DEMOKRATIE IM AUSNAHMEZUSTAND Hat die Corona-Pandemie das bürgerschaftliche Engagement verändert? Andrea Walter und Matthias Freise In Zeiten von Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist bürgerschaftliches Engagement besonders gefragt: Dies haben wir anschaulich beim Geflüchtetenzuzug 2015 gesehen, und dies zeigt sich aktuell in der Hochwasserkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz, genauso wie in der anhaltenden CoronaPandemie. So gelingt es Engagierten oft schneller und unbürokratischer als der Staat je dazu in der Lage wäre, passgenaue Lösungen für dringende Probleme zu entwickeln. Engagierte als Krisenhelfer_innen, das bedeutet: innovative Ideen, große Einsatzbereitschaft und hohe Motivation. Erinnern wir uns etwa zu Beginn der Corona-Krise an die vielen Aktiven in den Einkaufshilfen und an die zahlreichen Maskennäher_innen. Nach über einem Jahr Pandemie haben sich die besonderen Bedarfe zur Bewältigung der Krise verändert: Heute sorgen Freiwillige landauf, landab vielfach für einen reibungslosen Ablauf in den Impfzentren. „ Engagierte als Krisenhelfer_innen, das bedeutet: innovative Ideen, große Einsatzbereitschaft und hohe Motivation.“ Nicht weniger wichtig ist die Wirkung auf Solidarität und Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft, die Engagement – egal in welchem Bereich – erbringen kann. Über 28 Millionen bürgerschaftlich Engagierte zählt Deutschland aktuell. Der überwiegende Teil von ihnen übt seine freiwillige Tätigkeit organisationsgebunden aus(u.a. in Vereinen, Verbänden, Stiftungen, gGmbHs, Genossenschaften, den Kirchen oder öffentlichen Einrichtungen). Anders an der aktuellen Corona-Krise im Vergleich zu bisherigen gesellschaftlichen Krisen der vergangenen Jahre ist, dass die zivilgesellschaftlichen Organisationen nicht nur die Rolle der Helfenden einnehmen, sondern dass sie auch gleichzeitig Leidtragende der Krise sind. Abhängig von ihrer jeweiligen Finanzierungsstruktur hat ein Großteil der über 630.000 zivilgesellschaftlichen Organisationen in Deutschland die Auswirkungen der Pandemie unterschiedlich stark zu spüren bekommen: Von rückläufigen Spendeneinnahmen(z.B. Tierheime), über fehlende Kursgebühren(z.B. Volkshochschulen) oder Eintrittsgelder(z.B. Kulturorganisationen). Engagementfeldübergreifend hält sich die Sorge, dass Mitglieder ihre Vereinsmitgliedschaft kündigen könnten, da sie den direkten Mehrwert ihres Beitrags nicht mehr sehen. Und die Engagierten in den Organisationen? Wie hat die Corona-Pandemie ihr Engagement verändert? Herausfordernde Entwicklungen zeichneten sich gleich zu Beginn der Pandemie ab: Ältere Engagierte haben sich als sogenannte Risikogruppe häufig von ihren freiwilligen Tätigkeiten zurückgezogen. Ob sie als vollständig Geimpfte zurückkommen, ist für viele Organisationen noch nicht absehbar. Existenzgefährdend wird diese Entwicklung dann, wenn Organisationen bislang stark auf die Gruppe der Senioren gesetzt haben(z.B. als Seniorenbegleiter_innen in Pflegeheimen oder als Aktive bei den Tafeln). Erste Studien aus dem vergangenen Jahr bestätigen bereits die düsteren Prognosen. So zeigt eine DOSBSeite 1 Verbändebefragung aus dem Sport Ende 2020(zweite Welle) ein abnehmendes Interesse an Engagementtätigkeiten: Rund eine Million Mitglieder haben die Sportvereine seit Beginn der Krise verloren. Wo jedoch Mitglieder sukzessive wegbrechen, fehlt der Nährboden für Engagierte, die perspektivisch Funktionen und Leitungsaufgaben übernehmen und so das Engagement zukünftig am Laufen halten. Noch ungewiss ist auch, wie sich die Zwangspause auf das Engagement von Jugendlichen auswirkt, die eine der größten Gruppen im Engagementsektor darstellen. Wird das Nachholen verpassten Unterrichtsstoffs dazu führen, dass für das Engagement künftig weniger Zeit bleibt? „ Wie jede Krise brachte auch die Corona-Pandemie neue Engagementformen und-formate hervor.