STUDIE DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE LIBERALISIERUNG UND SÄKULARISIERUNG IN POLEN 1989–2020 Eine soziologische Analyse Przemysław Sadura Dezember 2020 • Im EU-Vergleich zeichnet sich die polnische Gesellschaft ins­ gesamt durch deutlich konserva­ tivere Wertevorstellungen aus. • Die jüngere Generation unter­ scheidet sich von der älteren mit einer klaren und starken Ten­ denz zur Säkularisierung, Libera­ lisierung und Demokratisierung im Wertebereich. • Antiliberale Tendenzen stellen eine Gegenbewegung dar, die das Tempo, nicht aber die grundlegende Richtung des kulturellen Wandels beeinflus­ sen können. Milieus mit tradi­ tioneller Einstellung befürchten, dass der unvermeidliche Wandel noch beschleunigt werden soll. DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE LIBERALISIERUNG UND SÄKULARISIERUNG IN POLEN 1989–2020 Eine soziologische Analyse Inhalt 1 EINFÜHRUNG 2 2 WERTESTRUKTUR DER POLNISCHEN GESELLSCHAFT 2 3 LIBERALISIERUNG UND SÄKULARISIERUNG 4 4 POPULISTISCHE MOBILISIERUNG 5 5 ZUSAMMENFASSUNG 6 1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Liberalisierung und Säkularisierung in Polen 1989–2020 1 EINFÜHRUNG Am 22. Oktober entschied in Polen der parteihörige Verfassungsgerichtshof, dass die Bestimmung des Gesetzes aus dem Jahr 1993, die einen Schwangerschaftsabbruch bei hoher Wahrscheinlichkeit einer schweren und irreversiblen Missbildung des Fötus oder einer unheilbaren lebensbedrohlichen Krankheit zulässt, verfassungswidrig ist. Das Urteil des Verfassungsgerichtshofs, das die polnischen Vorschriften gegen Abtreibung verschärft und Polen zu einem europaweiten Ausnahmefall macht, hat starke gesellschaftliche Emotionen hervorgerufen und Hunderttausende von Demonstranten auf die Straßen getrieben. Einigen Historikern zufolge sah sich Polen seit der Zeit des Bauernstreiks in den 1930er Jahren nicht mehr mit einer derartigen Protestwelle konfrontiert. Die gegenwärtige Situation ist ein Symptom tiefgehender Spannungen in der Wertehierarchie der polnischen Gesellschaft. Die polnischen Abtreibungsvorschriften zählten schon vor dem Urteil des Verfassungsgerichtshofs zu den restriktivsten in Europa. Dennoch wurden sie vom politischen Mainstream in den vergangenen zwei Jahrzehnten als»Kompromiss« angesehen. Dies scheint das in Westeuropa gängige Klischee zu bestätigen, dass die Polen äußerst konservativ seien. Andererseits stehen das Ausmaß, die Reichweite und die Intensität der Proteste im Widerspruch zur Vorstellung von einer erzkatholischen, traditionalistischen und konservativen Gesellschaft. In der vorliegenden Analyse versuche ich diesen Widerspruch zu erklären. Empirisch werde ich den Wertewandel und die Haltungen der polnischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten untersuchen. Abschließend wende ich mich wieder der Interpretation der politischen Implikationen dieses Prozesses im Lichte der jüngsten Ereignisse zu. ren Maße durch konservative Wertevorstellungen auszeichneten: das Bekenntnis zur Tradition, Streben nach Sicherh­ eit und das Bedürfnis, sich an soziale Normen anzupassen. In weit geringerem Grad wiesen sie die Eigenschaften auf, die mit einer Offenheit für Veränderung verbunden sind, darunter vor allem das Streben nach Vergnügen und Neuem sowie Risikobereitschaft. Sie konzentrierten sich eher auf die Manifestierung und Aufrechterhaltung des sozialen Status sowie auf das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung, weniger hoch schätzten