Wolfgang Höffken (Hrsg.) KLASSENTREFFEN Gespräche über das Ende der DDR und die Neuanfänge im wiedervereinigten Deutschland Landesbüro Sachsen-Anhalt KLASSENTREFFEN Gespräche über das Ende der DDR und die Neuanfänge im wiedervereinigten Deutschland Wolfgang Höffken (Hrsg.) Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt IMPRESSUM © 2021 by Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Sachsen-Anhalt Otto-von-Guericke-Str. 65 39104 Magdeburg Redaktion Dr. Wolfgang Bautz Lektorat Juliana P. Künzel Fotos Umschlag ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler kyoshino/iStokphoto.com Layout Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Druck Druckerei Brandt GmbH, Bonn ISBN 978-3-96250-950-7 Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. KLASSENTREFFEN Inhalt Einleitung des Herausgebers Wolfgang Höffken 4 Wir, Nachkriegskinder in der DDR – Stiefkinder der Wende? Wolfgang Bautz 6 Gespräche über das Ende der DDR und die Neuanfänge im widervereinigten Deutschland Interviewführung und Auswahl: Wolfgang Bautz 16 Start ins Berufsleben – voll durchstarten oder einreihen? 18 Die Partei, die Partei, die hat immer recht... nicht überall und nicht immer 49 Der unruhige, aber unblutige Herbst 89 64 Die Begegnung mit den Deutschen der anderen Art 75 Neue Perspektiven und unbekannte Herausforderungen 80 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Einleitung des Herausgebers Wolfgang Höffken Ein jeder von uns kennt diesen Moment: Ein Schuljahr ist beendet, es war das letzte vor dem Übergang in„das wahre Leben“ – wie es die eigenen Eltern oder Lehrkräfte am heimischen Frühstückstisch oder in der Aula während der Abschlussreden beschrieben haben. Hinter uns liegen Jahre des Heranwachsens, des Ausprobierens und des Scheiterns, Jahre voller erster Erfahrungen, die uns nachhaltig geprägt haben. Man blickt mit einer Mischung aus Euphorie, Spannung und Unsicherheit auf das Neue, das nun vor einem liegt, das eigene Leben, welches nun nicht mehr durch Stundenpläne geprägt sein wird, in dem wir nun viele Entscheidungen selbst treffen müssen und sprichwörtlich unseres eigenen Glückes Schmid sind. Das Rüstzeug dafür sollte uns – so das Ideal – in den zurückliegenden Jahren vermittelt worden sein. Doch was passiert, wenn das gesellschaftliche und politische System, in dem man aufgewachsen und erwachsen geworden ist, innerhalb weniger Monate durch etwas gänzlich anderes ersetzt wird? Etwas, das man bis dato nur aus der politisch eingefärbten Berichterstattung der ehemals noch Machthabenden oder den Erzählungen der Verwandtschaft auf der anderen Seite der Mauer, die Deutschland teilte, kannte? In den Jahren nach 1989 wurde Deutschland wiedervereinigt, nach 40 Jahren Teilung sollten die Deutschen wieder zusammenwachsen. Mit dem Abtragen der wohl sicht4 barsten Elemente dieser Teilung, den Mauern an der innerdeutschen Grenze und jener um West-Berlin, bildete sich gleichzeitig ein kollektiver Riss, der sich durch die Bio­ grafien aller DDR-Bürger zog. Jahre und Jahrzehnte der Betriebszugehörigkeit fanden ein jähes Ende und man stand mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen auf den Fluren neu geschaffener Ämter. Ein weiteres Mal musste eine ganze Generation nach 1945 Verluste verarbeiten und das eigene Leben neu aufstellen. Dabei wog es emotional schwer, dass die friedliche Revolution, die mit einer kollektiven Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden war, nun solche gewaltigen Unsicherheiten auslöste und persönliche Wünsche sich der neuen oftmals harten Realität unterordnen mussten. Auch wenn in den folgenden Jahrzehnten bis heute sich eine Vielzahl der Menschen erfolgreich neu orientiert haben und die DDR als Staat nicht mehr existiert, so sind die Erinnerungen an diese Zeit im Osten Deutschlands nach wie vor omnipräsent, werden durch die eigene(Berufs-)Biografie, gesellschaftliche Diskurse um die Anerkennung von Lebensleistungen oder der Angleichung von Rentenniveaus sowie durch neue KLASSENTREFFEN Ereignisse wie der aktuellen Pandemie stetig neu eingefärbt. Darüber hinaus belegen die harten Zahlen, dass es einen immer noch bestehenden Abstand zwischen West und Ost gibt. Dieser lässt sich am Bruttoinlandsprodukt(in 2020 auf 77,9 Prozent des Westniveaus 1 ), der Arbeitslosenquote(6,5 Prozent im Osten zu 4,0 Prozent im Westen in 2019 2 ) oder Lohnunterschiede von bis zu 73 Prozent 3 festmachen. Klar ist aber auch: Dieser Abstand wird zunehmend geringer! In vielen Bereichen ist eine Angleichung schon erfolgt und die Menschen profitieren täglich von den Errungenschaften der Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft. Doch nach wie vor wirken Umbrüche im strukturschwächeren Osten stärker, wie am Beispiel des Kohleausstiegs sichtbar wird, führen zu mehr Unsicherheiten und zum Erstarken politischer Extreme. Auch muss man sich die Frage gefallen lassen, weshalb nach mehr als 30 Jahren Wiedervereinigung vieles noch immer nicht überwunden wurde. Kommen wir zum Bild des Anfangs und dem Titel dieser Publikation zurück: Was erzählt man sich also auf einem„Klassentreffen“ nach 30 Jahren? Was berichtet die ehemalige Banknachbarin heute, wenn sie ihre Schulzeit in der DDR und den Systemwechsel resümiert? Wie blickt man auf das eigene Berufsleben, auf das große Feld der Politik, die ganz persönlichen Erfahrungen im Herbst 1989 und das Aufeinandertreffen von Ost und West? Die vorliegende Publikation möchte sich diesen persönlichen Erfahrungen auf einer subjektiven Ebene annehmen. Der Soziologe Dr. Wolfgang Bautz hat dazu 2020 zahlreiche Gespräche mit Menschen über ihre Erlebnisse in der DDR und den Jahren danach geführt. Ausgangspunkt war ein tatsächliches Klassentreffen des Abiturjahrgangs 1971 der Betriebsberufsschule des Elektromotorenwerks in Wernigerode. Dr. Wolfgang Bautz leitete von 2001 bis 2016 die Gesellschaft für Inklusion und Soziale Arbeit ISA. Darüber hinaus lehrte er an verschiedenen Hochschulen in Deutschland und 5 im spanischsprachigen Ausland. Er hat für diese Publikation maßgeblich verantwortlich gezeichnet, die Interviews strukturiert, geführt und ausgewertet. Herausgekommen sind Berichte ganz unterschiedlicher Menschen und Lebensverläufe. Menschen die(selbst-) kritisch auf die Zeit zurückblicken, die von Desillusion und Hoffnung berichten. Ihnen, liebe Leserinnen und Lesern, wünsche ich eine interessante Lektüre – vielleicht auch ein Zurückerinnern und Perspektivenerweitern. Denn die Wiedervereinigung mag zwar ein historisches Ereignis von Millionen gewesen sein, die einzelnen Bestandteile sind jedoch Wahrnehmungen und Erinnerungen Einzelner, die mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit verdienen und zu Erkenntnissen führen, die man mit dem Blick auf das große Ganze vielleicht übersehen hätte! 1 https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/deutsche-einheit/bericht-stand-der-einheit-2021-1939552 2 https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-einheit/lange-wege-der-deutschen-einheit/47242/arbeitslosigkeit 3 https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/loehne-ost-west-102.html Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Wir, Nachkriegskinder in der DDR – Stiefkinder der Wende? Wolfgang Bautz Alle, die sich in diesem Buch zu Wort melden, wurden im Frieden geboren. Einem wackligen zwar, aber immerhin. Dennoch die Zerstörungen des Krieges waren noch überall, die Ruinen allemal. Aber es waren nicht die steinernen Ruinen, die die tiefsten Spuren in den noch jungen Seelen hinterließen, sondern die Verletzungen der Menschen an Körper und Seele, die der zwölf Jahre währende Wahnsinns und sein schreckliches Endes verursacht hatten. Der brummige Nachbar im Erdgeschoß, Herr Strauch, kam in so gut wie jedem längeren Gespräch auf den Russlandfeldzug zu sprechen, wenn er denn mal aus seinem sicheren Versteck hervorkroch. Stunden und ganze Tage verbarg er sich unter seinem DKW F8, um mit seinen Erinnerungen an die Eiswüste vor Leningrad allein zu sein oder um sie, wenigstens für die Momente des Kampfes mit einer rostigen Schraube oder einem ausgeschlagenen Lager, zu vergessen. Unsere Nachbarin, Frau Nowak, war als Hundertfünfzigprozentige verschrien. Die Einzige im Haus mit einem Parteiabzeichen der SED. Noch dazu eine Sudetendeutsche, die hatten doch alle geschrien Heim ins Reich und jetzt tragen sie ein Bolchen am Revers, so die dunkle Stimme des gemeinen Volkes. Und ausgerechnet sie war die einzige Kriegswitwe im Haus. Während seines Heimaturlaub im Oktober 1942 hatte sie einen Ge6 freiten geheiratet, zuhause in Gablonz. Die Ehe wurde wohl noch in der Hochzeitsnacht vollzogen, aber der so fesche Mann vom Foto war aus Afrika nie zurückgekehrt. Im Zelt einer hübschen Berberin verschollen? Bestimmt nicht. Der Krieg ging nicht einfach am 8. Mai 1945 zu Ende, nicht das Grauen, nicht die Angst und auch nicht die Furcht aus den schrecklichen Kriegstagen. All das lebte in den Köpfen fort. Die Erzählungen und Vermutungen nahmen kein Ende und waren zugleich in tiefes Schweigen eingetaucht. Die Millionen Täter, Mitläufer, Dulder, Erdulder und Gequälten griffen nach dem Strohhalm, der sich ihnen darbot. Das Lied vom Neuanfang sang man mit allem Ernst und aus voller Überzeugung. Nicht nur die Hundertfünfzigprozentigen, auch die Achtzigprozentigen und sogar die Dreißigprozentigen stimmten ein. So konnte man schweigend erzählen und nicht verraten, wie es wirklich war. Was Frau Grünberg, der Freundin meiner Großmutter, passierte, nachdem man sie an einem Nachmittag im Herbst 1943 abgeholt hatte. Sie kam nie wieder zurück. KLASSENTREFFEN Während auf den Straßen und Plätzen antifaschistische Lieder gesungen wurden und aus den Lautsprechern die Worte Friede, Einheit und Wohlstand so süß daherkamen, herrschte in vielen Wohnzimmer das große Schweigen. Das war unsere Welt, die Welt, in der wir aufwuchsen. Und die Wege durch diese Welt waren nicht geradlinig. Als wir Lesen und Schreiben lernten, kritzelten wir die ersten Buchstaben in Hefte, die auf der Vorderseite die Köpfe von Marx, Engel und Lenin zeigten. Manche hatten sogar noch Stalin abgebildet, aber die wurden schnell sehr selten, genauso wie die Hefte, die auch noch den Kopf vom Mao Tse Tung zeigten. Wir hatten Lehrerinnen und Lehrer, die sich um uns kümmerten. Meine hieß Frau Winkelmann, andere konnten sich der Unterstützung von Frau Griegel oder Herrn Schütte sicher sein. Sie brachten etwas mütterlich oder väterlich Behütendes in das karge, sehr abgenutzte Klassenzimmer und sorgten auf ihre Art dafür, dass die regel­ mäßigen Pioniernachmittage mehr als nur Pflichtveranstaltungen waren. Als wir die Grundrechenarten verließen und erfuhren, was es mit den gemeinen Brüchen auf sich hat, wurde unser Land eingemauert. Und nur die Fernsehantennen lugten noch heraus, ganz so wie die Giraffenhälse im Zoo, reckten auch sie weit über den Zaun. Das eingemauerte Land war so klein, von der Elbe bis zur Oder, vom Ostseestrand bis zum Thüringer Wald, mit einem vierfarbigen Punkt in der Mitte, und wollte doch der Nabel der Welt sein, während die Oberen um Walter Ulbricht – von vielen mit dem Titel Spitzbart versehen – die faule Parole vom Überholen ohne Einzuholen ausgaben. 7 Wir standen an der Schwelle zum Erwachsenendasein als der Genosse Erich Honecker – wohl mit der tatkräftigen Unterstützung aus dem Moskauer Kreml – nach der ganzen Macht griff und den Spitzbart abservierte. Und es war die Zeit, in der sich manches änderte und die Hoffnungen sich dennoch nicht erfüllten, nicht erfüllen konnten. Obwohl sich vieles äußerlich wandelte, überzogen Krusten allmählich das Land, ganz so wie bei den Tropfsteinen: Jeder Tropfen, der von der Höhlendecke fällt und am Boden zerplatzt, hinterlässt etwas im Wasser gelösten Kalk und trägt damit eine hauchdünne, neue Schicht auf. Tropfen für Tropfen wächst unaufhörlich die Verkalkung. Wenn sich Erich ganz am Ende noch brüstete: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, dann war diese, so unsicher in den Saal gerufene Losung, eben doch nur ein Ausdruck des fortgeschrittenen Stadiums der Verkalkung dieses Systems. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Der Einstieg ins Berufsleben brachte für manche von uns so einiges an Überraschungen mit sich. Die guten Plätze, für die wir studiert hatten, waren schon besetzt und sollten noch lange besetzt bleiben. Aber es hat uns nicht groß interessiert, denn wir waren verheiratet und hatten Kinder, wir brauchten eine Wohnung. „Wir waren jung, wir wollten leben und das Leben hat uns genug in Anspruch genommen.“ 1 Als die guten Plätze dann frei wurden, war das System bereits am Zusammenbrechen. Alle mussten sich neu orientieren und die Startpositionen für ein neues Rennen einnehmen. Auf die Plätze, fertig, los! Der Gegenwind wurde heftig und was lang trainiert worden war, schien nicht mehr zu helfen. Neue Kompetenzen waren gefragt und mussten erlernt werden. Nicht jeder kam ans Ziel, sondern blieb vorher beim Arbeitsamt hängen. So oder ähnlich hören sich viele private Erzählungen an, mit denen in Ostdeutschland Geborene aufwarten können. Auf die Welt gekommen im Jahr der Gründung der DDR oder wenige Jahre später. Die vorangehenden Zeilen sind gewissermaßen ein kleinster, gemeinsamer Nenner hunderter, tausender Biografien einer Generation, die vom Liedermacher Gerhard Gundermann kurzerhand das Klebeschild Übersprungene Gene­ ration aufgedrückt bekam. Für Grit Lemke, Regisseurin des Films Gundermanns Revier , der Ende 2019 in die Kinos kam, steht dieser Ausdruck„[...] für so ein Grund­ gefühl, was ich mit mir rumtrage und was ich auch in den Liedern von Gundi finde. Also, was auch wir als eine bestimmte Generation im Osten haben, die, wie Gundermann sagt, nie an die Schalthebel der Macht gekommen sind[...].“ 2 Der Liedermacher hatte die Menschen seiner Generation vor Augen, die, so müsste man notwendiger8 weise ergänzen, nicht nur von den Schalthebeln der Macht ferngehalten wurde, sondern deren Lebenslauf durch die friedliche Revolution und die folgende Wiederver­ einigung so radikal unterbrochen wurde. Einen gradlinigen Anschluss gab es für die meisten nicht, aus vielen Gründen, aber auch weil nun die Schalthebel schon wieder fest in anderen Händen lagen. Davon berichten die hier zugänglich gemachten Erinnerungen ebenso subjektiv wie eindrücklich, stellvertretend für viele, die der Untergang der DDR aus dem hergebrachten Leben, vor allem Erwerbsleben, geschleudert hatte. Die damit verbundenen emo1 Mit diesen Worten fasst Anna Waigard die ersten Jahre nach dem Berufseinstieg zusammen und trifft das Gefühl, das so gut wie alle Gesprächspartnerinnen und-partner äußerten. 2 Grit Lemke über Gundermann und die„übersprungene Generation“ des Ostens, Interview mit Grit Lemke, 30. Oktober 2019, MDR Kultur, online abrufbar unter: https://www.mdr.de/kultur/gundermanns-revier-grit-lemkeinterview-100.html KLASSENTREFFEN tionalen Belastungen, ja emotionalen Verwüstungen, lassen sich auch in den im Folgenden wiedergegebenen Gesprächen nachspüren. Es könnte an dieser Stelle die Hypothese aufgegriffen werden, dass die Generation der Nachkriegskinder in der DDR, in der einen oder anderen Weise, das Kriegstrauma ihrer Eltern und Großeltern geerbt hatte und zugleich von ihren eigene Verletzungen und Brüchen, Enttäuschungen und Unsicherheiten, die die Beben und Nachbeben des Untergangs der DDR zurückließen, gründlich gewalkt und durchgerüttelt wurde. Von diesen Belastungen zu sprechen, denen die Generation der Nachkriegskinder in der Wendezeit ausgesetzt war, heißt zuallererst den Mahlstrom der Arbeitslosigkeit, der binnen kurzer Zeit fast jede und jeden in Ostdeutschland erfasste, in den Blick zu nehmen. Den offiziellen Statistiken nach stieg die Arbeitslosenrate nach der Wiederver­ einigung rasch auf 15 % und verblieb lange Zeit auf diesem hohen Niveau. 3 Mit welcher Wucht die Arbeitslosigkeit auf die Menschen in Ostdeutschland einstürzte, erfassen diese Prozentangaben jedoch nur bedingt. Einmal blenden die Statistiken einen erheblichen Teil von Betroffenen aus, weil diese in Kurzarbeit waren oder an Arbeitsbeschäftigungsmaßnahmen teilnahmen bzw. Qualifizierungsmaßnahmen belegten oder sich einfach nicht arbeitslos gemeldet hatten. Und schließlich tauchten auch alle frühverrenteten Personen nicht in der Arbeitslosenstatistik auf. Außerdem sind die Arbeitslosigkeit und ihre Wirkungen in einzelnen Alterskohorten durchaus unterschiedlich zu beurteilen. Auf diesen überaus wichtigen Umstand macht Faas aufmerksam, wenn er feststellt, dass der„Anteil der Menschen zwischen 31 und 65 Jahren, die selbst schon einmal Arbeitslosigkeit erfahren haben,... auf rund 50 Prozent in Ostdeutschland(stieg – W.B.). Arbeitslosigkeit im eigenen Haushalt(etwa über 9 die Eltern oder den Partner) oder im Freundeskreis zu erfahren, vergrößert die Reichweite von Arbeitslosigkeit in die Gesellschaft hinein nochmals erheblich. Umfragen zeigen, dass in den Hochzeiten der Arbeitslosigkeit drei von vier ostdeutschen Befragten sagen, dass ein ihnen ‚Nahestehender‘ von Arbeitslosigkeit betroffen sei.“ 4 3 Die bislang höchste Arbeitslosenquote in Ostdeutschland war im Februar 2005 zu verzeichnen: 22,8 Prozent. Vgl. Arbeitslosenquoten in den neuen und alten Bundesländern 1975 – 2019 in: Sozialpolitik aktuell, online abrufbar unter: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV35.pdf 4 Thorsten Faas, Jeder zweite Ostdeutsche war schon arbeitslos, online abrufbar unter: https://www.dw.com/de/ jeder-zweite-ostdeutsche-war-schon-arbeitslos/a-5265094 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Die Arbeitslosigkeit schränkte die finanzielle Situation der Betroffenen zum Teil erheblich ein, aber ihre Auswirkungen sind wesentlich tiefgreifender und komplexer sowie von erheblicher zeitlicher Dauer bzw. haben anhaltende Nachwirkung. Gerade in Ostdeutschland bedeutete der Verlust der Arbeit für viele unmittelbar Betroffene eben nicht nur finanzielle Einbußen. Diese Verluste ließen sich sogar noch eine Zeit lang mit den ‚wundersamen‘ Wirkungen der DM aufwiegen. Einen Ausgleich für den Verlust der wichtigen Sozialisierung-, Anerkennungs- und Bezugsinstanz„Betrieb“ gab es dagegen nicht. Dieses ‚Geheimnis‘ der Verfasstheit vieler Ostdeutscher, für die der Betrieb schlechthin als Artikulations- und Bezugspunkt ihres sozialen und kulturellen Lebens galt, muss immer ins Gedächtnis gerufen werden, wenn es um Ängste, Verluste und Sorgen um die eigene Perspektive oder die der Familienangehörigen geht. Dieser seelische Zustand wirkte bei vielen nach, paradoxerweise selbst dann, wenn er in wirtschaftlichen und sozialen Erfolg eingebettet war, der sich bei einigen Betroffenen nach der Wiedervereinigung einstellte. Wohlstand war nicht in jedem Fall ein Wundpflaster für die Verletzungen und Schrammen der Seele. Die geführten Gespräche bringen erstaunliche Erfolgsgeschichten zu Gehör und zeigen Menschen, die mit ihren erworbenen Kenntnissen und Erfahrungen, ihrer Entschlossenheit und Widerstandfähigkeit in der Lage waren, sich selber aus den Sumpf zu ziehen. Insofern hat die Wende diese Personen gar nicht so stiefmütterlich be­ handelt, im Gegenteil, sie hat Gelegenheiten und Chancen geschaffen, die ergriffen wurden. Und so spielt es eigentlich keine Rolle, ob diese gezwungenermaßen gepackt wurden, also der berühmte Strohhalm, oder voller Freude, weil man schon lange auf 10 diese Gelegenheit gewartet hatte. Die hier veröffentlichten Gespräche sind nicht nur überaus subjektiv, sondern auch von intimem Charakter. In dieser Eigenschaft schließen sie eine Tür auf, die direkt in das private Leben der Gesprächspartner führt. Das mag zwar klein oder abseitig erscheinen, angesichts der großen Geschichte, aber dennoch versprechen die Berichte einen besonderen Blick, denn auch in der DDR war das Private politisch. Und vielleicht gab es keinen Winkel auf diesem Erdball, für den dies mehr galt als für die DDR. Wovon im Folgenden erzählt wird, sind Bruchstücke der Lebensgeschichten in all ihrer Individualität und Unwiederholbarkeit. In der Sozialwissenschaft ist häufig über den Wert von persönlichen Erinnerungen in der Auf- und Bearbeitung von historischen Vorgängen gestritten wurden. Und die Frage, wie solche persönlichen Über­ lieferungen von Menschen, die nicht zum Kreis der prominenten Protagonisten ge- KLASSENTREFFEN hörten, einzubeziehen sind, wird auch weiterhin Gegenstand von Debatten sein. Die oral history gesteht den Informationen, Perspektiven und Meinungen dieses Personenkreises einen beachtlichen Erkenntnisgewinn zu, macht aber zugleich auf Gefahren aufmerksam. Ohne diese Diskussion aufzugreifen, oder gar fortzusetzen, stellen die hier festgehaltenen und veröffentlichen Erinnerungen eine notwendige Ergänzung zu den durch die Medien oftmals so einseitig vorsortierten Narrative 5 dar, weil sie unterschiedlichen Erfahrungen mit dem gesellschaftlichen Leben in der DDR, der fried­ lichen Revolution und der Wiedervereinigung offenlegen und ihre Heterogenität sichtbar werden lassen. Dreißig Jahre nach ihrem Untergang ist die DDR nicht mehr erlebbar, auch wenn skurrile Realityshows auf den Kanälen des privaten Fernsehens das suggerieren wollen. Es bleibt nur noch nachgearbeitete und vorsortierte Darstellungen in Zeitungen und Büchern zu lesen, in Radio und Fernsehen zu hören und zu sehen. Das mag keine allzu neue Erkenntnis sein, dennoch sollten die damit verbundenen Implikationen in diesen Tagen besonders deutlich aufhorchen lassen, da sich immer wieder der Streit um die Deutungshoheit, und in letzter Instanz um Identität, anbahnt. Die Kritik des Dramatikers und Schriftstellers Christoph Hein, der in der DDR mit Publikationsverbot, Stasi-Überwachung und anderen Repressalien zu kämpfen hatte, an Florian von Donnersmarcks Stasi-Film Das Leben der Anderen 6 und die folgenden verstörten bis hyste­ rischen Aufschreie in der FAZ und ähnlichen Blättern sind mehr als charakteristisch. Nach der Lesart des Regisseurs und anderer Autorinnen und Autoren, die diesen Film und seine Normierung für den Oscar beklatschten, diente das reale Leben Heins als Vorlage für das Drehbuch. Wenn nun dieser Christoph Hein sich selbst äußert, den Film als Gruselmärchen bezeichnet und sich in diesem Leben der Anderen nicht wi11 derfindet, muss er sich rechtfertigen, weil sein Erinnerung abseits der vorherrschen5 Der Journalist Josa Mania-Schlegel macht in einem Interview auf die weiterhin existierenden Klischees und Stereotype aufmerksam:„Für mich geht diese mediale Berichterstattung immer in zwei Richtungen. Das ist einmal so Einheitskitsch, also die Wiedervereinigung als ein rundum gelungenes Ereignis, das es zu feiern gilt, und dann so diese ganz böse Unrechtsstaatsdarstellung von der DDR als Ausgeburt der Hölle und deren Abschaffung dann letztlich auch ein rundum positives Ereignis war.“ Josa Mania-Schlegel im Gespräch mit Mirjam Kid,„Ostdeutsche fühlen sich davon nicht angesprochen“, Deutschlandfunk 5. November 2019, online abrufbar unter: https:// www.deutschlandfunk.de/mediale-ddr-aufarbeitung-ostdeutsche-fuehlen-sich-davon.2907.de.html?dram:article_ id=462691 6 „Alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden. Im Kino sitzend hatte ich erstaunt auf mein Leben geschaut. So war es zwar nicht gewesen, aber so war es viel effektvoller... Nein,„Das Leben der Anderen“ beschreibt nicht die Achtzigerjahre in der DDR, der Film ist ein Gruselmärchen, das in einem sagenhaften Land spielt, vergleichbar mit Tolkiens Mittelerde.“ Christoph Hein, Warum ich meinen Namen aus„Das Leben der Anderen“ löschen ließ, Süddeutsche Zeitung 24.Januar 2019, online abrufbar unter: https://www.sueddeutsche.de/kultur/donnersmarck-hein-das-leben-der-anderen-1.4300244 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt den, hochgradig vereinfachenden Narrative liegt. Die melodramatische Inszenierung der DDR ist eben nicht mit den vielschichtigen Verhältnissen der untergegangenen Gesellschaft zu verwechseln. 7 Dabei sollte auch die künstlerische und museale Aufbereitung der DDR die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit fördern, anstatt zu erschweren. Auf diesem besonders schlüpfrigen Terrain der ostdeutschen Vergangenheit geschah oft genau das Gegenteil einer kritischen Auseinandersetzung. Und es geschieht auch weiterhin, wenn sich die real existierenden Menschen, die zwischen Oder und Elbe, zwischen Rügen und Thüringer Wald aufgewachsen sind und bis zur friedlichen Revolution dort ihr Leben meistern mussten, in diesen medialen Narra­ tiven nicht wiederfinden. Sie, die gut Bescheid wissen und die feinen Unterschiede kennen, treffen auf holzschnittartige Schilderungen in Schwarzweiß, von denen es in den Medien nur so wimmelt, in deren Schatten die Grautöne und Facetten des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Alltags im zweiten deutschen Staat nicht mehr sichtbar werden. Solange es Zeugen und Erinnerung gibt, ist die DDR nicht tot und noch lange nicht vergangen. Vielmehr reicht sie, in Form der ostdeutschen Erfahrungen, in die Gegenwart hinein. Die erlebten Verluste und die ausgehöhlten Utopien knabbern im Verborgenen weiter, genauso wie die unerwarteten Gewinne und Möglichkeiten, für die die Wende den Weg öffnete. Die Veränderungen, die der Herbst 89 auslöste, waren so radikal und wirkten so betäubend, dass ein Teil der Erfahrungen und der Erinnerungen ausgelöscht wurde. Es scheint vieles schlechthin„vergessen“ oder auf verschlungenen Pfaden zur bonbonfarbenen Ostalgie recycelt. 12 Es geht hier nicht darum, einer Verharmlosung des DDR-Herrschaftsapparats das Wort zu reden. Im Gegenteil: Die im Folgenden wiedergegebenen Erinnerungen sind eben keinesfalls Erinnerungen an die bestmögliche aller Welten, sondern unheimliche und zum Teil quälende Beschreibungen von Schwierigkeiten, von Unterdrückungen und Anpassungen, wie sie im Alltag der DDR so geläufig waren. Und gerade deshalb stellt sich die Frage, wie und in welchen Umfang in den komplexen, hoch komplizierten Wechselwirkungen zwischen Alltag und SED-Herrschaft tatsächliche Handlungs­ 7 Genau dies scheint aber hundertfach, nein tausendfach zu geschehen. Chr. Hein berichtet in seinem Artikel auch Folgendes:„Denn zehn Jahre nach jener Filmpremiere erzählte mir ein Professor der Germanistik, er habe – aus welchen Gründen auch immer – meine Anti-Zensur-Rede von 1987 mit seinen Studenten besprochen. Die Studenten hätten ihn gefragt, wie viele Jahre Gefängnis der Autor dieses Textes wegen bekommen habe. Der Professor erwiderte, der Autor sei nicht ins Gefängnis gekommen. Darauf meinten die Studenten, dann sei dieses Pamphlet erst nach 1989, also nach der Wende, geschrieben worden. Nein, erwiderte der Professor, er selbst habe bereits 1987 diese Rede gelesen. Das sei unmöglich, beharrten die Studenten, so könne es nicht gewesen sein, sie wüssten das ganz genau, weil sie ja den Film„Das Leben der Anderen“ gesehen hätten. Man sei, sagte der Professor zu mir, nach diesem Seminar in Unfrieden voneinander geschieden.