Jana Faus, Lina Ludwig Das Bundesland der Superlative? Wie die Bayer_innen regionale Ungleichheiten wahrnehmen Jana Faus, Lina Ludwig Das Bundesland der Superlative? Wie die Bayer_innen regionale Ungleichheiten wahrnehmen Die Studie wird von der FES Bayern| Büro München veröffentlicht. Die Ausführungen sind von den Autor_innen in eigener Verantwortung vorgenommen worden . Inhalt Was bewegt Bayern? 4 01 Das Bundesland der Superlative? Eine Einleitung 5 02 Methode 6 Repräsentation soziodemographischer und ökonomischer Diversität 7 Repräsentation geographischer Diversität 8 03 Stimmung in Bayern 12 Positive Stimmung mit starkem Bezug zum Bundesland 13 Das traditionelle Selbstverständnis hat auch Schattenseiten 14 Bayern als„Spitzenreiter“ im Bundesländervergleich 15 Bisheriger Erfolg übt Druck für die Zukunft aus 16 04 Themen 18 4.1 Gesundheit und Pflege 19 4.2 Bildung und Familien 22 4.3 Umwelt und Klimaschutz 26 4.4 Wirtschaft und Arbeit 29 4.5 Digitalisierung 32 4.6 Infrastruktur und Mobilität 34 05 Fazit 36 In Bayern ist die Welt(noch) in Ordnung 37 Gleichwertige Lebensverhältnisse benötigen gleichwertige Voraussetzungen 37 Um die Zukunft erfolgreich zu meistern, bedarf es Mut zur Innovation 38 06 Literatur 39 07 Abbildungen 40 08 Die Autorinnen 40 Wie die Bayer_innen regionale Ungleichheiten wahrnehmen Was bewegt Bayern? Als Akteurin der politischen Bildung in Bayern stellen wir uns täglich diese Fragen: Welche Themen beschäftigen die Bayer_innen? Was bereitet Sorgen? Was lässt sie optimistisch in die Zukunft blicken und welche Wünsche haben sie an die Politik? Das zu wissen, hilft uns zu entscheiden, welche Fra­ gestellungen wir in welcher Region mithilfe wel­ chen Formats diskutieren. Denn: Politische Bildung bietet den Menschen eine Plattform, sich zu informieren und zu vernetzen, um politisch handlungsfähig zu sein. Dazu kann es in München anderer Schwerpunktsetzungen bedürfen als in Weiden oder Kempten. In den Themenbereichen, in denen regionale Unterschiede auch von den bayerischen Bürger_innen wahrgenommen werden, muss sich dies auch in den Angeboten der politischen Kommunikation und Bildung widerspiegeln. Um unsere Aktivitäten zielgruppengerecht zu entwickeln und regional zu schärfen, bedarf es also zunächst einer Analyse. Im Oktober 2020 wurden in vier verschiedenen bayerischen Regionen neun Fokusgruppendiskussionen durchgeführt. Wir haben die Bürger_innen in Bayern gefragt, wie sie zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen stehen oder wie Unterschiede in den infrastrukturellen Voraussetzungen zwischen den Regionen wahrgenommen werden. Welche Erwartungen, Ängste und Hoffnungen haben sie mit Blick auf die Zukunft? Welche Themen sind den Menschen in den„Boomregionen“ wichtig und welche in Mittelstädten? Wo sehen sie Handlungsbedarf und wo wünschen sie sich politische Unterstützung? wie Mobilität, Gesundheitsversorgung oder Digitalisierung hat, gilt es daher in den Fokus zu nehmen. Die vorliegenden Ergebnisse bieten einen Überblick und gleichermaßen tiefe Einsichten in die Themen, die die Bayer_innen bewegen. Die vielfach geäußerte Zufriedenheit mit der Politik und den Lebensumständen bekommt bei genauerem Hinsehen und Nachfragen Risse. Die Anforderungen an Mobilitätskonzepte in Bayern sind so unterschiedlich wie das Bundesland selbst: In Ballungsräumen werden autofreie Innenstädte und der Ausbau des ÖPNV diskutiert, um Luftund damit Lebensqualität zu sichern. In ländlichen Gebieten bleibt das Auto bisher häufig die einzige Mobilitätsquelle und ist Ausdruck eines Lebensgefühls in einer von Automobilindustrie geprägten Region. Krankenhäuser in der Fläche schließen und die ärztliche Versorgung ist nicht mehr nah und zeitig garantiert – sowohl auf dem Land als auch in der Stadt. Die Digitalisierung der Bildung stockt und die Kommunen sind dabei oftmals auf sich selbst gestellt, um Chancengerechtigkeit herzustellen. Durch die Corona-Pandemie werden diese Konflikte zusätzlich wie unter einem Brennglas sichtbar und teils verstärkt. Politische Antworten auf die großen Fragestellungen unserer Zeit, die sich tatsächlich an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren, fehlen vielfach in unserem„Bundesland der Superlative“. Wir danken dem Team von pollytix um Jana Faus und Lina Ludwig für die gute Zusammenarbeit, die Durchführung der Gruppendiskussionen und die Aufbereitung der Ergebnisse. Bayern ist ein Land mit wirtschaftlichem Erfolg, Innovationskraft und einem hohen sozialen Wohlstand. Aber Bayern ist auch ein Land, in dem es ein großes Entwicklungsgefälle zwischen den Regionen gibt und in dem sich Reichtum, Ressourcen und Teilhabemöglichkeiten zunehmend ungleich verteilen. Von gleichwertigen Lebensverhältnissen ist Bayern – trotz Verfassungsauftrag von 2013 – weit entfernt. Welche Auswirkungen das auf zentrale Politikfelder Lassen Sie uns gemeinsam diskutieren, was Bayern jenseits der Heimatverbundenheit bewegt und in Zukunft lebenswert macht und wie die Chancen für einen gesellschaftlichen Wandel zu mehr Gerechtigkeit, Solidarität und Nachhaltigkeit genutzt werden können. Anna-Lena Koschig und Ellen Diehl Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern 4 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Das Bundesland der Superlative? Eine Einleitung 01 Bayern ist ein heterogenes Land im Wandel, mit regionalen Prägungen und einem starken Stadt-Land-Gefälle: Wie kaum ein anderes Bundesland fällt Bayern„in boomende Regionen und periphere Regionen mit erheblichen Entwicklungsproblemen auseinander“(Miosga, M. 2015: 25). Während insbesondere die südbayerischen Großstädte wachsen, kämpfen andere Regionen mit Bevölkerungsschwund und dessen wirtschaftlichen Konsequenzen. Die Schere zwischen den Regionen öffnet sich immer weiter und bringt für beide Extreme auch infrastrukturelle Herausforderungen mit sich. Die ungleichen Lebensverhältnisse und Differenzen machen sich in Bayern insbesondere bei den Themen Arbeitsmarkt und Einkommen, Mobilität, digitale Infrastruktur und medizinische Versorgung bemerkbar. Im Zuge der COVID-19-Pandemie machten zuletzt der Zugang zu Testzentren und Krankenhäusern, digitalen Arbeitsund Bildungsmöglichkeiten und die Umstellung auf Kurzarbeit die unterschiedlichen Lebensverhältnisse zwischen den Regionen und Städten sichtbar. Die Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern untersucht in ihren Studien die Lebensbedingungen von Bürger_innen mit dem Ziel, in ihren politischen Bildungsangeboten Lösungsansätze und Herausforderungen zu diskutieren und danach zu fragen, wie die soziale und gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen zu gewährleisten ist. Im Oktober 2020 führte pollytix im Auftrag der FriedrichEbert-Stiftung Bayern Fokusgruppenbefragungen in unterschiedlichen Regionen Bayerns durch. In diesen diskutierte ein aussagekräftiger Querschnitt der bayerischen Bevölkerung zentrale politische und gesellschaftliche Themen wie die aktuelle Pandemie, aber auch die 5 Themenbereiche Gesundheitsversorgung, Arbeit und Wirtschaft, Digitalisierung, Infrastruktur und Mobilität, Klimaschutz sowie Bildungs- und Familienpolitik. Das Vorgehen der qualitativen empirischen Erhebung orientierte sich an folgenden Leitfragen: Welche Themen beschäftigen die Menschen? Wie stehen sie zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und inwiefern werden Unterschiede in den infrastrukturellen Voraussetzungen zwischen den Regionen wahrgenommen? Welche Erwartungen, Ängste und Hoffnungen haben sie für die Zukunft von Region und Bundesland? Wo sehen die Menschen in Bayern Handlungsbedarf und wo wünschen sie sich bessere Rahmenbedingungen von der Politik? Das Ziel der vorliegenden Studie ist die Untersuchung regionaler Perspektiven in Bayern als Grundlage für die Entwicklung politischer Bildungsformate. Der Fokus liegt dabei auf dem unterschiedlichen Erleben der verschiedenen Standorte. Welche regionalen Disparitäten könnten Implikationen für die politische Bildungsarbeit haben? Bieten die Entwicklungen während der Pandemie Chancen, neue Diskurse anzustoßen und darüber zu diskutieren, wie die bayerische Gesellschaft zukünftig gestaltet sein sollte? Es stellt sich auch die Frage, ob Unterschiede weiter verschärft werden und inwieweit sich dies auf die Bewältigung aktueller Herausforderungen wie die der Digitalisierung auswirkt. Denn trotz der wirtschaftlichen Leistungsstärke in Bayern verdienen regionale Disparitäten eine Analyse, die auch Teilhabe sowie die Verschärfung von Verteilungsgerechtigkeit im Blick behält. Methode 02 6 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Die Studie beruht auf einem qualitativen Vorgehen, um sowohl ein Verständnis für die unterschiedlichen Lebensrealitäten in Bayern zu entwickeln, als auch die Wahrnehmung zu gesellschaftspolitischen Themen einzufangen. Das Erleben dieser Themenbereiche ist, ebenso wie die(regionale) Identität, stark von sozialen Kontexten abhängig und in diese eingebettet. Es liegt daher nahe, sie innerhalb eines solchen Settings zu untersuchen. Deshalb wurden zwischen dem 6. und 28. Oktober 2020 neun Fokusgruppendiskussionen mit je vier bis sechs Teilnehmer_innen, die in Bayern wahlberechtigt sind, durchgeführt. Die neunte Gruppe wurde ergänzt, da in den vorherigen Gruppen junge Menschen, die sich noch in Studium oder Ausbildung befanden, leicht überrepräsentiert waren. Mit der ergänzten neunten Gruppe konnte mit Blick auf die Alters- und Berufsstruktur der Teilnehmer_innen über die Gruppen hinweg ein Querschnitt der bayerischen Bevölkerung abgebildet werden. Aufgrund der COVID-19-Pandemie und den damit einhergehenden Kontakt- und Reisebeschränkungen wurden die Gruppendiskussionen online als Videokonferenz durchgeführt, um Menschen mit erhöhtem Risiko oder Mehrfachbelastungen durch die veränderte Situation nicht systematisch auszuschließen. Für Personen, die nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen, gab es außerdem die Möglichkeit, sich telefonisch an den Diskussionen zu beteiligen. So konnte eine Verzerrung durch den Ausschluss von bestimmten Personengruppen verhindert werden. Mit der Methode der Fokusgruppen wurden Gruppendiskussionen geführt, die sich angeleitet durch Moderation auf ein bestimmtes Thema„fokussierten“. Simuliert wurden Diskussionen, wie sie täglich millio7 nenfach in Deutschland geführt werden.Im Unterschied zu Interviews fanden die Gespräche in einer natürlichen Gesprächsatmosphäre statt. Die Sichtweisen der Teilnehmer_innen standen dabei im Vordergrund. Zugleich gewährleistete ein Leitfaden, dass zentrale Fragestellungen des Forschungsinteresses angesprochen wurden. Repräsentation soziodemographischer und ökonomischer Diversität Ziel qualitativer Forschung ist es, über Einzelfallbeschreibungen hinauszugehen, jedoch keine bevölkerungsrepräsentativen Aussagen zu treffen. Der Auswahl der einzelnen Teilnehmer_innen kommt daher eine große Rolle zu, da durch die nicht-standardisierte Befragungstechnik nur begrenzte Fallzahlen realisierbar sind. Methodisch kann man unterscheiden zwischen einer Zufallsauswahl und einer Quotenauswahl. Mit einer Fallzahl von n=50 sind keine inferenzstatistischen Verfahren möglich, zumal bei kleinen Fallzahlen der Stichprobenfehler so groß wird, dass bestimmte Perspektiven in der Regel nicht repräsentiert werden. Da eine Zufallsauswahl somit nicht sinnvoll ist, wurde für die vorliegende Studie eine Quotenauswahl getroffen. Ziel des Vorgehens ist es, eine Stichprobe auszuwählen, die möglichst dicht an der Grundgesamtheit liegt und sich somit einer repräsentativen Auswahl annähert. Dazu wurde eine bewusste Auswahl mit sogenannten weichen Quoten pro Standort vorgenommen, um eine gute soziodemographische und-ökonomische Mischung über die Kategorien Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen, Berufstätigkeit und Kinder im Haushalt abzubilden. Eine Übersicht der Teilnehmer_innen zeigt Abbildung 1. 