Ein ganzer Tag Ganztag Auf der Suche nach Chancengleichheit Hrsg. Burkhard Jungkamp Martin Pfafferott Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Hinweis: Für den optimalen Onlinegebrauch wurde diese Version der Publikation mit Hyperlinks ausgestattet. Sämtliche im Text vorkommenden URLs sind direkt verlinkt. Sie sind entsprechend gekennzeichnet. 2 Ein ganzer Tag Ganztag Auf der Suche nach Chancengleichheit Hrsg. Burkhard Jungkamp Martin Pfafferott Schriftenreihe des Netzwerk Bildung 3 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit INHALT Vorwort 6 Stundenplan 8 1. Stunde: Politik 18 Franziska Giffey Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule: Wieso wir ihn brauchen und wo wir stehen 18 2. Stunde: Pädagogik 24 Ulrike Schmidt-Hansen Ein ganzer Tag Ganztag an der Schule am Heidenberger Teich. Ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit 24 Marc Rohde Prävention, Begleitung, Vernetzung: Die teilgebundene Ganztagsschule Hahle im Bildungshaus 32 3. Stunde: Mathematik 40 Thomas Rauschenbach und Angelika Guglhör-Rudan In the Year 2025: Wie viele Plätze und welches Personal braucht der Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter? 40 4. und 5. Stunde: Kursangebote 52 Kurs I Klassenrat Ute Mittrowann Demokratie lernen und leben – über den ganzen Tag 52 Jette Nietzard Mehr Mitwirkung und Beteiligung für Schüler_innen im Ganztag? 56 4 03 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Kurs II Elternabend Anke Staar Was Eltern sich vom Ganztag wünschen 60 Christine Steiner Profitieren Familien vom Ganztag? 62 Kurs III Hörsaal und Praxis Marianne Schüpbach Professionalität und Professionalisierung in der Ganztagsschule in Deutschland – was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen? 64 Claudia Buschhorn Der Beitrag pädagogischer Fachkräfte zum Gelingen des Ganztags 68 Kurs IV Schule und Kinder-& Jugendhilfe Heike Kahl Kooperation – Beschwörungsformel oder gelebte Praxis 74 6. Stunde: Debattenkurs 76 Heinz Günter Holtappels Quo vadis, Ganztag? 76 Carina Merth Der Qualitätsaspekt in der Ganztagsschule 86 Oliver Kaczmarek Der Ganztag schafft gute Bildung und mehr Chancengleichheit 92 Bettina Martin Guter Ganztag: Mehr Chancengleichheit, mehr Teilhabe, mehr Vereinbarkeit 98 Was folgt daraus? Thesen zum Weiterdenken in zehn Punkten 104 Impressum 107 5 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Vorwort Ganztagsschulen sind im deutschen Bildungssystem eine Selbstverständlichkeit geworden. Das ist eine gute Nachricht, die selbst wiederum nicht selbstverständlich ist. Bis in die 1990er Jahre hinein war die Ganztagsschule die Ausnahme von der Regel der traditionellen Halbtagsschule. Politische Initiativen wie das von der damaligen rot-grünen Bundesregierung und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn durchgesetzte Investitionsprogramm„Zukunft Bildung und Betreuung“ führten dazu, dass der Ganztagsschulausbau in den letzten fünfzehn Jahren rasant fortgeschritten ist: Noch 2005 hatten nur knapp 30 Prozent aller Schulen ein ausgewiesenes Ganztagsangebot, heute sind es 68 Prozent. Mit dem im aktuellen Koalitionsvertrag des Bundes vereinbarten und von Bund und Ländern gemeinsam umzusetzenden Rechtsanspruch auf Ganztag in der Grundschule ab dem Jahr 2025 wird sich diese Entwicklung verstärken, der Ganztagsschulausbau noch einmal an Dynamik gewinnen. Und das aus gutem Grund: Der gute Ganztag verbindet sich mit gleich mehreren Bedarfen und Versprechungen, gesamtgesellschaftlich und bezogen auf jedes einzelne Kind und Jugendlichen: Pädagogisch, indem Lernen und soziales Miteinander neue Räume finden kann, und zwar auch im wortwörtlichen Sinne. Ein Mehr an Zeit ermöglicht eine andere Rhythmisierung des Unterrichts, die Freiräume für individuelle Unterstützung, für Bewegung, für Partizipation oder für die Verankerung im Stadtteil zulässt, die der klassische Halbtagsunterricht mit der bekannten Taktung des Unterrichts nicht bieten kann. Mit dem Ausbau des Ganztags verbindet sich zugleich das Versprechen auf mehr Chancengleichheit. Der Ganztag ermöglicht mehr Förderung, mehr Raum für Unterstützung – nicht nur bei Hausaufgaben, sondern auch beim Erleben von Selbstwirksamkeit, beim Erwerben von Kompetenzen, die über den Unterricht weit hinausgehen und bei denen die ungleichen Ressourcen der Elternhäuser eine entscheidende Rolle spielen. Profitieren vom Ganztag sollen letztlich alle, insbesondere aber auch benach6 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit teiligte Kinder und Jugendliche. Der Ganztag entspricht aber auch den Bedarfen der Familien und ist ein Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf – und zwar für Frauen und Männer. Wie der Ganztag diesen Erwartungen gerecht werden und was der Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter dazu beitragen kann, darüber spricht Franziska Giffey, Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend im Eröffnungsbeitrag dieses Bands. Die weiteren Beiträge fokussieren auf Praxisbeispiele und konkrete pädagogische Konzepte, auf die Fachkräfte- und Finanzbedarfe beim Ausbau des Ganztags, auf Partizipation im Ganztag, auf die Rolle von Eltern und Familien, die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften und weiteren pädagogischen Fachkräften und viele weitere Facetten. Die Beiträge zeigen: Ganztag gelingt nur, wenn er qualitativ hochwertig ist, wenn ausreichend und gut qualifiziertes Personal zur Verfügung steht und wenn Schule mit Kinder- und Jugendhilfe vernetzt ist. Wenn Sie den Band lesen, werden Sie feststellen, dass er einer besonderen Struktur folgt: Er ist gegliedert in Schulstunden und Wahlkurse. Damit orientiert sich der Band an der Struktur der Konferenz„Ein ganzer Tag Ganztag“, die das Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 20. Januar 2020 in Berlin durchgeführt hat. Wie ein Schultag konnten die Teilnehmenden in Politik- oder Mathematikstunden, in Klassenräten oder Elternabenden mit Inputgeber_innen diskutieren. In diesem Band finden Sie einige dieser Beiträge und Diskussionen wieder. Wir wünschen Ihnen beim Eintauchen in diesen Ganztag viele Anregungen und Erkenntnisse beim Lesen. Burkhard Jungkamp Staatssekretär a.D. Moderator des Netzwerk Bildung Dr. Martin Pfafferott Leitung Bildung und Wissenschaft Friedrich-Ebert-Stiftung 7 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Stundenplan Die vorliegende Publikation orientiert sich in ihrer Struktur und den Beiträgen an der Konferenz„Ein ganzer Tag Ganztag“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, die am 20. Januar 2020 stattfand und ein besonderes Format wählte: Die Tagung lehnte sich in ihrem Ablauf an einen Schultag an, der„Stundenplan“ ersetzte das klassische Konferenzprogramm. Diese Struktur wurde auch für diese Publikation übernommen. Steigen Sie also mit uns ein in einen Schultag der besonderen Art. Wir wünschen viele Anregungen bei der Lektüre! 1. Stunde: Politik mit Franziska Giffey Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule: Wieso wir ihn brauchen und wo wir stehen Ab 2025 soll es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen geben – so ist es im Koalitionsvertrag der aktuellen schwarzroten Bundesregierung hinterlegt. In dieser Legislaturperiode stellt der Bund über drei Milliarden Euro für den weiteren Ganztagsschulausbau zur Verfügung und knüpft damit an das von der damaligen Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn initiierte Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung(2003–2009) an. In ihrem Beitrag„Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule: Wieso wir ihn brauchen und wo wir stehen“ macht Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, deutlich, warum der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz in der Grundschule eine notwendige politische Maßnahme ist, wie er umgesetzt werden soll und in welchen Zusammenhang er mit Chancengleichheit steht. Mehr auf S. 18 8 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 2. Stunde: Pädagogik mit Ulrike Schmidt-Hansen und Marc Rohde Ein ganzer Tag Ganztag an der Schule am Heidenberger Teich. Ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit und Prävention, Begleitung, Vernetzung: Die teilgebundene Ganztagsschule Hahle im Bildungshaus Ganztagsschule ist nicht gleich Ganztagsschule – nicht nur kommt es auf das jeweilige Modell, von offen bis gebunden, an, sondern vor allem darauf, wie der Ganztag in der Schule konkret gestaltet wird. Die Beispiele der Schule am Heidenberger Teich und der Grundschule Hahle zeigen eindrucksvoll, wie guter Ganztag gelingen kann. Ulrike Schmidt-Hansen erläutert die enge Verbindung des Ganztagsschulkonzepts an der von ihr geleiteten Schule am Heidenberger Teich mit dem Verständnis der Schule als Ort der Inklusion. Dabei weist sie auf die Freiräume zur individuellen Förderung hin, die gerade eine gebundene Ganztagsschule und rhythmisierter Unterricht bieten können. Marc Rohde, Schulleiter der Grundschule Hahle, betont die Bedeutung von Gemeinschaft und Beziehungsarbeit, für die die Ganztagsschule mehr Gelegenheiten biete. Zur Gemeinschaft der Ganztagsschule gehörten neben den Eltern auch weitere Bildungspartner, etwa die Kindertagesstätten in der Umgebung. Mehr auf S. 24 und auf S. 32 9 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 3. Stunde: Mathematik mit Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und Dr. Angelika Guglhör-Rudan In the Year 2025: Wie viele Plätze und welches Personal braucht der Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter? Wie viele Ganztagsschulplätze werden bis 2025 benötigt, um den Rechtsanspruch erfüllen zu können? Was wird der bedarfsgerechte Ausbau kosten und wie hoch ist der Bedarf an qualifiziertem Personal? Diese Fragen beantworten Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und Dr. Angelika GuglhörRudan in ihrem Beitrag„In the Year 2025: Wie viele Plätze und welches Personal braucht der Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter?“ anhand aktueller Hochrechnungen des Deutschen Jugendinstituts. Mehr auf S. 40 10 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 4. Stunde: Kursangebote Kurs I: Klassenrat mit Ute Mittrowann und Jette Nietzard Demokratie lernen und leben – über den ganzen Tag und Mehr Mitwirkung und Beteiligung für Schüler_innen im Ganztag? Eine gute Ganztagsschule ist nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort. Ute Mittrowann, ehemalige Leiterin der 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Marktschule in Bremerhaven, erklärt in ihrem Beitrag „Demokratie lernen und leben – über den ganzen Tag“, dass der Anspruch der Schüler_innen auf Teilhabe das gesamte Schulleben durchzieht. Die Marktschule zeigt, wie eine demokratische Schulkultur gestaltet sein kann und wie es Pädagog_innen dabei gelingen kann, Verantwortung an ihre Schüler_innen abzugeben – eine notwendige Voraussetzung, damit echte Teilhabe möglich ist, weiß Mittrowann. Jette Nietzard vom SV-Bildungswerk berichtet in„Mehr Mitwirkung und Beteiligung für Schüler_ innen im Ganztag?“ aus der Perspektive der Schülervertretung und stellt konkrete Forderungen für ein Mehr an Mitbestimmung im Ganztag. Mehr auf S. 52 und auf S. 56 11 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Kurs II: Elternabend mit Anke Staar und Dr. Christine Steiner Was Eltern sich vom Ganztag wünschen und Profitieren Familien vom Ganztag? Lehrer_innen, pädagogische Fachkräfte und Schüler_innen sind nicht die einzigen an Schule Beteiligten – insbesondere in der Ganztagsschule spielt die Einbeziehung der Eltern eine entscheidende Rolle. Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen, fordert in ihrem Beitrag„Was Eltern sich vom Ganztag wünschen“ eine echte Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Eltern. Dazu gehörten auch Fortbildungsangebote der Eltern und Möglichkeiten der Mitgestaltung des Schulalltags. Aufgegeben werden müsse zudem eine vielfach noch vorhandene defizitorientierte Sicht auf die Familien. Von den Eltern selbst werde die Ganztagsschule überwiegend als positiv gesehen, führt Dr. Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut in„Profitieren Familien vom Ganztag?“ aus: Gerade Familien mit Migrationshintergrund und Eltern ohne akademischen Abschluss versprechen sich von der Ganztagsschule nicht nur eine verlässliche Betreuung für ihre Kinder, sondern auch eine bessere Förderung und Bildung insgesamt. Mehr auf S. 60 und auf S. 62 12 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Kurs III: Hörsaal und Praxis mit Prof. Dr. Marianne Schüpbach und Prof. Dr. Claudia Buschhorn Professionalität und Professionalisierung in der Ganztagsschule in Deutschland – was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen? und Der Beitrag pädagogischer Fachkräfte zum Gelingen des Ganztags Die Anforderungen des Ganztags verändern die Zusammensetzung der Professionen an den Schulen und erfordern multiprofessionelles Arbeiten. Dies gelinge nur durch die Schaffung einer pädagogischen Einheit, erklärt Prof. Dr. Marianne Schüpbach, Freie Universität Berlin, in„Professionalität und Professionalisierung in der Ganztagsschule in Deutschland – was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen?“. Deshalb sei es auf längere Sicht notwendig, eine gemeinsame grundlegende akademische Ausbildung von Lehrkräften und pädagogisch Mitarbeitenden einzurichten. Am Beispiel Schwedens zeigt Schüpbach auf, wie eine solche gemeinsame Ausbildung aussehen könnte. Prof. Dr. Claudia Buschhorn beschreibt in„Der Beitrag pädagogischer Fachkräfte zum Gelingen des Ganztags“ eine für den Ganztag erfolgversprechende Ausbildungsgestaltung für pädagogische Fachkräfte auf Hochschulniveau, die ebenfalls die Zusammenarbeit der Professionen in den Blick nimmt. Mehr auf S. 64 und auf S. 68 13 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Kurs IV: Schule und Kinder-& Jugendhilfe mit Dr. Heike Kahl Kooperation – Beschwörungsformel oder gelebte Praxis Nicht nur für die erfolgreiche Zusammenarbeit im multiprofessionellen Team ist die Etablierung von Unterstützungsstrukturen notwendig. In ihrem Beitrag„Kooperation – Beschwörungsformel oder gelebte Praxis“ macht Dr. Heike Kahl, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, deutlich, wie komplex die Anforderungen für eine gelingende Kooperation zwischen den einzelnen Akteuren im Ganztagschulalltag ist. Dabei betrachtet sie besonders die Herausforderungen für die Jugendhilfe, deren Angebote in der Ganztagsschule oft noch als lediglich additiv und nicht in ein Schul- und Kooperationskonzept eingebunden verstanden würden. Kahl geht nicht nur auf die Potenziale einer verbesserten Zusammenarbeit der unterschiedlichen Akteure, gerade für neue Lerngelegenheiten, ein, sondern legt auch dar, welche Unterstützungsstrukturen für gelingende Kooperationen in Ganztagsschulen besonders erfolgversprechend sind. Mehr auf S. 74 14 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 6. Stunde: Debattenkurs mit Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels, Carina Merth, Oliver Kaczmarek und Bettina Martin Quo vadis, Ganztag? und Der Qualitätsaspekt in der Ganztagsschule und Der Ganztag schafft gute Bildung und mehr Chancengleichheit und Guter Ganztag: Mehr Chancengleichheit, mehr Teilhabe, mehr Vereinbarkeit Damit Ganztagsschulen einen Beitrag zu Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit leisten können, braucht es nicht nur einen quantitativ, sondern auch qualitativ hochwertigen Ausbau, sagt Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels im Interview. Außerunterrichtliche Elemente müssen konzeptionell mit dem Unterricht und der gezielten Schaffung erweiterter Lerngelegenheiten verbunden sein. Holtappels erläutert darüber hinaus, welche Inhalte bei einem qualitätsvoll gestalteten Ganztagsschulausbau zu berücksichtigen sind. Der Qualitätsaspekt wird von Carina Merth, Ganztagsschulverband e.V., aufgegriffen und konkretisiert: Sie skizziert einheitliche Qualitätsstandards für Ganztagsschulen und gibt so einen Ausblick auf eine inhaltliche Weiterentwicklung des Ganztagsschulausbaus. Die grundsätzliche Debatte darüber, ob in Deutschland flächendeckend Ganztagsangebote zur Verfügung stehen sollten, ist entschieden. Der Weg zu diesem gesellschaftlichen Konsens, dem aktuellen Stand des Ganztagsschulausbaus und schließlich zur Vereinbarung des Rechtsanspruchs für einen Ganztagsschulplatz in der Grundschule ab 2025 war jedoch nicht einfach. Darauf weist Oliver Kaczmarek, Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion, in seinem Beitrag„Der Ganztag schafft gute Bildung und mehr Chancengleichheit“ hin. Längst nicht ausdiskutiert ist aber die Frage, wie die Ganztagsschule aussehen soll: offen, teilgebunden oder gebunden? Sollen die Angebote in der Schule stattfinden oder in Zusammenarbeit mit Horten organisiert werden? Bettina Martin, Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des 15 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Landes Mecklenburg-Vorpommern, plädiert für eine Berücksichtigung der unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der Bundesländer und damit für individuelle Lösungen. Sie stellt die Ganztagsschullandschaft in Mecklenburg-Vorpommern vor und zieht auf dieser Basis Rückschlüsse für den weiteren, qualitativ hochwertigen Ausbau des Ganztagsschulwesens in den nächsten Jahren. Mehr auf S. 76 und auf S. 86, S. 92 und S. 98 16 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule: Wieso wir ihn brauchen und wo wir stehen Franziska Giffey Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Das Thema Ganztag hat in den letzten Monaten an Fahrt aufgenommen. Es ist eines der zentralen Vorhaben der Großen Koalition. Im Koalitionsvertrag haben wir festgelegt, dass wir einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Kinder im Grundschulalter bis 2025 schaffen wollen. Für Finanzhilfen hatte der Bund in dieser Legislaturperiode ursprünglich 2 Milliarden Euro an Unterstützung vorgesehen. Mit dem Konjunkturpaket zur Bekämpfung der Folgen der Coronavirus-Pandemie wurde dieser Beitrag um weitere 1,5 Mrd. Euro auf insgesamt 3,5 Mrd. Euro aufgestockt. Zum geplanten Rechtsanspruch führen wir derzeit Verhandlungen, die noch dieses Jahr abgeschlossen werden sollen. Fest steht: In fünf Jahren soll es den Rechtsanspruch geben. Wir wollen den Rechtsanspruch im Sozialgesetzbuch VIII(SGB VIII) verankern. Es sieht schon heute vor, dass die Kommunen ein angemessenes Betreuungsangebot in Tageseinrichtungen vorhalten müssen. Aber anders als im frühkindlichen Bereich gibt es für Grundschulkinder bislang keinen individuellen Rechtsanspruch. Im Rahmen der Änderung des SGB VIII fordern Länder und Kommunen eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten. Hier sind wir mit den Ländern und Kommunen in Gesprächen. Fest steht: In fünf Jahren soll es den Rechtsanspruch geben. Und wo stehen wir heute? Aktuell werden bundesweit knapp die Hälfte der Grundschulkinder unter 11 Jahren ganztags in Ganztagsschulen und Horten betreut. Der Bedarf liegt bei 73 Prozent, Tendenz steigend. Die Länder haben in den vergangenen Jahren kontinuierlich Ganztagsschu18 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit len ausgebaut. 66 Prozent der Grundschulen sind bereits Ganztagsschulen. Das Angebot hat sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Und auch die Zahl der eigenständigen Horte ist gestiegen. Wir fangen also nicht bei null an. Das Angebot vor Ort ist vielfältig: Manche Bundesländer setzen vor allem auf Ganztagsschulen, andere auf Horte und wiederum andere Länder haben einen Mix aus Angeboten. Diese Vielfalt wollen wir erhalten. So steht es auch im Koalitionsvertrag. Wieso brauchen wir den Ganztag? Thema Vereinbarkeit Klar ist aber auch: Ganztag in der Schule bedeutet nicht von 8 bis 14 Uhr, montags bis donnerstags. Und freitags ist schon um 13 Uhr Schluss. Sondern 8 Stunden, von 8 bis 16 Uhr, mit Mittagessen, an 5 Tagen in der Woche. Oft stehen Erstklässler schon um 12 wieder vor der Haustür, mit leerem Magen, aber mit einem Ranzen voller unerledigter Hausaufgaben. Was heißt das für die Eltern? In aller Regel, dass nicht beide einer geregelten Arbeit nachgehen können. Häufig sind es die Mütter, die im Job kürzertreten, weniger verdienen, schlechtere Aufstiegschancen haben, später weniger Rente haben. Sie sind es auch, die in den Unternehmen als Fachkräfte fehlen. Das DIW rechnet damit, dass sich der Ganztagsbetreuungsausbau in einem hohen Maß selbst finanziert. Der Ganztag ist deshalb nicht nur für Kinder, Familien und die Gleichstellung gut. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung(DIW) hat in der Studie„Fiskalische Wirkungen eines weiteren Ausbaus ganztägiger Betreuungsangebote von Kindern im Grundschulalter“ erst jüngst gefragt, was es für den Steuerzahler oder die Steuerzahlerin und für die Sozialkassen bringt, wenn wir die Ganztagsbetreuung an Grundschulen ausbauen. Um das zu berechnen, hat sich das DIW die Effekte für die Berufstätigkeit von Eltern angeschaut, wenn die Betreuung der Kinder nach Schulschluss garantiert ist. Die Studie des DIW rechnet in Folge des Ganztagsausbaus mit höheren Einnahmen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen. Und zwar mit Mehreinnahmen zwischen einer und zwei Milliarden Euro pro Jahr, wenn der Ganztag ausgebaut ist. Von diesen Mehreinnahmen würde zu ca. 80 Prozent der Bund profitieren. Das 19 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit heißt: Das DIW rechnet damit, dass sich der Ganztagsbetreuungsausbau in einem hohen Maß selbst finanziert. Der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ist also ökonomisch sinnvoll, macht aber vor allem den Alltag von Familien planbarer und verlässlicher, gerade auch am Übergang von der Kita in die Grundschule. Im letzten Jahr haben wir mit dem Gute-KiTa- Gesetz für mehr Qualität und weniger Gebühren in der Kindertagesbetreuung gesorgt. Mit 5,5 Milliarden Euro bis 2022. Die Länder verwenden die Mittel aus dem Gute-KiTa- Gesetz vor allem für die Qualität in den KiTas und in der Tagespflege: Zwei Drittel der bislang verplanten Mittel fließen in die Qualität, ein Drittel in die Beitragsentlastung. 