“ Ebenda. KLASSENTREFFEN spielräume, subterrane Utopien und institutionelle Paradoxien existieren konnten. Nur in dem dieser Frage ausreichend nachgegangen wird, lassen sich die Ursachen der Revolution des Herbstes 1989 aufklären und sind deren Akteure in einer Weise zu benennen, die zugleich der Identität von Millionen Ostdeutschen Rechnung trägt. Für viele von ihnen ist es anmaßend, von in Westdeutschland oder schon im wiederver­ einigten Deutschland sozialisierten Journalisten, Künstlern und Politikern über die Gültigkeit der eigenen Erinnerung belehrt zu werden. Im Jahr 30 des wiedervereinigten Deutschlands macht sich ein Unbehagen über die Risse zwischen Ost und West bemerkbar, über jene die weiterbestehen und jene, die scheinbar neu entstanden sind. Solches Unbehagen kann irritierend wie produktiv zugleich sein. Aktueller denn je drängen diese Verwerfungen darauf, den beklemmenden Ring aus Stereotypen und einseitigen, unterkomplexen Erzählungen aufzubrechen, die Asymmetrie in der Erinnerung zu überwinden und einen kulturellen Perspektivwechsel einzuleiten sowie Platz zu schaffen für konkurrierende Erinnerungs­ diskurse und differenzierende Sichtweisen. Ein solcher Perspektivwechsel muss Gespräche darüber zulassen und anstoßen, was uns besonders am Herzen liegt, was uns in den Nächten noch weiter plagt. Es ist doch eine Binsenwahrheit der Geschichte, dass gesagte und ungesagte, erzählte und verschwiegene Vergangenheit uns gleichermaßen prägen, ohne dass wir es immer zu durchschauen und zu würdigen wissen. Gerade in Momenten des Streites und der Meinungsverschiedenheiten haben Ostdeutsche den Eindruck, dass sie es sind, die bei einer Wortmeldung riskieren, missverstanden und sogar angegriffen zu werden. „Nicht jeder ist bereit, die Wahrheit eines Ossis zu ertragen.“ 8 Zu schnell, zu leicht findet man sich in einem Sack wieder, der den Aufdruck Stasi­knechte, SED-Bonzen und Mitläufer trägt. 9 Diese Art der Katalogisierung wird 13 weder den historischen Facetten gerecht, noch ermöglicht es eine Aufarbeitung der Missverständnisse und Irrwege, die sich nach 1990 einstellten. Klaus Wolfram mahnt 8 So resümiert Jürgen Barnew seine Erfahrungen. 9 Ein hervorragendes Beispiel dieser exkludierenden, noch dazu an den historischen Realitäten vorbeischlitternden Perspektive gab Anne Hähnig jüngst:„Es ist der Riss, der durch den Osten führt. Und der offenbar macht, was dieser Region so dringend fehlt: eine Elite, die diesen Namen auch verdient. Schon zu DDR-Zeiten begann die Spaltung der Bevölkerung. Auf der einen Seite jene, die damals mitliefen oder auch nur ein gutes Leben suchten. Die sich weitgehend fügten in die Bedingungen. Nennen wir sie: die Fügsamen. Und dann gab es jene, die eben nicht mitmachten, die sich nicht abfinden wollten, und sei es nur gedanklich. Die die Jugendweihe verweigerten oder das Pionierhalstuch. Sagen wir: die Widerständigen. Die Widerständigen verachteten nicht nur den Staat – sie waren auch enttäuscht von jenen, die sich fügten. Sie verachteten die kleinbürgerliche Gesellschaft, die freudig in ihre FDGB-Heime in den Urlaub fuhr und erst dann Unzufriedenheit artikulierte, wenn die Trabi-Ersatzteile fehlten.“ Anne Hähnig, Der Osten braucht eine neue Elite! in: Die Zeit Nr. 23/2020, 28. Mai 2020, online abrufbar unter: https://www.zeit.de/2020/23/buergerrechtler-ostdeutschland-osten-vorbilder-widerstand Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt diesen Zustand in einem kürzlich veröffentlichten Interview an und fügt mit einem deutlichen Seitenhieb hinzu:„Die prominent herumgereichten Bürgerrechtler haben Nichts dazu beigetraten, das(diese einsichtige Sicht – W.B.) abzubauen.“ 10 Besonders an den Fragen, wer hat den Sturz des SED-Regimes herbeigeführt, wer hat die Revolution gemacht, entbrennt der Streit. Ich war kein Held, auch kein Oppositionel­ ler, aber ich war mir sicher, so konnte es nicht weitergehen, konstatiert Anna Waigard mit einnehmender Ehrlichkeit und noch heute spürbarer Unerschrockenheit, wie im Folgenden nachzulesen ist. Es gab keine 17 Millionen Bürgerrechtler, nur eine Handvoll oder ein wenig mehr. Es gab aber auch keine 17 Millionen Betonköpfe, sondern Mil­ lionen von Menschen, die genug hatten vom Stellungskrieg mit den Oberen und von der Doppelgesichtigkeit, die das Leben in der DDR eingefroren hatte, die die Wort­ hülsen und leeren Phrase nicht mehr ertragen konnten und die ein bisschen mehr an Komfort wollten. Sie alle erwachten im Herbst 89 und machten die Revolution, friedlich und radikal. Und voller Hoffnungen. Den Sturz der SED führten diejenigen herbei, die am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin dazu aufriefen, das SEDPolitbüro ins Altersheim zu entlassen. Aber auch diejenigen, die nicht ans Podium traten, eben all die Tausende und Abertausende, die die mehr als 20 Rednerinnen und Redner beklatschen oder die Vertreter des untergehenden Regimes gehörig auspfiffen. Auch ihnen gebührt das Verdienst der friedlichen Revolutionäre. Die Kommandeure und Mitglieder der Kampfgruppe, von denen in den Gesprächen berichtet wird, die sich Anfang Oktober 1989 weigerten, die Montagsdemonstrationen in Leipzig, Magdeburg oder andernorts„abzusichern“, trugen selbstverständlich auch ihren Teil dazu bei, das SED-Regime zu stürzen.„Die breite Mehrheit der DDR hat die Revolution 14 ermöglicht und getragen. Das waren nicht nur einige wenige.“ 11 Die Übergangsregierungen – die letzte der SED unter Hans Modrow und die freigewählte unter Lothar de Maizière – waren weder darauf vorbereitet einen Systemwechsel zu bewältigen, noch dazu in der Lage. Auch die Bundesregierung blieb, ungeachtet der warnenden Hinweise, die von der sozialdemokratischen Opposition und anderen kamen, einem Tunnelblick verhaftet. In der konkreten politischen Auseinandersetzung um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und die Gestaltung der komplexen Prozesse der Wiedervereinigung blieb wenig Raum für die Beachtung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verfasstheit der Ostdeutschen und ein Anknüpfen am demokratischen Potential des Herbstes 89 und Frühjahrs 90. Die Wiedervereini10 Die Revolution haben alle gemacht. Ein Gespräch mit dem DDR Oppositionellen Klaus Wolfram, in: Die Zeit Nr. 19/2020, 29. April 2020. 11 Ebenda. KLASSENTREFFEN gung auf Augenhöhe blieb aus. Stattdessen provozierte der beispiellose Aufbau der neuen wirtschaftlichen und administrativen Infrastruktur in Ostdeutschland zahlreiche, grundlegende Missverständnisse und Konflikte, ohne dass sich die Beteiligten, Ost- wie Westdeutsche, dessen vollends bewusst wurden. Innerhalb von Wochen und Monaten wurden die Biografien vieler Ostdeutscher entwertet und, so ganz nebenbei, die Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an das Arbeitsleben, fast völlig entsorgt und die demokratischen Erfahrungen der friedliche Revolution klein geredet, um in den Hintergrund gedrängt zu werden. 12 Daran gewöhnt, darin geübt, still zu halten und die eigenen Interessen zurückzustellen und im Privaten zu sublimieren, dachten viele Ostdeutsche nicht daran, gegen die gegen die Enteignung ihrer Revolution zu rebellieren. Solche Art von Rebellion war außerhalb der Vorstellungskraft und gehörte einer Welt an, von der weder Bücher noch Filme Beispiel gegeben hatten. Außerdem nahm die Neuorientierung im wiedervereinigten Deutschland ein Großteil der Ener­ gien in Beschlag, zu viel, um sich gegen die vorherrschende Narrative durchzusetzen. Die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, die für diese Publikation interviewt wurden, brachten einen Rucksack voller Erinnerungen zu den Gesprächen mit. Sie blickten mit Gelassenheit und ohne größere Aufregung zurück. Und dennoch lassen die Aufzeichnungen spüren, dass die Vergangenheit sich nicht einfach abstreifen lässt. Und auch das Vergessene oder Unterdrückte hat Spuren hinterlassen, die immer wieder durchschimmern. Folglich das Vergangene, seine Spuren, und das Gegenwärtige ineinander, als wäre nichts erledigt, weder das Schlimme noch das Schöne. Daran ­lassen sie uns teilhaben. In dieses Protokoll von Gesprächen haben wir Fotografien aufgenommen, die, von 15 Ausnahmen abgesehen, in den 70 und 80 Jahren aufgenommen haben. Bei aller Unterschiedlichkeit in den Anlässen und Absichten, die zu diesen Fotografien führten, und der individuellen Handschrift der Autoren scheint dennoch allen Aufnahmen gemeinsam, dass ihre Perspektive auf den Alltag in der DDR das Besondere und das Zufällige der Menschen und Dinge vor der Kamera in den Hintergrund treten lässt und dafür den Blick auf das Wesentliche freigibt. 12 Carsten Probst fasst diese Entwicklung mit folgenden Worten zusammen„Was noch an die DDR erinnerte, wurde zurückgedrängt – Ampelmännchen und einige Straßennamen ausgenommen... Nicht wenige westdeutsche Beobachter hielten das in der Tat für den völlig normalen Gang der Dinge... Die Heerscharen westdeutscher Aufbauhelfer kamen nicht als Gleiche unter Gleichen in die ostdeutschen Bundesländer...“Carsten Probst, 30 Jahre Kulturtransfer West-Ost. Mechanismen der Verdrängung, Deutschlandfunk 8.6.2020, online abrufbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/30-jahre-kulturtransfer-west-ost-mechanismen-der.1184.de.html?dram: article_id=467091 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Gespräche über das Ende der DDR und die Neuanfänge im wiedervereinigten Deutschland Interviewführung und Auswahl: Wolfgang Bautz Die im Folgenden, in Ausschnitten wiedergegebenen Gespräche wurden im Zeitraum von April bis Juni 2020 durchgeführt, in Fortsetzung einer Unterhaltung, die Monate zuvor, während eines Klassentreffens des Abiturjahrganges 1971 der Betriebsberufsschule 13 des Elektromotorenwerkes Wernigerode„Martin Andersen Nexö“ begonnen wurde. Bei dieser Gelegenheit, dem ersten Treffen nach Jahrzehnten, kam so viel Überraschendes, soviel Verblüffendes zum Vorschein, was die gängigen Narrative über das Ende der DDR und die Wiedervereinigung, wenn nicht in Frage stellte, so doch um wichtige Facetten ergänzte. Das Private war zweifellos auch in der DDR politisch und vielleicht kann man die These wagen, dass das Private in diesem Land noch viel stärker politisch aufgeladen war als in jedem anderen Winkel unseres Erdballs. Daher weckte dieser zwanglose Austausch über das eigenen Leben, seine Höhen und Tiefen, seine verschlungenen Pfaden, wie er sich eben bei Klassentreffen immer und immer wieder ergibt, das besondere Interesse des Autors, diese Gespräche fortzusetzen und, wenn möglich, zu vertiefen. 16 Der durch die Corona-Pandemie erzwungene Stillstand bot einen günstigen Rahmen, Klassenkameradinnen und-kameraden, Studienkolleginnen und-kollegen sowie andere Personen gleichen Alters einzuladen, freiwillig den eigenen Erinnerungen nachzugehen und in aufeinanderfolgenden Videokonferenzen zu teilen. Den Gesprächen 13 Neben der Erweiterten Oberschule – EOS bestand in der DDR die Möglichkeit zum Erwerb der Hochschulreife im Verlauf einer dreijährigen Berufsausbildung mit Abitur, die sich unmittelbar an die polytechnische Oberschule anschloss. Das Angebot der Ausbildung in verschiedenen Berufen der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft wurde mit einem erweiterten Schulunterricht kombiniert, um das Ablegens des Abiturs an einer Berufsschule zu ermöglichen. Die Zahl der Lehrstellen mit Abitur war begrenzt und überstieg zum Ende der DDR nur geringfügig fünf Prozent eines Jahrgangs. Die EOS stellte den hauptsächlichen Weg zur Erlangung der allgemeinen Hochschulreife dar. Im Vergleich zur Berufsausbildung mit Abitur ermöglichten die Volkshochschulen oder Spezialschulen(Sport, Musik) nur wenigen Schülerinnen und Schüler das Abitur. Die Betriebsberufsschule des Elektromotorenwerkes Wernigerode„Martin Andersen Nexö“ bot zwei Berufsausbildungen mit Abitur an: Facharbeiter für Zerspannungstechnik und Facharbeiter Betriebsmess-, Steuer- und Reglungstechnik. KLASSENTREFFEN lag ein Leitfaden zugrunde, der weiter unten aufgeführt wird, wobei den berichtenden Personen die ihnen notwendige Autonomie zum Verlauf und Inhalt des Gesprächs sowie die Anonymität in einer zuvor getroffenen Vereinbarung zugesichert wurde. Somit berichteten die Gesprächspartnerinnen und-partner, unabhängig vom Leitfaden, von den Dingen, die ihnen wichtig erschienen. Die Gesprächsführung respektierte daher auch offensichtliche Auslassungen und hielt sich mit Nachfragen zurück. Auf diese Weise entstand ein Raum, der sich mit sehr unterschiedlichen Erzählungen auffüllte und die Heterogenität der Erfahrungen spürbar werden ließ. Im Interesse der Authentizität wurden die Aussagen nicht redaktionell bearbeitet und bei der Wider­ gabe wurde darauf geachtet, auch den jeweiligen Kontext der Aussagen umfangreich zu zitieren. Die Namen der Personen wurden geändert, sie sind dem Herausgeber bekannt. Der folgende Gesprächsleitfaden wurde mit der Einladung zur Fortsetzung der Gespräche versandt: • Mit welchen Erwartungen hast Du Dich für das Studium beworben? Was ist aus diesen Erwartungen in den vier Jahren an der Universität geworden? • Zum Abschluss des Studiums hast Du Dich auf eine Stelle beworben, welche Absichten verbanden sich mit der Bewerbung auf gerade diese Stelle? Was machte sie für Dich interessant? • Wie hast du die ersten Monate auf dieser Stelle empfunden? Sind deine Vorstellungen zu Deiner beruflichen Tätigkeit in Erfüllung gegangen? • Wie würdest Du die Kultur in Deiner Arbeitsstätte, den Umgang untereinander, das Verhältnis zur Leitung, das politische„Klima“ beschreiben? Was hat sich im Ver17 lauf der Jahre verändert? • Wie würdest Du die zweite Hälfte der 80er Jahre beschreiben? Was hast Du im Beruf, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft erlebt? War Stillstand und Krise für Dich spürbar? • Wie hast Du die letzten Monate vor dem Mauserfall erlebt? Was hat Dich beunruhigt? Was hat Dich gefreut? • Wie würdest Du die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung beschreiben? Was hat sich bei Dir verändert? Was hat sich in Deiner Umgebung verändert? • Wie blickst Du auf die frühen 90er Jahre zurück? Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Start ins Berufsleben – voll durchstarten oder einreihen? Jürgen Barnew Es war die Nachkriegszeit, es gab gar nichts oder vieles nicht. Man musste erst arbeiten und dann konnte verteilt werden. Diese Erfahrung hat sich bei mir festgesetzt und mich später geleitet. Wenn wir im Betrieb eine Störung hatten und dann mal Extraschichten gefahren werden mussten, fragten die Kollegen, Du was bekomme ich denn dafür? Wie hoch ist die Prämie? Ich habe dann geantwortet, wenn du so fragst, kriegst du gar nichts, erst machen wir die Arbeit, beseitigen die Störung, und dann reden wir über Prämien. Und nicht umgekehrt. Auf jeden Fall hat es für mich so ausgesehen, als ob unser Staat alles für die Familie und den guten Start ins Leben machen würde. Im Großen und Ganzen jedenfalls. Wir haben das als kinderreiche Familie gemerkt, besonders Weihnachten. 1960 gab es eine Apfelsine auf dem Tisch, im nächsten Jahr waren es schon fünf. Daran haben wir gesehen, dass irgendwas weitergeht, sich entwickelt. Wir haben gesehen, wie es voranging. Und es hat uns geprägt. Ich habe immer doppelt gearbeitet. Ich kam aus der Schule, Ranzen in die Ecke und dann Kaninchen gefüttert und im Schrebergarten gearbeitet, erst dann war ich mit 18 Freunden zusammen, nachdem ich meine Arbeit erledigt hatte. Schule und Schrebergarten. Berufsausbildung genauso. Berufsausbildung und Schrebergarten. Während der Berufsausbildung habe ich dann angefangen in der Feierabendbrigade nebenbei zu arbeiten. 17 Jahre war ich in der Feierabendbrigade, angefangen mit Straße aufhacken, Rohrleitungen verlegen, Schächte mauern, mal Handlanger auf dem Bau, dann war ich selbst Kolonnenführer, ich habe Dächer mit Schiefer eingedeckt. Den Schieferhammer habe ich immer noch. Also Schiefern zurechtgeschlagen, Schornsteinköpfe gemauert. Alles gelernt, diese ganzen handwerklichen Dinge. Und es hat keiner mitbekommen, dass dieser kleine Jürgen im Prinzip doppelt gearbeitet hat. Ich habe mindestens 15 bis 17 Stunden täglich gearbeitet. KLASSENTREFFEN Mein Traum war es Pilot zu werden, bei der NVA 14 . Deshalb habe ich auch mit dem Segelfliegen angefangen. Als ich dann im Wehrkreiskommando zum Gespräch war, hat man mir gesagt, dass bei meinen Beziehungen in den Westen – ich hatte meine Oma und meine Tante drüben – sich die ganze Familie von der Westverwandtschaft lossagen müsste. Das war für mich etwas Unmögliches. Das konnte ich nicht von meinen Eltern verlangen. Auf so eine blöde Idee wäre ich nie gekommen, so: Vater schreib mal deiner Mutter nicht mehr, schreib mal deiner Schwester nicht mehr. Dann haben sie mir als Alternative angeboten, dass ich mich von meiner Familie trenne. Wo ich dann gesagt habe, dass kommt für mich auch nicht in Frage. Also war der Berufswunsch passé und ich habe Rotz und Wasser geheult, Kopf ins Kopfkissen. Ein Traum war geplatzt. Blödes Wehrkreiskommando, welche Sicherheit habt ihr denn, dass einer, der keine Verwandtschaft im Westen hat, nicht mit dem Düsenjäger abhaut. Aber wenn das eure Maxime ist, dann ist das so. Ich habe also nicht gesagt Scheiß­staat und so, sondern habe es akzeptiert. Wenn das die Richtlinie ist, dann ist das so. Das Leben geht weiter. Also tief Luft geholt. Ich habe Technische Kybernetik und Automatisierungstechnik in Leipzig studiert. Dort habe ich meinen Hochschulingenieur für Technische Kybernetik und mein ­Diplom in Automatisierungs- und Displaytechnik gemacht. Ich besuchte dann auch noch einen Extralehrgang zur Displaytechnik. In diesem Zusammenhang machte ich ein Praktikum im PCK Schwedt. 15 Dort hatte Honeywell die moderneste Technik installiert. Hatte ja noch niemand gesehen, die Prozesssteuerung mit Computer und Bildschirmen. Nur so ein Rückblick, im Studium, 71 oder 72, hatten wir an der Hochschule ein ungarisches Computersystem GD 71. Die Rechentechnik war so groß wie zwei Zimmer und ein winziger Bildschirm. All das kann man heute in die Hosen19 tasche stecken. 14 NVA= Nationale Volksarmee 15 PCK= VEB Petrolchemisches Kombinat. Baubeginn für das PCK war im November 1960 und die Rohölverarbeitung nahm im April 1964 seinen Betrieb auf. In Schwedt war der deutsche Endpunkt der sogenannten Erdölleitung der Freundschaft, die Rohöl aus dem Fördergebiet um Tjumen in verschiedene sozialistische Staaten lieferte. Rasch entwickelte sich PCK zu einem der wichtigsten Kraftstofflieferanten der DDR. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Aller vierzehn Tage haben wir sonnabends auch noch Unterricht gehabt. Sonnabends bin ich aber nie in Leipzig gewesen, weil ich ja sonnabends, sonntags zuhause in der Feierabendbrigade gearbeitet habe, um Geld zu verdienen. Wir hatten ja schon ein Kind gehabt. Ich habe mich, wenn Sommerferien waren, zwei Wochen vorher oder hinterher noch zusätzlich krankschreiben lassen, um in der Feierabendbrigade mehr Geld zu verdienen. In der Feierabendbrigade durfte ja offiziell nur 8 Stunden gearbeitet werden, aber der Chef, der mochte mich, ich durfte eben 16 bis 18 Stunden arbeiten. Für 15 Mark die Stunden, da kam für mich ein Riesenvermögen zusammen. Dadurch konnten wir uns das eine oder andere leisten, zusätzlich anschaffen. FEIERABENDBRIGADE Bei der Feierabendbrigade handelte es sich um Formen der nebenberuflichen, zusätzl­ichen Arbeit, die auf verschiedene Weise organsiert waren und einen unterschiedlichen Grad an Institutionalisierung bzw. Anbindung aufwiesen. Die Feierabendbrigaden führten Aufträge für Stadt- und Gemeindeverwaltungen sowie für Betriebe außerhalb der staatlichen Planung aus. Sie verkörperten eine spezifische Art der Mobilisierung und Einbindung außerplanmäßigen Arbeitskräftepotenzials sowie der Eindämmung von Schwarzarbeit, aber auch der Sicherstellung des Versicherungsschutzes. Nach dem Studium erhielt ich über die Absolventenvermittlung, war ja damals so, dass wir zentral vermittelt wurden, im Prinzip nur zwei Möglichkeiten, die eine war das Regelerwerk Teltow und die andere Mertik in Quedlinburg. Da Quedlinburg eben viel näher an meinem Heimatort war, konnte ich mich dann durchsetzen, weil eigentlich sollte ich nach Teltow gehen. In Quedlinburg war ich dann der jüngste in der 20 Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Sehr schnell habe ich mich an meinem Gruppenleiter hoch oder besser vorbei gearbeitet, denn Arbeits hat mich nicht einen Quark interessiert. Ich habe nie auf die Uhr geguckt. Ich war immer pünktlich, ABSOLVENTENVERMITTLUNG Mit dem Eintritt in das Studium erklärte sich die Studierenden bereit, nach erfolgreicher Beendigung des Studiums ein Angebot der Absolventenvermittlung anzunehmen. Diese Vermittlung existierte an jeder Hochschule. Je nach Berufsgruppe wurde diese Vermittlung unterschiedlich wahrgenommen. Sie war besonders strikt und durchgreifend in den Berufen, die im Bildungs- bzw. Gesundheitswesen angesiedelt waren. Bei der hohen und wachsenden Zahl von Studierenden, die bereits verheiratet waren und Kinder hatten, geriet die Absolventenvermittlung immer häufiger an Grenzen, da sie die soziale Situation der Absolventen berücksichtigen mussten, während gleichzeitig Betriebe ihren Fachkräftemangel durch besondere Angebote, vor allem hinsichtlich Wohnraum, an der zentralen Vermittlung vorbei zu lösen versuchten. KLASSENTREFFEN ich war immer länger da, denn die Arbeit hat mir riesig Spaß gemacht. Mich hat nie das Geld interessiert, mich hat vielmehr das Ergebnis meiner Arbeit interessiert. Ich wollte forschen und entwickeln. Ich bzw. unsere Gruppe hat Zugriff auf bis zu 80 Mechaniker, d. h. was wir uns haben einfallen lassen, das haben die gleich umgesetzt. Man konnte gleich sehen, was aus der Idee wurde. Was absolut geil war. Wir haben u. a. die Programmsteuerung für den WVA 500 16 , für den ersten Waschvollautomat gemacht. Aufgrund meines Engagements bin ich dann als Leitingenieur eingesetzt worden. Das waren so komische Titel, na ja ein Titel ist das ja nicht, es sollte jedenfalls heißen, das man im Labor für eine bestimmte Aufgabe die Verantwortung trug. Also ich wurde als Leitingenieur für alles zuständig, was mit Minol Berlin und WAK Halle – Minol war die Firma, die die ganzen Treibstoffe einkaufte und vertrieb, und WAK Halle war der Betrieb der die Zapfsäulen herstellte – zusammenhing. U. a. habe ich dann die letzte Generation der Zapfsäulen, genauer gesagt das Zählwerk, entwickelt, also weiterentwickelt und den sogenannten Vierkolbenmesser, der das Medium eben gemessen, gelitert hat. Da kam es dann immer wieder zu so Situationen, wo Dinge fehlten, wo es schwer war an sie ranzukommen, um die neuen Modelle im Labor zu testen. Aber Mertik war mit vielen Werkstätten ausgerüstet, die haben schon vieles möglich gemacht. Damals waren ja die Kraftstoffe nicht so gefiltert wie heute und es kam zu ziemlichem Abrieb, was zur Folge hatte, dass Kraftstoff ohne zu messen durchgedrückt wurde. Daran haben wir gearbeitet. Uns wurden dann im Raum Potsdam mehrere Tankstellen zur Verfügung gestellt, die eine hohes Aufkommen hatten, um unsere Versuche mit verschiedenen Materialien und Anordnungen durchzuführen. Dazu erhielten wir einen sogenannten selbstfahrenden Techniker, der uns dann jeweils vor Ort unterstützte. Der hatte einen Wartburg Tourist, das war komfortabel. Wir haben meist im Interhotel Potsdam geschlafen. Manchmal mussten wir uns 21 auch das Zimmer teilen, wenn keine Einzelzimmer mehr vorhanden waren. Ich erinnere mich noch, der Techniker hatte immer lange weiße Unterhosen an. Das fand ich so lustig. An so einen Quatsch erinnert man sich. Alle vierzehn Tage für zwei, drei Tage nach Potsdam. Wir haben unsere Messungen an den Zapfsäulen gemacht, die Geräte ausgetauscht. Und über das Wirtschaftsministerium und Ministerium für Verteidigung bekam ich viermal im Jahr eine Zeitlupenkamera zur Verfügung gestellt. Nie wusste man, wann das sein würde. Man stellte den entsprechenden Antrag und bekam dann gesagt, dann und dann. Die Armee hatte Hochgeschwindigkeitskameras, aber angeblich nur zwei. Wir wollten die Kameras einsetzen, weil es gab in der Mechanik Fehler, 16 WVA 500= Waschvollautomat 500. Erste in der DDR entwickelte vollautomatische Waschmaschine(Toplader), die ab 1973 im VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg hergestellt wurde. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt die sich keiner erklären konnte. Ich hatte vermutete, dass das Material zu sehr federte und wir nach anderen Materialien suchen müssten. Das wollte aber keiner so richtig glauben. Daher wollte ich die Kamera unbedingt einsetzen. Was man mit bloßen Augen niemals beobachten könnte, wie sich der Klinkenmechanismus verhalten würde, ob es zu Vibrationen kommen würde oder Kontakte ausgelösten wurden, sich was verklemmte, wie auch immer. Dazu brauchten wir die Kamera. Zusammengefasst, der Job in Quedlinburg hat mir sehr gut gefallen. Aber es gab eben die Wohnungsproblematik. Es war schon das zweite Kind da. Und wir bekamen in Quedlinburg keine Wohnung. Es war nicht möglich. Dann hatte man mir in Thale, mir viel Ach und Krach, eine Wohnung besorgt. Da hätte ich dann trotzdem fahren müssen. Ich bin ja die ganze Zeit mit Motorrad gefahren, bei Wind und Wetter. Im Winter die Knie mit Zeitungspapier eingepackt. Und in Westerhausen oder Blankenburg, wo es den Berg runtergeht, war alles vereist, es war schlimm. Aber trotzdem war ich immer pünktlich gewesen. Das gehörte dazu. Dann habe ich mich natürlich darum bemüht, eine Arbeit in Ilsenburg zubekommen, im Stahl- und Walzwerk. Genau in diesem Betrieb hatten wir damals im ESP und UTP 17 gehabt, also Einführung in die sozialistische Produktion und Unterrichtstag in der Produktion. Manchmal kam der Technische Direktor dazu und hat so zwei Stunden über die technischen Abläufe usw. erzählt. Und ich war auch im Rahmen des FDJ-Lehrjahres 18 dort. Im FDJ-Lehrjahr wurde Protokoll geführt, wer anwesend ist und wer nicht, und die Termine hat man ja 22 insbesondere so gelegt, dass Veranstaltungen der Kirche nicht besucht werden konnten. Ich bin ja evangelisch erzogen worden und wollte an einer Rüstzeit teilnehmen. Erst als ich 18 Jahr alt geworden war, trat ich aus der Kirche aus. Meine Eltern haben uns das ja freigestellt, dass wir selbständig entscheiden dürfen. Und als ich 18 war, bin ich ausgetreten. Kann ich auch begründen. Ich achte jeden der gläubig ist, mein Vater, der war eben sehr gläubig. Hat sich aber auch immer über die Pfaffen geärgert. Die 17 ESP= Einführung in die sozialistische Produktion UTP= Unterrichtstag in der sozialistischen Produktion Dabei handelte es sich um Fächer für die Klassenstufen 7 bis 10, die das Ziel verfolgten, Schülerinnen und Schüler die Arbeitswelt näherzubringen. Als Teil des polytechnischen Unterrichtes bekamen sie im UTP(später Produktive Arbeit) unter produktionsnahen Bedingungen konkrete Arbeitsaufgaben in Betrieben des Bauwesen, des Transportwesen, der Landwirtschaft oder der Industrie. 