Christoph Döbele, Christiane Scholz DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Entwicklung Regionalbüro Rheinland-Pfalz/Saarland FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demokratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft – Politikberatung – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern – Begabtenförderung – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit unter anderem Archiv und Bibliothek Das Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Mainz bietet für die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland Veranstaltungen zur politischen Bildung und Dialoge zu gesellschaftspolitischen Themen an: von öffentlichen Diskussionsforen über Ausstellungen, Exkursionen und Jugendbeteiligungsprojekte bis hin zu Kompetenztrainings und Wochenendseminaren. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG Christoph Döbele, Christiane Scholz DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die wirtschaftliche Entwicklung INHALT VORWORT DER HERAUSGEBERIN 1. ZENTRALE ERGEBNISSE DER STUDIE 2. VORBEMERKUNGEN UND METHODIK 3. AKTUELLE STIMMUNG IM SAARLAND 4. STRUKTURWANDEL UND WIRTSCHAFT 5. GESUNDHEIT UND PFLEGE 6. INFRASTRUKTUR, MOBILITÄT UND KLIMASCHUTZ 7. GESELLSCHAFT, BILDUNG UND FAMILIE Abbildungsverzeichnis Anhang Untersuchungsanlage quantitative Teilstudie Untersuchungsanlage qualitative Teilstudie FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 2 VORWORT DER HERAUSGEBERIN Seit Jahrzehnten beobachten Soziolog_innen eine Ausdifferenzierung der deutschen Gesellschaft und die Auflösung weitgehend homogener Milieus, in denen ähnliche politische Einstellungen vorzufinden sind. Diese gesellschaftliche Ausdifferenzierung hat neben einer sozialen und einer kul­ turellen auch eine geografische Dimension, die bundes-­ weite Befragungen von in der Regel 1.000 Personen nicht erfassen können. Einstellungsunterschiede auf engem Raum bleiben so verborgen, weshalb Regionalstudien die großen bundesweiten Einstellungsuntersuchungen sinnvoll ergänzen können. Denn: Im föderalen System Deutschlands haben die Bundesländer nicht nur ein starkes Interesse an der Gestaltung ihrer politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung, sondern auch den nötigen politischen und gesetzlichen Spielraum auf landes- und kommunalpolitischer Ebene, um die Rahmenbedingungen in wichtigen politischen Themenfeldern zu schaffen. Die Globalisierung von Wirtschaftsströmen, neue Handelskonflikte und die immer dringendere Frage, wie Umwelt und Klima für kommende Generationen geschützt werden können, setzen auch das stabile demokratische und föderale Gesellschaftssystem in Deutschland unter Druck. Die Wahlen in einigen Bundesländern haben gezeigt, dass in vielen Region­ en die Unzufriedenheit und ein Gefühl der Angst bei Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen vorherrschen – Rentner_innen, Arbeitssuchende genauso wie Angestellte mit festen Einkommen machen sich Sorgen, dass ihr Lebensstandard(weiter) sinkt. Entscheidungen, die den Prozess des anhaltenden Strukturwandels positiv beeinflussen sollen, müssen sowohl die Folgen des gesellschaftlichen Wandels seit dem Ende des Bergbaus als auch die bereits wahrgenommenen Vorboten des digitalen Wandels und der Klimaveränderungen in Betracht ziehen. Zusätzlich zu diesem schnellen Wandel in der Arbeitswelt müssen sich die Menschen seit fast einem Jahr mit den zahlreichen von der COVID-19-Pandemie verursachten Einschränkungen auseinandersetzen. Daher gilt es umso mehr, die Bevölkerung an wichtigen politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen und sie umfassend zu informieren, um dem Erstarken rechtspopulistischer Strömungen – anders als in anderen Bundesländern – frühzeitig und konstruktiv entgegenzuwirken. Die Politik der demokratischen Parteien muss angesichts dessen mehr denn je sich sowohl um die konkreten Alltagssorgen der Menschen kümmern als auch das eigene Tun verständlich und dialogisch kommunizieren, damit sich Politikverdrossenheit nicht in Demokratieabkehr steigert. Somit trägt die vorliegende Studie sowohl zur gemeinwohlorientierten Politikberatung als auch zur Schärfung der eigenen politischen Bildungsarbeit der FriedrichEbert-Stiftung bei, denn nur wer weiß, was die Menschen über Politik und über ihre Region denken, kann ein poli­ tisches Bildungsangebot entwickeln, das thematisch und methodisch anspricht. Wir hoffen, diese Studie findet Ihr Interesse und ermöglicht einen fundierten Dialog und Ideenaustausch über den notwendigen demokratischen politischen Gestaltungsraum einer innovativen und sozial gerechten Zukunft im Saarland. Das Saarland als kleinstes Flächenbundesland mit seiner historisch bedingten Öffnung zu Frankreich verfügt über eine noch relativ homogene Gesellschaftsschichtung. Politische Brigitte Juchems Friedrich-Ebert-Stiftung Regionalbüro Rheinland-Pfalz/Saarland GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 3 1. ZENTRALE ERGEBNISSE DER STUDIE • Den meisten Saarländer_innen geht es auch in Krisenzeiten wirtschaftlich gut, sie blicken zudem relativ optimistisch in die Zukunft und ordnen sich selbst mehrheitlich der Mittelschicht zu. Gleichzeitig sorgt sich aber ein Fünftel der Menschen um den eigenen Arbeitsplatz. • Im Vergleich dazu wird die wirtschaftliche Gesamtlage im Saarland schlecht bewertet, schlechter auch als die bundesweite Situation. Dies wird weniger der COVID-19Pandemie zugerechnet als vielmehr grundsätzlichen Problemen und Versäumnissen. Dennoch sehen zwei Drittel der Menschen grundsätzlich gerechte Verhältnisse an der Saar. • Das Krisenmanagement der saarländischen Landesregierung wird mehrheitlich positiv bewertet, insbesondere mit den Maßnahmen zum Schutz der saarländischen Bevölkerung vor Infektionen mit dem Virus sind die Menschen zufrieden. Gespalten ist der Blick auf das Krisenmanagement im Bildungsbereich. • Als wichtigste Themen auf Landesebene werden Gesundheit und Pflege, Bildung, Sozial-, Wirtschafts- und Umweltpolitik genannt. Investitionen sollen jedoch vorrangig im Bildungsbereich und der Wirtschaft getätigt werden. • Das saarländische Bildungssystem wird tendenziell schlecht bewertet. Die geforderten Investitionen sollen in die grund­ legende Ausstattung der Schulen und Schulgebäude genauso wie die Digitalisierung der Schulen und die Anzahl und Ausbildung von Lehrkräften gehen. • Die Exekutive im Saarland, vor allem Polizei und Landesregierung, genießt auch in Krisenzeiten hohes Vertrauen. Interessenvertretungen wie Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände werden deutlich kritischer betrachtet, hierzu gehören auch Parteien und Kirchen. Öffentlichrechtlichen Programmen vertrauen die Saarländer_innen mehr als privaten Medien oder Informationen auf SocialMedia-Kanälen. • Für einen erfolgreichen Strukturwandel sind neue Arbeits­ plätze im Bereich„Digitalisierung und Informationstechnologie“ maßgebend. Darüber hinaus muss bei einem Jobwechsel aber auch das Lohnniveau gehalten werden. Zudem sollten Betroffene kostenlose Weiterbildungsmaßnahmen erhalten. Auch Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen sollen aus Sicht der Saarländer_innen zukünftig stärker berücksichtigt werden. • Insgesamt sind die Saarländer_innen eher optimistisch, dass der aktuelle Strukturwandel gelingen kann. Menschen, die persönlich stärker davon betroffen sind, sind jedoch skeptischer in ihrer Bewertung. Politisch mitgenommen und involviert in diesen Prozess fühlt sich nur eine Minderheit. • Eine Mehrheit an der Saar bewertet den Stand der Digitalisierung gut, jüngere Befragte äußern sich verhaltener. Vielfach sehen die Saarländer_innen persönlichen Weiterbildungsbedarf im Bereich Digitalisierung. Gleichzeitig hat die COVID-19-Pandemie einen positiven Einfluss auf die Bewertung digitaler Arbeitsformen. • Die Lage an der Grenze zu Frankreich und Luxemburg wird als Vorteil mit wirtschaftlichen Chancen wahrgenommen, dennoch gibt es Kritik am Sinn und der Umsetzung der Frankreich-Strategie der Landesregierung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 4 • Trotz der COVID-19-Pandemie werden die Handlungsbedarfe im Pflegebereich als größer erachtet als in genuin medizinischen Bereichen. Insgesamt herrscht eine große und grundsätzliche Unzufriedenheit mit der Pflegesituation. • Die Saarländer_innen präferieren den Ausbau nicht automobilzentrierter Verkehrsinfrastruktur. Dies liegt zum Teil an einem steigenden Umwelt- und Klimabewusstsein, zum Teil aber auch daran, dass die Straßeninfrastruktur vielfach gut ausgebaut ist. • Das Saarland zeichnet sich durch einen hohen gesellschaftlichen Zusammenhalt aus, durch die COVID-19Pandemie gerät dieser jedoch zunehmend unter Druck. Den Bevölkerungsrückgang im Saarland sehen die Befragten als großes Problem, glauben gleichzeitig aber nicht, dass dieser gestoppt werden kann. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 5 2. VORBEMERKUNGEN UND METHODIK Das Saarland ist das kleinste Flächenland unter den Bundesländern. Als traditioneller Standort von Bergbau und Stahlproduktion ist es vom Niedergang dieser Industriezweige in Deutschland besonders betroffen. Vormals gut bezahlte Indus­ triejobs müssen durch neue Tätigkeiten – häufig im Dienstleistungssektor – kompensiert werden. Neben der angespannten Arbeitsmarktsituation geht dieser Wandel auch mit einer gesteigerten Unsicherheit in der Bevölkerung einher. Der Bergbau hatte im Saarland auch eine hohe Identifikationskraft – sein Wegfall hat also auch unweigerlich Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Saarländer_innen. Diese Unsicherheit paart sich mit den zunehmenden Herausforderungen der Digitalisierung, einer sich immer schneller verändernden Umwelt und den zunehmend sichtbar werdenden Auswirkungen des Klimawandels. Schon vor der COVID-19-Pandemie steckte das Saarland folglich mitten in einem umfassenden Strukturwandel. Diesen gilt es durch politische Entscheidungen erfolgreich zu lenken und zu begleiten. Dabei ist es unumgänglich, die saarländische Bevölkerung in diesen Prozess einzubinden. Hierfür müssen zunächst die Wahrnehmungen, Einstellungen und Wünsche hinsichtlich zentraler politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Themenfelder erhoben werden. Auf einer soliden Datengrundlage sollen Handlungsempfehlungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgeleitet werden. Nach einer umfassenden vergleichenden Aufarbeitung des wissenschaftlichen Forschungsstands zum Strukturwandel und den gesellschaftlichen Herausforderungen, die damit verbunden sind, wurde eine darauf basierende quantitative Befragung durchgeführt. Grundlage dieser Studie ist eine quantitative Bevölkerungsbefragung unter 1.233 deutschsprachigen Personen ab 18 Jahren, die im Saarland wohnen. Die Befragung wurde vom 9. bis 26. Juni 2020 durchgeführt. Die Daten wurden als Mixed Mode erhoben, eine Kombination aus telefonischer Befragung(CATI) und Online-Befragung(CAWI). 701 Saarländer_innen wurden telefonisch ­befragt(ADM-Zufallsstichprobe für Festnetz), 532 mithilfe eines offline rekrutierten Online-Panels(Quotenstichprobe nach den Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildung, BIK-Agglomerationsgrößenklasse). Die durchschnittliche Befragungsdauer lag bei 20 Minuten. Die Daten wurden sowohl im Hinblick auf das Design als auch faktoriell gewichtet nach Daten der amtlichen Statistik. Die quantitativen Ergebnisse wurden im Anschluss in zwei Gruppendiskussionen vertieft und weiter analysiert. Diese wurden am 22. September 2020 in St. Ingbert im Saarland durchgeführt. Jede Diskussionsrunde hatte sechs Teilnehmende und dauerte etwa 120 Minuten. Passend zur quantitativen Teilstudie umfassten die Fokusgruppen ebenfalls im Saarland lebende deutschsprachige Personen ab 18 Jahren. Um eine offene Gesprächsatmosphäre zu gewährleisten, wurden die beiden Fokusgruppen hinsichtlich des Bildungsgrads der Teilnehmenden differenziert, sodass weitestgehend bildungshomogene Teilnehmende miteinander diskutierten. Die Quotierung der beiden Gruppen erfolgte jeweils sowohl nach Alter und Geschlecht als auch nach formaler Bildung, Tätigkeit, Wohnort sowie Kindern unter 18 Jahren im Haushalt. Inhaltlich stand die Vertiefung der Ergebnisse der quantitativen Teilstudie im Fokus, insbesondere ging es um die Gründe für bestimmte Einstellungsmuster und um Verhaltensmotivation. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 6 3. AKTUELLE STIMMUNG IM SAARLAND Schon vor der COVID-19-Krise steckte das Saarland in einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Transformationsprozess. Die Maßnahmen im Frühjahr 2020 zum Schutz vor CoronaInfektionen, wie zum Beispiel Kontaktbeschränkungen, das Abstandsgebot und die vorübergehende Schließung publikumsreicher Wirtschaftszweige, trafen die Menschen im Saarland daher in einer ohnehin schwierigen Zeit. Während der Feldphase im Juni 2020 geht es drei Vierteln der Saarländer_innen laut eigenem Bekunden dennoch wirtschaftlich gut(76 %). Dies entspricht ziemlich genau der bundesweiten Wahrnehmung, der zufolge es im gleichen Zeitraum vier von fünf Befragten wirtschaftlich gut geht (80 %). 1 Vor allem ältere Menschen im Saarland ab 60 Jahren(81 %) und formal hoch gebildete Befragte(86 %) spüren kaum einen negativen Einfluss durch die COVID-19Pandemie. Etwa ein Fünftel ist sogar optimistisch, dass es ihnen in einem Jahr besser gehen wird als heute(19 %). Ähnlich viele befürchten, dass sie über weniger finanzielle Mittel verfügen werden(17 %), die allermeisten glauben, dass sich ihre Situation innerhalb des nächsten Jahres(61 %) kaum verändern wird und damit in den meisten Fällen gut bleibt. Abbildung 1 Persönliche wirtschaftliche Lage aktuell P We e n r n s Si ö e n n un li a c n h Ih e re e w ige i n r e t a s k c tue h lle a w ft ir l ts i c c ha h ft e lich L e S a it g ua e tion a d k en t k u en e : l W l ürden Sie sagen, diese ist …? Sehr gut Gut Weniger gut Weniger gut Schlecht 51 18 Sehr gut 13 Alter 18–39 Jahre 40– 59 Jahre 60 Jahre und älter 14 15 11 56 62 70 24 5 17 5 14 5 Schlecht 63 Gut Bildung niedrig mittel hoch 9 63 10 62 21 65 21 7 22 6 112 F © ra K g a e n 1 t : ar W 2 e 0 n 2 n 0 Sie nun an Ihre eigene aktuelle wirtschaftliche Situation denken: Würden Sie sagen diese ist…? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100 %: weiß nicht A / n k g e a i b n e e n A in n P g ro a z b e e nt Grundgesamtheit: deutschsprach F i e g h e le B nd e e vö W lk e e rt r e u z n u g 10 a 0 b % 1 : 8 we J i a ß h n r ic e h n t/ im kei S n a e a A r n la ga n b d e Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland 1 1 Vgl. ARD-DeutschlandTREND Juni 2020. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 7 In den Gruppendiskussionen wird deutlich, dass insbeson­ dere ältere Befragte kaum finanzielle Sorgen verspüren, da ihr Leben vielfach gut geregelt ist und etwaige Kredite bereits abbezahlt sind. Darüber hinaus sind sie sozial fest eingebunden und sehen Herausforderungen dadurch gelassener entgegen. „Wir sind so gut eingebettet im Netz, in der Familie, wir haben das auch gut geregelt. Weil wir es so gelernt haben, dass auch alles abbezahlt ist mittlerweile, Tochter aus dem Haus, studiert. Das gibt einem so … gut, alles läuft. Dann gibt es mal einen Rückschlag, dann passiert mal dies oder jenes. Aber es ist abgefangen. Man ist aufgehoben, aufgeräumt.“ Weiblich, 64 Jahre Diese relativ positive Sicht auf die eigenen finanziellen Möglichkeiten begünstigt die subjektive Zuordnung zu einer höheren gesellschaftlichen Schicht. Während sich 15 % der Saarländer_innen der oberen Mittelschicht oder Oberschicht zuordnen, sieht sich das Gros der Menschen im Saarland in der Mittelschicht(59 %), gut ein Fünftel(22 %) in der unteren Mittelschicht oder der Unterschicht. Wie bereits angedeutet hängt diese subjektive Schichtzugehörigkeit in hohem Maße vom Einkommen der Befragten ab, eine zweite starke Determinante ist der formale Bildungsgrad der Befragten, der sich sowohl direkt als auch indirekt auf das Einkommen auswirkt. Im Vergleich zur persönlichen Situation sehen viele Saarländer_innen die wirtschaftliche Lage ihres Bundeslands problematisch: Drei Viertel bewerten diese als weniger gut oder schlecht(75 %). Die wirtschaftliche Lage im Saarland wird damit deutlich schlechter bewertet als die bundesweite Situation, die im gleichen Untersuchungszeitraum drei von fünf Befragten(59 %) als schlecht beurteilen. 2 Dennoch sehen zwei Drittel der Saarländer_innen grundsätzlich gerechte Verhältnisse im Saarland(66 %), ein Viertel findet jedoch, es gehe ungerecht an der Saar zu(24 %). Gerechtigkeit wird vielfach mit der eigenen wirtschaftlichen Lage asso­ ziiert. So erklärt sich, dass insbesondere Menschen, die weniger verdienen, die Verhältnisse im Saarland häufiger als ungerecht bew­ erten(42 %). Die schlechte wirtschaftliche Situation des Saarlands hat ihre Ursachen laut den Teilnehmenden der Gruppendiskussionen weniger in der COVID-19-Pandemie, sondern in grundsätz­ lichen Problemen und Versäumnissen. „Langfristig gesehen gelangen die Banken[in] die Bredouille, die Filialen schließen zu müssen. Da ist ja auch schon irgendwie seit nicht nur einem Jahrzehnt irgendwas schiefgelaufen. Das ist ein ganz ineinandergreifendes Zahnradsystem. Da kann man nicht sagen, die Politik hat in dem Moment versagt, sondern es ist ein schleichender Prozess, den jeder ein bisschen ignoriert, und irgendwann wie Corona hat es einen erwischt.“ Weiblich, 46 Jahre „Firmenschließungen zum Beispiel. Jeder hat mit irgendwas irgendwie eine Verbindung. Irgendeiner arbeitet da, den man kennt. Oder aus der Familie. Es gibt immer eine Verbindung irgendwo. Wenn man dann offen ist, wird man schon ängstlicher, ob das alles noch so bleibt, wie es ist. Ob man da sich noch drauf verlassen kann. Ein bisschen ängstliches Gefühl. Nicht mit Corona, sondern insgesamt die Entwicklung, wenn Firmen schließen.“ Weiblich, 64 Jahre Das COVID-19-Krisenmanagement der saarländischen Landesregierung wird von den Bürger_innen zum Erhebungszeitpunkt insgesamt eher positiv bewertet. Dabei sticht vor allem die Bewertung des Schutzes der Bevölkerung vor Infek­ tionen mit dem Virus hervor, fast neun von zehn Befragten (89 %) finden, die Landesregierung habe hier gute Arbeit geleistet. Auch im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Krise steht(Stand Juni 2020) eine Mehrheit hinter der Landesregierung(61 %). Etwa die Hälfte der saarländischen Bevölkerung ist der Meinung, dass die Landesregierung gute Arbeit leiste, wenn es um die finanzielle Unterstützung für Kommunen(52 %) und den Erhalt von Arbeitsplätzen im Saarland geht(51 %). Gespalten sind die Saarländer_innen bei der Frage des sogenannten Homeschoolings. Jeweils knapp die Hälfte findet, dass die Bildungsqualität, unabhängig von den Lebensverhältnissen der Kinder zu Hause, sicher­ gestellt sei(48 %). Die andere knappe Hälfte widerspricht dem(44 %). 