Pollytix strategic research: Jana Faus, Selina Alin, Markus Sperl Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? – Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher NETZWERK WISSENSCHAFT Politikberatung ERGEBNISSE EINER FOKUSGRUPPENBEFRAGUNG IM AUFTRAG DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Ohne den Beitrag der Wissenschaft wäre die Bewältigung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht denkbar. Die Corona-Pandemie oder auch die steigenden Gefahren des Klimawandels haben das Bewusstsein dafür gestärkt. Wie wird Wissenschaft vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen in der Bevölkerung wahrgenommen? Wie werden Methoden und Logiken der Wissenschaft verstanden, inwiefern wissenschaftliche Erkenntnisse reflektiert und angewandt? Wie wird das Verhältnis von Wissenschaft und Politik wahrgenommen und welche Anforderungen werden an wissenschaftliche Politikberatung gestellt? Zur Beantwortung dieser Leitfragen wurde im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung im April 2021 eine qualitative Befragung mit im Hinblick auf Geschlechter, Regionen, Alter, Bildung, Einkommen und Migrationshintergrund gemischten Fokusgruppen durchgeführt. Die Ergebnisse werden in diesem Papier zusammengefasst. 1. EINLEITUNG UND HINTERGRUND 2 2. METHODE: FOKUSGRUPPENDISKUSSIONEN UND DEREN ANALYSE 3 3. WISSENSCHAFTSVERSTÄNDNIS 6 4. WISSENSCHAFTSREFLEXION 10 5. WISSENSCHAFT UND ALLTAG 14 6. WISSENSCHAFTLICHE POLITIKBERATUNG 22 7. ZUSAMMENFASSUNG 27 8. LITERATURVERZEICHNIS 28 9. ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS 29 10. DIE AUTOR_INNEN/ IMPRESSUM 30 Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 02 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT 1. EINLEITUNG UND HINTERGRUND Die vorliegende Studie soll einen Blick auf die Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung durch Bürger_innen in Deutschland werfen. Insbesondere seit Beginn der Covid-19-Pandemie stehen wissenschaftliche Erkenntnisse und Akteur_innen aus dem wissenschaftlichen Bereich stark im öffentlichen Licht der Debatte. Um eine Pandemie ohne Präzedenzfall möglichst gut zu bewältigen, bedarf es – unter anderem aufgrund des starken Einflusses individueller Verhaltensmuster auf das Infektionsgeschehen – Menschen, die wissenschaftliche Vorgaben akzeptieren, reflektieren und wiederum anwenden. Nach eineinhalb Jahren Covid-19, fortlaufenden Anpassungen des wissenschaftlichen Status Quo, teils widersprüchlicher politischer Interpretation wissenschaftlicher Ratschläge, Dissens auch innerhalb der Wissenschaften und immensen Beeinträchtigungen in der Wirtschaft und im Privaten, soll diese Studie Einblicke in die gegenwärtige Wissenschaftsperzeption gewähren. Covid-19 ist durchaus Mitanlass dieser Studie. Deren Erkenntnisse für die Anforderungen an Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliche Politikberatung sollen aber dezidiert über die Pandemie hinausgehen, was durch das Forschungsdesign sichergestellt wurde. Ausgehend von der Annahme, dass Wissenschaft essenziell zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen durch Problemdefinition und Bereitstellung von Lösungsoptionen beiträgt, wurden anhand der Beispiele Pandemie und anderen Themen wie Klimawandel oder Ernährung Fokusgruppengespräche durchgeführt. Mittels eines qualitativ-interpretativen Ansatzes wurden die Erfahrungen von Bürger_innen mit Wissenschaftskommunikation und Alltagsanwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie deren Einschätzungen hinsichtlich der Rolle von Wissenschaft für die Allgemeinheit betrachtet und analysiert. Dabei sollte eruiert werden, wie Verständnis und Akzeptanz von Wissenschaft gefördert werden können, d. h. welche konkreten Anforderungen an die Vermittlung durch Wissenschaft, Verwaltung und Politik sich hieraus ableiten. Vertrauen in Wissenschaft vonseiten der Bevölkerung kann als zentrale Größe für die Akzeptanz(und damit bspw. die Anwendung im Alltag) von wissenschaftlichen Erkenntnissen herangezogen werden(Bromme 2020: 3). Durch Gründe wie arbeitsteilige Ausdifferenzierung und Voraussetzungsreichtum wissenschaftlichen Wissens, muss eine Urteilsbildung über wissenschaftliche Erkenntnisse und deren Anwendung auf lebensweltliche Fragestellungen mit einem Vertrauensvorschuss vonseiten der ‚Laien‘ einhergehen(ibid.). Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Wissenschaft und ihren Vertreter_innen in Deutschland im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Institutionen viel Vertrauen entgegengebracht wird. Deutlich vor Medien wie privatem und öffentlich-rechtlichem Rundfunk oder Tageszeitungen – und auch vor politischen Institutionen wie Landes- und Bundesregierung – geben rund 70% der Wahlberechtigten an, der Wissenschaft zu vertrauen(pollytix 2018). Dies lässt sich auch im zeitlichen Verlauf der Corona-Pandemie aufrechterhalten: Laut einer Zusatz-Erhebung des Wissenschaftsbarometers(Mai 2020), sprechen 66% der Bevölkerung Wissenschaft und Forschung Vertrauen aus(Wissenschaft im Dialog 2020a); das Ergebnis des jüngsten jährlichen Wissenschaftsbarometers befindet sich mit 73% auf ähnlich hohem Niveau(Wissenschaft im Dialog 2020). Im Vergleich zu den Vorjahresauswertungen ist dieser Wert, möglicherweise durch die prominente Stellung der Wissenschaft in der öffentlichen Debatte während der Pandemie, sogar deutlich gestiegen(ibid.). Unter den maßgeblichen Aspekten für Vertrauen in die Wissenschaft finden sich beispielsweise allgemeine wissenschaftliche Standards als Sicherung und Expertise in den jeweiligen Feldern. Der häufigste Grund für Misstrauen ist die wahrgenommene Abhängigkeit der Wissenschaft von finanziellen Mitteln externer Geber_innen(ibid.). Auch im speziellen Fall der Covid-19-Pandemie herrscht, trotz hohen Vertrauenswerten für wissenschaftliche Aussagen über das Virus(von Ärzt_innen und Wissenschaftler_innen), auch Skepsis – teils wird befürchtet, dass die Öffentlichkeit nicht alles über das Virus erfährt (40% Zustimmung, ibid.). Soziale Bewegungen wie die Covid-19-Skeptiker_innen der„Querdenker“ und deren diverse Motive – von Impfskepsis bis„Big Pharma“ und esoterischen Strömungen – deuten zumindest auf eine nicht unerhebliche Menge an aktivierbaren Wissenschaftsskeptiker_innen in der Bevölkerung. Welche Rolle soll Wissenschaft nun bei der Findung politischer Entscheidungen spielen? Hier herrscht laut Wissenschaftsbarometer ein klares Bild der Zustimmung zur Hinzuziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse in das Identifizieren und Definieren pandemiebedingter politischer Maßnahmen, mit leicht abnehmender Tendenz im Verlauf der Pandemie. Wechselhafter ist das Stimmungsbild im Hinblick auf die persönliche Einmischung bestimmter Wissenschaftler_innen in den politischen Betrieb(Wissenschaft im Dialog 2020a). Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 03 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Die hohen Vertrauenswerte legen nahe, dass die Wissenschaftskommunikation in der Krise vieles richtig gemacht hat – etwa in der Einordnung von Ergebnissen, der Kommunikation von Komplexität und Ambivalenz sowie in der zielgruppengerechten Aufbereitung und Kanalauswahl. Insbesondere im Zuge der Pandemie, zudem in Zeiten von Fake-News und Informationsflut, zeigt sich, dass nicht nur der Austausch innerhalb der Wissenschaft, sondern auch die Kommunikation mit Expert_innen anderer Teilbereiche(wie der Politik) sowie die Übersetzung für die Bevölkerung durch direkte Wissenschaftskommunikation und Journalismus relevant sind(Wiarda 2020). Gleichzeitig lässt sich auch eine Diversifizierung wissenschaftsbezogener Kommunikation beobachten: Klassischer Wissenschaftsjournalismus in traditionellen Medien koexistiert mit modernen Formaten wie Podcasts, der Öffentlichkeitsarbeit wissenschaftlicher Institutionen und darüber hinaus mit der Kommunikation von Wissenschaftler_innen in sozialen Medien, zwischen privater und institutioneller Rolle(Molthagen-Schnöring 2020: 1-2) – mal mit mehr und mal mit weniger Erfolg im Erreichen neuer Zielgruppen und dem Ausschöpfen der interaktiven Potenziale sozialer Medien(Nguyen-Kim 2019). Hervorgehoben im Kontext von Covid-19, oft wechselnder empirischer Datenlagen, in Disput stehenden wissenschaftlichen Disziplinen und Thesen, bleibt abzuwarten, wie die Gesellschaft hiermit umzugehen lernt. Vor diesem Hintergrund gehen wir im Folgenden auf die Analyseergebnisse der von der Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragten Fokusgruppenstudie ein. Die Studie orientierte sich insbesondere an folgenden Leitfragen: Welche Bedingungen müssen gegeben sein, damit Bürger_innen wissenschaftliche Erkenntnisse reflektieren und im Alltag anwenden? Welche Anforderungen resultieren hieraus an die Systeme Wissenschaft und Politik bei der Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis? Im folgenden Kapitel(2.) wird vertieft auf die Methode der Fokusgruppenbefragung und die Rekrutierung der Teilnehmer_innen eingegangen. Darauf folgt in Kapitel 3 ein Einblick in das Wissenschaftsverständnis der befragten Bürger_innen, um in Abschnitt 4 deren Reflexionskapazitäten hinsichtlich wissenschaftlicher Erkenntnis zu skizzieren. In Abschnitt 5 folgen Erkenntnisse im Hinblick auf die Anwendung von Wissenschaft im Alltag und die(un-)bewusste Nutzung von Formaten der Wissenschaftskommunikation. Das Kapitel 6 betrachtet Wissenschaft im Kontext der Gesellschaft und die Wahrnehmung ihrer Rolle im Bereich wissenschaftlicher Politikberatung. Schlussfolgerungen hieraus inkl. Handlungsempfehlungen im Hinblick auf die Bereiche Wissenschaftskommunikation und wissenschaftliche Politikberatung finden sich in zwei Policy Papers, die auf den Erkenntnissen der Fokusgruppenbefragung beruhen und hier zu finden sind: LINK. Covid-19 nahm über alle behandelten Themenkomplexe hinweg eine Sonderstellung ein, was in den jeweiligen Teilkapiteln gesondert thematisiert wird. 2. METHODE: FOKUSGRUPPENDISKUSSIONEN UND DEREN ANALYSE Die vorliegende Studie im Auftrag der Friedrich-EbertStiftung basiert auf einem qualitativ-interpretativen Design, um sowohl Verständnisse für die unterschiedlichen Lebensrealitäten in Deutschland zu gewährleisten als auch die individuellen Wahrnehmungen gesellschaftspolitischer Thematiken aufnehmen zu können. Das lebensweltliche Erleben von Themenbereichen wie Wissenschaft und deren Anwendungszusammenhänge wie beispielsweise Klimaschutzmaßnahmen, sind stark von sozialen Kontexten abhängig. Bestmöglich lassen sich in der Einleitung angeführte Fragestellungen nach Wahrnehmungen innerhalb sozialer Settings untersuchen: Es bieten sich hierfür Fokusgruppendiskussionen an, welche von einer professionellen Moderation begleitet werden und einen bestimmten Themenbereich fokussieren – quasi eine Simulation alltäglicher, authentischer Diskussionen, in denen die Sichtweisen der Teilnehmenden im Vordergrund stehen. Ein vorab abgestimmter Leitfaden stellt sicher, dass alle Fragestellungen im Sinne des Erkenntnisinteresses zur Sprache kommen. Von großer Bedeutung ist bei dieser Methode die Simulation einer offenen, natürlichen Gesprächsatmosphäre, um mögliche Verzerrungen möglichst gering zu halten. Ein weiterer Vorteil von insbesondere gezielt anhand von Einstellungsmustern zusammengesetzter Gruppen besteht darin, Diskussionsverläufe und Argumentationsmuster sichtbar zu machen. Zwischen dem 6. und 8. April 2021 wurden sechs Fokusgruppengespräche mit jeweils acht Teilnehmer_innen (insges. 48) durchgeführt. Aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen wurden die Gespräche digital als Videokonferenz durchgeführt. Um Personen, die nicht über die nötige technische Ausstattung verfügen, nicht systematisch auszuschließen, gab es die zusätzliche Möglichkeit, sich telefonisch an den Diskussionen zu beteiligen. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 04 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Repräsentation sozioökonomischer und demografischer Diversität Mithilfe eines qualitativen Forschungsdesigns ist es zwar aufgrund der vergleichsweise geringen„Fallzahl“ nicht möglich, bevölkerungsrepräsentative Aussagen zu treffen. Was allerdings getan werden kann, um die Bandbreite an Einstellungsmustern und Lebenswelten möglichst weit oder nach Erkenntnisinteresse zielgerichtet zu steuern, ist statt einer Zufallsstichprobe eine quotierte Auswahl an Teilnehmenden vorzunehmen. So wurde auch unter Zuhilfenahme eines Teststudios bei der Durchführung der vorliegenden Studie vorgegangen. Diese Studios rekrutieren aus Datenbanken und über Werbeanzeigen Teilnehmende von Studien im Bereich der Markt- und Sozialforschung. Ziel war es, einen„Auszug“ auszuwählen, der relativ nahe an der Grundgesamtheit liegt und sich somit einer repräsentativen Auswahl annähert. Des Weiteren bietet dieses Vorgehen die Möglichkeit, Diskussionsszenarien dem Erkenntnisinteresse folgend zu„testen“. Um eine möglichst gesellschaftsnahe Mischung von Teilnehmenden in verschiedensten Lebenslagen zu erreichen, wurde auf eine ausgewogene Verteilung der Variablen Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen und Migrationshintergrund(siehe Tabelle 1) geachtet. Eine leichte Verzerrung hin zu Teilnehmenden mit höheren Bildungsabschlüssen ist aufgrund des Rekrutierungsprozesses nicht auszuschließen, hat sich im Falle der vorliegenden Fokusgruppenstudie in der Analyse jedoch nicht als Problem durch beispielsweise systematisch unterschiedliches Antwortverhalten dargestellt. Auch eine angemessene und realistische Repräsentation der geografischen Diversität Deutschlands wurde angestrebt. Hierfür wurde sich an den Raumtypen des „Sozioökonomischen Disparitätenberichts“ der Friedrich-Ebert-Stiftung orientiert(Fink/Hennicke/Tiemann 2019: 9), einer Publikation, die den Fokus auf die eklatanten sozioökonomischen Unterschiede verschiedener Regionen Deutschlands legt. Aus forschungspraktischen Gründen wurden die Raumtypen des Disparitätenberichts zu zwei sich gegenüberstehenden Raumclustern zusammengefasst: strukturstark und strukturschwach(siehe Abbildung 1). Anhand dieser Raumtypen wurde jede Fokusgruppe geografisch homogen zusammengesetzt, um mögliche Unterschiede in den Lebensrealitäten der jeweiligen Raumtypen abbilden zu können. Die unterschiedlichen Regionen unterscheiden sich maßgeblich im Hinblick auf allgemeine Versorgungslage, Infrastruktur, Wohnungsmarkt, Arbeitsmärkte und Armutsgefährdung. Die Abdeckung der verschiedenen Raumtypen sollte eine möglichst umfassende Repräsentation der Lebenswelten in Deutschland gewährleisten. Zusätzlich zur regionalen Aufteilung nach Raumclustern und der Beachtung soziodemografischer Diversität unter den Teilnehmenden, wurde sich noch für eine dritte, themenspezifische Auswahldimension entschieden: Der Grad des Vertrauens in die Wissenschaft unter Berücksichtigung des Interesses für Wissenschaft. Auf Basis der Ergebnisse zweier Auswahlfragen wurden Teilnehmende in drei Kategorien von„Wissenschaftsnähe“ eingeteilt: Advokat_innen(hohes Vertrauen), Mitte(moderates Vertrauen) und Skeptiker_innen(niedriges Vertrauen) 1 , um hierdurch auch sicherzustellen, dass die Einstellungsmuster bezüglich der Wissenschaft ausreichend divers sind und um realistische Diskussionsverläufe, soziale Interaktionen und Dynamiken zu simulieren. In Absprache mit der Friedrich-Ebert-Stiftung wurden die Gruppen analog zur Verteilung in der breiten Bevölkerung mit einer starken mittigen Kategorie und jeweils kleineren Teilnehmendenzahlen auf Seiten Tabelle 1: Übersicht der Teilnehmer_innen der Fokusgruppenbefragung Gesamt Geschlecht Alter Bildung * Einkommen * m w 18–29 30–39 40–49 50–59 niedrig mittel hoch niedrig mittel hoch 48 24 24 15 11 10 12 4 10 31 17 9 17 * Abweichungen in der Gesamtsumme ergeben sich aufgrund von verweigerten Angaben. Migrationshintergrund ja nein 12 36 1 Zur Einordnung wurden die Antworten der Teilnehmer_innen auf die Kategorie Wissenschaft der Frage„Wie sehr vertrauen Sie folgenden Bereichen?