Marlene Haupt, Sandra Hofmann, Viola Lind Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück? Corona in Deutschland aus der Genderperspektive Ein Überblick über verfügbare Forschungsergebnisse I. Einleitung Neben gesundheitlichen Folgen haben sowohl die Corona-Pandemie selbst als auch die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung umfangreiche soziale Auswirkungen, bei denen Genderaspekte eine besondere Rolle spielen. So sind Frauen zumeist stärker von Einkommenseinbußen und Kinderbetreuungsaufgaben, aber auch von häuslicher Gewalt betroffen. Gleichzeitig arbeiten sie aufgrund der geschlechtssegregierten Arbeitswelt häufiger in den als systemrelevant eingestuften Berufen, die in der Regel schlechter bezahlt sind. Für Deutschland prophezeit daher die Soziologin Jutta Allmendinger für die genderspezifischen Auswirkungen der Corona-Pandemie, dass Frauen eine »entsetzliche Retraditionalisierung« erleben werden.»Ich glaube nicht, dass man das so einfach wieder aufholen kann und dass wir von daher bestimmt drei Jahrzehnte verlieren.”(Allmendinger 2020). lastung und Zufriedenheit) und der geschlechterdifferenzierte Einfluss auf Entscheidungen während der Krise in Form von Krisenstäben und Expert_innengremien an. Ergänzt werden diese Aspekte durch einen Blick in die skandinavischen Länder und deren sozialpolitischen Umgang mit den genderspezifischen Folgen der Corona-Pandemie. 01 Ziel dieses Beitrags ist es, den Umgang mit und die Lösungsansätze zur Bewältigung der Corona-Krise aus der Gleichstellungsperspektive zu beleuchten. Im Corona-Jahr 2020 wurden bereits frühzeitig verschiedene sozial-, arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitische Analysen zu den Auswirkungen der Pandemie, auch unter Gendergesichtspunkten, durchgeführt. Diese Ad-hoc Analyse soll einen Überblick über die aktuelle Forschungslandschaft(bis Dezember 2020) geben und dabei die Gleichstellungsaspekte unter die Lupe nehmen, die in dieser Krise besonders relevant sind. Folgende Dimensionen werden daher betrachtet: Der Arbeitsmarkt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die staatlichen Hilfs- und Unterstützungsangebote als wirtschaftlich sowie sozial wichtige Bereiche der Familienpolitik. Dem schließt sich die Analyse der Dimensionen subjektive Wahrnehmung der Krise(im Sinne psychischer Be- II. Effekte der Corona-Pandemie aus der Gleichstellungsperspektive Die Bewältigung der Corona-Pandemie muss„viel eher einem Marathon als einem Sprint gleichen“(Abele-Brehm et al. 2020:1), was konkret bedeutet, dass die Strategie und die abgeleiteten Maßnahmen so ausgestaltet werden sollten, dass sie sich auch über entsprechend lange Zeiträume durchhalten lassen(Abele-Brehm et al. 2020). Dies bedeutet, dass die Maßnahmen von einem Großteil der Bevölkerung akzeptiert werden sollten und im täglichen, sozialen Leben umsetzbar sein müssen, damit sie zum einen wirksam werden können und zum anderen auch über einen langen Zeitraum durchzuhalten sind. Bereits die ersten Monate der Pandemie haben gezeigt, dass hierbei familien- und genderspezifische Aspekte besonders wichtig sind. 02 Die wissenschaftliche Forschung liefert hierzu laufend weitere Erkenntnisse, weshalb im Folgenden nur eine erste Ad-hoc-Analyse zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Familien allgemein und die Gleichstellung im Speziellen in Deutschland vorgenommen werden kann. Ein Anspruch auf Vollständigkeit kann im Rahmen der vorliegenden Literaturanalyse nicht erhoben werden, da die Forschungslage rund um das Coronavirus sehr schnelllebig ist und in allen Bereichen mit Hochdruck geforscht wird. 1) Arbeitsmarkt Die Corona-Pandemie hinterlässt weltweit gravierende Spuren auf den Arbeitsmärkten. Während des ersten Lockdowns hat sich in Deutschland gezeigt, dass – anders als bei der Finanzkrise 2008/2009 – zunächst Frauen stärker von Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust betroffen waren als Männer. Begründet wurde dies mit der Betroffenheit von Wirtschaftssektoren wie dem Gastgewerbe oder dem Bereich Kunst, Unterhaltung und Erholung, in denen überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt sind. Hier wurde am häufigsten Kurzarbeit angemeldet. Hinzu kommt, dass Frauen häufig ein niedrigeres Kurzarbeitergeld erhalten als Männer, da sich dieses am Nettogehalt orientiert, das aufgrund des Ehegattensplittings 1 und der Lohnsteuerklasse V bei vielen verheirateten Frauen besonders niedrig ausfällt(Hammerschmid et al. 2020). Weiterhin zeigt sich, dass Frauen seltener eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes durch die Arbeitgeber erhalten(Kohlrausch/Zucco 2020). Erste Zahlen zu den Zugängen zur Arbeitslosigkeit zeigen ebenfalls, dass die bereits genannten Wirtschaftssektoren wie Gastgewerbe und Kunst, Unterhaltung bzw. Erholung mit einem vergleichsweise hohen Frauenanteil stärker betroffen sind. Da geringfügig Beschäftigte (Minijobber) nicht durch Kurzarbeit vor einem Arbeitsplatzverlust geschützt werden können, der Frauenanteil an den