PERSPEKTIVE DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE DIE WAHRHEIT IST TOT, ES LEBE DIE WAHRHEIT! Medien und Politik im heutigen Polen Mikołaj Lewicki November 2020 Die Medien haben in den ­letzten 10 Jahren in Polen deutlich an Glaubwürdigkeit eingebüßt – gleichzeitig ist in der Bevölkerung das politische Interesse und Engagement ­gestiegen. Die auseinandergehende Wahrnehmung der Politik in den Bevölkerungsgruppen formt der unterschiedliche Medienkonsum. Die Vielzahl unterschiedlicher und widersprüchlicher Informationen in den Medien führt zu einer Erhärtung vorbestehender Meinungen und dem Emporkommen sog. informeller Meinungsführer. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit! DEMOKRATIE UND MENSCHENRECHTE DIE WAHRHEIT IST TOT, ES LEBE DIE WAHRHEIT! Medien und Politik im heutigen Polen Die untersuchten sozialen Milieus EINLEITUNG Wie nutzen die Polinnen und Polen die Medien? Wem glauben sie? Glauben sie überhaupt irgendjemanden? Das hohe Ausmaß an Politisierung der polnischen Medienlandschaft – die die dichotomische Spaltung der Gesellschaft in PiS-Anhänger und PiS-Gegner widerspiegelt und verstärkt – macht diese Frage politisch besonders interessant. Die polnische Medienlandschaft hat sich in den letzten zehn Jahren nicht grundlegend gewandelt – traditionelle Medien wie Presse, Rundfunk und Fernsehen besitzen immer noch einen hohen Stellenwert –, aber gleichwohl veränderte sich die Praxis ihrer Nutzung. Dies gilt vor allem in Hinsicht darauf, wie Informationen und Nachrichten mit Glaubwürdigkeit versehen werden. Die Studie»Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit! Medien und Politik im heutigen Polen«, deren wichtigste Ergebnisse im Folgenden zusammengefasst werden, versucht, ein genaueres Bild von den Einstellungen der Polinnen und Polen zur öffentlichen Debatte, zu politischen Inhalten sowie zu den Medien, die diese Inhalte formen, vermitteln und kommentieren, zu erhalten 1 . Die Studie zeigt erhebliche Veränderungen im Umgang der Polinnen und Polen mit Medien und den dort präsentierten Informationen in den letzten Jahren. Soziale Milieuzugehörigkeit ist ein zentraler Faktor in der Mediennutzung. DIE UNTERSUCHTEN SOZIALEN MILIEUS Menschen bedienen sich verschiedener kultureller Praktiken, um Informationen zu gewinnen. Durch die Sichtung von Nachrichtenportalen, thematischen Foren oder die Lektüre von Beiträgen in sozialen Netzwerken. Durch Fernsehkonsum, die Kommunikation mit Freunden und Bekannten etc. 1 Im folgenden werden die wichtigsten Thesen und Schlussfolgerungen des von Mikołaj Lewicki erstellten Berichts»Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit! Medien und Politik im heutigen Polen«(Originaltitel:»Koniec prawdy, niech żyją prawdy! Media i polityczność w dzisiejszej Polsce«) zusammengefasst. Der Bericht wurde 2019 vom Instytut Studiów Zaawansowanych(Institut für Fortgeschrittene Studien) veröffentlicht, die ihm zugrundeliegenden Untersuchungen wurden von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziell unterstützt. ­Zusammenarbeit bei der Erstellung der Zusammenfassung: Feliks ­Tuszko. schaffen sie sich ein Bild von der Öffentlichkeit und Politik. Diese medialen Erfahrungslandschaften werden im folgenden als»Medienbilder« bezeichnet. Diese kulturellen Praktiken unterscheiden sich vor allem je nach Schichtzugehörigkeit: – In den unteren Schichten bedeutet Freizeit überwiegend Erholung und – vor allem – Entspannung nach der Arbeit. Die Auswahl kultureller Praktiken und damit einhergehend bestimmter Verhaltensweisen erfolgt nach den