Impulse gegen Rechtsextremismus Utøya: 10 Jahre danach International vernetzter Rechtsextremismus und Handlungsmöglichkeiten von internationalistischen Jugendverbänden OKTOBER | 2021 ONLINEPANEL, 23. JULI 2021 Die Diskussionsgäste waren: pp Jana Herrmann , ehem. Bundesvorsitzende Die Falken – Sozialistische Jugend Deutsch­ lands pp Hoda Imad , Geschäftsführerin Internationa­ les Arbeidernes Ungdomsfylking(AUF) pp Nicholas Potter , Amadeu Antonio Stiftung, Journalist& Autor, u. a. Belltower News und taz pp Ferike Thom , Bundesvorstand Arbeitsgemein­ schaft der Jungsozialistinnen und Jungsozia­ listen in der SPD(Jusos) Einführung in das Thema: pp Alma Kleen , Bundesvorsitzende Die Falken – Sozialistische Jugend Deutschland Moderation des Panels: pp Franziska Schröter , Projekt gegen Rechts­ extremismus der Friedrich-Ebert-Stiftung FES GEGEN RECHTS EXTREMISMUS Anlässlich des 10. Jahrestages des Attentats von Utøya und Oslo vom 22. Juli 2011 wurde der zahlrei­ chen Opfer – die überwiegend jung und im sozialisti­ schen und sozialdemokratischen Jugendverband ­Arbeidernes Ungdomsfylking(AUF) aktiv waren – ge­ dacht. Dazu organisierte die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Zusammenarbeit mit„SJD – Die Falken“ für alle Interessierten am 23.7.2021 eine Onlinediskussi­ on. Expert_innen diskutierten über die internationa­ le Vernetzung des Rechtsextremismus und Hand­ lungsmöglichkeiten für demokratische und solid­ arische Jugendarbeit. Neben dem Gedenken an die Op­ fer und dem inhaltlichen Austausch zum Wandel des Rechtsextremismus wurde der F­ okus auf das ak­ tive Handeln gegen Menschenfeindlichkeit, Hass und Terror und deren Kontinuitäten gelegt. Zum Onlinepanel war die internationale Sekretärin der AUF(Partnerorganisation der Falken), Hoda Imad aus Norwegen zugeschaltet – die AUF war das erklärte Ziel des Attentäters von Utøya und Oslo und hatte nach dem Anschlag die meisten Todesopfer zu beklagen. Zwar leistete die AUF bereits vor den At­ tentaten wichtige Bildungsarbeit gegen Hass, Gewalt und Ausgrenzung und setzte sich für Diversität und Impressum| Herausgegeben von Franziska Schröter, Projekt gegen Rechtsextremismus(FES PBD/DGI)| Text: Lea Lochau, Friedrich-Ebert-Stiftung| Lektorat: Franziska Schröter|© Friedrich-Ebert-Stiftung 2021 | Hiroshimastraße 17 | 10785 Berlin| Gestaltung: Meintrup, Grafik Design| Fotos: FES REX, FES Thüringen| ISBN 978-3-96250-971-2| www.fes-gegen-rechtsextremismus. de| Eine ge­werb­liche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. 2 IMPULSE GEGEN RECHTSEXTREMISMUS OKTOBER I 2021 Foto: FES Landesbüro Thüringen unter Benutzung von picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Heiko Junge Vielfalt ein; durch die Anschläge von Utøya und Oslo verdeutlichte sich jedoch noch einmal die Wichtigkeit der wertegebundenen Arbeit. Es besteht eine enge Verknüpfung zwischen den Jusos, den Fal­ ken und der AUF. Franziska Schröter vom Projekt gegen Rechtsextremismus betonte in ihrer Einfüh­ rung, dass die FES eine demokratische und gemein­ nützige Bildungseinrichtung sei, die von öffentli­ chen Mitteln finanziert wird und dass diese Wertegebundenheit zu Vernetzungs- und Bildungs­ arbeit gegen rechte Gewalt, Hass und Menschen­ feindlichkeit verpflichtet. Den Input zu Beginn der Veranstaltung leistete Nicholas Potter von der Ama­ deu Antonio Stiftung, er forscht zur Veränderung von rechtem Terror und rechter Gewalt. Jana Herrmann (ehemalige Bundesvorsitzende der Falken) und Ferike Thom (stellvertretende Bundesvorsit­ zende der Jusos) komplettierten das Onlinepodium. Ein kurzer Überblick über die Diskussion soll hier im Folgenden gegeben werden. Der internationale Zusammenhang rechter Gewalt und rechten Terrors Nicholas Potter betitelte seinen Vortrag„Brothers in Arms – Far Right Networks On- and Offline”. Utøya bezeichnet er als Wendepunkt und Blueprint für eine neue Generation rechter Gewalt und rechten Terrors. Dies verdeutlichen die Anschläge von Mün­ chen(2016), Halle(2019), Christchurch(2019) und Hanau(2020). Ein wichtiges Stichwort dabei ist rechtsextremer Online-Terrorismus: die Radikalisie­ rung durch Imageboards und„Chan Culture“ ist ein Novum der letzten Jahre. Potter gibt im Folgen­ den einen Überblick zur internationalen Vernetzung von traditionellen rechtsextremen und gewaltberei­ ten Gruppen wie den Hammerskins, Combat 18 oder Blood and Honour, um nur einige zu nennen. Diese seien zwar auch früher schon international vernetzt, der Zugang in diese Netzwerke sei jedoch stets erschwert gewesen. In den letzten Jahren tauch­ ten dann neue Organisationen auf, wie Nordic ­Resistance Movement oder Atomwaffen Division, die besonders durch ihre ausgeprägte digitale inter­ nationale Vernetzung hervorstechen, so Potter. Die Digitalisierung vereinfacht diese Vernetzung nicht nur, sie ist essenziell. Die fundamentale Verbundenheit der Organisationen durch Ideologie und geistige Vordenker Aber auch inhaltlich gibt es international Verbinden­ des, so Potter weiter. Das Mastermind sei James ­Mason(Neonazi aus den USA), der von 1980 bis 1986 die„Siege-Newsletter“ verschickte – sein Men­ tor und geistiger Wegbereiter war William Pierce („The Turner Diaries“ 1978). Diese beiden Dokumen­ te sind laut Potter die wichtigsten Schriften der heu­ tigen gewaltbereiten internationalen Rechtsextre­ men. In den„Siege-Newslettern“ wird eine sehr apokalyptische Perspektive verbreitet(Tag X,„Ras­ senkrieg“ mit dem Ziel eines weißen„Ethnostaates“). Bei dem Turner-Tagebuch handelt es sich um eine Novelle, die ebenfalls gewaltbereite Kriegsführung verherrlicht. Die Abwendung von traditionellen, au­ toritären und hierarchisierten Strukturen sei erkenn­ bar – hin zu klandestinen Untergrund-Terrorzellen und„lone attackers“. Bei der sogenannten Atomwaf­ fen Division würden bereits Kinder und Jugendliche im Alter von 12 Jahren rekrutiert. Die Internationali­ sierung finde vorrangig durch das Vernetzen online statt. Sie zeigt sich jedoch auch in der Finanzierung von Waffen, gemeinsamem Kampfsporttraining und entsprechenden Turnieren sowie rechtsextremen (Rock-)Konzerten und Festivals. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 3 „Loser und Larpers werden zu Gewinnern“ Typisch für die neue Generation rechtsextremer Terrorist_innen ist laut Potter die First-Shooter-Per­ spektive, wie sie in Videospielen vorzufinden ist. Gewalt und Attentate werden als„Errungenschaf­ ten“ verstanden, von der Community bewertet und ausgezeichnet. Als Beispiel nimmt Potter den Halle-Mörder, dieser wurde von der Community belächelt und ausgelacht – da er„nur“ zwei Men­ schen töten konnte. Ein Erfolg für die Attentäter sei es außerdem, wenn Medien das Videomaterial ihrer Gewalttaten teilen, die Aufnahmen in den sozialen Medien viral gehen und somit eine Reproduktion verursachen. Gemeinsamkeiten bei rechtsextremen Terroranschlägen finden sich laut Potter im Verfas­ sen von„Manifesten“, beim Filmen und Streamen der Taten, als auch in dem Ziel, so viele Opfer wie möglich zählen zu können. Auch der Attentäter von Utøya und Oslo soll einen Live-Stream geplant haben, konnte ihn aber technisch nicht umsetzen. Die Viralität des Materials stünde im Interesse der Attentäter, so Potter. Bei dem Halle-Attentäter gab es ganz klare Referenzen zur Gaming-Kultur. Potter nennt das„Gamification of Terror“:„Terroristische Anschläge werden durch die sogenannte Gamifica­ tion zu einer Art Wettbewerb.“ Das Bild des einsa­ men Wolfes sei eine Eigenbezeichnung und somit Narrativ der rechtsextremen Szene. Es herrscht die bewusste Taktik des„führerlosen“ Widerstands er­ klärt Potter.„Das Publikum ist online und die Radi­ kalisierung findet auf Imageboards oder in Chat­ gruppen wie Telegram statt.“ Die Attentäter(meist junge Männer) sehen sich gegenseitig als Inspirati­ onsquelle und beziehen sich aufeinander, sie wer­ den jünger, flexibler, haben Doppelmitgliedschaf­ ten und wenden sich von den traditionelleren Strukturen ab. Erinnerungs- und Debattenkultur: Utøya 10 Jahre danach In der sich anschließenden Diskussion berichtet Hoda Imad zunächst über die parteiübergreifenden Schwierigkeiten in Norwegen in Bezug auf das Ge­ denken und die Erinnerungskultur zu Utøya. Kon­ servative Kreise versuchen den politischen Hinter­ grund des Attentats herabzuspielen, obwohl die Opfer ganz gezielt aufgrund ihrer Werte und Über­ zeugungen ausgewählt wurden, so Imad. Sie stimmt Potter zu, dass der norwegische Attentäter als Vor­ bild für viele junge Terroristen und Männer fungie­ re: Sie gibt das Beispiel eines 22 Jahre alten norwegi­ schen Attentäters(August 2019), der nach dem Mord an seiner Adoptiv-Schwester an einem ver­ suchten Anschlag auf eine Moschee in Norwegen scheiterte. Daraufhin wurde er in der Online-Com­ munity als Loser betrachtet, da er es nicht geschafft habe, Muslim_innen zu töten. Die anschließende rassifizierte Debatte nach dem gescheiterten An­ schlag zeigte, dass die Gesellschaft und Politik nicht in der Lage oder willens schien, nach den Ursachen für solch rassistisch motivierte Anschläge zu suchen, so Imad. Auch die Sensibilisierung für politische Bildungsar­ beit der AUF gegen Rechtsextremismus und rech­ ten Terror hat sich in den letzten zehn Jahren ver­ ändert. Da die norwegische Regierung wenig für Bildungsangebote für Schulen und Schüler_innen getan hat, sei vieles der Verdienst der AUF und der Arbeiterpartei. Es stellte sich schnell die Frage, wie über die Anschläge gesprochen und mit ihnen um­ gegangen werden soll, auch weil es irgendwann keine aktiven Überlebenden mehr in den zentralen und lokalen Ausschüssen gibt, entweder weil sie aus der Jugendarbeit herauswachsen oder sich auch wegen der Traumata