Minijobbern(als Haupttätigkeit) bei ca. zwei Dritteln liegt und die genannten Wirtschaftssektoren und Branchen, beispielsweise das Gastgewerbe und die Veranstaltungsorganisation, besonders 1 Das Ehegattensplitting setzt auch ohne die Ausnahmesituation der Corona-Pandemie einseitige finanzielle Anreize für eine arbeitsteilige Einverdienerehe mit der Folge der Benachteiligung von Frauen (Spangenberg 2005); die Auswirkungen auch auf andere Bereiche wie beispielsweise das Kurzarbeitergeld werden in Krisensituationen sichtbar. viele Personen geringfügig anstellen, sind hier Frauen stärker auch von Arbeitslosigkeit betroffen(Hammerschmid et al. 2020). Bei den Minijobs hat die Corona-Pandemie daher zu einem massiven Einbruch der Beschäftigung geführt(im Juni 2020 waren 12 Prozent weniger Minijobber als ein Jahr davor beschäftigt, die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist im selben Zeitraum nur um 0,2 Prozent gesunken). Dies wird maßgeblich auf den fehlenden Anspruch auf Kurzarbeitergeld zurückgeführt(Grabka et al. 2020). Im Verlauf des Jahres 2020 bzw. in der Phase nach dem ersten Lockdown hat sich das Bild der Betroffenheit am Arbeitsmarkt nach Geschlecht etwas ge03 dreht. Aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass Männer leicht höhere Beschäftigungsverluste aufweisen als Frauen – ca. 55 Prozent des gesamten Corona-Effekts auf die Arbeitslosigkeit gehen zu Lasten der Männer. Ergänzend dazu muss jedoch erwähnt werden, dass ca. 54 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Männer sind und daher die relative Betroffenheit von Männern und Frauen nahezu identisch ist(Bundesagentur für Arbeit 2020). Dies bedeutet, dass sich im Sinne einer ersten Bilanz der Pandemie aktuell kein klares Bild abzeichnet, ob Männer oder Frauen stärker von der Krise am Arbeitsmarkt betroffen sind bzw. betroffen sein werden. Abb. 1: Kurzarbeit nach Branchen und Geschlecht im März und April 2020 RECTANGL Von Anzeigen über Kurzarbeit betroffene Personen RECTANGL Frauen unter Beschäftigten 100 90 80 70 60 04 50 Gastgewerbe (3,2%) Kunst, Unterhaltung, Erholung (0,9%) Verarbeitendes Gewerbe (21,1%) Handel, Kfz-Instandhaltung/-Reparatur (13,5%) Sonstige wirtschaftliche Dienstl. (6,9%) Sonstige Dienstl. (2,5%) Freiberuftl., wiss., techn. Dienstl. (6,9%) Baugewerbe (5,6%) Information und Kommunikation (3,4%) 40 30 20 10 0 Anmerkungen: Die beiden Abbildungen zeigen die zehn im jeweiligen Zeitraum am stärksten von Kurzarbeit betroffenen Wirtschaftsbereiche. Die Prozentangaben in Klammern sind die Anteile an Beschäftigten im Wirtschaftsbereich an allen Beschäftigten im Jahr 2008 beziehungsweise im März 2019. Die horizontalen Linien markieren jeweils den Durchschnitt über alle Wirtschaftsbereiche. Der Frauenanteil unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bezieht sich auf das Vorjahr (2009: Durchschnitt über vier Quartalsstichtage in 2008. 2020: Stichtag 31.März 2019) Quellen: eigene Darstellung, in Anlehnung an Hammerschmid et al 2020 Bereits zu Beginn der Pandemie standen sogenannte systemrelevante Bereiche im öffentlichen Interesse. Die Beschäftigtensituation war hier maßgeblich von Frauen geprägt. Gerade im Bereich des Einzelhandels, aber auch in sozialen Einrichtungen wie Kindergärten oder Alten- und Pflegeheimen wird deutlich, dass hier vor allem Frauen beschäftigt sind und damit auch für die Aufrechterhaltung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens verantwortlich waren und sind. Allerdings zeigte sich dabei auch direkt, dass zwar eine gewisse gesellschaftliche Wertschätzung damit verbunden war, diese sich aber nicht in der Entlohnung widerspiegelt (Koebe et al. 2020). Auswertungen wie die des DGB-Index Gute Arbeit unterstreichen diese Befunde: So geben rund 58 Prozent der Beschäftigen in den Verkaufsberufen und 53 Prozent der Pflegeberufe an, Schwierigkeiten zu haben mit ihrem Einkommen ihr tägliches Leben zu bestreiten(DGB-Index 05 Gute Arbeit 2020). Die bisherigen Ergebnisse offenbaren, dass die bestehenden genderspezifischen Ungleichgewichte und Unzulänglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt im Zuge der Corona-Pandemie verstärkt in den Vordergrund rücken und sich zudem auch tatsächlich verstärken. Es bleibt also abzuwarten, wie sich die zweite Lockdown-Phase ab November 2020 auf die genderspezifischen Arbeitsverhältnisse auswirken wird. Bisher ist zu konstatieren, dass die Folgen für Frauen vermutlich nachhaltig schwieriger sein könnten, da sich mit dem Verlust des Arbeitsplatzes oftmals auch Machtverhältnisse sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch in der Familie verschieben und damit einen Wiedereinstieg in den Beruf oder die Ausweitung des Beschäftigungsumfangs erschweren könnten. Abb. 2: Geschlechterverteilung in systemrelevanten Wirtschaftszweigen| Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und ausschließlich geringfügig Beschäftigte RECTANGL Frauen RECTANGL Männer Alten- und Pflegeheime 79,9 20,1 Krankenhäuser Kindergärten und Vorschulen 75,8 91,9 24,2 06 8,1 