sie hingegen universelle Werte, die mit einer implizit wohlwollenden Haltung zu anderen sowie mit der Sorge um die Güter und Ressourcen unseres Planeten verbunden sind. Die Illustration scheint das eingangs erwähnte Klischee zu belegen: Nicht nur, dass die Polen seit Jahren eine der katholischsten und konservativsten Gesellschaften sind – diese Haltungen haben sich noch verstärkt und haben zu einer politischen Mobilisierung des Populismus geführt. Dabei handelt es sich allerdings um einen Trugschluss. Es gibt keine Beweise für eine entscheidende Wende im Wertebereich, die den Wahlsieg der PiS erklären würde. Hinsichtlich der generellen Dispositionen und Motivationen haben sich die Ansichten der Polen seit dem Jahr 2002, dem Start des European Social Survey(ESS), nur in geringem Maße geändert. Die Überzeugungen der Polen sind stabil. Wenn sie sich überhaupt ändern, dann nur äußerst langsam(mehr dazu weiter unten mit Bezug auf Daten aus der seit 1990 laufenden European Values Study). Andererseits ist jedoch sichtbar, dass die polnische Gesellschaft kein homogenes Ganzes darstellt. Zwischen verschiedenen sozial-demographischen Gruppen und insbesondere zwischen Altersgruppen zeichnen sich deutliche Trennlinien ab. 2 WERTESTRUKTUR DER POLNISCHEN GESELLSCHAFT Das Universum der Wertvorstellungen kann als eine Struktur völlig allgemeiner Orientierungen in der Welt untersucht werden: von fundamentalen Zielen, die zum Handeln motivieren, von Werten, die Bestrebungen und Ansprüche ausdrücken. Ein reiches Material für eine derartige Analyse liefern die Daten des European Social Survey(ESS), in dem die sog. Skala der menschlichen Werte von Shalom H. Schwartz verwendet wird. 1 Betrachten wir die Messdaten aus dem Jahr 2014, also ein Jahr vor dem Wahlsieg der populistischen Rechten in Polen, kann man konstatieren, dass die Polen sich auf der Ebene der Struktur grundsätzlicher Wertvorstellungen gegenüber den Bevölkerungen ausgewählter anderer Länder Europas(vgl. unten im Diagramm die Wertestruktur in Polen, Deutschland, Israel sowie im EU-Durchschnitt) in einem signifikant höheÄltere Polen unterscheiden sich grundsätzlich von jüngeren hinsichtlich der Werte und Motivatoren, zu denen sie sich bekennen. Die Befragten im Alter von 24 bis 44 Jahren sind dem deutschen Durchschnitt erheblich näher. Die Unterschiede zwischen Älteren und Jüngeren wären erklärbar aus natürlichen, sich aus dem Lebenszyklus ergebenden Differenzen und müssen so kein Ausdruck von tieferen sozialen Prozessen sein. Dafür würde die Tatsache sprechen, dass die intergenerationellen Unterschiede unter Polen nur geringfügig größer sind als die im gesamteuropäischen Durchschnitt. Andererseits kann uns, wie wir gleich zeigen werden, eine genauere Untersuchung einen tieferen Einblick in konstante Trends in der Transformation von Werten in bestimmten Teilen der polnischen Gesellschaft zu Fragen wie der Haltung gegenüber der katholischen Kirche, dem traditionellen Familienmodell und sexuellen Minderheiten geben. 1 Dieses Konzept unterscheidet 10 grundsätzliche Wertetypen, die im ESS mit Hilfe von 21 Behauptungen auf einer sechsstufigen Skala ermittelt werden. 