in der Arabischen Welt. Bielefeld: transcript. Gertel, J./S. R. Sippel(Hg.)(2014): Seasonal Workers in Mediterranean Agriculture: The Social Costs of Eating Fresh. Milton Park/New York: Routledge. Gertel, Jörg/Sarah Ruth Sippel(2016): The Financialisation of Agriculture and Food, in: M. Shucksmith/D. L. Brown(Hg.): Routledge International Handbook of Rural Studies. London/New York: Routledge, 215-226 Giddens, Anthony(1984[1992]): Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. Frankfurt: Campus. Granovetter, Mark(1973):»The Strength of Weak Ties«, American Journal of Sociology, 78(6), 13601380. Haberly, Daniel(2013): White Knights from the Gulf: Sovereign Wealth Fund Investment and the Evolution of German Industrial Finance, in: Economic Geography, 90(3), 293-320. Haenni, Patrick(2005): L’islam de marché. L’autre révolution conservatrice. Paris: Seuil. Halaseh, Rama(2012): Civil Society, Youth and the Arab Spring, in: S. Calleya/M. Wohlfeld(Hg.): Change and Opportunities in the Emerging Mediterranean. Malta: Mediterranean Academy of Diplomatic Studies, University of Malta. Hamdi, Samiha/Irene Weipert-Fenner(2017): Mobilization of the Marginalized: Unemployed Activism in Tunisia. Working Paper. American University in Beirut. Available online at https://www.aub.edu. lb/ifi/publications/Documents/working_papers/20171026_tunisia_working_paper.pdf, Zugriff am 27.10.2017. Harvey, David(2005): A Brief History of Neoliberalism. Oxford: OUP. Hassan, Kawa(2011): Rethinking Civic Activism in the Middle East: Agency without Associations: https:// www.hivos.org/re-thinking-civic-activism-middle-east-agency-without-association. Hecker, Pierre(2012): Turkish Metal: Music, Meaning, and Morality in a Muslim Society. London: Ashgate. Hecking, Britta(2014): Jugend und Widerstand in Algier(unveröffentlichte Dissertation). Leipzig. Hegasy, Sonja(2016): Gesellschaftspolitik in der Grauzone. Die Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Ägypten von 1994 bis 2014, in: S. Faath/S. Hegasy/V. Vinnai/A. Vogt: Herausforderungen in arabischen Staaten. Die Friedrich-Ebert-Stiftung im Nahen Osten und in Nordafrika, Reihe Geschichte der internationalen Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bd. 13. Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachf., 327-384. Hegasy, Sonja/Elke Kaschl(2007): Changing Values Among Youth. Examples from the Arab World and Germany. Berlin: Klaus Schwarz-Verlag Hepp, Andreas/Friedrich Krotz(Hg.)(2014): Mediatized Worlds. Houndsmills: Palgrave. Herrera, Linda(2017a): The Precarity of Youth: Entrepreneurship is not the Solution: https://www. madamasr.com/en/2017/02/11/opinion/society/the-precarity-of-youth-entrepreneurship-is-notthe-solution/(Zugriff: 17 Feb. 2017). Herrera, Linda(2017b):(forthcoming) It’s Time to Talk about Youth in the Middle East as The Precariat, in META – Middle East Topics and Arguments(9): http://meta-journal.net/. Herrera, Linda/Asef Bayat(Hg.)(2010): Being Young and Muslim: New Cultural Politics in the Global South and North. Oxford/New York: Oxford University Press. Honwana, Alcinda(2013): Youth and Revolution in Tunisia. London: Zed Books. Hopkins, N. S.(Hg.)(2003): The New Arab Family. Cairo: The American University in Cairo Press. Ihring, Diana(2016): Human Mobility as a Resource in Conflict: the case of Syria. Refugee Studies Centre Working Paper Series 115. University of Oxford: https://www.rsc.ox.ac.uk/publications/ human-mobility-as-a-resource-in-conflict-the-case-of-syria Janmyr, Maja(2016): Precarity in Exile: The Legal Status of Syrian Refugees in Lebanon. Refugee Survey Quarterly 35: 58-78. Kepel, Gilles(2000): Jihad. Expansion et Déclin de l’Islamisme. Paris: Gallimard. Khalaf, S./R. Khalaf(Hg)(2012): Arab Youth: Social Mobilisation in Times of Risk, London: Saqi. Khalil, Andrea(Hg.)