1 HAUPTSTADT ALS LOKOMOTIVE: KANN DIE MOSKAUER JUGEND ZUM VORREITER FÜR JUGENDGRUPPEN IN RUSSLAND WERDEN? Ekaterina Pavlenko, Greg Yudin 2 In den letzten zwei Jahren schenkten Meinungsforscher in Russland den Differenzen zwischen verschiedenen Altersgruppen der russischen Bevölkerung große Aufmerksamkeit. Viele Jahre lang waren die Antworten der russischen Befragten auf Forscherfragen ziemlich homogen, nun zeichnet sich aber ein neuer Trend ab: Viele Schlüsselindikatoren zeigen zunehmende Differenzen zwischen den Altersgruppen. Nach den Ereignissen von 2017, als an den Frühjahrsaktionen gegen den russischen Ministerpräsidenten eine unerwartet große Anzahl von Teenagern teilnahm, erklärten viele die altersmäßigen Differenzen bei den Antworten damit, dass eine neue Generation auf den Plan getreten sei. Tatsächlich ist die Lage aber so, dass größere Meinungsverschiedenheiten zu politischen Fragen nicht zwischen der »Jugend und den übrigen Bürgern«, sondern zwischen»den älteren und den übrigen Bürgern« festzustellen sind. Die politischen Fragen reichen von der Reaktion auf die Gewaltaktionen der Polizei im Sommer 2019 in Moskau bis zur Befürwortung der Verfassungsänderung im Jahre 2020, nach der Wladimir Putin weiter als Präsident kandidieren darf. Trotzdem ist es nicht zu leugnen, dass junge Menschen in einer ganzen Reihe von Fragen sich am stärksten von den älteren entfernen und dieser Trend verdient Beachtung. Die Versuche, die Richtung der Meinungsentwicklung bei Gruppen junger Bürger_innen zu erfassen, führen zu den Quellen dieser Veränderungen, nämlich zu den Punkten, an denen sich diese Veränderungen konzentrieren. Der überaus hohe Zentralisierungsgrad des öffentlichen Lebens in Russland legt die Vermutung nahe, dass Moskau so ein Punkt sein kann. Kann nach dem Verhalten junger Menschen in Moskau, die in den folgenden Studien zu einer Kohorte zusammengefasst wurden, darüber geurteilt werden, wie sich die gesamte russische Jugend in den nächsten Jahren voraussichtlich verhalten wird? Um auf diese Frage zu antworten, wollen wir uns den Ergebnissen zweier Studien zuwenden:»Russia’s Generation Z: Attitudes and Values«, die das Lewada-Zentrum im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt hat, und»Bild der Zukunft mit den Augen der Jugend: Ungleichheit und Mobilität«, die wir für die Boris Nemtsov Stiftung vorbereitet haben. An der ersten Umfrage wirkten 1 500 Teilnehmer_innen im Alter von 14 bis 29 Jahren mit, 53 Prozent davon Frauen und 47 Prozent Männer. Der formalisierte Fragebogen, der von der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgelegt und ins Russische übersetzt wurde, enthielt Fragen aus verschiedenen Lebensbereichen: Bildung und Zukunftspläne, Arbeit, politische Aktivität und politische Ansichten, Freizeitgestaltung, neue Technologien in Beruf und Alltag. Unter den Befragten befanden sich 51 Moskauer_innen(3,4 Prozent der Stichprobe), 27 Männer und 24 Frauen. Im Rahmen derselben Altersgruppe wurden in Moskau jedoch mehr ältere Jugendliche(25 bis 29 Jahre) als jüngere (14 bis 20 Jahre) als im Durchschnitt der Stichprobe befragt. Dagegen war der Anteil der jüngeren(14 bis 17 Jahre) in den Ortschaften mit weniger als 10 000 Einwohner_innen höher, was einige Verschiebungen bei der Auswertung der Umfrageergebnisse bewirken kann. Der kleine Umfang der Stichprobe in Moskau schafft ernste Begrenzungen für die Datenanalyse. Bei der Analyse von Differenzen zwischen Gruppen mithilfe von Z-Test, T-Test und Chi-Quadrat-Test wird der Relevanzwert 0,1 benutzt, der über dem 0,05-Standard liegt. Deshalb können einige Unterschiede hypostasiert werden. Die Studie»Bild der Zukunft mit den Augen der Jugend« wurde in drei Regionen Russlands(sowie in Armenien, BelaTAB. 