2 Wertestruktur der polnischen Gesellschaft Diagramm 1: Die Werteskala von Polinnen und Polen vor dem Hintergrund anderer Gesellschaften (eigene Darstellung auf der Grundlage von ESS-Daten) Universalismus Selbstbestimmung Wohlwollen Stimulation Tradition Hedonismus Anpassung Leistung Macht Sicherheit Diagramm 2: Die Werteskala von Polinnen und Polen nach Altersgruppen Universalismus Selbstbestimmung Wohlwollen Stimulation Tradition Hedonismus Leistung Anpassung Macht Sicherheit Deutschland Israel Polen 21-Länder-Durchschnitt 14–24 Jahre 25–44 Jahre 45–64 Jahre ab 65 Jahre PL 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Liberalisierung und Säkularisierung in Polen 1989–2020 Tabelle 1: Indikatoren zur Modernisierung von Haltungen zur Rolle der Frau Meinungen Wenn eine Mutter arbeitet, leiden die Kinder darunter. Frauen dürfen arbeiten, in Wirklichkeit wollen sie aber nur Haus und Kinder. Arbeitet eine Frau Vollzeit, leidet das Familienleben darunter. Die Aufgabe der Männer ist das Geldverdienen, die Aufgabe der Frauen sind Haushalt und Familie. Männer sind bessere politische Führer als Frauena. Wenn Arbeitsplätze knapp sind, sollten die Männer eher Anspruch darauf haben als die Frauen. Antworten Ich stimme ausdrücklich zu 1990 59,2 41,2 k. A. k. A. k. A. 56,1 1999 22,9 23,9 k. A. k. A. 24,5 34,9 2008 13,5 12,7 k. A. k. A. 10,8 21,9 k. A.= Frage, die in dieser Ausgabe der Erhebung nicht gestellt wurde a Frage, die in den EVS-Fragebogen 2017 aufgenommen wurde. Anteile für 1999 und 2008 aus WVS 1995 i 2005 übernommen. Quelle: Marody u. a. 2019: 25 2017 13,6 11,3 13,1 12,9 4,4 8,3 Tabelle 2: Haltungen zur Religion nach Alter – 2017 Frage Bekenntnis zur Religion Religiös sein Wichtigkeit Gottes im Leben des/der Befragten Häufigkeit der Teilnahme am Gottes­dienst Stellenwert der Religion im Leben Antworten ja ja sehr wichtiga bis 33 Jahre 88,7 80,7 25,5 einmal pro Woche oder häufiger 39,1 sehr wichtig 27,6 a Angabe der positivsten Antwort auf zehnstufiger Skala Quelle: Marody u. a. 2019: 25 3 4–6 0 92,1 88,4 42,2 47,8 38,0 über 60 96,3 91,7 56,2 61,2 50,3 Gesamt 92,5 87,4 42,0 49,4 38,9 3 LIBERALISIERUNG UND SÄKULARISIERUNG Polen sei eine der homophobesten und in religiöser Hinsicht konservativsten Gesellschaften in Europa – sagen die einen. Andere Kommentatoren antworten, die Polen würden mit jedem Jahr immer toleranter, liberaler und säkularer. Zur Ermittlung der Wahrheit lohnt sich ein Blick auf die in regelmäßigen Abständen stattfindenden Studien zum Wertewandel. Eine gute Quelle an Daten für die Analyse des Wandels von Haltungen und Wertevorstellungen der polnischen Gesellschaft in den vergangenen dreißig Jahren sind die vier Erhebungswellen der European Values Study(EVS) aus den Jahren 1990, 1999, 2008 und 2017. 2 Anfang der 90er Jahre hatten die Haltungen der polnischen Gesellschaft zur Form des politischen Systems viele autoritäre Merkmale. 1990 hielten 73 % der Befragten eine»größere Achtung für die Obrigkeit« für wünschenswert. Noch 1999 akzeptierten 22 % der Befragten ein politisches System mit der»Macht eines starken Führers, der keine Rück2 Eine Besprechung dieser Daten findet sich in dem jüngst erschienenen Buch von M. Marody und J. Konieczna-Sałamatin, M. Sawicka, S. Mandes, G. Kacprowicz, K. Bulkowski, J. Bartkowski»Społeczeństwo na zakręcie. Przemiany postaw i wartości społeczeństwa polskiego w latach 1990–2017«, Wydawnictwo Scholar, Warszawa 2019. sicht auf das Parlament und die Wähler nehmen muss« und 17 % –»eine Militärregierung«. Im Laufe der vergangenen 30 Jahre ist es zu einem systematischen Rückgang autoritärer und einem steten Wachstum prodemokratischer Einstellungen gekommen. 2017 gaben auf die Frage:»Wie wichtig ist es für Sie, dass das Land, in dem Sie wohnen, demokratisch regiert wird?