(2015): Gender, Women and the Arab Spring. London, New York: Routledge. Labidi, Lilia(2017): Celibate Women, the Construction of Identity, Karama(Dignity), and the»Arab Spring«, in: GENDER 9(1), 11-29. DOI: 10.3224/gender.v9i1.02. Anhang · Literaturverzeichnis 427 Lamloum, O./Ali Ben Zina, M.(2015): Les jeunes de Douar Hicher et d’Ettadhamen. Une enquête sociologique. Tunis: International Alert. Larzillière, P.(2004): Être jeune en Palestine. Paris: Voix et regards, Balland. Lorey, Isabell(2012): Die Regierung der Prekären. Wien/Berlin: Verlag Turia+ Kant. Lubkemann, Stephen C.(2008): Involuntary Immobility: On a Theoretical Invisibility in Forced Migration Studies. Journal of Refugee Studies 21(4), 454-475. Lynch, Marc(2008): Political Opportunity Structures: Effects of Arab Media, in: K. Hafez(Hg.): Arab Media. Power and Weakness. New York: Continuum, 17-32. Lynch, Marc(2013): Twitter Devolutions. How Social Media is Hurting the Arab Spring. Foreign Policy, http://foreignpolicy.com/2013/02/07/twitter-devolutions/ MacKenzie, Donald(2014): A Sociology of Algorithms: High-Frequency Trading and the Shaping of Markets. Online verfügbar. Marchart, Oliver(2013): Auf dem Weg in die Prekarisierungsgesellschaft, in: Facetten der Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Verhältnisse. Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Prekarisierung von Arbeit und Leben. Oliver Marchart(Hg.), Bielefeld: transcript Verlag, 7-20. Marchart, Oliver(2013): Die Prekarisierungsgesellschaft. Prekäre Proteste. Politik und Ökonomie im Zeichen der Prekarisierung. Bielefeld: transcript Verlag. Mazawi, André E./Ronald G. Sultana(2010): World Yearbook of Education 2010: Education and the Arab »World«: Political Projects, Struggles, and Geometries of Power. London: Routledge. Meijer, R.(Hg.)(2000): Alienation or Integration of Arab Youth. Between Family, State and Street. Richmond: Curzon. Migration Policy Centre(2017): Syrian Refugees. A snapshot of the Crisis in the Middle East and Europe. Migration Policy Centre, European University Institute, http://syrianrefugees.eu/ Milanović, Branko( 2016): Global Inequality. A New Approach for the Age of Globalization. London: HUP. Mitchell, Timothy(1999): Dreamland: The Neoliberalism of Your Desires. Middel East Repport, Volume 29, Spring. Morozov, Evgeny(2011): The Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom. New York: Public Affairs. Müller, Herta(2002): Marktwirtschaft und Islam: Ökonomische Entwicklungskonzepte in der islamischen Welt unter besonderer Berücksichtigung Algeriens und Ägyptens. Baden-Baden: Nomos. Mundy, Martha(2017): The War on Yemen and its Agricultural Sector, Conference Paper: The Future of Food and Challenges for Agriculture in the 21 st Century; online verfügbar über, http://elikadura21. eus/wp-content/uploads/2017/04/50-Mundy.pdf. Murphy, Emma C.(2012): Problematizing Arab Youth: Generational Narratives of Systemic Failure, Mediterranean Politics, Vol. 17, 5-22. Norton, Augustus Richard(Hg.)(1995 und 1996): Civil Society in the Middle East, Bd. 1 und 2, Leiden: Brill. Offe, Claus(1984): Contradictions of the Welfare State. London u. a.: Hutchinson. Olimat, Muhamad S.(Hg.)(2014): Handbook of Arab Spring and Women. Challenges and Opportunities. London, New York: Routledge. Ouaissa, Rachid(2012): Arabische Revolution und Rente, in: Periplus-Jahrbuch für außereuropäische Geschichte, 57-77. Ouaissa; Rachid(2014): Die Rolle der Mittelschichten im Arabischen Frühling – Ein Überblick. Wiesbaden: Springer VS. Ouaissa, Rachid/Sebastian Schwerke(2015): Introduction: New Cultural-Identitarian Political Movements inSouthAsia,theMiddleEastandNorthernAfrica,in: H. Elsenhans/R. Ouaissa/S. Schwecke/M. A. Tétreault (Hg.): The Transformation of Politicised Religion: Zealots Turned into Leaders: Ashgate, 1-11. Oxfam(2016): Yemen’s Invisible Food Crisis, Oxford: Oxfam. Pascon, Paul/Mekki Bentahar(1969): Ce que disent 296 ruraux. Bulletin Economique et Social du Maroc, No. 11-12, 1-44. Pieterse, Jan Nederveen(2001): Development Theory. Deconstructions/Reconstructions. London u. a.: Sage. Piketty, Thomas(2013): Das Kapital im 21. Jahrhundert. München: C. H. Beck. Prakash, Adam(Hg.)