Zusatztexte zur Originalausgabe Digitale Industrie. Algorithmische Arbeit. Gesellschaftliche Transformation. Onlineveröffentlichung in Ergänzung der Originalausgabe Schriftenreihe Interdisziplinäre Perspektiven Das politische Fachbuch der Abteilung Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung Herausgegeben von Pia Bungarten und Markus Trömmer Band 4 In der Reihe sind bisher erschienen: Band 1: Ursula Bitzegeio, Jürgen Mittag, Lars Winterberg(Hg.): Der Politische Mensch. Akteure gesellschaftlicher Partizipation im Übergang zum 21. Jahrhundert, Bonn 2015. Band 2: Ursula Bitzegeio, Frank Decker, Sandra Fischer, Thorsten Stolzenberg(Hg.): Flucht, Transit, Asyl. Interdisziplinäre Perspektiven auf ein europäisches Versprechen, Bonn 2018. Band 3: Philipp Adorf, Ursula Bitzegeio, Frank Decker(Hg.): Ausstieg, Souveränität, Isolation. Der Brexit und seine Folgen für Europa, Bonn 2019. Wolfgang Schroeder · Ursula Bitzegeio Sandra Fischer(Hg.) Digitale Industrie Algorithmische Arbeit Gesellschaftliche Transformation Impressumsdaten der Originalausgabe: Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.dnb.de abrufbar. ISBN 978-3-8012-4272-5 © 2020 by Verlag J. H. W. Dietz Nachf. GmbH Dreizehnmorgenweg 24, 53175 Bonn Schriftleitung: Jacob Hirsch Umschlaggestaltung: Jens Vogelsang, Aachen Satz: Kempken DTP-Service | Satztechnik ∙ Druckvorstufe ∙ Mediengestaltung, Marburg Druck und Verarbeitung: CPI books, Leck Alle Rechte vorbehalten Printed in Germany 2020 Besuchen Sie uns im Internet: www.dietz-verlag.de Christoph er Wimmer Alter Wein in neuen Schläuchen? Eine Re-lektüre von Karl Marx vor dem Hintergrund der Digitalisierung Angeblich stehen wir aktuell vor einer Zeitenwende, dem Zeitalter der Digitalisierung. Von der Arbeitswelt über die Lebenswelt, die Freizeitgestaltung und den öffentlichen Raum bis hin zu Politik und Privatsphäre scheint sie die bestehenden Verhältnisse umzupflügen und schafft neue Lebenssituationen, die in ihren Voraussetzungen und in ihren Konsequenzen für Arbeit, Gemeinwohl und Leben noch nicht angemessen verstanden, geschweige denn gestaltet und beherrscht werden können. Technisch versteht man unter dem Begriff der Digitalisierung Informations- und Kommunikationsprozesse, die sich mittels digitaler Speicher-, Übertragungs- und Verarbeitungstechnik verbessern sollen. Innovative Hard- und Software tragen dazu bei, dass dies immer öfter, besser und schneller möglich ist. Neben der technischen Seite ist in die DNS der Digitalisierung aber auch ein genuin gesellschaftlicher Prozess eingeflochten. Dabei geht es um die Orientierung 1 Staat und Politik der Individuen an Bewertungen und sogenannten Likes. Alle Lebensbereiche können nun leichter quantifiziert werden. 1 In der Arbeitswelt treten Entgrenzung 2 und dauerhafte Erreichbarkeit durch Smartphones, mobiles Arbeiten, Cloud-Work und Projekthaftigkeit vermehrt an die Stelle regulärer Beschäftigungsverhältnisse. Die über Plattformen vermittelte Arbeit – sei es im Bereich der On-Demand-Dienstleistungen(wie der Taxidienst Uber) oder das Crowdworking – bedeutet bisher eine neue negative Qualität der Arbeit und der Ausbeutung. In dieser Diskussion taucht mit der Information 3 ein Begriff in der Debatte auf, der schwer zu definieren ist, aber von entscheidender Bedeutung zu sein scheint. Am ehesten kann man sich ihm wohl negativ nähern: Information ist alles, was nicht dinglich beschaffen ist, sondern als Bits und Bytes oder als Algorithmus dargestellt, geteilt und weiterverarbeitet werden kann. Dieses immaterielle Gut wird nun in der digitalen Welt zu einer Ware, aus der Profit entstehen kann. Dies geschieht beispielsweise dann, wenn Facebook unsere Benutzerinformationen wie Geschlecht, Alter oder private Vorlieben zu Werbezwecken weiterverkauft – und wir dann passgenaue und personalisierte Werbung erhalten. Aber handelt es sich dabei um konkrete Arbeit? Wer arbeitet eigentlich und wem gehören in diesem Prozess die Produktionsmittel? Was sind hier überhaupt die Produktionsmittel? Die digitale Ökonomie scheint die klassischen Begriffe der Ökonomie grundlegend herauszufordern und vielleicht sogar obsolet zu machen. In diesem Sinne kann die Digitalisierung als Zeitenwende betrachtet werden. 4 Im Folgenden gehe ich der Frage nach, woher eine solche Sichtweise insbesondere in sich marxistisch verstehenden Diskussionen rührt und wer die Protagonist_ innen dieser Debatte sind. Danach schlage ich vor, Digitalisierung als Wandel der kapitalistischen Produktionsweise zu verstehen. Dafür gebe ich im letzten Kapitel einige theoretische und empirische Belege. Das Ziel dieses Artikels soll sein, Digi1 Steffen Mau: Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen, Berlin 2017. 