CREATED BY GERMANY Regionalversion Mecklenburg-Vorpommern Mecklenburg-Vorpommern – Pionierland für digitale und grüne Innovationen • Globale Phänomene des Strukturwandels betreffen auch Mecklenburg-Vorpommern. Digitalisierung und neue Technologien, Klimakrise und Dekarbonisierung, Globalisierung sowie der demografische Wandel eröffnen gerade für Flächenländer wie Mecklenburg-Vorpommern neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Chancen. • Mecklenburg-Vorpommern verfügt nicht nur in den Bereichen Tourismus, Landwirtschaft und Gesundheit über die besten Bedingungen, von den derzeitigen Umbrüchen und Transformationsprozessen strukturell zu profitieren. • Um Pionierland für digitale und grüne Innovation zu werden, müssen in MecklenburgVorpommern jetzt die Weichen gestellt werden: Die digitale Gesellschaft, Nachhaltigkeitsökonomie und Innovationskultur sind die zentralen Leitthemen politischen Handelns. • Durch Standortmarketing und Markenbildung stellen sich die ausgeprägte ländliche Struktur Mecklenburg-Vorpommerns, die Natur und die Weite als zentraler Vorteil dar, wenn die dezentrale Vernetzung, eine nachhaltige Wirtschaftsweise und die Chancen von Wissenschaft, Forschung und Entrepreneurship konsequent umgesetzt werden. • Mecklenburg-Vorpommern kann weiter in einen erfolgreichen europäischen Innovationsraum eingebunden werden, wenn Infrastrukturen und Kompetenzen ausgebaut, Wissenschaft und Gründertum gefördert und neue Technologien industriepolitisch entwickelt werden. Prof. Dr. Henning Vöpel I. Regionaler Strukturwandel und wirtschaftlicher Fortschritt:„Created in MV“ Große strukturelle Umbrüche kennzeichnen die Gegenwart. Vieles von dem, was gestern war und heute noch ist, wird morgen anders sein. Dies kann man als Bedrohung für den Status quo wahrnehmen – oder als Chance für Veränderung und Gestaltung. Zusätzlich hat die Pandemie den Blick auf die Gesellschaft und die Zukunft verändert, indem sie sichtbar gemacht hat, was in der Krise besonders wichtig ist und Zusammenhalt schafft. Sie hat aber ebenso deutlich gemacht, wo es Bruchlinien in der Gesellschaft gibt. Wichtig ist, dass in Krisen ebenso wie in den bevorstehenden Transformationsprozessen der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Selbstbestimmung der Menschen gestärkt werden. Nur so lässt sich Zukunft mutig gestalten. Tiefgreifende Veränderungen lösen darüber hinaus Unsicherheit und Komplexität aus. Zukunftsgestaltung braucht daher auch Orientierung, eine Idee für die Zukunft und einen Plan für den Weg dorthin. Durch Krisen und Strukturwandel kommt es darüber hinaus immer wieder zu dauerhaften regionalen Verschiebungen: Regionen gewinnen oder verlieren strukturell. Dies liegt zum einen daran, dass Pfadabhängigkeiten nach Strukturbrüchen weniger stark sind, und zum anderen, dass die regionalen Antworten darauf sehr unterschiedlich sind. Eine gute Antwort öffnet den Weg in die Zukunft, statt ihn zu versperren, und lässt Wandel zu, statt den Status quo zu verteidigen. Sie berücksichtigt dabei die spezifischen Ressourcen und Potenziale des jeweiligen Landes für die Zukunftsgestaltung, sie ist zugleich ambitioniert und entschlossen genug, die Perspektiven des Wandels für Fortschritt zu nutzen. Mecklenburg-Vorpommern hat die Chance, mutige Antworten auf diese großen Herausforderungen zu geben.„Created in MV“ kann in diesem Sinne ein Gütesiegel für eine nachhaltige Gesellschaft und eine innovative Wirtschaft sein. Wie dies gelingen kann, soll im Folgenden skizziert werden. werden wie gerade jetzt. Für Mecklenburg-Vorpommern bedeuten die Veränderungen daher vor allem eine Chance. Die regionale Antwort auf exogene Veränderungen besteht in zwei Teilantworten: Zum einen in einem Zielbild, das die spezifischen Ressourcen und Potenziale der Region in Beziehung zu den veränderten Rahmenbedingungen setzt, und zum zweiten in einer Strategie, die zeigt, auf welche Weise diese Ressourcen und Potenziale entwickelt werden können. Schematisch ist dies in Abbildung 1 dargestellt: 1. Welche Zielbilder lassen sich aus den exogenen Entwicklungen und den spezifischen Potenzialen ableiten? 