2 Vgl. ARD-DeutschlandTREND Juni 2020. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 8 Abbildung 2 Bewertung Krisenmanagement Saarland BB Ko ee m w m w e ee n r w rtt ir uu n n u n n gg zu K r K ak rr t i u iss el e l e en nn C mm oro aa na nn -P aa an gg de ee m mm ie. e W en i n e t b t e SS we aa rt a e a n rr S ll i a e an d n ie dd bisherigen Bemühungen der saarländischen Landesregierung in Bezug auf die folgenden Aspekte der Corona-Krise? SSeehhrrgguutt GGuutt SScchhlelecchhtt SSeehhrrsscchhlelecchhtt SScchhuuttzzddeerrssaaaarrlläännddiisscchheennBBeevvööllkkeerruunnggvvoorrIInnffeekkttiioonneenn mmiittddeemmCCoorroonnaa--VViirruuss 8899 3311 5588 88 11 99 WWnn//kkAA 22 KKaammppffggeeggeennddiieewwiirrttsscchhaaffttlliicchheennFFoollggeennddeerrKKrriissee 6611 66 5555 2266 44 3300 99 FFiinnaannzziieellleeHHiillffeennffüürrKKoommmmuunneenn,,zzuummAAuussgglleeiicchhvvoonnSStteeuueerraauussffäällleenn 5522 55 4477 2255 33 2288 2200 EErrhhaallttuunnggddeerrAArrbbeeiittsspplläättzzeeiimmSSaaaarrllaanndd 5511 55 4466 3377 66 4433 66 SSiicchheerrsstteellluunngggguutteerrBBiilldduunnggssqquuaalliittäättffüürraallleessaaaarrlläännddiisscchheennKKiinnddeerr,, uunnaabbhhäännggiiggvvoonnddeennLLeebbeennssvveerrhhäällttnniisssseennzzuuHHaauussee 4488 55 4433 3366 88 4444 88 Ang AA a nn b gg e aab n bee i n n ini P nP r P o rro z oz e zee n nn t t FFrraaggee55::KKoommmmeennwwirirnnuunnzzuurraakkttuueellelennCCoorroonnaa--PPaannddeemmieie..WWieiebbeewweerrtteennSSieieddieiebbisishheerrigigeennBBeemmüühhuunnggeenn FFeehhlelennddeeWWeerrtetezzuu110000%%::wweeißißnnicichhtt//kkeeinineeAAnnggaabbee dd © eerr K ssa a a n aar t rl a älä r nn 2 dd 0 isis 2 cc 0 hheennLLaannddeessrreeggieierruunnggininBBeezzuuggaauuffddieieffoolglgeennddeennAAssppeekktteeddeerrCCoorroonnaa--KKrrisisee?? GGrruunnddggeessaa F mm e th h the l e e iti:t n :D d De e euut W stscch e hs r sp t p e rraac z ch u higig 1 ee 0 BB 0 ee v % vöölk : lke w erru e unn i g ß gaa n bb ic 11 h 88 t JJa / ah k hr e reen in ni e mim A SSa n aa g arr a lala b nnd e d Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland Zum Zeitpunkt der Befragung(Juni 2020) waren einige der coronabedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens temporär wieder aufgehoben, das Thema bestimmte aber nach wie vor stark das tägliche Leben und den öffentlichen Diskurs. Daher ist es wenig überraschend, dass die Saarländer_innen die Gesundheitspolitik als wichtigsten politischen Bereich identifizieren(79 %) 3 . Auch Schulpolitik(73 %) – ein genuin landespolitisches Politikfeld – und Sozialpolitik (69 %) werden von der Mehrheit der Befragten als sehr wichtig eingestuft. Wirtschafts-(62 %) und Umweltpolitik (61 %) werden trotz der aktuell schwierigen Situation durch Corona als gleich wichtig angesehen. Trotz der Wichtigkeit der obigen Themen und Politikfelder wünscht sich eine relative Mehrheit der saarländischen Bevölkerung vor allem mehr Investitionen in Schulen(53 %). Nur ein Drittel sieht einen größeren Investitionsbedarf bei der Gesundheitsversorgung(32 %). Ein weiteres knappes Drittel möchte, dass die Politik stärker in die saarländische 22 Wirtschaft(30 %) investiert. 4 Während die Schulpolitik von den Anhänger_innen sämtlicher Parteien als zentrales In­ vestitionsfeld identifiziert wird, unterscheidet sich die Einschätzung des Investitionsbedarfs in anderen Bereichen deutlich nach Parteianhängerschaft. Wünschen sich insbesondere Anhänger_innen der Linken mehr Investitionen in der Sozialpolitik(48 %), so fordern Grünen-Anhänger_innen vor allem mehr Geld für Umwelt-(34 %) und Klimapolitik (41 %). Insgesamt soll das Saarland mehr investieren, auch wenn sich das Land dadurch höher verschuldet(79 % Zustimmung). Die Ergebnisse aus den Fokusgruppen stützen diese Wahrnehmung grundsätzlich. Auch hier werden die zentralen Herausforderungen in den Bereichen Wirtschaft und Arbeit, Bildung und Familie sowie Pflege und Gesundheit gesehen. Darüber hinaus wird bei den Themen Infrastruktur und Mobilität, insbesondere von jüngeren Teilnehmenden, Nachholbedarf identifiziert. 3 Top-2-Wert auf fünfstufiger linksschiefer Skala(äußerst wichtig, sehr wichtig, eher wichtig, weniger wichtig, gar nicht wichtig). 4 Kumulierung der Fragen nach höchster und zweithöchster Investition, die Summe aller Antworten ergibt daher insgesamt 200 %. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 9 Abbildung 3 Dis D ku i s D s sio k i n s u i k n s u F s o s k i u o s s n g io ru i n p n pe i n F n o F k o u k s u g s r g u r p u p p e p n en Prio P ri r si i P e o ru r n io s g i r z e i e s r n i u t e ra n r le u g r n H z g e e ra n z us e t f r o n a rd t l r e e a r r u l n e H g r e e n H ra e u ra sf u o s r f d o e rd ru e n ru g n e g n en Gru G pp ru e p 1 pe 1 Gru G pp ru e p 2 pe 2 © Kantar 2020 Die Menschen im Saarland vertrauen der Exekutive insgesamt mehr als der Judikative und der Legislative. Während die Polizei(75 %) und die Landesregierung(66 %) hohe Vertrauenswerte genießen, vertrauen der Justiz immerhin noch sechs von zehn Befragten(61 %). Das saarländische Parlament verfügt nur bei etwas mehr als der Hälfte der Saarländer_innen über einen Vertrauensbonus(55 %). Gesundheitsämtern und Behörden vertrauen 59 %. Interessenvertretungen jeglicher Art werden kritischer gesehen: Während immerhin noch knapp die Hälfte der Menschen den Gewerkschaften vertraut(43 %), schenkt nur ein gutes Drittel Arbeitgeberverbänden ihr Vertrauen(36 %). Politische Parteien(29 %) und Kirchen(22 %) werden noch deutlich kritischer beurteilt. Betrachtet man den medialen Bereich, zeigen sich klare Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen Medien, privaten Medien und Social-Media-Plattformen. Während öffentlichrechtliche Medien ein hohes Maß an Vertrauen genießen (70 %) 5 , vertraut weniger als die Hälfte privaten Medien (44 %). Den Informationen auf Social-Media-Kanälen vertrauen nur 15 % der Menschen im Saarland, wenig über­ 2 2 raschend zeigen sich hier signifikante Altersunterschiede. Jüngere Befragte bis 39 Jahre vertrauen Social-Media-An­ geboten deutlich häufiger als ältere Menschen ab 60 Jahren (21 % vs. 10 %). In den Fokusgruppen zeigt sich außerdem, dass es insbesondere im Kontext der COVID-19-Pandemie Unsicherheiten bezüglich vertrauenswürdiger Quellen gibt. „Da finde ich auch, dass man Vertrauen in Quellen verloren hat. Gerade auch im Studium, wenn man recherchieren muss und einem auffällt, wie schwer es ist, überhaupt eine Ressource zu finden, wo man denkt, dass es stimmt, dass so viele Zeitungen im Endeffekt von den gleichen Redaktionen kommen. Da fühle ich mich ein bisschen verloren, wenn man so zugeklatscht wird mit Infos und nicht weiß, was stimmt oder was nicht. Als man aufgewachsen ist, hat man gedacht, was in der Tagesschau oder in der ZEIT steht, das stimmt schon. Das ist jetzt voll verloren gegangen. Das kann aber auch an den sozialen Medien liegen, dass jeder jetzt posten kann, ohne irgendwie...“ Weiblich, 24 Jahre 5 Dies entspricht auch dem Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bundesweit. Siehe WDR 2020: Glaubwürdigkeit der Medien. Die Studie wurde durchgeführt von infratest dimap. https://www.ard.de/die-ard/Glaubwuerdigkeit-der-Medien-WDR-Studie-100.pdf, letzter Zugriff am 26.10.2020. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 10 Abbildung 4 Vertrauen in Organisationen und Institutionen VertVraeVu K r o te m rrn m at e uri n ane w un ir Oe nu inrn n g z i u aOn v n e rO r ig s s ch raa i g e nt d ai e io n sn e na n is O eti r an g o a tn n iu i o s e a nn t n io de ne unI n n u u n sd d nt I i n Idtn s u ti s t I u tnt t i i oi o st n nut en iet . iu W not ie nio s e ta n r n k e is n t jeweils das Vertrauen, das Sie den folgenden Organisationen oder Institutionen entgegenbringen? Sehr staSrkehrSseEtahhrkesrtasrtakErkherEshWtaereksntigaerkrWsteanrkWigeernsiÜgtaebreksrhtaarukÜpbt neirÜchhbateurphtanuicpht tnicht Polizei PolizPeoi lizei 75 30 75 7350 30 45 45 4251 3 2241 231 243 24 ÖffentlicÖh-frfeecnÖhtlftiflceichnh-treleicMchh-etrldeicicehhnet,liMcwheiedziMe.Bne,.dwSieianea,zrwl.