2 Karin Gottschall/Gerd Günter Voß: Entgrenzung von Arbeit und Leben. Zum Wandel der Beziehung von Erwerbstätigkeit und Privatsphäre im Alltag, München 2005. 3 Wolfgang Fritz Haug: High-Tech-Kapitalismus. Analysen zu Produktionsweise – Arbeit – Sexualität – Krieg& Hegemonie, Hamburg 2013, S. 102 ff.; Robert Feustel: Am Anfang war die Information. Digitalisierung als Religion, Berlin 2018. 4 Die Digitalisierung wird häufig als unaufhaltsamer Naturprozess verstanden, auf den die Menschen keinen Einfluss hätten. Die Digitalisierungsdebatte gleicht damit dem Globalisierungsdiskurs der 1990er-Jahre. Doch fallen Digitalisierung und Industrie 4.0 nicht vom Himmel; in technische Neuerungen wird im Kapitalismus aufgrund von Profitinteressen investiert. 2 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? talisierung nicht als eine unabhängige Tatsache zu begreifen, sondern als Tendenz innerhalb der kapitalistischen Entwicklung, der man mit(genauer) Anwendung der Kritik der politischen Ökonomie nach Karl Marx auf die Spur kommen kann, um nicht auf die vielen Mythen einer sich angeblich digitalisierenden Welt hereinzufallen. Die»marxistische« Grundlage der Digitalisierung Veränderungen sind im Kapitalismus nichts Ungewöhnliches. Von der Dampfmaschine über das Fließband bis hin zum Computer entwickelten sich immer neue Technologien, welche die Produktion erleichtern sollten. 5 Die kapitalistische Ökonomie ist ein System, das auf Entwicklung und Zukunft ausgerichtet ist. 6 Um zu überleben, müssen Unternehmen fortwährend neue Produkte erfinden, sie müssen investieren und produktiver werden. Tun sie das nicht, gehen sie unter. 7 Das Konkurrenzprinzip zwingt Unternehmen ständig dazu, besser zu sein als andere. Im 21. Jahrhundert bedeutet dies verstärkt, fehlerhafte Menschen durch scheinbar fehlerlose Maschinen – vermehrt auch durch Algorithmen – zu ersetzen. In diesem Prozess nimmt der Anteil der konkreten menschlichen Arbeitskraft immer weiter ab. Der Anteil der Maschinen im Produktionsprozess steigt hingegen an. Für diese Entwicklung und den Einsatz von Technologie ist jedoch zunehmend Wissen notwendig. In den aktuellen Diskussionen über Digitalisierung kommt gar die Behauptung auf, das Wissen werde zur Voraussetzung und zum dominierenden Bestandteil der Produktion. In nuce gesprochen sähe eine Gegenwartsanalyse des digitalen Zeitalters daher wohl folgendermaßen aus: Algorithmen produzieren selbstständig, Informationen werden zu Ware, Daten zur Währung und zum Rohstoff. Dabei geht es um eine Betrachtung der Gegenwart, die nicht 5 Für die Unternehmen brachten solche Entwicklungen Kostenersparnisse mit sich. Für die Beschäftigten war und ist technologischer Fortschritt stets ambivalent: Zum einen treten Maschinen in Konkurrenz zu den Menschen, zum anderen bedeutet technischer Fortschritt auch die grundsätzliche Möglichkeit der Befreiung von(unwürdiger, stupider und repetitiver) Lohnarbeit. 6 Jens Beckert: Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, Berlin 2018. 7 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, Berlin 1967, S. 254 f. 3 Staat und Politik mehr durch»die fabrikmäßige Herstellung von Waren und deren Verkauf« 8 geprägt ist, sondern durch»die Organisation des Zugangs zu Wissen und Information«. 9 Der Kapitalismus schafft es verstärkt, sich zu digitalisieren, und er ist nicht mehr auf konkrete menschliche Arbeitskraft angewiesen. Folgt man dieser Behauptung, hat dies Konsequenzen für unser Verständnis der gegenwärtigen Ökonomie. Wird nun angeblich(Mehr-)Wert jenseits der konkreten menschlichen Arbeitskraft erzeugt, fordert dies fundamental die Grundlagen der Wirtschaftstheorie heraus. Die klassische Arbeitswertlehre – von Adam Smith und David Ricardo entwickelt 10 –, wonach sich der Wert einer Ware durch die Arbeitszeit bestimmt, die zu deren Produktion gesellschaftlich notwendig ist, scheint unter aktuellen Bedingungen hinfällig. Braucht es einen neuen Analyserahmen? Dass diese Entwicklung so neu nun doch nicht ist, macht ein Blick in die Grundrisse von Karl Marx aus dem Jahr 1858 deutlich. Bereits dort stellt sich Marx die Frage, wie eine Ökonomie, die immer weniger menschliche Arbeitskraft benötigt, verstanden werden kann. Marx bringt dort bereits den zugrunde liegenden Systemwiderspruch des Kapitalismus auf den Punkt. Er schreibt: »Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch[dadurch], dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt.[…] Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur[…] ins Leben, um die Schöpfung des Reichtums unabhängig(relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten.« 11 Auf den wenigen Seiten in den Grundrissen, die als Maschinenfragment 12 einiges an Popularität erlangten, spielt Marx nun diese Entwicklung wie ein Mathematiker durch, der eine Kurve gegen null gehen lässt. Was passiert, wenn lebendige Arbeits8 Timo Daum: Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie, Hamburg 2017, S. 12. 9 Ebd. 10 Nils Fröhlich: Die Aktualität der Arbeitswerttheorie. Theoretische und empirische Aspekte, Marburg 2009. 11 Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1983, S. 601f. 12 Christian Lotz: Das Maschinenfragment, Hamburg 2014. 4 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? kraft immer weiter ab- und der Anteil des Wissens und der Maschinerie immer weiter zunimmt? Die Annäherung an den Nullpunkt wäre die komplett automatisierte Welt mit einem verbliebenen Superroboter, der nur noch einen Arbeiter oder eine Arbeiterin braucht, der oder die alles überblickt und den An-und-aus-Knopf bedient. Letztlich würde dies auf folgendes Szenario hinauslaufen: »Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören, die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert[das Maß] des Gebrauchswerts. Die Surplusarbeit der Masse hat aufgehört, Bedingung für die Entwicklung des allgemeinen Reichtums zu sein[…]. Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusammen.« 13 Übersetzt man dies auf heutige Debatten, könnte man sagen, dass mit der Digitalisierung die kapitalistische Produktionsweise an ihr Ende gekommen ist. Die technologische Entwicklung beraubt den Kapitalismus seiner Grundlagen und schafft Raum für Neues. Negri, Mason, Srnicek/Williams: der technologische Weg in die Freiheit Das Maschinenfragment – gemeint ist damit der Abschnitt Fixes Kapital und Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft in den Grundrissen – umfasst nur einige wenige Seiten und doch entzünden sich an diesem kurzen Text in den letzten Jahren einige veritable Debatten über die Zukunft des Kapitalismus und die Möglichkeit seiner Überwindung. 14 Im Text wird dargelegt, wie die kapitalistische Produktionsweise an ihr Ende gelangen könnte. Es ist eine der äußerst wenigen Stellen im Marx’schen Werk, in denen dies passiert. Wie oben bereits geschildert, geht es Marx um den stetigen Rückgang der menschlichen Arbeitskraft. Die eigentliche Arbeit verrichten nicht mehr die Arbeiter_innen, sondern die Maschinen. Was 13 Marx: Grundrisse, S. 601. 14 Martin Burckhardt: Der Kapitalismus ist tot(er weiß es nur noch nicht). Marx’»Maschinenfragment« und die Logik des Plattform-Kapitalismus, in: Merkur 72(2018) 831, S. 21-33; Werner Goldschmidt: Das Maschinenfragment und die Befreiung der Arbeit. Zur Kritik einer politischen Konstruktion, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung 2(2018) 115, S. 118-132. 5 Staat und Politik für die Menschen zu tun bleibt, sind die Wartung und Aufsicht. Hierbei nimmt die Bedeutung der Kopf- und Wissensarbeit im Gegensatz zur Handarbeit zu. Ausgehend von dieser These nahm eine marxistische Strömung aus Italien, die später als Post-Operaismus bezeichnet wurde, die kognitiven Aspekte der Arbeit stärker in den Blick. Bedeutendster Vertreter dieser Theorieströmung ist der Politikwissenschaftler Antonio Negri. Er prägte den Begriff der»immateriellen Arbeit«, 15 der unter Bedingungen der Digitalisierung wieder zu neuen Ehren kommt, da er aktuelle Phänomene wie die Weiterverarbeitung von Informationen, das Pflegen von Netzwerken und die Produktion von Wissen besser fassen kann als der Arbeitsbegriff der klassischen ökonomischen Lehre. Negri liefert damit avant la lettre einen Arbeitsbegriff für die zunehmend digitalisierte Welt, in der wir leben. Von besonderer Bedeutung für Negri und seine Kolleg_innen war dabei ein Begriff, den Marx im Maschinenfragment eingeführt hatte: der general intellect. Eine Gesellschaft befindet sich immer auf einem historisch-spezifischen Stand der Produktivkräfte. Für die Unternehmen besagt dies ganz einfach, dass sie das Rad nicht immer wieder neu erfinden müssen. WLAN muss beispielsweise nicht mehr neu entdeckt werden und die Industrie kann auf rund 150 Jahre Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors zurückgreifen. Marx hatte diese materiellen Bedingungen als fixes Kapital bezeichnet. Er schreibt: »Die Entwicklung des capital fixe zeigt an, bis zu welchem Grade das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist und daher die Bedingungen des gesellschaftlichen Lebensprozess selbst unter die Kontrolle des general intellect gekommen und ihm gemäß umgeschaffen sind.« 16 Antonio Negri ist voller Bewunderung für das Maschinenfragment und insbesondere für den general intellect. In seinen Vorlesungen Über das Kapital hinaus 17 von 1979 setzt er sich intensiv mit dem Marx’schen Text auseinander. Speziell in der siebten Vorlesung zitiert er diesen Teil des Maschinenfragments. 