« 65,8 % der Befragten die höchstmögliche Note auf einer zehnstufigen Skala(»ausgesprochen wichtig«) an. Zwischen 1990 und 2017 wurden die traditionellen Einstellungen und Bestrebungen durch Haltungen sowie Wertorientierungen ersetzt, die durch in westlichen Gesellschaften vorherrschende Trends geprägt waren. Vor allem die Rolle der Frauen in der Gesellschaft wurde weitgehend neudefiniert. An der Schwelle zur Dritten Polnischen Republik stimmten beinahe 60 % der Befragten der Behauptung zu, eine berufstätige Mutter schade ihren Kindern! Heute sind es nur noch 13 %. 1990 stimmten 56 % der Behauptung zu, dass »wenn Arbeitsplätze knapp sind, die Männer eher als Frauen Anspruch darauf haben sollten«, und zwar mit der Antwort: »Ich stimme entschieden zu«, heute hingegen sind es nur noch 8,3 % der befragten Polinnen und Polen. Das ist eine Kluft, eine totale»Umpflügung« des Wertesystems und ein gewaltiger Zivilisationswandel. Die Frauen werden nicht mehr mit der Hausfrauenrolle und der Kindererziehung assoziiert, ihre Berufstätigkeit und Präsenz in der Öffentlichkeit werden zunehmend akzeptiert. 4 Populistische Mobilisierung Einen enormen Wandel gab es auch in der polnischen Religiosität. Obwohl sich der Anteil der Gläubigen in den Jahren 1990–2017 fast nicht verändert hat(Rückgang von 4 %), kann doch von einem fortschreitenden Säkularisierungsprozess gesprochen werden. Um 9 % ist der Anteil von Personen gesunken, die sich für religiös halten, um 12 % jener, die angeben, dass Gott in ihrem Leben sehr wichtig sei. Um 16 % der Anteil derer, die mindestens einmal pro Woche an einem Gottesdienst teilnehmen. Die Säkularisierung ist besonders in jüngeren Altersgruppen sichtbar. Bei Polen unter 34 Jahren ist der Anteil von Personen, die angeben, dass Gott und Religion in ihrem Leben wichtig seien, zweimal niedriger, während der Anteil jener, die mindestens einmal pro Woche an einem Gottesdienst teilnehmen, um ein Drittel sinkt. Die Veränderungen in der Religiosität der polnischen Gesellschaft betreffen auch das Verhältnis zur Kirche als Institution. Die katholische Kirche begann bereits in der Anfangsphase der Transformation ihre Autorität zu verlieren. Binnen dreißig Jahren hat sich das Vertrauen zu ihr halbiert – von 45,6 %, die der Kirche 1990»in großem Maße« vertrauten, auf 21 % im Jahre 2017. Erheblich zurückgegangen ist auch der moralische Rigorismus, gemessen an der Angabe der Antwort »kann nie gerechtfertigt werden« hinsichtlich Erscheinungen, die von der katholischen Kirche verurteilt werden, wie Scheidung, Homosexualität, Abtreibung und Sterbehilfe. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir es in den letzten drei Jahrzehnten in Polen mit einer klaren und starken Tendenz zur Säkularisierung, Liberalisierung und Demokratisierung im Wertebereich zu tun haben, die sich besonders bei Generationsvergleichen geltend macht. 4 POPULISTISCHE MOBILISIERUNG Wenn im Lichte der obigen Analyse die gesellschaftlichen Trends so gut sind, dann ist die Frage umso begründeter, warum die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation so schlecht ist. Studiert man die Daten aufmerksam, stellt man fest, dass sich neben der vorherrschenden Tendenz zur Demokratisierung, Liberalisierung und Säkularisierung der Gesellschaft auch ein entgegengesetzter Trend geltend macht. Je offener die Haltung der Mehrheit der Gesellschaft wird, insbesondere jüngerer Polinnen und Polen, desto verschlossener, konservativer und autoritärer werden die