A N A LY S E GLOBALE UND REGIONALE ORDNUNG DIE NEUORDNUNG SÜDASIENS Geopolitische Auswirkungen der Covid-19-Pandemie Christian Wagner September 2021 • Während Südasien 1.0 durch den Konflikt zwischen Indien und Pakistan geprägt war, wird das prägende Merkmal von Südasien 2.0 die Rivalität zwischen Indien und China sein. Wahrscheinlich wird es zu einer wachsenden Pluralität neuer subregionaler Initiativen kommen, die mit etablierten Strukturen wie der SAARC konkurrieren werden. • Die chinesischen Investitionen verbessern die Infrastruktur und das Gesundheitssystem in vielen Staaten Südasien. Allerdings wird es für diese auch zunehmend schwieriger, ihre Beziehungen mit Indien und China auszubalancieren. DIE NEUORDNUNG SÜDASIENS Geopolitische Auswirkungen der Covid-19-Pandemie • Südasiatische Gesellschaften haben unter schwachen öffentlichen Gesundheitssystemen und einer mangelhaften wirtschaftlichen Resilienz gelitten. Die Covid-19-Pandemie hat auch die Schwäche regionaler Institutionen wie der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft(SAARC) bei der Bewältigung gemeinsamer, grenzüberschreitender Herausforderungen aufgezeigt. Der Kampf gegen die Pandemie könnte die bereits begonnene geopolitische Umstrukturierung der Region beschleunigen. Mangelhafte öffentliche Gesundheitssysteme in den meisten südasiatischen Ländern werden China mit Investitionen in Projekte wie die»Digitale Seidenstraße« oder die»Gesundheitsseidenstraße« einen perfekten Einstieg in die Post-CovidÄra ermöglichen. • Für kleinere Länder wie Nepal, die immer wieder Einmischungen durch die Regionalmacht Indien – bisher die vorherrschende Macht in ihren außenpolitischen Beziehungen – erlebt haben, kann das neue Chancen bedeuten. Da Südasien 2.0 jedoch eher durch die chinesisch-indische Rivalität als durch den Indien-Pakistan-Konflikt geprägt sein wird, der Südasien 1.0 dominierte, geht er auch mit einer Herausforderung für die Gleichung der Machtverhältnisse einher. Aufgrund existierender politischer Spaltungen wird die Region aller Wahrscheinlichkeit nach eine wachsende Pluralität neuer subregionaler Initiativen erleben. Länder der Region können davon durch Infrastruktur-Investitionen profitieren, jedoch können diese letzten Endes auch hauptsächlich die vertikale Konnektivität mit China und Indien verbessern, aber nicht unbedingt die horizontale Kooperation mit anderen Ländern der Region. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: https://www.fes.de/referat-asien-und-pazifik GLOBALE UND REGIONALE ORDNUNG DIE NEUORDNUNG SÜDASIENS Geopolitische Auswirkungen der Covid-19-Pandemie Inhalt 1 EINFÜHRUNG 2 2 VON BHARAT UND HINDUSTAN BIS SÜDASIEN 2 3 SÜDASIEN 1.0: SAARC VS. INDISCH-PAKISTANISCHE BEZIEHUNGEN 3 4 SÜDASIEN 2.0: TREIBER DER VERÄNDERUNG 4 4.1 Die globale Dimension: China und die Folgen der Belt and Road Initiative ..... 4 4.2 Die regionale Dimension: Die Entkopplung der indisch-­pakistanischen Beziehungen ....................................................................................... 4 4.3 Die nationale Dimension: Nationalismus vs. Vielfalt ................................... 5 5 SÜDASIEN 2.0: NEUE SPANNUNGSLINIEN 5 5.1 Covid-19 und die Zukunft der chinesisch-indischen Rivalität ....................... 5 5.2 Subregionale Kooperation, Bilateralismus, Trilateralismus ........................... 6 6 NEUE CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR KLEINERE LÄNDER: DER FALL NEPAL 7 6.1 Neue Chancen .................................................................................... 7 6.2 Neue Herausforderungen ...................................................................... 7 7 SÜDASIEN 2.0: KONNEKTIVITÄT OHNE REGIONALISMUS 8 1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Neuordnung Südasiens 1 EINFÜHRUNG 1 Südasien ist eine der am härtesten von der Covid-19-­ Pandemie betroffenen Regionen Asiens. Ein fehlendes öffentliches Gesundheitswesen und eine mangelhafte wirtschaft­ liche Resilienz haben zu enormem Leid in den südasiatischen Gesellschaften geführt. Prognosen zufolge wird Indiens Bruttoinlandsprodukt im Haushaltsjahr 2020/2021 um 7,7 Prozent sinken. 2 Die Covid-19-Pandemie hat auch einmal mehr die Schwäche der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft (South Asian Association for Regional Cooperation, SAARC) bei der Bewältigung gemeinsamer grenzüberschreitender Herausforderungen aufgezeigt. Aber die Pandemie besitzt auch eine geopolitische und systemische Dimension, die sich langfristig auf Südasien auswirken kann. Das Argument hierfür ist, dass der Kampf gegen die Pandemie ein neues Kapitel der fortwährenden Rivalität zwischen Indien und China in Südasien aufschlagen und die bereits begonnene Neustrukturierung der Region weiter beschleunigen wird. Das gängige Verständnis der Region, das sich nach der Dekolonisierung entwickelte, kann als»Südasien 1.0« beschrieben werden. Politisch wurde die Region mehr durch bilaterale Konflikte zwischen Indien und seinen Nachbarn geprägt als durch ihr gemeinsames Engagement als Mitglieder der SAARC. Auf gesellschaftlicher Ebene war und ist die Region durch kulturelle Gemeinsamkeiten und grenzübergreifende Verbindungen auf sprachlicher, religiöser und ethnischer Ebene geprägt. Die Vision der Zukunft kann als»Südasien 2.0« bezeichnet werden und wird vom Wettbewerb zwischen Indien und China sowie neuen Formen der subregionalen Zusammenarbeit gekennzeichnet sein. Zunehmende nationalistische Tendenzen in vielen Ländern könnten zudem einige der traditionellen grenzüberschreitenden Verbindungen schwächen. Dies ist auch eine Herausforderung für kleinere Länder wie Nepal, die nun gezwungen sind, sich an das neue geopolitische Umfeld anzupassen. Um dieses Argument auszuarbeiten, betrachtet diese Abhandlung zunächst die historische Entwicklung des Begriffs Südasien. Die folgenden Abschnitte beleuchten bestimmte Aspekte von Südasien 1.0, Treiber der Veränderung, neue Merkmale, die Südasien 2.0 kennzeichnen, sowie einige potenzielle neue Herausforderungen für Länder wie Nepal. 