Christoph Herkströter Karl Marx im Museum der Gegenwart Das Karl-Marx-Haus in Trier und seine Dauerausstellungen im historischen Wandel 1968-2018 VERÖFFENTLICHUNGEN DER BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Christoph Herkströter Karl Marx im Museum der Gegenwart Das Karl-Marx-Haus in Trier und seine Dauera­ usstellungen im historischen Wandel 1968–2018 Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Band 28 Bonn 2020 Christoph Herkströter Karl Marx im Museum der Gegenwart. Das Karl-Marx-Haus in Trier und seine Dauerausstellungen im historischen Wandel 1968–2018 Bonn, Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2020 Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Band 28 Impressum: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung Godesberger Allee 149 53175 Bonn Kostenloser Bezug: bibliothek@fes.de https://www.fes.de/bibliothek/fes-publikationen Eine gewerbliche Nutzung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung der Herausgeberin nicht gestattet. © 2020 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn Gestaltung und Satz: PAPYRUS – Lektorat+ Textdesign, Anja Rosenthal, Buxtehude Umschlag: Maya Hässig, Köln Bildnachweis Umschlag: Vorderseite: Fassade des Museums Karl-Marx-Haus, Friedrich-Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie Rückseite: Graffito im Auftaktraum des Karl-Marx-Hauses, Linda Blatzek / Friedrich-Ebert-Stiftung Druck: Druckerei Brandt GmbH, Bonn Erste Auflage Printed in Germany 2020 ISBN 978-3-96250-736-7 ISSN 1432-7449 Diese Studie wurde im September 2019 unter dem gleichnamigen Titel zur Erlangung des akademischen Grades Master of Arts im Studiengang Geschichtswissenschaft mit dem Profil Geschichtsvermittlung / Public History an der Universität Bielefeld eingereicht. Die vorliegende Veröffentlichung ist eine überarbeitete Version dieser Arbeit, die durch ein Vorwort des Karl-Marx-Hauses, vertreten durch die Leiterin Elisabeth Neu, sowie ein Vorwort des Erstbetreuers Prof. Dr. Thomas Welskopp ergänzt wurde. Christoph Herkströter, geboren 1993, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Arbeitsbereich Zeitgeschichte der Universität Bielefeld und forscht zur musealen Vermittlung der deutschen Zeitgeschichte in Ost- und Westdeutschland während und nach der deutschen Teilung. Zuvor studierte er an der Universität Bielefeld Geschichtswissenschaft, Germanistik und Bildungswissenschaften und war mehrere Jahre als wissenschaftliche Hilfskraft des Arbeitsbereichs Geschichte als Beruf / Geschichtskulturen sowie als Tutor in diversen Lehrformaten der Bielefelder Geschichtsfakultät tätig. Des Weiteren wirkte Christoph Herkströter während seines Studiums selbst an Ausstellungen mit und arbeitete ehrenamtlich im Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 3 Inhalt Vorwort von Elisabeth � � � � � �������������������������������������������������������������� 5 Vorwort von Thomas �������������������������������������������������������������� 6 � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � ��������������������������������������������������������������� 9 2. Methodische Vorgehensweise und theoretische 13 2.1 Überlieferung und analytisches 13 2.2 Die Institution Museum und das Medium 16 2.3 Geschichtskultur und kulturelles 21 3. Das Karl-Marx-Haus in 26 4. Analyse der 35 4.1 Der unpolitische Sozialdemokrat – die Dauerausstellung von 35 4.2 Der von Leid geprägte Marx – die Dauerausstellung von 45 4.2.1 Der Sohn der Stadt 47 4.2.2 Der 49 4.2.3 Der politische 51 4.2.4 Der von Leid 54 4.3 Der politisierte Gelehrte – die Dauerausstellung von 59 4.3.1 Der universalgelehrte 63 4.3.2 Der Staaten- und 67 4.3.3 Vom politisch denkenden zum politisch handelnden 70 4.3.4 Wirkung marxscher 74 4.4 Der stets aktuelle Ideengeber – die Dauerausstellung von 85 4.4.1 Der � � � �������������������������������������������������������������� 86 4.4.2 Der 89 4.4.3 Der � � � �������������������������������������������������������������� 92 4.4.4 Der ewig � ������������������������������������������������������������� 98 5. Fazit und � � � � � � � � � � � � ������������������������������������������������������������ 103 Quellen- und 108 � � � � � � � � � � ������������������������������������������������������������� 113 � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � � ������������������������������������������������������������� 114 KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 5 Vorwort von Elisabeth Neu In der Geschichte des Geburtshauses von Karl Marx, die um 1727 mit dem Bau eines bürgerlichen Wohnhauses im typischen Trierer Barockstil begann, nimmt seine Nutzung als Museum nur einen relativ kurzen Zeitraum ein. Nach der Wiederentdeckung des Gebäudes im Jahre 1904 als Wohnadresse der Familie Heinrich und Henriette Marx von April 1818 bis September 1819 – und damit als Geburtshaus ausschließlich des dritten der neun Kinder des Ehepaars – wurde es 1928 von der SPD gekauft, die es nach Nazi-Besetzung erst 1947 als Marx-Gedenkstätte und Museum für die Geschichte der Arbeiterbewegung eröffnen konnte. Zum regulären Museum wurde das Haus erst 1968 mit der Übergabe an die Friedrich-Ebert-Stiftung. Im Jahr des 200. Geburtstags von Karl Marx 2018 feierte das Museum sein 50-jähriges Bestehen. Zur Geschichte des Hauses und zur Entwicklung des Museums wurde eine Dokumentation angelegt und weiterentwickelt, die heute zum Bestand des Archivs der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung gehört. Eine Publikation von Jürgen Herres zu den ersten 25 Jahren des Museums erschien 1993. Margret Dietzen und Elisabeth Neu resümierten 2013 in einem Tagungsbericht die Entwicklung des Hauses in den folgenden 20 Jahren. Mit Christoph Herkströter führt nun ein junger Historiker die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Dauerausstellungen des Karl-Marx-Hauses fort. Ausgehend von der neuen, 2018 eröffneten Ausstellung blickt er in seiner Arbeit zurück auf die letzten vier Dauerausstellungen von 1968, 1983, 2005 und eben 2018. Betreut wurde seine Masterarbeit von Prof. Dr. Thomas Welskopp, der nicht zuletzt als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der neuen Dauerausstellung ausgewiesener Experte für diese Thematik ist. Dieser Blick von außen auf die Schwerpunktsetzungen der Ausstellungen im Karl-Marx-Haus vor ihrem jeweiligen historischen Hintergrund leistet einen wichtigen Beitrag zur Dokumentation der Geschichte des Hauses – das in der Schau von 2018 erstmals als größtes Ausstellungsobjekt in den Vordergrund gerückt wurde – und seiner historisch-politischen Zielsetzung, Karl Marx und seine Ideen als wichtiges Erbe der Sozialdemokratie sichtbar zu machen. Wir danken Herrn Herkströter für diese hervorragende Arbeit und wünschen ihm viel Erfolg für seine weitere wissenschaftliche Tätigkeit. Trier, 24.11.2020 Elisabeth Neu 6 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Vorwort von Thomas Welskopp »Einen sanfteren Tod, als Karl Marx in seinem Armsessel fand, kann man sich nicht wünschen«, schloss Friedrich Engels am 3. Mai 1883 den dramatischen Bericht von den letzten Leidensmonaten und-tagen seines engsten Freundes. Einen ewigen stillen Frieden wünschte er ihm nicht. Der Kampf ging weiter. Für Engels hieß das, die Bedeutung und Geltung eines unvollendeten Werkes in der Wahrnehmung einer noch wenig gefestigten internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung nachhaltig zu verankern, die er diesem Werk als allein angemessen zuerkannte, nämlich die unanfechtbare ideologische Meinungsführerschaft auf der Grundlage»wissenschaftlicher« Autorität. So kann es nur auf den ersten Blick überraschen, dass Engels seine bewegende Geschichte vom stoisch-heroischen Schmerzensmann Marx mit der tröstlichen Formel des»sanften Todes« nicht einfach versöhnlich ausklingen ließ, sondern im direkt folgenden Satz gleichsam das Register wechselte:»Und nun zum Schluß noch eine gute Nachricht: Das Manuskript zum zweiten Band des ›Kapital‹ ist vollständig erhalten.