02 Methode Abbildung 1 Übersicht der Teilnehmer_innen Geschlecht Alter B i l d u n g¹ Einkommen¹ m w 18-29 30-39 40- 49 50-69 niedrig mittel hoch niedrig mittel hoch 25 25 16 13 7 14 9 14 27 22 15 12 ¹Abweichungen in der Gesamtsumme ergeben sich aufgrund von verweigerten Angaben. Kinder im Haushalt ja nein 16 34 Repräsentation geographischer Diversität Bayern ist in sieben Regierungsbezirke gegliedert: Im Norden des Landes befinden sich Unter- und Oberfranken, im Nordwesten liegt Mittelfranken sowie im Nordosten die Oberpfalz. Im Osten ist Niederbayern angesiedelt, im Süden Oberbayern sowie schließlich Schwaben im Südwesten. Jede dieser Regionen vereint bestimmte Merkmale und ist durch eine andere Wirtschaftsstruktur gekennzeichnet. Für die Regionen Niederbayern und Oberbayern mit den Hauptstandorten von BMW und Audi ist die Automobilindustrie eine der bedeutendsten Branchen. In der Landeshauptstadt München sitzen mehrere DAX-Konzerne, auch in Nürnberg sind viele große Konzerne angesiedelt. Die Region Oberpfalz mit dem Regensburger Umland ist ein wichtiger Industriestandort, insbesondere für den Maschinenbau und Metallerzeugnisse. Beinahe alle Regionen Bayerns profitieren vom starken Tourismus, welcher auch für kleinere Ortschaften eine entscheidende Rolle spielt. Vor allem das Allgäu zählt zu den beliebtesten Tourismusund Erholungsgebieten Deutschlands. Um geographische Diversität abzubilden, lokale Stimmungen einzufangen und einen Vergleich zu ermöglichen, fand jede Fokusgruppendiskussion in einer anderen Region statt. Es wurden Online-Diskussionen in München, Kempten, Deggendorf und Weiden in der Oberpfalz durchgeführt(siehe Abbildung 2). Für jeden Standort wurde eine Gruppe aus dem Standort selbst, sowie eine Gruppe mit Teilnehmer_innen aus dem Umland rekrutiert und somit sowohl städtisch als auch ländlich geprägte Gegenden miteinbezogen. Abbildung 2 Geographische Repräsentation Weiden Deggendorf München Kempten 8 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Der Sozioökonomische Disparitätenbericht, herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung(2019), beschäftigt sich mit den sozioökonomischen Unterschieden Deutschlands. Aus den verschiedenen regionalen Problemlagen ergibt sich auch ein Spaltungspotenzial sowie eine mögliche Verringerung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. In Bayern liegen die wichtigsten Unterschiede insbesondere in der Landflucht der peripheren Gebiete und dem „Wachstumsstress“(Miosga, M. 2015: 97) der Großstädte. Einige Besonderheiten in der Entwicklung der vier Standorte sind in Abbildung 4 zusammengefasst. Die hochqualifizierten Arbeitskräfte fehlen schlussendlich in den ländlichen Kreisen, in denen der Arbeitsmarkt bröckelt. Gleichzeitig explodiert in München der Wohnungsmarkt, und es entsteht außerdem ein Mangel an Voraussetzungen wie Infrastruktur oder Kinderbetreuung, während die Lebenshaltungskosten kontinuierlich ansteigen. Der Sozioökonomische Disparitätenbericht benennt Faktoren, anhand derer sich Disparitäten im besonderen Maße ablesen lassen. Die Auswahl der Standorte schloss folgende Indikatoren mit ein­­ (­siehe Abbildung 3). Abbildung 3 Regionale Ausprägungen der Indikatoren Untersuchungsort Landkreis Deggendorf Kempten Weiden München Arbeitslosigkeit¹ 2,2% 3,6% 6,6% 2,7% Indikatoren Einkommen¹ 21.476 Erreichbarkeit Hausärzt_innen¹ (min.) 6,49 21.939 3,59 20.934 3,48 27.156 1,77 Raumtyp¹ Dünn besiedelte ländliche Kreise Städtische Kreise Städtische Kreise Kreisfreie Großstadt ¹Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H.(2019): Ungleiches Deutschland. Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019. Datenauszug. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. 9 02 Methode Abbildung 4 Besonderheiten der Standorte Standort Begründung Deggendorf Kreisstadt am Fuße des Bayerischen Waldes im gleichnamigen Landkreis. Die Hochschule lockt junge Menschen an, jedoch mangelt es an Infrastruktur. Kempten Mittelgroße Stadt nahe der österreichischen Grenze, touristisch geprägt: Profitiert außerdem von der Nähe zum attraktiven Arbeitsmarkt München. München Landeshauptstadt im Wachstumsstress: Durch den boomenden Arbeitsmarkt und Zuwachs sind Wohnungsmarkt, ÖPNV und Infrastruktur zunehmend angespannt. Weiden i. d. O. Kreisfreie Stadt in der ostbayerischen Oberpfalz, kämpft mit ökonomischer Unsicherheit, Landflucht hochqualifizierter Arbeitskräfte und vergleichsweise hoher Arbeitslosigkeit. Quelle: Eigene Darstellung Mit den Standorten wurden sowohl besonders wirtschafts- und einkommensstarke Regionen(wie die wachsende Landeshauptstadt München) als auch ökonomisch schwache Regionen(wie Weiden in der Oberpfalz) betrachtet. Zusätzlich erlaubt die Auswahl einen vergleichenden Blick auf ländliche Kreise, wie den Landkreis Deggendorf, sowie städtische Kreise in Kempten(nach der Einordnung des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung). Zudem werden drei der fünf Raumtypen entlang der Einteilung des Disparitätenberichts durchleuchtet(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019: 8). • Charakteristisch für dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr wie dem Ballungsraum München sind die gute allgemeine Versorgungslage und(noch gute) Infrastruktur sowie ein zukunftsfähiger Arbeitsmarkt. Jedoch sind hier einkommensschwache Haushalte zunehmend von Exklusion bedroht. Der Wohlstand hat auch problematische Folgen(wie Wohnungsknappheit). • Das starke Umland ist insbesondere in den Einzugsgebieten dynamischer Großstädte zu finden. Kempten z. B. punktet mit der Nähe zu attraktiven Arbeitsmärkten. Armutsgefährdung und Schuldenbelastung der Kommunen sind gering, allerdings gilt es, Infrastruktur und Mobilität dieser Regionen aufgrund des verstärkten Pendlerverkehrs weiter auszubauen, um mit der„Urbanisierung des ländlichen Raums“(Miosga, M. 2015: 54) mitzuhalten. • Der Kreis Deggendorf sowie die Umgebung Weidens sind Deutschlands solider Mitte zugerechnet. Die Regionen sind gewissermaßen Durchschnittscluster ohne besondere Abweichungen vom Bundesmittel. Der Anteil hochqualifizierter Beschäftigter ist hier am geringsten. Mit zunehmender Distanz zu großstädtischen Arbeitsmärkten entstehen Arbeitsmarktrisiken und Armutsgefährdung. In Bayern findet sich dieser Raumtyp eher in der peripheren Lage nahe der tschechischen Grenze. 10 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern 11 Stimmung in Bayern 03 12 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Positive Stimmung mit starkem Bezug zum Bundesland Trotz struktureller und kultureller Besonderheiten der Regionen besteht in den in dieser Studie erfassten Regionen Bayerns eine sehr starke Identifikation mit dem Bundesland. Dem„Freistaat“ wird ein Gefühl des Stolzes entgegengebracht, das maßgeblich das kohärente Stimmungsbild an allen Standorten stützt und(sub-)regionale Aspekte in den Hintergrund rücken lässt: Vereinzelt genannte Besonderheiten, wie Weidener Porzellan, Oberpfälzer Dialekt oder die Mentalität des Allgäuer„Muhackl“, ergänzen die bayerische Identität auf regionaler Ebene, ohne die Identifikationsfläche des Bundeslandes zu verdrängen. Eine Ausnahme stellt die Stadt München dar, die für ihre Bewohner_innen zum Teil der wichtigere Bezugspunkt ist und der bayerischen Tradition ein städtisches Selbstverständnis mit Liberalität und Weltoffenheit gegenüberstellt. Entsprechend des starken Bezugs ist die Stimmung in Bayern insgesamt sehr positiv: Wer in Bayern„dahoam“ ist, nimmt sein Leben als sicher und behütet wahr und fühlt sich wohl. Besonders geschätzt wird die bayerische Natur, gekennzeichnet durch das Zusammenspiel von Bergen und Seen, welche maßgeblich zur Lebensqualität beiträgt. » Das macht etwas aus, dass man die Berge hat, grüne Wiesen, Wälder und viele Seen, da ist eigentlich alles mit dabei und nach Italien ist es auch nur ein Katzensprung.« — München Der Tourismus bestärkt die Bayer_innen in dieser Einschätzung. Die bayerischen Selbstbeschreibungen sind geprägt von Vergnüglichkeit, Gemütlichkeit, Gelassenheit und gemeinschaftlichem Beisammensein. Man lässt es sich in Bayern gut gehen. 13 » Die Berge, der Chiemsee, das Oktoberfest, unsere Festkultur überall und die Biergartenkultur sind für mich Bayern.« — Kempten In den ländlicheren Regionen werden auch fehlende Offenheit oder Verschlossenheit der bayerischen Mentalität erwähnt, teilweise belächelt oder beklagt. Dennoch betonen die Bayer_innen, dass sie gerne in ihrem Bundesland leben und ein Umzug keine Option sei. » Wenn ich in die Umgebung von Deggendorf schaue, ich lebe hier schon gerne, aber die Menschen sind schon sehr verschlossen. Wenn ich in der Gegend rumschaue, in den Bayrischen Wald rein, wir sind schon auch ein schwieriges Volk.« — Deggendorf Häufige Bezugspunkte sind die wahrgenommene große Sicherheit und Stabilität in Bayern, ohne dass die Teilnehmer_innen dies konkretisieren können. Das Gefühl, dass es sich in Bayern gut oder sogar besser als im Rest Deutschlands leben lässt, wird insbesondere verstärkt durch das Gefühl wirtschaftlicher Stärke und, daraus abgeleitet, allgemeinen Wohlstands(siehe dazu Kapitel 4.4). Auf Bayern kann man stolz sein: Mögliche ökonomische Disparitäten oder infrastrukturelle Unterschiede der Regionen wirken sich nicht auf die positive Einschätzung und Zufriedenheit aus. » Es ist Sicherheit, das ist das, warum viele auf Bayern stolz sind oder auf München, weil es eine gewisse Erfolgsgeschichte hat, auch wirtschaftlich.«— München » Wir sind sehr behütet. So ein sicheres Gefühl habe ich in anderen Bundesländern nicht. In Hamburg habe ich immer ein mulmiges Gefühl, in NRW ist es noch schlimmer.« — Kempten 03 Stimmung in Bayern Das traditionelle Selbstverständnis hat auch Schattenseiten Mögliche gesellschaftliche Spaltungslinien, wie die Exklusion bestimmter Bevölkerungsschichten, finden kaum Erwähnung in den Gesprächen der Fokusgruppen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass in Bayern der Wohlstand sowie die hohe Lebensqualität vieles abfangen können und es im Großen und Ganzen„allen gut geht“. Relativ wenig Relevanz kommt den Themen Migration und Integration zu, die 2015 die deutsche Gesellschaft erheblich polarisierten(Faus, R.; Storks, S. 2019). Möglicherweise liegt dies auch in der aktuellen Diskursund Aufmerksamkeitsverschiebung durch COVID-19 begründet. Zwar wird das Thema Migration vereinzelt erwähnt, die Äußerungen beziehen sich allerdings fast ausschließlich auf den Einfluss von Migration auf den Arbeitsmarkt in Grenznähe(rund um Deggendorf) oder üben Kritik an der mangelnden Integrationsmöglichkeit in Bayern und nicht auf kulturelle Fragen oder Konsequenzen des gesellschaftlichen Miteinanders. Allerdings zeigen sich mit Blick auf das Zusammenleben in Bayern auch Kritikpunkte. Teilweise wird Bayern sowie den Menschen dort mangelnde Offenheit gegenüber Veränderungen und Neuem attestiert. Insbesondere das festgestellte Streben nach Sicherheit, der Rückbezug auf konservative Traditionen und„Bayernpatriotismus“ sind manchen zu stark ausgeprägt, verhinderten neue Impulse und Offenheit gegenüber den Mitmenschen und bergen die Gefahr der Ausgrenzung. » In Deutschland sieht man mich als Ausländerin oder Afrikanerin, die gut Deutsch kann. Das ist halt das Bild, was die Leute von mir haben.« — Weiden Die als stark wahrgenommene soziale Kontrolle wirkt sich auch auf die eigene Lebensqualität aus. Betont wird dies vor allem von jüngeren Teilnehmer_innen, Zugezogenen aus anderen(Bundes-)Ländern sowie Menschen aus dem städtischen Umfeld. Für die Münchner_innen stellt, wie zuvor erwähnt, deshalb häufig die Stadt den relevanteren Bezug für die eigene Identität dar. Denn stärker vertreten scheinen diese negativen Haltungen auf dem Land. Allerdings ist zu fragen, ob dies spezifisch für Bayern ist oder Ausdruck eines allgemeinen Stadt-Land-Gefälles. » München ist ein sehr gastfreundlicher Ort, auch für die Flüchtlinge. Dieser Slogan ‚München ist bunt‘ trifft ja schon zu.