2 VON BHARAT UND HINDUSTAN BIS SÜDASIEN Allgemein lassen sich Regionen als sozial konstruierte Einheiten verstehen, die auf geographischen, sozialen oder politischen Abgrenzungen basieren können. Als eigenständiges begriffliches Konstrukt entstand»Südasien« erst nach der Dekolonisierung von Britisch-Indien im Jahr 1947. Zuvor wurde die geographische Region des indischen Subkontinents über andere Kategorien, Begriffe und Konzepte definiert. Historisch wurde dieser Teil der Welt von griechischen und lateinischen Autoren»Indien« genannt sowie»Hindustan« von persischen Gelehrten. 3 Diese Begriffe bezeichneten die Gebiete entlang des Indus-Flusses. Die Terminologie wurde auf europäischen Landkarten übernommen, die den Subkontinent als»Hindustan« bzw.»Indien« bezeichneten. 4 Vom Subkontinent selbst stammende Texte auf Sanskrit wie die Puranas verwenden den Begriff»Bharat«, der sich jedoch auf eine Gesellschaftsordnung und nicht auf eine territoriale oder politische Einheit bezieht. Erst im 19. und 20. Jahrhundert begannen nationalistische Autoren in Indien»Bharat« mit einem ethnischen Konzept und einem Territorium zu verbinden. 5 Zur Zeit der Unabhängigkeit waren mehrere Namen wie»Bharat, Indien, Al-Hind und Hindustan als Bezeichnungen für den indischen Subkontinent geläufig.« 6 Die Etablierung des Begriffs Südasien wurde eher durch äußere Faktoren als durch innere Entwicklungen getrieben. Der Begriff Südasien entstand im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg und stand in enger Verbindung mit der Entwicklung der Regionalwissenschaften an US-amerikanischen Hochschulen. 7 Im Gegensatz zum allgemeinen strategischen Denkmuster in den Vereinigten Staaten zu jenem Zeitpunkt gab es in Südasien selbst in den 1950er Jahren kaum Interesse an einer engeren regionalen Zusammenarbeit. Nach der Dekolonisierung von Indien, Pakistan und Sri Lanka 1947/48 standen alle Länder des Subkontinents vor ähnlichen Herausforderungen im Hinblick auf ihre wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Einer der ersten Versuche, diese Herausforderungen zu bewältigen, war der 1951 vom Commonwealth ins Leben gerufene»Colombo-Plan für kooperative wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Süd- und Südostasien«. Die Beziehungen Indiens mit seinen Nachbarländern 1 Diese Abhandlung bezieht sich auf Ereignisse bis Anfang des Jahres 2021. 2 Vikas Dhoot, GDP likely to contract by 7.7% this fiscal, says government, The Hindu, 8. Januar 2021 https://www.thehindu. com/business/Economy/indias-real-gdp-estimated-to-contract-by77-in-2020-21/article33521311.ece. 3 Catherine Clémentin-Ojha‚ ›India, that is Bharat…‹: One Country, Two Names, South Asia Multidisciplinary Academic Journal(Samaj), 10, http://journals.openedition.org/samaj/3717(abgerufen am 8. Januar 2020), S. 1. 4 Eine kleine Auswahl an Kartenmaterial aus der frühen europäischen Periode findet sich in Joseph E. Schwartzberg, A Historical Atlas of South Asia, New York, Oxford: Oxford University Press 1992, S. 51–52. 5 Catherine Clémentin-Ojha(2014), S.4. 6 Ebd. S. 2. 7 Zur historischen Entwicklung siehe z. B. Maureen L.P. Patterson, Institutional Base for the Study of South Asia in the United States and the Role of the American Institute of Indian Studies, in: Joseph W. Elder, Edward C. Dimock, Jr., Ainslie T. Embree(Hrsg.), India’s Worlds and U.S. Scholars, 1947 – 1997, Neu-Delhi: Manohar, American Institute of Indian Studies 1998, S. 17 – 108. 2 Südasien 1.0: SAARC vs. indisch-pakistanische Beziehungen intensivierten sich durch das 1964 gestartete»Indische Programm für Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit« (Indian Technical and Economic Cooperation, ITEC). Diese Bemühungen sollten sich jedoch nicht als Nährboden für ein Regionalismus-Konzept erweisen, obwohl Premierminister Jawaharlal Nehru ein starker Verfechter asiatischer Solidarität war. Dennoch verstand er die angrenzende Region nicht als»Südasien«. 8 3 SÜDASIEN 1.0: SAARC VS. INDISCHPAKISTANISCHE BEZIEHUNGEN Die Gründung der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft SAARC im Dezember 1985 9 war das erste erwähnenswerte Anzeichen dafür, dass der Regionalismus mehr war als nur die Addition bilateraler Beziehungen. Die Merkmale und Misserfolge dieses Südasiens 1.0 wurden bereits an anderer Stelle ausführlich analysiert. Die offensichtlichste Schwäche war der Mangel an politischem Willen, auf welchen die geringe Zahl jährlicher Gipfeltreffen hinweist. Fortwährende bilaterale Konflikte zwischen Indien und seinen Nachbarstaaten wirkten sich auch auf den SAARC-Prozess aus, sodass in den 31 Jahren zwischen 1985 und 2015 nur 18 jährliche Gipfeltreffen stattfanden. SAARC-Gipfel waren stets Plattformen für informelle Treffen zwischen Staats- und Regierungschefs und brachten neue bilaterale Abkommen hervor – beispielweise zwischen Indien und Pakistan in den 1990er Jahren. Fortschritte in der regionalen Kooperation wurden jedoch von fehlender politischer Entschlossenheit und einem Mangel an politischer Kapazität verhindert. Die SAARC startete Initiativen in mehreren Bereichen, aber kritische Beobachter befanden stets, dass die Organisation »Berichte, aber keine Ergebnisse« hervorbringe. Nach Meinung der Öffentlichkeit und der akademischen Welt blieb Südasien eher ein Synonym für die Rivalität zwischen Indien und Pakistan als für die SAARC und die Idee des Regionalismus. Wirtschaftlich war Südasien durch das Paradoxon geprägt, dass es sowohl eine der am schnellsten wachsenden, aber gleichzeitig auch eine der ärmsten Regionen der Welt war. Übereinkommen wie die Südasiatische Freihandelszone (South Asian Free Trade Area, SAFTA) aus dem Jahr 2004 schafften es nicht, eine wirtschaftliche Zusammenarbeit anzukurbeln. 