Jede Anspielung führte zu einem Raunen Ein- und Ansichten aus Mecklenburg zum Ende der DDR bis zur deutschen Einheit Seite 2 4 6 16 26 36 46 56 62 Vorwort Einleitung Dr. Ralf Gehler Marta Olejko Reinhard Lippert Frank Mecklenburg Christian Fehlandt Birgit Baumgart Ingolf Drabon Die Broschüre und weitere Beiträge, unter anderem von Gritt Kockot und Gerhard Reinisch, finden sie im Internet unter: www.fes-mv.de Jede Anspielung führte zu einem Raunen Ein- und Ansichten aus Mecklenburg zum Ende der DDR bis zur deutschen Einheit Eva-Maria Tempelhahn 1 ––––– Vo r w o r t ––––– Warum noch ein Zeitzeugen-Projekt? Foto: Uwe Sinnecker „Es ist sehr einfach, von heut auf gestern zu zeigen und zu werten. Aber es gibt eben nicht nur schwarz und weiß.„ Alexander Scheer, Schauspieler, spielte unter anderem in„Gundermann” Mein ganz persönlicher Grund ist, dass ich zwar schon viel darüber gelesen habe, wie und was Bürgerinnen und Bürger der DDR kurz vor, während und nach der Wendezeit durchlebt haben, wenig jedoch über deren Leben und Gemütslage zu Zeiten der DDR. Genau das hat mich interessiert, aus vielerlei Gründen. Eva-Maria Tempelhahn Sicher spielt dabei mein familiärer Hintergrund eine Rolle. Mein Vater hat Anfang der 1950er Jahre als Chemiker an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Weimar unterrichtet. Danach war er Assistent und später Oberassistent an der Universität Jena. 1956 sind meine Eltern aus der DDR in den Westen geflohen, als ich eineinhalb und mein Bruder knapp neun Jahre alt war, unter anderem wohl weil sie keine Perspektiven für die Ausbildung ihrer Kinder sahen. Zurück blieben ein hübsches Reihenhaus in Weimar sowie beide Großeltern und Tante und Onkel in Erfurt. Wir kamen in ein Übergangslager und von dort nach Salmünster. Später zogen wir nach Gießen in Hessen, weil mein Vater einen weiteren Studienabschluss brauchte, um als Lehrer arbeiten zu können, denn sein Abschluss als Chemiker wurde im Westen nicht anerkannt. Wir waren häufig in der DDR, um meine Verwandten in Erfurt zu besuchen. Nachdem mein Vater 1964 verstarb und meine Mutter sehr krank wurde, war ich auch schon mal für mehrere Wochen dort. 2 Später lebte ich mit Mann und Kind viele Jahre im Ausland. Nach der Wende kam merkwürdigerweise kein Kontakt mehr mit meinen Verwandten zustande. 2011- im Ruhestand- sind wir vom Speckgürtel Frankfurt/Main nach Schwerin gezogen, weil es uns hier gefiel. Nach und nach bemerkte ich, dass mich immer mehr die Frage umtrieb, wie die Menschen ihr Leben in der DDR in Erinnerung haben. Was hat ihnen gefallen und was nicht? Was haben sie vermisst? Was durften sie, was nicht? Und was haben sie ihren Kindern über diese Zeit erzählt? Ich fragte viel und erhielt interessante Antworten. Manche wollten allerdings schlicht nicht mehr darüber reden, hatten diese Phase ihres Lebens abgehakt. Für manche war die Erinnerung zu schmerzhaft, um noch einmal darüber reden zu wollen. Durch mein Engagement im kulturellen Bereich fokussierten sich meine Fragen für dieses Projekt auf Menschen, die heute im Kulturbereich aktiv sind. Dabei kristallisierten sich einige Fragen heraus, die ich meinen Gesprächspartnern vorab zugeschickt habe, um ihnen einen Leitfaden für das Gespräch an die Hand zu geben. Die Gespräche selbst verliefen frei und ––––– Vo r w o r t ––––– selten streng an den Fragen entlang. Entstanden sind sehr unterschiedliche, aber in jedem Fall sehr persönliche Erzählungen und Erinnerungen. Am Ende zeigten sich für mich einige Gemeinsamkeiten. Letztlich bleibt die Wiedervereinigung auch nach dreißig Jahren für viele wohl ein ambivalentes Datum. Bei fast allen ist- immer noch- eine tiefe Verletztheit darüber festzustellen, dass vieles von dem, was„DDR“ war, bei der Vereinigung der beiden Deutschlands unterging und damit diesem Teil ihres Lebens und des Lebens ihrer Eltern die Anerkennung verweigert wurde. Für mich zeigt sich aber auch, dass das Leben in der DDR für diejenigen, die nicht dabei gewesen sind, schwer zu verstehen ist. Erstaunlich fand ich unterdessen, dass Gespräche mit den Kindern über die DDR-Zeit kaum ein Thema waren. Möglicherweise helfen die hier versammelten Erinnerungen ja, Gespräche zwischen den Generationen anzuregen – innerhalb und außerhalb der Familien. Gespräche, die helfen, sich selbst in unserer heutigen Zeit und in unserem demokratischen System zu verorten. Damit könnte vielleicht eine der von Johannes Nichelmann so treffend beschriebenen Kommunikations„Leerstellen“ gefüllt werden:„Es geht um die verschwundenen Grau- und Farbtöne. Vielleicht ist die Generation der Nachwendekinder die einzige, die noch helfen kann, das Bild über die DDR auszudifferenzieren, um dann Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn wir den Dialog mit unseren Eltern und Großeltern nicht suchen, werden wir nicht in der Lage sein, gemeinsam etwas aus diesem Teil der deutschen Geschichte zu lernen.“ Ich bin meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern unendlich dankbar für das große Vertrauen, das sie mir und meinem Projekt entgegengebracht haben, indem sie sich mir vorbehaltlos öffneten. Das war nicht selbstverständlich und der Ausgang des Ganzen ungewiss. Ebenso dankbar bin ich der Friedrich-Ebert-Stiftung in Schwerin und ihrem Leiter Frederic Werner, der mich in meinem Vorhaben nicht allein ließ. Eva-Maria Tempelhahn Warum noch ein Zeitzeugen-Pprojekt? Wer das Vorwort und die Broschüre über einen Ausschnitt der Vergangenheit und ihre Bewältigung gelesen hat, weiß: Darum! Zeitzeugen geben ein subjektiv gefärbtes Bild einer vergangenen Zeit wieder. Es kann nicht darum gehen, eine objektive Wahrheit für alle Erlebnisse herauszuarbeiten, sondern darum, die Fragen der nächsten Generation zu beantworten und Menschliches zu erfahren. Auch 30 Jahre nach der deutschen Einheit sind nicht alle Widerstände überwunden. Es gibt weiterhin Verletzungen und Unverständnis. Aber es gibt auch Lehren, Einsichten und Bereicherungen, wie die der Abweisung kollektiver Identitäten, die Differenzierung der Lebenswirklichkeiten und nicht zuletzt die Überwindung demokratiefeindlicher Gesellschaftsformen. Das nah zu bringen ist ein Verdienst dieser Broschüre und ein wichtiger Schritt für die Aufarbeitung. Ich danke neben der Autorin für ihr Engagement, dem unermüdlichen Andreas Frost für seine redaktionelle Arbeit an dem Heft. Eine fruchtbare Lektüre wünscht Frederic Werner, Leiter des Landesbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung MV 3 ––––– E i n l e i t u n g ––––– Jede Anspielung führte zu einem Raunen – Manfred Krug in der Hauptrolle nicht auf Anhieb zu verbieten, wurden 1966 im Umfeld der Kinos möglichst viele alternative Veranstaltung organisiert, damit das Publikum nicht auf die Idee kam, den Film schauen zu wollen. das war in der DDR natürlich auch der Kultur-Obrigkeit bewusst. Was Raunen verursachen befördern konnte, sollte möglichst gestrichen oder zumindest im Sinne der SED eingeordnet werden. Als zum Beispiel Volker Brauns„Dimitri“ 1982 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin aufgeführt werden sollte, läuteten bei der Bezirksleitung der SED die Alarmglocken. Denn das Stück basiert auf dem Fragment Friedrich Schillers über einen russisch-polnischen Zwist im 17. Jahrhundert. „Es darf nicht herauskommen, daß irgendeiner im Zuschauerraum das auf die Gegenwart bezieht- auf jetzigen Haß von Polen gegen die Sowjetunion, auf Verhältnisse in der Sowjetunion … Es müßte wirklich als ein historisches Stück, ein historischer Stoff, gespielt werden“, gab die Bezirks-Parteileitung intern vor. „Dimitri“ barg für sie eine weitere Gefahr. Es stellte angeblich die führende Rolle der SED in Frage:„Es ist eine Volkstümlerauffassung, die von Herrschern, die zum Volk gegangen sind, das die große Weisheit besitzt. …(Die Völker werden) nur dann keine Opfer des Betrugs und Selbstbetrugs sein, wenn sie durch die Vorhut Partei und die progressiven Kräfte in die richtige Richtung gelenkt werden. Daß das Volk bestimmt, was geschehen kann, ist eine volkstümlerische Auffassung.“ 1 Die ob des Prager Frühlings 1968 erhoffte Liberalisierung erfuhr auch in der DDR ein jähes Ende. Mit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermanns im Jahr 1976 machte die SED erneut klar, wer in Sachen Kunst und Kultur das alleinige Sagen beanspruchte. Nach der Ausbürgerung Biermanns kehrten zum Beispiel viele Autorinnen und Autoren nicht mehr zu den Formen und Stoffen zurück, die sich die Funktionäre wünschten. Sie arbeiteten mit historischen Verfremdungen, Verschlüsselungen, Bekenntnissen zum Ich; die Sprache wurde weniger direkt, postuliert die Autorin Katrin Möller. 2 Nach Biermann sei die Kulturpolitik„individueller“ geworden, also auf den einzelnen Künstler bezogen. Für außenstehende Beobachter und Betroffene gleichermaßen nicht nachvollziehbare Bewilligungen, Verbote und Kompromisse hätten das Geschehen geprägt. Als der Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow Mitte der 1980er Jahre in der UdSSR zu Glasnost und Perestroika überging, war die Führung der DDR wenig begeistert. 1988 verbot sie sogar, weiterhin die deutsche Ausgabe der Zeitschrift„Sputnik“ in der DDR zu verbreiten, weil deren Inhalt allzu vielschichtige Tendenzen zeitigte. Die SED versuchte, letztendlich vergeblich, die Zügel in der Hand zu behalten. Kunst und Kultur den eigenen Zielen unterzuordnen und sich dienstbar zu machen, war vom Anfang der DDR an das Bestreben der SED. Kunst hatte politisch zu sein, und zwar im Sinne der Partei in Form und Inhalt ausgerichtet auf einen sozialistischen Realismus. Wer dem nicht entsprach, wurde schon mal als„Pseudokünstler“ markiert. Gegen die„-Ismen“ und die bürgerliche Dekadenz wurde auch das„gesunde Volksempfinden“ ins Feld geführt. War ein Film wie„Spur der Steine“ mit 4 Und im Bezirk Schwerin? Wie in vielen anderen Bezirken der DDR hatten sich auch hier Musiker, Regisseure und Kabarettisten trotz des Führungs- und Kontrollanspruchs der SED längst einige Freiräume erobert. Die vom legendären 1966 1 Landeshauptarchiv Schwerin, Akten der Bezirksleitung der SED 10.34 – 3, 4007. 2 Katrin Möller: Liedkultur in der DDR – Ausgleich für nicht funktionierende gesellschaftliche Öffentlichkeit., Schkeuditz 2003 ––––– E i n l e i t u n g ––––– gegründeten„Oktoberklub“ ausgehende Singebewegung, im Laufe derer sich überall Singeklubs und Singegruppen zusammenfanden, hatte zwar ob der staatlichen Vereinnahmung bei der jüngeren Generation wieder etwas an Anziehungskraft verloren, wie Katrin Möller berichtet. Dennoch wurzelte in ihr laut Möller die sich ab Mitte der 1970er Jahre stark entwickelnde Liedkultur mit Liedermachern, Liedtheatern und Folkloregruppen. Das offizielle Flaggschiff in der Schweriner Region war offenbar die Folkband„Skiffle“, die auch im nicht-sozialistischen Ausland auftreten durfte.„Skiffle“ in den Griff zum bekommen, war offenbar nicht einfach. Die „ständige, konsequente Arbeit mit den Skiffles hat sich bewährt und erweist sich auch weiterhin als notwendig, da politischideologische Unklarheiten sowie Versuche, die Arbeitsordnung zu umgehen, noch nicht restlos abgebaut sind“, heißt es in einem internen Bericht von 1984. 3 Der Berichterstatter war sich dennoch sicher, dass sich„Skiffle“ an den geistig-kulturellen Aufgaben der SED orientiere.(Wie viel Wunschdenken dabei einfloss, wird vielleicht„Skiffle“ beantworten können.) Je mehr sich die Anspielungen zwischen den Zeilen auf den Bühnen häuften, desto mehr begaben sich die Künstler auf eine Gratwanderung zwischen den Erwartungen des Publikums und dem Kontrollanspruch der SED. Gleichzeitig übernahmen sie damit eine Stellvertreterrolle, boten Ersatz für eine ansonsten nicht vorhandene, offene und öffentliche Kommunikation. 4 le„Es kann ja nicht immer so bleiben“, mal mit„Die Freie Deutsche Jugend stürmt Berlin“ angekündigt wurde. Schroth war Mitglied der SED. Aber er war wohl mitnichten der Einzige, der innerhalb seiner Partei gegen den Stachel löckte. Gleichwohl ließen Kreis- und Bezirksleitung der SED die Künstler natürlich nicht aus den Augen. Im Gegenteil – seit Glasnost und Perestroika verschärften sich die Kontrollbemühungen, berichtete mir ein Kultur-Offizieller der Stadt Schwerin, der von 1986 an Verantwortung trug. Die Auflagen und Anforderungen nahmen teilweise absurde Züge an. So hatte er für das Kulturprogramm einer Frauenveranstaltung unter anderem das Lied„Kleine weiße Friedenstaube“ ausgesucht. Die Genehmigung durch die SED-Kreisleitung scheiterte zunächst, weil er den Text nicht mit eingereicht hatte – obwohl dieser in den DDR-Schulbüchern nachzulesen war. Zu einer anderen Veranstaltung wollte er einen bemannten Heißluftballon steigen lassen. Die SED-Kulturbürokraten witterten eine Vorbildfunktion – für„Republikflüchtlinge“. Auch Christoph Schroth kämpfte nicht nur und immer wieder um die Freigabe seiner Inszenierungen. Als sein Ziehsohn Andreas Dresen als Lehrling einen Amateurfilm zum Thema „Ausreise“ in Schwerin drehen wollte, wurde er, Dresen, von der Stasi abgeholt und zehn Stunden lang festgehalten und verhört. Christoph Schroth intervenierte. Seine Genossen von der SED-Bezirksleitung zeigten ihm die kalte Schulter. Besonders am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin wehte ein frischer, die Obrigkeit wie auch das Publikum herausfordernder Wind, seit Christoph Schroth als Schauspieldirektor sein Amt angetreten hatte. Seine Inszenierungen wurden weit über die Grenzen des Bezirks beachtet – im Osten wie übrigens auch im Westen. Nach heute schwärmen Theaterbegeisterte von den„Entdeckungen“, den„Faust“Abenden, an denen beide Teile von Goethes Klassiker gespielt wurden, oder dem FDJ-Liederabend, der eigentlich„So haltet die Freude recht fest“ betitelt war und mal mit der UnterzeiDies alles leuchtet keineswegs die Szenerie aus, in der sich die Protagonistinnen und Protagonisten dieses Buches bewegt haben. Es sind lediglich einige Schlaglichter. Wie sie ihr Leben, ihr Umfeld, ihr Wirken selbst einschätzen, berichten sie sowieso selbst – und zwar in beeindruckender persönlicher Weise. Andreas Frost 3 Landeshauptarchiv Schwerin, Akten der Bezirksleitung der SED 10.34 – 3, 4715 4 Ebd. 5 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Dr. Ralf Gehler „Das ist so typisch für die DDR gewesen: Wie ein Windhahn auf der Kirche festzustecken, alles zu sehen, aber sich doch nicht informieren zu können.“ Klaus Holland-Nell(l.), Ralf Gehler(r.) 6 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– 1963 geboren in Schwerin, 1970- 1980 Schule, 1980- 1983 Lehre als Elektroinstallateur in Schwerin. 1984- 1985 Elektriker in Schwerin, 1985-1987 Abiturlehrgang an der VHS in Schwerin, gleichzeitig Technischer Mitarbeiter im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß. 1990- 1996 Studium der Europäischen Ethnologie sowie Neuere und Neueste Geschichte in Berlin, 2009 Promotion an der Uni Kiel. Seit 1985 Konzerttätigkeit als Musiker, seit 1991 viele verschiedene Veröffentlichungen sowie Mitarbeit an Universitäten und bei Ausstellungsprojekten. Heute freiberuflicher Historiker und Musiker. Mein Zuhause war ein eher kleinbürgerliches Milieu, mein Vater war Elektromeister, meine Mutter war Apothekerin. Meine Mutter hat von der Lehre bis zur Rente in einem Betrieb gearbeitet. Bei meinem Vater war das schon schwieriger. Als seine Firma PGH 1 Elektroblitz nach der Wende dichtmachte, hat er in einer Lübecker Firma als Meister gearbeitet noch ein paar Jahre. Ich hatte immer das Gefühl, er wurde ganz schön ausgebeutet. Ich glaube, er hat sich unter Wert verkauft, war da auch nicht so glücklich. Das Elternhaus war nicht unbedingt Bildungsbürgertum, schon Bildung im weitesten Sinne, war aber nicht besonders ausgeprägt. Meine Eltern hatten mit der DDR nichts am Hut. Es war auch immer sehr angepasst, also wir passten immer sehr auf, dass ich nicht erzähle, dass wir Westfernsehen gucken. Die Diskrepanz zwischen außen und innen gab es unbedingt. Mein Vater war ein komischer Mensch. Ich hab' meinen Vater nie sehr gemocht und er ist jetzt schon eine ganze Weile tot. Aber er sagte mir mal, ich soll nicht so viel Ostfernsehen gucken, ich würde verblöden. In gewisser Hinsicht hatte er recht, wenn man wirklich nur das geguckt hätte, wäre das Weltbild doch ein sehr schräges gewesen. Wer sich für das Freilichtmuseum Mueß in Schwerin und die regelmäßig dort stattfindenden Folkmusik-Veranstaltungen interessiert, kommt an Ralf Gehler nicht vorbei. Neben seinen zahlreichen Veröffentlichungen leitet er ehrenamtlich das„Zentrum für Traditionelle Musik“ am Freilichtmuseum Mueß und organisiert das„Windros“-Festival mit. Mit meinen Lehrern hatte ich viel Glück, das waren gute Lehrer. Fräulein Benthin, so wollte sie immer genannt werden, meine Englischlehrerin, machte das schon ganz gut. Ich glaube, sie war ganz schön frustriert, dass sie da nicht einfach mal hinfahren durfte, das muss man sich mal vorstellen. Es gibt einen sehr schönen Roman, in der DDR von Winfried Völlger,„Das Windhahn-Syndrom“. Da geht es um eine Ethnologin, die eine Doktorarbeit über ein Volk schreibt, ohne es je gesehen zu haben. Als Dankeschön bekommt sie die Möglichkeit, dahin zu fahren. Als die Doktorarbeit hochprämiert in der DDR erschien, und sie kommt zurück, lacht sie nur noch. Das Ganze ist, glaube ich, aus dem Blickwinkel ihres Psychologen geschrieben. Das ist so typisch für die DDR gewesen: 1 PGH= Produktionsgenossenschaft des Handwerks. 7 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Wie ein Windhahn auf der Kirche festzustecken, alles sehen zu können, aber sich doch nicht informieren zu können. Wie bist du zur Musik gekommen? Ich komm' aus einer musikalischen Familie. Mein Vater hat Tanzmusik gespielt und diatonisches Knopfakkordeon. Er hatte ein Mundharmonika-Trio und hat im Mandolinen-Orchester gespielt hier in Schwerin. Mein Großvater auch, der war Geiger. Also der musikalische Grundgedanke war schon da. Dann lernte ich traditionelle Musik kennen, also Folk im weitesten Sinne. Das ging los mit meiner Englischlehrerin, die uns Pete-Seeger-Texte 2 vorgestellt hat. Wir sollten die Texte übersetzen im Englischunterricht. Ich dachte, die Musik ist eigentlich gar nicht so schlecht. Es gab sogar eine Schallplatte in der DDR mit Pete Seeger. Er war ja auch sehr links und hatte starke Kontakte zu den Kommunisten. Anfang der 1980er Jahre begann ich eine Lehre als Elektriker. Während der Lehre lernte ich einen Gitarristen kennen, der sich mit so etwas beschäftigte: Jens Fandrey aus Magdeburg. Der war Boxer bei Traktor Schwerin und hatte eine Lehrstelle bei uns, bei der PGH Elektroblitz. Der hat mir das Gitarrespielen beigebracht. Das muss 1981 oder 1982 gewesen sein. Ich war infiltriert, da kam ich nicht mehr von los. Ich fing bald an, Musik zu machen, und zwar in einer Kirchenband. Da konnte man machen, was man wollte, da war man relativ ungestraft. Wir trafen uns, waren alle unbeleckt, konnten alle nix, aber wollten und haben dann losgelegt. Kirche war ja damals, also auch gerade für die Jugendlichen, etwas ganz anderes. Es war einfach ein Ort, wo man den Mund aufmachen konnte, wo man sich traf. Da hörte man Konzerte von Leuten, die draußen eben nicht spielten, oder so wie Stephan Krawczyk 3 , der gar nicht spielen durfte außerhalb der Kirche. Das war schon gut, dass Leute wie er das da machen konnten. Mit dieser Kirchenband hatten wir eigentlich kaum Auftritte, wir haben immer viel geübt. 8 Dann gab's einen sehr schnellen Wechsel. Ich merkte, ich muss mir Leute suchen, die bessere Musiker sind als ich. Ich hatte musikalische Ideen, ich hatte aber nie ein Instrument gelernt. Ich hatte auch immer Angst vor Musik, weil ich dachte, Musik ist eine Kunstform, die in dem Moment präsentiert wird, in dem sie entsteht. Wenn ich ein Bild male, male ich es, und wenn ich denke, es ist fertig, kann ich es präsentieren. Musik funktioniert völlig anders. Man spielt und der falsche Ton, der herauskommt, ist sofort in der Welt und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Dann kam die Geschichte mit„Quickborn“. Da hatten wir'ne Band, mit der man richtig gut arbeiten konnte, mit guten Leuten, mit Esprit und so. Ich hab' mir inzwischen noch mal die Konzerte angehört. Unser erstes Konzert, das wir im Februar 1986 bei der Einstufung gespielt haben, wurde mitgeschnitten. Wir waren gar nicht so schlecht. Die Ansagen waren grottig, furchtbar schlecht, die ganze Präsentation war schlecht. Aber die Lieder selbst waren eigentlich ganz in Ordnung. Wie funktionierte das mit der Einstufung? Davor war das so, dass wir ab und zu irgendwie gespielt hatten, ohne Geld dafür zu nehmen oder'ne Einstufung zu haben. Erst diese Einstufung berechtigte dazu, auf'ne Bühne zu gehen, zu spielen. Sonst durfte man das einfach nicht. Bei der Einstufung saßen sie da alle, die ganze Jury, und hörten sich das an. Da war der Gitarrist von„Skiffle“ dabei. Das war so eine Halbprofi-Band aus Schwerin, die von der FDJ gefördert wurde. Das war ein Aushängeschild, die hat man auch ins Ausland geschickt. Die haben keine roten Lieder gesungen oder so. Die haben gute Musik gemacht, keine Frage. Die Jury erkannte schon, was gut war. Man wollte das benutzen, um die Idee dieses Landes zu fördern. Wenn ein Sportler gut war, wurde er ausgebildet. Das hatte auch nichts zu tun 2 Peter„Pete“ Seeger,(1919 – 2014) US-amerikanischer Folksänger. 3 Stephan Krawczyk(geb. 1955), Liedermacher und DDR-Dissident. ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– mit politischer Gesinnung, sondern einfach mit dem Können der Leute. Und„Skiffle“ waren wirklich gut. Also Peter Winter am Banjo, das ist ein toller Banjospieler, und Thorsten Bär mit seiner Mandoline war Klasse, das war'ne tolle Band. Na ja, die saßen dann da zusammen mit den Leuten vom Stadtkabinett für Kulturarbeit und noch ein paar anderen. Da wir Folklore gespielt haben, so traditionelle Musik, wurden wir eingestuft als Volkskunstkollektiv und nicht als Band, als Tanzband oder als Rockband. Wir wurden dann„Volkskunstkollektiv ausgezeichneter Qualität“. Dann flog der Sekt und wir waren glücklich und zufrieden, und konnten losmucken. Das war im Februar 1986, da war ich 23. Die Einstufung war in Ordnung, denn dann durften wir 27 Mark pro Musiker und Veranstaltung nehmen plus Amortisation. Die kam dazu als so eine Art Instrumentengeld. Das wurde aber oft so gehandhabt: Wenn man mehr Geld haben wollte, war so eine Mucke dann eben zwei Auftritte, das heißt es wurden zwei Auftritte abgerechnet. Dann bekam man das Doppelte. Kultur hatte natürlich immer eine politische Bedeutung, es war immer was Besonderes. Die meisten Leute, die ich kannte, haben dieses System mit den Kultur-Kabinetten einfach genutzt. Man wurde gefördert in bestimmter Hinsicht, warum sollte man das nicht mitnehmen. Ich glaube auch, dass viele Leute, die damals in den Entscheider-Positionen saßen, einfach genau gewusst haben, wie man das macht, und was sie wollten. Da saßen oftmals auch kompetente Leute, die verstanden haben, was wir so wollten, wenn wir unsere Musik machen wollten. Auf der anderen Seite haben die natürlich kontrolliert, keine Frage, das war ein zweischneidiges Schwert. Deine musikalische Entwicklung – wie ging sie weiter? Was uns in der Band dann sehr interessierte, und mich besonders, waren deutsche Texte. Es gab ja einige, die das schon seit Mitte der 1970er Jahre getan haben damals in der DDR. „Wacholder“ und„Liedehrlich“ zum Beispiel und die kleineren Gruppen wie„Brummtopf“ aus Erfurt und solche Sachen. Das fand ich toll. Dazu kam, dass ein Verwandter von Jochen Wiegandt von der Gruppe„Liederjan“ aus Hamburg bei mir in der Lehrlingsbrigade war. Der hatte die ganzen Schallplatten von„Liederjan“, sodass ich das Zeug aufsaugte. Wenn man sich mal die frühen Folkis anguckt, die haben natürlich diesen Folk zunächst benutzt, um überhaupt auftreten zu können. Nachher sind sie immer politischer geworden. Da bekam die DDR-Obrigkeit plötzlich auch Angst und versuchte, für die Treffen andere, traditionellere Themen in den Vordergrund zu schieben. Da war Instrumentenbau zum Beispiel ein Thema, welches immer mehr protegiert wurde, weil die politische Auseinandersetzung ein bisschen weggeschoben werden sollte. Es gibt da ein sehr gutes Buch,„Volkes Lied und Vater Staat“ von Wolfgang Leyn. Ich habe auch ein Kapitel geschrieben über Dudelsack in der DDR, da kommt diese Situation ganz gut heraus. Das ist ein großes Manko auch der Folkbewegung in der DDR gewesen, finde ich, es ging letztlich nur um diesen Protest. Das ist natürlich und gut und wichtig. Aber sich zum Beispiel bestimmter Instrumente anzunehmen, sie wiederzuentdecken, neue Klänge wiederzuentdecken, sich der Instrumentalmusik zuzuwenden, den Tänzen, wie muss eine Musik gespielt werden, damit ein bestimmter Tanz funktioniert, und all diese Dinge- diese Auseinandersetzung gab es kaum. Das passiert jetzt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung mit historischen Tanzmusik-Handschriften, die im Augenblick eine der großen Quellen sind, die von wirklichen Tanzmusikern geschrieben wurden, zum Teil schon im achtzehnten Jahrhundert. Das ist eine Sache, die in den 1970er und 1980er Jahren überall in Europa erfolgte und in der DDR nie. Man hat es versucht, es wurden ein paar Hefte herausgegeben, aber die wurden von den Folklore-Musikanten nicht angenommen. Heute ist es genau anders, heute entdeckt man das 9 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– wieder, da haben wir auch viel dafür getan. Das ist eine Besonderheit in der DDR gewesen, dass diese Musik sehr politisch war. Heute vermisse ich das so ein bisschen, die gesellschaftspolitische Kraft geht der Musik etwas ab, die sie damals hatte. Damals spielte Geld nie eine Rolle. Ich kann ja nur aus meiner eigenen Perspektive berichten, ich hab' Straßenmusik gemacht 1980. Mein größter Erfolg war mal, eine Stunde auf der Straße Dudelsack zu spielen in Schwerin im Durchgang zwischen Schlachtermarkt und Markt. Da hatte ich hundert Mark im Dudelsack-Kasten und das war viel Geld. Ein Facharbeiter verdiente vielleicht 800 oder 850 Mark und ich kriegte in einer Stunde einen Hunni. Ich hab' da ein paar Stunden gespielt und hatte meine Fahrkarte nach Bulgarien drin. Wir wollten immer nur in eine Richtung trampen, zurück kaufte man sich besser ein Ticket. Wir waren dann auch zu müde, wir waren da meistens zwei, drei Wochen unterwegs. Man bekam als Band nicht direkt vom Staat Geld, aber es gab Clubs und in diesen Clubs konnte man spielen und dafür gab es Geld. Es wurden Seminare durchgeführt, ich weiß das zum Beispiel über Instrumentenbau. Es gab immer das Dudelsacktreffen in Schleife bei den Sorben, wo man dann internationale Gäste hatte, wo man Vorträge hörte, und man bekam dafür Freistellungen. Gesellschaftspolitische Arbeit stand immer über der Arbeit im Betrieb. Mit einer Freistellung vom Bezirkskabinett, wenn man zu einem Dudelsack-Treffen wollte, fuhr man und kriegte weiterhin sein Geld im Betrieb. Die Idee ist gewesen- ich kann da nur aus dem Blickwinkel der Folklore-Geschichte sprechen-, dass man erkannt hat, dass diese Art von Musik dazu dienen kann, eine Identität mit Heimat- der Begriff war natürlich verpönt-, aber mit der Region und der Herkunft aufzubauen. Das ging schon in den 1970er Jahren los, da entdeckte man das vorproletarische Erbe. Da begann das nicht alles erst mit der Arbeiterbewegung, sondern man entdeckte auch schon die Dinge, die davor waren. 