äBien.dzSi.saBca.hrSeläarnaRdruilsäncndhdfeuisrncRkhueonrddRefruZnDkdfFoudnekroZdDeFr ZDF70 24 70 7204 24 46 46 4260 8 2208 208 28 28 SaarländSisacahrSeläanLadarinlsädcnehdseirseLcgahineedrLueansngredgeiserreugniegrung 66 1566 6615 5115 51 5127 62733276 336 33 Justiz, alJsuosdtiJzeu,nsaGtliszeo,raidcleshnoteGdneenricGheterinchten 61 1661 6116 4516 45 4530 5303530 5 355 35 GesundhGeeitssuäGnmedstheuerniutdsnhädemiBttseärhmuötnreddreBunnedhöBredheönrden 59 12 59 5192 4172 47 47 35 3453935 4 394 39 SaarländSisacahrSeläarnaLdrailsäncndhdtaeisgrcLhaenrdLtagndtag 55 9 55 595469 46 46 34 374 4314 7 417 41 Private MPeridviaePtneri,vMwaetiedziMe.Bne,.dwiSeianea,zrwb.Bireü. czSk.aBea.rrSZbaerüaitcurkbnergür,cZRkeeTirtLuZnoegdi,teuRrnTDgL,ieRoZTdeeLirtoDdieerZD D ei I ei E t Z Z e E it IT GewerksGcheawfGetereknwscehrkasftcehnaften 44 8 44 34864 8 36 3642 43 10 43 14303 10 33 3340 42114253 11 1513 53 4010 4050 10 510 50 ArbeitgeAberbrveAeitrgbeäebnietdgrevebrebrävenrdbeände 36 7 3629736 7 29 2947 47 84755 8 585 55 PolitischPeoPliatiPrstocehliieteinsPchaertePieanrteien 29 4 2295 429 425 25 55 55 5153 68 13 1638 68 Kirchen KirchKeinrchen 22 5 1272 522 157 4147 44 44 31 75 31 3715 75 Social MSeodciai S aSPl o olM c aci i tea a tfdl l o iM M armeP e ed d lania ia t,t Pwfo P lirae l m a ttz t fe t .o f Bn o r,m. rm wFeia e nec n ,ze , w.bB w ioe. i o e zFk. z a,B . cI . B neFs . bat F oaco a gek c rba, e omI b no o sko o t,da k Iegn , rs I a n Ytam s og t u a rota g udm r be a er m oYdo o eur d tuY e bo r eu Y t o u u b T e ube 15 4 1115 41511440 11 40 40 35 75 35 3755 75 Frage 7: KFroamgmeFre7an:gKewoi7rm:nmKuoenmnzmuwievrennruwsncirhznieuudnveeznruescnvheOiersrdgceahnnieisdnaeOtnioergnneaOnirsuganatdinoiInsnaestniotunnteidonnIunensdt.itWuIntiseotnistuetatniro.knWiesinte.jesWwtaierekilsistatrjkewiset ijlesweils das VertrdaausenVd, © eadrsa K trsVa a u n See t riet a nr r a,du 2 deea 0 nns 2 f, 0 oSdligaeesdnSedinenfdoOelgnregfnaodnlgeisenanOtdioerngneaOnirsogadateinorinsInaestnitoiotnudeteinornoIendnsetrietuInntisgotenitgueetninoebnnreitnggeeegnnet?gnebgrienngbernin?gen? Angaben iAn A nP n gr g aobAz a en b ng e tai n nbeP in roi P nze r P o nrt z o e ze n n t t Fehlende FWeehrlteeFnzeduhel1eW0n0ed%reteW: zweuerit1ße0zn0ui%ch1:t0w/0ek%ieß:inwneiecAihßtnn/gikacebhietn/ekAeningeabAengabe Fehlende Werte zu 100 %: weiß nicht/ keine Angabe GrundgesaGmruthnedGigtr:euDsnaedmugtetshsceahimts:ptDhraecuitht:siDgcehusBptsercvahöcslhkpiegrraeucBnhgeigvaeöblBk1e8rvuöJnlakgherareubnn1gim8aJbSaa1ha8rerlJnaanihmdreSnaiamrlaSnadarland Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland 3 33 GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 11 4. STRUKTURWANDEL UND WIRTSCHAFT Um den Strukturwandel politisch besser gestalten und die Bürger_innen im Saarland in diesen Prozess integrieren zu können, ist es wichtig zu verstehen, was sich die Menschen von einem erfolgreichen Strukturwandel versprechen. Drei Viertel der Saarländer_innen verstehen darunter die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Bereich„Digitalisierung und Informationstechnologie“(77 %). Die Arbeitsplätze in der Automobil- und Stahlindustrie im Saarland sind in der Regel gut bezahlte Industriearbeitsplätze. Für eine Mehrheit von 60 % bedeutet erfolgreicher Strukturwandel daher auch den Erhalt des Lohnniveaus bei einem Jobwechsel. Um den Arbeitnehmer_innen in der Automobil- und Stahlbranche zu helfen, spricht sich gut die Hälfte für kostenlose Weiter­ bildungen dieser Beschäftigten aus(56 %). Darüber hinaus sehen viele Menschen an der Saar die Notwendigkeit bes­ serer Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen(55 %) im Rahmen des Strukturwandels. Überraschenderweise nennen vor allem ältere Befragte diesen Punkt(17 Prozentpunkte mehr als die jüngste Altersgruppe). In der Beurteilung, ob diese Punkte umgesetzt werden können, sind die Saarländer_innen vorsichtig optimistisch. 61 % glauben, dass es dem Saarland gelingen werde, 33 % glauben das nicht. Hierbei fällt auf, dass insbesondere jüngere Menschen bis 39 Jahre besonders kritisch sind(51 % Zustimmung, 42 % Ablehnung). Auch Arbeiter_innen, die vom Strukturwandel in besonderem Maße betroffen sind, haben weniger Vertrauen(49 %) als andere Berufsgruppen. MenAbbildung 5 Determinanten eines erfolgreichen Strukturwandels Der Wirtschaftsstandort Saarland befindet sich – unabhängig von der Corona-Pandemie – in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Dieser betrifft sowohl die klassische Industrie rund um die Automobil- und Stahlbranche als auch die Dienstleistungs- und IT-Branche. DeD W t a e nn trem w r är mi e n d ia ie n s n e a r tn S e tr tn u e kt ne urw ine an ie d n e se l a es us r I e h f r or er flo S g ic lr h ge t e ri in ce e hi r c f e o h lg ne rei nS che tS r r W utr a k n u d tk e u l? tru B w it r te aw n n e a n dn ne ed n l S se ie ls alles, was aus Ihrer Sicht dazugehört. SchSacffhuanfgfuneguneeruAerrbAeritbsepiltästpzleätze im BimerBeeicrheiDchigDitaigliistaielirsuienrguunngduInndfoIrnmfoartmioantsiotencshtencohlongoileo.gie. Determinanten eines erfolgreichen Strukturwandels ErhEarlthuanlgtudnegsdLeoshLnonhivnenaivuesabuesi bJeoibJwoebcwhescehlns.eln. 60 60 77 77 SchaKfofusKnteognsnltoeesnueleorWsAeerWibteeeritbitseipldrlbäuitnlzdgeung im BfeürreAfiücrrbhAeDritbingeeiithtanmleisehiermrvueonrngvAoununtdAomuIntofobmrilmo-buaintl-iodunSnsdttaeShclhtbanrhaolbnlorcgahineec..he. ErhaBlteusnBsgeesdreseesEreiLnoEhhainnlthnuainvlgteuanugs bei Jobwechseln. vonvUonmUwmelwt-eultn-duKndlimKalismcahsuctzhmutazßmnaaßhnmaehnm.en. Kostenlose Weiterbildung für F A ra rb gFe e ra i 1 t g0 n e: e D1 h e0 m r: DW e ei r rt v sWc o ihr n tasf A ctsh u sat t fa o tsn m sdtoa o rnt b dS i o l a rat u rSla n ana d drl S abne t d a fin h bde l e b fitn r s a dice n ht c s– h ic e uhn . –abuhnäanbghiägnvgoign vdoenr CdeoroCnoar-onaPandPeamndieem– ien –einineeminteiemfgtrieiffgernedifeenndSetrnuSkttururwktaunrdwealn. dDeiel.sDeirebsetrribffet tsroiffwt osholwdoihelkdlaiesskilsacshseische InduIsntdriuesrturinedruunmdduime AduietoAmuotobmil-oubnild- uSntadhSlbtarahnlbcrhaen,cahles,aaulschaudciehDdienDsitelenistulenisgtsu-nugnsd- uITnd- IT © Kantar 2020 BranBcrhaen.cWhea.nWn awnänrewdäireesdeireSsetrruSkttururwktaunrdwealnaduesl aIhurserIhSriecrhSt iecihnteerifnolegrrfeoilcghreircWhearnWdealn?dBeilt?teBitte Bes ne s n e nn r ee e nn E nSei i e nh aSl a ile l s t a u ,llw n eas g s, waaus aIhurserIhSriecrhSt idcahztudgaezhuögret.hört. von Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen. Frage 10: Der Wirtschaftsstandort Saarland befindet sich – unabhängig von der CoronaPandemie – in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Dieser betrifft sowohl die klassische 56 56 77 5650 55 56 Angaben in Prozent Mehrfachnennungen möglich Fehlende Werte zu 100 %: weiß n A ic n h g t aAb / ne k gn e aibn n e e Pnr A ionz n Pe g nrot a z b e e nt MehrMfaechhrnfaecnhnnuenngneunnmgeönglmicöhglich Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland FehleFnedheleWndeertWe zeurte10z0u%1:0w0%ei:ßwneicißhtn/ickhetin/ ekeAinegaAbnegabe GrunGdgruensdagmetshaemit:thDeeitu:tDscehustspcrahcshpirgaechBigeevöBlkeevröulnkgeraubng18abJa1h8reJnahimrenSaimarSlaanadrland 55 44 Angaben in Prozent FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 12 schen, die generell den Eindruck haben, dass ihre Interessen in der Politik nicht genügend Gehör finden, glauben mehrheitlich(53 %) nicht daran, dass der Strukturwandel im Saarland gelingen wird. Diejenigen, die an einen erfolgreichen Strukturwandel glauben, nennen als Grund am häufigsten das Vertrauen in die saarländische Politik(16 %). Jede_r Zehnte ist der Meinung, dass das Saarland bereits auf einem guten Weg sei und man bereits erste Erfolge erkenne(10 %). Auch die Mentalität der Saarländer_innen und der Zusammenhalt im Bundesland werden als Erfolgsgründe genannt(9 %). Die Skeptiker_innen führen ebenfalls in erster Linie die Politik an, haben jedoch kein Vertrauen in sie und sehen zu viele bürokratische Hürden(24 %). 12 % glauben, dass dem Saarland die finanziellen Mittel für die Umsetzung fehlen, und etwa gleich viele sind der Meinung, dass im Saarland nach wie vor zu sehr an alten Strukturen und Industriezweigen festgehalten und zu wenig auf neue Technologien gesetzt werde(11 %). Dieser Eindruck bestätigt sich in den Fokusgruppen. Hier sprechen insbesondere die älteren Diskutant_innen von Arbeitsplatzabbau und Firmenschließungen in der Stahl- und Automobilbranche, den Kernindustriem, sowie von der hohen Verschuldung des Saarlands. Jüngere Befragte in den Fokusgruppen sehen zugleich Chancen, zum Beispiel im Bereich der neuen Technologien und der IT-Branche. Einig sind sich alle Altersgruppen, dass es in der Vergangenheit Fehlentscheidungen seitens der Unternehmen und der Politik gab. „Ich habe Angst, dass Ford ganz zumacht in den nächsten Jahren. Es ist verschlafen worden, die neue Technologie. Die produzieren noch die alten Verbrenner.“ Männlich, 64 Jahre „Die größten Arbeitgeber gehen hier gerade bankrott. Die bauen Stellen auf und die Augen werden zugemacht, dann wird über Kurzarbeitergeld gesprochen, die Medizin wird aber gar nicht mehr verabreicht und es hilft auch nichts, weil die Sachen für Verbrennungsmotoren herstellen. Und wenn die eigene politische Partei Feuer und Flamme ist, die zu verbieten, dann sind die Firmen auf dem Weltmarkt nicht mehr notwendig, dann braucht die keiner mehr. Dagegen wird gar nichts gemacht. Da kommt denen oft Corona recht, weil die Leute nicht mehr groß drüber reden.“ Männlich, 36 Jahre In den Fokusgruppen werden außerdem sehr klare Forde­ rungen an die saarländische Politik mit Blick auf den Struktur­ wandel gestellt. So müsse zum einen der Wirtschaftsstandort attraktiver werden, damit sich neue Firmen ansiedeln. Des Weiteren müssten Technologiebetriebe und Forschungszentren gefördert werden. Auch jenseits der IT-Branche bedürfe es Industrien, um vor allem geringer qualifizierten Menschen Beschäftigung zu geben. Auch eine Umstellung von vorhandenen Industriezweigen, insbesondere der Stahlindustrie, auf CO 2 -neutrale Produktionstechnologien wird gefordert. „Man muss es für Firmen vom Grund her attraktiv machen, den Sitz im Saarland zu haben.