18 Das FDJ-Lehrjahr war eine monatliche Pflichtveranstaltung für die in der Freien Deutschen Jugend organisierten Jugendlichen, in der Grundfragen des Marxismus-Leninismus und grundlegende Dokumente der SED behandelt wurden. KLASSENTREFFEN Kirche hatte für kinderreiche Familien eine sogenannte Jungzeitrüste angeboten. Da haben wir dann auf irgendeinem Gutshof oder Kloster 14 Tage gearbeitet, auf dem Feld oder was so anfiel, alles Mögliche. Und die zweiten 14 Tage waren dann komplett Ferien, mit Baden, Wandern und allem Drum und Dran. Also vier Wochen warst du dann dort und das hat uns, so glaube ich, nichts gekostet, komplett kostenfrei. So, ich war auf der Rüste und zur gleichen Zeit fand also das FDJ-Lehrjahr statt und K. E. hat Strichliste geführt. Einer hat dann noch gesagt, ich sei mit der Kirche unterwegs. Seitdem stand ich beim K. E. auf der schwarzen Liste. Und nun habe ich mich gerade dort beworben, in der Werkentwicklung und Forschung. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, und ein zweites Vorgespräch. Immer der Kaderchef dabei. Der hat mich dann sogar zuhause besucht und geguckt, wie ist die Wohnung, wie ist das Wetter, was machen die Kinder und so. Und warum? Die wollten mich politisch abklopfen, sehen, ob ich sicher bin, um im Walzwerk zu arbeiten, um an brisanter Stelle arbeiten zu können oder auch nicht. Ich habe dann den Job bekommen und dachte nur, wo bist du hier hingekommen. In Quedlinburg waren wir zwar in alten Gebäuden, aber wir hatten Technik und Labore ohne Ende, alle Möglichkeiten. Und jetzt, ein alter Betrieb mit einem alten Brammenwalzwerk. Aber ich brauchte nicht lange. Wenn ich Lust zu irgendetwas habe, dann knie ich mich da rein. Und habe angefangen das Produk­ tionsschema zu optimieren, die Technologie zu verbessern und entsprechend die Arbeitsplätze anders anzuordnen und umzugestalten, andere Techniken miteinzuführen. Unter anderen habe ich ein Wehr an der Ilse gebaut. Es ging darum, wenn bei Hava­ rien Öl auslief, zu verhindern, dass das verschmutzte Wasser zurückzuhalten. Steht auch heute noch. Nach einem Jahr habe ich das gleiche Gehalt wie mein Gruppenleiter bekommen, da 23 war der stinkesauer. In der Zwischenzeit erhielten wir die Möglichkeit, in dem Haus, in dem die Eltern meiner Frau wohnten, eine Bodenkammer auszubauen. Wir waren verheiratet und hatten schon das zweite Kind, wir standen auf dem Vergabeplan, aber es ging nicht weiter, erst im dritten Jahr haben wir eine Einzimmerwohnung bekommen. Die Spüle war gleichzeitig Waschbecken, aber wir haben uns wie Gott in Frankreich gefühlt, dass wir endlich was Eigenes hatten. Später habe ich dann mit eigenen Händen und eigenem Material einen Anbau hochgezogen. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Dölitzer Straße in Leipzig, 1984 © Mahmoud Dabdoub, Neue Heimat Leipzig. Fotografien 1982–1989, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016, S. 25 Als dann der Betrieb umgestaltet wurde, bin ich raus aus der Werksentwicklung und in 24 die Forschungsabteilung gegangen. Der Betrieb wurde von 1979 bis 1982 völlig um­ gebaut. Damals hat die DDR 1,4 Mrd. DM investiert und Voechst Alpine, der österreichische Betrieb, hat die Umbaumaßnahmen ausgeführt. Dann gehörte das Walzwerk Ilsenburg zu den 10 modernsten Grobblechbetrieben der Welt, in Europa der modernste Grobblechbetrieb. Wir haben über 75 % Export gehabt, ständig schwarze Zahlen geschrieben. Ich war dann in der Forschung und da hat mich zum zweiten Mal die Westverwandtschaft eingeholt. Wir sollten zur Ausbildung in den Westen. AEG hatte ja die ganze Steuerung eingebaut und die größten Computersysteme eingesetzt, riesige Dinge. Ich bin durchs Rost gefallen, durfte nicht rüber. Da musste ich aus meiner Abteilung zwei Leute aussuchen, die an meiner Stelle fahren würden. Einer davon hat sich später entschuldigt bei mir, das war ein Stasizuträger. Seine Frau ist mal fremdgegangen, damit haben sie unter Druck gesetzt und er hat unterschrieben, so hat er es zumindest gesagt KLASSENTREFFEN nach der Wiedervereinigung. Wenn die nach 14 Tagen zurückkamen, sollten die mir erzählen, was sie gelernt haben, und danach sollte ich ihnen die Arbeitsaufgaben erteilen. So ein Blödsinn. Was haben die gemacht als sie zurückkamen, sie haben sich beim damaligen Technischen Direktor eingeschleimt, dem einen Kugelschreiber mitgebracht und dem dann alles erzählt, mich haben sie am langen Arm verhungern lassen. Das war ein Scheißarbeiten. Das habe ich ein halbes Jahr mitgemacht, habe mich durchgekämpft und wohl auch einiges erreicht, aber mir fehlte das Wissen, das sie ­erworben hatten. Jedenfalls nachdem die Österreicher weg waren, hatten wir Stillstandszeiten von bis zu 280 Minuten pro Schicht. Das war schon eine Existenzbedrohung für den Betrieb. Damals war Lauck Minister für Schwerindustrie und der war davor beim Stahl- und Hüttenwerk Thale. Und sein damaliger Technischer Direktor, der wurde nach Ilsenburg gesandt. K. E. sprach immer von„deinem Mist“, ich ich ihm mit Veränderungen auf den Nerv ging.„Computer und Fernsehen auf den Steuerständen, so lange wie ich was zu sagen habe, wird so was nicht gemacht.“ Dann musste er aber wenige Monate später gehen. Wie gesagt, dann kam der Mann aus der Thale, der Betriebsdirektor im Stahl- und Walzwerk wurde. Und bei den Stillstandszeiten wies der Minister an: Die Schichten sind mit qualifizierten Leitungspersonal zu besetzen. Und dann haben sie gesucht und gesucht. Und ich habe mich sofort gemeldet. Manche haben mir den Vogel gezeigt, denn wer geht schon aus dem Normalschichtbetrieb in den VierSchichtbetrieb. Ich habe es gemacht, bin ins Vier-Schicht-System, und das hat mir so was von gut gefallen. Nun kommen mir meine Fähigkeiten zugute. Ich bin überall mit reingekrabbelt, konnte fast überall mitreden. Wenn die Schlosser irgendetwas hatten, mir konnten die nicht es vormachen, die Elektriker, Elektroniker waren genauso stin25 kig, denn ich war immer dabei, bei jedem Schaltschrank. Elektroniker war sowieso eine besondere Kaste. Ich habe dann im Stahl- und Walzwerk das sogenannte vorbeugende Instandhaltungssytem entwickelt und dadurch in kürzester Zeit die Stillstandszeiten in meiner Schicht, in der ich verantwortlich war, von durchschnittlich 280 Minuten auf durchschnittlich unter 10 Minuten gesenkt. Als ich das vorbeugende Instandhaltungssystem entwickelt und die Stillstandszeiten reduziert habe, wollten sie irgendwann, man hatte mich richtig bedrängt, dass ich den Posten des Technischen Direktors übernehme. Ne, ne lasst mal, als Direktor muss ich mit den Wölfen heulen und das liegt mir nicht. Haltet mir lieber den Rücken frei, damit ich die Instandhaltung auf Vordermann bringen kann. Und ich habe gekämpft Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt und gestritten, bin durch dick und dünn gegangen. Meine Frau hat immer gesagt, du bist mit dem Betrieb verheiratet. Acht Stunden habe ich bezahlt bekommen, 10 Stunden war ich mindestens da, manchmal auch noch mehr. Es hat mir Spaß gemacht. Wenn ich mich recht entsinne, kostete damals eine Minute Betriebsstillstand zwischen 220 und 230 Tausend DM. Bei über 75 % Export ins NSW 19 . Das ergab eben auch die gewisse Brisanz, wenn irgendwas krachen gegangen ist, dann war eben sofort Theater: mit Kriminalpolizei und Kreisleitung bis 30 Minuten Stillstand und alles was darüber lag, da kam dann die Bezirksparteileitung und Staatssicherheit. Das waren Dingen, die wussten alle und damit konnte man umgehen. Die Staatssicherheit war ja ständig da, im Zimmer 213 hatten die ihr Büro. Da habe ich schlimme Zeiten erlebt. Ich war im Betrieb über zwei Tage eingesperrt, also verhaften. Von mehr als acht, vielleicht sogar zwölf Personen, nach so einer Sache fängt man ja selbst an zu spinnen, von denen wurde ich verhört und musste Berichte schreiben, und, und. Man wollte mir anhängen, dass ich einen Fehler gemacht hätte. Nicht unbedingt Sabotage, aber ich hätte einen Fehler gemacht. Ich bin geschlagen worden, habe anderthalb Tage nichts zu trinken bekommen, die Lampe in die Fresse und alles so ein Zeug. Und wenn ich eingeduselt bin, dann haben mir zwei von hinten auf den Kopf gehauen. Hauptman F., so ein kleiner Dicker, der mich immer angegrinst hat, ich sollte zugeben, dass es so und so war. Ich habe trotzdem weitergemacht in dem Betrieb. Ich hatte einen Generalschlüssel und so habe ich mich auf die Suche gemacht. Im Betrieb hatte es eine Alarmmeldung geben. Die Stahlblöcke wurden zu Blech gewalzt 36 m lang und 2,80 m breit. Das Besondere war, dass dieses Blech plan war, d. h. 10 mm dick am Außenrand und auch in der Mitte 10 mm. Das war ja der große Vorteil. Wenn Bleche zusammengesetzt wurden, dann kam eben ein 10 mm Blech an ein 10 mm Blech und nicht zwei unterschiedlich starke, wie es vielleicht früher passieren konnte. Vor der Rekonstruktion hatte das Blech in der Mitte bis zu 10,8 mm. Da hätten die Schweißroboter, die im Schiffsbau in Rostock zum Einsatz kamen, da war die DDR ja führend, nicht schweißen können. Die DDR war ja führend in der Schweißtechnologie. Der Schweißroboter hat durch Ultraschall die Blechstärken ermittelt und die ordnungsgemäße Durchschweißung zu gewährleisten, wie auch immer. Zurück zu Walzen. Den Langblechen wurden ja mit der Besäumschere auf der linken und rechten Seite die Ränder abge19 NSW – Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Im offiziellen Sprachgebrauch der DDR wurden damit jene Staaten bezeichnet, die nicht nach sozialistischen Wirtschaftsprinzipien(Volkseigentum, Planwirtschaft) ausgerichtet waren. KLASSENTREFFEN schnitten, also besäumt. Dann gab es die Querteilschere, da wurden die Bleche auf Länge geschnitten. Randstreifen fielen dann in den Schrottscherenbereich hinein und wurden über Bänder zur Schrottschere transportiert. Dort wurde sie auf Länge für den Kuppelofen – du weißt ja, Martin braucht Schrott – geschnitten. Die gesamten Messleitungen von der Schrottschere gingen in ein Schalthaus links der ganzen Produk­ tionsstrecke und die ganzen Messleitungen, Steuerleitungen von der Querteilschere gingen in ein Schalthaus rechts der Produktionsstrecke. So nun war folgendes passiert. Es gab ein Alarmsignal der Ölumlaufschmierung der Querteilschere, die Schmierung war ausgefallen. Wenn die Schmierung ausfällt, dann dauert es nicht lange, dann fangen die Lager an zu glühen. Meine Schicht war zu Ende und ich war eigentlich nicht mehr verantwortlich. Ich war der sogenannte Schichtleitingenieur. Ich war also für alles, was Instandhaltung betraf, in dieser Schicht verantwortlich. Mein Gegenüber war der Schichtleiter der Produktion. Es war so, Produktion ging vor allem. Das betraf auch das Verhältnis zwischen uns und es war nicht so einfach für mich, nur Dank meiner großen Fresse konnte ich bestehen. Ich habe mich durchgesetzt. Es hieß immer der Wittig, dies Kamel, der hat immer Recht. Klar, ich hätte mich hundertmal am Tag streiten können, es ging ja um was. Ich habe mir ganz bewusst immer zehn Sachen ausgesucht und die hatte ich nicht aus den Augen verloren und um sie gestritten, bis hoch zur Werksleitung. Also ich war nicht mehr da und W. K., der Schichtleiter der Produktion, hat die Ergebnisse der Alarmmeldung entgegengenommen und angewiesen, was man normaler­ weise nicht darf, dass die Störung quittiert und weiter gewalzt wird. Er hat die Störung quittiert und es wurde wieder weitergeschnitten. Dann 43 Minuten später, so ungefähr, gingen die Alarmsirenen an und es wurde Feueralarm gemeldet. Der Messerbär 27 der Schrottschere hat geglüht, das Lager geglüht und es brannte. Und das war ein Schaden, die Reparatur hat 1,2 Millionen DM gekostet, oder warte, ich weiß nicht genau, egal, war jedenfalls unmöglich teuer die Reparatur. Das Zeug musste ausgebaut und in den Westen geschickt werden, wurde nachgedreht und so weiter. 15 Tage lang konnte der Schrott nicht kleingeschnitten werden. Demzufolge mussten die Wagons anders beladen werden. Ein Riesenschaden. Als die Teile dann kamen, war ich dann für die Reparatur verantwortlich und nach anderthalb Tagen haben wir die Anlage wieder in Betrieb genommen. Da haben auch die Instandhalter 16 bis 18 Stunden gearbeitet, da ist keiner nach Hause gefahren. Als die Anlage wieder hochgefahren wurde, kam das Signal, aber von der Querteilschere, dass der Ölumlauf gestört sei. Aber in Wirklichkeit war der Ölumlauf von der Schrottschere gestört, den während der Reparatur musste ja die Hydraulikleitung zugedreht werden und der Schlosser hatte vergessen, diese wieder mit dem Handrad zu öffnen. Jetzt ging es darum wie kann das sein. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Ich hatte schon gesagt, ich war de facto in Untersuchungshaft im Werk, hat keiner gewusst, selbst meiner Frau hatte man es verschwiegen. Die hatte ja immer gefragt, wo ich bin. Technischer Direktor, Betriebsdirektor immer nur Jürgen ist aus dem Betrieb raus. Sie aber, dass kann gar nicht sein. Wir hatten damals einen Trabant und einen Dacia. Jeder von uns hatte zu jedem Auto einen Schlüssel. Ich war mit dem Trabant im Betrieb. Dagmar hat gesagt, das Auto steht doch noch im Betrieb, der muss doch hier sein. Am nächsten Tag hat sie auf den Tacho geguckt, keinen Kilometer gefahren. Der muss doch hier sein. Nein, der ist nicht im Betrieb. Ich bin hart geblieben. Die Untersuchungen liefen dann noch ein dreiviertel Jahr. Ich war damals wie Freiwild, hab keinen Anwalt bekommen. Wenn ich irgendwo anfragte und die hörten, dass Stasi mit drinhängt, haben die immer nein gesagt. Mein Technischer Direktor, wenn ich irgendwas wollte, nein, nein jetzt nicht, mach einen Termin, ich habe jetzt keine Zeit. Ein dreiviertel Jahr habe ich meine Arbeit gemacht, aber keiner hat mit mir gesprochen. Nach einem dreiviertel Jahr kam dann der Stasichef vom Bezirk und sie holten mich wieder. Da habe ich dann wieder eine Backpfeife bekommen, von dem der hinter mir stand, weil ich gesagt habe, was seid ihr für Arschlöcher, ich habe hier gemacht und gemacht, jetzt verdreht ihr alles. Dann versuchten sie es auf die andere Art, boten mir eine Prämie an, ich würde Urlaub bekommen, wenn ich zugeben würde. Eigentlich hatte ich zwei Zeugen, die für mich aussagen konnten, die gesehen haben, dass ich gar nicht mit der Sache zu schaffen hatte, weil ich zum Zeitpunkt ganz 28 wo anders im Betrieb war. Aber wie einer später zu mir gesagt hat, der sich dann auch bei mir entschuldigte, waren sie bei ihm zuhause und haben ihn mächtig ein­ geschüchtert. Ich hätte die Litanei von Scheiß-DDR, Verfolgung und Stasi singen können. Ich habe dann weitergearbeitet und die Gelegenheit genutzt, mich genau umzuschauen. AEG hat die ganze Steuerung zu verantworten gehabt. Die gesamten Steuerungs- und Messleitung von der Schrottschere gingen in das Schalthaus links von der Strecke und die von der Querteilschere in ein Schalthaus rechts von der Produktionsstrecke. Die Schalthäuser sind ungefähr 150 m auseinander. Ich hab mich nämlich immer gefragt, wie kann das sein, wie kann das sein. Und da bin ich dann im Hydraulikkeller auf den Kabelpritschen langerutscht, überall lang, um die Messleitungen zu verfolgen. Und da liegen ja Hunderte. Ich habe dann aber herausbekommen, dass man die Messleitung für den Ölumlauf der Querteilschere 150 m nach links geführt hat, in das andere KLASSENTREFFEN Schalthaus, und die Messleitung für den Ölumlauf der Schrottschere in das rechte Schalthaus. Das kann unter keinen Umständen ein Versehen gewesen sein, weil die beiden Schalthäuser waren durch keine Kabel verbunden, es gab keine Leitungen die zwischen beiden hin und her gingen. Für mich ein Fall von Betriebssabotage. Später habe ich noch einen zweiten Fehler ermittelt. Dafür habe ich dann sogar eine Prämie bekommen. Hierfür nicht, das sollte totgeschwiegen werden. Weil die DDR hatte gute Beziehungen zu AEG, hatte viele Aufträge von denen. Das wollte man wohl nicht ­gefährden. Der Technische Direktor sagt mal zu mir, ist alles gut gegangen, du hast die Stillstandszeiten drastisch gesenkt, aber wenn das gegen den Baum gegangen wäre? Du hast ein Risiko auf dich genommen. Wenn das schief gelaufen wäre, die hätten dich abgeholt, da hätten auch wir dir nicht helfen können. Mag sein, habe ich ihm geantwortet, aber ich bin sicher, dass ich nicht bestraft werden kann für eine Sache, die richtig ist. Ich bin eben voll in meiner Verantwortung aufgegangen und bin das Risiko eingegangen, weil ich mir meiner Sache sicher war. Und ich konnte mir sicher sein, weil all die Fertigkeiten und Erfahrungen, die ich mir seit der Kindheit angeeignet hatte, gewissermaßen hinter mir standen und mich stützten. Angefangen mit der Erziehung meiner Eltern. Ich war kaum ein Jahr alt, ich konnte kaum laufen, aber ich hatte schon meinen kleinen Hammer und meine Zange, die mein Vater, gelernter Schmied von Beruf, zurecht gefertigte hatte, damit ich in meinem kleinen Händchen eine von ihm selbstgefertigte Zange und einen Hammer benutzen lernte. Später kam eine kleine Säge dazu und so ging das weiter. Das ging dann weiter in der Schule, mit dem DDR-System von UTP und ESP, und der Berufsausbildung mit jeder Menge praktischer Sachen. Ich habe dann in der Feierabendbrigade gearbeitet, über 17 Jahre. Habe Straßen mit Hacke und 29 Schaufel aufgerissen, Rohrleitungen verlegt, Schächte gemauert für die Kanalisation, ich habe Schornsteinköpfe gemauert, Dächer eingedeckt, ich habe meinen Schieferhammer immer noch. Und all die Fertigkeiten und Fähigkeiten, was machen die mit einem Menschen? Die machen dich extrem selbstsicher. Nicht überheblich und oberschlau, sondern selbstsicher. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Ullrich Holster Ich habe ein Studium in Magdeburg aufgenommen, Technische Kybernetik und Elektrotechnik. Vorher hatte ich mich sehr genau informiert und die verschiedenen Tage der offenen Tür genutzt. Die Entscheidung fiel letztlich für Magdeburg, weil dort die Internatsplätze fußläufig von der Hochschule zu erreichen waren. In Ilmenau dagegen wurde man im gesamten Kreis Ilmenau untergebracht, das wollte ich nicht. Es hingen immer Zettel aus mit Stellenbeschreibungen, da habe ich mich auf eine beworben und bin auch genommen worden. Auch wenn die Rechnung für den Betrieb nicht so aufging, weil ich zwei Monate später zur Grenztruppe gezogen wurde. Das hätte nicht passieren dürfen. Das war ein Fehler. Es hatte eine Gesetzesänderung gegeben, die alle betraf, die ja im Studium bereits eine vormilitärische Ausbildung absolviert hatten, aber wir sind nicht mehr vereidigt worden. Wir sind gezogen worden. Aber in der Zwischenzeit war ein Beschluss herausgekommen, dass die Studenten, die nicht vereidigt wurden, genauso zu behandeln sind wie diejenigen, die vereidigt wurden. Ich hatte gedacht, das nützt mir nichts mehr. Ohnehin war ich ja einer der letzten oder wenigen, die nach dem Studium gezogen wurden. Man wollte die Leute bereits vorher einziehen, um auch noch ein Druckmittel zu haben. Dennoch habe ich aufgrund dieser Gesetzeslage einen Entlassungsantrag geschrieben. Da war ich noch in Halberstadt zur Ausbildung, aber der wurde abgewiegelt nach dem Stil, das kann es gar nicht geben. Als es dann an die grüne Grenze ging, da habe ich es nochmal versucht. Aber wenn du bei der Armee bist, kann du dich ja schlecht um was kümmern. Und 30 dann im Weihnachtsurlaub habe ich mit einem Kommilitonen gesprochen und der hat mir die Gesetzesblätter zugeschickt. Daraufhin habe ich dann eine Eingabe gemacht und die dreimal versandt, einmal an das Wehrkreiskommando, an den Bataillonskommandeur und an das Ministerium des Innern. Damals wurden ja die Grenztruppen dem Innenministerium zugeschlagen, um zu belegen, dass die DDR abrüstet. Deswegen zum Innenministerium. Am nächsten Tag schon wurde ich zum Gespräch eingeladen. Das ging ganz schnell! Da haben sie mich gefragt, wenn das jetzt nicht klappt, was haben sie vor? Ich hätte ja sagen können, ich mache dann einen Schritt in westliche Richtung, aber das durfte man sich ja nicht trauen. Ich habe dann einfach gesagt: Ich vertraue auf die Rechtsstaatlichkeit der DDR. Dann haben sie mich gebeten noch um drei Wochen zu verlängern, danach würde ich entlassen werden, aber es müsse erst Ersatz gefunden werden. So bin ich dann drei Wochen später entlassen worden. Danach habe ich noch unsere Klassenkameraden angeschrieben und andere, die ich noch kannte, informiert. Die sind dann auch entlassen worden. KLASSENTREFFEN Dann bin ich wieder an die alte Arbeitsstelle zurückgegangen, nicht in die gleiche Abteilung, sondern hab dann Inbetriebnahme gemacht auf der Baustelle in Greifswald Lubmin. Es war unheimlich interessant. Fachlich vielleicht weniger, es war mehr eine Managementaufgabe, die in der Koordinierung der verschiedenen Nachunternehmer bestand. Ich war für das Steuer und Schutzsystem verantwortlich. Mein Betrieb war General­ auftragnehmer und es ging darum, das Ding an den Betreiber schlüsselfertig zu übergeben. Also ich musste die jeweiligen Abnahmen und Prüfungen machen. Das war mein Ding. Das war auch eine Ausnahmesituation, weil ich ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbständigkeit hatte. Und das kann ich sagen, es war sehr interessant. Im Rückblick scheint mir dies eine Arbeitsstelle gewesen zu sein, wo man sehr viel bewegen konnte. Und viel selber entscheiden konnte. Es war auch alles gut nachvollziehbar, wie das organisiert war. Ich habe alles penibel kontrolliert und wenn Rapport war und die Gewerke gemeldet haben, das ist fertig, dann konnte ich mich häufig melden und beanstanden. Aber keiner hat das übelgenommen, es lief alles ganz gut. Schlendrian gab es nicht. Wenn es Probleme gab, dann war das immer irgendetwas mit den Dingen, die es nicht gab. Kleine oder große Dinge, manchmal hing es an einer Nirostaschraube oder mal waren die Muttern nicht da. Aber wir hatten einen Vorteil. Da gab es solche komischen Nummern, die wichtig waren. Die konnte man bei Anrufen nennen und dann wurde man bevorzugt behandelt. Energie war ja ganz wichtig damals. Es gab so Höhepunkte, wie die Inbetriebnahme von bestimmten Abschnitten, da hat 31 man mal 24 Stunden durchgearbeitet. Das wurde erwartet und das hat man aber auch gern gemacht. Und es wurde auch gut bezahlt. In Greifswald habe ich im Arbeiterwohnheim gelebt. Das war auch der Grund, warum ich nachher aufgehört habe, weil ich Frau und Kinder hatte. Du konntest ja nicht sagen, na dann kommt doch mal hoch oder so was, das ging nicht. Drei Zimmer ein Bad und sechs Leute. Da war kein Platz für Besuch. Gut zehn Jahre war ich dort. Und dann wurde ich später nochmal hin delegiert zur Inbetriebnahme von Block 4. Das war sozialistische Hilfe sozusagen. Bis 87 war ich auf der Baustelle. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Nach Block 3 bin ich erstmal wieder nach Berlin. Das hat mir überhaupt nicht gefallen. Da war richtiger Mief. Die Leute schlossen ihre Unterlagen ein. Das kannte ich alles nicht von der Baustelle. Das war eine andere Erfahrung. Ich musste mir also was Neues suchen. Baustelle ging nicht mehr, denn ich wollte kein Wochenendpapa sein, den Mief im Berliner Stammwerk hielt ich aber auch nicht aus. In meinem Wohnort habe ich dann was gefunden, wo ich auch richtig fachlich arbeiten konnte, in der Forschung und Entwicklung. Das war vor Ort; ich konnte mit dem Fahrrad hin und war am Abend zuhause. 32 Junges Paar in Berlin, 1986 © Harald Hauswald, Vor Zeiten. Alltag im Osten, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2013, S. 55 Das war nun ein eher kleiner Betrieb. In meiner Gruppe war das Klima gut, aber sonst war das Klima recht eigen. Vor allem gab es eine Sauna-Connection. Betriebsleiter und andere Leute, die Leitungsfunktionen hatten, Parteisekretär, die gingen zur gleichen Zeit in die Sauna und dort wurde bestimmt, was und wie es im Betrieb zu laufen hatte. Und nicht etwa auf der Parteiversammlung am Montag. KLASSENTREFFEN Anna Waigard Mein Studium als Lehrerin für Mathe und Physik fand ich sehr gut, denn ich habe sehr viel Handwerkszeug mitbekommen, also auch didaktisch-methodisch. Heute, wenn ich die jungen Lehrer so sehe, vermisse ich bei etlichen von ihnen gerade diese Kenntnisse und Fähigkeiten. Bei den Naturwissenschaftlern war es, denke ich, auch nicht so kompliziert mit dem Studium. Es war ein recht strukturiertes. Beim Start in mein Berufsleben als Lehrerin erfuhr ich viel Kollegialität. Wir waren sehr viele junge Kollegen, obwohl das Kollegium altersmäßig auch gut durchmischt war. Es arbeiteten etwa acht junge Kollegen an der Schule. Wir waren auch alle in der FDJ und haben sehr viel gemacht, für die Schüler und auch mit ihnen. Wir fragten uns schon, was die Schüler außer Lernen noch brauchen. Wir organisierten mit ihnen Veranstaltungen und Klassenfahrten. Auch hatten wir unter den jungen Kollegen einen tollen Halt. Ich war die einzige Mathe-Physik-Lehrerin, die anderen unterrichteten die gesellschaftswissenschaftlichen Bereiche wie Sprache, Geschichte, Deutsch und Staatsbürgerkunde. Wir haben uns gut verstanden. Christina lernte ich dort kennen, ich hatte ja meinen Sohn schon, der war neun 33 Monate alt. Christina war das ganze Gegenteil von mir, sehr ruhig und besonnen, sehr lieb. Sie hatte eine Tochter. Wenn mal was mit den Kindern war, halfen wir uns auch. Wie es dann so kam, sind wir 1976 beide zusammengezogen. Vom größten Teil des Kollegiums wurde das positiv aufgenommen, wir hatten keine Bösartigkeiten zu befürchten. Ich weiß nicht, was sie hinter meinem Rücken geredet haben, aber es ist zumindest nichts an mein Ohr gedrungen. Wir haben gemeinsam gefeiert und gearbeitet, Christina war in ihrer Kulturgruppe aktiv und ich in der Sportgruppe. Wir waren im Kollegium integriert und das tat auch gut. Die jungen Kollegen waren an sich auch eine Gruppe, die sich gegenseitig recht gut unterstützte. Das war auch das, was ich primär erlebt habe. Wir hatten nicht viel Zeit, einige waren alleinstehend, wir hatten Kinder, wir waren beruflich am Anfang, d. h. dass viel Zeit für die Unterrichtsvorbereitung notwendig war. Alles vernünftig vorzu- Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt bereiten kostete gerade in den Anfangsjahren viel Zeit, das konnte ich nicht aus der Hand schütteln. Wir haben gearbeitet, als die Kinder schliefen. Da waren Wohnungen einzurichten und, du weißt ja, man hat damals keine Wohnungen bekommen, die schon fertig waren, immer war viel zu tun. Also hast du angefangen zu renovieren. Da ich handwerklich gut drauf war, konnte ich auch viel selber machen. Ich habe auch den Kolleginnen viel geholfen, die haben dann wieder anderes gegeben. Sie haben dann z. B. gekocht, was ich nicht so gut konnte. Wir waren miteinander im Gespräch und halfen uns. Wir konnten Feten feiern, wir konnten arbeiten, und wir konnten auch streiten. Das war auch wichtig für mich. Im späteren Psychologiestudium habe ich mich viel mit Streitkultur und solchen Dingen beschäftigt, aber ich meine, dass wir eine Streitkultur hatten. Die haben wir gelebt, aus dem Bauch heraus. Aber nicht streiten im Sinne des unbedingten RechthabenWollens, sondern Streit im Sinne der Auseinandersetzung, um des Zieles willen, das wir vor Augen hatten; kurzum, es ging immer um Persönlichkeiten, um Kinder, um Schüler. Und es ging auch um die Art und Weise, wie man mit besonderen Schüler­ persönlichkeiten umgehen sollte. Das waren so Themen. Und zwischen Alt und Jung war dagegen eher das Thema, wie man unterrichtet, wie man auch mit schwierigen Schülern gut umgehen kann. Einige ältere Lehrer konnten das super. Es gab aber auch ältere Kollegen, denen das Unterrichten nicht leichtfiel. Auch einige junge Lehrer hatten Probleme mit großen Klassen und schwierigen Schülern. Wir haben darüber immer wieder gesprochen und andere Kollegen gefragt, was man tun könnte, wie man es anpacken könnte und was man anders machen sollte. Auch haben wir uns über fachliche Dinge ausgetauscht. Also es war ein angenehmes Geben und Nehmen in 34 meinen Anfangsjahren als Lehrer. Sicher gab es auch unter uns jüngeren einige, die das intensiver oder weniger intensiv taten. Es bleiben die subjektiven Eindrücke, das, was mir sicher selber am wichtigsten war, wird eher erinnert. Wir waren jung, wir wollten leben und das tägliche Leben hatte uns ausreichend in Anspruch genommen. Die politischen Dinge habe ich eher ausgeklammert. Ich hatte ja gerade erwähnt, dass wir sehr beschäftigt waren, und wenn ich mir über etwas nicht den Kopf zerbrochen habe, dann war es meist die politische Situation. Wir haben kein Fernsehen geguckt, ich habe kaum Zeit gehabt Zeitung zu lesen. Und wenn überhaupt, dann habe ich mal die„Junge Welt“ durchgeblättert. Ich sag es mal so, wir haben die politische Situation, außer im Parteilehrjahr, meistens ausgeklammert. Sicher haben wir diskutiert. Ich war damals noch Raucherin, wir haben zusammengestanden, wir haben geraucht, wir KLASSENTREFFEN ­haben politische Witze gerissen, die keiner hören sollte. Und trotzdem haben wir sie erzählt und herzhaft gelacht. Aber mit dem System haben wir uns eher nicht tiefer auseinandergesetzt. Wir haben versucht in diesem System unsere Nische zu finden. Nein, andersrum, wir haben es nicht versucht, wir hatten unsere Nische. Du warst mit den Leuten befreundet, du hast dich ausgetauscht, du hast Feten gefeiert, du hast Sport getrieben, du hast Unterricht gemacht, du hast deine Versammlungen durchgeführt. Ja, das war es dann. Ich würde nicht sagen, wir waren unpolitisch, aber ich habe in meinen Anfangsjahren nicht immer bewusst politisch gelebt. Später wurde ich gefragt, ob ich zur Parteischule gehen würde. Eine solche Delegierung galt ja als eine Art Vorbereitung auf einen eventuellen Leitungsposten und ich habe diese angenommen. Für mich war es auch eine Auszeit vom Schulbetrieb und so habe ich diese Gelegenheit genutzt. Was wir dort lesen sollten, habe ich auch gelesen und zum ersten Mal konnte ich mich auseinandersetzen mit dem, was ich las, und dem, was ich erlebte und wahrnahm. Eigentlich habe ich erst zu diesem Zeitpunkt einiges von dem verstanden, was Karl Marx uns mitteilen wollte. In Vorlesungen, Seminaren oder in den Zeitungen hatte ich ja nur Interpretationen der großen Theoretiker gehört bzw. gelesen. Hier konnte ich den Text selber lesen und konnte mir meinen eigenen Standpunkt bilden, meine eigene Interpretation zu dem, was ich gelesen habe, finden. Und das war für mich ungeheuer wesentlich und wichtig. Ich habe die Parteischule mit ‚sehr gut‘ abgeschlossen – außer in Ökonomie, weil ich meinen Verstand benutzt habe. Ich weiß, dass ich im Fach Ökonomie mit einer Zwei aus der Prüfung rausge­ gangen bin, weil ich tatsächlich die damaligen Parolen so nicht akzeptieren wollte. Wie hieß das noch? Parteiinitiativen:„Die Partei schreitet immer voran!