Kriterien des Familienbezugs und des Pragmatismus. Es geht um das gemeinsame Verbringen von Freizeit, bei dem der im Hintergrund laufende Fernseher nicht als Störung empfunden wird. Diese Treffen haben keine vorbestimmte Form oder sind verabredet. An diese gemeinsame Freizeitgestaltung gibt es selten zusätzliche Erwartungen und Rahmenbedingungen, auch keine zeitlichen. – Die kulturellen Praktiken der Mittelschicht sind an sich stark differenziert, werden aber auch deutlich durch den jeweiligen Lebensabschnitt bestimmt: Singles und kinderlose Paare verwenden viel Zeit für individuelle Praktiken(vor allem Sport, Hobbys und Weiterbildung, etwa durch die Lektüre von fachbezogener Literatur oder das Anschauen von Lehrfilmen) sowie für gemeinsame Freizeitaktivitäten. An den Wochenenden hingegen verbringen sie ihre Zeit häufig mit der Familie oder Bekannten. Das Familienleben wiederum wird durch drei Ordnungen bestimmt(in der Zeit nach der Arbeit): Versorgung der Kinder und gemeinsame Freizeit mit ihnen, das Wochenende sowie individuell verbrachte Zeit. Zudem ist eine geschlechtsspezifische Differenzierung zu erkennen: Den Männern bleibt mehr Zeit für sich oder andersherum betrachtet betonen die Frauen stärker ihre Aufgaben und Pflichten im familiären Kontext. Die kulturellen Praktiken sind in dieser Gruppe stark ritualisiert, was überwiegend positiv gesehen wird. – Die kulturellen Praktiken der Oberschicht unterscheiden sich nicht grundlegend von den Praktiken der Mittelschicht. Sie zeichnen sich vor allem durch eine weitaus größere Vielfalt, durch Individualität und die spielerische Durchmischung des Stils aus. Die polysensorischen, achtsam ausgewählten und dabei immer auf individu1 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit! elle Präferenzen und Meinungen bezogenen Praktiken der Oberschicht unterstreichen ihr reflexives Verhältnis zur Wirklichkeit: die Suche nach Metaregeln, das Spiel mit Distanz und Engagement, die Suche nach originellen Interpretationen eigener Erlebnisse. In der Oberschicht vermischen sich Arbeit, Passion und Freizeit. METHODIK Die Studie basiert auf ausführlichen Interviews mit 80 repräsentativ ausgewählten Teilnehmern: 30 Befragte zählen zur Arbeiterklasse, 32 zur Mittelklasse und 19 zur Oberklasse. Die Studie wurde an vier Standorten durchgeführt. Auswahlkriterien waren die Größe des Wohnortes und die jeweiligen Wahlergebnisse. Es sollten kleinere Ortschaften berücksichtigt werden, insbesondere solche mit weniger als 50.000 Einwohnern, in denen sich klare politische Präferenzen erkennen ließen. Die ausgewählten Ortschaften lagen in den Woiwodschaften Masowien und Schlesien. ERGEBNISSE 1. Der Glaube an die Objektivität der Medien ist geschwunden. Ungeachtet ihrer Schichtzugehörigkeit und politischer Präferenzen bezweifeln die Befragten, ob die Medien glaubwürdige, nicht von politischen Interessen beeinflusste Informationen präsentieren. 2. Die mangelnde Objektivität der Berichterstattung wird von den Befragten nicht ausschließlich negativ bewertet. Sie betrachten Neutralität als eine sinnlose und ungerechtfertigte Haltung. Die Befragten übertragen ihre eigenen politischen und weltanschaulichen Positionen auf die voreingenommene Medienlandschaft. Durch die Parteilichkeit der Medien werden somit die schon vorhandenen Überzeugungen und Einstellungen der Befragten bestätigt. 