2. Mit welchen Strategien lassen sich die spezifischen Potenziale aktivieren und heben? Abbildung 1 Regionale Antwort: Zielbilder und Strategien II. Ausgangslage und Perspektiven für MecklenburgVorpommern 1. Globale Trends und exogene Entwicklungen Globale Trends und exogene Entwicklungen Zielbilder Regionale Politikantworten auf Strukturwandel müssen einerseits die exogenen Entwicklungen und globalen Trends berücksichtigen, denn sie verändern und setzen die Rahmenbedingungen für politisches Handeln. Andererseits gilt es, die regionalen Besonderheiten, also die spezifischen Ressourcen und Potenziale einer Region einzubeziehen, denn sie bestimmen die grundsätzlichen Handlungsoptionen. Regionale Entwicklung hängt immer davon ab, wie sich die immobilen, also die unveränderlichen Faktoren einer Region(wie etwa der geographischen Lage oder der historischen Entwicklung) mit mobilen, also den durch Zu- oder Abwanderung veränderlichen Faktoren(wie etwa den jungen Talenten oder unternehmerischen Investitionen)(re-)kombinieren. Eine Region ist somit immer ein offenes, sich veränderndes und lernendes System. Standortbedingungen sind mittelfristig das Ergebnis und die Folge von Standortentscheidungen. Gerade vor dem Hintergrund großer Veränderungen ist es daher wichtig, rechtzeitig die Weichenstellungen vorzunehmen, denn sich selbst verstärkende Effekte können Vorsprünge und Rückstände vergrößern und sich zu neuen Pfadabhängigkeiten entwickeln. Gerade jetzt, in Zeiten großer Strukturbrüche, wird die Welt neu vermessen, werden neue Technologien zur Marktreife gebracht und neue Standards gesetzt. Selten sind Pfadabhängigkeiten so gering und können so große Sprünge gemacht Spezifische Ressourcen und Potenziale Strategien Aktivierende Weichenstellungen Quelle: eigene Darstellung. Doch worin bestehen für Mecklenburg-Vorpommern die wichtigsten exogenen Veränderungen seiner politischen Rahmenbedingungen und die wesentlichen spezifischen Ressourcen und Potenziale in den Handlungsoptionen? Die großen globalen Trends und exogenen Entwicklungen mit Auswirkungen auf Mecklenburg-Vorpommern sind folgende: Digitalisierung und neue Technologien. Die Industrialisierung der letzten 200 Jahre hat sich in Strukturen und Mentalitäten manifestiert, die hohe Beharrungskräfte entwickelt haben. Entsprechend disruptiv wirkt die Digitalisierung auf diese Strukturen. Die systematische Nutzung von Daten verändert S 2 fast alle Geschäftsmodelle. Datengetriebene Plattformen bilden sich neben den klassischen Industrieunternehmen und machen einstmals physische Produkte zu Dienstleistungen( as a service). Die Nutzung von Daten und der Einsatz von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz erfordern jedoch umfassende Anpassungen in den Anforderungen an Datensicherheit, Datenschutz und digitale Kompetenzen und Mündigkeit. Darüber hinaus stehen verschiedene neue Technologien vor größeren Entwicklungssprüngen, wie zum Beispiel Wasserstoff oder Anwendungen der Biotechnologie(mRNA-Technologie). Hieraus ergeben sich neue wirtschaftliche Anwendungen und Märkte, die jedoch infrastrukturell, regulatorisch, industriell und qualifikatorisch erst geschaffen werden müssen. Klimakrise und die Dekarbonisierung. Die Klima- und Biodiversitätskrise ist die vielleicht größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte. Die Lebensgrundlagen des Menschen sind akut bedroht, weshalb sofort und global gehandelt werden muss. Heute basiert der materielle Wohlstand fast ausschließlich auf der Nutzung fossiler Energien. Das noch maximal verbleibende