(2011): Safeguarding Food Security in Volatile Global Markets, Rome: FAO. 428 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Reckwitz, Andreas(1999): Anthony Giddens, in: Dirk Kaesler(Hg.): Klassiker der Soziologie, Band II. Von Talcott Parsons bis Anthony Giddens. München: C. H. Beck, 311-337. Richter, Carola/Asiem El Difraoui(Hg.)(2015): Arabische Medien. Konstanz: UVK. Rooke, T.(2000): Escape from the Family: A Theme in Arabic Autobiography, in: R. Meijer(Hg.): Alienation or Integration of Arab Youth: Between Family State and Street. Richmond: Curzon, 207-223. Sachs, Wolfgang(1992): The Development Dictionary. A Guide to Knowledge as Power. London/New York: Zed Books. Salehi-Isfahani, D.(2008): Stalled Youth Transitions in the Middle East: A Framework for Policy Reform. Middle East Youth Initiative Working Paper(8). Sassen, Saskia(2014): Expulsions: Brutality and Complexity in the Global Economy, Cambridge, Mass.: Belknap Press(Nachdruck: Harvard University Press). Schaeffer Davis, Susan/Douglas Davis(1989): Adolescene in a Moroccan Town. New Brunswick/London: Rutgers University Press. Schulze, Reinhard(2012): Die Passage von politischerer Normenordnung zu lebensweltlicher Werteordnung. Erkenntnisse aus dem arabischen Frühling, in: Periplus. Jahrbuch für außereuropäische Geschichte. Berlin: Lit Verlag. 32-56. Schwarz, C. H.(2017):»Generation in Waiting« or»Precarious Generation«? Conceptual Reflections on the Biographical Trajectories of Unemployed Graduates Activists in Morocco, in: P. Kelly/J. Pike (Hg.): Neoliberalism, Austerity, and the Moral Economies of Young Peoples Health and Wellbeing. London: Palgrave Macmillan, 313-332. Schwarz, Christoph H./Anika Oettler(2017): Youth: Conceptualizing Temporalities of Change and Persistence in the MENA Region. In META – Middle East Topics and Arguments(9), in print. Scott, James W.(1991): The Evidence of Experience, in: Critical Inquiry 17, 1991, 773-797. Scott, James C.(1998): Seeing Like a State: How Certain Schemes to Improve the Human Condition Have Failed. New Haven and London: Yale University Press. Sen, Amartya(1981): Poverty and Famines. An Essay on Entitlement and Deprivation, Oxford: Claredon Press Sharabi, H.(1988): Neopatriarchy: A Theory of Distorted Change in Arab Society. New York: Oxford University Press. Sika, Nadine(2016): The Disguise of Youth Inclusion in Egypt, in: Power2Youth Working Papers, No. 4 (January), http://www.iai.it/en/node/5831. Simon, David(Hg.)(2006): Fifty Key Thinkers on Development. London/New York: Routledge. Singerman, Diane(2007): The Economic Imperatives of Marriage: Emerging Practices and Identities Among Youth in the Middle East, Middle East Youth Initiative, Wolfensohn Center for Development at Brookings/Dubai School of Government, Working Paper(September). Sippel, Sarah Ruth(2015): Food Security or Commercial Business? Gulf State Investments in Australian Agriculture, in: The Journal of Peasant Studies 42, 5, 981-1001. Stack, C. B.(2003): Frameworks for Studying Families in the 21 st Century, in: N. S. Hopkins(Hg.):The New Arab Family. Cairo: The American University in Cairo Press, 5-19. Standing, Guy(2011): The Precariat. The New Dangerous Class. London/New York: Bloomsbury. Sukarieh, M.