« — München » Gerade im ländlicheren Bereich die eigenen politischen Sichtweisen zu vertreten oder anderen Menschen verständlich zu machen, das ist schon schwierig.« — Deggendorf » Das Exotischste ist ja Essen beim Italiener. Mit multikulturell ist eher wenig.« — München »Manchmal kann ich den Bayern-Bezug nicht nachempfinden und habe das Gefühl, dass einem negativ begegnet wird, wenn man nicht aus Bayern ist.« — München Auch die mangelnde Integrationsleistung Bayerns gegenüber Geflüchteten sowie fehlende Akzeptanz von Menschen mit Migrationsgeschichte oder People of Colour ¹ werden erwähnt: » Man hätte in Bayern mehr machen können für schnelle Integration. In der Nähe gibt es ein Flüchtlingsheim, da hängen die Leute einfach nur rum. Das sollte besser geregelt werden, dass die Leute z. B. auch arbeiten können.« — Deggendorf »Es gibt unglaublich viele konservative Menschen. Da wirst du blöd angeguckt, wenn du irgendwie eine auffälli­ ge Hose anhast oder so. Als jun­ ger Mensch ist das anstrengend, weil man sich nicht so ausleben kann.« — Kempten 1 Der Begriff ist eine Selbstbezeichnung von Menschen, die aufgrund kultureller oder körperlicher Fremdzuschreibungen von der Mehrheitsgesellschaft als nicht weiß oder deutsch betrachtet werden und häufig(alltäglichen) Formen von Rassismus ausgesetzt sind. 14 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Bayern als„Spitzenreiter“ im Bundesländervergleich Mit dem Leben in ihrem Bundesland sind die Bayer_innen nicht nur zufrieden, sie nehmen ihr Land auch als deutschen„Spitzenreiter“ wahr. Besonders wichtig ist die wirtschaftliche Leistungsstärke sowie damit einhergehend die niedrige Arbeitslosigkeit und der Wohlstand(siehe Kapitel 4.4). Der positive Eindruck zieht sich durch die Einschätzung fast aller Themenbereiche(z. B. Bildung). Selbst mit Blick auf Themen wie dem Klimaschutz(siehe Kapitel 4.3) bei denen sich im Vergleich zu einzelnen Bundesländern die Bayer_innen selbst Nachholbedarf attestieren, besteht der Verdacht, dass man anderswo mit größeren Problemen kämpfe. Entsprechend kritisch äußert man sich über andere Regionen(z. B. die ostdeutsche Infrastruktur oder das Hamburger Abitur) und versteht Bayern als Vorbild. ­Erstrebenswerte Referenzpunkte für Bayern biete, wenn überhaupt, das Ausland. kritisch zur bayerischen Landespolitik äußern. Zwar gibt es einzelne kritische Kommentare zur Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, doch da diese wenig Zustimmung durch die restlichen Teilnehmer_innen fanden oder sogar zurückgewiesen wurden, blieben sie Ausnahmen. Positiv hervorgehoben werden u.a. die Informationspolitik auf der bayerischen Landesebene sowie die Einschätzung, dass Bayern nach anfänglicher Verwirrung die richtigen Entscheidungen hinsichtlich der Kontaktund Abstandsregeln getroffen und durch eine klare Linie Vertrauen gestärkt habe. » Mir gibt es ein gutes Gefühl, im Moment in Bayern leben zu dürfen mit diesen Corona-Maßnahmen. Ich finde, der Söder trifft Entscheidungen konsequent, er ist immerhin jemand, der versucht, etwas zu ändern.«— München » Da prescht unser Ministerpräsident schon auch mal ein bisschen stark vor, aber es ist klar, er möchte sein Volk schützen.« — Deggendorf Die Anzahl dieser Vergleiche verdeutlicht die Bedeutung des bayerischen„Vorsprungs“ für die Identitäts­ konstruktion. Der starke Bezug zu Bayern überdeckt mögliche Unterschiede und gleicht die Wahrnehmung negativer Aspekte aus: Selbst wenn es in einer bayerischen Region nicht optimal laufe, funktioniere es doch besser als in anderen Bundesländern, so die Wahrnehmung. Daher werden auch eine gewisse bayerische Überheblichkeit und der„Bundeslandpatriotismus“, trotz der erwähnten Kritik, gerechtfertigt und„objektiv“ ­legitimiert. » Das Ergebnis gibt uns recht. Schau, was wir in den Länderfinanzausgleich reinbuttern für Bundesländer, die es nicht auf die Reihe kriegen. Das ist ja schön, wenn in Berlin alles bunt und trallala ist, aber hier läuft es eben.« — Kempten Eine ähnliche Dynamik lässt sich bei der Bewertung des COVID-19-Krisenmanagements beobachten, denn im Vergleich zu anderen Bundesländern werden die Führung und Krisenfestigkeit Bayerns von der Bevölkerung als positiv erlebt: Dabei habe die bayerische Politik, aber auch die Bevölkerung sich in ihrer Konsequenz und Umsetzung von den anderen Bundesländern(wie z. B. Nordrhein-Westfalen) abgegrenzt und Impulse gesetzt. Dieser Eindruck besteht trotz der hohen Infektionszahlen oder dem Bekanntwerden diverser Testpannen und wird selbst von Teilnehmer_innen geteilt, die sich sonst eher 15 »Gefühlt kommen wir in ­Bayern irgendwie besser mit der Einhaltung der Maß­ nahmen klar, man setzt da ­seinen Verstand mit ein. Oder es hat damit zu tun, dass ­Bayern grundsätzlich eher konservativ ist und man sich halt auch mal fügen kann, wenn nötig.« — Weiden 03 Stimmung in Bayern »Mein Wunsch wäre, dass die Bayern zukunftsorientierter werden und Sachen durchsetzen. Wir haben bei so vielen Sachen wie der Digitalisierung den Anschluss verpasst und sind da nicht genug hinterher.« — Deggendorf Bisheriger Erfolg übt Druck für die Zukunft aus Aufbauend auf der Zufriedenheit mit Bayern im Allgemeinen sowie der starken wirtschaftlichen Lage im Besonderen sind die Zukunftserwartungen der Menschen im Bundesland größtenteils positiv: Nicht umsonst ist der meistgenannte Wunsch für die bayerische Zukunft über alle Gruppen hinweg, dass„alles so bleibt, wie es ist“. Dieser zuversichtliche Blick besteht trotz COVID-19. Durch die identitätsstiftende Wirkung der bayerischen Spitzenposition entsteht jedoch unabhängig von COVID-19 ein großer Druck, den Status quo in Bayern zu erhalten. Hier zeigt sich ein gewissermaßen zwiespältiges Bild, schwankend zwischen einem optimistischen Zukunftsverständnis, in dem Bayern seine hervorragende Stellung ausbauen könnte, sowie der Sorge, dass der Status quo in Zukunft nicht zu erhalten sei. Teilnehmer_innen aus ländlicheren oder wirtschaftlich schwächeren Regionen betonen eher den Wunsch nach Kontinuität sowie sozialer Absicherung(z. B. Rente, Bildung) oder sprechen von notwendigen Veränderungen, die ein(weiteres) Abfallen verhindern sollen. Sie erwarten seltener durch„Zukunftsthemen“ wie der Digitalisierung, innovativen Ansätze für den ÖPNV oder sonstigen Veränderungen zu profitieren, vielmehr geht es um ein Aufholen mit dem Rest Bayerns. Dahingegen ist insbesondere im urbanen München sowie auch bei jüngeren Teilnehmer_innen eher ein optimistischer Blick vertreten. Hier werden anstehende Veränderungen als Chance betrachtet, der es sich mutig anzunehmen gilt. Dafür, so die Einschätzung, benötige Bayern vor allem innovative Möglichkeiten, um etwa Veränderungen durch die Digitalisierung oder den Klimawandel auszugleichen. Ein Beispiel sei etwa der weitere Ausbau von München als digitalem Innovationsstandort sowie, gerade von jüngeren Teilnehmer_innen genannt, ein stärkeres Engagement der Landespolitik für Klima- und Umweltschutz. »Mehr Mut, noch mehr Innovation, auch beim Klimaschutz. Ansonsten wünsche ich mir, dass Bayern in vielen Punkten so bleibt, wie es ist.« — München 16 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern »Ich würde mir wün­ schen, dass Bayern der Vorreiter beim Klima­ wandel wäre, dass wir praktisch als Land zeigen: Wir können nicht nur Laptop und Lederhose, wir k­ önnen uns auch für die ­Umwelt stark machen.« — München 17 Themen 04 18 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Im Folgenden werden die Ergebnisse zu den Themengebieten Gesundheit& Pflege, Bildung& Familie, Klima, Wirtschaft& Arbeit, Digitalisierung sowie Mobilität erörtert. Diese Reihenfolge orientiert sich an der Wichtigkeit der Themen(das Wichtigste zuerst) in der Wahrnehmung der Teilnehmer_innen, auch wenn sich diese zum Teil nur in Nuancen unterscheidet. Diesen Unterkapiteln sind(grün markiert) kurze Zusammenfassungen zur aktuellen Situation in Bayern zugeordnet. Danach folgt die ausführliche Erläuterung der(subjektiven) Sichtweise der Teilnehmer_innen zu den Themenblöcken. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Regionen werden anschließend ausführlicher diskutiert. 4.1 Gesundheit und Pflege Das Gesundheitssystem ist gut aufgestellt, zeigt jedoch erste Risse Grundsätzlich sprechen die Teilnehmer_innen aller Regionen von einer guten Aufstellung des Gesundheitssystems in Bayern sowie in ganz Deutschland. Der Vergleich mit dem Ausland, insbesondere in der Pandemie, verstärkt diesen Eindruck. Kritisiert(aber auch als bundesweite Probleme ausgemacht) werden die zunehmende Ökonomisierung der Medizin, aufgrund derer nur noch bestimmte Behandlungsmethoden oder symptomatische Behandlung möglich seien, sowie die Trennung in private und gesetzliche Krankenkassen. Durch diese würden gesetzlich Versicherte beim Zugang zu Ärzt_innen sowie in der Behandlung selbst Nachteile erleben. In allen Regionen werden außerdem die Verfügbarkeit von sowie die Wartezeiten bei Terminen bei Hausund Fachärzt_innen kritisiert. Diese Themen werden aber meist nur auf Nachfrage angesprochen. Insbesondere in München sowie den anderen Groß- und Mittelstädten wird die Gesundheitsversorgung als zufriedenstellend empfunden, obwohl gerade bei den Sprechzeiten der Hausärzt_innen mit langen Wartezeiten gerechnet werden müsse. »Grundsätzlich ist die Gesundheitsversorgung so, dass man sich keine Gedanken machen muss. Wo ich ein Defizit sehe, ist die Kapazität der Allgemeinärzte, die ist bei mir im Raum echt am Limit. Wenn man zum Arzt muss, ungeplant, kann man einen halben bis dreiviertel Tag einplanen, um einen Termin zu bekommen.« — München » Das ist unfair, weil die Ärzte sich das Beste herausholen. Wenn möglich, nehmen die lieber nur Privatpatienten, weil man dafür gleich belohnt wird. Das ist eine Frechheit.«. — Weiden » Ich habe meinen Hausarzt, der sagt, dass Medizin zum Business gemacht wird. Medizin, Krankenhäuser, das ist kein Business, sondern es geht um Leben und Tod und nicht um Kohle scheffeln. Ich habe auch den Eindruck, dass keine kausale Therapie mehr stattfindet, sondern nur noch eine symptomatische.« — München Durch die hohe Fallzahl von COVID-19-Infektionen war das bayerische Gesundheitssystem besonders gefordert. Auch hier zeigen sich drastische regionale Unterschiede. Die Erreichbarkeit von Hausärzt_innen kann als Indikator für die medizinische Grundversorgung herangezogen werden(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019: 7). In den städtischen Gebieten Bayerns ist durch die hohe Anzahl an Ärzt_innen die Erreichbarkeit der nächsten Hausarztpraxis kein Problem. Dahingegen wird die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten zunehmend als problematisch betrachtet – besonders dort, wo sich Einrichtungen zurückziehen und die Infrastruktur schwach ausgebaut ist(ebd.: 7f). Zusätzlich herrscht durch den demographischen Wandel auch in Bayern ein großer Personalmangel in der Pflege, der sich laut Angaben der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft e. V.(2020) ohne eine drastische Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Pflegekräften weiter verschärfen wird. 19 04 Themen Flächendeckendende Versorgung in Bayern muss erhalten bleiben In der Region um Kempten zeichnet sich ein anderes Problem ab. Zwar bestehe noch eine relativ hohe Dichte an Arztpraxen, allerdings seien diese besonders innerhalb des Stadtzentrums anzutreffen. Aus dem ländlichen Umfeld müssten weite Strecken zurückgelegt werden, da die vorhandenen Ärzt_innen der Landarztpraxen sukzessive in den Ruhestand wechseln und teilweise nur schwer Nachfolger_innen fänden. Auch in Weiden wird die Verfügbarkeit von Ärzt_innen teilweise bemängelt, allerdings biete das nahegelegene Regensburg ausreichend Alternativen. Vereinzelt besteht Hoffnung auf Innovationen, welche die Versorgung im ländlichen Raum verbessern könnten, z. B. mit Verweis auf ein Projekt der Ostbayerischen Technischen Hochschule(OTH Weiden). » Wir haben an der OTH ein neues Projekt zu 5G für die Medizintechnik, das soll die ländliche Gesundheitsversorgung verbessern. Da werden Technologien getestet, mit denen man die Versorgung auf dem Land verbessern kann, damit z. B. alte Leute nicht so weit fahren müssen.