82 Prozent aller Eltern bundesweit unterstützen den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Kaum ein anderes politisches Vorhaben erntet so große Zustimmung. Mit dem Gute-KiTa- Gesetz haben wir einen großen Schritt gemacht, um die Kindertagesbetreuung zu verbessern. Der Ganztagsausbau ist jetzt der richtige nächste Schritt, denn was nützt den Eltern die beste frühkindliche Betreuung in der KiTa, wenn es nach der Einschulung dann wieder keine Nachmittagsbetreuung gibt? Wir brauchen den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Das ist nichts, was wir uns in der Berliner Blase ausgedacht haben und was mit der Lebenswirklichkeit der Menschen in anderen Teilen des Landes nichts zu tun hat. 82 Prozent aller Eltern bundesweit unterstützen den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Kaum ein anderes politisches Vorhaben erntet so große Zustimmung. Wir sehen diesen Bedarf. Gleichzeitig ist auch klar: Es wird keine Pflicht zur Teilnahme am Ganztag geben. Die kann der Bund auch gar nicht einführen. Es geht darum, den Anspruch auf eine ganztägige Förderung von Grundschulkindern zu regeln. In manchen Bundesländern liegt die Betreuungsquote bereits bei über 80 Prozent; in vielen Regionen liegt sie noch deutlich darunter. Ob Kinder ein verlässliches Ganztagsangebot haben oder nicht, darf aber nicht davon abhängen, wo man wohnt, ob in der Stadt oder auf dem Land, ob in Mecklenburg-Vorpommern oder in Baden-Württemberg. Deshalb ist der 20 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Ausbau der Ganztagsbetreuung im Grundschulalter auch ein Beitrag für die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland. Wie kann der Ganztag zur Chancengerechtigkeit beitragen? Es geht uns aber bei der Ganztagsbetreuung nicht nur um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mir ist ganz wichtig, dass es auch um bessere Chancen für alle Kinder geht. Wie kann der Ganztag zur Chancengerechtigkeit beitragen? Indem er eine bessere Förderung von Kindern ermöglicht. Einfach schon, weil mehr Zeit da ist: mehr Zeit für gemeinsames Lernen, für zusätzliche Förderung, für ein soziales Miteinander und für Projekte, die über den Unterrichtsstoff hinausgehen. Und auch nicht zu vergessen: Mehr Zeit für Spiel, Sport und Erholung. Mehr Zeit für das Erwerben von Medienkompetenz oder einfach nur das Erlernen des Umgangs mit freier Zeit. Zeit für ein gemeinsames Mittagessen in der Schule, statt nach Schulschluss unbeaufsichtigt mit der ChipsTüte vor dem Fernseher zu sitzen oder am Handy zu zocken. Dabei trägt zu einem Gelingen wesentlich bei, dass sich Kinder im Ganztag einbringen können. Beteiligung führt dazu, dass Kinder das Angebot mehr schätzen und sich im Schulalltag wohlfühlen. Wir verbessern damit auch die Chancen der Kinder. Fachkräfteoffensive Was wir bei all dem nicht aus den Augen verlieren dürfen, weder bei den Kitas noch bei den Ganztagsschulen: Wir brauchen auch Menschen, die das machen. Erzieherinnen und Erzieher fördern und stärken Kinder – jeden Tag. Sie wecken und füttern die Neugier der Kinder, helfen dabei, Talente zu entdecken und legen damit die Basis für den späteren Bildungsweg. Sie sind keine Basteltanten, sondern pädagogische Fachkräfte, die dafür arbeiten, dass es jedes Kind packt. Und für Eltern machen sie mit ihrer Arbeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erst möglich. Deshalb müssen wir in die Fachkräfte investieren. 21 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Es gibt Menschen, die Erzieherin oder Erzieher werden wollen. Sie brauchen nur vernünftige Rahmenbedingungen: klare Perspektiven, ein vernünftiges Ausbildungsgehalt und eine kostenfreie Ausbildung. Wir im Bundesfamilienministerium haben eine bundesweite Fachkräfteoffensive für mehr Erzieherinnen und Erzieher gestartet. Wir fördern damit eine praxisintegrierte, vergütete Ausbildung, eine professionelle Begleitung für Fachschülerinnen und Fachschüler sowie Perspektiven für Profis durch den Aufstiegsbonus. Damit ist es erstmals in allen Ländern möglich, eine vergütete und schulgeldfreie Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin zu beginnen. Die hohen Standards, die der Bund mit dem Programm setzt, sind auch ein wichtiges Signal, dass es sich um eine vielfältige und anspruchsvolle Tätigkeit handelt, die gute Rahmenbedingungen braucht. Alle 2.500 von uns geförderten Plätze waren im Handumdrehen voll. Im September 2019 sind die angehenden Erzieherinnen und Erzieher ins Ausbildungsjahr gestartet. Die gute Nachricht ist: Es gibt Menschen, die Erzieherin oder Erzieher werden wollen. Sie brauchen nur vernünftige Rahmenbedingungen: klare Perspektiven, ein vernünftiges Ausbildungsgehalt und eine kostenfreie Ausbildung. Diesen Weg gilt es weiterzuverfolgen: Zahlreiche Länder haben die Impulse aus der Fachkräfteoffensive aufgegriffen und – auch mit Mitteln aus dem Gute-KiTa- Gesetz – eigene Maßnahmen zur Fachkräftesicherung gestartet und die Zahl der geförderten Plätze aufgestockt. Jedes Kind soll es packen – unabhängig von den Startbedingungen Ich war fünf Jahre lang Schulstadträtin in Neukölln. Dort hat mir eine Schulleiterin einmal gesagt: Wissen Sie, wir könnten so eine tolle Schule sein – wenn wir andere Kinder hätten. Mein Ansatz ist genau das Gegenteil. Das hier sind die Kinder, die wir haben, und die müssen wir so fördern, dass sie sich so gut wie möglich entwickeln können. In Neukölln stehen viele Schulen vor großen Herausforderungen, genauso wie in Hamburg oder in Bremen oder in Köln. Brennpunktschulen. 22 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Wo viele Kinder einen Migrationshintergrund haben. Aber der Migrationshintergrund allein ist kein Gradmesser für den Erfolg einer Schule. Nehmen Sie die John F. Kennedy School in Zehlendorf: Dass die Hälfte der Schüler nicht Deutsch als Muttersprache spricht, interessiert da niemanden. Wissen Sie, was für den Erfolg einer Schule viel wichtiger ist? Auf wie viele Schülerinnen und Schüler das Kürzel„Lmb“ zutrifft. Lernmittelbefreit. Das sind Schülerinnen und Schüler, die die 100 Euro für Schulbücher pro Jahr nicht zahlen müssen. Wie viele Schülerinnen und Schüler stammen aus Familien, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, darum geht es. Ich will, dass es jedes Kind packt, egal, mit welchen Startbedingungen es ankommt. Egal, welche Unterstützung das Elternhaus geben kann. Der Bildungserfolg darf nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Dafür wollen wir mit dem Ganztagsanspruch die richtigen Weichen stellen: für mehr Förderung und Chancengleichheit in der Bildung, von Anfang an. Für eine bessere Vereinbarkeit und eine gute Zukunft. Quelle: Website der Grundschule am Heidenberger Teich: http://schuleamheidenbergerteich.de/downloads/Kurzkonzept_GGS.pdf 23 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Ein ganzer Tag Ganztag an der Schule am Heidenberger Teich: Ein Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit Ulrike Schmidt-Hansen Leiterin der Schule am Heidenberger Teich, Kiel Kurzprofil der Schule am Heidenberger Teich Die Schule am Heidenberger Teich ist zurzeit eine der größten Grundschulen Kiels und liegt im Stadtteil Mettenhof, der als sozialer Brennpunkt gilt. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund und eingeschränkten Deutschkenntnissen und Fluchterfahrung beträgt an der Grundschule ca. 85%. Insgesamt weisen die Sozialdaten des Stadtteils Mettenhof aufgrund der vorhandenen Bevölkerungsstruktur einen besonders hohen Bedarf an sozialen Hilfen auf, an der Schule am Heidenberger Teich betrifft dieses 76,6% aller Kinder. Quelle: Website der Grundschule am Heidenberger Teich: http://schuleamheidenbergerteich.de/downloads/Kurzkonzept_GGS.pdf 24 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Die Grundschule am Heidenberger Teich ist in der Regel fünfzügig mit zurzeit 477 Schüler_innen. In unserer Schule arbeiten 41 Lehrerinnen, acht Lehrer, acht Sonderpädagoginnen, ein Schulsozialarbeiter und 20 bis 30 pädagogische Fachkräfte im Ganztagsbereich. Die Schule am Heidenberger Teich engagiert sich seit 2001 intensiv im Bereich der integrativen und inklusiven Arbeit. Innerhalb der Fünfzügigkeit bestehen in jedem Jahrgang mindestens zwei Präventions- oder Integrationsklassen mit den Förderschwerpunkten Sprache, Lernen, Hören, Sehen oder Verhalten. Durch die Zusammenarbeit mit dem Förderzentrum wird die intensive individuelle Förderung der Kinder unterstützt. Die große kulturelle Vielfalt mit unterschiedlichen sprachlichen Barrieren und gesellschaftlichen Herausforderungen und Chancen hat eine intensive Kooperation zwischen allen beteiligten Institutionen zur Folge. Folgende pädagogische Arbeitsschwerpunkte prägen zurzeit die Schulstruktur: Alle Kinder lernen gemeinsam, d.h. wir fördern und fordern Kinder in inklusiven Kontexten Entwicklung von Unterricht und Schule(Digitale Medien, Durchgängige Sprachbildung, Well-being etc.) Förderung der Lesekultur und der sprachlich-kommunikativen Kompetenz „Mettenhofer Arbeitskreis“ zur Gestaltung des Übergangs von der Kindertagesstätte in die Grundschule Ausbildungsschule für junge Lehrkräfte Anleitung von sozialpädagogischen Hochschulpraktikant_innen und angehenden Erzieher_innen enge Zusammenarbeit mit Institutionen des Stadtteils wie Polizei, Amt für Familie und Soziales, Kindertagesstätten, weiterführende Schulen, Hochschulen Seit dem Schuljahr 2010/11 ist die Schule am Heidenberger Teich eine gebundene Ganztagsschule mit folgender Tagesstruktur: Unterricht, Mit25 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit tagessen, individuelle Lernzeit, freie Spielzeit, Förderangebote, Spiel- und Freizeitangebot, Arbeitsgemeinschaften. Der Nachmittagsbereich wird in Kooperation zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften mit vielfältigen Angeboten organisiert. Auf dem Weg zur Bildungsgerechtigkeit Bei der Umwandlung der Schule in eine Ganztagsschule war es erklärtes Ziel, mit Hilfe einer gut durchdachten Schulentwicklung zu einer größeren Bildungsgerechtigkeit für unsere Kinder beizutragen. Eine frühe Begleitung der Bildungsbiografie wurde im Rahmen des„Mettenhofer Arbeitskreises Kita – Grundschule“, einem interdisziplinären Netzwerk bestehend aus zehn Kita-Leitungen, drei Grundschulleitungen und der Europa-Universität Flensburg, angestoßen. Vielfältige Unterstützungssysteme, frühe angemessene und unterstützende Angebote sorgten für einen angstfreien Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule. Eine Schuleingangsdiagnostik neun Monate vor Schulbeginn ermöglichte es, gezielte Unterstützungsangebote anzuregen oder anzubieten. Da viele Eltern die Grenzen ihres Stadtteils selten verlassen, um Angebote für ihre Kinder wahrzunehmen, entwickelte sich die Schule am Heidenberger Teich zu einem zentralen Lebens- und Lernort für die Kinder. Erste Aufgabe war zunächst, den Kindern eine warme Mahlzeit und eine klare Tagesstruktur zu bieten. Durch die sukzessive Umwandlung von der Halbtagsschule in eine gebundene Ganztagsschule seit 2010, beginnend mit der Klassenstufe 1, konnte das Team zunächst erste Erfahrungen sammeln und diese in der Schulentwicklungsarbeit fortlaufend weiterentwickeln. Aus unserer Sicht haben die im Folgenden beschriebenen Aspekte die Qualität unserer Ganztagsschule beeinflusst und sind maßgebliche Gelingensbedingungen für einen guten Ganztag, der Bildungsgerechtigkeit fördern kann. Dabei spielen die Qualität und Kontinuität der Angebote, eine gute Bindungs- und Beziehungsarbeit durch die Lehrkräfte und das pädagogische Fachpersonal eine herausragende Rolle. 26 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Gelingensbedingungen für einen guten Ganztag an der Schule am Heidenberger Teich 1. Unsere Schule bietet Bildung für alle gleichermaßen, unabhängig von der Herkunft und den ökonomischen Möglichkeiten der Eltern. Wir schätzen Vielfalt und Inklusion, indem Sprache und Interkulturalität ihren Platz finden. 2. Grundsätzlich vertreten wir eine positive Grundhaltung , die das Selbstwertgefühl aller Kinder stärkt und Ressourcen-, Stärken- und Entwicklungsorientierung beachtet. Die Veränderung des Selbstkonzeptes und die Identifikation mit einer gemeinsamen Haltung und einem ähnlichen Menschenbild, eine größere Lebensweltorientierung über Lernprozesse hinaus sind tragende Pfeiler, um die Schule am Heidenberger Teich als Lebensort, der Vielfalt wertschätzt, zu entwickeln. 3. Um Bindung und Kontinuität aufbauen zu können, ist Qualität im Sinne von Verlässlichkeit durch ein multiprofessionelles Team unabdingbare Voraussetzung. 4. Eine bestmögliche individuelle Unterstützung wird durch die enge Zusammenarbeit von Grundschullehrkräften, Sonderschullehrkräften und Mitarbeiter_innen im Ganztag sowie die tägliche individuelle Lernzeit(statt Hausaufgaben) gefördert. 5. Es entsteht mehr „Raum und Zeit“ für den Umgang mit Vielfalt und somit für inklusive Bildung in einer Schule, die Lebens- und Lernfreude ausstrahlt und die ansprechende Lebens- und Lernräume für Kinder bietet(Willkommenskultur, Partizipation an der Gestaltung, Wohlbefinden durch Beteiligung). 6. Angebote für Bewegung, Wahrnehmung, Sprache und Gesundheitsbildung werden durch psychomotorische Entwicklungsförderung, Theater, Musik, Yoga, sprachsensiblen Unterricht, gezielte Sprachförderung und beispielsweise Kochkurse für Kinder verwirklicht. 7. Eine klare Organisationsstruktur bietet Sicherheit für alle Beteiligten. Gemeinsame und in Partizipation abgestimmte Konzepte (Schulordnung, Präventionskonzept, Medienkonzept, Methodenkonzept etc.) erleichtern den Schulalltag. 28 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 8. Im Rahmen von Partizipation und Demokratie wird soziales Lernen , die Förderung der sozialen Kompetenzen, gemeinsamer Werte und Regeln sowie die Persönlichkeitsbildung von Kindern in unterschiedlichen Kontexten gelebt. Der wöchentliche Klassenrat, ein Kinderparlament, projektorientierte Angebote, sozialpädagogische Freizeitangebote und Kurse durch die Schulsozialarbeit tragen zu einem vielfältigen Erleben von sozialer Handlungsfähigkeit bei. 9. Eine intensive Teamarbeit und Kooperation ist notwendig, um Lernprozesse zu initiieren und zu stärken. Multiprofessionelle Kooperationen zwischen Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeiter_innen ermöglichen vielfältige Perspektiven und Sichtweisen auf das Kind. Dieses wird unterstützt durch gemeinsame Besprechungszeiten („Teamtime“, Fallforen etc.). 10. Durch eine alternative Feedbackkultur(kompetenzorientierte Rückmeldungen) und eine kindzentrierte Entwicklung der Leistungskultur (notenfreie Grundschule und Arbeit mit einem Portfolioordner) werden die Leistungen unserer Kinder gewürdigt. 11. Die Selbstwirksamkeit eines jeden Kindes erhöht sich durch eine differenzierte Lern- und Feedbackkultur . Regelmäßiges Lob und regelmäßige Anerkennung für die individuell geleistete Arbeit und die tägliche Reflexion über die Qualität und Quantität des Lernens führen zu erhöhter Lernmotivation. Verpflichtende Kind-Eltern-Lehrer_innen-Gespräche und Selbsteinschätzungsbögen sind Bestandteil unserer Kommunikationskultur. 12. Selbstwirksamkeit in lebensbedeutsamen Bereichen , wie beispielsweise im Umgang mit digitalen Medien, erreichen wir durch eine frühe Heranführung an und eine kritische Betrachtung von Medien. 13. Kooperative Lernmethoden wurden in gemeinsamen Fortbildungen vereinbart und in einem für die Schule verbindlichen Methodencurriculum festgehalten. Den Kindern wird somit eine übergreifende Methodenkompetenz vermittelt. 14. Vielfältige Lernsettings regen zum selbstständigen Lernen an und bieten unseren Kindern Lernstrategien und Methoden des selbstbestimmten Lernens an. 29 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 15. Im Rahmen des PerspektivSchulprogramms (Unterstützungsprogramm für Brennpunktschulen in Schleswig-Holstein 2019) soll im Quartier Mettenhof Elternbildung im„Campus Mettenhof“ verankert werden. Ein alltagsorientierter Kontakt zu Eltern und dem sozialen Umfeld soll durch Unterstützungsangebote(wie Sprachkurse für Eltern, Beratungsangebote im Bereich Erziehung, Logopädie, Gesundheitsbildung etc.) hergestellt werden. Diese Elternarbeit soll niederschwellig und wohnortnah sein. 16. Eine intensive Netzwerkarbeit (Ortsbeirat, Stadtteilfest, Stadtteilkonferenz) im Stadtteil stärkt die Arbeit an Bildungsbiografien und die Identifikation mit Bildung und Kultur. Ausblick Durch eine stetige Weiterentwicklung der Schulentwicklungsarbeit ist die Schule am Heidenberger Teich zu einem Lern- und Lebensort geworden, der versucht, das Denken und Handeln in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit ständig zu evaluieren und ggfs. zu verändern. Herausforderungen entstehen dennoch nach wie vor durch ständig wechselnde Kooperationspartner(z. B. Trägerwechsel) und unzureichende finanzielle Ressourcen, um langfristig qualifiziertes Personal in ausreichender Anzahl zu beschäftigen. An dieser Stelle wäre eine größere Wertschätzung und Unterstützung von individuell ausgerichteten Ganztagssystemen notwendig. Ein selbstbestimmtes Organisationssystem durch die Schule,(„Alles in einer Hand“) würde Abläufe, Prozesse und rhythmisiertes Lernen erleichtern und insbesondere eine langfristige Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit und somit Qualität für alle Beteiligten an der Schule am Heidenberger Teich bieten. Nur so kann ein guter Ganztag für mehr Bildungsgerechtigkeit funktionieren! 30 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Prävention, Begleitung, Vernetzung: Die teilgebundene Ganztagsschule Hahle im Bildungshaus Marc Rohde Schulleiter der Grundschule Hahle, Stade Kurzprofil der Grundschule Hahle Die Grundschule Hahle im Bildungshaus ist eine von zwei teilgebundenen Ganztagsgrundschulen in der Hansestadt Stade. Knapp 200 Schüler_innen besuchen die Schule – gelernt wird im Bildungshaus aber bereits ab dem dritten Lebensjahr. Denn das Bildungshaus besteht aus drei Kindertagesstätten und der Grundschule Hahle, eine der Kindertagesstätten befindet sich in den gleichen Räumlichkeiten wie die Schule. Zum Konzept des Bildungshauses gehört es, über die Grenzen des Schulalltags hinauszudenken: Das Haus ist von 07:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet, auch in den Ferien. Über das ganze Jahr hinweg beträgt die Schließzeit zwei Wochen. Die Kinder haben mit einer Mischung aus Lehrkräften, Erzieher_innen, Pädagogischen Mitarbeiter_innen und Sozialpädagog_innen feste Bezugspersonen, die sie von drei bis zehn Jahren – also bis zum Abschluss der Grundschule – begleiten. Auf dem Weg zur Bildungsgerechtigkeit Die Teilgebundenheit bietet vielfältige Vorteile: Sie gibt mehr Zeit für Unterricht und damit Möglichkeiten zur Rhythmisierung und Gestaltung, etwa durch die Entwicklung neuer Fächer. Vor etwas mehr als zehn Jahren, mit dem Schuljahr 2009/2010, machte die Grundschule Hahle die ersten Schritte von einer Halb- zu einer Ganztagsschule. Zunächst wurde eine Hausaufgabenbetreuung ohne pädagogisches Personal angeboten. Im nächsten Schuljahr wurde das Angebot um einen offenen Ganztag an drei Tagen in der Woche und 32 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 33 Abbildung 1: Stundenplan der Klassen 3-4 an der Grundschule Hahle, Stade Stunde päd. Anfangszeit 1. Stunde Zeit 08.00–08.10 08.10–08.55 Montag Mathe Dienstag Sachunterricht Mittwoch Mathe Donnerstag Neigung 2. Stunde 09.00–09.45 Deutsch LÜZ Englisch Deutsch Frühstückspause Spielpause 3. Stunde 09.45–09.55 09.55–10.20 10.20–11.05 Kunst Deutsch Frühstückspause Spielpause (Schulhof) Sachunterricht Mathe 4. Stunde 11.10–11.55 Kunst Mathe Sachunterricht Deutsch Spielpause 5. Stunde 11.55–12.15 12.15–13.00 Mittagspause 6. Stunde (Mo.–Fr.) Spielpause Mittagessen 6. Stunde (Di.