nicht mehr engagieren kön­ nen. Es müsse außerdem eine Sensibilisierung und eine Sicherheit für die Eltern der Kinder und Ju­ gendlichen geben, wenn diese ihre Kinder in AUFFerienlager geben, so Imad. Erst knapp zehn Jahre nach dem Attentat finden sich in den neuen Lehr­ plänen Vorgaben, um über die Anschläge von Utøya und Oslo aufzuklären – die politische Veror­ tung und Motivation wird dabei ausgespart(so­ wohl der Hintergrund des Mörders als auch die konkrete politische Einordnung der Todesopfer). Es war nicht nur ein Anschlag auf die Demokratie, sondern ganz gezielt auf muslimische, weibliche linkssozialisierte Kinder und jugendliche Sozialde­ mokrat_innen, betont Imad.„Nun ist Utøya wieder in der Hand der AUF, es finden dort wieder Ferien­ lager und Veranstaltungen statt. Es war wichtig, dass wir auf unserer Insel neue Perspektiven schaf­ 4 IMPULSE GEGEN RECHTSEXTREMISMUS OKTOBER I 2021 fen und uns dort wieder sicher fühlen. Es ist aber auch der Ort, wo wir unserer Genoss_innen geden­ ken können. Die Anschläge sind immer präsent, wenn wir auf Utøya sind. Durch sie erleben wir mehr Feminismus, mehr Solidarität und Gemein­ schaft, die Erinnerung ist mit uns im Kampf gegen Rechtsextremismus.“ Jana Herrmann spricht Imad die Verbundenheit gegenüber der AUF aus und äu­ ßert ­Bewunderung gegenüber der politischen Bil­ dungsarbeit im Umgang mit dem Attentat in Utøya. Besonders schmal scheint der Grad, Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren, ohne ihnen dabei Angst vor den Jugendfreizeiten und dem Engage­ ment zu machen. Die Gedenkpraxis der Falken Jana Herrmann, weist im Fall Utøya darauf hin, dass es der erste rechtsextreme Terroranschlag war, wel­ cher gezielt gegen Kinder und Jugendliche verübt wurde, mit dem Ziel eine Generation der Sozialde­ mokratie zu vernichten. Auch das Anton-SchmausHaus sei immer wieder Ziel von Anschlägen. Sowohl das Anton-Schmaus-Haus als auch das Luise& Karl Kautsky-Haus sollen auf der Liste der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund(NSU) gestanden haben. Die Anschläge auf das Falken-Haus haben sich in eine Anschlagserie in Neukölln eingereiht, die seit mehreren Jahren rund um Neukölln Ge­ schäfte, Büros und Privatpersonen betreffen, so Herrmann. Die Taten wurden teilweise bis heute nicht aufgeklärt, auch zum ungelösten Mordfall an Burak Bekta ş werden Verbindungen vermutet. Trotz der mehrfachen Forderungen wurde bisher kein Un­ tersuchungsausschuss diesbezüglich eingerichtet. Auch weil die Falken diese Serie nicht als Einzelfälle bewerten, sollte mit der Errichtung des Denkmals in Neukölln-Britz nochmals Aufmerksamkeit auf diese erschütternden Vorfälle gerichtet werden, erklärt sie. Der Kampf der Erinnerung ist für Herrmann vor al­ lem auch ein Kampf um Anerkennung der Zusam­ menhänge. Deshalb werden die Falken weiter an dem Thema rechter Terror arbeiten, auch weil durch die Corona-Krise viel bereits Geplantes nicht um­ setzbar war. So ist eine Reise nach Utøya und ein antifaschistisches Gedenkcamp für die nahe Zukunft geplant. Antifeminismus als Einstiegsideologie Franziska Schröter übergibt das Wort an Ferike Thom, um die Aspekte des Antifeminismus zu beleuchten, die in den Attentaten von Norwegen, aber