“ verwendet. Neben Wissenschaft wurde nach Politik, sozialen Medien und Tageszeitungen gefragt. Auf einer Viererskala wurden„eher geringes“ und„kein Vertrauen“ zu Skeptiker_innen eingeordnet,„eher großes“ zur moderaten Mitte und„sehr großes“ zu den Advokat_innen. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung NETZWERK WISSENSCHAFT Abbildung 1: Veranschaulichung der Herkunftsregionen Seite 05 /30 dynamische Groß- und Mittelstädte mit Exklusionsgefahr starkes(Um-) Land Strukturstarke und-stabile Regionen (327 Kreise; 69,2 Mio. Einwohner) Deutschlands solide Mitte ländlich geprägte Räume in der dauerhaften Strukturkrise städtisch geprägte Regionen im andauernden Strukturwandel Strukturschwache Regionen (75 Kreise; 13,5 Mio. Einwohner) der beiden Pole Advokat_innen und Skeptiker_innen besetzt(siehe Abbildung 2). Im Anschluss an die Fokusgruppendiskussionen wurden die Transkripte der Diskussionen von zwei Forscher_innen unabhängig voneinander qualitativ kodiert, um die Gesprächsverläufe auf die entscheidenden Aspekte hin zu verdichten und beim Verdichtungsprozess die Interkoderreliabilität möglichst zu gewährleisten. Hierfür wurde die qualitative Datenanalysesoftware MaxQDA verwendet. Ein Kodierschema wurde vor dem Kodierprozess induktiv anhand des Datenmaterials„im Dialog“ mit den Leitfragen entworfen und getestet. Da die Auftrennung in Gruppen aus strukturschwachen und strukturstarken Regionen keinen systematischen Unterschied hinsichtlich der erkenntnisleitenden Fragen erbrachte, wird im Folgenden nur an relevanten Stellen vertieft darauf eingegangen. Entscheidendere Faktoren waren nach Analyse der Grad an Wissenschaftsvertrauen, die Nähe zum wissenschaftlichen Betrieb und das Bildungsniveau. Abbildung 2: Veranschaulichung der Gruppenkonstellation FG1 Skeptiker_innen Mitte FG2 Skeptiker_innen Mitte FG3 Skeptiker_innen Mitte Strukturstarke und-stabile Regionen Advokat_innen Advokat_innen Advokat_innen Mix sozio-demografischer und-ökonomischer Faktoren Strukturschwache Regionen FG1 Skeptiker_innen Mitte FG2 Skeptiker_innen Mitte FG3 Skeptiker_innen Mitte Advokat_innen Advokat_innen Advokat_innen Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 06 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT 3. WISSENSCHAFTSVERSTÄNDNIS Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, wie die Teilnehmenden das System Wissenschaft verstehen und von anderen Systemzusammenhängen abgrenzen. Um Aufschlüsse über die Reflexionsprozesse bezüglich wissenschaftlichen Wissens und dessen Anwendung zu erlangen, eignet sich ein Zugang über eine sehr allgemeine, offene Assoziationsebene. Über diese Assoziationen soll im Folgenden die Wahrnehmung der Wissenschaften über die Gruppen hinweg sowie das Wissen über Arbeitsweisen, Abläufe und Differenzierung innerhalb der Wissenschaften aufgezeigt werden. Wo werden die Grenzen von Wissenschaftlichkeit gezogen, und was firmiert als„wissenschaftlich“, was es unter kanonisierten Definitionen eigentlich nicht ist? und wie sie dies tut: über Methode, Beweisführung, Standards, und dessen Konsequenzen für die Allgemeinheit: Fortschritt, Innovation, Erleichterung. Diese Aspekte werden durchaus auch normativ mit Erwartungen an Wissenschaft besprochen. Kaum Erwähnung finden wissenschaftliche Akteur_innen selbst sowie deren Arbeitsorte und Titel, interne Selektionsmechanismen oder Publikationspraktiken. »Gesicherte Erkenntnisse. Erkenntnisse, die durch Theorien und durch Experimente überprüft werden und die dann als gesichert gelten, die man aber bei Bedarf anpassen muss und sollte.« 2 »Forschen, belegen, forschen, belegen. Wir wissen alles, was wir wissen, weil es die Wissenschaft gibt. Alles ist Wissenschaft.« Es wird deutlich, dass selbst Skeptiker_innen Wissenschaft nicht per se ablehnen oder kritisieren, sondern bestimmte Aspekte, Disziplinen oder die Sonderstellung von Wissenschaft gegenüber eigenem Wissen und eigener Erfahrungen monieren. Wissenschaft wird überwiegend positiv eingeschätzt Die Assoziationen mit Wissenschaft bilden verschiedene Dimensionen ab: So wird Wissenschaft häufig mit Fortschritt und Weiterentwicklung in Zusammenhang gebracht. Gemeint ist damit beispielsweise die Vereinfachung des Lebens durch Technologie, eine permanente Erneuerung und Verbesserung unseres jetzigen Wissens und Lebens oder eine fortwährende Erforschung verschiedenster Gebiete wie Pflanzen, Tieren oder Medizin. Wissenschaft erscheint damit„unendlich“. Eine andere Dimension ist die positive Verknüpfung von Wissenschaft mit Expert_innen, schlauen Leuten und der Tätigkeit des Forschens. Einige assoziieren Wissenschaft auch mit Attributen, Methoden oder Standards wie fundierten Informationen, Falsifikation, Beweisbarkeit, Objektivität, Statistik, Theorien oder Experimenten – unabhängig vom Gegenstand. Zwischen den Gruppen sind die erzeugten Bilder recht ähnlich und weisen keine systematischen Unterschiede auf. Somit ist zu vermuten, dass das hier gezeichnete Bild durchaus dem gesellschaftlichen entspricht. Feststellbar ist, dass Wissenschaft häufig mit dem assoziiert wird, was sie tut: forschen und entwickeln, Wissenschaft wird dabei überwiegend sehr positiv geframt. Sämtliche zivilisatorische Errungenschaften seien letztlich auf Wissenschaft zurückzuführen. Die Bemerkung eines Teilnehmenden, ohne Wissenschaft würden wir noch in Höhlen leben, unterstreicht diesen Aspekt. Wissenschaft käme der Allgemeinheit zu Gute, arbeite also zum Wohle der Gesellschaft, beispielsweise da durch ihre Forschung Krankheiten besiegt werden könnten. Sie verbessere und erleichtere das Leben aller Menschen und sei daher unverzichtbar für unser Leben und unsere Zukunft. Vereinzelt wird hier bereits die Covid-19-Pandemie genannt. Darüber hinaus wird Wissenschaft mit Technologie und damit auch wirtschaftlichen Vorteilen und gesellschaftlichem Wohlstand in Zusammenhang gebracht. »Wir hoffen auf die Wissenschaft, dass sie es richtig machen, auch in der Pandemie. Die Wissenschaft berät das Kanzleramt.« »Fortschritt. Man erweitert das Wissen. Dass man voranschreitet. Wenn man 100 Jahre zurückschaut, da standen wir von der Forschung und Wissensstand woanders. Vieles war unklar. Vor 100 Jahren war der Umgang mit Pandemie anders und die Reaktionsmöglichkeiten. Das sehe ich als Fortschritt an, dass wir uns die Umwelt erklären können und darauf reagieren können.« »Das ist unsere Zukunft, unsere Welt. Unterschiedliche Kategorien, wir brauchen alles. Es macht es für die Wissenschaft besser und löst Probleme.« 2 Hier eingerückt finden sich Zitate von Teilnehmer_innen der Fokusgruppendiskussionen(analog im verbleibenden Bericht). Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 07 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Es kommt der Allgemeinheit zugute. Nicht nur als Produkt, sondern dass wir länger leben können, dass wir Krankheiten besiegen können.« »In den Ländern, wo viel Wissenschaft betrieben wird, gibt es Fortschritt, neue Technologien. Wenn man eine Technologie hat, die sonst keiner hat, kann man Wohlstand erzeugen, Wirtschaftswachstum.« »Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften. Alles, was man kennt. Ich würde es nicht gegeneinander aufwiegen. Es ist gleich wichtig. Splitterthemen sind weniger wichtig. Ich messe es daran, wie sehr es zur Gesellschaft beiträgt und wie sehr die Gesellschaft davon profitieren kann.« Atombombe, Rassismus, Killerviren – wissenschaftliche Kipppunkte Eine Dialektik der Aufklärung wird in dem Sinne vermutet, dass Wissenschaft auch als negativ beschriebenen Erscheinungen oder Ideologien dienen kann, wie etwa der Atombombe oder Rassismus. Eine Person bringt die negativen Aspekte der Wissenschaft mit dem Claim„Höher, Schneller, Weiter“ in Zusammenhang – der Punkt, an dem sich„gute“ Wissenschaft ins Gegenteil verkehrt, bleibt jedoch vage. Eine andere erwähnt, dass Wissenschaft wie bei Hiroshima missbraucht werden könnte oder Wissenschaftler_innen von egoistischen Erfolgsund Erkenntnisinteressen getrieben werden und damit nicht das Wohl aller im Blick behalten. Insgesamt bleibt aber eher unklar, wie das„Negative“ in die Wissenschaft eindringt und ob es per se„schlechte“ Wissenschaft gibt oder Wissenschaft schlicht für schlechte Zwecke genutzt wird. Schlecht erscheinen Forschung an Waffen oder anderen tödlichen Technologien oder Aspekte wie Selbstbereicherung auf Kosten der Allgemeinheit. Vereinzelt wird der Zusammenhang von Wissenschaft und Wirtschaft – und damit die Rückbindung an den Auftraggeber von Forschung – erwähnt. Auf diesen Punkt wird in Kapitel 4 genauer eingegangen. Mitunter wird auch die einseitige Priorisierung einer wissenschaftlichen Disziplin bei bestimmten Forschungsgegenständen genannt und das Denken in abgekapselten Silos kritisiert. So würde beispielsweise eine rein genetische Erklärung von Lese- und Rechtschreibschwäche soziale Aspekte ignorieren und den Betroffenen dadurch sogar schaden. Abbildung 3: Assoziationen zum Thema Wissenschaft Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 08 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Abschließend muss bemerkt werden, dass nur wenige Personen daraus einen Grund für allgemeines Misstrauen gegenüber der Wissenschaft als Institution ziehen. »Wenn es keine Wissenschaft geben würde, dann würden wir heute noch in Höhlen wohnen und Beeren suchen. Wissenschaft ist für jeglichen Fortschritt wichtig. Sie kann in positive und negative Richtung gehen, zum Beispiel Atombomben. Energiegewinnung. Ohne Wissenschaft keine Entwicklung.« »Der Mensch ist neugierig. Höher, schneller weiter. Käfer, Porsche, dann E-Auto, dann fliegendes Taxi. Das ist sehr gut, aber es kann auch nach hinten losgehen.« Naturwissenschaften sind den meisten Menschen präsenter und zugänglicher Naturwissenschaftliche Disziplinen genießen eine etwas größere Bekanntheit und werden unmittelbarer mit„Wissenschaft“ assoziiert als der gesellschafts- und geisteswissenschaftliche Teil der akademischen Landschaft. Insgesamt lässt sich feststellen, dass in der Diskussion das Wissen über die Bandbreite wissenschaftlicher Teilbereiche stark differiert. Zum Teil wird nach Forschungsgegenstand kategorisiert, von der Pflanze zum Atom oder Tier bis zu Planeten oder dem Weltall. Von manchen Teilnehmenden werden bestimmte technische Innovationen als Wissenschaftsspielarten genannt. Hier werden insbesondere im Alltag relevante oder im öffentlichen Diskurs stehende Technologien genannt: E-Mobilität, Wasserstoffforschung, Kommunikationstechnologien. Andere Teilnehmer_innen wiederum nennen mehrere Teilbereiche, oftmals in der Gegenüberstellung naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Disziplinen,„die es auch gibt“. »Viele denken an Naturwissenschaften. Der zerstreute Wissenschaftler im Labor. Es gibt auch viele andere Wissenschaften, zum Beispiel Theologie, Sozialwissenschaft. Ich glaube, wenn man sich bewusst ist, was alles Wissenschaft ist und was sie kann, dann bekommt man einen anderen Blick darauf.« »Forschungen in allen Gebieten. Alles, was man erforschen kann. Zum Beispiel Pflanze, Tiere, Planeten, Krankheiten, Impfstoffe.« Naturwissenschaft wird dezidiert mit technologischem Fortschritt und mit Lösungsfindung verbunden, während sich Gesellschaftswissenschaften stärker mit sozialen Problemlagen, mit gesellschaftlichem Zusammenleben und Organisation, Lebensweisen und der Psyche auseinandersetzen. Die meisten betonen, dass beide Richtungen – Natur- wie Sozialwissenschaft – relevant sind und daran gemessen werden sollten, welchen Nutzen sie den Menschen und der Gesellschaft bringen können. Über diesen Wert sind sich die Teilnehmenden allerdings mitunter uneins. So erscheint der Nutzen der Naturwissenschaft einigen deutlich sicht- und greifbarer, zeige er sich doch täglich bei der Mobilität, IT-Techniken oder beim Kampf gegen Krankheiten wie Krebs. Lediglich in Ausnahmefällen wird den Gesellschaftswissenschaften weniger Daseinsberechtigung zugesprochen als dem naturwissenschaftlichen Bereich. Nur ein Teilnehmer stellt offen Erkenntnisse von modernen Genderstudien und weiterer Geisteswissenschaften infrage. Diese seien politisch links geprägt – ein geläufiger, rechtspopulistischer Argumentationsgang. Häufiger wurde hingegen erwähnt, dass Naturwissenschaft eindeutiger sei und immer nur zu einer Lösung führe, während es in der Sozialwissenschaft mehrere gebe. »Genetik ist nicht so wichtig wie die Politikwissenschaften, dass es vorangeht im Land. Das hat Priorität und auch die Medizin ist sehr wichtig. Wir wollen alle länger leben.« »Die Naturwissenschaften sind Problemlöser, wo man Fortschritt hat. Bei Geisteswissenschaften kommt man psychisch voran, aber man hat kein Produkt, man kann seelische Unterstützung geben. Davon profitiert nicht die gesamte Gesellschaft. Bei den normalen Wissenschaften entstehen Produkte, die massiven Einfluss auf den Alltag haben können, zum Beispiel gegen Klimawandel, nachhaltiger Treibstoff.« »Viele der Geisteswissenschaften wurden ideologisch gekidnappt, das geht bis hin zu den Genderwissenschaften, die im offenen Gegensatz zur Biologie stehen.« Was grenzt wissenschaftliches Wissen von sonstigem Wissen ab? Grundsätzlich lassen sich zwei konträre Positionen bei der Frage beobachten, wie wissenschaftliches Wissen sich von anderem Wissen unterscheidet – oder, ob es das überhaupt tut. Die Mehrheit vertritt die Ansicht, dass es sich bei Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 09 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT wissenschaftlichem Wissen um etwas handelt, das vom Alltäglichen oder Eigenen abgegrenzt ist und sich von diesem maßgeblich unterscheidet. Wissenschaft sei eine eigene Sphäre, die fundierter ist als Alltags- oder„normales“ Wissen. Wissenschaftliches Wissen müsse entgegen einer persönlichen Meinung oder Erfahrung belegbar sein und mit einer bestimmten Methodik erzeugt werden. Es wird deutlich, dass dieses Segment der Teilnehmenden eine deutliche Grenze zwischen wissenschaftlichem und alltäglichem Wissen zieht. Die Anwendbarkeit im Alltag widerspricht„Wissenschaftlichkeit“ eher und wird sogar zur Negativdefinition für wissenschaftliches Wissen(siehe Kapitel 4). » Der Unterschied zwischen meinem Wissen und der Wissenschaft ist, dass es fundiert sein muss. Studien wurden in Auftrag gegeben, das Wissen muss belegt sein, sonst ist es keine Wissenschaft.