« — Weiden Auch die Schließungen von Krankenhäusern, wie etwa im Raum Grafenau bei Deggendorf, und Geburtsstationen, beispielsweise im Münchner Umland, bereiten zunehmend Sorge um die Gewährleistung schneller Notfallversorgung. In Deggendorf werden die Schließungen als Indikator und Konsequenz der Landflucht verstanden. Zwar gilt das Deggendorfer Krankenhaus als äußerst modern ausgestattet, dennoch gestaltet sich die Mitarbeiter_innensuche laut der Teilnehmer_innen als zunehmend schwer. Aus diesem Grund würden freie Stellen in Pflege und Medizin durch Mitarbeiter_innen aus dem Ausland besetzt. Vereinzelt herrscht hier Skepsis wegen möglicher Sprachbarrieren sowie der Ausbildungsstandards. Um Versorgung zu gewährleisten, müssen bessere Bedingungen für das Personal entstehen Deutlich sorgenvoller als auf die ärztliche Gesundheitsversorgung blicken die Bayer_innen jedoch auf die Situation der Pflege(Gesundheits- und Altenpflege). Obwohl nur wenige Teilnehmer_innen direkte Erfahrung mit der Pflege von Angehörigen oder aber der Suche nach einem Pflegeplatz gemacht haben, besteht ein starker Konsens darüber, dass die Pflegesituation sich sowohl deutschlandweit als auch in Bayern zunehmend verschlechtere. Hauptkritikpunkte sind dabei Mitarbeiter_innenmangel sowie der Pflegeschlüssel in der Altenpflege. Obwohl teilweise Plätze(etwa in Reha-Einrichtungen oder Seniorenheimen) vorhanden wären, könnten diese aufgrund des Mitarbeiter_innenmangels nicht adäquat besetzt werden, da Pfleger_innen bereits jetzt stark überlastet seien. Vor diesem Hintergrund besteht an allen Standorten ein breiter Konsens darüber, dass die geringe Attraktivität des Pflegeberufs sich durch die Bedingungen erklären ließe. Gekennzeichnet sei die Pflege schließlich von langen Arbeitszeiten, körperlicher und psychischer Belastung sowie schlechter Bezahlung. All dies führe dazu, dass Pflege keine„gute Arbeit“ sei, was sich auch auf die Pflegequalität auswirke. » Da ist keiner da, weil die Leute den Beruf als nicht attraktiv sehen, vielleicht auch wegen der Bezahlung. Da geht man ­lieber irgendwo ins Büro, hat da seine Ruhe.«— München » Pflege ist so schwer, man muss viel tun, an so viel denken, und trotzdem wird man nicht bezahlt. Es gibt bei mir keine Kollegin, die sich mit dem Gehalt ohne Ehemann ein Auto leisten könnte.« — Kempten Besonders vor dem Hintergrund des neuen Bewusstseins für„Systemrelevanz“ durch die Pandemie wird auch der Wunsch nach mehr Respekt für die Branche und gesellschaftlicher Anerkennung betont, die den Pflegeberufen unbedingt zukommen solle. »Manchmal gibt es No-Gos in den Altenheimen, das ist fast menschenunwürdig. Aber man kann den Pflegern gar nicht böse sein, weil die so überfordert sind.« — Weiden 20 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern » Da muss sich etwas tun. Da gibt es wahnsinnige Vorurteile, von wegen‚ da wäscht man halt ein paar alte Leute. Studierende bekommen mehr Anerkennung, weil es in der heutigen Gesellschaft heißt, dass man studiert haben muss, um etwas zu erreichen.« — Deggendorf Obwohl der Pflegekräftemangel als deutschlandweites Problem verstanden wird, merken Teilnehmer_innen vereinzelt an, dass dieses gerade in Bayern aufgrund des hohen Lohnniveaus in der Industrie oder W ­ irtschaft sowie regionaler Unterschiede besonders akut sei. Teilnehmer_innen aus Kempten erwähnen außerdem, dass die Nähe zu München das Problem verschärfe: » Die werben zum Beispiel Pf legekräfte von hier ab und zahlen denen die Zugverbindung, weil man ein Pflegeheim nun mal nicht leiten kann, wenn kein Personal da ist.« — Kempten Wie Maßnahmen vonseiten Politik und Gesellschaft für die Verbesserung der Pflege konkret aussehen sollen, bleibt abseits besserer Bedingungen für Pfleger_innen weitgehend unklar. Eine Teilnehmerin 2 , die selbst im Bereich Pflege tätig ist, erwähnt die Notwendigkeit einer Handwerkskammer für die Pflege, um so sicherzustellen, dass nicht nur die Ausbildung besser verwaltet und organisiert werden könne, sondern um eben auch die Anerkennung von Pflege als„Handwerk“ zu etablieren. Die Pflegestützpunkte in Bayern sind nur vereinzelt bekannt und spielen in der Wahrnehmung der Situation pflegender Angehöriger keine bedeutende Rolle. Allerdings äußern betroffene Teilnehmer_innen auch den Wunsch nach mehr Unterstützung bei der Koordination von Leistungen und Antragstellung. Dabei erwähnen zwei der Teilnehmer_innen das als undurchsichtig beschriebene Vorgehen des Medizinischen Dienst bei der Einordnung der Pflegebedürtigen in die entsprechenden Pflegegrade. »Das sagt etwas über den Wirtschaftszustand aus. Wenn es in der Industrie sehr gut läuft, dann ist in der Pflege wenig. Das spürt man in den Ausbildungslehrgängen.« — Kempten »Am Ende des Tages möchte man natürlich für seine Bildung entsprechend entlohnt werden und ich denke, dass Bayern da eigentlich je nach Berufsfeld unterschiedlich ist, weil man hier einfach bei vielen Sachen sehr gut verdient.« — Deggendorf 2 Es ist hervorzuheben, dass es sich um eine Einzelmeinung handelt, die durch die berufliche Tätigkeit der Teilnehmerin gewissermaßen auf „Expertinnenwissen“ basiert. 21 04 Themen 4.2 Bildung und Familien Bayern ist(noch) Bildungsland gesamtdeutsches Problem. Vereinzelt besteht der Wunsch nach„lebenspraktischen Fächern“, etwa zu SteuererkläBei der Wahrnehmung der Bildung bestehen wenig Unterschiede zwischen den Standorten. Insgerungen, sowie dem Ausbau sozialer Kompetenzen – als dringliches Problem wird all dies aber nicht betrachtet. samt herrscht große Zufriedenheit mit der Schulbildung in Bayern. Erneut wird hier von einer Spitzenposition gesprochen und diese mit Referenz auf das bayerische Abitur bekräftigt. Mit Blick auf das Bildungssystem ist Bayern leistungsfähig: Dies belegen etwa die Ergebnisse des IQB-Bildungstrend 2018, in dem nur Schüler_innen in Sachsen bessere Werte erzielten(Stanat, P.; Schipolowski, S.; Mahler, N.; Weirich, S.; Henschel, S. 2019: 427f). Neben dem traditionellen Drei-Säulen-System haben sich auch in Bayern neue Schularten gebildet. Zudem wurde flächendeckend die » Man trifft ja Leute aus anderen Bundesländern. Der Eindruck war immer, dass wir Bayern schon die bessere Bildung und das beste Abitur bekommen.« — Weiden Rückkehr zum Abitur nach 9 Jahren(G9) beschlossen(Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020: 108f), auch wenn zu dessen sinnvollen Ausgestaltung noch breite politische Debatten geführt werden. Doch auch das bayerische Bildungssystem steht vor Herausforderungen. Für Bayern ist mit Blick auf die ganztätige Betreuung für Grundschulkinder davon auszugehen, dass die Nachfrage weiter steigen wird. Erste BedarfsabschätzunPositiv hervorgehoben wird die Abkehr vom achtjährigen Gymnasium, welche als vorausschauende Maßnahme zur Entlastung der Schüler_innen betrachtet wird. Über alle Regionen hinweg werden auch die Durchlässigkeit sowie die Schulform der Fachoberschule (FOS) gelobt, welche den Wechsel zwischen den Schultypen erlauben. Erwähnt wird auch die Vielfalt der Bildungsoptionen(etwa gen rechnen damit, dass trotz Ausbaubemühungen bis zum 2025 geplanten Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung zwischen 20 bis 25 Prozent der benötigten Plätze fehlen werden(ebd.: 122). Laut einer Studie zum Stand der digitalen Bildung an bayerischen Schulen wurden zwar bereits wichtige Schritte unternommen, allerdings ist bislang weder die Erlangung von Medienkompetenz systematisch in die Lehrpläne integriert noch die digitale Ausstattung von Schulen und Schüler_innen ausreichend gewährleistet(Sailer, M.; Murböck, J.; Fischer, F. 2017: 2f). Eine weitere Herausforderung stellen nach wie vor die bayerischen Inklusionsbemühungen im Bildungsbereich dar. Eine Studie des BayernForums der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die bayerische Bildungspolitik zwar integrationslogisch vorankommt, jedoch inklusionslogisch zurückbleibt(Dorrance, C.; Dannenbeck, C.2015: 4f). durch die starke Verankerung von dualen Studienmodellen). Der digitale Nachholbedarf gefährdet die gute Bildung in Bayern » Mit G8 war das Wahnsinn, was Schüler mitmachen mussten. Aber Bayern hat gelernt, Bayern sind klug, jetzt gibt es Auch auf das Thema Schulbildung wirkt sich die wieder G9.« — Kempten Pandemie aus: Kritik üben die Teilnehmer_innen an der Umstellung auf Distanzunterricht sowie der digitalen » Dass man in Bayern die Möglichkeit hat, selbst von der Mit- Bildungspolitik in der Pandemie. Dabei werden insbetelschule irgendwann mit den Realschülern auf die FOS zu ge- sondere Versäumnisse bei der Erlangung von digitalen hen und Abitur zu machen. Man ist nicht verdammt dazu, auf Kompetenzen sowie der Anschaffung von Endgeräten der Hauptschule zu bleiben.« — Deggendorf für den Schulbetrieb hervorgehoben. Durch die Pandemie sei im Bereich der Digitalisierung ein starker NachÜber einen Lehrkräftemangel wird dagegen nicht ge- holbedarf aufgedeckt worden, der langfristig die bayesprochen und Kritik an den Lehrinhalten wird nur auf rische Bildung abrutschen lassen könne: Besonders im direkte Nachfrage geäußert. Dabei wird, wenn über- Vergleich zu skandinavischen Ländern sei die Bildung haupt, erwähnt, dass der Fokus zu sehr auf Wissensver- in diesem Bereich„abgehängt“. Vereinzelt wird dabei die mittlung statt Kompetenzen läge, dies sei allerdings ein soziale Ungerechtigkeit mit Blick auf Schüler_innen aus 22 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern finanziell benachteiligten Familien angesprochen, die nur bedingt ausgeglichen werde. » Da merkt man, dass manche Kinder privilegierter sind. Es gibt auch Leute, die können sich vielleicht keinen Laptop oder Internet leisten. Jemand, der weniger finanzielle Mittel hat, hat es ohnehin schwerer, das wird bestärkt.« — Deggendorf » Manche Schüler haben schlechte Deutschkenntnisse oder hatten nur das Handy vom Vater, um Aufgabenblätter abzuschreiben. Das heißt schon etwas, wenn die so engagiert sind, und denen hat man dann zum Teil Tablets gestellt.« — Kempten Die Gerätebereitstellung würde primär durch bürokratische Hürden der Antragstellung durch Schulen und Kommunen erschwert und verzögert, obwohl finanzielle Ressourcen vorhanden wären. Viele Teilnehmer_innen sehen insgesamt Verbesserungsbedarf bei der Umsetzung des digitalen Lernens in Krisenzeiten sowie ganz generell bei der Digitalisierung des Bildungsbereichs. » Wir waren eine der ersten Schulen mit iPads und haben nochmal welche bekommen, weil wir sie schon vor Corona beantragt hatten. Das Problem ist die Struktur drumherum. Es wird viel Geld zur Verfügung gestellt, aber dann gibt’s in der Stadt keine Person, die das beschafft – da sind Schulen und Lehrer mit der Bürokratie auf sich gestellt.« — Kempten » Da ging durch die Presse, wie viel Geld für die Digitalisierung von Schulen da ist, aber nur ein Bruchteil wird abgerufen, wegen der Bürokratie.« — München Insgesamt werden die Ausstattungssituation, aber auch die Umsetzung und das Engagement von Lehrer_innen 3 während des Distanzunterrichts von Schule zu Schule sehr unterschiedlich beschrieben, ohne dass dabei klare regionale Unterschiede zu erkennen wären. Zwar wird vereinzelt vermutet, dass die Lage in ländlicheren Schulen schlechter sei, teilweise gebe es aber auch dort positive Beispiele. » Ich glaube, dass die Mittel nicht bei jedem da sind, dass die Förderung zu spät kommt und die ländlichen Schulen viel zu schlecht ausgestattet sind.