STUDIE KLIMAWANDEL, ENERGIE UND UMWELT SO GEHT ES NICHT WEITER Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika Friedrich-Ebert-Stiftung Regionalprojekt Sozialökologische Transformation September 2020 Die Länder Lateinamerikas und der Karibik stehen vor großen Herausforderungen angesichts der Folgen des Klimawandels, der fortschreitenden Zerstörung wichtige Ökosysteme und der steigenden sozialen Ungleichheit. Zur Lösung dieser Probleme ist eine sozial-ökologische Transformation notwendig. Ziel dieses Prozesses ist ein neues Verhältnis zwischen Gesellschaften und Natur sowie eine größere Verteilungsgerechtigkeit. Notwendig hierzu ist neben Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der Übergang zu einer pluralen und integrativen Kreislaufwirtschaft FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter KLIMAWANDEL, ENERGIE UND UMWELT SO GEHT ES NICHT WEITER Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika INHALT Inhalt VORWORT 2 SOZIALEN UND ÖKOLOGISCHEN KRISEN IN DER WELT UND IN LATEINAMERIKA 4 1.1 Globale Krisen 4 1.2 Die neue Ära in Lateinamerika und der Karibik 6 PARADIGMA DER SOZIAL-­ÖKOLOGISCHEN TRANSFORMATION 10 2.1 Die sozial-ökologische Transformation 10 2.2 Die Prinzipien der sozial-ökologischen Transformation 10 2.3 Die Ziele der sozial-ökologischen Transformation 11 FÜR EINE SOZIAL-­ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION IN ­LATEINAMERIKA 13 3.1 Stärken des demokratischen und sozialen Rechtsstaates 13 plurale und Kreislauf­wirtschaft mit menschenwürdiger Arbeit verwirklichen 14 3.3 Konsumpraktiken, Produktions­systeme und Landnutzung ändern 18 3.4 Auf dem Weg zur kulturellen Transformation 24 3.5 Neue Indikatoren für die sozial-ökologische Transformation 25 SCHLUSSFOLGERUNGEN 26 NACHWORT 28 Ein Aufruf zum Handeln 28 Literatur 31 1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter VORWORT Unsere Art zu leben, zu produzieren und zu konsumieren stößt an ihre Grenzen. Wie überall auf der Welt ist auch in Lateinamerika ein Ausmaß an Umweltzerstörung erreicht, das die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen gefährdet. Laut Sonderberichten des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimawandel(IPCC) ist es sehr wahrscheinlich, dass die globale Temperatur zwischen 2030 und 2052 um 1,5 Grad Celsius im Vergleich zu der Temperatur im vorindustriellen Zeitalter ansteigt, wenn die derzeitigen Emissionen in den nächsten zehn Jahren nicht dramatisch sinken. Um das weniger ehrgeizige Ziel eines Anstiegs um zwei Grad zu erreichen, müssten die CO 2 -Emissionen bis 2030 gegenüber 2010 um 25 Prozent und die Nettoemissionen bis 2070 auf null gesenkt werden. Diese Realität, zusammen mit unserem massiver werdenden ökologischen Fußabdruck und der weiteren Verlagerung der Umweltkosten, deutet auf systemische Fehler des ins 21. Jahrhundert getragenen»fossilen Kapitalismus« und Defizite der Weltwirtschaft hin. Die Staatstätigkeit kann aufgrund unserer ausbeuterischen Lebensweisen in einigen Ländern der Nord- und Südhalbkugel nicht entschlossen genug auf die sozio-ökologischen Herausforderungen reagieren. Mit dem Pariser Übereinkommen von 2015 und der Festlegung der Ziele für nachhaltige Entwicklung(Sustainable Development Goals – SDGs) hat die internationale Gemeinschaft einen multilateralen Konsens erzielt, der einen Meilenstein im Kampf gegen Umweltzerstörung und soziale Ausgrenzung darstellt. Trotz der Zugeständnisse der nationalen Regierungen verläuft die Umsetzung dieser Abkommen jedoch zu langsam. Während sich die beängstigende Ungleichheit zwischen denen, die viel, und denen, die wenig oder fast gar nichts haben, immer weiter verschärft, nehmen die globalen Emissionen weiter zu. Diese Entwicklung verstärkt kurz‑, mittel- und langfristig die Auswirkungen von Umweltkatastrophen auf die Gruppen, die am verletzlichsten sind. Die aktuelle Situation erfordert dramatische Veränderungen und Reaktionen. Um innerhalb der vom Stockholm Resilience Center im Jahr 2009 identifizierten globalen Grenzen zu bleiben, ist der Ausstieg aus dem fossilen Kapitalismus unbedingt notwendig: Umstellung unserer Energieversorgung auf erneuerbare Quellen, erhebliche Reduzierung des Energieverbrauchs, Ausstieg aus den bzw. Modernisierung der großen traditionellen Industrien, Wiederherstellung der durch veränderte Landnutzung verschandelten Ökosysteme, Umgestaltung von Städten mit dem Schwerpunkt auf den Ausbau und die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, eine neue Wohnungspolitik, die Finanzspekulationen entgegenwirkt, und eine neue Raumordnung, die den Schutz der Gesellschaft, der Umwelt und der Öffentlichkeit priorisiert. Unsere Volkswirtschaften basieren auf der Ausbeutung von Arbeitskräften und natürlicher Ressourcen bei gleichzeitig sehr geringer Besteuerung der Gewinne und Einnahmen aus Kapital. Kurzfristiges und vereinfachtes Denken stellt das Wirtschaftswachstum in den Mittelpunkt des politischen und wirtschaftlichen Handelns und reduziert den Begriff Wohlstand allein auf seinen ökonomischen Aspekt. In Lateinamerika ist die Situation besonders kritisch: Vor dem Hintergrund schwacher Institutionen hat der auf Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruhende Reichtum zutiefst ungleiche sozioökonomische Strukturen manifestiert. Die Eingliederung der Region in die Weltwirtschaft hängt weitgehend vom Export ihrer landwirtschaftlichen, fossilen und mineralischen Rohstoffe ab, während sich ihre Position in Bezug auf wissens- und technologiebasierte Wertschöpfungsketten in einem Frühstadium befindet und die regionale Integration auf niedrigem Niveau stagniert. Kapital-Eliten profitieren nach wie vor vom Rohstoff- Status quo des Subkontinents, während das soziale, ökologische und wirtschaftliche Gleichgewicht der Rohstoffsektoren meist negativ ausfällt. Der politische Wille und die Fähigkeit, Maßnahmen zum Abbau von Ungleichheit und zum Schutz der Umwelt umzusetzen, sind gering. Große Teile der lateinamerikanischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu qualifizierten öffentlichen Dienstleistungen wie Bildung, öffentlichem Verkehr, Gesundheitswesen und sozialer Sicherheit. Viele Lateinamerikaner sind Opfer der informellen Wirtschaft und von Unsicherheit betroffen. Die sozio-ökologischen Konflikte haben infolge des steigenden Rohstoffabbaus während und nach dem Superzyklus am Rohstoffmarkt deutlich zugenommen. Vor diesem Hintergrund hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in Lateinamerika 2015 eine Arbeitsgruppe mit hochrangigen Experten gebildet, um zu erörtern, wie die Region aus ihrer momentanen Spezialisierung auf die produktive Wirtschaft 2 herausfinden kann. Dank der Diversität und der Expertise der Gruppenmitglieder wurde eine intensive konzeptionelle und politische Diskussion über Entwicklungsansätze aus lateinamerikanischer Sicht geführt. Teilnehmer waren Experten aus 14 Ländern der verschiedenen Disziplinen und Sektoren, darunter Professor_innen, Wissenschaftler_innen und Vertreter_innen der Zivilgesellschaft sowie ehemalige Minister_innen aus mehreren Ländern, ehemalige Abgeordnete auf Bundesebene und frühere CEPAL-Beamt_innen. Obwohl sich der politische und internationale Kontext seit 2015 dramatisch verändert hat, hat sich an der Relevanz der Debatten und Vorschläge innerhalb der Arbeitsgruppe nichts geändert. Mehr denn je steigt die Frustration angesichts des Handelns traditioneller politischer Klassen. Es besteht kein Zweifel an der Dringlichkeit, die globale Temperatur auf dem vorgenannten Niveau zu halten, um weitere Verzerrungen innerhalb der Gesellschaften zu vermeiden und die Natur zu schützen. Das Buch»So geht es nicht weiter: Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika« ist Gegenstand dieser Zusammenfassung. Es bietet eine kritische Analyse des gegenwärtigen Zustands und eine konzeptionelle politische Orientierung für die Transformation unserer Gesellschaften und betrachtet das sozioökonomische und kulturelle Leben als untrennbar verbunden mit dem Planeten, auf dem wir leben. Es geht um eine Vision, die vom intellektuellen Reichtum des Subkontinents getragen wird. Sie folgt dem Denken von Universalautoren wie Karl Polanyi, welches sich für die Unterordnung der Märkte unter die Bedürfnisse unserer Gesellschaften einsetzt und das Gleichgewicht der Natur respektiert und aufrechterhält. Die sozial-ökologische Transformation ist ein Paradigma im Aufbau und Ausgangspunkt für die Debatte über die Zukunft mit verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Akteuren. Wie wollen und sollen wir leben, produzieren und konsumieren, ohne unsere Lebensgrundlagen zu gefährden? Was sollten die vorrangigen Bereiche für die Transformation unserer Volkswirtschaften sein? Können Länder in der Region aus der Okkupationswirtschaft herauskommen? Vorwort 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter 1 DIE SOZIALEN UND ÖKOLOGISCHEN KRISEN IN DER WELT UND IN LATEINAMERIKA Das Konzept der sozial-ökologischen Transformation basiert auf einer Bewertung der sozialen und ökologischen Bedingungen in Lateinamerika in einem globalen Kontext. Dieser Ansatz geht davon aus, dass wir in einer Zeit des Übergangs leben, in der menschliche Aktivitäten tiefgreifende Auswirkungen auf den Planeten haben und sich die Ungleichgewichte infolge verschiedener langfristiger historischer Prozesse verschlechtert haben. Dies betrifft insbesondere den Anstieg der unbegrenzten Kapitalanhäufung in den gegenwärtigen Wirtschaftsregimen. 1.1  GLOBALE KRISEN Wissenschaftler haben in den letzten 20 Jahren für das geologische Zeitalter, in dem wir leben, den Begriff des Anthropozäns geprägt, eine geologische Epoche, die durch die massiven Eingriffe des Menschen in die Ökosysteme definiert ist und das Leben, wie wir es kennen, gefährdet. Das Bevölkerungswachstum in den ärmsten Regionen, die ungleiche Verteilung von Land und Ressourcen und die nicht nachhaltige Ausweitung der Wirtschaftsaktivitäten bis an die Grenzen des Planeten haben zu einem nicht nachhaltigen Wachstum der Städte, zur Zerstörung der natürlichen Ressourcen, zur Kontamination der Biosphäre und der Umwelt und zur Verschlechterung der bio-geochemischen Abläufe, von denen das Leben abhängt, geführt. Die Ära der europäischen Kolonialisierung führte zu dem, was Sven Beckert(2015) als»Kriegskapitalismus« bezeichnet, ein komplexes globales Produktionssystem, das auf der Ausbeutung des Landes und der Arbeit breiter Bevölkerungsgruppen basiert. Das Erbe der Kolonialwirtschaft auf der Grundlage der rücksichtslosen Aneignung von Land und der oligarchischen Dominanz über Bergbau und landwirtschaftliche Ressourcen bildet einen Teil der historischen Basis dafür, dass die Länder mit der größten Ungleichheit in der Einkommensverteilung in Lateinamerika liegen. Der Kriegskapitalismus leistete dem Beginn der industriellen Revolution in Großbritannien und ihrer Ausdehnung auf Europa und Nordamerika Vorschub. Es folgten weitere technologische Revolutionen, die zur wirtschaftlichen Spaltung zwischen dem Westen und dem Rest der Welt beitrugen und zu einer Handvoll Ländern mit hohem Einkommen und einer großen Mehrheit von Ländern mit niedrigem Einkommen führten. Die industrielle Revolution brachte ein außergewöhnliches Wirtschaftswachstum, gemessen am weltweiten BIP, hervor. Zwar entkamen dabei Millionen von Menschen der materiellen Armut, gleichzeitig wurden jedoch tiefe Ungleichheiten geschaffen oder reproduziert und es entstanden neue Formen struktureller Gewalt. Der Kapitalismus trennte die Produktionsmethoden aggressiv von den traditionellen Gesellschaften und brach die Beziehungen, die zwischen diesen Kulturen und der Natur bestanden. Er hat auch eine Vielzahl bestehender Institutionen untergraben und produktive Aktivitäten der Marktwirtschaft dem Wunsch nach Profit unterworfen. Für Immanuel Wallerstein ist der moderne Kapitalismus nicht definiert durch die einfache Existenz von Einzelpersonen oder Unternehmen, die Produkte und Dienstleistungen mit der Absicht produzieren, Gewinne zu erzielen, oder durch die Präsenz von Gehaltsempfängern, sondern(in seinen Worten):»Wir sind nur dann in einem kapitalistischen System, wenn das System der endlosen Anhäufung von Kapital Vorrang einräumt«(Wallerstein, 2005, S. 40–41). Dieses gegenwärtige»Weltsystem« hat zu einem globalisierten Kapitalismus geführt, der von finanziellen und kapitalorientierten Interessen dominiert wird. Dieses System ist gekennzeichnet durch einen wachsenden Trend zur Konzentration auf wirtschaftliche Vorteile und zunehmende Macht der Finanzspekulation. Die Verlagerung von industriellen Wertschöpfungsketten auf globaler Ebene hat es multinationalen Unternehmen zunehmend ermöglicht, die Technologie, das Design, die Produktion und den Vertrieb von Waren und Dienstleistungen zu kontrollieren, die dann international durch Auslagerung an kleinere Unternehmen auf der ganzen Welt gehandelt werden. Viele Länder in der Peripherie profitieren kaum von diesen Wertschöpfungsketten, da ihre Beiträge aus Aktivitäten mit begrenztem wirtschaftlichem Wert und minimaler technologischer Innovation bestehen. Auf globaler, nationaler und lokaler Ebene wurde eine Dynamik von Gewinnern und Verlierern geschaffen, die die jüngsten Ausbrüche von Fremdenfeindlichkeit und Protektionismus in einigen der privilegierteren Länder erklärt. 4 Die sozialen und ökologischen Krisen in der Welt und in Lateinamerika Die Wohlstandsindikatoren haben sich seit der industriellen Revolution, insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, weltweit verbessert. Im Jahr 1820 betrug die Lebenserwartung bei der Geburt in der westlichen Welt 36 Jahre, während diese Zahl bis 2015 auf einen globalen Durchschnitt von 71,4 Jahren angestiegen ist. Trotz dieser Verbesserung ist die Kluft zwischen denjenigen, die ein menschenwürdiges Leben führen, und denjenigen, die kaum ihr Überleben sichern können, geblieben. Obwohl Einkommensindikatoren zeigen, dass die Armutsraten gesunken sind, lebt ein erheblicher Prozentsatz der Weltbevölkerung immer noch unterhalb der Armutsgrenze, einschließlich einer erheblichen Anzahl von Menschen, die in extremer Armut leben. Ein ähnlicher Trend ist bei der Nahrungsmittelknappheit zu beobachten – obwohl die Zahl der von Nahrungsmittelknappheit betroffenen Menschen zurückgegangen ist, sind Unterernährung und Hunger nach wie vor ein bedeutendes Thema. Obwohl die Einkommensungleichheit innerhalb der Weltbevölkerung bis in die 1990er Jahre stetig zunahm, ist sie seitdem zurückgegangen, insbesondere aufgrund der Wiedererstarkung einiger asiatischer Länder. Dank interner Entscheidungen wurde auch die Ungleichheit in verschiedenen anderen Ländern erheblich verringert. Diese Indikatoren sind jedoch weder stabil noch homogen und reagieren empfindlich auf Schwankungen in Abhängigkeit von den gewährten Kapitalzugeständnissen sowie den bestehenden Umverteilungsmaßnahmen der jeweiligen Länder. In diesem Zusammenhang gehören Lateinamerika und die Karibik zu den Regionen mit den weltweit höchsten Einkommensunterschieden. Tabelle 1 Durchschnittliche Gini-Koeffizienten(ungewichtet) nach Regionen der Welt, basierend auf Umfragen zum Haushalts­einkommen oder-verbrauch Varianz von 0(keine Ungleichheit) bis 1(größte Ungleichheit) Regionen Osteuropa und Zentralasien Industrieländer Naher Osten und Nordafrika Südasien Ostasien und Pazifik Afrika südlich der Sahara Lateinamerika und Karibik Welt Länderanzahl 13 21  5  4  9 20 21 91 1993 0,339 0,314 0,398 0,310 0,378 0,476 0,490 0,401 Länderanzahl 23 20  2  3  7  9 20 81 2013 0,314 0,318 0,334 0,362 0,373 0,438 0,480 0,371 Quelle: Weltbank(2016, S. 86). Biosphäre, zum massiven Abbau natürlicher Ressourcen und zur Verschärfung sozialer Probleme geführt hat. Städte sind gewachsen. Schon jetzt lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen; die für ihre Ernährung notwendigen landwirtschaftlichen Nutzflächen und Viehweiden machen ein Drittel der Erdoberfläche aus. Rücksichtslose wirtschaftliche Verhaltensweisen und Praktiken sind zur Hauptbedrohung für die Natur geworden. Die Nachhaltigkeit der Fischereiressourcen – eine wichtige Nahrungsquelle – ist aufgrund Überfischung und Missmanagement gefährdet. Gleiches gilt für die Wälder: Die unbegrenzte Abholzung lässt jedes Jahr Millionen Hektar Land versteppen und wirkt sich negativ auf das Wasser und die Atmosphäre aus. Zwei Nachhaltigkeitsgrenzen wurden bereits überschritten: der Klimawandel und die Integrität der Biosphäre(Steffen et al., 2015). Es besteht wissenschaftlicher Konsens über die Rolle der Menschheit beim Klimawandel und bei der globalen Erwärmung, die extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Dürren, Hitzewellen, den Anstieg des Meeresspiegels, den Verlust der Eismasse, die Versauerung der Ozeane sowie die Verkalkung von Korallen und Riffen zur Folge haben. Diese Beeinträchtigungen führen zu Kaskadeneffekten in den Ökosystemen sowie in der Tier- und Pflanzenvielfalt, was auch die Menschen betrifft. Die Erträge bei der Herstellung von Grundnahrungsmitteln(Mais, Weizen und Reis) sinken aufgrund von Schädlingen, Insekten, Krankheitserregern und Unkräutern sowie aufgrund der Auswirkungen steigender Temperaturen. Im Jahr 2015 wurde das Pariser Abkommen unterzeichnet, in dem die Vertragsstaaten vereinbarten, ihre Treibhausgase zu reduzieren und sicherzustellen, dass der globale Temperaturanstieg 1,5 °C nicht überschreitet. Dieses Abkommen ist die bislang bedeutendste Umweltverpflichtung, welche die Risiken und die Notwendigkeit einer globalen Zusammenarbeit anerkennt. Einige wichtige Länder haben das Abkommen jedoch nicht ratifiziert, und die Vereinigten Staaten sind bereits ausgetreten. Umweltorganisationen warnen, dass die Ziele nicht weitgehend genug festgelegt wurden und der Schaden für die Menschheit im Fall der Nichterreichung der Ziele schwerwiegend sein wird, nicht nur im Hinblick auf das Wirtschaftswachstum, sondern auch in Bezug auf Gesundheit, Subsistenz, Ernährungssicherheit und Wasserversorgung. Der Hauptfaktor für den Klimawandel ist die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre, einem der sechs wichtigsten Treibhausgase. CO 2 -Emissionen sind in erster Linie das Ergebnis der Verbrennung fossiler Brennstoffe, die einen großen Teil der Weltwirtschaft antreiben: Transport, Stromerzeugung, Industrie usw. Die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Umwelt haben im letzten halben Jahrhundert weltweit schwindelerregend zugenommen und erfordern dringend Maßnahmen. Die Weltbevölkerung ist auf mehr als 7,4 Milliarden Menschen angestiegen, was zu enormen Belastungen der Die Verteilung der sozialen Verantwortung zur Bewältigung von Umweltproblemen muss gerecht erfolgen. 