18 Sein Interesse gilt in erster Linie den emanzipatorischen Potenzialen der Verwissenschaftlichung: 15 Michael Hardt/Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt a. M. 2003. 16 Marx: Grundrisse, S. 602. 17 Antonio Negri: Über das Kapital hinaus, Berlin 2019. 18 Ebd., S. 185 ff. 6 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? Durch den Einsatz von Maschinen verliert Arbeit zusehends ihren Charakter als mühselige Anstrengung. Die zunehmende Bildung – auch der Arbeiter_innen – ermöglicht einen höheren Grad der Arbeiterselbstverwaltung. Bereits in diesem Prozess können Vorformen der Befreiung und des Kommunismus gefunden werden. Der Post-Operaismus stützt sich jedoch nicht nur auf die fordistische Fabrik und deren adäquaten Ausdruck der Massenarbeiter_innen, sondern geht über sie hinaus und adressiert die»Massenintellektuellen«. 19 Für Antonio Negri galt der Postfordismus»als Regime des ›general intellect‹« beziehungsweise als die»auf dem ›general intellect‹ beruhende Produktionsweise«. 20 Neben den Klassenkämpfen in den Betrieben wurde die Bedeutung von Kämpfen an Schulen und Universitäten, aber auch in Städten und Stadtvierteln betont. Mit dieser Erweiterung revolutionärer Kämpfe nimmt der Post-Operaismus Bezug auf den general intellect: Es braucht Wissen und Netzwerke, um gesellschaftsverändernd tätig sein zu können – dies scheint sogar Bedingung zu sein. Aktuell schließt der britische Ökonom und Journalist Paul Mason in seinem viel diskutierten Buch Postkapitalismus 21 an die Grundrisse an. Für ihn ist das Szenario des Maschinenfragments bereits Realität.»Der Kapitalismus ist ein komplexes, anpassungsfähiges System, das jedoch an die Grenzen seiner Anpassungsfähigkeit gestoßen ist«, 22 so seine Ausgangsthese. Dies führe dazu, dass er kurz vor seinem Untergang stehe, denn Informationen und Netzwerke seien für alle frei zugänglich. Es gebe keine Knappheit an ihnen, was es für den freien Markt unmöglich mache, Preise festzulegen. Durch diese interne Entwicklung erledige sich der Kapitalismus, so Mason, von selbst – ganz ohne Revolution oder Arbeiterklasse. Der Kapitalismus sei im Zuge der Digitalisierung an das Ende seiner Wachstumsfähigkeit geraten. Die Welt der Netzwerke, der Kooperation und des digitalen Überflusses habe die Marktkräfte ihrer Fähigkeit beraubt, die wirtschaftliche Dynamik anzuregen. Stattdessen schaffe sie die Bedingungen für eine postkapitalistische Wirtschaft:»Eine auf Wissen beruhende Volkswirtschaft kann aufgrund ihrer Tendenz zu kostenlosen Produkten und schwachen Eigentumsrechten keine kapitalistische Volkswirtschaft 19 Antonio Negri et al.(Hg.): Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, Berlin 1998. 20 Antonio Negri: Elend der Gegenwart – Reichtum der Möglichkeiten, in: Die Beute 2(1998), S. 170189; hier S. 173 ff. 21 Paul Mason: Postkapitalismus. Grundrisse einer kommenden Ökonomie, Berlin 2016. 22 Mason: Postkapitalismus, S. 14. 7 Staat und Politik mehr sein.« 23 Im Kapitalismus des digitalen Zeitalters seien Informationen und Digitalgüter zur Massenware geworden. Die Produktionskosten jeder weiteren Einheit – jeder weiteren Kopie oder jeder weiteren MP3 – tendieren gegen null, sodass kein Profit mehr möglich sei. Somit könne die»Null-Grenzkosten-Gesellschaft« 24 errichtet werden. Hier bezieht sich Mason ausdrücklich auf Jeremy Rifkin 25 und übernimmt dessen Ideen. Masons Plädoyer für einen»revolutionären Reformismus« mündet in ein neues»Projekt Null«, 26 dessen Ziele eine Energieversorgung mit Null-Emissionen, die Erzeugung von Maschinen, Produkten und Dienstleistungen mit Null-Grenzkosten und die weitgehende Beseitigung der Arbeit sind. Zentral ist dabei auch die Forderung nach einem Grundeinkommen für alle. 27 In eine ähnliche Richtung argumentieren Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem Buch Die Zukunft erfinden. 28 Dort schlagen sie eine Post-Arbeitsgesellschaft vor, also eine Gesellschaft, in der Menschen ohne Arbeit gut leben können. Die Linke solle gemeinschaftlich für Automatisierung, für die Verkürzung der Arbeitszeit, für ein bedingungsloses Grundeinkommen und gegen das neoliberale Arbeitsethos kämpfen. Das seien die vier Pfeiler der Post-Arbeitsgesellschaft. Wir würden zwar noch im Kapitalismus leben, kapitalistische Akkumulation wäre noch der wirtschaftliche und gesellschaftliche Motor, aber wir würden den Neoliberalismus massiv eindämmen. Das wäre eine viel bessere Situation als heute, wo es nur noch wenige Jobs gebe, die gut bezahlt seien, und sehr viel Konkurrenz und Armut herrsche. It’s the Produktionsweise, stupid – zum Begriff bei Marx Wenn nun sogar selbst definierte Marxist_innen eine solche Lesart des Marx’schen Originaltextes vorschlagen und in den Veränderungen der Digitalisierung die Möglichkeit für eine postkapitalistische Gesellschaft zu erkennen glauben, scheint dies 23 Ebd., S. 234. 