10 Dann kam dieses Lutherjahr 1983, da jährte sich Luthers Geburtstag von 1483. Luther galt nicht mehr als der konservative Bauernausbeuter, sondern war plötzlich wer. Das war eben möglich in der DDR, dass der plötzlich so gehyped wurde. In dieser Zeit kamen dann diese ganzen historischen Mittelaltermärkte auf. Das gab es schon vorher, aber dann wurden das immer mehr. Diese Folkloregeschichte war da gut anzusiedeln. Was wirklich Einfluss hatte damals, war das Festival des Politischen Liedes. Das war eine Veranstaltung, die immer in Ost-Berlin stattfand, ich glaube sogar, einmal im Jahr, wo man Künstler hörte, die man sonst eben nicht zu Gehör bekam. Pete Seeger war da und Leute aus Irland, die da gespielt haben, aus Schottland, die sich mit traditioneller Musik beschäftigten, und die konnte man dann live erleben. Wir von„Quickborn“ hatten Backstage-Pässe, ich weiß gar nicht, wie wir zu denen gekommen sind, irgendwie über linke Kanäle konnten wir da rein und hatten dadurch die Möglichkeit, hinten rum zu schwirren. Die Künstler waren links orientiert, hatten vielleicht auch eine gewisse Nähe zur DKP, wie „Liederjan“ und dergleichen, und die Sands-Family sowieso. Das waren auch Kommunisten, aber sie vertraten eben diese Art, Musik zu machen. Hattest du vorher in Schule oder Ausbildung das Gefühl, dass deine Freiheit irgendwie eingeschränkt war? Na ja, schon. Also wir sind viel getrampt, über'n Balkan bis Bulgarien runter. Da stand man vor diesem Zaun von Rumänien nach Griechenland und kam nicht weiter. Und dann stand da„Istanbul 100 km“. Das waren Lichtjahre, die das entfernt war. Wir hatten Freunde im Westen, die uns besuchen kamen, die auch Musik gemacht haben, die immer nur kamen, wir konnten aber nicht dahin. Wir haben Anträge gestellt, zum Beispiel in Braunschweig zu spielen. Das wurde abgelehnt. Da merkte man schon diese ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Grenze. Aber es ist ja so, wenn ein Tier in einem Käfig aufwächst, empfindet es den Käfig als seine Welt, auch wenn es weiß, dass dahinter noch was ist. Insofern war dieser Leidensdruck bei mir spezifisch nicht so stark, das war halt so. Das ist vielleicht auch ein Überlebensprinzip. weitergegeben haben. Er sagte uns, wenn Sie diese und diese Texte weiter singen, müssen wir Ihre Texte leider verbieten. Da haben wir gesagt: Ja, wir wissen die Texte aber nicht mehr. Wir sind raus und haben die Texte doch wieder gesungen und es kam nichts mehr. Was aber toll war in der DDR, eben dadurch, dass man sich ein bisschen unterdrückt fühlte, dass alle möglichen Texte, die man sang, jeder Ausdruck, den man auf die Bühne brachte, immer politisch ausgelegt wurde. Wenn man ein Auswandererlied sang aus dem neunzehnten Jahrhundert, dann war klar, was man meinte. Diese Zeichensprache auf der Bühne, die vermisse ich heute sehr. Genauso gut wie dieses Outfit, dieses typische Folk-Outfit mit Schlabberpullover und Jeans, das bedeutete natürlich auch was. Insofern war dieses Eingeschränkt-Sein auch eine Möglichkeit, sich kulturell zu äußern und wahrgenommen zu werden. Ein sonderbares Phänomen ist, dass es scheinbar ganz wenige Unterlagen zur Musikszene Schwerins in Sachen Staatssicherheit gibt. Ich hatte einen Antrag bei der Stasi-Behörde gestellt, hab' auch verschiedene Bands angeführt, in denen ich mitgespielt habe. Ich weiß auch, sie haben mitgeschnitten und sie haben unsere Texte gehabt. Beim Stadtrat für Kultur lagen die Texte unserer Band, die wir nie aufgeschrieben hatten. Das muss ja jemand in die Wege geleitet haben. Aber ich bin noch nicht dahintergekommen, wo man Unterlagen bekommen könnte von der ganzen Geschichte. Wie dem auch sei: selbst wenn alle möglichen Leute mitgeschnitten haben, hatten wir nie das Gefühl, dass wir wirklich Sanktionen zu erwarten hätten- bis auf wenige Male. Das eine Mal war, als wir ein paar Lieder gespielt haben mit der Kapelle, mit„Quickborn“. Da wurden wir zum Stadtrat für Kultur vorgeladen. Auf jeden Fall saß ich bei ihm im Büro und er hatte unsere Texte schreibmaschinenmäßig aufgeschrieben vor sich liegen. Ich wunderte mich, wie das kommt. Muss ja jemand unser Konzert mitgeschnitten und dann Wahrscheinlich hat jeder seine Pflicht getan. Er hat gesagt, was er sagen musste, ich hab' gesagt, was ich sagen sollte, danach war die Sache aus der Welt, und jeder hat wieder gemacht, was er wollte. Das ist die DDR. Manchmal war es vielleicht gar nicht die Stasi. Vielleicht waren das ganz andere Organe, die da was überprüft haben. Wenn zum Beispiel der Stadtrat für Kultur sich dafür interessiert, kann es ja auch sein, dass es Leute aus der Stadtverwaltung waren. Ich weiß es nicht, ich kenne die Strukturen nicht, wie so etwas gelaufen ist. Ob das immer über das Ministerium für Staatssicherheit lief, sei dahingestellt. Hättest du eine andere Entwicklung genommen, wenn du nicht in der DDR aufgewachsen wärst? Elektriker war nicht, was ich wollte, aber ich wusste damals gar nicht, was ich wollte. Mit sechzehn weiß man das einfach nicht. Darum dachte ich mir, werde ich eben erst mal Elektriker. Das war ja auch nicht der schlechteste Beruf, er war relativ angesehen. Aber ich wusste schon, dass ich was anderes wollte. Ich hab' dann Abitur gemacht an der Abendschule hier in Schwerin. Da haben hauptsächlich die Leute Abitur nachgeholt, die keinen Platz auf der Erweiterte Oberschule bekommen haben; das hing zum Beispiel vom Elternhaus ab. Diese Leute waren etwa aus kirchlichen Kreisen, die kein Abitur machen konnten. Die machten das an der Abendschule. Bei mir war es aber so, dass ich zu daddelig war damals, mir war das egal. Wir waren alle mehr oder minder erwachsen dort. Das war 'ne tolle Zeit. Es war'ne irre Schulklasse, die gut zusammengehalten hat. Wir hatten zum Teil sehr gute und zum Teil furchtbare Lehrer. Manfred Heckler, unser Mathematiklehrer, war unwahrscheinlich toll. Richtig, richtig gut. Das prägte. 11 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Ich suchte dann natürlich einen Job, in dem ich arbeiten und nebenbei Abitur machen konnte. Ich war Schichtelektriker beim Lederwaren-Kombinat. Aber da konnte man abends nicht zur Schule gehen, weil man oft arbeiten musste. Dann hatten wir die Band und ich fragte den Direktor des Freilichtmuseums in Schwerin, Dr. Ralf Wendt, ob wir nicht ab und zu am Wochenende im Museum Musik machen könnten, um uns auszuprobieren. Er sagte, das geht. Außerdem suchte er einen Hausmeister, ob ich nicht jemanden wüsste. Dann war ich seit 1985 hier Hausmeister. So konnte ich Musik machen, ich konnte Abitur machen und war hier Hausmeister. Ich hatte durch die Bücher von Thor Heyerdahl 4 , einen der großen Helden meiner Kindheit, überlegt, Ethnologie zu studieren. Als ich im Museum die Volkskultur von Mecklenburg kennenlernte, habe ich mich beworben und wurde auch genommen. Das war schon 1987. Das war damals sehr kompliziert, weil es für die ganze DDR nur acht Studienplätze für Ethnographie an der Humboldt-Uni in Berlin gab. Davon sind vier Plätze immer an die Sorben weggegangen als ethnische Minderheit. Aber ich hatte Glück. Aber ich war nicht bei der Armee gewesen. Ich hatte den Dienst mit der Waffe Anfang der 1980er verweigert. Dadurch haben die mich nicht gezogen, zu der Zeit war es eben schon anders. Die sind da schon anders mit den Dingen umgegangen. Ich glaube, der Staat hat ein bisschen gelernt, mit dieser nicht ganz konformen Jugend umzugehen und hat dafür auch interessante Möglichkeiten gefunden. Bei mir damals, ich war achtzehn, haben sie mich einfach nicht zur Armee gezogen. Sie hätten ja auch groß auf Konfrontation gehen können. Aber nö, sie haben einfach nichts getan. Als ich 25 war, haben sie mich dann gezogen. Das war das Problem. 1987 hatte ich ja den Studienplatz und war noch nicht bei der Armee gewesen. Da haben sie gesagt, Herr Gehler, wir müssen Sie drei Jahre zurückstellen. Sie können dann 1990 anfangen zu studieren. Aber dann war es ja eh egal. 12 Die Armee war ein skurriler Haufen. Wer bei der Armee nicht den Glauben an den Sozialismus verloren hat, der war verloren. Das war so ein verrückter, unfähiger, idiotischer Haufen. Dieses ganze System war ein völliger Unfug. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Offiziere, ich war in Hagenow stationiert, an Dummheit nicht zu überbieten waren. Die konnten nichts anderes. Die wurden entweder Offizier oder Arbeiter im niedersten Bereich. Und sie haben alle viel getrunken- abgesehen davon, dass in der DDR sowieso viel getrunken wurde. Aber diese Offiziere haben noch viel mehr getrunken. Ich war ja schon ein bisschen älter. Als ich erkannt hatte, wie es läuft, konnte ich das System ganz gut nutzen. Ich war in der Armee-Singegruppe. Jedes größere Regiment hatte eine Singegruppe. Bei uns war es so, dass wir die Leute nicht aussuchten nach ihren musikalischen Fähigkeiten, sondern nach ihren politischen Einstellungen. Die Singegruppe war also eine in sich geschlossene Zelle, eine intellektuelle Zelle, die sehr gut miteinander funktioniert hat. Wir haben auch aufgepasst, dass da keiner reinkam, der anders tickte. Das Tolle ist, in dieser Singegrupepe waren Musiker zusammen, die alle aus unterschiedlichen Genres kamen. Da waren Klassiker, da waren Leute, die Lieder gemacht haben, es waren Rockmusiker dabei. Die saßen zusammen in einer Bude und mussten sehen, wie sie miteinander klarkamen. Das hat viel gebracht. Wie man Genres ineinander verwandelt, wie man Themen aufgreift. Da hab' ich viel gelernt in diesem Jahr. Zu einigen der Leute, mit denen man da Musik gemacht hat, bestehen die Kontakte immer noch. Viele sind der Musik treu geblieben, einer ist eine ganze Weile Popmusiker gewesen, einer leitet das Orchester in Basel im Augenblick, wieder ein anderer ist Jazzsaxophonist geworden, ganz unterschiedliche Leute, die dabei rausgekommen sind. 4 Thor heyerdahl(1914-2002) norwegischer Forscher, populär durch seinen Ansatz der experimentellen Archäologie. ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Foto: Uwe Sinnecker Windros-Festival 2015 in Schwerin-Muess Einer macht immer noch Lieder und sitzt in Köln als Sozialarbeiter, macht immer noch das Gleiche wie damals, herrlich. Hätte man euch zum Schusswaffengebrauch an der Grenze zwingen können? Ich hab' in meiner ganzen Armeezeit einmal geschossen, ein einziges Mal. Zehn Schuss mit der Maschinenpistole, ein Schuss mit der Rakete auf eine Panzerscheibe, das war alles. Ich hatte immer das Gefühl, dass wir alle nicht getroffen hätten. Ich hatte auch nie das Gefühl in der NVA, dass diese Armee wirklich fähig gewesen wäre, den Klassenfeind aufzuhalten. Was in Schwerin aber auch noch spannend war, war diese Feldstraße 26. Das war ein Haus, das gehörte der Kommunalen Wohnungsverwaltung, der KWV. Dieses Haus stand leer und sollte eigentlich abgerissen werden. Wir waren Musiker in Schwerin und wir sind da einfach eingezogen. Wir haben es quasi„besetzt“, auch wenn wir diesen Begriff nicht so richtig kannten. Das war im Sommer 1989, da war hier von Wende noch nicht so richtig was zu spüren. Wir sind rein und haben die Schlösser aufgesägt. Dann hat jeder von uns eine Wohnung bekommen. Alles Musiker, die ganz unterschiedliche Arten von Musik machten. Wir hatten oben einen riesigen Partyboden, wo wir die Wände rausgerissen 13 ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– haben und'ne kleine Bar gemacht haben. Als die Wende kam, sind wir nicht rausgeflogen. Also man hat uns geduldet. Wir bekamen im Mai 1990 sogar Mietverträge von einem alten Mitarbeiter der KWV, der in Rente ging und uns irgendwie was Gutes tun wollte. Wir hatten dann jeder eine kleine Zweiraum-Wohnung. Ich habe eine Miete von 11,60 Mark gezahlt für diese Wohnung. Das Haus gibt es noch, das ist saniert. Das war eine tolle Zeit und wiederum, ganz ähnlich wie bei der NVA, man hatte diesen Kontakt zu anderen Musiken. Da war zum Beispiel'ne Punkband, die hat mit der Drehleier zusammen gespielt-„crossover“. In Berlin ist mir das später nicht mehr passiert, da waren die Szenen so groß, dass jeder mit sich selbst zu tun hatte. Aber hier waren wir nur die paar Musiker, die da wohnten, und wir hatten alle irgendwie miteinander zu tun. Das war jedenfalls eine sehr intensive Zeit. Ich glaube, 1999 ist der Letzte ausgezogen. Wir wollten nachher auch alle woanders hin. Ich war auch viel in Berlin, hatte da eine Freundin, zu der ich gezogen bin. Wir kennen uns heute zwar alle noch, aber es ist anders. Ich hab' auch in Schwerin eigentlich kaum jemanden, mit dem ich noch Musik mache, außer mit den alten Leuten von„Tüdderkram“ aus der DDRZeit. Man kann nur begrenzt was machen. Was hättest du mitnehmen wollen aus der DDR? Was für uns wirklich gut war, was man hätte„mitnehmen“ können, waren diese Stadt- und Bezirkskabinette für Kulturarbeit, die Folklore-Kabinette. Gerade diese Idee, die sich durch mein ganzes Leben zieht, diese Volkskultur in die Gegenwart einzubringen, um den Leuten irgendwie einen Gedanken von Regionalität, vom Hiersein zu geben und einen Stall zu haben, wo man herkommt. Das ist eine Sache, die da gut organisiert war, die funktionierte. Die hatten Gelder für Publikationen, die brachten Liederhefte heraus. Kulturarbeit war eine Sache, die staatlich organisiert war. Das war erstmal insofern nicht schlecht, als diese Institutionen wirklich 14 geholfen haben, Mucken zu bekommen, Dinge zu organisieren, Freistellungen zu erlangen, um irgendwas machen zu können. Die Folklore-Kabinette gab es in mehreren Ecken in der DDR. Es gab ein Zentralhaus für Volkskultur in Leipzig und verschiedene Zentren überall in den Bezirken. Das war eigentlich gut, weil es darum ging, mit Volkskultur musikalischer- und textlicherseits umzugehen. Was auch mich sehr interessierte: diese Tradition in unserer Zeit zu verwenden, sie zu erforschen. Es sind damals interessante Publikationen entstanden, die auch heute noch Gültigkeit haben. Was im Prinzip die USA wieder entdeckt haben mit ihrem Heritage-System und diesen Standorten, wo so etwas gefördert wird, so wie wir hier das Zentrum für traditionelle Musik machen wollen und ja schon machen. All das war mit Geld versehen und gut ausgestattet in der DDR zu finden. Und was hast du aus deinem Leben in der DDR an Gedanken und Gefühlen in die deutsche Einheit mitgenommen? Es sind Erinnerungen an eine energiegeladene Jugend mit Freunden und Erlebnissen, Projekten(die wir nicht so nannten) und dem Gefühl, Dinge im Leben erstmals zu entdecken. Dinge einfach tun, von denen man meint, dass sie gut wären, ohne Angst vor Fehlern oder nicht vorhersehbaren Konsequenzen – das habe ich mitgenommen in die neue komplizierte Zeit. Wie ging es für dich nach der Wende weiter? Ich hab' dann ja nach der Wende in Berlin studiert, europäische Ethnologie. Ich hab' den Studienplatz genommen, weil ich das einfach machen wollte, egal ob das jetzt 1990 war oder nicht. Die Ethnografen hatten damals schon einen irren guten Kontakt zu den westdeutschen Instituten in Tübingen und Marburg, wo auch diese moderne Auffassung von Volkskultur oder Ethnografie gelehrt wurde. Foto: Uwe Sinnecker ––––– D r. R a l f G e h l e r ––––– Wir hatten damals„Alltagskultur“, das war ein großes Thema in den 1980er Jahren. Da waren die großen Wissenschaftler Jürgen Kuczynski und Wolfgang und Sigrid Jacobeit. Diese Leute waren in der Bundesrepublik genauso anerkannt, wie wir Richard van Dülmen kannten oder Wolfgang Kaschuba. Diese Trennung mit der Mauer war wissenschaftlicherseits überhaupt nicht da, alle waren irgendwo linksgerichtet und tickten ähnlich. Ich wunderte mich, ich kam da an 1990, und wir waren damals 36 Studenten am Institut, heute sind es über 800, und es kamen die ersten Wessis, und das war total schön. Also ich war sowieso in Berlin und hatte'ne Schwarzwohnung in der Chausseestraße- es standen ja in der DDR unheimlich viele Wohnungen leer, und mit einer kleinen Säge konnte man sich so eine Wohnung frei sägen, und dann wohnte man da halt einfach. Ich wohnte da mit einem Kollegen zusammen, Wasser und Strom waren da, ich kann mich jetzt nicht mehr genau erinnern, wie das alles funktionierte, eine verrückte Zeit. Wir setzten uns zusammen in diese Buden und haben uns unsere Lebenserinnerungen erzählt, der eine aus dem Westen, der andere aus dem Osten. Das war total interessant. Was kamen da für Leute zusammen plötzlich in diesem Institut?! Man merkte sehr schnell, dass das ganz normale Leute waren. Für mich war sowieso diese Wende ein großer Bruch: Ich fang mit dem Studium an, mein Leben als Arbeiter war vorbei, das passte prima. Dr. Ralf Gehler Traust du dem Kunst- und Kulturbereich heute eine vergleichbare gesellschaftliche oder politische Bedeutung zu? Es wäre ja blöd zu sagen, dass das die Kunst heute nicht könnte. Die Hörerschaft von Folkmusik ist unpolitischer – sicher. Aber Kunst ist nicht nur politische Parteinahme, sondern Transportmittel für Gedanken, Träume, Gefühle und Kraft, dieses Leben zu meistern. Die Zeiten und Inhalte politischer Botschaften wandeln sich ständig. Die Kunst wird diese reflektieren. Immer! 15 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Marta Olejko „Für rebellierende Jugendliche war dieses bescheuerte kranke System ein Glücksfall. Für uns war es ganz einfach, der Feind war klar definiert.“ 1967 in Bergen auf Rügen geboren, 1974- 1984 Schule, 1984- 1986 Facharbeiter-Ausbildung für Keramtechnik in Haldensleben, 1986- 1994 Grafikdruckerin, Pförtnerin, künstlerische Mitarbeiterin am Staatlichen Puppentheater/Berlin und Wismar. Seit 1994 Instrumental-Lehrerin in Schwerin und Wismar, seit 1999 freiberufliche Puppenspielerin, Musikerin und bildende Künstlerin. 16 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Die kreative Allrounderin ist in Schwerin und Umgebung musikalisch auf vielen Bühnen sowie als bildende Künstlerin unterwegs. Für sie prägend waren ihre Jahre im Musikinternat für musikalisch hochbegabte Kinder und Jugendliche „Franz Liszt“ in Weimar Belvedere und später am Puppentheater in Wismar. Wenn du auf so'ner Schule bist, haben alle ein gemeinsames Thema, sprich Musik. Man ist ja da nicht bunt zusammengewürfelt wie in einer allgemeinbildenden Schule, sondern man ist da, weil alle mindestens ein gemeinsames Interesse haben. Das war eine unglaubliche Nähe. Das hab' ich bei allem Druck, den es da gab, als etwas unglaublich Neues und Bereicherndes empfunden. Das war meine Familie, das war schon toll. Ich komme aus Bergen auf Rügen, meine Mutter war Sekretärin in der öffentlichen Verwaltung und mein Vater Bauarbeiter. Wir hatten wenig Geld, deshalb hatten wir Gartenparzellen gemietet, um von„Selbstgezogenem“ zu leben. Klamotten habe ich mir später selbst genäht, mit fünfzehn auf der Nähmaschine. Mit drei Jahren habe ich mich schon in meine kreative Welt zurückgezogen, auch vor schwierigen Familienverhältnissen. Ich war eine Außenseiterin und eine Rabaukin. Später konnte ich wegen meiner Begabung kostenlos in das Musikinternat in Weimar gehen. Für mich war das gut, weil ich so weg von meinem gewalttätigen Vater war. Also wir waren hundert Kids, alle Altersgruppen. Es war so eine Art Solidargemeinschaft, denn diese Weimarer Spezialschule der Hochschule für Musik Franz Liszt war – das hab' ich später erst mitgekriegt – tatsächlich die verschrienste im Osten. Manchmal wenn ich erzählt habe, ich war in Weimar auf dem Musikinternat, hieß es,„ach, im Kinder-KZ“. Der Direktor da war kein Musiker, sondern der war ein Politkader. Wir hatten jeden Morgen Fahnenappell. Es gab ganz rigide Regeln. In der Zeit, in der ich da war, gab's allein drei Selbstmordversuche. Es war dadurch wirklich wie eine Solidargemeinschaft, also die Kleinen mit den Großen, jeder kannte jeden, jeder konnte sich bei jedem ausheulen. Das Internat war ein Glücksfall durch seine musische Ausrichtung, also echt ein Auffangbecken. Die hatten auch total verrückte Lehrer an der Schule. Zum Beispiel der Deutschlehrer war auch unser Staatsbürgerkunde-Lehrer. Das war ein toller Staatsbürgerkunde-Unterricht. Wir haben es echt geliebt, denn bevor er M-L, also Marxismus-Leninismus, studierte, hatte der Mann Pädagogik, Germanistik und Theologie studiert, um diesen Lehrer-Job machen zu können. Da hat es Spaß gemacht zuzuhören, weil der einen ganz anderen Fokus hatte, er war universal gebildet. Er war wirklich ein ganz charismatischer Typ. Die Lehrer waren echt alle Klasse. Die haben das so ein bisschen relativiert, den Drill da, so in Viererreihen antreten, die Hände auf den Rücken, dann so zusammen zur Mensa marschieren, genauso hinterm Tisch stehen, bis der Diensthabende erklärt hat:„Guten Appetit.“ Und die ganze Mensa, Kids von elf bis achtzehn Jahren, alle: „Guten Appetit.“ Dann setztest du dich hin, musstest schweigend essen. So ging das den ganzen Tag. Dieser Fahnenappell morgens. Schüler, die irgendwas verbrochen hatten,'ne falsche Äußerung gemacht hatten, die mussten beim Fahnenappell vor die Fahne. Dann wurden sie öffentlich an den Pranger gestellt. Das war wirklich KinderKnast. Aber die Lehrer haben das echt relativiert, haben das lebbar gemacht, dass das so ein bisschen menschlicher war, und haben Wissen vermittelt ohne diesen dogmatischen Druck. 17 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Wie hast du in Weimar deinen Abschluss geschafft? Ich bin mit fünfzehn Jahren zurückgegangen. Ich hab' in Weimar abgebrochen, weil ich es nicht konnte, weil ich wirklich gemerkt hab', okay, ich bin so gutes Mittelfeld. Es funktioniert irgendwie, aber ich hab' es nicht gewuppt. Meine Neigungen zu leben, hat mich zu der Zeit nicht glücklich gemacht. Aber die Zeit in Weimar war lebensrettend, weil ich über diese ganzen musischen Geschichten einfach wunderbare Menschen kennengelernt habe. Bei Kindern, die es sehr schwer hatten, es aber dennoch packen, aus denen auch starke Menschen werden, fragt man sich manchmal: Wie haben die das überlebt? Das hat ganz oft mit Menschen zu tun, die dem Anderen etwas entgegengesetzt haben oder es relativiert haben. Das hatte ich immer über die Kunst. Gerade in Weimar, weil da tolle Lehrer waren, die mehr als Lehrer waren, die nicht nur ein Fach vermittelt haben, sondern die wirklich auch gelebt haben, was sie gemacht haben, wie mein Geigenlehrer zum Beispiel. Er ist kurz nachdem ich weggegangen bin gestorben, er war sehr schwer krank. Aber zu Mitschülern hab' ich tatsächlich immer noch Kontakte. Oder auch wieder, die habe ich über Facebook wieder getroffen. Ich kenne Leute, die das tatsächlich machen, die seit Schulzeiten wirklich Kontakte pflegen, ich bewundere das sehr, so eine Kontinuität. Aus meiner normalen Schule gibt es überhaupt keine Kontakte mehr, aber diese Internatszeit, da schon, aber das war ja auch eine andere Art Schule. Als ich zurückkam, das war katastrophal. Die Kosten der Schule wurden ja vom Staat getragen. Meine Eltern waren wütend, sauer, dass ich das Musikinternat abgebrochen hatte. Mein Vater hat mich im Trabi abgeholt in Weimar. Wir sind zehn Stunden Auto gefahren. Er hat geschwiegen, eiskalt zehn Stunden kein Wort gesagt. Dann kamen wir abends zuhause an. Meine Schwester lag schon im Bett, das werde ich nicht vergessen, meine Mutter war im Weggehen. Ich musste mich aufs Sofa setzen, mein Vater setzte sich in einen Sessel. Und der erste 18 Satz, und der einzige, der an dem Abend fiel, kam von meiner Mutter. Und das war:„So, da bist du nun wieder. Wir hoffen, du fällst uns nicht allzu sehr zur Last.“ Da war ich fünfzehn. Ich war natürlich todtraurig, ich konnte das nicht verstehen. Ich hatte wenigstens von meiner Mutter erwartet, dass sie ansatzweise zeigt, sie freut sich, dass ich da bin. Da hab' ich beschlossen: Ich bin jetzt in der neunten Klasse, ich mache die zehnte Klasse noch zu Ende und dann bin ich hier weg. Ich erinnere mich aber noch, als ich wieder in Bergen in der Schule war, war in Berlin irgendein Jugendtreffen, irgendwas Großes. Vorbildliche Jugendliche durften dahin. Ich auch, denn nachdem ich aus Weimar zurückkam, habe ich eine Singegruppe aufgemacht. Eigentlich wurde an mich herangetreten, ob ich nicht eine FDJ-Singegruppe gründen möchte, und ich konnte nicht nein sagen. Aber ich habe das Ganze ein bisschen relativiert, indem wir keine DDR-tagesaktuellen Lieder gesungen haben. Ich hab' andere Sachen mit denen gemacht, das ging, und wir durften dann zum Jugendtreffen nach Berlin. Alle, die Kader waren und potentiell nach Berlin durften, mussten von der FDJ 1 geimpft werden. Wir wurden politisch eingenordet, was wir zu sagen haben und was nicht. Und wir mussten in Zweierreihen- wir Fünfzehnjährigen im Blauhemd, wir haben uns so geschämt- durch Bergen marschieren, mit unserem FDJ-Kreissekretär vorneweg, und mussten im Chor grölen so nach dem Motto:„Das Wetter ist schön, die Sonne lacht, das hat die SED gemacht und so weiter.“ Weißt du, wie wir uns geschämt haben? Da denkst du doch als Fünfzehnjährige:„Seid ihr denn alle bescheuert?“ Aber ich will nach Berlin, also zieh' ich das durch. Aber das war nichts mehr, was du ernst nehmen konntest, das war eine Farce. Ich glaub' meine Eltern hatten größeren Respekt davor, auf jeden Fall. Vielleicht hing denen auch noch diese kommunistische Grundidee in den Knochen. Die waren ja Kinder nach dem Krieg. Jedenfalls bin ich nach der zehnten Klasse sofort weggegangen. In meiner Schulklas1 Jugendorganisation der SED: Freie Deutsche Jugend(FDJ). ––––– M a r ta O l e j k o ––––– se habe ich auch nicht wieder Anschluss gefunden. Ich war in meiner alten Klasse, also in der ich vier Jahre vorher war, aber die hatte ja inzwischen völlig andere Themen. Es ging um Mopeds, Klamotten, was weiß ich? Ich, ich war so ein Nerd, intellektuell geprägt, ich hab' Bücher gelesen, Gedichte geschrieben, ich bin zur Jungen Gemeinde der evangelischen Kirche gerannt, ich hab' Geige gespielt, also damit war kein Staat zu machen, da prallten Welten aufeinander. Konntest du dich denn frei entscheiden, welche Ausbildung du machen wolltest? Ich hätte auf jeden Fall Musik studieren können, bei meinem Elternhaus. Anders als etwa noch meine Ex-Schwiegermutter. Die stammte aus einer Pastorenfamilie in Thüringen. Sie hatte einen Bruder und eine Schwester, die waren alle hochmusikalisch. Der Bruder hat sich beworben und hat Geige studiert. Die beiden Mädels wollten auch, die Schwester hat Cello gespielt und meine Ex-Schwiegermutter Querflöte. Denen wurde ganz klar gesagt, nö, jetzt sind erst mal die Arbeiterkinder dran. Ihr kommt aus einem intellektuellen Elternhaus, noch dazu einem christlichen. Ein Kind, das studiert, reicht ja wohl. Die hätten nie und nimmer Musik studieren dürfen. Aber der übliche Berufsweg war, wie ich die Keramiker-Lehre gemacht habe. Ich wusste nach der Schule erst gar nicht, was ich machen soll. Meine Eltern wollten Bankkauffrau oder Bautechnische Zeichnerin, irgendwie so etwas, und ich war todunglücklich. Kurz vor Ende der Sommerferien kam meine Mutter jubelnd nach Hause und meinte, das Heizwerk in Prora habe eine Keramik-Produktion, also eine Konsumgüter-Produktionslinie, aufgemacht. Und ich hab' eben genau in der Zeit noch eine Lehrstelle gesucht. Ich hatte ja kein Abitur. Das haben viele nicht gemacht, eben auch, um dieser Geschichte zu entgehen: Armee oder Lehrerstudium. Oder auch, weil du an der EOS 2 nicht weiter Staatsbürgerkunde machen wolltest. Staatsbürgerkunde war Schulfach ab der achten Klasse, das war die marxistisch-leninistische Philosophie. Man war Elite, wenn du auf dem Gymnasium warst. Dann warst du eben in der FDJ Mitglied. Wer das nicht wollte, hat eine Berufsausbildung gemacht. Da wäre meine Ausbildung in Prora ein Sprungbrett in die„Kunst“ gewesen. Mit der Ausbildung Facharbeiter für Keramtechnik/ Keramiker hätte ich mich in Heiligendamm bewerben können an der Fachhochschule für Angewandte Kunst, um da den Töpfermeister zu machen, mit der Möglichkeit, an diverse Hochschulen zu gehen und Kunst zu studieren. Wenn du Musik studieren wolltest- egal ob im pädagogischen Bereich oder als Solist- oder auch ein Kunststudium, für die Studiengänge musstest du kein Abitur haben. Da gab es eine Aufnahmeprüfung, da ging es um fachliche Kompetenzen: Wie warst du auf dem Instrument? Wie konntest du zeichnen? Mode, Kunst, Musik, Schauspiel- für die kreativen Studiengänge brauchte man kein Abitur. Total sinnvoll. Wozu noch drei Jahre Chemie und Mathematik, wenn du definitiv was anderes machen willst? Ich bin für die Ausbildung in die Nähe von Magdeburg gegangen. Börde, traumatisch, gruselige Ecke. Es gibt keine Landschaft da, es ist nur flaches Land, Ackerbau. Damals waren da noch unglaublich viele Russen stationiert, Panzer standen auf dem Bürgersteig, manchmal wochenlang. Wenn die kaputt waren, wurden die abgestellt. Dort haben wir Berufsschule gehabt und auf Rügen in Binz die Praxis. Dort war ich anderthalb Jahre. In der Zeit war ich eigentlich auch am Wochenende gar nicht mehr zu Hause. Ich bin am Wochenende immer bei Mitlehrlingen gewesen in Magdeburg, in der Punkszene. Die gab's in Magdeburg extrem, die gab's auf Rügen gar nicht, in unserem verschlafenen Norden überhaupt nicht. In Magdeburg gab's eine sehr präsente Punkszene, vielleicht auch, weil Magdeburg so unglaublich grau, unglaublich trist war. Es gab gefühlt eine unglaublich hohe Rate an Ausreiseanträgen und viel Stasi, also das Klischee von zwei Typen mit beigefarbener Bundjacke. 2 EOS= Erweiterte Oberschule, die zum Abitur führte. 