“ Wie jede Krise, brachte auch die Corona-Pandemie zur Bewältigung der Krisenauswirkungen neue Engagementformen und-formate hervor. Beispielsweise in den Kirchen: Engagierte halfen hier zahlreich mit, neue Wege der Seelsorge zu betreten und innovative freiwillige Tätigkeitsfelder wie Ordnungsdienste bei Kirchenbesuchen oder Telefonangebote zum Umgang mit Corona-Einsamkeit entstanden. Trotz aller besorgniserregenden Beobachtungen der letzten Monate, gilt es jedoch auch, den sichtbaren Entwicklungsschub im Engagement zu würdigen: Die Digitalisierung hätte in den unterschiedlichen Engagementfeldern ohne das Virus wohl niemals so schnell Fahrt aufgenommen: Chorproben, Vorstandssitzungen, Beratungen, Sporttraining, virtuelle Schützenfeste: alles ging auf einmal online. Ob Jung oder Alt, man half einander, mit der Technik zurecht zu kommen. Nicht wenige Organisationen machten auch die Erfahrung, dass sie in Corona-Zeiten mehr Teilnehmer_innen bei Sitzungen oder OnlineVeranstaltungen hatten als in Präsenz: Zu erklären ist dies mit wegfallenden Fahrtzeiten oder mit der Möglichkeit, auch nur für einen kurzen Zeitslot an einer Veranstaltung teilzunehmen. Bei allen Vorteilen, die digitale Formate bringen, zeigen die Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr jedoch auch klar auf, dass Technik zwischenmenschliche Begegnungen nie ersetzen kann und auch nicht soll! Vielmehr wird es zukünftig darum gehen, gute digitale Praxis passgenau und wohldosiert in Engagementfelder und-formen einzubinden. Festzuhalten ist nach über einem Jahr Corona-Pandemie: Das Engagement hat sich durch die Krise verändert. Es hat Resilienz bewiesen und gleichzeitig Fragilität offenbart. Auch nach einer erreichten Herdenimmunität(und damit einem neuen Normal) wird es keine Resettaste geben. Ein Zurück zur Vor-Corona-Zeit gibt es nicht. „ Das Engagement hat sich durch die Krise verändert. Es hat Resilienz bewiesen und gleichzeitig Fragilität offenbart.“ Mit Blick auf die neuen Formen und Formate ist das auch gut so: Die Zivilgesellschaft ist hier gefragt, den Innovations- und Digitalisierungsschub aufrechtzuerhalten und weiter voranzutreiben. Nicht so einfach gestaltet sich die Situation der zivilgesellschaftlichen Organisationen als zentrale Infrastruktur des Engagements. Für nicht wenige Organisationen ist der Krisenmodus noch nicht überwunden, die Zukunft weiter ungewiss. Wenn der Staat möchte, dass die Zivilgesellschaft weiterhin ihre gesellschaftliche Rolle als Kooperationspartnerin bei der Erbringung öffentlicher Leistungen, als Innovatorin, als Interessenvertreterin sowie als Kontroll- und Integrationsinstanz erfüllt, müssen Bund, Länder und Kommunen gemeinsam für entsprechende Rahmenbedingungen sorgen – und damit auch für gute Rahmenbedingungen der Engagierten. Der Aufschlag wurde im vergangenen Sommer gemacht, etwa mit dem im Juni 2020 aufgelegten Kredit- und Überbrückungsprogramm der Bundesregierung und ergänzenden eigenen Förderprogrammen vieler Länder. Sukzessive kommen weitere Hilfen für einzelne Felder und Engagementgruppen hinzu(z.B. Coronahilfen für Tierheime). „ Zu guten Rahmenbedingungen für Engagierte zählt auch schnelles und flächendeckendes Internet.“ Wichtig ist, dass die angestoßene finanzielle Förderung für Organisationen nicht vorschnell endet und dass die Situation der Organisationen und Engagierten weiterhin im Blick der Politik bleibt. Seite 2 Außerdem muss von der Politik verstanden werden, dass zu guten Rahmenbedingungen für Engagierte auch eine gute digitale Infrastruktur, vor allem schnelles und flächendeckendes Internet zählt – und zwar in allen Teilen Deutschlands! Und schließlich gilt es, die Organisationen und damit auch die Engagierten an Entscheidungen, die sie betreffen, zu beteiligen. Denn sie wissen am besten, was sie selbst und was ihre Zielgruppen benötigen. August 2021 Andrea Walter ist Professorin für Politikwissenschaft und Soziologie an der HSPV NRW. Matthias Freise ist Privatdozent und Akademischer Oberrat am Institut für Politikwissenschaft der WWU Münster. DEMOKRATIE IM AUSNAHMEZUSTAND. WIE VERÄNDERT DIE CORONAKRISE RECHT, POLITIK UND GESELLSCHAFT? Die Corona-Pandemie markiert die entscheidendste Krise der demokratischen Staaten und Gesellschaften seit dem Zweiten Weltkrieg. Von erheblichen Grundrechtseingriffen über die strapazierte Funktionsfähigkeit der politischen Institutionen bis hin zu immensen wirtschaftlichen und sozialen Folgeschäden stellt sie unser Gemeinwesen auf eine vorher nicht gekannte Probe. Gleichzeitig macht die Krise bestehende, längerfristige Herausforderungen des demokratischen Systems mit besonderer Deutlichkeit sichtbar. Daraus ergeben sich vielfältige demokratierelevante Fragen an die Wissenschaft, die wir in der neuen E-Paperreihe diskutieren wollen. Alle bisher erschienen Beiträge sind hier abrufbar. Kontakt: Alina Fuchs, Friedrich-Ebert-Stiftung, alina.fuchs@fes.de Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seite 3