Sozialversicherung Einzelhandel mit Nahrungsmittel 72,9 71,5 27,1 28,5 Quelle: eigene Darstellung, Daten Bundesagentur für Arbeit, Beschäftigte nach Wirtschaftszweigen März 2020 2) Vereinbarkeit von Familie und Beruf In Deutschland waren Einrichtungen der frühkindlichen und schulischen Bildung ab Mitte März über Monate hinweg geschlossen oder nur in sehr geringem Umfang geöffnet. Umfragen der Mannheimer Corona-Studie haben gezeigt, dass im Laufe des März und Aprils fast 93 Prozent der Eltern die Kinderbetreuung allein organisieren und mit dem Beruf vereinbaren mussten(Möhring et al. 2020). Der Notbetrieb war Eltern in systemrelevanten Berufen, später auch Alleinerziehenden, vorbehalten und die Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen im Regelbetrieb für alle Kinder und Jugendlichen wurde erst nach den Sommerferien umgesetzt. Verbunden war dies stets mit dem Hinweis, dass ein Anstieg der Infektionszahlen wieder zu entsprechenden Schließungen der Einrichtungen führen kann und bereits zahlreich führte. Insbesondere Familien mit kleineren Kindern waren und sind damit gefordert, Beruf und Familie über Wochen und Monate hinweg ohne institutionalisierte Kinderbetreuung und das Unterstützungsnetzwerk durch Freunde und Großeltern zu bewerkstelligen. Ein Vergleich der Kinderbetreuungsanteile vor und während der Corona-Pandemie macht deutlich, dass Männer zwar verstärkt bei der Kinderbetreuung unterstützen, diese aber immer noch zu über 60 Prozent fast vollständig bzw. überwiegend von den Frauen geleistet wird(Globisch/Osiander 2020). Festzuhalten ist also, dass Frauen den größeren Anteil der zusätzlich anfallenden Sorgearbeit übernehmen und dies bei ihnen auch häufiger zu Arbeitszeitreduktionen als bei Männern führt(Kohlrausch/Zucco 2020). Begründet wird dies auch mit einem bereits vor der Pandemie ungleich verteilten Erwerbseinkommen: Um die ökonomischen Folgen der Krise für die Familie zu minimieren, reduziert das Elternteil mit dem geringeren Lohn die Arbeitszeit, dies ist zumeist die Mutter(Müller et al. 2020). Bedingt durch die Kita- und Schulschließungen zeigt sich, dass es neben der sich verstärkenden Einkommensungleichheit zwischen den Geschlechtern auch zu einer wachsenden Kluft zwischen Haushalten mit hohem und geringem Einkommen kommt(Kohlrausch/Zucco 2020). Auch die Arbeit im Home-Office kann die Vereinbarkeitsprobleme nicht ausreichend bzw. nicht zufriedenstellend lösen, zumal wirklich produktives Arbeiten parallel zur Kinderbetreuung oftmals nicht möglich ist. Die Belastung durch die Kinderbetreuung hat mit über 60 Prozent vor allem bei erwerbstätigen 07 Frauen im Home-Office stark zugenommen(Fuchs-Schündeln/Stephan 2020). Pandemiebedingt könnte also das Ausmaß der schon zuvor ungleich verteilten Sorgearbeit noch zunehmen(Müller et al. 2020). Neben den dargestellten und möglicherweise nur kurzfristigen Auswirkungen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, werden für Frauen auch langfristig negative Konsequenzen erwartet. Sowohl was die Schwierigkeit betrifft, die in der Krise reduzierte Arbeitszeit später ohne weiteres wieder auszuweiten als auch die damit verbundene Gehaltsentwicklung und/oder Aufstiegsmöglichkeiten(Kohlrausch/Zucco 2020). Dies wird in weiterer Folge zu zusätzlichen Herausforderungen und Einschnitten hinsichtlich der Alterssicherung von Frauen führen. Abb. 3: Verteilung der Kinderbetreuung zwischen Männern und Frauen vor und während der Pandemie RECTANGL fast vollständig/überwiegend Partner/-in RECTANGL halb/halb RECTANGL fast vollständig/überwiegend ich weiblich; 8,4 während Corona 29,1 62,5 weiblich; vor Corona 5,4 29,4 66,2 08 männlich; während Corona männlich; vor Corona 52,5 61,2 37,2 33,9 10,3 4,9 Anmerkung: Vor Corona: N(Frauen)=417, N(Männer)=399; Während Corona: N(Frauen)=416; N(Männer)=397. Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an Globisch/Osiander 2020 Abb. 4: Veränderung der Belastung durch die Kinderbetreuung in der Corona-Pandemie für erwerbstätige Eltern RECTANGL Stark gestiegen RECTANGL Etwas gestiegen RECTANGL Weder noch RECTANGL Etwas gesunken Männer 54 29 16 1 09 Frauen 61 21 15 2 Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an Fuchs-Schündeln, Stephan 2020 3) Staatliche Hilfs- und Unterstützungsangebote Die Bundesregierung hat ab März 2020 zur Abfederung der sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zahlreiche Hilfs- und Unterstützungsangebote bereitgestellt oder ausgeweitet. Finanzielle Unterstützung bedeutet konkret beispielsweise der einmalige Kinderbonus von 300 Euro für jedes Kind, ein Notfall-Kinderzuschlag für Familien, die aufgrund der CoronaPandemie kurzfristig Verdienstausfälle hinnehmen müssen, ein Entlastungsbetrag in der Einkommensteuer für Alleinerziehende, ein Anspruch auf Lohnfortzahlung nach dem Infektionsschutzgesetz wegen Schul- und Kitaschließung (in Höhe einer Entschädigung von 67 Prozent des entstandenen Verdienstausfalls – maximal 2016 Euro – für längstens zehn Wochen pro erwerbstätigem Elternteil beziehungsweise 