2015 war Südasien noch immer die am wenigsten integrierte Region im Asien-Pazifik-Raum mit einem intra8 Jawaharlal Nehru, India’s Foreign Policy. Selected Speeches, September 1946 – April 1961, Neu-Delhi 1961. Weder die Kontexttafel noch das Inhaltsverzeichnis enthalten eine Erwähnung des Begriffs»Südasien«. 9 Die Gründungsmitglieder der SAARC waren Bangladesch, Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. Afghanistan schloss sich der SAARC 2007 an. Zur historischen Entwicklung der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft(SAARC) siehe Arndt Michael, India’s Foreign Policy and Regional Multilateralism, London: Palgrave Macmillan 2013. regionalen Handelsvolumen von nur sechs Prozent. 10 Es gab kleine wirtschaftliche Erfolge wie den SAARC-Entwicklungsfonds(SAARC Development Fund, SDF) zur Finanzierung grenzüberschreitender Projekte. Der wirtschaftliche Gesamteffekt der SAARC blieb jedoch begrenzt. Südasien besitzt auch eine transnationale gesellschaftliche Komponente. Die Region wurde oft als eine»zivilisatorische Einheit« bezeichnet. 11 Gemeinsame kulturelle Normen und Werte reichen von Heiratsbräuchen über kulinarische Gewohnheiten bis hin zu musikalischen Traditionen. Die Allgegenwart hinduistischer Traditionen hat andere religiöse Gemeinschaften beeinflusst und synkretistische Praktiken gefördert. 12 Diese bildeten sich bei kulturellen Begegnungen über Grenzen und Territorien staatlicher Strukturen hinweg, wo immer diese existierten. Heutzutage werden»Tee, Cricket und Bollywood« oft als gemeinsame kulturelle Symbole für Südasien vermittelt. 13 Der Anerkennung der kulturellen Vielfalt und Pluralität wurde ebenfalls eine herausragende Stellung eingeräumt, wie zum Beispiel im Manifest der People’s SAARC(SAARC des Volkes), einem Mitte der 1990er Jahre gegründeten Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen: »… andererseits hat die einzigartige Vielfalt unserer Region in allen Bereichen das gemeinsame Erbe bereichert, und wir feiern unsere lange Geschichte des gegenseitigen Respekts füreinander.« 14 Begriffe wie»Südasien«, vorgeschlagen von K.M. Dixit, unterstreichen den transnationalen Charakter der Region, die – so wurde argumentiert –»eher als Empfindung denn als geographische Region mit Empathie als zentralem Wert« betrachtet werden solle. 15 Obwohl Südasien 1.0 die politische Entschlossenheit fehlte, gewannen der Begriff und das Verständnis als Region starke Resonanz im akademischen Bereich. Die Autoren der 37 Kapitel des Bandes»South Asia 2060« 16 scheinen zum Beispiel stillschweigend der Annahme zuzustimmen, dass die Region mit ihren unterschiedlichen Formen des Regionalismus 2060 noch immer präsent ist. Das Konzept Südasien bleibt somit eine politische und akademische Vision, die jedoch in den 10 The World Bank, The Potential of Intra-regional Trade for South Asia, http://www.worldbank.org/en/news/infographic/2016/05/24/thepotential-of-intra-regional-trade-for-south-asia. Abgerufen am 25. Januar 2018; The Asia Foundation, Intra-Regional Trade in South Asia, S. 1. https://asiafoundation.org/resources/pdfs/IndiaRegionalTrade.pdf. Abgerufen am 25. Januar 2018; United Nations Economic and Social Commission for Asia and the Pacific(ESCAP), Unlocking the Potential of Regional Economic Cooperation and Integration in South Asia. Potential, Challenges and the Way Forward, 2017, S. 1. 11 Sunil Khilnani, The Idea of India, London: Hamish Hamilton, 1997. 12 Aminah Mohammad-Arif, Introduction. Imaginations and Constructions of South Asia: An Enchanting Abstraction? South Asia Multidisciplinary Academic Journal, 10(2014), http://journals.openedition.org/ samaj/3800(abgerufen am 18. Februar 2020), S. 10–11. 13 Ebd. 14 Zitiert in ebd., S. 10. 15 Kanak Mani Dixit, Federalism on the Road: Region and Regionalism, in Moeed Yusuf, Adil Najam(Hrsg.), South Asia 2060. Envisioning Regional Futures, London, New York: Anthem Press 2013, S. 34. 16 Moeed Yusuf, Adil Najam(Hrsg.), South Asia 2060. Envisioning Regional Futures, London, New York: Anthem Press 2013. 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Neuordnung Südasiens einzelnen Gesellschaften der Region nur wenig Rückhalt gefunden hat. 4 SÜDASIEN 2.0: TREIBER DER VERÄNDERUNG Mehrere Entwicklungen auf globaler, regionaler und nationaler Ebene haben in den letzten Jahren Veränderungen in Südasien 1.0 angestoßen. Auf globaler Ebene war dies insbesondere der Aufstieg Chinas und die Folgen der Belt and Road Initiative(BRI), auch Neue Seidenstraße genannt. Auf regionaler Ebene war es der Prozess des Abbruchs von Beziehungen zwischen Indien und Pakistan seit 2016. Auf nationaler Ebene stärkt das Wiederaufleben von Nationalismus und Autoritarismus tatsächlich nationale Identitäten, stellt aber gleichzeitig die kulturelle Vielfalt in Frage. 