19 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Ich kann für einen großen Teil meiner Generation sprechen, also uns war bewusst, dass die oberen Politkader schon eine große Macht haben, sehr willkürlich. Aber wir haben die nicht mehr ernst genommen, überhaupt nicht mehr. Es wurden nur noch Witze gemacht, was es nicht einfacher gemacht hat, denn wenn du ständig Druck hast von Menschen, die du nicht ernst nimmst, hast du auch ein Dilemma. Schwierig. Meine Freundin, mit der ich die Lehre zusammen gemacht habe, deren Vater war in einer leitenden Funktion bei der Stasi. Die sagte, sag's keinem weiter, das muss keiner wissen. Man war ja auch stigmatisiert. Sie sagte auch, ihr Vater war Taucher bei der Marine. Um Berufstaucher sein zu können, um diesen Job machen zu können, der ihn interessierte, musste er sich 25 Jahre bei der Armee verpflichten. Dann waren die 25 Jahre rum. Solche Leute sind dann aus dem politischen Amt entlassen worden, die waren Politoffiziere in irgendwelchen Werken oder Betrieben. Den Vater meiner Freundin haben sie nach Bergen auf Rügen in die Stasi gesteckt. Aber der hat zu seiner Frau gesagt, so hat es meine Freundin mir erzählt, wehe du trittst in die Partei ein, das ist so ein bescheuerter Haufen. Also es gab wirklich Leute, die haben das genutzt, weil sie Karriere machen wollten, weil sie sich beruflich toller fühlen wollten, weil sie sich ein Haus bauen wollten, weil sie ihre Familie schützen wollten, ich hab' keine Ahnung. Ich glaube, dass es für viele von uns gar nicht nachvollziehbar ist, was für einem Druck man ausgesetzt war. Haben die jüngeren Bürgerinnen und Bürger der DDR den Überwachungs-Staat also schon als weniger bedrohlich empfunden? Ich fand den Umgang mit Stasi spannend. Heute bin ich immer wieder hin- und hergerissen. Also ich mag es nicht oder ich finde es nicht nachvollziehbar, dieses Statement, oh Gott, der war bei der Stasi, mit dem will ich nichts mehr zu tun haben, das ist ein schlechter Mensch. Das war nicht so, das ist zu schwarz-weiß. Als ich siebzehn, achtzehn war, war es in den 20 Cliquen, in denen ich verkehrte, egal ob das die Junge Gemeinde war oder eine Freundin, so ein Paradiesvogel, der nur verrückte Gestalten um sich scharte, von Anarchisten über Schwule-, in den Kreisen war es gang und gäbe, dass permanent einer von unseren Kumpeln oft auch in Tränen aufgelöst und total fertig kam, und meinte: Scheiße, gestern haben die mich irgendwie vom Markt weggefischt. Und dann ging es irgendwie zehn Etagen in den Keller und Lampe im Gesicht, diese klassische Verhörsituation, ganz klischeehaft, mit einem unglaublichen Druck. Wenn Sie nicht unterschreiben, wenn Sie nicht bei uns mitmachen, dann… Ihr Bruder ist gerade im Studium, der wird seinen Studienplatz verlieren. Ihre Eltern verlieren ihren Job, sie haben ein tolles Eigenheim, das ist noch nicht abgezahlt. Für Ältere war es eher eine größere Bedrohung, das glaub' ich schon. Dass es vielleicht zwanzig Jahre vorher anders war, dass man dann rekrutiert wurde, dass man um Gottes willen niemanden das wissen ließ. Das war in unserer Generation anders. Eher dieses, Scheiße, was hätte ich machen sollen, ich hab' das gemacht, aber ich wollte das gar nicht. Also, es wussten alle. Wir wussten, wer aus unserem Freundeskreis zu dem Verein gehört, aber es war auch niemand, von dem wir das Gefühl hatten, der macht das aus irgendeiner Überzeugung heraus oder der würde ernsthaft Leute denunzieren. Für uns war das ein Spiel. Also jeder, der nicht in der Situation war, war froh – ich bin auch heilfroh, dass mir das persönlich nie passiert ist. Aber dann war es eben so, wenn wir sprayen gehen wollten, irgendwelche Parolen, Schwerter zu Pflugscharen und so etwas, dann sagst du eben, das ist morgen, und wir gehen aber schon heute. Man hat die auch echt nicht mehr ernst genommen. Dann gab's so Situationen in Künstlerkreisen bei Ausstellungen, da war es gang und gäbe, dass vor der offiziellen Vernissage die Stasi durchging. Die haben natürlich nicht gesagt, wir sind die Stasi. Unter Umständen gab's auch mal„hier ist mein ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Ausweis, die und die Bilder hängen Sie bitte ab“. Oder auch Konzerte von Bands oder so, da gab es bestimmte Songs, die eben mit einem Auftrittsverbot belegt wurden, die man nicht mehr sehen durfte. Aber es war zunehmend so in den letzten Jahren vor der Wende, dass da Entscheidungen gefällt wurden, von wegen das und das Bild oder der Song, die wir nicht nachvollziehen konnten, bei denen wir dachten, da gab es doch viel brisantere Bilder, viel brisantere Songs. Man hatte inzwischen das Gefühl, dass selbst bei der Stasi Leute waren und gearbeitet haben, die nicht systemkonform agiert haben, sondern eigene Entscheidungen getroffen haben, weil auch sie nicht ernst nehmen konnten, was sie da eigentlich verzapfen sollten. Das war offensichtlich. Es gab natürlich welche, die ganz viel Schaden angerichtet haben. Aber für mich war die Regel damals tatsächlich, wir wissen, wer es ist, wer dabei ist, und keiner von denen will das. Das war wirklich aus so'ner Not heraus. Teilweise waren das achtzehnjährige Kinder. Also allein das ist ja schon Symptom, so wie die, die Ende des zweiten Weltkrieges als Kanonenfutter an die Front geschickt wurden. Das konnte man nicht mehr ernst nehmen, das war Ausdruck von Not, was dieser Staat offensichtlich für eine Not hat, um sein System am Laufen zu halten. Und wie hast du diese DDR sonst erlebt, fehlte dir etwas? Der Mensch ist so gestrickt, er vergleicht sich, und sobald es jemanden gibt, dem es besser geht, wird das Gros der Menschen sagen, das will ich auch. Was bei mir so hängen geblieben ist: Natürlich gab es einen Mangel. Gerade auf Rügen gab es im Sommer nicht mal mehr Milch, weil für die Touristen die Milch nicht gereicht hat. Ketchup gab's nie, dafür sind wir nach Berlin gefahren. Oder es gab kein Pflaumenmus, so banale Sachen, oder für Fleisch anstehen müssen. Wie stolz meine Mutter war, dass sie Beziehungen hatte, sowohl in die Buchhandlung, dass man unterm Tisch mal ein brisantes Buch kriegte, wie auch zum Fleischer, der ihr immer mal was zurückgelegt hat. Es gab Sachen, die wir auch als Kind schon so empfunden haben, die schwer zu kriegen waren. Klar war, wenn ein Westpaket kam und das roch so toll, weißt du, gebrauchte Klamotten, die aber nach Weichspüler rochen, das war die große weite Welt. Na klar, hätten wir gerne alles gehabt. Aber im Nachhinein muss ich sagen, weißt du, wie froh ich bin, dass für mich zum Beispiel eine Mandarine, die aus dem Westpaket bei mir im Nikolausstiefel steckte, für mich was Besonderes war. Jetzt denk ich, wie geil, denn das ist die Saison, und ich muss die gar nicht im März haben. Oder dass ich jetzt fast jeden Tag Plastikmüll wegbringe. Früher haben wir einmal in der Woche ganz normalen Müll rausgebracht. Es gab nur Glasflaschen, es gab keine Tetrapak. Wir haben Eier in der Papiertüte gekauft. Es gab keine Plastiktüten. Das ist das, worum wir jetzt wieder kämpfen. Wir hatten das alles nicht. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob du das aus einer freiwilligen Entscheidung heraus machst oder ob du das als Mangel empfindest. Und ich denke schon, im Osten war es ein Riesenmangel. Sonst hätten nicht nach der Wende alle plötzlich gesagt, oh wie geil, Plastiktüten, wie geil, Sonderangebote. Die haben uns ja zugemüllt, jeden Tag Tausende von Prospekten und kaufen, kaufen, kaufen. Die Ossis waren ja so ausgehungert. Mich würde total interessieren, ob die Kids, die jetzt fünfzehn, sechzehn, siebzehn sind, ob für die noch irgendwas präsent ist aus der DDR-Zeit. Was wissen sie darüber? Haben sie das Gefühl, dass es in ihrer Familie noch eine Rolle spielt? Ich bin 1967 geboren und für mich war als Kind der Zweite Weltkrieg unglaublich weit weg. Dabei sind es von 1945 bis 1967 nur 22 Jahre. Das ist weniger Zeit als jetzt seit der Wende vergangen ist. Wie geht's den Kids jetzt, ist für sie die Wende genauso abstrakt wie für mich damals der Zweite Weltkrieg? Das ist sehr spannend. 21 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Ich hatte für mich im Nachhinein eher so das Gefühl, für rebellierende Jugendliche war dieses bescheuerte kranke System eigentlich ein Glücksfall. Wenn ich mir heute meinen großen Sohn angucke, dann hat er vielleicht manchmal so ein gesellschaftliches Unwohlsein, aber man kann es schwer benennen, weil das alles so verwaschen ist. Es gibt keine politisch klare Position, weil fast alle Parteien ein ähnlich unklares Programm haben. Für uns war es ganz einfach, der Feind war klar definiert. Wenn du das weißt, der Staat sind alles Idioten, Scheiße, wollen wir nicht, Kommunismus ist Kacke. Es war so einfach, Songs zu schreiben, Gedichte, gegen etwas zu sein, also für uns war es genial. Für Leute, die künstlerisch unterwegs waren, auch, weil du eine politische Aussage machen konntest, wie Theater eben. Theater in Schwerin unter dem Schauspieldirektor Christoph Schroth, das Theater war ein politisches Sprachrohr. Nach der Wende hatten alle Schauspieler, Musiker, die ich kenne, ein Problem, sich umzuorientieren, sich neu zu etablieren und ihre Stimme zu finden. Weil alles, wogegen ich bis jetzt war, gibt’s nicht mehr, ich muss mich neu positionieren, aber für was oder gegen was denn überhaupt? Wie hast du gearbeitet? 1988 bin ich der Liebe wegen nach Wismar gegangen und war liiert mit einem Fotografen und Tiefdrucker. Ich hab' am Puppentheater angefangen, erst mal als Sekretärin im Dreifinger-Suchsystem. Da war gerade eine Sekretärin im Schwangerschaftsurlaub.„Ja, wenn du Schreibmaschine tippen kannst, kannst du hierbleiben.“ Ich hab' dann eigentlich alles gemacht, was anfiel. Ich hab' Bühnenmusiken geschrieben, ich hab' ein Fotolabor eingerichtet, hab' die Bühnenfotos gemacht, Plakate gemacht für die Vorstellungen. Bis irgendwann jemand ins Fotolabor kam und meinte, du, die Sabine ist schwanger, uns fehlt eine Spielerin auf der Bühne. Du kannst doch auch denken, dann kannst du auch spielen. So bin ich da reingerutscht. Ich hab' noch ein Jahr Sprecherziehung gemacht in Rostock und war dann mit im Spielplan. 22 Diese Anfangszeit war genau diese Wendezeit, und wir hatten ein ganz schnuffliges kleines Theater mit siebzig Besucherplätzen und ansteigenden Stuhlreihen. Da haben öfter auch Leute wie der Liedermacher Stephan Krawczyk gesungen. Insofern haben diese Leute aus der Theaterszene, die vom Staat nicht so erwünscht waren, die haben bei uns auch Bühnenbilder gemacht und Ausstattung. Also Theater war immer ein kleines Auffangbecken. Wenn du da angestellt warst, warst du ein städtischer Angestellter und musstest nicht mehr absegnen lassen, was du für Vorstellungen machst. Du konntest machen, was du wolltest. Es sei denn, es saß jemand mit Entscheidungsgewalt in der Vorstellung und fand das alles ganz furchtbar. Dann gab es einen auf die Mütze. Man musste sich rechtfertigen und musste sich mäßigen. Fortan wurde man besonders beäugt, ob wieder irgendwelche Anspielungen zwischen den Zeilen da sind oder eventuell ein nicht DDR-konformes politisches Statement. Aber ansonsten hatte man Narrenfreiheit. Und wir haben da quasi gelebt, das war wie eine Kommune. Wir haben Tag und Nacht Inszenierungen zusammen gekloppt und haben die wildesten Sachen gemacht, um ganz viel zwischen den Zeilen unterzubringen. Das war das Spannende am Theater, das war schon politisches Sprachrohr. Es gab kein Theater, das unpolitisch war. Unser Theater war ein Puppentheater. Da haben Leute gearbeitet, die an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin Puppenspiel studiert hatten. Das gab es ja schon seit den späten 1950er Jahren. Das war eine tolle Ausbildung. Als ich in Wismar anfing, waren da gerade vier Kollegen frisch von der Hochschule, voll inspiriert. Und wir haben geiles Theater gemacht. Hast du ein Beispiel für ein Stück, das du besonders erinnerst? Gleich das erste Stück, was inszeniert wurde, als ich anfing in Wismar, war von Garcia-Lorca„Die Jungfrau, der Matrose und der Student“ als Puppentheater-Inszenierung für Erwachsene. ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Ich durfte das Licht machen, weil der Techniker krank war. Da hieß es, kannst du nicht ans Lichtpult gehen? Dann hab' ich Ton- und Lichttechnik gemacht. Das war für mich so ein Initiationserlebnis. Ich war total überwältigt, was möglich ist mit Figuren. Ich war so berührt, das war unglaublich. Das ist ein tolles Medium, du hast ja noch mal mehr Möglichkeiten als mit Schauspielern. Figuren können sterben, die können zerrissen werden, man kann ganz viele Metaphern bringen, die im Menschen-Theater nicht rübergebracht werden können. Wir kriegten mal Besuch von einem Westdeutschen. Der war fasziniert von unserer vorsintflutlichen Technik, weil man damals im Westen teilweise schon mit Computern gearbeitet hat. Im Osten hast du aus einem Westkatalog ein Alphabet fotografiert und hast das so oft auf Fotopapier vervielfältigt, wie du den meistgebrauchten Buchstaben brauchtest. Also sechsmal E im Text hieß, das Alphabet sechsmal auf Fotopapier großziehen, Buchstaben ausschneiden, aufkleben, den Text wieder abfotografieren. Es war haarsträubend, aber der Westdeutsche fand das toll. Das war für ihn so back to the roots. Mit dem hab' ich irgendwann mal ein paar Stunden gesessen, und hab' gedacht, oh Gott, so will ich nie werden. Es ging um Themen wie soziale Absicherung, kann ich meine Miete noch bezahlen, behalte ich meinen Job? In Gesprächen mit meinen Freunden damals ging es darum, welches Buch hast du gelesen, wie geht es dir persönlich, wie geht’s dir mit deiner Freundin, in welchem Theaterstück warst du? Ich hatte das Gefühl, dass ich in meinem ostdeutschen Freundeskreis wesentlichere Gespräche führen konnte, weil alles andere keine Rolle spielte. Eine Wohnung kostete quasi nichts, einen Job hatte man auf jeden Fall, eine Wohnung auch, obwohl das schon abenteuerlich war. Das Spannende war, dass ich mich überhaupt nicht lange nach der Wende dabei erwischt habe, dass ich mit Freunden in der Kneipe saß und genau solche Gespräche geführt habe wie mit dem Westdeutschen. Ich hab' mich von außen gesehen und gedacht, nee, das ist genau das, was du nie wolltest. Plötzlich gibt es sozialen Druck, gibt es Konkurrenz, gibt es Dinge, die nicht möglich erschienen, wie die Frage: Behalte ich meinen Job? Das heißt jetzt nicht, dass ich das wiederhaben will. Aber im Nachhinein empfinde ich das als unglaublichen Luxus, den wir hatten, dass man sich wirklich auf zwischenmenschliche Geschichten konzentrieren konnte. Die Regel war natürlich, dass man einen Job hatte, den man nicht geliebt hat. Wie mein Vater, der ist auf den Bau gegangen ist. Dann gab's wochenlang kein Material, er konnte nichts machen. Man hat sich nicht über seine Arbeit verwirklicht, das war gar nicht möglich. Es sei denn, du hattest Beziehungen und warst irgendwie in der Partei und hast unglaublich viel Kohle verdient. Meine Schwester war auf der EOS und hat Abitur gemacht. Sie wollte unbedingt Pharmazie studieren. Sie war unglaublich fleißig und hatte einen Durchschnitt von 1,0 und ist irgendwann zum Direktor zitiert worden. Der hat dann gesagt, ich weiß, was Sie machen wollen, aber ich sag Ihnen auf den Kopf zu, Sie werden nicht Pharmazie studieren, Sie werden Lehrerin. Weil es staatlich verordnet immer ein Kontingent gab, das an die Gymnasialdirektoren herangetragen wurde: Wir brauchen aus ihrem Abgangsjahrgang 25 Jungs, die sich für 25 Jahre bei der Armee verpflichten, und wir brauchen so und so viel Leute, die Pädagogik studieren, die Lehrer werden. Das wurde durchgesetzt. Ich glaube gerade im pädagogischen Bereich arbeiten heute noch die Lehrer, die deswegen sehr unmotiviert dieses Studium gemacht haben. Meine Schwester hat übrigens kurz vor der Wende einen Mann getroffen. Seine Familie hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Sie haben ganz schnell geheiratet. Wenn du geheiratet hast, der einen Ausreiseantrag hat, konntest du automatisch mitgehen. Man wartete eigentlich etliche Jahre darauf. Aber im August 1989 haben sie die Ausreise gekriegt. Da sind schon viele über Ungarn über die Grenze gegangen, aber es war noch nicht absehbar, dass tatsächlich so schnell die Grenze endgültig aufgehen würde. Was aber auch wieder typisch DDR war: Die Familie hatte drei oder vier Jahre auf die Ausreise gewartet und dann kommt die Genehmigung am Tag, als meine Schwester ihr erstes Kind bekommt. Sie waren im Kreißsaal und als mein 23 ––––– M a r ta O l e j k o ––––– Schwager nach der Entbindung in den frühen Morgenstunden nach Hause kam, lag ein Brief von der Stasi im Kasten, sie hätten innerhalb von zwölf Stunden das Land zu verlassen. Wo du eigentlich erst mal deinen Haushalt auflösen willst, vor allen Dingen mit einem Neugeborenen. Sie sind von Pontius zu Pilatus gerannt und haben zwei Wochen Aufschub bekommen. Hat sich für dich die Wende angekündigt? Als ich abends im Fernsehen sah, dass die Grenze auf ist total eigenartig, alle erwarten ja, dass man als Ossi sagt, wie toll, ich war so glücklich- da hatte ich nur Angst. Ich hatte physisch nicht direkt eine Panikattacke, aber ich bin heulend unter die Bettdecke, ich hätte es nicht benennen können. Ich hatte nur das Gefühl, irgendwas passiert jetzt, vor dem es sich lohnt, Angst zu haben. Klar, es hat ja alles auf den Kopf gestellt, zum Beispiel die Gespräche, die nach einem halben Jahr schon völlig anders gelaufen sind, unseren gesamter Alltag. Die ganze Struktur war plötzlich nicht mehr da. Viele vergleichen das ja mit einer Art Staatenwechsel oder Migrantentum. Es ist tatsächlich so. Auf Schlag ein anderes Zeitungsdeutsch, eine andere Umgangssprache, eine andere soziale Struktur, eine andere Währung. Das ist, als wenn du das Land wechselst. Ich fand es auch nie nachvollziehbar, dieses ganz, ganz schnelle, wir sind ein Volk, wir sind alle eins, wir sind alle Deutsche, wir sind alle gleich. Das hab' ich immer falsch gefunden, ich hab' das immer schräg gefunden. Ich finde es auch heute noch nachvollziehbar, zu fragen, kommst du aus dem Osten oder aus dem Westen. Das ist für mich mit keiner Wertung verbunden, aber es macht für mich zum Beispiel ein Gespräch viel klarer. Man weiß, wir haben eine gleiche Sozialisation oder nicht, wir haben die gleichen Bücher gelesen, die gleichen Filme gesehen. Wenn man jemanden aus dem Westen und jemanden aus dem Osten hat, dann ist das tatsächlich so, als wenn du aus zwei verschiedenen Ländern kommst. Ich finde, so zu tun, nee, nee, das ist nicht so, das ist Quatsch, das ist kindisch. Das wird ja auch in 24 manchen Familien weitergegeben. So wie du groß geworden bist, das gibst du weiter, wenn es dich nicht umgebracht hat. Ich glaube, da ist ganz viel, da sind viel zu schnell Strukturen im Osten kaputt gemacht worden. Nach dem Motto neue Besen kehren gut, das muss jetzt weg. Auch dieses Gefühl, der Osten ist annektiert worden, das steckt in vielen ganz tief drin. Es ist einfach nicht lange genug geguckt worden, was ist erhaltenswert. Wofür ich mich immer fremd geschämt habe, war, dass es so wenige gab, die ganz kritisch einen Veränderungsprozess wollten. Ich hab' mich unendlich geschämt für diese Stonewashed-Träger mit ihren Dauerwellen, die in Ungarn über die Zäune sind mit„Bananen, Bananen, wir wollen reisen“. Das führte dazu, dass es runtergerechnet war auf die fehlende Reisefreiheit und dass es keine Bananen gab, also dieses Klischee vom primitiven Ossi. Damit wollte ich nichts zu tun haben, das war ich nicht, und ich fand's ganz schlimm. Da gab's diese Satire-Zeitschrift„Titanic“ mit Gabys erste Banane auf dem Titelbild, diesem Dauerwellenmädel mit der Gurke in der Hand. Das war echt das Klischee vom doofen Ossi, den du mit 100 D-Mark Empfangsgeld ruhiggestellt hast. Das hatte nichts zu tun mit den Leuten, die das hier seit Jahren vorbereitet haben, die das etwa über die Kirche politisch angeschoben haben. Aber plötzlich standen die„Wir sind das Volk“-Leute in der Öffentlichkeit und wurden permanent in den Nachrichten gezeigt. Ich glaube, es wäre anders gelaufen, wenn es tatsächlich so über den politischen Weg gelaufen wäre. Okay, funktioniert wahrscheinlich gar nicht, eine revolutionäre Situation hat ja immer mit der Masse zu tun. Du brauchst die Masse, sonst gibt's diese Umwälzung nicht. Und wie geht es dir heute? Ich spiele noch Puppentheater. Ich mache Puppentheater für Erwachsene und für Kinder. Aber dieses Klima damals war schon der Zeit geschuldet. Es gibt heute nicht mehr wirklich das Puppentheater, es gibt kein Ensemble mehr. Ich spiele al- ––––– M a r ta O l e j k o ––––– leine oder mit Kollegen. Es gibt eine Kollegin, die auch professionell Puppentheater macht. Im Gegensatz zu mir macht sie nichts anderes als Puppentheater. Sie spielt jeden Tag dreimal, 365 Tage im Jahr. Das ist schon allein von der Logistik bewundernswert, jeden Tag zig Hunderte Kilometer im Auto, immer wieder ausladen und einladen, aufbauen, eine Stunde präsent sein. Das Medium Puppentheater ist mir schon erhalten geblieben aus dieser Zeit. Ich mache es nicht mehr ausschließlich, ich hab' im Monat drei, vier Vorstellungen. Es gibt eine gigantische Puppentheaterszene, witzigerweise unterschiedlich im Westen und im Osten. In Westdeutschland gibt es einen Studienzweig in Stuttgart. Die haben eine völlig andere Ästhetik, das ist eher so ein bisschen kubistisch,„oh, eine Tasse, wie kann ich dieser Tasse Leben einhauchen, oh, sie kann sich so oder so bewegen“. Ernst-Busch ist eher klassisches Rollenspiel. Die haben eben auch Schauspiel-Unterricht. Die Puppenspieler machen quasi das Studium der Schauspieler, haben aber zusätzlich noch Puppenbau: Wie bewege ich eine Handpuppe, wie bewege ich eine Marionette? Das ist ganz klassisches Sprechtheater mit Rollenfindung, es ist schon eher eine Schauspielausbildung. Das ist ein spannendes Medium, und da gibt es tolle Sachen, gerade auch für Erwachsene. Was sagen denn deine Kinder? Mein Großer ist 1996 geboren. Er ist jetzt Optiker in Schwerin, ein toller Mann, charismatisch und herzlich, dem ist das noch sehr bewusst. Er ist mal aus dem Kindergarten gekommen und hat gefragt, Mama, sind wir eigentlich Ossis oder Wessis? Für die war das noch ein Thema, da war das noch sehr präsent. Ich hab' so um 2000 ein junges Mädchen kennengelernt auf einer Party. Die hat auf der Party irgendwann einen Heulkrampf, weil sie mitkriegte, dass Schwerin Osten war. Sie war mit elf Jahren mit ihren Eltern aus Schwedt an der polnischen Grenze nach Schwerin gezogen und war ganz stolz, weil sie immer dachte, sie seien jetzt Wessis, sie seien in den Westen gezogen. Also es hat für Kinder doch irgendwie eine Rolle gespielt. Und es war dieses Klischee. Denn warum fragt ein Kind das. Vielleicht war das mit einer Wertigkeit verbunden. Ich weiß, für meinen Sohn mit seinen vier, fünf Jahren war es, okay, wir waren die Armen, als ich sagte, nee, wir sind Ossis. Für ein Kind damals, ein vierjähriges, fünfjähriges Kind um 2000 bedeutete eben Westen-Osten: Entweder warst du ein reicher Deutscher oder ein armer Deutscher, ganz witzig. Ich hab' kurz nach der Wende mit Anfang zwanzig das erste Mal eine Therapie gemacht wegen meiner ganzen Geschichte. Ich bekam einen heiß umworbenen Platz bei Dr. Maaz. Er hat Bücher geschrieben wie„Der Gefühlsstau“ und im Westen publiziert. Er hatte eine Psychiatrische Klinik in kirchlichen Angeboten, gab es ja im Osten auch einige wenige. Und er hatte ein Therapiekonzept entwickelt speziell zugeschnitten auf die ostdeutsche Mentalität betreffs Autoritätshörigkeit. Denn so ein diktatorisches Konzept, das macht ja was mit den Menschen über so eine lange Zeit. Direkt nach dem zweiten Weltkrieg nach Hitler gleich SED, Stasi und Co. Die Bürger sind unmündig. Speziell darauf zugeschnitten hat er ein Therapie-Konzept entwickelt. Was sich ja eigentlich schon wieder überholt hatte, als ich 1990 da war. Aber es waren ja immer noch die Menschen, die so groß geworden sind und so sozialisiert wurden. Ich glaube auch, dass das mehrere Generationen in der DDR unglaublich geprägt hat. 25 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Reinhard Lippert „Wir hatten an der Hochschule für Musik fünf Stunden in der Woche Gesellschaftswissenschaften und zwei Stunden Hauptfach. Das sagt schon alles.“ 1951 geboren in Leipzig, 1958- 1968 Schule, 1968- 1973 Musikstudium, 1974 Fernstudium, 1974- 1977 Meisterklasse der Komposition in Berlin, 1973- 1991 Solo-Bratscher bei der Schweriner Philharmonie. Seit 1991 Lehrer an der Kunst- und Musikschule„Ataraxia“ in Schwerin, 1973 bis heute freischaffend als Komponist und Interpret tätig. 26 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Der musikalische Tausendsassa ist in Schwerin und Umgebung- zumindest in der„Szene“- bekannt wie ein bunter Hund. Der gebürtige Sachse konnte zu DDR-Zeiten mit dem Fach Musik das studieren, was er wollte, und war außerdem Leistungssportler. Er ist auf vielen Instrumenten zuhause, singt und komponiert. Zu seiner NVA-Zeit sagt er, sie habe ihm die Welt von draußen in einer schrecklichen Karikatur vor Augen geführt. In meiner Kindheit haben wir mit meinen Großeltern mütterlicherseits in Leipzig zusammengelebt. Die waren früher brave SPD-Genossen, also keine Kommunisten. Denen ging es vor allem um das Recht der Arbeitnehmer, sie war Buchbinderin und er Fensterputzer, also Handwerkerberufe, keine intellektuellen Kreise. Meine Großmutter hat mir sehr viel erzählt aus den 1920er Jahren. Ich wusste also, wie schrecklich das ist mit dem ganzen Kapitalismus, mit den ganzen Sachen, die passiert sind. In der Nazizeit, da hat sie den stillen Widerstand geübt. Dann mussten sie in die SED, die wurden ja zwangsvereinigt. Damit hatten wir Parteileute zuhause, die natürlich nicht streng waren. viele Dinge nicht richtig gemacht haben. Er hätte es besser machen können, aber er konnte seine Wirksamkeit nicht ausleben. Dann haben sie ihn ins Ausland geschickt, mit Aufpasser natürlich. Das war in Jugoslawien, Ungarn und Ukraine auch. Er hat immer mal seine Meinung gesagt, aber er war vorsichtig. Meine Eltern haben nie etwas über Ostpreußen, wo sie herkamen, erzählt. Das war ja schlimm, was da passiert ist. Aber das wurde verschwiegen, damit wir nicht die falschen Fragen stellen. Es gab ja überall Ostpreußen und Schlesier. Das Geheimhalten, das habe ich also zuhause gelernt. Auch die Skepsis; ich wäre nie in die Partei eingetreten. Mir wäre es auch ganz persönlich peinlich gewesen, einer von denen zu sein. Es gab eine ziemliche Aversion gegen die Partei, bei allen Leuten eigentlich. Es gab die offizielle Meinung und die inoffizielle. Meinen Vater hat das sehr mitgenommen. Er hat dann einen Hirntumor bekommen und ist vor der Wende mit 56 Jahren gestorben- vielleicht auch, weil man so gedrückt wurde. Er hat sich sogar noch arbeitslos schreiben lassen, aber das durfte man nicht so raus lassen. Er hat 25 Jahre lang in einem Betrieb gearbeitet und war eigentlich völlig fertig. Man hatte in Leipzig natürlich Brot, keinen Mangel, keinen Hunger, es war alles da. Einfach, aber kein Problem, auch mit der Wohnung. Das ist das häusliche Umfeld. Mein Vater musste mit 18 Jahren in den Krieg und kam dann in englische Kriegsgefangenschaft in Italien, was offenbar ganz angenehm war, er hat da relativ viel Glück gehabt. Aber er hat gesagt, diese Scheiße, die Nazizeit, das will er nicht mehr. Er ist in die FDJ gegangen und in die SED eingetreten und wollte was Neues aufbauen. Er hat sofort gesehen, was da nicht stimmt, dass das alles Befehlswirtschaft ist. Weil er nicht rausgehen durfte, hat er sich rausschmeißen lassen aus der Partei, mit der Folge, dass er im Berufsleben nicht so vorwärtskam, wie er es verdient hätte. Er war im Handel für Haushaltswaren tätig, ist über ein mittleres Level nicht hinausgekommen und hat sich angucken müssen, wie die Firmen Und deine Schul- und Studienzeit, wie war das? Meine Schulzeit war sehr interessant. Da gibt es lustige Sachen zu erzählen. In der ersten Klasse hatten wir einen neuen Lehrer, das heißt einen alten umgeschulten, sehr, sehr guten Lehrer. Der hat uns einmal einen Vortrag über den bösen Adenauer gehalten. Und wir: Oh, den verprügeln wir. Dann kamen unsere Westverwandten aus Schwaben, ich sehe es heute noch vor mir, und ich sagte, könnt ihr den nicht mal verprügeln. Die haben sich jahrzehntelang noch über diese Bemerkung amüsiert. So werden Kinder beeinflusst. Ich habe den Lehrer geliebt, der war gut, er musste das so machen. 27 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Natürlich kamen auch Westpakete von der Tante, das war diese Faszination. Die waren sehr oft da, das waren sehr enge Verwandte. Die haben auch kein dummes Zeug erzählt, nach dem Motto, wie sieht das denn hier aus, das ist ja alles grau bei euch oder so. Die hatten das einzige Auto bei uns in der Straße. Das kleine Auto, da guckten sie alle, Westauto. Aber sie haben damit nicht angegeben. Von der Schule gibt's noch eine Geschichte. In der neunten Klasse hatten wir eine Lehrerin, auch eine, die sich gut um uns gekümmert hat. Das war eine echte Persönlichkeit, die nahmen wir ernst. Uns„Musikwerdenden“ in der Schule sagte die Lehrerin:„Wenn wir uns jetzt Beethoven anhören, auch wenn es nur Musik ist, dann trinkt man doch auch nicht Sekt aus dem Aschenkübel.“ Es ging um den Westsender, den zu hören ja offiziell nicht erlaubt war, aber jeder hörte ihn trotzdem. So weit geht das. Die FDJ-Leute haben Antennen, die nach dem Westen ausgerichtet waren, auch abgerissen. Mein Vater war zwar Vertrauensmann, aber ich glaube nicht, dass er mit der Stasi was zu tun hatte. Es gab auf jeden Fall den ABV(Abschnittsbevollmächtigter). Der kam auch auf einen Kaffee und stellte Fragen, so ein bisschen stasimäßig. Er war der Ansprechpartner, wenn irgendwas war in der Straße, der lokale Sheriff sozusagen. Es gab den ironischen Spruch, man sollte die Kinder nicht gut lernen lassen, damit deren Kinder wieder weiter kommen. Denn es gab eine Vorschrift, dass soundso viele Leute für die höhere Schulbildung und das Studium aus der Arbeiterschaft kommen sollten. Das ist gut gedacht, es wurde aber katalogisiert und viereckig gehandhabt. Dadurch ist es dann passiert, dass die Kinder der sogenannten Intelligenz wirklich nicht studieren konnten. Auf der anderen Seite gab es aber Fälle, da gab es nicht genug Arbeiterkinder, deren Zensuren ausreichten. Ich weiß von einer Freundin meiner Mutter, die Schulsekretärin war, die hat mitgekriegt, wie Zensuren frisiert wur28 den, damit ein gewisser Anteil zum Abitur zugelassen werden konnte. Ab neuntem Schuljahr wurden bei einigen, wo es auf der Kippe stand, die Zensuren frisiert. Hast du deinen Beruf wählen können, wie du wolltest? Meine Eltern waren natürlich keine Intellektuellen. Mein Vater war im Handel und meine Mutter Angestellte, nicht Proletariat, aber auch nicht Intelligenz. Die künstlerische Ausbildung, da musst du privat auch Glück haben. Durch Zufall bin ich unserer Klassenlehrerin, die nicht mal Musiklehrer war, aufgefallen. Dann hat mein Vater irgendwo eine Akkordeonlehrerin, eine private noch dazu, kennengelernt, auch das ging. Die hat mir in rasender Geschwindigkeit alles beigebracht. In zwei Jahren die Theorie; das ist natürlich auch eine Veranlagung. Akkordeon ist in der DDR nicht so gefördert worden. Dann habe ich ein Streichinstrument gelernt und kam in die Vorklasse und in die Kinderklasse der Hochschule für Musik in Leipzig, in die besonders begabte Kinder nach einer Prüfung aufgenommen und von Dozenten der Hochschule unterrichtet wurden. Das lief parallel zur normalen Schule. Da war der pure Luxus. Nicht dass eine Musikschule jemals schließen musste, weil kein Geld da wäre, da hat man gar nicht drüber geredet. Das war fast vatikanmäßig. Wenn du was brauchtest, da kommt der Vatikan und dann kriegt man das Geld. Du musstest bloß ruhig sein, das musste alles als politisch sauber angesehen werden. Das Geld kam automatisch, es kam einfach da an. Du brauchtest für die Ausbildung keinen Pfennig zu bezahlen. Sehr konsequent. Wenn dann einer sagte, du haust in den Westen ab, hast aber die Ausbildung umsonst bekommen, dann ist das Argument nicht so leicht zu entkräften. Aber wenn man natürlich wie zum Beispiel Jakob zwar die Ausbildung umsonst kriegt, alles bestens, aber dann doch nicht weiter darf, dann beißt sich die Katze in den Schwanz, das ist ein Widerspruch. Der war nämlich politisch, er hat zwar gar nichts gesagt, aber er war in der Kirche und die ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Kirche war damals gegen den Staat. Wobei es innerhalb der Kirche auch Merkwürdigkeiten gibt, das ist noch eine ganz andere Geschichte, viele Widersprüche, das führt jetzt zu weit. Aber meine Frau war bei der Kirche, und der netteste Mitarbeiter dort war bei der Stasi, sowas gibt es. Jedenfalls bekam man Ausbildung noch und noch, es war alles kostenlos, auch da und dort hinfahren, das war zentral geregelt. Es war wirklich eine vorzügliche Ausbildung, gut organisiert. Ich habe außerdem noch Leistungssport gemacht, Mittelstreckenlauf. Wenn man als DDR-Mensch mal in einem Luxusbus fahren wollte, musste man Leistungssport machen. Und wir hatten bestes Essen in bestimmten Jugendhotels, und perfekte Trainingsanzüge, alles gestellt bekommen, wir haben nichts bezahlt, gar nichts. Die DDR wollte natürlich mit dem Sport Politik machen. Wir haben auch so kleine Ampullen bekommen. Vielleicht war es ja auch nur Traubenzucker. Das war so ein Trainer, der seine eigenen Sachen gemacht hat. Und mein Trainer ist aus der Nationalmannschaft geflogen, weil er politisch was Falsches gesagt hat. Der hat auch immer nur erzählt, dass da nicht alles so richtig stimmt. Und ich hab' gesehen, wie Leute mit Trainingsplänen gekommen sind und fürchterlich geschimpft haben, die haben sie ganz schön kaputt gemacht. Ich hab' Glück gehabt, dass der Trainer auf uns aufgepasst hat. Aber bei einem anderen war es definitiv so, dass die Leute oft krank geworden sind. Das würde jetzt aber auch ein viel zu weites Thema, was mich nicht betrifft. Ich weiß jedenfalls, dass Leute bis zum Rollstuhl gekommen sind. Die haben einfach eine Spitze ausgebildet, und dann gab es als Kollateralschaden eine ganze Menge Leute, die einfach gesundheitlich kaputt gegangen sind. Aber es war eben gleichzeitig eine unglaublich gute Organisation, bei uns sogar liebevoll, angenehm, du kriegtest einfach alles, man schätzte das gar nicht so, weil es so selbstverständlich war. Aber Volleyballerinnen zum Beispiel, die hat man auch geprügelt. Wie hast du studiert? An der Hochschule für Musik. Da gibt es wieder so ein kleines Ereignis, fast witzig. Es gibt den berühmten Geiger David Oistrach, ein zutiefst menschlicher Typ und als Lehrer sehr beliebt, auch bescheiden, ein Geigengott. Von dem hat man überliefert, er habe in Leipzig gefragt, ob an der ParteiHochschule auch noch Musik unterrichtet wird. Wir hatten nämlich- und das sind Tatsachen, das ist nichts Ausgedachtes oder Meinung- fünf Stunden in der Woche Gesellschaftswissenschaft und zwei Stunden Hauptfach. Das sagt schon alles. Wir hatten Politökonomie mit etwas dämlichen Lehrern, wir hatten Marx und das„Kapital“. Der hat ja gezeigt, wie es funktioniert, das müsste man eigentlich wissen. Und das Interessante ist, es hat bei mir und bei vielen anderen auch die Reaktion ausgelöst: Dieses Zeug will ich gar nicht hören, ich hab' das überhaupt nicht studiert. Ich habe nicht gelesen, dass zum Beispiel Lenin über Rosa Luxemburg hergezogen ist und über die deutschen Kommunisten überhaupt. Ich habe nicht gelesen, dass Marx geschrieben hat, dass wir eines Tages, wenn die Leute ausgebeutet sind, auch noch die Natur kaputt machen. Das hat der schon gewusst. Aber die haben die kommunistischen Aussagen, das, was an den Ideen eigentlich gut und wichtig ist- und das ist der schlimmste Vorwurf, der der DDR zu machen ist-, dieses Gedankengut haben sie uns eigentlich verdorben, das haben sie uns vergiftet. Das ist meine harte Anklage, so sehe ich das, weil das alles mit Propaganda vermischt war. Es war vergiftet, man hat die Achtung vor der Arbeiterklasse und für das, was sie, auch die Großeltern, geleistet haben, nicht gehabt. Das ganze Leben, vierzig Jahre bin ich jeden Tag mit diesem Vulgärmarxismus überschüttet worden. Ich kam mir vor wie die Pechmarie, immer dieser Mist, das wollte ich gar nicht mehr hören. Und in der DDR kriegten wir das jeden Tag geliefert. Auch eine Taktik, das habe ich später erst verstanden. 