–Mi.) 13.00–13.45 13.45–14.00 14.00–14.45 7. Stunde 14.45–15.30 Betreuung bis 12.30 Uhr am Montag nur in Verbindung mit Mittagessen Religion Modul Methoden Mittagessen bis 13.15 Uhr Pflicht, Freitzeit auf dem Hof oder in den Betreuungsräumen Bewegungspause / Betreuung Deutsch Mathe LW Sprache LW Nawi Sport Sport Mittagessen Start der Angebote um 14.00 Uhr Freitag Deutsch LÜZ Sachunterricht Englisch Werken Werken Mittagessen bis 14.00 Uhr Quelle: https://wordpress.nibis.de/gshahle/files/2020/01/2020-01-18-Unser-Beitrag-zurBildungsgerechtigkeit-für-alle-Kinder.pdf Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit eine zusätzliche integrierte Lernzeit erweitert, die durch pädagogisches Personal unterstützt wurde. Seit dem Schuljahr 2014/2015 gibt es Nachmittagsangebote durch Lehrkräfte, die als Projektunterricht im Jahrgang oder Themen-AGs, die von den Schüler_innen frei gewählt werden können, gestaltet sind. Schließlich folgte 2016/2017 der Schritt zur jetzigen Struktur, der einer teilgebundenen Ganztagsschule. Schüler_innen müssen nunmehr an zwei Tagen in der Woche den ganzen Tag in der Schule bleiben. Die Lern- und Übungszeiten sind in die Schulwoche integriert. Die Teilgebundenheit bietet vielfältige Vorteile: Sie gibt mehr Zeit für Unterricht und damit Möglichkeiten zur Rhythmisierung und Gestaltung, etwa durch die Entwicklung neuer Fächer. Zu unserem Konzept gehört es auch, dass wir Hausaufgaben gänzlich abgeschafft haben. Denn wir sind der Auffassung, dass Kinder zwar zuhause lernen und üben müssen, gezielte Aufgabenstellungen aber auch außerhalb des Unterrichts in die Hand von Fachleuten gehören. Unser Stundenplan der Klassen 3–4 zeigt, wie sich Fachunterricht, Neigungsfächer, Pausen, individualisierte Lernzeiten und Wahlangebote über den Tag verteilt abwechseln. Jeder Tag beginnt mit einem pädagogischen Anfang zur organisatorischen Entlastung. Die in der nebenstehenden Abbildung mit einem Stern gekennzeichneten Stunden haben wir selbst entwickelt, sie finden sich so in keiner anderen Schule in Stade wieder. Denn wir sind davon überzeugt, dass die Schule auf die lokalen Bedingungen des Stadtteils reagieren muss. Dies sollte sich wie ein roter Faden durch die gesamte Schulentwicklung in organisatorischer, pädagogischer als auch fachlicher Hinsicht ziehen. Deshalb legen wir besonderen Wert auf Sprachbildung, aber auch auf die naturwissenschaftliche Bildung und zusätzliche Lern- und Übungszeiten. Zu unserem Konzept des sprachsensiblen Unterrichts gehört es, dass alle im Haus, vom Hausmeister über die Schulsekretärin und Reinigungsfachkraft bis hin zur Lehrkraft und den pädagogischen Mitarbeiter_innen die Aufgabe haben, Sprachbildung zu betreiben. Wir alle geben unseren Schüler_innen korrektives Feedback, wenn es notwendig ist. Der Deutschunterricht darf nicht isoliert betrachtet werden, Sprachbildung findet überall statt. Dafür ist es notwendig, dass sich alle qualifizieren und fortbilden. Deshalb haben wir Fachkonferenzen, regelmäßige Arbeitstreffen eingeführt, die die Räume für diese Qualifikation geben. Pflichthospitationen mit dem Schwerpunkt Sprachbildung in allen Fächern sind ein weiteres Element zur Sicherung der Qualität. Alle Kolleg_ 34 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit innen hospitieren regelmäßig untereinander. Wer welchen Unterricht besucht, wird von der Schulleitung und dem Personalrat zugelost. Im Anschluss werden die Eindrücke besprochen. Gelingensbedingungen für einen guten Ganztag an der Grundschule Hahle Die Stundentafel kann in einer teilgebundenen Struktur besser auf die Bedürfnisse der Schüler_innen angepasst werden und ist damit ein Baustein für mehr Bildungsgerechtigkeit. Zu einem gelungenen Ganztag, der zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt, gehört aber mehr: 1. Kooperative und professionsübergreifende Vorschularbeit: 40% unserer Schüler_innen besuchen die Vorschule und erhalten dadurch eine bessere Chance, erfolgreich in der Grundschule mitzuarbeiten. In dieser Zeit können sie Basiskompetenzen entwickeln. Ein professionsübergreifendes Team aus Erzieher_in und Lehrkraft fördert eine Gruppe von fünfzehn Kindern in 21 Wochenstunden gezielt in den Bereichen Sprache, Kunst, Mathematik, Sport und Naturwissenschaften. 2. Intensive Kooperationen mit den Eltern: Die Elternberatung fängt bei uns bereits ein Jahr vor dem Schulanfang an. Wir laden in Kooperation mit den Kindertagesstätten zu Elternabenden ein, um frühzeitig vor der Einschulung Möglichkeiten aufzuzeigen und ins Gespräch zu kommen. Zu unseren gezielten Elternaktivitäten gehören auch kulinarische Leseabende, der Garteneinsatz mit Grillen, Laterne laufen mit dem Bildungshaus oder unser Einschulungsbuffett. Wir bringen Eltern in die Position, sich zeigen zu können, damit wir uns austauschen und voneinander lernen können. 3. Gemeinschaft erleben, Zusammenhalt und Beziehungsarbeit: In jeder Schule, aber besonders in einer Ganztagsschule, in der die Kinder von sieben bis achtzehn Uhr Zeit verbringen, muss man sie in einer Gemeinschaft auffangen, gemeinschaftliche Orte schaffen. An der Grundschule Hahle treffen wir uns jeden Mittwoch und singen zusammen – die Kinder lieben diese gemeinsame Aktivität. 4. Öffnung in den Stadtteil: Wir bieten Lernwerkstätten für alle Kinder im Stadtteil an, für die Grundschüler_innen, aber auch für die Kinder in den Kindertagesstätten. In der Lernwerkstatt Naturwissenschaf35 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit ten/Garten gestalten wir auch mit den Eltern. Ob ein Garten, eine Feuerstelle oder ein Teich entsteht, spielt keine so große Rolle. Es geht darum, etwas gemeinsam zu tun, die Eltern ernst zu nehmen und mit ins Boot zu holen. 5. Gemeinsames Mittagessen und aktive Pause: Während des Mittagessens sitzen die Lehrer_innen mit am Tisch – viele unserer Schüler_innen kennen diese Art der Gemeinsamkeit von zuhause nicht. Das gemeinsame Mittagessen ist ebenso Teil der Beziehungsarbeit wie die aktive Pause, die Schüler_innen, andere Fachkräfte und Lehrer_innen gemeinsam verbringen. In der Pause steht die Vermittlung von Spielfähigkeit an erster Stelle. 6. Leseclub: In vielen unserer Familien ist das schöne Ritual des Vorlesens und damit eine wichtige Lerngelegenheit verloren gegangen. Deshalb haben wir in Kooperation mit der Stiftung Lesen einen Leseclub eingerichtet, in dem Kinder von null bis zehn Jahren Literatur erleben können. Einmal in der Woche ist der Leseclub Bestandteil der Stundentafel. 7. Feste Gesprächszeiten: Jeden Montag um 12:00 Uhr treffen sich alle Fachkräfte für einen gemeinsamen Austausch. Denn es gilt: Ohne Gesprächszeiten keine Kooperation. 8. Kooperationspartner und Vernetzung: Die Grundschule Hahle kooperiert kontinuierlich mit dem Beratungszentrum für emotionale und soziale Entwicklung, dem örtlichen Diakonie-Verband, der Familienbildungsstätte, dem Jugendhaus Hahle und dem Jugendamt. Wir haben Vernetzungsstrukturen aufgebaut und arbeiten mit dem gemeinsamen Ziel, unsere Familien frühzeitig zu unterstützen. 9. Weiterentwicklung: Wir versuchen, uns beständig weiterzuentwickeln, jedes Jahr etwas Neues zu machen. In diesem Schuljahr bieten wir das Zusatzmodul„Wie lerne ich? Wie bereite ich mich auf Tests und Klassenarbeiten vor?“ erstmals an. Jeden Montag nach der Schule unterstützen wir so über siebzig unserer Schüler_innen auch bei der Vorbereitung auf die weiterführenden Schulen. 36 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Ausblick Die Ganztagsschule bietet Möglichkeiten zur Rhythmisierung, ein Deputat an Zeit, das gestaltet werden kann – mit Blick auf die Bedürfnisse der Kinder und damit auf ein Mehr an Bildungsgerechtigkeit. Damit das gelingt, braucht es nicht nur die richtigen Strukturen, Qualifikationen und Kooperationspartner, sondern auch fachliche Ressourcen: Wenn wir Bildungsbenachteiligten bessere Chancen geben wollen, brauchen wir Schulsozialarbeiter_innen und Erzieher_innen, Fachkräfte, die im Team mit Lehrkräften gemeinsam Schule gestalten können. An diesen Fachkräften mangelt es bei uns. Der Grundschule Hahle ist es ein Anliegen, die Familien abzuholen, sie sollen bei uns im Haus sein. Gerade Familien mit Migrationshintergrund haben Berührungsängste und oft Angst vor der Schule. Diese Barrieren lassen sich durch Fachkräfte auflösen, die selbst einen Migrationshintergrund haben und die so die Familien besser mit ins Boot holen können. Auch das ist ein Teil der wichtigen Beziehungsarbeit in der Ganztagsschule. 37 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit In the Year 2025: Wie viele Plätze und welches Personal braucht der Rechtsanspruch auf Ganztag im Grundschulalter? Prof. Dr. Thomas Rauschenbach und Dr. Angelika Guglhör-Rudan Leiter und wissenschaftliche Grundsatzreferentin Deutsches Jugendinstitut e.V. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung für die 19. Legislaturperiode sieht vor, für Kinder im Grundschulalter bis 2025 einen individuellen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz einzuführen. Bisher ist das vorhandene Angebot in den Ländern vielfältig, jedoch meist nicht bedarfsdeckend(Alt u.a. 2020; Guglhör-Rudan/Alt 2019). Ziel des Ausbaus ist die Sicherstellung von sozialer, kultureller und gesellschaftlicher Teilhabe für alle Kinder sowie der Abbau von Bildungsbenachteiligung. Um diese Ziele zu erreichen, müssen kindorientierte, altersgemäße Angebote zur Verfügung stehen. Zudem soll mit der Einführung des Rechtsanspruchs auch für Eltern von Grundschulkindern – analog zu den Rechtsansprüchen bei Nicht-Schulkindern – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesichert werden. Eine Herausforderung liegt dabei darin, dass die ganztägigen Angebote für das Grundschulalter vielfach in Kooperation zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule realisiert werden. Damit treffen zwei Systeme aufeinander, die unterschiedlichen Ansprüchen und Zielstellungen folgen. Uneinheitlich ist auch die Gesetzgebung. So definiert die Kultusministerkonferenz der Länder(KMK) bislang, dass ein Ganztagsangebot an mindestens drei Tagen mit je mindestens sieben Zeitstunden stattfinden muss, wobei an diesen Tagen ein Mittagessen zur Verfügung gestellt wird; die Umsetzung erfolgt dabei in der Hoheit der Länder. Der Hort dagegen wird im SGB VIII bundeseinheitlich geregelt und steht Eltern wie Kindern an fünf Tagen pro Woche – auch in den Schulferien – zur Verfügung. Nachdem wiederholt auf die Unklarheit darüber aufmerksam gemacht wurde, wie viele Plätze fehlen und was ein bedarfsgerechter Ausbau ganztagsschulischer Angebote kosten würde, stellte das DJI 2019 wichtige Parameter zusammen und nahm eine Platz- und Kostenberechnung vor. Diese Schätzung vom Oktober 2019 basierte auf den Daten der 14. koordinierten 40 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2019(Guglhör-Rudan/Alt 2019). Es handelt sich dabei um eine Modellrechnung. Die Eckwerte Der Rechtsanspruch soll acht Stunden an fünf Betreuungstagen umfassen; somit sind 40 Wochenstunden abzudecken. Die basalen Parameter der Modellrechnung basieren auf Absprachen in der Bund-Länder-AG zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter. Hier wurde festgelegt, dass der Rechtsanspruch acht Stunden an fünf Betreuungstagen umfassen soll; somit sind 40 Wochenstunden abzudecken. Während des Schuljahrs verbringen Schulkinder der Klassen 1 bis 4 durchschnittlich 21,2 Zeitstunden pro Woche mit Unterricht und Pausenzeiten(vgl. Klemm/Zorn 2017), sodass rechnerisch 18,8 Zeitstunden zusätzlich durch Ganztagsangebote abzudecken sind. Zudem sollen die Einrichtungen künftig nur noch vier Wochen pro Jahr schließen; in den restlichen Schulferien gilt der Rechtsanspruch im vollen Umfang mit 40 Zeitstunden pro Woche. Auf dieser Basis beziehen sich die Berechnungen von Plätzen und Kosten nachfolgend auf 18,8 Zeitstunden während des Schuljahres und auf 40 Stunden während der Schulferien, ausgenommen vier Wochen Schließzeiten. 1 Darüber hinaus soll die Vielfalt der Betreuungsformen in den Ländern beibehalten werden, d.h. Ganztagsschulen, Horte und weitere Betreuungsformen können weiterhin nebeneinander fortbestehen. Bei den Berechnungen handelt es sich notgedrungen um Modellrechnungen. Es werden Annahmen getroffen, die sich im Laufe der Zeit ändern können(z.B. Betreuungsschlüssel, Schließzeiten). Außerdem ist ein Teil der Daten nicht auf Länderebene verfügbar, sodass eine vereinfachende Modellrechnung auf Bundesebene vorerst die einzige Möglichkeit bietet, eine Vorstellung von den insgesamt notwendigen Plätzen und 1 D.h. die Kosten-Berechnungen beziehen sich nicht auf den Anteil der Betreuung im Rahmen der 21,2 Stunden Unterricht, die bereits durch die Schule abgedeckt sind, sondern nur auf die zusätzlich abzudeckenden Zeiten. Zudem gilt: Die Berechnungen betrachten nur die neu zu schaffenden Plätze; alle bereits vorhandenen Hort- und Ganztagsplätze werden als gegeben angenommen, auch wenn sie die 40 Stunden unterschreiten. 41 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit den damit verbundenen Kosten zu erlangen. Erst wenn differenzierte Länderdaten vorliegen, können passgenauere Vorausberechnungen abgegeben werden. Ganztagsangebote und Elternbedarfe heute Bundesweit haben sich unterschiedliche Formen der Nachmittagsbetreuung von Grundschulkindern etabliert(Alt u.a. 2020; Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020). Damit sind auch Unterschiede in der Personalstruktur, bei den Öffnungszeiten, der Ausstattung und der konzeptionellen Ausrichtung verbunden. Nach Schätzungen nutzte im Schuljahr 2017/18 etwa jedes zweite Grundschulkind(49 Prozent) eines der Ganztagsangebote(BMFSFJ 2019). Dies waren überwiegend Angebote in Ganztagsschulen und Horten. Daneben bieten(Über-)Mittagsbetreuungen – häufig in Regie von Schulträgern, Landfrauenvereinen oder Elterninitiativen – ein Mittagessen und evtl. auch Hausaufgabenbetreuung oder Freizeitangebote an. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie groß der ungedeckte Betreuungsbedarf der Eltern eigentlich ist. Im Jahr 2018 gaben in der DJI-Kinderbetreuungsstudie(KiBS) insgesamt 73 Prozent der Eltern an, dass sie einen Bedarf an einem Betreuungsangebot für ihr Grundschulkind hätten, welcher über die Halbtagsschule hinausgeht(Alt u.a. 2019). Allerdings formulierten 2018 nur 64 Prozent der Eltern einen ganztägigen Bedarf, der über 14.30 Uhr hinausgeht. Demzufolge muss zwischen zwei Bedarfen unterschieden werden: einem Gesamt bedarf, der auch Angebote enthält, die nur bis 14.30 Uhr gehen, sowie einem Ganztags bedarf, der nur die ganztägigen Angebote umfasst. Beim Ausbau der frühkindlichen Betreuungsangebote und der Umsetzung des Rechtsanspruchs im U3-Bereich konnte beobachtet werden, dass Betreuungsbedarfe während der Ausbauphase weiter steigen, sprich: Angebote ziehen Bedarfe nach sich. Demzufolge gehen die nachfolgenden Berechnungen davon aus, dass der Bedarf an Ganztagsbetreuung bis 2025 um weitere 10 Prozent steigen wird(vgl. BMFSFJ 2012, BMFSFJ 2019), sodass bis zu diesem Zeitpunkt rund 79 Prozent der Eltern einen Gesamtbedarf bzw. etwa 69 Prozent einen Ganztagsbedarf hätten. Die neuesten Veröffentlichungen zeigen, dass die Bedarfe von 2018 auf 2019 nur leicht angestiegen sind und weiterhin bei 73 Prozent liegen(Alt u.a. 2020). 42 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Bedarf an Betreuungsplätzen bis 2025 Die aktuell vorhandenen Plätze lassen sich zwei Statistiken entnehmen: In die Daten der Kultusministerkonferenz(KMK) fließt die Anzahl der Schulkinder in offenen und gebundenen Ganztagsschulen ein, wobei in einzelnen Ländern auch die Kinder in der(Über-)Mittagsbetreuung mitgezählt werden. In der Kinder- und Jugendhilfestatistik(KJH) hingegen wird die Zahl der Kinder in Horten ausgewiesen. Beide Statistiken werden getrennt geführt, sodass bei Zusammenführung der Daten besonders in jenen Ländern Doppelzählungen möglich sind, in denen Schule und Hort zu Ganztagsschulen zusammengeführt worden sind. Rechnet man die augenfälligen Doppelzählungen heraus, so ergibt sich auf diese Weise eine Betreuungsquote von rund 49 Prozent. 2 Für die Berechnung der zu erwartenden Anzahl an Grundschulkindern bis zum Jahr 2025 wurde die 14. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung mit der moderaten Wachstumsvariante 2 zugrunde gelegt(Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter 2019). Für das Jahr 2025 wären demnach deutschlandweit knapp 3,3 Mio. 6,5- bis 10,5-Jährige zu erwarten(vgl. Abb. 2). Danach ist laut Wachstumsvariante 2 bis 2030 mit keinem weiteren bedeutsamen Anstieg zu rechnen. Zu beachten ist, dass im Osten Deutschlands das Bevölkerungswachstum für die Gruppe der 6,5- bis 10,5-Jährigen nach dieser Variante in einigen Bundesländern bereits vor 2025 stagniert.(vgl. Abb. 2) In Absolutzahlen umgerechnet bedeutet das, dass zur Deckung des Ganztags bedarfs bis 2025 über das vorhandene Angebot hinaus noch rund 820.000 Plätze geschaffen werden müssten 3 . Würde hingegen der Gesamt betreuungsbedarf berücksichtigt, also auch kürzere Bedarfe mit einbezogen, so müssten zusätzlich sogar 1,1 Mio. Plätze geschaffen werden(vgl. Abb. 3). 2 Im Februar 2020 wurden neue Zahlen der KMK-Statistik veröffentlicht. Diese fließen in die dargestellten Berechnungen aus dem Jahr 2019 nicht ein. 3 Der im Juni 2020 veröffentlichte Bildungsbericht(Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2020) bezieht sich auf die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2018/2019, die in vorliegenden Analysen aus dem Herbst 2019 noch nicht vorlagen. Der Ausbau ist in diesem einem Jahr weiter fortgeschritten, so dass zwischen 2019 und 2025 785.000 Plätze zu schaffen sind. 43 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Abbildung 2: Vorausberechnung der 6,5- bis 10,5-Jährigen bis 2025 nach Gebietseinheiten(*ab 2019: 14. Koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Variante 2) 3.500.000 3. 000.000 2. 500.000 2. 000.000 2.899.041 2.346.227 2.972.000 2.388.000 3.250.500 2.641.000 1. 500.000 1. 000.000 500.000 552.841 584.000 609.500 31.12.2016 31.12.2017 31.12.2018 31.12.20 19* 31.12.2020* 31.12.2021* 31.12.2022* 31.12.2023* 31.12.2024* 31.12.2025* Ost-Deutschland inkl. Berlin West-Deutschland Gesamt Eigene Berechnungen; Variante 2 mit moderater Entwicklung der Fertilität, Lebenserwartung und Wanderung(Basis 2018: Geburtenrate: 1,55 Kinder je Frau, durchschnittliches Wanderungssaldo: 221.000 Personen pro Jahr(G2-L2-W2)). Quelle: Destatis 2019 Abbildung 3: Abschätzung des zusätzlichen Ganztags- bzw. Gesamtbedarfs für zu betreuende Grundschulkinder im Jahr 2025(in Prozent) 3. 000.000 2. 500.000 2. 000.000 64% 73% 1. 500.000 1. 000.000 500.000 0 1,4 Mio. Von 2018(Ist) auf 2025(Soll): Ganztagsbedarf: 820.000 Plätze zusätzlich Gesamtbedarf: 1.132.000 Plätze zusätzlich Schulkinder in Betreuung (Ist 2018) Betreuungsbedarf der Eltern (Soll 2018) Eigene Berechnungen 69% 79% Betreuungsbedarf der Eltern (Soll 2025) Quelle: Destatis 2019 44 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Die Kosten des Ausbaus Will man die Kosten für die Schaffung dieser zusätzlichen Plätze abschätzen, dann muss man die Platzarten unterscheiden, je nachdem, ob diese im Rahmen einer offenen oder gebundenen Ganztagsschule geschaffen werden oder aber in einem Hort. Die Personalkosten(inkl. Overheadkosten) beziehen sich dabei nur auf die zusätzlich abzudeckende Zeit am Nachmittag. Dabei liegt in Ermangelung differenzierter Daten die Annahme zugrunde, dass in der gebundenen Ganztagsschule Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte in etwa hälftig eingesetzt werden, in der offenen Ganztagsschule und im Hort vorrangig sozialpädagogische Fachkräfte(ebenso in den Ferien). 4 Für die Modellrechnungen wurden vereinfachte Personalschlüssel von 1: 10 für Erzieher_innen und 1: 20 für Lehrkräfte angesetzt. Bei den Gehältern wurden bei Lehrkräften durchschnittlich 67.500 Euro(Teichert/Held/ Foltin/Diefenbacher 2018), bei Erzieher_innen 51.500 Euro p.a. zugrunde gelegt(Forschungsdatenzentrum 2019); hinzu kommen jeweils der Arbeitgeberanteil(25 Prozent) sowie Overheadkosten(20 Prozent). In der Summe entstehen so laufende Betriebskosten beim gebundenen Ganztag von rund 4.000 Euro und beim offenen Ganztag bzw. Hort von rund 3. 600 Euro pro Jahr und pro Platz. Unter dem Strich heißt das: Ab 2025 würden damit rund 3,2 Milliarden Euro Betriebskosten jährlich für die Abdeckung des Ganztags bedarfs anfallen, für die Abdeckung des Gesamtbedarfs, der auch die kürzeren Betreuungsbedarfe enthält, wären es hingegen 4,5 Milliarden Euro. Investitionskosten Um die zukünftig notwendigen Plätze bereitzustellen, müssen bis dahin auch geeignete Räumlichkeiten geschaffen werden. Annahmen über entstehende Baukosten gestalten sich schwierig, belastbare Durchschnittswerte für Investitionskosten aus den letzten Jahren liegen nicht vor, auch nicht aus einzelnen Ländern. Daher wurden die Kosten auf Basis einer Literaturrecherche geschätzt(Krebs u.a. 2019). Demnach fallen rund 4.000 Euro pro Platz für einen Ausbau der vorhandenen räumlichen Kapazitäten an Schulen an. Diese Kosten beziehen keine Neubauten oder 4 Als Berechnungsäquivalent werden als sozialpädagogische Fachkräfte Erzieher_innen und deren durchschnittliches Gehalt zugrunde gelegt. 45 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Erweiterungsbauten ein, da für eine entsprechende Berechnung keine belastbaren Zahlen zur Verfügung stehen. Für Hortplätze werden rund 18.000 Euro für einen Neubau angenommen, für einen Erweiterungsbau rund die Hälfte(Rauschenbach u.a. 2017). Der Modellrechnung liegt die Annahme zugrunde, dass die Plätze für Horte je zur Hälfte durch Neubauten und Erweiterungsbauten geschaffen werden. Erst bei Vorliegen konkreter Zahlenmaterialien der Länder können hier aussagekräftigere Berechnungen angestellt werden. Werden rund 820.000 zusätzliche Plätze zur Deckung des Ganztags bedarfs benötigt, so würden bis 2025 insgesamt 5,3 Milliarden Euro an Investitionskosten anfallen, verteilt auf sechs Jahre. Und zur Deckung des Gesamtbedarfs von 1,1 Mio. Plätzen wären Investitionen von sogar 7,5 Milliarden Euro notwendig. Personalbedarf Wie groß der Bedarf an zusätzlich benötigtem Personal ist, hängt von mehreren Parametern ab: den zu schaffenden Plätzen je Betreuungsform, den zugrunde gelegten Personalschlüsseln sowie den Wochenarbeitszeiten des Personals. Prinzipiell kann der Personalbedarf summarisch in Vollzeitäquivalenten dargestellt werden. Allerdings ist zu fragen, ob Vollzeitäquivalente(VZÄ) die geeigneten Rechenparameter darstellen, da der Betreuungsbedarf generell jenseits der Unterrichtszeit anfällt, sodass hierfür kein Personal mit Vollzeitverträgen benötigt wird. Zugleich wird in den Schulferien darüber hinaus ein 40-StundenBetreuungsbedarf anfallen, da hier keine Unterrichtszeit abgezogen werden kann. Welche Arbeitszeit-Modelle hierfür umgesetzt werden können, ist derzeit noch nicht geklärt. Dennoch kann auf Basis des Platzbedarfs eine erste vorsichtige Hochrechnung in Stellen erfolgen. Dabei zeigt sich: Sollte der Ausbau, wie in der Modellrechnung angenommen, vor allem über den offenen Ganztag erfolgen, so sind sehr viele Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte und nur sehr wenige für Lehrkräfte notwendig. Konkret: Um beim Ganztagsbedarf 820.000 zusätzliche Schulkinder zu versorgen, müssten ersten Schätzungen zufolge knapp 37.000 Vollzeitäquivalente(VZÄ) an sozialpädagogischen Fachkräften und knapp 3.000 VZÄ-Lehrkräfte eingestellt werden. Wenn man diese Größenordnungen in Teilzeitstellen umrechnet, würde man u.U. mehr als 70.000 sozialpädagogische Fachkräfte und 46 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit über 5.000 Teilzeit-Lehrkräfte benötigen. 