4.1 DIE GLOBALE DIMENSION: CHINA UND DIE FOLGEN DER BELT AND ROAD INITIATIVE Wenige andere Regionen sind so stark von der chinesischen BRI betroffen wie Südasien – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Auf der positiven Seite sind BRI-Projekte eine willkommene Investition für viele südasiatische Länder. Pakistan, einer von Chinas strategischen Partnern, erhielt bisher den Löwenanteil der Investitionen. Offizielle Zahlen hierzu reichen von 46 bis 100 Milliarden US-Dollar. 17 Chinesische Infrastruktur-Investitionen in Sri Lanka im Zeitraum 2006 bis 2019 wurden auf rund 12,1 Milliarden US-Dollar geschätzt. 18 Beim Besuch von Präsident Xi in Bang­ladesch im Jahr 2016 sagte China Investitionen von 24 Milliarden US-Dollar für Infrastruktur- und Energieprojekte zu. Die Kehrseite der Medaille in Südasien waren negative Folgen der BRI-Investitionen wie ein steigendes Schuldenniveau, mangelnde Transparenz oder unklare Konsequenzen für die Beschäftigungslage vor Ort. In Pakistan ist der Mangel an Transparenz im Zusammenhang mit der BRI eine Quelle anhaltender Kontroversen zwischen Regierung und Opposition. 19 Sri Lanka war außerdem das erste Land der Region, in dem China nach dem Regierungswechsel 2015 auf Kritik stieß. Dank der BRI-Investitionen wurde China zu Sri Lankas größtem Kreditgeber, der zwölf Prozent der Gesamtschulden des Landes hält. 20 2017 musste die Regierung Sri Lankas einen Vertrag mit einer Laufzeit von 99 Jahren abschließen, welcher die Übergabe des mit chinesischen Investitionen gebauten Hafens von Hambantota an die Chinesen festschrieb. 17 Andrew Small(2019), Returning to the Shadows: China, Pakistan, and the Fate of CPEC. Berlin 2020, GMF Report No. 16, September, S. 8. 18 Ganeshan Wignaraja, Dinusha Panditaratne, Pabasara Kannangara, Divya Hundlani, Chinese Investment and the BRI in Sri Lanka, London: Chatham House Research Paper, März 2020, S. 3. 19 Small(2020). 20 Dipanjan Roy Chaudhury, Chinese investments in Sri Lanka compromises Colombo’s sovereignty, The Economic Times, 26. Dezember 2019, https://economictimes.indiatimes.com/news/defence/chineseinvestments-in-sri-lanka-compromises-colombos-sovereignty/article show/72975247.cms?utm_source=contentofinterest&utm_medium =text&utm_campaign=cppst(abgerufen am 28. Dezember 2019). Aus chinesischer Sicht spiegelt Südasien sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge seiner BRI-Strategie wider. Auf der positiven Seite steht das größte BRI-Projekt, der ChinesischPakistanische Wirtschaftskorridor(China-Pakistan Economic Corridor, CPEC). Pakistans strategische Bedeutung ist gewachsen, da Pakistan eines der wenigen Länder ist, in welchen Chinas Konnektivitätsprojekte über Land- und Seewege zusammenlaufen. Die negative Seite der Bilanz ist, dass Indien sich als prominentestes Land in Asien standhaft weigert, sich an der BRI zu beteiligen. Die Hauptkritik aus Indien ist, dass der CPEC durch Kaschmir verläuft, das offiziell von Neu-­Delhi als indisches Gebiet beansprucht wird. Außerdem kritisiert Indien den Mangel an Transparenz der BRI-Projekte und die Gefahr, dass die Schulden der Empfängerländer in die Höhe getrieben werden könnten. Die Investitionen im Zusammenhang mit der BRI seit 2013 haben außerdem die regionale geopolitische Matrix zugunsten Chinas verschoben. Aber es wäre ein Fehler zu argumentieren, dass Indien nur aufgrund der BRI Einfluss in Südasien eingebüßt habe. China hatte lange vor der BRI in der Region investiert und seine Verbindungen zu Indiens Nachbarländern vertieft. Weiterhin gibt es unter den Nachbarn Indiens schon lange die Tradition, die»China-Karte« auszuspielen, um dem Einfluss Indiens entgegenzuwirken. Die BRI hat also allenfalls einen Prozess beschleunigt, der in Südasien bereits im Gange war. Die kleineren Länder betrachten China politisch als neutraleren Partner als Indien, da zwischen ihnen und China kaum größere bilaterale Probleme bestehen. Wirtschaftlich ist China attraktiver als Indien, was durch die BRI noch verstärkt wurde. 21 Was sind die potenziellen Folgen der BRI für beteiligte Länder? Wirtschaftlich ist ein positiver Aspekt, dass Investitionen in die Infrastruktur mittel- bis langfristig zu einer besseren Entwicklung beitragen können. Negativ schlägt jedoch zu Buche, dass die Integration südasiatischer Volkswirtschaften in chinesische Wertschöpfungsketten nicht unbedingt zu einem Spillover-Effekt führen wird, der eine engere Zusammenarbeit und eine Stärkung des intraregionalen Handels fördern würde. Politisch können chinesische Investitionen und eine bessere Wirtschaftsentwicklung südasiatischen Ländern zusätzlichen politischen Einfluss im Umgang mit Indien verleihen. Aber Chinas neues Engagement hat auch eine Kehrseite, da es mit steigender Verschuldung und politischen Verpflichtungen einhergeht. 4.2 DIE REGIONALE DIMENSION: DIE ENTKOPPLUNG DER INDISCH-­ PAKISTANISCHEN BEZIEHUNGEN Wie bereits erwähnt, wird der Begriff Südasien häufig als Synonym für die indisch-pakistanischen Beziehungen verwendet. Obwohl das Hauptproblem, d. h. der Konflikt um Kaschmir, fortbesteht, scheint der vorherrschende Trend seit 2016 ein weiteres Auseinanderdriften anstatt einer Wiederannäherung zu sein. 21 Christian Wagner, The Role of India and China in South Asia, in: Strategic Analysis, Band 40, Ausgabe 4, Juli-August 2016, S. 307–320. 