Vera Messing und Bence Ságvári Von der Landung bis zur Ankunft Die subtile Integration von Einwanderern innerhalb Westeuropas Zusammenfassung der Hauptergebnisse D as Ziel dieses Berichts ist es, den gegenwärtigen Stand sowie den Prozess subjektiver Integration bei Einwanderern in Westeuropa abzubilden. Strukturelle Merkmale der sozioökonomischen Integration – wie beispielsweise Erwerbstätigkeit, Bildung, Unterkunft und Einkommen – werden in der Forschung über Migrantenin tegration weitläufig diskutiert. Doch in diesem Bericht konzentrieren wir uns auf subtilere Besonderheiten der Anpassung von Einwanderern an die Gesellschaft ihres Aufnahmelandes und analysieren eine subjektive Seite der Integration; nämlich wie sich die Werte, Normen und Einstellungen an die der einheimischen B evölkerung anpassen. In der Analyse verwenden wir einen verdichteten Datensatz der Europäische Sozialerhebung(ESS, engl.„European Social Survey“)(Runde 1 im Jahr 2002 bis Runde 8 in den Jahren 2016/17). Dies liefert eine Stichprobengröße von fast 20 000 Einwanderern in 13 Ländern Westeuropas(40% sind aus EU-/EWR-Staaten und 60% sind Drittstaatsangehörige(DSA)). Entsprechend der Grundsätze europäischer Daten werden Menschen als Einwanderer betrachtet, wenn sie in einem Land geboren wurden, welches ein anderes ist als das, in dem sie nun leben. Die Analyse gründet sich auf drei Aspekte der subjektiven Integration und damit verbundene Indikatoren:(1) institutionelle Einstellungskonvergenz(gemessen durch den I N DEM BERICHT ENTHALTENE LÄNDER 1 institutionellen Einstellungs-Index, der eine Beurteilung von wesentlichen gesellschaftlichen Einrichtungen darstellt, einschließlich von Wirtschaft, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Demokratie und ihre Institutionen); (2) beobachtete Integration(gemessen durch den Wahrgenommenen Ausgrenzungs-Index, der den Umfang, in welchem sich Einwanderer integriert fühlen oder von der breiteren Gesellschaft ausgeschlossen oder diskriminiert fühlen, widerspiegelt); und(3) Akkulturation, die unter der Verwendung von drei unabhängigen Variablen beurteilt wird: Sprache, die im privaten Bereich verwendet wird(zu Hause), emotionale Verbundenheit mit dem Gastland und Toleranz „anderer“ Gruppen(hier ziehen wir den Fall der Toleranz gegenüber se xuellen Minderheiten heran). H AUPTERGEBNISSE von der Gesellschaft. Des Weiteren legen sie im Allgemeinen mehr Wert auf Tradition und Sicherheit, aber auch auf persönliche Le istung. Daher sind Einwanderer – natürlich in Abhängigkeit von ihrer kulturellen Herkunft – konservativer in Hinblick auf Traditionen und Religion als die allgemeine Bevölkerung Westeuropas. Sie schreiben außerdem Werten, die Erfolg und Unabhängigkeit unterstützen, eine höhere Bedeutung zu(wie Wettbewerb, Streben, Selbstbestimmung und Leistung). Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen subjektiven Merkmalen von Einwanderern, in Abhängigkeit von Empfängerland und Herkunftsland. Institutionelle Einstellungen scheinen mehr davon abzuhängen, wo sich Einwanderer niedergelassen haben, während die Wahrnehmung der Eingliederung in die neue Umgebung abhängiger von der Herkunftsregion (oder Sichtbarkeit des Migrationshintergrunds) zu sein scheint. Insgesamt haben wir eine sehr klare und Bei der Betrachtung von Akkulturation – d.h. der bemerkenswerte Anpassung von Einwanderern an Prozess, in dem Personen, die von einem die Werte, Normen und Einstellungen der kulturellen Kontext in einen anderen wechseln, Mainstream-Gesellschaften, in denen sie leben, neue Verhaltensmuster und Identitäten gefunden. Alle angewendeten Indikatoren entwickeln, die durch die vorherrschenden subjektiver Integration zeigen dies, obwohl sie Normen des neuen kulturellen Kontexts ge prägt Einstellungen und Werte besitzen, die ein wenig werden – untersuchten wir die im privaten Bereich von denen der örtlichen Bevölkerung abweichen. (zu Hause) verwendete Sprache und die Dennoch liegen Einwanderer in dieser Hinsicht emotionale Verbundenheit mit dem näher an der Bevölkerung des Gastland es als an der Aufnahmeland. Wir zeigen, dass die Anpassung an Bevölkerung in ihrem Heimatland. In Bezug auf die die Sprache des Aufnahmelandes zwischen Werte, Einstellungen und Normen liegen sie Ländern stark variiert: Bei Einwanderern aus