24 Ebd., S. 193. 25 Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, Frankfurt a. M. 2014. 26 Mason: Postkapitalismus, S. 337-371. 27 Kritisch hierzu: Florian Butollo/Yannick Kalff: Entsteht der Postkapitalismus im Kapitalismus? Eine Kritik an Masons Transformationsstrategie, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaften 187(2017) 47, S. 291-308. 28 Nick Srnicek/Alex Williams: Die Zukunft erfinden. Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, Berlin 2016. 8 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? einiges an Gültigkeit zu besitzen. Doch eine solche Sichtweise verkennt den vorläufigen und unabgeschlossenen Charakter der Marx’schen Gedanken in den Grundrissen. Der Begriff des general intellect wird an der Stelle in den Grundrissen das einzige Mal im gesamten Werk verwendet. Auch wenn im Manuskript die Stelle am Rand doppelt angestrichen ist, 29 rechtfertigt dies noch nicht, diese kurze Textpassage allein als Schlüssel zur Gegenwartsdeutung zu nutzen – gerade weil Marx an diesem Sachverhalt weitergearbeitet hat, insbesondere im Kapital. Es lohnt sich daher, diese Arbeit zur Kenntnis zu nehmen. Dadurch wird es möglich, den aktuellen, als Digitalisierung benannten Wandel nicht abstrakt und relativ ahistorisch misszuverstehen, sondern die konkreten politischen und historischen Bedingungen zu betrachten und zu bedenken. Hierzu schlage ich vor, sich den Begriff der»kapitalistischen Produktionsweise« wieder anzueignen und Digitalisierung als einen Wandel der Produktionsweise zu verstehen. Marx beschreibt die Produktionsweise im Vorwort von Zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859 als die widersprüchliche Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. 30 Sie wird als»ökonomische Struktur« verstanden. 31 Im Kapital bezeichnet Marx damit, was allen»Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht«, 32 gemeinsam ist, unterscheidet dort aber auch Produktionsweisen zwischen kapitalistischen Gesellschaften und macht somit eine Binnendifferenzierung innerhalb des Kapitalismus möglich. Er kann daher sagen: »Die Umwälzung der Produktionsweise nimmt in der Manufaktur die Arbeitskraft zum Ausgangspunkt, in der großen Industrie die Arbeitsmittel.« 33 Mit dem Begriff der Produktionsweise können somit sowohl Unterschiede zu nicht kapitalistischen Produktionsweisen als auch verschiedene Ausprägungen innerhalb des Kapitalismus verstanden werden. Eine Definition eines dialektischen Begriffs gestaltet sich immer schwierig. 34 Ich folge Wolfgang Fritz Haug, für den die Dynamik des Begriffs der Produktionsweise die»statistisch-klassifikatorische Logik« 35 einer solchen De29 Karl Marx: Ökonomische Manuskripte, Berlin 1980, S. 582 f. 30 Karl Marx: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1982, S. 8. 31 Ebd. 32 Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, Berlin 1963, S. 49. 33 Ebd., S. 391. 34 Marx: Kapital, Bd. 3, S. 20. 35 Wolfgang Fritz Haug: Kapitalistische Produktionsweise, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 7/I,hg. v. Wolfgang Fritz Haug/Frigga Haug, Hamburg 2008, S. 292-316; hier S. 298. 9 Staat und Politik finition sprengt. Und doch lassen sich einige Spezifika der kapitalistischen Produktionsweise darstellen: 36 Zu ihnen gehören die private Warenproduktion durch die Besitzer_innen der Produktionsmittel(I), die doppelt freie Lohnarbeit(II), der Klassenantagonismus(III), der Verwertungs- und Akkumulationsprozess des Kapitals(IV) und dessen Krisenanfälligkeit(V). Mit der Produktionsweise ist jedoch nicht nur die unmittelbare Warenproduktion gemeint; der Begriff»schließt ein komplexes System von Beziehungen ein«. 37 Somit fallen darunter auch die entsprechenden politischen, juristischen, ideologischen und kulturellen Reproduktionsweisen (VI) der Gesellschaft. Allgemein gilt mit Marx gesprochen, dass»die Produktion von Mehrwert oder die Extraktion von Mehrarbeit den spezifischen Inhalt und Zweck der kapitalistischen Produktion bildet«. 38 Die Produktionsweise stellt jedoch keine Totalität dar, sondern verschiedene Weisen können nebeneinander existieren. So findet »auf Basis derselben Produktionsweise[…] in verschiednen Produktionszweigen verschiedne Teilung des Kapitals in konstanten und variablen Bestandteil statt«. 