4 Südasien 2.0: Neue Spannungslinien Als der indische Premierminister Modi 2014 an die Macht kam, lud er alle Nachbarländer zur Amtseinführungszeremonie seiner Regierung ein. Außerdem propagierte er eine » Neighbourhood First«-Politik, und schien mit seinem Überraschungsbesuch in Pakistan im Dezember 2015 eine neue Ära der bilateralen Beziehungen einzuläuten. Selbst nach dem Anschlag auf Pathankot Anfang Januar 2016 gab es noch Anzeichen einer verstärkten Zusammenarbeit, und Pakistan bot Indien seine Unterstützung an. 22 Der Bruch in den bilateralen Beziehungen wurde jedoch im Herbst 2016, nach dem Anschlag in Uri und Indiens militärischen Gegenschlägen offensichtlich. Indien reagierte auch politisch und sagte seine Teilnahme am für Oktober geplanten SAARC-Gipfel in Islamabad ab. Außerdem nutzte Indien den Gipfel der BRICS-Staaten(Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) in Goa im Oktober 2016 für eine Outreach-­Kampagne für die BIMSTEC Initiative(Bay of Bengal Initiative for Multi-Sectoral Technical and Economic Cooperation), zu der Afghanistan und die Malediven, beide keine offiziellen Mitglieder der Gruppe, eingeladen wurden. Dies war ein offensichtlicher Versuch, ein»SAARC minus Eins«Format zu schaffen. Seither hat die Modi-Regierung mehr Energie in die Wiederbelebung von BIMSTEC investiert als in die SAARC. Die bilateralen Beziehungen erreichten einen neuen Tiefpunkt nach Indiens Entscheidung im August 2019, den Bundesstaat Jammu und Kaschmir in zwei Unionsterritorien umzuwandeln. Pakistan zog seine Dialogangebote zurück und startete gemeinsam mit China eine diplomatische Initiative um Indien die Schuld zuzuweisen. 23 4.3 DIE NATIONALE DIMENSION: NATIONALISMUS VS. VIELFALT Die Idee der kulturellen Vielfalt wurde schon immer durch die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Realitäten in Südasien in Frage gestellt. Gewalttätige Minderheitenkonflikte waren stets präsent in der politischen Entwicklung der Region seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Erstarken nationalistischer Ideologien und populistischer Führungsfiguren wird zunehmend Druck auf die kulturelle Vielfalt ausüben. Der indische Premierminister Narendra Modi und der pakistanische Premierminister Imran Khan haben versprochen, ein»Neues (Naya) Indien« und ein»Neues(Naya) Pakistan« aufzubauen. Die Wahl von Präsident Rajapakse in Sri Lanka und die autokratischen Tendenzen von Scheich Hasina in Bangladesch könnten eine neue Phase der»hybriden« Demokratien in Südasien einleiten, in welcher die kulturelle Vielfalt und der politische Pluralismus an Akzeptanz verlieren könnten. 22 Baqir Sajjad Syed, FO offers cooperation to Delhi over terrorism, Dawn, 3. Januar 2016, http://www.dawn.com/news/1230407/fo-offers-cooperation-to-delhi-over-terrorism(abgerufen am 3. Januar 2016). 23 Salman Masood, Maria Abi-Habib, Pakistan Leader Vents Frustration at India: ›No Point in Talking to Them‹, The New York Times, 21. August 2019, https://www.nytimes.com/2019/08/21/world/asia/indiapakistan-kashmir-imran-khan.html(abgerufen am 21. August 2019). 5 SÜDASIEN 2.0: NEUE SPANNUNGSLINIEN Südasien 2.0 wird von neuen Konstellationen geprägt sein. Erstens wird die Rivalität zwischen Indien und China dominanter werden und traditionelle bilaterale Konflikte zwischen Indien und seinen Nachbarn überlagern. Zweitens werden neue subregionale Initiativen und Organisationen wichtiger werden und bestehende Strukturen wie die SAARC überlagern. 5.1 COVID-19 UND DIE ZUKUNFT DER CHINESISCH-INDISCHEN RIVALITÄT Der Kampf gegen die Corona-Pandemie hat ein neues Kapitel in der chinesisch-indischen Rivalität in Südasien aufgeschlagen. 24 China nutzte die Pandemie, um sein schon 2015 konzipiertes Projekt der»Gesundheitsseidenstraße« wiederzubeleben. Südasiatische Länder wie Bangladesch, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka profitierten von medizinischer Hilfe aus China in Form von Covid-19 Tests, Schutzausrüstung und anderen medizinischen Versorgungsgütern. Ein unzureichendes öffentliches Gesundheitswesen in den meisten südasiatischen Ländern wird es China in der Zeit nach der Pandemie ermöglichen, durch Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur einen Fuß in die Tür zu bekommen. 25 Als Reaktion auf die Pandemie hat auch Indien Medizinbedarf und medizinische Teams in alle SAARC-Partnerländer mit Ausnahme Pakistans geschickt. 26 Weiterhin belebte die indische Regierung die SAARC wieder und richtete einen Covid-19-­ Notfallfonds ein, zu dem alle Mitgliedsstaaten außer Pakistan über 18 Millionen US-Dollar beitrugen. 27 Allerdings wurde Indien wirtschaftlich von der Pandemie ungleich härter getroffen als China. Das wirtschaftliche Anreizpaket der indischen Regierung belief sich Schätzungen zufolge nur auf rund 1,5 Prozent seines BIP. 28 Die bereits zuvor bestehende Kluft zwischen der nationalen Macht Indiens und der Chinas wird sich aufgrund der Corona-Pandemie noch vertiefen. Es ist unschwer zu erkennen, dass dies auch die geopolitische Matrix in Südasien beeinflussen wird, die sich weiter zu Ungunsten Indiens verändern wird. Es ist weiterhin zu erwarten, dass Chinas wachsende Dominanz in der Region südasiatische Länder vor neue Heraus24 Jyoti Malhotra, Covid has brought back Chinese whispers in Sri Lanka, Nepal. Is India listening? https://theprint.in/opinion/global-print/ covid-has-brought-back-chinese-whispers-in-sri-lanka-nepal-is-indialistening/414468/(abgerufen am 5. Mai 2020); Suhasini Haidar, Aid offers from India, China galore, The Hindu 14. Juni 2020, https:// www.thehindu.com/news/national/aid-offers-from-india-chinagalore/article31828030.ece(abgerufen am 14. Juni 2020). 25 Deep Pal, Rahul Bhatia, The BRI in Post-Coronavirus South Asia, NeuDelhi 2020: Carnegie Endowment for International Peace, S. 2. 26 Byron Chong, Pandemic and Geopolitics: China and India’s response to COVID-19, Singapur 2020: National University, http://lkyspp.nus. edu.sg/cag/publications/details/china-india-brief-156#guest(abgerufen am 14. April 2020). 