1: Zustimmung zu normativen politischen Urteilen In der Tabelle sind die mittleren Werte angegeben(5 – absolut einverstanden, 1 – absolut nicht einverstanden) sowie der Anteil der Bewertungen mit»5« für jede Gruppe. Mit Pfeilen sind die relevanten Differenztrends zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen markiert. Schere zwischen Arm und Reich ist zu verringern Anteil des Staatseigentums in Wirtschaft und Industrie ist zu vergrößern Staat muss mehr Verantwortung für die Befriedigung der Bedürfnisse aller Bürger übernehmen Konkurrenz ist schädlich, sie bringt die schlechtesten Eigenschaften der Menschen zum Vorschein Lange und beharrliche Arbeit führt gewöhnlich zu einem besseren Leben Stadt-/Ortschaftstyp Moskau Mehr als 500 Tsd. Einw. 4.0 4.1 41% 54% 2.8 3.3 16% 25% 4.2 4.4 47% 65% 2.1 2.9 6% 20% 3.9 3.9 37% 41% 100–499 10–99 bis 10 Alle Tsd. Einw. Tsd. Einw. Tsd. Einw. Befragten 4.1 53% 3.3 24% 4.4 65% 3.0 21% 4.0 45% 4.2 54% 3.5 31% 4.6 68% 3.2 30% 4.1 51% 4.2 58% 3.6 34% 4.5 67% 3.3 31% 4.2 55% 4.2 54% 3.4 28% 4.5 65% 3.1 24% 4.0 47% 3 rus und der Ukraine) durchgeführt, konkret in Moskau(zehn Interviews mit jungen Menschen, die zum Studium nach Moskau gekommen sind), Nischni Nowgorod(fünf Interviews mit Hochschulstudent_innen und Fokusgruppe mit Fachschüler_innen) und Irkutsk(fünf Interviews mit Fachschüler_innen und Fokusgruppe mit Hochschulstudent_innen). Die Studie setzte sich vor allem zum Ziel, den Einfluss der Ungleichheit auf die Chancen und Lebensstrategien junger Menschen sowie auf ihre soziale und geografische Mobilität zu untersuchen. Im Interview mit jungen Menschen in Moskau wurden die Notwendigkeit, nach Moskau zum Studium zu kommen, die Unterschiede zwischen Moskau und der Heimregion und die Lebensperspektiven akzentuiert. Wir müssen betonen, dass junge Menschen, die von Kindheit an in Moskau leben, in dieser Studie nicht interviewt wurden. Das Alter der Befragten lag zwischen 19 und 23 Jahren, es waren vier junge Frauen und sechs junge Männer, die an Moskauer Hochschulen studieren. Dabei waren sechs von zehn Personen an Hochschulen immatrikuliert, die hohe Anforderungen an die Anwärter_innen stellen und nur die besten auswählen. Bei den beiden Studien wurden verschiedene Methoden der Datenerfassung eingesetzt. Es waren verschiedene JuTAB. 2: Bewertung der Prioritäten für die russische Regierung In der Tabelle sind die mittleren Werte angegeben(5 – absolut einverstanden, 1 – absolut nicht einverstanden) sowie der Anteil der Bewertungen mit»5« für jede Gruppe. Mit Pfeilen sind die relevanten Differenztrends zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen markiert. Die Tabelle führt nur die Prioritäten an, bei denen größere Differenzen zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen auftreten. Stärkung des nationalen Selbstbewusstseins Festigung der nationalen Sicherheit und Steigerung des militärischen Potenzials im Land Situation von Frauen verbessern Abbau der Erwerbslosigkeit Stadt-/Ortschaftstyp Moskau 3.7 34% 3.8 35% 3.8 24% 4.3 58% Mehr als 500 Tsd. Einw. 3.9 41% 4.1 53% 4.1 46% 4.6 75% 100–499 10–99 bis 10 Alle Tsd. Einw. Tsd. Einw. Tsd. Einw. Befragten 4.2 48% 4.3 57% 4.2 51% 4.6 70% 4.1 46% 4.2 55% 4.2 53% 4.6 74% 4.2 53% 4.4 66% 4.3 54% 4.6 77% 4.1 46% 4.2 57% 4.2 50% 4.6 73% TAB. 3: Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten und diesbezügliche Perspektiven Mit Pfeilen sind die relevanten Differenztendenzen zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen markiert. Reise nie ins Ausland Reise manchmal ins Ausland (einmal im Monat und seltener) War noch nie im Ausland, plane aber einen