5 Und beim Gesamtbedarf hieße das: Um zusätzlich 1,1 Mio. Schulkinder zu betreuen, wären die Werte entsprechend höher: Demnach entsprächen 51.000 Erzieher_innen in VZÄ mehr als 100.000 Teilzeitstellen, knapp 4.000 Lehrkräfte in VZÄ fast 8.000 Stellen in Teilzeit(ebenfalls ohne Abdeckung der Schulferien). Fazit Ein bedarfsgerechter Ausbau bedeutet zum einen, die Vielfalt an Betreuungsformen zwischen und innerhalb der Länder beizubehalten, zum anderen auf die Bedarfe der Eltern Rücksicht zu nehmen, die regional sehr unterschiedlich ausfallen. Um einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung im Grundschulalter im Jahr 2025 einführen zu können, müssen die vorhandenen Angebote in den nächsten Jahren großflächig ausgebaut werden. Ein bedarfsgerechter Ausbau bedeutet zum einen, die Vielfalt an Betreuungsformen zwischen und innerhalb der Länder beizubehalten, zum anderen auf die Bedarfe der Eltern Rücksicht zu nehmen, die regional sehr unterschiedlich ausfallen(vgl. Alt u.a. 2020). Die damit verbundenen Kosten beziehen sich ausschließlich auf die neu zu schaffenden Plätze. Zugleich fließen in die Berechnungen eine Vielzahl an Annahmen ein, die vom Stundenumfang bis hin zu durchschnittlichen Erziehergehältern, von den Betreuungsschlüsseln bis zu den geplanten Ferienschließzeiten reichen. Diese Parameter stehen zum Teil noch nicht endgültig fest bzw. richtiger: dafür liegen nur grobe Schätzwerte vor. Das bedeutet, dass die berechneten Plätze und Kosten gegenwärtig nur ungefähre Durchschnittswerte angeben, die sich bei Veränderungen der Ausgangsparameter deutlich ändern können. Zudem wurden exemplarisch zwei Modellrechnungen zugrunde gelegt: Die Deckung des Gesamt bedarfs bezieht alle Kinder ein, deren Eltern einen Betreuungsbedarf jenseits des bloßen Unterrichts angeben. Im Unterschied dazu berücksichtigt die Deckung des Ganztags bedarfs nur jene Eltern, deren Kinder ein ganztägiges Angebot – in welcher Form auch immer – benötigen, das über 14.30 Uhr hinausgeht. Da der Anteil dieser 5 Diese Berechnungen enthalten noch keine Abdeckung der Schulferien; hier müssten nochmals bis zu 10 Wochen á 40 Stunden Betreuung pro Platz hinzugerechnet werden. 47 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Eltern etwas geringer ist, ist auch die Zahl der zu schaffenden Plätze sowie die damit verbundenen Kosten zur Deckung des Ganztags bedarfs niedriger als im Falle der Deckung des Gesamt bedarfs an Betreuung, der nach Ende des Unterrichts anfallen würde. Insgesamt zeigt sich, dass in jedem Fall ein großer Kraftakt notwendig ist, wenn ein bedarfsgerechter Ausbau der Ganztagsbetreuung mit mindestens 820.000 zusätzlich zu schaffenden Plätzen bis 2025 erfolgen soll. Neben den organisatorischen und baulichen Herausforderungen stellt sich dabei auch die Frage nach der Personalgewinnung. Das zusätzliche Personal müsste die Angebote für die Grundschulkinder am Nachmittag übernehmen, mit rund 18,8 Wochenstunden während der Schulzeit sowie zusätzlich 40 Wochenstunden in einer 10-wöchigen Schulferienzeit. Diesbezüglich werden zweifellos kreative Lösungen gefragt sein, da parallel dazu im Bereich der Kindertagesbetreuung in den nächsten Jahren weiterhin zusätzliches Personal benötigt wird. Literatur Alt, Christian/Anton, Jeffrey/Gedon, Benjamin/Hubert, Sandra/Hüsken, Katrin/Lippert, Kerstin/ Schickle, Valerie (2020): DJI-Kinderbetreuungsreport 2019. München: Deutsches Jugendinstitut. Alt, Christian/Guglhör-Rudan, Angelika/Hüsken, Katrin/Winklhofer, Ursula (2019): Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder: Kosten des Ausbaus bei Umsetzung des Rechtsanspruchs. München: Deutsches Jugendinstitut. Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld: wbv. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend(BMFSFJ) (Hrsg.)(2012): Vierter Zwischenbericht zur Evaluation des Kinderförderungsgesetzes. Berlin. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.)(2019): Kindertagesbetreuung Kompakt. Ausbaustand und Bedarf 2018. Ausgabe 04. Berlin. Forschungsdatenzentrum der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (2019): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Kinder und tätige Personen in Tageseinrichtungen und in öffentlich geförderter Kindertagespflege 2017, Berechnung der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik. 48 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Guglhör-Rudan, Angelika/Alt, Christian (2019): Kosten des Ausbaus der Ganztagsgrundschulangebote. Bedarfsgerechte Umsetzung des Rechtsanspruchs ab 2025 unter Berücksichtigung von Wachstumsprognosen. München: Deutsches Jugendinstitut. Klemm, Klaus/Zorn, Dirk (2017): Gute Ganztagsschulen für alle. Kosten für den Ausbau eines qualitätsvollen Ganztagsschulsystems in Deutschland bis 2030. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Krebs, Tom/Scheffel, Martin/Barišic´, Manuela/Zorn, Dirk (2019): Zwischen Bildung und Betreuung. Volkswirtschaftliche Potenziale des Ganztags-Rechtsanspruchs für Kinder im Grundschulalter. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Rauschenbach, Thomas/Schilling, Matthias/Meiner-Teubner, Christiane (2017): Plätze. Personal. Finanzen – der Kita-Ausbau geht weiter: Zukunftsszenarien zur Kindertages- und Grundschulbetreuung in Deutschland. Version 2-2017. München/Dortmund. Teichert, Volker/Held, Benjamin/Foltin, Oliver/Diefenbacher, Hans (2018): Warum redet niemand über Geld? Vorschläge zur Finanzierung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Schulen. Heidelberg. 49 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Demokratie lernen und leben – über den ganzen Tag Ute Mittrowann Leiterin der Marktschule Bremerhaven Unsere Schule Die Marktschule in Bremerhaven ist eine Grundschule und offene Ganztagsschule, in der zwölf jahrgangsübergreifende Lerngruppen miteinander leben und lernen. In diesen sogenannten Klassenfamilien werden Erst- bis Viertklässler_innen gemeinsam unterrichtet. Am Ganztagsangebot nehmen ca. 100 Kinder teil. Sie essen zusammen nach dem Unterrichtsvormittag und finden sich dann ebenfalls in jahrgangsgemischten Gruppen zur Erledigung der Hausaufgaben, zu Gruppenaktivitäten und individuellen Angeboten zusammen. Unsere Schule An der Marktschule werden alle Kinder des Stadtteils inklusiv unterrichtet – auch Kinder mit Förderbedarfen in verschiedenen Bereichen. Die Schule betrachtet die Vielfalt der Kinder als Chance. Heterogenität bezieht sich nicht nur auf das Alter der Kinder, sondern auch auf die unterschiedlichen Lernausgangslagen und die sozialen Aspekte. Außerdem musste sich die Schule an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen und hat sukzessive an einem Schulkonzept gearbeitet, das diesen Anforderungen Rechnung trägt. Wichtige Grundpfeiler für dieses Schulprogramm sind Teamarbeit jahrgangsübergreifendes Lernen Inklusion individuelle Förderung notenfreie Rückmeldekultur Rhythmisierung projektorientierter Unterricht gestaltete Lernumgebung Partizipation 52 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Schwerpunkt Partizipation „Ausgehend von der Situation der Schüler in unserer Schule arbeiten wir an einer Schulgestaltung, die den individuellen Entwicklungen mit den unterschiedlichen kognitiven, emotionalen und motorischen Voraussetzungen Rechnung trägt. Leitgedanken sind hierbei die Stärkung der Individualität, die Hinführung zur Selbständigkeit, der Ausbau der Chancengleichheit und der friedliche und freundliche Umgang miteinander. Die Stärken der Schüler sollen gefördert und gefordert werden.“ (aus dem Schulprogramm der Marktschule) Das Thema Mitbestimmung wird an der Marktschule bereits seit langer Zeit groß geschrieben. Obwohl es für die„Kleinen“ formal noch nicht vorgesehen war und ist, gibt es seit über 15 Jahren an der Schule ein Schülerparlament. Dieser Schülerrat ist eine feste Institution, setzt sich aus den 24 Klassensprecher_innen zusammen und tagt einmal im Monat, um schulübergreifende Themen zu besprechen, wie z. B. die Planung der Projektwoche, Vorschläge für Neuanschaffungen und vieles mehr. So hat der Wunsch nach einer neuen Namensgebung für die Klassenfamilien den Schülerrat über ein Schuljahr lang beschäftigt. In Rückkopplung mit den Klassenräten, der Schulkonferenz und dem Elternbeirat wurden Ideen entwickelt und wieder verworfen. Ein langer Weg zur Entscheidungsfindung, auf dem durchaus auch der Wunsch aufkam, dass die Schulleitung die Lösung bestimmen möge – Demokratie ist eben anstrengend und erfordert Ausdauer. Der Schülerrat ist ein wichtiges Gremium, um den Kindern demokratische Teilhabe zu ermöglichen, mit der sie Selbstwirksamkeit erfahren können. Die hohe Bedeutung, die die Schule dem Schülerrat beimisst, zeigt sich auch daran, dass die Sitzungen im Mitarbeitendenraum(ehemals„Lehrerzimmer“) stattfinden, Schulleitung, Hausmeister und Elternvertreter_innen teilnehmen, es eine offizielle Einladung und ein detailliertes Protokoll gibt. Klassensprecher_innen als Interessenvertretung Die Wahl der Klassensprecher_innen am Anfang des Schuljahres geht einher mit der Erarbeitung der Kriterien, die ein guter Klassensprecher, eine gute Klassensprecherin erfüllen muss, und welche Aufgaben dieses Amt beinhaltet. Die Klassensprecher_innen sorgen u. a. dafür, dass wich53 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit tige Themen ihrer Klasse im Schülerrat zur Sprache kommen und dass die Informationen aus diesem Gremium wiederum in die Lerngruppe weitergegeben werden. Im wöchentlichen Klassenrat, der fest im Stundenplan jeder Klassenfamilie verankert ist, leiten die Klassensprecher_ innen die Sitzung und notieren die Anliegen für die eigene Klasse und für das Schülerparlament. Um diese Aufgaben gut wahrnehmen zu können, benötigen die Kinder die Unterstützung der Erwachsenen. Regelmäßige Seminare für die„Funktionsträger_innen“ geben Hilfestellungen, damit die vielfältigen Herausforderungen von den Kindern gemeistert werden können. Demokratisches Lernen am ganzen Tag Partizipation darf sich jedoch nicht nur in dafür ausgewählten Schulstunden abbilden, um glaubwürdig zu sein. Der Anspruch auf Teilhabe durchzieht das gesamte Schulleben. Partizipation darf sich jedoch nicht nur in dafür ausgewählten Schulstunden abbilden, um glaubwürdig zu sein. Der Anspruch auf Teilhabe durchzieht das gesamte Schulleben. Dafür müssen Pädagog_innen„loslassen“ können und den Kindern ermöglichen sowie sie dazu befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Dies geschieht in der Marktschule in vielfältiger Form. Durch die Jahrgangsmischung übernehmen die älteren Schüler_innen schon sehr früh Patenschaften für neu hinzukommende Kinder und führen sie in die alltäglichen Regeln und Abläufe ein. Klassenämter bzw. Gruppenämter werden verantwortungsvoll übernommen, sodass Kinder und Erwachsene sich darauf verlassen können, dass gute Rahmenbedingungen für das gemeinsame Lernen und Spielen gegeben sind. Jede_r soll sich im schulischen Alltag als wertvoller Teil eines Ganzen erleben, der gebraucht wird. Demokratisches Lernen muss sich insbesondere auch auf die Gegenstände der schulischen Arbeit beziehen. So darf ernstgemeinte Mitbestimmung auch vor der Auswahl relevanter Themen und Methoden nicht Halt machen. Umgesetzt wird dies zum Beispiel: bei der Vorbereitung von Referaten mit selbstgewählten Themen, zu denen im Vorfeld die Mitschüler_innen befragt werden, ob Interesse an dem Inhalt vorhanden ist; 54 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit beim Angebot von Lernwerkstätten von Schüler_innen für Schüler_ innen(und Pädagog_innen), in denen z. B. ein Hobby wie Origami vorgestellt und angeleitet wird; beim Planen eines schulübergreifenden Talentwettbewerbs, in dem die Kinder vor einer Jury aus Erwachsenen und Mitschüler_innen ihre besondere Begabung in Musik, Sport oder anderem präsentieren können und ggf. für einen Bühnenauftritt beim Schulfest ausgewählt werden. Partizipation der Schüler_innen ist in Halbtags- ebenso wie in Ganztagsschulen ein wichtiger Bestandteil einer schülerorientierten Schulkultur. Ganztagsschulen bieten aber mehr Freiräume, in denen Schüler_innen selbst gestalten können. Der ganze Schultag beinhaltet selbstverständlich auch die Ganztagsangebote, die bei einer offenen Ganztagsschule in der Regel additiv am Nachmittag stattfinden. Je nach Struktur und Möglichkeiten muss es hohe Relevanz haben, dass der Schulvormittag und-nachmittag Verzahnung und Kontinuität abbilden. Gelingen kann dies über gemeinsame Teamzeiten, in denen Raum und Zeit für konzeptionelle Arbeit zur Verfügung stehen. Ein Konsens über Haltungen und pädagogisches Handeln bildet die Basis für die erfolgreiche Implementierung demokratischer Pädagogik und bedarf einer regelmäßigen Überprüfung. Auch hierbei muss das„Expertenwissen“ der Kinder Beachtung finden. Niemand weiß besser als sie selbst, was notwendig ist, um die Schule so zu gestalten, dass es den Schüler_innen und Erwachsenen hier gut geht. Wenn wir in Schule angemessene Standards und Rahmenbedingungen schaffen, wird es gelingen, Kinder immer mehr in Entscheidungsprozesse einzubinden und ihnen somit Vertrauen in die eigene Bedeutsamkeit für die Gemeinschaft und somit Gesellschaft zu vermitteln – egal in welcher Altersstufe oder Schulform. 55 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Mehr Mitwirkung und Beteiligung für Schüler_innen im Ganztag? Jette Nietzard SV-Bildungswerk Zu oft kommen Schulen über das„Könnten“ nicht hinaus. Auch die Ganztagsschule ist keine Garantie für implementierte Beteiligung und gelebte Mitbestimmung. Die Ganztagsschule ist ein Ort, an dem Schüler_innen ohne Druck und mit einer engmaschigen Begleitung lernen können. Klassischer Unterricht wechselt sich ab mit außerschulischen Angeboten, Kreativangebote und Sportangebote sind frei verfügbar. Durch die längere gemeinsame Zeit wird der Unterricht abwechslungsreicher und es entsteht Zeit für neue Lernerfahrungen. Soweit der Wunsch. Durch dieses Mehr an gemeinsamer Zeit könnten Schüler_innen mehr in Prozesse an der Schule eingebunden werden und ihren Lern- und Lebensort selbst gestalten. Es könnte eine stärkere Verankerung der Schüler_ innenvertretung geben, einen lebendigeren Austausch mit der ganzen Schule oder Zeit für den Klassenrat. Zeit für Diskussion und Demokratie. Räume für das Entwickeln und Ausprobieren neuer Ideen können entstehen. Doch zu oft kommen Schulen über das„Könnten“ nicht hinaus. Auch die Ganztagsschule ist keine Garantie für implementierte Beteiligung und gelebte Mitbestimmung. Vieles steht und fällt mit der Anzahl der Pädagog_innen und deren Haltung, dem Engagement der Schulgemeinschaft und natürlich auch den räumlichen und finanziellen Ressourcen. Hier braucht es eine gesicherte Finanzierung über das absolut Nötigste hinaus. Schließlich geht es um die Bildung der zukünftigen Generationen und diese sollte dem Staat viel wert sein. Wir vom SV-Bildungswerk erhoffen uns von Ganztagsschulen ein längeres gemeinsames Lernen in heterogenen Lerngruppen, welches die Schü56 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit ler_innen am Ende dazu befähigt, ihr Leben bestmöglich bestreiten zu können. Kinder und Jugendliche sollten ihre eigenen Erfahrungen machen, etwa durch freiere Lernkonzepte, die Ganztagsschulen oft ermöglichen. Wir sehen es als sehr positiv an, dass beispielsweise durch AGs die individuellen Interessen der Schüler_innen besser berücksich-tigt werden können. Das kann aber nicht alles sein. Wir finden, dass Schüler_innen ihren Bildungsweg stärker mitbestimmen sollten. Die Förderung von Chancengerechtigkeit ist einer der wesentlichen Ansprüche, die wir an die Ganztagsschule stellen. In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft über unseren Bildungserfolg. Die Ganztagsschule ist ein wichtiger Ort, an dem dieser Segregation entgegengewirkt werden kann, indem kostenlose AGs, Hausaufgabenhilfe und eine individuelle Lernbegleitung jedem Kind, unabhängig vom Kapital des Elternhauses, zur Verfügung stehen. Wir brauchen eine stärker implementierte Mitbestimmung von Schüler_innen. Sie müssen Selbstwirksamkeit erfahren und merken, dass die Entscheidungen, die sie treffen, auch umgesetzt werden. Fridays for Future zeigt, wie junge Menschen sich in die Politik einbringen und auch außerhalb der Schule aktiv werden. Schulen müssten diesen Prozess begleiten, mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen und politische Meinungsbildung vorantreiben. Das oberste Ziel unserer Schulbildung ist doch, dass am Ende demokratische und mündige Menschen die Schulen verlassen. 57 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Was Eltern sich vom Ganztag wünschen Anke Staar Vorsitzende der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen Führt mehr Zeit auch zu einer besseren Bildung oder fußt die Wahl des Ganztags eher aus der Not der berufstätigen Familien, weil sie eine Betreuung für ihre Kinder benötigen? Tatsächlich ist gerade die notwendige Berufstätigkeit beider Elternteile ein Grund für den wachsenden Bedarf an Ganztagesangeboten. Deshalb muss sich das Angebot des Ganztags auch nach den Bedürfnissen der Familien im Quartier ausrichten. Für alle Beteiligten braucht der Ganztag Verlässlichkeit – für eine gute Planbarkeit in der Schule und zwischen Schule, Familie und Beruf. Dafür sind verbindliche Kernzeiten ebenso wichtig wie Randzeitbetreuung. Ein weiteres Kriterium ist für Eltern ein gesundes, ausgewogenes, aber auch für die Kinder schmackhaftes Versorgungsangebot, das trotzdem günstig sein muss. Deshalb sollte das Essen, wie Mensaessen an den Universitäten, auch endlich steuerbegünstigt werden. Durchaus verbinden Eltern mit mehr Schulzeit auch eine verbesserte Chance für mehr Bildung und einen erfolgreichen Schulabschluss. Deshalb spielt gerade das Angebot an zusätzlicher und individueller Förderung eine große Rolle. Eltern wollen keine Kosten mehr für zusätzliche private Nachhilfe. Dazu benötigen Schulen entsprechende räumliche, personelle und sächliche Ressourcen. Ganztag muss nicht nur die schulisch-pädagogischen Angebote abbilden, sondern diese mit den erzieherischen und außerschulischbildenden Erwartungen und Wünschen der Eltern verknüpfen. Da gerade bei einem ganztägigen Aufenthalt der Schüler_innen in der Schule ausreichende Bewegung häufig zu kurz kommt, sind die Schüler_ innen und Familien an zusätzlichen Bewegungsangeboten interessiert. Ehemals außerschulische musikalische, kulturelle und sportliche Angebote müssen also im Kontext Ganztag als Ressourcen und als Stärkung der Angebotsvielfalt mitgedacht werden. Ganztag muss nicht nur die 60 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit schulisch-pädagogischen Angebote abbilden, sondern diese mit den erzieherischen und außerschulisch-bildenden Erwartungen und Wünschen der Eltern verknüpfen. Denn Eltern möchten in der verbleibenden begrenzten Familienzeit ihre Kinder nicht mehr noch zusätzlich zu außerschulischem Förderunterricht, Musikunterricht oder ähnlichen Angeboten bringen, sondern diese Restzeit mit ihren Kindern verbringen, insbesondere in der Grundschulzeit. Damit Schulen passende zusätzliche Angebote entwickeln können, müssen sich Ganztagsschulen nicht nur dem Umfeld öffnen, sondern ein Verständnis für die Lebenswirklichkeiten der Menschen des Quartiers entwickeln. Dabei muss insbesondere die kulturelle und soziale Heterogenität erkannt und berücksichtigt werden. Dies kann nur gelingen, wenn Eltern, Vereine und Verbände aus dem Quartier bei der Ausgestaltung des Schulangebots prozessorientiert beteiligt werden. Das kann bei Angeboten zur Fortbildung für Eltern zu Bildungsbegleiter_innen beginnen, die dann andere Eltern informieren und einbinden, aber auch kleinere Angebote wie Mitgestaltungsangebote in Eltern-Cafés umfassen. Unerlässlich ist die Beteiligung in den Mitwirkungsgremien, bei der Elternkompetenz begleitet werden sollte, aber nicht abgesprochen werden darf. Als Bildungspartner sind Eltern Hauptakteure bei der Erziehung und Bildung. Die Haltung zur Teilung des Bildungs- und Erziehungsauftrages im Kontext Schule ist aber häufig belastet durch Selektion in den Köpfen. Gerne und schnell werden Einteilungen in vermeintlich„bildungsnah“ und„bildungsfern“ oder, noch schlimmer,„sozial“ und„sozialschwach“ vorgenommen. Eltern fällt es oftmals schwer, die Komplexität des Schulsystems zu durchdringen, deshalb haben kleinteilige, stetige Fortbildungsangebote einen besonderen Stellenwert. Umso wichtiger ist eine vorurteilsbewusste Haltung in der Schule für eine gemeinsame Bildungspartnerschaft. Deshalb ist die Bildung von multiprofessionellen Teams eine große Herausforderung, bei der Elternkompetenz mitgedacht werden muss. Damit diese Bildungspartnerschaft im Ganztag gelingt, braucht es verlässliche und stetige Einbindung der Eltern bei beginnender Prozessentwicklung in der Schule. In den Faktor Mensch muss investiert werden, dieser nimmt die größte Rolle ein, wenn Familien Schule als urbanen Lebensraum und Knotenpunkt im Quartier entdecken, nutzen und mitgestalten sollen! Um Synergien zu nutzen, muss das Vertrauen in Schule gestärkt werden, dann gelingt auch Ganztag. 