Restbudget an CO 2 für die Beschränkung der Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius„reicht“ bei Fortschreibung der derzeitigen Emissionen allenfalls bis ins Jahr 2040. Bis dahin muss die gesamte Welt klimaneutral im Sinne von Netto-Null sein. Die schnelle Dekarbonisierung wird nur durch eine Kombination aus Verhaltensveränderungen, also Veränderung der Konsumgewohnheiten und Produktionsbedingungen, und technologischen Innovationen möglich sein. Da sich die meisten Länder im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet haben, ihren Anteil an den Emissionsreduktionen zu leisten, ist davon auszugehen, dass in der weltweiten ökologischen Transformation zugleich enorme industrielle Chancen liegen, nämlich in der Schaffung neuer Märkte und Beschäftigungschancen. Globalisierung und geopolitische Konflikte. Die Globalisierung ist seit der globalen Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 erkennbar in eine neue Phase eingetreten. Nach den Jahren der beschleunigten Globalisierung, vor allem bedingt durch die Integration Chinas in die Weltwirtschaft, steht keine De-Globalisierung, aber doch eine Re-Globalisierung bevor, d. h. eine in ihren Mustern und Institutionen deutlich veränderte Globalisierung. Diese wird getrieben von zwei Kräften: Gesellschaften fordern wieder mehr politische Souveränität zurück(Trump und Brexit sind/waren lediglich Symptome dieser Entwicklung) und geopolitische Konflikte kehren zurück(vor allem zwischen den USA und China, aber auch in Verbindung mit Russland und Europa). Es ist davon auszugehen, dass sich die großen Linien der Globalisierung und der Weltpolitik verschieben werden, wodurch sich auch das Verhältnis der Wirtschaftsräume und Regionen zueinander verändern wird. Demografie und neue Generationen. Ein in der Vergangenheit immer wieder genannter, aber heute fast schon in Vergessenheit geratener und unterschätzter Faktor der regionalen Entwicklung ist die Demografie. Da die Mobilität von Menschen in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, verzeichnen Regionen immer stärkere Wanderungssalden durch entsprechende Zuzüge und Abgänge. Gerade jüngere und besserqualifizierte Menschen sind mobil und daher ein wichtiger Indikator für regionale Entwicklungen. Neben dem rein demografischen Effekt spielt das veränderte Generationenverhalten eine zunehmend wichtige Rolle. Jüngere Generationen(z. B. Generation Z) weisen zum Teil andere Wertegerüste auf und präferieren andere Lebensmodelle. Beide Effekte zusammen tragen zu einer immer stärkeren kulturellen Trennung zwischen typisch urbanen und ländlichen Milieus bei. Gerade für ländlich geprägte Regionen ist daher die demografische Umkehr, der Stopp der Abwanderung junger Menschen, besonders bedeutsam für die regionalwirtschaftliche Entwicklung. 2. Regionalwirtschaftliche Entwicklungen Mecklenburg-Vorpommern hat seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 eine im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Bundesländern durchwachsene wirtschaftliche Entwicklung genommen. Heute haben die Durchschnittslöhne zwar real deutlich zugenommen, jedoch liegt Mecklenburg-Vorpommern unter den sechzehn Bundesländern absolut auf Platz 16(vgl. Tabelle 1, S.4). Die insgesamt moderate Entwicklung hat wesentlich mit den schlechteren Ausgangsbedingungen zu tun. MecklenburgVorpommern hatte kaum nennenswerte industrielle Kerne und urbane Agglomerationen, sondern war im Wesentlichen durch Landwirtschaft und Tourismus geprägt. Nicht überraschend setzte daher frühzeitig eine sich selbst verstärkende Abwanderung insbesondere jüngerer Menschen in Richtung Berlin, Hamburg und anderer Städte ein. Wenn regionale und lokale Arbeitsangebote sich zurückbilden, wird es zudem für Unternehmen immer weniger attraktiv, dort zu bleiben. Dass urbane Kerne den Wegzug jüngerer