Auslandsaufenthalt von 6 Monaten und länger für Ausbildung und/oder Praktikum War noch nie im Ausland und plane keinen Auslandsaufenthalt von 6 Monaten und länger War noch nie im Ausland, plane aber einen Auslandsaufenthalt von 6 Monaten und länger für Ausbildung und/oder Praktikum Habe einen starken Wunsch auszuwandern Stadt-/Ortschaftstyp Moskau 44% Mehr als 500 Tsd. Einw. 56% 100–499 10–99 bis 10 Alle Tsd. Einw. Tsd. Einw. Tsd. Einw. Befragten 62% 76% 78% 66% 34% 34% 27% 19% 16% 25% 16% 8% 8% 2% 4% 6% 39% 57% 27% 68% 29% 67% 26% 71% 23% 74% 27% 70% 18% 10% 10% 8% 7% 9% 4 gendgruppen zu befragen, wofür ein dem Forschungsziel entsprechender Fragenkatalog entwickelt wurde. Dieser folgte einerseits dem Zweck, einige Trends besser nachzuvollziehen und erklären zu können. Andererseits war es dadurch möglich, gegenüberstellende und ergänzende Analysepraktiken innerhalb des Panels zu begrenzen, und wir werden im Weiteren auf diese Begrenzungen hinweisen. Die Daten, die im Rahmen der beiden Projekte gesammelt wurden, lassen nicht darauf schließen, dass zwischen den Jugendgruppen in Moskau und außerhalb der Hauptstadt grundlegende Unterschiede bestehen. Bei vielen Aspekten wurden zwischen Moskauer_innen und Nichtmoskauer_innen keine fundamentalen Differenzen entdeckt, und zwar von Weltanschauung über Lebensstrategien bis hin zu Einschätzung der Situation in Russland und zu politischen Präferenzen. Zugleich wäre es jedoch falsch, die Jugend als eine homogene Gruppe aufzufassen. Wir möchten aber dennoch drei Hauptmomente hervorheben, bei denen gewisse Unterschiede zu beobachten sind. Liberalität. Die Daten des Lewada-Zentrums belegen, dass 15 Prozent der Befragten in ganz Russland ihre politischen Ansichten als»liberal« bezeichnen, während der Anteil solcher Einschätzungen in Moskau 32 Prozent erreicht. Wichtiger als die formale ideologische Einordnung(unter den gegenwärtigen russischen Bedingungen fällt sie recht künstlich aus) sind jedoch einige konkrete Orientierungspunkte. Im Unterschied insbesondere zu Bewohner_innen von Dörfern, kleinen und mittelgroßen Städten bewerten die Moskauer_innen die Notwendigkeit staatlicher Aktivitäten und die moralische Seite der Konkurrenz. Unter den Moskauer_innen ist auch der Anteil jener merklich höher, der mit der These»Wir brauchen eine führende Persönlichkeit, die Russland mit starker Hand zum Wohl aller Bürger regieren würde« nicht einverstanden ist(Bewertung: 1 und 2): Er beträgt 39 Prozent gegenüber 16 Prozent in der gesamten Stichprobe. Zugleich sind in Moskau 20 Prozent der Befragten damit nicht einverstanden, dass die»Beteiligung an den Wahlen Pflicht eines jeden Bürgers« sei(in der Gesamtstichprobe 11 Prozent, in Kleinstädten und auf dem Land 8 Prozent). Die Ansichten der Moskauer_innen über die Prioritäten der Staatspolitik unterscheiden sich kaum von den Meinungen der anderen Jugendgruppen: Umweltschutz, Gewährleistung der Menschenrechte und Freiheiten, Bekämpfung der Korruption und Wirtschaftswachstum stehen in allen Gruppen ganz oben. Militaristische und patriotische Motive dagegen finden in Moskau weniger Befürworter als bei Jugendlichen aus anderen Regionen. Die Moskauer_innen zeigen zugleich weniger Verständnis für den Schutz der Frauenrechte und die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit: Wahrscheinlich sind diese Fragen für Moskau nicht so relevant. Unter den drei wichtigsten Werten nennen 22 Prozent der Moskauer Jugendlichen die Rechtsstaatlichkeit(gegenüber 12 Prozent im ganzen Land), als Hauptpriorität erwähnen sie 12 Prozent der Befragten(gegenüber 3 Prozent in ganz Russland). Kosmopolitismus. Die Studie des Lewada-Zentrums zeigt, dass die Moskauer Untergruppe tiefer in das globale Geschehen involviert ist und mehr Offenheit für multikulturelle Kommunikation aufbringt. Die Moskauer_innen sind häufiger mit Vertreter_innen anderer Kulturkreise befreunTAB. 