dazwischen: Sie nähern sich langsam an die Drittstaaten(DSA) in Österreich(32%), der Schweiz Bevölkerung des Gastlandes an, während sie sich (39%) und in Schweden(39%) ist es am von den kulturellen Normen und Einstellungen, die unwahrscheinlichsten, dass sie die Sprache des für die Bevölkerung des Landes, in dem sie geboren Aufnahmelandes zu Hause sprechen. wurden, kennzeichnend sind, wegbewegen. Selbstverständlich ist vieles davon abhängig, ob die Im Allgemeinen sind Einwanderer positiver in Hinblick auf und haben ein größer es Vertrauen in die wesentlichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen des Landes, in dem sie wohnen als dies einheimische Einwohner tun, aber sie fühlen sich ausge grenzter Sprache des Aufnahmelandes i n den Ländern, die die bedeutendsten Einwanderungsquellen sind eine Weltsprache oder eine Amtssprache ist(d.h. Latein- und Südamerika für Spanien; Brasilien für Portugal; oder die Maghreb- Länder für Frankreich). Doch dies ist kein entscheidender 2 Faktor: In Großbritannien und Irland wird von einem kleineren Anteil von Migranten aus Drittstaaten(DSA) zu Hause Englisch gesprochen (63% und 61%) als in den Niederlanden Niederländisch gesprochen wird(was keine Weltsprache ist)(69%). In Bezug auf die emotionale Verbundenheit mit dem Aufnahmeland spielt die Aufnahmeumgebung eine wichtigere Rolle als die Herkunftsregion: In manchen Ländern ist die emotionale Verbundenheit weniger ausgeprägt(Belgien), wohingegen es in anderen sehr stark ist(z.B. in Frankreich oder Portugal) und dieses Muster ist auf alle Gruppen übertragbar, einschließlich Einheimische mit verschiedenem Hintergrund. Allerdings gibt es einige Länder – Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, die Niederlande und Portugal – in denen der Abstand zwischen Einwanderern aus Drittstaaten(DSA) und Einheimischen hinsichtlich des Anteils derer, die eine starke emotionale Verbundenheit mit dem Land empfinden, unerheblich – oder sogar negativ ist(was bedeutet, dass Einwanderer aus Drittstaaten(DSA) von einer stärkeren Verbundenheit mit dem Land berichten als dies Einheimische tun. Und es gibt Länder, in denen sich Einwanderer aus Drittstaaten(DSA) merklich weniger mit ihrem Aufnahmeland verbunden fühlen: Österreich, Schweiz, Finnland und Norwegen. Das komplexe Modell, welches alle bedeutenden Faktoren berücksichtigt, die möglicherweise den Prozess der Akkulturation und Annäherung an Mainstream-Werte und Einstellungen beeinflussen, ergab, dass sowohl Herkunftsregion als auch muslimische Religion, im Land verbrachte Zeit und Arbeitsmarktstatus von Bedeutung sind. Das Niveau wahrgenommener Diskriminierung befindet sich bei Einwanderern aus Ländern Subsahara-Afrikas und aus arabischen Ländern sowie bei Muslimen, neuen Einwanderern und denen, die sich am Rand des Arbeitsmarktes befinden, über dem Durchschnitt. Bei der Analyse zahlreicher Aspekte subtiler Integration von Einwanderern in westeuropäischen Gesellschaften, haben wir einen sehr klaren und unmissverständlichen Trend der Annäher ung von Einstellungen und Werten der Einwanderer an die der MainstreamAufnahmegesellschaft herausgefunden. W AHRGENOMMENER A USGRENZUNGS -I NDEX (WAI) NACH DER IM EMPFÄNGER LAND VERBRACHTEN ZEIT 3 Diese Annäherung findet bei allen Einwanderergruppen, in allen Empfängerländern und in allen Aspekten der Analyse statt (institutionelle Einstellungen, Wahrnehmung von Integration und Akkulturation). Allerdings erfordert subjektive Integration Zeit – manchmal im Zusammenhang mit einem Menschenleben eine ziemlich lange Zeit. Die Geschwindigkeit der Annäherung ist nicht in allen Empfängerländern gleich. Und zudem benötigen, wie es scheint, Migranten mit dunkler Hautfarbe(„ People of Colour“), die aus ärmeren Regionen ankommen, erheblich länger, um sich an die neue Umgebung anzupassen. Der Index, der die subjektive Wahrnehmung gesellschaftlicher Eingliederung darstellt, ist ein gutes Beispiel für diesen Prozess: je mehr Zeit Einwanderer in der Aufnahmegesellschaft verbringen, desto integrierter fühlen sie sich und desto weniger Diskriminierung empfinden sie. Allerdings gibt es ein paar Länder, in denen dieser Trend weniger deutlich und reibungslos verläuf t: Es gibt mehrere Länder, in denen Einwanderer, die länger als 5 Jahre, aber weniger als 10 Jahre dort