auch bei vielen anderen Terrortaten eine wichtige Rolle spie­ len. Thom sieht die Aufgabe, mit der Einzeltäter-Er­ zählung aufzuräumen als eine der wichtigsten. Anti­ feminismus sei als Verbindung sehr zentral. Die zumeist männlichen Täter sehen sich als Verteidiger einer vermeintlich vorhandenen„weißen Rasse“ und als Verteidiger der Vorherrschaft des weißen Mannes, so Thom. Sie spricht vom„doppelten Antifeminis­ mus“, da sich diesem Glauben nach Frauen weigern würden, ihrer vermeintlichen Aufgabe(dem Erhalt der„weißen Rasse“ durch Geburten) nachzukommen und sich zusätzlich die Intoleranz der Täter gegen­ über aktivistischer politischer Partizipation von Frau­ en zeigt. Auch auf Utøya habe der Täter verstärkt auf junge Frauen gezielt. Der Attentäter von Halle habe Jana Lange umgebracht, da sie durch die kritische Ansprache an ihn in seinen Augen bereits die von ihm zugewiesene Rolle, wie sich eine Frau zu verhal­ ten habe, nicht erfüllt hat und aus dieser ausgetreten ist. Die große Sorge von Thom ist, dass trotz großer Verbreitung von Antifeminismus und Frauenfeind­ lichkeit dieser explizite Antifeminismus zu wenig thematisiert wird, obwohl er eine gefährliche Ein­ stiegsideologie für extrem Rechte darstellt, gerade weil Antifeminismus innerhalb der Gesellschaft weit verbreitet ist. Außerdem sei das Verschwörungsnarra­ tiv vom sogenannten„Großen Austausch“ eingebet­ tet in Antifeminismus, da Frauen die Schuld gegeben wird, ihrer Rolle als Hüterin der eigenen„Rasse“ nicht nachzukommen, fügt Potter hinzu. Die Entpolitisierung von rechtsmotivierten Gewalttaten Das Unverständnis und die Delegitimierung der Ge­ denkpraxis der Falken und der AUF ist ein Versuch der Entpolitisierung von rechtsmotivierten Attenta­ ten, erklärt Herrmann. Politische Gegner werfen der AUF und Arbeiterpartei vor, Utøya zu instrumentali­ sieren. Dadurch wird jedoch die Entpolitisierung des Attentats in Gang gesetzt. Das Gedenken muss von denjenigen gestaltet werden, die es betrifft. Es darf FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 5 Die Teilnehmenden des Onlinepanels sind sich einig darüber, dass es ein stärkeres Bewusstsein geben muss für die Terrorgefahr, die von der rechten Szene ausgeht. Oben, v.l.n.r.: Hoda Imad, Ferike Thom, Jana Herrmann; Untere Reihe: Nicholas Potter(li.) und Franziska Schröter(re.) nicht allein dem Staat überlassen werden und muss in Bildungsarbeit kontextualisiert werden, betont Jana Herrmann. Nicholas Potter warnt ebenfalls vor der Entpolitisierung solcher Taten. Das Attentat von Utøya war nicht das Erste seiner Art, erklärt Potter, aber es setzte den Blueprint und es werden weitere folgen.„Don´t give them the fame! Don´t reproduce their hate! That is the affect of radicalization.” In Deutschland passiert es immer wieder durch den Bezug auf die Hufeisentheorie, dass rechte Gewalt und rechter Terror verharmlost wird, wirft Franziska Schröter ein. Sie fragt, ob dies politische Strategien seien, um politisches Handeln herunterzuspielen. ­Nicholas Potter beantwortet dies am Beispiel des An­ schlags in München am 22.7.2016: Erst drei Jahre nach der Tat wurde diese als rechtsmotivierter Terror­ anschlag eingeordnet, obwohl der Täter klar Bezug auf Utøya