« wird uns im Kindergarten oder der Schule abtrainiert durch das Schulsystem. Es geht verloren bei vielen Leuten. In uns allen steckt ein Wissenschaftler.« Wie groß ist das Wissen über wissenschaftliche Abläufe und Methoden? Die meisten haben de facto keine Kenntnisse über den Ablauf des Wissenschaftsbetriebs oder wissenschaftliche Arbeit. Nur eine Person nannte das Finanzierungssystem über Drittmittel und die damit verbundene Aufgabe, diese einzuholen und Werbung für Projekte und Universitäten zu machen. Über das Leben von Wissenschaftler_innen wird mitunter etwas befremdet vermutet, sie würden so sehr für ihre Sache brennen, dass Zeit für anderes wie z. B. das Familienleben fehle. »Normales Wissen ist das, was man im Alltag anwendet.« »Es gibt Allgemeinbildung. Das wissenschaftliche Wissen dagegen geht mehr ins Detail. Wissenschaftler haben es herausgefunden oder Forscher. Menschen, die was untersuchen und forschen.« Im Gegensatz dazu lösen einige wenige die Grenze zwischen wissenschaftlichem Wissen und sonstigem Wissen gänzlich auf. Alles zähle hierbei zu Wissenschaft, die Bedeutung der eigenen Erfahrung wird dabei hervorgehoben. Selbst Kinder würden als kleine Forscher_innen durch das Entdecken und Erleben der eigenen Umwelt Wissenschaft betreiben. In den Gruppen zeigte sich, dass die Position vor allem von Wissenschaftsskeptiker_innen vertreten wird, die teilweise wissenschaftlichem Wissen zweifelnd gegenüberstehen, wenn es sich um aus deren Sicht hegemoniale Positionen handelt. Es zeichnet sich eine Tendenz ab, eher selbst recherchierten und„alternativen Fakten“ Glauben zu schenken sowie die eigene Intuition oder das eigene Erleben hervorzuheben. Die Wissenschaft und die moderne Welt haben sich in ihren Augen zu sehr von erlebbaren, fühlbaren Zusammenhängen, vom„Menschlichen“ distanziert und müsse sich auf diese Aspekte zurückbeziehen. »Erfahrung und Wissenschaft sind das Gleiche. Jeder bildet sein eigenes Wissen aus und seine Weisheit und schafft sich sein eigenes Wissen und hat seine eigenen Talente und bringt es weiter.« »Wir wurden als kleine Forscher geboren und das »Wissenschaft ist Lehre und Forschung. Die Lehre ist ein großes Thema in der Wissenschaft. Wissenschaft ist, wenn man sich die Entwicklung der letzten 30 Jahre anschaut, mit wirtschaftlichen Interessen verbunden, wenn man sich die vielen Drittmittelprojekte anschaut, wo Professoren vielmehr damit beschäftigt sind, Drittmittelgelder einzuwerben und Werbung für die Projekte oder Uni zu machen, statt zu forschen und zu lehren. Das ist die Aufgabe der wissenschaftlichen Mitarbeiter und nicht mehr der Professoren. Früher wurde es viel mehr vom Bund übernommen, von den Ländern. Der Bund investiert zu wenig Geld in Wissenschaft und Forschung.« Relativ vielen ist hingegen klar, dass es sich bei Wissenschaft um einen Prozess handelt, sodass Erkenntnisse und Tatsachen mitunter später revidiert werden können. Wissenschaft dürfe sich somit widersprechen – so der Tenor. Die meisten empfinden dies als Teil der ständigen Verbesserung und Weiterentwicklung von Wissenschaft und ihren Methoden. So würden beispielsweise in der Physik die Technologien für Messungen immer genauer werden, sodass mitunter sogar Messgrößen wie die Geschwindigkeit, in der das Universum sich ausbreitet, angepasst werden. »Es ist interessant zu sehen, dass es Updates gibt wie bei einer Software.« »Es gibt verschiedene Methoden, um was zu beweisen. Verschiedene Sichtweisen. Man kann was widerlegen mit einer anderen Methode oder belegen. Oder durch Studien, die verschiedene Perspektiven haben. Es gibt nicht nur eine Meinung.« Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 10 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Ich stehe auf der Seite der Wissenschaft, weil Wissenschaft sich seit Jahrhunderten bewährt hat, dass es überprüfbar, widerlegbar war und es sich weiterentwickelt hat. Es gibt konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse, die jeder überprüfen kann.« Einige Skeptische gehen sogar so weit, Wissenschaft zu kritisieren, wenn sie ohne Meinungsstreit und verschiedene Positionen funktioniert. Vereinzelt werden auch Gedanken geäußert, dass mit dem Label der „Wissenschaftlichkeit“ eine falsche Endgültigkeit der Erkenntnisse impliziert werde. Das führe zu einem Vertrauensvorschuss, der gar zu groß sei. Die Widerlegbarkeit von Wissenschaft wird teilweise auch als Argument für ihre Legitimität gesehen – während Behauptungen wie in Verschwörungserzählungen sich nicht widerlegen ließen, sei Wissenschaft empfänglich für Argumente. »Die Wissenschaft lebt vom Streit der Meinungen, das war schon immer so. Diese Meinungen müssen aufeinanderprallen und irgendwann setzt sich eine Meinung durch, die die Mehrheit vertritt. Das ist die Lehrmeinung, was vertreten wird. Die Masse wird sich damit anfreunden können. Wer sich damit nicht anfreunden kann, der muss seine Meinung beweisen.« »Nicht in Stein gemeißelt. Wissenschaft sollte immer flexibel und nie absolut sein. Es ist gefährlich, wenn man glaubt, man kann was nur auf einen Punkt beziehen. Wissenschaft ist dafür da, um Wissen zu schaffen. Das fehlt mir allgemein stark, dass da zu sehr wissenschaftlich in verschiedenen Schubladen gedacht wird. Es ist zu wenig allumfassend gedacht. Die Zeiten der alten Philosophen waren besser. Die hatten ein anderes Denkkonzept. Wir haben ein technokratisches Verständnis für die Dinge und das kann uns zum Nachteil werden.« Insbesondere im Zusammenhang mit der Covid19-Pandemie werden Revidierungen von Aussagen aus Teilen der Wissenschaft als scheinbare Widersprüche wahrgenommen. Genannt werden die Änderungen bei den Empfehlungen, einen Mund-NasenSchutz zu tragen: Zunächst hieß es, dass Masken nicht notwendig seien. Dann wurde auf die Stoffmaske gesetzt und zuletzt kommuniziert, dass nur medizinische Masken ausreichend schützen würden. Ähnlich„chaotisch“ sei es beim Impfstoff von AstraZeneca verlaufen. Bei diesem wurde nach einigen Thrombose-Fällen die Impfung zunächst zeitweise ganz eingestellt und später für bestimmte Personengruppen wieder zugelassen. Während einige dieses Vorgehen nachvollziehbar finden, verunsichert es andere stark. Sie geben an, nicht mehr durchzublicken und teilweise sogar einen großen Vertrauensverlust erlitten zu haben. Hier zeigt sich mitunter ein Paradoxon: Auch wenn Wissenschaft sich widersprechen darf, ist diese Unsicherheit und Uneindeutigkeit – wie während der Pandemie spürbar wurde – für manche schwer auszuhalten und nachzuvollziehen. »Das ist doch bei AstraZeneca. Es galt bis vor wenigen Wochen als der Impfstoff für unter 60-jährige. Dann kamen die ersten Fälle und plötzlich ist die Meinung anders. Die Wissenschaft hat sich selber korrigiert. Am Anfang konnte nicht so lange getestet werden.« »Ich frage mich, warum der Impfstoff so große Zweifel aufwirft und so viele Nebenwirkungen hat. Die Wissenschaft muss fortgeschritten sein, dass man keine Probleme haben sollte. Wir hatten schon immer viele Viren, die wurden erfolgreich bekämpft. Warum kriegt man Corona nicht auf die Reihe? Es wirft Fragen und Skepsis auf. Wenn die Wissenschaft so erfolgreich wäre oder ist, wieso finden sie das Mittel nicht?« 4. WISSENSCHAFTSREFLEXION Aufbauend auf Kapitel 3, sollen in diesem Kapitel die folgenden in den Gruppendiskussionen zur Sprache gekommenen Aspekte eine Rolle spielen: Was sind die Aufgaben von Wissenschaft? Wie groß ist das Vertrauen in Wissenschaft? Wie kompetent sind Bürger_innen im Umgang mit wissenschaftlichen Informationen? Der Wissenschaft werden elementare, gesellschaftliche Aufgaben zugesprochen Die Aufgaben von Wissenschaft lassen sich aus Sicht der Teilnehmenden der Fokusgruppenbefragung auf zwei Aspekte herunterbrechen: Zum einen auf das Schaffen von(neuem) Wissen und dem der Forschung zugrundeliegende Erkenntnisgewinn. Wissenschaft wird hier als Prozess des Verstehens und Begreifens definiert und ist ein Weg, die Welt zu erklären. Auf der anderen Seite ist Wissenschaft auch„praktisch“, indem Technologien oder neue Anwendungen erfunden und erforscht werden. Wissenschaft vereinfacht so das Leben und arbeitet entscheidend an der Gestaltung unserer Zukunft mit. Sie ist der Motor für Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 11 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT die Entwicklung neuer Technologien und Lösungen menschlicher Probleme, machte Dinge ursprünglich „höher, schneller, weiter“ und mittlerweile„nachhaltiger“ und„effizienter“ – analog zu einem neuen Bewusstsein für Klima und Umwelt. Die Aufgabe der Wissenschaft verändert sich damit auch mit den gesellschaftlichen Herausforderungen. Kaum wird erwähnt, dass auch wissenschaftliche Beratung der Politik zum Aufgabenbereich gehört. Das Vertrauen in Wissenschaft ist im Vergleich zum Vertrauen in Medien und Politik hoch, wird aber partiell durch die Pandemie erschüttert Wissenschaft genießt allgemein hohes Vertrauen. Während jedoch das Vertrauen in Wissenschaft selbst hoch ist, erwecken die mediale Berichterstattung über Wissenschaft oder die Politik eher Misstrauen. Es besteht teilweise der Verdacht, dass über wissenschaftliche Erkenntnisse nur selektiv berichtet würde oder Fakten und Statistiken verdreht würden. Allerdings tangiert dieses Misstrauen nicht das Vertrauen in Wissenschaft an sich – der wissenschaftlichen Forschung wird trotzdem Glauben geschenkt. So wird mitunter berichtet, dass man selbst nach wissenschaftlichen Primärquellen sucht, um Informationen aus den Medien zu verifizieren. Ein Teilnehmender konstatiert, dass nicht Wissenschaft unglaubwürdig sei, sondern die Kommunikation der Wissenschaft durch Medien und Politik. Es ist anzunehmen, dass die zuvor genannten Eigenschaften von Wissenschaft, die Abgrenzung zu„normalem“ Wissen sowie das allgemein positive Bild von Wissenschaft hier eine große Rolle spielen. Auf überprüfbare Fakten oder methodisches Vorgehen kann man sich verlassen. Auch der Anspruch auf Finden der – zumindest in der Naturwissenschaft vermuteten –„Wahrheit“ vermittelt Verlässlichkeit. Die Covid-19-Pandemie erschüttert jedoch bei einigen Teilnehmenden der Befragung dieses Vertrauen: Die Impfstoffe seien beispielsweise zu schnell erforscht worden, sodass Langzeitstudien fehlten und bestimmte Standards nicht eingehalten worden seien. In diesem Punkt sei die Wissenschaft nicht auf das Wohl der Menschen bedacht gewesen – eine Voraussetzung, dieser vertrauen zu können. Mitunter wird das damit erklärt, dass die Pandemie-Politik weniger mit Wissenschaft und mehr mit politischen und medialen Interessen zusammenhängt. Auch die Berichterstattung, die vor allem eine hegemoniale Sichtweise der Wissenschaft auf die Pandemie beschreibe, oder die verschiedenen teils widersprüchlichen Handlungsempfehlungen z. B. beim Tragen der Maske, werden mitunter kritisiert. Insbesondere der so wahrgenommene Absolutheitsanspruch der Wissenschaft während der Pandemie schürt Misstrauen. Wie bereits erwähnt, soll Wissenschaft als Disput verschiedener Sichtweisen funktionieren. Darüber hinaus wird vereinzelt vermutet, dass Wissenschaft teils interessengeleitet sei und einzelne Wissenschaftler_innen nur nach Anerkennung suchen würden. Auch hier zielt das Misstrauen nicht auf Wissenschaft an sich, sondern auf externe Beeinflussung oder einzelne Wissenschaftler_innen ab. Wissenschaft müsse unabhängig sein, damit man ihr vertrauen könne. Nur ein sehr kleiner Teil der Wissenschaftsskeptischen wendet sich in Folge der Pandemie und des Verdachts von externer Beeinflussung ganz von der Wissenschaft ab. Festzuhalten ist, dass vor allem externe Faktoren wie Medien, Wirtschaft oder Politik das Vertrauen in Wissenschaft erschüttern. Die Pandemie wirkt hier als Katalysator: Das Misstrauen wird bei den leicht Zweifelnden verstärkt und setzt sich bei den Skeptischen teils ganz durch. Menschen mit hohem Vertrauen vertrauen auch in der Pandemie weiter. »Ich dachte, dass ich Forschern vertrauen kann, aber in der Pandemie denke ich, dass selbst Forscher nicht mehr loyal sind. Ich bin skeptisch geworden, das finde ich traurig.« »Pandemie hat nicht viel mit Wissenschaft zu tun. Es ist überlagert von der Politik und politischen und medialen Interessen und von persönlichen Interessen der Wissenschaftler. Die Wissenschaft ist in Rückstand geraten, die objektive, nüchterne Betrachtung. Das ist nur noch bedingt glaubwürdig.« »Ich vertraue Wissenschaft schon. Die Pandemie klammere ich aus, es ist zu sehr im Fokus.« »Die Verhaltensempfehlungen kommen von der Wissenschaft in der Pandemie, zum Beispiel Abstand und Maske, damit wir geschützt sind und das weiß nicht jeder von Anfang an. Ich vertraue der Wissenschaft.« »Meistens informiere ich mich aktiv über was und dann kommt es auf die Quelle an, die ich wähle dafür. Zum Beispiel Seite von einer Uniklinik, da kann ich speziell nach der Wissenschaft gucken und wer dazu geforscht hat. Dann bin ich auf der sicheren Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 12 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Seite, dass ich vertraue, es wurde wissenschaftlich erforscht. Wenn ich TV anschalte und ich höre Berichte, dann weiß ich nicht mehr, wie man zu dem Ergebnis und der Berichterstattung kommt. Das ist dann schwammig.« Person spricht dezidiert das System der Drittmittelförderung an. Einig sind sich alle darin, dass Wissenschaft wirtschaftlich unabhängig stattfinden soll und nicht dem Zwecke der Profitmaximierung, sondern dem allgemeinen Wohl dienen solle. »In den Talkshows wird es diskutiert, in den Nachrichten verbreitet, dass Corona eine schwierige Krankheit ist. Das hat sich durch den wissenschaftlichen Text bestätigt, den ich dann selbst recherchiert habe. Meine Hoffnung, dass das, was in der Öffentlichkeit verbreitet wird, nicht stimmen könnte, hat sich in dem Fall nicht bewahrheitet.« »Ich vertraue der Wissenschaft in Sachen Pandemie nicht mehr. Weil man ständig andere Aussagen oder Meinungen hört, die widersprüchlich sind.