70 Prozent der Menschheit überleben mit einem unterdurchschnittlichen Einkommen. Um ein Minimum an Gerechtigkeit zu erreichen, müssen die größten Anstrengungen zur Reduzie5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter rung des ökologischen Fußabdrucks im Wesentlichen von den verbleibenden 30 Prozent ausgehen. Dies zeigt, wie eng Verteilungs- und Umweltprozesse miteinander verflochten sind. Die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen stoßen wesentlich weniger CO 2 aus als die besser gestellten Einkommensgruppen, die entsprechend größere Anstrengungen in Bezug auf nachhaltigen Konsum anstreben müssten. Diese hohen CO 2 -Emissionen sind charakteristisch für den Konsum der Bevölkerung in der Oberschicht und oberen Mittelschicht, eine Bevölkerungsgruppe, die infolge der extremen Einkommenskonzentration einen bedeutsamen Teil des Gesamtkonsums verursacht. Ein schneller Wandel ist notwendig, damit die Menschheit die gegenwärtige Ära der Verbrennungsmotoren beenden kann, nicht weil fossile Brennstoffe – Kohle, Öl und Erdgas – erschöpft sind, sondern um einen immer teurer werdenden Klimawandel zu verhindern. Wenn der Klimawandel nicht kontrolliert wird, steht die Menschheit kurz vor dem sechsten großen Aussterben der Erde. Mehr als 25.000 Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Wenn wir den aktuellen Ausstoß schädlicher Treibhausgase nicht reduzieren und den globalen Temperaturanstieg nicht stoppen oder zumindest begrenzen, werden etwa 60 Prozent aller Insekten und mehr als 40 Prozent aller Wirbeltiere aussterben(Warren et al., 2018). Die Abholzung der Wälder trägt ebenfalls zum Verlust der biologischen Vielfalt bei, vor allem aufgrund der nicht nachhaltigen Expansion der Landwirtschaft und der Holzindustrie. Die meisten Waldverluste und die größte Zunahme bei der landwirtschaftlichen Fläche verzeichnen tropische Länder und Länder mit niedrigem Einkommen. Die Auswirkungen der Abholzung werden durch Bodenabbau aufgrund des Klimawandels, wirtschaftliche Aktivitäten und verschiedene Arten der Landnutzung verstärkt. Der Großteil des künftigen Bodenabbaus wird in Mittel- und Südamerika, Afrika südlich der Sahara und Asien erwartet. Bis 2050 könnte diese Degradation etwa 3,2 Milliarden Menschen betreffen und die Vertreibung von 50 bis 700 Millionen Bewohnern dieser Regionen verursachen. Die Bevölkerung Lateinamerikas und der Karibik erreichte 2018 insgesamt 635,2 Millionen Menschen, mit einem durchschnittlichen jährlichen Bevölkerungswachstum von einem Prozent hat sich der demografische Wandel konsolidiert. Im internationalen Vergleich liegen die lateinamerikanischen Länder auf einem mittleren Einkommensniveau, die Mehrheit der Bevölkerung(80 Prozent) lebt in Städten, obwohl diese Städte durch ein hohes Maß an Gewalt und Armut gekennzeichnet sind(UN, 2017). Die im 19. Jahrhundert entstandenen unabhängigen Nationalstaaten bildeten die territorialen, wirtschaftlichen und gesetzgeberischen Fundamente der heutigen lateinamerikanischen Gesellschaften und trugen zur Gestaltung der grundlegenden Vereinbarungen bei, die die moderne Regierungsführung, die Einkommensverteilung und die soziale Arbeitsteilung beeinflussen. Diese Vereinbarungen zielen darauf ab, die sozialen Ungleichheiten und Verteilungskonflikte abzubauen, die aufgrund der Konzentration von Eigentum, Einkommen und Chancen entstanden sind, obwohl diese Ziele nicht vollständig erreicht wurden. Obwohl einige Regierungen die Verteilungskapazität des Staates ausgebaut haben, ist die soziale Ungleichheit weiterhin ein strukturelles Problem, das jetzt durch die zunehmende Umweltzerstörung verschärft wird. Das Wirtschaftswachstum hat das historische Abhängigkeitsmuster der Region von der Ausbeutung natürlicher Ressourcen nicht überwunden, und die daraus resultierenden negativen externen Effekte haben sich in Kombination mit anderen Faktoren negativ auf die biologische Vielfalt und die natürlichen Ressourcen ausgewirkt. In der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts führten die in verschiedenen Ländern umgesetzten öffentlichen Maßnahmen zu einer Art»neuer Rückkehr des Staates« mit einer höheren Steuerbelastung, einer aktiveren Sozialpolitik und bestimmter Maßnahmen zur produktiven Diversifizierung. Während dieser Zeit kamen Regierungen aus unterschiedlichen progressiven Strömungen an die Macht und setzten Umverteilungsstrategien um, obwohl nur wenige dieser Strategien eine umfassende Produktdiversifizierung beinhalteten. 1.2  DIE NEUE ÄRA IN LATEINAMERIKA UND DER KARIBIK Lateinamerika und die Karibik sind sozial, kulturell und ökologisch sehr vielfältig. Diese Vielfalt ist ein Vorteil, kein Hindernis. Die Region umfasst ein breites Spektrum an Ökosystemen, die von den vorherrschenden tropischen Regenwäldern bis zu den kühlen Landschaften der Nearktis reichen, sowie eine große Vielfalt an Gesellschaften, die durch große Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen und-klassen gekennzeichnet sind. Es ist die Region mit der weltweit ungleichsten Einkommens- und Vermögensverteilung, obwohl es in den letzten Jahren Anstrengungen gab, diese Ungleichheiten und die größte Armut in der Bevölkerung zu bekämpfen. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Bedingungen haben sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts verbessert, aber die Fortschritte waren instabil und von Störungen und Rückschlägen gekennzeichnet. Die Instabilität der Rohstoffpreise, von deren Export man weiterhin abhängig ist, führt zu wirtschaftlicher Volatilität und hohen sozialen und ökologischen Kosten. Die vorherrschende Regierungsform in der Region ist die Demokratie, die jedoch aufgrund der weit verbreiteten Korruption und der begrenzten Fähigkeit der Regierungen, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung zu reagieren, unter einem Vertrauensverlust innerhalb der Bevölkerung leidet. In vielen Ländern ist aktuell ein Rückschritt hin zu personalistischen oder autoritären Regierungsformen zu erkennen. Die Abnahme der Zahl bewaffneter Konflikte in verschiedenen Ländern hat die 6 Die sozialen und ökologischen Krisen in der Welt und in Lateinamerika Lebenserwartung bei der Geburt, 2018 Ausbreitung von Gewalt im Zusammenhang mit sozioökonomischen Ungleichheiten, sozialer Spaltung und Drogenhandel nicht verhindern können. Über das Pro-Kopf-BIP hinaus bietet eine Bewertung der durchschnittlichen Lebenserwartung bei der Geburt in Lateinamerika eine weitere Möglichkeit, den durchschnittlichen Wohlstand zu messen. 1 Ähnlich lässt der Vergleich des Pro-Kopf-BIP mit der Kindersterblichkeit darauf schließen, dass die in bestimmten Ländern umgesetzten Maßnahmen viel dazu beitragen, den Wohlstand der Bevölkerungsgruppen mit prekäreren Lebensbedingungen zu verbessern. Grafik 1: Lebenserwartung bei der Geburt und Pro-Kopf-BIP in ­Lateinamerika und in der Karibik, 2018(24 Länder) 85 80 75 70 65 60 0 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 30.000 35.000 BIP pro Kopf bei Kaufkraftparität, 2018 Quelle: FES Transformación, 2019, basierend auf Daten des IWF und des UNDP. Die Informalität auf dem Arbeitsmarkt ist einer der Hauptgründe für die intraregionalen Wohlstandsunterschiede. In Lateinamerika ist ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt, der vom Staat nicht reguliert wird und von den bestehenden Rechtsvorschriften nur unzureichend abgedeckt wird. Obwohl diese Arbeitnehmer_innen Zugang zu Einkommen haben, handelt es sich um prekäre Arbeit. Nach Angaben der IAO(2018) erholten sich die informellen Beschäftigungsquoten in der Region im Jahr 2016 mit 50 Prozent der in der informellen Wirtschaft beschäftigten Arbeitnehmer_innen. In einigen Ländern sind die informellen Beschäftigungsquoten sogar noch höher. Verschiedene Faktoren wirken sich auf den Arbeitsmarkt aus, z. B. neoliberale Politik, Ungleichheit der Geschlechter, ländliche und städtische Gebiete sowie unterschiedliche Produktivitätsniveaus in den verschiedenen Wirtschaftssektoren. Die Einkommensungleichheit zwischen verschiedenen Gruppen und sozialen Schichten blieb bestehen, gekennzeichnet durch zwei bemerkenswerte Phänomene: 1) Die Tendenz in Bezug auf die Einkommensungleichheit ist in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen, und 2) der Anteil höherer Einkommensgruppen hat zugenommen bzw. hat in einigen Ländern nie abgenommen. Der für die Region berechnete einfache Durchschnitt des Gini-Koeffizienten verringerte sich von 2002 bis 2008 um 1,5 Prozent pro Jahr, von 2008 bis 2014 um 0,7 Prozent pro Jahr und von 2014 bis 2016 um 0,4 Prozent pro Jahr(ECLAC, 2018). Der Rohstoff-Boom der letzten drei Jahrzehnte führte zu einer Reprimarisierung der lateinamerikanischen Volkswirtschaften nach vorherigen Anstrengungen der Industrialisierung durch Importsubstitution. Im Ergebnis wurde Lateinamerika noch abhängiger vom Rohstoffsektor als zuvor. Dies ging mit negativen sozialen und ökologischen Konsequenzen einher, auch mit einer wachsenden Landkonzentration und einer signifikanten Zunahme von Konflikten aufgrund von Verletzung der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökologischen Rechte der gesamten Bevölkerung. Der heutige Neo-Extraktivismus kann nicht mehr für sich in Anspruch nehmen, dass er dazu beiträgt, soziale Unterschiede konsequent zu reduzieren(Svampa, 2017). Landkarte 1: Konflikte im Zusammenhang mit dem Bergbau in Lateinamerika Konflikte Projekte 46 Kriminalisierung 3 Anfragen 5 10 37 2 7 16 1 2 1 8 1 Die Lebenserwartung bei der Geburt ist einer der wichtigsten direkten Indikatoren für den Wohlstand der Bevölkerung. Es zeigt sich eine relativ signifikante Korrelation(der Bestimmungskoeffizient R2 beträgt 0,25) zwischen der Höhe des BIP und der Lebenserwartung bei der Geburt in der Region(Grafik 1). Es ist jedoch eine signifikante Streuung zu verzeichnen. Obwohl die Länder mit der höchsten Lebenserwartung bei der Geburt tendenziell im hohen und mittleren Bereich des Pro-Kopf-BIP liegen, gibt es auch Fälle wie Trinidad und Tobago, die dank ihrer Öl- und Gasraffinerieindustrie das höchste Pro-Kopf-BIP in der Region aufweisen und dennoch eine der niedrigsten Lebenserwartungen bei der Geburt. Es gibt auch Fälle von Ländern mit einem niedrigeren ProKopf-BIP und einer höheren Lebenserwartung bei der Geburt, wie Costa Rica im Vergleich zu Panama, Uruguay, Argentinien und Mexiko. Darüber hinaus weisen einige Länder ein ähnliches Pro-KopfBIP auf, jedoch signifikante Unterschiede in der Lebenserwartung bei der Geburt, wie beispielsweise Costa Rica im Vergleich zur Dominikanischen Republik und Brasilien oder El Salvador im Vergleich zu Bolivien. Andere Länder wie Ecuador und Argentinien, Haiti und Guyana oder Paraguay, El Salvador und Guatemala haben ein sehr unterschiedliches Pro-Kopf-BIP und dennoch eine ähnliche Lebenserwartung bei der Geburt. 7 26 39 10 1 44 1 29 Quelle: Datenbank des Observatorio de Conflictos Mineros en América Latina (Januar 2019). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter Die enorme Artenvielfalt in Lateinamerika und der Karibik und der Reichtum an Ökosystemen, die sowohl für die Region als auch für den ganzen Planeten von entscheidender Bedeutung sind, sind in Gefahr. Die Massenausbeutung an Ressourcen, die industrielle Landwirtschaft und die Zersiedelung wirken sich unter anderem negativ auf die Widerstandsfähigkeit dieser Ressourcen aus. Die Region umfasst zwölf Prozent der Erdoberfläche, 20 Prozent der wichtigsten Biodiversitätsgebiete der Erde, mehr als 30 Prozent der verfügbaren Süßwasserressourcen und fast 50 Prozent der tropischen Regenwälder. Sie beherbergt 29 Prozent der Samenpflanzen, 35 Prozent der Säugetiere, 35 Prozent der Reptilien, 41 Prozent der Vögel und 51 Prozent der Amphibien – insgesamt 122.000 Arten – sowie ein Drittel der Süßwasserfischfauna(5.000 Arten) und mindestens 33 Prozent der vom Menschen kultivierten Nutzpflanzen. Sie ist eine einzigartige Ressourcenquelle unter anderem in Bezug auf Nahrung, Unterkunft, Trinkwasser, saubere Luft, Hochwasserschutz, Krankheits- und Schädlingsbekämpfung. Die Region leistet regulatorische Beiträge in Bezug auf Bestäubung, Klimaregulierung und Luftqualität sowie immaterielle Beiträge wie außergewöhnliche Landschaften und heilige Orte. Darüber hinaus trägt die Region zur Kontinuität und kulturellen Identität ihrer Bevölkerung bei. Lateinamerika und die Karibik werden von 13 Prozent der Weltbevölkerung bewohnt, stellen aber 40 Prozent der Kapazität des weltweiten Ökosystems für die Produktion von Rohstoffen und Produkten, die von der Menschheit genutzt werden. Diese Beiträge unterstützen direkt Sektoren wie Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft und Tourismus, die zusammen 15 Prozent des BIP der Region, 17 Prozent ihrer Arbeitskräfte und 50 Prozent ihrer Exporte ausmachen (­IPBES, 2018). Unter den derzeitigen Regierungssystemen sind die biologische Vielfalt und die materiellen Ressourcen in den letzten 12 Jahren im Durchschnitt zurückgegangen, obwohl erfolgreiche Bemühungen zum Schutz der Ökosysteme und zur Umkehrung der Umweltzerstörung zeigen, dass Fortschritte nicht ausgeschlossen sind. In Lateinamerika und der Karibik steht die biologische Vielfalt unter Druck: 65 Prozent der Rohstoffressourcen gehen in allen Analyseeinheiten zurück, 21 Prozent davon fallen steil ab. Lateinamerika und die Karibik haben eine größere Biokapazität pro Kopf(5,3 gha, globale Hektor) als der Weltdurchschnitt(1,6 gha), ihr ökologischer Fußabdruck pro Kopf (2,7 gha) ist jedoch nur geringfügig niedriger als der der Welt(2,8 gha). Die Indikatoren für den ökologischen Fußabdruck und die Treibhausgasemissionen erlauben eine differenzierte Einschätzung der Auswirkungen der mehr oder weniger kontaminierenden Sektoren in den verschiedenen Volkswirtschaften. Es besteht eine relativ signifikante Korrelation zwischen dem Pro-Kopf-BIP und dem ökologischen Fußabdruck, das heißt der Gesamtsumme der CO 2 -Emissionen und der Nutzung von natürlichen Ressourcen an Land(bebaute Gebiete, Landwirtschaft, Viehzucht oder Forstwirtschaft usw.) und im Meer(Fischerei). 2 Eine gewisse Streuung ist jedoch auch bei Ländern mit ähnlichem Pro-Kopf-BIP und großen Schwankungen des ökologischen Fußabdrucks 3 sowie bei Ländern mit starken Schwankungen des Pro-Kopf-BIP und ähnlichen ökologischen Fußabdrücken festzustellen. 4 2 Der Bestimmungskoeffizient R2 beträgt für 2016 0,33(siehe Grafik 2). Das Land mit dem größten Pro-Kopf-BIP und dem größten ökologischen Fußabdruck ist Trinidad und Tobago, ein Ergebnis der Gasförderung und der Ölraffinerie des Landes. 3 Zu dieser Gruppe gehört Chile, das natürliche Ressourcen exportiert und einen Fußabdruck von 4,3 gha hat, was etwa der doppelten Größe des Fußabdrucks der dienstleistungsbasierten Wirtschaft Panamas(2,3 gha) entspricht. Obwohl sie ein ähnliches Pro-KopfBIP haben, hat Brasiliens diversifiziertere Wirtschaft einen ökologischen Fußabdruck von 2,8 gha, während Kolumbien, ein Land mit einem bedeutenden Agrarsektor, einen ökologischen Fußabdruck von nur 1,7 gha hat. 4 Die Länder mit großen Schwankungen des Pro-Kopf-BIP(zwischen 5.000 USD und 15.000 USD) weisen ähnliche ökologische Fußabdrücke auf(weniger als 2 gha). Diagramm 1: Umweltzerstörung in Lateinamerika und der Karibik Wälder Wasser Lebensräume Seit 1990 sind die Waldflächen in Südamerika(–9,5%) und Mittelamerika (–25%) geschrumpft, während sie in der Karibik zugenommen haben(43,4%). Schwierigkeiten bei der Wasserversorgung bestehen für die Hälfte der Bevölkerung, unter anderem aufgrund der durch den Klimawandel verursachten Zugangsschwierigkeiten, Umweltverschmutzung und Dürreperioden. Die Intensivierung der Landwirtschaft hat zur Umwidmung von Lebensräumen, Bodenverschlechte­rung, intensivem Einsatz von Pestiziden und anderen Agrochemikalien geführt mit negativen Wirkungen auf die Ökosysteme sowie auf die Luft-, Wasserund Bodenqualität. Quelle: Eigene Ausarbeitung. Klima Erhöhte Temperaturen und Niederschläge an einigen Orten als Folge des Klimawandels wirken sich negativ auf den Energiefluss der Arten und Ökosysteme aus und stehen in Zusammenhang mit einer Beschleunigung des Artensterbens bei Pflanzen und Tieren. Meer Die Artenvielfalt der Meere, Mangroven und Korallenriffe ist in den letzten Jahrzehnten erheblich zurückgegangen. 