61 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Profitieren Familien vom Ganztag? Dr. Christine Steiner Wissenschaftliche Mitarbeiterin Deutsches Jugendinstitut e.V. Die Ziele des Ausbaus von Ganztagsschulen richten sich unmittelbar auf die Unterstützung von Eltern. Neben der individuellen Förderung von Schüler_innen soll der Ausbau dazu beitragen, dass erwerbstätige Eltern, insbesondere erwerbstätige Mütter, Erwerbs- und Familienleben besser miteinander vereinbaren können. Damit ist der Ganztagsausbau ein Reformprojekt, das nicht nur bildungs-, sondern auch sozial- und familienpolitische Ziele verfolgt. Bereits die Ergebnisse der ersten Projektphase der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“(StEG)(2010) zeigten, dass die Ganztagsschule vor allem für Eltern mit Kindern im Grundschulalter wichtig ist, um einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können. Eine verlässliche Betreuung ist aber auch für nicht-erwerbstätige Eltern ein wichtiges Motiv für die Anmeldung des Kindes im Ganztag. Darüber hinaus machten die Ergebnisse der StEG-Studie darauf aufmerksam, dass sich ein Teil der Eltern durch die Ganztagsteilnahme ihres Kindes sowohl bei der elterlichen Hausaufgabenhilfe als auch bei erzieherischen Problemen entlastet sieht. In eine ähnliche Richtung weisen die Ergebnisse von Tillmann(2014): Im Vergleich zu Eltern, deren Kind eine Halbtagsschule besucht, stimmen„Ganztagseltern“ weitaus seltener der Aussage zu, dass Eltern vieles leisten müssten, was eigentlich Aufgabe der Schule sei(S. 80). Die StEG-Befunde sprechen zudem für eine sozial ausgleichende Funktion der Ganztagsschule: Sowohl im Hinblick auf die Anmeldegründe als auch in Bezug auf die wahrgenommene Entlastung profitieren sozial weniger privilegierte Familien, Familien mit Migrationshintergrund und Eltern ohne akademischen Abschluss stärker von der Ganztagsschule als andere Familien. Es sind vor allem auch diese Familien, die vom Besuch schulischer Ganztagsangebote eine bessere individuelle Förderung ihres Kindes erhoffen. Generell verbinden Eltern mit Ganztagsschule sowohl eine verlässliche 62 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Betreuung als auch eine bessere individuelle Förderung und erweiterte Bildungsmöglichkeiten für ihr Kind. Letzteres ist allerdings für Eltern mit einem geringeren sozioökonomischen Status wichtiger als für Eltern mit höherem sozioökonomischen Status(Arnoldt& Steiner 2015, S. 224). Das spiegelt sich auch in den Bildungsentscheidungen am Ende des Grundschulbesuchs wider. Zwar ist das Ganztagsangebot eher ein Zusatzkriterium bei der Entscheidung, es spielt aber für Eltern, deren Kind(voraussichtlich) nicht an ein Gymnasium wechseln wird, eine größere Rolle und wird von ihnen mit dem Wunsch nach einem gezielten Eingehen auf die Stärken und Schwächen des Kindes verbunden(StEG-Konsortium 2019, S. 18). Allerdings bleibt die Ganztagsschule im Hinblick auf Letztgenanntes eher ein Versprechen. Zwar unterstützt der Ganztagsbesuch die Verbesserung des Sozialverhaltens von Schüler_innen, eine fachbezogene individuelle Förderung gelingt jedoch nur, wenn die pädagogische Qualität der Ganztagsangebote hoch ist. Literatur Arnoldt, B.; Steiner, C. (2015): Perspektiven von Eltern auf die Ganztagsschule. Zeitschrift für Familienforschung, 27: 2, S. 208-227, URL: https://ubp.uni-bamberg.de/jfr/index.php/jfr/ issue/view/5 StEG-Konsortium (2010): StEG-Konsortium(2010): Ganztagsschule: Entwicklungen und Wirkungen. Frankfurt a.M. StEG-Konsortium (2019): Individuelle Förderung: Potenziale der Ganztagsschule. Frankfurt a.M. Tillmann, K.-J. (2014): Die Ganztagsschule und die Wünsche der Eltern. In Killus, D.; ders. (Hrsg.): Eltern zwischen Erwartungen, Kritik und Engagement. Ein Trendbericht zur Schule und Bildungspolitik in Deutschland. Münster und New York: Waxmann Verlag, S. 71-88. 63 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Professionalität und Professionalisierung in der Ganztagsschule in Deutschland – was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen? Prof. Dr. Marianne Schüpbach Professorin für Allgemeine Grundschulpädagogik Freie Universität Berlin Die in der deutschen Ganztagsschule(GTS) verlangte sinnvolle Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen muss die Professionalitäts- und Professionalisierungsdebatte von Lehrkräften und weiteren pädagogischen Mitarbeitenden an GTS beeinflussen(Böhm-Kaspar, Dizinger& Gausling 2016). Es stellt sich die Frage, wie die Professionalität und Professionalisierung in der GTS in Deutschland, in der eine pädagogische Einheit angestrebt wird, künftig weiterentwickelt werden soll. Was können wir aus dem internationalen Vergleich lernen? Mit dem Auf- und Ausbau von GTS haben sich verschiedene Voraussetzungen verändert. Durch die Verlängerung des Schultages stehen die Lehrkräfte neuen Situationen außerhalb des Unterrichts gegenüber, die ihr Aufgabengebiet erweitern. Folglich nehmen die Anforderungen bezüglich der pädagogisch-psychologischen Fachkompetenzen der Lehrkräfte zu. Als Antwort auf die zunehmende Komplexität der Verantwortlichkeit hinsichtlich der Bildungsaufgaben und der Weiterentwicklung zur GTS in Deutschland finden nebst Lehrkräften weitere pädagogische Mitarbeitende, häufig mit einem sozialpädagogischen oder nicht-pädagogischen beruflichen Hintergrund, Eingang in die Schule. Dadurch wird zunehmend von den Beteiligten eine multiprofessionelle Kooperation erwartet(BöhmKasper et al. 2016). Die Kooperation in der GTS sowie mit ihren externen Partnern wird nur dann einen größeren pädagogischen Ertrag erbringen, wenn an GTS nebst Lehrkräften pädagogisch kompetente Mitarbeitende arbeiten, die als Kooperationspartner anerkannt und miteingebunden werden(Speck 2010). Das heißt, um das professionelle Handeln der Lehrkräfte und der pädagogischen Mitarbeitenden zu stärken, muss künftig an der Aus- und Fortbildung angesetzt werden. 64 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Um eine pädagogische Einheit – wie sie bei der GTS in Deutschland erwartet wird – zu schaffen, braucht es längerfristig nach schwedischem Vorbild eine gemeinsame grundlegende akademische Ausbildung an der Universität von allen. Eine wichtige Gelingensbedingung von multiprofessioneller Kooperation ist dabei, dass den Beteiligten gemeinsame Möglichkeiten zur Professionalisierung zur Verfügung stehen. An diesem Punkt haben wir vor rund zwei Jahren angesetzt, in dem wir künftigen Lehrkräften und weitere pädagogische Mitarbeitenden schon frühzeitig die Chance für einen Austausch und ein gemeinsames Lernen ermöglich(t)en. Im Rahmen des BA-Studiengangs Grundschulpädagogik biete ich an der Freien Universität Berlin(seit 01.03.2019, vorher an der Universität Bamberg) gemeinsam mit der Akademie für Ganztagsschulpädagogik in Gräfenberg (Bayern) ein Kooperationsseminar zum Thema GTS und multiprofessionelle Kooperation an. Teilnehmende sind Lehramtsstudierende für das Grundschullehramt und Lernende an der Akademie für Ganztagsschulpädagogik(AfG), die eine Fortbildung zum/zur Fachpädagog_in für GTS oder Koordinator_in in offenen Ganztagsangeboten absolvieren. Solche Seminare stellen mittelfristig eine niederschwellige Möglichkeit dar, die multiprofessionelle Kooperation besser anzubahnen und eine pädagogische Einheit zwischen Unterricht und Angebot zu schaffen. Um eine pädagogische Einheit – wie sie bei der GTS in Deutschland erwartet wird – zu schaffen, braucht es längerfristig nach schwedischem Vorbild eine gemeinsame grundlegende akademische Ausbildung an der Universität von allen (unterrichtende Lehrkräfte und weitere pädagogische Mitarbeitende). In Schweden finden die Angebote am Nachmittag in„fritidshem“, auf Englisch„school-age educare centers“, statt. Wie in Deutschland ist man bestrebt, eine pädagogische Einheit zu gestalten. In Schweden bringen die meisten Mitarbeitenden in den school-age educare centers ein dreijähriges Universitätsstudium zum school-age educare teacher mit. Es arbeiten keine Mitarbeitenden ohne pädagogische Ausbildung in den schwedischen school-age educare centers (Klerfelt 2017). An den schwedischen Universitäten werden in der Lehrkräftebildung mit einer Ausrichtung auf Kinder der Primarstufe – in enger Zusammenarbeit – drei unterschiedliche Orientierungen angeboten:(a) Eine für die Vorschule und die ersten drei Grundschuljahre,(b) eine für die Grundschuljahre 4 bis 6 und schließlich(c) eine für die Spezialisierung zur Arbeit mit Schulpflichtigen im educare center . Diese school-age educare teacher , also jene mit der Orientierung c, können außerdem eine Zusatz65 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit qualifikation erlangen, um Schüler_innen der Grundschuljahre 4 bis 6 in praktischen oder ästhetischen Fächern zu unterrichten(Klerfelt 2017). Die Kernaufgabe der unterrichtenden Lehrkräfte bleibt weiterhin der Unterricht und für school-age educare teacher die Gestaltung informeller Lern- und pädagogischer Interaktionsprozesse. Ein solches Modell, wie es an den schwedischen Universitäten vorherrscht, ermöglicht es den unterschiedlichen Akteur_innen an der Schule, eine gemeinsame pädagogische Basis, insbesondere ein gemeinsames Bildungsverständnis, zu schaffen. Somit kann eine zentrale Grundlage und Gelingensbedingung für eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen allen Akteur_innen an der Schule entstehen. Dies ist eine Forderung, die auch in Deutschland verbreitet an die Kooperation der verschiedenen Akteur_innen an der GTS gestellt wird(Speck 2010). Sie könnte künftig mit einem mit Schweden vergleichbaren Modell erfüllt werden. Das Prestige der Mitarbeitenden in außerunterrichtlichen Angeboten der GTS könnte damit erhöht werden und sich demjenigen der unterrichtenden Lehrkräfte annähern. Eine zentrale Grundlage für das Zusammenbringen von Unterricht und außerunterrichtlichem Angebot zu einer pädagogischen Einheit stellt ein Curriculum dar, das beides umfasst: formale und non-formale Bildung. In Schweden liegt ein solches Curriculum seit 2011 vor(Swedish National Agency 2011(rev. 2016)). Nach dem Vorbild Schwedens könnte auch in Deutschland eine Grundlage für eine neue Schule, einer GTS mit einer pädagogischen Einheit geschaffen werden. In den nächsten Jahren sind eine Professionalisierung der beteiligten Professionen und eine Weiterentwicklung der Professionalität notwendig. Literatur Böhm-Kasper, O., Dizinger, V.& Gausling, P. (2016):„Multiprofessional collaboration between teachers and other educational staff at German all-day schools as a characteristic of today’s professionalism“. In: International Journal for Research on Extended Education, 1, 29–51. Klerfelt, A. (2017):„To author yourself: Teachers in Swedish school-age Educare centres 66 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit describe their professional identity“. In: International Journal for Research on Extended Education, 5(2), 133–149. Speck, K. (2010):„Qualifikation und pädagogische Eignung des Personals an Ganztagsschulen“. In: Der pädagogische Blick, 18(1), 13–21. Swedish National Agency for Education (2011): Curriculum for the compulsory school, preschool class and the recreation centre 2011. Online unter: www.skolverket.se/om-skolverket/publikationer(Zugriff am 15.12.2017). 67 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Der Beitrag pädagogischer Fachkräfte zum Gelingen des Ganztags Prof. Dr. Claudia Buschhorn Professorin für Pädagogik der Kindheit, HAW Hamburg Um die Ziele der Ganztagsschule zu realisieren und Kinder im Kontext von Ganztagsangeboten ganzheitlich in den Blick zu nehmen, sie begleiten, unterstützen und auch fördern zu können, sind bestmöglich ausgebildete pädagogische Fachkräfte nötig. Schule ist ein bedeutsamer Ort für das Aufwachsen von Kindern; aufgrund des Ausbaus von Ganztagsschulen und der Diskussion um die Einführung eines Rechtsanspruches auf einen Ganztagsplatz werden Kinder als Schüler_innen zukünftig noch mehr Zeit in der Schule verbringen. Um diesen Ort bestmöglich als einen Lern- und ein Stück weit auch als Lebensort für Kinder zu gestalten, ist sowohl die Kooperation von pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften als auch die Zusammenarbeit mit Familien wichtig. Ausgangspunkt aller Überlegungen sollte nicht zuletzt die Frage danach sein, was sich Kinder wünschen, wie ihr ganzer Tag in der Schule aussehen soll. Ganztagsschule wird laut Kultusministerkonferenz definiert als Schule, die über den Vormittagsunterricht hinaus an mindestens drei Tagen pro Woche ein ganztägiges Angebot(täglich mindestens sieben Zeitstunden umfassend) hat, Mittagessen an allen Tagen des Ganztagesbetriebes anbietet und nachmittägliche Angebote unter der Aufsicht und Verantwortung der Schulleitung umfasst. Diese Angebote sollen in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem Unterricht stehen(vgl. KMK 2015). Hinsichtlich der Ziele von Ganztagsschulen kann in Anlehnung an die Ausführungen der KMK(2015) herausgestellt werden, dass die Sicherung und Verbesserung der Qualifikationsfunktion von Schule(mit Blick auf die Lernergebnisse aller Schüler_innen), die Schaffung von Ansätzen zur Realisierung der sozial-erzieherischen und sozialkommunikativen Aufgabe der Schule(Schule als Lern- und Lebensort) sowie die Sicherstellung einer Infrastruktur für die Betreuung von Kindern(Ganztagsschule 68 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit als Familienergänzung und als Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf) im Fokus stehen(vgl. ebd.). Darüber hinaus sollen Kinder ganzheitliche Bildungsimpulse auf formaler, informeller und nonformaler Ebene erhalten. Um diese Ziele zu realisieren und Kinder im Kontext von Ganztagsangeboten ganzheitlich in den Blick zu nehmen, sie begleiten, unterstützen und auch fördern zu können, sind bestmöglich ausgebildete pädagogische Fachkräfte nötig. Eine Möglichkeit der Qualifikation stellen Studiengänge im Kontext der Kindheitspädagogik dar, im Rahmen derer pädagogische Fachkräfte auf Hochschulniveau ausgebildet werden. Einer dieser Studiengänge wird an der HAW Hamburg angeboten. Der Studiengang„Bildung und Erziehung in der Kindheit“ nimmt die Lebensphase Kindheit von Null bis 14 Jahren in den Blick. Er ist aus der Idee entstanden, dass Erzieher_innen insbesondere in den Handlungsfeldern Krippe und Kindertagesstätten auf Hochschulniveau qualifiziert werden sollten. Inzwischen hat sich der Studiengang in Profil und Schwerpunkt jedoch deutlich ausgeweitet und fokussiert vielfältige Erziehungs-, Beratungs-, Bildungs- und Betreuungs-Settings für Kinder und Familien. Insgesamt setzt der Studiengang eine Klammer um die Gesamtheit von Theorien und Praxen, die sich mit der Lebensphase Kindheit befassen. Dabei stehen das generationale Gefüge sowie gesellschaftliche und wohlfahrtsstaatliche Entwicklungsdynamiken im Mittelpunkt. Es handelt sich um einen grundständigen Studiengang, der Kindheitspädagog_innen für alle Handlungsfelder ausbildet, die diese Lebensphase fokussieren, bspw. Kindertagesbetreuung, Familienbildung, Fachberatungen sowie der gesamte Bereich der Kooperationen von Schule mit diesen Handlungsfeldern, u.a. im Kontext der Ganztagsschule. Ein Ziel ist es, angehende Kindheitspädagog_innen für die Vielfalt von Lebenslagen und Lebensformen zu sensibilisieren und Reflexionsmöglichkeiten zu bieten. Die Studierenden sollen sich in diesem Zusammenhang bewusstmachen können, wie stark einflussnehmend soziökonomische Hintergründe von Familien auf bspw. Schul- und Bildungsabschlüsse, auf Gesundheit und auf die Ermöglichung von Teilhabe an Gesellschaft insgesamt sind. Ferner umschließt das Studium konkrete Handlungskompetenzen wie bspw. die Vermittlung von pädagogischen Ansätzen und Methoden, damit kompetente Erwachsene Kinder bei der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt begleiten können. Die Studierenden sollen in die Lage versetzt werden, Kindern ganzheitliche Bildungsimpulse zu 69 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit ermöglichen mit Blick auf formale, aber insbesondere auch informelle und nonformale Aspekte, die eine Grundlage für die Beteiligung und die Eingebundenheit in Gesellschaft bilden. Ganztagsbildung wird damit verstanden als gemeinsamer, ganzheitlicher Auftrag aller Fachkräfte, Träger und Strukturen, die Kinder über den Tag begleiten. In Anlehnung an die Ausführungen der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe(2019) werden im Folgenden Visionen zur Ausgestaltung von Angeboten im Kontext der Ganztagschule dargestellt: 1) Um Schüler_innen umfassende und ganzheitliche Bildungsimpulse zu ermöglichen, d.h. um über die hierfür notwendigen Kenntnisse zu verfügen, sind im Kontext des Ganztages pädagogische Fachkräfte tätig – überwiegend Fachkräfte, die auf Fachhochschulniveau ausgebildet sind. Die DJI-Studie(2019) zum Thema„Ausbau der Ganztagsbetreuung“ geht in ihrem Rechenmodell mit Blick auf die Entlohnung der pädagogischen Fachkräfte im Ganztag von Erzieher_innen aus. Ich würde hier gerne langfristig als Vision etwas weitergehen – wichtig ist jedoch insgesamt, dass es sich um pädagogische Fachkräfte im Sinne des SGB VIII handelt. Diese Fachkräfte sind dauerhaft und verlässlich an jeder Ganztagsschule präsent. 2) Die Akteure der Ganztagsbildung arbeiten gemeinsam und kooperativ, statt nebeneinander her. Dies gelingt dank der Einrichtung eines gemeinsamen Gremiums auf Schulebene aber auch auf übergreifender Ebene in der Kommune/im Bezirk, welches den Rahmen für regelmäßigen Austausch bietet(ähnlich der Netzwerke Schulsozialarbeit in NRW). 3) Eine verlässliche, auskömmliche und gesetzlich abgesicherte Finanzierung, die gleichwertige Anstellungsverhältnisse für alle Fachkräfte vorsieht – zunächst innerhalb des Ganztags –, erleichtert die Kooperation. Aber auch zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften sind die Ungleichgewichte, bspw. mit Blick auf unterschiedliche Entlohnungen, aufgehoben. 4) Gemeinsame Fortbildungen finden statt für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, die bereits gemeinsam im Ganztag arbeiten. Weiterführend sind verbindlich festgeschriebene und flächendeckende professionsübergreifende Fortbildungen eingeführt sowie abgestimmte, gemeinsame Ausbildungsinhalte bspw. im Kontext der Hochschulausbildung realisiert. 70 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 5) Ein umfassendes und ansprechendes Ganztagsangebot, das Kinder und Jugendliche gerne wahrnehmen, nimmt viele unterschiedliche Orte in den Blick: Ein Netzwerk an regionalen Angeboten diverser Akteure ist geschaffen und in die Ganztagsbildung einbezogen; unterschiedliche Lernorte(bspw. Sportstätten, kulturelle Einrichtungen) werden genutzt. Dies gelingt dank der Etablierung eines Gremiums zum Austausch auf kommunaler Ebene(s.o.). 6) Für eine gelingende Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ist der Einbezug von Eltern in verbindlichen Strukturen konzeptionell sichergestellt. Konkret haben Eltern die Möglichkeit, ihre Interessen und Bedenken mitzuteilen und diese ernst genommen zu wissen, z. B. durch regelmäßige Elternbefragungen und die Beteiligung von Elternvertretungen an Besprechungen und Konferenzen – auch zum Thema Ganztag. 7) Insgesamt ist im Kontext Ganztagsbildung grundlegend sichergestellt, dass die Bedürfnisse und Bedarfe von Kindern und Jugendlichen berücksichtigt und konzeptionell eingebunden werden. Altersgerechte Formen der Beteiligung sind in den bestehenden Ganztagsbildungsorten etabliert und bei der Planung neuer Orte systematisch einbezogen. Hierfür sind wiederum bestmöglich ausgebildete pädagogische Fachkräfte wichtig, die um die Bedeutung partizipativer Prozesse wissen und über die nötigen methodischen Kenntnisse verfügen, diese Prozesse zuzulassen und zu begleiten. Aus meiner Sicht trägt ein so gestalteter Ganztag insgesamt auch zur Bildungsgerechtigkeit bei; er hat das Potenzial, alle Kinder zu begleiten und zu unterstützen – gerade auch diejenigen Kinder aus Elternhäusern mit weniger Ressourcen. Literatur Alt, Christian/Guglhör-Rudan, Angelika/Hüsken, Katrin/Winklhofer, Ursula (2019): Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder – Kosten des Ausbaus bei Umsetzung des Rechtsanspruchs. DJI: München. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe(AGJ) (2019): Kind- und jugendgerechte Ganztagsbildung – Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend71 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit hilfe. Verfügbar unter: https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2019/Ganztagsbildung.pdf[30.03.2020] Guglhör-Rudan, Angelika/Alt, Christian (2019): Bedarfsgerechte Umsetzung des Rechtsanspruchs ab 2025 unter Berücksichtigung von Wachstumsprognosen. DJI: München. Kultusministerkonferenz (2015): Ganztagsschulen in Deutschland – Bericht der Kultusministerkonferenz vom 03.12.2015. Berlin. Verfügbar unter: https//www.kmk.org/fileadmin/ Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2015/2015-12-03- Ganztagsschulbericht. pdf[30.03.2020] 72 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Kooperation – Beschwörungsformel oder gelebte Praxis Dr. Heike Kahl Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Seit die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung sich für gute Bildungschancen einsetzt, ist das Thema der Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule aktuell. In unserer Praxis erfahren wir immer wieder aufs Neue, dass gelingende Zusammenarbeit voraussetzungsvoll ist und sich nicht von allein einstellt, nur weil sie für notwendig gehalten wird oder weil verfestigte Strukturen keinen anderen Ausweg mehr zulassen. Kooperation zu proklamieren reicht nicht aus. Ihre erfolgreiche Gestaltung braucht neben der klaren Zielformulierung, die von allen verstanden und geteilt wird, neben dem klaren Rollenverständnis jedes Partners, das jeweils akzeptiert und als Stärke gesehen wird, um das gemeinsame Anliegen umzusetzen, das Bewusstsein, dass das gemeinsame Vorhaben sinnhaft ist. Es braucht die Zuversicht, dass das, was man gemeinsam anpackt, gelingen wird, also anschlussfähig ist an eigene Erfahrungen und Kompetenzen. Und es braucht das Gefühl von Zugehörigkeit, also Vertrauen in die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, und erfahrene Freude an der gemeinsamen Arbeit. Das alles ist nicht trivial, weil gelingende Kooperation hohe Anforderungen an alle beteiligten Stakeholder stellt, die ein dramatisches Umdenken in der Gestaltung eigener Arbeitsroutinen und dem eigenen Selbstverständnis einschließen: jugend- und lebensweltorientierten Ansätzen konsequent folgen, bereit sein, multiprofessionell und partizipativ zu arbeiten, neue Unterstützungsformen zu entwickeln und die Schule nicht als isolierten Lernraum zu betrachten, sondern Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Kultur einzubinden – und zwar nicht additiv als„Angebote“, sondern als integrale Bestandteile eines gemeinsamen Qualitätsverständnisses. Gute Kooperation braucht Unterstützung, um letztlich die Erwartungen an Ganztagsschulen zu erfüllen. 74 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Als herausfordernd muss konstatiert werden, dass die oben beschriebenen Entwicklungsanforderungen oft nur an die Schule gerichtet sind , weniger an die Jugendhilfe, und dass ein dezidiertes Konzept von Jugendhilfe für den Ganztag nicht existiert. So sieht sich Jugendhilfe oft nur in der„Angebotsverantwortung“, aus der man sich gegebenenfalls zurückziehen kann. Das wiederum trägt zur Verfestigung der doppelten Ambivalenz bei: Potenziale auf der einen Seite zu sehen, diese aber nicht zu nutzen. Und Jugendliche, die sich freudvoll auf neue, attraktive Lernarrangements einlassen, von denen es auf der anderen Seite zu wenig gibt. Gute Kooperation braucht Unterstützung , um letztlich die Erwartungen an Ganztagsschulen zu erfüllen: Für jedes einzelne Kind, jeden einzelnen Jugendlichen individuell Qualifizierung zu garantieren und gleichzeitig zur Verselbstständigung und Selbstoptimierung beizutragen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat in ihrem Begleitprogramm „Ideen für mehr. Ganztägig bilden!“ gezeigt, wie dies erfolgreich gestaltet werden kann. Am sinnvollsten und effektivsten beschreiben Schulen die Möglichkeit, kontinuierlich über einen längeren Zeitraum gemeinsam mit anderen Schulen in einem Netzwerk an einer gemeinsam formulierten Frage zu arbeiten, diese Arbeit begleitet zu wissen, Unterstützung bei Reflexion und Sichtbarmachen der eigenen Erfolge und Herausforderungen zu bekommen. Von Hospitationen an anderen Schulen schwärmen all diejenigen, die in den„Genuss“ solcher Art von Erfahrungsaustausch und Fortbildung gekommen sind. Keiner der Hospitant_innen ist zurückgekehrt an die eigene Schule, ohne nicht ganz eine konkrete Erfahrung oder ein konkretes Vorhaben mitzubringen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung hat ihre Aufgabe darin gesehen, diese Netzwerkarbeit zu begleiten, Raum und Zeit für Begegnung und Reflexion zu gestalten, vor allem aber die Prozesse mit passgenauen Angeboten zu unterstützen. Das heißt auch, unterschiedliche Professionen, unterschiedliche Expertisen und die verschiedenen Akteure vor Ort – Pädagog_innen, Kinder und Jugendliche, Eltern und außerschulische Partner, Verwaltungen und Landesinstitute – in Dialog und gemeinsames Arbeiten zu bringen und die Entwicklungsprozesse zu moderieren. Letztlich hat auch der bundesweite Austausch dazu beigetragen, dass eine selbstbewusste Ganztags-Community entstanden ist. 75 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Quo vadis, Ganztag? Im Gespräch mit Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels Institut für Schulentwicklungsforschung(IFS) der TU Dortmund Die aktuellen Hochrechnungen des Deutschen Jugendinstituts zum Ganztagsschulausbau zeigen, was investiert werden muss, damit der geplante Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz für Grundschulkinder ab 2025 umgesetzt werden kann. Werden wir damit mehr Bildungsgerechtigkeit erreichen? Prof. Dr. Holtappels : Die Umsetzung des Rechtsanspruchs wird nicht ohne weiteres zum Selbstläufer hin zu mehr Bildungsgerechtigkeit werden. Das zeigen bereits die Erfahrungen des rapiden Ausbaus der 2000er-Jahre: Mit einem Ausbau der Ganztagsschulplätze und der Schülerteilnahme wird fraglos die kustodiale Funktion der Schule gestärkt und speziell die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit. Das ist auch ein wichtiges Ziel, weil damit Kinder in ihrer Familie eine relativ gesicherte wirtschaftliche Grundlage und womöglich auch beruflich erfolgreiche Eltern vorfinden. Bildungsgerechtigkeit wird damit aber noch nicht automatisch erzielt. Dazu wird an den Schulen erstens ein pädagogisches Konzept erforderlich, welches das außerunterrichtliche Bildungsprogramm auf objektive Lernbedürfnisse von Kindern, aber eben auch auf zentrale Lernerfordernisse der Schule ausrichtet. Und das erfordert eine konzeptionelle Verbindung der außerunterrichtlichen Elemente mit dem Unterricht und sollte erweiterte Lerngelegenheiten beinhalten, die insgesamt schulisches Lernen, also auch mit Bezug zu zentralen Fächern, stärken. Zweitens müssen die einzelnen Lernangebote kompetenzorientiert und lernwirksam konzipiert sein. Hohe Anteile der ganztägig arbeitenden Schulen schöpfen jedoch die Potenziale des Ganztags nicht aus. Vielerorts konzentriert sich das Bildungsangebot neben Hausaufgabenbetreuung auf musisch-künstlerische und sportliche Aktivitäten, soziales Lernen, Freizeit und Betreuung. 76 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Wenn wir im Ganztag die fachliche Förderung vernachlässigen, produzieren wir Bildungsverlierer und soziale Chancenungleichheit. Was wäre denn daran zu kritisieren? Prof. Dr. Holtappels : Ich kritisiere nicht so sehr das, was im Ganztag stattfindet, sondern das, was zu wenig passiert. Im Grundschulsektor führt in hohem Maße pädagogisches Personal der Träger der Jugend-, Sozial- und Kulturarbeit große Teile der Ganztagsangebote durch und die Qualität der genannten Angebotsinhalte ist sicher beachtlich. Diese Felder sind enorm wichtig, machen allerdings nur einen Teil dessen aus, was Kinder für ihre Lernentwicklung benötigen. Und allein mit Freizeitbetreuung und sozialem Lernen stellen wir noch keine Bildungsgerechtigkeit her. Gewünschte Themenangebote, Gemeinschaftserleben und soziales Lernen, wofür Ganztagsschulen mehr Möglichkeiten bieten als die klassische Halbtagsschule, sind eine wichtige Voraussetzung, damit sich Kinder in der Schule wohlfühlen, Anregungen zur sinnvollen Betätigung erhalten und soziale Kompetenzen erwerben. Und zu Musik, Kunst und Sport sollen Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft mehr Zugang erhalten. Für Bildungsgerechtigkeit braucht es jedoch mehr – insbesondere Lernförderung und mehr Zeit für Lernangebote in fachlichen Kernbereichen, vor allem für sozial benachteiligte Kinder mit Migrationshintergrund und aus Familien mit niedrigem sozioökonomischen Status. Dadurch sollen für gleiche Bildungschancen Fähigkeitsunterschiede oder Lernrückstände bei Schulanfang so weit wie möglich ausgeglichen werden. Wenn wir im Ganztag die fachliche Förderung vernachlässigen, produzieren wir Bildungsverlierer und soziale Chancenungleichheit. Wir brauchen im Bildungsprogramm der Ganztagsschulen deshalb eine gute Mischung zwischen fachbezogenen Lernangeboten, Projektlernen für Schlüsselkompetenzen, freien Wahl- und Freizeitangeboten und sozialem Lernen. Aber der Unterricht nach Stundenplan sollte doch eigentlich schon für Lernwirkungen und Chancengleichheit sorgen, sodass man dann im Ganztag viel Zeit für anderes hätte … Prof. Dr. Holtappels : Das wäre schön, jedoch können wir uns diesen„Luxus“ leider noch nicht leisten. Denn seit den 2000er-Jahren zeigen nicht nur die PISA-Befunde, sondern auch IGLU und TIMSS für die Grundschule, dass wir nach wie vor in den Testkompetenzen große Risikogruppen haben von 15 bis 20 Prozent an Lernenden mit ganz schwachen 77 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Lernergebnissen. Diese Schüler_innen schaffen die Anforderungen der Sekundarstufe nur schwer und können im Leseverständnis und in Mathematik als 15-Jährige kaum mehr als Fünftklässler. Zugleich besteht hohe soziale Chancenungleichheit beim Kompetenzerwerb und zudem auch beim Grundschulübergang. Hier ist Deutschland kaum vorangekommen. In einem Teil der Schulen muss sich die Schul- und Unterrichtsqualität bessern, aber angesichts gesellschaftlicher Bedingungen des Aufwachsens stoßen Schulen trotz hoher Qualität auch an Grenzen, sodass sie über den Unterricht allein nur unzureichend Benachteiligungen kompensieren können. Hier kommt die Ganztagsschule als wunderbares Geschenk daher, mit mehr Zeit für Lernförderung und anderen Lernzugängen für das Weiterlernen in Fachbezügen. Ein lernwirksamer Ganztagsbetrieb gäbe uns also die Chance, die Lernerfolge tendenziell zu verbessern. Diese Chancen gilt es unbedingt auszuschöpfen, sonst werden die lernschwächeren und sozial benachteiligten Kinder die Bildungsverlierer sein – trotz Ganztag. Welche Anforderungen sind an eine solche Ganztagsschule zu stellen? Prof. Dr. Holtappels : Zunächst einmal geht es darum, dass die Angebote wirklich alle Kinder erreichen. Die StEG-Untersuchungen(Studien zur Entwicklung von Ganztagsschulen) und auch die Bildungsberichterstattung in Nordrhein-Westfalen haben aufgedeckt, dass in der Sekundarstufe Jugendliche aus allen sozialen Schichten etwa im gleichen Maße am Ganztag teilnehmen. In der Grundschule nutzen aber Migrantenkinder und Kinder mit niedrigem sozio-ökonomischen Status die Angebote etwa 10 bis 15 Prozentpunkte weniger als ihre Mitschüler_innen aus weniger sozial benachteiligten Familien. Gründe dafür liegen im finanziellen Elternbeitrag, im Bildungsbewusstsein und auch im Platzangebot. Deshalb muss im Rahmen der Überlegungen zur Umsetzung des Rechtsanspruchs darüber nachgedacht werden, diese Hemmnisse sukzessive abzubauen. Ganztagsschule sollte allerdings auf keinen Fall nur sozial Benachteiligte oder Kinder mit Lernschwächen oder-rückständen beschulen. Wir brauchen eine Ganztagsschule für alle mit einer sozial gemischten und leistungsheterogenen Schülerzusammensetzung, die sicherstellt, dass auch anspruchsvollere Lernprozesse möglich sind, und die Lerngruppen eine anregende Lernumgebung bieten. 78 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Im offenen Ganztag wird allzu oft auch – die wenig förderliche und veraltete – Hausaufgabenpraxis beibehalten. In gebundenen Schulen finden wir meist eine elaboriertere Lernkultur, höhere Kooperation und stärkere Präsenz der Lehrkräfte. Ist es entscheidend, ob die Ganztagsschule im offenen, gebundenen oder teilgebundenen Modell arbeitet? Prof. Dr. Holtappels : Ja, aber das ist differenziert zu sehen. Ein voll- oder teilgebundenes System bietet natürlich strukturell bessere Voraussetzungen, weil eine schüler- und lerngerechte Rhythmisierung über den ganzen Tag konsequent möglich wird und fachliche Unterrichtsphasen und außerunterrichtliche Angebote besser verzahnt werden können. In offenen Ganztagsformen ist das begrenzt auch möglich, passiert aber doch zu selten. Im offenen Ganztag wird allzu oft auch – die wenig förderliche und veraltete – Hausaufgabenpraxis beibehalten, weil ein Teil der Lernenden ja mittags nach Hause geht und man sonst zwei Formen von Aufgabensystemen entwickeln müsste. In gebundenen Schulen, so zeigt die Forschung, finden wir zudem meist eine elaboriertere Lernkultur, höhere Kooperation und stärkere Präsenz der Lehrkräfte. Gebundene Ganztagsschulen sind aber nicht automatisch die besseren Ganztagsschulen – es kommt letztlich doch darauf an, was in den einzelnen Angeboten in Bezug auf Lernwirksamkeit passiert und ob man die strukturell besseren Chancen auch nutzt. Es ist ein wenig wie im Fußball: Man kann sich 70% Ballbesitz und 20 Torchancen erspielen, aber der Ball muss auch unbedingt ins Tor. Gibt es weitere Probleme, die Sie auf der Ebene der Ganztagsschullandschaft insgesamt sehen? Prof. Dr. Holtappels : Fehlentwicklungen auf der Systemebene bestehen darin, dass die Ganztagsschulen bisher schon a) überwiegend zu geringe Personal-Ressourcen erhalten, die nicht alles abdecken, b) die vorhandenen Personalressourcen zu wenige Lehrerstellen beinhalten(denn die werden für didaktisch-methodisch konzipierte Angebote, Förderung und Aufgabenunterstützung benötigt), c) das nicht-lehrende pädagogische Fachpersonal teilweise auch nicht hinreichend pädagogisch qualifiziert ist oder zu wenig qualifiziertes Personal zu finden ist, d) dieses Personal oft nur mit wenigen Stunden Präsenz in einer Schule und zudem teils in problematischen Arbeitsverhältnissen(z.B. nur auf Honorarbasis) beschäftigt wird. 80 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Hinzu kommt, dass in zahlreichen Bundesländern im Grundschulsektor freie Träger das komplette außerunterrichtliche Programm und die ganztägige Mehrzeit für sich in Anspruch nehmen(Offener Ganztag). Dies führt dazu, dass sich erstens ein Teil der Schulen gar nicht dazu gedrängt fühlt, eine ganzheitliche Lernkultur und ein(Bildungs-)Konzept als Ganztagsschule zu entwickeln; es entstehen vielmehr zwei Teilorganisationen in der Grundschule und die Schulleitung hat zudem nicht die Führung über die außerschulisch Beschäftigten. Viele Schulen stellen auch kaum inhaltliche Bedingungen an das Bildungsprogramm des Kooperationspartners. Vielerorts wird im Ganztagsbetrieb einfach der bisherige Halbtagsbetrieb mit Unterricht nach Stundentafel fortgeführt (ohne dass sich Lernrhythmisierung oder Lernmethoden ändern) und ab mittags ein finanziell billig zu erhaltenes Betreuungsprogramm angehängt. So entwickeln sich vor allem in offenen ganztägigen Schulen mit freiwilliger Teilnahme zwei Parallelwelten(Halbtagsunterricht und reine Betreuungszeiten), die wenig aufeinander bezogen sind. Man könnte auch vom„Bikinimodell“ sprechen – der Schultag zerfällt in zwei unverbundene Teile, mit denen man versucht, nur das Nötigste abzudecken. Ich fürchte, der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz wird diese Tendenz eher verstärken. Erfordern ein anderes Lehrerbild und die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Professionen Veränderungen in der Ausbildung? Prof. Dr. Holtappels : Ja, und das gilt nicht nur für die Lehrerausbildung. Ganztagsschule muss mehr von den Kindern her gedacht werden, die Lernbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen müssen im Vordergrund stehen. Der Ganztagsbetrieb darf nicht als Kontrastprogramm zum Lernen verstanden, sondern muss von allseitiger Förderung und Angeboten mit Bezug zu allen Fachgebieten bestimmt werden. Deshalb muss das sozialpädagogische Personal ebenfalls spezifisch für den Einsatz in der Schule ausgebildet sein. Das ist derzeit oft nicht der Fall. Ein wirksamer Ganztagsbetrieb gelingt dann am besten, wenn im außerunterrichtlichen Bereich didaktisch-methodisch qualifizierte Lehrkräfte eingesetzt werden, die lernwirksame Angebote machen. In dieser Hinsicht herrscht bereits jetzt enormer Nachholbedarf. Die Berechnungen des Deutschen Jugendinstituts zum Ganztagsschulausbau gehen davon aus, dass die meisten Angebote am Nachmittag von Erzieher_innen abgedeckt werden. Für fachliche Förderung benötigt man jedoch didaktisch ausgebildete Lehrpersonen. Der Einsatz von Erzieher_innen ist dennoch nicht falsch, von der Arbeit in einem multiprofessionellen Team können 81 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit die Lehrkräfte auch profitieren. Selbstverständlich brauchen wir schulund sozialpädagogisches Handeln in der Ganztagsschule, und zwar in Arbeitsteilung und gemeinsamer Verantwortung. Aber es bedarf dann intensiver Kooperation zwischen Lehr- und Fachkräften. In der StEGStudie haben wir nachgewiesen, dass die Kooperation zwischen den Professionen dann viel besser klappt, wenn das pädagogische Personal qualifiziert und festangestellt ist, nicht nur auf Honorarbasis arbeitet und die Schule die Verantwortung für die Angebote übernimmt. Eine solche Struktur führt nicht nur zu einem echten multiprofessionellen Arbeiten, sondern auch zu einer besseren Qualität der Angebote und – damit letztlich zu besseren Wirkungen bei den Schüler_innen. Ich plädiere dabei für ein anderes Arbeitszeitmodell für die Schule und die Lehr- und Fachkräfte. Wenn Schüler_innen nachmittags in der Schule präsent sind, dann muss das ebenso für die Lehrkräfte gelten. Dabei muss nicht jede Lehrperson fünf Tage die Woche präsent sein, aber es muss bestimmte Präsenzzeiten geben, in denen dann die Arbeit mit Schüler_innen sowie Beratung und Entwicklungsarbeit in Kooperation mit anderen Professionen stattfinden können. Allerdings mangelt es in den meisten Schulen, auch in den Halbtagsschulen, schon an einer fest geregelten Lehrerteamarbeit. Dabei könnten professionelle Lerngemeinschaften ein guter Ausgangspunkt für Konzeptarbeit und Kooperation sein. Damit würde der Ganztag sicherlich an Qualität gewinnen, vor allem wenn zusätzlich die Expertise weiterer Professionen einbezogen wird. Kann man denn nicht trotzdem davon ausgehen, dass Lernwirkungen und mehr Bildungsgerechtigkeit zu erzielen sind? Prof. Dr. Holtappels : Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in Grundschulen stellt ja zunächst nur die Teilnahmemöglichkeit sicher; Beratung für Eltern und Schüler_innen müsste aber hinzukommen, damit die förderungsbedürftigen Gruppen auch erreicht werden. Bloße Teilnahme am Ganztagsbetrieb sichert noch keine Bildungsgerechtigkeit. Alle Forschungen in Deutschland und Nachbarländern zeigen keine globalen Effekte der Ganztagsteilnahme auf Schülerfähigkeiten, abgesehen von kleinen Effekten auf Motivation und soziale Kompetenzen. Es kommt vielmehr auf die didaktische und sozialerzieherische Qualität und Lernwirksamkeit in den einzelnen Angebotselementen an. Die Forschung(vor allem die StEG-Studie) zeigt: Ganztagsschulen in Deutschland sind im Grundschulbereich fachlich nicht wirksam, in der Sekundarstufe ist es aber kaum besser. Es gehen also keine messbaren 82 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit fachlichen Lernzuwächse von den in den Schulen real existierenden außerunterrichtlichen Angeboten aus – und damit werden auch Lernrückstände nicht ausgeglichen oder fachliche Fähigkeiten gesteigert. Es gibt Lernzuwächse, die aber offenbar durch den Unterricht, das Schulleben oder durch Lernen zuhause bewirkt werden; die außerunterrichtlichen Angebote leisten hier keinen zusätzlichen Beitrag, helfen also nicht, dass Schüler_innen mehr fachlichen Lernerfolg haben. Das liegt aber weniger am Grundkonzept der Ganztagsschule, sondern an der realen Umsetzung in der Schulorganisation und der pädagogischen Praxis hierzulande. Sie glauben also, dass auch auf der Ebene der Schulen die Richtung nicht stimmt? Prof. Dr. Holtappels : Genau. Das fängt mit dem Zielanspruch an: Die StEG-Schulleitungsbefragung 2018 zeigt, dass rund die Hälfte der Grundschulen nur einen reduzierten Zielanspruch für ihren Ganztagsbetrieb hegt, Kompetenz- und Begabungsförderung werden gar nicht als Ziel genannt. Die Lehrerkollegien trauen offenbar dem Ganztagsbetrieb diesbezüglich wenig zu und das hat dann leider Auswirkungen auf Bemühungen um lernwirksame Ganztagsangebote, was wiederum die Erwartungen absenkt – ein fataler Teufelskreis. Vielerorts wird in den Grundschulen nur die Halbtagsschule fortgesetzt plus Angebote freier Träger, die nicht mit dem Unterricht und dem sonstigen Lernkonzept der Schule verbunden sind. Auf diese Weise wird die Schule davon enthoben, sich in ihrer Lernkultur und der Rhythmisierung zu verändern und über ihre Lernkultur im Unterricht nachzudenken – und genau das wäre notwendig für eine gute Schule, die zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt. Das ist keine neue Erkenntnis. Auch in Deutschland gibt es gute Beispiele reformpädagogischer Modelle für eine lernwirksame Schule(z.B. Schulpreisträger-Schulen), und das geht am besten im Ganztagsbetrieb. Das hat übrigens nichts mit höherem Leistungsdruck und geringerem Spaß am Lernen zu tun. Eine humane und eine kompetenzförderliche Ganztagsschule schließen sich nicht aus. Wenn Kinder den Ganztagsbetrieb besuchen, wollen sie Lernspaß haben und am Ende aber auch mehr können. Kompetenzerleben macht die Lernenden erst stark, selbstbewusst und zuversichtlich. Wie muss denn eine Ganztagsschule aussehen, damit sie sich konsequent auf die Kompetenzentwicklung der Schüler_innen auswirken kann? Prof. Dr. Holtappels : Schulen müssen Lernangebote außerhalb des Un83 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit terrichts genauso sorgsam konzipieren, entwickeln und durchführen wie eine Unterrichtsstunde. Das Bildungsprogramm in der Schule sollte eine gute Mischung aus sozial-erzieherischen und didaktisch-methodischen Elementen sein. Im Mittelpunkt müssen bei allen Überlegungen immer das Lernen und die Begleitung der Lernentwicklung stehen. Dabei bedarf es gar nicht so vieler verschiedener Angebote – Kinder brauchen vor allem erstmal mehr Zeit zum Lernen. Und sie brauchen unterschiedliche Lernzugänge, Lernmethoden, Lernformen und Lerngelegenheiten, die qualitätsvoll und lernwirksam gestaltet sein müssen. Erfolgsversprechend sind Lernarrangements, die auf die Begabungen, Lernbedürfnisse und-probleme der Schüler_innen eingehen, und zwar so, dass nicht nur Lernrückstände der Schwächeren aufgeholt werden können, sondern dass alle davon profitieren. Voraussetzung für eine Ganztagsschule, die diese Anforderungen erfüllt, ist konzeptionelle Arbeit am Bildungsprogramm und den Einzelangeboten in den Kollegien. Die Schulen benötigen dabei aber Unterstützung durch Landesinstitute und Fortbildungssysteme, die z.B. curricular-didaktische Lernmaterialien für Ganztagsangebote entwickeln und Fortbildung und Beratung leisten. Sollte die Wissenschaft nicht auch einen Beitrag leisten? Prof. Dr. Holtappels : Ja, unbedingt. Abgesehen von Seminaren zur Ganztagsschule für Lehramtsstudierende gibt es an Universitäten auch praxisbezogene Studiengänge und Fort- und Weiterbildung für bereits praktizierende Lehr- und Fachkräfte. Ich selbst kann für Schulberatung von Ganztagsschulen und Kollegien angefragt werden und biete in Dortmund seit vielen Jahren entsprechende Fortbildungsangebote an, für Schulleitungen und Lehrkräfte, Ganztagsteams oder Steuergruppen. Und in der Forschung führen wir nicht nur Bestandsaufnahmen und Wirkungsanalysen durch, sondern liefern mit Studien auch Gelingensbedingungen für erfolgreiche Praxis. Zudem haben wir in der gerade abgeschlossenen Forschungsphase von StEG Interventionsstudien durchgeführt und dabei neue Praxisformen für Ganztagsschulen entwickelt, erprobt und evaluiert, dabei an Beispielen gezeigt, dass eine bessere Praxis möglich ist. Im IFS in Dortmund haben wir gemeinsam mit Praktiker_innen ein Programm zur Förderung des Leseverständnisses entwickelt, und zwar in Form einer Arbeitsgemeinschaft für den Ganztagsbetrieb in den Jahrgängen 3 bis 5: den„Detektivclub“ mit Kriminalgeschichten für Kinder, die in Gruppen über Lesen, Textarbeit und Aufgaben spannende Fälle lösen. 