(2017):(forthcoming) A Critical Analysis of the Arab Human Development Report 2016. META – Middle East Topics and Arguments: http://meta-journal.net/. Sukarieh, Mayssoun/Stuart Tannock(2016): On the Political Economy of Youth: A Comment, in: Journal of Youth Studies, 19, 9, 1281-1289. Taylor, Charles(2009): Ein säkulares Zeitalter. Aus dem Englischen von Joachim Schulte. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Tobin, Sarah(2016): Everyday Piety: Islam and Economy in Jordan. Ithaca, NY: Cornell University Press. Transfeld, Mareike/Isabelle Werenfels(Hg.)(2016):#HashtagSolidarities: Twitter Debates and Networks in the MENA Region. SWP Research Paper, RP5, Berlin, online available. UN(United Nations)(2015): Demographic Yearbook 2014, New York, Tabellen 6 und 7: http://unstats. un.org/unsd/demographic/products/dyb/dyb2014.htm. UNDP(United Nations Development Programme)(2009): Development Challenges for the Arab Region. New York: United Nations. Anhang · Literaturverzeichnis 429 UNDP(United Nations Development Programme)(2016): Arab Human Development Report, 2016: Youth and the Prospects for Human Development in a Changing Reality, New York: UNDP. Urry, John(2000): Sociology Beyond Societies. Mobilities for the Twenty-First-Century. London: Routledge. Van Hear, Nicholas(2014): Reconsidering Migration and Class. International Migration Review 48: 100121. van Leeuwen, R.(2000): The Lost Heritage: Generation Conflicts in Four Arab Novels, in: R. Meijer(Hg.): Alienation or Integration of Arab Youth: Between Family State and Street. Richmond: Curzon, 189-205. Walton, John/David Seddon(1994): Free Markets and Food Riots: The Politics of Global Adjustment. Oxford: Blackwell. WFP(World Food Programme)(2016a): Market Price Watch Bulletin, September 2016: http://documents. wfp.org/stellent/groups/public/documents/ena/wfp287851.pdf?_ga=1.105505034.844806155.1 479134593. WFP(World Food Programme)(2016b): Vulnerability Assessment of Syrian refugees in Lebanon: Food Security Findings: http://reliefweb.int/report/lebanon/wfp-lebanon-vasyr-2016-food-securityfindings. Winkler, Onn(2005): Arab Political Demography. Volume one: Population Growth and Natalist Policies. Brighton, Portland: Sussex Academic Press. Yom, Sean(2015): Arab Civil Society after the Arab Spring: Weaker but Deeper, Middle East Institute: http://www.mei.edu/content/map/arab-civil-society-after-arab-spring-weaker-deeper. 430 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Dank W ir möchten an dieser Stelle allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen danken, die sich bereit erklärt haben, an dieser Studie mitzuwirken und die von uns gestellten Fragen zu beantworten. Ihre Stimmen bilden den Grundstock unserer Erkenntnisse. Wir möchten zudem all jenen danken, die an der Vorbereitung, Organisation, Durchführung und Auswertung der Befragung beteiligt waren. Der Überführung des gesprochenen Wortes in verschiedene analoge und digitale Aufschreibesysteme kommt eine zentrale Bedeutung der Wissensgenerierung zu. Den Autorinnen und Autoren der Studie gilt unser besonderer Dank. Sie haben es erst möglich gemacht, die empirischen Befunde so aufzubereiten, dass die Einblicke in die Situation junger Menschen aus der MENA-Region einem breiteren Publikum zugänglich werden. Für das Lektorat möchten wir uns bei Heiner Lindner und für die grafische Aufbereitung und den Satz bei Gerd Kempken bedanken – beide haben mit großem Engagement die Überprüfung der sprachlichen Kohärenz und die Erstellung der Illustrationen des vorliegenden Buches übernommen. Jörg Gertel möchte an dieser Stelle der Universität Leipzig danken, die es ermöglicht hat, das Forschungsprojekt über zwei Jahre hinweg systematisch zu begleiten und voranzutreiben. Sein besonderer Dank gilt zudem David Kreuer, der von Anfang an die vorliegende Studie durch seine Arbeit bereicherte. Seine Mitarbeit umfasste die Konzeption des Fragebogens, vielfältige