8 Die sozialen und ökologischen Krisen in der Welt und in Lateinamerika Ökologischer Fußabdruck pro Kopf –20% 0% 20% 40% 60% 80% 100% 120% 140% 160% 180% 200% 220% 240% 260% Grafik 2: Ökologischer Fußabdruck und BIP pro Kopf in Lateinamerika und in der Karibik, 2016(24 Länder) 9 8 7 6 5 4 3 2 1 0 0 5.000 10.000 15.000 20.000 25.000 30.000 35.000 BIP pro Kopf bei Kaufkraftparität, 2016 Quelle: FES Transformación, 2019 In Bezug auf die Raumordnung haben der wachsende Bedarf an Wohnraum und die damit verbundenen Grundstücksspekulationen dazu geführt, dass der Staat die Kontrolle und Verwaltung von Urbanisierungsprozessen sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene an den Mechanismus des Marktes abgetreten hat. Hinsichtlich des Urbanisierungsgrades liegt die Region Lateinamerika und Karibik an zweiter Stelle(80 Prozent) hinter Nordamerika(81 Prozent). Die Städte weisen jedoch erhebliche Ungleichheiten und Unterschiede beim Zugang zu Dienstleistungen und der Infrastruktur auf, einschließlich Mobilität und Bereitstellung von Wasser- und Abwasserversorgung. Unkontrollierte Urbanisierungsprozesse führen zu einem allgemeinen Chaos, dessen derzeitiges Ausmaß die Lebensqualität der Einwohner sowie die ökologische Nachhaltigkeit dieser Siedlungen gefährden. Probleme wie Abholzung, Lärmbelastung, Kontamination und Verschwinden von Flüssen und Feuchtgebieten, Verschlechterung der Luftqualität, unzureichende Wasserversorgung, schlechte oder keine Abwasseraufbereitung, Verkehrsstaus und minderwertiger öffentlicher Nahverkehr haben sich in städtischen und stadtnahen Gebieten verschlimmert. Im Allgemeinen befinden sich die Siedlungen der Ärmsten in den am stärksten von der Umweltzerstörung betroffenen Gebieten. Praktisch alle lateinamerikanischen Metropolen wachsen weiterhin schnell, besetzen immer mehr Land und erweitern städtische Gebiete, wodurch die Immobilienspekulation immer weiter zunimmt. Diese rasche Stadterweiterung zerstört wertvolle Umweltressourcen und drängt die Ärmsten in immer weiter entfernte Gebiete zurück. Darüber hinaus verursachen solche Städte hohe Emissionen, die zur globalen Erwärmung, zu Änderungen der Landnutzung, zu wachsender Mobilität aufgrund von Zersiedelung und zu einem höheren Energieverbrauch beitragen. Grafik 3: Prozentuales Wachstum der Bevölkerung, des besiedelten Raums und des Fahrzeugparks in ausgewählten Ballungsräumen Lateinamerikas und der Karibik, 2000–2015 5 São Paulo Ciudad de México Buenos Aires Lima Bogotá Santiago Brasilia Guatemala Caracas Santo Domingo San Juan Puerto Príncipe San José Quito La Habana Montevideo La Paz Santa Cruz de la Sierra Asunción Panamá San Salvador Managua Tegucigalpa Fahrzeugpark Quelle: FES Transformación, 2019 Stadtgebiet Bevölkerung 5 Die Mobilitätskrise in Großstädten ist eine der Ursachen für Treibhausgasemissionen und einer der Gründe für urbane soziale Bewegungen. Dies führt zu einem beschleunigten Wachstum der Fahrzeugparks, das in der Region in der Größenordnung von 7 bis 8 % pro Jahr liegt – und damit weit über dem demografischen und wirtschaftlichen Wachstum. Dieser Anstieg belegt die wachsende Nutzung des Autos und die Ineffizienz öffentlicher Transportsysteme, die fehlende Berücksichtigung von Fußgängern und Fahrrädern als meistgenutzte Fortbewegungsarten und die ungebremste urbane Expansion. 9 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter 2 DAS PARADIGMA DER SOZIAL-­ ÖKOLOGISCHEN TRANSFORMATION 2.1  DIE SOZIAL-ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION 2.2  DIE PRINZIPIEN DER SOZIALÖKOLOGISCHEN TRANSFORMATION Die lateinamerikanischen Gesellschaften sehen sich enormen sozialen und ökologischen Herausforderungen auf lokaler, regionaler und globaler Ebene gegenüber. Ein verbessertes Verständnis für die gegenseitige Abhängigkeit der wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Bereiche ermöglicht es uns heute, einen analytischen Rahmen und systemische Vorschläge für diese Herausforderungen zu skizzieren, die sich am Gemeinwohl der Gesellschaft orientieren, ohne dabei die Bedingungen für die Erhaltung des Lebens auf dem Planeten zu vernachlässigen. Wir verstehen die sozial-ökologische Transformation (SÖT) als einen Prozess des systemischen Wandels in dem Verhältnis Mensch – Natur sowie des Wandels in den sozialen Strukturen, der – unter den jeweiligen Bedingungen einer Gesellschaft – einen positiven Kreislauf zwischen dem hinreichenden Angebot an Grundgütern, größerer Verteilungsgerechtigkeit und verbesserter ökologischer Tragfähigkeit erreicht. Das auf unbegrenzter Kapitalanhäufung basierende System repräsentiert anhaltende Wohlstandskonzentration, Gewalt und strukturelle Ungerechtigkeit zwischen Gruppen und sozialen Schichten sowie eine zunehmend untragbare Belastung der Ökosysteme, die diese Aktivitäten erst ermöglichen und aufrechterhalten. Der Prozess der sozial-ökologischen Transformation unterstützt ein positives Verhältnis zwischen sozialen Kapazitäten und Biokapazitäten durch politische und wirtschaftliche Strukturen, die einen Ausgleich zwischen beiden Seiten suchen und somit sowohl den Wohlstand der Gesellschaft als auch ihren ökologischen Fußabdruck bestimmen. Der sozial-ökologische Wandel ist auf den Aufbau einer politischen und wirtschaftlichen Demokratie ausgerichtet, die die Entwicklung und Konsolidierung sozialer Institutionen und Praktiken(sozialer Kapazitäten) begünstigt und ein ausreichendes Maß an gerechtem Wohlstand bei gleichzeitiger Wahrung der lebensnotwendigen Bedingungen(Biokapazitäten) gewährleistet. Die beiden Grundprinzipien der sozial-ökologischen Transformation sind Solidarität und Verantwortung gegenüber dem Leben, was sich in Form eines Engagements für das Wohlergehen anderer Mitglieder der Gesellschaft in Gegenwart und Zukunft zeigt. Der Wohlstand jedes Einzelnen hängt daher in hohem Maße vom Wohlstand der anderen Mitglieder der Gemeinschaft sowie vom Grundsatz der Verantwortung gegenüber künftigen Generationen ab. Grundrechte, Ausschluss von Dominanz und soziale Demokratie Wir verstehen Demokratie als eine assoziative politische Struktur, die die Grundrechte – einschließlich bürgerlicher und politischer Rechte – gewährleistet und wirtschaftliche, soziale, kulturelle und ökologische Rechte verankert und gleichzeitig alle Formen willkürlicher Diskriminierung sanktioniert. Nach diesem Verständnis muss die Demokratie von einem verfassungsrechtlich-demokratischen Prinzip geleitet sein, wonach die öffentliche Gewalt nach rechtsstaatlichen Prinzipien handelt und so vor Willkür und Unterdrückung der Bürger_innen schützt. Die Demokratie muss auch ein zweites Prinzip des bürgerlichen Republikanismus beinhalten, nach dem sich der Staat darauf konzentrieren muss, die Dominanz der privaten Macht zu verringern(Pettit, 2009). Darüber hinaus glauben wir, dass der Vorrang von Rechtsstaatlichkeit und Nichtherrschaft zu ausgeprägten Formen der sozialen Demokratie führen wird, die die Interessen und Rechte der Bürger_innen sowie ihr Potenzial, aufgrund ihrer Position und ihres kollektiven Handelns in das öffentliche Leben einzugreifen, anerkennen. Dazu gehören die Teilnahme bei der Erarbeitung von Gesetzen und die Teilnahme an Volksbefragungen(Castel, 2013). Der Grundsatz der Chancengleichheit und Gegenseitigkeit Eine legitimierte Regierung muss alle Bürger_innen mit gleichem Respekt und gleicher Rücksichtnahme behandeln. Angesichts der Tatsache, dass die wirtschaftliche Verteilung innerhalb einer Gesellschaft vor allem eine Folge des rechtlichen und politischen Systems dieser Gesellschaft ist, müs10 Das Paradigma der sozial-­ökologischen Transformation Diagramm 2: Eine Darstellung sozial-ökologischer Wechselwirkungen Politische Struktur Institutionelle Systeme, Vertretungs-, Regulierungs- und Raumordnungssysteme Biokapazitäten Atmosphäre, Klima, Landschaft, Wälder, Wiesen, Ackerland, Grundwasser- und Meeresressourcen Wirtschaftsstruktur • Ausstattung, Energiequellen, Demo­ grafie, Qualifikation der Arbeitskräfte, Wissen und Technologien • Regelungen für die Gewinnung und ­Nutzung natürlicher Ressourcen, die g­ ewerbliche und nichtgewerbliche P­ roduktion, die Beschäftigung von A­ rbeitskräften und die Verteilung von Überschüssen Soziale Kapazitäten Kulturelles und soziales Kapital, Gemeingüter und Produktivität im Umgang mit Ressourcen Ökologischer Fußabdruck Wohlergehen Quelle: FES Transformación, 2019. sen in dieser Gesellschaft egalitäre Bedingungen vorhanden sein, damit eine wirtschaftliche Verteilung stattfinden kann. Wir folgen dem Ansatz von Ronald Dworkin, demzufolge Gleichheit auf der objektiven Notwendigkeit aller Menschen beruht, ein erfolgreiches Leben zu führen, und der Verantwortung jedes Einzelnen, die Ziele seines oder ihres eigenen Lebens zu definieren und Wohlstand zu erwerben. Wahre Gleichheit zeichnet sich dabei durch einen gleichberechtigten Zugang zu Ressourcen für jedes Individuum aus und nicht als Gleichheit der Erfolge, die mit diesen Ressourcen erzielt werden. Damit die Menschen ihre Entscheidungen autonom treffen können, muss der Staat ihnen den Zugang zu den erforderlichen Ressourcen garantieren ebenso wie den Zugang zu diversen gesellschaftlichen Positionen. Die Ethik der Fürsorge und Anerkennung Eine der Konsequenzen des gegenseitigen Respekts und der Rücksichtnahme aller Mitglieder der Gesellschaft ist eine gerechte Reproduktion und eine gegenseitige Fürsorge auf Grundlage der Menschenwürde. Nach Carol Gilligan(2013): »In einem patriarchalischen Kontext ist Fürsorge eine weibliche Aufgabe. In einem demokratischen Kontext obliegt die Fürsorge der Verantwortung aller Menschen.« Dieses Konzept ist unabdingbar mit den nicht kommerzialisierten, aber lebenswichtigen Bereichen der Wirtschaft, mit demokratischen Grundsätzen wie öffentlicher Unabhängigkeit und kollektiver Selbstbestimmung und mit ökologischen Werten wie dem Schutz der Natur und ihrer Erhaltung für künftige Generationen verbunden. Das Prinzip der Nachhaltigkeit Nachhaltigkeit setzt ein dynamisches Gleichgewicht zwischen gesellschaftlichen und ökologischen Systemen voraus, das die Beibehaltung der Lebensbedingungen gewährleistet. Ökologische Nachhaltigkeit kann definiert werden als die Fähigkeit eines Ökosystems, im Laufe der Zeit vielfältig, belastbar und produktiv zu bleiben, sowie als seine Fähigkeit, die Beiträge aufrechtzuerhalten, die für das menschliche Leben und das Überleben anderer Arten von entscheidender Bedeutung sind. Auf der anderen Seite kann wirtschaftliche Nachhaltigkeit als die Fähigkeit eines Wirtschaftssystems definiert werden, vielfältig, belastbar und produktiv zu bleiben – angefangen bei nationalen Aktivitäten bis hin zur Ebene der globalen Wirtschaft. Die Forderung nach systemischer Nachhaltigkeit ergibt sich aus der Zerbrechlichkeit der Natur aufgrund der Expansion der Wirtschaft und der dadurch bedrohten wechselseitigen Abhängigkeit. Systemische Nachhaltigkeit erfordert, dass sich die menschlichen Gesellschaften innerhalb festgelegter Grenzen entwickeln, um die irreversible Zerstörung grundlegender Bestandteile der Natur oder ihrer Funktionsweise zu verhindern und die Bereitstellung der von der Gesellschaft benötigten Güter und Dienstleistungen sicherzustellen. 2.3  DIE ZIELE DER SOZIALÖKOLOGISCHEN TRANSFORMATION Die sozial-ökologische Transformation hat das langfristige Ziel, dass jede Gemeinde ein ausreichendes, gerechtes und nachhaltiges Wohlstandsniveau bei gleichzeitiger gesellschaftlicher Diversität erreicht. So entsteht eine Gesellschaft, 11 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter in der ein gutes Leben gelebt werden kann, das durch einen Staat gewährleistet wird, der die unvermeidlichen Diskrepanzen, die sich aus der sozialen und kulturellen Pluralität ergeben, sowie die unterschiedlichen Interessen, die sich aus verschiedenen Produktionsstrukturen ergeben, erkennt und zu überwinden versucht. Unter einem guten Leben versteht man ein Leben, das die Verfolgung der individuellen ethischen Ziele jedes Einzelnen ermöglicht und das die Bedeutung eines würdigen Lebens unter gerechten Bedingungen sowie die begrenzte Belastbarkeit des Lebens auf der Erde achtet. Wir schlagen vor, Reichtum nicht länger als unbegrenzte Anhäufung materieller Güter und unendliche Entnahmemöglichkeit natürlicher Ressourcen durch menschliche Arbeit zu verstehen, sondern als Kultivierung und kreative Reproduktion pluralistischer und zufriedenstel lender Lebensbedingungen für alle Mitglieder der Gesellschaft. Dies erfordert einen Wandel, der die Faktoren erhöht, die zum Wohlbefinden beitragen, und diejenigen verringert, die sich negativ auf das Wohlbefinden, die Gerechtigkeit und die Widerstandsfähigkeit der Natur auswirken. Wohlstand bedeutet Respekt für die Integrität, Freiheit und Sicherheit jedes Einzelnen; er hängt weitgehend von der Einbeziehung in eine Gemeinschaft und in eine Gesellschaft mit Regeln und Praktiken ab, die das Zusammenleben und die Gegenseitigkeit unterstützen. Wohlstand hängt auch von der ausreichenden Verfügbarkeit und gerechten Verteilung der politischen, kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Ressourcen in jeder Familie, Gemeinde und Gesellschaft ab, wobei die Aneignung und Nutzung dieser Ressourcen in einigen Fällen individuell und in anderen kollektiv ist. Zu den Hauptzielen des sozial-ökologischen Wandels gehören stärkere integrative Institutionen, Bürgerbeteiligung sowie pluralistische und kollektive Entscheidungsfindung im Kontext von Nichtdiskriminierung, Reduzierung der Ungleichheit und Achtung der kulturellen Vielfalt, universeller Zugang zu den Bedingungen eines würdigen Lebens und sozialer Interaktion, Ausweitung des Zugangs zu öffentlichen und gemeinschaftlichen Gütern und eine Verschiebung hin zu einer wirksamen Chancengleichheit zwischen sozialen Gruppen und Geschlechtern. Tabelle 1: Ziele und Richtlinien der sozial-ökologischen Transformation Der Horizont der sozial-ökologischen Transformation Eine Transformation auf dem Weg zu einer Gesellschaft des guten Zusammenlebens in Vielfalt mit einer sozialen Demokratie und einer pluralistischen Wirtschaft, die auf einen gerechten und nachhaltigen Wohlstand ausgerichtet ist Hauptziele des demokratischen und sozialen Rechtsstaats, des Zusammenlebens, der Beteiligung und der kollektiven Entscheidungsfindung. Diversifizierung der Wirtschaft, Erhaltung der Gemeingüter und Erweiterung des Zugangs zu öffentlichen Gütern für den kollektiven Konsum sowie Ausbau der Sozialund Pflegewirtschaft. nderung der Verteilungsstruktur, um einen universellen Zugang zu würdigen Lebensbedingungen sowie eine effektive Chancengleichheit zwischen sozialen Sektoren, Geschlechtern und Territorien zu erreichen. ie Lebensräume so umgestalten, dass sie zunehmend integrativer, kulturell vielfältiger und nachhaltiger werden und den Auswirkungen der täglichen Gewalt und Unsicherheit gewachsen sind. iokapazitäten und ihre nachhaltige Nutzung wiederherstellen. Quelle: FES Transformación, 2019. Politische Bereiche usbau der steuerlichen Kapazitäten und der mit sozialen und wirtschaftlichen Akteuren für die kurzfristige und langfristige sozial-ökologische Umstellung abgestimmten strategischen Regierungsplanung. auf eine widerstandsfähige, kreislaufartige und dekarbonisierte Produktion durch neue Vorschriften und relative Preisänderungen, die sich auszeichnet durch Dezentralität, vielfältige Wirtschaftsakteure, eine Ausweitung der Investitionen und die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsbedingungen mit folgenden Prioritäten: a) selektive Wertschöpfungsketten und globale Integration oder regional hohe Produktivität, nicht-extraktivistisch und wissensbasiert; und b) Produktionskreisläufe von Grundbedürfnissen, wie verbesserte Wohnverhältnisse, gesunde Lebensmittel und lebenswichtige Dienstleistungen mit kurzen Produktions- und Konsumketten. mverteilung des Einkommens durch gerechte Entlohnung, insbesondere in Bezug auf Geschlecht, Arbeit und menschliche Fürsorge, zusammen mit einem universellen Grundeinkommen und sozialem Schutz gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit, im Alter und bei Behinderung. in Wissen, Bildung, Gesundheit, Ausrüstung, Infrastruktur und Innovation im Rahmen einer neuen Raumplanung in intelligenten Städten und in besser integrierten ländlichen Räumen mit Elektromobilität und sicheren öffentlichen Räumen, die ein soziales Zusammenleben in kultureller Vielfalt fördern. eines nachhaltigen und gesunden Konsums; Regulierung und Preiserhöhung von ungesunden oder umweltschädlichen Konsumgütern; Stärkung der Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme durch Stärkung der kollektiven Handlungsfähigkeit und Förderung sozial verantwortlichen Verhaltens. 