20 Wochen für Alleinerziehende), ein vereinfachter 10 Zugang zum Kurzarbeitergeld und zur Grundsicherung sowie Anpassungen beim Elterngeld(wenn die Corona-Pandemie ursächlich ist). Ob diese finanziellen Unterstützungsleistungen Auswirkungen auf die Geschlechtergerechtigkeit haben und wenn ja welche, ist bisher kaum untersucht worden bzw. insbesondere bei der Auswertung von Steuerdaten einer großen Zeitverzögerung unterworfen, die sich durch die lange Zeit zwischen der Beendigung eines Veranlagungszeitraums und der Erstellung der Steuerstatistik ergibt. Frey und Röhr(2020) haben dabei exemplarisch erste Analysen zur gleichstellungsorientierten Folgenabschätzung des Konjunkturpakets 2020 zur Überwindung der Corona-Krise vorgenommen und dringend ein Genderbudgeting bei der Planung und Durchführung der Maßnahmen gefordert, um negative Auswirkungen auf Geschlechtergerechtigkeit aufdecken und verhindern zu können. Hilfsangebote in familiären oder anderen Ausnahme- und Belastungssituationen werden insbesondere über Hilfstelefone bereitgestellt(z. B. Hilfetelefon»Gewalt gegen Frauen«,»Nummer gegen Kummer«, Pflegetelefon,»Schwangere in Not«) (BMFSFJ 2020). Erste Erfahrungsberichte zeigen, dass diese Hilfstelefone seit Ausbruch der Corona-Pandemie deutlich mehr Anfragen verzeichnen, es aber kaum verlässliche Statistiken gibt, ob z.B. die Gewalt tatsächlich zugenommen hat(Süddeutsche 2020). Nach ersten Ergebnissen von Steinert und Ebert(2020) sollen Frauen u. a. in Quarantäne, bei akuten finanziellen Sorgen und schlechter psychischer Gesundheit eines oder beider Partner_innen während der Krise verstärkt körperliche, sexuelle oder emotionale Gewalt erfahren haben. 11 Unterstützung bei familienbezogenen Dienstleistungen wie Kinderbetreuung wird hingegen nicht geleistet. Im Verlauf der Corona-Pandemie wurde zwar sukzessive der Zugang zur Notbetreuung ausgeweitet, wenn diese Zugänge aber nicht möglich waren, auch weil die Länderregelungen einem Flickenteppich gleichen, musste dies über Monate hinweg von den Familien(und damit zumeist von den Müttern) geleistet werden. Die Rückkehr zum(eingeschränkten) Regelbetrieb fand erst nach den Sommerferien statt. An dieser Stelle bleibt festzuhalten, dass es im Bereich der staatlichen Hilfs- und Unterstützungsangebote weiterer wissenschaftlicher Forschung hinsichtlich der Wirksamkeit der Maßnahmen – insbesondere aus der Genderperspektive – bedarf. 4) Subjektive Wahrnehmung der Krise – psychische Belastung und Zufriedenheit In Deutschland wurde die Gesamtsituation der Corona-Krise mit einschneidenden Veränderungen im Sozial- und Arbeitsleben von vielen Menschen als belastend wahrgenommen. Gerade Eltern mit jüngeren Kindern, Frauen häufiger als Männer, und insbesondere Alleinerziehende sind hier nach eigener Einschätzung äußerst belastet(Bujard et al. 2020). Ursächlich dafür waren insbesondere die Probleme bei der Vereinbarung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung bzw. Home-Schooling-Aufgaben(Kohlrausch/ Zucco 2020). Die flächendeckenden Schließungen von Kitas und Schulen waren für viele Familien einschneidend und haben»etablierte familiäre Routinen vollkommen unerwartet außer Kraft gesetzt«(Huebener et al. 2020: 528). Im Vergleich zum Vorkrisenniveau waren die Zufriedenheitsverluste bei Eltern von Kindern im Kita- und Grundschulalter am stärksten. Da Mütter einen Großteil der zusätzlichen Sorgearbeit leisten, die aufgrund des Wegfalls von Betreuungs- und Bildungsangeboten anfällt, weisen diese im Vergleich zu Vätern eine statistisch signifikant geringere Lebenszufriedenheit auf. Da vor der Corona-Krise vor allem höher Gebildete einen Betreuungsplatz für unter 3-jährige Kinder bekommen hatten, waren diese nun auch stärker von den Schließungen betroffen. Diese Eltern sind nun ebenfalls von starken Zufriedenheitsverlusten betroffen und bestehende Unterschiede nach dem Alter der Kinder und dem Bildungsniveau haben sich verringert(Huebener et al. 2020). Bei einem kleineren Teil der Eltern lässt sich eine Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit erkennen. Besonders Mütter von Kindern unter 16 Jahren waren öfter niedergeschlagen oder deprimiert, wobei hier zu den Sorgen um die Gesundheit oder die finanzielle Absicherung noch gestiegene Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit hinzukamen(Bujard et al. 2020). Die finanziellen Belastungen und Sorgen nehmen im Verlauf der Pandemie – verglichen mit der Zeit davor – vor allem bei Frauen und Eltern stärker im Vergleich zu Männern und Kinderlosen zu(Bünning et al. 2020). Dies lässt sich auch mit den oben diskutierten Punkten hinsichtlich der Arbeitsplatzsituation und den Betreuungsaufgaben sowie den damit verbundenen negativen Folgen für Frauen erklären. Im Rahmen der Krise verstärkt sich bei Frauen zudem der»mental load«, also die zusätzlichen Aufgaben innerhalb einer Familie in Form von Organisation, Planung und sonstigen weitestgehend nicht sichtbaren Aufgaben wie alltäglicher Verantwortung für Haushalt und Familie, die Beziehungspflege