3. Der Verlust des Glaubens an die Objektivität der Medien korrespondiert mit einer zunehmenden aktiven politischen Positionierung. In einer vor fünf Jahren durchgeführten Studie bekundeten die Befragten häufig ihre – sich in Desinteresse oder Ironie manifestierende – Distanz zur Politik. Die vorliegende Studie belegt einen signifikanten Wandel: Fast keiner der Befragten steht der Politik distanziert gegenüber. Die vorherrschende Überzeugung von einer mangelnden Objektivität der Medien verbindet sich mit einem wachsenden Bedürfnis nach politischem Engagement. Die Politik ist zu einem wichtigen Alltagsthema geworden, sie dringt in Bereiche vor, in denen sie bislang nicht präsent war. Eine natürliche Konsequenz aus diesem Sachverhalt sind emotionale Erregung und ein intensives Miterleben aktueller politischer Ereignisse. 4. Die Wahrnehmung der Politik unterscheidet sich je nach Schichtzugehörigkeit. Die unteren Schichten betrachten sie überwiegend als schmutziges Spiel, an dem sich vor allem Karrieristen beteiligten – nur eine marginale Gruppe betrachtet sie als Sphäre, in der für die Gesellschaft und den Einzelnen relevante Entscheidungen getroffen werden. Aus Sicht der Unterschicht ist die Politik ein spaltender Faktor. In der Mittelschicht hängen das Interesse für das tagespolitische Geschehen sowie das politische Engagement stark von der Bewertung der eigenen Handlungsmöglichkeiten(»Worauf kann ich Einfluss nehmen?«) sowie vom Gefühl der Abhängigkeit(»Bestimmt jemand oder etwas über mich?«) ab. Je größer das Bewusstsein der eigenen Handlungsmöglichkeiten, desto größer auch das politische Engagement sowohl auf der Ebene der Kommunikation als auch auf der Ebene der Partizipation. Die Oberschicht ist mindestens so aktiv wie die Mittelschicht, eher sogar aktiver, insbesondere im lokalen Kontext. Die emotionale Aufwallung im Kontext der Regierungspolitik von Recht und Gerechtigkeit(PiS) hat dazu geführt, dass nun auch die Oberschicht an Demonstrationen teilnimmt. 5. PiS-Wähler zeigen größere Akzeptanz gegenüber der Voreingenommenheit der Medien. PiS-Anhänger scheinen die dichotomische Teilung der Welt und die dementsprechende Einordnung aller Informationen und Nachrichten eher zu akzeptieren. In den unteren Schichten, die die PiS-Regierung unterstützen, überwiegt eine zustimmende Haltung zu den als glaubwürdig erachteten öffentlichen Medien, wobei gleichzeitig eingeräumt wird, dass auch das von diesen gezeichnete Bild kein objektives sei. Die PiS-Gegner, insbesondere diejenigen aus der Mittel- und Oberschicht, berufen sich dagegen häufiger auf die von ihnen vertretenen universellen Grundsätze und verlangen von den Medien eine objektive Berichterstattung. 6. Die Vielzahl unterschiedlicher und oft widersprüchlicher Informationen führt bei den Befragten zu einer»Erhärtung« ihres Weltwissens. Angesichts der gegenwärtigen Veränderungen auf dem Feld der Kommunikation wandeln sich auch die Logiken der Auswahl von Informationen sowohl aufseiten der Mediennutzer als auch aufseiten der Produzenten und Vertreiber. Das Neue an diesem»Prozess der Erhärtung« resultiert aus der Tatsache, dass sich die Medienschaffenden – Redakteure und Journalisten – früher in größerem Maße für die Objektivität der Information verantwortlich fühlten. Heute wird die Aufgabe der Verifizierung von Informationen sowie der Vereinheitlichung und Stabilisierung des vermittelten Bilds der Wirklichkeit auf den Rezipienten übertragen. Es gibt eine größere Menge an Informationen, die zudem von unterschiedlichem Glaubwürdigkeitsgrad sind und in verschiedene Richtungen fließen. Die Menschen versuchen deshalb natürlicherweise, das sie umgebende Informationschaos zu ordnen. Der Prozess des Ordnens wird im vorliegenden Bericht als»Erhärtung« von Medienbildern bezeichnet. Im Verlauf dieses Prozesses schreiben die Menschen bestimmten Informationen eine höhere Glaubwürdigkeit zu, während sie andere als wenig glaubwürdig oder völlig unzutreffend einstufen. 