12 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika 3 VORSCHLÄGE FÜR EINE SOZIAL-­ ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION IN ­LATEINAMERIKA Der sozial-ökologische Wandel muss zwei Bedingungen berücksichtigen, die sich auf die Gegenwart auswirken und die Zukunft gefährden: strukturelle Ungleichheit und Umweltzerstörung. Um diese beiden Bedingungen anzugehen, ist es wichtig, sowohl die allgemeinen Herausforderungen als auch die spezifischen Probleme zu identifizieren, mit denen moderne Gesellschaften konfrontiert sind. Dazu sind zwei Grundannahmen erforderlich: erstens die Notwendigkeit von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, um die wirksame Ausübung sozialer Macht zu gewährleisten, und zweitens der Übergang zu einer Kreislauf-, Plural- und integrativen Wirtschaft, die neben der Einbeziehung der verschiedenen produktiven Akteure auch die notwendigen Güter zum Leben und die Reproduktion der lebensnotwendigen Bedingungen schafft. Um die verschiedenen Herausforderungen beim Umgang mit den strukturellen Ungleichheiten zu behandeln, drehen sich verschiedene Ansätze der Publikation»So geht es nicht weiter: Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika« um eine gerechte Verteilung des Reichtums, Arbeitsbedingungen und den Übergang zu lernenden Gesellschaften, in denen die Entwicklung von Wissenschafts-, Technologie- und Innovationssystemen die Wirtschaft und das Wohlstandsniveau unterstützen. Darüber hinaus wird – um eine Harmonisierung von Wirtschaft und Umwelt zu unterstützen – in diversen Abschnitten auf die Realitäten verschiedener produktiver Sektoren (Energie, Rohstoffe, Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen) und verschiedener Gebiete(ländliche und städtische Gebiete) eingegangen. Es sollen Politikvorschläge entwickelt werden mit dem Ziel, die Dynamiken und Aktivitäten dieser Sektoren und Gebiete im Hinblick auf ein positives Verhältnis zwischen der Lebensqualität des Menschen und dem Schutz und der Erhaltung der Natur zu kanalisieren. Ein spezieller Abschnitt befasst sich mit den Herausforderungen der Kulturdemokratie im Sinne der Erhaltung und Förderung von Räumen zur Schaffung und Reproduktion von Kultur in pluralistischen Gesellschaften. 3.1  STÄRKEN DES DEMOKRATISCHEN UND SOZIALEN RECHTSSTAATES Vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Polarisierung, täglicher Gewalt und Umweltzerstörung müssen die an der sozial-ökologischen Transformation beteiligten Akteure in der Lage sein, Mehrheiten für ihre Ideale zu generieren. Deren Effektivität und der Vorrang eines sozialen und demokratischen Staates garantiert die Verbesserung von individuellen und kollektiven Lebensbedingungen und ist Basis einer für die Integration sozialer und kultureller Diversität offenen Gesellschaft. Dies erfordert politisches Eintreten, um die öffentlichen Institutionen, die für das Allgemeininteresse zuständig sind, vor Korruption und Missbrauch durch Privatpersonen oder oligarchische Minderheiten zu schützen, die versuchen, den Staat zu ihrem persönlichen Vorteil einzunehmen. Politisches Handeln darf nicht nur darauf ausgerichtet sein, die Legitimität des Demokratieursprungs zu gewährleisten, sondern auch auf die Legitimität ihrer Ausübung. Im Fokus steht die Fähigkeit des Systems, greifbare Ergebnisse zu Themen wie Beschäftigung, Entlohnung, Lebensbedingungen, Gleichstellung der Geschlechter, Anti-Diskriminierung und Eindämmung der Umweltzerstörung zu erzielen. Politisches Handeln sollte auch sicherzustellen, dass die Demokratie wirksame Antworten auf die neuen und aufkommenden Anforderungen urbaner und komplexer Gesellschaften bietet. Mit anderen Worten, wir müssen eine sozial-ökologische Demokratie schaffen. – Der Staat muss seine Institutionen stärken und den Aufbau einer offenen Regierung mit größerer Beteiligung der Bürger_innen vorantreiben. – Regierungsaktivitäten müssen sowohl aktiven als auch passiven Transparenzmechanismen unterliegen und sollten Sozialpartner einbeziehen und konsultieren. – Professionelle Karrieresysteme müssen auf höchster Regierungsebene implementiert werden, um die Eignung der Kandidaten inklusive der Stärkung der Compliance-Anforderungen und leistungsorientierter Beförderungen sicherzustellen. – Lokale Akteure müssen einbezogen werden, um kollektives Handeln zu legitimieren; zivilgesellschaftliche Organisationen sollten ihre dreifache Rolle als Mit13 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter Diagramm 1: Sozialpakte und prioritäre Aufgaben Governance Staat und Zivilgesellschaft müssen demokratische Qualität privilegieren. Soziale Arbeitsteilung Der Staat muss eine katalytische Rolle als Förderer größerer sozialer und ökologisch nachhaltiger wirtschaftlicher Kapazitäten übernehmen. Verteilungsgerechtigkeit Der Staat muss Maßnahmen ergreifen, die die starken Asymmetrien von Macht, Einkommen und Vermögen zwischen den verschiedenen Klassen und sozialen Kategorien verringern. Ökologie Der Staat muss eine öffentliche Politik fördern, die sich an der Erhaltung von Ökologie und Umwelt, ökologischem Schutz und Umweltschutz orientier.t Quelle: Eigene Ausarbeitung. gesetzgeber, Mitverwalter und Beobachter wahrnehmen. – Der soziale und demokratische Rechtsstaat sollte aktiv die folgenden Bereiche fördern: endogene Produktivaktivitäten, Schutz der Dienste der Ökosysteme, Risikodeckung, Bereitstellung von Dienstleistungen zur Deckung der Grundbedürfnisse, effektive Chancengleichheit und Gemeinsinn in städtischer und urbaner Planung. – Der Staat muss aktive und überprüfbare öffentliche Politik mit klaren und sichtbaren Leistungsindikatoren in ausreichendem Umfang und ausreichender Größenordnung sowie eine Politik des Kulturwandels entwickeln, die darauf abzielt, das Kulturmodell des globalen Kapitalismus schrittweise zu überwinden. – Einige Maßnahmen sollten schrittweise erfolgen, insbesondere diejenigen, die auf die Schaffung eines langfristigen sozialen und institutionellen Konsenses ausgerichtet sind(z. B. Maßnahmen zur Umstrukturierung der Wirtschaft). Notwendig ist jedoch eine sofortige Auseinandersetzung mit den Grundursachen, die sich in der Verletzung bürgerlicher und politischer Rechte oder im Unvermögen des Staates, soziale, wirtschaftliche, kulturelle und Umweltrechte zu garantieren, manifestiert. Die sozial-ökologische Demokratie erfordert einen strategischen Staat, der im Namen der kollektiven Interessen heutiger und künftiger Generationen die Souveränität über seine natürlichen Ressourcen und Gemeinschaftsgüter behält. Das befördert die Bereiche der Wirtschaft, die die Grundbedürfnisse befriedigen, ohne veraltete Aktivitäten, Organisationsformen oder den Rohstoffkapitalismus zu subventionieren, die sich nicht dem Markt unterordnen, sondern ihn regieren und damit die destruktiven Aktivitäten des Wirtschafts- und Umweltgefüges mindern. Diesem Staat ist bewusst, dass die Dynamik der Entwicklung nicht nur eine Akkumulation, sondern auch eine Neuverteilung der Produktion und des technischen Wandels, eine Nutzung externer Effekte und Verbesserungen in der Koordinierung ermöglicht, um die Unteilbarkeit und Komplementarität der Investitionen und des Produktionsgefüges zu überwinden. Der sozial-ökologische Wandel erfordert staatliche Eingriffe in drei Hauptbereichen: a) die Mindestfunktionen im Zusammenhang mit der Bereitstellung öffentlicher Konsumgüter für den kollektiven Gebrauch, Sicherheit und Wirtschaft; b) die Zwischenfunktionen, die mit teilweise oder vollständig subventionierten Aktivitäten wie Bildung, Gesundheit und Umweltschutz verbunden sind; und c) die aktivistischen Funktionen, die direkte Eingriffe in die Wirtschaftstätigkeit darstellen, wie Industriepolitik, Zugang zu Land- und Eigentumsrechten, Regulierung von Monopolen, Verbraucherschutz und/oder Ausbau von Gemeingütern. 3.2  EINE PLURALE UND KREISLAUF­ WIRTSCHAFT MIT MENSCHENWÜRDIGER ARBEIT VERWIRKLICHEN Das System der unbegrenzten Anhäufung und Konzentration von privatem Kapital, das zunehmend die Welt dominiert, basiert auf der Schaffung bzw. der Reproduktion von Ungleichheiten. Einige wenige eignen sich die Arbeit und Ressourcen anderer an und die Umwelt wird geplündert. Die Alternative hierzu ist eine sozial-ökologische Transformation, die den Weg zu einer gemischten Wirtschaft unter der Leitung und Förderung des sozialen und demokratischen Staates mit einem aktiven öffentlichen Sektor öffnet. Der Staat engagiert sich aktiv in strategischen Bereichen wie Steuereinnahmen, Innovation und Wertschöpfung zur Förderung von Vollbeschäftigung und mit einem sozialen, solidarischen und fürsorglichen Wirtschaftssektor, der in der Lage ist, sich neben einer regulierten und wettbewerbsorientierten Privatwirtschaft zu behaupten, die gute Arbeitsstandards und Kreislaufwirtschaft respektiert sowie auf die Erwirtschaftung 14 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika Tabelle 2: Rolle des Staates in sozial-ökologischen Demokratien A. Mindestfunktionen: Bereitstellung öffentlicher Güter Souveräne Funktionen und Außenbeziehungen und Gerechtigkeit Administration Soziale und wirtschaftliche Funktionen öffentliche Gesundheit Regulierung B. Intermediäre Funktionen: Regulierung externer Effekte, Risikodeckung und Umverteilung Förderung und Eindämmung positiver äußerer Effekte öffentliche Bildung Ausbildung und Innovation Deckung von kollektiven und individuellen Risiken von und Unterstützung bei Katastrophen von und Unterstützung bei Katastrophen Quelle: FES Transformación, 2019. Versicherungen und Dienstleistungen für Gesundheit und Pflegebedürftigkeit und Dienstleistungen zur Wiedereingliederung Beschäftigungspolitik und direkte Einkommensumverteilung zu Beschäftigung für angemessene Beschäftigung, Mindestlöhne und Tarifverhandlungen Geldtransfers an Familien und die Wirtschaft C. Dynamische Funktionen und Dekonzentrationspolitik, Preisregulierungen für natürliche Monopole und Verbraucherschutz Industrie- und Energiepolitik Förderung des Zugangs zu Produktionsmitteln der Sozial- und Solidarwirtschaft und Ausbau von Gemeinschaftsgütern der Kreislaufwirtschaft Diagramm 2: Sozial-ökologische Transformation für einen demokratischen und sozialen Staat und eine effiziente und belastbare gerechte plurale Wirtschaft Demokratischer und sozialer Staat und partizipativ der sozialen und territorialen Dekonzentration Planer und Anbieter von öffentlichen Gütern Sozial- und Pflegewirtschaft oder teilweise »entmerkantilisiert Effektive öffentliche und private Produktion von Waren und Dienstleistungen und mit Märkten Die Prozesse der sozial-ökologischen Transformation von Staat und Wirtschaft erzeugen... Ein neues strukturelles Gleichgewicht durch: Einkommensströme aus Arbeit und Kapital sowie Einkommensverstärkung in der Sozialwirtschaft mit funktionalen und gesunden Anreizen Investitionsflüsse in Kreisläufe globaler und regionaler Produktionsketten und verstärkte Dienstleistungskreise für die Menschen Ausgaben finanziert durch progressive Steuern für die Bereitstellung von Gütern zur kollektiven Nutzung, Erhaltung von Gemeingütern und Bildung, ein allgemeines Grundeinkommen und soziale Sicherung in den Bereichen Beschäftigung, Gesundheit und Renten Austausch mit strukturellem konjunkturellem Gleichgewicht und eingeschränkter Finanzspekulation der Widerstandsfähigkeit des Ökosystems Selbständiges Arbeiten und Lohnarbeit kollektiven Rechten Beteiligung an der Ausrichtung und den Ergebnissen der Unternehmen Prozesse, die die sozialökologische Transformation von Staat und Wirtschaft stärken Quelle: FES Transformación, 2019. 15 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter Diese neue Wirtschaft, die die vielfältigen strukturhistorischen Traditionen der Wirtschaftsanalyse einbezieht, ist insofern eine demokratische Wirtschaft, als sie ausdrücklich verlangt, dass Wirtschaftsakteure im Rahmen demokratisch etablierter, bewerteter und kontrollierter Normen handeln. Außerdem werden Ressourcen mithilfe einer Kombination aus zentralisierten und dezentralisierten Modellen auf der Grundlage von Marktpreisen oder bei Bedarf mithilfe von Preiskontrollen zugewiesen. Diese Wirtschaft stellt eine Alternative zur deregulierten Marktwirtschaft dar, in der die Produktion und die Befriedigung der Bedürfnisse der Öffentlichkeit auf die Maximierung der Gewinne und die unbegrenzte Akkumulation von Kapital ausgerichtet sind, unabhängig von den Auswirkungen auf Verteilung und Umwelt. Ziel dieser Transformation ist es, die institutionellen Bedingungen für eine Verlagerung der Schwerpunkte der Wirtschaftsakteure auf die Maximierung der Innovation, die Steigerung der Dynamik und die Schaffung kreativer und gerecht bezahlter Arbeitsplätze in kreisförmigen, dekarbonisierten und belastbaren Produktionsprozessen zu schaffen. Unser Ansatz wirbt für eine Beendigung der wirtschaftlichen Konzentration und sucht nach Aktionen, um den Krisen zu begegnen, die sich aus der Dynamik unregulierter Märkte und der daraus resultierenden politischen, sozialen und territorialen Ungleichheit ergeben, die auf unserem Kontinent zusammen mit dem Verlust von Ökosystemen, Biodiversität und Verarmung der kulturellen Vielfalt existiert und sich reproduziert. Diese auf ein gerechtes und nachhaltiges Wohlergehen ausgerichtete neue Wirtschaft erfordert eine Umgestaltung der für das Rohstoffmodell charakteristischen Produktions-, Verteilungs- und Verbrauchsregelungen, um zu einer Kreislaufwirtschaft zu gelangen, die die Befriedigung der grundlegenden menschlichen Bedürfnisse für jedes Mitglied der Gesellschaft im Kontext einer belastbaren Ressourcenverwaltung und-nutzung gewährleistet. Die ungehinderte und konzentrierte Ausbeutung von nicht oder nur einfach verarbeitetem Material darf sich nicht wie bisher selbst regulieren. Dieses System muss den Rhythmen und Produktivstrukturen nachgeben, die zur Aufrechterhaltung des ökologischen, sozialen, territorialen und kulturellen Gleichgewichts erforderlich sind. Die Wirtschaft muss über das lineare Modell hinausgehen, das auf Extraktion, Herstellung, Verbrauch und Entsorgung basiert, um zu einer Wirtschaft überzugehen, die auf langlebigen Produkten basiert, die verwendet, repariert, zerlegt und dann recycelt werden. Außerdem muss eine industrielle Symbiose eingeführt werden, bei der die Abfälle oder Nebenprodukte einer Industrie oder eines industriellen Prozesses als Rohstoffe oder Input für andere Verwendungen zur Verfügung stehen. Die soziale Vereinnahmung von Monopolmieten, Kapital-Citys und die regulierte Gewinnung natürlicher Ressourcen werden als Schlüsselinstrumente für die Finanzierung von Investitionsprogrammen dienen, die den produktiven Wandel unterstützen. Die Umstellung der Energiematrix auf erneuerbare Quellen und die Umwandlung der landwirtschaftlichen Produktion in nachhaltige Modelle wird eine elementar wichtige Rolle beim Schutz der Leistungen der Ökosysteme spielen. Die Wirtschaftsdemokratie setzt eine plurale Wirtschaft voraus, die gegen die unbegrenzte Konzentration von Kapital vorgeht und die breitere Beteiligung öffentlicher, sozialer und privater Akteure an der Schaffung und dem Nutzen von Produktions- und Dienstleistungstätigkeiten fördert, koordiniert und plant. – Der Prozess wirtschaftlicher Demokratisierung muss von Politiken zur Dekonzentration und Diversifikation der Produktionsaktivitäten, des verbesserten Zugangs zu Produktionsmitteln, der Risikodeckung und der Umverteilung der Einkommen, Bildungschancen sowie der Verbesserung der städtischen und ländlichen Lebensräume begleitet werden. – Zusätzliche Politiken müssen auch die Einführung in globale Wertschöpfungsketten fördern, die den Mehrwert des verarbeitenden Gewerbes erhöhen, die lokale Wirtschaft ankurbeln und zu ihrer ökologischen Nachhaltigkeit beitragen. – Eine Sozial- und Solidarwirtschaft muss die Eingliederung des hohen Prozentsatzes der derzeit in der informellen Wirtschaft Beschäftigten in formelle Jobs berücksichtigen. – Assoziative Wirtschaftseinheiten werden mit öffentlichen Mitteln gefördert und subventioniert, sofern sie sich eher auf soziale Ergebnisse als auf Gewinnmaximierung konzentrieren. – Die Care-Ökonomie, die einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des Lebens in der Gesellschaft leistet und in erster Linie die unbezahlte und unsichtbare Arbeit von Frauen abbildete, sollte durch öffentliche Subventionen und Unterstützung der Gemeinschaft in die Sozial- und Solidarwirtschaft integriert werden. – Öffentliche Beschäftigungsprogramme müssen die Betreuungsarbeit für Kinder und ältere Menschen(insbesondere derjenigen, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen) und/oder für behinderte Bürger sowie den Wert der kommunalen Integrationsdienste effektiv bewerten. – Gesetze gegen Schikane und alle Arten von Diskriminierung einschließlich Diskriminierung aufgrund des Geschlechts müssen verabschiedet und erlassen werden, und es müssen Schritte unternommen werden, um das geschlechtsspezifische Lohngefälle so schnell wie möglich zu beseitigen. Darüber hinaus müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Frauen in eine formelle Beschäftigung einzubinden und die Gleichstellung der Geschlechter in staatlichen und politischen Positionen, privaten Unternehmen und produktiven Aktivitäten zu erreichen. Die Wirtschaftsdemokratie soll die Vorteile der wirtschaftlichen Aktivitäten für die Bevölkerung ausweiten und Maßnahmen zur Umverteilung des Kapitaleinkommens durch Steuer- und Vermögenstransfersysteme entwickeln. Dies ist eine bevorstehende Herausforderung in Lateinamerika, einer Region, die von Ungleichheit geprägt ist. 16 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika Diagramm 3: Kodifizierung der Arbeitsbeziehungen Streikrecht Recht zur Gründung von Gewerkschaften Respekt der Arbeitszeiten Grundgehalt nicht unter dem gesetzlichen Mindestlohn Beteiligung an den Gewinnen des Unternehmens Hygiene und Sicherheit am Arbeitsplatz Zuschläge für Überstunden Bürgerrechte und Rechte gegen jede willkürliche Behandlung und Diskriminierung Verbot des Verzichts auf Ruhezeiten und Urlaub Wieder-eingliederungsplan im Falle einer Entlassung Quelle: Eigene Ausarbeitung. – Die Vollbeschäftigungspolitik wird den Abbau von Asymmetrien auf dem Arbeitsmarkt begünstigen und die Reallöhne erhöhen, was zu positiven Umverteilungszyklen und einem gerechten Wirtschaftswachstum führt. – Gesellschaften, die den Wohlstand ihrer Bevölkerung verbessern möchten, sollten sicherstellen, dass ihre Umverteilungspolitik die Bereitstellung eines breiten Spektrums städtischer öffentlicher Güter sowie sozialer und kultureller Infrastruktur sowie den uneingeschränkten Zugang zu Ökosystemleistungen umfasst. – Eine breite Palette an Ökosteuern wird dazu beitragen, Aktivitäten zu unterbinden, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken, hohe Emissionswerte aufweisen oder auf die Ausbeutung natürlicher Ressourcen ausgerichtet sind, und gleichzeitig eine»zweite Dividende« schaffen, die für andere Sozialprogramme verwendet werden kann. Menschenwürdige Arbeit ist eine notwendige Voraussetzung für eine gerechte und nachhaltige Wohlstandswirtschaft. Die Würde der Arbeitnehmer_innen hängt von der Kraft Unternehmen ab, Mitarbeiter einzustellen, und dies muss geregelt werden. – Im gegenwärtigen System der Unternehmen und Institutionen steht der Druck der Vermarktung und Gewinnmaximierung im Widerspruch zu persönlichen, familiären und kommunalen Pflegeaktivitäten. Infolgedessen müssen Richtlinien erstellt und implementiert werden, die diese Aktivitäten schützen, einschließlich Richtlinien, die Standards für die Arbeitszeit festlegen und durchsetzen, sowohl berufliche als auch persönliche Verantwortlichkeiten harmonisieren und berücksichtigen sowie Maßnahmen zur Änderung der Kultur der Arbeitszeit ergreifen. – Der Schlüsselfaktor für die primäre Einkommensverteilung ist das öffentliche Eingreifen zur Verringerung des Machtungleichgewichts, das zugunsten des Kapitals besteht, um einen Ausgleich für die Arbeitnehmer_innen bei gleichzeitiger Förderung der dynamischen Stabilität der Beschäftigung zu erreichen. – Es ist ein Ansatz der Flexisicherheit erforderlich, der die Rechte der Mitarbeiter_innen nicht untergräbt und es den Produktionseinheiten ermöglicht, sich an die sich ändernden Umstände anzupassen. So können die Mitarbeiter_innen ihr Einkommen auf der Grundlage der erweiterten Produktivität des Unternehmens steigern, bei Arbeitslosigkeit eine Einkommensquelle behalten und Zugang zu Schulungen für die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erhalten. Mit anderen Worten, dies ist ein Bestandteil der gemeinsamen Teilnahme und Sicherheit im Beschäftigungsverhältnis. – Die Ausweitung der sozialen Verantwortung des Unternehmens im Privatsektor erfordert eine Neuinterpretation seiner Ziele über die Gewinnmaximierung hinaus hin zur sozialen Mitwirkung, Qualität seiner Produkte, Unternehmensethik, zu humanisierten Arbeitsbeziehungen und umweltfreundlichen Aktivitäten. – Die Arbeitsgesetzgebung muss mehr als nur einzelne Arbeitsverträge – ein grundlegender Aspekt des sozialen Zusammenhalts – abdecken in Anerkennung der Tatsache, dass diese Vereinbarungen möglicherweise nicht für beide Seiten von Vorteil sind oder nicht in der Lage sind, die Menschenwürde bei der Arbeit zu wahren oder Einkommensverteilungen zu erzielen, die sozial verträglich sind. 17 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter 3.3 KONSUMPRAKTIKEN, PRODUKTIONS­SYSTEME UND LANDNUTZUNG ÄNDERN Eine eingehende Kritik gegenüber dem Kapitalismus hat gezeigt, dass bestimmte Konsummuster, die eng mit diesem System verbunden sind, dringend geändert werden müssen. Aus sozial-ökologischer Sicht könnte eine Änderung dieser Muster dazu beitragen, die Bemühungen der Menschheit zu unterstützen, ihre gegenwärtigen destruktiven Tendenzen zu überwinden, wenn sie mit wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen in den verschiedenen Produktivsektoren und neuen Wegen des Umgangs mit sozialen Problemen und der Landnutzung kombiniert wird. Die Umsetzung von Alternativen zu den immer weniger nachhaltigen Konsummustern, die das soziale Gefüge von Gesellschaft und Umwelt zerstören, erfordert die Einführung kultureller Veränderungen, um die Befriedigung materieller Bedürfnisse mit einem guten Leben in Einklang zu bringen. In ähnlicher Weise bieten aktuelle und zukünftige Fortschritte bei sauberen Energietechnologien, nachhaltigen Lebensmittelsystemen und Änderungen der Landnutzung sowie der städtischen und ländlichen Entwicklung gangbare Möglichkeiten, den Wohlstand der Bevölkerungsmehrheit zu steigern, Ungleichheit zu verringern, Umweltzerstörung einzudämmen und Treibhausgasemissionen in Lateinamerika und der Karibik bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts zu beenden. Konsum mit gutem Leben in Einklang bringen Der Konsum von Gütern und Dienstleistungen ist für die Lebenshaltung von wesentlicher Bedeutung. Allerdings hat der Drang des Kapitalismus nach kontinuierlicher und beschleunigter Expansion zur Erhaltung seines Produktionssystems das Gleichgewicht zerstört. Die Loslösung von künstlich konstruierten Wünschen(wie Prunk und Verschwendung) in Verbindung mit einem neuen Verständnis von Lebensfreude inklusive Freizeit und gutem Leben sowie Ideen und Verhaltensweisen, die die Natur schätzen und respektieren, können dabei helfen, unerwünschten Konsum abzubauen, den unser gegenwärtiges soziales und kulturelles Modell definiert. – Um zu weniger schädlichen Konsumformen zu gelangen, müssen Veränderungen in Bildung und Kultur sowie Änderungen in der Art und Weise, wie wir unser tägliches Leben und unsere sozialen Beziehungen organisieren, einschließlich der Familie und unserer Gemeinschaft, gefördert und unterstützt werden, unter anderem bei der Arbeit, im öffentlichen Verkehr und in unserer Freizeit. – Diese sozialen und kulturellen Transformationen sind nur praktikabel, wenn sie systemisch sind, d. h., wenn sie Verbraucher, Unternehmen und den Staat gleichzeitig in einer synergetischen Beziehung verbinden, in der ökologische Überlegungen einen Platz finden, die aktiv wird, um diese zu bearbeiten, und die es schafft, die Ketten von Produktion und Verbrauch zu beeinflussen. – Die neue Wirtschaftsstruktur muss drastische Veränderungen in den Konsum- und Lebensgewohnheiten implementieren, wobei auf Güter und Dienstleistungen verzichtet werden muss, die energie- und ressourcenintensiv sind. – Diese Änderungen des Lebensstils müssen Änderungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung beinhalten, die sich traditionell negativ auf Frauen sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch in der Familie ausgewirkt haben. – Eine nachhaltige Gesellschaft muss auch eine Gesellschaft der Pflegearbeit sein, da die gegenseitige Fürsorge als ein Prinzip der Nachhaltigkeit innerhalb einer Gesellschaft betrachtet werden sollte, die die alltäglichen Bedürfnisse ihrer Bürger priorisiert. Diagramm 4: Veränderungen im Konsumverhalten Reduktion von Treibhausgasen – Hemmung der Nutzung des Individualverkehrs zugunsten der öffentlichen Verkehrsmittel – Wechsel zu technologischen Verbesserungen in Landwirtschaft und Viehzucht Verbesserungen der Gesundheit – Reduzierung des Fleischkonsums – Reduzierung des Konsums von industrialisierten Lebensmitteln – Förderung der körperlichen Aktivität, Sport und aktiven Erholung – Verordnung über die Verpackung und Kennzeichnung von Lebensmitteln Eindämmung der Ausbeutung natürlicher Ressourcen – Langlebige, reparierbare und recycelbare Produkte –»R«-Verhalten: ablehnen/ reduzieren/ wiederverwenden/ neu orientieren/ reparieren/ recyceln – Steuersanktionen, Beschränkungen und Verbote schädlicher Prozesse und Produkte Quelle: Eigene Ausarbeitung. 18 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika Lernen zu transformieren Eine der größten Herausforderungen des sozial-ökologischen Wandels ist die Schaffung von Voraussetzungen für die Förderung echter wissensbasierter Gesellschaften und Volkswirtschaften. Die Steigerung des Wohlbefindens hängt von der Etablierung von Strukturen und Institutionen ab, die die Lernkapazitäten der Bevölkerung insgesamt verbessern und in der Folge Multiplikatoreffekte schaffen, um Produktivitätslücken zwischen Unternehmen und Arbeitnehmer_innen zu verringern und Produktionsprozesse in Bezug auf Leistung und Umweltverträglichkeit zu optimieren. – Wirtschaftssektoren(Industrie, Dienstleistungen, Energie usw.) müssen so schnell wie möglich auf gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen reagieren und Innovationen einbeziehen, die aus der technologischen Revolution hervorgehen. – Die Aneignung und Nutzung von technischem und wissenschaftlichem Fortschritt durch Patente oder als Ergebnis der bisherigen Entwicklung(path dependence) durch Unternehmen, Forschungszentren oder Länder unterstreicht die Notwendigkeit, so bald wie möglich ein offenes und inklusives System des Wissensaufbaus zu entwickeln. In Anbetracht der Tatsache, dass der unregulierte Markt die technologische Lücke eher vergrößert als schließt, ist es notwendig, wirksame Verbindungen zwischen privaten Einrichtungen, öffentlichen Institutionen und staatlichen Wissenschafts- und Technologiesystemen herzustellen. Auf dem Weg zur Energiedemokratie und Nachhaltigkeit Lateinamerika und die Karibik weisen dank des Überflusses an natürlichen Ressourcen in der Region einen Energieüberschuss auf. Trotzdem steht die Region vor großen Herausforderungen, wenn es darum geht, einen gerechten Zugang zu Energie zu erreichen und den sozialen Konflikt demokratisch zu bewältigen, der häufig durch Preisabsprachen, Zölle sowie Wasserkraft- und Kohlenwasserstoffprojekte mit erheblichen sozialen und ökologischen Auswirkungen entsteht. Darüber hinaus kämpft die Region immer noch darum, die CO 2 -Emissionen pro Kopf zu senken, die über den zur Minimierung des globalen Temperaturanstiegs erforderlichen Werten liegen. Technologische Entwicklungen bieten eine Reihe von Alternativen für den Übergang zu sauberer Energie und erneuerbaren Quellen – einschließlich emissionsfreier Kraftstoffe wie Wasserstoff und synthetische Flüssigkeiten oder traditionellere Quellen wie Wind oder Sonne. Für die sozial-ökologische Transformation ist Energie kein Selbstzweck, sondern ein Instrument zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen nach Rahmenbedingungen, die auf die Rechte der Natur ausgerichtet sind. Es ist notwendig zu verstehen, dass die Energiematrix(Quelle – Erzeugung – Übertragung – Verbrauch) Teil des Energiesystems ist, das verschiedene Akteure und Prozesse umfasst (Unternehmen, Oligopole und Oligopsonien, sektorale Konflikte, Nationalstaaten, öffentliche Politiken und Forderungen der Bürger, Produktionsmatrix, Groß- und Kleinverbraucher usw.), die an komplexen Interaktionen beteiligt sind, bei denen es letztendlich um das Wohlergehen der Menschheit und der Natur geht. Drei strategische Maßnahmen sind eindeutig erforderlich: – Festlegung von Fristen für das Ende des fossilen Zeitalters und den Übergang zu einer Energiematrix auf Basis nachhaltiger Nutzung erneuerbarer Quellen. Dies beinhaltet die Festlegung von Zielen zur effektiven Reduzierung der Energiegewinnung und-nutzung. – Entschlossene Maßnahmen gegen Energieungleichheit und die Beseitigung der Energiearmut ergreifen. Dies bedeutet die Überwindung von ungeeigneten, unsicheren und unzureichenden Bedingungen, unter denen einkommensschwache Sektoren sowohl quantitativ als auch qualitativ Zugang zu Energie haben. Energie sollte als grundlegendes Instrument zur Stärkung der Mechanismen zur Wohlstandsumverteilung angesehen werden. – Energiepolitik demokratisieren, d. h. sie von der staatlichen Ebene bzw. von sogenannten»Expertenkreisen« zu trennen und in eine öffentliche Debatte zu integrieren. Es ist sowohl möglich als auch notwendig, die technische und soziale Bewertung der Energiepolitik zu erweitern und zu vertiefen, um sie mit den relevanten Kontexten in Einklang zu bringen und sicherzustellen, dass die besten Alternativen verfügbar sind. Der Ausstieg aus dem Extraktivismus Im Rahmen des sozial-ökologischen Wandels ist einer der grundlegendsten Schritte die Einführung einer Rohstoffgrenze insbesondere für Bergbau, Öl und Gas. Die historische Abhängigkeit Lateinamerikas von natürlichen Ressourcen hat zu einem»Wettlauf nach unten« geführt, bei dem Länder zum Schaden von sozialen und Umweltinteressen ihre Vorschriften flexibilisiert haben, wobei extraktive Aktivitäten bis in die entlegensten Gegenden oder in Gebiete, die bis kurz zuvor noch Sperr- oder Schutzgebiete waren, ausgeweitet wurden. Diese Erweiterung führt dann zu vermehrten Verletzungen der Rechte lokaler Gemeinschaften. Allein in Bezug auf Kohlenwasserstoffe haben Lateinamerika und die Karibik ihre Ölförderung von 493 auf 525 Millionen Tonnen pro Jahr erweitert(eine Steigerung der Produktion um 6,4 Prozent) und ihre Gasproduktion von 2008 bis 2016 um 22 Prozent erhöht. Obwohl diese Rohstoffsektoren – unabhängig von Regierungen und ihren politischen Zugehörigkeiten – aufgrund der schwachen Entwicklung der anderen Sektoren auch in Zukunft eine zentrale Rolle in der Produktionsstruktur einnehmen werden, kann nicht akzeptiert werden, dass sie weiter expandieren können wie in den vergangenen zwei Jahrzehnten. 19 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter Um von der herrschenden rücksichtslosen Ausbeutung hin zu einem verantwortlicheren System der Extraktion zu wechseln, schlagen wir einen progressiven Übergang mit einer Reihe öffentlicher Maßnahmen vor, die es ermöglichen, ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gleichgewichte zu schaffen, die öffentlichen Interessen untergeordnet sind. Diese Politik muss sich auf die Schaffung einer diversifizierten und nachhaltigen Produktionsmatrix konzentrieren, in der Rohstoffsektoren eine komplementäre Rolle spielen, bis das System allmählich einen Punkt erreicht, an dem nur absolut notwendige Rohstoffaktivitäten zulässig sind. Dieser Übergang erfordert unter anderem folgende Maßnahmen: – Eine größere Dichte und Präsenz des Staates außerhalb der Hauptstädte zur Förderung der Dezentralisierung und zur Stärkung der Rolle subnationaler Institutionen bei der Entscheidungsfindung. – Eine starke sektorübergreifende Umweltbehörde mit Autonomie und politischem Einfluss. – Eine Diskussion über die Notwendigkeit wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Kriterien, die über den derzeitigen Fokus hinausgehen, so viel wie möglich in kürzester Zeit zu extrahieren, und als Leitfaden für Rohstoffinvestitionen dienen. – Gewährleistung der Bürgerbeteiligung und des Rechts auf vorherige Konsultation der ländlichen und indigenen Gemeinschaften. Darüber hinaus müssen Schutz- oder Sperrzonen identifiziert und eingerichtet werden, die für Rohstoffaktivitäten, insbesondere groß angelegte und intensive Aktivitäten, nicht zulässig sind, um bedrohte Ökosysteme zu schützen. Nachhaltige Landwirtschaft Mehr als jede andere Region sind Lateinamerika und die Karibik weiterhin von zwei konkurrierenden Agrarmodellen abhängig: dem großflächigen Anbau von Exportkulturen – hauptsächlich Getreide, Ölsaaten und Rindfleisch – und einem System von Kleinbauern und campesinos, die diversifizierte Kulturen für den persönlichen Verbrauch und den heimischen Markt produzieren. Das erste Modell wurde im Rahmen der»Grünen Revolution« umgesetzt, die die landwirtschaftliche Produktion und die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln(obwohl nicht unbedingt qualitativ hochwertige Lebensmittel) weltweit erhöhte, jedoch nicht in der Lage war, den Welthunger auszurotten oder das Problem der ungerechten Verteilung von Nahrungsmitteln anzugehen, was zu massiven Umweltschäden führte. Das zweite Modell, das auf Familienlandwirtschaft basiert und traditionelles indigenes Wissen und Campesino-Wissen beinhaltet, stellt eine Alternative dar, die nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken umfasst und gleichzeitig das Leben der Landwirte und ihrer Gemeinden verbessert. Die Priorität bei der Entwicklung eines neuen Paradigmas sollte beinhalten, dass Nahrungsmittel – hinsichtlich ihrer Menge, Qualität und Sicherheit – und andere Güter und Dienstleistungen vereinbar sind mit der Erhaltung der Produktionskapazität der agrarischen Ökosysteme und der Integrität der Umwelt auf lokaler, regionaler und globaler Ebene für die zukünftigen Generationen. Das Agro-Export-Modell erzeugt eine Abhängigkeit von Technologien und Inputs, die die Autonomie und Ernährungssouveränität der Länder gefährden, sich auf sehr wenige Kulturpflanzen und transgene Sorten konzentrieren und ausgedehnte Gebiete einnehmen, die die biologische Vielfalt verarmen lassen. Dieses Modell verändert die ökologischen Funktionen(einschließlich der biotischen Regulierung) in einer Spirale mit steigendem Pestizid- und Düngemitteleinsatz und wachsender Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt. Dies führt zu einer