sowie das Auffangen persönlicher Bedürfnisse und Befindlichkeiten(Czymara et al. 2020). Im Zuge der Corona-Pandemie erleben Frauen somit eine zunehmende Dreifachbelastung von Erwerbs-, 12 Sorge- und Koordinationsarbeit, die in Zuständen der völligen Überforderung und Erschöpfung münden können. Abb. 5: Hohe Gesamtbelastung von Eltern und Personen ohne Kinder nach Geschlecht(in%) im April 2020 RECTANGL Männer RECTANGL Frauen 35,7 43,8 45,2 48,5 60 13 keine Kinder bis 14 Jahren Quelle: eigene Darstellung, in Anlehnung an Hövermann 2020 mit Kindern in Partnerschaft alleinerziehend 5) Krisenstäbe und Expert_innengremien Im Februar hat die Bundesregierung einen Krisenstab zum Coronavirus eingerichtet, um ressortspezifische Fähigkeiten zu bündeln. Dieser trifft sich zweimal pro Woche und setzt sich aus Vertreter_innen folgender Ministerien zusammen: Innenministerium, Gesundheitsministerium, Auswärtiges Amt, Verteidigungsministerium, Wirtschaftsministerium, Verkehrsministerium und das Bundeskanzleramt. Bis auf das Verteidigungsministerium werden all diese Ressorts von Ministern geführt, aber auch auf der Ebene der Staatssekretär_innen und Abteilungsleiter_innen ist der Frauenanteil gering. Das Familien- und Frauenministerium ist im Krisenstab nicht fest vertreten. In Deutschland hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina von Mitte März bis Ende September 2020 sechs Ad-hoc-Stellungnahmen zur Corona-Pandemie veröffentlicht, die von unterschiedlich zusammengesetzten interdisziplinären Arbeitsgruppen erstellt worden sind. Diese Arbeitsgruppen umfassten jeweils 16 bis 31 Personen, wobei der Frauenanteil zwischen weniger als 8 und 48 Prozent schwankte. In den ersten drei Arbeitsgruppen lag der Anteil von Expertinnen bei 8 bis 19 Prozent. Die Empfehlungen wurden auch aufgrund des geringen Anteils an Expertinnen kontrovers diskutiert und kommentiert. Auf Twitter wurde beispielsweise rege diskutiert, dass an der Ad-hoc-Stellungnahme vom 13.04.2020, die eine weitestgehende Fortführung der Schließung von Kitas und Schulen bis zu den Sommerferien empfiehlt, mehr Mitglieder mitgearbeitet haben, die Thomas oder Jürgen heißen, als Frauen. Von 43 Wissenschaftlerinnen erfolgte zur Ad-hoc-Stellungnahme ein Kommentar. Bei Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Betreuungsverpflichtungen für junge Kinder zeigt sich die Betroffenheit durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie besonders. So ist bereits jetzt ein substanzieller Rückgang des Anteils von Aufsätzen mit weiblicher(Erst-)Autorenschaft bei den Einreichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften oder dem Start neuer Forschungsprojekte, Frühindikatoren für die Ausweitung des Gender Publication Gaps zu beobachten(Andersen et al. 2020, Nature 2020). Hinzu kommt, dass auch medial Ministerpräsidenten, Virologen, Chefärzte und Ökonomen dominieren, kritisiert der deutsche Frauenrat die dramatische Unterrepräsentanz von Frauen in Entscheidungsgremien(Frauenrat 2020). 2 Dies belegen auch Studien der MaLisa-Stiftung zur Sichtbarkeit von Frauen und genereller Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung. So wird in der medialen Berichterstattung – sowohl Fernsehen als auch Online- und Printmedien – auf männliche Dominanz gesetzt. Nur rund 22 Prozent der gehörten Expert_innen 14 waren weiblich, in Onlinemedien nur rund 7 Prozent. Augenscheinlich wird es auch, wenn es um die Meinung von Ärzt_innen geht: nur eine von fünf ist weiblich und das obwohl ca. die Hälfte der Ärzt_innen in Deutschland Frauen sind(MaLisa Stiftung 2020). Das so gezeichnete Bild zeigt, dass es immer noch Nachholbedarf hinsichtlich weiblicher Rollenvorbilder gerade in den Medien gibt. 2 Wenn Frauen als Expertinnen Gehör finden, werden sie zuweilen als»Quotenfrau« und der Podcast als»Volkshochschule« bezeichnet, der Kollege hingegen als»Popstar und Träger des Bundesverdienstkreuzes«(Spiegel 2020). III. Skandinavien im Blick Nach einer ersten Ad-hoc-Analyse zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie aus der Genderperspektive anhand von fünf Dimensionen für Deutschland, wird im Folgenden ein kurzer Blick nach Skandinavien geworfen. Die dort gewählten genderspezifischen sozial- und wirtschaftspolitischen Ansätze zur Pandemie-Bekämpfung werden im Folgenden kurz skizziert. 3 Ziel soll es sein, durch den Blick über den Tellerrand, einerseits zu einem besseren Verständnis über die Krise und deren Bewältigung im Kontext Familie und Gleichstellung in Deutschland beizutragen und andererseits die Vorstellungen darüber zu erweitern, was alternative Herangehensweisen sein können. Dabei geht es nicht darum, eine»skandinavische Strategie« zu kopieren, son15 dern vielmehr um Denkanstöße, welche ausländischen Impulse oder Lösungen im weiteren Verlauf der Pandemie oder bei zukünftigen Krisen aufgenommen werden könnten. 