« Wissenschaft mit(wirtschaftlichem) Eigeninteresse ist die Wissenschaft, der misstraut wird Während Wissenschaft im Allgemeinen positiv gesehen wird, wird besonders die Abhängigkeit und Beeinflussung durch Wirtschaft und externe Geldgeber kritisiert. Ob Wissenschaft positiv oder negativ für die Gesellschaft und die Menschen sei, hänge maßgeblich vom Auftraggeber ab – und davon, welche Interessen dieser verfolge. Dies wird bei Tesla im Hinblick auf die E-Auto-Forschung ebenso vermutet wie bei der Corona-Pandemie. Auch im Bereich Kosmetik würden die jeweiligen Hersteller eigene Forschung betreiben, die jeweils die eigenen Produkte in einem guten Licht darstellen würden. Offen bleibt, welchen Aussagen tatsächlich geglaubt werden kann: Welche sind„neutrale“ und wissenschaftliche und welche von Interessen geprägte Fakten? Kritisch und esoterisch angehauchte Teilnehmende spitzen diese Annahmen zu. Im Zuge der Corona-Pandemie wird von einem wissenschaftsskeptischen Teilnehmer sogar die Vermutung geäußert, dass aufgrund wirtschaftlicher Interessen bestimmte Wissenschaftler_innen in den Vordergrund gestellt werden, um andere Perspektiven öffentlich zu unterbinden und die Wissenschaft sozusagen„gleichzuschalten“. Allerdings hat kaum jemand eine Vorstellung davon, wie Wissenschaft sich allgemein finanziert. Nur eine »Wenn ich Statistiken lese oder wissenschaftliche Beiträge, dann schaue ich immer, wer die finanziert hat. Ich glaube der Wissenschaft nicht hundertprozentig und ich glaube nicht jedem Artikel und jeder Statistik. Oft werden nur die schönen Seiten gezeigt, weil es finanziert ist.« »Das sind Einzelpersonen, die als Wissenschaftler stark in den Vordergrund getreten sind, wo man persönliche Interessen unterstellen muss. Mich stört sehr, dass Wissenschaft in diesem Fall gleichgeschaltet ist, obwohl Wissenschaft eigentlich vom Disput lebt. Kritik wird gezielt unterdrückt und damit ist die Funktion von Wissenschaft zurückgesetzt.« »Ich habe dem Corona-Wahn von Anfang misstraut. Dahinter stecken politische Interessen.« »Wissenschaft ist, wenn man sich die Entwicklung der letzten 30 Jahre anschaut, mit wirtschaftlichen Interessen verbunden, wenn man sich die vielen Drittmittelprojekte anschaut.« »Die erste Vorsitzende der EMA ist seit 1985 Lobbyistin der Pharmaindustrie. Die Interessenkonflikte sind so gravierend. Es bleibt bitterer Beigeschmack, dass jemand die Impfungen kontrollieren und aufpassen soll, der seit über 30 Jahren für Pfizer und andere Unternehmen gearbeitet hat.« 3 »Ich habe eine wissenschaftliche Ausbildung in Physik und Maschinenbau. Ich war als junger Mensch dem gegenüber aufgeschlossen. Im Laufe des Lebens ist dort enormes Misstrauen entstanden durch meine Erfahrungen, gerade auch im medizinischen Bereich. Heute ist es, wenn ich vom Bauchgefühl merke, da ist Politik oder Wirtschaft im Spiel, finanzielle Interessen, dann schlägt es in Ablehnung um. Das Misstrauen ist dann so groß, dass ich mich mehr auf den gesunden Menschenverstand verlasse, manchmal ist weniger mehr und ich wandere ab, zum Beispiel in der Medizin, lasse mich durch Heilpraktiker behandeln oder wähle Bioprodukte. Die Leute, die das für 3 Die Direktorin der EMA(European Medicine Agency), Emer Cooke, hat zu Beginn ihrer Karriere für Privatunternehmen in der Pharmabranche gearbeitet. Seit 1998 und damit über zwanzig Jahre arbeitete sie für die Europäische Kommission, die Weltgesundheitsorganisation WHO sowie aktuell die EMA. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 13 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT uns übersetzen sollen, weil man nicht überall Experte ist, die haben auch wirtschaftliche Einflüsse, zum Beispiel freie Journalisten sind abhängig davon, dass sie einen Auftrag bekommen und übersetzen es so, wie es dem Auftraggeber nutzt. Den Nutzen und die Vorteile der Wissenschaft will ich damit nicht negieren.« Wissenschaftskompetenz& Kriterien der Wissenschaftlichkeit Wenige Teilnehmende der Fokusgruppenbefragung verfügen über eine hohe Wissenschaftskompetenz. Damit ist hier die Fähigkeit gemeint, wissenschaftliche Texte zu verstehen, zu reflektieren und selbstständig bewerten zu können. Über eine hohe Wissenschaftskompetenz verfügen zumeist die hoch Gebildeten, die zuweilen einen Hochschulabschluss haben und so direkt mit wissenschaftlichem Arbeiten und Texten in Kontakt gekommen sind. Von diesen werden verschiedene Kriterien genannt, anhand derer beurteilt wird, ob Informationen glaubhaft sind und wie sie zu bewerten und einzuordnen sind. Häufig wird erwähnt, dass die Quelle relevant für die Einordung der wissenschaftlichen Information ist. Dabei ist es ausschlaggebend, dass die Quelle als seriös und vertrauenswürdig eingestuft wird. Dies ist beispielsweise bei Universitäten, Instituten, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder bekannten Wissenschaftler_innen – also überall, wo vermutet wird, dass kein Eigeninteresse waltet – der Fall. Nicht alle schätzen die jeweiligen Akteur_innen auf Basis bestimmter Kriterien gleich glaubwürdig ein. So erwähnte ein skeptischer Teilnehmender den Arzt Sucharit Bhakdi als wissenschaftliche Stimme, dessen Perspektive im Diskurs um die Pandemie zu wenig einbezogen werde. Ein anderer Teilnehmer wies darauf hin, dass Bhakdi schon lange nicht mehr forsche und ihm daher die aktuelle Expertise fehle – wobei hingegen Christian Drosten als Virologe an der Charité eben genau diese mitbringe. Außerdem wird erwähnt, dass man die verschiedenen Institute im Internet recherchieren kann, um zu prüfen, ob es diese tatsächlich gibt. Die Validierungsprozesse der Bürger_innen sind unsicher und teils etwas unbeholfen. Einige vertrauen auch den Wissenschaftsressorts in Medien und Zeitungen, in denen etwa Studien vorgestellt werden. Dies trifft auf die Skeptiker_innen seltener zu, unter denen allgemeines Misstrauen gegenüber der Presse herrscht. Personen mit hoher Wissenschaftskompetenz versuchen, die wissenschaftlichen Informationen einzuordnen und in ihrem Kontext zu verstehen. Derartiges Reflektieren ist dabei hochschwellig: Es setzt ein gewisses Wissensniveau sowie ausreichend Zeit und die Bereitschaft, sich mit Informationen zu beschäftigen, voraus. Auffällig ist, dass sich die Kompetenz überwiegend auf Faktoren wie einen Quellen- oder Faktencheck bezieht. Seltener werden Möglichkeiten genannt, wissenschaftliche Texte an sich auf Plausibilität oder etwa den Studienaufbau zu prüfen. »Ich mache es davon abhängig, wie plausibel die Argumente sind, welche Forschung dahintersteht. Macht es Sinn? Und man vertraut auf die Erfahrung und den Instinkt. Wie wird argumentiert?« »Ich informiere mich über die Quelle, wenn es in einer Fachzeitschrift ist, ein Doktor hat es geschrieben, dann hat es Glaubwürdigkeit. Es wurde von der Presse gelesen, bevor es veröffentlicht wurde. Man kann nachschauen, wie es zustande gekommen ist, zum Beispiel Studie, These, Beleg. Man kann im Internet nachlesen, Vergleiche ziehen, Prüfsiegel.« »Dieser Arzt Bhadki, bei dem muss man vorsichtig sein. Der ist seit zehn Jahren Rentner und hat so lange nicht geforscht. Das ist schwierig, dann ist es fast schon eine persönliche Meinung. Ich finde, man sollte denen vertrauen, die forschen.« »Es kommt auf die Quelle an, zum Beispiel eine Fachzeitschrift. Da habe ich mehr Vertrauen als in Facebook. Wenn ich Zweifel habe, dann gleiche ich das ab und suche die Fakten.« »Wenn ich eine Aussage habe, dann prüfe ich, woher das kommt. Institut ist ein großer Begriff. Was ist das für ein Institut, woher kommen die, wie lange gibt es die schon? Ich denke an mein Studium und an meine wissenschaftliche Arbeit. Mein Prof hat immer Wert daraufgelegt, dass ich Aussagen belege.« Einige geben an, bei der Beurteilung des Wahrheitsgehalts wissenschaftlichen Wissens überfordert zu sein. Überforderung und fehlende Wissenschaftskompetenz können sich auch negativ auf das Vertrauen in Wissenschaft auswirken. Wissenschaftskompetenz kann damit als wichtige Stellschraube begriffen werden, indem sie wissenschaftsferne und –skeptische Personen befähigt, selbst Wissenschaft zu prüfen und zu reflektieren und so auch das Vertrauen in Wissenschaft zu stärken. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 14 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Ich glaube nichts mehr. Ich bin nicht so bewandert, dass ich es als richtig oder falsch bewerten kann. Ich versuche, das Beste daraus zu machen, zum Beispiel Maske. Manches verstehe ich nicht mehr.« 5. WISSENSCHAFT UND ALLTAG nenlernt. Das ist interessant. Ich habe neulich eine Doku über Singapur gesehen.« Während manche Bürger_innen bei der Wahl der Inhalte offenbleiben, schränken andere wiederum ihr Interesse dezidiert ein auf die Themenbereiche, die für sie spannend sind. Zu diesen Themenbereichen haben sie meist einen persönlichen Bezug, beispielsweise ein verbundenes Hobby, einen assoziierten Beruf, ehemaliges Studium und Erfahrungen aus der Schule, oder vereinzelt ein politisches Anliegen. Um sich der Alltagsbedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis in den Lebenswelten der Bürger_innen anzunähern, wurde zunächst diskutiert, wer grundsätzlich einen Zugang zu„Wissenschaft“ hat – für wen spielt sie im Alltag eine große Rolle, beispielsweise als Hobby, Lektüre bestimmter Medien oder Ressorts? Nach diesem Punkt soll darauffolgend in diesem Kapitel rekapituliert werden, inwieweit Wissenschaft im sozialen Umfeld thematisiert wird um dann im folgenden Abschnitt auf die zugrundeliegende Frage einzugehen, welches wissenschaftliche Wissen tatsächlich angewandt wird, und inwieweit das Anwenden ein reflektierter Prozess ist. Dies wird noch einmal gesondert mit Hinblick auf die Eindämmungsmaßnahmen der Covid-19-Pandemie besprochen. Das Kapitel wird mit einem Abriss der angesprochenen resultierenden Aspekte von Wissenschaftskommunikation abgeschlossen. Der häufigste Zugang zur Wissenschaft sind themenspezifische, individuelle Interessen Neugierde und spezifisches Interesse sind die Hauptmotivationen der Bürger_innen, die angeben, sich intensiv mit Wissenschaft auseinanderzusetzen. Sie hegen eine Faszination für ein bestimmtes Themenfeld, wollen Dingen„auf den Grund“ gehen, Neues entdecken und ihr Wissen erweitern, oder sich mal fern des Alltagsgeschehens geistig betätigen. Eine Bürgerin beispielsweise führt eine anhaltende, kindliche Faszination für naturwissenschaftliche Experimentaufbauten und chemische Reaktionen zwischen Stoffen, die in der Natur vorkommen, an. Das Verständnis von„sich mit Wissenschaft beschäftigen“ variiert unter den Menschen auch hier stark – und reicht vom gelegentlichen Konsum von Dokumentationen bis hin zu langwierigen Online-Recherchen oder alltagswissenschaftlichem Pflanzenzüchten unter Zuhilfenahme von Fachliteratur. »Ich bin daran interessiert, aber nicht an allen Themen. Meeresforschung, Meeresbiologie und Umweltverschmutzung interessieren mich. Durch Tauchen habe ich einen besonderen Bezug dazu.« »Ich kann beitragen, dass der Klimawandel abgeschwächt wird. Dadurch handle ich moralisch und ethisch.« Interesse an und Beschäftigung mit Wissenschaft wird von den Wissenschaftsnäheren teilweise als sozial erwünschte Praxis informierter Bürger_innen gedacht – es zeugt von Weltoffenheit und Fortschrittsnähe. Bei der Wahl der interessanten Themenbereiche ist man durchaus divers aufgestellt, mal ist es die heimische Flora, mal Tiere, mal das Weltall oder Raketen und die Medizin oder der eigene Körper, auch Meeresforschung und Physik oder Kultur- und Sprachwissenschaften werden genannt. Ein weiteres assoziatives Einfallstor für die Menschen sind technologische Erfindungen und Innovationen. Ein Interesse für neueste Technik etwa in Bezug auf Smartphones, Heimausstattung oder Automobile wird als Interesse für Wissenschaft verargumentiert, wobei sich mehr auf die Endergebnisse wissenschaftlicher Arbeit bezogen wird, die den Alltag erleichtern. »Ich mag Erfindungen, jegliche Art von Trends. Ich komme erst in Kontakt damit, wenn ich davon„betroffen“ werde. Das iPhone kannte ich früher nicht. Erst als das iPhone rausgekommen ist, habe ich davon erfahren.« »Ich habe wenig Ahnung, wie Telefone funktionieren, es ist faszinierend, dass es funktioniert. Das ist Wissenschaft. Auch die Speicherkapazitäten auf Computern und Telefonen. Das ist Wissenschaft, wie es möglich ist, Daten zu komprimieren und transportieren.« »Es gibt nicht nur uns. Es gibt noch mehr auf der Welt. Dass man die anderen Regionen entdeckt, ken»Mich interessiert E-Mobilität und die Entwicklung in der Akkutechnik.« Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 15 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Bei den obigen Aspekten und Motivationsfaktoren bei der Beschäftigung mit Wissenschaft ist die Rolle der Medien wenngleich nicht dezidiert angesprochen, so doch mitschwingend. Unter den Bürger_innen finden sich viele, die berichten, dass ihr Zugang zur Wissenschaft deutlich durch bestimmte Medien, Formate und deren Themenauswahl geprägt sei. Hier wurden populärwissenschaftliche Leitformate wie„Leschs Kosmos“, teils auch auf sozialen Medien via YouTube gesehen,„Quarks& Co.“,„Galileo“, verschiedene Dokumentationsformate online und in TV, die Influencerin Mai Thi Nguyen-Kim, Podcasts wie Corona-Update und andere oder Radiosender genannt. Seltener wird angemerkt, dass es so viele Aspekte gäbe, aber die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen, sehr begrenzt sei. Das Informationsumfeld ist schnelllebig und man müsse bereit sein, die Zeit zu investieren. Anzumerken ist, dass die obigen Angaben alle gestützt gemacht wurden 4 und offenbleibt, wie intensiv und häufig die Beschäftigung mit den angegebenen Themen ist. Aus den Berichten der befragten Personen wird ersichtlich, wie zufällig und wie spezifisch das Interesse an bestimmten Themen und die geweckte Neugierde oftmals ist. Themen werden beispielsweise im Radio, in Gesprächen aufgeschnappt oder durch einen Algorithmus vorgeschlagen und dann wird sich im Internet via Google oder Wikipedia so weit in ein Thema eingelesen oder eingesehen, wie es die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse ermöglicht. »Oft ist Wissenschaft einige Klicks entfernt. Ich bin froh, dass ich mir das Wissen nicht mehr mühsam aus den Büchern erarbeiten muss. Das ist sehr gut.« »Man hört über ein Thema und wenn das Thema interessant ist, macht man sich schlau und sucht bei Google. Ich kann im Internet jede Information innerhalb von Sekunden finden, wo ich früher Bücher lesen musste. Wenn mich ein Thema interessiert, dann mache ich mich schlau und lese nach. Alles, was mit Flugzeugen oder Raketen zu tun hat oder der Weiterentwicklung der Menschheit.« Auch wird von anderen Bürger_innen offen zugegeben, dass sie sich in ihrer Freizeit mit anderen Themen beschäftigen und zur Wissenschaft und ihrer Arbeit kaum Berührungspunkte haben. Die Inhalte werden als zu komplex wahrgenommen, als dass sich ein„Laie“ tiefgreifend mit ihnen beschäftigen könnte, obwohl ein grundsätzliches Interesse vorhanden ist. Wissenschaft wird im sozialen Umfeld außerhalb des Themas Covid-19 nur bedingt thematisiert Wissenschaft wird selten als zentrales Thema im Umfeld der befragten Bürger_innen genannt. Es gibt natürlich diejenigen, die sich im Alltag bzw. in der Freizeit mit anderen, wissenschafts- oder bildungsnahen Menschen mit gewissen Themen auseinandersetzen, oder wiederum junge Studierende, die in ihren Freundeskreisen Inhalte aus ihren jeweiligen Studiengängen erörtern. Darüber hinaus ist es am Ess- oder Couchtisch seltener zentral – zumindest über das hinaus, was in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. »Psychologie und Philosophie. Ich kann nicht tief reinblicken. Es ist spannend. Wir lesen uns auch was vor und versuchen, die Texte gemeinsam zu verstehen.