«— Weiden » Die eine Schule hat sogar ein eigenes Programm per App. Jeden Tag um acht Uhr startet das, die Lehrerin teilt Aufgaben aus, diese werden eingescannt über die Handykamera, einwandfrei. Da gibt es sogar bei benachbarten Schulen große Unterschiede.« — Deggendorf Dennoch haben die Menschen in Bayern das Gefühl, trotz offensichtlicher Schwachpunkte auch den Distanzunterricht im Vergleich zu anderen Bundesländern gut gemeistert zu haben. » Ich kann mir vorstellen, das funktioniert in Bayern trotzdem recht gut, weil die meisten Schüler Möglichkeiten haben, an PCs zu kommen. Da denke ich, das ist eher Thema in anderen Bundesländern mit den ärmeren Familien, die sich das nicht leisten können.« — München Die Pandemie wird mit Blick auf die Digitalisierung der Bildung auch als positiver Impuls bewertet, durch den Schulen digital aufholen können – zumal da Bildung als zentrales Zukunftsthema betrachtet wird. »Wegen Corona sieht man, wo die Lücken sind. Die Kin­ der haben zum Teil Smart­ phones, aber umgehen kön­ nen sie damit nicht, bloß mit WhatsApp und sonst was. Es ist da schon noch Nachholbe­ darf da, dass man praktisch die neuen Medien nicht bloß konsumiert, sondern das richtig anwenden kann.« — München 3 Lehrer_innen, die an den Gesprächen der Fokusgruppen teilnahmen, äußerten scharfe Kritik am Kultusministerium. Insbesondere die Versäumnisse bei der digitalen Grundausstattung durch Microsoft-Teams-Lizenzen, aber auch die Gefährdung älterer Lehrkräfte durch Präsenzunterricht werden von ihnen hervorgehoben. 23 04 Themen »Meine Freundin wohnt westlich von Schwabmünchen, da wird der Kindergarten vollgestopft mit Kindern aus München, jetzt ist er [der Sohn] auf der Warteliste.« — München Bei der Kinderbetreuung herrschen große Stadt-Land-Unterschiede Besonders stark zeigen sich die unterschiedlichen Einschätzungen im Vergleich von ländlichen Regionen mit dem Ballungsraum München. Besonders in und um München sowie teilweise in Kempten und anderen Städten sei die Verfügbarkeit von Krippen- und Kindertagesstätten- oder Kindergartenplätzen eine Schwierigkeit. Teilweise verschiebe sich dieses Problem größerer Städte auf die umliegenden ländlichen Gebiete. Mögliche Kosten der Kinderbetreuung seien meist zweitranging – vielmehr gehe es um die fehlende Verfügbarkeit. Für Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen werde damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie maßgeblich erschwert und verzögere(meistens für die Mütter) die Rückkehr in den Beruf. Teilweise werde ein Umzug in die ländlichere Peripherie als einzige Möglichkeit gesehen. Dies sei allerdings(abgesehen von längeren Pendelzeiten) nur teilweise eine Lösung oder verschlechtere die beruflichen Möglichkeiten der Elternteile: Kinderbetreuung gebe es auf dem Land, die besseren Jobchancen jedoch in den Städten. » Wir sind extra zurück ins Allgäu gezogen, weil es in München schlimm ist. Aber hier bekommt man jetzt auch keinen Platz mehr. Ich bekomme noch ein halbes Jahr Elterngeld, dann müssen wir sehen, was wir machen.«— Kempten Im ländlichen Umkreis von Kempten sowie in Weiden und Deggendorf wird das Problem kaum wahrgenommen. Nur vereinzelt berichten Teilnehmer_innen von Schwierigkeiten nahe des Wohnorts. »Hier ist das jetzt nicht das gro­ ße Problem. Da gibt es einen Kindergarten, der auch ein­ fach Kinder aufnehmen muss. Wenn man dorthin geht und sagt, ich möchte gerne mein Kind zum nächsten Jahr an­ melden, dann geht das auch.« — Deggendorf 24 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern 25 04 Themen 4.3 Umwelt und Klimaschutz Der Klimaschutz wird auch im persönlichen Alltag immer wichtiger » Generell brauchen wir Konzepte. Der Klimawandel ist nicht zu stoppen, indem man das individuell angeht. Da müssen von der Politik Richtlinien kommen, das gilt jetzt nicht nur für Die Themen Umweltschutz und Klimapolitik bewe- Bayern oder Deutschland.«— Deggendorf gen die Bayer_innen, zumal viele von ihnen Folgen des Klimawandels(etwa die abnehmende Artenvielfalt im Bayerischen Wald oder die Die Umwelt- und Klimaziele in Bayern werden aufgrund fehlender ÖPNV-AnEinflüsse des Tourismus auf die Alpengebote für Pendler_innen nicht erreicht, da ein Großteil der Menschen auf landschaft) unmittelbar vor Ort erleben. den PKW zurückgreifen muss(Fink et al. P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019: Insbesondere jüngere Bayer_innen mit 8ff). Zusätzlich erhöht der Verkehr die Lärmbelastung, welche mit dem Rückhoher Bildung priorisieren das Thema gang der Artenvielfalt sowie dem hohen Flächenverbrauch eine der größten Klima vor anderen Problemfeldern. Herausforderungen des bayerischen Umweltschutzes darstellt(Bayerisches Landesamt für Umwelt 2019: 6f). Gerade im Zuge der COVID-19-Pandemie » Natürlich kann man nicht alles retten, könnte eine entsprechende Ausrichtung der Konjunkturprogramme die geaber wenn es so weiter geht, haben wir zielte Transformation Richtung Nachhaltigkeit stärken(Falterer, F.; Hafner, überhaupt nichts Grünes mehr.«— WeiS.; Miosga, M.; Schiffner, J. 2020: 18f). Insbesondere die Kommunen als bürden gernahe politische Ebenen könnten außerdem systemische Veränderungsprozesse in Richtung eines solidarisch-ökologischen Wandels unterstützen. » Wenn wir so weitermachen wie bisher, Denn gerade in den ländlichen Regionen kann der dezentrale Ausbau erneukönnen wir unser Zuhause an sich bald erbarer Energien als neuer Wirtschaftsbereich zur regionalen Wertschöpvergessen, weil die Welt nicht mehr so fung beitragen(ebd.: 27f). sein wird, wie wir sie kennen.« — München Noch hat allerdings die Wirtschaft Vorrang vor dem Klima » Es wird generell zu wenig getan, nicht nur bei uns. Sei es mit der Landwirtschaft und mit den ganzen Düngeverordnungen, Für Bayern werden Umwelt- und Klimaschutz da müsste überall mehr gemacht werden.«— Weiden über alle Regionen hinweg primär in Verbindung mit den Themenbereichen Wirtschaft oder Mobilität anImmer wieder berichten die Menschen in Bayern von gesprochen. Dabei zeigen sich zwei gegensätzliche Veränderungen in ihrem persönlichen Alltag, etwa ­Haltungen. der Vermeidung von Autofahrten für das Klima, einer Beschränkung des Fleischkonsums oder einem wach- Viele der Teilnehmer_innen kritisieren gerade die mansenden Bewusstsein für plastikfreie Verpackungen und gelnde Handlungsbereitschaft oder Handlungskompenachhaltige Produkte. Häufig würden die Teilnehmer_ tenz vonseiten der Landespolitik, beispielsweise deren innen in diesen Bereichen auch politische Lösungen als ablehnend empfundene Haltung zur Windenergie. begrüßen. Konkrete Maßnahmen oder Ziele der Landesregierung werden jedoch nicht genannt. Vereinzelt» Klimapolitik in Bayern heißt über Klimawandel reden, aber wird von einem Ausbau von Windenergie gesprochen, dann darf kein Windrad im Umkreis einer Ortschaft sein, und allerdings kritisieren auch viele die sogenannte 10-H- wehe der Alpenblick wird verdeckt.«— München Regelung, die den Mindestabstand von Windrädern zur nächsten Wohnbebauung festlegt und damit oft-» Was ich schlecht finde, ist die Energiewende. Man redet mals Windkraftprojekte ausbremst. Gleichzeitig wer- von Ökostrom und macht dann Richtlinien, die den Bau von den Umwelt- und Klimaschutz aufgrund der großen Windrädern eigentlich verhindern.«— Kempten Bedeutung der Themen oft als Aufgabe„höherer Instanz“ eingeschätzt und auf Bundes- oder europäischer Ebene verortet. 26 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Erwartet werden mehr Initiativen der Landesregierung sowie die Umsetzung vor Ort, unabhängig von der Bundesebene. Ein weiterer Kritikpunkt ist das enge Verhältnis zwischen Akteur_innen der Wirtschaft und der bayerischen Landesregierung: In der Wahrnehmung der Teilnehmer_innen behindert gerade diese Nähe klimafreundlichere Politik und neue Wirtschaftskonzepte, die mit den Klimazielen vereinbar sein könnten. Wirtschaft und Klimaschutz werden damit nicht als Politikbereiche gesehen, die zueinander in Konkurrenz stehen müssen. » Aber wenn es um Klimawandel geht, und wir müssen über diesen Rand hinaus und etwas investieren, in die Zukunft, dafür müssten wir ein bisschen zurücktreten, da ist der stolze Bayer nicht bereit dazu. Da könnte die Politik mehr machen.« — München » Die großen Industriezweige, gerade in Bayern die Autoindustrie, die werden schon sehr bevorzugt. Ich glaube, dass die Autoindustrie die Politik ganz schön beeinflusst und da diktiert, wie es laufen soll.«— Weiden » Es heißt dann, die Leute, die Braunkohle abbauen, haben dann keine Jobs mehr. Aber es braucht ja auch Arbeitsplätze, um die erneuerbaren Energien zu fördern, um das ­aufzubauen.«— München » Es sollte mehr auf der Agenda stehen, aber wirtschaftlich gesehen kann man es jetzt auch nicht auf Teufel komm raus durchsetzen.«— München » Die Fridays-For-Future-Teenies haben ja noch nie in ihrem Leben Stromrechnungen bezahlt.«— Kempten » Ich finde, dass klimapolitische Themen eher auf höherer Ebene angegangen werden sollten. Wenn die Kommune also hier abholzt, für ein neues Industriegebiet, dann ist das schon gerechtfertigt, um die Arbeitsplätze in der Region zu erhalten.«— Weiden Dennoch sehen viele Bayer_innen auch im Klima- und Umweltschutz eine Chance für ihr Bundesland: Schließlich könne gerade die Wirtschaftsmacht Bayern die Machbarkeit von klimaverträglichem Wirtschaften beweisen. Auch dabei könne(z. B. durch ein Aufholen bei neuen Mobilitätsformen und Innovationen nach dem Vorbild asiatischer Länder) Bayern eine Vorreiterrolle in Deutschland zukommen. » Wir sollten auch eine Führungsrolle spielen, was den Umweltschutz angeht, weil ich überzeugt bin, dass das eine langfristig gewinnbringende Branche sein kann. Dazu braucht es politisch die Unterstützung, dass der Wohlstand dabei bewahrt wird.« — München Demgegenüber stehen Teilnehmer_innen, die sich für eine Priorisierung der Wirtschaft(und damit die Sicherung des bayerischen Wohlstands) aussprechen. Aus ihrer Sicht entsteht gerade mit Blick auf die Automobilindustrie ein Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und Wirtschaft. Befürchtet werden außerdem steigende Preise für Verbraucher_innen. Etwas stärker wird diese Perspektive im ländlichen Umfeld vertreten, die Münchner_innen hingegen äußern sich kaum in diese Richtung. Vielfach wird auch erwähnt, dass Umweltschutz entweder nur auf Bundesebene wirksam zu verorten sei oder aber eine eigenverantwortlich getroffene Entscheidung jedes Einzelnen sein müsse. Teilweise werden auch Wirksamkeit und Notwendigkeit von Maßnahmen auf Landes- oder Kommunalebene angezweifelt. Gegenüber E-Mobilität herrscht große Skepsis Mit Blick auf die E-Mobilität zeigt sich dagegen über die Gruppen hinweg große Einigkeit: In allen Regionen wird insbesondere die Neukauf-Prämie für Elektroautos stark kritisiert. Zwar müsse die Automobilbranche in die E-Mobilität einsteigen, um mit den asiatischen Märkten Schritt zu halten, die Prämie sei allerdings nicht sinnvoll. Die Kritik richtet sich in erster Linie gegen die Unterstützung von Neukäufen, wenn stattdessen die Infrastruktur für die gesamte Bevölkerung ausgebaut werden könne. Außerdem besteht Unverständnis darüber, dass funktionierende Fahrzeuge im Namen der Umwelt ersetzt werden sollten. »Ich fahre lieber weiter meinen 14 Jahre alten Verbrenner. Einmal inves­ tiert, produziert und nicht gleich auf den Müll geschmissen.« — Kempten 27 04 Themen Auch die Idee einer umweltfreundlicheren Alternative zu herkömmlichen Autos wird mit großer Skepsis betrachtet. Sehr präsent sind den Menschen in Bayern Berichte über die Herstellung von E-Autos, Schwierigkeiten bei der Entsorgung der Batterien, der Stromverbrauch sowie die problematische Förderung von seltenen Erden. Stattdessen solle man lieber auf Innovationen im Bereich Wasserstoff setzen. Insgesamt wird der E-Mobilität dabei eine eher umweltschädliche Bilanz zugeschrieben. » Man lügt sich in die eigene Tasche, ha, ich habe ein Elektroauto vor der Tür stehen, aber was die Produktion angeht und auch wie der Strom hergestellt wird, ist egal?