[…] Durch mündliche Verfügung hat er[Marx] seine jüngste Tochter Eleanor und mich zu seinen literarischen Exekutoren ernannt.« – Der König ist tot – es lebe der König? Oder gar: Der Mensch Marx, den Engels so viele Jahre vergeblich gedrängt hatte, ihm selbst Manuskriptbruchstücke und-ruinen gescheiterter oder steckengebliebener Theo­ riefortentwicklungen zu überlassen, um mit ihrer redaktionellen Überarbeitung die abgerissene Präsenz der beiden Londoner im internationalen sozialistischen Diskurs ­wiederherzustellen, mochte tot sein, bedauerlich: ein toter Freund. Aber mit seinem Ableben hatte nun auch die jahrelange unproduktive Blockade ihr Ende gefunden, die nicht nur in Engels’ Augen eine robustere Durchsetzung des»wissenschaftlichen Sozia­ lismus« bis zu seinem Todestag verzögert hatte. Diese pragmatische Trennung zwischen einer immer weiter in den Hintergrund tretenden historischen Akteursfigur Marx und der mit Friedrich Engels einsetzenden Kanonisierung eines Marxschen»Werkes«, das es in solcher Geschlossenheit ja gar nicht gab, hat in den nichtdialektischen Dualismus einer ikonisch zementierten, sterilen Marxverehrung einerseits und auf die Schlachtfelder der ideologischen Auslegungsnahkämpfe und Monopolisierungskonkurrenzen andererseits geführt. Jene Divergenz hatte die subversive Frechheit und Frische dieses Denkansatzes aus dem 19. Jahrhundert bis in die 1980er Jahre gründlich ausgeräuchert. Gleichermaßen leblos, langweilig und verschroben: Hier der Staub auf wälderverzehrend verschriftlichten gelehrten Marxismen, KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 7 dort die abweisende Kälte der Statuen und Skulpturen, als deren Musterbeispiel immer noch der»Haupt«-Vertreter des»Klobismus« in Chemnitz gelten muss. Jubiläen wie Karl Marx’ 200. Geburtstag im Mai 2018 versenden sich aus Sicht der Historikerinnen und Historiker in der Regel folgenlos als kurzlebige Medienereignisse. Aber sie öffnen vorübergehend auch Aufmerksamkeitsschneisen in eine universitäre und außer­universitäre Öffentlichkeit, wie es hier gleich doppelt der Fall war(und dieses Mal tatsächlich dialektisch): Pünktlich zum Fest setzte das Karl-Marx-Haus hinter seine jahrzehntelangen beharrlichen Bestrebungen ein Ausrufungszeichen, die dystopische Kluft zwischen Schriftmarxismus und skulptureller Versteinerung mit einer völlig neu gestalteten Dauerausstellung zu überbrücken. Fraglos bildet die Wirkungsgeschichte Karl Marx’ einen Schwerpunkt in der Ausstellung, aber wohltuend frei von der Ver­ engung auf marxeologische Genealogien und geöffnet für einen breiten Blick auf die ganze Bandbreite von Wirkungen, Überlieferungen und weitergereichten Zeugnissen dieses global denkenden, lokal arbeitenden Gelehrten. Und ein junger Bielefelder Historiker namens Christoph Herkströter widmete sich voller Enthusiasmus der spannenden Frage, ob eine solche geschichtspolitisch bedeutende Aufgabe durch die mediale Vermittlung des Museums überhaupt zu erfüllen ist, wie man das macht und welche zum Teil weder intendierten noch eingestandenen Bedingungen und Folgen nicht zuletzt gesellschaftspolitischer Art in den komplexen Vorgang einer solchen Ausstellungsgestaltung hineinwirken. In diesem Fall ketzerisch gefragt: Wie stellt man es an, einem Revolutionär eine Dauerausstellung zu widmen? Christoph Herkströters originelle Überlegungen liegen nun in Form seiner Masterarbeit vor, die das Karl-Marx-Haus und die Friedrich-Ebert-Stiftung der Öffentlichkeit mit dieser Publikation dankenswerterweise zugänglich machen. Durch einen systematischen Vergleich der drei Vorläufer(1968, 1983, 2005) und der aktuellen Dauerausstellung im Karl-Marx-Haus(2018) kann er vor Augen führen, wie elementar die ­jeweiligen musealen Präsentationen im geschichtspolitischen Kontext der Zeit, im gesellschaftspolitischen Zeitgeist und im schillernden Vexierbild sozialdemokratischer Befindlichkeiten verwurzelt waren, ohne ideologisch unselbständig oder übermäßig instrumenta­ lisiert zu wirken. Als Offensivwaffe im Kalten Krieg eigneten sich weder die Institution des Karl-Marx-Hauses noch die hier aufbereiteten Dokumentationen seines Lebens und Wirkens(ein Großteil der Munition lagerte ohnehin unter Verschluss in Moskauer und Ost-Berliner Archivmagazinen). Aber die raison d’être des ganzen Projekts bestand ohne Zweifel darin, Karl Marx demonstrativ in die sozialdemokratische Traditionskultur zurückzuholen und ihn gegen östliche Monopolisierungsversuche abzuschirmen. Karl Marx sollte auch in einer Sozialdemokratie nach Godesberg, die sich ungeduldig als 8 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 staatstragend-regierungsfähig präsentierte, Raum gegeben werden. Dieser Raum ist natürlich eine Nische geblieben: Glückliche Fügung, dass Marx in der eher beschaulichen und weniger wegen revolutionären Übereifers bekannten Stadt Trier aufgewachsen war. Anders als die noch stark am politisch instrumentalisierbaren Marx interessierte Ausstellung von 2005 ist die aktuelle Version frei darin, Karl Marx weiter zu historisieren, ohne ihn zu entpolitisieren. Es gilt, sich auf das 19. Jahrhundert einzulassen, die Art und Weise damaligen Philosophierens über das Soziale und Politische neugierig zu entschlüsseln, die Vorstellung von der»Revolution« zu entdämonisieren und den allseits interessierten Universalgelehrten Karl Marx, bald krank von blockierter Arbeitswut und Zeitnot, ein wenig neu kennenzulernen. Die hier vorliegende Schrift Christoph Herkströters kann und sollte dazu beitragen, das Reflexionsniveau über Ausstellungen dieser Art hoch zu halten. Man könnte dann auch produktiv an die spannenden und oft überraschenden Befunde der Arbeit an der Edition der neuen Marx-Engels-Gesamtausgabe und an die wieder auflebende geschichtswissenschaftliche Forschung zum Thema anknüpfen. Daher ist diesem Buch eine breite Aufnahme beim Publikum zu wünschen. Bielefeld, 24.10.2020 Thomas Welskopp KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 9 1. Einleitung »Marx ist wieder in«, urteilten Kim Björn Becker und Mona Jaeger im Mai 2018 über den Festakt in Trier anlässlich des 200. Geburtstags von Karl Marx. 1 Das sogenannte Marx-Jahr 2 führte – neben dem Erscheinen des Kapitals, welches sich zum 150. Mal jährte – zu einem wahren Marx-Boom. Karl Marx wurde nicht nur popkulturell wieder­ entdeckt, sondern rückte auch verstärkt in den Blick der akademischen Forschung. Neben der Publikation zahlreicher Biografien sowie Untersuchungen seines Handelns und seiner Wirkung fanden auch vermehrt Tagungen, Debatten und Kolloquien statt – unter anderem in seiner Geburtsstadt Trier. In jener Stadt, in der Karl Marx am 5. Mai 1818 das Licht der Welt erblickte, ist der Boom wohl am prominentesten vertreten. Das Marx-Jahr schlug sich auf den lokalen Tourismus nieder – nun konnte man beispielsweise Marx-Brot sowie Marx-Spardosen erstehen 3 – und wirkte sich nicht zuletzt auch auf die Museumslandschaft Triers aus. Insgesamt drei größere Ausstellungen wurden 2018 in Trier zu Marx eröffnet. Die größte ist dabei die im Rheinischen Landesmuseum und Stadtmuseum Simeonstift gezeigte Landesausstellung»Karl Marx 1818–1883. Leben. Werk. Zeit« 4 , welche sich an den neue­ ren Marx-Biografien von Gareth Stedman Jones 5 und Jonathan Sperber 6 orientierte. Des Weiteren wurde im Museum am Dom die Ausstellung»LebensWert Arbeit« gezeigt, welche sich mit internationalen Herausforderungen und Problemen von Arbeit aus­ einandersetzte. Bei der dritten 2018 in Trier eröffneten Ausstellung handelt es sich um die neue Dauerausstellung des Karl-Marx-Hauses. Betrachtet man die museale Vermittlung von Marx, ist das Karl-Marx-Haus wohl das Museum mit der größten Tradition in Deutschland. Bei der 2018 eröffneten Dauerausstellung handelt es sich immerhin um die insgesamt vierte Neukonzeption – die erste wurde hier 1968 eröffnet. Der Marx-Boom zeigt auch, dass jener noch immer Teil der deutschen G­ eschichtskultur ist, für die Museen eine entscheidende Rolle spielen. Sie sind eine zentrale Institution 1 Kim Björn Becker / Mona Jaeger,»Marx ist wieder in«. Festakt in Trier, in: FAZ.net, 05.05.2018, abrufbar unter: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/festakt-zum-200-geburtstag-in-trier-karl-marx-ist-wiederin-15575641.