84 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Das Ergebnis: Mit nur 60 bis 90 Minuten pro Woche über ein Schulhalbjahr mit rund 14 Wochen in Jahrgang 4 zeigen sich enorme Effekte: alle AG-Teilnehmer_innen steigern sich im Leseverständnis stärker als andere und holen Nicht-Teilnehmer_innen im Testergebnis nach knapp einem Jahr ein. Die lernschwächer gestarteten und Kinder mit Migrationshintergrund profitieren bei Teilnahme besonders stark. Was ist nun Ihr Ausblick auf die Weiterentwicklung des Ganztags und den Rechtsanspruch? Es ist richtig, den Zugang zur Ganztagsschule für alle zu schaffen. Wir müssen uns aber die Frage stellen, welche Qualität wir erreichen wollen. Prof. Dr. Holtappels : Insgesamt sehe ich mit Sorge, dass der geplante Rechtsanspruch eher nur eine Fortschreibung der wenig effektiven Ganztagsschulpraxis bedeuten könnte, möglicherweise aufgrund fehlender Ressourcen und ausgebildeten Personals sogar in verwässerter Form. Es ist richtig, den Zugang zur Ganztagsschule für alle zu schaffen. Wir müssen uns aber die Frage stellen, welche Qualität wir erreichen wollen. Der Ausbau der 2000er-Jahre ist meines Erachtens zu schnell fortgeschritten. Wir sind in die Ausbau-Qualitäts-Falle getappt, weil die Qualitätsentwicklung nicht parallel Schritt hielt. Besser wäre es daher, zunächst in die Qualitätsentwicklung zu investieren. Dann hätten wir mehr gute Beispiele, und die wären sehr wertvoll für die Schulen, die sich dann auf den Weg machen. Die Politik ist dabei nicht nur durch die Bereitstellung der notwendigen Ressourcen gefragt, sondern auch durch eine klare Vision, was Ganztagsschule denn überhaupt leisten soll. Dazu gehören Leitlinien und Rahmenvorgaben, Standards und Unterstützung der Schulen bei der Schulentwicklung. Die Wissenschaft hat Qualitätsrahmen entwickelt und reichlich Forschungsergebnisse produziert, an denen man sich orientieren kann. Nun gilt es, die Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Gute Ganztagsschule gibt es nicht gratis – man muss in die Entwicklung einer förderlichen Praxis investieren, auf der Systemebene und auch in den Schulen. 85 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Der Qualitätsaspekt in der Ganztagsschule Carina Merth Zweite Vorsitzende Ganztagsschulverband e.V. Gute Bildung von Anfang an ist das wichtigste Mittel zur Bekämpfung von Armut, sozialer Spaltung und gegen undemokratische Tendenzen. Gleichberechtigte Teilhabe und gerechte Bildungschancen für alle sind ohne eine gute Bildung nicht möglich. Der bundesweite Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist nicht nur mit dem Ziel verbunden, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sicherzustellen, sondern vor allem die schulische Förderung von Grundschulkindern unter den Aspekten der Chancengleichheit und der Bildungsgerechtigkeit zu verbessern. 6 Die Frage nach der Qualität ist daher in erster Linie eine Frage nach den Bedürfnissen der Lernenden. Mit ihrem zusätzlichen Zeit- und Personalbudget ist die Ganztagsschule in der Lage, Bildungsnachteile auszugleichen und die Start- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Einheitliche Qualitätsstandards für Ganztagsschulen sind in diesem Zusammenhang unabdingbar, um eine inhaltliche Weiterentwicklung zu ermöglichen. Für die Lernwirksamkeit der Ganztagsschule spielt die Qualität der Lernangebote ebenso eine entscheidende Rolle. Was muss bei der Ausgestaltung von Ganztagsschulen gewährleistet sein, damit sich der mit dem Rechtsanspruch verbundene quantitative Ausbau auch in eine hohe Qualität übersetzt? Einen wesentlichen Beitrag für die bundesweite Qualitätsentwicklungsdebatte lieferte die 2017 veröffentlichte Studie„Mehr Schule wagen: Empfehlungen für guten Ganztag“ von Falk Radisch, Klaus Klemm und Klaus-Jürgen Tillmann, beauftragt von der Bertelsmann Stiftung, der Robert Bosch Stiftung, der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Deutschland. 7 Im Rahmen der Untersuchung wurde das Handlungswissen 6 Koalitionsvertrag, 19. Legislaturperiode, S. 20 Rn. 765 sowie S. 28 Rn. 1123 ff. 7 Bertelsmann Stiftung/Robert Bosch Stiftung/Stiftung Mercator/Vodafone Stiftung(Hrsg.): Mehr Schule wagen: Empfehlungen für einen guten Ganztag. Gütersloh/Stuttgart/Essen/ Düsseldorf 2017. 86 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit exzellenter Schulen zum Lernen im Ganztag erfasst und systematisiert. Ausgewählte Qualitätsaspekte seien hier aufgeführt und mit Beispielen aus der Praxis konkretisiert. I. Rhythmisierung und Verzahnung Die Ganztagsschule als Lebensraum und Lebenswelt kann Mädchen und Jungen ermöglichen, ihre Potenziale zu entdecken und zu nutzen. Ganztägige Bildung ist daher nicht einfach die Verlängerung des Halbtagsunterrichts in den Nachmittag hinein, sondern sollte einen Wohlfühlort schaffen, an dem Lernende unterstützt und herausgefordert werden. Individuelle, auf die Bedürfnisse abgestimmte Angebote und Lernzeiten anstatt Hausaufgaben ergänzen den curricularen Fachunterricht. Unterrichtliche und außerunterrichtliche Angebote sind miteinander verzahnt, zusätzliche Angebote ergänzen flexible und rhythmisierte Kernzeiten. Der Tagesablauf orientiert sich am Biorhythmus der Lernenden und ermöglicht einen ausgewogenen Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung. Eine hohe Qualität des Ganztags ist abhängig von einem gesunden Mittagsessen. Die Schulmensa ist bestenfalls mehr als ein Ort der Nahrungsaufnahme; sie ist Teil der Schulkultur, hier findet informelles Lernen statt. Das gemeinsame Essen mit festen Bezugspersonen schafft Nähe und Vertrauen, unabdingbar für eine erfolgreiche pädagogische Arbeit. Obligatorisch ist daher die Ausarbeitung eines ausgewogenen Verpflegungskonzeptes. Die Praxis zeigt, dass dies oft in den Verantwortungsbereich externer Träger fällt. In diesen Prozess sollte die Schule im Rahmen ihrer konzeptionellen Arbeit unbedingt eingebunden sein, um das Mittagessen in einem ganzheitlichen Schulprogramm sichern und fortschreiben zu können. II. Partizipation Die Ganztagsschule als Lebensraum und Lebenswelt ernst zu nehmen bedeutet, dass das Lernangebot auch in sozialer und kultureller Hinsicht ausgebaut werden muss. Das„Mehr an Zeit“ ermöglicht neue Formen des Lehrens und Lernens. Eine vertrauensvolle und verlässliche Beziehung zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gehört ebenso dazu wie ein erweitertes Lernangebot und Partizipation durch die aktive Übernahme von Verantwortung. Was an einer guten Ganztagsschule geschieht, ist 87 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit eine bedeutsame Voraussetzung für ein gewaltfreies und demokratisches Gemeinwesen. Eine gute Schule ermöglicht den Lernenden, miteinander zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen, Ideen und Wünsche einzubringen und gemeinsam den Schulalltag zu gestalten. Diese Fragen zum Thema Partizipation sollten daher in die Schulprogrammarbeit ebenfalls aufgenommen werden: Wie kann Partizipation in der Schule als Lern- und Lebensort ermöglicht werden? Welche Gelingensbedingungen und welche Unterrichtsformen sind dazu notwendig? Wie kann das schulische Umfeld einbezogen werden? III. Kooperation und Vernetzung Idealerweise ist die Ganztagsschule mit dem Umfeld gut vernetzt und nutzt das Angebot örtlicher Kooperationspartner, um ein abwechslungsreiches Bildungs- und Freizeitangebot bereitzustellen. Unabhängig vom Einkommen der Eltern profitieren Kinder und Jugendliche in der Ganztagsschule von einem erweiterten musischen, sportlichen sowie kulturellen Angebot.„Der Ganztag bedroht die Vereine“ ist ein Kritikpunkt, der immer wieder die Debatte um die Ganztagsschule bestimmt. Jedoch zeigen zahlreiche Praxisbeispiele das Gegenteil: Eine professionalisierte Zusammenarbeit zwischen ganztägig arbeitenden Schulen und örtlichen Partnern erweitert nicht nur das schulische Ganztagsangebot, sondern kann auch das Interesse an Vereinen stärken und den Nachwuchsproblemen entgegenwirken. Weitere wertvolle Ressourcen stellen die Träger der ortsansässigen Jugendräume oder die kommunale Jugendpflege dar. IV. Steuerung und Qualitätsentwicklung Die Frage nach der Qualität der Ganztagsschule ist ebenso eine Frage nach einer guten schulischen Steuerung und Weitentwicklung. Der Ganztag muss daher mit der Schulleitung und gemeinsam mit den Lehrkräften gedacht werden. Erfolgreich sind Ganztagsschulen vor allem dann, wenn Lehrkräfte auch am Nachmittag präsent und neben dem Fachunterricht mit zusätzlichen Bildungsangeboten involviert sind. 8 Vor einer besonderen Herausforderung stehen Schulen daher, wenn externe Träger den Ganztag bereitstellen und organisieren. 8 Vgl. ebd., S. 16f. 88 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Das Ganztagsangebot einer Schule muss regelmäßig überprüft werden. Dazu gehören beispielsweise Befragungen der Eltern- und Schülerschaft sowie Rating-Konferenzen gemeinsam mit allen am Ganztag beteiligten Akteuren. Nur so kann sichergestellt werden, dass sich die Bedingungen und die Qualität der Angebote stetig verbessern. Eine positive Entwicklung ist die Einführung einer Ganztagskoordination. Sie entlastet idealerweise die Schulleitung durch Koordination aller im Ganztagsbereich anfallenden Aufgaben. Diese Stelle ist Ansprechpartner für Kooperationspartner, Träger, Stundenplaner und Lehrkräfte. Die Berücksichtigung des pädagogischen Konzeptes sowie des Leitbilds der Schule runden ihr Handeln für den Ganztagsbereich ab. Ebenso können von der Schulleitung Verantwortlichkeiten in den Bereichen Budgetplanung und Überwachung an diese koordinierende Stelle übertragen werden. V. Multiprofessionelle Zusammenarbeit Die gemeinsame Arbeit in multiprofessionellen Teams ist für das Gelingen des Ganztags unabdingbar. An einer guten Ganztagsschule arbeiten Lehrer_innen, Erzieher_innen sowie weitere gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte Hand in Hand zum Wohle der ihnen anvertrauten Mädchen und Jungen. Unabdingbar sind daher sich überschneidende Anwesenheitszeiten der unterschiedlichen Professionen sowie klare Absprachen und Verantwortlichkeiten. Zusätzliche, integrierte Zeitfenster ermöglichen einen intensiven Austausch aller Beteiligten. Sowohl in der Lehrerbildung als auch in der Ausbildung von Erzieher_innen und Pädagog_innen ist es dringend nötig, den Fokus auch auf die Ganztagspädagogik zu richten. Der bevorstehende quantitative Ausbau der Ganztagsschulen ist von der Herausforderung begleitet, qualitativ hochwertige Angebote bereitzustellen, insbesondere mit Blick auf die Qualifikation der Mitarbeiter_innen. Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz in der Grundschule wird den Fachkräftebedarf in diesem Segment daher noch weiter erhöhen. Bislang bereiten nur wenige Universitäten und Hochschulen gezielt auf eine Arbeit in der Ganztagsschule vor. Ausnahmen sind beispielsweise der Studiengang Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Ganztagsschule an der privaten Hochschule für angewandte Pädagogik Berlin. Auch in der Lehrerbildung muss das Thema noch viel stärker verankert werden. Umfassende, qualitätsgesicherte Fortbildungsangebote, die für die pädagogische Arbeit im erweiterten Schultag schulen, sind bisher nur wenige zu finden. Die IHK-zertifizierte Fortbildung„Fachpädagogin/Fachpädagoge für Ganz89 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit tagsschulen“ wird von der Akademie für Ganztagsschulpädagogik in Hiltpoltstein(Franken) angeboten. 9 Wenn die skizzierten Voraussetzungen erfüllt werden, dann ist der Ganztag ein wichtiger Baustein zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Dafür sind Anstrengungen aller Akteure erforderlich. 9 https://afg-im-netz.de 90 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Der Ganztag schafft gute Bildung und mehr Chancengleichheit Oliver Kaczmarek MdB, Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion Es ist ein bleibender Verdienst von Edelgard Bulmahn und der rot-grünen Bundesregierung, den Anstoß für flächendeckende ganztägige Bildung und Betreuung in Deutschland gegeben zu haben. Zu Beginn des Jahrhunderts war es keineswegs selbstverständlich, dass ein großes Ganztagsprogramm aufgelegt werden würde. Die Widerstände reichten von der CDU/ CSU-Bundestagsfraktion bis in die konservativ geführten Bundesländer. Im Jahr 2002 führte übrigens niemand anderes als Friedrich Merz die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der seitdem ein konsequenter Gegner der Ganztagsschule ist. Zuletzt machte er mit einem Artikel in der Welt im Dezember 2019 in der Sache auf sich aufmerksam, um gegen die„Lufthoheit über den Kinderbetten“ zu wettern. Dank des harten Ringens von Edelgard Bulmahn für das Investitionsprogramm Bildung und Betreuung und den erfolgreichen Ausbau von ganztägiger Bildung und Betreuung in Deutschland ist die Position von Friedrich Merz im Jahr 2020 nur noch eine schrille Mindermeinung. Heute ist die Ganztagsschule in weiten Teilen der Gesellschaft mehrheitsfähig. Die Nachfrage der Eltern ist ungebrochen hoch und in vielen Regionen gibt es den Bedarf für den Ausbau des Ganztagsangebots. Deswegen hat sich die SPD in den Koalitionsverhandlungen mit den Unionsparteien dafür stark gemacht, den Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung in der Grundschule ab 2025 fest zu verankern. Gleichzeitig bekennt sich der Bund zu seiner Verantwortung für diese nationale Kraftanstrengung, indem zwei Milliarden Euro für den Ausbau in dieser Wahlperiode in die Finanzplanung aufgenommen wurden. Trotz der allgemeinen Zustimmung in der Bevölkerung war es nicht leicht, diese Forderung durchzusetzen, denn zuerst musste mit einer Grundgesetzänderung die verfassungsrechtliche Grundlage dafür gelegt werden, dass Bund und Länder in Bildungsfragen miteinander kooperieren dürfen. 92 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Der Durchbruch, den Artikel 104c des Grundgesetzes auf Initiative der SPD mit den Stimmen der Unionsfraktionen sowie Grünen und FDP so zu ändern, dass der Bund flächendeckend in die Bildungsinfrastruktur der Länder und Kommunen investieren darf, ist in seiner Tragweite nicht zu unterschätzen. Er öffnet den Weg für den kooperativen Bildungsföderalismus, der von einer neuen Kultur der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen für eine gute, chancengleiche und qualitativ hochwertige Bildung im ganzen Land gekennzeichnet ist. Davon profitieren die Familien insbesondere auch jetzt in Zeiten der Virus-Pandemie, in der eine funktionierende Betreuung der Schulkinder wichtiger ist denn je. Vor diesem Hintergrund haben wir mit dem Konjunkturprogramm zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie mit dem Koalitionspartner vereinbart, 1,5 Milliarden Euro zusätzlich in den Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung zu investieren und ihn damit spürbar zu beschleunigen. Somit stehen in dieser Wahlperiode insgesamt 3,5 Milliarden Euro des Bundes für den Ganztagsschulausbau zur Verfügung. Gleichzeitig hat die Pandemie gezeigt, wie wichtig Digitalisierung und digitales Lernen in der Bildung sind. Schulen müssen in die Lage versetzt werden, Präsenzunterricht und E-Learning zu Hause miteinander zu verbinden. Deshalb haben wir im Rahmen des genannten Konjunkturprogrammes beschlossen, im Digitalpakt Schule den Katalog der förderfähigen Investitionen zu erweitern. Der Bund wird sich darüber hinaus in Zukunft pauschaliert bei der Ausbildung und Finanzierung der Administratoren beteiligen, wenn die Länder im Gegenzug die digitale Weiterbildung der Lehrkräfte verstärken. Darüber hinaus konnten wir mit dem Koalitionspartner vereinbaren, künftig jede Lehrkraft mit einem digitalen Endgerät auszustatten. Das garantiert den Schüler_innen und ihren Eltern, dass Schule auch in Corona-Zeiten ein verlässlicher Ort des Lernens bleibt und der Austausch untereinander gegeben ist. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ganztagsschulen. Mit dem Programm zur Schulsanierung und dem Digitalpakt verbessern Bund und Länder gemeinsam die Infrastruktur und die Ausstattung der Schulen. Das kommende Ganztagsprogramm mit dem Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung in der Grundschule wird als nächster Baustein einen substantiellen Beitrag dazu leisten, die Qualität von Bildung zu verbessern und die Chancengleichheit in unserem Bildungssystem zu erhöhen und darüber hinaus die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes zu befördern. 93 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Neben der Frage der Gliederung des Schulsystems insgesamt kommt vor allem der ganztägigen Bildung und Betreuung eine Schlüsselfunktion zu, um mehr Chancengleichheit in der Bildung zu verwirklichen. Die Ganztagsschule bietet die Chance, den Schulalltag und das Lernen über den Tag verteilt neu zu gestalten. In einem zeitlich entzerrten Schulalltag wechseln sich Phasen von Arbeit in einzelnen Gruppen ab mit Selbstlernphasen und ausreichend Pausen, um ein angenehmes Lernklima zu schaffen. Das gemeinsame Mittagessen stärkt den Zusammenhalt an der Schule. Insgesamt wächst der Raum, um mehr auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler_innen einzugehen. Dadurch verbessert sich die Qualität von Bildung an der Schule insgesamt. Seit Langem ist klar, dass längeres gemeinsames Lernen und die frühe Förderung von Kindern für mehr Chancengleichheit sorgen. Neben der Frage der Gliederung des Schulsystems insgesamt kommt vor allem der ganztägigen Bildung und Betreuung eine Schlüsselfunktion zu, um mehr Chancengleichheit in der Bildung zu verwirklichen. Mit dem System der frühen Hilfen, das bereits in der Kindertagesstätte einsetzt und auch die Eltern miteinbezieht, werden individuelle Nachteile frühzeitig und zielgerichtet ausgeglichen. Ganztägige Bildung und Betreuung in der Grundschule leisten einen wichtigen Beitrag, damit der positive Effekt der frühen Förderung sich dauerhaft verfestigt. Die individuelle Betreuung in einer Ganztagsschule durch mehr zeitliche Spielräume ermöglicht es, mehr Ressourcen für notwendige Förderung da einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht werden. Die Entzerrung des Schulalltags schafft die Freiräume, die nötig sind, um Probleme zu lösen und auf persönliche Bedürfnisse einzugehen. Der individuelle soziale Hintergrund wird in der sozialen Gemeinschaft der Ganztagsschule besser ausgeglichen, als in den bisherigen Halbtagsschulen. Ein Mehr an ganztägiger Bildung und Betreuung bedeutet immer auch ein Mehr an Chancengleichheit. Gute Ganztagsangebote tragen zudem auch hinsichtlich der Erwerbs- und Karriereperspektiven bei den Eltern zu mehr Chancengerechtigkeit unabhängig des jeweiligen Geschlechts bei. Viele Mütter verzichten auf eine höhere Arbeitszeit, weil die Frage der Betreuung der Kinder ungeklärt oder mit hohem Aufwand verbunden ist. Damit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf insgesamt besser gelingt, ist es primär in der Grundschule wichtig, das Angebot an ganztägiger Bildung und Betreuung auszubauen. 