2 Ergebnisse 7. Die grundlegende Methode der»Erhärtung« von Medienbildern ist für die Befragten die Strategie der»zwei Beine«. Die Unterschiede in der Legitimierung des Weltwissens sind hinsichtlich der sozialen Schichtung weniger deutlich als bisher. Die Mehrheit der Befragten gab an, dass sie dem Problem der mangelnden Objektivität der Medien durch die Nutzung verschiedener Informationsquellen begegnen. Die Strategie der»zwei Beine« beruht auf der Gegenüberstellung von zwei Medien mit mehr oder weniger gegensätzlicher Perspektive. Dabei hat jede Information aus einem Medium seine Antithese in einem anderen, konträren. Man schaut also sowohl die»Wiadomości(Nachrichten)« des öffentlichen Fernsehens TVP als auch die »Fakty(Fakten)« des oppositionsnahen Privatsenders TVN oder liest sowohl die national-konservative»Gazeta Polska Codziennie« als auch die liberale, PiS-kritische »Gazeta Wyborcza«. 8. Im Prozess der»Erhärtung« von Medienbildern bilden sich keine festen Konstellationen heraus. Der Prozess der Erhärtung ist nämlich prinzipiell endlos, was mit der Spezifik der Teilhabe am Informationskreislauf zusammenhängt. Menschen mit ähnlichen Medienbildern formen keine um bestimmte Medien konzentrierten Gemeinschaften. Die Erhärtung führt vielmehr zu einer emotionalen Identifikation mit der Erkenntnisgemeinschaft(»solche wie ich«), zugleich aber auch zur Identifikation der»anderen Seite«(derer, die das gegebene Medienbild nicht teilen). 9. Traditionelle Autoritäten verlieren an Bedeutung, stattdessen gibt es viele verstreute Autorisierungsinstanzen. Als Folge dieser Entwicklung entfallen die Filter, die traditionellerweise Informationen und Nachrichten beim Eingang auf Glaubwürdigkeit prüften – Journalisten, Verleger, Reporter, die die nötige Zeit hatten und überzeugt waren, dass jede Information verifiziert und objektiviert werden muss, bevor man sie kommentiert. An ihrer Stelle entstanden neue Zentren der Produktion und Distribution von Nachrichten, die meist Information, Kommentar und Meinung vermischen. Eine immer größere Rolle für die Beglaubigung von Informationen spielen Augenzeugen, das heißt Personen, die sich im Zentrum eines Ereignisses befanden. Daraus resultiert die große Beliebtheit von Live-Videos oder vor Ort geschriebenen Einträgen auf Facebook oder Twitter. 10. Für die»Erhärtung von Wissen« werden informelle Meinungsführer immer wichtiger. Neue wichtige Autorisierungsinstanzen sind informelle Meinungsführer, die in der Studie als»Alpha-Wähler« bezeichnet werden. Gemeint sind damit Personen, die herausstechen und sichtbarer sind als andere. Sie verfügen über ein differenziertes Kontaktnetz und agieren in verschiedenen mehrdimensionalen Netzwerken. Über diese Kommunikationskanäle unterhalten»Alpha-Wähler« aktive Beziehungen zu ihren Kontakten und Netzwerken, indem sie Informationen teilen, die sie für glaubwürdig und relevant halten. Diese informellen Meinungsführer haben eine zentrale Bedeutung für die Zirkulation von Nachrichten. Durch ihre Authentizität sind sie für ihre Netze überzeugende Filter von Informationen über die Welt.»Alpha-Wähler« sind meist Personen mit hohem Sozialkapital und großer kommunikativer Kompetenz. Oft handelt es sich um Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen oder zumindest in informellen Interessengruppen aktiv sind. 11. Die Bedeutung von Mainstream-Medien