39 Produktionsweise: Digitalisierung? Dieser kurze Exkurs in die Marx’sche Begriffswelt war notwendig, um aktuelle Phänomene der Digitalisierung besser verstehen zu können. Auch wenn man die Digitalisierung als Wandel der Produktionsweise interpretiert, geht es nicht darum, die Veränderungen, die ja bereits der Post-Operaismus beschrieben hatte, kleinzureden. Denn ohne Zweifel wurde in den»entwickelten Zonen des Weltkapitalismus die monoton-repetitive, standardisierte Massenarbeit zu einem subalternen Moment heruntergedrückt, während die auf dem neuen Niveau angesiedelten Arbeitsbeziehungen einen enormen Wandel durchmachten, der sich etwa[…] in sprunghaft gesteigerten Anforderungen kommunikativer Kompetenz und eigenständigen Mitdenkens niederschlug«. 40 Durch die wachsende Vernetzung durch das Internet und Just-in-time-Produktion 36 Marc Abeles: Produktionsweise, in: Kritisches Wörterbuch des Marxismus, hg. v. Georges Labica, Berlin 1987, S. 1058-1064; hier S. 1062 ff.; Haug: High-Tech, S. 27 ff.; Haug: Produktionsweise, S. 292 ff. 37 Abeles: Produktionsweise, S. 1063. 38 Marx: Kapital, Bd. 1, S. 315. 39 Ebd., S. 324. 40 Haug: High-Tech, S. 36. 10 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? sind Raum und Zeit zusammengeschrumpft – Marx selbst sprach bereits von der »Vernichtung des Raums durch die Zeit«. 41 Die Menschen werden auch jenseits der direkten Produktion immer weiter in den digitalen Kapitalismus eingebunden. Plattformen, Rankings und Ratings 42 stehen hierfür symptomatisch. Haug zufolge hat diese Veränderung gar eine»neue geschichtliche Materialität« 43 hervorgebracht. Alles beim Alten? Und doch erscheinen viele der aktuellen Debatten als alter Wein in neuen Schläuchen. Es mag banal klingen, aber: Auch der Kapitalismus des digitalen Zeitalters funktioniert nicht immateriell. Keine Software kommt ohne Hardware aus. Informationen und Algorithmen brauchen eine materielle Basis in Form von Kabeln, Servern und Speichermedien(Festplatte, Cloud etc.), auf denen sie laufen und durch die sie verbunden werden. Die Kommunikationsnetze zwischen den Geräten müssen erst erschaffen, erhalten und organisiert beziehungsweise reorganisiert werden. 44 Die Digitalisierung im Kapitalismus ist somit nicht umsonst, sondern an physische und materielle Bedingungen gebunden. Informationen entstehen ebenfalls nicht einfach so. Sie zu erzeugen, zu verbreiten und zu speichern kostet Energie. All dies setzt industrielle Massenproduktion voraus. Begreift man den Kapitalismus als ein System, das a priori auf einen Weltmarkt 45 angewiesen ist, sieht man, dass die oben genannten Spezifika der kapitalistischen Produktionsweise gleich geblieben sind. Selbst ein Kapitalismus, der auf»Informationen« beruht, verliert damit nicht die Ware als Elementarform(I). Denn jede Information wird nur durch private Eigentumsrechte(Copyright) für den Verwertungsprozess interessant. Der Wandel von materiellen Gütern hin zu Signalen und Informationen macht diese auch nicht unbegrenzt verfügbar; allein ihre Verbreitung ist deutlich erleichtert. Die Digitalisierung lässt zudem die freie Lohnarbeit(II) nicht verschwinden – im 41 Marx: Grundrisse, S. 430. 42 Mau: Metrisches Wir. 43 Haug: High-Tech, S. 37. 44 Ebd., S. 86. 45 Man sollte die Bezeichnung»globale Arbeitsteilung« ersetzen durch die Benennung des eigentlichen Sachverhalts, der weltweiten Ausbeutung und der(Standort-)Konkurrenz und der Hierarchie zwischen den Nationalstaaten. 11 Staat und Politik Gegenteil. Doch die Herausbildung dessen, was als Digitalisierung verstanden wird, setzt eine»räumliche Restrukturierung« 46 der Lohnarbeit voraus. So findet die Arbeit für all die Kabel und Leitungen, die Serverparks und Rechenzentren, die wir zwar nie sehen, die aber doch die materielle Basis der angeblich immateriellen Ökonomie darstellen, größtenteils nicht in Europa statt. Dafür bedarf es eines globalen Proletariats, dass noch nie so groß war wie aktuell:»Vom Jahr 1980 bis zum Jahr 2010 ist der Korpus der planetarischen Arbeitskraft von 1,2 Milliarden auf etwa 3 Milliarden Menschen angestiegen. Dies ist keineswegs allein als eine Folge des globalen Bevölkerungswachstums, sondern auch als eine Folge der Expansion und der Vertiefung der globalisierten Kapitalakkumulation und der Märkte zu verstehen.