4: Zustimmung zu normativen politischen Urteilen In der Tabelle sind die mittleren Werte angegeben(5 – absolut einverstanden, 1 – absolut nicht einverstanden) sowie der Anteil der Bewertungen mit»5« für jede Gruppe. Mit Pfeilen sind die relevanten Differenztendenzen zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen markiert. In welchem Maße empfinden Sie sich als … Stadt-/Ortschaftstyp Russe/Russin bzw. Russländer_in* Europäer_in Weltbürger_in Bürger_in der eigenen Region Bürger_in der eigenen Stadt Moskau 75% 4.6 20% 3.1 47% 3.8 75% 4.7 77% 4.6 Mehr als 500 Tsd. Einw. 66% 4.4 9% 2.4 28% 3.3 64% 4.4 70% 4.5 100–499 10–99 bis 10 Alle Tsd. Einw. Tsd. Einw. Tsd. Einw. Befragten 67% 4.4 9% 2.3 36% 3.5 68% 4.5 74% 4.5 72% 4.6 5% 2.1 32% 3.4 69% 4.5 76% 4.6 73% 4.5 5% 2.0 20% 3.2 75% 4.6 77% 4.6 69% 4.5 7% 2.3 32% 3.3 69% 4.5 74% 4.5 5 det(siehe Tab. 5). Diese Gruppe hat mehr Erfahrung mit Auslandsaufenthalten und plant öfter Auslandsreisen. Vor dem Hintergrund der ausgeprägten Aktivität junger Leute, Lebenserfahrungen im Ausland zu sammeln, zeigen die Moskauer_innen mehr Bereitschaft zu verschiedenen Formen internationaler Kommunikation(siehe Tab. 3). Sie vertreten viel häufiger die Meinung, dass Bildung und Arbeit im Ausland die Chancen auf einen guten Arbeitsplatz erhöhten: Die Relevanz der Auslandserfahrung wird von 57 Prozent der Moskauer Gruppe mit»4« und»5« bewertet – gegenüber 43 Prozent in der Stichprobe insgesamt. Auf der Ebene der Identität zeigt die Moskauer Gruppe weniger Bereitschaft, Russland dem Westen, Europa und der »übrigen Welt« entgegenzustellen. In Moskau sprechen 33 Prozent der Befragten vom Stolz, Bürger Russlands zu sein, gegenüber 48 Prozent in der gesamten Stichprobe(Bewertung»5«). 46 Prozent nennen sich Europäer gegenüber 20 Prozent in der Gesamtstichprobe(Summe der Bewertungen »4« und»5«). 47 Prozent halten sich für»Weltbürger« gegenüber 32 Prozent in der gesamten Stichprobe(Bewertung»5«). Die Reaktion der Befragten auf das Wort»Westen« ist in Moskau im Durchschnitt auch sachlicher. Man sollte beachten, dass es sich um ein inhaltlich sehr belastetes diskursives Konstrukt handelt und dass sich gerade mit entsprechenden Fragen die Reaktion auf das Konstrukt messen lassen. In Moskau sagen 14 Prozent der Befragten(gegenüber 6 Prozent in der Gesamtstichprobe) aus, dass sie stets daran denken, dass sie»Menschen der westlichen Kultur« seien. 40 Prozent geben an, dass»die Länder des Westens Demokratien und Rechtsstaaten sowie Muster der modernen Entwicklung« seien(in der Gesamtstichprobe sind es 25 Prozent). Moderater ist in Moskau auch die Reaktion auf das Wort»Europa«: 57 Prozent sind einverstanden oder eher einverstanden, dass Russland ein europäisches Land ist(39 Prozent in der Gesamtstichprobe). 69 Prozent erklären, sie teilten»die europäischen politischen Werte wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte«(47 Prozent im Durchschnitt in der Gesamtstichprobe). Für die Konfrontation zwischen Russland und Europa wird von den Moskauer_innen öfter(39 Prozent gegenüber 19 Prozent in der Gesamtstichprobe) die russische Führung verantwortlich gemacht, obwohl mehr junge Moskauer_innen wie auch mehr Russinnen und Russen insgesamt dazu neigen, vor allem den USA die Schuld dafür zu geben(57 Prozent in Moskau, 60 Prozent in der Gesamtstichprobe). Es wäre sinnvoll, diese Ergebnisse nicht als tatsächliche Aneignung dieser Werte, sondern als Aufenthalt in einem bestimmten Medienumfeld zu