“ Männlich, 27 Jahre „Es ist insgesamt so, dass man im Bereich Innovationsförderung in Zukunft mehr machen muss, weil es wird nicht nur im Saarland einen Umbruch geben von wegen Industrie, sondern durch neue Technik werden in Zukunft immer mehr Berufe abgelöst werden. Gerade Berufe, in denen wenig qualifizierte Leute schaffen. Wir haben eine große Aufgabe vor uns, das dann gesellschaftlich um­ zumünzen, dass die Leute dann noch ansprechende Beschäftigung und Anstellungen haben.“ Männlich, 38 Jahre „Da kann man jetzt Hoffnung haben mit dem grünen Stahl. Wenn sie das mit dem Wasserstoff hinkriegen. Ich hoffe, die Politik versaut es jetzt nicht. Aber ich denke, wenn das Umdenken, Klimawandel etc., wenn das kommt und wir schon etwas Know-how haben mit dem grünen Stahl, dass wir vielleicht dort auch was ausbauen können, dass wir wieder da richtig Industrie haben. Deswegen sollten die schnellstmöglich diese Firmen aufmachen und das fertigen.“ Männlich, 64 Jahre Die Umstellung der Wirtschaft auf umwelt- und klimafreundlichere Produktion wird eher als Mittel zum Zweck gesehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Umweltschutz um seiner selbst willen wird – zumindest in der Wirtschaft – als nachrangig betrachtet. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 13 „Ich mag auch Eichhörnchen. Aber ich meine, irgendwann muss man mal Prioritäten setzen. Vielleicht ist das Helmholtz-Zentrum ein bisschen wichtiger. Wirtschaftsfaktor. Der soll vielleicht vorher berücksichtigt werden.“ Weiblich, 64 Jahre „Arbeitsplätze gehen weg. Digitalisierung führen Unternehmen ein, nicht weil es Spaß macht, sondern um Kosten zu drücken, und der Kostenfaktor ist in den meisten Branchen immens.” Männlich, 36 Jahre Obwohl der Strukturwandel im Saarland so tiefgreifend ist, dass er alle Einwohner_innen betrifft, fühlt sich nur eine Minderheit in diesem Prozess politisch mitgenommen(42 %). Eine Mehrheit von 51 % fühlt sich dagegen nicht ausreichend involviert. Insbesondere jüngere Altersgruppen, Frauen und Personen, die sich selbst einer niedrigeren sozialen Schicht zuordnen, fühlen sich nicht ausreichend gehört. Dies kann als ernst zu nehmender Handlungsauftrag an die Politik im Saarland verstanden werden, alle Bürger_innen mitzunehmen. Sechs von zehn Saarländer_innen bewerten den Stand der Digitalisierung in ihrem Bundesland als gut oder sehr gut (60 %), insbesondere Jüngere sind hier jedoch skeptischer. In den Fokusgruppen wird klar, dass die Saarländer_innen in der Digitalisierung sowohl Chancen als auch Gefahren sehen. Zu den Chancen zählen insbesondere neue Arbeitsplätze in der IT-Branche und die Möglichkeit von Homeoffice und Telearbeit. „Hoffnung speziell in Bezug aufs Saarland sehe ich in der IT gerade wegen diesem AI-Zentrum an der Saarbrücker Uni. Wir gewinnen internationalen Stellenwert in der Branche dadurch. Wir bekommen sehr viel Aufmerksamkeit. Es wird viel Forschung betrieben. Also eigentlich Topvoraussetzungen.“ Männlich, 27 Jahre Gefahren sehen die Teilnehmenden im Wegfall von Arbeitsplätzen in anderen Bereichen und darin, dass bestimmte Bevölkerungssegmente, vor allem ältere Menschen, durch die fortschreitende Digitalisierung abgehängt werden können. Aber auch sozial Schwächere profitieren möglicher­ weise nicht in gleichem Maße davon, wenn sie sich beispielsweise keine entsprechende Hardware leisten können. Dies wurde insbesondere beim Homeschooling während der pandemiebedingten Schulschließung deutlich. „Ich merke es in meinem Umfeld, das ist Ü70 bis 90, die sind komplett abgehängt. Das sind Menschen, die können keine Fahrkarte mehr kaufen, die können nichts mit der Bank machen. Ich mache Kurse privat für Bekannte, Eltern, Familienkreis für Online-Banking und so einen Kram. Weil die Menschen tatsächlich nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen können. Erstens nicht durch Corona, zweitens nicht durch fehlende Infrastruktur und drittens nicht, weil kein Personal mehr am Schalter sitzt. Das wird in der Politik total vernachlässigt.“ Weiblich, 46 Jahre Unter den Erwerbstätigen im Saarland sind zwei Drittel der Meinung(66 %), dass sie Weiterbildungen im Bereich der Digitalisierung brauchen, um auch in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein zu können. Überraschenderweise glaubt dies nur die Hälfte der Arbeiter_innen(50 %), obwohl gerade ihre Arbeitsplätze im Zuge des Strukturwandels und der fortschreitenden Digitalisierung gefährdet sind. Auf die Digitalisierung hatte die Corona-Pandemie einen positiven Einfluss: Für 56 % der Bürger_innen im Saarland hat sich der Blick auf digitale Arbeitsformen durch die Corona-Pandemie positiv verändert. Die Fokusgruppen formulieren beim Thema Digitalisierung klare Erwartungen an die Politik: Sie wünschen sich gezielte Aus- und Weiterbildungen im Umgang mit digitalen Technologien, den Ausbau der digitalen Infrastruktur insbesondere auf dem Land und mehr Investitionen in die digitale Ausstattung von Schulen. „Was für mich auch unter Digitalisierung fällt, dass auch im Bildungssektor gerade in Schulen mehr passiert. Es müsste gang und gäbe sein, dass für jeden Schüler ein PC-Arbeitsplatz zur Verfügung steht.“ Weiblich, 59 Jahre FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 14 „Je nachdem, wo man hier unterwegs ist, ist die Netzqualität nicht so toll bis gar nicht vorhanden. Das ist im ländlichen Bereich hier auch ein Problem für den einen oder anderen. Homeoffice. Wenn ich eine Zweitausender-Leitung habe und soll dann von zu Hause aus für den Betrieb arbeiten, sieht es schlecht aus. Das muss ausgebaut werden.“ Männlich, 46 Jahre Die Menschen im Saarland sehen ihre Verortung an den Grenzen zu Luxemburg(83 %) und Frankreich(81 %) wirtschaftlich eindeutig als Vorteil, jeweils mehr als vier Fünftel stimmen dem zu. Trotz dieser klaren positiven Sicht auf die Nachbarländer fällt die Frankreich-Strategie der saarländischen Landesregierung in den Fokusgruppen durch. Die älteren Teilnehmenden können mehrheitlich zwar nachvollziehen, dass die Etablierung des Französischen als zweite Verkehrssprache ein wünschenswertes Ziel darstellt und dies Vorteile bei grenzüberschreitenden(Erwerbs-)Tätigkeiten bringt. Die Erreichbarkeit dieses Ziels wird jedoch infrage gestellt. „Auf jeden Fall. Natürlich sind es Vorteile. Wir sitzen genau zwischen Luxemburg und Frankreich. Das kann nur gut sein, eine Frankreich-Strategie.“ Männlich, 59 Jahre „Aber das muss dann auch wirklich durchgezogen werden. Und da sind wir wieder dort, dass man mindestens zwei oder drei Kräfte... Aber nur für Kinder, die von zu Hause auch gefördert werden. Ich als alleinerziehende Mutter konnte gar nicht so, wie ich wollte.“ Weiblich, 64 Jahre Darüber hinaus sind insbesondere jüngere Teilnehmende kritisch, sie sehen die englische Sprache, vor allem in ihren Berufen, als viel wichtiger an. „Die Welt braucht Englisch, nicht Französisch. Gerade in der IT. Englisch ist sehr wichtig.“ Männlich, 36 Jahre Gleichzeitig wird die starke Fokussierung der saarländischen Wirtschaft auf die Automobilbranche kritisiert, 79 % sind der Meinung, dass das Saarland zu abhängig von dieser Branche sei. Trotz Industriebranchen wie Stahl und Automobil, die mit einer starken internationalen Vernetzung einhergehen, glaubt nur gut die Hälfte der Menschen im Saarland, dass ihr Bundesland von der Globalisierung profitiert(55 %). Dies spiegelt sicherlich die aktuellen Probleme in den entsprechenden Branchen wider. Vor diesem Hintergrund sorgt sich ein knappes Fünftel der Saarländer_innen um ihren Arbeitsplatz(19 %). GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 15 5. GESUNDHEIT UND PFLEGE Wie bereits erläutert, wird das Thema Gesundheit auch im Saarland in Zeiten von Corona als sehr wichtig empfunden. Im saarländischen Gesundheits- und Pflegesystem wird dabei großer Handlungsbedarf gesehen. Vor allem die Situation im Bereich Pflege scheint prekär. Bei der Anzahl der Pflegekräfte sehen fast neun von zehn Saarländer_innen(87 %) großen Handlungsbedarf, auch bei der Anzahl bezahlbarer Pflegekräfte wird ein großes Defizit attestiert(79 %). Im genuin medizinischen Bereich stehen in erster Linie die ländliche Versorgung mit Haus- und Fachärzten(62 % großer Handlungsbedarf) und die Qualität der Krankenhausbehandlung (56 %) in der Kritik. Etwas besser sieht es bei der Anzahl an Krankenhäusern und Intensivbetten aus, hier sehen 46 % großen Handlungsbedarf. Vier von zehn Befragten(40 %) sehen in der grenzüberschreitenden Nothilfe Verbesserungsbedarf. Dies ist ein vergleichsweise niedriger Wert. Die Hilfe scheint entweder relativ gut zu funktionieren oder sie ist weniger notwendig. Bezieht man bei allen Items die Kategorie„geringer Handlungsbedarf“ zusätzlich mit ein, so zeigt sich ein insgesamt noch größerer Handlungsbedarf. Bei der Einordnung dieser Abbildung 6 Gesundheit und Pflege im Saarland Kommen wir nun zu den Themen Gesundheit und Pflege: In welchem der folgenden Bereiche besteht aus Ihrer Sicht im Saarland G pol e iti s sch u er n H d an h dl e un i g t sb u ed n ar d f? Pflege im Saarland Anzahl an Pflegekräften Großer Handlungsbedarf 87 Anzahl bezahlbarer Pflegeplätze 79 Versorgung mit Haus- und Fachärzten auf dem Land 62 Qualität der Krankenhausbehandlung 56 Anzahl an Krankenhäusern und Intensivbetten 46 Grenzüberschreitende Hilfe im Notfall 40 Frage 17: Kommen wir nun zu den Themen Gesundheit und Pflege: In welchem der f © olg K e a n n d t e a n r 2 B 0 e 2 re 0 iche besteht aus Ihrer Sicht im Saarland politischer Handlungsbedarf? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100 %: geringer Han A d ng lu a n be g n sb in e P d ro a z r e f n / t Fehlende Werte zu 100%: geringer Handlungsbedarf/ kein Hand k lu e n in g H s a b n e d d lu a n r g f sb / e w da e r i f ß / w n e ic iß ht ni / ch k t e / in ke e in A e n A g ng a a b b e e Grundgesamt G h r e u i n t d : g d e e s u am ts t c h h ei s t: p D r e a u c t h sc ig h e sp B ra e c v h ö ig l e ke B r e u v n öl g ke a ru b ng 18 ab J 1 a 8 hr J e a n hre im n im Sa S a a r a la rla n n d d 5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 16 Ergebnisse muss man jedoch die aktuelle Corona-Pandemie mitberücksichtigen. Es ist anzunehmen, dass die Bewertung ohne die aktuelle Pandemie insgesamt besser ausfiele. Umso bemerkenswerter ist die Einschätzung der pflegerischen Lage, die, unabhängig von der COVID-19-Pandemie, als prekär erachtet wird. Auch in den Fokusgruppen wird der Zustand der Pflegebranche kritisch gesehen. „Das ist definitiv unterbezahlt. Für das, was die leisten. Meine jüngste Tochter macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin, außer Applaus hat sie nichts gekriegt. Finde ich ein bisschen lächerlich, wenn man sieht, was die Leute leisten. Es bleibt keine Zeit für die Patienten und, und, und. Da müssen mehr Leute beschäftigt werden. Aber es reizt auch heutzutage keinen Jugendlichen mehr, in die Richtung zu gehen, wenn er weiß, wie komm ich mit den 800 Euro hin, die ich da verdiene. Im Gegensatz zu der körperlichen Leistung und was die machen, lächerlich. Da muss auf jeden Fall was passieren. Egal ob Alten- oder Krankenpflege.“ Männlich, 46 Jahre GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 17 6. INFRASTRUKTUR, MOBILITÄT UND KLIMASCHUTZ Der Ausbau von Infrastruktur für ein Verkehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines anderen Verkehrsmittels oder Vorhabens realisierbar. Direkt vor die Wahl gestellt sprechen sich die Saarländer_innen klar für die umweltfreundlicheren Verkehrsvorhaben aus. So hätte die Hälfte der Befragten lieber mehr Fahrradwege(49 %) als Parkplätze, ein Drittel sieht es andersherum(33 %). Im Nahverkehr ist der Ausbau von Regionalbahn- und Busverbindungen deutlich beliebter(65 %) als der Ausbau des Straßennetzes(22 %). Im Fernverkehr ist der Unterschied weniger groß, dennoch sprechen sich auch hier mehr Saarländer_innen für den Ausbau des Schienennetzes(47 %) als für den Ausbau der Autobahnen(35 %) aus. Dabei hängen die Ansichten nicht vom Verstädterungsgrad des Wohnorts ab. Egal ob ländlich oder städtisch geprägt, wird der Ausbau von nicht automobilzentrierter Infrastruktur präferiert. Dies ist umso bemerkenswerter, da das Saarland ein Automobilzulieferer-Standort ist und viele Arbeitsplätze in dieser Branche beheimatet sind. Diese Präferenz beim Ausbau spiegelt jedoch nicht die aktuelle Infrastruktursituation im Saarland wider. In den qualitativen Ergebnissen wird deutlich, dass die Straßen im Vergleich zur übrigen Verkehrsinfrastruktur bereits gut ausgebaut sind. Die Präferenz alternativer Fortbewegungsmittel scheint daher weniger einer umweltbewussten saarländischen Seele zu entspringen als vielmehr der Tatsache, dass es keinen Bedarf an weiterer Straßeninfrastruktur gibt. Abbildung 7 Konflikte um Raum Es folgen nun Infrastruktur und Mobilität. Der Ausbau von Infrastruktur für ein Verkehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines anderen K V o erk n eh f r l s i m k it t te e ls o u d m er Vo R rh a ab u en m s realisierbar. Direkt vor die Wahl gestellt, welches der folgenden Vorhaben sollte im Saarland eher gefördert werden? weder noch/ Beides gleich beides gleich Ausbau des Straßennetzes 35 Ausbau des Schienennetzes im 47 Fernverkehr 16 Mehr Parkplätze 33 49 Mehr Fahrradwege 16 Ausbau des Straßennetzes 22 Frage 18: Es folgen nun Infrastruktur und Mobilität. Der Ausbau von Infrastruktur für ein Verkehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines anderen Verkehrsmittels oder Vorhabens rea © lis K ie a r n b t a a r r . 2 D 0 ir 2 e 0 kt vor die Wahl gestellt, welches der folgenden Vorhaben sollte im Saarland eher gefördert werden? 65 Ausbau von Regionalbahn- und Busverbindungen 11 Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100 %: weiß nich A t n / ga k b e e in n e in A P n ro g ze a n b t e Grundgesamtheit: deutschsprac F h eh ig le e nd B e e W vö e l r k te er z un 1 g 00 a % b : w 1 e 8 iß Ja n h ic r h e t n / k i e m ine S A aa ng rl a a b n e d Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 18 Mit alternativen Fortbewegungsmitteln wie dem öffentlichen Nahverkehr oder dem Fahrrad habe man es im Saarland dagegen schwer. Hier werden insbesondere die Anbindung an den ÖPNV in ländlichen Gebieten, die Ticketpreise und die mangelhafte Abstimmung und Vertaktung zwischen den einzelnen Verkehrsverbünden innerhalb des Saarlands genannt. „Straßen okay. Busse und Bahnen nicht.“ Männlich, 59 Jahre „Zumal es teuer ist. Teurer als in Berlin. Ich war in München bei meinem Sohn und habe mir da eine Fahrkarte gekauft. Es ist preiswerter als hier im Saarland. Das ist ein Unding.“ Weiblich, 59 Jahre „Bei uns ist es im Saarland anders als in Berlin. Berlin ist ein großer Verbund, der ist so groß wie[das] Saarland. Und[das] Saarland hat wahrscheinlich wie viele Regionen? Jede ihren eigenen Verkehrsverbund und wenn der Bus kommt, ist der andere schon weg. Wenn ich drei Busse nehmen müsste, brauche ich einen Vormittag, bis ich dann schon wieder nach Hause fahre.“ Weiblich, 46 Jahre Hinsichtlich der Nutzung des Fahrrads haben die Teilnehmenden verschiedene Bedenken, diese betreffen vor allem die Sicherheit und die Machbarkeit im Alltag. „Ich habe es mal ein knappes Jahr probiert, aufs Fahrrad umzusteigen, um das Auto mehr stehen zu lassen, aber bin schlicht und einfach an dem Verkehrsverhalten der Autofahrer gescheitert. Es ist lebensgefährlich auf unseren Straßen mit dem Fahrrad. Oder Baden-Württemberg, Konstanz, da hat es schon vor 30 Jahren ein fantastisches Radwegenetz gegeben. Wieso geht es bei uns nicht? Ich verstehe es nicht.“ Weiblich, 59 Jahre „Ich denke, im Saarland ist es ein bisschen schwierig, es gibt Förderprogramme, das nennt sich Klimaschutz durch Radverkehr, aber ich finde es schwierig im Saarland, weil die Wege sind sehr weit. Ich glaube, dass die Arbeitswege im Saarland zu weit sind. Ich könnte auch nicht mit dem Fahrrad auf die Arbeit fahren, weil ich zu lange unterwegs wäre. Und das ist hier schon öfters der Fall. Es ist schwierig, da Erfolge zu erzielen.“ Weiblich, 27 Jahre Abbildung 8 Umwelt- und Klimaschutz U Ko m mm w en e w l i t r nu u n n zu d m U K m l w i e m lta un s d c Kl h im u as t ch z utz. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Die Wirtschaft im Saarland muss umweltund klimafreundlicher werden. 77 34 43 15 4 19 Stahlproduktion und Klimaschutz sind kein Widerspruch. 61 26 35 24 7 31 Ich bin bereit, mehr für Strom zu bezahlen, wenn dieser aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Frage 19: Kommen wir nun zum Umwelt- und Klimaschutz. Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? © Kantar 2020 56 25 31 22 20 42 Ang A a n b g e a n be i n n in Pr P o ro z z e e n n t t Fehlende W Fe e h r l t e e nd z e u W 1 e 0 r 0 te  % zu : 1 w 00 e % iß : w n e ic iß h n t ic / h k t e / i k n e e in A e n An g g a a b b e e Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 19 Die grundsätzliche Offenheit der Saarländer_innen für Umwelt- und Klimaschutz zeigt sich auch in Wirtschaftsfragen. Drei Viertel sind der Ansicht, dass die Wirtschaft im Saarland umwelt- und klimafreundlicher werden müsse(77 %). Wie bereits in Kapitel 4 gesehen, bedeutet dies jedoch nicht automatisch, dass das Saarland seine angestammten Industriezweige aufgeben muss. Sechs von zehn Saarländer_innen glauben, dass Stahlproduktion und Klimaschutz kein Widerspruch seien(61 %). Aus Sicht der Bevölkerung sollte das Saarland also eher versuchen, die aktuellen Industriezweige klimafreundlicher zu machen, als den Industrien den Rücken zu kehren. Beim Thema Umwelt- und Klimaschutz sind Forderungen leicht zu stellen, solange sie nicht den eigenen Geldbeutel betreffen. Selbst mehr zu bezahlen, um Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien zu gewinnen, hierzu ist gut die Hälfte der Menschen an der Saar bereit(56 %). Frauen(62 %) können sich dies eher vorstellen als Männer (49 %). Außerdem steigt die Bereitschaft mit formaler Bildung(47 % Zustimmung bei niedriger Bildung versus 67 % Zustimmung bei hoher Bildung) und einem höheren Ein­ kommen(45 % Zustimmung bei einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.500 Euro versus 65 % Zustimmung bei monatlich 3.000 Euro und mehr). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 20 7. GESELLSCHAFT, BILDUNG UND FAMILIE Das Saarland ist von einem fortschreitenden Bevölkerungsrückgang betroffen.Im Jahr 2060 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts – je nach Modell – noch zwischen 770.000 und 859.000 Menschen im Saarland leben. 