Verschlechterung der Böden, verringert die Verfügbarkeit und Qualität von Wasser, schädigt die Gesundheit durch giftige Rückstände in Lebensmitteln und verursacht Abholzung und hohe Treibhausgasemissionen, die sich auf die globale Temperatur auswirken. Der Fokus des Systems auf die Maximierung der Interessen der Aktionäre ohne Berücksichtigung der dadurch verursachten Umweltschäden rechtfertigt die Anerkennung dieses Modells als eine Form der»mineralgewinnenden Landwirtschaft«. Die Transformation der landwirtschaftlichen Systeme in der Region sollte folgende Bedingungen berücksichtigen: – Unterstützung für Kleinbauern und Familienbetriebe, da diese das Potenzial haben, ausreichend Lebensmittel bereitzustellen, um den bestehenden Bedarf in Bezug auf Qualität und Quantität zu decken und zur »Abkühlung des Planeten«(Verringerung der globalen Erwärmung) beizutragen. – Ersetzung des auf Monokultur aufbauenden Modells durch ein Modell, das auf größerer Biodiversität und Respekt für die Funktionen des Ökosystems aufbaut. Im notwendigen Übergangsprozess muss der Staat eine entscheidende Rolle durch geeignete Gesetzgebung, Beratung, Kreditgewährung und Erleichterung des Zugangs zu adäquaten Technologien und Zugang zu Wissen und Wissensgenerierung spielen. Dieser Übergang wird den Einsatz von Betriebsmitteln und den Energiebedarf – insbesondere die mit fossilen Brennstoffen erzeugte Energie – verringern und den Landwirten einen besseren Lebensstandard bieten. Dies wird in der Folge den Druck auf die Städte verringern, weil viele Ursachen der Land-Stadt-Migration angegangen werden. Dies wird auch zu einer verbesserten Ernährung führen, da dieses System die abwechslungsreiche Ernährung unterstützt, die kostengünstig und mit hohem Nährstoffgehalt ist. 20 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika Verringerung des ökologischen Fußabdrucks der Industrie und Steigerung der integrierten Produktion Lateinamerika muss seinen derzeitigen Fokus auf die Reprimarisierung seiner Volkswirtschaften aufgeben – definiert durch geringes industrielles Wachstum, geringe Dichte, begrenzte integrierte Produktion, technologische Rückständigkeit und begrenzte Integration in globale Wertschöpfungsketten. Die Region muss stattdessen einen robusten und sauberen Reindustrialisierungsprozess mit einem begrenzten ökologischen Fußabdruck fördern, um die produktive Matrix zu stärken und zu diversifizieren, die Qualität der Arbeitsplätze zu erweitern und zu verbessern und schließlich die Überwindung der Abhängigkeit der Region vom Modell der Rohstoff- und Primärindustrie zu ermöglichen. Infolge des neuen globalen Produktionssystems hat sich die unbedeutende Industrialisierung und Diversifizierung in der Region nicht nur fortgesetzt, sondern auch verschlechtert. In den letzten Jahren verzeichnete Lateinamerika die weltweit niedrigste jährliche Wachstumsrate der Industrieproduktion: 1,4 Prozent gegenüber dem globalen Durchschnitt von drei Prozent. Dies bedeutet einen Rückgang der Beteiligung der Region an der globalen Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe. Im Allgemeinen unterstreicht dies die Tendenz zur Deindustrialisierung in der Region, die auf die Abhängigkeit von Rohstoffen, die Herstellung natürlicher Ressourcen und Dienstleistungsangebote mit geringer Produktivität zurückzuführen ist(ECLAC, 2016). Der Übergang zu einer neuen, diversifizierten und dezentralen Produktionsmatrix, die umweltbewusst ist und ein hohes Maß an Verknüpfungen zwischen Sektoren und wissensintensiven Aktivitäten aufweist, würde größere Vorteile und Chancen bieten. – Dies erfordert, dass die Länder lokale, nationale und regionale Produktionsketten, zu denen gesunde staatliche Unternehmen und Produktionsgenossenschaften gehören, reindustrialisieren und etablieren. – Die aktive Rolle des Staates muss Bedingungen, Standards und Infrastrukturen zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks der industriellen Aktivität durch eine produktive Politik schaffen, die die Entstehung neuer sauberer Industriesektoren fördern sowie durch eine Vielzahl von Dienstleistungsunternehmen eine sich auf ein nachhaltiges und integratives Energiemodell stützende Produktion gewährleisten. – Um in Lateinamerika eigenständige Wertschöpfungsketten aufzubauen, ist es notwendig, die Kaufkraft der nationalen und regionalen Märkte zu erweitern und das öffentliche Beschaffungswesen zu nutzen, um innovative Kleinunternehmen zu fördern. – Die Verbesserung der Produktionsstruktur ist eine notwendige, aber nicht ausreichende oder automatische Bedingung für eine soziale Entwicklung(Caetano, De Armas& Torres, 2014). Diese Maßnahmen müssen durch eine Arbeitspolitik unterstützt werden, die die Umverteilung der Leistungen für die Arbeitnehmer_innen garantiert und Alternativen zum Verlust von Arbeitsplätzen bietet, der durch den Niedergang von Branchen und Sektoren, die von neuen Technologien betroffen sind, und die zusätzlichen Qualifikationen, die für neue Positionen erforderlich sind, bedingt ist. Den Dienstleistungssektor überdenken Lateinamerikanische Gesellschaften sind komplexe städtische Gesellschaften, deren Organisation und Verwaltung von einer effektiven Dienstleistungsinfrastruktur abhängen. Diese Dienstleistungen sind für den Aufbau gleichberechtigterer Gesellschaften von elementarer Bedeutung. Der soziale, politische und institutionelle Fortschritt einer jeden Gesellschaft wird durch die Qualität der öffentlichen und Diagramm 5: Komplementarität von Politikbereichen für die Reindustrialisierung Industriepolitik Wirtschaftspolitik Handelspolitik Wissenschafts- und Technologiepolitik • Bedingungen, Standards, Infrastruktur • Impulse für eine saubere Industrialisierung • Wettbewerbsfähige und stabile Wechselkurse • Gesamtnachfrage • Investition • Vereinbarungen und Verträge • Technologietransfer • Wissensgenerierung Energiepolitik Arbeits-, Geschlechterund Antidiskriminierungspolitik Quelle: Eigene Ausarbeitung. 21 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter privaten Dienstleistungen sowie durch die Existenz von Institutionen bestimmt, die den Zugang der Öffentlichkeit zu diesen Dienstleistungen gewährleisten. In Lateinamerika macht der Dienstleistungssektor fast 70 Prozent des regionalen BIP und ungefähr 6 von 10 Arbeitsplätzen aus. Der Dienstleistungssektor ist in allen lateinamerikanischen Ländern die Hauptbeschäftigungsquelle im städtischen Raum. Trotz der Bedeutung dieses Sektors ist er durch prekäre und informelle Arbeit gekennzeichnet. Die Situation innerhalb der Pflegedienste ist noch schlimmer, da diese Arbeit oft unsichtbar ist und die Belastung häufig bei den Frauen liegt. Um die Entwicklung des Dienstleistungssektors in Lateinamerika zu verstehen, vor allem im Bereich der fortgeschrittenen Unternehmensdienstleistungen, ist es wichtig, die unvollständige Industrialisierung der Region und ihre Rolle bei der internationalen Arbeitsteilung zu berücksichtigen. Trotz der extremen Heterogenität des Wachstums in Lateinamerika war keine der Volkswirtschaften der Region – einschließlich der stärker diversifizierten – in der Lage, die positiven Zyklen von Investitionen, Innovation, Wettbewerb und Zusammenarbeit zwischen Unternehmen unterschiedlicher Größe, die Entwicklung neuer Prozesse und Produkte und die erhöhte Arbeitsproduktivität in den Industrieländern mit hohem Einkommen oder einigen Schwellenländern selbst zu erreichen. Die qualitative Verbesserung des Dienstleistungssektors ist entscheidend, um die produktive Diversifizierung zu fördern und positive Zyklen mit anderen wirtschaftlichen Aktivitäten zu schaffen. Der intelligente Ausbau des Dienstleistungssektors ist entscheidend, um Mehrwert- und Qualitätsarbeitsplätze zu schaffen, die sozialen Bedingungen zu verbessern und produktivere und egalitärere Gesellschaften aufzubauen, die durch mehr Wohlstand und ökologische Nachhaltigkeit gekennzeichnet sind. In Lateinamerika ist eine veränderte politische Betrachtung des Dienstleistungssektors nötig: Zuallererst müssen Politiken und Institutionen die öffentlichen Dienste sowie Unternehmen und Selbstständige stärken, die Dienstleistungen für Produktionsaktivitäten und Einzelpersonen erbringen (hauptsächlich Pflegedienste). Der Aufbau egalitärer Gesellschaften erfordert Institutionen, die sich dazu verpflichten, qualitativ hochwertige öffentliche Dienstleistungen anzubieten, unter anderem in den Bereichen Bildung, Ernährung und öffentliche Gesundheit, soziale Integrationsdienste sowie Kinderbetreuung und Betreuung für Senioren, körperlich Behinderte und Mitglieder der Gesellschaft, die unter chronischen Abhängigkeiten leiden. – Es müssen besondere Anstrengungen unternommen werden, um die öffentlichen Dienste(Gesundheit, Bildung und Versorgung) zu stärken und auszubauen, um wissensintensive Unternehmensdienste zu entwickeln sowie häusliche und persönliche Pflegedienste zu formalisieren. – Der universelle Zugang zu hochwertigen Pflegediensten ist nicht nur aus wirtschaftlicher/produktiver Sicht und zur Schaffung von Arbeitsplätzen von wesentlicher Bedeutung, sondern auch, weil diese Dienste für die Erhaltung des menschlichen Lebens von grundlegender Bedeutung sind. – In Bezug auf Produktionsdienstleistungen besteht das Ziel darin, wissensbasierte Volkswirtschaften auf eine integrierte Basis von Branchen und Dienstleistungen auszudehnen, die digitale Technologien, Biotechnologie, Materialwissenschaften, Datenwissenschaften und verwandte Technologien effizient nutzen, um ihre Integration in die Industrie, die Landwirtschaft, den Bergbau und die Schaffung lokaler Arbeitsplätze zu unterstützen. Ein weiterer Schwerpunkt sollte auf der Förderung technologischer Innovationen liegen, bei denen mithilfe von Ingenieurs- und Produktdesignleistungen widerstandsfähigere Produkte hergestellt werden, die Ersatzteile bereithalten, um die Lebensdauer der Produkte zu verlängern, und bei denen Materialien verwendet werden, die den Verbrauch natürlicher Ressourcen pro produzierter Einheit verringern. – In allen Sektoren(Bergbau, Landwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe usw.) sollten sich die Bemühungen zur Verbesserung der Qualität der Dienstleistungen auf konzerninterne Produktionsbeziehungen sowie interne, subregionale und regionale Lieferketten konzentrieren, um die Qualität des Endprodukts für den Export zu verbessern. Die Politiken sollten sich darauf konzentrieren, die Dichte der konzerninternen und branchenübergreifenden Beziehungen zwischen Unternehmen jeder Größe und über alle Wirtschaftssektoren hinweg zu erhöhen, anstatt Exporteinnahmen in Fremdwährung zu generieren. Neue Raumordnung Das»Territorium« ist weniger ein räumliches als vielmehr ein soziales Konstrukt, in der das Leben stattfindet; es ist der Raum, der durch die menschlichen Beziehungsnetzwerke konstruiert wird, die Bezugspunkte setzt, Identitäten schafft und einen Referenzrahmen bereithält. Es ist der Raum, in dem Geschichte, Tradition und Alltagsleben in Verbindung stehen mit der Umgebung: Landschaften, Boden, Geologie, Vegetation, Fauna und Klima. Bis heute existiert ein reduziertes Konzept des Territoriums, nach dem es ein statischer und inerter geografischer Raum ohne Rechte ist, der sich einer Besitznahme und der nachfolgenden Umwandlung in einen Produktionsfaktor ausgeliefert sieht. Ebenso herrscht eine voreingenommene Zweiteilung, die das Städtische/Moderne/Entwickelte zum Ländlichen/Traditionellen/Wilden kontrastiert, was dazu geführt hat, die Invasion und Aggression der Städte auf dem Land bei der unkontrollierten Ausdehnung ihrer Grenzen, der Entwicklung der Wasserwirtschaft, der Forstwirtschaft und der Bergbauausnutzung sowie der Abfallentsorgung zu autorisieren und zu rechtfertigen. 22 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika Aus unserer Sicht stellt das Territorialkonzept eine komplexe und voneinander abhängige Gesamtheit dar, die städtische und ländliche Kontexte, Umwelt- und Sozialfragen sowie wirtschaftliche und kulturelle Fragen umfasst. Die politische Organisation des Territoriums ist vor allem eine staatliche Aufgabe: Jeder territoriale Planungsprozess ist ein politischer Prozess, da er Nutzung und Werte durch Mechanismen wie Verhandlungen, Debatten oder Zwangsmaßnahmen definiert. Lateinamerika wurde durch eine beschleunigte, ungeordnete, segregierte und nicht nachhaltige Verstädterung gekennzeichnet, die den Interessen des Kapitals untergeordnet und spekulativen Exzessen ausgesetzt war, wobei die Regierungen ihre Verantwortung hinsichtlich Ordnung und Planung abgetreten haben. Dysfunktionale physische Strukturen erschweren die Mobilität, erhöhen die sozialen und wirtschaftlichen Kosten und verringern die Produktivität in Städten. Die sozio-räumliche Trennung der Armen hat zu einer Explosion prekärer und informeller Siedlungen in zunehmend abgelegenen und gefährlichen Gebieten geführt. Spekulative Prozesse führen zu Fehden zwischen Entwicklern, Banken, Bauherren und Grundbesitzern, die den Zugang zu Wohnraumlösungen verzerren und blockieren. Die Wohnungspolitik unter der liberalen Wirtschaft wurde so stark verzerrt, dass sie zu eklatanten Fehlern wie Überproduktion von Wohnungen, schlechter Lage und/oder Mängeln an der Grundinfrastruktur führte. Den Bewegungen der»Obdachlosen« haben sich die der»Nichtobdachlosen« angeschlossen, die gegen die schlechte Wohnqualität protestieren. Diese urbane Krise ist mit dem Zerfall des sozialen Gefüges, dem Mangel an gemeinsamen Versammlungsräumen und der Verschärfung von Konflikten und sozialen Unruhen verbunden. Hinzu kommt die große Bedeutung, die den Städten bei der Umweltkrise zukommt: Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, Lärmbelästigung, visuelle Verschmutzung, hoher Ausstoß von Treibhausgasen und ein größerer ökologischer Fußabdruck. Staaten und Regierungen müssen die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen und die Infrastruktur schaffen, die zur Unterstützung territorialer Transformationen erforderlich sind. Das muss der Erfassung des Mehrwerts dieser Projekte einschließen. Diese Transformation sollte Folgendes umfassen: – Erneuerung der Grundlagen von Politik und öffentlicher Verwaltung zur wirksamen Beteiligung der Bürger an der Planung der Landbewirtschaftung(territoriale governance). – Bekämpfung der sozio-räumlichen Ungleichheit in ländlichen und städtischen Gebieten unter Anerkennung der sozialen, kulturellen und räumlichen Vielfalt, Wahrung der Landrechte der Gemeinden und Einhaltung von freier, informierter Konsultation im Vorfeld. – Priorisierung der öffentlichen Politiken mit Schwerpunkt auf Stadterneuerung, insbesondere in Bezug auf die am stärksten verfallenen und prekärsten Stadtteile und Siedlungen. – Der obligatorische Bau von Sozialwohnungen für Menschen mit niedrigem Einkommen muss in allen Wohnsiedlungen eingeplant werden. – Dekarbonisierung des Gebiets – insbesondere der Städte – durch die Priorisierung des öffentlichen Transports oder nicht motorisierter Mobilität durch entsprechende Politiken und Budgetzuweisung sowie gemischte Transportsysteme. –»Entmerkantilisierung« des städtischen Raums durch die Entwicklung von Strategien und Instrumenten zum Katasteraufbau und zur Immobilienbesteuerung(Besteuerung von Kapitalgewinnen, Subventionen zur Wohnraumverbesserung, Grundsteuer), um die Korruption im Zusammenhang mit Immobilienprojekten zu verringern und an der Wertsteigerung von städtischen Grundstücken teilzuhaben. Diese Einnahmen sollten in Unterstützungsprogramme für günstigen Wohnraum, Infrastruktur, soziale Einrichtungen und öffentliche Plätze fließen. – Die Wiederherstellung des Gemeinwesens der Gebietsregierung bedeutet die Stärkung der territorialen Politiken, die Entwicklung von Rechenschaftspflicht und die Transparenz bei Planungsentscheidungen soDiagramm 6: Lebensbedingungen in der Stadt nach Hugo Macdonald Öffentlich – Plätze – Parks Entropisch – Austausch – Belastbarkeit – Diversität Mobilität – Fußgänger – Fahrräder – Öffentliche Verkehrsmittel Grünflächen – Gärten – Bäume – Blumen Häuslich – Möbel – Design – Dekoration Beschilderung – Straßennamen – Stadtpläne Quelle: Macdonald, H.(2019). Dichte – Flexibilität – Ausdehnung – Kommunikation Kultur – Ausstellungen – Anlagen – Feste Alt und modern – Erhaltung – Futurismus Sicherheit – Schutz – Raum für Gemeinschaftsaktivitäten 23 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter wie bei Raumordnungs- und Stadtentwicklungsprojekten. – Maßnahmen zur Verhinderung der Privatisierung von Grundversorgungsleistungen und sozialen Einrichtungen nach dem Grundsatz, dass es sich um Bürgerrechte handelt und nicht um Marktgüter. Priorisierung der Erneuerung und Entwicklung hochwertiger öffentlicher Räume in Stadtteilen und ländlichen Räumen. – Die Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und die Achtung der natürlichen Ressourcen, insbesondere des Wassers, sollte die größte Priorität in der öffentlichen Politik sein. Dies impliziert einen gesetzlichen Rahmen zur Erarbeitung partizipativer Pläne für die Bewirtschaftung von Feuchtgebieten, Wäldern, Dschungeln und Mangroven bis hin zur Subventionierung ländlicher und indigener Gemeinschaften, um deren Schutz zu gewährleisten. 