94 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Die Aufteilung des Betreuungsaufwands zwischen den Elternteilen sollte nicht dadurch erschwert werden, dass kein ausreichendes Angebot von Ganztagsgrundschulen vorhanden ist. Besonders Alleinerziehende profitieren von einem guten Ganztagsangebot, weil dadurch die Mehrfachbelastung in ihrem Alltag spürbar abgemildert wird. Damit die Erwartungen an ganztägige Bildung und Betreuung langfristig erfüllt werden können, orientiert sich die SPD am Leitbild des gebundenen Ganztags mit rhythmisiertem Unterricht. Nicht zuletzt ist der Ausbau der ganztägigen Bildung und Betreuung auch aus wirtschaftlicher Sicht eine sinnvolle Investition. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in einer aktuellen Studie berechnet, dass durch das geplante Ausbauprogramm in Höhe von zwei Milliarden Euro Teilzeitbeschäftigte Eltern je nach Szenario ihre Arbeitszeit um eine bis 2,6 Stunden aufstocken würden. Darüber hinaus rechnen die Forscher_innen damit, dass sich die Erwerbstätigenquote von Müttern um zwei bis sechs Prozent erhöhen würde. In Vollzeitstellen kann man bei diesen Szenarien von 40.000 bis zu 100.000 Stellen ausgehen. Damit steigt die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft als Ganzes. Durch die Mehreinnahmen, die der Staat durch die gestiegene Erwerbstätigkeit erzielt, refinanziert sich der Ausbau der ganztägigen Bildung und Betreuung. Je nach Szenario und Kostenschätzung kann man mit 30 bis 90 Prozent Refinanzierung rechnen. Damit die Erwartungen an ganztägige Bildung und Betreuung langfristig erfüllt werden können, orientiert sich die SPD am Leitbild des gebundenen Ganztags mit rhythmisiertem Unterricht. Uns ist klar, dass es regional unterschiedliche Erwartungen an die Ausgestaltung gibt. Der Elternwille ist bei der Umsetzung in jedem Fall zu berücksichtigen. Gute Ganztagsschule kann nur im Dialog mit allen Beteiligten gelingen. Die Schulgemeinschaft als Ganzes von Lehrer_innen über Schüler_innen bis zu den Eltern und den jeweiligen Schulträgern ist gefordert, die Ganztagsschule gemeinsam zu gestalten. Unsere Politik ist geleitet von der empirischen Evidenz der Bildungsforschung. Im Vergleich mit anderen Staaten und deren Bildungssystemen wissen wir bereits seit dem vertiefendem Vergleich der Schulsysteme ausgewählter PISA-Teilnehmerstaaten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aus dem Jahr 2007, dass diejenigen am besten abschneiden, die über eine gut ausgebaute Landschaft an Ganztagsschulen verfügen. Das betrifft im Übrigen die Leistungsdimension genauso wie die Dimension der Chancengleichheit. 95 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit In diesem Sinne will die SPD die politischen Verhandlungen zwischen Bund und Ländern über die Parteigrenzen hinweg zu einem Erfolg machen. Auch wenn die Interessenlagen je nach Perspektive unterschiedlich sind, ist für die SPD eins klar: Der Rechtsanspruch auf ganztägige Bildung und Betreuung in der Grundschule ab 2025 ist unser gemeinsames Ziel. Nun wünschen sich die einen höhere Investitionen des Bundes in die Infrastruktur, andere wollen eine Beteiligung des Bundes bei den laufenden Betriebskosten. Auf der anderen Seite muss deutlich werden, welchen Beitrag die Länder ihrerseits bereit sind, für das gemeinsame Gelingen des Programms zu leisten. Unterschiedliche regionale Voraussetzungen in den einzelnen Bundesländern machen die Verhandlungen zusätzlich kompliziert. Angesichts der zurückliegenden Bund-Länderverhandlungen bin ich jedoch optimistisch, dass uns ein guter Ausgleich der Interessen gelingt. Ein wichtiger Erfolg ist in diesem Zusammenhang, dass Bund und Länder sich auf ein gemeinsames Verständnis vom Umfang der Ganztagsschule geeinigt haben. Für die weiteren Verhandlungen ist klar, dass von einer ganztägigen Bildung und Betreuung von 8 Uhr bis 16 Uhr an fünf Tagen die Woche ausgegangen wird. Die Schließzeiten in den Sommerferien betragen maximal vier Wochen. Auf dieser guten Basis können die weiteren Verhandlungen zu einem erfolgreichen Abschluss geführt werden. In der laufenden Wahlperiode haben wir die günstige Gelegenheit, einen Meilenstein für gute Bildung in unserem Land zu setzen. In der Tradition des Ganztagsprogramms von Edelgard Bulmahn können wir ihren Impuls zu einem gelingenden Abschluss führen. Zum Wohle der Kinder und im Interesse der Eltern stehen wir alle in der Pflicht, ein gutes Ergebnis zu erzielen. 96 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Guter Ganztag: Mehr Chancengleichheit, mehr Teilhabe, mehr Vereinbarkeit Bettina Martin Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur, Mecklenburg-Vorpommern Der bildungspolitische Effekt von Ganztagsschulen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Inzwischen ist es schon über 15 Jahre her, seitdem die damalige SPDgeführte Bundesregierung mit ihrem 4-Milliarden-Ganztagsschulprogramm einen echten Paradigmenwechsel in der Schulpolitik eingeleitet hat. Bundesweit wurde in neue Ganztagsschulen investiert. Die bis dahin vor allem in Westdeutschland noch äußerst defensiv geführte Debatte über Ganztagsschule gewann eine völlig neue Dynamik. Seitdem hat sich viel getan in der Schullandschaft der Länder. Und doch übersteigt der Bedarf der Eltern an guter Ganztagsbildung für ihre Kinder vielerorts immer noch das Angebot bei Weitem. Werden sie gefragt, so antworten 70 Prozent der Eltern, dass sie sich ein gutes Ganztagsangebot wünschen. Das zeigt: Der Bedarf ist groß. Deshalb ist es gut und richtig, dass die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern nun die Einführung eines Rechtsanspruchs auf ein ganztägiges Bildungs- und Betreuungsangebot für Grundschulkinder ab 2025 plant. Ganztag bedeutet mehr Raum und Zeit für individuelles Lernen, für die Entwicklung von Selbst- und Sozialkompetenzen der Kinder. Ganztag lädt ein zum Mitmachen, zum Ausprobieren und Entdecken. Ganztag eröffnet die Möglichkeit, die Schule in die Gesellschaft zu öffnen und außerschulische Partner mit an Bord zu holen. Je mehr Schüler_innen ein solches Angebot zur Verfügung steht, desto mehr zahlt es auf das Konto von Bildungs- und Chancengleichheit ein. Denn Ganztagsangebote sind in der Regel anders als der Unterricht beim privaten Geigenlehrer oder in der Ballettschule kostenfrei und sie stehen allen Schüler_innen offen – egal welchen familiären Hintergrund sie haben, ob sie in einer urbanen oder strukturschwachen Region leben. Der bildungspolitische Effekt von Ganztagsschule ist also nicht hoch genug einzuschätzen. 98 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Schule mit dem zu verbinden, was in ihrem Umfeld passiert – also beispielsweise in Sportvereinen, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Jugendclub des Theaters oder in der benachbarten Forschungseinrichtung – bedeutet, Teilhabe zu organisieren. Das ist vor allem für diejenigen Kinder und Jugendlichen ein riesiger Gewinn, die in ihrer Freizeit keinen Zugang zu solchen Aktivitäten hätten. Der Rechtsanspruch ist aber nicht nur für die Chancengleichheit unserer Kinder ein Meilenstein, sondern auch für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und nicht zuletzt: für eine höhere Erwerbsquote von Frauen. Die Berufstätigkeit von Frauen darf nirgends daran scheitern, dass nicht genügend Betreuungsangebote vorhanden sind. Ganztag ist in Mecklenburg-Vorpommern bereits länger gute Tradition. Der Ganztag im Sekundarbereich I ist zu etwa 80 Prozent in einer gebundenen Form organisiert: als teilweise gebundene und(voll)gebundene Ganztagsschule; und auch an den ganztägig arbeitenden Grundschulen liegt die Quote der teilnehmenden Schüler_innen zwischen 90 und 100 Prozent. Wir in Ostdeutschland – und damit auch wir in MecklenburgVorpommern – sind im Vergleich zu vielen westdeutschen Bundesländern gut aufgestellt. Die Ganztagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter ist historisch gewachsen und hat eine lange Tradition. Die Rabenmutter-Debatte wurde bei uns nicht geführt, anders als in Ländern, wo es noch immer keine Seltenheit ist, dass Kinder mittags um 12 Uhr vor der Haustür stehen, weil die Schule aus ist und auch kein Hortplatz vorhanden ist. In Mecklenburg-Vorpommern legt die Landesregierung schon seit vielen Jahren einen Schwerpunkt auf Bildung und Betreuung. Ein großer Erfolg in dieser Legislaturperiode ist es, dass die Kita- und Hortbetreuung seit Beginn dieses Jahres für alle Eltern beitragsfrei ist. Die Horte sind insbesondere in Ostdeutschland eine wichtige Säule der Ganztagsbetreuung, auch in Mecklenburg-Vorpommern. Im Jahr 2019 wurden über 75 Prozent der 7- bis 10-Jährigen in den Horten betreut. Gerade in der besonderen Bedeutung der Horte zeigen sich die Systemunterschiede zwischen Westund Ostdeutschland. Diese Unterschiede müssen auch bei der Umsetzung des Anspruchs auf ganztägige Betreuungsangebote berücksichtigt werden. Gleichzeitig wollen wir in Zukunft die Arbeit zwischen Schule und Horten noch enger miteinander vernetzen und auch mehr Ganztag in der Schule realisieren. Denn unabhängig davon, wie verbreitet Ganztagsangebote in welchem Bundesland bereits sind, es muss klar sein, dass hinter dem Rechtsanspruch auch ein Qualitätsanspruch steht. Guter Ganztag be99 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit deutet Verfügbarkeit, Verlässlichkeit und Vereinbarkeit. Er bedeutet bessere Chancen für alle Kinder und eine zusätzliche Förderung jenseits des regulären Unterrichts. Wenn also die Debatte darüber, ob wir in Deutschland flächendeckend Ganztagsangebote machen wollen, entschieden ist, dann geht es jetzt darum, wie wir diese Ganztagsangebote ausgestalten und wofür wir sie nutzen wollen. Impulse von außen und neue Lernzeiten Um die Schulen weiter für ihr kommunales und soziales Umfeld zu öffnen und die Angebote bunter und vielfältiger zu machen, haben wir in Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2018 die„Kooperationsinitiative für ganztägiges Lernen“ gemeinsam mit einer Reihe sogenannter„außerschulischer Akteure“ geschlossen. 16 Dachorganisationen, Verbände und Einzelvereine insbesondere in den Bereichen Sport, Kinder- und Jugendhilfe, Kultur, Umwelt, Hilfsorganisationen und die Kirchen sind inzwischen Partner unserer Initiative. Mit ihr wollen wir das gesellschaftliche Leben in die Schulen tragen und die Schulen ermuntern, Netzwerke vor Ort zu knüpfen. Ressourcen, Kompetenzen, Strukturen, Erfahrungen und Wissen von außen miteinzubeziehen und mit einzubinden, schafft nicht nur ein größeres Angebot, sondern auch ein besseres. Damit ganztägiges Lernen für alle Beteiligten zum Gewinn wird, braucht es multiprofessionelle Teams, und die müssen ja nicht immer aus einrichtungseigenen Kräften bestehen. Dem Bedarf von Eltern und vor allem von Schüler_innen gerecht werden zu wollen, heißt auch, dass wir dafür sorgen müssen, dass Hausaufgaben zu Schul aufgaben werden – also immer gleich dort erledigt und betreut werden. Das wäre konsequent und würde allen helfen: Die Eltern wären entlastet und die Schüler_innen bekämen die Unterstützung, die sie brauchen, wenn sie sich an die Aufgaben machen. Es ist ungerecht, wenn Kinder auf die Hilfe der Eltern angewiesen sind, um ihre Hausaufgaben zu schaffen. Denn was sollen die Schüler_innen tun, deren Eltern nicht bei der Mathematik-Aufgabe oder dem Deutsch-Aufsatz helfen können? Ich halte Hausaufgaben für eine Quelle der Bildungsungerechtigkeit. Denn, machen wir uns nichts vor, in nicht allen Familien gibt es die nötige Unterstützung zuhause. 100 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Um das Potenzial ganztägigen Lernens zu nutzen, sollten Hausaufgaben zu einer Lernzeit werden, in der die Schüler_innen mit Aufgaben zusätzlich gefördert und motiviert werden. Ganztag bedeutet nicht, dass wir das schon Vorhandene lediglich zeitlich in die Länge ziehen. Die zusätzlichen Angebote sollten Schulen die Gelegenheit geben, neue und kreative Wege zu gehen. Kurzum: Es geht darum, die Lehr- und Lernkultur zu erweitern. Um größere Lernerfolge, eine bessere Integration und einen stärkeren sozialen Ausgleich zu erzielen, müssen wir zuallererst die Schüler_innen selbst erreichen. Und das funktioniert nicht mit einem schlichten„Weiter so!“ nach dem Gong. Nicht zuletzt das hat uns die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen(StEG) gezeigt, in der es u. a. heißt,„dass individuelle Förderung besonders dort gelingt, wo sich die Lehrkräfte häufig an den Lernständen der einzelnen Jugendlichen orientieren“. Wenn der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2025 Realität wird, dann wird sich die Teilnahmequote deutlich erhöhen. Das haben wir schon bei der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr gesehen: Das Angebot vergrößert die zusätzliche Nachfrage bei den Familien. Genau das wollen wir, weil hinter dieser Quote Kinder und Jugendliche stecken, die mit ihrer Teilnahme am ganztägigen Lernen bessere Aussichten auf eine selbstbestimmte Zukunft haben. Das vor Ort zu gewährleisten, bedeutet für alle Bundesländer und ihre Kommunen eine enorme Kraftanstrengung, die nicht allein dadurch leichter zu stemmen sein wird, dass wir den Rechtsanspruch begrüßen und mittragen. Selbst bei einer aktuell bereits gut organisierten Betreuungssituation wie in Mecklenburg-Vorpommern liegt viel Arbeit vor uns. Mit dem Rechtsanspruch wird auch der Bedarf an pädagogischen Fachkräften steigen. Schon jetzt ist es für die Länder schwierig, genügend Lehrkräfte und Erzieher_innen zu finden. Wird diese Herausforderung künftig noch größer, müssen auch die Anstrengungen, finanziellen Mittel und kreativen Lösungen wachsen. Auch hier bedarf es der gemeinsamen Anstrengungen von Bund und Ländern. 101 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Bundesmittel fair verteilen und bedarfsgerecht einsetzen Es ist ein wichtiger Schritt, dass mit der geplanten Einführung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbildung und-betreuung der Bund die Länder finanziell bei der Umsetzung unterstützt. Ohne das wäre die Umsetzung nicht denkbar. Hier gilt: Gute Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Dass sich der Bund neben den Investitionskosten auch bei den laufenden Betriebskosten engagiert, das steht im Koalitionsvertrag. Es soll sichergestellt werden,„dass insbesondere der laufenden Kostenbelastung der Kommunen Rechnung getragen wird“. Die Länder haben das im Zuge des Ganztagsfinanzierungsgesetzes deutlich eingefordert! Auch überall da, wo Ganztag längst weithin etabliert ist, besteht Handlungsbedarf. Gut, dass die Signale von Bundesseite hier nun auf Grün stehen. Auch dass es im Rahmen des Corona-Konjunkturprogramms des Bundes zusätzliche Mittel für den Ganztag gibt, ist absolut zu begrüßen. Bei all dem muss klar sein, dass die Mittel nicht nur für die Neuerrichtung, sondern auch für den Ausbau und die Sanierung bestehender Einrichtungen und Angebote eingesetzt werden können. Das ist besonders für die ostdeutschen Länder entscheidend, die bereits beinahe flächendeckend Ganztagsangebote machen. Denn auch überall da, wo Ganztag längst weithin etabliert ist, besteht Handlungsbedarf. In einem großen Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern läuft die Organisation ganztägigen Lernens keineswegs in allen Regionen mühelos und ohne Hindernisse. Allein der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte ist gut doppelt so groß wie das Saarland, hat aber die geringste Bevölkerungsdichte in Deutschland. Hier spitzen sich die Herausforderungen zu, die sich in nahezu allen ländlich geprägten Regionen stellen: weite Wege zwischen Schule und Wohnort, kein an die Ganztagsangebote angepasster Schülertransport, oft lange Fahrwege und die Anzahl möglicher Kooperationspartner ist bestenfalls überschaubar. Aber auch für die Schüler_innen in diesen Landesteilen müssen wir Ganztag zum Gelingen bringen, müssen gute Angebote und ein Mindestmaß an Vielfalt schaffen – schließlich geht es nicht lediglich um Aufbewahrung. Auch das sind also Anstrengungen, die mit dem Rechtsanspruch einhergehen. 102 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Spätestens bei der unterschiedlichen Qualität von Ganztagsangeboten in den verschiedenen Regionen und Städten in ganz Deutschland zeigt sich, dass ein hochwertiger Ganztag nicht nur die Chance birgt, Bildungs-, Familien- und Frauenpolitik zusammen zu denken. Er ist auch ein ernstzunehmender Standortfaktor, der mit darüber entscheiden kann und wird, wie attraktiv eine Gegend für Familien, Fachkräfte oder Unternehmen ist. Egal, aus welcher Richtung wir uns dem Thema also nähern: Besser, wir hängen uns die Latte nicht zu niedrig. 103 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit Was folgt daraus? Thesen zum Weiterdenken in 10 Punkten 1. 2. 3. Die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Ganztagsschulplatz in der Grundschule ab 2025 ist ein richtiger und wichtiger Schritt. Dabei müssen quantitativer Ausbau und die Qualität des Angebots Hand in Hand gehen. Ganztagsschulen können zur Chancengleichheit beitragen, wenn ihr Ausbau sich an Qualitätsstandards orientiert, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gesetzt und politisch vorgegeben sein sollten. Die unterschiedlichen Ausgangspositionen der Länder müssen sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Gestaltung des Ganztagsschulausbaus Berücksichtigung finden. 4. Ganztagsschulen stellen Anforderungen an Lehrkräfte und pädagogisch Mitarbeitende, die noch nicht ausreichend in Aus- und Fortbildungsinhalten berücksichtigt worden sind. Veränderte Aus- und Fortbildungskonzepte müssen gemeinsame Angebote für die unterschiedlichen Professionen enthalten. 5. Eine gute Ganztagsschule ist keine einfache Verlängerung der Halbtagsschule. Vielmehr müssen zusätzliche Angebote in das Schulkonzept ein- und an den Unterricht angebunden sein, um zu einem Mehr an Chancengleichheit beitragen zu können. 104 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit 6. Lehrkräfte sind in einer guten Ganztagsschule nicht nur für den Unterricht verantwortlich, sondern auch für die Verzahnung mit außerunterrichtlichen Angeboten und ihre Anbindung an die fachlichen Lernziele. 7. Gute Ganztagsschule geht nicht ohne die Eltern: Es braucht Angebote des Austausches zwischen Eltern und Schule und Möglichkeiten der Mitgestaltung, damit sich eine Bildungspartnerschaft entwickeln kann. 8. Gute Ganztagsschule geht nicht ohne die Beteiligung der Schüler_innen: Je mehr Zeit die Schüler_innen in der Schule verbringen, umso mehr wird sie zum Lebensort, in den sie sich einbringen und den sie mitgestalten können müssen. Eine demokratische Schulkultur gehört zur Ganztagsentwicklung. 9. Ganztagsschulen haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber Halbtagsschulen: Mehr Zeit und mehr(Frei-)Räume. Dieser Vorteil muss für den Aufbau einer neuen, einer veränderten Lehr- und Lernkultur genutzt werden, in der die Bedürfnisse der Schüler_innen und individuelle Förderung – und damit Chancengleichheit – im Vordergrund stehen. 10. Deutschland hat schon jetzt gute Ganztagsschulen. Von diesen guten Beispielen gilt es zu lernen: in Netzwerken, durch Hospitationen und Unterstützungsstrukturen, gezielt und planvoll, sodass jede Schule, die sich auf dem Weg zur Ganztagsschule macht, profitieren kann. 105 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit In der Schriftenreihe des Netzwerk Bildung sind bisher folgende Titel erschienen: # 48 # 47 # 46 # 45 # 44 # 43 # 42 # 41 # 40.2 Hrsg: Burkhard Jungkamp, Martin Pfafferott: Feuerwerk statt Brennpunkt – Was brauchen Schulen in benachteiligten sozialen Lagen? (2020) Hrsg: Burkhard Jungkamp, Martin Pfafferott: Sprung ins kalte Wasser – Stärkung von Seiten- und Quereinsteiger_innen an Schulen (2020) Hrsg: Burkhard Jungkamp, Marei John-Ohnesorg: Gute Schule – Wie sich Bildung in Zukunft ändern muss (2019) Sabine Achour, Susanne Wagner: Wer hat, dem wird gegeben: Politische Bildung an Schulen (2019) Hrsg: Burkhard Jungkamp, Marei John-Ohnesorg: Können ohne Wissen – Bildungsstandards und Kompetenzorientierung in der Praxis (2018) Klaus Klemm, Lars Hoffmann, Kai Maaz, Petra Stanat: Privatschulen in Deutschland – Trends und Leistungsvergleiche (2018) Hrsg: Burkhard Jungkamp, Marei John-Ohnesorg: Politische Bildung in der Schule (2017) Hrsg: Burkhard Jungkamp, Marei John-Ohnesorg: Integration durch Bildung (2017) Miriam Vock, Anna Gronostaj: Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht (2017) Im Netzwerk Bildung treffen sich bildungspolitische Akteur_innen der Landes- und Bundesebene sowie ausgewiesene Bildungsexpert_innen aus Wissenschaft, Bildungspraxis, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Anliegen des Netzwerks ist der offene und konstruktive Dialog mit dem Ziel, zu einem gemeinsamen Vorgehen in der Bildungspolitik beizutragen. Die Publikationen können Sie per e-mail nachbestellen bei: marion.stichler@fes.de. Weitere Informationen erhalten Sie unter http://www.fes.de/themen/bildungspolitik Besuchen Sie unseren Bildungsblog www.fes.de/bildungsblog Folgen Sie uns auch auf twitter: https://twitter.com/FESBildung 106 Ein ganzer Tag Ganztag ­— Auf der Suche nach Chancengleichheit ISBN: 978-3-96250-752-7 1. Auflage Copyright by Friedrich-Ebert-Stiftung Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin Abt. Studienförderung Redaktion: Valerie Lange, Dr. Martin Pfafferott, Marion Stichler Satz& Umschlaggestaltung: minus Design, Berlin Illustration Umschlag:© Johannes Beck Fotografien Innenteil:© Mark Bollhorst Druck: Brandt GmbH, Bonn Printed in Germany 2020 107 ISBN: 978-3-96250-528-8 ISBN: 978-3-96250-752-7 Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist im Qualitätsmanagement zertifiziert nach EFQM (European Foundation for Quality Management): Committed to Excellence