6 Bei einer aktuellen Bevölkerungsgröße von ca. 985.000 7 bedeutet dies einen Rückgang zwischen 13 und 22 %. Gleichzeitig wird die Bevölkerung im Zuge des demografischen Wandels im Durchschnitt immer älter. Diese beiden Ent­ wicklungen stellen das Saarland vor massive Probleme, zum Beispiel bei Fragen der Altersfinanzierung, des Fachkräfte­ angebots und der öffentlichen Daseinsvorsorge. Die Landesregierung hat sich das Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass mittelfristig wieder eine Million Menschen im Saarland leben. Die Saarländer_innen selbst sind sehr skeptisch, ob dieses Ziel erreichbar ist. Nur drei von zehn(30 %) glauben, dass das Saarland den Bevölkerungsrückgang stoppen kann, 60 % sind der Meinung, dass er unaufhaltsam sei. Jüngere Menschen sind dabei etwas optimistischer(37 % vs. 22 % Zustimmung bei Befragten ab 60 Jahren), wenngleich sie mehrheitlich auch nicht an eine Trendumkehr glauben. Einen wesentlichen Einfluss auf die Einschätzung dieses Unterfangens hat die Bewertung der aktuellen Lage im Saarland in Wirtschafts- und Gerechtigkeitsfragen. Wer dem Saarland hier gute Noten ausstellt, ist auch optimistischer, dass es das Saarland schafft, wieder mehr Menschen anzulocken. Auch die Teilnehmenden der Fokusgruppen sehen den Bevöl­ kerungsrückgang als großes Problem. Als die beiden Hauptgründe hierfür werden geringere Verdienstmöglichkeiten als in anderen Bundesländern oder auch Luxemburg sowie insgesamt zu wenig Arbeitsplätze im Saarland genannt. Als Lösung der wirtschaftlichen Probleme des Saarlands wird immer wieder die Ansiedlung neuer Unternehmen vorgeschlagen. Außerdem sind eine attraktivere Entlohnung in vielen Branchen und die Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur Lösungsansätze in diesem Kontext. „Wo das Saarland auch in sehr vielen Branchen unterdurchschnittlich bezahlt und das ist einfach eine wirtschaftliche Entscheidung, ob man dableibt oder nicht. Das Saarland ist klein und wenn man in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen wohnt, ist man auch nicht so weit weg, verdient aber 1.000 Euro mehr im Monat. Das ist eine ganz banale Entscheidung.“ Weiblich, 24 Jahre Die Saarländer_innen bewerten den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Saarland im Allgemeinen als stark. Auf einer Skala von 0(„sehr gering“) bis 10(„sehr stark“) liegt die Einschätzung durchschnittlich bei 7,2. 71 % der Saarländer_ innen wählen dabei einen höheren Wert zwischen 7 und 10. Die Einschätzung des gesellschaftlichen Zusammenhalts hängt stark von der eigenen wirtschaftlichen Situation der Befragten ab. Menschen mit einem monatlichen Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.500 Euro liegen beispielsweise bei einem Durchschnittswert von 6,6, Saarländer_innen mit monatlich 3.000 Euro und mehr hingegen bei 7,5. 6 Destatis 2020: Bevölkerungsvorausberechnung. Eigene Berechnung in Genesis-Datenbank, letzter Zugriff am 30.10.2020. 7 Stand 06/2020, siehe http://www.statistikportal.de/de/saarland/bevoelkerung, letzter Zugriff am 30.10.2020. GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 21 Gesellschaftlicher Zusammenhalt Abbildung 9 Gesellschaftlicher Zusammenhalt Wie stark schätzen Sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Saarland auf einer Skala von 0 sehr klein bis 10 sehr groß ein? 51 23 20 2 2 Frage 21: Wie stark schätzen Sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Saarland auf einer Skala von 0 sehr gering bis 10 sehr stark ein? © Kantar 2020 In den Fokusgruppen wird deutlich, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt im Saarland durch Corona jedoch unter Druck gerät. Teilweise sehen die Teilnehmenden eine krisenbedingte zunehmende Spaltung der Gesellschaft, mehrfach attestieren sie, dass sich die Menschen im Saarland aktuell vor allem um sich selbst kümmern und darum, wie sie ihr eigenes Leben regeln. „Ich merke es jetzt gerade bei Corona, das verschärft sich. Ich finde, die Gesellschaft teilt sich zunehmend in Menschen, die noch lachen können auf der Straße, und Menschen, die einfach, die fahren in der Saarbahn, die laufen durch die Bahnhofstraße, die sind bei der Arbeit, gar keine Freude ausstrahlen. So gar kein Selbst haben, das sie dem anderen vermitteln können. Ich finde es total erschreckend.“ Weiblich, 46 Jahre „Ich bin mit einigen befreundet, die haben alle nur die nächsten Wochen, Monate vor Augen, weil sie sich jetzt teilweise umorientieren können. Dass sie gar nicht die Kapazität haben, weiterzuschauen in die Zukunft, weil sie nur gucken, dass sie ihre Schäfchen ins Trockene kriegen. Dass man die Miete bezahlt kriegt, weil sich durch Corona einiges geändert hat.“ Weiblich, 24 Jahre 7,2 Ø Ang A a n b g e a n be i n n in Pr P o ro z z e e n n t t Fehlende W Fe e h r l t e e nd z e u W 1 e 0 rt 0 e % zu : 1 w 00 e % iß : w n e ic iß h n t ic / h k t e / i k n e e in A e n An g g a a b b e e Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland 8 Während das Saarland bemüht ist, seine Hochschullandschaft stärker auf MINT und IT-Forschungsfelder zu fokussieren, ist die Akademikerrate im Bundesland vergleichsweise gering. Die Bevölkerung im Saarland ist jedoch mehrheitlich (78%) davon überzeugt, dass es wichtig ist, eine Hochschulausbildung zu haben, um auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bestehen zu können. Diese Sichtweise unterscheidet sich nur unwesentlich zwischen den Subgruppen. Einzig bei den Altersgruppen gibt es nennenswerte Differenzen: Hier sehen wir eine größere Zustimmung bei der Altersgruppe über 60 (85 %) als bei den Jüngeren bis 39 Jahre(72 %). Auch in den Fokusgruppen äußern sich die jüngeren Befragten tendenziell skeptischer zum Akademisierungsgrad. „Ich weiß nicht mal, ob das Saarland mehr Akademiker braucht, aber die Berufe, die keiner mehr machen will, müssen attraktiver gestaltet werden. Gerade Altenpflege, Gesundheitssystem. Das macht man ja nicht wegen Geld, sondern weil man es unbedingt machen will. Das könnte ein schöner Beruf sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen würden. Das ist im Handwerk genauso.“ Weiblich, 27 Jahre Der Ruf der Hochschule im Saarland gilt in den Fokusgruppen jedoch eher als schlecht. Einzig der IT-Bereich stellt hier eine Ausnahme dar. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 22 „Wenn jemand sagt, er hat in Tübingen oder Marburg studiert, das hört sich anders an.“ Weiblich, 64 Jahre „Das Einzige, was an der Uni Saarbrücken gefördert wird, ist Informatik. Alles andere geht ganz steil den Bach runter. Alle Geisteswissenschaften, alles im sozialen Bereich kann man an der Uni vergessen.“ Männlich, 27 Jahre Berufstätige Alleinerziehende stehen gerade in CoronaZeiten vor besonderen Herausforderungen, wenn sie aufgrund weitgehend geschlossener Kitas und Schulen neben der Arbeit auch noch ihre Kinder betreuen müssen. Die Saarländer_innen fordern mit großer Mehrheit(86 %) von der Politik mehr Unterstützung für Alleinerziehende in dieser Situation. Dieses Bild verstärkt sich in den Fokusgruppen, hier werden fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten für berufstätige Frauen angeprangert. In der Frage kostenloser Kitaplätze sehen die Saarländer_innen den Staat in der Pflicht. Nur 39 % fordern, den Elternbeitrag beizubehalten, um damit die Qualität in den Kitas steigern zu können. Auch in den Fokusgruppen verweisen die Teilnehmenden auf die als zu hoch erachteten Kinderbetreuungskosten. Außerdem bemängeln die Menschen im Saarland eine fehlende Chancengleichheit, so seien die Zukunftschancen der Kinder weitestgehend von Bildung und Einkommen der Eltern bestimmt(85 %). Hier offenbart sich in den Gruppendiskussionen ein deutlicher Dissens zwischen den Gene­ra­ tionen. Während insbesondere ältere Befragte das Schulsystem im Saarland als durchlässig erachten und dadurch eine Chancengleichheit gegeben sehen, sind jüngere Teilnehmende skeptischer. Sie kritisieren dabei überwiegend alternative Schulformen, die ihrer Meinung nach kaum förderlich für Chancengleichheit sind. In der grundsätzlichen Bewertung des Bildungssystems im Saarland sind sich die Teilnehmenden der Gruppendiskussionen wiederum einig: Sie sehen große Probleme, vor allem bei der personellen und materiellen Ausstattung der Schulen. Das saarländische Bildungssystem rangiert aus Sicht der Teilnehmenden bundesweit weit hinten, immer weniger Schulabsolvent_innen verfügten über das nötige Grundlagenwissen für eine anschließende Berufsausbildung. Abbildung 10 Aussagen zum Thema„Bildung und Soziales“ Aussagen zum Thema Bildung und Soziales Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen rund um Bildung und Soziales im Saarland zu? Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Die Politik sollte sich viel stärker um Alleinerziehende kümmern, die arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen. 86 51 35 9 2 11 Die Zukunftschancen der Kinder werden im Saarland nach wie vor stark von Bildung und Einkommen der Eltern bestimmt. 