3 An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass der Fokus auf sozial-, arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischen Aspekten liegt und das epidemiologische Geschehen hier nicht berücksichtigt wird. Arbeitsmarkt& Vereinbarkeit von Familie und Beruf Die gleichmäßige Verantwortung der Eltern sowohl für die wirtschaftliche Versorgung als auch für die Kinderbetreuung macht mögliche Kita- und Schulschließungen zu einem gesamtgesellschaftlich höchst relevanten Thema in Skandinavien. Eltern, die im Sozial- und Gesundheitswesen gebraucht werden, würden gezwungen werden, zuhause zu bleiben, um die bis dato institutionalisierte Kinderbetreuung zu übernehmen. 4 Auch und vor allem deswegen wurden in Dänemark, Finnland, Island und Norwegen nach wenigen Wochen der Schließung zuvorderst die Einrichtungen der frühkindlichen und schulischen Bildung wieder für alle Kinder geöffnet. Bei der Öffnung für alle Kinder wird auch der hohe Stellenwert des Leitbildes der Gleichheit(und das Ziel der Auflösung bzw. Verringerung bestehender Statusunterschiede durch den Wohlfahrtsstaat) deutlich. (beispielsweise durch mögliche Schulschließungen) sieht z. B. der schwedische Staat 6 eine Kompensation von 80-90% des Verdienstausfalls vor(Socialdepartementet 2020). Diese Maßnahme illustriert den beständigen Fokus der skandinavischen Länder, dem Druck der Doppelbelastung der Eltern(Mütter und Väter) durch Erwerbs- und Sorgearbeit sowie diesbezüglich möglichen finanziellen Engpässen entgegenzuwirken.»Geschlechtergleichstellung ist wesentlich für eine nachhaltige Erholung von der durch das Coronavirus verursachten Wirtschaftskrise« wie Norwegens Ministerpräsidentin es formuliert(Solberg 2020). 16 Trotz der weltweit geringsten Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern 5 gibt es auch in Skandinavien einen stark geschlechtersegregierten Arbeitsmarkt, denn Frauen sind in Pflege- und Bildungsberufen deutlich überrepräsentiert. Hinzu kommt, dass trotz des hohen Anteils vollzeiterwerbstätiger Frauen und Mütter, diese auch in Skandinavien mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen. Die ungleiche Verteilung wird jedoch weitestgehend durch den Wohlfahrtsstaat mit Geld- oder Serviceleistungen kompensiert, auch in Zeiten der Krise: Bei möglichen Gehaltsausfällen aufgrund von Kinderbetreuung 4 Die Situation ist auch in Deutschland ähnlich. Allerdings ist es in Deutschland auch durch die Unterrepräsentanz von Frauen in entscheidenden Krisengremien nicht in dieser Form öffentlich diskutiert und in politischen Entscheidungsprozessen berücksichtigt worden. 5 Wie das Ergebnis des Global Gender Gap Reports 2020 bestätigt, belegen Island, Norwegen, Finnland und Schweden die ersten Plätze und teilen diese schon seit Beginn der jährlichen Erstellung 2006 vorrangig unter sich auf. 6 Wir sind uns bewusst, dass der schwedische Sonderweg bei der Bewältigung der Corona-Pandemie in der Medizin und der Epidemiologie nicht unumstritten ist, wie beispielhaft die Diskussion von Giesecke(2020) und Ramachandran(2020) zeigt, dies kann hier aus Platzgründen aber nicht weiter ausgeführt werden. Staatliche Hilfs- und Unterstützungsleistungen& institutionelle Verankerung von Gleichstellungspolitik Die Gleichstellungsminister_innen aus Norwegen und Finnland betonen im Juli 2020 die Bedeutung einer geschlechterdifferenzierten Aufbereitung aller Daten während der Corona-Krise, um die verschiedenen ökonomischen und sozialen Konsequenzen für Frauen und Männer gleichwertig zu berücksichtigen (Norden 2020). So haben sämtliche skandinavische Regierungen ihre Gleichstellungsbehörden damit beauftragt das Gender Monitoring 7 um die Effekte der Corona-Pandemie auf die Geschlechtergleichstellung zu erweitern und sie dafür mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet. In Dänemark, Finnland und Schweden besteht ein wichtiger Auftrag darin nationale Aktionspläne gegen häusliche Gewalt zu entwickeln, zu koordinieren und umzusetzen(NIKK 2020, Regeringsbeslut 2020). In Island hat man aus den Folgen der erhöhten Gewalt gegen Frauen nach der Finanzkrise 2008 gelernt und sich bewusst gegen einen Lockdown und für erhöhte Testkapazitäten entschieden, um es Frauen weiterhin zu ermöglichen, das Haus zu verlassen, um Hilfe zu suchen(Norden 2020). Bereits seit 2006 arbeiten die nordischen Regierungen(Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden) gemeinsam an der Integration und Umsetzung des Gender Budgeting 8 Prozesses(Norden 2006) und führen dies auch zu Krisenzeiten weiter, wie folgender Auszug aus dem schwedischen Nachtragshaushalt aufgrund der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 veranschaulicht: 7»A gender-sensitive monitoring is a systematic and objective assessment of the design and planning (objectives, results pursued, activities planned), the implementation and results of an ongoing activity, project, programme or policy from a gender perspective. It takes into account the information and data collected and collated in the course of different planning and implementation phases of the policy or programme, as well as other knowledge and sources«(European Institute for Gender Equality 2020). 