«— Kempten » Ein Kollege von mir hat sich ein E-Auto gekauft, der schafft nur 300 Kilometer und dann muss er an der Tankstelle eine Dreiviertelstunde mit einem Schnellladesystem aufladen. Das ist ein riesengroßer Schwachsinn! Ich habe doch keine Zeit, an der Tankstelle zu sitzen und zu warten, bis ich wieder eine Stunde fahren darf.«— Deggendorf Eine Ausnahme sind die Teilnehmer_innen aus München: Gerade im Stadtzentrum könne es sinnvoll sein, E-Fahrzeuge zu etablieren, in das ÖPNV-Konzept einzubinden und als Teil eines Sharing-Konzeptes für kurze Strecken nutzbar zu machen. Kritik richtet sich außerdem gegen die Ladezeiten und die Reichweite der Fahrzeuge. »Man schießt da Millionen zu für Elektroautos, dabei wäre die Infrastruktur schon da, um im öffentlichen Verkehr einfach ­autofreie Mobilität zu erleichtern.« — München 28 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern 4.4 Wirtschaft und Arbeit Die wirtschaftliche Stärke Bayerns – und damit den Wohlstand – gilt es zu bewahren » Angeblich sind in Bayern die wenigsten Arbeitslosen, von daher gibt es arbeitstechnisch immer irgendwas.« — Kempten Die Themen Wirtschaft und Arbeit haben einen hohen Stellenwert für die Menschen in Bayern: In gewisser Weise hat„Wohlstand“ eine nahezu identitätsstiftende Wirkung und ist ein präsenter Bezugspunkt in Die engen Verbindungen zwischen Politik und„alten Industrien“ könnten Zukunftsfähigkeit mindern der Beschreibung des Bundeslandes und seiner Bewohner_innen. Dabei wird letztlich die folgende Gleichsetzung vorgenomDer bayerische Arbeitsmarkt nimmt im innerdeutschen Vergleich eine Spitmen: Eine starke Wirtschaft garanzenposition ein und wird laut Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und tiert zwangsweise die Verfügbarkeit Berufsforschung auch zukünftig die niedrigste Arbeitslosigkeit in Deutschvon„guten“ Arbeitsplätzen und daland aufweisen(Rossen, A.; Böhme, S. 2018: 9). Während prosperierende mit sowohl den bayerischen als auch Großstädte mit attraktiven Arbeitsmärkten und geringerem Armutsrisiko den persönlichen Wohlstand. punkten, geraten strukturschwache Kommunen in eine dauerhafte„Arbeitsfalle“: Vor allem junge, gebildete Menschen ziehen in Ballungszentren » Man merkt schon, dass das Geld hier in wie München oder Nürnberg(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann H. 2019: 4f), Bayern ein Stück weit zuhause ist.« während die Einwohnerzahlen in ländlichen Gemeinden sinken. Insbeson— Deggendorf dere Oberfranken und die Oberpfalz sind durch die Abwanderung von einem steigendem Armutsrisiko bedroht(Kureck, Y. 2014: 152). Doch die stei» Was schön an Bayern ist, das sind die genden Einwohnerzahlen der Großstädte, insbesondere im Süden Bayerns, Wirtschaft, gute Betriebe und Industhaben auch Nachteile. Der Zuzug junger Menschen mit dem Wunsch nach rie.«— München besseren Lebens- und Arbeitsverhältnissen setzt die betreffenden Wohnungsmärkte sowie die restliche infrastrukturelle Versorgung massiv unter Auch der Blick auf den bayerischen Druck(Miosga, M. 2015: 8). Die Wanderungsbewegung verstärkt außerdem Arbeitsmarkt bleibt, trotz verdie soziale Benachteiligung unterer Einkommensklassen und setzt insbeeinzelter Erfahrungen von Kurzsondere einkommensschwache Haushalte durch die steigenden Lebenshalarbeit oder ersten Entlassungen tungskosten einem hohen Exklusionsrisiko aus. durch COVID-19, bislang optimistisch 4 . Arbeitslosigkeit wird tendenziell eher als per- Trotz der positiven Bestandsaufnahme besteht sönliches Verschulden betrachtet oder als Folge einer über alle Gruppen hinweg auch Sorge um die Zukunft der ungünstigen Berufswahl. Wirtschaft. Häufig wird kritisch angemerkt, dass Politik und Wirtschaft in Bayern zu eng verwoben seien. Zwar » Durchschnittlich gut, sicher besser als in vielen anderen habe diese„Lobby“ die Wirtschaft bislang gestärkt, für Bundesländern.«— Deggendorf die Zukunft beunruhigt dieser Umstand jedoch zunehmend: Die Schwierigkeit bestehe darin, erfolgreich einen » Hier sind Firmen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, wenn„Sektor-Switch“ von den alten Industrien(wie auch der ich Arbeit finden will.«— Weiden Automobilindustrie im„Autoland Bayern“) hin zu zukunftsträchtigeren Bereichen zu bewerkstelligen und so » Bei mir in der Gegend sind sehr viele selbstständig im Hand- langfristig wirtschaftliche Stärke in Bayern zu sichern. werk, viele Selfmade-Arbeitsplätze sind da, das ist klasse. 4 An dieser Stelle ist auf den Erhebungskontext hinzuweisen. Besonders in den Gruppengesprächen, die Anfang Oktober durchgeführt wurden, wurde ein zweiter Lockdown häufig eher als unrealistisches Worst-Case-Szenario beschrieben. 29 04 Themen Akut bedroht werden könne die Wirtschaft auch durch die Kostenstruktur Bayerns, die die Produktion im Vergleich zum Ausland teurer mache. Gleichzeitig besteht aber auch die Befürchtung(insbesondere bei jüngeren, städtischen Teilnehmer_innen), dass etwa die Automobilindustrie mit Blick auf Klimawandel und Umweltschutz in Zukunft kein beständiger Wohlstandsgarant bleiben werde. Bisher würden jedoch gerade diese zu stark von der bayerischen Politik gestützt, was eine Hinwendung zu neuen Bereichen und Branchen sowie eine Fokussierung auf die Digitalisierung erschwere. » Die kennen sich seit 20 Jahren und eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Dann muss ausgerechnet die Autoindustrie mit irgendwelchen Zuschüssen gefördert werden und nicht irgendein anderer Industriezweig, der da vielleicht sinnvoller wäre, gerade bezüglich Klimawandel und allem, was noch kommt.«— München » Digitalisierung ist das A und O, es wird was für Bildung gemacht, aber das genügt nicht. Wenn wir den Wohlstand halten wollen, müssen wir ganz vorn mitspielen.«— München Insbesondere die Münchner_innen hoffen auf eine neue Weichenstellung der bayerischen Wirtschaft und verstehen dies durchaus als Chance: Trotz der geäußerten Skepsis könnten letztlich genau die Metathemen Klimafreundlichkeit und Digitalisierung Impulse für„wirtschaftliche Innovation“ bieten. Um davon zu profitieren, seien allerdings auch politische Steuerung und Förderung, insbesondere durch den weiteren Ausbau der Infrastruktur und die Schaffung digitaler Voraussetzungen (siehe dazu Kapitel 4.5) nötig. Mit Blick auf diese Voraussetzungen werde die Zukunft zur Bewährungsprobe. » Bayern hat einen sehr hohen Wohlstand durch die Wirtschaftskraft, aber die besteht in Bayern aus vielen alten Industrien. Ich glaube, dass da sich einiges wandeln wird, Wirtschaftsstanddort Bayern ist auch teuer, das heißt, größere Firmen werden in den nächsten Jahren verschwinden. Da sehe ich die Politik in der Pflicht, es muss der Switch in einen anderen Sektor erfolgen.«— München Bei der Verfügbarkeit von„guter Arbeit“ bestehen regionale Unterschiede Die Arbeitsmarktsituation wird oft mit der allgemeinen Wirtschaftszufriedenheit gleichgesetzt, und so äußern Teilnehmer_innen aller Regionen, dass in Bayern theoretisch jede_r Arbeit finden könne, der nicht zu wählerisch sei. Allerdings sei„gute Arbeit“ rund um München sowie Kempten deutlich einfacher zu finden. Definiert wird diese mehrheitlich als Tätigkeit, die sowohl wirtschaftlich absichert(Vollzeit, keine Hilfstätigkeiten, Entlohnung, unbefristet) als auch eher hedonistische Motive(Freude an der Tätigkeit, kollegiales Umfeld) erfüllt und außerdem auf die jeweilige Ausbildung oder sonstige Qualifikation angemessen aufbaut. In München wird die wirtschaftliche Situation und damit auch der Arbeitsmarkt noch sehr positiv eingeschätzt: Ergänzend zur Industrie sei München auch Wissens- und Innovationsstandort. » Wenn man jetzt in eine andere Gegend fährt, da gibt es auch günstigere Wohnungen, günstigere Mieten, aber dann wohne ich irgendwo im Hinterland von Sachsen, da gibt es aber keine Arbeit, dann nutzt mir natürlich die günstige Miete auch nichts.«— München Dennoch bestehen auch in München lokale Sorgen, die letztlich mit dem Wachstumsstress der Stadt verknüpft sind: Es wird kritisiert, dass die Löhne in München nicht proportional zum Preis- und Mietanstieg der Stadt wachsen. Ähnlich wie die mangelnde Kinderbetreuung ist dies ein Grund für viele Teilnehmer_innen, sich räumlich stärker von München zu entfernen. Man sorgt sich mit Blick auf die Kostenstruktur auch um die Abwanderung großer(Produktions-)Firmen rund um München und Augsburg. » Es ist schon so, dass man alle wichtigen Industriezweige hat. Aber das macht es eben auch teuer. Man überlegt sich trotzdem, nochmal umzuziehen.«— München » Da mache ich mir schon Gedanken, ob das über längere Zeit gut geht, in München, oder ob Betriebe dann sagen, uns ist das hier zu teuer. Wir machen das woanders.«— München 30 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern In den Regionen um Deggendorf und Weiden schätzen die Menschen die Arbeitsplatzsituation mit Blick auf diese Faktoren schlechter ein und betrachten diese als einen wesentlichen Grund für eine zunehmende Landflucht. Zwar gäbe es Möglichkeiten vor Ort, diese beschränkten sich aber auf wenige gut bezahlte Arbeitsplätze bei einzelnen Firmen. Des Weiteren sei das Angebot gerade für hochspezialisierte Berufe eingeschränkt. Insbesondere qualifizierte junge Menschen verließen daher häufig die Region. » Wir können schon zufrieden sein, wie es in Bayern läuft, aber man muss unterscheiden. Im München sieht das Ganze deutlich besser aus. Bei uns hat man viele nicht so qualifizierte Arbeitskräfte, weil viele junge Leute in die Städte abwandern.«— Deggendorf Weiden wird dabei vor allem als gewerblich-technisch geprägt beschrieben, während es in den kaufmännischen oder dienstleistungsorientierten Bereichen wenig Möglichkeiten gäbe. Speziell in Weiden sorgt die Verzögerung beim Bau eines seit langer Zeit geplanten Gewerbegebiets für Kritik und wird teilweise als„exemplarisch“ für die Probleme der Region beschrieben. » Wir haben jetzt zwei große Firmen, da geht immer ein bisschen was. Aber ich habe meinen Radius schon nach Regensburg ausgeweitet, weil ich auch einfach den Anspruch habe, in dem Job zu arbeiten, in dem ich gelernt habe.«— Weiden » Ich bin sicher, dass ich nach dem Studium wegziehen muss. Das ist schade, denn mir gefällt es eigentlich gut in Weiden.« — Weiden Von Teilnehmer_innen aus dem Raum Deggendorf werden auch immer wieder Stellenstreichungen bei ortsansässigen Firmen erwähnt. Dies beträfe besonders große Automobilzulieferer und werde durch die Folgen der Pandemie verschärft. » Hier wird sich viel verändern. Wir haben ja viel Automobilindustrie, da hört man viel von Streichungen.«— Deggendorf » Leiharbeit findet sich leicht, aber nichts, was wirklich gut ist.«— Deggendorf Sowohl Teilnehmer_innen in Deggendorf als auch Weiden erwähnen das Aussterben der Innenstädte, angekurbelt durch das Internet sowie die Auswirkungen der Pandemie auf Einzelhandel und Kaufkraft. » Wir werden sehen, wie viele Geschäfte schließen müssen. Ich bin ziemlich sicher, dass sich das Stadtbild innerhalb des nächsten halben Jahres verändern wird.«— Deggendorf Teilnehmer_innen in Kempten bzw. dem Allgäu stehen gewissermaßen zwischen den regionalen Extremen. Vielfach äußern sich die Menschen hier positiv zur starken Position des Handwerks. Zwar werden auch in Kempten die starken Gehaltsunterschiede zu München erwähnt, allerdings ermöglicht die relative Nähe, davon zu profitieren. Insofern bestehe auch das Problem der Landflucht in Kempten nicht. » Für mich ist es halt lukrativer in München zu arbeiten und ländlich zu wohnen, weil es günstiger ist.«— Kempten »Hier wird sich viel verändern. Wir haben ja viel Automobilindustrie, da hört man viel von Streichungen.