Menschen zumindest verlangsamen können, zeigt das Beispiel Leipzig, das seit vielen Jahren sogar einen stark positiven Zuwanderungssaldo aufweist. Lohnentwicklung und demografische Entwicklung haben zusammen einen direkten Einfluss auf die Finanzkraft der Kommunen. Diese ist über die Jahre gesunken und hat die Finanzierung öffentlicher Güter, wie Infrastruktur, Schulen und GesundheitsverS 3 sorgung erschwert. Zum Teil musste massiv gekürzt werden, was den Verbleib jüngerer Menschen wiederum unattraktiver gemacht hat. Eine Übersicht über wichtige regionale Indikatoren gibt die nachfolgende Tabelle, die nur einen kleinen Ausschnitt zeigt, aber doch das Land in seinen Entwicklungen und Herausforderungen gut beschreibt. tät werden. Auch andere Ressourcen können auf dem Wege digitaler Infrastruktur zugänglich gemacht werden, etwa Bildungsangebote oder medizinische Versorgung. Kurzum: Das Wissen und die Erfahrung der Menschen aus 6.000 Dörfern können nun zu kreativen und produktiven Netzwerken verbunden werden – das Land als„Cloud“ gewissermaßen. Das Land der Natur und der Weite. Mecklenburg-Vorpommern ist reich an Natur und Landschaften. Entsprechend liegen Tabelle 1 Ausgewählte sozioökonomische und soziodemografische Kennzahlen Land Mecklenburg-Vorpommern Deutschland Einkommen pro Kopf in EUR(2020) 28.590 40.088 F&E in% des BIP (2019) 1,81 3,12 Verhältnis Ü65 zu U30 (2019) 3:2 1:1 Durchschnittlicher Weg zum Facharzt in km 13,1 8,5 Quelle: Statistisches Bundesamt(2020), VGR der Länder(2020), Statistisches Jahrbuch Mecklenburg-Vorpommern(2020). 3. Spezifische Ressourcen und Potenziale Mecklenburg-Vorpommern weist eine Reihe spezifischer Ressourcen und Potenziale auf, die wirtschaftlich in Beziehung zu den großen Umbrüchen gesetzt und so neu für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes nutzbar gemacht werden können. Die wichtigsten Ressourcen und Potenziale sind in skizzenhafter Beschreibung folgende: Das Land der 6.000 Dörfer. Mecklenburg-Vorpommern hat über 6.000 Dörfer, verteilt über das gesamte Land. Diese dörfliche Struktur ist normalerweise ein Nachteil, denn es ist schwierig, wirtschaftliche Aktivität zu verdichten. Gerade in der Wissensökonomie kommt es darauf an, dass Menschen unterschiedlicher Qualifikationen und komplementärer Talente sich vernetzen. 6.000 Dörfer infrastrukturell miteinander zu verbinden und zu versorgen ist zudem relativ teuer, weil es kaum Skalenvorteile und Netzwerkeffekte gibt. Die Digitalisierung ermöglicht nun eine stärkere räumliche Dezentralisierung von wirtschaftlicher Aktivität, weil diese sich – zumindest zum Teil – virtuell verdichten und vernetzen lässt. Somit stellt die Digitalisierung also einen Vorteil für alle Flächenländer dar, sie gewinnen relativ zu den Städten. Die Pandemie hat zudem gezeigt, dass Arbeitsprozesse in Unternehmen anders organisiert werden können und in Zukunft New-Work-Konzepte sich stärker durchsetzen und zur Normalidie wirtschaftlichen Schwerpunkte in der Landwirtschaft und im Tourismus. Eine Chance besteht darin, die konventionelle Nutzung dieser Ressourcen in eine klimaneutrale und umweltschonende zu überführen. Erdgeschichtlich ist Mecklenburg-Vorpommern ein„junges“ Land, die Böden sind regenerationsfähig und kühlen das Land herunter, was in Zeiten der Klimaerwärmung im Hinblick auf Grundwasserspiegel und Landwirtschaft bedeutsam ist. Darüber hinaus stellen die Moore und Wälder wichtige Potenziale zur Senkung der CO 2 -Emissionen dar. Sie können des Weiteren einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität leisten. Die Weite und reiche Natur des Landes sind ein enormer Schatz, der angesichts der Klima- und Biodiversitätskrise geschützt werden muss, zugleich aber Modell werden kann für eine verantwortungsvolle und nachhaltige ökologische Landnutzung – in der Landwirtschaft und im Tourismus