nahm. Ähnliches sei auch im Prozess des Attentäters von Halle erkennbar. Es ist also nicht egal, wie etwas bezeichnet und gelabelt wird, sind sich alle einig. Franziska Schröter verweist z. B. darauf, dass der Begriff„Fremdenfeindlichkeit“ besonders nach Ha­ nau stark unter die Lupe genommen wurde, und eine schnelle Intervention beobachtet werden konnte. Die Opfer waren nicht„fremd“, der Anschlag muss klar als rassistisch bewertet werden. In diesem Zuge erfolg­ te ein sensiblerer Umgang mit dem Labeling und der Medienberichterstattung, so Schröter. Wie nachhaltig dies aber sei, bleibt abzuwarten. Hoda Imad bestätigt ähnliche Beobachtungen nach dem Anschlag von 2011 – es erfolgte eine riesige De­ batte in Norwegen mit dem Fokus auf Ethnizität. Es wurde lange angezweifelt, dass es sich bei dem ­Attentäter um einen Norweger handelt – viele glaub­ ten, sowas könne nur von islamistischen Terroristen durchgeführt worden sein, erzählt Imad. Zusätzlich wurde dem Attentäter zunächst die volle Schuldfä­ higkeit abgesprochen, da von einem geisteskranken Einzeltäter ausgegangen wurde, so Imad. Diese De­ batten sind für Ferike Thom Lernprozesse über die Strukturen von Gesellschaften. Sie zeigen, wie diese sich gegen die Anerkennung von rechtem Terror wehren. Die Mehrheitsgesellschaft fühlt sich oft nicht bedroht, da häufig Menschen betroffen sind, die als„anders“ gelesen werden, so dass Solidarität an dieser Stelle versagt wird, so Thom. Politische Bildungsarbeit als Prävention und staatliche Schutzmaßnahmen Auch auf der strukturellen staatlichen Ebene wird die Bedrohung verkannt, meint Potter. So gibt es zwei verschiedene Arten von rechtsextremem Ter­ ror, erklärt er, welche auch zwei unterschiedliche Ar­ ten des Monitorings benötigen. Die erste Strategie ist laut Potter in traditionellen rechtsextremen Netz­ werken zu finden, und betrifft die Verwendung von V-Leuten. Das ließe sich jedoch nicht für OnlineTerror umsetzen, wie sich am Beispiel Halle zeigen lässt. Die deutschen Sicherheitsbehörden seien sehr schlecht ausgestattet, was den Umgang und die Möglichkeiten der Beobachtung in diesem Bereich angeht. Er berichtet, dass das politische Ziel nach Halle war, Positionen neu zu besetzen und Stellen zu schaffen, um diese Fehler zu vermeiden und Abhilfe zu schaffen. Für das Netzwerk der rechtextremen Online-Community ist die mangelhafte Aufstellung 6 IMPULSE GEGEN RECHTSEXTREMISMUS OKTOBER I 2021 der Sicherheitsbehörden online von Vorteil, da kaum ein Risiko bestehe, in das Fadenkreuz der ­Sicherheitsbehörden zu geraten, erläutert Potter. ­Ferike Thom hat eine pessimistische Einschätzung nach den Beschlüssen von Halle, was die positive Veränderung staatlicher Strukturen anbelange. Der Schlüssel für Veränderungen müsse aus der Gesell­ schaft kommen, so Thom. Ihre Quintessenz lautet: „Es gibt keine Alternative. Wir brauchen eine Gesell­ schaft, in der Platz für alle ist, ohne dass rechte Par­ teien einem die Berechtigung absprechen. Wir müs­ sen diese sichere Gesellschaft für alle erkämpfen.“ Dieser Kampf kann jedoch nicht allein von Jugend­ organisationen geführt werden. Die politische Bil­ dungsarbeit könne bei den Falken nur in einem be­ stimmten Maße stattfinden, erklärt Herrmann. „Wenn wir(die Falken) uns mit Sicherheit und Si­ cherheitskonzepten beschäftigen, dann vermitteln wir gleichzeitig Bedrohung“.