« 47 Daraus ergibt sich, dass auch die weltweite Klassenspaltung(III) nicht aufgehoben ist. Doch auch in den digitalisierten Ländern tobt der Klassenkampf, denn was passiert mit all denen, die mit den aktuellen Entwicklungen nicht Schritt halten können? Die Jobs, die mit der Digitalisierung entstehen, werden nur zu einem geringen Teil gut bezahlt sein. Der kleinen Gruppe von Programmierer_innen oder IT-Spezialist_innen wird die große Mehrheit der Beschäftigen in den Lieferketten, in Lagerhallen oder der Gelegenheitsjobber_innen und Crowd- und Clickworkerinnen gegenüberstehen – selbstverständlich im Niedriglohnsektor. Auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Hierarchie zeigen sich eine zunehmende Konzentration und Zentralisierung von Macht und Kapital. Das Internet hat mit seinem Freiheitsversprechen nicht zu einer umfassenden Demokratisierung geführt. Die Tech-Giganten wie Amazon, Apple oder Alibaba errichten aktuell neue Monopole.»Je ein Kapitalist schlägt viele tot«, 48 schrieb bereits Marx. Ohne Zweifel hat sich im digitalen Kapitalismus viel geändert. Wir sind mit komplett neuen Eigentumsverhältnissen konfrontiert und doch funktioniert der Verwertungs- und Akkumulationsprozess des Kapitals(IV) auch in der digitalen Welt. 46 Stefan Schmalz: Das weltweite Industrieproletariat – ein Gespenst von gestern? Anmerkungen zur internationalen Arbeitsteilung und zum Aufstieg Chinas, in: Marxismus und Soziologie. Klassenherrschaft, Ideologie und kapitalistische Krisendynamik, hg. v. Tine Haubner/Tilman Reitz, Weinheim 2018, S. 39-49; hier S. 39. 47 Achim Szepanski: Die globalen Wertschöpfungsketten und das globale Proletariat, in: NonCopyriot v. 9.5.2019, https://non.copyriot.com/die-globalen-wertschoepfungsketten-und-das-globale-proletariat/?cnreloaded=1. 48 Marx: Kapital, Bd. 1, S. 790. 12 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? Nur wie? Einerseits durch die Sperrung und Freigabe von Inhalten gegen Geld und andererseits durch die Sammlung, Weiterverarbeitung und den Verkauf von Daten und Werbung. Hierbei»bildet sich eine Ökonomie der Zugangsbesteuerung oder des Abonnements heraus«. 49 Dadurch wird der angebliche Widerspruch zwischen Digital- oder Informationsgütern und Warenform(im Sinne des Kapitals) aufgehoben. Es ist wichtig zu verstehen, dass hierbei selbst kein Wert(und auch kein Mehrwert) geschaffen wird, sondern lediglich der anderswo geschaffene Wert übertragen wird. 50 Paul Masons Analyse verkennt, dass Informationen nicht einfach nur frei schwebend existieren, sondern sich ihr Wert»durch die Entwicklungsarbeit bestimmt. Ihre Preisbildung hängt von den taktischen Möglichkeiten der jeweiligen Marktkonstellation und gegebenenfalls dem temporären Monopol ab.« 51 Die Digitalisierung wird auch keine Lösung für die Krisenhaftigkeit(V) des Kapitalismus bieten. Denn so leicht digitale Güter vervielfältigt werden können, so unsicher und zeitintensiv sind ihre Entwicklung und ihre Erfindung. Weiterentwicklungen und Fortschritte sind nicht gesichert – ebenso brachte die Erfindung von Smartphones und Plattformökonomie keine wesentlichen Produktivitätssteigerungen mit sich. All dies hat Folgen nicht nur für die materielle Produktion, sondern auch für die Produktion von Ideologie(VI). Bei Marx heißt es:»Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt.« 52 In der Digitalisierung – mit ihrer Betonung der kognitiven Fähigkeiten – steht der Produktionsprozess den Arbeiter_innen nicht mehr lediglich gegenständlich gegenüber, sondern er saugt auch die»Hirne und Herzen« der Arbeiter_innen ein. Mit dem Wandel der Arbeitswelt 53 geht auch ein Wandel der Subjektivitäten 54 einher. Marx kann daher sagen, dass»die große Industrie auf einem gewissen Höhegrad durch die Umwälzung der materiellen Produktionsweise und der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse auch die Köpfe umwälzt«. 55 49 Haug: High-Tech, S. 81. 50 Ebd., S. 40. 51 Ebd., S. 85. 52 Marx: Kritik, S. 8 f. 53 Christopher Wimmer: Industrie 4.0. Neue Herausforderungen für die europäische Arbeitswelt, Brüssel 2019. 54 Daum: Kapital. 55 Marx: Kapital, Bd. 1, S. 507. 13 Staat und Politik Die Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise scheinen also durch die Digitalisierung nicht infrage gestellt zu werden. Dies liegt daran, dass»Technik« lediglich die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Wandel bereitstellt, ihn aber nicht erzeugt und schon gar nicht notwendig erfordert. Bisher scheint es so, dass durch keine technologische Neuerung(Smartphone, App, Plattformen etc.) der Kapitalismus mit seinen Regeln unmöglich gemacht worden wäre. Im Gegenteil: Digitalisierung und Kapitalismus scheinen sich gut zu verstehen. Das Gerede über die Digitalisierung erkennt nur die Folge, nicht aber die Ursache des ökonomischen Prozesses. Waren müssen weiterhin produziert werden und globale Hierarchien bleiben bestehen – bei einer Tendenz zu neuen Monopolen. All dies»rechtfertigt eine Privilegierung des Produktionsweise-Ansatzes«, 56 ohne dass man dabei die Analyse der digitalen Ökonomie»oder irgendeiner der anderen Dimensionen gering schätzen müsste«. 