Haltungen der zahlenmäßig großen Minderheit(vor allem der älteren Bevölkerung sowie der Bewohner der ländlichen Gebiete und der Kleinstädte). In manchen Fällen ist dieses Phänomen so stark, dass es die Durchschnittsdaten beeinflusst. Einen Missklang vor dem Hintergrund der oben dargestellten starken Tendenz zur Demokratisierung von Wertorientierungen stellen die Antworten zur Beurteilung einer Militärregierung dar. Zwischen 1990 und 2017 ist der Anteil von Personen, die eine solche für gut oder sehr gut für das Land hielten, zunächst gesunken, um dann wieder zu steigen(2008 waren es 14,1 % der Befragten, 2017 bereits 20,9 %). Ähnliche Tendenzen ließen sich auch bei der Liberalisierung und Säkularisierung beobachten. Im Hinblick auf die aktuelle Situation in Polen erweist sich allerdings die politische Radikalisierung und Mobilisierung von Personen mit traditionalistischen Einstellungen und konservativer Weltanschauung als der wichtigste gesellschaftliche Prozess. Diagramm 3: Entwicklung der Selbstdefinitionen Linke-Rechte im Laufe der Zeit 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 0 Extreme Linke Quelle: Marody 2019: 64 Gemäßigte Linke Mitte 1990 2017 1999 2008 Gemäßigte Rechte Extreme Rechte 5 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Liberalisierung und Säkularisierung in Polen 1989–2020 Das wird gut sichtbar, wenn wir uns die EVS-Ergebnisse bezüglich der sog. politischen Selbstidentifikation anschauen. Die Frage nach der Selbstidentifikation, die als linke bzw. rechte Gesinnung ausgedrückt wird, beantworteten die Befragten anhand einer zehnstufigen Skala, deren Extreme jeweils als 1=»die Linke« und 10=»die Rechte« bezeichnet werden. Der besseren Verständlichkeit halber wurden die Ergebnisse in 5 Kategorien gruppiert: extreme Linke(1+2), gemäßigte Linke(3+4), Mitte(5+6), gemäßigte Rechte(7+8) und extreme Rechte(9+10). 1990 identifizierten sich auf der Achse von 1 bis 10 nur wenige Prozent der Polen als extrem links. Knapp 30 Jahre später sind es ebenfalls nur ein paar Prozent. Der auffallende Unterschied betrifft die rechte Seite des Diagramms – die extreme Rechte hat sich verdreifacht auf über 20 % auf Kosten der gemäßigten Rechten. Wir haben es also mit einer einseitigen Polarisierung zu tun: Rechtsgesinnte Personen wechseln zur extremen Rechten. Es gibt also eine breite, aber langsame und nur schwach politisierte Tendenz zu mehr Toleranz, Fortschritt, Demokratisierung – die für die Mehrheit der Gesellschaft gilt – , und einen entgegengesetzten, kleineren, aber sehr ausgeprägten, stark politisierten Trend in Richtung Retraditionalisierung, Entsäkularisierung und Autoritarismus, der die politischen Identifikationen auf die Seite der extremen Rechten verschiebt. Schauen wir uns die sozial-demographischen Variablen an, die die Selbstidentifikation beeinflussen, so zeigt sich, dass das Geschlecht selbst keine Ursache für unterschiedliche Antworten ist. Erst wenn die Generations- und Klassenunterschiede in die Analyse einbezogen werden, ergibt sich ein klareres Bild. Die jüngsten Befragten wählen extreme Kategorien seltener, die ältesten hingegen definieren sich doppelt so oft wie in der gesamten Stichprobe als extreme Rechte. Als die am weitesten links Stehenden erweisen sich Befragte mit Hochschulabschluss, während jene mit niedrigerem Bildungsniveau sich häufiger als extrem rechts deklarieren. 