“,„Schwedter Initiative“. Wie auch immer, Initiativen gab es ständig und sie hatten ja auch immer 35 Konjunktur. Zu solch einer Initiative sollte ich Stellung beziehen und da habe ich das ganze gekippt, vielleicht auch zu viel Karl Marx hineingebracht. Die Prüfer meinten, so ginge das nicht, woraufhin ich mich mit dem Ökonomielehrer in der Prüfung regelrecht gestritten habe. Es war für mich interessant, was Karl Marx wirklich geschrieben hatte und was daraus gemacht wurde. Ich weiß nicht, ob ich damals alles verstanden habe. Wahrscheinlich nicht. Aber das, was ich verstanden habe, das konnte ich interpretieren und habe wahrscheinlich – sehr naiv – einen Abgleich vorgenommen: Was erklärt Karl Marx und was schaffen wir tatsächlich? Als naturwissenschaftlich geprägter Mensch habe ich alles eins zu eins genommen: Was ist beweisbar? Was ist nicht beweisbar? Für mich war die Frage, was hat er geschrieben und wie forcieren wir seine Ideen. Immer wieder wurde betont, Karl Marx sei unser„oberster Ideologe“, aber letztlich fand ich das, was er beschrieb, in der Praxis so nicht wieder. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Im Psychologiestudium, das ich im Anschluss an die Parteischule belegte, hatten wir in Leipzig Professoren, die sich mit der Diagnostik und der Entwicklung von Test­ verfahren beschäftigten. Prof. Guthke war z. B. sehr offen für Testverfahren, die im Ausland entwickelt wurden. Wir hatten ja kaum etwas an Testmethoden. In unseren Praktika wurden uns die bundesdeutschen Tests zur Verfügung gestellt, mit denen wir arbeiten durften. Ich weiß nicht, wie es an anderen Unis war – die Sektion Psychologie an der Uni in Leipzig war in dieser Hinsicht sehr offen. Die einzigen Tests, die aus meiner Sicht in der DDR praktikabel waren, wurden unter der Federführung von Prof. Witzlack für die Einschulungsuntersuchung entwickelt. Da wurden ganz tolle Sachen gemacht, muss ich sagen. Prof. Witzlack war in der Entwicklungsdiagnostik des Instituts für Pädagogische Psychologie an der APW 20 tätig, bei ihm sollte ich promovieren. Doch ließ sich das nicht mehr mit Familie und Wohnsitz vereinbaren. Ich habe sehr viel gelernt während der Zeit meines Psychologiestu­ diums. Hier ging es nicht nur darum, was eine sozialistische Persönlichkeit ausmacht. Das wurde ja immer in den Parteiversammlungen an den Schulen hervorgehoben oder in den Versammlungen des Kollegiums – im Pädagogischen Rat, wie es hieß. Jede Versammlung fing damit an, was„Honecker“ oder„Margot“ gesagt hatten, und dann wurde abgeleitet, was wir tun sollten. Ich sag das mal so pauschal mit meinen Worten. Es stand offiziell immer die Ideologie im Mittelpunkt und nach der Ideologie sollte der Mensch geformt werden. Das waren meine Erlebnisse aus den politischen Versammlungen der Schule. Dann studierte ich Psychologie und merkte dort in Leipzig, dass es selbst in der pädagogischen Psychologie nicht mehr nur darum ging nach der Ideo­ logie einen Mensch zu formen, sondern zu erkennen, welche Persönlichkeit dieser 36 Mensch besitzt und was er kann bzw. nicht kann. Was sind seine Probleme und wie kann ihm geholfen werden seine Probleme zu bewältigen oder mit ihnen zu leben, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden? Das war eine ganz andere Sichtweise. Das Studium hat für mich ganz andere Welten aufgeschlossen. Da gab es Fragen, die nicht politisch motiviert waren, sondern Fragen, die ethisch und sozial motiviert waren. 20 APW= Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR. 1970 gegründete außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung erziehungswissenschaftlicher Fragestellungen und zur wissenschaftlichen Begleitung des„einheitlichen sozialistischen Bildungssystems“. KLASSENTREFFEN Gerhard Wonkel Meine Motivation EDV zu studieren war damals die wirtschaftliche Situation in Ostdeutschland. Robotron 21 hatte sich entwickelt und EDV stand im Mittelpunkt. Da sagte ich mir, das ist eine Boomsache und hat Zukunft, das studierst du mal. So habe ich mich fürs EDV-Studium beworben, obwohl meine Mutter, die Lehrerin war, wollte, dass ich auch Lehrer werden würde. Das hat sich Gott sei Dank zerschlagen. Ich hatte zwar schon von Potsdam eine Zusage, aber ich habe Dresden den Vorzug gegeben, weil ich mir dachte, EDV hat Zukunft, das ist was Neues, das kann man jetzt studieren. Im ersten Studienjahr wurde uns gesagt, wir bräuchte uns um Arbeitsplätze, um Einstellungen nicht zu kümmern, wir werden alle vom Großforschungszentrum des Robotron in Dresden übernommen. Aber im Laufe des Studiums zerschlug sich diese Perspektive, es wurden letztlich nur wenige übernommen, denn Walter Ulbricht starb in der Zeit und dann hatte sich die ganze Sache gedreht und Robotron war nicht mehr das Unternehmen Nummer 1. Die Euphorie mit der EDV war total verpufft. Ich habe meine Frau dann kennengelernt und wir haben aus ganz pragmatischen, sachlichen Gründen nach einer Lösung für uns beide gesucht, die für uns am besten war, wo finden wir uns am besten zurecht. Wir wollten eine Wohnung haben, wir wollten zusammenleben. Und die berufliche Richtung, die konkrete Tätigkeit war eigentlich sekundär. Wir haben uns gesagt, wir haben ein Hochschulstudium gemacht, wir haben unser Diplom und da werden wir schon was finden, was unseren Wünschen entspricht. Mal sehen, was auf uns zukommt. 37 21 Das VEB Kombinat Robotron, mit Sitz in Dresden, wurde 1969 im Zuge der Modernisierungspolitik unter Walter Ulbricht gegründet bzw. durch Zusammenlegung und Umstrukturierung bestehender Betriebe geschaffen. Robotron wurde zum größten Computerhersteller der DDR und einer der bedeutendsten Produzenten von Informationstechnologie in Osteuropa. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Übergabe der 1.500 Neubauwohnung in Wernigerode, 1977 © Archiv Volksstimme 38 KLASSENTREFFEN Helmut Said Wie alle habe ich mich an verschiedenen Hochschulen und Universität beworben und bin letztlich an der Ingenieurhochschule in Leipzig gelandet. Da waren dann auch noch andere aus der Klasse: K. B., der leider schon verstorben ist, P. F. und P. W., auch noch K.-H. S., von denen ich lange nichts oder gar nichts gehört habe nach dem Studium. Aber das bedarf noch eines Vorspanns, du wirst dich möglicherweise erinnern können, dass wir im dritten Ausbildungsjahr im Auftrag des Klassenkollektivs(ich fungierte dabei als Klassensprecher) Gespräche mit dem Direktor der Betriebsberufsschule, G.F., dem Leiter Theoretische Ausbildung, E.V. und dem Lehrobermeister, W.K. über die Qualität der praktischen Ausbildung geführt haben. Will heißen, Kritik geäußert haben. Dies führte letztlich, neben der Beurteilung auf dem Abiturzeugnis, zu einer weiteren Beurteilung, unterzeichnet vom Direktor der Betriebsberufsschule, G.F., dem Gewerkschaftsvertrauensmann der Schule, J.H., dem FDJ-Sekretär, H.K. und dem Instrukteur für Kultur+ Sport, W.P. Dieser Fakt wurde mir erst nach der Wende bekannt. Sie war Bestandteil meiner Kaderakte, die man selbst nicht einsehen konnte. Diese Beurteilung ist mir bis zur Wende negativ angelastet worden. Ich müsste diese Leute, die heute leider nicht mehr leben, fragen, was sie dazu bewogen hat. Es wurde von G. F. initiiert, dass überall dort, wo ich mich zum Studium beworben habe, diese zweite Beurteilung übermittelt wurde, ohne meine Kenntnis. Das hat mir meinen Studienwunsch verbaut. Ursprünglich wollte ich ein Studium der Nautik in Warnemünde-Wustrow an der Hochschule für Seefahrt aufnehmen. Ich 39 wollte zur Handelsflotte. Die Handelsflotte veranstaltete in Magdeburg einmal im Jahr für alle Bewerber aus der Region ein Treffen. Zu dieser Veranstaltung musste ich eine Beurteilung mitbringen, die in einem versiegelten Umschlag war. Das Bewerbergespräch war an einem Sonntagmorgen. Bei dieser Gelegenheit ist mir zum ersten Mal bewusstgeworden, dass es von mir bzw. über mich etwas geben muss, von dem ich keine Ahnung habe. Noch bevor es zum eigentlichen Bewerbergespräch kam, bin ich von dem Verantwortlichen der Gespräche aufgefordert worden das Treffen zu verlassen, da ich ohnehin keine Chance hätte dort ein Studium aufzunehmen. Dresden hat mir eine Absage erteilt, Magdeburg hat mir eine Absage erteilt, nach Leipzig bin ich dann gekommen. Das Studium habe ich erfolgreich abgeschlossen und nun ging es darum eine Arbeitsstelle zu finden. Wie kommst du jetzt unter? Ich war verheiratet und hatte zwei Kinder. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Was lag für mich näher, als mich blind beim Elektromotorenwerk in meiner Heimatstadt zu bewerben. Für die Gesellschaft war es doch wegen der Wohnungsfrage viel einfacher jemanden in seiner Heimatstadt zu beschäftigen. Wenn ich mich in Böhlen oder Schwarze Pumpe beworben hätte, dann hätte man mir eine Wohnung besorgen müssen. Hier habe ich mit Frau und zwei Kindern im Elternhaus gewohnt. Damit war es also für die Partei oder den Staat einfacher zu sagen, dann bekommt der eben die Stelle im Elmo. Ich durfte also dort arbeiten, auch wenn meine erste Tätigkeit mit meinem Studium gar nichts zu tun hatte. Aber das bereitete mir keine Sorgen. Ich liebte die Herausforderung. Und wenn man in einem Betrieb ist, dann kann man sich auch bewähren und in neue Aufgaben hineinfinden. Ich bin in eine Truppe gekommen, die sich mit Investitionen beschäftigte, weil im Elmowerk eine neue Halle gebaut BILANZIERUNGSKONFERENZEN Unter Führung der Staatlichen Plankommission wurden in jährlichen Abstand Zusammenkünfte der Verantwortlichen aus den Betrieben und anderen Einrichtungen einberufen. Innerhalb des planwirtschaftlichen Systems kam den Bilanzierungskonferenzen die Aufgabe zu, den Bedarf von Investitionsgütern zu erfassen und deren Verteilung unter den Bedingungen des Mangels zu organisieren. werden sollte. Ein größeres Vorhaben, die sogenannte Halle 5, die man noch heute schön sehen kann, wenn man von Ilsenburg nach Wernigerode kommt, so 500m nach der neugebauten Brauerei. Diese Halle blieb nach der Wende als größtes Objekt noch vom Elektromotorenwerk übrig. Da war ich verantwortlich für alle Medien: Elek40 tro, Wasser, Abwasser, Wärmeversorgung, Telefonie. Das hat auch Spaß gemacht, da bin ich hineingewachsen, da konnte man sich bewähren, trotz Mangelwirtschaft. Und es war auch interessant, weil ich so eine Reihe von Erlebnissen hatte. Beispielsweise sollte die Telefonanlage des Elmowerks erweitert werden. Da saß ich dann sieben Jahre lang hintereinander bei der Bilanzvergabe für Telefonanlagen in Leipzig. Da saß dann mal neben mir einer, denn ich fragte, wo kommst du denn her? Ich bin der vom Kreiskrankenhaus Nordhausen. Ich dann, und wie sieht’s aus? Ich sitze jetzt zum zehnten Mal hier, gab er mir zur Antwort. Eine Telefonanlage haben wir allerdings immer noch nicht. Aber ich habe auch andere Sachen kennengelernt, die mich fachlich weitergebracht haben, beispielsweise wie dimensioniert man eine Oberflächenentwässerungsanlage, die dann das Regenwasser in den Köhlerteich entsorgt. Ich will damit sagen, fach­ fremden Aufgaben haben mir schon immer gutgetan, da kann man sich reinversetzen, KLASSENTREFFEN da kann man lernen, da kann man neue Erkenntnisse gewinnen und wenn man auf Menschen zugehen kann, dann erhält man guten Rat. Das hat jetzt nicht mit meiner beruflichen Entwicklung zu tun. Ich habe mich schon immer für Kinder engagiert und Sport sowieso, war 20 Jahre Sektionsleiter Handball, 10 Jahre DDR, 10 Jahre BRD. Habe lange aktiv Handball gespielt und trainiere heute noch mit meinen Sportfreunden, wenn auch nicht Handball, sondern Fußball. Und jedenfalls war ich auch sehr engagiert im Bereich Gewerkschaft. Mitglied der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft war ich nicht. Deshalb bin ich nie Aktivist der Sozialistischen Arbeit geworden. Bin auch immer ausgeschlossen worden, wenn es um die Mitgliedschaft im Kollektiv der Sozialistischen Arbeit ging. Dafür musstest du ja in der DSF sein. Ich musste auch unterschreiben, dass ich damit auch auf die einhundert Mark verzichte, die zusätzlich im Zusammenhang mit der Jahresendprämie gewährt wurden, wenn man Mitglied eines Kollektivs der Sozialistischen Arbeit war. Darauf habe ich immer verzichte. Worauf ich aber hinauswill, ist die Tats­ache, dass ich mich trotzdem engagiert habe, im gewerkschaftlichen Bereich und in der Kinderbetreuung. Jahrelang, eigentlich seit 1976, war ich jedes Jahr Leiter eines Kinderferienlagers des Elmowerkes. Habe mich also da vorgespannt, 120 Kinder, 130 Kinder, zehn Gruppenleiter, und so weiter. Aber auf diesem Weg war ich auch dreimal in der Tschechoslowakei, dort hatten wir ja einen Partnerbetrieb, den hatten wir schon zu meiner Lehrzeit, in Mohelnice, das nur nebenbei. Ich habe sehr nette Leute im Tschechien kennengelernt, zu denen auch heute noch Kontakte bestehen. 41 BETRIEBSGEWERKSCHAFTSLEITUNG BGL Die unterste Ebene der Einheitsgewerkschaft Freier Deutscher Gewerkschaftsbund FDGB bildeten die Betriebsgewerkschaften, deren Leitungen von den Mitgliedern gewählt wurden. Mehrheitlich übten sie ihre Funktion ehrenamtlich aus, nur größeren Betrieben waren der Vorsitzenden, seine Stellvertreter oder auch die gesamte Leitung hauptamtlich Beschäftigte. Den Betriebsgewerkschaftsleitungen waren hauptsächlich zwei Arbeits­ felder zugedacht. Sie organisierten die sogenannten Plandiskussionen, die die jeweiligen Arbeitsziele, nach Vorgaben, bestätigen und motivierten für deren Er- und Übererfüllung. Daneben trugen sie, im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten, Sorge für die„ständige Verbesserung der Arbeitsbedingungen“, was soziale und kulturelle Fragen einschloss. So war eben die Gewerkschaft verantwortlich für die Durchführung der Kinderferienlager. Wobei natürlich die BGL das nicht selber durchgeführt hat, sondern bestimmte Abteilungen im Betrieb, im Elmowerk oblag das dem Direktorat Soziales und Verwal- Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt tung, dem unterstand auch die Werksküche im Karl-Marx-Haus. Was in diesem Zusammenhang positiv zu erwähnen ist, ist die Tatsache, dass die Ferienlager nicht nur mit Lehrlingen abgesichert werden konnten, die über 18 Jahre alt waren. Das Elmowerk hat dadurch auch jedes Jahr sehr viele Mitarbeiter aus der Produktion abgezogen. Da gab es sogenannte Werkleitervorlagen, was den Abteilungs- oder Bereichsleitern dann jede Chance nahm sich dagegen zu wehren. Das hat dem Betrieb auch Ärger eingebracht, vor allem aber Arbeitskraft gebunden. Aber die Leute, die ich für die Ferienlager gewinnen konnte, wenn man sie heute trifft, die sprechen alle sehr positiv von der Zeit in den Ferienlagern. Klar, das waren nochmal drei Wochen Sonderurlaub. So kann man es auch sehen. Jürgen Barnew Ich hatte das Glück zu Beginn meines Berufslebens in einen Betrieb zu kommen, wo das Arbeitsleben bestens war. Kollegial und zielorientiert, gab keine Anscheißerei. Gut, in der Forschung und Entwicklung haben wir mehr als die Hälfte für den Papierkorb entwickelt, aber das hat uns nicht aufgehalten. Und ich glaubte, dass ist überall ein Thema. Der Chef, der Forschungsdirektor, war einer der Besten, die ich je kennengelernt habe. Sehr strukturiert, konkret, so wie ich das immer sage, ja – nein, richtig – falsch, schwarz – weiß. Er hat mir mal gesagt, man muss nicht oberschlau sein. In der Forschung und Entwickelung sind 80% Ordnung und Disziplin, messen, aufschreiben, auswerten und immer wiederholen. 42 Im Walzwerk waren die Arbeitskräfte, schon aufgrund der Rekonstruktion, bestens geschult und ausgebildet. Dieses gute Ausbildungsniveau wirkt sich auch auf die anderen Bereiche des Zusammenarbeitens aus. Arbeitsbummelei und solche Sachen gab es eigentlich nicht. Die Leute, sei es die Instandhalter, die in der Forschung oder in der Verwaltung, die waren alle top drauf. Natürlich traf uns auch die Mangelwirtschaft, wenn wir einen Plan der Winterbereitschaft machten oder einen der Ersatzteilbeschaffung, natürlich haben wir nicht alles bekommen, weil es ja auch viele Sachen aus dem NSW waren. Da wurde viel zusammengestrichen und wir mussten selbst sehen, wie wir das lösen. Wir brauchten Ersatzteil aus dem Westen und diese Ersatzteile, ob das nun in der Mechanik war oder in der Elektronik, oder in der Rechentechnik, mussten mit Valuta bezahlt werden. Da wurde sehr genau hingeguckt, brauchen wir das oder brauchen wir das nicht. Das war das, was uns belastet hat, geärgert hat, wir mussten eben Technik, KLASSENTREFFEN die wir aus dem Westen hatten, durch Osttechnik ersetzen. Die Osttechnik oder das, was man selber zusammengebaut hat, die war im Regelfall um ein Vielfaches größer als das westdeutsche Bauteil. So Impulsgeber zum Beispiel für die Rollgangsmotoren. Da wir die Impulsgeber auswechselten, mussten dann manchmal die Motoren oder die Wellen gewechselten werden damit es passte. Das wiederum führte manchmal dazu, dass ganze Fundamente verändert wurden, um die Motoren nach hinten setzen zu können. Das sind natürlich extreme, riesige Aufwendungen gewesen, die wir bei den Großreparaturen durchgeführt haben. Gabriele Zeitze Mein Mann und ich, wir haben uns beide im Studium in Dresden kennengelernt. Ich habe Informationselektronik studiert und mein Mann Informationsverarbeitung. Im zweiten Studienjahr haben wir dann schon geheiratet. Und in DDR-Zeit war es ja so üblich, schon während des Studiums zu gucken, wo man später arbeiten könnte. So haben wir beide geschaut, wo sich eine Möglichkeit für uns beide bot. Und in Wittenberg gab es für mich und meinen Mann eine Arbeitsstelle. Wir haben uns danach gerichtet, nicht wo der Job zum Studium passend wäre, was bei uns einen ziemlichen Radius ausgemacht hätte, sondern wir haben geguckt, wo die Randbedingungen passen würden. Das hieß vor allem, welche Firma würde uns eine Wohnung bieten. So sind wir beide bei der Elektroinstallation in Lutherstadt Wittenberg gelandet. Diese Firma hat Lampenfassungen hergestellt. Da hab ich, ganz meinen Interessen nach, im kaufmännischen Bereich gearbeitet. Ich habe eine technische Berufsausbildung gemacht und dann das Elektronikstudium, also immer was Technisches, da war ich ein 43 Absatzleiter, oder wie man heute sagen würde, Verkaufsleiter. Auf die Stelle hatte ich mich beworben und bin dann auch angenommen worden. Ich hatte ja gleich einen Leitungsposten. Ich hatte zehn Mitarbeiter im Absatz und hatte keine Ahnung von dem, was Absatz bedeuten würde. Das bisschen Ökonomie im Studium war wenig und so bin ich als junge Frau in eine Abteilung gekommen, wo alles gestandene, ältere Kollegen waren. Das war natürlich nicht einfach, aber ich muss sagen, ich hatte einen guten Chef, der war der Direktor für Beschaffung und Absatz. Er war mein direkter Vorgesetzter und der hat mich so ein bisschen an die Hand genommen. Und ich bin mit den Kollegen klargekommen, so dass die Arbeit nachher richtig Spaß gemacht hat. Obwohl zunächst so eine Art Habachtstellung war, nach dem Motto, die kommt frisch vom Studium, mal sehen was sie kann. Das hat sich alles gelegt, wir hatten ein super Verhältnis und sie haben mich dann akzeptiert. Dort habe ich bis 1983 gearbeitet. War schön. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Und ich habe nur gewechselt, weil wir 1979 unsere Kinder bekommen haben, wir haben Zwillinge. Man konnte ja mit zwei Kindern ein Jahr aussetzen und bezahlt zuhause bleiben, aber dann ging es ja los, Kinder in die Krippe, aber nacheinander wurden sie so häufig krank. Früh um Sechs in die Krippe gebracht, dann acht Stunden gearbeitet, abgeholt, eben das typische Leben in der DDR, aber laufend war eines der Kinder krank. Jedenfalls, ich war fix und fertig. Das war so schlimm, dass wir gesagt haben, so geht es nicht mehr. So gut es mir auf meiner Arbeitsstelle gefallen hatte, der Job und die netten Kollegen, ich musste mir irgendwas am Wohnort suchen. Wenn ich dann um 16 Uhr Feierabend hatte, waren es kurze Wege zur Krippe und nach Hause. Ich hatte Zwillinge, deshalb war ich zwei Jahre zuhause. Zum normalen Babyjahr bekam man ja beim zweiten Kind ein zweites Jahr bezahlt. Dadurch war ich zwei Jahre mit den Kindern zuhause. Wenn ich mit den Kindern von der Krippe oder später dem Kindergarten kam, dann habe ich erstmal versucht ein bisschen abzuschalten, was mir nicht immer gelungen ist, weil die Kinder ja auch die Mutter gefordert haben. Man hat nur noch funktioniert, während der Arbeit und wenn du nach Hause gekommen bist. Als die Kinder etwas verständiger waren, dann habe ich versucht, wenn ich von der Arbeit gekommen bin, erstmal zehn, fünfzehn Minuten, manchmal auch eine halbe Stunde, mich zurückzuziehen, habe mich hingelegt und entspannt, so eine Art autogenes Training, um mich wieder auf die Aufgaben als Mutter und Ehefrau zu konzen­ trieren. Und dann ging es eben weiter mit den Kindern, mit dem Haushalt. Aber mir ist nie in den Kopf gekommen, mit der Arbeit aufzuhören. Auf keinen Fall. Ich habe meine Arbeit gern gemacht und ich habe es auch gebraucht, die Kontakte im Betrieb, die Aufgaben und Herausforderungen, die Anerkennung der Kollegen. Nur Kinder hätte mir nicht gereicht. Ich kenne auch niemanden, der damals wegen der Kinder aufgehört hätte zu arbeiten. Ich habe also in einen Betrieb der Lebensmittelbranche an meinem Wohnort gewechselt. Da konnte ich aber nicht in den Absatz, sondern ich musste sehen, was kann ich machen, um an diesem Ort zu arbeiten. Und so habe ich als Sicherheitsinspektor angefangen zu arbeiten. Eine total pragmatische Entscheidung. Die Funktion Sicherheitsinspektor habe ich zwei Jahre wahrgenommen und habe ich geguckt, die Augen aufgehalten, was kann ich hier in der Firma noch machen, was mir mehr liegt. Dann habe ich ein Jahr Energetiker gemacht und dann ging das los, man suchte in der Technik, einen technischen Einkäufer, geschafft. Diese Aufgabe habe ich dann bis zur Wende wahrgenommen. Habe dieses Aufgabenfeld mit allem Drum und Dran aufgebaut. KLASSENTREFFEN Chemische Werke Buna, 1975 © Roger Melis, In einem stillen Land, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, S. 153 Ich kann ganz einfach und deutlich sagen, in meiner beruflichen Laufbahn, nach dem Studium bis zur Wende, bin ich nicht einmal gefragt oder bedrängt worden, ob ich in die Partei gehen würde. Nicht einmal. In der Elekrtoinstallation, in dem ersten 45 Betrieb, war ich in einer Leitungsfunktion, da hat mich niemand gefragt, ob ich in die Partei gehen will. Da bin ich auch froh, denn ich bin im Elternhaus nicht in die Parteirichtung erzogen worden. So war ich froh, nie entscheiden zu müssen oder irgendwelche Konflikte bewältigen zu müssen. Ich war fachlich kompetent und wurde deshalb auch nicht weiter behelligt. Als Sicherheitsinspektor ging es um die Arbeitssicherheit, wie schon gesagt, immer das fach­ liche. Da hat nie ein Parteisekretär reingeredet, weder in der einen Firma noch in der anderen. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Gerhard Wonkel Ich habe ja das Studium beendet und mit Beendigung des Studiums bin ich gefragt worden, ob ich Offizier der Reserve werden wolle, so dass ich mit dem Diplom gleichzeitig zum Unteroffizier der Reserve befördert wurde. Und damit habe ich parallel zu meiner beruflichen Entwicklung auch die Laufbahn des Reserveoffiziers eingeschlagen, bei der chemischen Abwehr. Das lag wohl daran, dass ich vorher bei den Grenztruppen war. Und dort bin ich auch Parteimitglied geworden. Ich war gegenüber von Schöningen stationiert, in Hötensleben. Ich war ein Jahr bei der Elektroinstallation, dann wurde ich delegiert zum Offizierslehrgang, ein Vierteljahr abkommandiert, wie man so sagte. Dort habe ich einen Mitstreiter kennengelernt, der im ORZ Piesteritz arbeitete. Über ihn, also über den persönlichen Kontakt, bin ich ins Rechenzentrum gekommen und war dort im Rechenzentrum des Stickstoffwerkes Piesteritz tätig. Dort blieb ich bis Mitte der 80er Jahre. Und während dieser Zeit wurde ich angesprochen, es kam jemand von der SED-Kreisleitung, um mich zu fragen, ob ich Bürgermeister von Zahna werden möchte. Ob ich mich zur Wahl stellen würde, ich würde ja dann sowieso gewählt werden. So war das. Wir haben dann in der Familie hin und her diskutiert, Bürgermeister ja oder nein, am Ende habe ich es abgelehnt und habe das nicht gemacht. Dann bin ich vom ORZ, wieder über persönliche Kontakte, ins Fliesenwerk nach Zahna gekommen, weil ein Bekannter meiner Frau mitbekommen hatte, dort sei die Stelle des Kaufmännischen Leiters frei. So habe ich die EDV verlassen und bin Kaufmännischer Leiter geworden, ökonomischer Direktor, wie das damals hieß. Dort begann so ein bisschen die politi46 sche Rolle. So lange ich nur Programme geschrieben und EDV-Projekte entwickelt habe, kam ich mit der Politik nicht in Berührung, total unpolitisch. KLASSENTREFFEN Karl-Christian Karte Ich habe Soziologie in Leipzig studiert. Nach dem Studium habe ich an der DHfK 22 angefangen. Das hatte für mich zwei Gründe. Einmal konnte ich so in Leipzig bleiben. Das war für mich wichtig. Ich hatte über die zentrale Absolventenvermittlung das Angebot, nach Zielitz in die Kalibude zu gehen. Das war eines der Angebote, die sie mir gemacht hatten. Es kam für mich nicht in Frage, auf irgendein Dorf zu gehen. Und zweitens, weil mich Sport grundsätzlich interessiert hat. Das war wirklich mein Hauptbeweggrund, warum ich mich an der DHfK beworben hatte und ich war froh, als die mich genommen haben. Grundsätzlich habe ich nur positive Erinnerungen an die Hochschule, sowohl was den Kollegenkreis betrifft als auch die soziologische Forschung und auch die leitungswissenschaftliche Forschung. Alles traf sich hundertprozentig mit meinen Erwartungen. Ich habe auch keine negativen Erinnerungen. Die Arbeit war abwechslungsreich, ich bin relativ viel herumgekommen, hatte eigentlich angenehme Kollegen und Sport konnte ich auch immer treiben. Und Entwicklungsmöglichkeiten waren im Prinzip auch gegeben, im Großen und Ganzen. Ich konnte in der Arbeit eine Promotion machen und perspektivisch eine Oberassistentenstelle besetzen. Es gab auch mal kurzzeitig die Frage, die B-Promotion 23 anzufangen. Nun gut, das hat sich zerschlagen, auch weil ich dann die Hochschule wechseln wollte. Also eigentlich gute Perspektiven. Man muss unterscheiden, ich habe Leitungswissenschaften gemacht, viel mit soziologischen Methoden geforscht, aber eigentlich alles DTSB 24 intern. Das ist schon klar. Wie so die erste Förderstufe strukturiert war, wie die Eignungsprüfungen durchgeführt 47 wurden, wie die DTSB-Kreisvorstände das gesehen haben. Das wurde in der Regel nicht publiziert und nur hochschulintern diskutiert, was für mich kein Problem war und mich nicht gestört hat. Die soziologische Forschung war zum Beispiel auf die Frage des Freizeit- und Erholungssportes ausgerichtet, da haben wir eine Untersuchung in Altenburg vorgenommen. Da war von Beginn an daran gedacht worden die Ergebnisse zu veröffentlichen und es wurde auch publiziert. 80, 81 habe ich dann mit der Fußball22 DHfK= Deutsche Hochschule für Körperkultur. Prominenteste Sportwissenschaftliche Hochschule und Trainingseinrichtung der DDR, die 1950 gegründet wurde und bis 1990 in Leipzig bestand. 23 Im Hochschulwesen der DDR ab 1968 übliche Bezeichnung für eine akademische Qualifizierung, vormals Habilitation, die in der Regel zur Verleihung des akademischen Grades Doktor der Wissenschaften führte. 24 DTSB= Deutscher Turn- und Sportbund. Der DTSB war die Dachorganisation, zuständig für Förderung des Spitzensports und des Freizeitsports. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt forschung angefangen. Das war eine ganz strikt interne Forschung für den Fußballverband. Alles was dazu geschrieben wurde, erhielt den Vermerk ‚Nur für den Dienst­ gebrauch‘. Ich kann mich in meiner Forschungsarbeit eigentlich nicht an politische Gängelei erinnern, aber vielleicht war auch die Zensurschere im eigenen Kopf so groß, dass man dies ausgeblendet hat. Es gab ja auch Gespräche mit dem Staatssekretariat für Sport, mit dem Fußballverband usw., um zu klären was die wollen. Das würde ich aber nicht als Gängelei bezeichnen. Natürlich, bei den Befragungen haben wir manche Fragen nicht gestellt, die man aus heutiger Sicht hätte stellen müssen. Aber das sind für mich eben diese Fragen der Selbstzensur. Nur damals hat man das nicht so empfunden und war der Meinung, dass alles Notwendige angesprochen war. September 88 habe ich Leipzig verlassen, weil mir die Stadt zu dreckig war. Ich wollte raus aus der Großstadt und außerdem brauchten wir eine Wohnung. In Leipzig war die Aussicht auf eine Wohnung mehr als mau. Also bin ich nach Weimar zur Kom­ binatsleitung Wasserbau und später an die dortige Hochschule für Architektur und Bauwesen. 48 „Mach-mit-Wettbewerb“ in Berlin – Hohenschönhausen, 1987 © ddrbildarchiv.de/Axel Lenke KLASSENTREFFEN Die Partei, die Partei, die hat immer recht … nicht überall und nicht immer Jürgen Barnew Ich bin keiner von denen, die sagen, ich musste ja in die Partei eintreten, weil ich den Job haben wollte. Wenn du zu DDR-Zeiten sehr gut warst, dann konntest du deinen Job machen ohne in die Partei einzutreten. Natürlich hat man, wenn da zwei waren, ein Schulze und ein Schmidt, die wohl gleich gut waren, da hat man überlegt, wen macht man zum Direktor. Wenn der Schulze eben Genosse war, dann hat der den Posten bekommen. Ich habe immer gesagt, das kann ich verstehen. Ullrich Holster Ich kann ja mal sagen, wie das bei uns war. Auf der Baustelle hast du Leute aller Couleur, von hochgebildeten bis zu denjenigen der die Rohrisolierungen macht. Alles ist da. Ich war ja nie Genosse. Wir wurden ja alle durchleuchtet, wenn du dorthin gekommen bist. Es waren auch welche dabei, die haben ganz offen ihre Meinung gesagt. Wie das bei uns zuging, das lag wohl auch sehr an der Person des Abteilungsleiters. Der war in der Partei. Der Parteisekretär, wenn die ihre Montagsbesprechung gemacht haben, kann man vergessen, 49 weil das Fachliche war doch entscheidend. Das Produkt, also das Atomkraftwerk, war ja ein russisches. Die russischen Fachleute, die ab und an vorbeikamen, die wollten sich nie mit dem Parteisekretär unterhalten, immer nur mit den Fachleuten. Bei diesen Besprechungen war der Parteisekretär außen vor. Die Gespräche waren immer offen. Wir hatten auch einen, das war ein Physiker, der neu gekommen war und der wurde gleich zum Parteigruppenleiter, oder so hieß das, gemacht. Der fing dann in unserem Kreis immer an zu erzählen, so in dem Stil der Kommunismus, der siegt ja und so was, das wäre ja wissenschaftlich nachgewiesen. Und einer der Kollegen, der sonst auch kein Blatt vor dem Mund nahm, fing an laut zu lachen. Dir müssen sie wohl ins Gehirn geschissen haben. Wieso, wir können uns doch darauf einigen, dass das wissenschaftlich bewiesen ist. Da wurde das Gelächter Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt noch lauter und vielstimmiger. Das Thema war für uns eigentlich abgehakt. Ich sage, das war die Unerfahrenheit des Manns, der kam direkt von der Hochschule und die haben ihn gleich verheizt. Als sich beispielsweise das Unglück von Tschernobyl ereignete hatte, da haben wir die Strahlenschutzgruppe mal angeregt, sie sollen doch mal eine Messung machen. Die haben dann die Sensoren aus dem Fenster gehängt und es fing an zu knattern und zu rauschen. Der Wind kam aus dem Osten. Dann wurde natürlich gesagt, dass darüber auf keinen Fall gesprochen werden soll. Das wäre doch sowieso nur ein wenig über dem Normalen. Die Parteiseite hat da schon die Linien vorgegeben. Solche Dinger waren das. Wir Fachleute wussten aber, dass bei dem Typ Druckwasserreaktor, den wir aufbauten, ein solch Unglück im Prinzip nicht passieren kann. Für unsere Verhältnisse wäre das nicht vorstellbar gewesen, so wie es in Tschernobyl abgelaufen war. In Greifswald auf der Baustelle war der Informationsstand eigentlich kaum anders als in der gesamten Republik. Zu DDR-Zeiten wurde ja nicht über die Ereignisse in Tschernobyl informiert. Im Großen und Ganzen wurde das Unglück nicht ausgewertet. Für uns auf der Baustelle war klar, dass es bei uns nicht solch einen Fall geben könne, weil der Moderator in Tschernobyl hatte einen negativen Temperaturkoeffizienten. Das heißt wenn die Kettenreaktion überschäumt, dann reagiert Grafit als Moderator eben genau destruktiv. In dem Reaktortyp von Greifswald war Borsäure als Moderator eingesetzt, die genau umgekehrt reagiert, wenn die Temperatur steigt, wird die Leistung 50 automatisch verringert. Eine Verurteilung der Atomkraft war unter uns auf der Baustelle überhaupt kein Thema. Damals gab es noch kein Fukushima. Ein Wandel in der Meinung ist doch erst im Gefolge der Ereignisse von Fukushima eingetreten. Ansonsten ist das so wie bei den Franzosen gewesen, Atomkraft ist die Lösung für alles. Es gab schon Gespräche, was macht man in solch einem Unglücksfall? Wie könnte die technische Lösung aussehen, um den Schaden zu begrenzen? In Tschernobyl wurde ja ein Sarkophag gebaut, mit einer großen Anzahl von Opfern unter den Soldaten, die ja vieles mit Hand zugeschüttet haben. Wenn man die wenigen Berichte gesehen hat, klar die waren heldenhaft, aber es kam auch Kamikaze gleich. KLASSENTREFFEN Anna Waigard Während des Lehrerstudiums hatten wir das Fach Wissenschaftlicher Kommunismus. Das musste jeder belegen, aber hingehört haben nur wenige. Und ich habe nur das gemacht, was nötig war, um durch die Prüfung zu kommen. In der Vorlesung hast du zwei Sätze aufgeschrieben und diese in der Prüfung aufgesagt. Das war es. Du musstest dich mit nichts auseinandersetzen, du musstest nur aufpassen, dass du die richtige Antwort gibst. Du musstest das wiedergeben, was sie hören wollten. Du durftest dich selbst nicht damit auseinandersetzen. Hat man das manchmal im Seminar getan und man hatte das Pech schlechte Lehrer zu haben, dann haben sie oft versucht, dir zu erklären, dass das, was sie sagen, das Richtige ist. Sie waren ständig im Rechtfertigungszwang. Und irgendwann haben wir aufgehört Fragen zu stellen. Ich war in der Partei. Wir hatten unsere Parteigruppenversammlungen, da haben wir Mäuse gefangen und anderen Blödsinn angestellt. Wir waren eher eine Gruppe, die gemeinsam daran dachte das schnell hinter uns zu bringen, um Zeit für andere Sachen zu haben. Intensive Auseinandersetzungen wurden in diesem Rahmen vermieden. In den jungen Jahren haben wir einfach gelebt. Und es gab natürlich Unmut, aus vielerlei Anlass. Dagegen haben wir opponiert, nicht gegen das System. Ich habe mal eine Unterschriftensammlung gegen das schlechte Mensaessen gestartet. Vier A4-Seiten hatte ich voll mit Unterschriften gesammelt. Diese Listen und ein aufgesetztes Schriftstück habe ich an die Hochschulleitung gegeben. Ich bekam Besuch von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit. In meiner Seminargruppe war ich – ich weiß gar nicht mehr, wie das hieß – doch: die Parteigruppenorganisatorin. Sie fragten mich, wie ich mir das denn erlauben könne. Sie nahmen mich ins Kreuzverhör, bis sie dann wohl mitbekommen haben, um was es ging. Ich brauchte mich ja nicht zu verstellen und hatte auch nichts weiter zu 51 verbergen. Es ging wirklich ums Essen. Dann haben sie mir erklärt, dass sie dieses Gespräch mit mir führen mussten, weil ich doch vier Seiten Unterschriften gesammelt hatte und auf jeder Seite hätte ich doch eine Überschrift haben müssen, die besagen würde, dass es eine Unterschriftensammlung zu diesem Thema war. Man hätte so diese Unterschriften an jeden beliebigen Text anhängen können. Für mich war die Sache damals damit erledigt. Wir sind da ganz naiv rangegangen. Haben doch nicht hinterfragt, warum da plötzlich die Stasi auftauchte. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Litfaßsäule mit Wahlplakaten zur Wahl der 7. Volkskammer der DDR in Berlin, 1976 © ddrbildarchiv.de/Heinz Schönfeld 52 KLASSENTREFFEN Jürgen Barnew Ich wollte da ja nie glauben, dass die Ausweise markiert waren. Aber mir hat das mal einer gesagt, der bei der Stasi war, wie ich später erfuhr. Der stand übrigens immer am Bahnhof Ilsenburg rum, wenn ich dann vom Studium kam, hat er mich immer angequatscht, wollen wir ein Eis essen und so. Das war auch so einer, der zu dumm zum Arbeiten war und von denen gab es einige. Als darum ging jemanden zur Parteischule zu schicken, da wurden solche Leute hingeschickt, die haben dann immer weitergemacht und nach fünf Jahren kamen diese ins Walzwerk zurück und wurden Parteisekretär. Das war so Teil einer Entwicklung, die Ende der 60er Jahre einsetzte, mit dem Ende der Ulbricht Ära, als das Leistungsprinzip und das Streben nach Qualität nicht mehr so die Rolle spielte und die Arschkriecher nach oben kamen, kraft ihres Parteibuches. So haben viele einen Posten bekommen, obwohl sie keine Ahnung hatten. Und meiner Meinung nach war das in den 80er ziemlich vorangeschritten. Auf der einen Seite haben Leute gut gearbeitet und beste Leistung gebracht, so wie das im Walzwerk der Fall war, von allen, vom Schlosser bis zum Werksleiter. Auf der anderen Seite gab es Betriebe voller Luschen. Das habe ich ja im Spremberg gesehen, Idioten waren an hochspezialisierten Maschinen, arbeitsfaul, zu spät gekommen, Alkohol getrunken, die dadurch die Technologie falsch gefahren haben und den Ofen immer zur Havarie brachten. Nach dem dritten Einsatz habe ich dem Minister Lauck mitteilen lassen, dass ich für so einen Quatsch nicht mehr zur Verfügung stehe, weil die Leute gehörten alle auf dem Acker und nicht an so eine Technologie. 53 Schon vorher, Jahre vorher, ist mir aufgefallen, dass es so was wie ein Umschwenken gegeben hat. Die politische Arschleckerei nahm immer mehr zu. Und habe erkannt, dass dies der Beginn eines maroden, verfaulenden Systems war. Wenn Leistung nicht mehr anerkannt wird, im Betrieb hast du ja gesehen, ich sage es mal frech, wenn so ein blöder, dämlicher Arbeiter ein Furz gelassen hat und du hattest zwei Diplome, dann konnte es passieren, du musstest das so machen wie es der Arbeiter sagte. Ich übertreibe mal. Der Arbeiter ist zur Partei gegangen und ich habe einen auf den Deckel bekommen. Da habe ich selbst so eine Sache erlebt. Auf dem Steuerstand 3 gab es einen, der war sehr groß. Er wollte die Treppenstufen höher gemacht haben. 26 cm war es laut TGL 25 und er wollte 32 cm haben, damit er schneller hinaufkäme. Und so 25 TGL= Technischen Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt musste entgegen den Vorschriften die Treppen nach seinen Wünschen gebaut werden. Da habe ich gesagt, habt ihr denn einen Knall. Worauf ich zur Parteileitung musste und ich wurde dort belehrt, dass es so gemacht wird, wie es der Werktätige vorgeschlagen hat. Das ist ja toll, habe ich nur geantwortet, wenn ihr von der Partei jetzt mehr Recht habt. Helmut Said Und über Marxismus-Leninismus als Studienfach in einem Studium der Elektrotechnik müssen wir uns nicht unterhalten, das war eben so. Ich hatte damit kein Problem und würde eher sagen, die Lehrkräfte hatten ein Problem mit mir, weil ich den Eindruck hatte sie stehen nicht im Stoff. Es gipfelte mal darin, dass unsere zuständige Lehrkraft für Wissenschaftlichen Kommunismus nach dem Seminar die Parteigruppe der Studenten gebeten hatte am Nachmittag zu einer außerordentlichen Parteiversammlung zu kommen. Ich war ja nie Parteigenosse in meinem Leben und war also nicht dabei, aber ich erfuhr von meinem Zimmerkollegen, was dort abging. Sie hat dort die anderen zusammengeschissen. Es ging wohl darum, dass ich in MarxismusLeninismus der Einzige bin, der eine gute Note verdient hätte, aber nur eine Zwei bekommen würde, weil es nicht sein kann. Die Genossen aber würden alle viel schlechtere Leistungen vorweisen. Anna Waigard 54 Am 10. Mai 1989 habe ich meinen Austritt aus der Partei erklärt. Wie war es dazu gekommen? Das Jahr 1989 war sehr wichtig für mich, in jeder Hinsicht. Im Februar hatte ich mit dem Rauchen aufgehört und am 10. Mai bin ich aus der Partei ausgetreten. Das ist ein Datum, das sich mir eingeprägt hat. Der Grund für diesen Parteiaustritt war folgender: Ich war und bin eigentlich ein Mensch, der sehr sozial eingestellt ist. Als Lehrerin ging es mir darum, dass den Kindern Wissen vermittelt wird. Als Schulpsychologin ging es mir darum, das was ich weiß anderen zu vermitteln und das was andere wissen aufzunehmen. Es ging mir nicht darum, mich mit meinem Wissen über die anderen zu stellen, sondern darum vor allem Wissen zu vermitteln – Lehrern, Eltern, Schülern –, damit sie mit Prozessen und mit sich selbst klarkommen können. Das beinhaltet auch therapeutische Aspekte, um Lösungen und Wege zu erarbeiten, wie mit Schwierigkeiten, Problemen umgegangen werden kann. Es war so, dass ich merkte, dass der Einsatz für Kollegen, die kein Parteibuch hatten, immer abgewiegelt wurde – KLASSENTREFFEN vom Schulleiter oder auch vom Parteisekretär – und dass solch ein Einsatz immer sehr schwierig war. Oder – noch einmal sehr allgemein formuliert –, dass einige Genossen meinten, dass sie hier die Verantwortung hätten und Entscheidungen treffen könnten und die anderen das tun müssten, was sie gerne hätten. Damit war ich überhaupt nicht einverstanden, denn wir brauchten jeden und wir mussten doch sehen, wie wir Prozesse gut gestalten konnten: für die Lehrer, die Erzieher, die Kinder, die Eltern. Eine Kollegin brauchte einfach eine Wohnung. Sie hatte mit einem Kind schon seit sechs Jahren in einem Zimmer gelebt, im dritten Stock, Toilette im Keller. Da habe ich gesagt, wir müssten daran denken, dass diese Kollegin es verdient habe, in besseren Verhältnissen mit günstigeren Bedingungen zu leben. Und die Stadt B. biete genug Neubauwohnungen, so dass sie eine Zwei-Raum-Wohnung bekommen könne, mit dem Kind. Das Kind komme bald in die Schule. Und dann bin ich zur SED-Kreis­ leitung, mal zu der Abteilung, mal zu einer anderen, mit der Kollegin oder allein. Das passierte alles so von März bis Mai 1989. Ich bin nur abgewiegelt worden. Und irgendwann habe ich dann mal in der Kreisleitung einen Wutausbruch bekommen. Als ich danach zu Hause angekommen war, habe ich nur zu Christina gesagt, dass das Maß für mich nun voll sei und ich eine Entscheidung fällen müsse. Wahrscheinlich hatte ich gar nicht so intensiv nachgedacht, es kam aus dem Bauch. Ich war kein Revolutionär, kein Held, der sich für eine große Sache einsetzte, ich war kein Oppositioneller, wie so viele von sich nach der Wende behauptet haben, nein das war ich nicht. Ich habe mich einfach für Menschen eingesetzt, die Unterstützung benötigten. Schließlich war es die Maxime unserer Partei, alles für das Wohl des Volkes zu tun. Wir waren eine Volkspartei mit einer ideologischen Basis, aber letztendlich ist doch jeder einzelne Mensch wichtig. Doch hat das aus irgendeinem Grunde nicht geklappt. Und ich habe mir gesagt, ich muss raus aus der Partei. 55 Kurze Zeit später wurde dieses Bauchgefühl sehr konkret. Es kamen zwei Genossen der SED-Kreisleitung zu mir, um mit mir ein persönliches Gespräch zu führen, weil ich mich für die besagte Lehrerin einsetzte. Das würde mir nicht zustehen. Erwähnen muss ich noch, dass ich vorher zwei Briefe geschrieben hatte – zu dem beschriebenen Beispiel. Die Briefe hatten denselben Inhalt. Der eine Brief ging an den Staatsratsvorsitzenden der DDR und der andere an den General­ sekretär der SED. Man fragte mich, ob ich nicht wüsste, dass dies die gleiche Person sei. Darauf antwortete ich – auch das vergesse ich nicht –, dass ich das wisse, aber sie vielleicht nicht wüssten, dass unterschiedliche Gremien den Brief lesen und bearbeiten würden. Und da guckten die mich nur verständnislos an, woraufhin ich noch sagte, dass Erich den Brief selbst sicher nie zu Gesicht bekommen werde. Beweisen konnte Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt ich es nicht, es war halt nur eine Vermutung. Ich kann mich nicht mehr an die ge­ nauen Worte erinnern, aber das war es, was mich so aufgeregt hatte: Es würde mir nicht zustehen, mich für eine andere Kollegin einzusetzen, und damit würde ich meine Kompetenzen überschreiten. Dann weiß ich nur noch, dass ich aufgesprungen bin und mein Parteidokument, das ich immer in der Arbeitstasche hatte – frag nicht warum –, vor denen auf den Tisch geschmissen und gesagt habe, dass es das mit meiner Mitgliedschaft gewesen sei. Und dann bin ich mit viel Wut im Bauch nach Hause. Es gab also einen konkreten Anlass, der mich völlig wütend gemacht hatte. Daraufhin habe ich mich noch am selben Abend an die Schreibmaschine gesetzt und meine Austrittserklärung geschrieben. Am nächsten Morgen wurde diese persönlich von mir in den Briefkasten der SED-Kreisleitung geworfen. Ich habe meinen Austritt begründet, an dem hier erwähnten konkreten Beispiel. Wie gesagt, um 7.30 Uhr habe ich den Brief bei der SED-Kreisleitung eingeworfen. Manches hat in der DDR sehr lange gedauert, aber manches ging schnell. Und die Antwort auf meinen Austritt kam sehr schnell. Um 8.30 Uhr wurde eine außerordentliche Parteiversammlung an der Schule einberufen, mit dem Thema„A. W. will aus der Partei austreten“. Ich wurde aufgefordert zu schildern, warum ich austreten will. Jetzt waren die beiden Genossen vom Tag zuvor erneut hier, zu der Parteiversammlung, auf der die Genossen entscheiden sollten, ob ich austreten dürfe oder ob man mich aus der Partei wegen meines parteischädigenden Verhaltens ausschließen müsse. Man hat aber nicht gesagt, ob das parteischädigende Verhalten darin bestand, die zwei Briefe geschrieben zu haben, den Wutanfall in der Kreisleitung zu bekommen oder das 56 Parteibuch hinzuschmeißen oder einem Menschen helfen zu wollen. Das hat man offengelassen. Man hat nur gesagt, ich stünde nicht wegen eines Verkehrsunfalls hier, sondern wegen parteischädigendem Verhalten. Das ging dann hin und her, ich habe mich verteidigt, musste dann raus und die Parteigruppe hat ohne mich weiter beraten. Anschließend gab es eine Abstimmung – ohne mich. Ich habe daraufhin verlangt, dass in meiner Gegenwart offen abgestimmt werde. Nicht heimlich, ich wollte es sehen. Das wurde dann auch zugelassen. Zwei Genossen haben für die Möglichkeit meines Austrittes gestimmt und sie argumentierten, dass es meine persönliche Entscheidung sein muss, die Partei zu verlassen. Die haben es genau begründet, doch kann ich mich an die einzelnen Worte nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass ich befürchtete, dass die beiden auch noch ein Verfahren bekämen. Der Rest hat ganz brav den Finger gehoben und so abgestimmt, wie es die Kreisleitung wollte: Partei­ausschluss. KLASSENTREFFEN Danach wurde meine Arbeit als Schulpsychologin de facto eingeschränkt. Meine Stunden wurden bis auf zwei gekürzt – ich arbeitete davor 18 Stunden als Schulpsychologin in der Einrichtung und 6 Stunden unterrichtete ich Mathematik an einer anderen Schule. Die zwei Stunden habe ich dann für Diagnostik genutzt und wurde für den Rest der Stunden auf die Schulen in S. und Z. verteilt, um dort zu unterrichten. Dann kamen die Sommerferien, ich habe mich im Haus und im Garten beschäftigt und kam ein Stückchen wieder runter. Im August wurde ich ins Schulamt gerufen und es wurde offiziell bestätigt, dass ich aufgrund dieser ganzen Parteigeschichte nicht mehr die Funktion der Schulpsychologin innehaben könne, aber als Lehrerin könne ich weiterarbeiten, was ich akzeptierte. Man hat mich wohl auch ein Stück weit gebraucht, denn ich konnte gut mit schwierigen Kindern umgehen, jedenfalls gab es immer Schüler oder Klassen, mit denen ich gut konnte. So hatte ich zu keinem Kollegium mehr einen richtigen Kontakt, da ich ein paar Stunden hier und ein paar Stunden dort war. Ich war an drei Schulen gleichzeitig, aber an keiner so richtig. Es gelang mir, eine Beziehung zu den Schülern aufzubauen, aber zu den Kollegen war es schwierig. Ich musste ja auch immer hin und her rennen und hatte kaum Zeit für irgendetwas anderes. Ich habe das alles erst im Nachhinein verstanden, ich hatte den Kopf voll, es hat ja auch alles wehgetan, was da passiert war. Meine Isolierung von den Kollegien ist ganz bewusst erfolgt. Ich sollte in keinem Kollegium mehr Fuß fassen, um vielleicht Unmut zu stiften oder naja – davor hatte das Schulamt wahrscheinlich Angst. Jürgen Barnew Das hing alles mit der Stillstandsminimierung zusammen. Dafür hat das Walzwerk ja 57 auch das Banner der Arbeit bekommen. Und in diesem Zusammenhang kam auch Inge Lange 26 nach Ilsenburg, um das Walzwerk zu besuchen. Vorher wurde natürlich alles vorbereitet, schön zurecht gemacht, die angemeldeten Besuche eben, und ich musste zur Parteileitung: Du erklärst ihr die Technik, aber noch einmal ganz klar, du sagst das und das, hältst aber sonst deine Klappe. So und so, und so, das wird erzählt und nichts anderes. Beim Hausteuerstand kommst du zufälligerweise aus dem Hydraulikkeller und dann machen wir das so und so … Dann kam sie, ich stieg aus dem Hydraulikkeller auf, Inge Lange mit dem ganz Tross, mit Reportern, mit Stasi und anderen Leuten ringsum, so 60 Leute ungefähr. Ich durfte dann den Walzprozess erklären, und dies und das. Sie war begeistert, das ist ja toll, und so weiter. Jawohl, ihr 26 Ingeburg Lange war Leiterin der Abteilung Frauen des Zentralkomitees der SED und 1973 als sie zur Kandidatin des Politbüros der SED gewählt wurde, eine der drei Frauen im obersten Führungszirkel der SED. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt hab ja alles prima im Griff. Ich sollte sie dann Genossin Inge nennen. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, ich sagte dann, wenn du wirklich sehen willst, woran es hapert, dann muss ich dir sagen, dass wir für die Hydraulik einige Teile nicht bekommen, Punkt eins. Und Punkt zwei, pro Schicht haben wir zwanzig Minuten Reinigung und Kontrolle. Und diese Zeit wurde durch die Betriebsleitung und die Parteileitung gedrückt und für die Mittagspause genutzt. Das heißt, es wurde in der Zeit keine Reinigung gemacht. Die ganzen Fettberäumungen und Aufarbeitungen, die oblagen dann dem Instandhalter, wobei es dort Sache der Produktion war. Dadurch hat es auch unnötigerweise immer wieder Störungen gegeben, die man dann dem Instandhaltungspersonal angerechnet hat. Wir waren ja alle an bestimmte Zahlen geknüpft, soundso viele Prozent des Lohnes oder Gehaltes waren ja in Abhängigkeit von der Planerfüllung. Und für die Instandhalter waren es die Störzeiten. Dann hat Elektronik gegen Elektrik gekämpft, Elektrik gegen Hydraulik, jeder schob die Verantwortung in die Schuhe des anderen. Das war ja der Punkt, warum es mir gelang die Stillstandszeiten durch mein Eingreifen von eben zu jetzt, innerhalb von 14 Tagen, von über 280 Minuten auf unter 10 zu bekommen. Ganz einfach, Elektriker und Elektroniker haben zwar über Sprechfunk kommuniziert, aber sich nie gesehen. Die Elektroniker hatten im 6. Stock ihre Büros, aus Kostengründen war der Fahrstuhl eingespart. Wenn eine Störung draußen war, dann hat der Klugscheißer Elektroniker zum Produktionsmann gesagt, ruf den Elektriker an, der soll mal gucken, Schalter sowieso, ob da ein Lämpchen blinkt. Daraufhin hat der Produktionsmann versucht den Elektriker zu erreichen, über Sprechfunk. Der war aber vier Kilometer entfernt gerade auf der Kranbahn oben und hat dort Schleifleitungen repariert. So hat der 58 Elektriker geantwortet, ich kann jetzt nicht, ich müsste erst von der Kranbahn run­ terklettern und mit dem Fahrrad kommen. Ruf mal lieber den Elektroniker wieder an. Der Elektroniker dann wütend, die faule Sau von Elektriker, der soll sich gefälligst dorthin machen. Allein durch diesen Wahnsinn sind Minuten ins Land gegangen. Schließlich kam der Elektriker, aber bei ihm waren alle Sicherungen drin und auch sonst alles ok. Dann musste eben der Elektroniker doch die sechs Stockwerke runter zum Steuerstand und hat seine Elektronik in den Griff bekommen. Und wenn es das nicht war, dann war es ein Hydraulikproblem. Was ich zuerst gemacht habe, war mir ein Büro direkt an der Anlage einrichten zu lassen, direkt neben Steuerstand 3, direkt an der Produktionsstrecke. Zusätzlich zu dem Büro im Verwaltungsgebäude. Und wenn es zu einer Störung kam, dann habe ich alle sofort, also Elektroniker, Elektriker und Hydrauliker, an die Anlage geholt. Das alles habe ich der Inge erzählt und die von der Parteileitung sind aus den Latschen gekippt. KLASSENTREFFEN Gerhard Wonkel Wir haben unsere Auflagen, mehr oder weniger, immer realisiert. Aber es ging darum, dass man eine gewisse Übererfüllung melden sollte. Und diese Übererfüllung musste möglichst hoch sein, damit die Genossen zufrieden waren. Wenn man ehrlich 100% gemeldet hat, oder 98% Planerfüllung, das ging nicht. Man musste auf 110% kommen. Und das war eigentlich der Betrug. Und diese Zahlentrickserei hat sich bis zur Wende nicht gebessert. Eher im Gegenteil, denn die Forderungen waren, wir müssen, wir müssen, wir müssen mehr bringen. Der Druck in der Bevölkerung war ja da, die wollten ja das Zeug kaufen, also Fliesen. Und so wurde eben gemeldet, dass mehr hergestellt wurden. Als ich dann ökonomischer Leiter war, da mussten wir Zahlen liefern, die SED-Kreisleitung, Warenproduktion, Planerfüllung und, und. Der Werkleiter musste dann zur Kreisleitung und musste die Zahlen erläutern oder Stellung nehmen. Und einmal habe ich die Zahlen ziemlich ehrlich formuliert und da waren wir nicht bei den Besten dabei. Das hat mir mein Chef schwer übelgenommen, dass er dann dort runtergeputzt wurde. Er hat Prügel dafür bekommen, dass er nicht die Zahlen, wie üblich, realisiert hat. Das ist mir, das gebe ich ehrlich zu, nicht noch mal passiert. Ich hab die Zahlen bis zur Wende so geschrieben, wie sie gehört werden wollten. Gebe ich jetzt zu. War nicht richtig, aber so war es. Und es wurde ja von der Partei verlangt, dass wir als Betrieb positiv dastehen und das habe ich mitgemacht, bis zur Wende. Karl-Christian Karte 59 Diskussionen über die gesellschaftliche Entwicklung gab es schon, aber die bewegte sich in den Bahnen, auf denen man sich so als Genosse bewegte bzw. was man als SED-Genosse so mitbekommen hatte. Die Hochschule verstand sich auch als staatstragende Institution, da gab es keine Forderungen nach Wende oder so. Die DHfK war ja als rote Hochschule verschrien, was wohl mit der staatstragenden Rolle des Leistungssports in Verbindung steht. Man hat sich zu oft mit den Antworten zufriedengegeben oder man hat sich selbst Antworten gegeben, die in dieses Raster passten. Wir waren in einer Blase. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt 60 Ansprache einer Parteitagsdelegierten, 1981 © Roger Melis, In einem stillen Land, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, S. 161 KLASSENTREFFEN Helmut Said Jeder Betrieb hatte ja eine Parteileitung. Das Elmowerk hatte fünf Hauptamtliche in der Betriebsparteileitung sitzen, also fünf Vollbeschäftigte. In der BGL waren auch vier oder fünf Hauptamtliche und der BGL-Vorsitzende wie auch der Parteisekretär waren automatisch Mitglied der Betriebsleitung. Die saßen also in jeder Sitzung der Betriebsleitung mit dabei. Wie sich dann die Beziehung zur SED-Kreisleitung gestaltete, das entzieht sich meiner Kenntnis und das wollte ich auch nie wissen. BGL war also auch immer dabei. Das ist etwas anderes, weil die Verantwortung der Gewerkschaft viel breiter war. Ich kann mich an eine Geschichte erinnern, die hat aber nichts mit der BGL zu tun. Ich musste für meinen Chef, das war 1983, nachmittags im Karl-Marx-Haus zu einer sogenannten Funktionärskonferenz. Ich sagte zu meinem Chef, du weißt doch, ich bin kein Genosse. Ja, ja, mach das mal für mich, ich habe einen wichtigen Termin, entgegnete der mir. Da saßen dann zirka 350 erwachsene Leute, das Karl-Marx-Haus war voll. 1983 gab es den NATO-Doppelbeschluss über den ja auch der damalige Kanzler gestolpert ist, in dem seine SPD-Genossen ihn zu Fall gebracht haben im Rahmen des Misstrauensvotums, anschließend kam dann Kohl an die Macht. Worauf ich hinaus will, das hat ja dem sozialistischen Lager überhaupt nicht geschmeckt, dieser NATO-Doppelbeschluss. Der hat uns ja wirtschaftlich das Rückgrat gebrochen. Aus meiner Sicht ist dadurch die Wende 1989 überhaupt erst zustande gekommen, durch diese aus dem Beschluss resultierenden wirtschaftlichen Konsequenzen. Breschnew hat alle sozialistischen Führer in Moskau zusammengenommen und dort hat man beschlossen, wir machen in jedem sozialistischen Land eine Initiative. Und jetzt kom61 me ich wieder aufs Elmo zurück. In Folge dieser Initiative versammelten sich an einem Nachmittag die Leute im Karl-Marx-Haus. Es sprach eine Person aus der SED-Kreisleitung über die Schande des NATO-Doppelbeschlusses und verlas dann zum Schluss eine Resolution und forderte die Anwesenden auf, darüber abzustimmen. Die Resolution lautete: Lieber Erich, wir danken dir für deine richtungsweisenden Worte in deiner Geraer Rede. Da konnte man noch lachen, wenn es nicht so ernst gewesen wäre. Denn es war ein Beispiel für das Niveau, dass ich leider in der DDR oftmals erleben musste. Es tut mir leid, das zu sagen, ein System, das dieses Niveau zulässt, muss untergehen. Das geht nicht anders. Ich habe die Genossen aus meiner Abteilung gefragt, was gewesen wäre, wenn der Genosse Honecker in Gera keine Worte verloren hätte. Wir wüssten ja gar nicht, wo wir hinlaufen sollten. Links, rechts, geradeaus, zurück? Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt 62 Friedensdemonstration der FDJ, 1982 © Archiv Dietrich Möbius KLASSENTREFFEN Jürgen Barnew Wir haben ja den Mächten gehorchen müssen. Ob nun Russen oder Sowjetunion, ob nun Brüder oder Freunde, wir haben immer gesagt, einen Freund kannst du dir aussuchen, aber einen Bruder nicht. Das war eben so. Die Situation war eben so. Die Russen haben bestimmt, daher war das System vorgegeben. In den letzten Jahren der DDR hat sich die Partei mehr und mehr eingemischt, die Gewerkschaft auch, und die staatliche Leitung wurde oftmals ausgehebelt. Das war einer meiner Hauptkampfpunkte. Gabriele Zeitze In den Betrieben, in denen ich gearbeitet habe, wurde die politische Situation des Landes gar nicht diskutiert, weil man ja auch ein bisschen Angst hatte, es könnte ja jemand dabei sein, der mithört und dir was Schlechtes will. Deshalb haben wir über die ganze Situation, die Entwicklung und die Missstände und was könnte sich ändern, nur mit Freunden gesprochen. In der Firma gar nicht. Gerhard Wonkel Auf der Arbeit wurde alles, mehr oder weniger, nach Linie kommentiert oder man hielt einfach den Mund. Man hat in der Firma anders gesprochen als im privaten Bereich. 63 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Der unruhige, aber unblutige Herbst 89 Anna Waigard Zum Ende der DDR hatte ich massive Probleme, auch politisch: Parteiaustritt und alles, was arbeitsmäßig damit verbunden war. Daran hatte ich doch zu knabbern, sie haben mich nicht entlassen, aber haben einiges organisiert, dass es mir schwer machte, im Lehrerberuf zu arbeiten: häufiger Schulwechsel und, und, und … Dann kam der 7. Oktober, der 40. Jahrestag der DDR. Ich war am 17. Oktober, ich kann das Datum nicht mehr genau belegen, aber auf jeden Fall Mitte Oktober, in Berlin in der Gethsemanekirche 27 . Bis dahin war ich ja eher allein unterwegs, da habe ich mich immer gefragt, wo ich mich politisch einordnen könnte. Ich gehörte ja keiner Gruppe an, fühlte mich ein bisschen auf verlorenem Posten. Und so habe ich zu Christina gesagt, ich müsse mal sehen, ob ich irgendwo etwas finde, wo ich sagen könnte, hier kann ich was tun. Ich hatte keine revolutionären Ambitionen, aber ich sagte mir immer wieder: Mensch, hier muss man doch was tun, man kann doch nicht nur rumsitzen und abwarten. Zu diesem Zeitpunkt war ja immer noch nicht abzusehen, dass die Grenzen geöffnet werden. Christina hatte große Angst, sicher zu Recht, denn die Genossen hatten mich auf dem Kieker. Meine Angst hielt sich in Grenzen. Ich wollte einfach wissen, was dort passierte. Als ich dann in der Kirche war, gab es Berichte von Verhaftungen. Und es war wirklich so, dass die Polizei überall herumgestanden hat. Ich bin mit dem Trabbi reingefahren, habe ihn irgendwo geparkt und mich etwas bedeckt gehalten, die Leute beobachtet und bin dann mit rein in die Gethsemanekirche. 64 Es waren jede Menge Leute da, die beobachtet haben: Stasi und Polizei. Polizei hast du ja erkannt, aber Stasi nicht. Obwohl, wenn man richtig geguckt hat, dann konnte man schon ahnen, was Stasi ist und was keine, meine ich. In der Kirche habe ich mir alles angehört. Es sprachen ja Mitglieder vom Neuen Forum 28 , auch Bärbel Bohley, und andere, die im Neuen Forum aktiv waren. Ich bin die gesamte Zeit dortgeblieben, habe 27 Evangelische Kirche im Berliner Bezirk Pankow, die seit den 80er Jahren ein Sammelpunkt für Regimegegner wurde. Unter dem Dach der Gethsemanegemeinde organisierten sich verschiedene Bürgerrechtsgruppen und wurde eine intensive Kontakt- und Vernetzungsarbeit geleistet. Ab 2. Oktober 1989 war die Kirche Tag und Nacht für Mahnwachen und Diskussionsveranstaltungen geöffnet. 28 Das Neue Forum wurde am 9. September 1989 in Berlin gegründet. Den Gründungsaufruf„Die Zeit ist reif – Aufbruch 89” unterzeichneten 30 Personen, die zur Hälfte zu diesem Zweck aus der ganzen DDR angereist waren. Zu ihnen gehörten u. a. Bärbel Bohley, Sebastian Flugbeil, Katja Havemann, Jens Reich und Hans-Jochen Tschiche. Die Unterzeichner mahnen die offensichtlich gestörte Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft an und fordern einen demokratischen Dialog ein. Das Neue Forum verstand sich sowohl als Plattform wie auch als Akteur dieses Dialoges und rief alle Bürgerinnen und Bürger auf an der Umgestaltung der Gesellschaft mitzuwirken. Ein Teil des Neuen Forums ging später im Bündnis 90 auf. KLASSENTREFFEN mir auch die Diskussion angehört und alles ruhig verfolgt. Es war eine ziemlich lange Zeit, die ich dort in der Kirche war. Ich bin nicht raus gerannt, sondern habe alles bis zum Ende verfolgt. Und dann habe ich für mich festgestellt, dass es das auch nicht für mich war. Weißt du, es war, dass ich ein ungutes Gefühl hatte. Das ist jetzt eine äußerst subjektive Erinnerung. Ich habe sie nie gelöscht, aber ich habe mich im Nachhinein oft damit auseinandergesetzt. Das Neue Forum wäre mir keine politische Heimat geworden, denn es ging massiv nur gegen die DDR. Damit hatte ich ein Problem. Ich hatte ein Problem mit der Partei, denn es ging nicht mehr um das Volk, um die Menschen, um das Individuum. Und dort ging es mir zu massiv gegen die DDR, wo ich mir gesagt habe, das kann ich nicht unterschreiben, das ist auch nicht meins. So stimmte das doch nicht, trotz aller Problemlagen und meiner eigenen, in die ich mich hineinmanövriert hatte. Dort ging es nur um die Stasi. Viele, die dort gesprochen haben, hatten sicher schlimme Erfahrungen gemacht, aber es war nicht meine Geschichte. Es gab auch die Menschen, die in der DDR aufgewachsen waren, den Sozialismus nicht unbedingt verehrten, doch hier ein zufriedenes Leben führen konnten. Nach dem 9. November hat sich das bestätigt. Ich bin nicht mehr in die Gethsemanekirche nach Berlin gefahren. 65 Protestlosung an der Fassade des Staatsratsgebäudes der DDR, 1989 © ddrbildarchiv.de/Robert Grahn Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Die SED war nicht mehr meine politische Heimat, und ich habe zu Christina gesagt, die mit Sorge alles beobachtet hatte, dass das Neue Forum auch keine politische Heimat für mich werden könne. Das, was dort gesagt wurde, passte nicht zu meiner Geschichte. Ich wollte, dass sich diese Gesellschaft verändert und nicht, dass sie auf den Müllhaufen geworfen wird. Die Mitglieder des Neuen Forums waren mir zu aggressiv. Diese Auffassung, die ich an diesem Tag gewonnen hatte, hat sich nach dem 9. November bestätigt. Das Neue Forum war zu aggressiv, was ihre Forderungen zu Veränderungen betraf. Und es war zu individualistisch – zu sehr auf die eigenen Geschichten konzentriert. Aus meiner Sicht ging es nicht um die Gesellschaft, sondern um einzelne Personen. Bärbel Bohley war eine Kämpferin und als solche konnte man sie achten, aber sie hat oft so quergeschossen, dass ich mir gesagt habe, das hat nichts mehr mit Sachlichkeit zu tun. Das, was sie vertrat, war eine Art von Revolution, die ich nicht mittragen konnte. Ich bin zurück aus Berlin gekommen, wir haben unser Leben weitergelebt. Und dann kam der berühmte Abend. Ich hatte so einen Radiowecker von meinem Onkel aus dem Westen geschenkt bekommen. Und der hat uns morgens immer mit dem Sender RIAS 2 geweckt. Das war der Sender, den wir in der Berliner Gegend gerne gehört haben. Mit dem alten Ami Rik De Lisle. Und dann fingen die im Radio an, davon zu sprechen, dass die Grenze geöffnet sei. Wir hatten ja am Abend zuvor kein Fernsehen gesehen. Ich weiß nur, dass ich zu Christina gesagt habe, dass uns jetzt schon der Westen verarschen würde. Dann sind wir in die Küche gegangen, haben gefrühstückt und haben das Radio angemacht. Und wieder kam die Nachricht, dass die Grenze offen sei. Das war schon alles sehr eigenartig. Nachdem ich einen DDR66 Sender reingedreht hatte und tatsächlich die gleiche Nachricht kam, haben wir es ­geglaubt. Was nun? Wir sind, wie sonst auch, in die Schule gegangen, ich glaube, es war ein Donnerstag. Ich weiß es nicht mehr genau, jedenfalls war es nicht das Wochen­ ende. Es waren kaum Schüler da. Ich dachte: Leute, was ist denn jetzt los? Und da haben wir wirklich erst geglaubt, dass die Grenze offen ist. Unsere beiden Kinder wollten auch gleich in den Westen. Das wollten wir natürlich nicht und erklärten ihnen, dass wir erst unsere Arbeit erledigen müssten und am Sonnabend in den Westen fahren würden. Wir mussten ja noch zur Polizei und einen Stempel in den Ausweis bekommen. Und dann sind wir nach Berlin gefahren, ein Freund von unserem Sohn war noch dabei, und wir haben uns in die Menschenmassen gestürzt, um in den Westen zu kommen. Mir war das Gedrängel zuwider, aber die Kinder wollten unbedingt und ich habe es ihnen zuliebe mitgemacht. Ich hatte den Eindruck, dass ganz Ostberlin und Umgebung in den Westen wollte. Die S-Bahnlinie war nicht mehr frei wählbar – du wurdest in eine Richtung geschoben und musstest mit. Wir kamen am Kottbusser Tor an. KLASSENTREFFEN Nach dem Mauerfall wurde es für mich auf meiner Arbeitsstelle noch einmal sehr interessant. Ich war mit zwei Stunden immer noch an der alten Schule mit schulpsychologischen Aufgaben betraut und habe dort auch noch zu Mittag gegessen. Nach meinem Parteiausschlussverfahren hatten sich einige Kollegen für mich in Luft aufgelöst und ich habe sie nicht mehr wahrgenommen – bis zu diesem Tag, an dem einige von ihnen zu mir kamen und sich letztlich bei mir entschuldigen wollten. Sie brachten zum Ausdruck, dass sie im Mai nicht wissen konnten, dass ich so eine weise Voraussicht hatte. Ich habe nichts weiter als einen Lachanfall bekommen und als der vorüber war, da habe ich ihnen geantwortet:„Wisst ihr, so bescheuert wie ihr euch in der Parteiversammlung verhalten habt, so bescheuert verhaltet ihr euch jetzt auch.“ Meine Hand bekamen sie nicht – ich war einfach nur wütend über diesen Versuch von Leuten, die ihre Fahnen in den Wind hängen. Ullrich Holster Am Tag der Grenzöffnung, da sind wir am nächsten Morgen nach Tegel im Trabbi gefahren, vier Leute. Wir haben uns noch beim Abteilungsleiter abgemeldet und haben gesagt, wir fahren jetzt mal rüber. War ja während der Arbeitszeit. Wir haben also geschwänzt. Der fragte bloß, kommt ihr den wieder. Einige von der Partei haben sich Mühe gegeben, zu agieren. Es war ja die Zeit des Neuen Forums und da habe ich gesagt, setzt euch doch mal mit denen zusammen, hört, was die wollen. Das geht gar nicht, mit denen sprechen wir nicht, erhielt ich zur Antwort. Mit wem dann? Ich komme doch nun schon zu euch, um mit euch zu spre67 chen. Damit war klar, wie das ausgehen wird, dann haben auch alle gesagt, irgendwann wird keiner mehr mit euch sprechen wollen und ihr werdet nicht mehr gefragt werden, wer sich mit euch unterhält. Aus meiner Erinnerung hat das ja mit Gorbatschow zu tun, der hat ja die Linie vorgegeben. Was von dort kam wurde dankend aufgenommen und wurde verargumentiert. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Groß-Demonstration am 4.11.1989 in Berlin © ddrbildarchiv.de/Robert Grahn Jürgen Barnew Ich habe abends vor dem Fernseher gesessen, Frau war schon im Bett, und dann kam 68 die Überraschung, ich solche Stielaugen. Ich hochgerannt, Dagmar komm runter, die zeigen, die Grenze ist offen, ach das ist ein Film. Hör auf, lass mich schlafen. Und wenn, dann wird morgen wieder dichtgemacht. Nee, komm da will ich hin, einmal in meinem Leben will ich meinen Fuß auf westdeutsches Gebiet gesetzt haben. Los komm. Bleib ruhig, sagte sie. Ich war Ingenieur vom Dienst. Auf alle Fälle haben wir uns dann vor den Fernseher gesetzt und begeistert zugeschaut. Ich bin nächsten Tag in den Betrieb. Dort war die Hölle los. Mittags haben wir die Anlagen heruntergefahren, es war zu risikoreich, weil zu viele gefehlt haben. Jedenfalls bin ich nach Hause und dann haben wir Brote geschmiert, Getränke eingepackt und los nach Magdeburg und dort auf die Autobahn in Richtung Westen. Wir sind auf der Autobahn vielleicht zwei Kilometer gefahren und dann standen wir. Im Radio haben wir dann gehört, Stau, Stau, kilometerlanger Stau. Aus Magdeburg in Richtung Helmstedt 40 km Stau. Wir kamen ja nun nicht mehr raus und mussten so oder so auf der Autobahn bleiben. Eine wahnsinnige Stimmung, purer Aufbruch. Ganz viele Leute haben sich zu Fuß auf den KLASSENTREFFEN Weg gemacht, dann hast du die eingeholt, wieder paar Worte mit denen gesprochen. Dann waren die wieder schneller als du mit dem Auto. Aus den Kühltransportern lief schon die Plörre raus, aber das war den Fahrern auch egal. Als wir dann nach Stunden in Helmstedt waren, wurden wir freundlich begrüßt, haben Kaugummi bekommen, haben uns die Läden im Ort voller Begeisterung angeguckt, alles erleuchtet, die Geschäfte knacke voll. Die Mischarmatur, die man zuhause so lange gesucht hatte, die lag da für 10 DM im Schaufenster. Und die kleine Tochter sah eine Barbie und wollte sie natürlich. Aber 28 DM, und das mal 10, einfach zu teuer. Es wird nix gekauft. Wir gucken uns das nur an, denn das kann nicht lange gutgehen. Dafür können wir kein Geld ausgeben. Zurück mussten wir dann wieder über Helmstedt und Magdeburg, denn Grenzübergänge im Harz wurden ja erst später geschaffen. Wir sind dann wieder zur Arbeit und ich habe die Stimmung dort wahrgenommen und mir immer gesagt, dass kann nicht gut gehen. Irgendwann müssen die Grenzen wieder dichtgemacht werden, das geht nicht gut. Wir sind bestimmt drei Wochen nicht wieder in den Westen gefahren. Wir waren nur den einen Tag dort und sind vielmehr den normalen täglichen Dingen nachgegangen. Haben natürlich am Fernseher alles genau verfolgt. Eine enorme Aufbruchsstimmung und noch mehr Fragen, was wird jetzt kommen. Ich habe so gut wie nicht mehr geschlafen. Alle meine Geschwister, wir sind neun, alle haben bei mir angerufen, auch mein Bruder. Was meinst du? Wie wird das weitergehen? Und so in dieser Weise. Da habe ich ihnen gesagt, das ist doch klar, was jetzt kommt, Kapitalismus. Wir werden das gesamte Volksvermögen verlieren. Ich gehörte ja auch zu denen, die gekämpft haben, dass DDR-Bürger Gutscheine oder Anteilscheine am DDR-Volksvermögen erhielten. 69 Das war ja in aller Munde. Letztendlich wurden wir darum komplett beschissen. Karl-Christian Karte Da gab es sicherlich schon die ersten Zusammenkünfte in der Nikolaikirche. Aber ich habe damals davon nichts mitbekommen. Ich bin bis Ende 89 dann immer nur am Wochenende nach Leipzig gefahren. Sicherlich hat man über die Ereignisse gesprochen, die dem Herbst vorgelagert waren. Aber ich habe keine große Erinnerung mehr daran. Erst im September, Oktober 89 explodierten die Diskussionen, auch an der Hochschule. Obwohl ich war eben relativ neu an der Hochschule in Weimar, hatte nicht so viele Kontakte und Bekannte. Und mir kam es so vor, dass in kleinen, abgeschlossen Kreisen da viel diskutiert wurde. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Helmut Said Zur Wendezeit selber war ich mit besagten L. H. und anderen zusammen. Aber ich war nicht sehr aktiv. Ich war nicht in Leipzig zu den Demonstrationen, sondern hier in Wernigerode bei den Demonstrationen, die nicht nur montags stattfanden, von Anfang an eigentlich mit dabei. Wie gesagt, ich habe gegen diese Gesellschaftsordnung, die wir mal im Staatsbürgerkundeunterricht vermittelt bekamen, und später im Studium auch, gegen die habe ich nichts. Allerdings habe ich so meine eigenen Erfahrungen machen müssen, in die Richtung gehend, dass die Leute, die dann in die Führung kamen, mein Vater hat immer gesagt, die waren schon in den 50er Jahren, Entschuldigung, dass ich dies so sagen, das Geschwür am Arsch des Sozialismus. Ich gehe schon davon aus, dass wir als DDR mehr gekonnt hätten. Da spielt natürlich auch die Sowjetunion eine wichtige Rolle. Wir waren 17 Millionen, die Sowjetunion 200 Millionen, die hatten eine Macht, die wir allein nicht hätten herausfordern können. In den Betrieben gab es keine Friedhofsstille, aber es brodelte auch nicht. Alle hatten sich eingerichtet, mehr oder weniger eingerichtet und irgendwo auch abgefunden. Natürlich, so wie in den 60er Jahr als wir zur Schule gingen, haben sich Grüppchen gebildet, da die, die Bonanza geguckt haben, und die andere Gruppe, die kein Westfernsehn gucken durfte, die es aber gern gewollt hätte. Also es gab so Grüppchen im Elmowerk, aber brodeln, nein, das wäre zu viel. Die Staats- und Parteiführung hatte bis zum Ende der 80er Jahre alles fest im Griff. Erst im September, Oktober 1989 ging es dann los. In der Stadt schon eher, aber dann eben auch im Betrieb. Man hat natürlich auch gespürt, dass einige Genossen versucht haben, eine Kampfstimmung 70 zu erzeugen. Ich bin froh, und nicht nur ich, sondern fast alle DDR-Bürger, dass es nicht zu kämpferischen Auseinandersetzungen gekommen ist. Das es auch in der Partei genügend Leute gegeben hat, die nicht auf Kugeln setzten. Vielleicht lag es auch an der Schwäche unseres Staatsratsvorsitzenden, Erich Honecker, ich weiß es nicht. Und natürlich ist auch Gorbatschow, der gesagt hat, wir marschieren dort nicht auf, wichtig für diesen friedlichen Ausgang. Es wäre sonst sehr hart geworden. Es gab ja im Oktober, müsste nochmal das genaue Datum überlegen, insbesondere in Leipzig die große Demonstration, wo viele mit Waffeneinsatz gerechnet haben. Da ist es Gottseidank nicht dazu gekommen. Ich kann aber bestätigen, dass man an dem besagten Montag auch die Kampfgruppe des Elektromotorenwerkes in Alarmbereitschaft versetzt hat, nicht nur versetzt, sondern mit Kalaschnikow ausgestattet. Und die sind dann nach Magdeburg auf den Domplatz gefahren und sind dort mit Kalaschnikow auf dem KLASSENTREFFEN Kampfgruppen-Hundertschaft bei der Demonstation zum 1. Mai 1974 © Archiv Volksstimme Mannschaftswagen sitzen geblieben. Fünf Kampfgruppenmitglieder aus dem Elmowerk haben sich geweigert. Noch in der gleichen Woche, am Donnerstag, sind die aus 71 der Partei und aus der Kampfgruppe ausgeschlossen worden. Und die Betriebszeitung Unser Motor hat darüber natürlich mit leuchtenden Augen berichtet. Da hätten sie sich einen besseren Gefallen getan, wenn sie darüber nicht berichtet hätten, denn die Tatsache der Weigerung hatte sich ohnehin rumgesprochen und der Zeitungsbeitrag hat den Zorn der Kollegen noch mehr angestachelt. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Jürgen Barnew Ich war in der Kampfgruppe 29 Flatruppführer. 