ebenso wie für alternative Modelle der Inwertsetzung von Ökosystemleistungen, also Leistungen zum Erhalt und zur Regeneration der Lebensgrundlagen. Das Land zwischen europäischen Innovationsregionen. Mecklenburg-Vorpommern liegt sehr günstig zwischen wichtigen und dynamischen europäischen Innovationsregionen. Berlin und Hamburg sind die größte und zweitgrößte deutsche Stadt mit hoher Zentralität, Stettin ist nahegelegen, es gibt gute Beziehungen nach St. Petersburg ebenso wie nach Estland. Darüber S 4 hinaus ist eine Einbindung in den Ostseeraum möglich, vor allem mit Blick auf Kopenhagen, Helsinki und die Öresund-Region. Um von dieser Lage zu profitieren, muss Mecklenburg-Vorpommern jedoch eine größere Rolle in den Innovationsräumen spielen, mehr Zentralität in den Bereichen Wissenschaft und Gründertum entwickeln und die Internationalität erhöhen. Hierauf sollte ein Hauptaugenmerk der Politik liegen. III. Gesellschaftliche Zukunftsmissionen und politische Weichenstellungen Die großen Umbrüche der Gegenwart erfordern keine kosmetischen Korrekturen oder inkrementellen Anpassungen, sondern größere, übergreifende Veränderungen. Denn die Entscheidungs- und Handlungszusammenhänge verändern sich, Zielkonflikte müssen politisch neu verhandelt und regulatorisch neu bewertet werden. Die wichtigste Erkenntnis und Lehre aus der Pandemie besteht vielleicht darin, dass unser Handeln nachhaltiger werden muss, d. h. resilienter gegenüber ökonomischen Krisen, innovativer bei neuen Technologien und generationengerechter in politischen Entscheidungen. Die Vereinten Nationen haben im Jahr 2015 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen einen thematischen Rahmen für nachhaltiges Handeln gegeben. Nachhaltigkeit wird oft definiert im Dreieck von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft. Und tatsächlich geht es darum, diese drei Bereiche gleichrangig in ein Gleichgewicht zu bringen. Gerade die Klimakrise zeigt, dass unter den etablierten Entscheidungssystemen neue Zielkonflikte zwischen Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft entstehen, die(nur) durch eine Veränderung dieser Entscheidungs- und Anreizsysteme aufgelöst bzw. in ein nachhaltiges Gleichgewicht gebracht werden können. Im Sinne von Mariana Mazzucato(2021), die von großen„gesellschaftlichen Missionen“ spricht, können für die Zukunft drei solcher Missionen(oder Leitthemen politischen Handelns) identifiziert werden: Kompetenzen und ein modernes Datenrecht. Erst dann kann die Gesellschaft Digitalisierung und Daten umfassend nutzen. Nachhaltigkeitsökonomie. Bislang hat die Menschheit in der Produktion von Wohlstand externe Umweltkosten nicht angemessen berücksichtigt. Umwelt ist zerstört worden, die planetaren Grenzen der Umweltnutzung sind überschritten worden und Kosten auf andere Teile der Welt und zukünftige Generationen externalisiert worden. Die Klima- und Biodiversitätskrise erfordert eine schnellstmögliche Anpassung des Wirtschaftssystems an Ökosysteme, bevor diese irreversibel geschädigt werden und für lange Zeiträume nicht mehr regenerierbar sind. Das Pariser Klimaabkommen verpflichtet die unterzeichnenden Staaten zur Einhaltung ihrer Reduktionsziele. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil zum Klimaschutzgesetz hat darüber hinaus einen ambitionierteren Plan angemahnt zum Schutz der Freiheit zukünftiger Generationen. Vor diesem Hintergrund ist zu erwarten, dass sich rechtlich und regulatorisch eine echte Nachhaltigkeitsökonomie mit entsprechenden Märkten und Anreizen bilden wird. Neue nachhaltige Geschäftsmodelle werden gegenüber alten fossilen schnell an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen. Innovationskultur. Fortschrittliche Gesellschaften besitzen ausgeprägte Innovationskulturen. Die großen Umbrüche der Gegenwart lösen zum Teil disruptive Veränderungen aus. Darüber hinaus stehen technologische Durchbrüche bevor wie etwa bei den Quantentechnologien, der Biotechnologie oder der Künstlichen Intelligenz. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Menschen, Unternehmen und Institutionen zum stetigen Wandel zu befähigen. Ein besserer und engerer Wissens- und Technologietransfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und Forschung, lebenslange Bildungs- und Qualifizierungsangebote und offene, interdisziplinäre und experimentelle Innovationsmilieus sind hierfür entscheidend. IV.„Invented in MV“ – wie Mecklenburg-Vorpommern zum digitalen und grünen Pionierland wird Digitale Gesellschaft. Die Pandemie hat gezeigt, dass Digitalisierung helfen kann, Gesellschaften und Ökonomien resilienter zu machen. Wesentliche Arbeits- und Kommunikationsprozesse wurden in den digitalen Raum verlagert und hielten dort die Geschäfts- und Versorgungstätigkeiten aufrecht. Die Pandemie hat zugleich zutage treten lassen, wie weit weg Deutschland in vielen Bereichen noch von einer echten digitalen Gesellschaft ist. In den Schulen, Gesundheitsämtern und Behörden, aber auch in vielen Unternehmen haben sich zum Teil gravierende Defizite und Versäumnisse gezeigt. Eine echte digitale Gesellschaft erfordert jedoch nicht nur eine digitale Infrastruktur, sondern digitale Die beiden großen politischen Missionen„Digitale Gesellschaft“ und„Nachhaltigkeitsökonomie“, kombiniert mit einer entsprechenden„Innovationskultur“, bedeuten für Mecklenburg-Vorpommern große wirtschaftliche Potenziale. Eine echte digitale Gesellschaft ist eine Chance für eine effizientere Versorgung, für bessere Zugänge zu Ressourcen und eine höhere Produktivität. Die Nachhaltigkeitsökonomie setzt zum einen Ökosystemleistungen in einen ökonomischen Wert, zum anderen richtet sie die Innovationsanreize auf Nachhaltigkeit aus und ist somit eine Vorbedingung für grünes Wachstum. Mecklenburg-Vorpommern hat aufgrund der natürlichen Ressourcen und den wirtschaftsstruktuS 5 rellen Schwerpunkten in den Bereichen Tourismus, Landwirtschaft und Gesundheit das Potenzial, in diesen Bereichen Modellregion und Pionierland zu werden mit entsprechenden Potenzialen für Innovation und zukunftsfähige Beschäftigung. Zu diesem Zweck müssen die vorhandenen Potenziale gezielt durch wirtschaftspolitische Instrumente und Strategien erschlossen werden, die im Folgenden in vier großen Chancen kurz beschrieben werden. 1. Die Chancen der dezentralen Vernetzung konsequent nutzen Um in Mecklenburg-Vorpommern als Flächenland eine digitale Gesellschaft zu formen, sind u. a. folgende Maßnahmen denkbar: • Schneller Ausbau der digitalen Infrastruktur bis in alle 6.000 Dörfer hinein, • Aufbau von Smart Villages als Co-Working- und Co-CreationCommunities auf dem Land, • Einrichtung einer landesweiten Digital-Service-Cloud, um z. B. alle Bildungsangebote auf einer Plattform zu bündeln und für lebenslanges Lernen zu nutzen oder eHealth-Dienstleistungen für eine bessere medizinische Versorgung bereitzustellen, • Flächendeckende Anwendung von Künstlicher Intelligenz als wichtigster Querschnittstechnologie, um die Produktivität zu erhöhen und Fachkräfteengpässe zu verringern. 2. Die Chancen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise und klimaneutraler Industrien und Technologien nutzen Um in Mecklenburg-Vorpommern eine Nachhaltigkeitsökonomie zu etablieren, sind u. a. folgende Maßnahmen denkbar: • Ausbau der Ökowertpapiere zur systematischen Inwertsetzung von Ökosystemleistungen und Schaffung neuer Märkte und nachhaltiger Geschäftsmodelle, • Aufbau von Industrie-Clustern für saubere Antriebstechnologien und grünen Wasserstoff, • Einrichtung von Studiengängen und Forschungsprogrammen in den Bereichen eHealth, Smart Farming und Sustainable Tourism, um die benötigten Qualifikationen bereitzustellen, • Etablierung