85 50 35 9 2 11 Kitaplätze sollen kostenpflichtig bleiben, um mit dem Elternbeitrag die Qualität in den Kitas steigern zu können. Frage 23: Inwieweit stimmen Sie den folgenden Aussagen rund um B © ild K u a n n g ta u r nd 20 S 2 o 0 ziales im Saarland zu? 39 16 23 31 24 55 Ang A a n b g e a n be i n n in Pr P o ro z z e e n n t t Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesa F m e t h he le it: n D d e e ut W sc e hs r p te ra z ch u ig 1 e 0 B 0 e % völ : ke w ru e n iß g a n b ic 1 h 8 t J / ah k r e e i n n i e m A S n aa g r a la b n e d Grundgesamtheit: deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland 9 GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 23 „Mein Schwager hat eine Haustechnik, also Heizung-Sanitär, einen Betrieb. Teilweise hat er auch sehr gute Lehrjungen. Aber die schaffen die Schule einfach nicht. Weil die sind in der Schule überfordert. Der setzt sich abends mit denen hin und macht mit denen Rechnen, das ist ja keine Mathematik. Solche Sachen, das kapieren die nicht. Das lernen die nicht in der Grund- oder Hauptschule oder auch teilweise Realschule.“ Männlich, 64 Jahre „Eine ordentliche Ausstattung in der Schule, genügend Lehrer, genügend Personal, keine Fehlzeiten, nicht dass die Kinder plötzlich nach Hause müssen, weil der Lehrer krank ist. Dass es Ersatz genug gibt. Dass man mehr investiert. Dass das Bildungsministerium mehr Geld reinsteckt, damit da auch mehrere Lehrer sind, die sich mal abwechseln können.“ Weiblich, 64 Jahre Umso wichtiger sei ein engagiertes Elternhaus, das die Kinder unterstützt und motiviert. Dies ist insbesondere aus Sicht der älteren Teilnehmenden unabdingbar für den späteren Erfolg der Kinder. „Bildung fängt zu Hause an.“ Weiblich, 59 Jahre „Da ist heute niemand da, der sich drum kümmert, dass sich das, was die in der Schule gelernt haben, auch festigt. Es ist sehr viel auch das Elternhaus mittlerweile.“ Weiblich, 59 Jahre Aufgrund dieser Wahrnehmungen priorisieren die Teilnehmenden der Fokusgruppen im Bildungsbereich ganz klar den Handlungsbedarf in Grund- und weiterführenden Schulen, gefolgt von Maßnahmen zur digitalen Weiterbildung und Qualifikation. Hierzu zählen mehr Investitionen in Schulen allgemein, eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte, um diese im Land zu halten, und ausreichend Schulen auch im ländlichen Raum. „Grundschullehrer besser bezahlen, dass die nicht in die Pfalz überwechseln, ins andere Bundesland. Dass die hierbleiben. Auch Gymnasiallehrer werden schlechter bezahlt als in der Pfalz. Dann ziehen die natürlich über die Grenze und gehen nach Kaiserslautern. Oder nach Mainz oder irgendwo anders hin. Da muss mehr investiert werden.“ Weiblich, 64 Jahre Im Schulkontext wird in den Fokusgruppen übereinstimmend die Rückkehr zum G9-System gefordert. Kinder sollen ausreichend Freiraum für außerschulische Aktivitäten haben, zum Beispiel in Vereinen. Außerdem wird die Vermittlung lebenspraktischer Lerninhalte gefordert. Ein weiteres Schuljahr biete schwächeren Schüler_innen zudem mehr Unterstützungsmöglichkeiten. Abbildung 11 Di D s D ku iis s s s k i k o u n u i s n ss F s o i k ioo us nn gru iin p n pe FF n ookkuussggrruuppppeenn Pr P io P r r i r s i i io e o r r u ri n iss g iie v e o rru n un In n v gg es v t v it o i o o n n n e I n Inn im vve B es il s d t u tiit n ti g ioo s n s n e e k e t n o n r iimmBBiilldduunnggsssseekkttoorr GGrruuppppee11 GGrruuppppee22 © Kantar 2020 33 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 24 „Ich bin auch kein Freund von der Komprimierung, man geht ja später noch lange genug arbeiten. Es ist ja nicht wirklich Zeitlassen, sondern es war ja vorher schon relativ viel Stoff. Das noch zu komprimieren, es bringt nicht immer was.“ Männlich, 38 Jahre In den Fokusgruppen ist der Blick in die Zukunft differenzierter, hier werden neben einer grundsätzlichen Zuversicht auch vielfältige Sorgen bezüglich der persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung genannt. Häufig hängen diese mit der Corona-Pandemie und ihren Folgen zusammen, hier sind insbesondere gesundheitliche und wirtschaftliche Sorgen zu nennen. „Ich sehe, das G8 ist kontraproduktiv zu den Vereinen. Die Kinder können nicht mehr nachmittags Sport treiben gehen. Ich bin in einem Schwimmverein. Die Kinder kommen in die Grundkurse, schwimmen ein bisschen und mit zehn, zwölf Jahren merken sie plötzlich, es funktioniert nicht mehr, dann sind sie weg. Aber ein gesunder Körper braucht einen gesunden Geist.“ Männlich, 64 Jahre „Und auch das Lebenswirkliche. Ich kenne 18 Leute, die haben noch nie eine Überweisung gemacht. Die sind fernab. Oder Steuererklärungen. Das sind lebenswirkliche Sachen, die die Kinder heutzutage nicht kennen...“ Weiblich, 27 Jahre „Dass alles viel kompakter und schneller durchgezogen wird im Unterricht, ist nicht immer von Vorteil. Die Kinder, die ein bisschen Lernschwäche haben, wenn sie ein bisschen mehr Unterstützung bekämen, könnten sie es auch mit G9 schaffen, da verbauen wir Chancen.“ Männlich, 46 Jahre „Ich habe Angst vor der zweiten Corona-Welle, weil die Menschen, ja, bei der ersten Welle ist ja nichts passiert. Warum soll jetzt was passieren? Die Leute werden unvernünftig und da habe ich überhaupt kein Verständnis für. Das macht mich teilweise sehr aggressiv und wütend.“ Weiblich, 59 Jahre „Mein Mann ist selbstständig. In diesen Zeiten weiß man nie, wie man … ob man das nächste Jahr noch schafft. Das ist schon durch Corona eine große Belastung. Aber hoffen wir, dass es zu keinem neuen Lockdown kommt. Und dann sollte das nächste Jahr auch noch über die Bühne gehen. Und viel weiter kann man im Moment noch nicht denken.“ Weiblich, 59 Jahre Für ihre eigene und die Zukunft ihrer Familien wünschen sich die Saarländer_innen in erster Linie Gesundheit und dass die Dinge im Wesentlichen so bleiben, wie sie sind. Das Saarland hat in seiner Geschichte schon einige struk­ turelle Veränderungen durchlebt. Die Menschen an der Saar jedenfalls bleiben trotz der aktuellen Herausforderungen im Saarland optimistisch. Sieben von zehn Saarländer_ innen (70 %) sehen alles in allem zuversichtlich in die Zukunft. Diese Einschätzung wird dabei im Wesentlichen von der eigenen wirtschaftlichen Situation beeinflusst. Während drei Viertel(75 %) derer, denen es aktuell gut geht, auch optimistisch in die Zukunft blicken, ist es nur gut die Hälfte(54 %) derer, die aktuell finanzielle Sorgen haben. In gleichem Maße ist die prognostizierte persönliche wirtschaftliche Entwicklung für die Sicht auf die Zukunft insgesamt ausschlaggebend(80 % versus 52 %). GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 25 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1 Persönliche wirtschaftliche Lage aktuell 6 Abbildung 2 Bewertung Krisenmanagement Saarland 8 Abbildung 3 Diskussion in Fokusgruppen Priorisierung zentraler Herausforderungen 9 Abbildung 4 Vertrauen in Organisationen und Institutionen 10 Abbildung 5 Determinanten eines erfolgreichen Strukturwandels 11 Abbildung 6 Gesundheit und Pflege im Saarland 15 Abbildung 7 Konflikte um Raum 17 Abbildung 8 Umwelt- und Klimaschutz 18 Abbildung 9 Gesellschaftlicher Zusammenhalt 21 Abbildung 10 Aussagen zum Thema„Bildung und Soziales“ 22 Abbildung 11 Diskussion in Fokusgruppen Priorisierung von Investitionen im Bildungssektor 23 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DAS SAARLAND IM DIGITALEN UND ÖKOLOGISCHEN WANDEL 26 Anhang Untersuchungsanlage quantitative Teilstudie Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland Erhebungsverfahren: Mixed-Mode-Befragung(CATI/CAWI) Stichprobenanlage: CATI: repräsentative Zufallsstichprobe CAWI: Quotenstichprobe aus Access-Panel Erhebungszeitraum: 9. bis 26. Juni 2020 Fallzahl: 1.233 Interviews Gewichtung: Designgewichtung und faktorielle Gewichtung nach soziodemografischen Merkmalen(Alter, Geschlecht, Bildung, Region) Untersuchungsanlage qualitative Teilstudie Grundgesamtheit: Deutschsprachige Bevölkerung ab 18 Jahren im Saarland Erhebungsverfahren: Fokusgruppen Stichprobenanlage: Quotenstichprobe Durchführung: 22. September 2020, ca. 2 Stunden pro Gruppe Gruppen(größe): 2 Gruppen mit jeweils 6 Teilnehmenden, getrennt nach dem formalen Schulabschluss GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG 27 Das Institut und die Ansprechpartner_innen Kantar GmbH Alt-Moabit 96a 10559 Berlin Christoph Döbele +49(0)30 533 22 209 christoph.doebele@kantar.com Christiane Scholz +49(0)30 533 22 208 christiane.scholz@kantar.com FOLGEN FÜR DEN GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALT UND DIE WIRTSCHAFTLICHE ENTWICKLUNG IMPRESSUM: ISBN 978-3-96250-828-9 Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung Regionalbüro Rheinland-Pfalz/Saarland Große Bleiche 18–20 55116 Mainz Tel.: 06131 96067-0 Fax: 06131 96067-66 w w w.fes.de/ mainz Verfasser_innen Christoph Döbele Christiane Scholz Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Durchführung der Repräsentativbefragung Kantar GmbH Alt-Moabit 96a 10559 Berlin Lektorat Dr. Christian Jerger ad litteras Lektorat& Korrektorat Gestaltung Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Titelfoto picture alliance/ BeckerBredel| BeckerBredel Druck Druckerei Brandt GmbH, Bonn © Friedrich-Ebert-Stiftung 2021 Publikationen der Friedrich-Ebert-Stiftung dürfen nicht für Wahlkampfzwecke verwendet werden. Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter: ht tps: //w w w.fes.de /mainz ISBN 978-3-96250-828-9