5 ZUSAMMENFASSUNG Die Wertevorstellungen, Haltungen und Stimmungen von Polen werden heute von zwei entgegengesetzten Tendenzen geprägt: einer großen, die die Gesellschaft langsam verändert, und einer kleinen, die eine heftige Reaktion auf diese Veränderung ist. Die große gesellschaftliche Modernisierung, die in Polen nach 1989 erfolgte, war nach dem Empfinden vieler Polen teilweise erzwungen, und zwar durch den Systemwandel, die Notwendigkeit, der EU beizutreten und deren Werte zu übernehmen, aber auch durch die therapeutisch-pädagogische Dimension der polnischen Transformation – als aus- und inländische Experten auftauchten und vorgaben, wie nun zu leben sei. Die Gesellschaft passte sich an, aber nicht unbedingt mit großer Begeisterung. Der lebensstilbezogene und gesellschaftliche Wandel in Polen ging bisher sehr rasch vonstatten. Die Milieus und gesellschaftlichen Bewegungen, die in der Avantgarde der Veränderung stehen, fordern einen noch schnelleren Wandel – und schockieren dabei mitunter den traditionalistisch eingestellten Teil der Gesellschaft mit ihrer Sprache bzw. Ästhetik(das gilt z. B. für die LGBT+-Bewegung und die Gay-Pride-Paraden). Zu einem bestimmten Zeitpunkt kam es zur Mobilisierung jener, die diesen Wandel am wenigsten akzeptierten. Parteien der populistischen Rechten wie»Recht und Gerechtigkeit« (PiS) oder die»Konföderation«(Konfederacja) gaben ihnen eine Stimme und setzten noch Europafeindlichkeit hinzu, die zuvor eine lediglich marginale Rolle gespielt hatte. Diese Europafeindlichkeit wurde durch die PiS mit einer bereits vorhandenen Abneigung gegen den stattfindenden Wandel bzw. die dadurch hervorgerufene Angst vermischt. Die PiS wurde so zu einem Sammelbecken für Haltungen, die zuvor nicht artikulierbar waren, als peinlich galten oder aus dem Mainstream verdrängt wurden – aber dennoch existierten. Es war eine Rebellion gegen jene, die als Avantgarde des Wandels bezeichnet werden können. Gegen mediale Eliten, LGBT-Bewegungen, radikale Feministinnen – jene, die auffallen und auf die die ganze eigene Ablehnung und die Abneigung gegen den Wandel abgewälzt werden kann. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Die PiS schürte diese Stimmungen mit ihren fremdenfeindlichen, homophoben und chauvinistischen Kampagnen. Dadurch bewirkte sie einen Rückgang der Akzeptanz für die Toleranz gegenüber nicht heteronormativen Personen bzw. der Akzeptanz für Einwanderer und Flüchtlinge. Die antiliberale Wende wurde aus einem Prozess von unten als Reaktion auf das Tempo – nicht die Richtung – des Wandels zu einem von oben gelenkten Anschlag auf Freiheiten: von Frauen, Jugendlichen, Minderheitsgruppen. Auch an der steigenden Akzeptanz für die Gleichberechtigung der Frauen ist die Modernisierung Polens, die in dieser Form auf keinen heftigen Widerstand traf, gut sichtbar. Gleichzeitig befürchten Milieus mit eher traditioneller Einstellung, dass jemand den unvermeidlichen Wandel noch beschleunigen möchte. Und das ruft eine Reaktion hervor. Wenn die PiS also immer wieder nachdrücklich auf die Gefahr seitens»muslimischer Flüchtlinge«,»radikaler LGBT-Bewegungen« und»Linksextremisten« hinweist, entsteht unter den Polen, die LGBT generell akzeptieren, irgendwann die Frage:»Vielleicht ist ja da doch etwas dran?