29 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Wobei ich weiß, dass alles von der Sowjetunion abhing. Wir mussten machen, was die sagen. Jedenfalls in der Hochschule hatten wir Politökonomie und Geschichte der Arbeiterklasse, das war so aufoktroyiert. Wir hatten einen Stasimenschen, aus dem Westen eingeschleust, einen Professor aus Celle. Der hatte Sprüche drauf, ganz lustig. Der stand intellektuell über den anderen, der war nicht so ein Dummer, aber er war gefährlich. Im Ernstfall landete dann jemand in Bautzen. Das ist dann nicht mehr lustig, das kann passieren. Ein Erlebnis, 1970 mitten in meiner Hochschulzeit: Wir sind in der Kneipe gewesen, ein, zwei Bier trinken und wieder raus auf die Straße, und einer von uns dreien hat eine Kohlenzange durch die Gegend geschmissen. Die kommt irgendwo an, wo man es gar nicht will, und traf versehentlich ein Schild in der Nähe eines großen Platzes in Leipzig, ein riesengroßes, auf dem stand„Freundschaft mit der Sowjetunion, eine Herzenssache“. Einer von den Arbeitern, die herumgefahren sind, die Straßen zu entstauben – es war genau null Uhr –, sprach einen Polizisten an, dass das passiert wäre. Der kam zu uns, Widerspruch hat keinen Sinn, wir mussten alle mit auf die Wache und jeder hat 20 Mark gezahlt.„Wer war denn das“,„Wir alle drei“, haben wir gesagt, und wenn da was beschädigt worden wäre, wären wir alle drei von der Hochschule geflogen, das wurde uns gesagt. Das ist kein Witz, es ist so passiert. Es ist auch ein wahrer Bericht einer Tante von mir, die Schöffin war, und die hat erzählt, dass jemand nur deswegen von der Uni flog, weil er sagte:„Ach die Kreide ist wohl nun auch noch gestrichen worden“. Solopianist beim Gewandhaus geworden, eine große Leistung. Der hat auch viel gespielt, aber die Karriere blieb ihm verwehrt. Man liest seinen Namen nicht, später auch nicht, auch wenn er viel gemacht hat. Mein Kompositionslehrer, die wichtigste Person eigentlich in meiner künstlerischen Entwicklung, das war ein Anthroposoph. Christengemeinschaft war erlaubt, aber SteinerSchriften verbreiten war verboten, man durfte sie nicht in der Schule verlesen. Dieser Lehrer wurde auch nie Professor und ist Dozent geblieben und wurde, als Treppenwitz der Geschichte, der erste Direktor nach der Wende. Es gibt ein Buch von Stalin über die Dreigliedrigkeit des Staates, da hat er über Nietzsche geschimpft, mit einem Schwachpunkt: Wenn man Gleichheit, Gerechtigkeit unter den Menschen will, muss man sie notfalls unter Ausschluss des freien Willens zwingen. Und da hat er sich geirrt. Das sagt ja Lenin auch, erst mal Diktatur des Proletariats, aber es war kein Proletariat. Es war eben das„Bock zum Gärtner machen“, wodurch ständig Leute, die nicht so fähig waren, in leitende Positionen kamen. Zum Beispiel konnten wir als Studenten schon unterrichten und ich hatte eine achtjährige Schülerin, deren Vater saß daneben, Arzt, Herzchirurg. Der hat sich wirklich überlegt, in die Partei einzutreten, um seine Karriere zu befördern, weil es die Karriere behindert, wenn er irgendwas nicht mitmacht. Das ist nicht so einfach. Wie viel Spielraum hattest Du als Musiker? Anderes Beispiel: Wir hatten einen berühmten Pianisten mit Namen Timm, das ist eine Kirchendynastie hier oben, der hätte normalerweise in Moskau oder Leningrad studieren müssen, um als Solist eingestuft zu werden von der Konzertund Gastspielstelle. Das war alles geregelt, und die hätten ihn dann überall rumgeschickt in der ganzen Welt. Dazu muss man aber erst studiert haben. Das wurde ihm verwehrt, weil er der falschen Familie angehörte, allein deswegen. Der ist dann 30 In den 1950er Jahren, da war dieser Kulturstalinismus. Da hat man alles, was modern ist – auch Arnold Schönberg- verpönt, das galt als dekadent, da gab es keine Noten. Es hatte ganz große Ähnlichkeit mit den Nazis. Die bürgerliche moderne Richtung, Schostakowitsch und so weiter, die haben tolle Musik gemacht. Aber westliche Neue Musik war auf dem Index, mehr oder weniger, da war gar nicht dranzukommen. Dann gab es mitten in der DDR-Zeit, um 1970 herum, eine ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Wende. Da gab es eine Reihe neuer Komponisten und einen einzigen Musikwissenschaftler, nämlich den Dr. Frank Schneider in Leipzig, der hat immer gesagt, das mache ich jetzt, und hat die westliche Musik reingeholt, hat dabei immer DDR-mäßiges Zeug gequasselt. Auch der Christoph Schroth am Schweriner Theater 1 , der hat immer hinten blödes kommunistisches Zeug geredet, als Schutz, aber sein Theater war ganz anders, es war renitent. In der Musik war es auch so, mit der Folge, dass ungefähr um 1970 herum die DDR-Musik verpönt wurde. Es gab jedenfalls Bewegung, und es grummelte innerhalb der Komponisten-Szene. Es war auch eine Aufbruchstimmung. Ulbricht wurde abgesägt, der wollte ja eigentlich wirtschaftlich was besser machen. Ich bin immer zu Fasching in Häftlingskleidung aufgetreten und hab' hinten Komponist drauf geschrieben. Gewagt, aber es wurde geduldet. Künstlerisch-politisch, auch philosophisch auszusagen- da hatte man schon Schwierigkeiten. Viele Komponisten mussten erstmal ein Arbeiterstück schreiben, auch berühmte Leute, eine„Kartoffelkantate“, ganz albernes Zeug meistens. Damit zeigte man, dass man für unseren Staat ist. Es war eine geistig bedrückende Zeit, wir waren geschützt, aber mit schwüler Luft. Es war aber zumindest etwas Sauerstoff bei uns drin. Ich kam mir vor wie ein Kind, das immer behütet wurde, es gab keine Obdachlosigkeit, aber es durfte nicht nach draußen, mit dem darfst du nicht spielen, aber du wirst versorgt, eine typische Versorgungsgesellschaft. Ich hab' gewusst, dass die Flügel größer sein könnten, in diesen schrecklichen Zeiten. Ich hätte was sagen können, dann wäre ich in den Knast gekommen. Ob man das feige nennt oder pragmatisch, ich weiß es nicht. Ich bewundere die, die damals, als noch keine Wende in Aussicht war, schon was gesagt haben. Ich bin da kein Kämpfer gewesen. Ich hatte Familie und auch nicht diesen Rückhalt in der Hinsicht. Ich kenne jemand, der ist nicht in den FDGB eingetreten, da mussten wir rein, das war nicht freigestellt, wenn nicht, wurde man komisch angeguckt. Wenn du nicht drin warst, bist du aber nicht bestraft worden. Mit dem war ich regelmäßig im Kindergarten, da habe ich Konzerte gegeben, um die Instrumente vorzustellen. Da kam ich mit der Bratsche und er mit der Trompete. Die Kinder und Erzieherinnen haben sich Lieder gewünscht. Ein Lied hieß„Mein Bruder ist Soldat“. Da hat er gesagt, das möchte er nicht. Da haben die gesagt, auch kein Problem, wir haben verstanden. Der hatte einen Arsch in der Hose. Diesen Leuten muss man dankbar sein, die ganz gerade ihren Weg gegangen sind. Aber andererseits wurde auch keine Musikschule geschlossen, weil das Geld nicht reicht. Wir waren vollkommen sicher und konnten in Ruhe unsere Sachen machen. Es wurde nicht immer vom Geld geredet. Heute ist es so, wenn Geld da ist, kann man seine Vorstellungen verwirklichen, aber es muss eben erst geklärt werden. Ich habe aber als Künstler gewusst, dass die deutsche Nation – auch mit Grenzen – als geistige Einheit da war, das ist was ganz Eigenes, fast integrativ. Das gesamtdeutsche Denken war schon lange da für mich als Komponist. Beethoven kommt nun mal aus dem Westen. Das war immer als Gesamtes gefühlt und da habe ich so eine blöde Grenze als schmerzlich empfunden. Ich hatte sie an sich sogar verstanden, weil ich wusste, dass sie da war, um das System zu schützen. Wir hätten ja im Westen mit unserem Geld sowieso nichts anfangen können und die DDR konnte ja nicht einfach machen, was sie will, sie war ein Vasallenstaat. Auch in der Philharmonie wurde viel politisch entschieden. Wir hatten einen Dirigenten 2 , der war schon ausgebrannt, als ich herkam. Der trank den Kaffee, wo der Löffel drin stand. 1 Christoph Schroth(geb. 1937), von 1974 bis 1989 Schauspieldirektor am Mecklenburgischen Staatstheater, sorgte mit seinen vielschichtigen Inszenierungen für politische Diskussionen. 2 Gemeint ist Chefdirigent Walter König. 31 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Der hatte keine Lust zum Proben, der war fertig. Es war katastrophal, aber er war in der Partei. Die schlechtesten Musiker in den Orchestern, die mit Abstand schlechtesten, waren in der Partei. Er war auch Parteivorsitzender. Er ist schon gestorben inzwischen, deswegen will ich nichts Böses nachreden. Und die haben ihm zugesetzt, die haben ihn richtig in den Alkohol getrieben. Im Orchester haben sie eigentlich jeden genommen. Aber ein Tubaspieler war so schlecht beim Proben, den wollten sie nicht nehmen. Da kam dann von Berlin, nicht von Schwerin, der Parteisekretär: Ihr habt den zu nehmen, egal, wie schlecht er ist. Das muss man dann aushalten, das ist eben so. Er kriegt auch noch einen Solovertrag, obwohl es sowieso nur einen Tubaspieler gibt, aber dann ist er besser bezahlt. Das ist neofeudalistisch, Gehorsam geht vor Leistung. Das ist heute auf andere Weise auch manchmal so, aber du musst schon was bringen, das Geld muss ja stimmen. Der Tubaspieler musste dann weg. Eigentlich war er ein netter Kerl, aber er war eben unmusikalisch. Wir kriegten dann irgendwann einen neuen Chef, das war dramatisch. Wir hatten einen ausgesucht, der aus Chemnitz kam, aus einer Kirchenfamilie. Es war von vorneherein klar, dass der nicht genommen würde. Die haben ihn dirigieren lassen, aber nur zum Schein. Wir haben noch gedacht, vielleicht geht es trotzdem. Sie haben ihn nicht genommen, das war beschämend, aber die Leute waren unter Druck. Dann sind wir nach Sondershausen, Horst Förster 3 hat das Orchester dort geleitet. Der war in der Partei und hatte die Verbindungen, hatte jemand im Ministerium sitzen. Das kam alles nachher raus. Und da haben die uns hingeschickt, wir sollten ihn anhören. Unser Konzertmeister, der nicht in der Partei war, der mussten den gut finden, und der Förster wurde eingestellt. 3 Horst Förster(geb. 1933) war von 1978 bis 1988 Chefdirigent des Schweriner Orchesters. 32 Der ist ständig gereist, auf die Philippinen, in die USA, nach Kanada, überall hin. Als Gastdirigent ohne Orchester. Macht ein, zwei Wochen Urlaub und gibt ein, zwei Konzerte. Das hat kein Orchester machen können, auch das Leipziger Gewandhaus nicht. Die haben die Reisen gemacht und gespielt, gespielt, gespielt. Aber der Förster machte fetten Urlaub, wenn er unterwegs war. Der hat Beziehungen gehabt, der hat es nur für sich selbst organisiert. Hat man gewusst, wer um einen herum bei der Stasi war? Doch, man wusste es schon. Bei der Armee, in unserem Zimmer, da hat einer gesagt, obwohl der das gar nicht darf: Ich bin bei der Stasi, damit ihr die Schnauze haltet und ich nicht in Verlegenheit komme. Ein anderer, mit dem war ich saufen, der sagte, er würde auch in die Stasi gehen, sein Vater macht das auch, wir kümmern uns darum, dass nicht alles in die Luft geht, der Staat muss geschützt werden. Der war dieser Meinung. Was ich dem alles erzählt habe, da wäre ich in Bautzen gelandet, aber der hat mich nicht verpfiffen, sonst hätte ich ja Schwierigkeiten bekommen. Ich habe meine Akte nicht gelesen, aber es ist nichts gekommen. Es gibt ja viele, die ihre Akte noch lesen wollen. Ich würde es fast auch mal machen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass es Leute in meinem Umfeld gab. Es gab auf jeden Fall einen Kollegen bei der Armee, dessen Frau bei der Stasi war. Der hat gesagt, ich sollte mit meinen Äußerungen vorsichtig sein. Denn ich habe mal im Bus über jemanden gesagt, der sei doch bloß groß geworden, weil er bei der Partei ist. Hinten im Bus hört man nichts, aber vorne hören die alles, was man hinten sagt. Da war auch einer im Orchester. Den habe ich noch schlecht behandelt, den habe ich gar nicht verstanden. Das war ein ehemaliger Stuka-Flieger, also Sturzkampfflieger. Der war so ehrlich, dass er mir von Anfang an gesagt hat, ich muss auf ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– dich aufpassen. Ist ja klar, was er damit meint. Er hat mich damit gebeten, halt die Schnauze, damit ich dir keinen Ärger machen muss. Ich hab' das nicht gewürdigt, das war eine meiner dümmsten Handlungen. Ich hab' den auch noch verscheißert, das war nicht gut. Ich werde in meinen Akten garantiert lesen, wie er mich geschützt hat. Es gab auch einen Kollegen, der hatte früher mal eine Stasifrau. Ganz gemütlicher Typ, der hat mit den jüngeren Kollegen auffallend viel zusammengesessen, vielleicht auch das Gespräch gesucht. Da gab es jedenfalls einige, wo man das vermutet hat. Diese Kumpelei, die wir hatten, die war nicht ganz echt, da konnte man nie wissen. Aber es war eben ganz oft bekannt, wer das ist. Bei der Stasi, das sind nicht nur Beamte, das sind auch Menschen, auch wenn die Scheiß machen, aber die waren auch oft gezwungen und haben Vorschriften gekriegt. Man muss den Mund dann einfach halten. Ich gestehe die Schwäche ein, nicht genug gefragt zu haben, beziehungsweise keine Fragen gewusst zu haben. eine tolle Landschaft. Andererseits hat es mich angekotzt bis zum Geht-nicht-mehr, was soll ich es idealisieren. Aber es ist ja nichts passiert, ist ja gut ausgegangen. Ich habe eine Anregung bekommen von einem früheren Kollegen, Offizier war er und ein Philosoph. Der sagte, es ist einfach, ich studiere jetzt hier das Leben, nicht witzig, sondern unter Leiden, unter dem dummen Gequassel, es ist genau das dumme Gequassel wie draußen, aber in Essenz. Was ich dort gelernt habe: Ich bin ja so erzogen worden, ich bin Künstler, und ich habe gemerkt, ich muss das nicht so zeigen, das darf nicht auffallen. Ich war unter den DDR-Soldaten wahrscheinlich der schlechteste Soldat des gesamten Warschauer Paktes. Ich war also schön vorsichtig und ich habe gelernt, ich bin viel einfacher als die einfachen Leute. Ich habe keine Spezialausbildung gehabt, mich haben sie zum Gruppenführer gemacht. Im Nachhinein war es sogar klug, weil ich fähig bin, Frieden zu stiften, wenn es Streit gab, oder zu trösten wenn jemand Heimweh hatte. Wichtig ist mir noch das Thema Armee. Mein Gefühl von der Armee war, dass sie außenpolitisch ziemlich bedeutungslos war. Wir hatten da einen Satz:„Wenn der erste Panzer vom Hof rollt, dann verschenkt der Ami am Eingang schon Kaugummis.“ Wir haben nicht geglaubt, dass wir da irgendwas gewinnen könnten. Meiner Meinung nach war das vor allen Dingen innenpolitisch. Man war immer an der Kandare, du musst zur Armee, du musst zur Armee, die haben uns damit unter Druck gesetzt. Ich war bei der Grenze, das war sehr exponiert. Aber es war keineswegs so, dass zur Grenze nur rote Socken hingekommen sind. Es waren vor allem sehr viele Seeleute. Die brauchten dort nicht abzuhauen, die hatten ganz andere Möglichkeiten, wenn sie mit dem Schiff unterwegs sind. Wir hatten lange Schichten und nichts zu tun dort. Der„Kollateralnutzen“ war, dass man das lange Warten gelernt hat, bis es zu Ende ist, der weite Blick. Ich war bei Zarrentin am Schaalsee, jedenfalls Ich habe meine Bratsche mitgehabt und Musik gemacht oder vorm Schlafengehen Witze gemacht, da war ich dann schon beliebt. Ansonsten war ich eher anstrengend, weil ich nicht hinterherkam, wenn Alarm war, statt die anderen mitzuziehen, mussten die mich anziehen. Da habe ich jedenfalls gemerkt, wie diese einfachen Leute dem„Musikadligen“, der ein völlig hilfloses Baby ist, helfen mussten. Das war für meine Lehrertätigkeit sehr wichtig. Und ich habe erlebt, wie das Leben wirklich läuft. Die ganze Welt von draußen ist mir praktisch in einer schrecklichen Karikatur vor Augen geführt worden, und ich hab' endlich durchgesehen. Wie wir da gelebt haben, das hat mich an den Rand des Alkoholismus gebracht, dass da Alkoholverbot bestand, war an sich schon richtig, gerade mit der Waffe in der Hand, aber sobald dann frei war, dann haben wir losgelegt. 33 ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Wie lange vorher hat sich für dich die Wende angekündigt? Oder war es dann doch irgendwie überraschend? Beides. Natürlich hatte das Theater eine Brisanz, die ist nie wiedergekommen. Das Theater war, neben der Kirche, der eigentliche politische Widerstand. In Schwerin kam aber alles später, ein Wunder, dass die vor der Wende angefangen haben. In Leipzig sind sie schneller. In Leipzig haben sie geschrien, wir sind ein Volk. Die mecklenburgische Art ist etwas langsamer. Aber sie ist dann sehr gefestigt und sehr klar, nüchtern, ohne Schmuck, aber das hat auch was. Und die haben keine Arbeiter gehabt, darf man nicht vergessen, in Leipzig ist da viel mehr los, Schwerin ist ganz anders. Die Wende in Schwerin ist praktisch durchs Theater gemacht worden. Das kann man ruhig so sagen. Ich war bei der Philharmonie, also nicht beim Theater-Orchester, aber da haben alle gesagt, geh' mal in die Theater-Kantine. Da sind auch einige zugeführt worden, das heißt von der Polizei festgenommen. Da wurden Fragen gestellt, wenn auch nicht brutal. In der TheaterKantine haben sie die Umzüge beschlossen, die Demonstrationen richtig organisiert. Die Demonstrationen auf dem Alten Garten in Schwerin 4 , die waren schon beeindruckend. Die Theater und die ganzen großen Schriftsteller wie Stefan Heym und Christoph Hein, die haben alle unterschwellig viel gemacht. Und es gibt jemanden, der hat mich sehr beeindruckt, das ist der Erich Loest. Dessen Sohn hat eine Buchhandlung hier in Schwerin. Als die eingeweiht wurde, war Erich Loest da. Der war ja sieben Jahre in Bautzen 5 , das war so was von schlimm. Und dieser Mann bringt es fertig, solche Leute wie Anna Seghers 6 zu verteidigen, die sich auch was erhofft haben vom Kommunismus. Er hatte Verständnis für sie, er war ja selbst Kommunist, es hat nicht geklappt. Der Wandel fing eigentlich schon viel früher mit Moskau an. Wir müssen immer nach Moskau gucken, das ist die zentrale Stelle, das Herz und Hirn des Kommunismus. Als Gorbat34 schow dran kam, ich weiß, da ist wirtschaftlich viel schief gelaufen, aber da war große geistige Offenheit, das war alles Gorbatschow. Von da an war alles anders. Zum Beispiel wurden Filme von Andrej Tarkowski 7 gezeigt, das gab es vorher nicht. Als dann die Zeitung„Sputnik“ 8 verboten wurde in der DDR, eine sowjetische Zeitung, unser großer kommunistischer Befehlshaber darf seine Zeitung nicht mehr herausgeben, da habe ich gedacht, jetzt haben die ausgedient. Vor allen Dingen muss man der DDR-Führung zugutehalten, dass sie es nicht wie in Rumänien gemacht haben, wo sie noch Widerstand geleistet haben. In Leipzig haben sie ja schon die Panzer vorfahren lassen. Aber es muss welche in der Stasi gegeben haben, die gesagt haben„nein, einfach Unterlagen vernichten und abhauen, es bringt nichts.“ Ich habe gelesen, der Mann von Gorbatschow war Wolff. Mielke 9 haben sie nur „Ach komm, Opa.“ genannt. Ich hatte ein Erlebnis unmittelbar nach der Wende, das war einschneidend: Ich sitze in Berlin in der U-Bahn, als die Grenzen offen waren und alles vorbei war, und unterhalte mich mit Leuten über Politisches. Und drehe mich um, mit geducktem Körper und Kopf, wie so eine Schildkröte, ob mir da womöglich jemand zuhört. So war das, dass man immer aufpassen musste. Das war einfach, um die Familie zu schützen, man kann nicht sagen, was man will. Wenn die Familie das mittragen wollte, dann kann man das vielleicht machen, aber man musste da vorsichtig sein, man kann da nicht nur für sich entscheiden. Da ist dann das Duckmäusertum politisch. 4 Die erste große Demonstration der Bürgerbewegung fand in Schwerin am 23. Oktober 1989 statt. 5 Gemeint ist das Gefängnis in Bautzen, in dem politische Häftlinge einsaßen. 6 Anna Seghers(1900- 1984) Schriftstellerin und langjährige Präsidentin des Schriftstellerverbandes. 7 Andrej Tarkowski(1932- 1986), russischer Regisseur, lebte ab 1983 im Exil. 8„Sputnik“ war eine sowjetische Zeitschrift. Die deutsche Ausgabe wurde nach kritischen Artikeln z.B. über Stalin im November 1988 verboten. 9 Markus Wolf(1923- 2006) leitete von 1952 bis 1986 die Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Erich Mielke(1907- 2000) war 1957 bis 1989 Minister für Staatssicherheit. ––––– R e i n h a r d L i p p e r t ––––– Was hättest du dir gewünscht, was hätte man aus der DDR mitnehmen sollen? Mal unabhängig davon, was man hätte machen können unter den außenpolitischen Zuständen: Was ideal gewesen wäre, wäre eine im Grunde etwas sozialistische oder“katholische“ Form der Geldverwaltung, dass man in Musikschulen und Schulen nicht ständig diese Unruhe hat. Ein bisschen schwedisch oder skandinavisch. In Schweden, da gibt es Komponisten, die auf Lebenszeit bezahlt werden. Die müssen auch nicht jedes Jahr was abliefern. Also wirklich ein bisschen Zentralismus, dass es nicht dem Markt unterworfen wird. Siegfried Thiele, mein ehemaliger Lehrer, der hat mal geschrieben von der„Verwilderung“, wenn es nur noch um Kapital geht. Das würde ich auch schreiben. Nicht nur die Herrschaft des Geldes allein – da müssen wir erst noch hinkommen, also nicht diesen Neoliberalismus. Die Wertigkeit wird nur noch daran gemessen, was an Geld herausspringt. Wenn ich aber Kultur auch als etwas Prophetisches sehe, als etwas Warnendes, dann darf das nicht nur an Geld gebunden sein. Was hast du aus deinem Leben in der DDR an Gedanken und Gefühlen in die deutsche Einheit mitgenommen? Bis zur Wendezeit fühlte ich mich geistig gefesselt, der geschmacklosen realsozialistischen Sprachregelung unterworfen. Man konnte seine Meinung nicht frei äußern. Die Gefahr, dass dann der Beruf weg war, die Eltern unter Druck gesetzt wurden und so weiter, war zu groß. Heute kann man immerhin meistens sagen, was man denkt, auch wenn sich nichts ändert. Konzert der Schweriner Philharmonie in der Orangerie des Schweriner Schlosses Ende der 1970er Jahre Traust du dem Kunst- und Kulturbereich heute eine vergleichbare gesellschaftliche oder politische Bedeutung zu? Auf jeden Fall, dafür ist Kultur doch da. Bertolt Brecht hat schon gesagt, die Leute sollen was lernen; wenn es vergnüglich ist, umso besser. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Kunst und Kultur weiter so wie bisher gefördert werden, weil das Weltbild egozentrischer ist und immer zuerst vom Geld her gedacht wird. Zum Beispiel streicht der NDR bestimmte Kinder- und Jugendsendungen, weil die Chefs nicht weniger verdienen wollen. Allerdings glaube ich schon, dass die Kultur selbst leben und überleben wird. Ich fühlte mich durchaus befreit. Und die Gewerkschaften haben 1990 ehrlich die, die es hören wollten, auf das vorbereitet, was kommen würde: die Markteroberung durch den Kapitalismus. Nur haben viele das in der damaligen PartyStimmung nicht wahrhaben wollen. Ich finde es sehr schade, dass es heute einen ständigen jährlichen Kampf um die Finanzierung von Kultur und kultureller Bildung geben muss. 35 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Frank Mecklenburg „Man durfte nicht überziehen. Wer überzogen hat, war sehr schnell draußen, da hat die Stasi aufgepasst.“ Mitglieder des Studentenkabaretts ROhrSTOCK, recchts Frank Mecklenburg. 1961 geboren in Rostock, 1967- 1977 Schule, 1977- 1980 Berufsausbildung mit Abitur, 1980- 1984 Studium Betriebswirtschaft und Maschinenbau zum Diplomingenieur in Rostock. Seit 1977 berufstätig, seit 1990 in verschiedenen Ministerien in Schwerin. 36 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Seine Studienjahre waren davon geprägt, dass er viele Jahre an der Universität Rostock Mitglied im 1970 gegründeten Studentenkabarett„ROhrSTOCK“ war – dem mittlerweile dienstältesten Studentenkabarett Deutschlands. Es wurde bereits zu DDR-Zeiten mehrfach ausgezeichnet. Dieses Hobby dominierte sein Studium und machte ihn sensibel für Zwischentöne. Für uns beim„ROhrSTOCK“ war die Frage, warum macht man Kabarett? Die öffentliche Version und unser Motto war: „Wir wollen unterhalten, aber nicht unter der Haltung“. Den Anspruch gab es schon, auch in der DDR- Studentenkabarett-Bewegung, in der der„ROhrSTOCK“ eine große Rolle spielte. Ich habe mich mit Beginn des Studiums 1980 beworben. Da wurden etwa 20 Leute angehört, weil dem Kabarett schon daran lag, eine künstlerische/darstellerische Qualität aufrecht zu erhalten. Das Kabarett war in Rostock schon bekannt und hatte eine Reihe beeindruckender Auftritte. Es war für ein Amateurkabarett schon sehr hohe Qualität. Kabarett in der DDR hat ja eine längere Geschichte. Es ist in den 1950er und 1960er Jahren entstanden, zum Beispiel der„Rat der Spötter“ in Halle mit Peter Sodann. Die entstanden in einer Zeit, wo man dachte, Liberalisierung, Tschechei und so weiter, okay, der Eiserne Vorhang hebt sich, und wo nach der Niederschlagung jedes Mal- auch 1953 in der DDR- die Restriktionen kamen. Es gab immer die Etappen, kurzzeitig mal zu lüften, nach dem Motto, unseren Intellektuellen müssen wir auch ein bisschen was anbieten. Kabarett hatte immer zu DDR-Zeiten so'ne Ventilfunktion. Wenn die Leute lachen, dann verschlucken sie sich nicht an ihrem Frust, ist zumindest meine Interpretation. Dann gab es aber Ende der 1970er mit den Leipziger„Academixern“, die als Studentenkabarett begannen und dann professionalisiert wurden, so ein bisschen Tauwetter, nachdem Ulbricht 1971 abgelöst wurde und Honecker 1 etwas mehr den moderneren Diktator geben wollte. Da wurden ein paar Sachen wieder möglich, wovon vieles aber ab 1976 nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 2 ganz rigoros wieder eingedampft wurde. Die Kabaretts zumindest hatten sich aber gehalten. Da gab es sehr gute und professionelle, die vielfach auch aus Studentenoder Laienkabaretts hervorgegangen waren, zum Beispiel die „Academixer“ und„Herkuleskeule“. Die„Academixer“, das war immer so eine Mischung, bei der man zwischen Lachen und Atemstocken nach dem Motto„Hilfe, wo wollen die denn jetzt hin?!“ schwankte. Dann lösten sie das, weil sie künstlerisch perfekt waren, durch irgendein anderes Lachen auf. Oder die„Herkuleskeule“. Bei den Arbeiterfestspielen war alles auf toll gebürstet. Vorne saß die Bezirksleitung der SED und jetzt spielte die„Herkuleskeule“. Es gab eine Szene nach dem Lied„Aber der Wagen, der rollt“, in der sie aufzählten, was alles Scheiße ist: Die Leute haben keinen Mut mehr, kein Material mehr, dies nicht, jenes nicht,„aber der Wagen, der rollt“. Hinten tobten die Kabarettisten und vorne eisige Stille, bis geschlossen die ersten fünf Reihen aufstanden und gingen – auch unter Toben der restlichen Kabarettmannschaft. Das war mutig. Aber nach der Biermann-Ausbürgerung mussten die mächtigen Leute auch aufpassen. Nachdem Biermann verboten war und Künstler weggingen, wenn die dann auch noch die„Herkuleskeule“ oder die„Academixer“ verboten hätten, das wäre ein Stück zu viel geworden. Es gab durchaus die etwas breitere Bewegung mit den Arbeiterfestspielen, Laienkabaretts, Laientanzgruppen und so weiter. Man wollte – in Anführungsstrichen – ein breites kul1 Walter Ulbricht(1893 – 1973) stand seit 1950 an der Spitze der SED, seit 1960 war er Staatsoberhaupt. 1971 wurde er von Erich Honecker (1912 – 1994) abgelöst. 