„Sicherheitskonzepte müssen da ansetzen, wo sich die Täter_innen auf­ halten.“ Zwar könne Präventionsarbeit geleistet wer­ den, da sie mit sehr jungen Menschen arbeiten und sie noch formbar und erreichbar seien – jedoch hiel­ ten sich die jungen Menschen nur in ihrer Freizeit bei ihnen auf. Eltern, Schule und Freundeskreise ha­ ben auch einen enormen Einfluss, so Herrmann. Hoda Imad fügt ein, dass es nach den Anschlägen in Norwegen auch große Debatten über Sicherheits­ konzepte gegeben habe, jedoch keine darüber, war­ um und wie es möglich ist, dass sich ein so junger Mensch in Norwegen unbemerkt radikalisiert, so Imad.„Was mir und AUF am meisten Angst macht, ist die Normalisierung von rechtsextremem Terror: Das Manifest des Attentäters von Utøya wurde oft in Norwegen geteilt und ist mittlerweile sehr verbrei­ tet.“ Jährliche Berichte der norwegischen Polizei zeigten, dass Bedrohungen durch Rechtsextremis­ mus in Norwegen seit 2011 jährlich zugenommen haben. Dennoch wird nicht über Rassismus gespro­ chen oder wie es möglich ist, dass rechtsextremer Terror entsteht.“ Als Konsequenz schließt sich Hoda Imad dem Fazit von Jana Herrmann an, sie sei eben­ falls nicht optimistisch, wenn sie an die Zukunft Norwegens denke:„Vor allem wenn wir wissen, dass solche Anschläge wieder passieren werden, in Nor­ wegen, in Deutschland und über Europa hinaus.“ Franziska Schröter übernimmt die Abschlussworte: „Es gibt Hoffnung, weil es viele junge Aktivist_innen gibt, die immer wieder für unsere gemeinsamen Werte einstehen und unsere Welt und Gesellschaft lebenswert machen. Lasst uns weiter an diesem Pro­ jekt arbeiten. Freundschaft und danke an alle, die heute mitgewirkt haben.“ Weiterlesen … Quent, Matthias/ Salzborn, Samuel/ Salheiser, Axel(Hg., 2020): „Wissen schafft Demokratie: Band 6: Rechtsterrorismus“ Potter, Nicholas(2021): „Blaupause für Online-Attentäter“ Belltower News, 22.7.2021 www.belltower.news/10-jahre-utoya-blaupause-fuer-online-attentaeter-118989 Potter, Nicholas(2021): „Neuköllner Anschlagsserie – Täter bleiben frei, Strukturen aktiv“ Belltower News, 5.2.2021 www.belltower.news/neukoellner-anschlagsserie-taeter-bleiben-frei-strukturen-aktiv-111323 Das Projekt„Gegen Rechtsextremismus“ im Referat DGI / Abt. PBD der Friedrich-Ebert-Stiftung bietet kontinuierlich ­Veranstaltun­gen, ­Publikationen und Seminare zu aktuellen Erscheinungsformen von Rechts­extremismus und Rechtspopulismus sowie zu effektiven ­Gegenstrategien an. In der Publikationsreihe„Impulse gegen Rechtsextremismus“ werden die Ergebnisse wichtiger Veranstaltungen zusammengefasst. Sie wird ­ergänzt durch ­„Expertisen für Demokratie“, die ausgewählte Analysen und Fach­beiträge zu aktuellen Fragestellungen in der Aus­ein­ander­-­ s­etzung mit Rechtsextremismus bieten. Wenn Sie bis jetzt noch nicht in unserem Verteiler sind und zukünftige Ausgaben der beiden Reihen erhalten möchten, ­senden Sie bitte eine E-Mail mit Ihren Kontaktdaten an: forum.rex@fes.de. Mehr ­Informationen zur Arbeit der FES für Demokratie und gegen Rechts­ extremismus finden Sie unter: www.fes-gegen-rechtsextremismus.de