interpretieren, wo die Begriffe »Westen« und»Europa« nicht eindeutig negativ konnotiert sind. Politisches Engagement. Die vom Lewada-Zentrum erhobenen Daten zeugen davon, dass die Moskauer Gruppe kritischer zur russischen Regierung eingestellt ist als die Teilnehmer der Studie insgesamt. Nur 8 Prozent der Moskauer Gruppe vertrauen dem Präsidenten voll und ganz(21 Prozent in der Gesamtstichprobe), etwas weniger Vertrauen bringen sie auch der Armee und der Kirche entgegen; die Unterschiede sind besonders auffällig im Vergleich mit den Bewohnern von Kleinstädten und Dörfern. Vor dem Hintergrund extremer Entpolitisierung von Jugendgruppen sieht das bei der Moskauer Gruppe etwas anders aus. Ein Teil von ihnen interessiert sich sehr für Politik (14 Prozent gegenüber 6 Prozent in der Gesamtstichprobe) und nur 20 Prozent gaben an, dass sie nie über Politik reden (im gesamtrussischen Durchschnitt sind es 37 Prozent). Dies ist zweifellos darauf zurückzuführen, dass das politische Leben in Moskau viel intensiver ist: Die Möglichkeiten für politisches Engagement sind gerade in der Hauptstadt vielfältig und konzentrieren sich dort besonders. Aus den erhobenen Daten ist ersichtlich, dass ein Teil der Befragten diese Möglichkeiten nutzt: 8 Prozent sagen, sie seien schon politisch aktiv, während diese Kennzahl in der Gesamtstichprobe nahe bei null liegt. 39 Prozent weisen darauf hin, dass sie Petitionen unterschrieben haben(22 Prozent im ganzen Land), 12 Prozent haben sich an politischen Aktionen im Internet beteiligt(11 Prozent in ganz Russland). Die Moskauer_innen zeigen mehr Bereitschaft zu einem politisch und ökologisch bewussten TAB. 5: Kontakte mit unterschiedlichen Kulturkreisen Mit Pfeilen sind die relevanten Differenztendenzen zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen markiert. Habe Freunde anderer Nationalität Habe Freunde anderer Konfession Habe Freunde, die eine andere Sprache sprechen Habe Freunde mit einem anderen sozialen Status Stadt-/Ortschaftstyp Moskau 90% Mehr als 500 Tsd. Einw. 75% 100–499 10–99 bis 10 Alle Tsd. Einw. Tsd. Einw. Tsd. Einw. Befragten 71% 66% 68% 71% 88% 67% 64% 54% 53% 61% 69% 53% 46% 46% 40% 47% 84% 66% 69% 60% 55% 64% 6 Konsum: 34 Prozent haben bereits solche Erfahrung bzw. seien dazu bereit(12 Prozent im ganzen Land). Obwohl das Niveau der gesellschaftlichen Aktivität in Moskau nicht hoch ist, führt die Nähe zu den öffentlichen politischen Prozessen und Bewegungen dazu, dass sich Gruppen mit auffallendem politischem Engagement bilden. In Moskau suchen Menschen bessere Lebensbedingungen. Nach Angaben unserer Studie sind sich die Studenten darin einig, dass sich gerade in Moskau(und nur teilweise auch in Sankt Petersburg) die»führenden Hochschulen« befinden: Wie lassen sich die Unterschiede zwischen den Stimmungen der Moskauer Jugend und denen der jungen Menschen in anderen Regionen Russlands erklären? Heterogenität des sozialen Umfelds in der Hauptstadt. Moskaus Bevölkerung ist in vielerlei Hinsicht heterogen. Die Stadt verfügt über zahlreiche öffentliche Orte, einschließlich Lokale und Bars, von denen viele als Treffpunkte von Gemeinschaften als Teil eines gut entwickelten und engen Netzwerks fungieren. Besucher finden dort mannigfaltige Kultur- und Bildungsprogramme und können an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Moskauer Jugendliche besuchen öfter als ihre Altersgenossen in anderen Städten Bars, Cafés und Clubs: In Moskau besuchen 17 Prozent der Befragten solche Lokale oft, während es in anderen Städten unter 10 Prozent sind. Unter den Moskauer_innen erklären 20 Prozent, dass sie das nie tun, während in anderen Städten zwischen 30 Prozent (in Großstädten) und 52 Prozent(in