« »Ich habe viele Freunde, die Master und Bachelor studieren. Es ist Thema, was man macht. Die Themen, die in der Gesellschaft diskutiert werden, zuletzt die Pandemie. Jeder hat eine Meinung dazu. Es wird auch mal gestritten.« »Häufig spreche ich mit meiner Bekannten über die Botanik und wir wälzen Bücher, trinken Wein dazu. Das macht Spaß. Es reißt einen raus aus dem Alltag. Wissenschaft kommt ständig auf und ist sehr spannend.« Die Covid-19-Pandemie als wissenschaftsdurchdrungenes Thema wurde oft genannt. Die Fokusgruppengespräche fanden direkt nach dem Osterwochenende 2021 und der Diskussion um den Oster-Kurzlockdown statt – auch die ersten Thrombose-Zwischenfälle in Verbindung mit dem Impfstoff von AstraZeneca fallen in diesen Zeitraum. Hier scheinen sich Gespräche im Umfeld der Befragten abzuspielen, die häufig als sehr problematisch thematisiert werden – als polarisierte Gegenüberstellungen jener, die wissenschaftsvertrauend Maßnahmen mittragen und Parametern sowie Bekanntmachungen von Politik und Wissenschaft folgen, und einer gegenüberliegenden Position, deren Gesprächsgrundlage schon so weit entfernt von der der anderen liegt, dass Argumentationsversuche mitunter zwecklos scheinen. Mit bestimmten Bürger_innen, bspw. Verwandten, deren Standpunkt bezüglich der Covid-19-Pandemie bekannt ist, wird teils eine Diskussion sogar gemieden. 4 Gestützt heißt in diesem Fall auf direkte Nachfrage hin, welche Formate und Medien gekannt und genutzt werden. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 16 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Ich kenne Corona-Leugner. Die sind auf dem Standpunkt und gehen nicht davon ab. Weil sie es nicht verstehen und nicht verstehen wollen.« »Ich stehe auf der Seite der Wissenschaft, weil Wissenschaft sich seit Jahrhunderten bewährt hat, dass es überprüfbar, widerlegbar war und es sich weiterentwickelt hat. Es gibt konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse, die jeder überprüfen kann. Wir hatten im direkten Umfeld eine extreme Querdenkerin, wo es in den Telegram-Gruppen auch um Jungbrunnenblut ging. Es werden Behauptungen aufgestellt, die nicht widerlegbar sind. Wissenschaft kann man widerlegen und die entwickelt sich weiter.« »Ich habe einen Freund, der Verschwörungstheorien nachhängt. Das ist problematisch. Mit dem kann man bis zu einem gewissen Punkt diskutieren, aber irgendwann bringt es nichts mehr. Dann hat jeder seine Meinung und wir lassen das Thema. Es liegt wohl daran, woher man die Informationen bezieht. Dann sind Leute anfälliger dafür und andere nicht.« Bürger_innen wenden wissenschaftliches Wissen an, tun dies aber nur bedingt reflektiert Die befragten Bürger_innen haben teilweise ein Verständnis dafür, dass letztlich die gesamten Kulturtechniken und Gesellschaft auf akkumuliertem, teils wissenschaftlichem Wissen beruhen. Den meisten fehlt hier aber eine konkrete, bewusst durchgeführte Übersetzungsleistung. Die Frage, wie Wissenschaft den Alltag beeinflusst oder im Alltag Bedeutung erfährt, blieb von den Teilnehmenden weitgehend unbeantwortet. Im Folgenden werden die wichtigsten Aspekte aufgegriffen. »Man kann unterscheiden zwischen Interesse an der Wissenschaft an sich und an dem Wissen und Interesse daran, das Wissen aktiv zu nutzen. Dass man zwei unterschiedliche Formen von Interesse haben kann. Und man hat Einfluss darauf, wie energisch man das Wissen verfolgt.« Wie von dem/r Bürger_in oben umschrieben, lässt sich zwischen bspw. Lesen wissenschaftlicher Magazine und dem Interesse, Aspekte des eigenen Lebens aktiv anhand wissenschaftlichen Wissens auszurichten, unterscheiden. Ersteres ist schon nicht weit verbreitet, die reflektierte Suche und Anwendung bestimmter Erkenntnisse und deren Anwendung auf Lebensbereiche wird sogar noch seltener angedeutet. »Alltäglich. Der ganze Alltag ist von der Wissenschaft geprägt. Ich habe einen Regulierer bei der Dusche, damit die Dusche nach einer bestimmten Minutenzahl ausgestellt wird. TV-Gerät geht an. Ich fahre mit Carsharing, dahinter liegt eine App, das ist Wissenschaft. Wissenschaft ist Alltag. Man kann nicht ohne Wissenschaft. Es ist normal geworden, alles mit Technik zu machen.« »Das tun sie, ob wir das wollen oder nicht. Das beeinflusst uns auf Schritt und Tritt. Sie fließen in den Alltag ein. Wir können vieles nicht beeinflussen, zum Beispiel technologischen Fortschritt.« Intuitiv assoziieren Menschen sehr viele Aspekte ihrer Umwelt mit Wissenschaft. Der Einfluss wissenschaftlichen Wissens auf ihr Leben wird, ohne weiter spezifiziert werden zu können, als sehr groß eingeschätzt. Das wird meist mit Verweis auf Technisierung, den technologischen Fortschritt sowie die ständige Veränderung des Alltags, zum Beispiel der Mobilität oder Kommunikationsmedien, festgestellt. Selbst gestützt schaffen aber viele der Menschen den Sprung nicht, weg von Technik und alltagsverändernden Neuerungen hin zu den vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen, auf denen unser Alltagshandeln sonst noch basiert. Dinge, die man über das Funktionieren der Welt weiß, auf die sich die Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg als Grundkonstanten geeinigt hat(z. B. ‚Die Erde ist rund‘, Schwerkraft), werden oft nicht mit wissenschaftlicher Erkenntnis assoziiert und gehören unhinterfragt zur erlebten Welt. Wissenschaftliches Wissen gerinnt also im Idealfall zu Konsens und wird dann nicht mehr als solches, sondern als selbstverständlich gesehen. »Wenn es um Sport geht, wie man Fett abbaut, Muskeln aufbaut, die Kondition verbessert, das mache ich gezielt. Daran habe ich nicht gedacht.« »Die Schwerkraft zum Beispiel. Die gehört zum Alltag, die hinterfragt man nicht. Das kann man wahrnehmen und spüren.« Sehr schnell denken Bürger_innen dann wiederum an sehr komplexe wissenschaftliche Themen von Raumfahrt bis hin zur Teilchenphysik, deren Wissensschätze als zu schwierig erscheinen, um im Alltag anwendbar zu sein. »Es ist nicht greifbar, was die machen. Die reden von schwarzer Materie, die uns zusammenhält, dass Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 17 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT irgendwo ein Teilchenbeschleuniger mit Überlichtgeschwindigkeit kollidiert und ausgemessen wird. Das ist nicht greifbar.« Wissenschaft ist spannend und relevant, wenn sie klar und anwendbar ist. Anwendbar wiederum scheint sie im zeitlichen Verlauf der Genese wissenschaftlichen Wissens und dessen sukzessiver Überführung in die Alltagspraxis, quasi dessen Übersetzung in gesellschaftlichen und technologischen Wandel, meist erst so spät, dass das Gesehene nicht mit Wissenschaft per se assoziiert wird, sondern bspw. mit Firmen, die die Ideen vermarktet haben, oder eben„Fortschritt“. Noch komplexer wird der Zusammenhang zwischen der Alltagspraxis der Bürger_innen und wissenschaftlicher Erkenntnis im Fall körperlich-medizinischer Zusammenhänge und sehr abstrakten, haptisch nicht fassbaren Phänomenen wie Statistik oder Wahrscheinlichkeiten. Dieser Punkt wird unten erneut in Bezug auf die Covid-19-Pandemie aufgegriffen. Wissenschaft und deren Erkenntnisse scheinen unter Teilen der befragten Bürger_innen in einer Art Konkurrenzverhältnis zum eigenen Erleben und der eigenen Wahrnehmung zu stehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse machen Aussagen, und Bürger_innen betten diese wiederum in ihren Alltagskontext ein, vergleichen sie mit eigenen Erfahrungswerten oder mit denen von Menschen in ihrem Umfeld. Alles wird dann einer mehr oder weniger rigorosen, mentalen Plausibilitätsprüfung unterzogen, die nur bedingt artikuliert werden kann. Dort steht der verallgemeinernde wissenschaftliche Status Quo, da wiederum die eine Individualmeinung, das Urteilsvermögen oder„der gesunde Menschenverstand“. »Das ist die Frage, wo Wissenschaft anfängt. Das ist streitbar. Ich würde mich nicht als Wissenschaftler bezeichnen. Im Alltag spielt die Wissenschaft keine große Rolle. Gibt es Anregung von außen, wie von Informationssendungen im TV und Radio, die ich aufnehme, in der Zeitung lese oder woanders lese, wenn es mich interessiert, ist es gut, wenn man nachforschen kann. Wo fängt Wissenschaft an?« Der Unmittelbarkeit der eigenen, sensorischen oder reflexiven Wahrnehmung wird von manchen Bürger_ innen mehr Vertrauen entgegengebracht als der Wissen schaffenden Institution. »Wir sind alle kleine Wissenschaftler, durch Beobachten und Zuhören, nicht nur durch Informationen, auch durch Wahrnehmung. Wahrnehmung ist auch eine Art von Wissenschaft.« Anschaulich wird das beim Fall der Definition gesunder Ernährung oder Lebensführung- ein Feld, in dem sich wissenschaftliche Angaben sehr volatil ändern. Hier beschreiben Bürger_innen, wie sie in verschiedenen Kontexten Wissen erlangen, dieses reflektieren und mit ihrer individuellen Erfahrung abgleichen und das Wissen verwerfen, sobald sie„für sich“ etwas anderes als richtiger empfunden haben. Der Glaube an das eigene kritische Urteilsvermögen ist groß. »Wenn es einem guttut bei TV einzuschlafen, dann tut es einem gut und man merkt es selber und dafür braucht man keine wissenschaftliche Studie, auch wenn die sagt, dass es schlecht ist.« »Ich habe gehört, man soll zwei Liter Wasser am Tag trinken, dann habe ich gehört, dass Kaffee schädlich ist. Wenn ich zum Kunden gehe und der bietet mir was zum Trinken an, dann trinke ich meistens Kaffee und kein Wasser. Ich habe nicht die Zeit, was zu trinken. Jedes Mal kommen andere Meinungen dazu. Mein Körper will gar nicht so viel trinken. Damit hat es sich dann.« »Wir sind nur Menschen. Es braucht Disziplin. Ich weiß auch, dass Nahrung Medizin ist. Stück Schokolade birgt Wunder, auch wenn es nicht gesund ist. Die Dosis macht das Gift. Auch mit einem Glas Wein. Mein Opa wurde über 90, der hat hart gearbeitet bis ins hohe Alter auf den Feldern, der hat sich nie die Flasche Wein jeden Tag nehmen lassen.« In diesen Bereichen scheint es manchen Bürger_innen ein ungutes Gefühl zu bereiten, so zu sein, wie jede_r andere. Alles muss noch mal an sich selbst validiert werden und der eigenen Wahrnehmung standhalten. Dies scheint besonders in Fällen nötig zu sein, in denen die Erkenntnislage oft wechselt, und viel halbinformiertes Wissen kursiert – das Internet kann in diesen Konstellationen mit der Menge an Informationen eine zusätzlich erodierende Rolle spielen. Gerade bei Lebensaspekten, die sich schwierig ändern lassen, womöglich weil emotional aufgeladen, werden besonders hohe Maßstäbe an das wissenschaftliche Wissen angelegt, wie dieses Beispiel eine_r Bürger_in mit dem Beispiel Konsum von rotem Fleisch zeigt: »Es sind keine endgültigen Ergebnisse. Es ist noch nicht ausgeforscht. Es ist nicht einwandfrei bewiesen.« Wissenschaft macht Angebote, die dann angenommen oder abgelehnt werden können, aber doch an den individuellen Einzelfall zu schlecht angepasst seien. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 18 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Wir sehnen uns nach individuellerer Beratung. Der Körper ist unterschiedlich. Es ist nicht schlimm, dass man immer wieder andere Meinungen hört. Wissenschaft entwickelt sich. Bei Ernährung und Sport, alles, was den Körper betrifft, wird alles pauschalisiert, aber dann hören wir, dass jeder Körper anders ist.« »Ich probiere vieles aus und ich merke dann, ob es mir was bringt oder nicht. Wenn ich zum Beispiel drei Liter Wasser trinke, merke ich, dass es mir besser geht. Das ist einfache Sache, die man am eigenen Körper spürt, auch mit der Ernährung. Man liest dann, was man besser machen kann. Die Krankheiten haben eine Ursache, zum Beispiel Diabetes.« Viele Bürger_innen wünschen sich in bestimmten Themenbereichen, dass Wissen eindeutig dargestellt und anwendbar gemacht wird. Insbesondere kam in diesem Kontext die Frage nach dem eigenen Einfluss auf den Klimawandel, und wie dem bestmöglich entgegengetreten werden kann, auf. »Ich ernähre mich vegetarisch. Ich gucke viele Dokus. Ich achte auf Weichspüler. Es ist krass, woraus Weichspüler bestehen, zum Beispiel Schweineknochen, wie schlecht es für das Abwasser ist. Das sind Kleinigkeiten. Das bringt mir die Wissenschaft.« »Wissenschaft soll den Alltag beeinflussen und tut es auch. Man muss die wissenschaftlichen Ergebnisse auch bewerten, zum Beispiel Klimaforschung. Es gibt verschiedene Ansätze und Vorschläge, von denen sicherlich jeder einzelne wissenschaftlich korrekt ist, aber die Handlungsanweisung ist unterschiedlich. Man muss es werten.« Diesen letzten Schritt der Wertung finden viele Bürger_innen mehr oder weniger zeitaufwändig und anspruchsvoll. Die Pandemie stellt einen Sonderfall ständig aktualisierter, wissenschaftlicher Erkenntnis dar, die besonders großes Vertrauen abverlangt, wenn sie angewendet werden soll Die Covid-19-Pandemie stellt einen Sonderfall für die Anwendung und Reflexion wissenschaftlichen Wissens dar. Gerade bei umstrittenen Themen, bei denen eine„haptische“,„fühlbare“ Komponente nur bedingt da ist – wie eben einem unsichtbaren Virus mit unterschiedlich starken Krankheitsverläufen und gleichzeitig unterschiedlich starkem Einfluss der Eingrenzungsmaßnahmen auf die Individualpersonen – scheint das Konfliktpotenzial besonders groß. »Was kann ich wahrnehmen, wie kann ich es wahrnehmen, kann ich was spüren, was sehen? Der Mensch glaubt nur das, was er sehen kann oder wahrnehmen kann. Das spielt eine große Rolle bei der Glaubwürdigkeit.« »Wir können es sehen, auch wenn man es nicht selber ausprobiert. Ich sehe, das Flugzeug fliegt. Dass es EFahrzeuge gibt. Man kann es nachvollziehen.« Zu beobachten ist die Rezeption der Bürger_innen eines sich entwickelnden, ständig verändernden wissenschaftlichen Diskurses, mit gesellschaftlichen Reaktionen und Entwicklungen in Antwort auf das Virus, die hochpolitisiert sind – einem wicked problem: einer Problemstellung, die sich durch Komplexität, der Menge an involvierten Akteur_innen, sich verändernden, teils widersprüchlichen Wissensschätzen und hohen ökonomischen Risiken einfachen Lösungsprozessen entzieht. Durch die stetige Akkumulation und Neubewertung von Daten und Studien verändern sich Handlungsanweisungen, Behandlungsmethoden und Parameter, die auch Grundlage für politische Maßnahmen sind, während sich das Virus selbst in stetiger Weiterentwicklung befindet – wodurch die Vorläufigkeit des wissenschaftlichen Wissens noch gesteigert wird. »Im Alltag ist es weniger umstritten, weil es nicht so politisiert ist. Es vermengt sich gerade, alle gucken auf die Entscheidungen und es gibt Meinungen, die konkurrieren in der Wissenschaft, die hochpolitisiert sind. Man gibt dem mehr Bedeutung. Wenn ich im Alltag herausfinden will, wie ich am besten im Garten arbeite, welche Pflanzen sich gut leiden können, dann gibt es keinen Wettstreit und dann vertraue ich auf Meinungen. Und wenn ich sehr interessiert bin an einem Bereich, zum Beispiel Ernährung, dann kann ich mich einlesen und probiere es aus. Es hat nicht so ein Gewicht wie die Pandemie zurzeit.