« Die PiS war bisher ein Meister im Segeln gegen den Wind. Konfrontiert mit der langfristigen Tendenz zur gesellschaftlichen Liberalisierung bekam sie dank entgegengesetzter Parolen Wind in ihre Segel und übernahm alle Wähler, die mit der Transformation im Wertebereich unzufrieden waren. Sie gewann die Parlamentsmehrheit durch großzügige Sozialtransfers an die Wähler, die sich bei der Stimmabgabe nicht von ihrer Weltanschauung, sondern von sozialen Motivationen leiten ließen. Auf diese Art und Weise ist die polnische Jugend, die sich im Niveau des Liberalismus nicht von westlichen Gesellschaften unterscheidet, in der Falle der konservativen Gesellschaftsordnung steckengeblieben. Einer Falle, aus der sie sich nun zu befreien versucht, indem sie auf den Straßen des Landes für ihre Rechte kämpft. 6 Impressum ÜBER DEN AUTOR IMPRESSUM Dr. habil. Przemysław Sadura – Soziologe, Dozent an der Fakultät für Soziologie der Universität Warschau, eng verbunden mit der Zeitschrift»Krytyka Polityczna«. Er forscht über den Wandel der Staats- und Gesellschaftsstruktur, das Bildungssystem und andere Bereiche der öffentlichen Ordnung. Er veröffentlichte u. a. das Buch»Staat, Schule, Klassen« und, zusammen mit S. Sierakowski, den Bericht»Politischer Zynismus der Polen«. Friedrich-Ebert-Stiftung| Vertretung in Polen ul. Podwale 11| 00-252 Warszawa| Polen Verantwortlich: Dr. Ernst Hillebrand| Leiter des FES-Büros in Warschau Tel.:+48-228-317-861 www.fes-polska.org Bestellungen/ Kontakt: biuro@feswar.org.pl Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-­ Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schrift­ liche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-E­ bert-Stiftung. Diese Publikation wird auf Papier aus nachhaltiger Forstwirtschaft gedruckt. ISBN 978-83-64062-53-7 LIBERALISIERUNG UND SÄKULARISIERUNG IN POLEN 1989–2020 Eine soziologische Analyse • Die dominierende Tendenz in der polnischen Gesellschaft geht in Richtung Demokratisierung, Liberalisierung und Säkularisierung. Allerdings hat sich in den letzten Jahren auch ein entgegengesetzter Trend bemerkbar gemacht. Je offener die Hal­tung der Mehrheit der Gesellschaft wird, insbesondere bei der jungen Gen­ eration, desto verschlossener, kon­servativer und autoritärer werden die Haltungen einer zahlenmäßig großen Minderheit – der älteren Bevölkerung sowie der Bewohner ländlicher Ge­biete und Kleinstädte. Die politische Radikalisierung und Mobilisierung von Personen mit traditionalistischen Ein­stellungen sowie konservativer Welt­anschauung ist momentan der wich­tigste gesellschaftliche Prozess. Die polnische Jugend, die sich im Niveau des Libe­ralismus nicht von westlichen Gesell­schaften unterscheidet, steckt im Moment in einer konservativen Gesellschaftsord­nung fest. • Die große gesellschaftliche und kulturelle Transformation, die in Polen nach 1989 erfolgte, wurde von vielen Polen als etwas von außen aufge­ zwungenes empfunden. Diese Transformation artikulierte sich in einem System­wandel und der Notwendigkeit, der EU beizutreten und deren Werte zu übernehmen. Diese Transformation hatte aber auch eine therapeu­tisch-pädagogische Dimension – aus- und inländische Experten machten Vorgaben, wie der neue Lebensstil auszusehen hat. • Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die PiS es meisterhaft beherrscht, Stimmungen in der Gesellschaft wahr­ zunehmen und für sich zu nutzen. Angesichts der langfristigen Tend­ enz zur gesellschaftlichen Liberalis­ ierung machte sie Wählern eine Angebot, die mit der Transformation im Wertebereich unzufrieden waren. Die Parlamentsmehrheit errang sie aber durch eine Politik großzügiger Sozialtransfers an Wähler, die sich bei der Stimmabgabe nicht von ihrer Weltanschauung, sondern von sozia­len Motivationen leiten ließen.