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0[Stand: 07.11.2020]. 2 Zeit-Online veröffentlichte sogar einen Ratgeber, der einen durch das Marx-Jahr führen sollte, siehe: Anne Hähnig / Martin Machowecz, So kommen Sie gut durchs Marx-Jahr, 22.01.2018, abrufbar unter: https://www. zeit.de/2018/04/karl-marx-jahr-2018-ratgeber[Stand: 07.11.2020]. 3 Vgl. Hendrik Werner, Wie Trier Marx vermarktet, in: Weser Kurier, 30.04.2018, abrufbar unter: https://www. weser-kurier.de/startseite_artikel,-wie-trier-marx-vermarktet-_arid,1725266.html[Stand: 07.11.2020]. 4 Zu der Landesausstellung ist dabei ebenfalls ein Ausstellungskatalog erschienen: Beatrix Bouvier / Rainer Auts(Hrsg.), Karl Marx. 1818–1883. Leben. Werk. Zeit. Große Landesausstellung 2018 in Trier, Darmstadt 2018. 5 Gareth Stedman Jones, Karl Marx. Die Biographie, Frankfurt a. M. 2017. 6 Jonathan Sperber, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013. 10 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 der Geschichtskultur, da in diesen die Zeugnisse der Vergangenheit dauerhaft gesammelt, erforscht, verfügbar gemacht und vermittelt werden. 7 Jene Bedeutung der Museen für die Geschichtskultur rückt dabei zunehmend in den Blick der geschichtswissenschaftlichen Forschung. So urteilt Marlies Raffler:»Die Institution ›Museum‹ nimmt in der allgemeinen Diskussion[…] einen wichtigen Stellenwert ein, denn Geschichtsschreibung und Museum gestalten das Gedächtnis einer Gesellschaft mit.« 8 In den letzten Jahren wächst das Feld der Museumswissenschaften deutlich: Sowohl die Zahl der Publikationen als auch die Bandbreite von angebotenen Veranstaltungen steigen an. Inzwischen widmen sich des Weiteren verschiedene Disziplinen analytisch dem Museum als Institution. 9 Jedoch war dies nicht immer der Fall. Geschichtswissenschaftler_innen waren lange nicht als wissenschaftliche Gruppe in Museen zu finden, hatte sich doch die akademische Disziplin seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhundert auf schriftliche Quellen konzentriert. Lediglich die Nachbardisziplinen der Kunst-, Ur- und Frühgeschichte sowie Volkskunde widmeten sich weiterhin gegenständlichen Quellen und behielten somit ihr Interesse am Museum. Im Zuge der Bildungsreform der frühen 1970er Jahre wurde das Museumswesen neu interpretiert – und die sich über Jahrzehnte entwickelte Distanz zwischen musealen und akademischen Historiker_innen wurde nun deutlich wie nie. Debatten um die Zukunft des Museumswesens wurden geführt, in denen sich die beiden Gruppen – zwar in ihrer Disziplin vereint, aber in ihrem Verständnis entzweit – politisiert und polarisiert gegenüberstanden. Erst der einsetzende Museumsboom löste die Fronten zunehmend auf und die Geschichtswissenschaft entdeckte ihr Interesse am Museum neu – auch, weil sich das Museumswesen veränderte und sich neue Ausstellungstypen etabliert hatten, welche aufgrund ihres innovativen Charakters das Interesse der Geschichtswissenschaft auf sich zogen. So ist zunächst an die Landesausstellungen zu denken, die stets neue Forschungsergebnisse präsentierten oder auch an die Entwicklung neuer Museumstypen wie den Technikmuseen, in denen Sozial- und Technikgeschichte Einzug fanden. In der Folge entstand anstelle der früheren Distanz nun ein Dialog zwischen den musealen und den akademischen Geschichtswissenschaftler_innen, welcher sich durch das Aufbrechen alter Traditionen auszeichnete und fächerübergreifende Analysemethode eta7 Vgl. Bernd Schönemann, Kulturgut-Sammlungen und-Ausstellungen als Elemente des kulturellen Gedächtnisses und der Geschichtskultur, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 22–25, hier: S. 24 f. 8 Marlies Raffler,»Historische Museologie«, in: Friedrich Waidacher, Museologie – knapp gefasst, Wien Köln Weimar 2005, S. 272–307, hier S. 273. 9 Vgl. Sharon Macdonald, Museen erforschen. Für eine Museumswissenschaft in der Erweiterung, in: Joachim Baur(Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 49–69, hier S. 49. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 11 blierte. Das Entstehen von Geschichtsmuseen als genuinem Museumstyp in den 1950er Jahren in der DDR bzw. 1980er Jahren in der BRD wirkte sich ebenfalls auf die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit Museen aus – ein Trend, der durch die Gründung der großen Nationalmuseen, wie dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und dem Haus der Geschichte in Bonn, sowie dem wachsenden Geschichtsbewusstsein, verstärkt wurde. 10 Dabei widmeten sich die geschichts- und museumswissenschaftlichen Studien der 1980er Jahre meist der Frage der Museen als identitätsstiftende Institutionen. In den 1990er Jahren verschob sich dann der Fokus der Forschung auf Aspekte wie Kommerz, Kommodifizierung und Entertainment und das Museum wurde unter dem Blickwinkel der Geschichtspolitik betrachtet. In den letzten Jahren erscheinen nun vermehrt Studien, die nach möglicher Innovation fragen und sich dabei Trends wie der Performanz im Museum widmen. 11 Ludwig kommt dabei zu dem Schluss, dass die»geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Museen und Ausstellungen[zwar] seit den 1980er-­ Jahren zugenommen[hat],[…] jedoch fragmentiert und teilweise akzidentiell« ist. 12 Betrachtet man nun das Beispiel von Karl Marx in der musealen Landschaft, bestätigt sich jener Eindruck: Abgesehen von einem Aufsatz von Margret Dietzen und Elisabeth Neu 13 liegt keine geschichtswissenschaftliche Publikation vor, die sich übergreifend und überzeitlich mit der musealen Vermittlung von Marx beschäftigt. In jenem Aufsatz von Dietzen und Neu stehen ferner die Rahmenbedingungen der Dauerausstellungen des Karl-Marx-Hauses im Zentrum der Betrachtung, nicht jedoch das vermittelte MarxBild bzw. die vermittelten Marx-Bilder und ob ein Wandel festzustellen ist. Jene Forschungslücke will die vorliegende Arbeit schließen, indem sie die Dauerausstellungen des Karl-Marx-Hauses seit 1968 im Hinblick auf vermittelte Narrative von Marx analysiert. Aus diesem Grund liegen der Untersuchung zwei Leitfragen zugrunde, einerseits welche Narrative von Marx konstruiert werden und durch welche Aspekte sich jene auszeichnen, andererseits inwiefern sich ein Wandel der musealen Vermittlung von Marx im Laufe der Zeit feststellen lässt. Dabei soll aber nicht nur die inhaltliche Ebene der Ausstellungen betrachtet werden, sondern auch die gestalterische; da Ausstellungen 10 Vgl. Andreas Ludwig / Markus Walz, Museen als Forschungsgegenstand anderer Wissenschaften, in: M­ arkus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 375–381, hier S. 376 f. 11 Vgl. MacDonald, Museen erforschen, S. 63. 12 Ludwig / Walz, Museen als Forschungsgegenstand, S. 380. 13 Margret Dietzen / Elisabeth Neu, Marx im Museum. Museums- und Ausstellungskonzepte des Trierer KarlMarx-Hauses von 1931 bis heute, in: Matthias Steinbach / Michael Ploenus(Hrsg.), Prüfstein Marx. Zu Edition und Rezeption eines Klassikers, Berlin 2013, S. 229–243. 