3.4  AUF DEM WEG ZUR KULTURELLEN TRANSFORMATION Durch Kultur bauen und erhalten wir unsere Identität und unsere sozialen, wirtschaftlichen und politischen Praktiken. Aus dem Kontakt miteinander und mit der unmittelbaren natürlichen Umgebung definieren wir das vielfältige»Wir« (nach innen, die imaginierte Gemeinschaft, Sicherheit, Verständnis), wer die zahlreichen»Anderen«(nach außen, Unsicherheit, Angst, Verständnisschwierigkeiten) sind, und es gelingt uns, unsere Aktivitäten zu verstehen und wertzuschätzen sowie die Unterschiede zu interpretieren und neu zu formulieren. In Lateinamerika haben sich Geschichte und Erbe seiner Ureinwohner mit Einflüssen aus Europa und den Vereinigten Staaten vermischt, und jetzt mit den Ideen und Inhalten, die durch Kommunikationstechnologien und Globalisierung verfügbar sind. Der historische Reichtum und die kulturelle Vielfalt des Kontinents werden aktuell durch die neuen Möglichkeiten einfacher und intensiver Kontaktaufnahme intensiviert, gleichzeitig jedoch durch den Kapitalismus bedroht, der Denk- und Verhaltensmuster aufzwingt und soziale und kulturelle Identitäten auflöst und marginalisiert. Kultur ist aus dieser Perspektive politisch: Jede Gesellschaft – unabhängig von der Rolle des Staates – schafft eine politische Kultur, die definiert und gestärkt wird durch die Evolution der Prozesse, die die Kulturpolitik der Gesellschaft ausmachen. Zu den Zielen einer Kulturpolitik im Rahmen des sozial-ökologischen Wandels gehört die Erhaltung und Förderung kultureller Räume, die es den Menschen ermöglichen, sich selbst und andere zu erkennen und zu definieren, und die im Allgemeinen dazu dienen, unter Bedingungen der Autonomie, des Respekts und der Integration Sinnhaftigkeit zu schaffen und zu identifizieren. Die Verteidigung der kulturellen Demokratie umfasst die Verteidigung lokaler Werte und Vorstellungen sowie des überlieferten Wissens und unterstützt gleichzeitig den verbesserten Zugang zu Informationen, Wissen, Bildung und Kunst als universelle öffentliche Güter sowie die Meinungs- und Kreativitätsfreiheit. Wir schlagen die Integration des Lokalen in das Globale vor: globale Partizipation, die die mit bestimmten Gebieten verbundenen Traditionen und Besonderheiten so einbezieht, dass neue Technologien ermöglicht werden; Verbindungen zwischen dem unmittelbaren Alltagsleben und dem politischen Leben und der virtuellen Welt des Internets; Gestaltung neuer Sensibilitäten und neuer sozialer Bewegungen durch Austausch, der die gegenseitige Befruchtung und den Dialog fördert. Wir müssen andere Lebensentwürfe sowie andere Arten der Interaktion untereinander und mit der Natur erkennen und verstehen, um umfassende Strategien zu identifizieren, die die unantastbare Einheit zwischen Körper und Geist, Kultur und Natur anerkennen. Das heißt, wir müssen eine Kultur schaffen, die es uns ermöglicht, das Recht auf Autonomie im Zusammenleben mit und Respekt gegenüber anderen zu verwirklichen, während wir Vereinbarungen und Spielregeln einhalten, die den gleichberechtigten Zugang zu den Möglichkeiten der Selbstbestimmung und Regierungsführung ermöglichen. Wir müssen eine demokratische Kultur aufbauen, die das Streben nach Konsens inmitten von Unterschieden fördert und das Recht auf Dissens stärkt. – Es besteht die Möglichkeit, unser Verständnis vom Sinn des Lebens neu zu denken, indem wir uns der Ausübung alltäglicher Tugenden als dem Bereich nähern, in dem»wir« und»der andere« zusammenlaufen(Ignatieff, 2018). Alle Arten von Kulturen betrachten Solidarität, Gegenseitigkeit und Gerechtigkeit als Ziele, die zum Schutz und zur Pflege ihrer Mitglieder erforderlich sind. Es ist ein sehr ehrgeiziges politisches Programm, diese Werte als notwendig für das Überleben auf der Erde zu verteidigen und das Schaffen von Bedingungen für ihre Ausübung in allen Gemeinschaften voranzubringen. – Die Kultur- und Kreativwirtschaft, die heute der Logik des Kapitals und der Umwandlung kultureller Produkte in Waren untergeordnet ist, kann die Entstehung und Einführung alternativer Systeme unterstützen, die den irrationalen Systemen entgegenwirken, die aktuell die symbolische Macht haben(Banet-Weiser und Castells, 2017). – Viele soziale Bewegungen in Lateinamerika haben einen kulturellen Hintergrund: Die Kämpfe der indigenen Völker, der Afro-Nachkommen und der Roma-Völker, die Campesinos, die Fischergemeinden, die Bergleute und die Armen der Städte ebenso wie die antipatriarchalen und studentischen Bewegungen wollen die Denkstrukturen verändern, die die Herrschaft und Kontrolle legitimieren, die Entwicklung von Diversität behindern und die Anerkennung und Autonomie verweigern, um ihre eigene Zukunft zu gestalten. Diese Stimmen, die eine andere Auffassung von Beziehungen zum Leben erfordern, müssen respektiert werden und die Möglichkeit haben, die Gesellschaft als Ganzes zu bereichern. 24 Vorschläge für eine sozial-­ökologische Transformation in ­Lateinamerika – Experten und Wissenschaftler, Angestellte und Fachleute, Kreative und Produzenten erkennen mehr denn je die Notwendigkeit, ein soziales und politisches Abkommen zu schaffen, das die Kultur unterstützt und schützt. Dies erfordert Richtlinien, die die Künste wertschätzen und ein würdiges Leben für Künstler, Kreative und Lehrer sichern. – Der Einsatz von Bildung zur Beseitigung der tiefen Chancenungleichheit junger Erwachsener in Lateinamerika erfordert enorme institutionelle Anstrengungen und die massive Mobilisierung humaner und materieller Ressourcen, um das massive Chancenungleichgewicht für junge Erwachsene in den lateinamerikanischen Gesellschaften abzubauen. Wenn das Ziel darin besteht, bessere Formen der sozialen Interaktion und des Zusammenlebens zu etablieren und das Verhältnis der Menschheit zur Natur zu verbessern, ist außerdem klar, dass die Bildungssysteme grundlegend überarbeitet werden müssen, um einen Raum zu schaffen, der die Sozialisierung und die Weitergabe gemeinsamer Werte und verantwortungsbewussten Verhaltens unterstützt. 3.5  NEUE INDIKATOREN FÜR DIE SOZIAL-ÖKOLOGISCHE TRANSFORMATION programms der Vereinten Nationen, der drei verschiedenen Dimensionen das gleiche Gewicht zuweist: Lebensstandard (Bruttosozialprodukt pro Kopf), Bildung(Mittelwert nach Schuljahren für Erwachsene und erwarteten Schuljahren für Kinder) und Gesundheit(Lebenserwartung bei der Geburt). Andere Initiativen wie der Social Progress-Index erweitern das Repertoire synthetischer Indikatoren unter Einbeziehung nichtökonomischer sozialer und institutioneller Resultate. Alternative Indikatoren kombinieren unterdessen anthropozentrische und ökozentrische Ansätze und konzentrieren sich auf das Mainstreaming. Sie versuchen, Korrelationen zwischen verschiedenen Aspekten des Wirtschaftswachstums und des Wohlergehens zu messen. Universitäten, Organisationen der Zivilgesellschaft und internationale Organisationen, sowohl zwischenstaatliche als auch nichtstaatliche, haben eine Vielzahl solcher Indikatoren entwickelt. Der globale Rahmen für Indikatoren der Ziele nachhaltiger Entwicklung ist ein wichtiges Beispiel. Seit 2016 wurden in diesem Rahmen 39 Indikatoren verwendet, um die Einhaltung der von den Vereinten Nationen festgelegten Ziele zu messen. Wir sind der Ansicht, dass die sozial-ökologische Transformation diese Art von Kennzahlen benötigt, da sie monetäre Dimensionen(z. B. Cashflows) mit den Wahrnehmungen der Mitglieder der Gesellschaft über ihre Lebensbedingungen verbinden. Der sozial-ökologische Wandel erfordert ein allgemeines Überdenken der verschiedenen Dimensionen des Wohlstands sowie die Schaffung neuer Methoden zur Messung der mit dem Wohlstand verbundenen Ziele und Erfolge. Die wirtschaftliche, soziale, verteilende und ökologische Situation in Lateinamerika und der Karibik kann und sollte nicht auf eine feste Anzahl von Indikatoren reduziert werden. Das Sammeln von Daten zu den Hauptdimensionen des Wohlstands in Verbindung mit dem sorgfältigen Umgang mit diesen Daten kann jedoch dazu beitragen, verschiedene Situationen und Ungleichheiten zu bewerten und zu interpretieren, ihre Anerkennung zu unterstützen, die öffentliche Diskussion anzuregen und zur Schaffung und Umsetzung wirksamer Follow up-Maßnahmen beizutragen. Unser Vorschlag zielt darauf ab, die bereits geleistete Arbeit zur Erstellung von Indizes zu nutzen, die eine umfassendere quantitative und qualitative Messung der Prozesse des sozial-ökologischen Wandels unterstützen. Traditionelle Indikatoren, die dazu neigen, Wirtschaftswachstum mit Entwicklung gleichzusetzen, ignorieren wichtige Dimensionen der Wirtschaft – insbesondere der Pflegewirtschaft – und berücksichtigen nicht die sozialen oder ökologischen externen Effekte produktiver Prozesse. Übergangsindikatoren umfassen synthetische, mehrdimensionale Indikatoren, die unterschiedliche Dimensionen über den monetären Wert der Produktion oder des Umsatzes hinaus einbeziehen und als erste Benchmarks für die Entwicklung alternativer Indikatoren dienen. Der bekannteste dieser synthetischen, mehrdimensionalen Indikatoren ist die Basisversion des Human Development Index des Entwicklungs25 Tabelle 3 Indikatoren für die Bewertung der sozial-ökologischen Transformation Dimensionen Wirtschaftliche Situation Indikatoren BIP pro Kopf; Arbeitslosenquote; Steuerquote; Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP; Grad der Exportkonzentration. Soziale ­Situation Umweltsituation Lebenserwartung bei der Geburt; Säuglingssterblichkeit; erwartete Jahre des Schulbesuchs von Kindern und Jugendlichen; Jugendliche, die weder studieren noch arbeiten; Mordrate; Ertragsverteilungskoeffizienten von Palma und Gini; zusammengesetzter Index der Geschlechterungleichheit. Anteil an der finalen Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen; Kohlendioxidemissionen pro Kopf; Gesamtfläche nach Wald und Variationsrate; Biokapazität in Hektar; ökologischer Fußabdruck. Quelle: Eigene Ausarbeitung. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter SCHLUSSFOLGERUNGEN Eine langfristige Perspektive erleichtert die Identifizierung von Schlüsselfaktoren, die zu den schwerwiegenden sozialen und ökologischen Problemen beitragen, die sich jetzt auf das friedliche Zusammenleben der Menschheit auswirken und die Lebensbedingungen auf globaler Ebene bedrohen. Das gegenwärtige Weltsystem, das vom globalisierten Kapitalismus dominiert wird, fördert und reproduziert unkontrollierte Arten von Gewalt und Raub, die die globalen Krisen verstärken und verschärfen. Lateinamerika und die Karibik stehen vor enormen Herausforderungen, um ihren politischen Systemen Legitimität zu verleihen, Ungleichheit und Ausgrenzung entgegenzuwirken, ihre Abhängigkeit von der Rohstoffgewinnung zu überwinden und die Umweltzerstörung einzudämmen. Ein Verständnis der systemischen Wechselbeziehung von Gesellschaften mit der Natur und der Notwendigkeit eines dynamischen Gleichgewichts zeigt deutlich, dass eine sozialökologische Transformation dringend erforderlich ist und einen grundlegenden Fokus auf das Leben beinhalten muss. In der Geschichte des lateinamerikanischen Kontinents, der Kultur seiner Völker, in den gewonnenen Erkenntnissen und im wissenschaftlichen Denken finden sich die Elemente eines Wohlstandskonzeptes in Form eines guten, gerechten und nachhaltigen Lebens, das auf den Grundsätzen der Solidarität und Verantwortung beruht, was Hoffnung für die Gesellschaften der Region eröffnet. Unsere Vorschläge im Buch»So geht es nicht weiter: Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika« beginnen mit Vorschlägen zur Stärkung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates, der die kollektive Teilhabe und Konsultation fördert und es ermöglicht, sozial-ökologische Vereinbarungen zu treffen, die Kapazitäten für die institutionelle Planung und Verwaltung steigern, die Einkommensverteilung beeinflussen, Chancengleichheit herstellen und grundlegende universelle Rechte unter Bedingungen der ökologischen Nachhaltigkeit sichern. In wirtschaftlicher Hinsicht zielen die Vorschläge auf eine Diversifizierung der Wirtschaft, die Dezentralisierung von Produktionsaktivitäten und die Ausweitung der Beteiligung verschiedener Akteure im Rahmen einer gemischten Wirtschaft, in der ein wettbewerbsfähiger privater Sektor mit einem öffentlichen Sektor in verschiedenen strategischen Bereichen koexistiert, sowie auf eine vom Staat geschützte und geförderte Sozial- und Pflegewirtschaft. Das übergeordnete Ziel ist eine nachhaltige Wirtschaftsdemokratie: umfassend: mit menschenwürdigen Arbeitsplätzen; vielfältig: mit Anreizen für alternative Aktivitäten zur Ausbeutung natürlicher Ressourcen; zirkulär: mit Produktion und Verbrauch von funktionalen und langlebigen Gütern, einschließlich Recycling; dynamisch: mit technologischer Innovation in den Produktionsprozessen; und solidarisch: mit Wertschätzung der täglichen Schutz- und Pflegetätigkeiten. In den verschiedenen Produktionssektoren umfassen unsere Vorschläge: – Harmonisierung des Warenkonsums mit einem umfassenderen Konzept von gutem Leben. – Ausweitung der Bildungskapazitäten zur Steigerung der Produktivität. – Ausbau des Dienstleistungssektors zur Schaffung von Mehrwert und qualitativ hochwertiger Beschäftigung sowie zur Verbesserung der sozialen Bedingungen. – Förderung eines Reindustrialisierungsprozesses mit geringem ökologischem Fußabdruck, der die produktive Matrix stimuliert und diversifiziert. – Erleichterung des Zugangs zu Energie sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht bei gleichzeitiger Umstellung auf saubere und erneuerbare Energiequellen. – Reduzierung der extraktiven Aktivitäten auf ein Minimum bei gleichzeitiger Wahrung des ökologischen, sozialen und kulturellen Gleichgewichts. – Wechsel zu nachhaltigen Landwirtschaftsmodellen, die die biologische Vielfalt schützen und familiäre Landwirtschaft einschließlich ihrer Kenntnisse und Praktiken einbeziehen. In Bezug auf die Landnutzung legen wir den Schwerpunkt auf die Probleme, die durch das chaotische Wachstum von Städten entstehen, deren Ordnung von den Regierungen übernommen werden muss, und zwar mit einer breiten Bürgerbeteiligung, um die sozialräumliche Gerechtigkeit, 26 Bewohnbarkeit, Mobilität, Sicherheit, Koexistenz und ökologische Nachhaltigkeit wiederherzustellen. In kultureller Hinsicht ist unser Vorschlag, die Räume der Entstehung und Reproduktion von Kunst, ihre Stärkung sowie den freien Zugang zu universellen Kulturgütern zu fördern, um ein vielseitiges und sinnerfülltes Leben zu ermöglichen. Schlussfolgerungen 27 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter NACHWORT EIN AUFRUF ZUM HANDELN 6 Basierend auf den hier genannten Überlegungen und Prioritäten schlagen wir einige grundlegende Maßnahmen vor, die auf einem neuen Ansatz beruhen und unser Verständnis verändern und unsere kollektiven Entscheidungen und Denkweisen beeinflussen. 1. Den gerechten und nachhaltigen Wohlstand in den Mittelpunkt des politischen Handelns stellen, um die Strukturen der sozialen Ungleichheit und der Umweltzerstörung zu verändern, die in Lateinamerika durch die unbegrenzte Akkumulation verursacht wurden. Ziel ist eine sozial-ökologische Demokratie, die nicht die Maximierung des Pro-Kopf-BIP oder die Kommerzialisierung der Gesellschaft anstrebt, sondern eine gerechte und verantwortungsvolle Lebensqualität, d. h. es allen Menschen zu ermöglichen, mit gegenseitigem Respekt und Rücksichtnahme ein gutes Leben zu führen; ein Leben frei von Ungleichheit, Gewalt und Diskriminierung, das die Erde für zukünftige Generationen erhält. Um dies zu erreichen, müssen die materiellen, spirituellen, individuellen und sozialen Bedürfnisse in Einklang stehen mit dem Respekt vor der Diversität, Kreativität und der Autonomie jedes Menschen innerhalb der Berücksichtigung realer Chancengleichheit und im Kontext der Erhaltung der Ökosysteme. Dies erfordert den Zugang zu einem universellen Grundeinkommen, den Schutz vor sozialen Risiken, gemeinschaftlichen und öffentlichen Gütern, die die Ausübung von Freiheitsund Grundrechten und den systematischen Schutz der Biosphäre und des Lebens auf der Erde ermöglichen. Politisches Handeln soll die Institutionalisierung und Respektierung dieser Rechte, Solidarität gegenüber den Schwächsten sowie eine systemische Verantwortung für zukünftige Generationen und alle Lebewesen erreichen. Demokratische Institutionen müssen umgestaltet werden, sodass sie die Unterordnung der Wirtschaft unter diese Prinzipien garantieren ebenso wie die Verteilung 6 Auszug aus» Esto no da para más: Hacia la Transformación SocialEcológica en América Latina«. öffentlicher und privater Ressourcen über Territorien und die menschlichen Lebensräume. 2. Die Werte des guten Zusammenlebens bekräftigen. Die Fähigkeit der Menschen, miteinander und mit der Natur zu koexistieren, hängt von der Kultur ab, die sie teilen. Bestandteile sind die Achtung der Menschenwürde, der Vielfalt und der Freiheit des Einzelnen, die mehr oder weniger wichtige Bedeutung der männlichen Hegemonie, die Toleranz gegenüber Ungleichheiten und Diskriminierungen sowie die Form des sozial-ökologischen Systems zur Beschaffung von Waren und Dienstleistungen zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse. Um ein gutes Zusammenleben und ein gerechtes und nachhaltiges Wohlergehen durch langfristige kollektive Aktionen zu erreichen, muss in der Gesellschaft gleicher Respekt und gleiche Achtung gegenüber allen ihren Mitgliedern, Solidarität und Verantwortung für das Leben auf der Erde und für zukünftige Generationen vorherrschen. Notwendig ist eine systemische Kritik an Gier und der Jagd nach Profit als vermeintliche Haupttriebkräfte des individuellen Verhaltens und gleichzeitig das Verständnis des menschlichen Zustands, sich in eine Gemeinschaft einzufügen: Es geht nicht nur um die legitime individuelle Autonomie, sondern auch um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Als Ergebnis müssen wir Verantwortung für das Schicksal gegenwärtiger und zukünftiger Generationen auf kommunaler, lokaler, nationaler und globaler Ebene übernehmen. 