« »Wir befinden uns in einem Zeitpunkt, in dem Wissenschaft und Politik direkt verbunden sind. Was unser Leben beeinflusst, kommt aus der Wissenschaft. Forschung braucht viel Zeit. Es kann Jahre dauern. Zurzeit bin ich nicht sicher, ob es noch so ist. Wir bekommen die Entscheidungen so schnell. Wie sicher ist es, ist die Frage. Ich beziehe mich auf die Pandemie.« Das steht in Kontrast zu der Gesetzmäßigkeit und scheinbaren Unveränderbarkeit, die wissenschaftliche Erkenntnis für Laien in Teilen hat. Die Fehlbarkeit der Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 19 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Wissenschaftler_innen ist etwas, das nicht jedem_r Bürger_in so bewusst gewesen ist. Die Debatte um Impfstoffe, die in deutlich schnelleren Verfahren entwickelt und zugelassen wurden und deren Rezeption kann hier stellvertretend stehen: »Ich hatte einen Impftermin für AstraZeneca. Der wurde zweimal abgesagt. Das Hin und Her ist anstrengend. Ich verliere das Vertrauen, dass es genug erforscht wurde. Ich führe es meinem Körper zu. Es wurde schnell entwickelt, das wäre unter normalen Bedingungen nicht so gewesen. Es ist nicht vertrauenserweckend, was Wissenschaft sein soll. Wissenschaft ist etwas Fundiertes, Erforschtes, dazu habe ich Vertrauen.« Widersprüche zwischen Vertreter_innen der gleichen Disziplin, oder ebenso verschiedener Disziplinen steigern die Ungewissheit weiterhin und bringen Laien in die Position, zu meinen, entscheiden zu müssen, welche Problemdefinition sie nun als am relevantesten erachten. Wenn man sich vertiefend in ein Thema einlesen will, weil es einen interessiert und man hat es in der Zeitschrift aufgegriffen, dass man die Möglichkeit hat, ohne sich ein Buch zu kaufen. Der Weg wird oft schwer gemacht, weil Google so viele Ergebnisse anzeigt. Es ist schwer, es zu filtern.« Grundsätzlich wird augenscheinlich, wie wenig sich Bürger_innen unter Wissenschaftskommunikation vorstellen können, und wie wichtig sie insgesamt gerade jetzt ist. Es wird sich eine einordnende, sammelnde und erklärende Übersetzungshilfe für ein zumindest rudimentäres Verständnis hochkomplexer Herausforderungen unserer Zeit gewünscht und gebraucht. Selbstverständlich sind viele Informationen frei verfügbar, aber die Selektion vertrauenswürdiger Quellen stellt ein Problem dar. »Man muss wissen, wo man es findet. Wo lese ich es nach, und weiß, dass es anständig ist und kein Müll. Das ist das große Thema.« »Wer sagt, dass die FFP2-Masken besser sind? Ich bin Asthmatiker und es steht drauf, dass man die nicht länger als 60 Minuten tragen soll, dann muss man eine neue Maske nehmen. Ich habe als Asthmatiker einen anderen gesundheitlichen Schaden damit.« »In diese Richtung gibt es auch Ärzte. Die haben Podcasts oder andere Möglichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Die laden Leute ein, wie zum Beispiel den Direktor des Deutschen Hygiene-Instituts. Der mal einen kurzen Einspieler auf n-tv hatte und danach wurde er unterdrückt.« Die Wechsel der Referenzebenen, wen schütze ich, was schütze ich, wie gewichte ich meine Verhaltensweisen, in Verbindung mit etwaigen existenziellen Fragen, die mit der Pandemiebekämpfung einhergehen sowie die ständig wechselnde Nachrichtenlage werden durch die Bürger_innen als äußerst belastend wahrgenommen. Wissenschaftskommunikation wird wenig bewusst wahrgenommen, aber umso dringender gebraucht »Wenn man verschiedene Sachen verstehen will und das bei Quarks sieht, kann man selber Verbindungen dazu aufbauen und weiß, warum solche Sachen so funktionieren. Oder auch Studien über das gesellschaftliche Leben. Man sollte schauen, dass die Forschung, die betrieben wird, transparenter wird. »Ich brauche mehr Struktur, weil ich sonst zu schnell den Überblick verliere. Es gibt so viele Informationen, die auf mich einprasseln, dass ich nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll.« Insgesamt scheint das Erkennen eines genuin zur breiten Vermittlung an die Öffentlichkeit gedachten Wissenschaftsformates schwierig zu sein. Auf Nachfrage nennen Bürger_innen Formate wie Blogs, GoogleErgebnisse mit„Quellenangaben“, aber auch Tage der Offenen Tür von wissenschaftlichen Institutionen und Museen, Wissenschaftsressorts großer Zeitungen, Fernsehsendungen wie die„Sendung mit der Maus“, „Galileo“,„Quarks& Co.“,„Leschs Kosmos“ oder wiederum YouTube sowohl unspezifisch als auch im Zusammenhang mit der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim. Seltener werden offene Veranstaltungen und Seminare an Universitäten genannt. »Es gibt Fachmagazine, Sendungen, Informationsquellen, die darauf ausgelegt sind, dass man Vorwissen mitbringt. Aber es gibt auch normale YouTube-Kanäle, die es vereinfachen, zum Beispiel Lechs Kosmos. Dort werden komplizierte Informationen rübergebracht. Es geht ein Teil verloren, aber es wird grob erklärt, sodass die Allgemeinheit es ohne Vorwissen versteht. Man kann sich sehr gut heute informieren, wenn man Interesse hat. Es gibt für jeden Bildungsgrad ein Medium.« »Mai Thi Nguyen-Kim. Die ist Chemikerin, die hat früh mit YouTube angefangen und hat dort ihren Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 20 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT eigenen Kanal und arbeitet für Funk und ZDF. Die macht leichtverständliche Wissensvermittlung.« Grundsätzlich lassen sich use cases unterscheiden, zwischen einem neugierigen Erkunden neuer Phänomen- und Lebensbereiche zur Freizeitgestaltung auf der einen, und einem genuinen Interesse an gesicherten, handlungsanweisenden Optionen auf der anderen. Insbesondere letzteres ist im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie aber auch mit anderen Fragestellungen hochrelevant. Während für die„Freizeit“ oberflächliche Informationen, die gut aufbereitet sind, reichen, wird die Aufgabenstellung im Falle der klaren, einfachen Zurverfügungstellung von Informationen zu gesellschaftlichen Problemen und Alltagspraxis schwieriger. Bezogen auf den Gesundheits- und Kosmetikbereich, scheinen viele Bürger_innen bspw. sehr verunsichert, was die Identifikation einer vertrauenswürdigen Instanz angeht. Besonders neugierige Bürger_innen im Hinblick auf die Covid-19-Pandemie lesen sogar Materialien, die für Fachpersonal bestimmt sind. »Meistens informiere ich mich aktiv über was und dann kommt es auf die Quelle an, die ich wähle dafür. Zum Beispiel Seite von einer Uniklinik, da kann ich speziell nach der Wissenschaft gucken und wer dazu geforscht hat. Dann bin ich auf der sicheren Seite, dass ich vertraue, es wurde wissenschaftlich erforscht. Wenn ich TV anschalte und ich höre Berichte, dann weiß ich nicht mehr, wie man zu dem Ergebnis und der Berichterstattung kommt. Das ist dann schwammig.« »Es ist unterschiedlich, welche Quelle man sucht. In der Pandemie habe ich wissenschaftliche Texte gelesen, die an Ärzte gerichtet waren, obwohl ich nur die Hälfte verstanden habe.« »Auf der persönlichen Ebene schaut man, was für einen selber der Nutzen aus den Erkenntnissen ist. Ich kann nicht nachvollziehen, ob Pflegeprodukte verträglich sind oder gut hergestellt. Dann wird der Kontext wichtig. Lese ich es auf der Herstellerseite nach oder bin ich auf einer Verkaufsplattform von Produkten, die Wissenschaft darstellen oder bin ich bei einem objektiven Institut, die ihre Forschung veröffentlichen.« An den zwei unterschiedlichen use cases lassen sich auch die Wünsche und Erwartungen an Wissenschaftskommunikation gliedern. Im Hinblick auf ersteres, also Neugierde und Beschäftigung mit spannenden Themen der Wissenschaft als Selbstzweck und Freizeitgestaltung, sind die Wünsche sehr formatspezifisch oder setzen bereits bei der Schule an: Diese sei in der Pflicht, wissenschaftsmündige und daraus folgend interessierte Bürger_innen auszubilden. »Es ist eine Mischung aus vielen Aspekten. Die eigene Einstellung zu den Produkten oder der Wissenschaft. Wichtig ist, welches Fachwissen man mitbringt. Ob man den Fachexperten vertraut, ist auch wichtig. Wenn viele Wissenschaftler die gleiche Meinung haben, kann ich dem eher vertrauen und mich mehr damit identifizieren oder die Ergebnisse kann ich dann besser nachvollziehen.« »Wissenschaft wird mit der Sprache der Wissenschaft erklärt und das ist für den Laien ein Problem. Wenn Wissenschaft in leichter Sprache erklärt wird, würde es viel mehr Interessierte geben.« »Es sollte einfacher verpackt werden. Die Informationen sollten reduziert werden, nur das Wichtigste sollte dargestellt werden.« Laien scheint ihre Ausgangsposition als Laien bewusst zu sein, weswegen in komplexen wissenschaftlichen Fragestellungen mehrfach der Wunsch aufkam, bei wichtigen Entscheidungen die Datengrundlage, die Argumente und Methoden gänzlich transparent zu machen. Sobald ein Schritt übersprungen wird, oder aufgrund von Komplexität schlichtweg nicht nachvollziehbar ist, wird bei manchen Bürger_innen Misstrauen laut. »Zugang zu den Informationen, was die Studien angeht: Zeitraum, Altersgruppe. Damit ich verstehe, wie sie auf das Ergebnis gekommen sind, dass es mir statistisch klar ist und dann habe ich mehr Vertrauen.« Um Interesse oder Neugierde zu wecken, muss Wissenschaft die Rezipient_innen in ihren Welten abholen – mit ihrer Sprache zuallererst. Die Wissenschaft bediene sich hingegen de facto oft einer Sprache, die die Mehrheit der Bürger_innen nicht ohne weiteres versteht. »Ich möchte Wissenschaft angenehm konsumieren können und Spaß dabei haben. Sonst mache ich es nicht. Wenn es gute Formate gibt, an denen ich Spaß und Interesse habe, dann spielt es eine Rolle im Alltag.« »Dass man weiß, wie Insulin produziert wird, was macht Insulin in mir. Dass ich weiß, wenn ich was esse, was passiert. Etwas, was Spaß macht. Wissen- Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 21 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT schaft muss auch Spaß machen. Manchmal ist es zu theoretisch.« »Wissenschaft ist besser verständlich, wenn es mit Bildern oder Emotionen verbunden ist. Ich brauche ein Bild, was mit Emotionen verbunden ist und dann kann ich das mit Wissen füllen, sodass ich das verstehen kann.« »Wir haben viel Social Media und viele junge Menschen sind auf Instagram. Ich habe dort wenig Wissenschaft gesehen.« Auch wenn der Wunsch geäußert wird, dass sich Wissenschaft auch in den sozialen Medien abspielen sollte, wird gleichzeitig die Gefahr gesehen, bei einem gänzlichen Wechsel auf Formate wie Podcasts oder Instagram-Posts, Ältere auszuschließen – die goldene Mitte scheint hier gewünscht. werden – Forschung nicht nur der Forschung wegen, sondern für das Allgemeinwohl, auch erweitert durch mögliche Beteiligungsformate. »Es ist gut. Es ist immer gut, wenn man als Mensch das Gefühl hat, gebraucht zu werden, Mitbestimmungsrecht zu haben und das Gefühl von Wertschätzung zu spüren. Es ist gut, wenn man sich beteiligen und mitarbeiten kann. Dann kann man es besser verstehen, man kann mitwirken. Das ist gut.« Der Aspekt, mediale Vermittlungs- und Übersetzungsschritte möglichst zu reduzieren, taucht mehrfach auf. Bürger_innen wollen die Informationen von den Forschenden selbst, im besten Fall als Interview im Originalton, in der Hoffnung, dass deren Aussagen eindeutiger, weniger widersprüchlich und richtig sind. Auf dieser„neutralen“ Basis wird sich dann die eigene Meinung gebildet, keine„aufoktroyierte“. Auch an dem zweiten use case – dem Finden vertrauenswürdiger, gesicherter Information für die eigene Anwendung, gibt es Wünsche und Erwartungen. Mehrfach imaginieren die Bürger_innen eine zentrale Plattform, eine leicht auffindbare und einfach zu navigierende Anlaufstelle, die aus der Masse an Informationen, die in Umlauf sind, diejenigen herausfiltert, die relevant und„wahr“ sind. Ob das via Fernsehen oder Internet erfolgt, ist an dieser Stelle zweitrangig. Die Informationslandschaft wird von vielen als zu fragmentiert wahrgenommen. »Neuen TV-Sender, der tagtäglich die neuesten Erfindungen und Erkenntnisse bringt. Dass man besser informiert ist, der alles zusammenfasst.« »Öffentliche Plattform. Ich bilde mir lieber selber eine Meinung und da hätte ich gerne alles transparent auf einer öffentlichen Plattform.« »Interviews sind ein Punkt. Eine Aussage kann nicht gefälscht werden. Ich würde mich nicht immer direkt damit beschäftigen. Ich brauche einen Anstoß, dass Wissen auf mich zukommt und dass man die Sachen, die einen interessieren, nachgucken kann. Um zu filtern, was belegbar ist. Die Übersetzung sollte direkter stattfinden, zum Beispiel durch Interviews.« »Es liegt an der Vermittlung. Es sollte direkt stattfinden. Forschungsinstitute sollten interviewt werden in den Nachrichten und es sollte begründet werden, damit es jeder versteht. Das sollte überall frei zugänglich in den Medien, die jeder nutzt, kommuniziert werden.« Als deutliches Indiz für ein relativ großes Vertrauen gegenüber den Akteur_innen„reiner Wissenschaft“, erscheint hier die Anforderung an das wissenschaftliche System, medienkompetenter zu werden. »Dass die Wissenschaft mehr bürgernahe Portale entwickelt, wo der Bürger sich direkt bei der Wissenschaft unabhängig informieren kann. Wie beim Bundestag, dort gibt es auch so eine Einrichtung. Unabhängig von wirtschaftlichen oder politischen Interessen.« Bürger_innen wünschen sich dieses Portal oder diese Plattform dezidiert von„der Wissenschaft“ selbst organisiert und kuratiert, um Vermittlungsschritte insbesondere durch Medien(und Wirtschaft), welche Misstrauen wecken, zu überspringen. Ein solches Format gäbe den Bürger_innen zudem das Gefühl, bei Forschung als Adressat_innen immer mitgedacht zu Ähnlich der oben genannten zentralen Plattform, wünschen sich Bürger_innen im Hinblick auf alltägliche Fragestellungen eine Art Gradmesser oder Übersetzungshilfe mit den wichtigsten Erkenntnissen zum jeweiligen Thema. Das kann z.B. für den Bereich Gesundheit, für die Klimafolgen des Verbraucher_innenverhaltens oder für Pandemie-Fragen gelten. »Dass man eine Richtlinie hat. Man weiß nicht, was die Auswirkungen sind. Die sind noch nicht richtig erforscht. Es gibt Argumentationsspielraum. Dass man ein Instrument hat, was es misst und dass man weiß, ab der und der Zahl wird es kritisch, weil Folgen entstehen können. Eventuell macht es auch nichts Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 22 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT mit dem Körper. Das weiß man noch nicht. Es ist ein Prozess, der in der Wissenschaft stattfinden muss.« »Dass man die Informationen einfach präsentiert bekommt, dass man zum Beispiel eine App hat, die in Sachen Ernährung Tipps gibt, wie es laut Wissenschaft richtig ist, was man verbessern kann im Alltag. Oder dass man einfacher sieht auf den Verpackungen, welche Inhaltsstoffe was bewirken. Dass man eine App hat, man das Produkt scannt und man kriegt Informationen dazu. Schnelle und einfache Informationsgabe.