12 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 »Denken im Raum« 14 sind, lassen sich die beiden Komponenten des Inhalts und der gestalterischen Umsetzung nicht voneinander trennen. Die Gestaltung hilft, die Narrative zu transportieren. Auf diese Weise soll die vorliegende Arbeit nicht nur einen Beitrag zur geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Institution Museum leisten, sondern auch an den 2013 publizierten Aufsatz von Dietzen und Neu, welcher damit nicht die 2018 eröffnete Dauerausstellung betrachtet, anschließen, diesen um den Aspekt der konstruierten Marx-Bilder und einen etwaigen Wandel ergänzen, und die Erforschung der musealen Vermittlung von Marx somit um ein weiteres Kapitel erweitern. 14 Daniel Tyradellis, Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten, Hamburg 2014, S. 134. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 13 2. Methodische Vorgehensweise und theoretische Vorüberlegungen Zunächst sollen in diesem Kapitel sowohl die Vorgehensweise der Ausstellungsanalyse dargelegt als auch ein Überblick über die teils sehr unterschiedlichen Überlieferungen der Dauerausstellungen gegeben werden. Anschließend soll sich der Frage gewidmet werden, was unter der Institution Museum und dem Medium Ausstellung zu verstehen ist, um eine Verständnisgrundlage und einen methodischen Rahmen für die Analyse zu schaffen. Des Weiteren werden die Konzepte der Geschichtskultur und des kulturellen Gedächtnisses erläutert, da jene die Untersuchung um einen weiteren Aspekt bereichern können und am Ende der Arbeit Bezug auf diese genommen werden soll. Zudem wird das Karl-Marx-Haus in Trier vorgestellt, um die Dauerausstellungen von 1968, 1983, 2005 und 2018 im größeren Kontext und der Tradition des Museums verorten zu können. Daran schließt sich der größere Teil der Arbeit an: die Analyse der Ausstellungen. Diese werden dabei chronologisch – beginnend mit der 1968 eröffneten – im Hinblick auf die vermittelten Narrative untersucht, um anschließend die Dauerausstellungen miteinander zu vergleichen und einen etwaigen Wandel in der musealen Vermittlung von Marx feststellen zu können. 2.1 Überlieferung und analytisches Vorgehen »Wer Ausstellungen aus historischer Perspektive untersucht, ist abhängig von der Überlieferungslage, muss aus Fragmenten ein neues Gesamtbild zusammensetzen[…], weil er das eigentliche Produkt, die Ausstellung, höchstens ausschnitthaft auf Fotographien oder anderen Abbildungen betrachten kann. Das sinnliche Potenzial der Schau, etwa die Aura der Dinge oder die Wirkung des Raums, entzieht sich seiner Analyse weitgehend.[…] Die noch vorhandenen fragmentarischen Spuren aufzufinden und zu deuten ist das Metier der historischen Museumsanalyse.« 15 Dabei stellt sich der Überlieferungszustand der vier zu analysierenden Ausstellungen sehr unterschiedlich dar. Während zur 1968 eröffneten Dauerausstellung lediglich zwei kurze Broschüren 16 überliefert sind, liegen zur Ausstellung von 1983 immerhin Fragmen­ te der Texte und Wandtafeln sowie der darauf abgedruckten Bilder vor. Dies ist ­darauf 15 Thomas Thiemeyer, Geschichtswissenschaft: Das Museum als Quelle, in: Joachim Baur(Hrsg.), Museums­ analyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museums­ management), Bielefeld 2010, S. 73–94, hier S. 81. 16 Siehe Karl-Marx-Haus, Bilddokumente über das Geburtshaus von Karl Marx in Vergangenheit und Gegenwart, Trier 1978 2 ; Karl-Marx-Haus, Ein Gang durch das Geburtshaus von Karl Marx, Trier 1979. 14 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 zurückzuführen, dass in den 1980er und 90er Jahren mehrere Publikationen 17 zum KarlMarx-Haus – teilweise in Eigenregie – veröffentlicht wurden, aus denen jene Einblicke in die 1983 eröffnete Dauerausstellung gewonnen werden können. Interessanterweise bietet die 2005 eröffnete Dauerausstellung von den vergangenen die breiteste Überliefe­ rungsgrundlage, da zur 2005er Ausstellung ein Ausstellungskatalog 18 veröffentlicht ­wurde, der sowohl Einblicke in die Ausstellungskonzeption als auch in die konkrete Gestaltung gewährt.»Das Katalogbuch erscheint im Gegensatz zur Ausstellung als das ›theoretische‹ Medium.« 19 Ergänzt wird der Ausstellungskatalog durch eine eigene Foto­ dokumentation des Karl-Marx-Hauses sowie eine digitale Fassung der Ausstellungs­ texte, die das Karl-Marx-Haus freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. 20 Die 2018 eröffnete und aktuell immer noch zu besichtigende Dauerausstellung des Karl-MarxHauses unterscheidet sich durch ihre unmittelbare Aktualität von den anderen drei Dauerausstellungen. »Im Gegensatz zu vergangenen Ausstellungen, die sich allein aus Quellen(vorhandenen wie selbst generierten Quellen, etwa Interviews mit Zeitzeugen) und Sekundärliteratur rekonstruieren lassen, ruht die Analyse aktueller Ausstellungen auf zwei Säulen: Quellenstudium(Dokumente und Interviews) und Feldforschung.« 21 Dadurch, dass die 2018er Dauerausstellung die einzige hier zu untersuchende ist, die aktuell besichtigt werden kann, ist es nicht nötig, die räumliche Gestaltung anhand von etwaigen Fotografien zu rekonstruieren. Da der Charakter von Ausstellungen eine räum17 Siehe Helmut Elsner, Museum Karl-Marx-Haus Trier(Museum, 66), Braunschweig 1983; Jürgen Herres, Das Karl-Marx-Haus in Trier. 1727 – Heute. Bürgerliches Wohnhaus, Politisches Symbol, Historisches Museum, Trier 1993; Karl-Marx-Haus, Das Karl-Marx-Haus in Trier, Museum und Studienzentrum, Trier 1996; Karl-Marx-Haus, Das Museum Karl-Marx-Haus. Ein Begleitbuch zur ständigen Ausstellung im Geburtshaus von Karl Marx, Trier, Trier 1997; Karl-Marx-Haus, Karl Marx and his Contemporaries. Guide-book to the permanent exhibition in the Karl Marx House, Trier, Trier 1994. 18 Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 . 19 Barbara Schröder, Ausstellungsbegleitende Publikationen, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 113–120, hier S. 117; Heutzutage besteht»die Standardstruktur eines Katalogs mindestens aus einer Einführung des / der Veranstalters / in, einem längeren Überblicksessay, Abbildungen aller Exponate mit jeweils einem kurzen Text, Werkliste und Bio- und Bibliografien.[…] Besonders seit den 1960er-Jahren und der nicht zuletzt dank günstiger neuer Farbdruckver­ fahren extrem gesteigerten Buchproduktion, ist der Ausstellungskatalog zunehmend zu einem autonomen Objekt geworden, das nicht mehr nur praktische Dienstleistung im Gefolge ist, sondern als eigenständiges Format parallel zur Ausstellung und darüber hinaus existiert.« Schröder, Ausstellungsbegleitende Publikation, S. 114. Interessant ist zudem der Sachverhalt, dass Ausstellungskataloge die unterschiedlichen Vermittlungstypen bedienen können, d.h. sie können die Ausstellung informativ nacherzählen, sie ergänzen, reflektieren oder gar hinterfragen. 20 Aus diesen Ausstellungstexten soll an einigen Stellen zitiert werden, um anhand von Beispielen einen Einblick in die sprachliche Gestaltung und die verwendeten Formulierungen zu geben. 21 Thiemeyer, Museum, S. 82. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 15 liche Dimension 22 beinhaltet, ist es von Vorteil, sich selbst in der Ausstellung bewegen zu können, anstatt die Ausstellungsgestaltung anhand von Fotografien – wenn überhaupt vorhanden – zu analysieren. Des Weiteren sind die Ausstellungstexte aus diesem Grund in Gänze vorliegend und nicht nur fragmentarisch überliefert, wie es beispielsweise für die Dauerausstellungen von 1968 und 1983 der Fall ist. Daraus resultiert, dass bei der Analyse der 2018er Dauerausstellung die Gestaltung detaillierter und differenzierter betrachtet werden kann, während bei den 1968 und 1983 eröffneten Ausstellungen aufgrund der Quellenlage die inhaltliche Ebene anhand der Ausstellungstexte mehr in den Fokus rückt. Die Analyse der Dauerausstellungen wird dabei chronologisch geordnet, da sich auf diese Weise ein möglicher Wandel nachvollziehbarer herausarbeiten lässt. So beginnt die Analyse mit der 1968 eröffneten Ausstellung und endet mit der aktuellen von 2018, um diese anschließend zu vergleichen. Bei der Analyse der Dauerausstellungen sollen jeweils sowohl die inhaltliche Vermittlung als auch die Ausstellungsgestaltung untersucht werden, da die gestalterischen Techniken die Vermittlung der zu analysierenden Narrative unterstützen. Dabei werden beide Komponenten – Inhalt und Ausstellungsgestaltung – nicht getrennt voneinander, sondern kombiniert betrachtet, da Ausstellungen Denken bzw. Erzählungen im Raum sind und sich die beiden Komponenten somit wechselseitig beeinflussen. Aus diesem Grund wird die Ausstellungsanalyse nicht durch eine Betrachtung der inhaltlichen und der gestalterischen Ebene gegliedert, sondern mithilfe der herausgearbeiteten Narrative strukturiert. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Ausstellungstexten und den darin enthaltenen Aussagen. Anhand der sprachlichen Formulierungen – und überhaupt der gewählten Themen – lassen sich bereits eine Schwerpunktsetzung, die Narrative sowie eine etwaige Positionierung bzw. Bewertung vonseiten der Ausstellung herausarbeiten. Bei der Betrachtung der Ausstellungsgestaltung werden sowohl Aspekte wie die räumliche Anordnung, die Exponatauswahl und-dichte sowie vorhandene Installationen in den Blick genommen als auch die Farbwahl, das Licht bzw. die Beleuchtung und die Art der Vermittlung. Farben können nicht nur Assoziationen, sondern auch Emotionen auslösen, während eine gezielte Beleuchtung Aspekte der Ausstellung hervorheben und andere in den Hintergrund treten lassen kann. Im Zentrum der Betrachtung der Gestaltung stehen dennoch die Aspekte der räumlichen Anordnung und der Exponate, da die räumliche Anordnung von Ausstellungstafeln / -texten, Installationen und Exponaten ein zentrales Charakteristikum für die Institution Museum ist. 22 Siehe Heike Buschmann, Geschichten im Raum. Erzähltheorie als Museumsanalyse, in: Joachim Baur (Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kulturund Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 149–170. 16 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 2.2 Die Institution Museum und das Medium Ausstellung Doch bei der Analyse einer Ausstellung im Museum stellt sich zunächst die Frage: Was ist überhaupt ein Museum? Markus Walz vertritt dabei folgende Definition:»Ein Museum ist eine auf Dauer angelegte Einrichtung, die – zum Wohl der Gesellschaft – Sammlungen materieller Dokumente bewahrt und überliefern will sowie intern und extern Wissen um diese materiellen Dokumente erschafft.« 23 Die Definition des Internationalen Museumsrates ICOM unterscheidet sich jedoch davon: »A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its develop­ ment, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhi­ bits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the p­ urposes of education, study and enjoyment.« 24 Jene Definition ist in drei Elemente zu unterteilen: Einerseits wird der Status des Museums als eine nicht profit-, wohl aber gesellschaftsorientierte Institution hervorgehoben. Andererseits geht die Definition auf die fünf Kernaufgaben des Museums ein: Sammeln, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln. 25 Was gesammelt wird, ist in Satzungen und Einzelgesetzen festgehalten, da die Menge der Objekte, die ein Museum ausstellen könnte, meist die Kapazitäten des Museums übersteigt, sodass ausgewählt werden muss. 26 23 Markus Walz, Begriffsgeschichte, Definition, Kernaufgaben, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 8–14, hier S. 12. Dabei bezieht er sich auf die Definition von Peter van Mensch:»A museum is a permanent museological institution which preserves collections of corporal documents and generates knowledge about these corporal documents for the public benefit.« Peter van Mensch, Towards a methodology of museology. Zagreb, Univ., PhD thesis, 1992, zitiert nach: Walz, Begriffgeschichte, S. 9 f. 24 International council of museums(ICOM), Museum Definition, 24.08.2017. https://icom.museum/en/​ ­resources/standards-guidelines/museum-definition/[Stand: 07.11.2020]. 25 In der vorliegenden Arbeit soll sich dabei hauptsächlich nur zwei der Aufgaben gewidmet werden: dem Ausstellen und Vermitteln und nicht dem Sammeln, Bewahren und Forschen, da hier die museale Vermittlung im Vordergrund steht. Der Deutsche Museumsbund vertritt dabei die gleiche Auffassung des Internationalen Museumsrates und führt jene fünf Aufgaben ebenfalls als Kernaufgaben des Museums an. Vgl. Walz, Begriffsgeschichte, S. 9 sowie Jan-Christian Warnecke, Ausstellen und Ausstellungsplanung, in: ­Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 242– 245, hier S. 242; sowie Thomas Thiemeyer, Geschichte im Museum. Theorie – Praxis – Berufsfelder(Public History – Geschichte in der Praxis), Tübingen 2018, S. 7–12. 26 Vgl. Katharina Flügel, Einführung in die Museologie, Darmstadt 2014 3 , S. 24; sowie Markus Walz, Theorie und Praxis des Sammelns im Museum, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Auf­ gaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 156–163, hier S. 156 f. In der Regel überprüfen Museen alle fünf Jahre, inwiefern die Sammlungsgüter des Museums noch aktuell sind – und auf welche verzichtet werden kann. Vgl. ebd., S. 160. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 17 Dabei ist das Museum zugleich»Kontexträuber« – wie auch»Kontextstifter«: Es entzieht die Gegenstände im ersten Schritt ihrem ursprünglichen Kontext und stiftet im zweiten Schritt durch das Kuratieren einen neuen Kontext. 27 Der Anspruch des Museums richtet sich nach dem jeweiligen Museumstyp: Während Natur- und Technikmuseen vermeintliches, handwerklich-objektivierbares Faktenwissen zu vermitteln gedenken, beabsichtigen Geschichtsmuseen zumeist in historische Geschehnisse und Zusammenhänge einzuführen. 28 Das Karl-Marx-Haus stellt dabei genau genommen aus museologischer Sicht eine Mischform aus einem Museum und einer Personengedenkstätte dar: »In Personengedenkstätten wird berühmter Einzelpersonen oder Personenkreise gedacht, deren Leben und Wirken als vorbildlich oder doch bedeutsam für die Nachwelt angesehen wird. In der Hauptsache handelt es sich dabei um ehemalige Geburts-, Wohn- und Sterbehäuser.« 29 Historisch gesehen unterlagen Museen in Deutschland dabei im Untersuchungszeitraum – also den letzten 50 Jahren – einigen Entwicklungen, die sowohl das Selbstverständnis der Institution als auch ihre Funktion und Praxis prägten. Anfang der 1960er Jahre fanden sich Museen zunehmend in der Kritik, da sie lediglich Faktenwissen vermittelten und zunehmend als verstaubt und Teil der»Bildungskatastrophe« angesehen wurden. Seit Mitte der 60er Jahre änderte sich dann die Ausrichtung der Museen: Sie beteiligten sich aktiv an der gesellschaftspolitischen Diskussion, indem sie sich kritisch mit den Entwicklungen der Zeit auseinandersetzten und nun als»Lernort« für Jedermann fungierten. Auf diese Weise erfüllten sie bereits die Forderung der 68er-G­ eneration 27 Vgl. Paolo Bianchi, Zeigen von Dingen als Dialog – der kuratorische Ansatz, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 248–252, hier S. 251; sowie ­Warnecke, Ausstellen, S. 242. 28 Vgl. Tyradellis, Müde Museen, S. 84. Zu den unterschiedlichen Museumstypen und-kategorisierungen, siehe: Joachim Baur, Was ist ein Museum? Vier Umkreisungen eines widerspenstigen Gegenstands, in: ­Joachim Baur(Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 15–48, hier S. 16–19; Markus Walz, Grund­ probleme der Museumstypologie, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 78–80; Markus Walz, Metastrukturen und Abgrenzung zu anderen Institutionen: Kultur – Gedächtnis – Kulturerbe – Information und Dokumentation, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 26–32. 