27 Kallol Bhattacherjee, Will Modi’s COVID-19 fund initiative revive SAARC? The Hindu, 20. März 2020, https://www.thehindu.com/ opinion/op-ed/will-modis-covid-19-fund-initiative-revive-saarc/ article31111318.ece(abgerufen am 20. März 2020). 28 Financial Times, India is ill-equipped to live with the virus, 10. Juni 2020. 5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Neuordnung Südasiens forderungen im Hinblick auf ihre Strategien zur Erhaltung eines Gleichgewichts zwischen Neu-Delhi und Peking stellen wird. Die chinesischen Investitionen sind bedeutend höher und betreffen mehr Bereiche von Staat und Gesellschaft. China bietet attraktive Vorteile für nationale Eliten, zum Beispiel im Bereich Stipendien und Hochschulbildung. Die chinesischen Investitionen im öffentlichen Gesundheitswesen erreichen große Teile der Bevölkerung. Chinas Präsenz wird damit in den kleineren Staaten Südasiens weiter zunehmen. Damit verringern sich aber auch deren Möglichkeiten, die wachsende Abhängigkeit von China durch die Zusammenarbeit mit anderen Staaten auszubalancieren. 5.2 SUBREGIONALE KOOPERATION, BILATERALISMUS, TRILATERALISMUS Südasien 2.0 wird auch durch eine andere Konstellation an Netzwerken gekennzeichnet sein, zum Beispiel subregionale Initiativen, neue, von China initiierte bilaterale Formate und neue Formen trilateraler Kooperation, die auch Indien und andere externe Mächte einschließen würden. Bereits die SAARC hat die Entwicklung subregionaler Gruppierungen gefördert. Der Ursprung der BBIN(Bangladesch, Bhutan, Indien, Nepal)-Initiative liegt im SAARC-Prozess und zielt darauf ab, die regionale Zusammenarbeit durch die Schaffung subregionaler Formate effektiver zu machen. Wichtigstes Ergebnis bislang ist das 2015 unterzeichnete BBIN Motor Vehicles Agreement MVA(Kraftfahrzeugabkommen). Ursprünglich hatte man die Idee, ein ähnliches Abkommen auf SAARC-Ebene zu schließen, was aber an den Differenzen mit Pakistan scheiterte. 2017 zog sich Bhutan aus dem Abkommen zurück, und bis 2019 hatten die drei anderen Länder das Abkommen, dessen Ziel es ist, die Straßenverbindungen und Transportkorridore zu verbessern, noch immer nicht umgesetzt. 29 Ein weiteres subregionales Format wurde 2012 außerhalb des SAARC-Prozesses gegründet und hat die maritime Zusammenarbeit zwischen Indien, Sri Lanka und den Malediven zum Ziel. 30 Die BIMSTEC-Initiative, zu der auch die ASEAN-Mitglieder Myanmar und Thailand gehören, erhält ihre größte politische Unterstützung von der indischen Regierung. Aus indischer Sicht unterstreicht BIMSTEC die von Premierminister Modi formulierte» Act East«-Politik Indiens. Ein weiteres Projekt war der Korridor Bangladesch-China-Indien-Myanmar (BCIM), der aus Prä-BRI-Zeiten stammt. Anfangs betrachteten die Regierungen in Neu-Delhi und Peking dieses Projekt als weiteren Versuch, ihre regionale Zusammenarbeit zu verbessern. Aber China unterstellte das BCIM-Projekt direkt nach seinem offiziellen Start der BRI. Da Indien eine Beteiligung 29 Bipul Chatterjee, Arnab Ganguly, Time to Implement the BBIN Motor Vehicles Agreement, The Economic Times, 12. Februar 2020, https:// economictimes.indiatimes.com/blogs/et-commentary/time-toimplement-the-bbin-motor-vehicles-agreement/(abgerufen am 12. Februar 2020). 30 R. K. Radhakrishnan, India, Sri Lanka, Maldives to sign agreement on maritime cooperation, The Hindu, 15. Dezember 2012, https://www. thehindu.com/news/international/india-sri-lanka-maldives-to-signagreement-on-maritime-cooperation/article4203041.ece(abgerufen am 15. Dezember 2012). an der BRI ablehnte, wurde BCIM auf Eis gelegt. Im Zuge des zweiten BRI-Forums 2019 nahm China den BCIM von der Liste der BRI-Projekte. 31 Die Aussichten auf eine Wiederbelebung des Korridors stehen allerdings seit der Krise der chinesisch-indischen Beziehungen im Sommer 2020 weiterhin schlecht. Diese unterschiedlichen Initiativen mögen bis Ende 2020 zwar zu keinen nennenswerten Ergebnissen geführt haben. Dennoch könnten sie zu einer Umgestaltung Südasiens beitragen, in deren Zusammenhang Institutionen wie die SAARC an Bedeutung verlieren könnten. Subregionale Zusammenschlüsse wie die BBIN generieren möglicherweise bessere Ergebnisse und tragen zur Wirtschaftsentwicklung bei, sie können aber auch die subregionale Ebene auf Kosten der breiteren südasiatischen Perspektive stärken. China und Indien haben auch neue Formate in ihren Beziehungen mit Südasien auf den Weg gebracht. Nach der Gründung der BRI intensivierte China auch seine Verbindungen zur Region. Bisher bietet die BRI eine mächtige Alternative zu regionalen Organisationen, da sie mehr wirtschaftliche Vorteile für die beteiligten Länder schafft. Es gab Vorschläge, den Beobachterstatus Chinas in der SAARC in eine Vollmitgliedschaft umzuwandeln, aber es ist zu erwarten, dass Indien und Bhutan die Umsetzung dieses Vorschlags verhindern werden. China hat weiterhin eine Reihe unterschiedlicher tri- und multilateraler Dialoge mit südasiatischen Ländern gestartet. 2017 gründete Peking ein Dialogformat mit Afghanistan und Pakistan, um Afghanistan näher an die BRI heranzuführen und gemeinsame sicherheitspolitische Herausforderungen zu diskutieren. 32 Während der Krise mit Indien um Ladakh/ Aksai Chin im Sommer 2020 hielt Peking ein gemeinsames Treffen mit Afghanistan, Nepal und Pakistan ab, um die südasiatischen Länder dazu zu bringen,»ihre Kooperation für regionalen Frieden und Sicherheit zu verstärken und zusammenzuarbeiten, um das Coronavirus einzudämmen«. 33 Im November 2020 arrangierte China ein Treffen mit Pakistan, Bangladesch, Nepal und Sri Lanka,»um bei den Bemühungen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie einen ›politischen Konsens‹ zu erreichen und die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln.« 34 31 Atul Aneja, Bangladesh-China-India-Myanmar(BCIM) Economic Corridor no longer listed under BRI umbrella, The Hindu, 28. April 2019, https://www.thehindu.com/news/international/bangladesh-chinaindia-myanmar-bcim-economic-corridor-no-longer-listed-under-briumbrella/article26971613.ece(abgerufen am 28. April 2019). 32 Naveed Siddiqui, Trilateral dialogue: Pakistan, China, Afghanistan agree on ›enhancing counterterrorism cooperation‹, Dawn, 8. September 2019, https://www.dawn.com/news/1504054(abgerufen am 26. November 2020). 33 Keegan Elmer, China holds meeting with Pakistan, Nepal and Afghanistan as tensions simmer with India, https://www.scmp.com/news/ china/diplomacy/article/3095028/china-holds-meeting-pakistannepal-and-afghanistan-tensions, 30. Juli 2020(abgerufen am 26. November 2020). 34 Elizabeth Roche, India, China flex muscle to gain supremacy in postcovid South Asia, https://www.livemint.com/news/world/indiachina-flex-muscle-to-gain-supremacy-in-post-covid-south-asia11605256955535.html, 13. November 2020(abgerufen am 13. November 2020). 6 Neue Chancen und Herausforderungen für kleinere Länder: Der Fall Nepal Diese Initiativen unterstreichen, dass China traditionell bioder minilaterale Formate den regionalen Institutionen vorzieht. Sie weisen außerdem darauf hin, dass China bereit ist, den Dialog mit gleichgesinnten Ländern in Südasien zu seinen eigenen Bedingungen zu intensivieren. Indien hat auf Chinas wachsende Präsenz in der Region reagiert. Die Regierung in Neu-Delhi hat neue Formen der Zusammenarbeit in Südasien mit externen Mächten ins Leben gerufen, so zum Beispiel mit den Vereinigten Staaten und Japan in Sri Lanka und Afghanistan. Dies ist eine interessante Abkehr von Indiens traditioneller Südasienpolitik, die viele Jahre lang einem Engagement externer Mächte in der Region kritisch gegenüberstand. 6 NEUE CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN FÜR KLEINERE LÄNDER: DER FALL NEPAL 6.1 NEUE CHANCEN Folglich war es für China nicht schwierig in den letzten Jahren an Einfluss in Nepal zu gewinnen. 2014 wurde China erstmals zum größten Investor. 2015 trat Nepal der Belt and Road Initiative(BRI) bei 35 und China stockte während der Grenzblockade seine Energieversorgung auf. 36 2015–16 kamen 42 Prozent von Nepals ausländischen Direktinvestitionen aus China. Chinas Entwicklungshilfe betrug 2014–2015 38 Millionen US-Dollar und übertraf damit die 22 Millionen US-­Dollar aus Indien. 37 Während des Besuchs von Nepals Premierminister Oli in Peking im Jahr 2018 verständigten sich beide Seiten auf das Transportnetz Trans-Himalayan Multi-­ Dimensional Transport Network, zu dem grenzüberschreitende Verkehrsverbindung per Eisenbahn und Straße sowie Überlandleitungen gehören. 38 China gewährte Nepal außerdem Zugang zu mehreren seiner Land- und Seehäfen. Dies verringerte Nepals Abhängigkeit von Indien, da nun das Land nicht mehr ausschließlich über Indien erreichbar ist – auch wenn die Routen durch China um ein Vielfaches länger sind. Die geopolitische Umgestaltung Südasiens birgt sowohl neue Chancen als auch Herausforderungen für die kleineren Länder der Region. Nepal blickt auf die längste Erfahrung im Umgang mit riesigen Nachbarländern im Norden und im Süden zurück. Als Binnenstaat ist Nepal traditionell von Indien abhängig. Der Freundschaftsvertrag von 1950 sowie weitere spezielle Abkommen haben Nepals Außenpolitik zugunsten Indiens eingeschränkt. Seit den 1960er Jahren haben die Regierungen in Kathmandu immer wieder die»China-Karte« ausgespielt, um Indiens Einfluss zu verringern. 1988 belasteten Waffenkäufe Nepals von China sowie Kontroversen über die Erneuerung des Handels- und Transitabkommens die Beziehungen zu Indien. Die darauffolgende, von Indien auferlegte Wirtschaftsblockade im Jahr 1989 ebnete den Weg für den demokratischen Wandel in Nepal in 1990. Zudem erlebte Nepal mehr Einmischungen von Seiten Indiens in seine Innenpolitik als jedes andere Land, beginnend mit dem Kathmandu-Abkommen von 1951, bis hin zu NeuDelhis Vermittlungsbemühungen im Bürgerkrieg zwischen 1996 und 2006. Dies führte zu einer zwiespältigen Konstellation. Einerseits gingen die großen nepalesischen Parteien enge Verbindungen mit Indien ein. Andererseits gibt es eine kontroverse Debatte sowohl zwischen als auch innerhalb der Parteien über die Rolle Indiens in Nepal. Indiens Eingreifen zugunsten der Madheshis im Jahr 2015 und die darauf folgende Grenzblockade befeuerten erneut eine anti-indische Stimmung in Nepal. China intensivierte weiterhin seine militärische Zusammenarbeit mit Nepal, was bislang Indien vorbehalten war. Insgesamt könnte Nepal nicht nur wirtschaftlicher und politischer Schauplatz der Rivalität zwischen Indien und China um Südasien sein, zumal der Konflikt auch eine kulturelle Komponente umfasst. Beide asiatischen Giganten konkurrieren um den Einfluss auf Nepals buddhistisches Erbe. Während des militärischen Patts zwischen indischen und chinesischen Truppen im Sommer 2020 übernahm Nepal eine neue Landeskarte und zog seine Staatsgrenzen zu Lasten Indiens neu. Dies unterstreicht das neue Selbstbewusstsein der Regierung in Kathmandu im Umgang mit Indien. 