schrumpft zugunsten tagesaktueller medienübergreifender Informationsagenden. Für die Nutzer werden die Mainstream-Medien – die meistgelesenen und meistzitierten Pressetitel, meistgehörten Radiosender oder meistgesehenen TV-Nachrichtenprogramme – immer unwichtiger. Dafür wächst die Relevanz der Informationsagenda – der Komplex der wichtigsten Nachrichten und Themen, die im Laufe eines Tages in unterschiedlichen Medien und sozialen Netzwerken auftauchen. Das gilt für die von den Nutzern als wichtig und glaubwürdig erachteten, professionell und objektiviert präsentierten Informationen ebenso wie für die von anerkannten Journalisten und Redakteuren, angesehen Experten oder bekannten Politikern geäußerten Meinungen. Für die medienübergreifende Agenda ist charakteristisch, dass sich Konstellationen von Programmen, Sendern und Titeln herauskristallisieren, mit deren Hilfe die Nutzer eigene Medienbilder kreieren. 12. Die Untersuchung von Medienbildern liefert wichtige Erkenntnisse über die Formierung der Interessen und des Bewusstseins der Mittelschicht. Die Analyse der Einstellung der Befragten zum von der PiS eingeführten Kindergeldprogramm»500+« machte die bestehenden Spannungen in Bezug auf die Artikulation politischer Interessen sichtbar. Teile der Mittelschicht lehnen jegliche Sozialtransfers ab und begründen dies mit dem Anspruchsdenken der Begünstigten und der sogenannten Verteilungspolitik der Regierung. Andere Teile rechtfertigen ihren Anspruch auf öffentliche Mittel mit zuvor geleisteten eigenen Beiträgen. Wieder andere, vor allem Unterstützer der PiS-Regierung, gründen ihre positive Haltung zum Programm»500+« auf die Position, dass man den Empfängern des Kindergeldes nicht ihre Würde nehmen dürfe. 13. Die Methoden der Erstellung von Medienbildern unterschieden sich je nach Schichtzugehörigkeit. Die Praktiken der Mediennutzung unterscheiden sich in den einzelnen Schichten, was im Endeffekt zur »Produktion« von Medienbildern führt, die ihre Glaubwürdigkeit aus unterschiedlichen Quellen schöpfen und unterschiedliche legitimierende Kraft besitzen. Die unteren Schichten schauen vor allem Fernsehen. Fast ebenso wichtig ist für sie das Surfen im Internet. Die Art der Internetnutzung entspricht dabei der bisherigen Praxis der TV-Nutzung. Es handelt sich um eine überwiegend passive Nutzung in Gestalt der Rezeption der neuesten Nachrichten, der Durchsicht zugänglicher und 3 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – Die Wahrheit ist tot, es lebe die Wahrheit! exponierter Informationen in Portalen und Diensten mit unterschiedlich profilierten Informationen sowie das »Liken« und Teilen von Inhalten in den sozialen Netzwerken. Wenn eine aktive Suche nach Inhalten stattfindet, dann meist im Zusammenhang mit alltagspraktischen Fragen. Für die Mittelschicht bilden die Medien ein komplexes Mosaik. Die Auswahl von Medien ist bewusst personalisiert. Das ist möglich, weil der»Kampf um die Fernbedienung« und damit die Entscheidung darüber, was die Familie anschaut, kein absoluter Kampf mehr ist. Es besteht immer die Möglichkeit, auf einem zweiten Fernseher oder einem anderen Endgerät etwas anderes anzuschauen. Im Vergleich zu den unteren Schichten gibt es eine schwächere Fokussierung auf eine einzige Quelle(einen Fernseh- oder Radiosender, eine Internetseite), die den Lebensrhythmus bestimmt. Vielmehr werden Inhalte und Formate den aktuellen Bedürfnissen und Interessen angepasst. In den Aussagen der Vertreter der Oberschicht, die über hohes Sozialkapital verfügen und deren kulturelle Praktiken die vielfältigsten