eines jährlichen internationalen GreenTech-Festivals, um Gründer_innen aus aller Welt nach MecklenburgVorpommern einzuladen. • Aufbau eines internationalen Stipendienprogramms für GreenTech, um Wissenschaftler_innen und Gründer_innen nach Mecklenburg-Vorpommern zu holen, • Verstärkung nordeuropäischer Kooperationen im Bereich Energie und Nachhaltigkeit, um sich noch stärker in internationalen Forschungsnetzwerken und europäischen Förderprogrammen zu vernetzen, • Aufbau von landesweiten Förderprogrammen für Social Business und Impact Entrepreneurs, um Innovationskultur flächendeckend im Land zu entfalten, • Etablierung einer auf das Unternehmen und nicht das Unterlassen ausgerichteten„Ermöglichungsverwaltung“, um experimentelle Freiräume und regulatorische Spielräume für neue Ideen und soziale Innovation zu schaffen. Einzelmaßnahmen allein aber helfen selten weiter. Es kommt darauf an, Synergien zu nutzen, Hebelwirkungen zu erzeugen und eine sich selbst tragende und verstärkende Entwicklung auszulösen. Bloom et al.(2021) haben gezeigt, dass die Diffusion von disruptiven neuen Technologien sich oftmals regional konzentriert und vornehmlich dort neue Wertschöpfung und hochqualifizierte Beschäftigung entstehen. Wirtschaftliche Dynamik ist oftmals gekennzeichnet durch zwei„Gesetzmäßigkeiten“: Aktivität stößt Aktivität an und Wissen zieht Wissen an. Es geht also neben den oben skizzierten Maßnahmen auch darum, Menschen mit ihren Ideen, Talenten und Erfahrungen für diesen Weg zu motivieren. Deshalb gilt: 4. Die Chancen des Standortmarketings und der Markenbildung nutzen Um Mecklenburg-Vorpommern in aller Welt als digitales und grünes Pionierland zu positionieren, sind u. a. folgende Maßnahmen denkbar: • Aus den vielen Puzzleteilen ein schlüssiges großes Bild machen, um Mecklenburg-Vorpommern im internationalen Standortwettbewerb wahrnehmbar zu positionieren, • Konkrete Zielgruppen im Standortmarketing entwickeln, um jene Qualifikationen, Talente und Mindsets anzusprechen, die zur Umsetzung des Leit- und Zielbildes benötigt werden, • Die vielen Initiativen und Projekte des Landes miteinander vernetzen und bündeln, um Kooperation zu fördern, Skalierung zu nutzen und Identitäten zu stärken. 3. Die Chancen von Wissenschaft, Forschung und Entrepreneurship nutzen V. Jetzt den Wandel wagen Um in Mecklenburg-Vorpommern regionale Innovationsmi- Mecklenburg-Vorpommern zeichnet sich durch spezifische Reslieus zu entwickeln, sind u. a. folgende Maßnahmen denkbar: sourcen und Potenziale aus, die das Land prädestinieren, von den S 6 derzeitigen Umbrüchen und Transformationsprozesse strukturell zu profitieren. Dafür ist es notwendig, dass die Politik die großen Missionen und Leitthemen angeht und Weichenstellungen vornimmt, Infrastrukturen und Kompetenzen aufbaut, Wissenschaft und Gründertum fördert und neue Technologien industriepolitisch entwickelt. Dies alles steht unter einer Überschrift: MV – Pionierland für digitale und grüne Innovation(vgl. Abbildung 2). Die Chance liegt für MV im Hier und Jetzt. Es gilt, jetzt eine klare Positionierung als Pionierland für digitale und grüne Innovationen vorzunehmen, das Raum für Experimente gibt, den Wandel besonders konsequent angeht, dabei die Chancen betont und so ein bestimmtes Mindset anzieht, um den notwendigen technologischen und sozialen Fortschritt zu erzeugen. Genau dafür müssen jetzt die Potenziale und Ressourcen entwickelt und Talente angezogen werden. Darauf aufbauend sollte ein internationales, zielgruppenorientiertes Standortmarketing stattfinden, das dazu beitragen kann, die demografischen Trends umzukehren, damit junge Menschen im Land bleiben oder ins Land kommen wollen, sich angezogen fühlen vom gesellschaftlichen Aufbruch, von der Technologie-Offenheit, der Innovationsfreudigkeit und der Modernität des Landes, aber auch von Sinngebung und Lebensentwürfen, die hier Realität werden. Abbildung 2 MV – Pionierland für digitale und grüne Innovation Vernetzte Gesellschaft Natürliche Ressourcen Nachhaltigkeitsökonomie Infrastruktur und Kompetenzen Dezentralität Nachhaltige Landnutzung und klimaneutrale Industrien/Technologien Geographische Lage Innovationskultur Wissenschaft und Gründertum Quelle: eigene Darstellung. Literatur Bloom, Nicholas et al.