Übersetzungsarbeiten, die Aufbereitung der Daten, die Kalkulation von analytischen Variablen sowie die systematische Datenprüfung in den einzelnen Kapiteln. Schließlich möchte er auch Christel Eißner, Johannes Frische, Tom Heyne, Gudrun Mayer und Tamara Wyrtki von der Universität Leipzig für die Hilfestellungen beim Testen verschiedener Fragen und für die spannenden inhaltlichen Diskussionen zur Interpretation der empirischen Befunde danken. Die Herausgeber November 2017 Anhang · Dank 431 Zu den Autorinnen und Autoren Mathias Albert , geb. 1967, Dr. phil., ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bielefeld und Koordinator der Shell Jugendstudie. Er forscht vor allem im Bereich der internationalen Beziehungen, der Soziologie der Weltgesellschaft und in der Jugendforschung. Ines Braune , geb. 1977, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg. Sie studierte Arabistik sowie Kommunikations- und Medienwissenschaften und befasst sich in ihrer Forschung mit den Themen Jugend, Medienpraxis, Alltagsleben und Kulturwissenschaft. Braune ist Mitherausgeberin des Open-Access-Journals Middle East Topics and Arguments. Helmut Dietrich , geb. 1954, ist Programmdirektor der Friedrich-Ebert-Stiftung in Rabat, Marokko. Für die vorliegende MENA-Jugendstudie koordinierte er die Umfrage und die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen in der Region. Er forscht und publiziert im Bereich Migrationswissenschaft mit Schwerpunkt Mittelmeerraum und war Dozent an den Universitäten von La Manouba(Tunesien) und Oran(Algerien). Jörg Gertel , geb. 1961, Dr. rer. nat., ist Professor für Arabistik und Wirtschaftsgeografie an der Universität Leipzig. Er arbeitete und forschte an den Universitäten von Freiburg, Damaskus, Kairo, Khartum, Seattle und Auckland. Sein Forschungsinteresse gilt den Themen Globalisierung und Unsicherheit. Gertel koordinierte die akademische Debatte und entwickelte den Fragebogen für die vorliegende MENA-Jugendstudie. Sonja Hegasy , geb. 1967, Dr. phil., ist Stellvertretende Leiterin des LeibnizZentrums Moderner Orient in Berlin. 1990 schloss sie mit einem MA in Islamwissenschaft und Arabistik der Columbia University, New York, ab und promovierte an der Freien Universität Berlin. Hegasy forscht zu den Themen Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit, Werte und Einstellungen junger Erwachsener, Erinnerungspolitik und Globalisierung. Ralf Hexel , geb. 1957, Dr. phil., leitet das Referat Naher/Mittlerer Osten und Nordafrika der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit 1993 ist er in verschiedenen 432 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Positionen für die Stiftung tätig und verantwortete zahlreiche Projekte in Europa, Afrika, dem Mittleren Osten und Nordafrika. Nach seiner Promotion in Lateinamerikanistik an der Universität Rostock war er als Berater für deutsche und österreichische NGOs in Afrika tätig. David Kreuer , geb. 1982, ist Sozialwissenschaftler am Orientalischen Institut der Universität Leipzig und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Jugendstudien, Pastoralismus und der soziale Wandel im ländlichen Raum. Er war an der Fragebogenentwicklung, Datenprüfung und statistischen Ergebnisauswertung der vorliegenden MENA-Jugendstudie beteiligt. Rachid Ouaissa , geb. 1971, Dr. phil., ist Professor für Politik am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das Erstarken islamistischer Bewegungen in der Region und die Rolle der arabischen Mittelschicht in Transformationsprozessen. Ouaissa ist Projektverantwortlicher des Forschungsnetzwerks »Re-Konfigurationen. Geschichte, Erinnerung und Transformationsprozesse im Mittleren Osten und Nordafrika.