«— Deggendorf 31 04 Themen 4.5 Digitalisierung Das Verständnis von Digitalisierung beschränkt sich auf das praktische Erleben » Hier in Weiden will man am liebsten alles per Papier und Brief haben, auch nicht per E-Mail oder PDF, das ist schlimm und rückschrittlich. Ich kann mir für Bayern nicht vorstellen, dass man eine einheitliche Lösung findet, weil Ein wichtiger Bestandteil der lokalen Infrastruktur, aktuell jede Gemeinde oder Stadt ihr eigenes Süppchen der im Zuge der Digitalisierung eng mit der wirtschaft- kocht.«— Weiden lichen Entwicklung von Regionen verknüpft ist, ist die Verfügbarkeit schneller Breitbandanbindung. Die Teilnehmer_innen selbst verstehen Digitalisierung primär als Umstellung auf digitale Arbeitsweisen und definieren Digitalisierung oft über die Verfügbarkeit eines guten Netz»In Bezug auf Ämter, es ist alles sehr altmo­ und Breitbandzugangs. disch. Da kann man hoffen, dass sie jetzt die ganzen Strukturen überdenken, vielleicht di­ Mit Blick auf Fragen rund um das Thema Digitalisierung gitaler. Wir sind stolz auf bestehende Struk­ berufen sich die meisten Teilnehmer_innen auf die Umturen, aber das ginge effizienter.« ­— ­München stellung zu digitalem Arbeiten während der Pandemie, was häufig als eine Art digitaler Präzedenzfall verstanden wird. Bei den meisten Teilnehmer_innen gelang diese Umstellung weitgehend problemlos. Insbesondere junge Teilnehmer_inDie Digitalisierung beinhaltet ein gewisses Risiko für den Arbeitsmarkt. Dies nen sprechen selbstbewusst über die zeigt sich insbesondere in den Gebieten Nord- und Ostbayern, Westmittelfrandigitalen Kompetenzen ihrer Generaken und Schwaben. Laut des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung tion und erwarten, wenn überhaupt, waren im Jahr 2018 Teile der Oberpfalz und Schwabens durch ein SubstituierProbleme für ältere Arbeitnehmer_inbarkeitspotenzial von bis zu 52% gekennzeichnet, also dem Anteil der Tätignen. keiten, die schon heute potenziell von Computern oder computergesteuerten Maschinen erledigt werden könnten(Eigenhüller, L.; Rossen, A.; Böhme, S. » Wenn man in den nächsten fünf Jahren 2018: 25). Dagegen ergaben sich nur geringe Werte für die Großstädte Münschaut, wird sich da viel tun. Wir ziehen chen(inkl. Ballungsraum) sowie für Nürnberg und Würzburg. um, freies Arbeiten, haben keinen fixen Die Verfügbarkeit schneller Datenübertragung von über 50 Megabit pro SekunArbeitsplatz mehr. All diese Dinge sind de ist eine Grundvoraussetzung, um den Zugang zur Wissensgesellschaft und für mich als junger Kerl locker.«— Münmodernen Dienstleistungen zu gewährleisten(Miosga, M. 2015: 98). Mangelnchen de Breitbandanbindungen erschweren den Zugang zu digitalen Angeboten in ländlichen Kreisen ohne städtischen Anschluss massiv. Daraus resultiert ein Ähnlich wie bei den digitalen ImpulUnterschied, der sich gerade in Pandemiezeiten als äußerst problematisch ersen in Bezug auf Bildung werden in weist. Während in den Städten beinahe überall die Breitbandversorgung ausdiesem Zusammenhang positiv die reichend abgedeckt ist und die Stadt Regensburg mit 99,6% sogar die höchste zunehmenden DigitalisierungsbemüAbdeckung Deutschlands aufweist(Demary, V.; Obermüller, F.; Puls, T. 2019: hungen bei Ämtern oder Behörden 221), fehlt vor allem in den ländlichen Regionen ein zufriedenstellender Intererwähnt, die sich durch die Pandemie netzugang(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019). Der Breitbandausbau ist verstärkt etabliert hätten. Gerade in nicht nur unerlässlich, um Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten(Bursteddiesen Bereichen wünschen sich die de, A.; Werner, D. 2019: 165), sondern steht exemplarisch für den ZusammenTeilnehmer_innen einen weiteren hang zwischen staatlichem Handeln, der Qualität von Infrastruktur und den Ausbau: Auch nach der Krise solle die Teilhabemöglichkeiten der Bevölkerung. Ein flächendeckender, stabiler und effizientere Gestaltung von kommuleistungsstarker Internetzugang bietet die Chance, regionale Differenzen zu naler Verwaltung oder Amtsangeleüberwinden(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019: 7) und weitere Abkoppgenheiten beibehalten werden. lungseffekte zu vermeiden(Miosga, M. 2015: 98). 32 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Es herrscht wenig Sorge vor digitalem Strukturwandel – aber davor, digital abgehängt zu werden Weitere Aspekte eines digitalen Strukturwandels, etwa Automatisierungspotenziale oder drastische Änderungen der Arbeitsmarkstruktur, werden dagegen nur in Ausnahmefällen erwähnt. Angst davor besteht somit kaum: Eine Mehrzahl der Teilnehmer_innen versteht die eigene Tätigkeit, auch auf direkte Nachfrage hin, nicht als gefährdet. Insbesondere jüngere und hochqualifizierte Teilnehmer_innen vermuten sogar, dass durch die Digitalisierung auch neue Branchen und somit Jobs entstehen könnten. Ähnlich wie beim Blick auf die gesamte Wirtschaft ist diese Auffassung vor allem in München vertreten und wird dort von Teilnehmer_innen besonders als Chance für den wachsenden Innovations- und Wissensstandort verstanden. Auch die Zufriedenheit mit der Verfügbarkeit von Internetverbindungen in und um München ist groß. Dieses zuversichtliche Bild ändert sich mit Blick auf ländliche Regionen(Umland von Kempten sowie Weiden und Deggendorf). Während sich etwa Teilnehmer_ innen aus dem Kemptener Zentrum relativ zufrieden äußern, werden auf dem Land durch die digitale Entwicklung Risiken für die eigene Region gesehen. Häufig benannt werden die mangelnde Geschwindigkeit sowie der schleppende Netzausbau, auch wenn sich die Einschätzungen der Teilnehmer_innen über die tatsächliche Netzqualität ihrer Region oft widersprechen. Sehr präsent ist die Sorge, dass die Internetqualität langfristig Unternehmen abschrecken und so die wirtschaftliche Situation verschlechtern könne. Insbesondere die Erfahrung im Home-Office durch COVID-19, durch die Internetleistung erschwert, verstärke diesen Eindruck. » Wenn meine Frau und ich Home-Office machen sollten ohne normale Upload-Geschwindigkeit, da kann man eigentlich auch gleich ganz auf hören zu arbeiten.«— Kempten Der Netzausbau wird auch als wichtiger Indikator für wirtschaftliche Teilhabe und Bollwerk gegen eine weitere Landflucht verstanden. In den ländlichen Regionen, in denen die Wirtschaftslage ohnehin als weniger aussichtsreich bewertet wird, verstärkt dies die Sorge davor, von der technologischen und wirtschaftlichen 33 Entwicklung abgehängt und politisch vergessen zu werden. Abgesehen von dem Ausbau der Netzkapazität werden wenig Wünsche geäußert oder Handlungsimpulse erwartet: Digitalisierung in ländlichen Regionen wird primär als Mangel der Verbindungen – und nicht als Chance – verstanden. »Dieses 5G jetzt, als ob die das bei uns in der Gegend auch jemals durchsetzen. Als ländliche Gegend fallen wir ja meistens hinten runter.«— Deggendorf »Viele Firmen kämpfen jetzt schon bei uns auf dem Land, weil die keine gescheite Internetverbindung haben. Einerseits will die Politik, dass sich Firmen ansiedeln und Leute kommen, die mit dem Computer arbeiten, aber dann funktioniert nichts.«— Weiden Überraschenderweise gibt es trotz dieser negativen Eindrücke auch immer wieder die Einschätzung, dass Bayern durch die besonderen Fähigkeiten des Bundeslandes dennoch digital„an der Spitze“ stehen werde. » Ich erwarte nicht, dass Bayern erst als 16. Bundesland das Ganze durchsetzen wird, sondern auch da Vorreiter wird oder bleibt.«— Deggendorf 4.6 Infrastruktur& Mobilität ÖPNV innerstädtisch gut, doch ländliches Angebot versagt Auch bei der Einschätzung des regionalen Mobilitätsangebots zeigen sich deutliche Wahrnehmungsunterschiede. In städtischen Regionen bzw. innerhalb der Stadtkerne wird der öffentliche Nahverkehr als befriedigend bis gut beschrieben, im ländlicheren Umfeld gilt der ÖPNV dagegen als so gut wie nicht existent. Dabei ist anzumerken, dass dies in den ländlichen Regionen allerdings nur mit Einschränkungen als politisches Verschulden verstanden wird. Vielerorts besteht Verständnis dafür, dass einzelne Ortschaften wie im Allgäu„über Berge und Wälder, von Weiler zu Weiler“ kaum Kosten-Nutzen-effizient in ausreichender Häufigkeit verbunden werden könnten. Alternativen oder Zukunftsvisionen, wie sich Verkehrsformen und Infrastruktur besser an die Bedürfnisse der Menschen anpassen lassen, scheint es auf dem Land noch nicht zu geben. 04 Themen Innerhalb der Stadtzentren, positiv hervorgehoben in Kempten sei dies für das Pendeln nach München etwa in Kempten oder Deggendorf, werden die Ver- relevant. Die Kombination aus Zeitdauer und Preis gebindungen als eher gut beschrieben. Bürger_innen in stalteten den Umstieg weiter unattraktiv. Weiden loben auch den Ausbau der Radwege bis nach Regensburg und würden sich eine sicherere Radinfra- Von Teilnehmer_innen aus München wird das ÖPNVstruktur innerhalb der Stadt wünschen. Angebot als ausreichend gut beschrieben, jedoch werden auch hier Anbindungen an umliegende OrtInsbesondere im ländlichen Umfeld, rund um Weiden, schaften bemängelt, die aufgrund des boomenden Deggendorf und Kempten, reicht das ÖPNV-Angebot Miet- und Arbeitsmarkts dringend nötig seien. Bei nach Einschätzung der Teilnehmer_innen nicht aus, Verbindungen von den äußeren Einzugsgebieten um damit im Alltag flexibel zu sein. Ein Umstieg auf Münchens bis zum Stadtzentrum werden Verfügbaröffentliche Verkehrsmittel sei nicht nur aufgrund von keit, Anschlussfähigkeit und Verlässlichkeit der SWeg- und Wartezeiten unattraktiv, sondern würde Bahn sowie der Preisstruktur kritsiert. Insbesondere den Weg zur Arbeit schlicht unmöglich machen. Vor Bürger_innen aus dem Münchner Umland würden diesem Hintergrund wird bezweifelt, ob ein Ausbau durch günstigere Angebote, wie durch das 365-Euroauf dem Land so gestaltet werden kann, dass der Ver- Ticket, sehr wohl zum Umstieg motiviert werden. zicht auf das eigene Fahrzeug ermöglicht wird: Das Auto steht(noch) für die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe. EinTrotz regionaler Differenzen bleibt nach wie vor das eigene Auto in allen schränkungen von VerbrennungsmoRegionen Bayerns maßgeblich der Schlüssel zu Mobilität: In den ländlich toren werden daher meist abgelehnt, geprägten Regierungsbezirken wie Niederbayern oder der Oberpfalz ist obwohl mehrere Teilnehmer_innen bedas eigene Fahrzeug laut einer Studie Teil der Grundversorgung(Follmer, richten, dass sie dem Klima zuliebe das R.; Gruschwitz, D.; Kestermann, C. 2019: 10). Kritisch gesehen wird in BayAutofahren vermeiden. Dazu müssten ern insbesondere die Situation des ÖPNV, wobei auch hier regionale Diffejedoch höhere Taktungen bei Bahn und renzen bestehen. So entstehen etwa im Ballungsraum München umweltBus den Umstieg auf den öffentlichen freundliche Mobilitätskulturen, wie etwa durch Sharing-Konzepte, diese Nahverkehr attraktiver gestalten. bleiben jedoch die Ausnahme(ebd: 26). Dass ein Großteil der Menschen aufgrund fehlender ÖPNV-Angebote für Pendler_innen auf den PKW zuAllerdings wird ein Ausbau oder neue rückgreifen muss, beeinträchtigt auch die Umwelt- und Klimaziele in BayVernetzungsformen des ÖPNV im ländern(Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. 2019: 8ff). lichen Raum grundsätzlich begrüßt. Konkretes Wissen über Preise oder die genaueren Verfügbarkeiten bestehen oftmals nicht – Erwartet werden außerdem innovative und ganzheitinsbesondere für kürzere Strecken nahe dem Wohn- liche Konzepte, die eventuell sogar eine autofreie Inort ist die prinzipielle Verfügbarkeit relevanter als die nenstadt ermöglichen. Dazu könne der Ausbau von EKosten(eine Ausnahme stellt das Münchener Umland Mobilität(siehe Kapitel 4.3) innerhalb der Stadt oder dar, wo das 365-Euro-Ticket für alle hervorgehoben die bessere Verknüpfung verschiedener Mobilitätswird). konzepte beitragen. » Innerhalb von Weiden ist der öffentliche Nahverkehr schon relativ gut, aber wenn es dann so ein bisschen herausgeht, da wird es dann schon happig. Da fährt dann vielleicht zweimal am Tag ein Bus und ansonsten kann man gucken, wo man bleibt.