3. Die Ökodependenz der Menschheit anerkennen. Menschen leben und koexistieren in gegenseitiger und ökologischer Abhängigkeit, basierend auf der sozialen Arbeitsteilung und der Tatsache, dass wir körperlichen Bedürfnissen und ihrer regelmäßigen Befriedigung unterliegen. Die dringende Anerkennung dieser ökologischen Abhängigkeit und der globalen Grenzen, die zunehmend und immer schneller überschritten werden, erfordert die Übernahme sozialer Produktions- und Konsumpraktiken, die mit dieser Realität übereinstimmen. Die Anerkennung der Ökodependenz muss zu einer Kultur des funktionalen und nachhaltigen Kon28 Nachwort sums führen, einschließlich der Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Verlagerung von Wirtschaftsaktivitäten, kurzen Kreisläufen in Produktion, Verteilung und Verbrauch und kürzeren Transportzeiten sowie dazu, menschliches Zusammenleben in den Mittelpunkt der Stadt- und Raumplanung zu stellen. es unerlässlich, dass die Institutionen die freie und demokratische Entscheidungsfindung nicht einschränken, sondern erweitern, dass sie nicht selbstbezogen oder bürokratisch werden und dass sie strengen Maßstäben in Bezug auf Professionalität, Redlichkeit und Bürgerkontrolle unterliegen. 4. Den unvermeidlichen Schritt zur Reduzierung nicht nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivitäten akzeptieren. Sozial-ökologische Transformation steht für das Ende der unbegrenzten Kapitalakkumulation und des rücksichtslosen Extraktivismus sowie den Bedeutungsverlust der Wirtschaftszweige, die sich negativ auf den ökologischen Fußabdruck auswirken und die Grenzen des Planeten überschreiten. Der Transformationsprozess erfordert darüber hinaus die Verringerung des Konsums nichtfunktioneller Güter und ihre geplante Aussonderung, eine verringerte Abfallerzeugung und Systeme der Wiederverwertung oder des raschen biologischen Abbaus. Dies muss mit dem Ausbau der Nutzung von erneuerbarer Energie, Elektromobilität, öffentlichem Verkehr und nachhaltigem Wohnen, Agrarökologie und gesunder Ernährung, sauberen Industrien und nachhaltigen individuellen Dienstleistungen sowie der Ausweitung des Zugangs zu Gemeinschaftsgütern einhergehen. Trotz der im Rahmen des Transformationsprozesses unaufhaltsamen Strukturanpassung in den betroffenen Sektoren sollte dies zu einem Nettozuwachs in der Beschäftigung führen. 5. Das Konzept von Reichtum und Armut neu denken. Die Art und Weise, wie wir heute Wohlstand und Armut definieren und messen, bestimmt unseren Handlungsrahmen und unseren politischen Horizont. Reichtum und Macht sind nicht nur das Ergebnis individueller Lebenswege oder Anstrengungen, sondern vor allem der existierenden Wirtschaftsstrukturen, Einkommensverteilung, des Produktions- und Kulturkapitals sowie der Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen sozialen Positionen, die sich daraus ergeben. Wohlstand sollte aber nicht nur in Bezug auf den Zugang zu materiellem Wohlstand(Waren, Ressourcen, finanzielle Vermögenswerte,»Dinge« oder»Beziehungen zwischen Dingen«) verstanden werden, sondern auch in Bezug auf den Zugang zu anderen Faktoren, wie Zeitreichtum zur Erhaltung von Autonomie und Kreativität und Beziehungsreichtum, der für ein gutes und sozialdemokratisches Zusammenleben notwendig ist. 6. Förderung der kontinuierlichen Erneuerung der Institutionen. Es ist nicht möglich, eines der hier vorgestellten Ergebnisse zu erzielen, ohne dass funktionierende Institutionen bestehen, die Fortschritt akzeptieren, zulassen und fördern. Institutionelle Erneuerung von oben ist nicht ausreichend. Um ein Leben unter den Bedingungen von Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu gewährleisten, ist 7. Mit den besten gesellschaftlichen Werten und intellektuellen Waffen die herrschende kulturelle Hegemonie auflösen und eine neue demokratische Verpflichtung begründen. Es wird unmöglich sein, einen Konflikt zwischen der herrschenden kulturellen Hegemonie zu vermeiden, wenn die Weltanschauung sich in Richtung der Werte einer sozial-ökologischen Transformation verändert. Dieser Prozess muss von demokratischen Institutionen kanalisiert werden, um einen neuen legitimen demokratischen Pakt zu schließen, in dem Entscheidungen, die kompetente Organisationen oder Institutionen beeinflussen, durch transparente Dialogprozesse mit einer größtmöglichen Partizipation aller Beteiligten unter größtmöglicher Gleichheit definiert werden. Dieser neue demokratische Pakt muss Rationalität jeder Art der Manipulation von Macht, Gewalt oder Angst vor Gewalt privilegieren und muss Verantwortung übernehmen, wenn Entscheidungen unerwartete oder negative Auswirkungen auf Personen, Gruppen, Gemeinschaften oder Gebiete haben. Das politische Bekenntnis zur sozialökologischen Transformation Wir glauben, dass die sozial-ökologische Transformation ein politisches Projekt ist, das die Schaffung und Umsetzung öffentlicher Politiken erfordert, die kurz-, mittel- und langfristig das kapitalistische Wirtschaftsmodell verändern, das die Natur zerstört und die Ungleichheiten innerhalb unserer Nationen verschärft. Es geht nicht darum, Märkte oder Lohnarbeit zu eliminieren – die historisch gesehen immer schon Teil der Wirtschaft aller Nationen waren –, sondern den Staat zur vollständigen oder teilweisen Umverteilung des wirtschaftlichen Überschusses zu bewegen, der sich aus der teilweisen oder vollständigen Schaffung von Produktion und Vermögensbildung ergibt, oder der unbegrenzten Kapitalanhäufung zu begegnen. Beispiele dafür gibt es überall auf der Welt – von Tarifverhandlungssystemen bis zur Entstehung einer Sozial- und Solidarwirtschaft. Es gibt zahlreiche Beziehungen, die nicht grundlegend kapitalistisch sind, wie dies in der Pflegewirtschaft sowie in der Sozial- und Solidarwirtschaft der Fall ist. Die Stärkung dieser Beziehungen bietet die Möglichkeit, Gesellschaften zu schaffen, die nicht von der Akkumulation von Kapital regiert werden. Wir fordern die Unterstützung von Markt-Staat-Gesellschaft-Ansätzen, um Wirtschaftsund Handelsmuster zu identifizieren, die sich nicht auf die Anhäufung von Wohlstand unter wenigen konzentrieren, sondern auf die Verteilung des Wohlstands auf viele im Einklang mit der Natur und dem Leben auf der Erde – nicht nur 29 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter im Hinblick auf die Begrenzung ihrer Zerstörung, sondern als ein wesentliches Prinzip unserer Lebensweise. Damit der sozial-ökologische Wandel mehr als ein bloßer Vorschlag für tiefgreifende Veränderung ist, ist eine umfassende kontinentale Mobilisierung von Verbündeten erforderlich, um diesen Ansatz zu unterstützen, aktuelle gesellschaftspolitische Strukturen infrage zu stellen und konkrete Alternativen in ihren Kontexten und spezifischen Gebieten zu fördern. Diese Verbündeten müssen radikale und unmittelbare Aktionen durchführen, um die Zerstörung der Natur und die Überschüsse bei der Produktion und beim Verbrauch einzudämmen. Darüber hinaus müssen mittel- und langfristige Maßnahmen ergriffen werden, die die Beziehung der Menschheit zur Erde grundlegend verändern. Unser Aufruf zum Handeln umfasst alle öffentlichen und privaten Akteure in ganz Lateinamerika. Wir teilen diesen Vorschlag für eine sozial-ökologische Transformation mit der Öffentlichkeit, den Universitäten, Organisationen der Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und politischen Parteien, campesinos, indigenen Gruppen, Unternehmen und professionellen Organisationen, traditionellen und digitalen Medien und insbesondere mit den verschiedenen Regierungsebenen in unseren Ländern, um das Bewusstsein zu schärfen und die öffentliche Agenda zu beeinflussen. Wir sind bestrebt, über die Regierung hinaus produktive soziale Akteure, Lehrer und Forscher, Führungskräfte und alle einzubeziehen, die aus ihrer vielfältigen und ebenso wichtigen Perspektive heraus verstehen, dass die globale Krise einen Wendepunkt erreicht hat – ein Ergebnis der anhaltenden Ausbeutung der Natur und des Ausschlusses großer Teile der Bevölkerung in ganz Lateinamerika – und dass wir gemeinsam kämpfen müssen, um Veränderungen herbeizuführen. Unser Aufruf für eine sozial-ökologische Transformation richtet sich vor allem auf eine Beeinflussung des Bildungssystems. Der Prozess der sozial-ökologischen Transformation wird bessere Ergebnisse erzielen, wenn die unterstützenden Ideen aktiv an zukünftige Generationen weitergegeben werden, deren Mitglieder die schwerwiegenden Effekte des Klimawandels werden tragen müssen. Alle vorgenannten Akteure und Personen müssen sich – formell und informell – an der Politik beteiligen und die partizipative Demokratie durch organisierte, friedliche und informierte Mobilisierung vertiefen, um zur Wiederherstellung des öffentlichen Diskurses beizutragen. In der Öffentlichkeit erkennen wir an, dass die soziale Teilhabe an politischen Entscheidungen darauf abzielen sollte, die Ungleichheiten, die unsere Nationen charakterisieren, zu verringern, indem der Zugang sozialer Gruppen mit niedrigerem Einkommen zu den Vorteilen eines demokratischen Wohlfahrtsstaates priorisiert wird. Da öffentliche Maßnahmen zum Abbau sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Spannungen und Ungleichheiten in erster Linie von den Regierungen abhängen, ist es unerlässlich, den Staat und die Regierung so umzugestalten, dass sie die Aufmerksamkeit und Lösung dieser Probleme mit sozialer Verantwortung und aus einer sozialökologischem Perspektive heraus übernehmen. Diese Forderung nach Strategien und Maßnahmen, die auf sozialen und ökologischen Bedürfnissen beruhen und nicht nur auf denen eines kapitalistischen Marktes, stellt die lokalen Regierungen und Gemeinden vor große Herausforderungen, da sich auf dieser Ebene jeder soziale Akteur der Folgen des Klimawandels, des Extraktivismus, der Verschärfung von Ungleichheit und sozialer Segregation bewusst werden kann; entsprechend kann er sich sensibilisieren und für seine eigenen Handlungen verantworten und gleichzeitig die angemessene Beteiligung von Behörden fordern und begleiten. Bildung und Wissen sollten zur Unterstützung der Mobilisierung herangezogen werden und politische Aktionen in Städten und ländlichen Gemeinden Prozesse von unten nach oben anstoßen, um ein größeres Potenzial für die Transformation zu entwickeln. Die Unterstützung dieser Prozesse erfordert eine Abschätzung der Handlungsfähigkeit der lokalen sozialen Akteure und eine Analyse der Hauptkonfliktlinien hinsichtlich der territorialen Ressourcen. Dies erlaubt ein Verständnis für die zugrunde liegenden Interessen und die Rolle, die jeder Akteur im Prozess der sozial-ökologischen Transformation spielt oder spielen sollte. Wir erkennen das große Potenzial der sozialen Beteiligung für die Achtung und Wahrnehmung der Rechte der Bevölkerung und für ein Gleichgewicht zwischen Marktaktionen und staatlichen Eingriffen. Bürger und ihre Organisationen müssen in die Diskussionen und Entscheidungsprozesse über die Gegenwart und Zukunft ihres Territoriums einbezogen werden. In diesem Zusammenhang erkennt die Grundidee der territorialen Governance die Fähigkeiten der Gemeinschaften im Umgang mit Problemen an, denen sie sich angesichts eines zunehmend schwächeren Staates und eines stärkeren kapitalistischen Marktes ausgesetzt sehen; sie schließt die Verantwortungsteilung zwischen Gemeinschaften und Behörden ein, betont die Rolle der Kommunalverwaltung und fördert die Zusammenarbeit zwischen institutionellen Strukturen. Der Impuls für eine sozial-ökologische Transformation beginnt auf den subnationalen und nationalen Ebenen, aber er muss über diese Ebenen hinausgehen. Obwohl Lateinamerika derzeit eine Periode der Unsicherheit hinsichtlich der zukünftigen multilateralen Zusammenarbeit durchläuft, müssten die verschiedenen Krisen, mit denen sich die Region konfrontiert sieht, einen Anreiz darstellen, kurzfristige Meinungsverschiedenheiten zu überwinden und sich gemeinsam strategische Ziele zu setzen, die den kollektiven Risiken und Bedrohungen begegnen. Ein Lateinamerika, das auf soziale und ökologische Gerechtigkeit abzielt, wäre eine starke Stimme in der globalen Arena, um Initiativen vorzuschlagen, aus denen sich Verpflichtungen und Synergien für eine Transformation auf internationaler Ebene ergeben würden, die über freiwillige, unverbindliche Erklärungen oder auf den Markt ausgerichtete Spekulationen hinausgehen. 30 Nachwort LITERATUR Angus, M.(2004). La economía de Occidente y la del resto del mun-do en el último milenio. Revista de Historia Económica, XXI-2. Weltbank(2017). Global Mobility Report 2017. Tracking Sector Performance. Washington: Sustainable Mobility for Al., Verfügbar unter http://sum4all.org/publications/global-mobility-report-2017. Banet-Weiser, S. y Castells, M.(2017). La economía es cultura. In Castells, M. et al. Otra economía es posible. Cultura y economía en tiempos de crisis. Madrid: Alianza Editorial. Becker, S.(2015). Empire of Cotton, a New History of Global Capitalism, London, Penguin Books. 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DOI: 1e0.1126/science.1259855>. 31 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – So geht es nicht weiter 32 IMPRESSUM AUTOR_INNEN IMPRESSUM Ausarbeitung des Textes: Héctor Leyva, auf der Grundlage des Buches III der Biblioteca Transformación« Esto no da para más: Hacia la Transformación Social-Ecológica en América Latina»(2019) Ungekürzter spanischer Originaltext erschien im Oktober 2019: http://library.fes.de/pdf-files/bueros/mexiko/15793.pdf spanisches Original und englische Übersetzung auch auf www.fes-transformacion.org/publicaciones Friedrich-Ebert-Stiftung| Referat Lateinamerika und Karibik Hiroshimastr. 17| 10785 Berlin| Deutschland Friedrich-Ebert-Stiftung| Regionalprojekt Sozialökologische Transformation| Yautepec 55| col. Condesa, del. Cuauhtémoc| C. P. 06140 Mexiko-Stadt| Mexiko Verantwortlich: Valeska Hesse, Leiterin des Referats Lateinamerika und Karibik Redaktionelle Betreuung der Zusammenfassung: Raquel Laniado Amiga Übersetzung: Natacha Sanchez Überarbeitung: Anja Rosenthal Astrid Becker Regionale Arbeitsgruppe Transformación Social-Ecológica: Alejandro Chanona(Mexiko) Alfonso Iracheta(Mexiko) Álvaro Cálix(Honduras) Antonio De Lisio(Venezuela) Christian Denzin(Deutschland) Fernanda Wanderley(Bolivien) Gerardo Ardila(Kolumbien) Gonzalo Martner(Chile) Gustavo Codas(Paraguay) † Henry Mora(Costa Rica) Jeannette Sánchez(Ecuador) José De Echave(Peru) Manuel Rodríguez Becerra(Kolumbien) Martha Ivette Aguilar(El Salvador) Pablo Bertinat(Argentinien) Roberto Kreimerman(Uruguay) Santiago Sarandón(Argentinien) Vivianne Ventura-Dias(Brasilien) http://www.fes.de/referat-lateinamerika-und-karibik Astrid Becker, Leiterin des Regionalprojekt Sozialökologische Transformation Tel:+52-55-5553-5302| Fax:+52-55-5254-1554 www.fes-transformacion.org Kontakt: transformacion@fesmex.org Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-EbertStiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese Publikation wird auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt. ISBN 978-3-96250-654-4 SO GEHT ES NICHT WEITER Wege zur sozial-ökologischen Transformation in Lateinamerika Viele Länder Lateinamerikas und der Karibik sind überproportional von den Folgen des Klimawandels betroffen. Gleichzeitig führt die Politik des Raubbaus an Bodenschätzen und Natur zur Zerstörung global relevanter Ökosysteme, wie dem Amazonas-Regenwald. Die großen sozialen Unterschiede in der Region und die mangelnde Beteiligung der lokalen Gruppen bei der Planung großer Infrastrukturvorhaben oder Investitionen in den Bergbau führen zu wachsendem Konfliktpotential, nicht zuletzt weil gerade die benachteiligten Gruppen besonders von der Folgen des Klimawandels betroffen sind ohne vom von den Renditen aus den extraktiven Sektoren zu profitieren. Aus Sicht der Autoren kann eine sozial-ökologische Transformation einen wichtigen Beitrag zur Lösung der Probleme in der Region leisten. Gefordert wird ein systemischer Prozess zur Veränderung des Verhältnisses von Gesellschaft und Natur und der innergesellschaftlichen Beziehungen zur Schaffung eines positiven Kreislaufs zwischen einem hinreichenden Angebot von Grundgütern, größere Verteilungsgerechtigkeit und verbesserter ökologischer Transfähigkeit. In ihrer Analyse gehen die Autoren auf hierzu relevante Themen wie die Rolle des demokratischen und sozialen Rechtsstaates, die Schaffung einer pluralen und inklusiven Kreislaufwirtschaft mit menschenwürdiger Arbeit, die notwendige Veränderung der Konsumgewohnheiten, Produktionssysteme und Landnutzung sowie Aspekte einer kulturellen Transformation ein. Gefordert werden darüber hinaus neue Indikatoren für eine sozial-ökologische Transformation. Weitere Informationen zum Thema erhalten Sie hier: https://www.fes.de/