2 Wolf Biermann(geb. 1936), systemkritischer Liedermacher und Schriftsteller, wurde 1976 von der DDR ausgebürgert und lebt seitdem in der Bundesrepublik 37 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– turelles und sportliches Leben. Aber irgendwann haben sich diese Dinge verselbständigt. Die Obrigkeit hat auch gleich versucht, stringent zu gucken, was passiert da. Es gab immer Einstufungsnotwendigkeiten über die sogenannten Bezirkskabinette für Kulturarbeit, die all diese Gruppen abnahmen. Man durfte kein Salär kassieren, wenn man keine Einstufung hatte. Da gab's auch die Kopplung zur SED-Bezirksleitung und von der Seite wurde auch politisch geguckt, dass das Ganze sich nicht zu sehr verselbstständigte. Wie passte der„ROhrSTOCK“ in diese Szene? Der„ROhrSTOCK“ hat sich Mitte der 1970er Jahre als eine Laienbewegung gebildet. Er ist sehr professionell gestartet und war sehr erfolgreich, bis es dann mit einem Programm, das politisch sehr stark einschlug, des Guten zu viel war, und wo die SED-Bezirksleitung versuchte, den„ROhrSTOCK“ zu verbieten. Das war noch vor meiner Zeit. Wir waren danach ziemlich stark unter Beobachtung. War natürlich irgendwie auch beeindruckend, dieser Hauch von Legende: Guck mal, wir waren kurz vorm Verbot. Man hat sich auch ein bisschen in der Rolle gesonnt, zumindest so lange, bis es wirklich gefährlich wurde. Ein bisschen Opposition gehörte ja für junge Leute dazu. Dann noch künstlerisch Erfolg zu haben, das war schon eine spannende Angelegenheit. „ROhrSTOCK“ hatte so ein bisschen den universitären Schutz. Die Universität Rostock hatte die glückliche Konstellation, dass es eine Parteileitung gab, die für sich gesagt hat, wir können nur Lehre und Forschung betreiben und junge Menschen erziehen, wenn wir auch ein Mindestmaß an geistiger Offenheit propagieren. Der Parteisekretär, der die notwendige Abnahme gemacht hat- da gab's kein Verbot. Sondern da haben Leute der FDJ-Leitung und der Parteileitung der Universität mit uns diskutiert. Da muss ich sagen, für damalige Zeiten keine Betonköpfe. Das waren Leute, die was in der Rübe hatten, sodass die dann immer gesagt haben, passt mal auf, mit dem und dem tut ihr euch keinen Gefallen, 38 lasst uns darüber reden. Die haben auch gesagt, das ist unheimlich toll, das ist unheimlich lustig, aber lasst es uns nicht überziehen. Es gehörte dazu, dass der Kabarettleiter taktisch geschickt war. Regelmäßig, wenn der FDJ-Zentralrat eine Schulungsveranstaltung hatte und was brauchte, sagte er, so Leute, jetzt müssen wir mal da hinfahren und die Lustigkeit spielen. Dafür halten die uns den Rücken frei. Sogar Egon Krenz 3 war, als er noch Chef der FDJ war, als Ehrenmitglied des „ROhrSTOCK“ benannt. Als die SED-Bezirksleitung versuchte, den„ROhrSTOCK“ zu verbieten, hat das dazu geführt, dass ihr von oben gesagt wurde, Leute, die lasst ihr erst mal am Leben. Trotzdem gab es eine Reihe von Restriktionen. Das war die Zeit, wo ich rein kam. Es gab auch gerade einen Generationswechsel und wir waren eigentlich eine fast neue Truppe. Außer einem Wechsel nach zwei Jahren sind wir in der Zeit fast geschlossen zusammengeblieben. Wir hatten im Regelfall am Dienstag und am Donnerstag Proben, von 19 bis 23 Uhr plus Bierchen. Dann musste man die Texte lernen. Plus ein großes Probenlager von zwei Wochen im Februar, wo vorher die Texte zu lernen waren, und jedes Jahr mindestens eine Premiere sowie einige Sonderprogramme, vor denen es komplette Wochenendproben gab. Dann sind wir meist am Freitagnachmittag in den Zug gestiegen, weil die meisten Studentenstädte im Süden waren, und sind quer durch die Republik gereist. Mancher Schauspieler hat heute keine größere Frequenz, es war eigentlich ein Fulltime-Job. Wir lernten jedenfalls auf diese Weise die Studentenszenerie kennen. Das war ja eher unüblich, man wechselte nicht zwischen den Hochschulen. Es gibt keinen Studentenclub, den ich nicht kenne. 3 Egon Krenz(geb. 1937) war von 1974 bis 1983 Erster Sekretär des Zentralrates der Freien Deutschen Jugend(FDJ). Von Oktober bis Dezember 1989 stand er an der Spitze der SED und war Staatsoberhaupt der DDR. ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Das mit dem Studium war durchaus nicht einfach. Es gab ein paar Leute, die Schwierigkeiten hatten. Man musste dann immer auf gute Mitschriften von anderen Studenten setzen. Ich hatte wirklich eine tolle Seminargruppe, die das immer gemacht haben. Die bekamen dann natürlich auch Premierenkarten. Wir hatten den künstlerischen Anspruch, damit konnten wir auf die Bühne gehen. Aber wir haben immer gesagt, wir haben auch einen politischen Anspruch. Aber da sage ich heute: gemach, gemach. Wir waren schärfer als die anderen, deswegen waren wir toll. Ich würde das aber niemals verwechseln mit Opposition. Wir haben sehr viele Dinge aus dem Studentenleben aufgegriffen oder solche Themen wie„leere Phrasen“. Es gab diese Losung„Jeder jeden Tag'ne gute Bilanz“. Da hatten wir ein Lied, das die Losung auf die Schippe nahm. Denn sie mag vielleicht draußen stimmen, aber für die Wissenschaft, wo auch die Erkenntnis, es gibt keine Erkenntnis, eine Erkenntnis ist, ist das ein spannendes Thema. Wir haben uns kritisch mit der Lebenswirklichkeit und der universitären Wirklichkeit auseinandergesetzt, ob das nun um Lernmethodik oder Marxismus-Leninismus ging. Oder: Werden die jungen Menschen wirklich zu geistig anspruchsvollen Menschen oder zu Ja-Sagern erzogen? Es gehörte aber immer auch der sogenannte Westblock ins Programm. Es gab immer eine Szene, wo der Nato-Doppelbeschluss 4 oder ähnliches auf die Spitze getrieben wurde. Wir haben eine schlimme Szene gehabt, da haben wir uns auch alle dafür geschämt. In der ging es um diesen Nato-Doppelbeschluss. Da traten wir raus aus unserer Person als Künstler und stellten uns persönlich hin und proklamierten, wie bescheuert wir den Beschluss finden. Also, wir haben auch manchmal Scheiße gespielt, und wir wussten, dass es Scheiße war. Studentenkabarett ROhrSTOCK, recchts Frank Mecklenburg. Wie hat das Publikum auf euch reagiert? Zu DDR-Zeiten führte jede Anspielung, es war ja einfach, zu einem Raunen. Wir mussten aufpassen, bei unseren Premieren wurde der Andrang immer größer. Anfangs in der UniAula waren es immer so um die 300 Leute. In den letzten drei Jahren, als ich dabei war, haben wir in der Mensa vor fast 1.000 Leuten gespielt. Die Leute haben getobt. Wir hatten ein Programm, wo man das Gefühl hatte:„Oh!“ Man merkt es an der Rückkopplung und man findet diese Rückkopplung ja auch toll. Aber wenn man plötzlich merkt, das Publikum kippt und klatscht an Stellen, wo man denkt, verdammt nochmal, wenn die zu weit durchdrehen, dann war das unser letzter Auftritt. Wir haben später auch Programme umgestellt, wenn sich eine Treppe aufbaute, eine Stimmungstreppe. Eigentlich ist es ja gerade in Norddeutschland enorm schwer, die Leute raus zu holen. Wenn man die Norddeutschen aber hat, danach kommt man zwanzig Minuten nicht von der Bühne, dann haben die einen so lieb und finden einen so toll. Es gab aber eben auch gute Szenen. Es gibt eine Szene, wo es um die Altnazis ging. Das war eine beeindruckende künstlerische Umsetzung, wo einem wirklich die Gänsehaut runter lief, die könnte ich heute noch im Original spielen. 4 Der NATO-Doppelbeschluss von 1979 kündigte im Rahmen des Rüstungswettlaufs zwischen Ost und West die Aufstellung von atomaren Mittelstreckenraketen für den Fall an, dass Rüstungskontrollgespräche mit dem Warschauer Pakt scheitern. 1983 wurden die ersten Raketen aufgestellt. Die Sowjetunion installierte ihrerseits SS-20-Raketen. 39 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Für uns war das ein tolles Erlebnis, weil die Bauarbeiter, die kriegten sonst irgendwelche regierungsnahen UnterhaltungsTruppen. Für die war so ein Kabarett richtig was zum Abfeiern. Die haben uns nicht mehr von der Bühne gelassen. Normalerweise dauerte unser Programm eineinhalb Stunden. Wir haben drei Stunden gespielt. Dann war eine Stunde Pause, dann kamen die nächsten drei Stunden Aufführung. Zwischendurch oder abends versuchten die Kumpel uns abzufüllen. Das waren tolle gemeinsame Erlebnisse. Auf der Bühne hat man auch Zucker gegeben, weil es einfach die reine Spielfreude war. Da machte das Improvisieren Spaß. In einer Premiere zu improvisieren, ist nur der Notanker. Aber wenn du improvisierst und völlig umstellst und was völlig anderes machst, dann macht das Spaß. In der Premiere ist immer die Angst, du musst es ja überspielen. Der andere hat einen Blackout, und du musst ihm irgendwie auf die Beine helfen, dass die anderen nicht zu viel merken. Der Kennende merkt das auch heute noch, aber das Publikum darf nicht zu viel mitkriegen. Frank Mecklenburg(l.) Aber die erste Viertelstunde, das ist immer Grabesstille. Wenn man jenseits von Magdeburg auftrat, da tobten die Leute, das war sofort'ne andere Stimmung, Norddeutschland war insofern für uns auch immer ein Test. Und du musstest viel improvisieren. Das ist ja der Horror, du hast gerade am Anfang immer wen, der den Text vergisst. Wir haben das später mal an der Trasse 5 in Sibirien gemacht. Da sind wir über den Zentralrat der FDJ hingekommen. Das war eine spannende Geschichte. Da arbeiteten im Prinzip Jugendbrigaden. De facto waren das ein paar Jugendliche und Leute über dreißig. Das war sauharte Arbeit, in Schwarzerdegebieten Rohre zu verlegen. 40 Es gab eine künstlerische Szene verschiedenster Art, in der Literatur, im Filmbereich. Es war was Eigenes, und man war raus aus diesem tristen Einerlei. Nun war es im studentischen Leben gar nicht so trist, es gab ja viele Möglichkeiten. Spätestens in den 1970er Jahren hatte in Rostock jede Fakultät einen eigenen Studentenclub. Es war eher das Problem, dass die Studenten des ersten Studienjahres ordentlich versackten. Da war etwas Freiheit, in allen Studentenstädten, man durfte allerdings nicht überziehen. 5 Die DDR hat unter Leitung der Freien Deutschen Jugend(FDJ) für den Bau von Erdgasleitungen in Sibirien mehrere Tausend Arbeiter, Angestellte und Ingenieure in die Sowjetunion geschickt. Das Zentrale Jugendobjekt der FDJ„Erdgastrasse“ wird kurz als„Trasse“ bezeichnet. ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Wir sind mit dem„ROhrSTOCK“ auch zu den Arbeiterfestspielen 6 delegiert worden. Da waren wir wieder ein bisschen schräg, da hat man dann auch aufgepasst, dass wir nicht an den falschen Stellen auftreten. Natürlich sind wir auch mit anderen Kulturbereichen zusammengekommen. Es gab in der Moritzbastei, dem Studentenclub in Leipzig, tolle Veranstaltungen. Ganze Kulturnächte, das hatte etwas Boh`emehaftes. Ich bin aber dagegen zu behaupten, das sei eine ganze Szene gewesen, das waren immer so Momente, wo man sich gefeiert hat, und wo wir auch die Sau rausgelassen haben und diese Schutzgebiete funktionierten. che Stasi-Leute gegenübersitzen, die einen drängen und fast zu erpressen versuchen, das ist schon spannend. Ich habe mir ja die Stasi-Akte kommen lassen. Da war über meine Kabarettzeit überhaupt nichts drin, denn das war meine persönliche Akte. Die Kabarettdinge, die stehen in meiner Kabarett-Akte. Ich hätte sagen müssen, ich möchte die Kabarett-Akte auch sehen. Das war mir zu aufwendig, dazu hatte ich von anderen genug gehört. Aber du hast die Stasi selbst erlebt? Andererseits: Wir hatten etwa 1981 in einer Studentenwerkstatt in Merseburg ein Studentenkabarett, das wirklich die Grenze übertrat, bewusst übertrat. Denen muss klar gewesen sein, was sie da machten. Die brachten zwischen den Szenen so ganz kurze Sprüche. Der entscheidende Spruch war:„Das Kabarett ist der Narr am Thron der DDR-Führung und merkt zuerst, wenn dieser wackelt, und es wackelt mächtig.“ Da gab es dann eine wilde Diskussion: Kann man das, ist das konstruktiv, bringt das voran? Die Truppe ist dann auch von der Bühne mehr oder weniger verschwunden. Auf welchem Wege, weiß ich nicht. Wer überzogen hat, war sehr schnell draußen. Da hat die Stasi aufgepasst. Die hatte ihre Leute überall in irgendeiner Form. Ob die alle nachher wirklich die Leute verraten haben, weiß ich nicht. Aber die Masse der Stasi-Leute machte es. Am Ende haben die ein relativ präzises Bild von den Leuten gehabt, das glaube ich schon. Es war auch oftmals so, dass es ihnen reichte zu wissen, wo sie ansetzen können. Die Drecksarbeit, die wurde dann woanders gemacht. Jemanden aus dem Job zu drängen, wenn er wirklich überzogen hatte, das lief woanders. Es ist beim Kabarett bei unserer Mannschaft nicht passiert. Wir hatten das eine oder andere Mal mit Kulturoffiziellen Knatsch. Es gab auch Situationen, dass einer von der Stasi fragte, wer könnte denn noch in Frage kommen. Wenn dir dann plötzlich irgendwelDas war später nach dem Studium. Das lief bei mir so: Ich kriegte eines Tages im Dienst einen Anruf aus dem Personalbereich, ich möge doch mal hoch kommen. Demnächst kommen einige Herrschaften vorbei, die haben ein Anliegen. Mir wurde nahegelegt, dass ich die empfangen möge. Ich war immerhin im Wirtschaftsrat, also im Staatsapparat, da kann man auch nicht schnell mal nein sagen. Dann kamen ein paar Herren, die stellten sich auch vor und wiesen sich aus. Sie wollten in dem Haus, in dem ich wohnte, meine Dachwohnung nutzen als inoffiziellen Treff, wo sie sich mit anderen Inoffiziellen treffen konnten. Im Nachhinein hatte ich den Eindruck, das war vielleicht der Versuch nach mehr. Ich habe mich rausgeredet und gesagt, da ist nebenan jemand, der arbeitet viel. Das war der künstlerische Leiter 7 des Kabaretts, der bei mir im Haus wohnte. Die haben nicht nachgelassen. Die sind das zweite Mal gekommen mit zwei Mann, zum Schluss sind sie mit drei Mann gekommen. Ich hab' dann gesagt, mein Bruder komme zu Besuch. Wo ist denn eigentlich Ihre Frau, haben sie gefragt. Ich habe gesagt, das tut mir jetzt leid, Sie können machen, was Sie wollen, aber meine Frau will Sie hier nicht sehen. 6 Die Arbeiterfestspiele wurden seit 1959 vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund(FDGB) organisiert und fanden anfangs jedes Jahr, ab 1972 alle zwei Jahre in einem anderen Bezirk der DDR statt. 7 Der künstlerische Leiter war federführend für Regie, Dramaturgie und Programmgestaltung verantwortlich. 41 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Fairerweise muss ich sagen, dass mein Verhalten in der Akte zumindest weichgespült dargestellt war. Ich glaube, sonst hätte ich ein Problem gehabt, da weiterzuarbeiten im Wirtschaftsrat. So hatte ich nur in den Personalunterlagen einen Sperrvermerk „Nicht zugelassen für Reisen ins westliche Ausland“. Ich war zum Schluss im Investitionsbereich. Ich wollte weg, weil ich ein Angebot hatte als Betriebsleiter. Ich hatte ja Wirtschaftskaufmann im Handel gelernt und dann Betriebswirtschaft studiert. Da sagte man mir, nein, das darfst du nicht, wir entscheiden, wo du hingehst. Man hatte mir zum Ausgleich einen Referatsleiterposten für Forschung und Entwicklung gegeben und dadurch war ich immer bei den Leipziger Messen. Ansonsten habe ich keine Restriktionen oder Schaden in irgendeiner Weise gehabt. Und auch von den Kabarettleuten, die in meiner Truppe waren, ist zumindest mir nicht bekannt, dass sie aufgrund ihrer Kabarett-Tätigkeit persönlichen Schaden erlitten haben oder irgendwo etwas nicht werden konnten. Da war auch ein studentischer Leiter 8 mit einem eigenen Anspruch, noch härter. Auch hier stellte sich im Nachhinein raus, dass er IM war. Er ist inzwischen Historiker. Wir wussten es damals nicht. Unsere Man muss im Nachhinein sagen, das fanden viele von uns nicht lustig. Es ist ja immer eine Frage der Historie und der Personen. Es gab zum Beispiel einen musikalischen Leiter, der das später sehr übel genommen hat, aber trotzdem mit dem früheren studentischen Leiter noch zusammen Kabarett spielt. Es gab eine, die hat sich vollkommen zurückgezogen, weil sie in der Familie selbst Ausreisefälle hatte und sagte, dann hätte ich nicht bei euch mitgespielt, wenn ich gewusst hätte, dass das so ist. Jedenfalls haben wir uns noch mal zusammengesetzt vom Kabarett. Es ist jetzt nicht eitel Sonnenschein. Es sind auch harte Worte gefallen. Aber es war zumindest klärend. Der frühere künstlerische Leiter hatte in der Zeit auch extrem mit Depressionen zu kämpfen, weil er natürlich wusste, dass die Akten da sind. Einige haben alles verdrängt. Aber wenn du das jahrelang verdrängst, kann mancher auch krank davon werden. Im Nachhinein stellte sich aber heraus, der künstlerische Leiter des„ROhrSTOCK“, der bei mir im selben Haus wohnte, den hatte man erpresst. Er hat für die Stasi gearbeitet. Aber er hat immer versucht, das belegen die Unterlagen, die Leute nicht zu denunzieren, damit sie nicht in Gefahr kommen. Er hat ja auch immer den Anspruch erhoben, als ob er die moralische und künstlerische Instanz sei. Das nimmt man im Nachhinein schon übel. Er war immer der kleine Zwerg, der den großen Mann macht. Ich hatte zu der Zeit kein Problem damit, weil er einen Spruch drauf hatte, der richtig war:„Ich schick' euch nur dann auf die Bühne, wenn ihr euch nicht blamiert. Den Anspruch könnt ihr von mir verlangen, dass ich euch nicht verheize. Ihr wollt Erfolg, ihr wollt Spaß haben, aber dafür quäle ich euch.“ Oftmals sind Regisseure ja keine einfachen Menschen, und er war künstlerisch gut und wir hatten Erfolg. Ich hatte in den sechs Jahren, in denen ich dabei war, fast 500 Auftritte. 42 Aber nochmal, weil es auch so eine Legendenbildung über den„ROhrSTOCK“ gab, wonach wir die tollsten und beim Widerstand waren. Ja, wir hatten tolle Szenen, wir hatten tolle Programme. Für DDR-Verhältnisse als Amateurkabarett war es auch relativ scharf. Unser Anspruch war, okay, lasst uns was bewegen. Unterhaltung, aber nicht unter der Haltung. Im Nachhinein kann man sagen, Kunst kann anregen, Kunst kann aufregen, Kunst kann aber nicht die Welt verändern. Wenn Menschen angeregt werden und nehmen das als Ermutigung oder als Ermunterung, dann hast du viel erreicht. Aber das Kunstwerk, das morgen die Revolution auslöst, hat es so nicht gegeben. 8 Die studentischen Leiter wechselten alle zwei bis drei Jahre. Sie waren für Organisation, Auftritte und die Interessenvertretung der studentischen Darsteller verantwortlich. ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Was vom„ROhrSTOCK“ könnte man heute noch spielen? Wenn man sich heute die Szenen anhört, dann ist das spannend für jemanden, der die DDR nicht erlebt hat und sagt, klar manches, das passt, manches ist eher seicht. Es hat Spaß gemacht, kein Widerstand, aber wir haben auch was bewegen wollen oder wollten zumindest nicht nur irgendwas machen. Deswegen macht man ja auch Kabarett. Die Frage ist ja, warum machst du nicht irgendwas anderes Künstlerisches. Eben weil das auch mit einer gewissen kritischen Haltung zu tun hat. Das Umfeld war ja f ü r euer Kabarett eigentlich genial, es gab viele Angriffspunkte. Wie siehst du das heute? Es ist schwerer geworden, Kabarett ist extrem viel schwerer geworden. Die klassischen Kabaretts, mit diesen Szenennummern, das ist„Scheibenwischer“ gewesen, das ist genial. Auch „Die Anstalt“ 9 war wirklich gutes Kabarett, wenn auch nicht immer bei der Dichtheit. Das hängt auch immer mit Leuten zusammen. Als Georg Schramm„Die Anstalt“ verließ, dann funktionierte das nicht mehr so. Die heutige Truppe ist politisch wach, aber sie hat nicht mehr diese künstlerische Originalität, es gehört ja immer beides dazu. Du musst das politisch scharfe Thema auf den Punkt bringen. Also dieser Schramm oder dieser weinerliche SPD-Genosse oder der Altnazi. Da merkt man, wenn einer sein künstlerisches Feld beherrscht und das Thema stimmt, dann läuft es. Ansonsten ist es aber extrem schwer geworden und nach der Wende sind die meisten Kabaretts eingegangen, nur wenige haben sich gehalten. In Potsdam gibt es immer noch das„Kabarett Obelisk“, hervorgegangen aus Mitgliedern von„ROhrSTOCK“. Die Bedingungen heute sind anders. In Rostock gibt es eine alte Ausgründung aus dem Volkstheater. Die machen ein bisschen Kabarett und die Leute sind dankbar, sie kommen trotzdem. Aber von der Sache her ist es heute extrem bei Studentenkabaretts. Du kriegst nicht mehr die Qualität hin. Du brauchst mindestens die Probenintensität, und du brauchst eine Auswahl. Außerdem haben die eine ganz andere Studienintensität, ganz andere Angebote. Ich sag es mal anders: In einer Zeit, wo die Leute mit Dünnschiss-Comedy(es gibt allerdings auch ein paar gute Leute) berieselt werden, ist man dankbar für richtig gutes Kabarett. Und zu mittlerem Kabarett sagen die Leute okay, wenn sie denn lachen können. Ich bin ja immer noch ein Fan von Gisela Oechelhaeuser 10 . Sie war damals bei den„Academixern“ und sie war eine tolle Schauspielerin. Und der Jürgen Hart 11 , der war ein toller Texter. Die haben Programme gemacht, da hob sich wirklich die Schädeldecke, das war toll! Durften sie auch, weil die Oechelhäuser ja mit dem stellvertretenden Kulturminister verheiratet war und dadurch hatten sie ein bisschen Absicherung. Wann kündigte sich für dich die Wende an? Es wurde zu viel, irgendwann kochte das Thema über. Aber das kam nicht plötzlich. Es konnten, zumindest in Rostock, auch schon vorher Grenzen ausgetestet werden. Es gab an der Uni zum Beispiel einen Soziologen, Marxismus-Leninismus soziologisch, den hat man als Professor entfernt. Er durfte aber an der Uni bleiben. Die Uni-Parteileitung wurde dafür, dass sie ihn nicht komplett entfernt hat, von der SEDBezirksleitung zusammengestaucht. Der Rektor, glaube ich, wurde dann sogar abgelöst. Der hat eines Tages in der OstseeZeitung einen Beitrag veröffentlicht, das sozialpolitische Programm der SED bestehe aus Thesen und diese Thesen müsse man in Frage stellen. Kann sich die DDR den Konsum leisten und nur einen sozusagen Schaufenstersozialismus, der nicht finanzierbar ist und wo die Investitionsquote nicht stimmt? 9 Die Kabarettsendung„Scheibenwischer“ mit Dieter Hildebrandt wurde von 1980 bis 2003 von der ARD ausgestrahlt,„Die Anstalt“ läuft seit 2014 im ZDF. 10 Die Kabarettistin Gisela Oechelhaeuser, geboren 1944, spielte ab 1989 beim Kabarett„Distel“, das sie später auch leitete. 11 Jürgen Hart(1942 – 2002) leitete ab 1977 das Kabarett„Academixer“. Legendären Status bekam er als Texter und Sänger des Liedes „Sing, mei Sachse, sing“. 43 ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– Ist das, was wir machen, noch der„moderne wache Mensch“? Danach wurde auch der Chefredakteur der Ostsee-Zeitung abgelöst. Also, das war eine Revolution. Das wurde dann, glaube ich, auch im„Spiegel“ aufgegriffen. Aber das ist uns gar nicht bewusst gewesen. Denn es gab ja in Rostock zum Beispiel solche Partei-Studiengänge, von denen man wusste, die eigentlich linientreuen Teilnehmer gehen später als Auslandskader ins Ausland. Das war in Rostock aber auch eine Truppe, die ausgesprochen auf Krawall gebürstet war. Es gab auch einen tollen Kulturbeauftragten an der Hochschule. Solche Großen, zum Beispiel die„HammerRehwü“ mit Hans-Eckardt Wenzel und Steffen Mensching, die hätten woanders nicht auftreten können. Es gab eben eine Szene. Da war sehr viel Blues und dann diese Jazz-Szene und die Kultur. Bei der„Hammer-Rehwü“ marschierte eine ganze Truppe auf. Das waren Teile, die aus der Folk-Bewegung kamen, die wirklich bitterste Satire machten, musikalische Satire. Das ging dann los mit„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang“. Dann ein Ding nach dem anderen, ein kritischer Text, eine Clowneske, wo gezeigt wurde, wie bescheuert das in der DDR funktioniert oder nicht funktioniert. Obenauf dann„Und wir tragen unser Schicksal mit Geduld, an der ganzen Scheiße sind wir selber schuld“. Da hat man beim Kabarett Szenen erlebt, dass es dann wirklich kippte. als Vater. Mein Leben vor 1990 ist zwar schon spannend für sie, aber es wäre vielleicht eine andere Frage, wenn es so wie bei meinem Großvater gewesen wäre. Der war als sehr junger Mann im ersten Weltkrieg und wurde verletzt. Er wurde dann im zweiten Weltkrieg verschont. Er hat zu DDR-Zeiten- er war Malermeister und sein Betrieb wurde im Krieg zerstört einen Schwarzhandel eröffnet. Er kannte Gott und die Welt und ist erwischt worden von den Russen, weil er auch mit Russen gehandelt hat. Die waren ja mit den eigenen Leuten auch streng. Er ist für sieben Jahre nach Bautzen Zwei gegangen und hat an diesem Bautzener Aufstand 1950 12 teilgenommen. Daraufhin hat er drei Jahre Nachschlag bekommen und war insgesamt zehn Jahre dort. Er ist dann in den Westen. Er kam hier nicht mehr klar. Fast alle anderen aus der Familie haben gesagt, wir bleiben hier, wir haben hier unser Leben aufgebaut. Das war für mich insofern spannend, weil zuhause über meinen Großvater wenig erzählt wurde. Mein Vater war Generaldirektor im Möbelkombinat, also eher staatstragend. Wie hat dein Vater denn deine Aktivtäten gesehen? Kritisch. Es war für ihn nicht die pure Opposition. Dann wäre es wohl mit uns auseinandergegangen. Er hat es nicht unbedingt sehr wohlwollend gesehen. Er hat akzeptiert, dass der Sohn das macht. Aber es war immer dieses„Musste das sein?“. Er hat nicht offen gesagt, das ist Scheiße. Hast du mit deinen Kindern mal über die Zeit gesprochen? Die haben einiges mitbekommen, denn der künstlerische Leiter wohnte ja bei uns im Haus in Rostock. Als sie größer wurden und die DDR Thema im Geschichtsunterricht an ihrer Schule war, und ich ja wusste, dass es über mich und„ROhrSTOCK“ eine umfängliche Stasi-Akte gab, dachte ich, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ihnen selbst mal was zu erzählen, nicht didaktisch, sondern bei mehreren Gelegenheiten. Für die Kinder war das so, wie„wenn Vattern vom Krieg erzählt“. Das ist nicht ihr eigenes Leben. Sie kennen den Vater 44 Wenn es um die Frage geht, ob die Wende für mich eine Zäsur war, die meine Kinder interessiert, die ständig eine Rolle spielte, dann muss ich sagen: Nein, das war es nicht. Unsere Kinder waren vier und sechs zur Wende. Sie hatten den Wechsel von Rostock nach Schwerin zu verkraften. In Rostock war es eine heile Welt, meine Frau hat dort an der Uni promoviert. Sie holte die Kinder um 14 Uhr ab. Und auf einmal ziehen die Eltern von einer Altbauwohnung ins Neubaugebiet und sind 12 Im Bautzen II wurden seit 1945 zahlreiche politische Gefangene inhaftiert. 1950 rebellierten Häftlinge gegen die erniedrigenden Haftbedingungen. ––––– Fra n k M e c k l e n b u r g ––––– täglich zwölf Stunden nicht da, mit Kinderfrau und allem Drum und Dran. Da war die Frage, einer muss wenigstens bis 19 Uhr da sein, weil wir volle Kanne gearbeitet haben. Das war für sie eine Zäsur. Nachdem wir die Anfangsphase, die schlimm war, überstanden hatten, hatten wir auch eine schöne Mietwohnung in der Alexandrinenstraße am Pfaffenteich in der Schweriner Innenstadt, das lief alles wunderbar. Insofern ist es für meine Kinder ein bisschen exotisch, dass die Eltern zwar in der DDR geboren sind. Aber die Eltern haben nicht wirklich an irgendeiner Stelle gelitten oder Riesenprobleme gehabt. Wenn wir„von früher“ erzählen, dann hat das für unsere Kinder mehr was Anekdotisches. Was hast du aus deinem Leben in der DDR an Gedanken und Gefühlen in die deutsche Einheit mitgenommen? In die Deutsche Einheit bin ich mit verhaltener Skepsis gegangen. Bei aller Freude über den friedlichen Ausgang des Herbstes 1989 und die Begeisterung über die offenen Debatten und Prozesse zur Um- und Neugestaltung der Gesellschaft, fand ich den Einheitsprozess unausgewogen, einseitig und vor allem zu schnell. Natürlich waren mir die ökonomischen Probleme einerseits und die Zwänge der Nutzung einer möglicherweise zeitlich begrenzten Chance anderseits klar. Aber es war auch zu erkennen, dass die Art und Weise der Verhandlung des Einigungsvertrages und die Vorgaben für die anschließende Privatisierungsstrategie und die Währungsunion zu bitteren Enttäuschungen führen werden. den neuen Bundesländern aber keineswegs als eine ungetrübte Erfolgsgeschichte. Traust du dem Kunst- und Kulturbereich heute eine vergleichbare gesellschaftliche oder politische Bedeutung zu? Dass ein su großer Teil der ostdeutschen Identität und des Selbstbewusstseins der ostdeutschen Künstler im Einigungsprozess verloren geht, habe ich in dieser Dimension nicht vorhergesehen. Die Rolle von kritischer Kunst und Kultur in der DDR hatte etwas mit der Überhöhung der Erwartung des Publikums in einem restriktiven Staat zu tun. In einer demokratischen Gesellschaft ist die Sichtweise auf Kultur und Kulturschaffende eher natürlicher geprägt. Wie nötig kritische Intellektuelle und Künstler aber für eine demokratische Gesellschaft sind, zeigen die Probleme und Auseinandersetzungen über Demokratie, Fremdenfeindlichkeit, Integration und politischen Populismus in Ostdeutschland. Hier fehlt gerade in der ostdeutschen Fläche die Breite kritischer künstlerischer Stimmen. Das hat auch damit zu tun, dass eigenständige Kunst und Literatur finanzieller und infrastruktureller Rahmenbedingungen bedarf, um sich entwickeln zu können. Die ostdeutschen Babyboomer, zu denen ich gehöre und die jetzt oder in absehbarer Zukunft in Rente gehen, schauen möglicherweise mit durchmischten Gefühlen auf die letzten 30 Jahre zurück. Ja, wir haben alle eine gesamtdeutsche Identität entwickelt, deren Ausrichtung, Blickweise je nach eigenen Erfahrungen mehr positiv oder kritisch ausgerichtet ist. Die ostdeutsche Seele, die in uns mitschwingt, sieht die Deutsche Einheit und den aktuellen Zustand der Gesellschaft in 45 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Christian Fehlandt „Dann erschienen die leisen Besuche, wenn wir Kinder die Anweisung hatten: Jetzt nichts fragen, nichts sagen, weiter löffeln. Der Vater musste mal wieder seelsorgerlich weiterhelfen.“ 1960 geboren in Schwerin, 1979 Abitur, 1979- 1980 Ausbildung zum Apothekenfacharbeiter, 1982- 1988 Theologiestudium mit Diplom in Rostock, 1988- 1992 Musikstudium in Dresden. Seit 1992 künstlerische Tätigkeit am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. 