8»Gender budgeting means a gender-based assessment of budgets, incorporating a gender perspective at all levels of the budgetary process and restructuring revenues and expenditures in order to promote gender equality«(Council of Europe 2005: 10). »Unser universales und mit Steuern finanziertes Wohlfahrtssystem unterstützt hohe Erwerbstätigkeit, trägt zur sozialen Gleichberechtigung und Geschlechtergleichstellung bei und bereitet somit den Weg für verbesserte Lebensqualität für alle«(Finansdepartementet 2020). Seit den 1970er Jahren ist die Gleichstellung der Geschlechter ein zentrales politisches Thema und seit Anfang der 1990er Jahre Querschnittsaufgabe der Politik der nordischen Wohlfahrtsstaaten und fester Bestandteil der internordischen Zusammenarbeit im nordischen Ministerrat(FES 2016). Frauen haben Einfluss und Macht in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Diese Umstände beeinflussen sowohl die Besetzung der Krisenstäbe als auch das damit einher17 gehende Agenda Setting im Sinne eines Setzens der Themenschwerpunkte zur Krisenbewältigung.»Tiefe gesellschaftliche Krisen können Rückschläge für die Gleichstellung der Geschlechter bedeuten, aber wir werden dies nicht zulassen. Wir werden aus der Krise heraus zusammenarbeiten und die Gleichstellung der Geschlechter einen Eckpfeiler des nordischen Modells bleiben lassen«(Arbetsmarknadsdepartementet 2020). IV. Fazit Die aktuelle Corona-Krise stellt unsere gesamte Gesellschaft vor große Herausforderungen und zeigt sich zugleich als Brennglas für viele gleichstellungspolitische Missstände. In der vorliegenden Ad-hoc-Analyse wurden fünf verschiedene Dimensionen aus einer Genderperspektive beleuchtet und ein Blick nach Skandinavien und der dort vorgenommenen sozial- und wirtschaftspolitischen Gleichstellungsmaßnahmen geworfen. Dieser Ausblick soll die generelle Bedeutung von Gleichstellungspolitik betonen. Es konnte gezeigt werden, dass die Auswirkungen nicht immer eindeutig sind und sich zum Teil auch im Verlauf der Pandemie verändert haben. Dennoch lassen sich bestimmte Tendenzen ableiten, die zukünftig in einer gendergerechten Wirtschaftsund Sozialpolitik adressiert und angegangen werden müssen. Es sind nach wie vor Ungleichgewichte auf dem Arbeitsmarkt zu beobachten – zwar sind nach aktuellen Erkenntnissen Frauen und Männer nahezu gleichermaßen von Arbeitsplatzverlusten betroffen, die Folgen für Frauen sind aber vielschichtiger. Bereits bisher haben Frauen mehr familienbedingte berufliche Auszeiten aufgrund von zusätzlicher Sorgearbeit nehmen müssen. Dies hat negative Folgen für die Karrierechancen von Frauen sowie für die Alterssicherung. Zeitgleich könnte ein verstärktes(finanzielles) Abhängigkeitsverhältnis in Familien entstehen, wenn das männliche Alleinverdienermodell durch die Krisensituation wieder an Bedeutung gewinnt. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat in der Krise – aufgrund der geleisteten innerfamiliären Sorgearbeit – zwar(sehr bedingt) funktioniert, sie ging aber zulasten der Frauen. Obwohl auch Männer mehr Verantwortung bei der Kinderbetreuung übernehmen können und müssen, hat sich die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit weiter verstärkt. Gleichzeitig hat uns die Corona-Pandemie brennglasartig verdeutlicht, welch hohe Bedeutung institutionalisierte Kinderbetreuung hat. Eine flächendeckende, qualitativ hochwertige und verlässlich funktionierende Kinderbetreuung ist eine wichtige Voraussetzung für Vereinbarkeit und damit für die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt. Die Bewältigungsstrategien und Maßnahmen während der Krise haben außerdem gezeigt, dass es mehr Rollenvorbilder für eine gendergerechte Arbeitsmarkt- aber auch Familienpolitik braucht. Bei den zukünftig zu ergreifenden politischen Maßnahmen ist es essentiell, dass die Familien- und Geschlechterpolitik eine gleichwertige und institutionell fest verankerte Rolle spielt. Der Blick nach Skandinavien zeigt, dass es letztlich einer gesellschaftlichen Akzeptanz und strukturellen politischen Verankerung von Gleichstellungsmaßnahmen, ergänzt durch Gender Mainstreaming, Gender Budgeting 18 und Gender Monitoring bedarf, um eine zukunftsgerichtete, krisenfeste Wirtschaftsund Sozialpolitik betreiben zu können. Auch für die weiterreichende Forderung nach der Gründung eines Bundesinstituts für Gleichstellung und die geschlechtergerechte Besetzung entscheidungsgebender wissenschaftlicher und politischer Gremien(Frauenrat 2020) lohnt ein Blick in die nordischen Länder. Dort ist all dies bereits alltäglicher Bestandteil der Regierungsarbeit, wodurch Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern nicht nur in Bezug auf die Auswirkungen der CoronaPandemie konsequent mitgedacht werden. Mit dem hier vorliegenden Übersichtspapier sind verschiedene gesellschaftspolitische Aspekte der Corona-Krise aus einer Gleichstellungsperspektive beleuchtet worden. Auch wenn die sich abzeichnenden Tendenzen weiter erforscht und weitere Daten erhoben werden müssen, zeigt sich schon