« Über allen anderen Aspekten hervorgehoben steht bei den befragten Bürger_innen eine nachvollziehbare, anschauliche und verständliche Erklärung der Fragestellungen, die sie umtreiben. Dinge, die nicht verstanden werden, bleiben fremd und fast etwas unheimlich. Ständige Veränderungen, schwankende Parameter und Widersprüche müssen kommuniziert und erklärt werden. Mehrfach wird widersprüchlicherweise eine sehr einfache, verständliche Darstellung gefordert und zum anderen eine gänzliche, transparente Offenlegung von Methoden, Daten und Argumentationsgängen – ein Spannungsfeld, welches Wissenschaftskommunikation sensibel ausbalancieren muss. 6. WISSENSCHAFTLICHE POLITIKBERATUNG Unterschiedliche Wissenschaftskompetenz, Misstrauen gegenüber wirtschaftlichen Eigeninteressen, deutliche Unterschiede beim Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und eine Situation, die ein bisher unbekanntes Maß an ständiger Interaktion zwischen Wissenschaft und Politik erfordert: Was bedeutet die Covid-19-Pandemie für die Wahrnehmung wissenschaftliche Politikberatung? Welches Wissen über wissenschaftliche Politikberatung haben die befragten Bürger_innen und was sind ihre Wünsche und Erwartungen? Akteur_innen im Zusammenhang der Covid-19-Pandemie haben die höchste Bekanntheit Bei der Frage nach bekannten Wissenschaftler_innen und wissenschaftlichen Organisationen wird eines sehr deutlich: Insbesondere Akteur_innen, die im Kontext der Pandemie in den Medien thematisiert wurden und die Expertise in Bereichen wie etwa Abbildung 4: Genannte Akteur_innen und Begriffe im Zusammenhang der Covid-19-Pandemie Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 23 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Virologie oder Impfforschung haben, sind den Teilnehmenden bekannt. Mit Abstand am häufigsten wurde das Robert-Koch-Institut(RKI) genannt. Das RKI stellt für die meisten eine seriöse und neutrale Institution dar. Es wird nur an einer Stelle direkt Kritik an seiner Arbeit geübt, aufgrund von Verständnisschwierigkeiten im Hinblick auf Infektionszahlen. Im Zusammenhang mit Impfungen wird außerdem einige Male das Paul-Ehrlich-Institut genannt. Auch hier ist Vertrauen vorhanden, da es eine glaubwürdige, wissenschaftliche staatliche Einrichtung sei. Ebenfalls im Kontext der Pandemie fallen häufig die Namen des Virologen Christian Drosten und des SPD-Politikers Karl Lauterbach. Über Drosten ist mitunter bekannt, dass er in der Charité arbeitet. Über Lauterbachs wissenschaftlichen Hintergrund ist weniger bekannt, mitunter wird er als Arzt bezeichnet. In Zusammenhang mit beiden Personen wird kritisiert, dass vor allem ihre Positionen in den Medien vertreten werden, die auf scharfe Corona-Maßnahmen abzielten. Während Drosten immer im Vordergrund gewesen sei, seien mitunter andere Virologen wie z. B. Henrik Streeck oder der bekannte Covid-19-Verharmloser Wolfgang Wodarg weniger sichtbar gewesen. Ansonsten sind vor allem(natur-)wissenschaftliche Forschungsinstitute wie Max-Planck-Institute, Helmholtz-Institute oder Fraunhofer-Institute bekannt. Allerdings ist über den Namen hinaus kaum Wissen vorhanden. Mitunter wird auch der Physiker Harald Lesch genannt, der durch seine TV-Präsenz auffällt. »Virologe Streeck. Der ist oft im TV zu sehen. Der ist meistens einer anderen Meinung als RKI oder Politik. Der sagt, dass die Politik vielleicht auf mehrere Virologen hören sollte und nicht nur auf RKI.« »RKI gibt wissenschaftlich fundierte Informationen weiter und darüber kann man sich im Bundestag auseinandersetzen.« »Max-Planck-Institut. Man hört ab und zu davon. Das kenne ich vom Namen.« »An Statistiken und Rechenexemplaren. Berechnungen sind sehr wichtig. Ich vermisse heute die Wissenschaft in Form von Zahlen, Belegen. Es werden Zahlen auf den Tisch geworfen, was nicht zeigt, was an tatsächlichen Zahlen da ist. Zum Beispiel Zahlen RKI, der 7-Tage-Inzidenzwert, der sollte ein 7-Tage-Inzidenzwert sein. Das Problem ist, das wird nicht offen kommuniziert, dass die Labore noch im Rückstau sind. Wir haben Fälle, die sind noch von April 2020 zum Beispiel. Die Zahlen sind verfälscht. Das hat nichts mit seriöser Wissenschaft zu tun.« Sichtbarkeit und Wissen über wissenschaftliche Politikberatung ist kaum vorhanden – Zweifel an ihrer Neutralität bestehen vereinzelt Insbesondere während der Pandemie wurde wissenschaftliche Politikberatung für Bürger_innen sichtbar. Durch regelmäßig stattfindende Pressekonferenzen, breite Berichterstattung und die Bekanntheit von Akteuren wie dem Robert-Koch-Institut oder Christian Drosten, wurde die öffentliche Sichtbarkeit von politikberatenden Organisationen oder Personen stark erhöht. Darüber hinaus erzielten die sich immer wieder erneuernden wissenschaftlichen Erkenntnisse und deren Auswirkungen auf politische Entscheidungen und Gesetzesvorhaben direkte Auswirkungen auf das Leben der Bürger_innen – und das in einer Geschwindigkeit und Intensivität, die vollkommen neu ist. Warum es diese Beratung überhaupt gibt und welche Rollen die einzelnen Bereiche – Politik, Wissenschaft und Medien – einnehmen, können sich die meisten gut vorstellen. Die Politik selbst könne nicht einschätzen, was richtig und falsch sei – ihr fehle schlicht das relevante Wissen für die entsprechenden Entscheidungen. Politiker_innen seien Laien, wie der aktuelle Gesundheitsminister Jens Spahn, der eigentlich Bankkaufmann sei und keine eigene Expertise im medizinischen Bereich mitbringe. Auf Basis der Beratungen treffe die Politik ihre Entscheidung. Dabei ist es ihre Aufgabe, abzuwägen, die Empfehlungen der Wissenschaft zu bewerten und eine praktikable Lösung daraus abzuleiten. Vereinzelt wurde bemerkt, dass es auch die Aufgabe der Politik sei, die Entscheidungen sowie die Entscheidungsfindung öffentlich zu kommunizieren und zu erklären. Dieser Teil fehle aber – insbesondere während der Pandemie – vielen. Die Rolle der Wissenschaft besteht darin, zu informieren, zu beraten und Wege aufzuweisen. Der Presse werden zwei Aufgaben zugesprochen: Einerseits hat diese Einsicht in die Beratung und wirkt so als Kontrollinstanz, andererseits informiert sie die Bürger_innen. Größere Lücken herrschen hingegen beim Wissen über den Ablauf der Beratung, die Auswahl der Wissenschaftler_innen sowie die Entscheidungsfindung vor. An dieser Stelle wird große Intransparenz moniert. »Die Virologen beraten die Politiker. Vor der Pandemie war es nicht offensichtlich.« Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 24 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT »Bestimmte Wissenschaftler, zum Beispiel RKI in der Pandemie, die setzen sich mit den Politikern zusammen und erzählen denen, was richtig oder falsch ist. Die Politik sucht einen Kompromiss, was ist umsetzbar und wirtschaftlich vertretbar.« »Man muss zwischen Beratern und Entscheidungsträgern differenzieren. Der Berater sagt, was sinnvoll ist. Der Berater ist nicht der, der entscheidet. Das ist der Entscheidungsträger in der Politik. Das werfen manche zurzeit durcheinander.« »Ja, die müssen die wissenschaftlichen Ergebnisse haben, um Gesetze beschließen zu können, zum Beispiel CO2-Ausstoß oder in der Medizin. Sonst weiß die Politik nicht, was sie machen soll.« Der Zweck wissenschaftlicher Politikberatung wird vor allem in der Information über wissenschaftliche Erkenntnisse gesehen, da der Politik dieses Wissen fehle. Wissenschaft berät die Politik, damit diese die richtigen Entscheidungen, beispielsweise im Rahmen von Gesetzesvorhaben, treffen kann. Die meisten der Befragten sind daher der Überzeugung, dass diese Beratung zentral sei: Die Wissenschaft solle und müsse die Politik beraten. Erwähnt wird zudem, dass nur so die Glaubwürdigkeit der Politik gewährleistet werden könne. Auch in der Pandemie sei es gut, dass Politik auf Basis der Wissenschaft betrieben werde. Zumindest Bundeskanzlerin Angela Merkel wird zugestanden, sich ausführlich informiert zu haben. Häufig wird aber befürchtet, dass nur bestimmte Wissenschaftler_innen und damit nur einzelne Perspektiven in die Beratung einbezogen werden. Die Angst dabei ist, dass eine Person einseitig berate oder gewisse Aspekte bei der Beratung stärker als andere hervorhebe. Hier zeigt sich ein Misstrauen gegenüber der Neutralität von Wissenschaftler_innen bzw. gegenüber der von der Politik getroffenen Auswahl der beratenden Wissenschaftler_innen. Dies wird auch im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Politikberatung in der Pandemie genannt: Es wird angeprangert, nur bestimmte und einseitige Wissenschaftler_ innen, Positionen und Empfehlungen einzubeziehen, während abweichende Meinungen aus der Beratung und selbst aus dem medialen Diskurs verdrängt würden. Einige Male wird erwähnt, dass die Politiker_innen gezielt nur solche Wissenschaftler_innen für die Beratung auswählen würden, die ihre eigene Agenda stützen. Analog zur generellen Bewertung von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, erhält auch im Kontext der wissenschaftlichen Politikberatung die Wissenschaft mehr Zustimmung als die Politik. Die Politik lasse häufig das Allgemeinwohl außen vor. Hier gehe es stärker um wirtschaftliche Interessen oder um politisches Kalkül. Mitunter wird sogar gefordert, dass Wissenschaft die Politik noch stärker beeinflussen soll, beispielswiese in Bezug auf den Klimawandel. Auch bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie habe konkret die Landespolitik zu wenig auf die Wissenschaft gehört und entgegen der Empfehlungen Schulen offengelassen, obwohl diese vermeintlich aus wissenschaftlicher Perspektive als Pandemietreiber gelten würden. Trotz deutlicher wissenschaftlicher Empfehlungen habe die Politik falsch und zu langsam gehandelt. In eine andere Richtung geht die Kritik, dass die Politik zu schnell gehandelt habe, während die Wissenschaft mehr Zeit für ihre Forschung brauche. Nur teilweise werden Wissenschaft und Politik von Wissenschaftsapologet_innen während der Pandemie auch Verständnis entgegengebracht. Eine Pandemie sei für alle eine neue Situation und Wissenschaft wie Politik seien nicht unfehlbar, weshalb falsche Entscheidungen in Schutz genommen werden. Insbesondere Skeptische können Fehlentscheidungen jedoch weniger verzeihen und verlieren leichter ihr sowieso teils erschüttertes Vertrauen. Etwas seltener wird die Rolle der Wissenschaft oder die Wissenschaft an sich negativ bewertet, v.a. in Bezug auf die Pandemie. Ein weiterer Kritikpunkt zielt auf die Frage ab, welche Interessen hinter den Berater_innen stehen würden. So würden Kliniken von der Pharmaindustrie beraten. Der Person, die diese Aussage trifft, fällt es schwer, zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und letztlich auch Politik zu trennen, da die Verflechtungen zwischen den Institutionen so eng seien. Wirtschaftliche Beeinflussung, wahrgenommen als Lobbyismus, ist für viele sehr negativ besetzt und kritikwürdig, wie bereits in dem Abschnitt über Wissenschaft und Wirtschaft in Kapitel 4 aufgezeigt wurde. Mitunter wird beklagt, man könne Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nicht mehr auseinanderhalten und verliere daher auch das Vertrauen in Wissenschaft. Der Vorwurf der Intransparenz lässt sich dabei auch auf die Presse und die Medien übertragen: Diese würden nur von den Ergebnissen der Beratung berichten, der Prozess dahinter bleibe unsichtbar. Vereinzelt wird sogar die Annahme geäußert, in den Medien würden Dinge oft in einem falschen Licht dargestellt. Auch in Bezug auf die Pandemie wird Kritik geäußert. Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 25 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Die Medien hätten die Krise schlecht kommuniziert und teilweise sogar unnötig die Stimmung aufgeheizt und Sorgen verstärkt. »Die werden eingeladen, um die Meinung der Regierung zu stützen. Die anderen hat man vorher gehört oder auch nicht. Diejenigen, die anderer Meinung sind, treten nicht in der Pressekonferenz auf.« »Die verschiedenen Erkenntnisse anhören, wenn zwei Wissenschaftler sagen von drei, die Schulen sollten geschlossen werden, dann sollte die Politik es durchziehen, auch wenn es Wählerstimmen kostet. Das wird von der Landespolitik nicht.« Beratung miteinbezogen werden und daher mehrere Wissenschaftler_innen zu Rate gezogen werden. Die Wissenschaftsadvokat_innen entgegnen hierauf, dass dies bereits der Fall sei und Beratungsprozesse nicht unter gänzlichem Ausschluss der Öffentlichkeit stattfänden – besonders sicher wirken die Bürger_innen in ihrem Urteil jedoch nicht. Die Mehrheit weiß nicht genau, wie ein Beratungsprozess faktisch abläuft: Ergebnisse würden publik gemacht, deren Argumentationsgrundlage und Beratungsprozesse jedoch nicht. Für Befragte mit einem Grundvertrauen und der Kapazität, die Komplexität dieser Prozesse zu reflektieren, ist dies jedoch auch nicht sofort Misstrauensgrund, sondern mehr oder weniger selbstverständlich. »Die berühmte Rede von Merkel, was den Inzidenzwert von 35 angeht. Bis die Wissenschaft gesagt hat, dass man es nicht an einem Wert festmachen kann. Sie hat gemerkt, dass es nicht gut kommuniziert war und ist zurückgerudert. Das ist ein Beispiel, dass Politik nicht unfehlbar ist und die Wissenschaft, die beraten, sind nicht unfehlbar. Wir haben keine Erfahrung mit dem Virus. Wir können nur dann etwas prognostizieren, wenn wir genügend Daten und Erfahrung haben. Man muss Politik und Wissenschaft deshalb in Schutz nehmen.« »Wissenschaft braucht eine gewisse Zeit, um Antworten zu finden. Die Politik hatte in der Pandemie nicht die Zeit, um auf die Antworten zu warten. Sie hat agiert und erst später den wissenschaftlichen Rat eingeholt. Das führt zur Verunsicherung.« »Mich interessiert, welche Lobbyarbeit durch Industrie betrieben wird, weil die viel mehr Einfluss auf die Politik hat als die Wissenschaft. Wenn man sich das Thema Umweltschutz anschaut.« »Frau Merkel hat sich damit lange beschäftigt und sehr lange mit der Wissenschaft gesprochen und sich den mRNA-Impfstoff genau erklären lassen, damit sie es fundiert an die Bürger weitergeben kann, damit sie weiß, wovon sie spricht.« »Ich weiß nicht, was weitergegeben wird und was nicht. Worüber die informiert wurden, mit welchen Informationen die versorgt wurden. Das entscheidet die Politik, was wir mitbekommen und was nicht. Vieles wird nicht erwähnt, was die Politik weiß und wovon der Bürger nichts mitbekommt.« »Es gibt große Virologen, die eine Meinung vertreten, aber die wird nicht bevorzugt und andere Virologen, die eng mit der Politik arbeiten, deren Meinung ist vorne. Es schadet nicht, wenn man es weiß, wer die Politik berät.« »Es ist, als ob sich die Politik die Berater aussucht, die sie gerne hätte. Am Anfang der Pandemie war es ein bekannter Epidemiologe, dann war es Herr Drosten, jetzt ist es nur noch das RKI. Die anderen werden gar nicht mehr gefragt und ich verstehe nicht, warum das so ist.