46 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Der Opernsänger am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin mit dem„schwarzen“ Bass hat nach einigen vom System erzwungenen Umwegen Theologie studiert. Noch während des Studiums kam er zur Gesangsausbildung. Während des Studiums der beiden Fächer lernte er in den Umbruchszeiten der DDR und nach der Wende bekannte Personen des Zeitgeschehens und Künstler kennen, wie zum beispiel. Willy Brandt, den Schauspieler und Autor Loriot, den Sänger Dietrich Fischer-Dieskau oder den Maler A.R.Penck. tor. Eine enorme Entlastung. Dann ein richtiges Moped für die weiten Wege. Und am Ende der Segen, den ersten Trabi mit herunter klappbaren Scheiben für die warmen und den Katalytofen im Beifahrerfußraum für kalte Tage. Eine nochmals deutliche Errungenschaft für die pfarramtliche Arbeit im weiten Gemeindebereich. Die so wunderbare Zutat über Genex 1 , gesponsert aus dem Hilfspaket der bundesdeutschen Kirche für die armen Landeskirchen in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone im Osten des nach wie vor als gesamtes Heimatland empfundenen Deutschlands. Ich bin ein Pfarrerskind, aber mehr noch der Enkel eines Pfarrers gewesen. Ist das wichtig? Ja, weil mir immer schien, als wenn mein Großvater als heimliches Familienoberhaupt über allem thronte- und das irgendwie bis heute. Er schob eine Tradition an. Er hatte seit 1936 eine der Predigerstellen am Schweriner Dom inne. Seine beiden Söhne, mein Vater und mein Onkel, studierten später wie von Erbfolge bestimmt auch Theologie. Obwohl sie vielleicht gerne andere Berufslaufbahnen ergriffen hätten. Auch ich verspüre nach wie vor in mir einen spezifischen Kirchenblick auf meine Umgebung, auf die Menschen, auf die Umwelt. Ich verlebte meine Kindheit in Vipperow am Südende der Müritz. Dorthin war mein Vater am Ende seines Vikariats von der Mecklenburgischen Landeskirche entsandt worden. Anfänglich musste er seine Dienstwege, das waren zu Beginn der 1960er Jahre so knapp ein Dutzend eigenständiger Ortschaften mit je eigenen Kirchen, sämtlich mit dem Fahrrad bedienen. In der Hitze des Sommers meist nur auf staubigen Landwegen und im Winter – als Kind habe ich noch so richtige knackige Winterzeiten mit ordentlichen Minusgraden erlebt – über die gleichen, die nun hart durchgefroren waren. Dann gab es den„Hühnerschreck“, das Fahrrad mit HilfsmoAuf der Pfarrstelle in Vipperow folgten viele Jahre später unter anderen Pastor Markus Meckel, einer der Gründungsväter der Ost-SPD, und Dr. Andreas von Maltzahn nach, der letzte Bischof des Sprengels Mecklenburg in der weit nach der Wende gegründeten Nordkirche. Bedeutend, weil jene Besetzungen sowohl bewusst wie auch zufällig meinen eigenen Lebensweg streiften und aktiv mit beeinflussten. Ich wurde 1967 in Vipperow eingeschult. Ich erinnere mich an die beiden kleinen Klassenräume neben dem Kindergarten im Gemeindehaus. Wir haben zu Beginn noch zwei-, sogar dreiklassig in den Bankreihen gesessen. In den mit Tintenfässchen und Federablage bestückten Schultischen mit anhängender Bank und Stauraum für den ausladenden Lederranzen unter der Schreibplatte- heute noch in manchem Dorfmuseum anzufinden. Stabil genug für das AufspringenMüssen neben die Bankreihe, um auf das Kommando„Seid bereit!“ die Schüler- beziehungsweise Pioniergrußmeldung entgegen schmettern zu können:„Immer bereit!“ Anfangs habe ich noch auf Griffeltafeln die ersten Buchstabenübungen gefertigt, dann schon mit kleinen Bleistiften. Schwierig wurde es, als die Schüler für das Tintenfass auch schreibfähige Füllfederhalter in den Unterricht mitbringen mussten. Gut dran war, wer noch einen mit Goldfeder bestückten Pelikanstift aus 1 Geschenkedienst, der 1956 auf Anordnung der DDR-Regierung gegründet wurde, und anfangs nur Kirchengemeinden offenstand, um Waren vom Westen aus zu kaufen. 47 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t –––––< Großelternzeiten irgendwo fand, den Schreibwarenhändler in der nächsten Kreisstadt gut kannte oder aber ein ersehntes Geschenkpaket beziehungsweise Mitbringsel aus dem Westen auspacken konnte- jedenfalls einen eigenen Füller hatte und ihn nicht, nach der wievielten Generation an Schulbedarf auch immer, aus dem volkseigenen Bestand ausleihen musste. Irgendwie hatte ich Glück, denn die guten Freunde aus Westdeutschland schenkten uns die begehrten Tintenwerkzeuge. Das war die Zeit, in der die staatliche Macht sehr fühlbar und unbarmherzig in das tägliche Allerlei unserer Familie eingedrungen ist. Zuerst sind es nur die Anrufe gewesen, die den Vater vom gemeinsamen Tisch wegrissen und in seine Amtsstube holten. Dann aber erschienen die leisen Besuche, wenn er beim Klingelton erbleichte, stumm wurde, und wir Kinder die Anweisung hatten: jetzt nichts fragen, nichts sagen, weiter löffeln. Der Vater musste wieder mal seelsorgerlich weiterhelfen, dem Flüchtling in den Westen mit Rat und Tat zur Seite stehen, einem Abweichler aus seiner Patsche helfen, die zudringlichen Herren und Damen von der Staatssicherheit irgendwie abwimmeln und ruhigstellen. Dabei als Pfarrer, also Hirte, das Seelsorgegeheimnis bewahren und selber nicht unter die Räder kommen. Lavieren mit hohem diplomatischem Geschick. Aber auch der Pfarrer ist nur ein Mensch und über den Umgang mit der Staatsmacht sind im Studium keine Vorlesungen gehalten worden. Das war dann das tägliche Planschen im tiefen Wasser des learning by doing. Manchmal wurde zuhause nur geflüstert, um nicht sprechen zu müssen. Es war die sich oft wiederholende schlimme Zeit mit dem Kerkergefühl, sich nicht verplaudern zu dürfen, nur gucken und ständig um sich herum aufpassen. Aber das Pfarrhaus hatte wohl zu allen Zeiten einen besonderen Platz im Ort, allseits unter besonderer Beobachtung, aber auch mit gewisser Narrenfreiheit versehen. Mein Vater hatte sich einen vertrauensvollen Umgang mit allen im Dorf erarbeitet. Selbst mit Fritz Dallmann aus dem Nachbardorf Priborn, dem Volkskammerabgeordneten und Chef der Ver48 einigung der gegenseitigen Bauernhilfe der DDR, konnten wir uns seriös verständigen. Dem Pastor war nicht die Konfrontation wichtig, sondern mehr der ständige Versuch, ein tragendes Gentleman-Agreement zu finden. Man musste sehen, dass man einen guten Weg fand, ohne sich aufzugeben, und sagen: Das ist der Ort, von dem aus ich bereit bin, mich über alles und jeden zu unterhalten. Was auch das Beste war. Das war nicht immer leicht, wurde aber irgendwie akzeptiert, weil man ja mitbekommen hatte: Eigentlich kann man mit diesem Pfarrer reden. Hattest du Nachteile? Spielte es für deine Entwicklung eine Rolle? Konntest du dich frei entscheiden, was du lernen, studieren, arbeiten wolltest? Jein, solange man mitmachte- das galt in der Schule. Zum Beispiel konnten wir singen. Also brauchte man uns für den Schulchor. Erst ging das noch ohne Pionier-Halstuch, nachher wurden wir- also die Eltern- gebeten, ob nicht die Kinder pro forma für das einheitliche Chorbild das Tuch tragen dürften. Doof, aber was nun tun? Wir taten es dann doch. Für die Schule waren wir auch so ein bisschen Alibi, weil sie vor den Parteileuten- bis hoch zur Volkskammer- anzeigen konnten: Guckt mal, unsere Pfarrerskinder! Die Pastorenfamilie hat natürlich ihre Prinzipien, aber beharrt nicht starrsinnig, man kann im beiderseitigen Einvernehmen gut zueinander kommen. Miteinander einen gangbaren Weg zu finden, ihn zu suchen, so wurden wir erzogen. Wissend um die gewissen Unterschiede, aber man muss da nicht ständig drauf herumreiten, sondern ansagen: Das ist unser Standpunkt, das ist eurer und wo haben wir nun unser gemeinsames Vielfaches? Das prägt bis heute. So bin ich gut bis zum Abitur gekommen in Waren/Müritz an der Erweiterten Oberschule„Richard Wossidlo“, dem Gymnasium des berühmten alten Mecklenburger Volkskundlers, dessen letzter Schüler mein Großvater mütterlicherseits noch gewesen ist. Der Griechischunterricht beim alten Oberlehrer ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Wossidlo begann zwar mit dem Lehrstoff, erzählte mir der Opa später immer ganz hingerissen, aber schon nach wenigen Minuten berichtete der vornehme alte Herr von den neuesten „Läuschen un Riemels“ aus seiner Feldforschung. Was hättest oder hast du gegebenenfalls anders als das Gewollte gemacht? Ja, doch. Denn wie bisher ging das nicht weiter. Mit dem „Nein“ nämlich für die berufliche Laufbahn. Aus heutiger Sicht würde ich eindeutig vom verordneten Berufsverbot in der DDR sprechen. Denn ich wollte so gerne Apotheker werden. Im unmittelbaren Umfeld der großelterlichen Wohnung lebten viele Pharmazeuten – gute Freunde, vertrauenerweckend, in der Kirchengemeinde sehr aktiv. Auch das beflügelte. Mein Schulpraktikum in der 11. Klasse erlebte ich darum in einer Schweriner Apotheke. Aber dem Pfarrerssohn nach so viel erwiesener Herzensgüte in der Vergangenheit nun auch noch ein Pharmazie-Studium zu gewähren, das hätte wohl vom staatlichen Regime die Friedenspfeife selber bedeutet. Nach Abitur und selbst der zusätzlichen Berufsausbildung zum Apothekenfacharbeiter blieb mir der Weg zu meinem Ziel versperrt. Der Professor in Greifswald meinte, ich würde sowieso kein Pharmazeut werden. Man sagte zwar nicht offiziell, wegen des falschen Vaterhauses, aber ließ es durch die Blume hindurch klarstellen. Andere Universitäten folgten dem Greifswalder Beispiel: Ablehnung und keinen Widerspruch. Ein„Nein“ gab es sogar für die Laufbahn hin zu einem studierten Chemiker. Also:„Adieu alte Zeit!” Es blieb auch bei mir wie gehabt in der Familie: Dann eben die Theologie, Tradition das Elternbeziehungsweise das Großelternhaus bürgte für den Kandidaten. Auch mein Nein zu den drei Jahren Armeezeit spielte wohl eine Rolle. Zur Dankesbekundung der männlichen Jugend an ihren sozialistischen Vater Staat nach der besonderen Zuwendung Abitur hatte ich mich aus tiefster Überzeugung nicht verpflichten lassen. Das stand sicherlich auch so in den Akten. Eine Erfahrung hier beim Wehrkreiskommando in Schwerin prägt mich seit diesen jungen Jahren wie ein Stein: Du sitzt auf einem Stuhl, verlassen und alleine, hast nur noch die vielen, dich blendenden Scheinwerfer um dich herum. Und du weißt, dahinter sitzen die, die dich verhören. Dann prasseln die Fragen auf dich ein. Keine kleinen Pikse mehr, nein, Pfeil um Pfeil – und jeder ein Volltreffer. Von dort hinter dem ekligen Licht, wo du nichts mehr siehst, nur noch Raunen hörst und Worte, die dich Satz um Satz auseinanderreißen wollen. Du musst darauf antworten, kannst nicht um Milde bitten. Der Staat diktiert dir dein Schicksal. Rechtsstaatlichkeit gestände dir mindestens einen Strohhalm zum Atmen, also an Gerechtigkeit zu. Diese hier dachten gar nicht daran. Das steckt heute noch ganz tief in meinem Innersten. Du musst antworten und denkst im selben Moment: Was sage ich jetzt – und wie wird man das gegen dich verwenden? Sagst du überhaupt etwas? Du musst aber etwas sagen, und wenn du nichts sagst, machst du dich alleine durch dein Nichts-Sagen wieder angreifbar. Dein Schweigen wird zusätzlich für wieder nur von dir allein aufzuklärende Fragezeichen Platz schaffen. Diese Stasi-Erfahrung, die brennt sich so sehr ein, wird prägend für dein Leben. Diese Psychofolter ist so etwas von grausam, weil du zwar nicht nackt bist, aber dein Ich steht völlig entblößt und mehr als nackend vor seinen Peinigern und schreit um Hilfe. Wie hast du die DDR als Künstler erlebt? Eigenartig. 1987 sang ich während meines Theologiestudiums in einem Kirchenchor in Rostock mit, war durch solistische Aufgaben auch manchmal persönlich wahrzunehmen, die Stimme fiel auf. Ein Sänger des Volkstheaters bot mir ein halbes Jahr Unterricht an, mit dessen Ergebnis wir dann schauen wollten, was die Hochschule für Musik in Dresden dazu sa49 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– gen würde. Mitten in die Prüfung zum Diplomtheologen kam die Anfrage aus Sachsen. Ich gab mein Schmalspurprogramm zum Besten – und wurde immatrikuliert und kenne die Hintergründe dafür bis heute nicht. Trotz des fast schon fertigen Studiums an einer staatlichen Universität, und das auch noch in Vorbereitung auf einen eigentlichen Dienst dann später in der Landeskirche. Ich sagte, ich wolle doch eigentlich Pfarrer werden, nun, als studierter Diplomtheologe mit dem ersten Examen. Aber die Aufnahmeprüfung„Gesang“ war bestanden. Eigenartig, aber so war das. Die Kunst rangierte in der DDR als Sonderposten, war eigentlich leise, ich will mal sagen ideologieferner besetzt, ein kreativer Schutzraum. Jedenfalls machte sie in der DDR sogar manchmal- siehe in meinem Fall- Unmögliches möglich. Trotz des Heeres an Tages- und Nachtschatten, wie Günter Grass die Spitzel später benannte. Die in der bildenden Kunst schon gängige Praxis von„Weite und Vielfalt“ hatte längst auch die darstellenden Künste ergriffen. Die Welt draußen wollte eigentlich keine sozialistischen Betonpfähle sehen und hören, sondern unbeschadeten Inhalt erleben. Und der Künstler wollte das gerne so zum Erlebnis bringen. Erste Vorzeichen einer nicht mehr aufhaltbaren Demokratisierung eines verbohrten Gesellschaftmodells. Vielleicht habe ich davon damals einen Krümel naschen dürfen, durfte sogar noch Musik an der Hochschule„Carl Maria von Weber“ in Dresden bis zum Diplom studieren und von dort aus nach der Wende den Einheitsfeiertag am 3. Oktober 1990 in Stuttgart erleben – in einem Gesangskurs mit Dietrich FischerDieskau und der großartigen Sängerin Elisabeth Schwarzkopf. Gesangsdiplomiert erhielt ich dann einen festen Arbeitsvertrag am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Warum dieser Drang hin zur Kunst? Ich erlebe, ich erfasse auch jetzt noch die Kunst als das Sprachrohr der Ewigkeit auf uns Menschen zu. Ich erkenne die Welt mit meinen Sinnen und ich erfahre meine Antworten nur über die dafür ganz offenen 50 Sinne zurück. Die Künste sprechen zu mir über ihre Laute und Stimmen, in Bildern – das habe ich besonders gerne. Wie hast du gelernt, gearbeitet, studiert? Wie gesagt: Die zwölf Jahre Schule jeweils im gebührenden Abstand zwischen den Maßstäben, die im Familienhaus ihre Geltung hatten und der Straße draußen. Das bildete und verbildete uns gleichermaßen, musste ich in der Wendezeit traumatisch an mir erkennen. Das prägt mein Verhalten bis heute, diese Muttermilch einer Pastorenfamilie. Was gelernt? Ich habe es vorhin schon angedeutet. Zum werdenden Theologen sah der Studienplan auch ein langes Praktikum vor. Meine jüngere Schwester spielte damals in der sich gründenden„Akademie für Alte Musik Berlin“, auch heute noch eines der musikalischen Aushängeschilder Deutschlands im weltweiten Raum. Die sagte: Passt auf, Kollegen, ich habe einen Bruder, der ist werdender Pfarrer, der muss ein Praktikum machen und würde gerne das Leben an der Mauer leibhaftig kennenlernen. Wie zufällig landete ich dann in dem Kreis von Stephan Hilsberg 2 in der Berliner Invalidenstraße. Er hatte einen kleinen„Menschenrechtskreis“ aus jungen und älteren Mitstreitern, aus Freunden um sich geschart, die die Gesellschaft von innen heraus reformieren wollten. Die lasen und interpretierten dort im stillen Kämmerlein Traktate, philosophische und politische Schriften, die das Leben einer Kirche im Sozialismus, ja eigentlich alles, was uns täglich umgab, in Frage stellten. Da saß ich Kleiner nun unerwartet plötzlich mitten drin. Menschenrechte lesend, die Charta der Vereinten Nationen, die Schlussakte von Helsinki- von der DDR mit ratifiziert. Das war 1985. In Berlin erlebte ich Punker-Gemeinde, Frust, Aufbruch, die harten und bisher nur spitzen Ellenbogen der herrschenden Staatsmacht. Hochspannend für den- plattdeutsch gesagt- bräsigen Mecklenburger von der fernen Küste, was hier in der Hauptstadt so alles abgeht! ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– In dem kleinen Kreis jedenfalls glaubte man an eine bessere Zukunft und sogar daran, dass sie zu verwirklichen sei. Ja, solange alles nur Gedankenspiel bleibt, lässt sich wunderbar von Utopia träumen. Was erhofften wir uns von unseren gemeinsamen Überlegungen? Zurück zu den Chancen der Urchristenheit oder hin zu dem uns so gerne propagierten Kommunismus? Träumte nicht die Menschheit schon immer vom paradiesischen Zustand? Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen? Aber wird es dort dann allen gleich gut gehen? Wie in der Bibel mit ihren Friedensgeboten und Friedenshoffnungen beschrieben? Wir versammelten uns unerkannt unter dem schützenden Dach der Kirche. Später gründete sich mit aus diesem Kreis heraus in Schwante die Ost-SPD. Markus Meckel, Martin Gutzeit, Wolfgang Ullmann, Richard Schröder wurden später zu bekannten Namen. Und dann natürlich Ibrahim Böhme 3 , das Sprachrohr unter uns paar Hanseln. Der sehr viel Dissidenten-Dasein mitbrachte, wie wir dachten, und dem wir darum vertrauten. Gleich vom Beginn der Wende an hatte Willy Brandt sich gerade ihn zu seinem„Nachfolger“ im Osten auserkoren. Bis Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Sarah Kirsch, Rainer Kunze, Christa Wolf und noch einige mehr Einsicht in ihre„Akte“ nehmen konnten und lasen, dass er ein Hauptzuträger gewesen sei und noch immer war.„Mein Freund Brutus, du also auch!“ Denn bis dahin waren Böhme und neben anderen auch ich als gutes Team für die überhaupt erstmalig zu wählende SPD im Osten unterwegs. Zeichnung von Peter Ustinov, Berlin 1992 Brandt, ja Brandt hoffte auch und war so voller jubelnder Erwartung für ein neues, gemeinsames, in der Weltgemeinschaft auch als menschlicher Faktor ganz bedeutendes Deutschland. 2 Stephan Hilsberg(geb. 1956), Informatiker, Musiker und Politiker; als Mitglied der Bürgerbewegung unter anderem im Neuen Forum und dem Friedenskreis der Berliner Golgatha-Gemeinde; Gründungsmitglied und erster Sprecher der Sozialdemokratischen Partei in der DDR(SDP). 3 Ibrahim Böhme(1944 – 1999) Februar bis 1. April 1990 Vorsitzender der SPD in der DDR. Rücktritt nach Enttarnung seiner früheren Stasi-Mitarbeit. 51 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Endlich Versöhnung mit der Schuld, Versöhnung auch mit den bis dahin von beiden deutschen Ländern gespielten Rollen als Bollwerke von West wie von Ost aus! Lasst uns diese friedliche Revolution wie begonnen vollenden, Deutschland als Weltenversöhner, das Es-anders-wollen, das Überlegen: wie. Der später Formulierung gewordene Wunsch auf unzähligen Losungen und Plakaten: Damit ein besseres Deutschland blühe. Aber Brandts Vorteil war, er wusste die Macht des harten Geldes einzuschätzen.„Wartet nur ab, die D-Mark wird schneller das Sagen haben, als ihr das hier im Osten für möglich haltet. Und fortan wird nur noch das Marktgeschehen dominieren, also florieren.“ Etwas später erschien dann der Bundeskanzler Helmut Kohl vor der Ruine der Dresdener Frauenkirche. Tosender Applaus: Helmut, Helmut!„Und wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, dann werden wir eben zur D-Mark gehen.“ Unsere einheimische Blauäugigkeit und Brandts leises Wünschen- sie waren dahin. Der große Wurf von 1989 endete als Bettvorleger. Wir reden heute historisch von„Wende“ aber verbinden wir damit auch das, was uns damals, das Wort mal beim Wort genommen, vom Inhalt her passiert ist? Fehlte dir etwas in der DDR und wenn ja, was? Ja, der Mut zu dem bis zum Kirchentagsmotto von 1987 aufgestiegenen„Vertrauen wagen“. Man wagte es, lieferte sich aus, in der Hoffnung, man sei unter sich und selbst in diesem ausgesucht engen Kreis in Berlin saß der Verräter mit am Tisch. Was fehlte? Freiheit, die wirkliche Freiheit. Vertrauen wagen zu dürfen ohne gleich die Bestrafung mitbedenken zu müssen. Miteinander sprechen zu können, ohne das pochende Misstrauen im Bauchgefühl, du wirst denunziert werden. Was du sprichst, wird gegen dich verwendet werden. Dieses jedenfalls schränkte mich um ein Vielfaches mehr ein, als all die schon so völlig alltäglichen Begrenzungen des Lebens in 52 der DDR: Dass die weite Welt für uns DDR-Bürger weiter weg war als der Mond, und wenn überhaupt, uns erst mit 65 Jahren offenstehen würde. Dass viele Konsumgüter in ausreichender Menge und Qualität nicht nur Mangelware gewesen sind, sondern überhaupt ersatzlos gefehlt haben. Natürlich hatten wir die Mangelwirtschaft, aber man kannte es auch gar nicht anders. Insofern hatte ich nicht das Gefühl, es mangele überall. Heute wird das anders empfunden. Aus heutiger Sicht wächst die Mängelliste von damals immer noch hoch und höher. Manchmal hätte ich heute gerne ein bisschen weniger in den übervollen Regalen liegen. Ich habe das mal in einem Lebensmittelmarkt auf dem Großen Dreesch in Schwerin erlebt, wo eine blecherne Wanne durch den Markt gefahren wurde und man nur noch das Patschen hörte: das unverkaufte Brot, die Milch, den Käse. Die am Tag abgelaufene Ware platschte in diese übermannshohe Wanne hinein. Müssen wir wirklich dieses Angebot an Unmengen zu jeder Zeit vorliegen haben? Reichen nicht auch zehn Sorten Brot aus, zehn Sorten Käse oder harter und weicher Wurst und so weiter? Nun ja, die wirkliche Freiheit, was auch meint, Vertrauen vorbehaltlos wagen zu dürfen, die ist auch dem Kapitalismus nicht gegeben. Selbst der Rechtsstaat hält Kanten und Tücken bereit. Die Bedürfnisse von Reisefreiheit und ausreichendem Konsum lassen sich natürlich befriedigen. Aber auch hier liegt die Antwort im Detail: Ich brauche immer den – meist finanziellen- persönlichen Spielraum zur Bedürfnisbefriedigung. Zu oft zeigt die gängige Praxis, dass keiner danach fragt, wie du an dein Geld gekommen bist, aber immer, wie viel du ausgeben kannst. Die Erlangung beziehungsweise Absicherung der eigenen Pfründe basiert keineswegs immer auf der der Arbeit wirklich adäquaten guten Bildung und Leistung. Die trickreiche sprichwörtliche Bauernschläue, die Cleverness freut sich. ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Ganz klar, die Freiheit, die jedem einzelnen Menschen bleibt, hat sich nach der Wende um Größenordnungen erweitert. Wenn das nötige Rüstzeug vorhanden ist, dann lässt sich im Prinzip grenzenlos alles ausleben und jeder kann nach seiner Façon glücklich werden. Diese individuelle Freiheit – mit allen Vor- und Nachteilen – war in der DDR unbekannt und bestimmt auch nicht gewollt. Ab wann kündigte sich für dich die Wende an und wie? Die Wende kündigte sich nicht an. Der Abstieg, unaufhaltsam, ja. Aber eine Wende? Nein! Als es dann fassbar, konkret wurde, kündigte sich eine chinesische Lösung an. Die war für den Fall der Fälle auch schon in vielen Szenarien von Partei, Spitze, Polizei, Armee und Staatssicherheit durchgespielt und vorbereitet worden. Ja, erschreckend fassbar wurde der Moloch DDR für mich in den beiden Nächten zwischen dem 3. und 5. Oktober 1989 in Dresden im Hauptbahnhof. Als Erich Honecker als DDR-Chef in Weltmannssucht und philanthropischer Angeberei die geflüchteten DDR-Bürger, die in Prag ihre Ausreise erobert hatten, großherzig über das DDR-Territorium in den Westen ausreisen lassen wollte. Das waren die schlimmsten Nächte, die ich jemals so greifbar nah erlebt habe vom geheimen Leben in der DDR. Ich wohnte damals nur eine Straße davon entfernt. Es war klar, dass die Züge aus Prag dort entlangkommen würden. Viele Menschen warteten schon seit Stunden, um nochmals ein Lebewohl zu senden an die, die nun ihrer Freiheit entgegen fuhren, oder sogar selber noch mit aufspringen wollten. Der Bahnhof war schon lange von der Polizei umzingelt und abgeschirmt worden. Aber was ich dort an immer länger werdenden und eng geschlossenen Ketten an Polizisten gegen das Volk erlebte und ihren Umgang mit den Menschen, zerstörte in mir auch den letzten Überrest an Achtung vor dem untergehenden System. Die Kinder standen noch unten vor den Treppen, hatten den Kontakt zu ihren schon auf dem Bahnsteig stehenden Eltern verloren und wurden durch die Stiefeltritte der Uniformierten derart übel in die Ecken geschleudert und verletzt, dass die Blaulichtwagen aus den sowieso schon heillos überfüllten Krankenhäusern anrücken mussten. Die grün bekleideten Volks- und Bereitschaftspolizisten versuchten noch, mit Knüppeln und Tränengas ihren Job zu machen. Plötzlich verzogen sich die dichten Reihen, und es sprangen einige weißärmlige Herren in blauen Uniformhosen dahinter hervor, mit Fäusten und die Flüchtenden an den Haaren hinter sich her zerrend. Und dann Ruhe, denn ganz unerwartet war Platz geschaffen worden für das Sondereinsatzkommando in kurzärmlig weißen Hemden und schwarzen Beinkleidern. Die griffen sich nur noch den Nächststehenden, um ihn zum Beispiel als Rammbock für die Bahnhofstür zu benutzen. Hilflose Schreie, viel Blut, und wer konnte, nahm seine Beine in die Hand. Was dann noch passierte, ich weiß es nicht. Noch im Sommer 1989 hatte ich das Buch„1984“ von George Orwell versteckt unter der Bettdecke gelesen, da meinte ich: So grausam könne die Welt nicht sein, fiktive Phantasie nur. Als man diese Nächte von Dresden erlebt hatte, war deutlich: Das Leben hatte die Fiktion schon lange überholt, übler, als sich das ein Mensch hat ausdenken können, Orwell mehrfach potenziert. Von da an haben sich alle Resthoffnungen, dass man in der DDR noch irgendwas im System verbessern könne, verloren, und man hat festgestellt, viele von den gepriesenen Solidarisierungs-Aktionen in den Jahren zuvor nur Festhaltegriffe aneinander waren, um durch die Zeit zu kommen. Man hatte sich was in die Tasche gelogen, um die Umwelt lebenswerter zu betrachten. Vor allem auch, dass die Staatsmacht mit ihren Bewohnern, die noch eigenständig dachten und handelten, die also eigentlich auch wichtig sind für eine gesunde Gesellschaft, dass man mit denen so feindlich gesonnen umgeht. So endete„meine DDR“ und die Wunderzeit der brennenden und zu beschützenden Kerzenlichter nahm ihren himmlisch 53 ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– zu nennenden Anfang- unsere ganze Hoffnung. Ich kam dann am 9. November 1989 aus Dresden am Bahnhof Lichtenberg in Berlin an und war verwundert: Warum ist alles so still hier an einem Freitag, wo sich doch sonst die Bahnsteige biegen? Ich steige in den leeren Zug nach Schwerin ein, völlig konsterniert. Was ist los, was ist passiert? Der Schaffner begrüßt mich im Abteil:„Ja, was machen Sie noch hier, sind Sie nicht auch nach drüben?“-„Bitte, was bin ich?“ Das konnte nur der aus dem Elbtal der Ahnungslosen entstiegene Dresdener fragen!„Ja, wissen Sie denn gar nicht, dass die Grenzen offen sind?“ technisch neuen Zeit, sondern überhaupt in veränderten Lebensmaßstäben groß. Ländergrenzen – wo noch? Beschränkungen? Gewollte und nicht aus der Not geborene. Die Revolution von 1989 brachte uns glücklicherweise keine Tabula rasa, sondern ein unblutiges Weiter. Und wir leben zum Glück immer noch und haben unsere Wünsche und Hoffnungen. Was hat dir damals gefallen, was hättest du gerne in das vereinte Deutschland aus der DDR übernommen? Am 10. November konnte ich dann mit in den Zug nach Lübeck steigen. Ich dachte noch, wenn du das überhaupt mal sehen willst, dann fahre jetzt mit den Massen mit, die Kind und Kegel und, wenn vorhanden, auch noch den Kegel vom Kegel mitgebracht hatten. Einmal diese Welt von weit hinter dem Mond anfassen dürfen, das Holstentor streicheln nein, das war wirklich keine Fata Morgana, die damals vom Hügel bei Schönberg aus dort im Dunst zu ahnen war: die Turmsilhouette von Lübeck. Ansonsten fühlte ich mich wie der tumbe Tor, wie„Hans im Glück“ aus dem Märchenbuch auf diesem Rummelplatz der Warenwelt. Der wahren Welt? Diesem Welttheater der Wunschvorstellungen. Haben die jüngeren Bürgerinnen und Bürger der DDR den Überwachungs-Staat eigentlich schon als weniger bedrohlich empfunden? Ich denke: ja. Sie sind moderner aufgewachsen, mit viel umfassenderem Blick. Selbst als Ende-DDR-Kinder schon nicht mehr nur sehnsüchtig aus dem Fenster schauend, sondern spürend, hier ist was im Gange, da passiert noch was. Ich merke inzwischen auch, dass meine eigenen Kinder mir manchmal wie Fremde vorkommen, so sehr leben sie in ganz anderen Weltbezügen. Ausgelöst auch durch die rasante und wahnsinnige Schnelllebigkeit der technischen Entwicklung, allem voran die digitale. Die Kinder werden in einer ganz anderen, nicht nur 54 Hm, nichts. Und doch manches. Die Notgemeinschaft machte erfinderisch und solidarisch. Mit übernommen hätte ich gerne, dass Mangel ab und an auch sein Gutes hat. Dass man einander mehr geholfen hat, dass man ein bisschen mehr den Blick für die Nöte des Anderen aufnahm, auch für dessen Mühsal bei den vorherrschenden Mangelerscheinungen. Von nötigen Dingen zu wenig zu haben, ist kein Spaß. Aber wenn alle unter den Folgen von Mangel leiden, guckt man eher, dass man die Härten miteinander ausgleicht und aushält, nachfragt, unter die Arme greift. Das änderte sich leider mit der Wende, als sich die einen viel mehr Pfründe sicherten als das den anderen je auf anständige Weise möglich gewesen wäre. Also den fairen Zusammenhalt vermisse ich. Der eine hatte etwas mehr an Besitz, der andere davon nicht ganz so viel. Aber dieser unheimliche Abstand zwischen jenem oben und dem kleinen Mann da unten, den hat es zu DDR-Zeiten in dieser deutlichen Spanne nicht gegeben. Oder man hat ein trotzdem vorhandenes Ungleichgewicht einfach nicht wahrgenommen. Ich würde mir wünschen, dass Arm und Reich gleichermaßen im Blick bleiben, nicht nur das wohlhabende Klientel bedient und die Armut mitgeschleift wird. Die Hoffnung, dass gerechter verteilt wird. Die Haben-Seite allen in gleicher Weise offen bleibt. Wie auch die Geber-Seite in der Gesellschaft wieder und wieder auf den gerechten Prüfstand gehörte. ––––– C h r i s t i a n Fe h l a n d t ––––– Bildung müsste gefördert werden. Richtig! Mir scheint aber, dass der Bildungsbegriff sich im Moment mehr und mehr auf den puren der Eigentumsbildung fixiert, als die letztendlich oder sollte ich besser sagen: schlechtendlich- einzige nötige Bildung, die unser System propagiert. Sonst noch aus der DDR: Die eine und vor allem kostenlose Krankenversicherung, Solidaritätsprinzip, wie heute und doch anders. Niemand, jedenfalls nicht spürbar, hat damals mit der Gesund-Werdung seiner Mitmenschen Geld verdient, Profit und Maximalgewinn für sich geschaffen. Und wir beklagen heute die Miethaie. Wer es vermochte, rettete sich noch immer in privates Wohneigentum. Das allgemeine Bildungssystem kannte nur einen festgeschriebenen Lehrplan, keine Vielfalt. Da musste damals jeder nach seinen Fähigkeiten durch. Aber die Abschlüsse von West nach Ost wie von Nord nach Süd besaßen dafür überall den etwa gleichen Wert. Wir verlieren uns in der Bundesrepublik, so mutet es im Moment an, in der Kleinstaaterei unterschiedlicher Anforderungen an Beschulungsinhalten. Traust du dem Kunst- und Kulturbereich heute eine vergleichbare gesellschaftliche oder politische Bedeutung zu? Kunst uunndd KKuultltuurrnnuunnhheuetuet?e?DDenenKoKrorerkretkutrufarkfatkotr,odr,ednesniesiine idnerdeDr DDRDRvievlilelilcehicthstosgoagrazrwzawnagnsgwsewiseeiseienignegneonmommmenenhhatatte-, terä, gtträsgiet hsieeutheenuuter nnoucrhnsoechhr mseahrrgimnaalr.gUinnatle.rUhänltemrheähltr, mküemhr-, kmüemrtmsiecrht usmichmuamrktmwairrtkstcwhiarfttslcichhaeftBlicehfreieBdiegfurinegd,igisutnjegd, einstfajlel-s dimenVfaelrlgs lneichtzmu edharmsaolseinnicShttacmheehl rwsioe evienrgSletiacchhbealrimzuFdlaemiscahls. iAmukFtiloenisscehrg. eAbnuikstsieonusnerdgeKbnaritsesenpurenidse Kbaerttoennepnrediseen bzeutonneehndmeennzduenehWmaerenndcehnaWrakatrern,cdheanrakdtier,GdensedllisechGaeftsedllesmchaKftudnesmtKunudnsKt-ulutunrdbeKreuilcthuribnenrerichhalbindneesrhSaylbstedmes zSuybstilelmigts. zUunbdillwigitr. Uihnmdwwiilrliighgmebweinll.ig geben. 