29 Paul Kahl / Hendrik Kalvelage, Personen- und Ereignis-Gedenkstätten, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 130–133, hier S. 131. Der Begriff der »Gedenkstätte« bezeichnete Mitte des 19. Jahrhunderts noch das Gedenken an große Persönlichkeiten, beispielsweise Schiller und Goethe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Institutionen zum Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus und Weltkrieges auch als»Gedenkstätten« bezeichnet. Nach der Wiedervereinigung 1989/90 kamen zusätzlich Gedenkstätten für die Opfer des SED-Regimes hinzu. Somit lässt sich festhalten, dass inzwischen zwei Arten von Gedenkstätten existieren: Die ursprüngliche, in der einer Person gedacht wird und die im 20. Jahrhundert aufkommende durch die Aufarbeitung totalitärer Herrschaft geprägte Art, welche zumindest in Deutschland einen Schwerpunkt in der Erinnerungskultur an die Opfer des Nationalsozialismus erfährt. Vgl. Kahl / Kalvelage, Personen- und Ereignis-Gedenkstätten, S. 130. 18 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 nach mündigen Bürgern und einer kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Entwicklungen. 30 Später entstand aus den Fragen nach der angemessenen Vermittlung im Museum auch die Forderung, Fachkräfte für eine pädagogische Vermittlungsarbeit einzustellen – die Geburtsstunde der hauptberuflichen Museumspädagogik. 31 Der Gründungsboom von neuen Museen in den 1970er und 80er Jahren ging eng mit der musealen Nutzung historischer Gebäude einher. In wenigen Fällen wurden auch neue Museumsgebäude errichtet – die Architektur entdeckte den Bau von Museen als neues Feld. 32 Die Wiedervereinigung 1989/90 wirkte sich dann massiv auf die Museums­ landschaft aus. Während in Berlin einerseits einige Museen zusammengeschlossen und unter»westdeutscher« Führung fortgeführt wurden, wurden andererseits die zur Zeit der DDR gegründeten Museen zur Arbeitergeschichte geschlossen und beseitigt. Neben den vermehrten Schließungen von ostdeutschen Museen und Zusammenführungen von ost- und westdeutschen Museen, wirkte sich die Wiedervereinigung auch personell auf die Museen der ehemaligen DDR aus: Von den rund 9.000 Stellen wurden in kurzer Zeit ca. 3.500 Stellen abgebaut. 33 Positiv hervorzuheben ist dabei jedoch die Entwicklung des Feldes der Museumspädagogik: Sowohl in größeren Museen, wie dem Deutschen Museum in München, als auch in kleineren Einrichtungen sind seitdem museums­ pädagogische Angebote zunehmend eingerichtet worden. Heutzutage herrscht Konsens darüber, dass der Bildungsauftrag von kulturellen Mu­ seen, wozu das Karl-Marx-Haus zu zählen ist – darin besteht,»Kultur so zu präsentieren und kombinieren, dass das, was einem solcherart begegnet, zum Denken herausfordert.« 34 Jenen Bildungsauftrag nehmen die Museen hauptsächlich über das Präsentieren von Ausstellungen wahr. Doch was ist eine Ausstellung? Diese Frage ist mitunter schwer zu beantworten, da in der Forschung keine einschlägige, sondern unterschiedliche Definitionen zu finden sind. So schreibt Katharina Flügel: »Eine Ausstellung ist ein zeitlich begrenztes Herzeigen von Dingen. Zu diesem Zweck werden diese aus einem bereits existierenden Zusammenhang herausgelöst und in einen ­neuen Zusammenhang gebracht. In der Regel geschieht dieses Herzeigen nicht um seiner selbst willen, sondern aus einem bestimmten Anlass. Eine Ausstellung verfolgt ein bestimmtes 30 Vgl. Hans-Walter Keweloh, Museen in der Bundesrepublik(1945–1990), in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 65–69, hier S. 65 f. 31 Vgl. Hermann Auer u. a., Denkschrift Museen. Zur Lage der Museen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin(West), Boppard 1974, S. 167. 32 Vgl. Keweloh, Museen, S. 67 f. 33 Vgl. Markus Walz, Von der deutschen Vereinigung zur Boomkrise der Gegenwart, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 69–75, hier S. 69. 34 Tyradellis, Müde Museen, S. 159. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 19 Ziel. Sie will Neues zeigen und Aufmerksamkeit erregen. Ausstellungen dienen zur Vermittlung von Ideen und Anschauungen. Sie liegen entweder im Bereich der Vermittlung neuer Erkenntnisse, im Bereich der Selbstdarstellung, im Bereich der Werbung oder im Bereich religiöser Vorstellungen und kultischer Gebundenheit. Ausstellungen sind demzu­ folge bilateral aber auch ambivalent. Bilateral, weil die Ausstellung immer des Betrachters bedarf, ambivalent, weil der Betrachter nicht nur die der Ausstellung zugrunde liegende Intention erkennen und rezipieren muss, sondern weil das in einer Ausstellung H­ ergezeigte zur Teilhabe auffordert. Ausstellungen heißt, etwas ›heraushalten‹, etwas darbieten, es wahrnehmbar machen.« 35 Dieser ausführlichen, auf die Sammlung und Vermittlung von Wissen konzentrierten Definition stehen auch kürzere mit anderer Akzentuierung gegenüber. So betont Jan-Christian Warnecke besonders die Intention des Ausstellungsmachers:»Eine[…] Komposition von Sammlungsgegenständen aus einem besonderen, formulierten Interesse heraus ist eine Ausstellung.« 36 Eine weitere Definition des Mediums Ausstellung, die hier aufgeführt werden soll, ist die von Daniel Tyradellis, da sich seine kurze Erklärung von den anderen existierenden Definitionen in ihrem Fokus unterscheidet:»Ausstellungen sind Denken im Raum.« 37 Wenngleich er selbst erklärt, dass es sich hierbei weniger um eine Feststellung der musealen Realität handelt, sondern eher ein Anspruch der Museen ist, erweitert seine Definition jedoch die bereits vorgestellten um den Aspekt des Raums. Ausgehend von den aus diesen Definitionen gewonnenen Erkenntnissen soll in der vorliegenden Arbeit mit folgendem Konzept des Mediums Ausstellung gearbeitet werden: Eine Ausstellung ist ein zeitlich und räumlich begrenztes Medium, das mit einer konkreten Intention und auf Grundlage von vorhandenen Sammlungsgütern konzipiert und meist durch Texte ergänzt wird. Die Ausstellung transportiert dabei eine oder auch mehrere Erzählungen, die räumlich aufgebaut und vermittelt werden und zum Denken anregen sollen. Tyradellis hebt hervor, dass»Ausstellungen[…] nicht vermittelt[werden], sie sind Vermittlung.« 38 Dabei lassen sich vier verschiedene Vermittlungstypen herausarbeiten, die sowohl auf die personalen als auch die medialen Vermittlungsformen anwendbar sind. Die klassische Vermittlung im Museum ist die affirmative Vermittlung(Information), die Wissen transportiert und wenig diskursiv angelegt ist; zu dieser Art der Vermittlung zählen beispielsweise Führungen. Reproduktive Vermittlung(Interaktion) ist präsent, wenn Besucher_innen selbst im Museum aktiv werden und sich die Inhalte eigenständig erschließen müssen. Jener Vermittlungstyp wird dabei oft bei Schülergruppen ange­ 35 Flügel, Einführung Museologie, S. 107 f. 36 Warnecke, Ausstellen, S. 242. 37 Tyradellis, Müde Museen, S. 134. 38 Ebd., S. 82. 20 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 wendet, indem sie eine Museumsrallye oder ein-quiz absolvieren. Die dekonstruktive Vermittlung(Intervention) zielt darauf ab, dass die etablierten Werte und Vorstellungen dekonstruiert und kritisch hinterfragt werden. Seit dem reflexive turn 39 ist diese Art der Vermittlung zunehmend in Museen anzutreffen. Der vierte und letzte Typ der transformativen Vermittlung(Partizipation) zielt darauf ab, Institutionen nicht nur zu analysieren, sondern auch zu verändern. Aus diesem Grund ist jener Vermittlungstyp zumeist in Workshops oder Projekten zu finden. Festzustellen sind jedoch zwei Aspekte: Einerseits haben jene Vermittlungstypen aufgrund unterschiedlicher Zielsetzungen ihre jeweiligen Vor- und Nachteile, andererseits erwarten Besucher_innen im Museum ein Mindestmaß an affirmativer Vermittlung in Form von Objekttexten, Orientierungsplänen und Ähnlichem. 