jetzt deutlich: Deutschland hat Nachholbedarf in Sachen Gleichstellung und das wird in der derzeitigen Krise besonders sichtbar. Abb. 6: Kernergebnisse Arbeitsmarkt Vereinbarkeit von Familie und Beruf Staatliche Hilfs- und Unterstützungsangebote CHEVRONKeine klaren Tendenzen bzgl. Auswirkungen der Corona-Pandemie für Frauen und Männer – zu Beginn der Krise waren Frauen stärker betroffen als Männer, aktuell sind beide nahezu gleich betroffen CHEVRONProblem: atypische und geringfügige Beschäftigung bei Frauen ausgeprägter als bei Männern – Arbeitsplatzverlust erschwert den Wiedereinstieg CHEVRONVereinbarkeitsprobleme von Familie und Beruf führen bei Frauen häufiger zur Arbeitszeitreduktion CHEVRONArbeitsplatzverlust oder-zeitreduzierung bei Frauen führt zur Verschiebung von Machtverhältnissen – sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch im Familienkontext CHEVRONDoppelbelastungen von Familien, Frauen und Alleinerziehenden CHEVRONEinkommenssituation in Familien führt oft dazu, dass Frauen auch in der Krise verstärkt Arbeitszeit reduzieren(müssen) CHEVRONTrotz stärkerer Beteilung der Männer bei der Kinderbetreuung zeigen sich Tendenzen einer Retraditionalisierung bzw. Verfestigung von Rollenbildern, da Frauen immer noch die meiste Sorgearbeit leisten CHEVRONZahlreiche finanzielle Hilfs- und Unterstützungsangebote für Familien und Alleinerziehende CHEVRONAngebote für Frauen und Familien hinsichtlich körperlicher und seelischer Gewalt Bestandteil der Hilfsangebote CHEVRONProblem: keine Unterstützung bei familienbezogenen Dienstleistungen wie Kinderbetreuung – 19 Notfallbetreuung erst spät für verschiedene Gruppen möglich Subjektive Wahrnehmung der Krise(psychische Belastung/ Zufriedenheit) CHEVRONBelastung bei Eltern, Alleinerziehenden und Frauen deutlich höher als bei Männern und Kinderlosen CHEVRONVereinbarkeitsprobleme, Arbeitsplatzsorgen, finanzielle Sorgen bei Frauen größer – langfristige Folgen für Frauen vermutlich auch größer(Aufstiegschancen, Rentenansprüche) CHEVRON»Mental Load« führt bei Frauen stärker zu Überforderungs- und Erschöpfungszuständen Krisenstäbe und Expert_innengremien CHEVRONKeine feste Vertretung des Familien- und Frauenministeriums im Krisenstab der Bundesregierung – Vereinbarkeit, Sorgearbeit daher nur nachgelagert mitgedacht CHEVRONFrauenanteil in Expertengremien unterdurchschnittlich – bei der Entscheidung von Schul- und Kitaschließungen haben mehr Thomas und Jürgen mitgearbeitet als Frauen CHEVRONRollenbilder tradieren sich in der aktuellen Krise Ausblick Skandinavien CHEVRONGleichstellung zentrales Thema in der skandinavischen Politik seit den 1970er CHEVRONGendermonitoring und geschlechterdifferenzierte Aufbereitung der Daten machen Frauen auch während der Krise direkt sichtbar CHEVRONSorgearbeit ist gesellschaftlich akzeptiert und ist genderunabhängig 20 Anhang: Minijober_innen und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Jahr 2018 nach diversen Merkmalen. Anteile in Prozent(soweit nicht anders angegeben). Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte Minijobs Insgesamt Minijob in Haupttätigkeit Region Westdeutschland Ostdeutschland Geschlecht männlich weiblich Alter unter 25 Jahren 25 bis 29 Jahre 30 bis 54 jahre 55 bis 64 Jahre 65 Jahre und älter erforderliche Qualifikation(Haupttätigkeit) keine Berufsausbildung Hochschulabschluss Haushaltsnettoeinkommen(pro Monat) Niedrig(bis 1300 Euro) Mittel(1300 bis 2000 Euro) Höher(2800 Euro) Branche(Haupttätigkeit) Herstellendes Gewerbe Groß-/Einzelhandel, Gastgewerbe und Transport Unternehmensbezogene Dienstleistungen Öffentliche Verwaltung Bildung, Gesundheit, Sozialarbeit Gemeinde und Haushaltsnahe Dienstleistungen Sonstige Bruttoeinkommen in Haupttätigkeit in Euro Beschäftigte in Millionen 80 85 85 20 15 15 54 40 35 46 60 65 6 19 23 10 9 9 63 40 32 20 18 17 1 14 19 20 54 73 54 37 25 27 9 3 6 20 26 31 33 34 25 21 19 38 27 21 20 24 29 10 13 15 9 3 0 23 29 30 4 9 12 9 8 7 3142 1017 332 32,6 6,4 3,6 Anmerkung: Angaben zur erforderlichen Qualifikation und der Aufteilung der Beschäftigten auf die Branchen sind für Minijobber_innen in einem Ehrenamt nicht verfügbar. Quellen: Sozio-oekonomisches Panel(SOEP v.35); eigene Berechnungen Minijob in Nebentätigkeit 87 13 43 57 14 7 53 18 8 30 57 14 13 33 23 31 22 10 7 25 8 8 1733 1,9 Ehrenamtliche Tätigkeit als Minijob 81 19 53 47 16 10 49 19 6 9 27 24 41 2355 0,8 Literaturverzeichnis Abele-Brehm, A./Dreier, H./Fuest, C./Grimm, V./Kräusslich, H.-G./Krause, G./Leonhard, M./Lohse, A. W./Lohse, M. J./Mansky, T./Peichl, A./Schmid, R. M./Wess, G./Woopen, C.(2020): Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten, München. Allmendinger, J.(2020): Frauen werden entsetzliche Retraditionalisierung erfahren, Interview bei Anne Will, 03.05.2020. Andersen, J./Nielsen, M. W./Simone, N. L./Lewiss, R. E./ Jagsi, R.(2020): COVID-19 medical papers have fewer women first authors than expected. eLife vol. 9 e58807. 15 Jun. 2020, doi:10.7554/eLife.58807. 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