Städten, die weniger als 10.000 Einwohner_innen haben) Bars und Cafés meiden. Während des Studiums lernt die Jugend verschiedene Lebensarten und-stile kennen, besonders die jungen Menschen, die aus anderen Städten kommen und in Studenteninternaten wohnen. Wie bereits betont, kommen die Moskauer_innen häufiger als die Jugend in anderen Städten und Ortschaften mit anderen Kulturen in Berührung. Soziale Mobilität und Wirkmacht. In der Hauptstadt sind Lebensbedingungen entstanden, die die Aktivität und Wirkmacht der Menschen stimulieren, mit anderen Worten, sie dazu bewegen, sich als aktive Individuen wahrzunehmen, die ein Leben führen, das von traditionellen Lebensentwürfen abweicht. Sie werden ermuntert, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wozu auch gehört, seine Umwelt ändern zu können. In unserer Studie der Boris Nemtsov Stiftung beurteilen die befragten Moskauer_innen ihre Stadt als eine, die die größte Palette von Möglichkeiten bietet: " Je nachdem, was man machen möchte, sind die verschiedenen Städte dafür unterschiedlich gut geeignet.] Moskau ist eine Stadt, die fast alles in sich vereinigt, deshalb ist es eine optimale Variante Sch., 21 Jahre " Alle stärksten Universitäten und die meisten unter den führenden Universitäten befinden sich in Moskau. Deshalb habe ich mich bei allen Moskauer Hochschulen beworben. Ein Pluspunkt ist noch, dass Moskau das Zentrum ist, eine Stadt, die am meisten vom Zentralismus geprägt ist M., 23 Jahre Moskau wird mit einem höheren Lebensstandard assoziiert, und die Daten der Studie des Lewada-Zentrums bestätigen das zum Teil: Moskauer Jugendliche sprechen öfter davon, dass sie reichere Freunde haben(78 Prozent gegenüber 65 Prozent und weniger in anderen Städten), sie sind öfter der Meinung, mehr Geld zu haben als die Altersgenossen; man schätzt seine soziale Lage höher ein als junge Menschen aus anderen Städten und Ortschaften. 63 Prozent der befragten Moskauer meinten, sie könnten sich recht teure Konsumgüter leisten(außer Auto und eigene Wohnung), während nur 36 Prozent der Jugendlichen aus anderen Städten das Gleiche behaupteten. Das kann zum Teil davon zeugen, dass sie sich sicherer fühlen, was ihnen weitere Handlungsmöglichkeiten bietet, denn die Grundbedürfnisse sind schon befriedigt. Dieses Sicherheitsgefühl wird auch dadurch bestätigt, dass die Moskauer Jugend weniger Angst vor Arbeitslosigkeit hat: Eine ernste Gefahr sehen darin 34 Prozent der Moskauer_innen(in der Gesamtstichprobe 52 Prozent), sie haben außerdem weniger Angst vor Terrorismus (39 Prozent haben große Angst und 37 Prozent eine gewisse Angst; in der Gesamtstichprobe entspricht das 53 und 21 Prozent), vor physischer Gewalt(28 Prozent haben große Angst und 44 Prozent eine gewisse Angst; in der Gesamtstichprobe entspricht das 39 und 31 Prozent) und vor Krieg im In- oder Ausland(37 Prozent und in der Gesamtstichprobe haben 60 Prozent große Angst davor). Die jungen Menschen, die zum Studium nach Moskau kommen, verknüpfen ihre persönliche Entwicklung und ihre Karrierechancen recht oft mit einem weiteren Studium im Ausland. Die Studie des Lewada-Zentrums belegt diese Trends ebenfalls. Unter den Moskauern planen 39 Prozent einen Studienaufenthalt im Ausland, in anderen Städten sind es 29 Prozent und weniger. Im Ausland werden junge Menschen mit anderen Lebensweisen und Lebenserfahrungen konfrontiert, was ihnen erlaubt, vieles anders zu sehen und das Anderssein zu normalisieren. 