(2021), The Diffusion of Disruptive Technologies, NBER Working Paper Nr. 28999. Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung(2019), Deutschland 2035. Eine Reise in die Zukunft, http://library.fes.de/pdf-files/managerkreis/15304.pdf Mazzucato, Mariana(2021), Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft, Campus. Statistisches Bundesamt(2020): https://www.destatis.de/DE/Themen/ Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Forschung-Entwicklung/_ inhalt.html Statistisches Jahrbuch Mecklenburg-Vorpommern 2020(2020): https://www.laiv-mv.de/Statistik/Ver%C3%B6ffentlichungen/Jahrbuecher/ VGR der Länder(2020): https://www.statistik.rlp.de/fileadmin/ dokumente/gemeinschaftsveroeff/vgr/P1115_vgrdl_brochure_2020.pdf Zukunftsrat MV(2021): MV – unsere Zukunft ist jetzt. Für ein nachhaltiges, digitales und gemeinwohlorientiertes MV. S 7 In der Reihe Managerkreis Impulse sind zuletzt erschienen: Sofortprogramm für die Mobilitätswende Richard Goebelt, Ottmar Haardt, Stefan Heimlich, Gerhard Prätorius, Bernd Törkel, September 2021. So gelingt die Digitalisierung der Schulen in Deutschland Sandra Parthie, Christian Tribowski, Juli 2021. Steuer- und haushaltspolitische Impulse für die nächste Legislaturperiode Karl-Heinz Krug, Volker Halsch, Juni 2021. Moderne Gesundheitsversorgung: Regional. Flexibel. Integriert. AG Gesundheitspolitik des Managerkreises, Juni 2021. Gemeinwohlorientierten Wandel gestalten: Impulse zur Weichenstellung für einen gerechten Klima- und Umweltschutz AG Energie und Umwelt des Managerkreises, Juni 2021. Zielkonflikte zwischen Klimaneutralität und Wachstum auflösen: Unternehmerische Perspektiven für ein nachhaltiges Europa Gerhard Prätorius, Lola Attenberger, Juni 2021. Die Veröffentlichungen der Managerkreis Impulse finden Sie unter: https://www.managerkreis.de/publikationen Diese Publikation ist Teil der Serie Created by Germany – Wirtschaftspolitische Impulse für Deutschland 2035 des Managerkreises der FriedrichEbert-Stiftung. Hier sind zuletzt erschienen: Sozial-ökologische Transformation. Wirtschaftspolitische Impulse für Niedersachsen/Bremen. Arno Brandt, Dezember 2020. Mehr Fortschritt wagen! Handlungsempfehlungen für die wirtschaftliche Transformation Schleswig-Holsteins und Hamburgs. Henning Vöpel, November 2020. Digital, transformativ innovativ – Agenda für die Zukunftsfähigkeit Bayerns. Werner Widuckel und Doris Aschenbrenner, November 2020. Wirtschaftspolitische Impulse für Sachsen, SachsenAnhalt und Thüringen 2035. Joachim Ragnitz, Oktober 2020. Created by Germany – Wirtschaftspolitische Impulse für Deutschland 2035. Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dezember 2019. Die dazugehörigen Veröffentlichungen finden Sie unter: https://www.managerkreis.de/ was-uns-bewegt/ details/deutschland-2035 Über den Autor: Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des Centrum für Europäische Politik, Berlin, und Professor an der Business and Law School Berlin Die Ausführungen und Schlussfolgerungen sind von dem Autor in eigener Verantwortung vorgenommen worden und geben ausschließlich seine persönliche Meinung wieder. Impressum:© Friedrich-Ebert-Stiftung| Herausgeber: Managerkreis der Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin www.managerkreis.de| ISBN: 978-3-96250-997-2| Oktober 2021 Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Design: zumweissenroessl.de| Druck: FES/Brandt GmbH