« Carola Richter , geb. 1977, Dr. phil., ist Professorin für Internationale Kommunikation am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Sie untersucht Mediensysteme und Kommunikationskulturen in nicht westlichen Ländern mit dem Schwerpunkt Nahostregion und Nordafrika. Richter ist Gründungsmitglied der ArabEuropean Association for Media and Communication Researchers(AREACORE) und gehört der Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities(AGYA) an. Christoph H. Schwarz , geb. 1977, Dr. phil., ist Soziologe am Centrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsnetzwerks»Re-Konfigurationen. Geschichte, Erinnerung und Transformationsprozesse im Mittleren Osten und Nordafrika« der Hochschule arbeitet er aktuell zum Thema Intergenerationale Beziehungen in den sozialen Bewegungen Marokkos und Spaniens. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Schwerpunktarbeit betrachtet er Fragen der Jugend und des sozialen Wandels, Migration, Gender, Bildung und Methodik. Anhang · Zu den Autorinnen und Autoren 433 Nadine Sika , geb. 1975, Dr. phil., ist Juniorprofessorin für komparative Politik an der American University in Kairo. Sie war Gaststipendiatin der Humboldt-Stiftung bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin und am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Zuletzt publizierte sie Youth Activism and Contentious Politics in Egypt: Dynamics of Continuity and Change(2017). Thorsten Spengler , geb. 1966, ist Senior Consultant bei Kantar Public (ehemals TNS Infratest Politikforschung) in Berlin. Er zeichnet mitverantwortlich für die Entwicklung des Fragebogens sowie die Konsolidierung, Prüfung und Evaluierung der Daten für die vorliegende MENA-Jugendstudie. Spengler hat ein Diplom in Sozialgeografie der TU München und einen MBA in European Management der London South Bank University. Friederike Stolleis , geb. 1971, Dr. phil., ist Referentin im Referat Naher/ Mittlerer Osten und Nordafrika der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. Sie promovierte an der Universität Bamberg in Islamwissenschaften und hat einen M. A. in Ethnologie der Universität Köln. Ihr Forschungsinteresse gilt den Themen Zivilgesellschaft, Konfessionalismus und Konflikttransformation mit einem Schwerpunkt auf Syrien und Libanon. Ann-Christin Wagner , geb. 1986, ist Doktorandin in International Development an der University of Edinburgh und mit dem Institut Français du Proche-Orient in Amman verbunden. 2017 verbrachte sie zwei Monate als Visiting Fellow am Refugee Studies Centre der University Oxford. Vor ihrem Promotionsstudium arbeitete sie für die Internationale Organisation für Migration in Genf. Zuletzt widmete sie ein Jahr der ethnografischen Feldforschung mit urbanen syrischen Flüchtlingen an der syrisch-jordanischen Grenze. Isabelle Werenfels , geb. 1963, Dr. phil., leitet die Forschungsgruppe Naher/ Mittlerer Osten und Afrika der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sie promovierte in Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin und hat einen M. Sc. in Entwicklungsstudien der SOAS University of London. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Transformation und autoritäre Resilienz im Maghreb, soziale Medien und Migrationspolitik. 434 Zwischen Ungewissheit und Zuversicht · Jugend im Nahen Osten und in Nordafrika Tamara Wyrtki , geb. 1988, absolvierte ihren Master in Wirtschafts- und Sozialgeografie sowie in der Arabistik. Sie ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Geografie der Universität Leipzig und forscht zu Nahrungsmittelunsicherheit, Migration und Globalisierung. Außerdem beschäftigt sie sich mit alternative Ökonomien und»Degrowth«-Bewegungen. Wyrtki führte Hintergrundstudien zu den in der vorliegenden MENA-Jugendstudie betrachteten Ländern durch und assistierte bei den Vortests zum Fragebogen. Anhang · Zu den Autorinnen und Autoren 435