Formen der Freizeitgestaltung umfassen, lassen sich zwei Haltungen erkennen. Die erste ist eine Haltung des Überdrusses, die Überzeugung, dass Informationen zwar in immer größerer Zahl und immer schneller verfügbar sind, dass sich dabei aber lediglich die etablierten Informationsschemata wiederholen, die bestehende soziale Trennlinien bestätigen. Die zweite Haltung deutet indirekt auf die Umstände, die zur Legitimierung der politischen Spaltung in den Medien führen konnten: Es wird deutlich erkennbar, dass die Medien zum Kampfplatz geworden sind. Die Studienteilnehmer – insbesondere die PiS-Gegner – weisen aber darauf hin, dass es neben den eindeutig parteiischen Medien auch seriösere und glaubwürdigere gibt. Das heißt: Auch wenn Neutralität kaum zu finden ist, so existieren doch Medien, die trotz ihrer Voreingenommenheit sich Qualität und Redlichkeit bewahren. Die Suche nach objektiviertem Wissen ist charakteristisch für die Oberschicht und letztlich der Aspekt, in dem sie sich wesentlich von den anderen Schichten unterscheidet. 4 IMPRESSUM ÜBER DEN AUTOR IMPRESSUM Dr. habil. Mikołaj Lewicki ist Assistenzprofessor an der Fakultät für Sozialpsychologie des Instituts für Soziologie der Universität Warschau. Er beschäftigt sich mit Modernisierungstheorien, Diskurstheorie, Wirtschaftssoziologie, politischer Ökonomie, Wirtschaftsanthropologie, Medienund Kommunikationstheorie. Friedrich-Ebert-Stiftung| Vertretung in Polen ul. Podwale 11| 00-252 Warschau| Polen Verantwortlich: Dr. Ernst Hillebrand| Leiter des Büros der Friedrich-EbertStiftung in Warschau www.fes-polska.org Bestellungen/Kontakt: biuro@feswar.org.pl Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-­ Stiftung(FES) herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. ISBN 978-3-96250-374-1 DIE WAHRHEIT IST TOT, ES LEBE DIE WAHRHEIT! Medien und Politik im heutigen Polen Über politische und soziale Grenzen hinweg bezweifeln die Polen, ob die Medien glaubwürdige und nicht von politischen Interessen beeinflusste Informationen präsentieren. Gleichzeitig wird diese Parteilichkeit nicht zwingend negativ betrachtet: eher wird Neutralität als etwas sinnfreies und ungerechtfertigtes angesehen. Dieser Vertrauensverlust korrespondiert paradoxerweise mit einem zunehmenden politischen Engagement. Politik ist in Polen zu einem wichtigen Alltagsthema geworden und dringt in Bereiche vor, in denen sie bisher nicht präsent war. Die Wahrnehmung der Politik unterscheidet sich je nach Schichtzugehörigkeit aufgrund des differierten Medienkonsums. Die unteren S­ chichten betrachten sie überwiegend als schmutziges Spiel, an dem sich vor allem Karrieristen beteiligten. Aus ihrer Sicht ist sie ein spaltender Faktor. In der Mittelschicht hängen das Interesse für das tagespolitische Geschehen sowie das politische Engagement stark von der Bewertung der eigenen Handlungsmöglichkeiten sowie vom Gefühl der Abhängigkeit ab. Die Oberschicht ist genauso aktiv oder sogar aktiver als die Mittelschicht, insbesondere auf lokaler Ebene. In Zeiten von Fake News entstehen neue Autorisierungsinstanzen, vor allem sog. informelle Meinungsführer. Gemeint sind herausstechende und sichtbare Personen, die z. B. in sozialen Netzwerken Informationen teilen, die sie für glaubwürdig und relevant halten. Diese spielen eine zentrale Rolle bei der Zirkulation von Nachrichten. Für Nutzer werden Mainstream-Medien somit immer unwichtiger. Dafür wächst die Relevanz der Informationsagenda, also die Konstellation von Programmen, Sendern und Titeln, mit deren Hilfe die Nutzer eigene Medienbilder kreieren.