55 Birgit Baumgart „Ich habe im Studium erst ein Kind gehabt, dann zwei. Das hat super funktioniert, weil wir die Bedingungen dafür hatten.“ 1966 geboren in Schwerin, 1973- 1985 Schule, 1985- 1992 Lehramtsstudium in Dresden, 1992- 1994 Referendariat in Neubrandenburg, 1994- 2005 Lehrerin in Hagenow, Neustadt-Glewe und Ludwigslust. Heute Museumspädagogin im Staatlichen Museum Schwerin. 56 ––––– B i r g i t B a u m ga r t ––––– Die Museumspädagogin im Staatlichen Museum Schwerin dürften vermutlich viele Kinder und deren Eltern kennen. Ihren Wunschberuf der Russisch-Lehrerin konnte sie in der DDR mit zwei Kindern studieren und auch ausüben. Sie hätte heute gerne mehr Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, dass diese unabhängig von der familiären und finanziellen Situation ihren Interessen nachgehen können. Das Elternhaus spielt eine große Rolle. Meine Eltern waren aus ganz einfachen Verhältnissen, man sagte„Arbeiterklasse“. Das öffnete mir natürlich alle Türen, obwohl ich das gar nicht bewusst erlebt habe. Ich hatte keine Beschränkungen, hab' aber zum Teil auch gar nicht gewusst, woran das lag. Ich wurde in Schwerin geboren und bin in einem Altbau in der Burgstraße in der Innenstadt aufgewachsen, und da waren schräge Fußböden. Rollschuhfahren habe ich super gelernt. Ich bin einfach runtergerollt, mir konnte nichts passieren. Und Murmeln. Wir hatten immer Löcher in den Dielen, wo wir Murmeln spielen konnten. Das hört sich irgendwie total nostalgisch und cool an, aber es war schon ein bisschen schräg. Wir haben, also meine beiden Geschwister und ich, als wir so acht, neun Jahre alt waren, immer noch in so einer BabyBadewanne gebadet, weil wir gar keine andere hatten. Aber das ist eigentlich auch nicht schlimm gewesen. Also man hat nichts vermisst, weil man ja gar nicht wusste, was möglich war. Schwierigkeiten gab: Wo krieg' ich die Steine her, wo hab' ich die Handwerker? Aber es hat funktioniert. Mir fällt auch noch ein: Wenn ich nachmittags geholfen habe, wenn wir die Steine abgeladen haben und ich das im Hort angegeben habe, hab' ich Sternchen bekommen. Dann war ich ein guter Pionier und Vorzeigekind. Also auch da hat es was gebracht. Ich war schon stolz; es war irgendwie so'ne Anerkennung dafür, dass ich helfe. Mir wurde also im Prinzip im Hort klargemacht, dass das Helfen wichtig ist, auch wenn es für die Eltern ist. Ich will das gar nicht weiter interpretieren. Es fällt auf, dass man Rechenschaft abgeben musste in der Gesellschaft, obwohl es ganz privat war, als Kind schon. Wir haben ein Gemälde von Angela Davis 1 hier bei uns im Staatlichen Museum, aus DDR-Zeiten. Ich kann mich erinnern, dass wir Karten geschrieben haben für die Freilassung von Angela Davis. Ich muss da in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein. Heute sage ich: Aber das hab' ich doch gar nicht verstanden. Man war einfach so drinne und hat das natürlich mitgemacht. Spielte es für deine Entwicklung eine Rolle? Konntest du dich frei entscheiden, was du lernen, studieren, arbeiten wolltest? Ich hatte immer das Gefühl, das ich mich frei entscheiden kann. Ich war in einer Schule mit erweitertem Russisch-Unterricht. In vielen größeren Städten gab es Schulen, wo man ab der dritten Klasse Russisch hatte, und auch nur Schüler, die in der ersten und zweiten Klasse schon gut waren. Ich wollte immer Lehrer werden und dann hatten wir die Möglichkeit. Da gab's die Spezialisierung, dass man in der neunten Klasse zur EOS 2 kam, und zwar in eine Klasse für zukünftige Russischlehrer. Wir haben Anfang der 1970er Jahre ein Haus gebaut, was immer noch ein bisschen verwunderlich ist, weil man dachte, dass man das nicht konnte. Es hat ein ganzes Jahr gedauert, und ich weiß noch- ich war acht, neun Jahre-, dass es immer Also der Staat hat sich gekümmert, dass sie da keinen Mangel an Russisch-Lehrern haben, denn Russisch war wichtig. 1 Angela Yvonne Davis(* 1944) US- amerikanische Bürgerrechtlerin. 2 Die Erweiterte Oberschule(EOS) führte nach der zwölften Klasse zum Abitur. 57 ––––– B i r g i t B a u m ga r t ––––– Sie haben uns die Möglichkeit gegeben, ab neunter Klasse vier Jahre lang neun bis zehn Stunden in der Woche Russisch zu haben. Es gab nur drei dieser Schulen in der DDR, und ich war in Neubrandenburg, im Internat. Man war super spezialisiert, aber man hat ja auch das Abitur gemacht, es war eine normale EOS. Schwierig war es für Leute, die in der zehnten Klasse sagten, nee, ich will doch kein Lehrer werden, weil sie irgendwann merken, das können sie nicht. Das war echt schwierig. Dann hatte man mehrere Aussprachen mit dem Direktor, von wegen der Staat hat jetzt schon investiert in dich und so weiter. Aber das betraf mich alles nicht, weil ich immer Lehrer werden wollte. einen Internatsplatz und ein Zimmer für mich mit dem Kind und eine Wohngemeinschaft mit anderen Eltern. Also es war toll. Wir mussten dafür nichts bezahlen, es stand uns einfach zu, wenn man ein Kind bekommen hat. Vom Kita- und Krippenplatz ganz zu schweigen. Ich habe die anderen Bedingungen nicht hinterfragt. Weil das auch zu Hause nicht hinterfragt wurde. Auch durch meine Eltern, die waren beide in der SED. Es gab immer Gründe, warum das jetzt so sein musste. Und ich hab' eigentlich ehrlich gesagt- auch so ein Vertrauen gehabt. So wie ich versuche, das Beste zu geben, habe ich mir vorgestellt, dass das Andere auch machen, und dass die verantwortungsvoll mit unserer Gesellschaft umgehen. Ich hatte einen kostenfreien Internatsplatz von der neunten bis zur zwölften Klasse. Als ich in Neubrandenburg in der Schule war, das war toll. Meine ganze Pubertät habe ich ohne meine Eltern hinter mich gebracht, und so wurde man selbständig. Wobei ich schon gemerkt habe, dass man manche Fragen nicht stellen durfte. Man wusste auch, dass man vielleicht beobachtet wird. Aber dadurch, dass ich mir keiner Schuld bewusst und auch nicht so regimekritisch war, hatte ich auch nichts zu verlieren. Mir war das egal, na gut, sollen die gucken, wie ich lebe und was ich sage. Ganz seltsam, heute würde ich sagen, das dürfen die doch nicht. Aber das hab' ich nicht hinterfragt. Wenn der Staat sagt, dies und das müsse er machen, dann wird er schon recht haben. Also so naiv war ich. Wie hast du studiert? Lehrer war immer mein Traumjob und ich wurde super gefördert. Ich habe im Studium erst ein Kind gehabt, dann zwei, das hat super funktioniert, weil wir die Bedingungen hatten. Also das Studium war spätestens um 18 Uhr zu Ende, und ich hab' immer noch Leute gehabt, die das Kind abgeholt haben. Nicht bis 20 Uhr, so wie das heute an der Uni ist. Ich hatte einen festen Plan und konnte mich drauf verlassen. Ich hatte 58 Ich hab' in Dresden studiert. Da haben wir gelernt in der Didaktik, dass es einen Lehrplan gibt. Da steht drin, dass man mit den Schülern den Schreibtisch besprechen muss und wie sie lernen. Das muss also erstmal ganz streng sein. Da haben wir gelernt, ja, auf dem Schreibtisch kann auch ein Blumenstrauß stehen und man kann auch einen Blumenstrauß malen, und dann kann keiner irgendwie sagen, sie hätten gegen den Lehrplan gearbeitet. Ich glaube, in der Kunst ist ein gewisser Freiraum auch notwendig. Nicht, dass ich da aufgewacht bin, aber da hab' ich schon gemerkt, okay, warum machen die das eigentlich so eng, warum muss das jetzt der Schreibtisch sein mit den Büchern? Im dritten Studienjahr an der Uni geht man entweder ein ganzes Jahr nach Russland, ein halbes Jahr oder vier Wochen. Ich bin ein halbes Jahr gegangen. In der Schulzeit hatten wir mal drei Wochen, da hatten wir schon einen Austausch. Alles toll, fast kostenfrei. Der Vater meiner Kinder war Offizier, also gut eingespannt, was Arbeit anging. Wir waren verheiratet, er hat in Neubrandenburg gelebt. Ich hatte in Dresden eine eigene Wohnung, sodass ich schon alleine klarkommen musste. Ich hab' die ––––– B i r g i t B a u m ga r t ––––– Entscheidung nach Russland zu gehen im dritten Studienjahr getroffen, und dass meine Tochter ein halbes Jahr bei meinem Mann lebt, weil ich das ganz wichtig fand, dass man in dem Land gewesen sein muss, wenn man eine Sprache lernt. Würde ich heute nie wieder machen. Das Kind war zweieinhalb. Ich will nicht sagen, dass es ein Trauma davon hat, aber es hat nicht verstanden, warum die Mutter nicht da ist. Ich glaube, die Bindung, die muss einfach da sein. Aber damals war es so. Ich hab' gedacht: Gut, der Vater ist auch verantwortlich. Hat der natürlich auch hingekriegt, super. Aber die Mutter war nicht da. Ich glaube, diese Verlustängste, dass meine Tochter die noch hat. Auch heute noch ist für mich die Frage: Hast du deshalb ein schlechtes Gewissen? Aber ich kann es nicht ändern. Ich hab' das halbe Jahr in Russland natürlich auch genossen. Wenn man alles schon hat mit richtiger Familie und Kind, und mit einem Mal wieder ein halbes Jahr nur studieren und schön ausschlafen kann. Also ich hatte ja so viele Freiräume, das war unglaublich. Meine Tochter hat sich auch ein bisschen mit Psychologie beschäftigt, sie studiert es jetzt auch noch. Ich hab' mit ihr darüber gesprochen, dass ich es heute nicht mehr machen würde. Mit zweieinhalb kann sie sich natürlich nicht daran erinnern, aber das heißt ja nicht, dass es nicht trotzdem da ist, sie hat es ja erlebt. Das ist eigentlich viel schwieriger, als wenn sie fünf gewesen wäre, und ich hätte mich mit ihr jetzt darüber unterhalten können, wie sie es damals gesehen hat. Also, ob sie mir verzeiht, weiß ich nicht. Ich hab' sie auch nicht danach gefragt, weil das ja auch Quatsch ist. Aber es ist ein Thema, was doch ab und an mal wieder hochkommt. Dann überlege ich: Mensch, warum hast du das eigentlich gemacht? Fehlte dir etwas und wenn ja, was? Manche Beschränkungen habe ich nicht verstanden, zum Beispiel, dass man manche Fragen nicht stellen durfte. Mein Vater war beim Zoll, wir durften also kein Westfernsehen sehen. Es hieß ja eigentlich, dass keiner so wirklich Westfernsehen sehen sollte, aber es haben ja alle gemacht. Ich durfte das also nicht und mein Papa hat das auch ganz ernst genommen. Wir waren mal, da war ich siebzehn, mit meiner Schwester, die war fünfzehn, in einem Heim, wo nur Zöllner waren mit ihren Kindern. Da waren wir natürlich mit den Jugendlichen zusammen. Da haben wir festgestellt, die haben alle geguckt. Das haben wir unserem Vater erzählt. Aber der blieb dabei: Nein, man hat das unterschrieben. Der war da so ganz preußisch. Ich hab' das aber nicht verstanden, warum man das nicht hätte machen dürfen. Lass ich mich jetzt so beeinflussen oder haben die was zu verbergen? Und so gab's manche Sachen. Warum dürfen wir nur nach Bulgarien fahren und nach Russland, aber nicht in westeuropäische Länder? Aber es war einfach so. Antworten darauf gab es nicht. Natürlich haben meine Eltern nie den Wunsch gehabt, nach Frankreich zu fahren. Die sind so groß geworden, dass sie das in jedem Falle akzeptiert und unterstützt haben. Wo ich das auch gemerkt habe, war bei meinem Onkel. Dessen Frau hatte einen Bruder, der im Westen war. Wenn diese Tante Geburtstag hatte, durften entweder wir sie besuchen oder ihr Bruder aus dem Westen. Man durfte sich da nicht treffen. Denn mein Vater durfte als Zöllner keine West-Kontakte haben. Ich hab' das dann auch abgehakt unter„absurd“, du wirst es nicht verstehen, du kannst es auch nicht ändern. Wobei ich habe das Konsum-Angebot im Westen auch sehen können. Ich habe mich trotzdem in der DDR wohl gefühlt. Ich war auch nicht so entmündigt, dass ich gesagt hätte: Oh, jetzt sehe ich das Kaufhaus und jetzt will ich auch da leben. Das war's gar nicht, denn ich hatte ja hier auch vieles, was mir gefallen hat. 59 ––––– B i r g i t B a u m ga r t ––––– Aber ich hab' schon gemerkt, dass man nicht immer selbstbestimmt leben konnte. Wenn man fertig war mit dem Studium, ist man eingesetzt worden als Lehrer. Man konnte sich den Ort nicht allein aussuchen. Ich hatte das Glück, dass ich längst verheiratet war, schon ein Kind hatte und mein Mann Offizier war in Neubrandenburg. Also mir war klar, dass ich nach Neubrandenburg kommen würde. Aber für die meisten, die keine Familie hatten im Studium, eben nicht. Man wurde nach dem Studium allerdings auch hundertprozentig eingesetzt, wir hatten keine Arbeitslosen. Was ich auch mitbekommen habe: Meine Mutter hat in einer Molkerei gearbeitet. Da gab's immer eine feste Bilanzzahl, die musste am Ende immer stimmen. Die musste übererfüllt werden, auch wenn es überhaupt nicht so war. Man musste nur rechnen, dass man auf diese Zahl kam, und da hab' ich gedacht: Das ist aber komisch, das funktioniert doch am Ende gar nicht. Aber wenn alle das so machen, muss es ja funktionieren, sonst würde man ja nicht so arbeiten. Und lange hat das System ja doch noch irgendwie funktioniert. Und wie ist das heute für dich? Ich hätte gern die Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, eigenen Interessen nachgehen zu können. Es hat in der DDR nichts gekostet, wenn man Sport gemacht hat, wenn man Musik gemacht hat, das war selbstverständlich. Heute macht man solche Möglichkeiten am Geld fest. In anderen Ländern, soviel ich weiß zum Beispiel in Dänemark, die bezahlen zwar mehr Steuern, aber die sozialen Angebote sind da ganz anders. Man hat die sozialen Unterschiede nicht so gravierend gespürt wie heute. Wenn ich heute in meinen Museums-Kursen Fünfjährige vom Schweriner Dreesch habe, einem sozialen Brennpunkt, sind die Kinder durchaus anders als Fünfjährige aus der Kita„Schlossgeister“ aus dem Schlossgarten-Viertel, weil die Familie vom Dreesch es oft nicht leisten kann. Weil der Staat es vielleicht am Ende auch nicht will. Wenn ich da eine Kita habe mit zwanzig Kindern und ich bin alleine, dann reicht es nicht aus. Bei den„Schlossgeistern” reicht es aus, weil alle aus bürgerlichen oder gutbürgerlichen Verhältnissen kommen. Die haben schon eine Kultur in sich. Auf dem Dreesch müssten es im Prinzip zwei Leute sein, und das ist wieder gar nicht möglich, es ist nicht auf die Bedingungen zugeschnitten. Und in der Schule geht das ja weiter. Jetzt mit der Wende habe ich verstanden, was Freiheit und Demokratie bedeuten. Ich kannte es nicht, ich genieße das sehr. Mir ist schon klar, dass ich jetzt viel mehr sagen kann, viel mehr denken kann, auch in verschiedene Richtungen denken kann. Das war vorher undenkbar. Es war einfach kein Raum, anders zu denken. Deshalb bin ich früher auch selten auf Ideen gekommen, anders zu denken. Und das kann ich jetzt. Ich hab' einfach so eine Riesenwelt, in der ich mich informieren kann und selbst sehen kann, wie andere leben. Das finde ich schon toll. Ich finde, dass wir heute selbstbestimmter leben, auch mehr eigenverantwortlich sind. Das nimmt einem der Staat nicht ab, sondern das muss ich selbst machen. Aber natürlich mit den Unsicherheiten, die man hat. Man kann nicht sicher sein, was nach dem Studium passiert, ob man eine Arbeit kriegt. 60 Ich hätte mir eine Diskussion über unsere Kultur und unsere Werte in der DDR gewünscht, es wurde ja im Prinzip alles platt gemacht. Ich war mal mit westdeutschen Kollegen in Japan. Da war eine japanische Dolmetscherin, die war schon in Schwerin. Da hab' ich meinen sechs Kollegen natürlich gesagt, hej, anders als ihr war die schon in Schwerin. Irgendwie kamen wir dann darauf, und ich hab' gesagt, ja, wir im Osten haben doch verloren. Die Kollegen taten erstaunt: Birgit, das kannst du so nicht sagen. Doch das kann ich so sagen. Das ist denen gar nicht bewusst, weil sie ja nichts aufgeben mussten. Im Gegenteil, sie mussten vielleicht noch was abgeben, was auch noch Verlustgefühle hervorrief. Aber dann denke ich immer, es ist schon schwierig, und es ist ja alles falsch gewesen, was wir vorher hatten, und damit wird ––––– B i r g i t B a u m ga r t ––––– ja auch so ein bisschen eigene Identität in Frage gestellt. Aber man hätte auch Werte von der BRD in Frage stellen können. Man lernt nicht aus Geschichte, dazu lebt der Mensch zu kurz. Drei Generationen weiter machen sie wieder dasselbe. Ab wann kündigte sich für dich die Wende an und wie? Ich glaube mal, bei mir war das weil, dass ich Russisch studiert habe, mit der Perestroika. Ich war 1988 das halbe Jahr in Russland, wo ich gesehen habe, wie offen man mit einem Mal Probleme anspricht, dass das möglich war, und wenn das da möglich ist, dann sollte das ja bei uns auch möglich sein. Da weiß ich, dass die Russisch-Abteilung auch immer so ein bisschen Vorreiter war, wenn es um Ideen ging, weil wir genau wussten, dass es in Russland eben auch schon so war. Die Solidarność-Bewegung in Polen Anfang der 1980er war uns noch sehr suspekt. Das war einfach zu viel, was die da wollten. Vielleicht haben die Russen das damals auch noch flach gehalten. Aber wenn sie es selbst machen, war das ein Zeichen. Insofern hat dieser Gorbatschow, was immer der auch für Fehler gemacht hat, aber der hat so viel in Gang gesetzt. Haben die jüngeren Bürgerinnen und Bürger der DDR den Überwachungs-Staat schon als weniger bedrohlich empfunden? Ich hab' jetzt nicht gemerkt, dass sich alles irgendwann ab 1987 geändert hat. Das war viel zu starr. Ich glaube, es kommt auch immer drauf an, in welcher Umgebung man groß wird, wie wach man sich dem nähert, was um einen herum passiert, und inwiefern man das akzeptiert. Man kann auch nichts dafür, wenn man so groß wird. Was hast du aus deinem Leben in der DDR an Gedanken und Gefühlen in die deutsche Einheit mitgenommen? Es gibt Situationen, in denen ich meine Entwicklung mit der meiner Kinder vergleiche, zum Beispiel die Ausbildung. Ich wurde in meinem Berufswunsch sehr unterstützt: kostenfreies Internat neunte bis zwölfte Klasse ein Platz im Studentenwohnheim in Dresden, dann Wechsel des Studentenwohnheims für Studierende mit Kindern. Heute ist alles eine Frage von Eigenverantwortung und finanziellen Mitteln. Ich hab' natürlich auch von der Ausreisewelle gehört. Dadurch, dass ich in Dresden war, habe ich schon die Demonstrationen mitbekommen, an denen ich nie teilgenommen habe. Allerdings hatte ich da auch ein Kind. Wir hatten auch Dozenten, die uns gewarnt haben, wenn man auf dem Pulverfass sitzt, dürfe man nicht noch mit der Kerze spielen. Das leuchtete mir auch ein. Ich hab' jetzt nicht gesagt, ihr könnt doch nicht demonstrieren! Ich hab' einfach gedacht, okay, das muss man sehen, wenn das so viele wollen, dann ist das schon irgendwie wichtig. Aber ich hab' die Dimension so nicht erkannt. Man kann auch nicht immer alles aufs Spiel setzen, das kann man heute schnell sagen. Traust du dem Kunst- und Kulturbereich heute eine vergleichbare gesellschaftliche oder politische Bedeutung zu? Da ich zur Zeit der Wende Studentin war, kann ich den damaligen Kunst- und Kulturbereich nur aus Nutzersicht einschätzen. Ich denke, vieles aus dem Kunst- und Kulturbereich wurde von den Bürgern genutzt, freiwillig oder gelenkt. Heute trifft jeder Bürger die Entscheidung ganz allein, ob er Kunst und Kultur in seinem Leben braucht. Leider entscheiden sich auch viele dagegen oder gehen einmal im Jahr ins Theater oder in ein Museum. Für alle, für die Kunst und Kultur zum Leben gehört, eröffnet sich in den Häusern eine große Kraft, gesellschaftliche Themen diskutieren zu können. Also ergibt sich für mich die Frage, wie schafft man es, dass Kunst- und Kultur für alle als wertvoll und lebenswichtig wahrgenommen werden. 61 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– Ingolf Drabon „Wenn du Facharbeiter für Nachrichtentechnik bist, ist es schon ein bisschen schwerer, als Künstler revolutionär zu sein.“ Bildquelle Ingolf Drabon(2.v.l.) 62 1958 geboren in Halle/Saale, 1965- 1975 Schule, 1975- 1978 Berufsausbildung mit Abitur. Nach dem Studium der Informationstechnik und Betriebsprojektierung Arbeit als Ingenieur. Seit 1990 Aufbau der Musik- und Kunstschule„Ataraxia“ in Schwerin, wo er noch heute als Lehrer tätig ist. ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– Es war dem in der DDR zum Fernmeldemechaniker und Informationstechniker/Maschinenbauer Ausgebildeten nicht in die Wiege gelegt, dass er einmal der Gründer der Musikschule„Ataraxia“ in Schwerin sein wird und seine Schülerinnen und Schüler Preise bei bundesweiten Musikwettbewerben gewinnen. Eine Menge„Verrücktheit“ und Mut zu innovativem Lernen und Lehren gehören für den SelfmadeMusiker schon dazu. im Bodenturnen. Er hatte also die entsprechende Figur eines Turners: muskulös ohne Ende, vollkommen fettfrei, eine Figur wie so ein Ypsilon, ein Traum, nicht so groß. Er spielte Gitarre und um ihn rum saßen die Mädels. Ich war irgendwie so fasziniert von allem, und da hab' ich mir von ihm die Gitarre geborgt und hab' mir selber mit sechzehn das Gitarrespielen beigebracht. Ich finde ja aus heutiger Sicht, es ist nicht so viel dran am Gitarrelernen. Als Lehrer würde ich vielleicht ein halbes Jahr brauchen, um einem halbwegs talentierten und halbwegs fleißigen Menschen das beizubringen. Wie gesagt, dieser Harald konnte wirklich nur zwei Akkorde und spielte Lieder wie„Lady in Black“ und„Heart of Gold“. Aber wenn du selbst nüscht kannst, macht selbst das Eindruck. Bis zu meinem 16. Lebensjahr hatte ich wirklich nichts, aber auch rein gar nichts mit Musik zu tun, wenn man mal absieht von Kassettenaufnahmen und Westschallplatten, die ich nicht hatte, die meine Freunde hatten. Den Kontakt durfte ich eigentlich nicht haben. Ich erinnere mich dunkel, dass ich im zarten Alter von 16 Jahren dafür Backpfeifen von meiner Mutter bekam. Der Musikunterricht in der Schule war eher ein Un-Unterricht. Wir haben die Musiklehrerin oder den Musiklehrer wirklich drangsaliert teilweise. Es war der chaotischste Unterricht, an den ich mich erinnern kann. Zwei, drei Volkslieder hat man da vielleicht besprochen, gesungen wurde bei uns nicht so viel. Eine Gitarre war so ziemlich das Erste, was ich mir gekauft habe, als die Grenze offen war. Die gab's ja ganz, ganz schwierig, solche Instrumente. Immer, wenn ich in irgendeiner Stadt war, bin ich als erstes in einen Musikladen und hab' gefragt, haben Sie Saiten, haben Sie Instrumente? Instrumente hast du nicht gekriegt. Die wurden zwar in der DDR produziert, die gingen aber alle in den Export. Was übrig blieb, war zweite Wahl. Aber manchmal blieb etwas übrig. Es gibt so skurrile Sachen, das ist jetzt ein bisschen durcheinander, aber wir hatten zum Beispiel in einer Band, so'ne Folkband, das war nach meinem Studium, eine Geigerin, der ist der Geigenbogen zerbrochen. Eine Geigerin ohne Bogen- ist immer schlecht. Um einen Geigenbogen zu bekommen, brauchte man eine sogenannte Freigabe vom Stadtkabinett für Kulturarbeit oder wie das hieß. Diese Freigabe hat sie gekriegt, aber die Wartezeit auf einen Geigenbogen die war: sieben Jahre. Dann kam ich nach Schwerin und da habe ich Berufsausbildung mit Abitur, zweiter Bildungsweg, gemacht. Das ist für mich heute noch witzig: Ich kam im Lehrlingswohnheim an, und da war so ein kleiner Park mit fünf, sechs Parkbänken. Auf der einen Parkbank saß ein späterer Kommilitone von mir, mit dem ich zusammen dann Beruf und Abi gemacht hab', Harald Kühne. Der war abgebrochener Europameister Ihr habt also ganz schön massiv den Mangel zu spüren bekommen? Mir ging's mal so ähnlich, viel später, mit einer Klarinette. Da ist mir das Mundstück kaputt gegangen. Keine Chance auf ein Klarinettenmundstück. Was man aber machen konnte, was auch oft funktioniert hat, wenn man sich nicht zu doof 63 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– angestellt hat: Man hat in Markneukirchen 1 angerufen und hat gesagt, ich brauch' ein Klarinettenmundstück. Oder die Geigerin hat angerufen und gesagt, ich brauch' einen Geigenbogen, sonst kann ich nichts machen. Dann haben die in Markneukirchen das auch irgendwie möglich gemacht. Also vieles funktionierte auch in dem Sektor, was Instrumente anbelangt, ein bisschen über Beziehungen. Ich habe, soweit ich mich erinnern kann, nicht ein Instrument gekriegt, was nicht über Beziehungen gegangen ist. Ich hatte am Anfang auch keine eigene Gitarre, die hab' ich mir immer geborgt, von den zwei, drei Leuten, die eine hatten. Dann stellte sich raus, dass ich eine Tante hab', die Kindergärtnerin war. Kindergärtnerinnen mussten ja auch immer Gitarre spielen. Die machte das nicht mehr, und dann kriegte ich von der die Gitarre. 1977 war ich in Ungarn mit meiner damaligen Freundin. Da habe ich den ersten Laden meines Lebens gesehen, der voll hing mit Gitarren. Das war unfassbar für mich. Das ist heute noch so. Wenn ich in einen Laden gehe und was brauche fürs Instrument, und der Verkäufer sagt zu mir: Das habe ich nicht da, ich bestelle das und es ist in vierzehn Tagen da. Und die entschuldigen sich bei mir dafür. Dann sage ich immer: Weißt du, ich habe fünfzig Jahre auf das Mundstück gewartet, jetzt kommt es auf die vierzehn Tage auch nicht an. Das ist immer noch ganz komisch für mich, dass die Läden voll sind, überquellen. Viele haben sich jetzt auch hier an diesen Überfluss gewöhnt und finden, dass nicht genug Überfluss da wäre. Welche Ausbildung hast du gemacht? Heute würde man sagen Fernmeldemechaniker, später habe ich sogenannte Übertragungstechnik gemacht und Rundfunktechnik. Während dieser Ausbildung gab es den sogenannten Singeklub. Das war die Möglichkeit, etwas im Ensemble zu machen. Da durfte ich dann Musik machen: zwei 64 Gitarristen, zwanzig Sänger, die mehr oder weniger schlecht - es gab aber auch sehr gute- was intonierten. Politisches Lied halt und linientreu. Bisschen später, nach der Ausbildung, hab' ich Reinhard-Mey-Lieder mit einem Freund gemacht, das ist auch eine kleine Geschichte für sich. Aber um das von eingangs zu Ende zu bringen: Ich hab' mir selber das Gitarrespielen beigebracht. Ich hab' ein bisschen Bass gespielt und versucht, im Singeklub zu spielen, so gut ich als Autodidakt es konnte. Es gab auch mal den Versuch, im Unterrichtskabinett Bass-Unterricht zu nehmen. Der Basslehrer Reinhard Wolter war ein„Skiffle“. Diese Truppe war DDR-weit berühmt, teilweise auch europaweit. Der nahm in der ersten Stunde seinen Bass und spielte mir was Tierisches vor und überforderte mich gleich. Aus meiner Sicht heute würde ich wahrscheinlich drüber lachen. Es ist wirklich nicht weitergekommen als bis„The House of the rising Sun“. Das spiel ich noch so und verschiedene andere Sachen auch. Aber bei Reinhard-Mey-Liedern, da hört es eben auch schon langsam auf. Also klassische Gitarre und so, das hab' ich alles nicht gemacht. Dann kam ich zur Armee und hatte großes Glück. Da haben andere viel später noch Tränen in den Augen gehabt. Wenn im Studium meine Kommilitonen erzählt haben von ihrer Armeezeit, das war teilweise schlimm. Ich hab' da Schwein gehabt. Der Nachrichtentechniker als Fachmann, wir haben uns hinter die Technik gelegt und geschlafen und die anderen waren im Dreck da draußen. Ich bin aber auch sehr linientreu erzogen worden. Speziell mein Vater war – das ist halt auch so meine Geschichte – eine „rote Socke“, aber richtig, nicht ein bisschen. Mit achtzehn dachte ich, jetzt verbessern wir mal die Welt. Wie das so ist in dem Alter. Und wo kannst du das? In der SED. In der SED war man ein Jahr lang Kandidat. Erst dann wurdest du aufge1 Markneukirchen war das Zentrum des Musikinstrumentenbaus in der DDR. ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– nommen. Du bekamst einen sogenannten Kandidatenauftrag. Wenn du den erfüllt hast, konntest du in die SED aufgenommen werden. Meine Kandidatenzeit fiel in mein erstes Armeejahr. Ich hatte als Auftrag, in meiner Kompanie was Kulturelles zu machen, weil die wussten, dass ich ein bisschen Gitarre spiele. Das ist ja nicht das Schlimmste. Ich hatte einen Freund, der wiederum war der Sänger, denn ich bin nicht so der Sänger. Da haben wir zusammen bei der Armee einen Reinhard-MeyLiederabend gestaltet. Man ist manchmal überrascht, was alles so geht. Wir haben wirklich nach dem Motto„Frisch, fromm, fröhlich, frei- Prost, es lebe die Partei“ solche Texte wie die„Diplomatenjagd“ und„Alles, was ich habe, ist meine Küchenschabe“ und natürlich„Über den Wolken“ gesungen. Also dafür liebe ich Reinhard Mey heute immer noch. Langer Rede, kurzer Sinn: Wir haben das vor Offizieren gespielt und alle waren glücklich und zufrieden und lobten uns. Dabei war es eigentlich wirklich politisch, man kann sagen: heikel. Es war übrigens auch lustig, wie wir an die Noten herangekommen sind. Wo mein Freund die her hatte, das weiß ich nicht mehr. Wir mussten das einfach irgendwie kopieren. Das war sehr konspirativ, weil das verboten war. Da gab es diese Thermokopierer, wo jedes einzelne Blatt dokumentiert werden musste. Du konntest nicht einfach Kopierpapier nehmen, sondern du musstest aufschreiben„zehn Blatt für den Beschluss des 10. Parteitages“ oder so. Sowas hat meine Mutter auch rein geschrieben auf ihrer Arbeitsstelle. Sie war bei der Deutschen Post und sie kopierte uns das. Aber es war schon krass, was für Ängste wir ausgestanden haben, um die Noten zu kopieren. Aber den Offizieren, die zuhörten, musste das doch alles klar sein, oder? Manchmal ist es anders, als man denkt. Das war denen, glaube ich, wurscht. Mir selbst war in dem Moment auch nicht so bewusst, dass das im DDR-Sinne vollkommen unkorrekt war. Reinhard Mey macht, aus meiner Sicht heute, zutiefst menschliche Texte. Sie sind durch die Menschlichkeit in gewisser Weise auch hoch politisch. Nicht wie Wolf Biermann; Biermann ging mir immer einen Schritt zu weit. Ich war nie ein Revoluzzer oder sowas. Ich war immer mehr an menschlichen Sachen interessiert. Wenn Biermann spricht, das tut mir weh. Wie der spricht, wie der sich artikuliert und das alles wichtig nimmt, der Habitus, den er hat. Manchmal ist es auch in diesem künstlerischen Sektor nicht so schwer, so zu sein. Im wirklichen Leben, wenn du Facharbeiter für Nachrichtentechnik bist, ist es schon irgendwie ein bisschen schwerer, revolutionär zu sein als Künstler, als Theatermann. Ich habe mir zwar weniger einen Kopf über die Texte gemacht, als wir vor den Offizieren gespielt haben – ich war da knapp zwanzig Jahre alt. Aber ich bekam schon mit, dass das mit der ganzen SED und so Blödsinn ist. Aber ich war noch knapp zehn Jahre in der SED. Einer meiner heute ältesten Freunde war auch in der SED. Wir waren in der Partei immer mehr so die intellektuellen Spinner. Ich weiß nicht, ob in der Partei jemand wirklich so richtig aktiv war. Also, ich hab' die Parteiversammlungen eher als langweilig empfunden. Es ist auch nicht mein Ding. Wie sagt Reinhard Mey. Ich glaub', ich tret' in keinen Verein ein. Aber das ist jetzt auch meine spezielle Persönlichkeit. Ich bin lieber da aktiv, wo ich was erreichen kann. Ich arbeite zwölf Stunden, vierzehn Stunden, sechzehn Stunden am Tag für mein Fach. Das stört mich nicht. Damit kann ich das meiste für mein Umfeld, vielleicht für die Stadt, vielleicht so ein bisschen fürs Land machen. 65 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– Ich habe dann studiert, was man heute Informatik nennen würde. Ich war kein guter Student, es hat mich nicht so interessiert. Ich bin da irgendwie durchgekommen, kein Ruhmesblatt. Ich hab' auch nochmal Maschinenbau postgradual studiert, das war es aber auch nicht. Offiziell bin ich jetzt Diplom-Ingenieur für Informationstechnik. Jedenfalls hatte ich während dieses Studiums eine Folkband. Damit habe ich teilweise mein Studium finanziert. Ich habe hauptsächlich Folkmusik gemacht mit der Gitarre. Ich habe aber auch Kontrabass, Bandoneon und Querflöte gespielt. Alles selbst beigebracht, aber alles auf niedrigem Niveau. Wir haben solche Textzeilen gesungen wie„Lustig, lustig, ihr lieben Brüder, legt alle eure Arbeit nieder und trinkt ein gutes Glas Champagnerwein. In Lübeck habe ich jetzt angefangen, nach Hamburg steht stets mein Verlangen, Bremen möchte ich gern mal wiedersehen“ 2 Solche Sachen. Das war wie eine Nische, und da habe ich auch den Ralf Gehler 3 kennengelernt. Andere haben vielleicht einen Kleingarten gehabt und wir hatten halt unsere Folklore. Wir waren keine Revoluzzer, alle nicht. Manchmal hat man ein schlechtes Gewissen. Nee, schlechtes Gewissen stimmt nicht. Aber wenn ich an die Familie meiner damaligen Frau denke, die waren halt kirchlich. Die waren aber einfach nur kirchlich aus Traditionsgründen, und die waren natürlich nicht in der SED. Ich bin halt kommunistisch-sozialistisch erzogen worden, komme aus einer anderen Tradition, um irgendwann nachher sicherlich zu begreifen, also das ist ja hier ein Haufen Blödsinn. Wir haben mal ein Konzert an der Hochschule gehabt, da waren alle Parteisekretäre von allen Hochschulen da, da haben wir solche Sachen gesungen, und das ging. 66 Also schon künstlerische Freiheit irgendwo? Probleme hatte ich deswegen keine. Wir waren ja diese linken Intellektuellen und ich habe überhaupt nicht nach politischer Correctness gefragt. Ich hatte eigentlich nur ein einziges Mal ein Problem. Das hatte aber nüscht mit Musik zu tun. Ich hatte ´ne gute Bekannte, mit der ich oft zusammengesessen und philosophiert habe. Sie hatte einen Ausreiseantrag gestellt. 1987 bin ich in Wismar komplett abgebrannt und brauchte eine neue Wohnung und kriegte keine. Dann sprach mich hinter vorgehaltener Hand die Gewerkschaftsvorsitzende meines Betriebes an: Du hast die falschen Freunde. Deshalb kriegte ich keine Wohnung im Arbeiterwohnheim. Also ich habe keine Beschränkungen im großen Sinne bemerkt, überhaupt nicht. Bei einer Veranstaltung bei den Parteisekretären kam mal ein betrunkener Typ auf uns zu und erzählte, er verstehe das gar nicht, wir würden so dufte Sachen machen, warum er uns überwachen soll. Ich weiß nicht, ob das nun ein Wichtigtuer war oder ob der sich einfach- betrunken wie er war- geoutet hat. Das war ein Stasimann, den kannten wir aber nicht. Stasimenschen konnte ich natürlich nicht erkennen. Ich weiß nicht, wie viele Aktive das so waren. Es gibt sicher so Fälle wie Wolfgang Schnur, 4 der war an der Hochschule Wismar, die wirklich Täter waren. Aber in meinem direkten Umfeld kenne ich nur einen Einzigen, von dem ich eben berichtet habe, der wirklich offensichtlich Täter war. Über die Kirche gab es so Gruppen, die Rollenspiele gemacht haben, um zu üben, wie sie reagieren sollen, wenn sie gefragt werden. Wir waren jetzt nicht geschult, aber uns hat ein älterer Pfarrer, der schon ein Leben gelebt hat, geraten zu sagen, „Ich kann einfach nicht konspirativ arbeiten, das kann ich nicht“. Dann haben sie einen in Ruhe gelassen. Wenn man 2 Der Text stammt aus einem Lied der Gruppe„Wacholder“. 3 Siehe das Gespräch mit Ralf Gehler in diesem Band. 4 Wolfgang Schnur(1944 – 2016), Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs. Wurde als langjähriger Stasi-Mitarbeiter enttarnt. ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– wirklich gewollt hat, dann ist man da auch weggekommen. Da hab' ich meine persönliche Erfahrung, weil ich nach der Armee zum Zoll geworben worden bin. Das war eigentlich eine lebenslange Verpflichtung, 25 Jahre, wie bei der Armee. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat, da war ich noch so in der Hoffnung, die Dinge ändern zu können. Ich war unterm Strich sechs Wochen da. Das war in Leipzig. Drei Wochen war ich da, um festzustellen, dass ich mich irgendwie derartig geirrt hab'. Dann hab' ich drei Wochen lang Verhöre über mich ergehen lassen. Das war sicherlich noch mal ein anderer Schnack. Da wurde ich jeden Nachmittag hinbestellt. Da hieß es dann:„Mein lieber Freund, du wirst fürs Vaterland was tun.“ Und ich meinte: Kann ich nicht, mach' ich nicht, mich widert das hier beim Zoll an. Nach drei Wochen musste ich unterschreiben, dass ich fünf Jahre lang nicht in ein an ein kapitalistisches Ausland angrenzendes Land fahren darf, also nicht mal nach Ungarn, weil das an Österreich grenzt. Im ersten Studium haben sie mich auch nicht nach Ungarn gelassen, mein Visum wurde abgelehnt. Ich bin aus der SED ausgetreten, vor der Wende noch, es wurde immer schlimmer, sozusagen. Ich nehme also mein Parteibuch, lege das der Parteisekretärin hin und hab' zu der gesagt, tut mir leid, das ist nicht mein Ding. Irgendwann ist der Leidensdruck so hoch, man denkt, was soll denn das alles hier, das ist ein Blödsinn, ein Blödsinn, ein Blödsinn, so geht's nicht weiter. Dann hat die doch zu mir gesagt, ja, Herr Drabon, das sehen wir mittlerweile genauso. Kündigte sich die Wende für dich irgendwie an? Die Wende kam immer näher, wir hatten aber alle irgendwie die Vorstellung gehabt, dass man die Dinge irgendwie verändern oder verbessern kann. In meinem Umfeld wollte keiner den Westen. Wir wollten natürlich diese Reisefreiheit und das alles, klar. Viele haben dann immer gesagt, es gibt nichts Besseres, man muss es so akzeptieren, wie es ist. Aber ich denke, auch hier kann man noch'ne Menge verändern und verbessern. Ich hab' kurz vor der Wende gekündigt und war einer der ersten Arbeitslosen in Schwerin. Es gab noch kein Arbeitslosengeld, das kam erst später. Ich war frisch verheiratet, meine Frau hat Musik studiert in Schwerin, Querflöte. Abitur machen durfte sie zuerst nicht, es gab immer so Übereifrige. Da hat der Vater eine kurze sogenannte Eingabe an den Staat geschrieben und die haben zurückgeschrieben, sie darf jetzt Abitur machen. Aber dann wollte sie nicht mehr. Musik hat man schon mit sechzehn studiert, man musste nicht Abitur machen. Sie hat dieses Musikstudium gekriegt, das war relativ politfrei, künstlerische Studien. Ich fand jetzt auch keine Arbeit so schnell. Am 1. Januar 1990 war ich arbeitslos. Also was machen wir? Sie hat das Studium, aber da gab's auch Probleme, weil die Musikschule, die hat rumgesponnen, wollte nur noch das Beste vom Besten. Wenn man das Musikstudium nicht mit 1,0 gemacht hat, kriegt man an so'ner Einrichtung wie dem Konservatorium von Schwerin keine Arbeit. Das ging da schon so los. Meine Frau sagte, ich mach' Privatunterricht. Das war noch die Übergangszeit, da waren noch die alten Herrschenden im Amt. Ich hab' gesagt, so ein Quatsch, Privatunterricht, das ist totaler Blödsinn. Dann machen wir eine richtige Musikschule. Und sie hat gesagt: Mach' mal! Ich war am Anfang bei diesen ganzen Stadtoberen, Stadtrat für Kultur. Die haben uns ausgelacht. Wisst ihr was, die nehmen da fünf Mark pro Stunde, wie wollt ihr denn davon leben? Und von Räumen ganz zu schweigen. Da waren wir noch beim Stadtrat für Wohnungs- und Raumfragen wegen Räumen für eine Musikschule. Die hatten zwar Verständnis und gaben uns Räume. Aber das kannst du dir nicht vorstellen, Räume, die unter Wasser standen, da waren Bretter drüber gelegt. 67 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– Wie ging das dann weiter? Die ersten Räume der Musikschule haben wir im Grunde illegal besetzt. Für die Musikschule war das wichtigste, Mitstreiter zu suchen. Ich hab' die ganze Musikszene abgeklappert und hab' gesagt, Leute, geht bei Ataraxia arbeiten. Ob das nun Sylvia Schubert und Reinhard Lippert und die ganze so ein bisschen alternative Musikszene war, nicht die Staatskapelle, sondern diese Leute von„Skiffle“ und so. Wir haben schon angefangen, bei uns im Wohnzimmer zu unterrichten. Wir hatten diese zwei Räume am Ziegenmarkt illegal besetzt und ich hab' ein bisschen Früherziehung gemacht und Gitarren-Unterricht gegeben und anfangs Blockflöten-Unterricht. Das war spannend. Es gab die Nachfrage nach was anderem als dem Konservatorium, denn aus heutiger Sicht geht das so nicht mehr: Der Schüler muss üben und wenn er nicht übt, fliegt er raus. Wir wurden anfangs belächelt ohne Ende. Irgendwann lud mich der Leiter vom Konservatorium damals ein, und wir wurden derart von oben herab behandelt. Mittlerweile ist ja„Ataraxia” größer als das Konservatorium, hat zwei- oder dreihundert Schüler mehr. Aber an Fördergeldern kriegen wir ein Fünftel von dem, was das Konservatorium kriegt. Also ich hab' da die volle Breitseite gekriegt sozusagen, auch von der Stadt. Der Winfried Petersen, der war Domkantor und in der SPD verantwortlich für die Kultur, sagte mir einmal: Herr Drabon, ich finde das unmöglich, was Sie machen. Sie erpressen förmlich die Stadt mit Ihrer Musikschule. Richtig böse, richtig wütend. Wir hatten da schon 800 Schüler. Die setzen eine Stadt schon unter Druck. Das sind 1.600 Eltern, 4.800 mit Oma und Opa und Geschwister noch. Wir haben auch mal, 1995 oder 1996, die Dezernentenrunde der Stadtverwaltung gestürmt. Davon gibt’s ein Foto in der Schweriner Volkszeitung, wo der Bürgermeister Johannes Kwaschik mich am Schlafittchen packt. Ich mit dem Sopran68 saxophon, montags um zehn. Dann haben wir eine Erklärung verlesen, weil„Ataraxia” wieder Gelder gestrichen werden sollten. Drei, vier Jahre später, da war er immer noch Bürgermeister, haben wir uns wieder vertragen. Manche Leute streiten sich, ob das eine gute Aktion war oder nicht, es wird dann immer mit mir personifiziert. Ich hab' aber nie undemokratische Sachen gemacht. Wenn die Kollegen gesagt hätten, das machen wir nicht, wäre es nicht gelaufen. Da haben wir ein Stückchen weit Sozialismus gelebt, so wie wir uns das eigentlich vorgestellt haben. Ich sag' heute, 51 Prozent von dieser Aktion waren richtig. Wenn Leute meinen, es wäre nicht richtig gewesen, sage ich, das müsstest du mir erst noch beweisen. Ich kann beweisen, dass„Ataraxia” immer noch lebt. Jedenfalls unterrichtete ich damals ein bisschen Gitarre am Anfang, und ich wollte auch ein bisschen Saxophon lernen. Wir hatten einen Saxophonlehrer, Holger Reschke, der ist heute der Chef der Schule der Künste. Bei dem hatte ich auch mal eine Stunde Unterricht. Da war das wieder so, ich hab' da immer Pech gehabt: Der legte mir Noten hin, das Saxophon von oben bis unten durchspielen, ich hatte überhaupt keine Ahnung von dem Teil, in einem irrwitzigen Tempo. Das erste Stück, das ich aufkriegte, war ein Titel von Charlie Parker. Nee, hab' ich gesagt, aus meiner Sicht keine Pädagogen, keine pädagogische Ausbildung. Ich behaupte einfach mal, so wie ich das mache, das funktioniert. Ich habe da ein Motto: Können macht Spaß, Spaß macht Können. Das ist so ein Wechselspiel. Jedenfalls nahm ich mir dann wieder das Saxophon und fing an, mich ein bisschen dran abzuarbeiten. 1993 passierte Folgendes: Die Musikschule eröffnete offiziell. Da gab's uns aber als„Musikschule Drabon” schon eine Weile. 1991 gründeten wir im Februar den Verein„Die Kammer e.V.“. Also erst war's Musikschule Drabon, dann wurde es schon mehr, dann kriegte ich ABM-Stellen. Wir hatten dann ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– auf einen Schlag mit dem Tag der offenen Tür 600 Schüler. Es war schon irgendwie der Bedarf da. Manchmal ist es ja nicht nur die Frage, was hast du für eine Idee, sondern bist du zum richtigen Zeitpunkt mit der Idee da. Das war so ein politisch vollkommen diffuser Raum. Keiner wusste, was ist eigentlich los hier, was geht, was geht nicht. Ich musste 1999 einmal vor dem Kulturausschuss im Landtag berichten, wie das ist als alternative, als freie Musikschule. Der erste Satz, den ich gesagt habe, war:„‘Die Kammer’ ist ein Unfall der Geschichte und hätte so nicht passieren dürfen.” Es ist schade, dass es heutzutage nicht mehr passieren kann. Du würdest es heute nicht mehr schaffen. Abgesehen davon ist der Markt jetzt auch abgegrast. Manchmal finde ich das schade, das System für die staatliche Förderung. Ich habe auch versucht, das zu beackern, dass man nicht institutionell, sondern leistungsmäßig fördert, dass man so ähnlich wie bei Ärzten ein Punktesystem hat. Das ist natürlich auch nicht ganz gerecht. Aber dann gibt es einen Topf, da ist die Zahl X drin, da hat das Konservatorium zum Beispiel so viel und„Ataraxia” so viel Punkte, und dann wird das entsprechend verteilt. Das Problem ist, als ich früher diesen Vorschlag gemacht habe, also leistungsorientiert zu fördern, da war die erste Reaktion:„Sie wollen doch nur das Konservatorium platt machen.“ Ich hab' dann nur gesagt,„Ataraxia” hat 800 Schüler. Auch der damalige Finanzausschuss-Vorsitzende in der Schweriner Stadtvertretung, ein Verwandter meiner Ex-Frau, sagte, ihr mit eurer Musikschule, das wird nichts, haha, ihr kriegt nie Geld. Die haben sich halb totgelacht. Ich sehe es jetzt positiv, ich hab' dazu meinen Abstand. Das ist nur eine Geschichtsdarstellung, keine Wertung sozusagen. Aber wenn du mal guckst, es klingt zwar blöde, aber die oberen Zehntausend der Gesellschaft, die den Staat mit ihrem Wissen, Können, den Fähigkeiten tragen, also nicht die, die zur Arbeit gehen, ordentlich ihre Arbeit machen, das Lager immer aufgeräumt und so weiter, da sind ganz, ganz viele, die irgendwie eine instrumentale Ausbildung haben, wo das irgendwie mit dazu gehört. Meine eine Tochter, die hat in Stanford in den USA Biologie studiert und spielt im Stanford-Symphonie-Orchester die erste Flöte. Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem, was du später machst und musikalischer Bildung oder Sport. In meiner Abiturklasse zum Beispiel waren ganz viele Sportler, die aus gesundheitlichen Gründen aufhören mussten. Wir hatten einen Junioren-Europameister im Bodenturnen, wir hatten den Vize-DDR-Meister im Hammerwerfen, wir hatten eine Weltmeisterin im Flossenschwimmen, wir hatten Handballspieler von Post Schwerin, zu DDR-Zeiten eine große Mannschaft, wir hatten einen DDR-Straßenrad-Meister, Kanuten und so weiter. Die Postfachschule war so eine Schule, das wurde auch staatlich bestimmt, das wurde gedreht, den Sportler, den will man hier halten, dann kann der hier spielen, das war wie eine professionelle oder halbprofessionelle Ausbildung, die haben auch das Abitur bekommen. Nochmal eine andere Frage: Als du dich Richtung Musik entwickelt hast, wie haben das deine Eltern als überzeugte DDR-Bürger gesehen? War das ein Konfliktstoff? Man muss dazu sagen, als ich in Schwerin ankam und das mit der Gitarre anfing, da begann mein anderes Leben. Ich sag' wirklich heute noch, wenn ich von Halle rede und so, das war mein erstes Leben. Das war dieser typische Fall, ich hab' mich da vollkommen losgesagt. Wir hatten noch Kontakte, aber sehr sporadisch, ich war weg. Meine Eltern führten ein anderes Leben, hatten auch nicht so viel Interesse an mir. Ich hab' noch eine Schwester. Für meine Eltern war ich das typische schwarze Schaf, meine Schwester war der Held. Mein Vater ging nach der achten Klasse ab in den Betrieb, Geld verdienen. Meine Schwester hat Kellnerin gelernt, und Kellner war einer der bestbezahlten Berufe in der DDR. Meine Schwester hat mehr verdient als mein Betriebsdirektor, der 69 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– 800 Leute unter sich hatte. Ich wusste, mein Betriebsdirektor hat 1.500 Ostmark verdient. Da hat meine Schwester drüber gelacht. Die haben Trinkgelder gekriegt ohne Ende, Schichtzulagen und so weiter. Mein Vater hat als Dreher 2.000 Mark verdient. Zumindest für meine Mutter weiß ich, dass die das irgendwie emotional begriffen hat, dass das so nicht mehr weiterging. Durch ihre Krankheit war sie dann nicht mehr im Betrieb. Post war ein sehr politischer Betrieb, ein staatstragender Betrieb, waren auch alle uniformiert, hatten ja Dienstgrade. Meine Mutter hat zu mir gesagt, Junge, ich versteh dich nicht, was machst du da nur, was soll das? Das muss Anfang 1990 noch passiert sein, meine Mutter starb 1990. Meinen Vater hat es überhaupt nicht interessiert. Meine Schwester hat mir mal gesagt, als die Musikschule nachher schon lief, irgendwie sei er auch ein bisschen stolz auf mich. Aber mir gegenüber hat er nichts gesagt. Wie haben deine Eltern verarbeitet, dass das System, an das sie glaubten, nicht funktionierte, den Bruch? Meine Mutter war kurz vorher schon in Berlin. Die war aus dem System schon ein bisschen raus, durch ihre Krankheit, die hat das sehr begrüßt. Dann gibt es den Onkel meiner ExFrau, inzwischen ist er ehemaliger SPD-Politiker. Der war in der DDR bei der Reichsbahn, der hat mit den bewaffneten Kampftruppen gearbeitet. Mit denen hat er im Oktober 1989, während der Demonstrationen in Schwerin, mit der Kalaschnikow in der Hand den Bahnhof beschützt. Im August oder September 1989 als diese Demonstrationen in Leipzig und Berlin schon waren- da sehe ich immer noch diese Nachtaufnahmen, wie die Leute durch Berlin sind und„Wir sind das Volk“ riefen, hat dieser Onkel meiner Ex-Frau noch gesagt: alles Chaoten, alles Chaoten. Das werde ich nie vergessen. In Schwerin kam das mit den Demonstrationen ja später. Als die Demonstrationen in Leipzig schon waren, da karrten die hier im Oktober die Leute mit Bussen zu einer großen Demonstration für die DDR auf dem Alten Garten zusammen. Ich bin aber mit der anderen Demo, die zur gleichen Zeit lief, hier die Werderstraße lang. 70 Es gab Wendehälse wie diesen späteren SPD-Menschen. Eine Geschichte dazu: 1985 musste ich eine sogenannte Parteischule mitmachen. Da war ein- oder zweimal im Monat irgendwo ein Parteilehrgang, da musstest du nicht arbeiten gehen, da musstest du halt hin. Da war ich mit dem damaligen Direktor der Schweriner Philharmonie. Wir hatten uns angefreundet und gluckten viel zusammen. Da gab es folgende Szene, für mich vollkommen unbegreiflich: Meine Tochter war damals drei Jahre alt und es gab die Kinder-Zeitschrift „Bummi“. Die gibt es heute noch, eine der wenigen Zeitschriften, die überlebt haben. In so einer„Bummi“ war ein Bild von schwarzen Kindern, die in einem Pappkarton spielten. Drunter stand als Bildbeschreibung, die armen Kinder in Afrika müssten mit so einem komischen Spielzeug spielen, also mit einem Pappkarton, wo die drinne saßen. Im selben„Bummi“ gab es hinten politische Lieder, also Lieder für Drei- bis Fünfjährige. Eines ging in etwa so: Mein Bruder ist Panzersoldat, darauf bin ich stolz. Mein Vater ist Parteisekretär, darauf bin ich stolz. Meine Mutter- die Mutter war natürlich etwas Besseres, denn Gleichberechtigung spielte ja in der DDR eine große Rolle- arbeitet im Forschungslabor und ist Chefin der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, darauf bin ich stolz. So ein richtiges Holzhammer-Lied. Ich bin in diesem Parteilehrgang aufgestanden und hab' gesagt, ich finde das total zum Kotzen, wie kann man Kinder schon mit solchen Holzhammer-Methoden bearbeiten? Kinder spielen gerne mit Pappkartons, auch in Afrika, und dann so'ne Stimmung zu machen, dass die armen Kinder in Afrika, vom bösen Kapitalismus vernachlässigt, mit Pappkartons spielen müssen. Macht meine Tochter auch gerne, und ich finde das Lied ganz schlimm. So, und jetzt kommt's: Wir wa- ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– ren aus verschiedenen Betrieben, wir waren wie so eine Klasse, zum Beispiel aus der Philharmonie, aus dem Kabelwerk und Kindergärtnerinnen. Da stand die Chefin eines Kindergartens auf und sagte: Nein, sie findet das total richtig, wir müssen die Kinder von Anfang an zum sozialistischen Internationalismus erziehen. Wir müssen auch klar Farbe bekennen, dass wir stolz drauf sind, auch auf unsere Armee. Drei- bis Fünfjährige! Jetzt kommt die eigentliche Aussage: Diese Frau habe ich 1996 oder 1997 wieder getroffen- im Landtag bei der CDU. Ich weiß nicht, ich finde das alles natürlich zutiefst menschlich. Ich will das auch nicht kritisieren, aber es fällt mir schwer. Jeder hat seine Entwicklung. Manchmal bin ich ein bisschen stolz drauf, nee nicht stolz, aber bin ich froh. Das war nicht richtig, was ich als 18-Jähriger gemacht habe. Das war eine Sackgasse, aber es war eben dieser Weg. Okay, ich bin ihn gegangen, ich weiß, wo der Weg hinführt. Mal ist es eben ein richtiger Weg, mal eine Sackgasse, und ich hab' mich entwickelt. Andere, die damals Christen waren, sind heute immer noch Christen. Meine These ist, die haben nicht wirklich eine Entwicklung gemacht. Ich hab' alles erlebt. Leute, die Kommunisten waren. Wir hatten einen Freund bei uns, einen Texter, der schreibt jetzt für die Ultrarechten. Nach der Wende waren wir ja eher Rote, wir waren gegen den Anschluss an die Bundesrepublik nach §13 Grundgesetz, wir haben dagegen demonstriert. Ich zählte mich zu den ganz Roten. Oder diese Kindergartenchefin, das war eben auswendig gelerntes sinnloses Zeug. Weil das überall so war, die Glocke, die hast du ja schon in dir gehabt. Verschluckt den Stock, mit dem man uns dereinst geprügelt 5 das war normal, das war einfach so. Die Hinterfragung, das ist schon eine ganz, ganz schwere Sache. Manchmal denke ich, spätestens als Kohl die D-Mark eingeführt hat und die blühenden Landschaften versprochen wurden, da wollten die Leute alle das Westgeld und sie wollten den Konsum. Die dachten, sie waren ausgehungert. Wenn mich manchmal Leute fragen, sage ich, vorher bist du in den Laden, hast nüscht gekriegt und trotzdem haben wir alle alles gehabt. Bestes Beispiel Rouladen. Du bist in den Laden gegangen und wolltest Rouladen kaufen. Das war Tradition, so ein richtiges Essen. Da gab's immer keine. Warum gab's keine? Wenn es welche gab, dann war das so: Meine Mutter kriegt einen Anruf, du, es gibt Rouladen. Dann hat sie die Arbeitsstelle verlassen und hat nicht nur für die Familie gekauft, vier Rouladen meinetwegen für das Wochenende, sondern hat acht gekauft, weil du das jemanden mitgebracht hast, der nicht angestanden hat, oder du hast sie eingefroren. Dann waren natürlich die Rouladen mindestens doppelt bis dreimal so schnell alle. Und den Letzten beißen die Hunde. Dann gab es natürlich keine Rouladen mehr. Aber alle hatten Rouladen in ihren Tiefkühlschränken, die es übrigens auch nicht gab. Aber trotzdem hatten alle einen Tiefkühlschrank. Ich weiß nicht, ob jeder Student gleich ein Auto haben muss, ob das gut ist, wie viele Autos es sind. Im Westen waren die Straßen früher ja auch nicht so voll wie jetzt. Ich habe mich 1985 auf einen Trabi angemeldet und den hätte ich 2010 gekriegt. Aber trotzdem hatten viele einen Trabi. Ich hatte auch einen Kombi, denn ich war abgebrannt und hab' 15.000 Mark von der Versicherung bekommen. Davon hab' ich mir ein Auto gekauft, ein gebrauchtes. Wo würdest du sagen: Schade, dass das verloren gegangen ist, das hätte ich gerne ins vereinte Deutschland gerettet aus der DDR? Es war untereinander schon sozialer, gemeinschaftlicher. Ich bin aber eher so gestrickt, dass ich sage, okay, das ist jetzt so. Ich mache das, was ich jetzt tue, wirklich sehr, sehr, sehr gerne. Ich kann mir nichts Schöneres im Leben vorstellen. Warum soll ich mir was Anderes wünschen, wenn ich das, was ich machen möchte, jetzt hier machen kann. Ich habe gedacht, 5 Aus Heinrich Heines„Deutschland – ein Wintermärchen“. 71 ––––– I n g o l f D ra b o n ––––– ich kann mit dem, was ich tue, die Welt um mich herum noch ein bisschen beeinflussen, kann sagen, okay, ist doch schön, dass es in unserer Stadt zwei Musikschulen gibt. Dafür habe ich was getan, das habe ich hingekriegt. Die Schule habe ich immerhin bis 2000 geleitet. Zur Frage der sozialen Kontakte fällt mir immer der Spruch ein:„Wir stecken nicht im Stau, wir sind der Stau.“ Wenn sie alle jammern, dass wir nicht mehr so das soziale Miteinander haben, dann soll jeder mal bei sich anfangen und sagen, okay, ich gehe mal rüber zum Nachbarn und sage, hey, wie geht's denn dir so, wollen wir mal zusammen die Treppe saubermachen? Früher war dann die goldene Hausnummer als Auszeichnung dran. Die wurde dir verliehen, wenn die Hausgemeinschaft gut war und mehrere solcher Aktionen gemacht hat. Das macht man ja nicht mehr. Aber hier im Haus, ich versteh' mich mit den Leuten. Nicht mit allen, aber mit der oben drüber und unten drunter. Manchmal denke ich, so ein gesunder Mangel wäre manchmal gar nicht so schlecht. Aber wie gesagt, wenn jeder bei sich anfängt, so ein sozialer Zusammenhalt wäre doch viel schneller da. Manchmal denke ich auch, ich konnte damals mehr meine Meinung sagen. Ich konnte zu unserem Betriebsdirektor gehen und sagen, du, ich finde das Scheiße. Das mach' mal heute. Das machst du wahrscheinlich nur einmal. Ich denke,„wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe“, das ist jetzt mehr üblich. Zu SED-Zeiten habe ich mir damit keine Freunde gemacht, aber ich bin daran nicht gestorben. In bestimmten Situationen konnten wir auch deutlichst unsere Meinung artikulieren. Und wir haben das gemacht, ich sag' mal die linken Intellektuellen in der Partei. Die Betonköpfe hatten die Majorität, die haben bestimmt, wo es langgeht. telligenz. Die Theorie sagte, wenn du dich als Arbeiterkind beworben hast und hattest die gleichen Voraussetzungen wie ein Kind aus der Intelligenz, dann bist du genommen worden, etwa wenn du dich zum Studium beworben hast. Ich glaube, da kann man sich wirklich trefflich streiten, ich würde mal sagen, das ist nicht nur negativ bei gleichen Leistungen als Grundvoraussetzung. Ich hab' keine intellektuellen Voraussetzungen von meinen Eltern gehabt. Meine Mutter hat zwar ein Frauensonderstudium gemacht, so nannte sich das, die hat drei Jahre Ökonomie studiert, als sie schon über dreißig war. Das gab es, um Frauen zu fördern. Wenn die zusammen Lernnachmittag gemacht haben bei uns zuhause, dann saßen da eben nur Frauen. Aber es zählte nur der Vater, deswegen war ich Arbeiterkind. Du hattest dann etwas bessere Voraussetzungen für solche Sachen. Ich weiß selber nicht, ob ich die Meinung vertreten sollte, dass es auch was Gutes hat, aber ich kann es nicht so ganz ablehnen. Weil du als Arbeiterkind, wo der Vater gesagt hat, weißt du was, bring mir mal ein Bier und deine Schularbeiten machst du bitte alleene, im Nachteil warst gegenüber einem Kind, dessen Vater zum Beispiel Doktor der Chemie war und dir zuhause alles erklären konnte. Es gab zum Beispiel in jeder Schule ein Klassenbuch, das war für mich auch so eine strittige Sache. Da gab es eine Spalte, in die wurde eingetragen„A“,„B“ oder„ I“.„A“ stand für Arbeiterkind,„B“ stand für Bauernkind und„I“ stand für In72 Impressum ISBN: 978-3-96250-667-4 Herausgeber und Copyright: Frederic Werner Friedrich-Ebert-Stiftung Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern Arsenalstraße 8 19053 Schwerin Eine gewerbliche Nutzung der Broschüre ist ohne schriftliche Zustimmung durch die Herausgeber nicht gestattet. Die in der Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Herausgeber. Autorin: Eva-Maria Tempelhahn Redaktion: Andreas Frost Titelfoto: Kabarett ROhrSTOCK Fotos: Repros aus privaten Sammlungen Gestaltung: Uwe Sinnecker Druck: altstadt-druck, Rostock Schwerin, Oktober 2020 Ein- und Ansichten aus Mecklenburg zum Ende der DDR bis zur deutschen Einheit. Lange vor dem Herbst 1989 war Bewegung in das vermeintlich so starre DDR-Herrschaftssystem gekommen. Kritische Geister konnten austarieren, wo Grenzen verschoben wurden und wo sie vorerst unverrückbar blieben. Sieben Frauen und Männer aus Schwerin und Mecklenburg, alle der Kunst und Kultur verbunden, berichten was sie aus diesem ihrem Leben gemacht und was sie davon mit in die deutsche Einheit genommen haben. Keine Superhelden der Opposition, aber auch keine Mitläufer. Ein Buch auf Spurensuche. Und als Aufforderung zum Dialog über Umbrüche in der Zeit und in Biographien.