6.2 NEUE HERAUSFORDERUNGEN Zur Zeit von Südasien 1.0 gab es eine ständige Debatte über Indiens Status als Hegemonialmacht in Südasien. Die Debatte basierte oft auf falschen Annahmen, da Indien schlichtweg die nötigen Kapazitäten fehlten, um irgendeine Form langfristiger Hegemonie auszuüben, beispielweise durch die Bereitstellung öffentlicher Güter für die Region. Diese Situation könnte sich in Südasien 2.0 ändern, da China sehr wohl über die Kapazitäten und auch die Bereitschaft verfügt, öffentliche 35 Atul Aneja, Nepal to join Silk Road Economic Belt through Tibet, The Hindu, 3. Januar 2015, http://www.thehindu.com/news/international/ south-asia/nepal-to-join-silk-road-economic-belt-through-tibet/article 6749342.ece(abgerufen am 3. Januar 2015). 36 Now, China offers to supply LPG to Nepal, The Hindu, 16. November 2015, http://www.thehindu.com/news/international/now-chinaoffers-to-supply-lpg-to-nepal/article7884232.ece(abgerufen am 16. November 2015). 37 Rajiv Bhatia, Joost van Deutekom, Lina Lee, Kunal Kulkarni, Chinese investments in Nepal, https://www.gatewayhouse.in/chinese-investments-nepal-2/, 16. September 2016(abgerufen am 17. September 2016). 38 Atul Aneja, Oli’s China Visit to focus on Connectivity, The Hindu, 30. Juni 2018, http://www.thehindu.com/news/international/olischina-visit-to-focus-on-connectivity/article24212790.ece(abgerufen am 30. Juni 2018); Nicola P. Contessi, China Opens Border Connections to Nepal, https://yaleglobal.yale.edu/content/china-opensborder-connections-nepal, 31. Januar, 2019(abgerufen am 1. Februar 2019). 7 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Neuordnung Südasiens Güter nicht nur in Form von Investitionen in die Infrastruktur wie z. B. durch die BRI und durch die Festlegung technischer Standards bereitzustellen, sondern auch über zugehörige Projekte wie die»Digitale Seidenstraße«(Digital Silk Road, DSR) oder die»Gesundheitsseidenstraße«(Health Silk Road). Sowohl Indien als auch China verfolgen in Südasien eine Art Impfdiplomatie. Aber Indien verfügt nur über einen Impfstoff, während China sowohl einen Impfstoff als auch die Initiative der Gesundheitsseidenstraße vorzuweisen hat. Folglich ist zu vermuten, dass China einen viel größeren Fußabdruck hinterlassen kann als Indien das je gelang. Die kleineren Staaten profitieren zunächst von chinesischen Investitionen in die Infrastruktur und den Gesundheitsbereich. Gleichzeitig könnten sich jedoch die Optionen für Ausgleichsstrategien aufgrund der damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Verluste verringern. Die BRI und damit zusammenhängende Projekte sind bilaterale Initiativen, die nicht unbedingt Anreize für eine regionale Zusammenarbeit schaffen. Darüber hinaus hat China seine eigenen regionalen Netzwerke mit gleichgesinnten Ländern aufgebaut. Vor einem solchen Hintergrund können klassische Ausgleichsstrategien wie Bündnisse mit anderen Mächten oder regionale Zusammenschlüsse schwieriger umzusetzen sein. Ein Ausgleich zu China durch einen Schmusekurs mit Indien kann zu größeren Verlusten für die jeweiligen Volkswirtschaften führen als umgekehrt, da China mehr Chancen bietet. 7 SÜDASIEN 2.0: KONNEKTIVITÄT OHNE REGIONALISMUS Die systemischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie werden auch in Südasien spürbar sein. Der Kampf gegen die Pandemie kann hierbei eine beschleunigende Wirkung auf die bereits stattfindende geopolitische Umstrukturierung der Region haben. In der Zeit nach der Krise werden Kapazitäten für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und eine Verbesserung der öffentlichen Gesundheitssysteme nötig sein. Da sich das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Indien und China im Zuge der Pandemie verschärft hat, scheint eine Stärkung der Position Pekings in Südasien offensichtlich. Südasien 2.0 wird eher durch die Rivalität zwischen Indien und China als durch die Indien-Pakistan-Gleichung geprägt. Länder in der Region können profitieren, weil InfrastrukturInvestitionen die Konnektivität mit China verbessern werden, aber nicht unbedingt die Kooperation mit anderen Nachbarländern. Künftige Regionalismus-Konzepte könnten deshalb eher aus verschiedenen subregionalen Foren entstehen als aus traditionellen Organisationen wie der SAARC. 8 Impressum ÜBER DEN AUTOR IMPRESSUM Christian Wagner ist Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik(SWP) in Berlin. Er erlangte seinen Masterund seinen Doktortitel an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von 2007 bis 2014 war er Leiter der Forschungsgruppe Asien des SWP. 2015/16 war er Visiting Fellow bei der Observer Research Foundation(ORF), dem Jawaharlal Nehru Institute for Advanced Studies(JNIAS) und dem Institute for Defence Studies and Analyses(IDSA) in Neu-Delhi. 2019 war er Visiting Fellow am Institute of South Asian Studies(ISAS) an der National University of Singapore(NUS). Seit 2018 ist er Mitglied des International Research Committee(IRC) des Regional Centre for Strategic Studies(RCSS) in Colombo. Seine Schwerpunkte seiner Forschung sind Indien, Südasien und der indopazifische Raum, mit besonderem Augenmerk auf Außenpolitik und Sicherheit. Herausgeberin: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Godesberger Allee 149 53175 Bonn Deutschland E-Mail: info@fes.de Registernr.: VR2392 Vereinsregister Bonn Amtsgericht Bonn Vorsitzender: Martin Schulz Geschäftsführendes Vorstandsmitglied: Dr. Sabine Fandrych Verantwortlich: Marc Saxer, Leiter, Referat Asien und Pazifik Tel.:+49-30-269-35-7450| Fax:+49-30-269-35-9250 https://www.fes.de/referat-asien-und-pazifik Kontakt/Bestellung: Giang.Pham@fes.de Gestaltung: Petra Strauch Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-E­ bert-Stiftung e.V. Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-E­ bert-Stiftung (FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Publikationen der Friedrich-­ Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. ISBN 978-3-96250-978-1 © 2021