57 Schluss Eine technologische Erneuerung macht noch keinen Wandel des Gesellschaftssystems aus. Die Digitalisierung mag zu einer Veränderung der Produktionsweise führen, sie bedeutet aber nicht ein Ende der kapitalistischen Produktionsweise. Technologie wird auch in einem sich mehr und mehr digitalisierenden Kapitalismus kein unabhängiger Faktor sein. Es ist nicht die Technologie, die den Fortgang des Kapitalismus bestimmt, sondern andersherum. Die grundsätzlichen Regeln des Kapitalismus gelten immer noch, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich. Das war aber schon immer so. Verschiedene gesellschaftliche Bereiche werden vermittelt über digitale Technologien neu strukturiert. Arbeitsverhältnisse und Arbeitszeiten ändern sich, es gibt immer mehr sogenannte working poor oder befristete Jobs. Das ist eine Tendenz, die auch in nicht digitalisierten Bereichen zu beobachten ist. Durch Informations- und Kommunikationstechnologien gibt es jedoch nicht nur einen verstärkenden, sondern auch einen neuen Effekt: neue Subjektivitäten, neue Arten, die Arbeiter_innen zu disziplinieren, aber auch neue Fragen, wie die Arbeit in das Leben zurückwirkt. 56 Haug: High-Tech. S. 41. 57 Ebd. 14 C. Wimmer: Alter Wein in neuen Schläuchen? Dabei entzünden sich auch neue Kämpfe, zum Beispiel an der Frage:»Ist es okay, wenn ich nicht nach 21 Uhr noch meine E-Mails checke?« Aber das passiert nicht bruchlos. Da sind Widersprüche, es gibt subversive Potenziale. 58 Unter kapitalistischen Bedingungen bedeutet technischer Fortschritt nicht zwingend sozialen Fortschritt– er kann sogar in sein Gegenteil umschlagen –, ein Prozess, den Max Horkheimer und Theodor W. Adorno für die Aufklärung dargestellt haben. 59 Unter aktuellen Bedingungen führt Modernisierung in der Produktion eher zu Entlassungen und nicht zu Arbeitszeitverkürzung. 60 Das liegt nicht an der Technik an sich, sondern an der Dynamik ihrer kapitalistischen Verwertung. Technik könnte Marx zufolge so eingesetzt werden, dass die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf ein Minimum reduziert wird. In einer postkapitalistischen Gesellschaft wäre Technologie dem Menschen ein Helfer, der ihn nicht überflüssig macht, sondern freie Zeit verschafft und die Möglichkeit eröffnet, heutzutage vernachlässigte Tätigkeiten wie die Pflege aufzuwerten. Mit der Digitalisierung wäre es möglich, die Herstellung und Verteilung der Güter vernünftig zu planen. Ein digitaler Kommunismus muss allerdings erkämpft und gestaltet werden – von Menschen, die ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen und nicht mehr»Anhängsel der Maschine« 61 sind. Dietmar Dath schreibt in seinem Essay Maschinenwinter:»Die Menschen müssen ihre Maschinen befreien, damit die sich revanchieren können.« 62 Recht hat er. 58 Beispiel Amazon: Jede Innovation von Amazon beispielsweise bietet auch Ansatzpunkte für eine Intervention – es kommt darauf an, dass diese Widerstandsmöglichkeiten praktisch auch genutzt werden können. Gleichzeitige Streiks in den europäischen Distributionszentren von Amazon bei gleichzeitigen Blockaden der Anfahrts- und Zufahrtswege der Amazon-Lkws stehen auf der Tagesordnung; das Hacken der Homepage von Amazon, damit der»Rohölzufluss« an Daten für ein paar Momente gestoppt wird; die Verbindung der Kämpfe bei der Deutschen Post, den Zulieferer_innen und der gesamten Branche des Einzel- und Versandhandels für die Verbesserung aller Arbeitsbedingungen sowie die Unterstützung des lokalen Einzelhandels. 59 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt a. M. 2003. 60 Wimmer: Industrie, S. 18 f. 61 Marx: Kapital, Bd. 1, S. 674. 62 Dietmar Dath: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift, Frankfurt a. M. 2008, S. 131. 15 Staat und Politik Literatur Abeles, Marc: Produktionsweise, in: Kritisches Wörterbuch des Marxismus, hg. v. Georges Labica, Berlin 1987, S. 1058-1064. Beckert, Jens: Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus, Berlin 2018. Burckhardt, Martin: Der Kapitalismus ist tot(er weiß es nur noch nicht). Marx’»Maschinenfragment« und die Logik des Plattform-Kapitalismus, in: Merkur 72(2018) 831, S. 21-33. Butollo, Florian/Yannick Kalff: Entsteht der Postkapitalismus im Kapitalismus? Eine Kritik an Masons Transformationsstrategie, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaften 187(2017) 47, S. 291-308. Dath, Dietmar: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift, Frankfurt a. M. 2008. Daum, Timo: Das Kapital sind wir. 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Nach dem Studium der Sozialwissenschaften und Geschichte in Berlin und Wien promoviert er aktuell an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Klassenbewusstsein der marginalisierten Klasse in Deutschland und publiziert regelmäßig in den Bereichen Digitalisierung, soziale Fragen sowie gesellschaftliche Zukunftsfragen. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Sozialstrukturanalyse,(feministische) Arbeitssoziologie, die Soziologie Pierre Bourdieus. 19