«— Weiden Dieses Bild ändert sich für überregionale Verbindungen mit der Bahn. Oft seien gute Verbindungen möglich, jedoch werden hier die hohen Kosten der Bahn als Argument gegen die Nutzung genannt. Besonders » Ich unterstütze autofreie Städte, aber das muss durchdacht sein. Bei der S-Bahn gibt es oft Probleme, man kann sich auch auf die App nicht verlassen. Busfahren scheitert am Stau. Das würde sich erledigen, wenn weniger Leute Auto fahren. Man muss das komplette System überdenken.«— München 34 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern »Wenn ich jetzt mit dem Zug nach München fah­ re, nicht mal eine Stunde Fahrt, dann zahle ich für mein Ticket 23€, da fahre ich mit dem Auto zwei­ mal hin und her. Da über­ legt man sich gar nicht, den Zug zu nehmen.« — Kempten »Leute von außerhalb brauchen momentan ein Auto. Man muss ihnen eine Möglichkeit bieten, dass sie außerhalb par­ ken und dann reinfahren können.« — München »Wir wollten am Sams­ tag ins Kino und ab 18 Uhr fährt kein Bus mehr. Da haben die Geschäfte sogar noch offen! Ich verstehe nicht, warum immer überall diese gro­ ßen Busse fahren statt kleinen Sachen, die öfter fahren, wie etwa das Sammeltaxi!« — Kempten 35 Fazit 05 36 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern In Bayern ist die Welt(noch) in Ordnung Man lebt gerne in Bayern. Die Teilnehmer_innen der Fokusgruppen zeigen insgesamt eine sehr hohe Zufriedenheit mit dem Leben in ihrem Bundesland. Hervorgehoben wird ein Gefühl von Sicherheit. Landesregierung und-politik werden als verlässlich wahrgenommen. Der Umgang mit der ersten Phase der Pandemie hat diese Wahrnehmung verstärkt. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie sich das Erleben der zweiten Welle der Corona-Pandemie auf die Zufriedenheit und die Wahrnehmung regionaler Unterschiede auswirkt. Die gute Wirtschaftssituation des Bundeslandes wird von den Teilnehmer_innen als Garant für einen Arbeitsplatz sowie für persönliche Absiche­ rung verstanden. Dabei überdecken der(noch) all­ gemein hohe Lebensstandard und Wohlstand die Wahrnehmung und Präsenz regionaler und sozia­ ler Ungleichheiten. Gleichwertige Lebensverhältnisse benötigen gleichwertige Voraussetzungen Doch damit in Bayern auch in Zukunft alles so bleiben kann, wie es ist, werden neue Impulse benötigt. Diese Ansätze kommen nicht nur den strukturell schwächeren Regionen zugute. Gerade die Stärkung anderer regionaler Zentren und(Mittel-)Städte würde schließlich München vom„Wachstumsstress“ entlasten. Dazu sind die folgenden Aspekte zu beachten: • Durch die Pandemie besteht ein großes öffentliches Interesse am Thema Gesundheit. Dies schließt die Forderungen nach besseren Bedingungen für das Personal im Gesundheits- und Pflegebereich mit ein. Pfleger_innen sind durch die gegenwärtige„Systemrelevanz“, aber auch mit Blick auf den demografischen Wandel(insbesondere in ländlichen Regionen) unerlässlich – diese Einschätzung ist auch in der Wahrnehmung der Bürger_innen fest verankert und erfordert Handlungsbereitschaft. Die flächendeckende Krankenhausversorgung sowie die sonstige medizinische Infrastruktur sind relevant für das Sicherheitsgefühl der Bürger_innen. Gleichzeitig könnten neue innovative Möglichkeiten und Konzepte, zum Beispiel entwickelt mit regionalen Hochschulen, Entlastung und Vertrauen schaffen. Die Pandemie bietet 37 die Chance, neue Diskurse anzustoßen und darüber zu diskutieren, wie die bayerische Gesellschaft zukünftig gestaltet sein sollte. Der zweite Lockdown wird wahrscheinlich neue Bruchstellen sozialer oder wirtschaftlicher Art aufdecken. Diese sollten nicht nur nachverfolgt werden, sondern auch als Chance für neue Narrative begriffen werden. Insbesondere bei der Thematik der „guten Arbeit“ und notwendiger Verbesserungen für Pfleger_innen besteht großes Problembewusstsein und Rückhalt in der Bevölkerung. • Ebenso wichtig ist der Wunsch nach einer besseren Digitalstrategie im Bildungssektor. Auch wenn hier keine klaren Forderungen abseits einer besseren Schulausstattung geäußert werden, so verstehen doch alle Teilnehmer_innen über die Regionen hinweg digitale Kompetenzen im Bildungsbereich als einen der Hauptfaktoren, um eine Spitzenposition in Bildung und Wirtschaft beizubehalten und junge Menschen für die Zukunft stark zu machen. • Eng damit verknüpft ist der weitere Ausbau des Kommunikationsnetzes, denn die Pandemie macht bewusst, wie relevant der Zugang zu schnellem Internet für das Arbeits- und Privatleben der Bürger_innen ist: Digitale Infrastruktur beeinflusst maßgeblich die Teilhabemöglichkeiten in Bildung und Arbeit. Fehlende Verbindungen außerhalb der Stadtzentren gefährden nicht nur die Ansiedlung neuer Wirtschaftsformen, sondern behindern bereits jetzt bestehende Tätigkeiten. Auffällig ist dabei, dass zwar insgesamt wenig Sorge vor einem digitalen Strukturwandel herrscht, aber dennoch diffuse Ängste(vor allem in den strukturschwächeren Regionen) bestehen, abgehängt oder politisch übersehen zu werden. Gerade deshalb ist es relevant, den ländlichen Regionen digitale Konzepte zu präsentieren, mithilfe derer Digitalisierung auch für einzelne Bürger_innen greifbar wird. Die Forderung nach digitalen Plattformen, dank derer Amtsangelegenheiten einfacher zu erledigen sind, ist ein Beispiel hierfür. Ebenso sind Anwendungsformen in der Gesundheitsversorgung oder Ähnliches denkbar. • Schließlich muss auch im ländlicheren Umland von Ballungsgebieten darauf geachtet werden, dass sowohl die Infrastruktur(inklusive der medizinischen Versorgung) als auch kulturelle Angebote und Freizeitmöglichkeiten entstehen oder bestehen bleiben. Dabei ist die Kinderbetreuung hervorzuheben, die maßgebend dafür ist, inwieweit Eltern Beruf und Familie miteinander vereinbaren 05 Fazit können oder alte Rollenmuster wieder aufnehmen müssen. Mit dem Zuzug(etwa rund um München) sollten also auch andere Bedürfnisse Beachtung finden, um Ballungsgebiete zu entlasten und gleichzeitig ländliche Wertschöpfung und Lebensräume zu fördern. • In den dünner besiedelten Teilen Bayerns herrscht zwar Verständnis dafür, dass nicht jede ÖPNV-Verbindung eng getaktet sein kann. Dennoch besteht hier Bedarf nach neuen Konzepten(wie etwa durch einen Ausbau von Sammeltaxen oder der besseren Verbindung verschiedener Verkehrsformen), um den Umstieg auf den ÖPNV möglich oder sogar attraktiv zu machen. Dies gilt insbesondere für die Menschen, die in Richtung der Großstädte oder Ballungsräume pendeln – gleichermaßen könnten bessere Verknüpfungen auch angespannte Wohnungsmärkte wie München entlasten sowie zur klimafreundlicheren Mobilität beitragen. Insgesamt kann festgestellt werden: Selbst innerhalb der betroffenen Regionen besteht wenig öffentlicher Austausch hinsichtlich der Lebensverhältnisse und Entwicklung der Regionen. Nahezu formelhaft betonen schließlich viele der Teilnehmer_innen, dass in Bayern alles in Ordnung sei – sprechen aber dennoch von konkreten Sorgen und Problemen ihrer Regionen im weiteren Verlauf der Fokusgruppendiskussionen. Außerdem bestehen auch zwischen Kemptener Umland und dem Landkreis Deggendorf oder Weiden große Unterschiede und Problemfelder: Disparität ist nicht gleich Disparität. Nötig ist ein Austausch darüber,„wie groß die Differenz zwischen Teilräumen sein darf, um noch als gleichwertig anerkannt zu werden,(…) oder welche Kompensationsmöglichkeiten notwendig sind, um Differenzen akzeptieren zu können“(Miosga, M. 2015: 115). Für die politische Bildungsarbeit bedeutet dies: Umso wichtiger sind spezifische Themen und Formate, die Austausch und Beteiligung fördern und die Zukunftsthemen Digitalisierung und Klimaschutz mit den aktuellen Sorgen wie der Landflucht verknüpfen. Um die Zukunft erfolgreich zu meistern, bedarf es Mut zur Innovation. Der gute Status quo, zusammengefasst in der bayerischen Spitzenposition besonders in der Wirtschaft, baut auch Druck für den zukünftigen Wandel auf. Von der Landespolitik erwartet man Gestaltungswillen. Für die kommenden Jahrzehnte geht es dabei vor allem um die Umsetzung von Maßnahmen zweier Meta­ themen, die als entscheidend für Wirtschaft und Wohlstand betrachtet werden: die Gestaltung der Digitalisierung in allen Bereichen sowie der Kli­ maschutz. Auffällig ist, dass gerade in diesen beiden Zukunftsbereichen – etwa Digitalisierung in Bildung und Wirtschaft, innovative Mobilität – die Region eine große Rolle für die Wahrnehmung der Menschen spielt: Mit Blick auf die Zukunftsperspektive werden regionale Diskre­ panzen offensichtlich. So besteht besonders in München sowie im städtischen Kempten trotz"Wachstumsstress" weitestgehend Optimismus, während man sich rund um Weiden und Deggendorf eher davor fürchtet, (weiter) abgehängt zu werden und nicht von möglichen Chancen zu profitieren. Auf dem Land scheint der klimafreundliche Verzicht auf das eigene Fahrzeug nahezu unmöglich. Mit Blick auf die digitale Entwicklung besteht außerdem bereits jetzt das Gefühl, politisch vergessen zu werden. Die Schwierigkeiten mit der digitalen Infrastruktur bei der Arbeit im Home-Office während der Pandemie verstärken diesen Eindruck weiter. Daraus lassen sich weiterführende Fragen ablei­ ten, die die politische Bildung aufgreifen sollte: • Wie können Klimaschutz und wirtschaftliche Stabilität in einer Post-Corona-Gesellschaft vereint werden, ohne zu sozialen Verwerfungen zu führen? • Welche Voraussetzungen müssen getroffen werden, um klimafreundliche Mobilität auch auf dem Land(z. B. für Pendler_innen) zu entwickeln? • Wie kann Bayern bestmöglich die Digitalisierung in all ihren Facetten gestalten und diese als Chance für alle Bürger_innen nutzen? • Was muss getan werden, um digitale Teilhabe zu ermöglichen, bei der niemand abgehängt wird? • Wie kann dementsprechend auch der Bildungsbereich digital gestärkt werden? Welche Konzepte und Ideen aus der Pandemiezeit können dabei vertieft und umgesetzt werden? • Wie soll in Bayern"gute Arbeit" aussehen? 38 Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern Literatur 06 Autorengruppe Bildungsberichterstattung(2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld: Autorengruppe Bildungsberichterstattung. Bayerisches Landesamt für Umwelt(2019): Umweltbericht Bayern 2019. Augsburg: Bayerisches Landesamt für Umwelt. Faus, R.; Storks, S.(2019): Das pragmatische Einwanderungsland. Was die Deutschen über Migration denken. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H.(2019): Ungleiches Deutschland. Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung(o. D.): Laufende Raumbeobachtung – Raumabgrenzungen. 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Online: https://www. vbw-bayern.de/vbw/Themen-und-Services/Soziale-Sicher u ng/ Te i l hab e/St ud ie-Zu k u n f t- de r- P f lege-i n- B aye r n.jsp [12.11.2020] Abbildungen Abbildung 1: Übersicht der Teilnehmer_innen 8 Abbildung 2: Geographische Repräsentation 8 Abbildung 3: Regionale Ausprägung der Indikatoren 9 Abbildung 4: Besonderheiten der Standorte 10 Die Autorinnen Lina Ludwig, M.Sc. Sozialpsychologie, Beraterin bei pollytix strategic research(www.pollytix.de) in Berlin. Jana Faus, Diplom-Soziologin, Geschäftsführerin von pollytix strategic research in Berlin. 07 08 40 Impressum Herausgegeben von Friedrich-Ebert-Stiftung Bayern| Büro München Herzog-Wilhelm-Str. 1 80331 München www.bayernforum.de bayern@fes.de Inhaltliche Ausarbeitung: Lina Ludwig und Jana Faus, pollytix strategic research(www.pollytix.de) Berlin Redaktionelle Mitarbeit Anna-Lena Koschig, Iris Spaeing, Pamina Oestreicher, Leonie Sauer Lektorat: Valerie Lange, www.interrobang-online.de Graphische Gestaltung: Joseph& Sebastian – Grafikdesign, www.josephundsebastian.com Druckerei: F&W Druck- und Mediencenter GmbH, www.fw-medien.de ISBN: 978-3-96250-938-5 Eine gewerbliche Nutzung der von der FriedrichEbert-Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne ­schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. ©2021 ISBN: 978-3-96250-938-5