7 Wesentlich ist der Umstand, dass die Moskauer_innen im Vergleich zu den Teilnehmern_innen aus anderen Regionen eine konkretere Vorstellung davon haben, wie ein Auslandsaufenthalt oder eine Auswanderung aussehen könnte und was man dafür unternehmen sollte. Obwohl die Teilnehmer_innen der beiden Studien ziemlich oft einen generellen Wunsch äußern, ein Studium oder ein Praktikum im Ausland zu machen, haben sie häufig eine recht vage Vorstellung von den notwendigen konkreten Schritten. Die Moskauer Befragten – besonders wenn sie schon über Erfahrungen verfügen, in eine andere Stadt umzuziehen – zeigen in dieser Hinsicht viel mehr konkretes Wissen: Von Moskau aus gesehen, liegt das europäische Ausland für sie allein wegen der geografischen Lage der Stadt in erreichbarer Nähe: Der Grad der sozialen Mobilität und individuellen Selbstständigkeit sowie das Streben, den eigenen Lebensstandard zu verbessern und zu verfestigen, unabhängig zu handeln und eine eigene Lebensstrategie zu entwickeln, können Zeichen hoher Wirkmacht sein. Sie setzt hohe Ansprüche und das Können voraus, Ziele zu setzen und zu erreichen, Hindernisse zu überwinden und sich selbst als einen separaten Akteur mit eigenen Werten, Zielsetzungen und Möglichkeiten wahrzunehmen. Mediennutzung. In den letzten zwei Jahren wurde die Mediennutzung zu einem der Schlüsselmerkmale(neben dem Alter), bei denen sich die Befragten stark unterscheiden. Die beiden Parameter Mediennutzung und Alter sind miteinander verbunden: Die junge Generation nutzt mehr Informationsquellen und ist deshalb bei der Herausbildung ihrer Weltanschauung weniger vom Fernsehen abhängig. Unter den Moskauer Jugendlichen kommt dieser allgemeine Trend besonders deutlich zum Ausdruck: Die Umfrage des Lewada-Zentrums zeigt, dass 39 Prozent der in Moskau Befragten überhaupt nicht fernsehen(gegenüber 27 Prozent in der Gesamtstichprobe und 20 Prozent in Dörfern und Städten mit weniger als 10.000 Einwohner_innen). Laut den Ergebnissen der Lewada-Studie gibt es unter den Studienteilnehmern, die fernsehen, und denjenigen, die darauf verzichtet haben, signifikante Unterschiede, was ihre politischen Ansichten betrifft. Unter denen, die nicht fernsehen, vertrauen 28 Prozent dem Präsidenten nicht(13 Prozent unter den TV-Zuschauern), 16 Prozent nahmen an politischen Aktionen teil(9 Prozent bei TV-Zuschauern). Die tiefere Involvierung in die globalen Informationsströme fördert das politische Engagement der Jugend und die Moskauer_innen bilden die Vorhut dieses Trends. Welche Prognosen lassen sich aufgrund dieser Analyse über die Transformationstrends stellen? Die beiden Studien, auf deren Daten wir uns stützen, setzten sich von vornherein nicht die Aufgabe, die Unterschiede zwischen der Moskauer Gruppe und den anderen Gruppen « Wenn ich verschiedene Varianten überdenke, möchte ich zuerst mehr materielle Sicherheit haben, und wenn diese Voraussetzung da ist, dann möchte ich möglichst viel Nutzen für die Welt bringen. In Ischewsk, nun ja, dort könnte ich wohl gebraucht werden, wohl aber nicht so sehr, als wenn ich irgendwo anders unterrichten würde, wo die Studenten ein höheres Niveau haben. Hätte es also in Ischewsk eine solche Infrastruktur gegeben, dass man mich würdig schätzt, dann in Ordnung. Auch mit entsprechender Vergütung. Aber leider ist es dort nicht so. In Moskau ist es auch schön, aber ich möchte in Moskau etwas anderes ausprobieren. Ich möchte versuchen in anderen Ländern zu unterrichten, um mich einfach umzuschauen, und dann vielleicht nach Moskau zurückkehren. Weil es doch meine Heimat ist, und die Heimat ist für mich sehr wichtig, ich schließe das also gar nicht aus M., 20 Jahre herauszuarbeiten: Dies hätte ein anderes Stichprobendesign erfordert. Die gewonnenen Erkenntnisse stellen eher Hypothesen dar, die einer gesonderten Prüfung bedürfen. Obwohl die gewonnenen Daten nicht darauf schließen lassen, dass es zwischen den Moskauer_innen