40 Zuständig für die Vermittlung und Gestaltung der Ausstellung sind dabei nach Frank Oudsten die zwei Professionen des Kurators»als Vertreter des Inhalts« und des Gestalters»als Vertreter der Form« 41 , wenngleich heutzutage mit den Museumspädagog_innen daraus eine Trinitas entstanden ist. Abschließend ist noch zwischen zwei Grundtypen der Ausstellung zu unterscheiden: die dauerhafte, welche sich aus dem eigenen Sammlungsbestand des Museums zusammensetzt, und die temporäre, welche geliehene Objekte ergänzend hinzuzieht. Hervorzuheben ist dabei jedoch, dass auch eine Dauerausstellung einen zeitlich begrenzten Rahmen innehat und zumeist nach 15 Jahren neu konzipiert wird. 42 »Die Dauerausstellung hat für die museale Arbeit zentrale Bedeutung, denn mit ihrer H­ ilfe werden einer breiten Öffentlichkeit nicht nur die wesentlichsten Inhalte der musealen Samm­ lungen zur Kenntnis gebracht, sondern zugleich mit diesen gesicherte wissenschaftliche 39 Der reflexive turn stellte die alte Ausstellungspraxis infrage und leitete mehrere Veränderungen im Museums­ wesen ein. Waren museale Ausstellungen vorher Informationsvermittler, die auf nationaler oder lokaler Ebene Identität stifteten, wurden sie und damit einhergehend auch das Kuratieren derselben zunehmend transdisziplinärer und weisen transnationale Charakterzüge auf. Zusätzlich folgen sie teilweise sogar wortwörtlich dem zentralen Element des reflexive turns: dem Reflektieren. Nicht nur, dass die Kurator_innen über ihre eigenen Ausstellungen vermehrt reflektieren und ihre Praktiken kritisch hinterfragen; inzwischen nimmt auch die Zahl der Ausstellungen zu, die die Besucher_innen zum Reflektieren und somit auch zu (historischem) Denken anregen, vgl. Nora Sternfeld, Kuratorische Ansätze, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 73–78, hier S. 73–75. Der reflexive turn – welcher in den 1980er Jahren Einzug in viele kulturwissenschaftliche Disziplinen hielt und Grundfragen der Repräsentation stellte, sorgte dafür,»dass sich Museen nicht mehr als objektiv und außerhalb der Zeit stehend verstanden, sondern als Teil eines kulturellen Systems der Produktion von Sichtbarkeit, Wissen und Identität.« Monika Sommer, Museologie und Museumsgeschichten, in: ARGE schnittpunkt (Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 13–21, hier S. 20. 40 Siehe für eine detailliertere Darlegung und Beispiele der verschiedenen Vermittlungstypen sowie ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile Büro trafo.K, Formate der Vermittlung, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 103–110, hier S. 104–110. 41 Frank den Oudsten, Die Poesie des Ortes. Zum Gewicht der Erzählung, in: Stapferhaus Lenzburg / Sibylle Lichtensteiger / Aline Minder / Detlef Vögeli(Hrsg.), Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis(Edition Museum, 8), Bielefeld 2014, S. 18–28, hier S. 19. 42 Vgl. Warnecke, Ausstellen, S. 242 und 244. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 21 Erkenntnisse und permanente ästhetische und bildungsmäßige Erlebnisse ermöglicht.[…] Die Dauerausstellung muss zum einen hinsichtlich ihrer inhaltlichen und künstlerischen Konzeption die Gesamtkonzeption des Museums erkennen lassen.« 43 Unzweifelhaft haben Ausstellungen des Weiteren eine zunehmend gesellschaftliche Bedeutung inne, wie sie auch Museen besitzen. 44 So fungieren diese als Speicher für das gesellschaftliche Gedächtnis, indem sie Zeugnisse der Vergangenheit aufbewahren. 45 »Zudem bleiben die Ergebnisse des Sammelns nicht geheim oder nur einem kleinen Kreis von Auserwählten vorbehalten, sondern werden im Medium der Ausstellung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Deshalb ist das Museum eine Institution der Geschichtskultur.« 46 2.3 Geschichtskultur und kulturelles Gedächtnis »Geschichtskultur« – nur wenige Konzepte werden so häufig in der Geschichtsdidaktik und Public History verwendet und doch gibt es keine einschlägige Definition. Aus diesem Grund sollen an dieser Stelle einige ausgesuchte Definitionen vorgestellt werden, um anschließend darzulegen, welches Konzept dieser Arbeit zugrunde liegt. Hilke Günther-Arndt – eine renommierte Geschichtsdidaktikerin – definiert Geschichtskultur wie folgt: »Die Geschichtskultur ist der gesellschaftliche Raum, in dem Individuen und soziale Gruppen in der Gegenwart einen Bezug zur Vergangenheit herstellen. Denn die Vergangenheit ist vergangen, sie kann nur durch eine erinnernde Rekonstruktion als Geschichte vergegenwärtigt werden, d.h. Sinn und Bedeutung erlangen. Insofern ist Geschichtskultur eine durch und durch kulturell geprägte Kommunikation.« 47 Sie selbst erklärt jedoch auch, dass es konkurrierende Auffassungen gibt und verweist einerseits auf das Konzept Klaus Füßmanns von Geschichtskultur als»Produktion, ­Distribution und Rezeption[…] historischen Wissens in einer Gesellschaft« 48 , wobei Günther-­Arndt herausstellt, dass die Produktion neuen historischen Wissens Aufgabe der geschichtswissenschaftlichen Forschung ist, die Distribution bzw. Verbreitung den 43 Flügel, Einführung Museologie, S. 118. 44 Vgl. den Oudsten, Poesie des Ortes, S. 18; sowie Volker Kirchberg, Gesellschaftliche Funktionen von Museen im Zeichen sozialer Verantwortung, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 300–304. 45 Vgl. Raffler, Historische Museologie, S. 272. 46 Schönemann, Kulturgut-Sammlungen, S. 25. 47 Hilke Günther-Arndt, Geschichte als Beruf, in: Gunilla Budde / Dagmar Freist / Hilke Günther-Arndt(Hrsg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf, Berlin 2008, S. 32–50, hier S. 34 f. 48 Klaus Füßmann, Historische Formungen. Dimensionen der Geschichtsdarstellung, in: Klaus Füßmann / Heinrich Theodor Grütter / Jörn Rüsen(Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994, S. 27–44, hier S. 29. 22 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Museen, Lehrern oder auch Journalisten obliegt und die Rezeption, d.h. das historische Lernen, von Besucher_innen der geschichtskulturellen Institutionen geleistet wird, also Gedenkstättenbesucher_innen oder auch Schüler_innen. 49 Martin Lücke und Irmgard Zündorf schreiben in ihrer Einführung zur Public History der Geschichtskultur dabei in Anlehnung an Jörn Rüsen drei Dimensionen zu: die ästhe­ tische(Fühlen), die politische(Wollen) und die kognitive(Wissen) Dimension. Diese drei geschichtskulturellen Dimensionen stehen laut Lücke und Zündorf in einem Wechselverhältnis zueinander und lassen sich – in unterschiedlicher Intensität – in allen Bereichen der Geschichtskultur finden. 50 Dennoch scheint das am besten geeignete Konzept von Geschichtskultur zur Analyse der Rolle und Funktion von Institutionen von Bernd Schönemann zu stammen. 51 Schöne­ mann versteht Geschichtskultur als ein soziales System mit vier Elementen: Erstens misst er den meist staatlich finanzierten Institutionen, wie Universitäten, Archiven oder auch Museen und Gedenkstätten eine zentrale Rolle bei, da in diesen die Zeugnisse der Vergangenheit dauerhaft gesammelt, erforscht, verfügbar gemacht und vermittelt werden; zweitens geschieht dies in den Institutionen durch speziell dafür ausgebildete Berufsfeldgruppen, aber auch durch externe Teilnehmer, wie beispielsweise Journalisten, Autoren oder auch Reiseführern.»Die Vielfalt der Geschichtskultur spiegelt sich in ihren Professionen.