geblieben sind, eine größere Ausgrenzung als Neuankömm linge wahrnehmen(Gro ß britannien, die Niederlande und Schweden), woraus sich schlie ßen lässt, dass diese Art der Integration erst nach ungefähr 10 Jahren des Aufenthalts stattfindet. Einwanderer, die sichtbar anders als Institutionen zwischen Einwanderern aus Einheimische sind(z.B. ihre Hautfarbe oder Drittstaaten(DSA) der zweiten Generation und Kleidung) sind nicht nur wahrscheinlicher davon Einheimischen nur geringfügig. Allerdings bleibt betroffen, größ ere Diskriminierung zu erfahren, wahrgenommene Ausgrenzung in den sondern benötigen wahrscheinlich auch mehr Zeit, Niederlanden und Großbritannien signifikant: In um sich integriert zu fühlen. diesen zwei Ländern besteht fast kein Unterschied darin, wie eingegliedert sich die erste und zweite Die Anpassung an die Aufnahmegesellschaft setzt Generation fühlt. Falls sich viele derer, die im Land sich nach der ersten Generation fort: Die Werte geboren und aufgewachsen sind und sich mit ihm und Einstellungen der Einwanderer der zweiten identifizieren, ausgeschlossen und diskriminiert Generation sind denen der Einheimischen in der fühlen, könn te dies eine Quelle gesellschaftlicher Aufnahmegesellschaft sehr ähnlich, doch sie Spannung sein. unterscheiden sich dennoch in manchen Ländern und zwischen bestimmter Herkunftsgruppen. Mit Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis, die man aus Ausnahme von Spanien sind die Unterschiede in der Analyse mitnehmen kann, dass ein gut der Bewertung von und im Vertrauen in funktionierender institutioneller Rahmen eine Grundvoraussetzung sowie eine Absicherung ist, 4 der es Einwanderern ermöglicht, sich nicht nur in objektiver Hinsicht, sondern auch bezüglich ihren Einstellungen und Werten zu integrieren. Obwohl das Bestehen von gut funktionierenden Institutionen, die all denen, die dafür infrage kommen, Zugang zu hochqualitativen öffentlichen Dienstleistungen bieten, als das effizienteste Mittel für Einwandererintegration angesehen werden sollte, spielen die Sprache des Aufnahmelandes, die allgemeine Einstellung bezüglich Einwanderern der Aufnahme bevölkerung und die Herkunft der Einwanderer selbst eine wichtige Rolle, sowohl in Hinblick auf die subjektive Integrationstiefe als auch darauf, wie lange dies dauert. Diejenigen, die aus armen Länder außerhalb Europas ankommen, haben es schwerer, sich in die Mainstream-Gesellschaft zu integrieren – vor allem, wenn sie sichtbare(entweder ethnische oder kulturelle) Merkmale aufweisen. Diese Gruppen benötigen eine gesonderte Aufmerksamkeit und mehr Unterstützung als die nicht-sichtbaren Einwanderer, die aus wohlhabenderen Teilen der Welt kommen. Wenn wir allgemein betrachten, wie verschiedene Länder hinsichtlich subjektiver Integration abschneiden, ist es schwierig, Länder genau zu bestimmen, die sich besonders gut oder besonders schlecht hervortun. Allerdings schneidet Deutschland – das eine lange und vielfältige Einwandererbevölkerung aufweist – nicht nur verhältnismäßig gut bezüglich der meisten Indikatoren subjektiver Einwandererintegration ab, sondern dient auch als Beispiel eines Landes, in dem der Anpassungsprozess sehr ausdrücklich und deutlich ist und in dem sich dieser Prozess nach der ersten Generation fortsetzt. Der Spracherwerb spielt eine zweifelsfrei wichtige Rolle, ebenso wie eine allgemein einladende Umgebung und eine sta rke institutionelle Unterstützung bei der gesellschaftlichen Integration von Einwanderern. Österreich kann als der Gegenpol dazu angesehen werden: Einwander er in Österreich sind bei allen Indikatoren subjektiver Integration niedrig angeordnet. Allerdings sieht das Bild rosiger aus, wenn wir die Länge der im Land verb rachten Zeit betrachten und beobachten, wie sich der Anpassungsprozess in der zweiten Generation fortsetzt: Den Sprachgebrauch der zweiten Generation ausgeklammert, zeigen alle Indikatoren einen eindeutigen Trend in Richtung Anpassung. Die Niederlande sind ein eher rätselhafter Fall: Während Einwanderer hinsichtlich aller Indikatoren subjektiver Integration gut abschneiden, scheint die im Land verbrachte Zeit geringe Auswirkungen zu haben. Es ist etwas beunruhigend, dass auch Einwanderer der zweiten Generation in den Niederlanden ein relatives hohes Niveau an Ausgrenzung empfinden. 5