« Einzelnen Politiker_innen werden falsche Rollen zugesprochen, Ministerialbeamte werden als Berater_ innen missverstanden, selten werden externe Beratungsfirmen oder der„Wissenschaftliche Dienst“ genannt, dessen Rolle aber auch nicht bekannt ist. Grob herrscht aber das Bild eines Informationsaustauschs zwischen den Systemen Politik und Wissenschaft vor. Skeptiker_innen vermuten unlautere, einseitige Beeinflussung der Politik durch einzelne Expert_innen– insgesamt wird sich mehr Transparenz und Beteiligung gewünscht Insbesondere Skeptische betonen, dass nicht nur ein_e Wissenschaftler_in die Politik beraten sollte. Stattdessen sollten verschiedene Perspektiven in die »Bestimmte Wissenschaftler, zum Beispiel RKI in der Pandemie, die setzen sich mit den Politikern zusammen und erzählen denen, was richtig oder falsch ist. Die Politik sucht einen Kompromiss, was ist umsetzbar und wirtschaftlich.« »Es gibt den Wissenschaftlichen Dienst. Da werden Wissenschaftler sitzen, die den Politikern eine Beratung geben, damit die Politik das dem Bürger kommunizieren kann. Ein Politiker wird mit den wissen- Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 26 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT schaftlichen Sachen nicht viel anfangen können, der wird sich keine langen Abhandlungen durchlesen.« Neben dem Wunsch, mehrere wissenschaftliche Perspektiven in die Beratung einzubringen, finden es viele der Befragten wichtig – unabhängig von der eigenen Haltung zu Wissenschaft – neben der Wissenschaft auch ganz andere Bereiche in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Insbesondere bei der Klimapolitik könne nicht ausschließlich auf wissenschaftliche Empfehlungen gehört werden, es müssten auch wirtschaftliche und infrastrukturelle Aspekte einbezogen werden. So könne man weder Kohlekraftwerke von heute auf morgen abschalten, noch plötzlich alle Verbrennungsmotoren verbieten. Auch im Bereich der Pandemie und der Impfstoffe müssten mehrere Faktoren in die Überlegungen miteinbezogen werden, z. B. die Folgen für die Natur und Umwelt und wirtschaftliche Auswirkungen. »Politik sollte aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen Beratung einholen und die abwägen, Ethik einbringen, eine Entscheidung für die Bürger treffen, die am sinnvollsten ist.« tierenden Gesetze. Bürger_innen als Adressat_innen sollen durch aktiven Rechtfertigungsaufwand durch Politik und/oder Wissenschaft„mitgenommen“ werden – eine Komponente, die bisher scheinbar vernachlässigt wurde. Wenn Entscheidungen unter Zuhilfenahme von Wissenschaftler_innen getroffen wurden, soll transparent gemacht werden, welche das waren, und mit welchen Risiken gerechnet wurde. Letzteres spricht auch für eine deutliche Kommunikation von Unsicherheiten, anstelle von fälschlich kommunizierter Gewissheit. »Oder im Bereich der Impfstoffe: wie ist die Herstellung? Was sind die Forschungswege gewesen? Was kostet es umwelttechnisch? Welcher Müll wird produziert? Die Risikoabwägung, dass wir schnell wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen.« »Es ist wichtig, weil es in dem einen Bereich so viele unterschiedliche Meinungen gibt, dass der Politik die verschiedenen Meinungen zur Verfügung stehen und nicht nur die Meinung des Wissenschaftlers, der gerade berät. Dass es ein Wissenschaftler ist, der alle Meinungen zusammenfasst und übermittelt.« Vielen fehlt eine erklärende Instanz, die darlegt, welche Faktoren in eine Entscheidung eingeflossen sind, von welchen Berater_innen welche Aspekte eingebracht und wie die angehörten Expert_innen ausgewählt wurden. Nichtsdestotrotz ist das grundsätzliche Vertrauen in die richtige Auswahl derer,„die sich am besten auskennen“ durch die Politik, gegeben. »Mir ist es egal. Ich weiß nicht, wer die Wissenschaftler sind. Man vertraut darauf, wie bei der Polizei, da vertraut man auch, dass die Arbeit gut gemacht wird. Man kann es nicht nachvollziehen. Man muss es glauben.« »Man muss der Politik die Verantwortung überlassen, dass Politik die Richtigen wählt. Aber wenn Entscheidungen fallen, dass dann kommuniziert wird, was die Basis der Entscheidung ist. Dass man das als Bürger nachvollziehen kann, wenn ich das nachvollziehen will. Die Nacharbeit könnte ich dann leisten, wenn ich mir meine eigene Meinung bilden will.« Die Wünsche und Erwartungen der Bürger_innen hinsichtlich der Ausgestaltung und Kommunikation wissenschaftlicher Politikberatung beziehen sich auf mehrere Aspekte, die sich zwei großen Dimensionen zuweisen lassen: Transparenz und legitimierende Beteiligung. Bezogen auf das Beispiel der Covid-19-Pandemie, geht es um die Nachvollziehbarkeit der resul»Transparenz in der Beratung ist wichtig. Wenn ich Lust habe, mich in ein Thema zu vertiefen, dann möchte ich wissen, welcher Wissenschaftler was gesagt hat. Wenn es mich nicht interessiert, dann steht es im Netz, aber ich ignoriere es. Ich habe keinen Nachteil von der Transparenz.« Gerade die skeptischen Bürger_innen wünschen sich eine zusätzliche Kontrollinstanz aus Angst vor interessengeleiteten, nicht gemeinwohlorientierten Entscheidungen. »Dass noch eine Institution darübersteht, die es überwacht, dass keine krummen Sachen gedreht werden.« Insgesamt ist die geäußerte Verunsicherung groß und der Bedarf nach klarer Information, um diese zu verkleinern, riesig. Mehrfach wird sich eine Plattform gewünscht, auf der Beratungsprozesse, Protokolle und zugrundeliegende Studien einfach zugänglich verfügbar gemacht werden. Allerdings wird auf Nachfrage zugegeben, dass diese Abwägungen sehr komplex sein können. Allein die Zurverfügungstellung der Informationen hätte schon ein vertrauensstiftendes Momentum. »Wenn ich höre, dass einige Wissenschaftler einen harten Lockdown in der Pandemie vorschlagen, andere sagen, weniger Lockdown reicht oder nur die Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 27 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT Risikogruppen zu schützen, dann wäre es gut, Originalmeinungen zu hören. Man kriegt nur die Selektion mit. Es werden auch nur gewisse Wissenschaftler in die Talkshows geladen.« »Transparenz ist wichtig. Wenn man es so transparent wie möglich darstellt, muss sich niemand beschweren. Viele Menschen sind schon jetzt überlastet und fordern die Transparenz nicht mehr, weil sie nicht mehr können, die Informationsflut ist zu groß.« »Politikberatung sollte transparenter werden. Politik sollte generell transparenter sein.« Das direkte Einbeziehen von Bürger_innen in die Auswahlprozesse politikberatender, wissenschaftlicher Gremien wird zwar zunächst als Idee begrüßt, in der Umsetzung allerdings schnell verworfen. Legitimation über Output und Transparenz scheint hier ausreichend. Abschließend lässt sich sagen, dass Bürger_innen die Verantwortung für das mögliche Scheitern wissenschaftlicher Politikberatung eher auf Seiten der Politik als auf der der Vertreter_innen der Wissenschaft sehen. 7. ZUSAMMENFASSUNG Die Wissenschaften und die wissenschaftliche Beratung von Politik sind in Zeiten der Pandemie, aber auch anstehender großer Transformationen, unter extremem Druck, Entscheidungsgrundlagen zu liefern, die politisches Handeln in möglichst vielseitigen Perspektiven möglichst evidenzbasiert ermöglichen. Gleichzeitig müssen diese Prozesse immer wieder von Neuem demokratisch legitimiert werden, Einschränkungen beispielsweise zur Pandemieeingrenzung stetig neu begründet und die Begründungen hierfür transparent und verständlich kommuniziert werden. Dies stellt das System Wissenschaft, die Politik und vermittelnde Medien vor große Herausforderungen. Die vorliegende Studie berichtet auf Basis von mit verschiedenen Bürger_innen(nach Erkenntnisinteresse gesampelt) geführten Fokusgruppendiskussionen über Aspekte aktueller Wissenschaftsperzeption – inhaltlich zwar nicht auf Covid-19 abzielend, jedoch im Ergebnis unmittelbar davon beeinflusst. Zunächst wurde resümiert, wie Wissenschaft im Allgemeinen wahrgenommen und womit sie assoziiert wird. Bürger_innen denken mehrheitlich positiv über Wissenschaften, verbinden mit ihnen Fortschritt und die Weiterentwicklung der Menschheit und ihres Wissens in spezifischen Wesensbereichen. Seltener werden negative Auswüchse wissenschaftlichen Wissensmissbrauchs thematisiert. Insgesamt ist das Wissen über den arbeitsteiligen Aufbau, über die Institutionen von Wissenschaft und darüber, was die Akteur_ innen im Speziellen tun, eher rudimentär. Es besteht eine vage Idee wissenschaftlicher Methodik, Naturwissenschaften sind etwas bekannter und werden, insbesondere von Skeptiker_innen, als„richtige“, gesetzmäßige Wissenschaften anerkannt. Wissenschaftliche Erkenntnis wird, bis auf Skeptiker_innenpositionen, deutlich von Alltags- oder Laienwissen abgegrenzt, wird als fundiert und langwierig ergründet definiert, nach Regeln zustande gekommen, im Gegensatz zur landläufigen Meinung. Selbst Skeptiker_innen lehnen Wissenschaft nicht per se ab, sondern sind teilweise kritisch Hinterfragende, die Phänomenen auf den Grund gehen wollen, oder wiederum solche, die so misstrauisch sind, dass sie grundsätzlich vielerorts unlautere Praxis und Korruption wittern. Die Alltagsbedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis ist schwierig zu erfassen. Zugang zu wissenschaftlichen Inhalten haben die Bürger_innen meist über bestimmte Interessen, selten politische Anliegen, oder über bestimmte Medien und Formate – die Intensität und Regelmäßigkeit dessen bleibt offen. Auch im sozialen Umfeld wird nicht häufig über wissenschaftliches Wissen gesprochen – eine dezidierte Ausnahme mit hohem Konfliktpotenzial stellt die Covid-19-Pandemie dar. Teils wird die Bedeutung von Wissenschaft im Alltag als groß eingeschätzt, mit Verweis auf Technologisierung und stetigen Wandel, der mit Wissenschaft assoziiert wird. Andererseits wird Wissenschaft selten als reflektiert handlungsleitend für bestimmte Alltagsfelder wie Ernährung, Gesundheit oder Ähnlichem genannt. Der Übersetzungsschritt wird von den befragten Bürger_innen nicht geleistet. Wissenschaft ist anwendbar, wenn sie bereits in den Konsens der Gesellschaft übergegangen ist. Dann wiederum wird sie aber auch nicht mehr als solche wahrgenommen. Gesondert sind hier Phänomenbereiche, die das individuelle Erleben betreffen(z. B. Medizin und Gesundheit), zu behandeln sowie wissenschaftliches Wissen, das nur schwer greifbar und sehr abstrakt ist. Insbesondere hierdurch und durch die schnell wechselnde Fakten- und Gegenstandslage, stellt die Covid19-Pandemie eine besonders große Herausforderung für die Bürger_innen dar – die Vertrauensleistung und vertrauensstiftende Maßnahmen von Seiten der Wissenschaft und der Politik müssten daher umso größer sein. Wissenschaftskommunikation kann und soll hier Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 28 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT wirken. Auch wenn sich Bürger_innen über bekannte Klassiker(Lesch für alt, MaiLab für jung) hinaus wenig unter ihr vorstellen können, werden Einordnung, Sammlung und unabhängige Deutung deutlich nachgefragt, auch um von der eigenständigen, oft schwierigen Recherche in den Weiten des fragmentierten Internets entlastet zu werden. Bürger_innen wollen, dass wissenschaftliche Inhalte verständlich und zielgruppengerecht über die richtigen Kanäle gespielt werden und bei Interesse Raum für weitere Recherchen geboten wird. Sobald es in kontroverses Terrain geht, sollen Meinungen angeboten und nicht oktroyiert werden. Wissenschaftler_innen sollen hier die Akteur_innen sein – nicht die„Medien“. Die Erwartungen an Wissenschaft in der Gesellschaft sind groß. Wissenschaft soll im Dienste des Gemeinwohls anstehende Probleme lösen – auch die Covid-19-Pandemie gehört hierzu. Politikberatung wird gewünscht, als funktionsfähig betrachtet und scheitert wenn, dann an den Politiker_innen, oder an unlauteren Querverbindungen in die Wirtschaft – Daseinsbereiche, denen sehr viel Misstrauen entgegengebracht wird. Es wird eine unabhängige, datenbasierte wissenschaftliche Politikberatung gewünscht, die verschiedene disziplinäre Perspektiven mit sich führt – und wenn sie dann auch noch transparent abläuft und offen kommuniziert wird, wären Bürger_innen bei guten Ergebnissen womöglich zufrieden. Das Wissen über Akteur_innen der Beratung und Beratungsabläufe ist sehr gering – für Vertrauende kein Problem, für Misstrauende ein Indiz für Verstecktes, sich in Hinterzimmern Abspielendes zum Wohle Weniger. 8. LITERATURVERZEICHNIS Bromme, R. (2020): Informiertes Vertrauen: Eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft. In: Wissenschaftsreflexion. Interdisziplinäre Perspektiven zwischen Philosophie und Praxis. Paderborn: Mentis Verlag. Nguyen-Kim, M.-T. (2019) Rein in die Zwiebel! In: Schurr, J.; Mäder, A.(Hrsg.): Wissenschaft der Gesellschaft: Ein vertrauensvoller Dialog. Positionen und Perspektiven der Wissenschaftskommunikation heute. Berlin: Springer: S. 289-295. Fink, P.; Hennicke, M.; Tiemann, H. (2019): Ungleiches Deutschland. Sozioökonomischer Disparitätenbericht 2019. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Online: http://library.fes.de/ pdf-files/fes/15400-20190528.pdf [letzter Zugriff: 21.07.2021]. Meßmer, A.-K.; Sängerlaub; A.; Schulz, L. (2021):„Quelle: Internet“? Digitale Nachrichten- und Informationskompetenzen der deutschen Bevölkerung im Test. Berlin: Stiftung Neue Verantwortung; pollytix strategic research. Molthagen-Schnöring, S. (2020): Wissenschaftskommunikation – Impulse in Zeiten der Corona-Krise. Netzwerk Wissenschaft: Friedrich-Ebert-Stiftung. 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Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung NETZWERK WISSENSCHAFT 9. ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS Seite 29 /30 Tabelle 1 : Übersicht der Teilnehmer_innen der Fokusgruppenbefragung...................................... 4 Abbildung 1 : Abbildung 2 : Abbildung 3 : Abbildung 4 : Veranschaulichung der Herkunftsregionen.................................................. 5 Veranschaulichung der Gruppenkonstellation.................................................... 5 Assoziationen zum Thema Wissenschaft.............................................. 7 Genannte Akteur_innen und Begriffe im Zusammenhang der Covid-19-Pandemie..........................22 Wissenschaft für das Allgemeinwohl, die Wirtschaft oder die Politik? Wahrnehmung von Wissenschaft und wissenschaftlicher Politikberatung Seite 30 /30 NETZWERK WISSENSCHAFT DIE AUTOR_INNEN DIESER PUBLIKATION Jana Faus, Diplom-Soziologin, Geschäftsführerin von pollytix strategic research in Berlin. Selina Alin, M.A. Soziologie, Projektmanagerin bei pollytix strategic research in Berlin. Markus Sperl, M.A. Politikwissenschaft, Projektmanager bei pollytix strategic research in Berlin. NETZWERK WISSENSCHAFT Das Netzwerk Wissenschaft behandelt aktuelle wissenschafts- und hochschulpolitische Fragestellungen in Form von Konferenzen und Publikationen. Ziel der Aktivitäten ist es, zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit im Hochschulwesen, zur zukünftigen Gestaltung des deutschen Hochschulsystems und zum Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in fortschrittliche Politik beizutragen. Digitale Versionen aller Publikationen: http://www.fes.de/themen/bildungspolitik IMPRESSUM Copyright by Friedrich-Ebert-Stiftung 2021 Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Abt. 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