und den anderen Teilnehmern signifikante Unterschiede gibt, kann man trotzdem mit gewisser Vorsicht behaupten, dass viele von jenen neuen Transformationstrends, die klarer in Gruppen junger Teilnehmer in Erscheinung treten, stärker bei der Moskauer Jugend ausgeprägt sind. Diese sucht den Kontakt zu anderen Ländern und Kulturen, widersetzt sich gesellschaftlichen Zwängen, ist gesellschaftlich aktiv und gestaltet selbstständig ihr Leben. Diese Besonderheiten lassen sich damit erklären, dass Moskau vielfältigere kulturelle Milieus hat und größere Möglichkeiten bietet, verschiedene Medien zu nutzen, sowie vor allem damit, dass junge Menschen in Moskau über wichtige Erfahrungen beim selbstständigen Handeln und über eine bessere Einsicht in die Strukturen der räumlichen und sozialen Mobilität verfügen. Die genannten Trends haben gute Chancen, sich im ganzen Land fortzusetzen, wenn drei Hauptvoraussetzungen erfüllt werden: 8 • Erstens wird die mediale Sphäre immer mannigfaltiger: Das Fernsehen hat keine Monopolstellung mehr und tritt immer mehr in den Hintergrund. Wenn dieser Trend nicht künstlich durchbrochen wird, zum Beispiel durch Einschränkungen des Internets oder durch Unterdrückung nichtstaatlicher Medien im Internet, können viele Einstellungen, die den Moskauer_innen eigen sind, sich relativ schnell über das ganze Land ausbreiten. • Zweitens wird der allgemeine Drang nach Auslandserfahrungen und interkulturellem Austausch, der bei vielen jungen Russinnen und Russen ausgeprägt ist, heute durch fehlende Informationskanäle für Studium und Praktika im Ausland begrenzt. Andere Länder müssen sich für sie stärker öffnen. • Drittens ist das Ausmaß der Ungleichheit auf verschiedenen Ebenen zwischen Moskau und dem übrigen Land heute so groß, dass viele junge Menschen nach Moskau migrieren müssen, um ihre Wirkmacht und ihre Zukunftspläne umzusetzen. Noch ist die Situation so, dass sich die Lebensweise der Moskauer_innen immer noch deutlicher von der Lebenswirklichkeit in anderen Landesteilen unterscheidet. Das wird dazu führen, dass die in Moskau beobachteten Trends nicht auf andere Städte übertragbar sind und kann bald sogar zu deren Ablehnung führen. Moskau als Hauptstadt des Landes wird zweifellos weiterhin neue Verhaltensweisen und Lebensanschauungen hervorbringen. Die Stadt kann dabei entweder zu einer Lokomotive für Veränderungen werden oder aber zu einem Kulturareal ausarten, welches sich dem übrigen Land politisch und kulturell entgegensetzt – wie das beispielsweise in der Türkei zu beobachten ist. Welchen von diesen beiden Wegen Russland wählen wird, bleibt vorläufig offen. 9 ÜBER DIE AUTOREN: Greg Yudin ist Professor für Politische Philosophie an der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Senior Fellow im Forschungsbereich für Wirtschafts- und Sozialforschung(LSES) der Nationalen Forschungsuniversität«Higher School of Economics» (HSE) in Moskau. Seine Forschung konzentriert sich auf die politische Theorie der Demokratie mit besonderem Fokus auf die Untersuchung der öffentlichen Meinung als eine Methode der Repräsentation und Steuerung in der modernen Politik. Ekaterina Pavlenko ist Junior Fellow im Forschungsbereich Wirtschafts- und Sozialforschung(LSES) der Nationalen Forschungsuniversität«Higher School of Economics»(HSE) in Moskau. Ihre Forschungsinteressen betreffen Fragen der Jugend und des Erwachsenwerdens, die Anthropologie der Bildung sowie die Methodik der interpretativen Analyse. IMPRESSUM: © 2020 Friedrich-Ebert-Stiftung Russland Jausski Boulevard 13/3 109028 Moskau| Russland Eine gewerbliche Nutzung der von der FriedrichEbertStiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-EbertStiftung.