1975 kam ja das Gesetz heraus, dass besagte, wer in der Studienzeit die vormilitärische Ausbildung gemacht hat, der brauchte nichtmehr zum aktiven Wehrdienst. Du konntest entscheiden, ob du hinwolltest oder nicht. Ansonsten konntest du dich entscheiden zwischen Kampfgruppe oder Zivilverteidigung. Und ich bin demzufolge in die Kampfgruppe eingetreten und brauchte dann nicht zur Armee, was mir sehr gelegen kam, denn ich hatte schon mein zweites Kind. Dann habe ich mich in der Kampfgruppe nach oben gearbeitet. Mich hat es gewundert, dass wir so vor dem Ende der DDR mit Sperren von Linien und Reihen trainiert haben und bekamen dann mit einmal einen Schlagstock. Ich habe dann gefragt, was soll das denn? Ja, es könnte ja sein, dass durch das Westfernsehen Leute aufgeputscht werden. Das sieht aber so aus, als ob wir gegen die eigenen Leute vorgehen sollen. Nein, nein, du übertreibst, hieß es. Wir wurden belogen. Da habe ich angefangen zu ahnen, dass hier irgendetwas faul ist im Staate. Als dann die Demonstrationen in Leipzig losgegangen sind, ich war ja Flatruppführer, da wurde ich zum Parteisekretär gerufen, der Kampfgruppenkommandeur war dabei, und ich sollte auf einmal die Hundertschaft übernehmen und ich sollte nach Leipzig, weil dort die Demos waren. Wir sollten absichern. Niederschlagen, das Wort ist nicht gefallen. Es könnte ja sein, dass wir die Polizei unterstützen müssen, hieß es. Das machen wir als Kampfgruppe. Da habe ich mich geweigert und bin raus. Ich musste aber nochmal zurück, weil man meine Waffenkarte verlangte. Und da hat es bei mir klick gemacht. Ich habe zum Technischen Direktor gesagt, ich nehme vierzehn Tage 72 Urlaub, bin nach Hause zu meiner Frau, wir haben sofort Klamotten gepackt, zwei Koffer gepackt, die Kinder ins Auto und dann bin ich mit Frau und den beiden Kindern ins Niemandsland abgetaucht. Ich habe niemanden gesagt, wo ich hingefahren bin. Ich bin bei Verwandten gewesen. Meine Befürchtungen waren, dass ich abgeholt werden könnte. Ich hatte so eine Vermutung. Denn im Herbst 89, als Stimmungen sich entwickelten, hatte in der großen Halle vor den versammelten Instandhaltern und Produktionsarbeitern von der Kranbrücke gesprochen und erläutert, wie ich mir die Zukunft vorstelle. Ansonsten ging es mir darum eine Trennung zwischen Partei, Gewerkschaft und 29 Die sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse bildeten eine paramilitärische Organisation auf betrieblicher Ebene, mit deren Aufstellung 1953 begonnen wurde und die zeitweise über 200.000 Mitglieder hatte. KLASSENTREFFEN staatlicher Leitung durchzusetzen. Das war mein Slogan, als erwachter Genosse die DDR positiv vorwärts zu bringen, raus aus dem Stillstand. Ich habe ein Riesenproblem mit dieser Verflechtung gehabt. Wir hatten gute Leute, Topinstandhalter, die ihr Bestes gegeben haben. Aber es gab eben auch Leute, ich will sie nicht als Affen bezeichnen, aber die haben nichts gebracht. In die Wache konntest du nicht alle setzen, so ein großes Wachgebäude hatten wir nicht. Wo sind viele von denen gelandet, bei der Partei, bei der Gewerkschaft, bei der FDJ. Eben weggelobt und zur Parteischule geschickt. Wenn die dann zurückkamen, die Klugscheißerei von diesen Leuten, die hat doch keiner Ernst genommen. Keine Ahnung von den Dingen im Betrieb und über die Köpfe der Leute hinweggeredet. Tage darauf kamen der Chef vom Bezirk mit dem Parteisekretär vom Walzwerk zu mir. Ich war selbst in Leipzig gewesen und wusste, dass die Leute meine Worte redeten. Da waren auch einige Krakeeler dabei, DDR Scheiße – Westen alles gut, aber die Mehrheit dachte wie ich. Ich habe ja selbst an einer Demo teilgenommen, deshalb habe ich mich bei der Kampfgruppe geweigert. Wie soll ich das sagen, wenn du in solch einer Funktion bist, und sagst dann, das mache ich nicht, weigerst dich aus den und den Gründen, ich war doch selbst dabei, ich habe doch gesehen was die Leute wollen, bei mir habe ich gedacht, jetzt hast du voll ins Fettnäpfchen getreten. Halbe Stunde später kommt der Anruf, zum Parteisekretär. Da haben sie dann gesessen, deine Waffenkarte abgeben. Ich habe in Dresden noch Verwandte, das wusste aber keiner. Eine Halbschwester von mir. Das war die Zeit, wo sich die Dinge von Tag zu Tag entwickelten. Es ging ja explo73 sionsartig weiter. Dadurch bin ich dann wieder zurück. Alle Mann, die mich bis dahin auf dem Kieker hatten, hatten mit sich selbst zu tun, Parteisekretär und diese Leute. In Ilsenburg haben sich dann Leute in der Kirche getroffen. Wer hat sich in der Kirche getroffen? Die Privaten, der Bäckermeister und aber auch Mitarbeiter von mir. Wir müssen das alles ändern und da ich meine Klappe nicht halten kann, bin ich auch nach vorne gegangen und habe eine Rede geschwungen, ich als erwachter Genosse habe die und die Vorstellungen, so und so, die und die Änderungen müssen vorgenommen werden. Das habe ich alles vorgetragen und betont, dass ich mich dafür einsetze, Partei und Gewerkschaft von der staatlichen Leitung zu trennen. Und dann auch solche Sachen vorgeschlagen, wie der freie Zugang zu Grobs Loch, zum Ski Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt fahren. Mich hat das Thema Reisefreiheit gar nicht großartig interessiert. Ob man nun wirklich einmal in den USA gewesen sein musste, das hat mich nicht interessiert. Ich bin doch selbst nach Leipzig hingefahren, nicht um mir das anzugucken, sondern mitzumarschieren. Aber ich habe mich dort eingereiht, nicht um zu rufen, wie die meisten, DDR weg oder Reisefreiheit in die ganze Welt. Ich muss ehrlich sagen, das hat mich persönlich weniger interessiert. Mein Hauptgrund war, wenn wir schon über Reisefreiheit und so was reden, dass wir uns im grenznahen Raum wieder bewegen konnten. Wir wurden ja 1971 aus dem Sperrgebiet herausgenommen, das war damals so eine Art Sperrgebietsbereinigung. Für uns bedeutete das, wir konnten nicht mehr in die Wälder hinein, wo wir als Kinder herumgelaufen sind, z. B. in Grobs Loch, eigentlich eine Kleinigkeit, für uns war das schon wichtig, Grobs Loch, das waren so Wiesen mit Hängen, wo wir als Kinder immer Schlitten gefahren sind. Und das war alles gesperrt und wir durften da nicht mehr rein. Ich wollte, dass diese Gebiete frei­ gegeben werden. Dagegen, wie man Ordnung und Leistung in die Betriebe bringen kann, war für mich wichtig. Das Leistungsträger auch bestimmen und nicht die Partei, über den Kopf der qualifizierten Leute hinweg. Das war meine Maxime. Und weil ich gesagt habe, ich als erwachter Genosse, das hat mir dann später immer noch angehangen. Ich war dann nur noch der erwachte Genosse. Ich habe auch die Brockenerstürmung, die sogenannte Brockenerstürmung, mitorganisiert. Aber genau an diesem Tag war in Wernigerode von der Kreisleitung nochmal eine Zusammenkunft einberufen und quasi als einer der Delegierten des Walzwerkes bin ich dort hingefahren und habe dort genau die 74 gleichen Ansichten vertreten. Ich bin schweren Herzens dorthin gefahren, weil ich dachte, man könne noch was in diese Richtung bewegen. Was sich schnell als Illusion erweisen sollte. Und B. M., der war auf dem Brocken und hat sich später ganz dicke getan, als Befreier des Brockens. Da habe ich mich richtig geärgert, dass ich da nicht mit dabei war. KLASSENTREFFEN Die Begegnung mit den Deutschen der anderen Art Helmut Said Da gibt es so ein schönes Sprichwort, wie man sich bettet, so schallt es heraus. Ich habe diese Ossi-Wessi-Geschichte von den Leuten, die uns geholfen haben, insbesondere mir geholfen haben, nicht erlebt. Weder auf sportlichem Gebiet noch im beruflichen Umfeld. Im Gegenteil, sie waren sehr zögerlich, aus meiner Sicht manchmal sogar zu zögerlich. Im öffentlichen Dienst ist das Verhältnis der unterschiedlichen Verwaltungen schon ein besonderes. Wer da glaubt, dass die eine in die andere hineinregieren kann, etwa der Landkreis Wernigerode in die Stadtverwaltung Wernigerode, der ist auf dem Holzweg. Das wünschen sich zwar manche DDR-Bürger so, aber es geht nicht. Und ich würde das übertragen wollen, genauso wenig haben sich die Kollegen des Partnerlandkreises in unsere Sachen, unsere Arbeit eingemischt. Wenn wir gefragt haben, hat man uns Empfehlungen gegeben. Meistens auch noch ein bisschen von der Garnierung, denn man kann ja nicht alles in Schwarz-Weiß als Empfehlung geben. Ich kann aus meiner Erfahrung nur sagen, es gab nicht die sogenannte Überlegenheit, zumindest in Bezug auf die Kollegen, die ich da kennengelernt habe. Das war die zweite Ebene der Landkreisverwaltung. Mit meinem eigentlichen Pendant gehe ich heute noch einmal im Jahr essen, andere, mit denen ich das auch machen würde, sind schon verstorben. Wir treffen uns regelmäßig, ein- oder zweimal im Jahr. Und sprechen dann aber nicht über die ehemalige Arbeit, sondern wie es heut so geht, was man so in einer oder zwei Stunden besprechen kann. Ich habe diese Wessi-Überlegenheit nicht angetroffen. Wie es in der Industrie gewesen ist, entzieht 75 sich meiner Kenntnis. Ich kann nur sagen, dass viele meiner Bekannten, Verwandten, insbesondere mein Schwager, der noch viele Jahre im Elmo war, eigentlich bis zu seiner Verrentung im Elmo war, davon berichteten, dass eben durch die Privatisierung das und das erfolgt ist. Ich habe dann immer darauf hingewiesen, dass wir im Dezember 1990 einen Betriebsrat gewählt haben. Ihr müsst diesen Betriebsrat natürlich auch unterstützen. Wenn ihr das nicht macht, wenn ihr die Möglichkeiten des Betriebsrates nicht kennen wollt, dann macht es keinen Sinn. Und es macht schon gar keinen Sinn aus der Gewerkschaft auszutreten. Die Marktwirtschaft braucht starke Gewerkschaften. Und wer der Meinung ist, dass die Gewerkschaften nichts tun, der hilft sich auch nicht. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Jürgen Barnew Alle hatten Arbeit, die Leuten waren im Betrieb, wo man dann sozial eingebunden war. Das verstehen Wessis nicht. Wenn man versucht, dass zu erläutern, dann kommt es sofort zu einer Konfrontation. Weil sie zu mir sagen, du warst ja ein Rotarsch zu DDR-Zeiten, worauf ich immer sage, ich war keiner, weil ein Rotarsch, das waren für mich die, die nicht nach rechts und links geguckt haben und immer nur die Parteiparolen wiederholten. Ich habe gekämpft, gewühlt und gemacht und habe trotzdem meine Meinung gesagt. Was die Wiedervereinigung betrifft, ich hatte keine Vorurteile. Ich habe nur Leute verachtet, die am Tag der Wiedervereinigung ihr Blauhemd oder ihr Parteiabzeichen ganz weit weggeworfen haben und womöglich gleich eine CDU-Jacke drübergezogen oder ein CDU-Fähnchen geschwenkt haben. Das musste ich leider mehrfach erleben. Unser Betriebsparteisekretär gehörte zu dieser Kategorie. Damals haben wir ja darum gekämpft, dass jeder DDR-Bürger einen Gutschein bekommt, oder Guthaben bekommt, so was wie Aktienpapiere als Anteile am DDR-Vermögen. Das wurde ja damals hin und her diskutiert, was ja heute keiner mehr weiß. Natürlich, wie oft haben die Leute auf ihre Ferien oder Wochenendenden verzichten und sind beispielsweise ins Betriebsferienlager gefahren, um dort die Bungalows und Häuser zu bauen oder alles in Schuss zu halten und herzurichten. Der Betrieb hat auf Prämien verzichtet, die dort hineininvestiert wurden. Und so gab es ein Volksvermögen, das dann verscherbelt wurde. Die Wessis hatten ja ihre Taschen voll, oder waren 76 auch arme Schlucker … Also habe ich mich versucht zu orientieren, neu zu orientieren, um meine Talente meine Fähigkeiten und auch wieder meine große Fresse einzusetzen. In der Versicherung haben die hohen Herrn sich immer so hingestellt, ah, da sind sie aber froh, dass sie hier bei uns arbeiten dürfen, jetzt haben sie hier die große, heile Welt. Wenn ich dann in Stimmung war, habe ich dann geantwortet, Moment mal, ich bekomme eine kleine Provision, den größeren Teil erhält die Versicherung. Aber meistens habe ich gesagt, lasst uns fröhlich sein, bei Essen und Trinken, Schnauze halten. Das klingt rüde, aber mir war so. Weil, viele haben gedacht, dass Geschäft im Osten wäre leicht, man brauche nur die Straße langlaufen und einen Versicherung nach der anderen abschließen. Aber keiner von den Herren hat daran gedacht, dass da in der gleichen Straße noch zwei oder drei andere laufen und Angebote machen. KLASSENTREFFEN Gerhard Wonkel Es gab Leute im Westen, die haben gesagt, wir kaufen was von der Treuhand, halten die Firma solange die Treuhand vorgibt, machen unser Geld und verkaufen dann wieder, und wenn es nur die Immobilie ist. Ullrich Holster Es war ja Wild West, alles was da aus dem Wessiland kam. In der Hochzeit hatten wir 15 Gesellschafter. Mehr Gesellschafter als Angestellte. Vier Leute haben gearbeitet und 15 Gesellschafter. Am Anfang haben wir Erfahrungen sammeln und auch Lehrgeld bezahlen müssen. Damals waren wir zeitweise 15 Gesellschafter, alle hatten Tausend oder so um den Dreh beigesteuert. Viele davon auch aus dem Westen, die sich wohl gedacht hatten, sie könnten ihr Kapital mal schnell verdoppeln. Als es nachher mal eine schlechte Phase gab, da haben sie uns alle fluchtartig verlassen, da bin ich dann eingestiegen und habe Anteile gekauft. So hat sich die Zahl der Gesellschafter auf zwei reduziert, der eine war der Geschäftsführer, der andere war ich. Dann sind wir eine Fusion eingegangen mit einem Endoskopiehersteller in Berlin und der wiederum hatte noch einen Partner in München. Das hat sich aber bald zerschlagen. Der Münchner hatte uns immer als Stasischweine beschimpft, wenn wir anderer Meinung waren als er. Das war kein gutes Zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang muss man noch sagen, zu dieser Zeit hatten wir zwei Investmentbanken an Bord, die nicht viel an Anteilen hielten. Das 77 war eine größere Summe als stille Beteiligung und die offene Beteiligung war relative gering, d. h. sie wollten sich auch nicht so ins Geschäft einmischen. Und als es die Auseinandersetzungen mit dem Münchener gab, da wollte diese die Berliner Firma mit ihren Anteilen und ihrer Produktpalette übernehmen. In diesem Moment hat ein Mitarbeiter einer der Investmentbanken, eine bundeseigene, hundertprozentige Tochter der Deutschen Ausgleichsbank, mit allen Mittel, ohne Rücksicht, versucht seinem Kumpel aus München diese Anteile zuzuschieben. Meistens waren die Wessis aus der vierten oder fünften Reihe, die jetzt ihre Gelegenheit sahen. Der war Vorstandssprecher und wollte seinem Kumpel das zuschieben. Da gab es einen Schriftverkehr zwischen ihm und der Leitung der Bank, den uns ein anderer Mitarbeiter zugeleitet hat. Zur gleichen Zeit hatte ja eine Brandenburger Investitionsbank, die KBB, zu gleichen Bedingungen bei uns investiert. Und die haben da nicht mitgemacht, mit diesem ganzen Krempel dieses Herrn aus Berlin. Der hatte sich irgendetwas Faules einfallen Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt lassen, um zu verhindern, dass wir die Anteile der fraglichen Investmentbank übernehmen könnten, denn er wusste ja wir hatten kein Geld, um mitbieten zu können. Ihre stillen Anteile wurden, so sein Plan, im Wert nach unten korrigiert, die offenen Anteile nach oben, total undurchsichtig. Ich habe den Schriftverkehr dazu noch da. Wahrscheinlich gibt es viele Betriebe, die genauso in die Brüche gegangen sind, weil die Wessis haben sämtliche Positionen eingenommen, alles was fiskalisch war, da war kein Ossi mehr. Und mit denen musstest du diskutieren, wenn du Förderung oder Kredit haben wolltest. Wenn Du den Schriftverkehr liest, da wird dir sofort klar, der hielt uns für doof und für Leute, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. Und rechtlich alles mehr als fragwürdig. Da fühlte ich mich eher beleidigt, dass man uns für dumm verkaufen wollte. Letztlich ist diese Person aber über seine Machenschaften selbst gestolpert, weil der eine Mitarbeiter, der bereits an seinem Stuhl sägte, uns den Schriftverkehr hat zukommen lassen. Jürgen Barnew Dann war die Wiedervereinigung da und es kamen die ersten Nadelstreifenanzüge zu uns und haben im Betrieb allerlei erzählt, mit IT-Technik und Büroverwaltung. Und alle unsere lieben Ossis haben den Mund aufgemacht und bekamen ihn gar nicht mehr zu. Und haben sich dümmer angestellt als sie wirklich waren. Für irgendwelche Pillepalleerläuterungen haben die dann Tageshonorare von 3.000 DM kassiert. Das war 78 so eine schräge Situation. Wie oft habe ich mit dem Betriebsdirektor diskutiert, lass dir doch nicht alles einreden, wir haben doch bis eben schwarze Zahlen geschrieben und alle Aufträge pünktlich und in hoher Qualität erfüllt. Und genau in die Richtung müssen wir weiterarbeiten. Aber die sagen, wir sollen es so machen. Die Nadelstreifenanzüge hatten ja dazu geraten, wir sollten die Instandhaltung ausgliedern. Alles gut und schön, aber wir hatten doch keine eigenständigen Betriebe in der Elektronik, in der Hydraulik, die sofort diese Aufgaben wahrnehmen konnten. Die Instandhaltung zu diesem Zeitpunkt gegen null zu fahren und den Leuten zu kündigen, war Blödsinn. Ich habe mich geweigert, dass mitzumachen. Der dümmste Instandhalter, den wir haben, der ist zehnmal besser mit der Anlage vertraut und hat mehr Erfahrungen als jeder, den wir aus den Westen kriegen können, oder der sonst noch wo rumläuft. Kein Ossi konnte mit einer Kündigung umgehen. Das kannten sie doch nicht in ihrem Leben, diese Erfahrungen fehlten doch völlig. Wenn ich jetzt also Meyer oder Schulze KLASSENTREFFEN kündige, dann schließt der sich erstmal für zwei oder drei Wochen ein, mindestens, er kann mit dem Satz, mir hat man gekündigt, nicht fertig werden. Der ist dann auch so verletzt und nachtragend, dass du den nie wieder zurückbekommst: Du Arsch hast mir gekündigt. Jetzt wo die Kacke am Dampfen ist, da soll ich wiederzurückkommen. Leck mich mal! Mach dein Scheiß allein. Und sagte ich, seht ihr nicht wir wohnen im grenznahen Bereich, den Instandhalter, den ich entlassen, der geht in Hauslatschen nach Bad Harzburg oder Goslar und fängt in irgendeinem Hotel als Hausmeister an, bekommt dort 100 DM mehr und kommt nie wieder zurück. Drüben wird der Hausmeister entlassen, weil der Chef einen billigeren Ossi bekommen kann. Und aus dem Westen bekommen wir schon gar keinen. All das haben wir stundenlang diskutiert. Hin und her, wie es überall wahrscheinlich so war. Die Betriebsleitung hatte ja auch den Arsch in den Händen, alle haben gedacht, wenn sie nur häufig genug nicken und den Wessis den Steigbügel halten, dass sie ihren Job behalten könnten. Karl-Christian Karte Und was die Leute aus dem Westen betrifft, so habe ich eigentlich auch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Das Einzige, dort wo es um Macht oder um Geld ging, da wurden sie ein wenig strikter und wollten ihre Interessen durchsetzen. Im fachlichdienstlichen, kann ich nur widerholen, habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, z. B. mit Trägern aus dem Westen, die ein Kinderheim übernahmen. 79 Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Neue Perspektiven und unbekannte Herausfoderungen Karl-Christian Karte Nach dem Fall der Mauer kam die spannendste Zeit meines Lebens. Nicht so sehr was die Arbeitsstelle, also die Hochschule betrifft, sondern in Bezug auf all das, was rundherum passierte. Ich hatte den Eindruck, dass alles in Bewegung geriet und alles möglich sei. An der Hochschule kündigten sich auch Veränderungen an, der Strukturen, das Institut für Weiterbildung sollte geschlossen werden, aber ich muss auch sagen, dass ich nicht in den Gremien war, die die Weichen gestellt haben. Bei den ersten Monatgsdemonstrationen in Weimar war ich noch Zuschauer und stand am Straßenrand. Und ich habe etwas skeptisch auf die Leute geschaut, die da marschiert sind. Das muss ich ehrlich sagen. Mir war zwar völlig klar, es müsse was passieren, aber ich habe mich nicht unter die Demonstranten gemischt. Dann gab es die Diskussionen vor der Stadthalle mit den Parteioberen, das war die Zeit, wo es sehr interessant und spannend in Weimar wurde. Wir wohnten auch nicht weit von der Stasizentrale und jeden Nachmittag bin ich da vorbei und habe mit Interesse die Aufläufe dort beobachtet. Im Oktober 90 wurde ich arbeitslos. Meine Stelle an der Hochschule wurde zunächst um die Hälfte gekürzt und bald war ich zwei Monate arbeitslos. Dann konnte ich wieder eine Stelle in der Landkreisverwaltung finden. Daher war meine Arbeitslosigkeit 80 kurz nach der Wende eine Episode und hat mich deshalb nicht so schlimm getroffen. Somit war die Welt im Großen und Ganzen in Ordnung. Ich hatte mich mit der neuen Situation arrangiert, ohne mich zu verbiegen oder meine Fähnchen nach den Winden zu hängen. Also meine Gesinnung habe ich nicht über Bord geworfen. Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, außer mit denen, die sich plötzlich gewendet hatten. Jürgen Barnew Mit der Arbeitslosigkeit konnten viele nicht umgehen. Das war schon ein psychisches Problem, weil man dafür nicht trainiert war. Der Wessi kannte Arbeitslosigkeit, es konnte zum Leben dazugehören, das wusste er. Der Ossi kannte keine Arbeitslosigkeit und war erst mal geschockt. KLASSENTREFFEN Demonstration vor dem Treuhandsitz in Berlin am 1.Juli 1990 © ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler Ullrich Holster Die Katastrophe kam danach! Am Anfang war das ja noch nicht so deutlich, aber bald war klar, was passieren würde. Die DM und die Wiedervereinigung rückten ja immer näher. Früher hieß es ja, die Wiedervereinigung, die steht nicht auf der Tagesordnung. Sehr bald wurde Kurzarbeit angeordnet, gewünscht war aber, dass voll gearbeitet wurde. Wir waren 400 Beschäftigte, die Russen unsere Hauptabnehmer wollten und 81 konnten nicht in Devisen zahlen. Eine Sparte hatte Reizstromgeräte für Siemens gefertigt. Dann sollte dies ausgebaut werden. Der Werksleiter, ein junger Kerl mit Doktorarbeit, sogar noch jünger als ich, war zwar in der Partei aber nicht so affin, der hat dann mit mir ein Gespräch geführt. Der Anlass war die Umstellung auf den neuen Tarif, den einzelnen Einstufungen musste der Betriebsrat zustimmen. Der hat aber sich das sehr einfach gemacht und noch nach Dauer der Zugehörigkeit entschieden. Ich fühlte mich nicht leistungsbezogen bezahlt, deshalb habe ich mich beim Betriebsleiter beschwert. Der sagte nur, das ist jetzt so, finde dich damit ab. In sechs Monaten stufe ich dich neu ein und dann ist gut. Bei der Gelegenheit haben wir dann über einige Projekte gesprochen, die auf dem Markt im Westen guten Chancen hätten. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Dann tauchten auch die Berater vom Westen auf, die sagten, was man machen müsste. Und dass haben unsere Leute dann auch größtenteils gemacht und sie haben abgebaut und abgebaut. Dann hieß es aus der Betriebsleitung, wer in der Kurzarbeit nicht so arbeitet, wie wir uns das vorstellen, von dem werden wir uns trennen. Aber so weit ist der Betrieb gar nicht gekommen, denn ich sag mal, diejenigen, die sich gekümmert haben, waren dann schon weg. Es blieb nur ein kleines Häuflein, die ganz alten. Heute existiert dieser Betrieb noch mit sechs Beschäftigten. Sie waren aber bis auf drei heruntergegangen, konnten sich aber wieder etwas hocharbeiten. Und das alles nur über das eine Gerät, aber weiterentwickelt. Später haben sie auch noch ein Ultraschallgerät produziert, ein richtig gutes und toll designtes. Das lief gut, der Betrieb wurde dann verkauft, der Betrieb wurden dann aufgespalten und nur ein Teil hat überlebt. Ich wollte aber keine Kurzarbeit machen, also voll arbeiten und Kurzarbeit bezahlt werden. Deshalb habe ich mich schon mal umgeschaut, was ich noch machen könnte. Wir Kollegen haben dann eine Ausgründung gemacht, was Eigenes angefangen, wo ich dann seit 92 auch Gesellschafter war. Und dann ging das Auf und Ab erst richtig los, viele Gesellschafter gaben sich die Klinke in die Hand, weil sie in Wirklichkeit nicht an der Entwicklung des Unternehmens interessiert waren, sondern das Unternehmen nur als Vertriebsstation nutzen wollten. Ich war ja in einem Betrieb beschäftigt, der Geräte für die Physiotherapie herstellte, Mikrowellen-, Kurzwellen- und Ultraschallbehandlung. Als die Wende kam war es aus, denn der Hauptabnehmer war die Sowjetunion. Mit der Währungsunion hätten die Devisen bezahlen müssen und das war illusorisch. So blieb nur noch Siemens als guter 82 Kunde, für den Kurzwellengeräte gebaut wurden. Das ging dann auch noch eine Weile weiter. Aber der Betrieb wurde mehr und mehr geschrumpft. Wir waren mal 400 Leute. Und dann kam erst Kurzarbeit und dann die Entlassungen. Als ich gegangen bin waren es noch 120 Beschäftigte und ganz zum Schluss waren es noch vier Leute. Eine Entwicklung, die abzusehen war, so dass man sich überlegen musste, was man machen würde. Die meisten waren der Meinung, man müsste sich irgendwo im Westen was suchen. Das war bei mir ein bisschen blöd, weil ich ein Haus gebaut hatte. So dass wir, Kollegen und ich, uns gesagt haben, da müssen wir eben selber was auf die Beine stellen. Es hatten schon welche angefangen, da war ich noch im alten Betrieb und habe bei denen mal so reingeschaut und sie ihrerseits haben gefragt, ob ich nicht zu ihnen kommen will. Und dann musste ich mich ja entscheiden, bleib ich im alten Betrieb oder gehe zu ihnen. In Kurzarbeit wollte ich auf keinen Fall, zumal dort gefordert wurde, trotz Kurzarbeitergeld voll zu arbeiten. Aber im alten Betrieb konnte es nicht bergauf gehen, wie es konzipiert war, denn es brauchte neue Kunden und die waren nicht in Sicht. KLASSENTREFFEN Der Gedanke war, sich nicht in einen Verdrängungswettbewerb zu begeben, sondern eine Nische zu finden. Wir haben mit Endoskopie angefangen, das war damals eine Nische, heute ist es gang und gäbe. Haben Endoskope in Handarbeit für den HNOBereich gebaut. In diesem Bereich waren die geforderten Stückzahlen so gering, dass es sich für die Großen nicht lohnte. Das wurde dann also unsere Nische. Inzwischen kann man ganz billige Endoskope in China kaufen, aber bei der Qualität kann man ein Fragezeichen machen. Manche Ärzte legen Wert auf Qualität, anderen ist das egal. Wir waren dann Komplettanbieter, d. h. wir haben Lichtquellen, die man braucht, die Kameras und die eigentlichen Endoskope selber gefertigt und auch noch die Vor­ wärmer, also eine gesamte Kette. Die Endoskophersteller haben meist nur Endoskopiegeräte produziert. Aber in Bezug auf die Qualität lässt sich sehr viel herausholen, wenn man den ganzen Weg beherrscht. Vom Anfang bis zum Ende, auch Bildspeicher haben wird gebaut. So dass wir sichtbar machen konnten, was wirklich Qualität bedeutete. Aber die Überzeugung, Qualität leisten zu können und damit auf dem Markt zu bestehen, war nicht von Anfang an da. Bevor ich Gesellschafter geworden bin, hatten wir noch zwei andere Gesellschafter dabei, einen Endoskophersteller und eine Firma aus dem HNO-Bereich, von denen wir auch Entwicklungsaufträge bekommen haben. Das war ein guter Einstieg, denn wir haben gesehen, was der Markt braucht und haben uns gesagt, das können wir doch allemal. Das ist doch nix, das können wir dicke. Mit dieser Einstellung sind wir darangegangen. Als wir mit unserer Firma noch ganz klein waren, eigentlich zu viert, habe ich mich für die betriebswirtschaftliche Seite sehr interessiert. Obwohl ich ja nie Geschäftsführer 83 war, sondern immer in der Entwicklung gearbeitet habe. Als Geschäftsführer muss man ein bisschen extrovertierter sein, das bin ich ja nicht. Aber die Leute, die dann bei mir gearbeitet haben, die konnte ich mir schon aussuchen. Damals am Anfang habe ich so Excelprogramme gemacht, wie sich denn der Preis in Funktion von der Stückzahl gestalten müsste. Welche Stückzahlen man braucht, um die Leute bezahlen zu können und zu welchem Preis wir verkaufen müssen. Das war eine Hilfe, genau zu sagen, wenn einer 20 Stück beispielsweise brauchte, für welchen Preis wir das Stück verkaufen mussten. Wir haben mit vier Mann angefangen. Es hat relative lange gedauert bis wir 20 waren und dann nochmal so lange bis wir 40 waren und dann ging es ganz schnell, das wir 100 sein mussten, denn dann kamen die entsprechend Stückzahlen. Wir haben sogar eine Außenstelle in China aufmachen müssen. Wir verkaufen gut nach China. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Helmut Said Später nach der Wende bin ich ja in ein ganz anderes Fach gewechselt, ich will nicht vorgreifen, aber da habe ich immer wieder Menschen getroffen, Männer und Frauen aus der DDR, die mir gesagt haben, das haben wir nicht gelernt, das können wir nicht. Wenn ich dann entgegnete, aber sie können doch noch lernen, dann habe ich oft gehört, dafür bin ich zu alt. Und das sagten Personen, die vielleicht mal gerade 40 waren. Mich hat das nie gestört in meinem Leben, dass ich mich neuen Aufgaben stellen musste. Ich war dann bis zur Wende im Elmo, hab dies und das gemacht, und wäre auch bestimmt noch länger geblieben. Im Sommer 1990 hab ich zum letzten Mal Lagerleiter im Kinderferienlager gemacht, danach war die Sache ja sowieso zu Ende. Und ich habe mit Erschrecken festgestellt, als ich aus dem Kinderferienlager zurückkam, im Mai waren ja die Kommunalwahlen gewesen und im Juli die neuen Positionen des Landkreises gewählt, da habe ich mit Erschrecken festgestellt, wer da gewählt wurde und wer eigentlich noch das Sagen hatte. Da habe ich gesagt, jetzt ist Schluss, ich hätte mich schon sechs Monate eher auf die Schiene begeben müssen, und bin dann zum Landkreis Wernigerode, Nachfolger des Rates des Kreises Wernigerode, gegangen, habe mich dort um eine führende Position beworben und bin dann ab Februar 1991 dort tätig geworden. Völlig anderes Aufgabengebiet, das ich bis zu meiner Verrentung ausübte. Ich musste mich in autodidaktischer Weise einarbeiten, was ich für meine Ansprüche geschafft habe. Wenngleich ich in den 25 Jahren meiner Tätigkeit durchaus gemerkt habe, dass ich über keine juristische Ausbildung verfügte. Andererseits konnte man sich bei unserem 84 Partnerlandkreis Goslar, die uns ab August 90 sehr großzügig unterstützt haben, jeder Zeit fachlichen Rat holen. Das war dann eine große Hilfe. Mein Arbeitstag war dann von sieben bis neunzehn Uhr, eher bin ich nicht rausgekommen. Und wenn Kreistag war, oder Kreisausschuss, wurde es auch mal zweiundzwanzig, dreiundzwanzig Uhr. War eine spannende Zeit, vor allem die ersten Jahre, nachher ist das dann, nicht unbedingt Routine geworden, aber eher in geregelteren Bahnen verlaufen. Eben ruhiger geworden. Ich bin in die öffentliche Verwaltung gegangen, nicht, weil ich Sicherheit haben wollte. Das hätte vielleicht später eine Rolle gespielt oder spielen können. Im Jahr 1990 ging es mir darum, die Krusten aufzubrechen. Ich konnte mich nicht damit abfinden, dass den alten Mitarbeitern des Rates des Kreises die Posten zugeschoben wurden. Hier muss man noch hinzufügen, am 1. Januar 1991 ist der Tarifvertrag Öffentlicher Dienst KLASSENTREFFEN in den neuen Bundesländern in Kraft getreten, außer den Vergütungs- und Eingrup­ pierungsreglungen, die ein halbes Jahr später in Kraft traten. Als ich dann am 1. Februar 1991 kam, waren alle Stellen schon besetzt, im zweiten Halbjahr 1990 wurde alles hin und hergeschoben. Ich habe dann später, fünf oder zehn Jahre später, immer sagen müssen, es tut mir leid, dass sie trotz guter Qualifizierung einen schlecht eingruppierten Job machen müssen. Die„Gnade“ der Stellenverteilung ist an ihnen vorbeige­ gangen. Damals sind Leute auf Stellen gekommen, und das Arbeitsrecht ist auf Seiten derer, die diese Stellen bekleiden, die dort nicht hingehören, nicht vom Intellekt, nicht von der Vorbildung. Die sind aber da und die bekommst du ganz schlecht runter. Oder du beschäftigst 50, 60 Juristen, die dann mit allen Spitzfindigkeiten wirklich Hand anlegen. Ich habe gehofft, was bewegen zu können. Ob es wirklich hundert­ prozentig in Erfüllung gegangen ist, da habe ich wirklich Zweifel. Was geht schon zu Hundertprozent in Erfüllung, aber ich konnte viel mitdrehen und in eine positive Richtung bewegen, das würde ich schon für mich in Anspruch nehmen. Im Besonderen habe ich in meiner Funktion mich natürlich mit der sogenannten Stasigeschichte beschäftigen dürfen. Es sind ja alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes gemäß Stasi-Unterlagen-Gesetz einer sogenannten Regelüberprüfung unterzogen wurden. Da hatte ich zusätzlich meine Aufgabe. Aufgrund dieser Aufgabe habe ich viele graue Haare bekommen, um das auf gesunde Füße zu stellen. Und gesunde Füße will heißen, dass für diesen Personenkreis, der für die Stasi tätig war, genau abzu-­ wägen und personalrechtlich zu würdigen war, ob unter Beachtung dieser Stasi-Tätigkeit eine weitere Beschäftigung im öffentlichen Dienst möglich war, und wenn ja, an welcher Stelle. Im sogenannten Verwaltungspersonalausschuss konnte daher nicht nur schwarz oder weiß bewertet werden. Allerdings sind nun mal in einem politischen 85 Ausschuss eben die Mitglieder aller im Rat vertretenen Parteien vertreten, sowohl ­Radikalinskis als auch solche, die die Stasi als Fliegenschiss abtun. Das war eine riesige Arbeit und trotzdem schafft man es nicht, alles aufzuarbeiten. Ich habe es in meinem Zuständigkeitsbereich nicht so aufarbeiten können, wie ich es mir gewünscht hätte. Das hat man nach solchen Umbrüchen und ich musste mir das eingestehen. Da ist viel auf der Strecke geblieben. Als Don Quixote kommt man nicht sehr weit. Auch um ehemaliges Tun und Handeln zu sanktionieren, muss dessen Rechtswidrigkeit bewiesen sein. Dennoch wurde viel bewegt. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Ich war sehr überrascht, als ich mir im ersten Arbeitsrechtsstreit vom Berufsrichter habe sagen lassen müssen, dass ich überzogen habe. Aber man lernt daraus. Derjenige der möglicherweise 20 Jahre hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS 30 war und seinen Nachbarn verpfiffen hat, dass der inhaftiert wurde, etc. das führt nicht automatisch dazu, dass der im öffentlichen Dienst nicht weiterarbeiten kann. Ich habe immer als Erklärbeispiel genommen, wenn jemand als inoffizieller Mitarbeiter oder hauptamt­ licher Mitarbeiter, es gab ja auch hauptamtlicher Mitarbeiter, die in der öffentlichen Verwaltung platziert waren, der dann möglicherweise in der Jugendhilfe in der DDR beschäftigt war und vielleicht für Zwangsadoptionen verantwortlich war, den kann man dann nach dem 3. Oktober nicht mehr im Jugendamt beschäftigen und weiterhin für Adoptionen zuständig sein lassen. Aber als Pförtner kann er noch eingesetzt werden. So kann man es erklären, Leuten, die daran zu knabbern haben. Sie müssen es aber trotzdem nicht verstehen, sprich akzeptieren. Ein Satz nochmal zur BGL. 1990 da waren ja schon alle Lieder gesungen. Aber Anfang 1990 hat die Modrow-Regierung verschiedene Hinweispapiere in die Betriebe gegeben, über die Bezirksleitungen, über die Kreisleitungen. Unter anderem kam da auch zum Ausdruck, wir müssen jetzt Betriebsräte nicht wählen, sondern bestimmen. So hat man dann gesagt, ab morgen sind die Ersten Vorsitzenden der BGL die Vorsitzenden des Betriebsrates, deren bisherigen Stellvertreter dann die Mitglieder des Betriebsrates. Das war so ungefähr im März 1990 gewesen. Und ich habe ja schon immer viel Verwandtschaft im Westen gehabt. Meine Familie wurde nach 1945 aus dem Polnischen rausgedrängt. Außer meinem Vater sind alle in den Westen gegangen. Aber ich stand immer im Kontakt mit den Verwandten. Eine Cousine von mir war Bibliothekarin und 86 die habe ich gebeten, schick mir doch mal ein Exemplar des Betriebsverfassungs­ gesetzes. Das hat sie gemacht und ich habe mich im Mai, Juni damit beschäftigt und bin dann zu unserem neuen Betriebsrat, sprich alte BGL, gegangen und habe gesagt, euch ist aber schon klar, dass wir nach dem Betriebsverfassungsgesetz, nach dem 3. Oktober, eine ordentliche Wahl nach bundesdeutschem Recht durchführen müssen. Ja, war die Antwort. Na dann gut, ich stelle mich zur Verfügung als Wahl­-­ kom­missionsleiter, habe ich gesagt, wenn ihr damit einverstanden seid. Sie waren ein­verstanden und dann habe ich die Betriebsratswahlen organisiert, für 3.500 Leute, soviel waren wir damals im Elmowerk, zusammen mit einem Kollegen. 30 MfS= Ministerium für Staatssicherheit KLASSENTREFFEN Jürgen Barnew Dann war die Wende da, aber noch nicht das Westgeld. Dann habe ich viel getauscht, Ostgeld in Westgeld, hin und her. Dann haben mich Leute im Betrieb angesprochen, du hast doch Verwandte im Westen. Kannst du nicht mal dies und das besorgen. Und ich habe dann Dinge gekauft und wiederverkauft. Wenn man kleine Rechner gekauft hat, da konnte man aus 10 Westmark 250 oder 280 Ostmark machen. Oder Disketten, als das losging. Gerhard Wonkel Bei mir ging das dann alles ein bisschen anders. Die Wende hat für mich eigentlich keine besondere Rolle gespielt. Ich bin mit der Situation ganz gut klargekommen. Ich hatte nur einiges, ganz schön heftige Dinge, im Betrieb um die Ohren, weil wir auf einmal keinen Umsatz mehr hatten. Russland ging nicht mehr, da war nix mehr. Wir wussten nicht, was wir machen sollen. Da hatte ich schon starke Kopfschmerzen. Die Zeit der Wende habe ich in der Firma so erlebt: Wir haben in der Firma zwei Dinge gemacht, wir haben den volkseigenen Betrieb in eine GmbH überführt und wir haben einen Sanierungsplan für die Treuhand geschrieben. Die Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsprüfer aus München, die Arbeit an der Eröffnungsbilanz der GmbH, das alles hat mich traurig gestimmt, wie alles so abgewertet wurde, was bei uns stand, dies nix wert, das nix mehr wert. Der Betrieb wurde richtig billig gemacht. Alles was älter als zwei oder drei Jahre war, hatte keinen Wert mehr. Alles abgeschrieben. Da dachte ich immer wieder, hier geht es verdammt brutal voran. Nun gut, die Eröffnungsbilanz stand dann, 87 damit wurden wir eine GmbH unter dem Dach der Treuhand. Und ich muss sagen, die Zusammenarbeit mit der Treuhand, war für uns ein Segen. Wir haben ein Konzept erarbeitet, das habe ich noch geschrieben, dann kam ein Wirtschaftsprüfer von der Treuhand mit einem dicken Porsche vorgefahren. Hat sich unser Konzept angeguckt, anschließend zwei Stunden mit uns diskutiert und dann einen grünen Stempel daruntergesetzt. Damit waren wir sanierungswürdig und wir haben monatelang Geld von der Treuhand bekommen, ohne dass wir auch nur eine Fliese produziert haben. Ich bin jeden Monat zur Deutschen Bank gefahren, nicht mehr zur Staatsbank, und habe das Geld bekommen, um die Löhne zu zahlen. Unproblematisch. Das war eine schöne Zeit, wir haben nichts produziert, aber hatten immer Geld. Die Belegschaft wurde abgebaut, weil wir ja nicht mehr produzierten, die polnischen Arbeiter wurden sofort nach Hause geschickt. Das war schon sehr früh passiert, praktisch einen Tag nach dem Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Mauerfall. So schnell ging das, da war unser Chef rigoros. Im Frühjahr 90 gingen dann die Entlassungen los, noch während der DDR-Zeit, 280 auf 70 Mitarbeiter. Wir haben dann auch Geld für Investitionen bekommen, mit Geld der Treuhand haben wir dann einen neuen Ofen aufgebaut, einen Rollenofen für Fliesen. Und dann wurden wir, das hat unser Chef hinbekommen, großer Lieferant für Lidl. Mit anderen Worten, durch die Unterstützung der Treuhand haben wir überlebt. Und dann kam wieder so ein Ding. War es Glück, ich weiß nicht. Wir hatten einen Unternehmensberater aus Itzehoe bei uns, also im Fliesenwerk. Der hat dann gesagt, ich habe eine Stelle für dich, du kannst Geschäftsführer in Wittenberg werden, bei einer Metallbaufirma, das ist genau das Richtige für dich, das Unternehmen hat Zukunft, usw. Diese Stelle habe ich angenommen, für ein Jahr. Ich war auch ein Teilhaber der Firma, die Anteile hatte mir der Berater vermittelt. Ich habe ihm dann noch zwei Monats­ gehälter als Provision für die Vermittlung abtreten müssen, aber das nur nebenbei. War mir jedenfalls zu diesem Zeitpunkt ganz neu solch eine Gebühr zu zahlen. Jedenfalls habe ich meine alte Firma verlassen, weil ich dachte, in der neuen Position würde es mir bessergehen. Wir hatten Superaufträge, wir haben für den Schiffsbau an der Ostsee ­geliefert, Metallbauteile. Ich habe gemerkt wir müssen investieren, wenn wir weiter im Geschäft bleiben wollen, sonst wäre es über kurz oder lang nicht mehr weitergegangen. Wir brauchen Geld, wir müssen neue Maschinen kaufen. Jetzt konnte ich mich aber nicht mehr an die Treuhand wenden, sondern als Geschäftsführer eines privaten Unternehmens musste ich zur Bank gehen. Da hat der Direktor gesagt, sie kriegen das Geld, aber nicht ihre Firma, sondern sie persönlich, ich sollte dafür geradestehen. Sofort habe 88 ich gemerkt, dass ich dieser Sache nicht gewachsen bin und ich das nicht machen ­möchte. Ich habe den Kredit nicht genommen und bin kurz darauf ausgestiegen. Private Haftung über 250.000 DM war zu viel, das war für mich eine Unmenge Geld, unvor­ stellbar. Das war zu viel Geld, ich konnte nachts nicht schlafen. In der neuen Firma habe ich mich als Geschäftsführer richtig reingekniet. Arbeiten konnte ich ja. Ich wollte selbständig werden, ich hatte den festen Wunsch unternehmerisch tätig zu werden. Und ich war dankbar, dass mir der Unternehmensberater über den Weg lief und mir diese Stelle vermittelt hat. Die Bereitschaft und auch eine gewisse Euphorie waren da. Aber die Verhandlungen mit den Banken, die Sorgen um die Zukunft der Kollegen, all das hat mich um den Schlaf gebracht. Die Anforderungen an den Geschäftsführer, davon fühlte ich mich überrumpelt und ich war der Situation nicht gewachsen. Vielleicht war auch die Erziehung, die man im Lauf der DDR-Jahre erhalten hat, das ganze Umfeld in der DDR, dafür verantwortlich, dass ich nicht so KLASSENTREFFEN Umbenennung der Bersarinstraße in Berlin-Friedrichshain, 1991 © ddrbildarchiv.de/Manfred Uhlenhut handeln konnte, wie von mir erwartet wurde. Aber es war eine zu aufregende und nervenzehrende Zeit. Am Ende musste ich diesen Job wieder aufgeben. Dann begann eine Zeit, die wurde recht turbulent. Mich sprach ein Freund an, kannst du nicht bei mir einsteigen. Das lief dann auch nicht so richtig. Dann war ich bei Raab Karcher im Außendienst. Auch Fliesen verkauft. Und so ging es immer so weiter. Dann 89 war ich beim Bayrischen Fliesenhandel, Niederlassung Wittenberg bis 2000. Dann ­haben die den Laden zugemacht. Sie mussten fünf Jahre halten, so war die Bedingung der Treuhand beim Verkauf. Dann haben sie die Immobilie verkauft. Es war alles so wie ein Räderwerk, in dem man drinhing, ohne wirklich bestimmen zu können. Wir sind in diesem Räderwerk immer getrieben worden. Für eine gewisse Zeit war ich ein Zahn in diesem Getriebe und mal wieder nicht mehr. Und das ging ziemlich lange so. Die ganze Nachwendezeit war ein einziger Wechsel von Arbeitsstellen, immer unterwegs, von einer zur anderen. Ich war beim Bayrischen Fliesenhandel, dann in einem Sanitärhandel, dann mal wieder im Fliesenwerk für drei Jahre, immer so weiter. Aber nie wieder was mit Elektronik oder EDV. Es war ein hin und her, von einem Betrieb zum anderen, aber ich habe immer wieder Angebote bekommen. Das ist das Komische. Ich war eine Weile arbeitslos, dann kam einer und sagte, bei mir kannst du anfangen, oder da ist eine Stelle. Und irgendwann führte mich dieser Zickzack von der Fliesenbranche Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt zur Beschichtungsbranche. Das ging eine Zeitlang recht gut im Außenvertrieb, aber dann ging die Firma Konkurs, einer der Chef gründete dann seine eigene Firma und nahm mich mit. Und so ging es weiter, bis ich eines schönen Tages sagte, du musst den Vertrieb auf eigene Rechnung machen, so habe ich dann meine eigene Firma gegründet. Und meine Frau wurde meine Angestellte, denn sie war schon einige Zeit arbeitslos. So war ich weiterhin im Außendienst und meine Frau machte die ganze Verwaltung und die Telefonakquise. Und das geht bis heute so. Jürgen Barnew Vier Monate nach der Wiedervereinigung, vielleicht auch fünf, habe ich deutlich gesagt, dass ich das nicht mitmache und keinen Instandhalter entlassen werde. Und zu diesem Moment habe ich begonnen daran zu denken, das Walzwerk zu verlassen. Weil mir war klar, das wird nichts, wenn die Wessis das übernehmen, dann ist kein Platz für mich. Für einen Wessi arbeite ich nicht, da komme ich bestimmt nicht zurecht. Aufgrund meiner großen Fresse schmeißt man mich sowieso raus, irgendwann, also gehe ich lieber selber. Und habe das vorbereitet. Ich habe dann die Kündigung eingereicht. Da haben sie mir dann gesagt, das geht nicht, wenn ich kündige wird der Betrieb soundso viele Einbrüche haben und ich sollte mindestens noch ein Jahr bleiben, um den Vertreter einzuarbeiten. Und dazu hatte man mir das Gehalt des Technischen Direktors in Salzgitter angeboten. Ich habe aber auf meine Kündigung bestanden und habe auf meine betriebliche Altersvorsorge und eine Abfindung verzichtet, vorausgesetzt ich könnte nach vier Wochen gehen. 90 Dann saß ich zuhause, vorher 24 Stunden für den Betrieb und jetzt mit der großen Fresse allein auf der Couch. Dann habe ich mir gesagt, jetzt muss ich mal übern Zaun schauen und sehen, womit verdienen die Wessis ihre Kohle. Deshalb habe ich zuerst bei den Banken vorgesprochen, wo immer wieder die gleiche Frage kam, haben sie eine Bankausbildung. Dann blieben nur noch die Versicherungen. Da habe ich eine angerufen und gleich kam der Bezirksleiter bei mir vorbei, weil es war ja auch die Stunde des enormen Aufbruches für die Branche. Der hat mir dann alles Mögliche erzählt. Und ich dann nur, ihre müsst doch Unterlagen haben, gibt mir die alle mal. Und dann habe ich 14 Tage lang alles studiert, essen, trinken, ganz wenig, ansonsten habe ich gerechnet. Von Hand habe ich Tarife durchgerechnet und habe für mich so ein Konstrukt ausgerechnet, um zu wissen, was geht und was für mich als Verdienst bleibt. Die Versicherung, auf die ich gestoßen war, hatte damals im Bereich Lebensversicherung 24 oder 28 unterschiedliche Tarife, Männlein, Weiblein, Altersklassen, usw. Alles KLASSENTREFFEN durchgerechnet und dann wirklich bei der Versicherung angefangen. Innerhalb eines Jahres habe ich dort eine Riesenkarriere gemacht. In den ersten drei Jahren habe ich mehr Umsatz gemacht, als Einzelperson, als die gesamte Bezirksdirektion. Meine Stornoquote lag unter 0,4%, während insgesamt die Quote so um 27% schwankte. Ruckzuck war ich im gesamten Unternehmen bekannt. Alle möglichen Wettbewerbe habe ich gewonnen. Ich stehe im Goldenen Buch dieses Unternehmens, als einziger wurde ich schon nach einem Jahr zum Generalagenten gekürt, weil ich so außergewöhnliche Leistungen gebracht habe. Und das war nicht so einfach, auf diese Erfolgsquote zu kommen, denn wenn ich die Straße runtergegangen bin und habe meine Produkte angeboten, dann ist auf der anderen Straßenseite mindestens ein Vertreter einer anderen Versicherung ebenso auf der Suche nach Kunden gewesen. Alles was ich verkauft habe, habe ich selber verkauft. Auf alle Fälle habe ich da richtig gewühlt, Zeit hat mich interessiert, und natürlich auch gut Geld verdient. Trotzdem bin ich der gleiche Mensch geblieben, der ich immer war. Geld hat mich nicht primär interessiert. Ich wollte immer irgendwas erreichen, dann kommt automatisch Geld. Ich habe im Ostsystem Leistung gebracht und im Westen Leistung gebracht. Und all das, was ich in meinem vorherigen Leben gelernt hatte, war mir eine Hilfe. Und andererseits war ich mir eben sicher, dass mir nichts geschenkt werden würde. Ich habe gesehen, dass manche Leute zwei, vier oder sechs Jahre gebraucht haben, um auf den Posten zu kommen, den sie innehatten. Da war mir doch klar, dass ich nicht kommen und sagen konnte, hört mal zu, ich war dies und das, jetzt will ich einen ähnlichen Posten, für den anderen eben zehn Jahre gebraucht haben. Ich musste mir also alles erarbeiten. Und nur mit dieser Einstellung ist es mir gelungen, in einem Jahr eine Position zu erreichen, für die in der Regel mehrere Jahre notwendig sind. 91 Gabriele Zeitze Der Betrieb hat schon zu DDR-Zeiten viel in den Westen exportiert, vor allem nach West-Berlin. Und diese Person, der Mann, der in West-Berlin unsere Produkte vertrieb, hat die Firma gekauft. Das ging alles sehr schnell. Der Übergang von DDR in das neue Wirtschaften. Das war wohl gut vorbereitet von dem, ruckzuck hat man uns das neue System übergestülpt. Für mich bedeutete das, nicht nur für den Einkauf der Technik zuständig zu sein, sondern nun für den gesamten Einkauf. Ich habe dann die Rohstoffe, die Flaschen und alles was notwendig war eingekauft, so dass ich in einer Rolle war, die mir gefallen hat. Und auch der neue Chef, der also die Firma übernommen hatte, war mir sehr wohlgesonnen, hat mich gefördert und der merkte auch, ich bin Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt willig und mach alles, wie er das vorgab. Ich war froh, dass alles so gekommen ist. Nicht zu vergessen, dass sich in dieser Zeit unsere Belegschaft um ein Drittel reduzierte. Es lief alles gut mit dem Chef, bis Ende 90 ungefähr. Dann wechselte die Leitung und jetzt wurde vieles verändert, rationalisiert und umstrukturiert. Mir hat die neue Leitung praktisch einen neuen Einkaufschef vor die Nase gesetzt, der von Berlin aus agierte. Das war ein Wessi und der hat sukzessive versucht, mich als Frau rauszumobben, bis ich nach einem Jahr entlassen wurde. Dann war ich anderthalb, zwei Jahre arbeitslos, hab meine Eltern gepflegt. Das hat dann sogar irgendwie gepasst. Danach habe ich dann im Fliesenwerk angefangen. Der Chef vom Fliesenwerk, der gegenüber von uns. Er hat wohl mitbekommen, dass ich meine Eltern betreut haben, und irgendwann hat er gesagt, wollen sie nicht wieder arbeiten, und so. Ich könnte mir vorstellen, sie waren doch im Einkauf, jetzt könnten sie im Fliesenwerk den Einkauf aufbauen. Ja, nicht schlecht, habe ich geantwortet. Und habe mit den Kollegen eine Einkaufabteilung aufgebaut, bis der Chef aus DDRZeit ging. Dann kam ein Chef aus dem Westen, es ging ein paar Jahre. Es lief dann nicht mehr so gut und wir sollten auf 20 Stunden reduzieren. Dagegen haben wir, ich und die Kollegen aus der Buchhaltung, uns gewehrt. Im Ergebnis bekamen wir dann die Kündigung. Auch wenn wir vor dem Arbeitsgericht Recht bekamen und in Folge eine schöne Abfindung, hatte ich keine Arbeit mehr. Also blieb ich zuhause. Anna Waigard 92 Und dann fing eben das an, was wir bis heute Wende nennen. Finanziell ging es für Christina und mich bergauf, da wir in der DDR als Lehrer wenig verdienten. Ich habe das immer sehr schön mit dem Gehalt meines Bruders oder meines Vaters vergleichen können. Mein Vater hat als einfacher Arbeiter, als Werktätiger, das Doppelte im Vergleich zu mir – als Lehrer mit zwei Diplomen – verdient. Als ich mein zweites Diplom in der Tasche hatte, meldete ich mich bei ihm:„Papa, jetzt habe ich ein zweites Diplom.“ Er daraufhin:„Und was bringt das fürs Portemonnaie?“„Na, nichts“, war meine Antwort.„Und warum hast du das dann gemacht?“„Papa, der Geist braucht auch was zum Leben, nicht nur das Portemonnaie“, war meine Antwort.„Ach, so“, meinte er und lachte nur. Mein Bruder verdiente auch sehr viel Geld, aber nach der Wende kippte das so langsam. Da habe ich dann das Doppelte verdient. So hat der Westen uns ein finanzielles Polster gebracht, was wir im Osten nie erreicht hätten. KLASSENTREFFEN Ich bewarb mich als Schulpsychologin für unseren Kreis und startete im September 1990 in dieser Funktion. Es begann eine Zeit, in der wir viel Neues lernten und Altes wahrscheinlich zu schnell über Bord warfen. Doch vom pädagogischen Standpunkt aus habe ich diese Zeit als sehr offen erlebt, wir hatten die Möglichkeit, etwas zu verändern. Doch dauerte es nicht sehr lange. Als dann Brandenburg gegründet und die Brandenburger Regierung gebildet wurde, war Schluss mit den Ideen und die Minister für Bildung setzten die politischen Beschlüsse um. Es wurden bei uns immer wieder Projekte ins Leben gerufen, die über eine Zeit finanziell unterstützt wurden. Doch kaum ein Projekt überlebte danach. Das brachte bei der Arbeit in den Schulen schon einiges durcheinander. Wir hatten alle an der Basis viel zu tun, so dass wir uns gar nicht in diesen Prozess so einbringen konnten, wie es bestimmt nötig gewesen wäre. Da kann ich mich nicht ausnehmen. Es gab genug Lehrer, die ihre Unterrichtsarbeit trotz allem weiterhin gut gemacht haben. Doch es gelang nicht allen. Dazu kam, dass die Elternarbeit schwieriger wurde. Zu Zeiten der DDR mussten sich die Eltern sehr selten um die Belange in der Schule kümmern, nun taten sie es deutlich mehr. Es war ja nachzuvollziehen. Die Unsicherheiten in beruflicher Hinsicht wurden bei vielen Eltern größer und der Leistungsdruck in der Schule wurde auch nicht geringer. Am Ende entscheidet das Zeugnis über deine beruflichen Möglichkeiten – das Abitur wurde immer mehr nachgefragt. Eine Folge war, dass sich die Eltern immer mehr ein93 gemischt haben und für gute Zensuren ihrer Kinder kämpften. Es gab schon so kleine Klassenkämpfe. Die Lehrer mussten viel Energie in solche Auseinandersetzungen stecken. Sicher gab es bei etlichen Eltern auch triftige Gründe, sich für ihre Kinder einzusetzen. Nicht alle Lehrer waren in ihrer pädagogischen Arbeit den Kindern zugewandt. Die revolutionäre Idee der Kooperation von Elternhaus und Schule war schnell verschüttet und übrig blieb oft nur ein Kleinkrieg. Demokratie zu lernen und anzuwenden war für alle Seiten nicht einfach. Friedrich-Ebert-Stiftung, Landesbüro Sachsen-Anhalt Helmut Said Auch im privaten Bereich waren das aufregende Jahre. Ich wohne ja noch immer im Haus meiner Eltern, in der sogenannten Siedlung der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft. Das sind ja alles Genossenschaftshäuser gewesen und die gehörten ja nicht denen, die 1954 bis 1958 diese mit den eigenen Händen erbaut haben. Als sich die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, und der spätere Beitritt der DDR zur BRD abzeichnete, habe ich einer Bürgerinitiative vorgestanden, ab Februar 1990, die sich den Kauf dieser Reihenhäuser zu DDR-Bedingungen zum Ziel gesetzt hatte. Es sind insgesamt 65 Reihenhäuser. Zum damaligen Zeitpunkt waren 62 Häuser noch von denen bewohnt, die mal gebaut hatten, von 54 bis 58. Drei Reihenhäuser waren neubesetzt. Unter dem Motto, wer dem Staat viel gibt, kann vom Staat viel erwarten, wurden diese drei zu DDR-Zeiten an gute Genossen vergeben. Da gab es dann im Rahmen der Bürgerinitiative auch Versuche, dass diese drei Parteien nicht mitbedacht werden. Die habe ich dann vom Tisch gefegt und gesagt, alle oder keiner, das geht sonst nicht. Worauf ich aber hinauswill, ist die Tatsache, dass noch 1990 von Seiten des AWGVorsitzenden versucht wurde diesen Kauf zu verhindern. Da waren noch alte Kräfte am Werk, die vielleicht aus Neid sich dagegen sträubten, aber vor allem hatten sie im Blick, dass ein Verkauf nach dem 3. Oktober wesentlich gewinnbringender sein würde. So würde man vielleicht 100.000 DM von denen erhalten, die diese Häuser mit ihrer eigenen Kraft erbaut hatten. Und nicht nur die Häuser, sondern auch die Gehwege und die Straßen, alles in Eigenleistung der Bewohner gebaut worden. Deshalb habe ich mich vor den Karren gespannt, weil ich mir sagte, dass die Leute, die hier geschuftet haben, auch mal die Früchte genießen müssen. In Blankenburg ist es nicht gelungen. 94 Die hatten mal Kontakt zu mir aufgenommen und ich habe auch ein paar Hinweise gegeben. Aber vielleicht gab es in Blankenburg nicht genügend Fortune für diese Bürgerinitiative. Die haben es nicht geschafft, wir haben es geschafft und noch vor der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Juni 1990 haben alle mit notarieller Beglaubigung und Unterschrift der Stadt Wernigerode diese Häuser, einschließlich Grundstück, kaufen können. Ich hatte einen Vorteil als Leiter der Bürgerinitiative: Der seinerzeitige AWG-Vorsitzende war ein ehemaliger Mitarbeiter des Elektromotorenwerkes, inzwischen leider verstorben. Ich bin dann mal zu ihm gegangen, unter vier Augen habe ich ihm gesagt, du denkst bitte daran, dass ich einiges aus deiner Vergangenheit weiß. Ich wollte damit erreichen, und habe es erreicht, dass er als AWG-Vorsitzender in den Gremien positiv Stellung bezog. Er war kein Alleinunterhalter in der Genossenschaft, sondern die hatten ja beispielsweise auch einen Vorstand. Und er hat diesen Vorstand davon überzeugt, dass es so gemacht werden sollte. Ich weiß nicht, ob es anders gekommen wäre, wenn ich ihm diese Holzpistole nicht auf die Brust gesetzt KLASSENTREFFEN hätte. Oder setzten können, es gab ja auch integre Verantwortungsträger in der DDR. Die Leute haben schon gemerkt, dass für sie etwas bewegt wurde. Es macht schon einen Unterschied, ob ich 150.000 West ausgebe oder 40.000 Ost. Das ist schon ein Unterschied. Karl-Christian Karte Aus heutiger Sicht, und vielleicht anders als ich es damals gesehen habe, ist für mich klar, dass die DDR aufgrund der fehlenden Demokratie und der wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht mehr weiter überleben konnte und auch, wenn ich es so sagen will, keine Recht hatte, weiter zu existieren. Mit all den Beschränkungen, insbesondere in Bezug auf Meinungsfreiheit, konnte das keinen guten Ausgang nehmen. Deshalb bin ich froh, dass es so gekommen ist und möchte auch die Zeit nicht mehr zurückhaben. Und aus dem Wissen heraus, was Sozialismus und Stalinismus bedeutet haben, kann man nur sagen, es ist gut so, dass diese Zeit nicht wiederkommen kann. Wichtig ist aber auch, dass diese Zeit ausgewogen aufgearbeitet wird. Ich bin froh, dass es die Wende gab, auch bei all den Schwierigkeiten, die sie für mich mitbrachte. Bei allen Problemen, die wir zurzeit beklagen können, zurück zur DDR wäre keine Lösung und stand für mich nie zur Diskussion. 95 ISBN 978-3-96250-950-7