« 52 Drittens lässt sich Geschichtskultur auch an den produzierten Medien erkennen, die von einer wissenschaftlichen Publikation über eine Gedenktafel bis hin zu einem Computerspiel mit historischem Hintergrund reichen können. Diese Medien mögen dabei äußerst diffus und heterogen wirken, gemeinsam haben sie jedoch die Eigenschaft Informationen bzw. historische Vorstellungen zu speichern, die ansonsten verloren gingen. Viertens misst Schönemann dem Publikum eine entscheidende Bedeutung bei, egal ob es sich dabei um Schüler_innen handelt, die am Unterricht teilnehmen müssen oder um geschichtlich interessierte Laien, die ins Museum gehen. 53 Aufgrund der Rolle von geschichtskulturellen Institutionen ist das Konzept von Schöne­ mann am besten geeignet für die vorliegende Arbeit, auch da es im Gegensatz zu a­ nderen Konzepten keinen zu weiten Gültigkeitsbereich für sich beansprucht, sodass letztendlich alle Formen, in denen Geschichte in der Gesellschaft präsent ist, zur Geschichts49 Vgl. Günther-Arndt, Geschichte als Beruf, S. 34 f. 50 Vgl. Martin Lücke / Irmgard Zündorf, Einführung in die Public History, Göttingen 2018, S. 34. 51 Bernd Schönemann, Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichtsdidaktik, Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003, S. 11–22, hier S. 18 f. 52 Günther-Arndt, Geschichte als Beruf, S. 36. 53 Vgl. ebd., S. 36 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 23 kultur zählen würden – und das Konzept letzten Endes nicht mehr analytisch nutzbar wäre. 54 Abschließend ist es jedoch wichtig, begrifflich zwischen den Konzepten der Geschichtskultur und der Erinnerungskultur zu unterscheiden: Während Geschichtskultur alle Formen historischen Wissens in einer Gesellschaft umfasst, ist Erinnerungskultur an eine soziale Gruppe wertgebunden und soll die Identität der Gruppenmitglieder stärken. Da sich die Arbeit von Museen jedoch klassisch nicht nur an eine konkrete soziale Gruppe richtet und zwingend identitätsstiftend sein muss, soll in dieser Arbeit mit dem Konzept der Geschichtskultur nach Schönemann gearbeitet werden. 55 »Mit ihren Sammlungen und Ausstellungen halfen und helfen Museen, dass sich Gruppen als Einheiten definieren und von anderen abgrenzen können.« 56 Dadurch tragen sie zu einer kollektiven Identität bei, weil sich mehrere Individuen mit derselben»Kultur« identifizieren können. Dabei gehört jedes Individuum unterschiedlichen sozialen Gruppen an, die eine eigene Gruppenidentität besitzen und auch unterschiedliche Zeitdimensionen haben: Während die religiöse Identität durch Konversion gewechselt werden kann, können die Herkunftsfamilie und Ethnie beispielsweise während des Lebens nicht geändert werden. Ihre identitätsstiftende Funktion – obwohl je nach Individuum anders ausdifferenziert – behalten diese für den gesamten zeitlichen Rahmen. 57 »Das individuelle Gedächtnis[…] ist das dynamische Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung. Wir dürfen es uns freilich nicht als ein selbstgenügsames und rein privates Gedächtnis vorstellen. Wie[…] Maurice Halbwachs in den 1920er Jahren gezeigt hat, ist das individuelle Gedächtnis immer schon sozial gestützt.« 58 Dadurch, dass die Individuen miteinander kommunizieren, entsteht aus dem individuel­ len Gedächtnis ein soziales Gedächtnis, welches generationenabhängig ist. Aus diesem 54 Als Beispiel für ein sehr weites Verständnis von Geschichtskultur kann so das Konzept nach Wolfgang Hardt­wig dienen, siehe Wolfgang Hardtwig, Geschichtskultur, in: Stefan Jordan(Hrsg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 112–115, hier S. 112. 55 Vgl. Günther-Arndt, Geschichte als Beruf, S. 36; eine Unterscheidung zwischen Geschichts- und Erinnerungskultur nehmen auch Martin Lücke und Irmgard Zündorf vor, die jedoch den Ausführungen von H­ ilke Günther-Arndt ähnelt, siehe Lücke / Zündorf, Public History, S. 29–35. 56 Thiemeyer, Geschichte im Museum, S. 23. 57 Vgl. Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2018 3 , S. 21–23. 58 A. Assmann, Der lange Schatten, S. 25; Jan Assmann spricht in diesem Zuge von einem kommunikativen Gedächtnis:»Das kommunikative Gedächtnis umfaßt Erinnerungen, die sich auf die rezente Vergangenheit beziehen. Es sind dies Erinnerungen, die der Mensch mit seinen Zeitgenossen teilt. Der typische Fall ist das Generationen-Gedächtnis. Dieses Gedächtnis wächst der Gruppe historisch zu; es entsteht in der Zeit und vergeht mit ihr, genauer: mit seinen Trägern. Wenn die Träger, die es verkörperten, gestorben sind, weicht es einem neuen Gedächtnis.« Jan Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 2018 8 , S. 50. 24 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Grund handelt es sich beim sozialen Gedächtnis um das Kurzzeitgedächtnis der Gesellschaft. 59 Jenem steht laut Aleida und Jan Assmann das kulturelle Gedächtnis 60 als langfristiges Pendant gegenüber: Das kulturelle Gedächtnis beruht auf Symbolen, Medien und Praktiken, die transferiert und tradiert werden können. Dadurch besteht das Milieu aus der Gruppe, die sich mit diesen Symbolen identifiziert und sie reproduziert. Als Stütze dienen dabei die individuellen Gedächtnisse der Individuen, welche der Gruppe angehören, die die Symbole kommuniziert. 61 »In der Dimension des ›kulturellen Gedächtnisses‹ dehnen sich also der Trägerkreis des Gedächtnisses sowie sein Zeitradius und seine Dauerhaftigkeit schlagartig aus. Während das soziale Gedächtnis eine durch Zusammenleben, sprachlichen Austausch und Diskurse hervorgebrachte Koordination individueller Gedächtnisse ist, beruht das kollektive und kulturelle Gedächtnis auf einem Fundus von Erfahrung und Wissen, der von seinen lebendigen Trägern abgelöst und auf materielle Datenträger übergegangen ist. Auf diese Weise können Erinnerungen über die Generationenschwelle hinweg stabilisiert werden. Während das soziale Gedächtnis mit den Menschen, die es stützen, immer wieder vergeht, bieten kulturelle Symbole und Zeichen eine dauerhaftere Stütze.« 62 Aleida Assmann beschreibt das kulturelle Gedächtnis somit als eine entfristete, transgenerationelle Instanz, die sich auf materielle Träger, also Gegenstände stützt. Des Weiteren sei die Kommunikation durch Symbole und Zeichen geprägt und Monumente, Riten, Texte und Bilder nehmen eine besondere Rolle ein. Materielle Gegenstände müssen dabei bewahrt werden, damit jene als Erinnerungszeichen fungieren können. Gegenstände mit Wert – egal ob diese funktional, materiell oder sentimental sind – werden zumeist in neue Kontexte transferiert und nicht zerstört. Ein Kontext – meist der finale – ist das Archiv oder Museum, da in diesen die Dinge in einen anderen Kontext eingebettet und aufbewahrt werden. Archive und Museen dienen somit als»kulturelle Orte, an denen eine Gesellschaft die Überreste und Spuren der Vergangenheit aufbewahrt, nachdem diese ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben.« 63 Aleida Assmann schreibt dem Museum dabei eine entscheidende Rolle zu, da in diesem Spezialisten arbeiten, die den Überresten der Vergangenheit, welche ihren Bezug und eigentlichen Kontext verloren hätten, nun neu deuten würden. 59 Vgl. Aleida Assmann, Der lange Schatten, S. 28. 60 Zum Forschungsstand zu Gedächtniskonzepten empfiehlt sich die Einführung von Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2017 3 , S. 35–92. 61 Vgl. A. Assmann, Der lange Schatten, S. 33. 62 Ebd., S. 34. 63 Ebd., S. 54. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 25 »Die museale Aufarbeitung kann aufklärerisch sein, mythenbildend, einem freiheitlich-­ demokratischen Bildungsauftrag folgen, die Erinnerung bewahren und die historische Wahrheit vor dem Vergessen, Verdrängen oder der Verklärung retten helfen. In jedem Fall bestimmt die Art und Weise dieser Aufarbeitung die politische Gegenwart und ihren Problemhaushalt wesentlich mit. Zeitgeschichtliche Museen sind dabei immer Einflussgrößen ersten Ranges gewesen, mit denen und in denen um die Deutungshoheit über die Geschichte und das kollektive Gedächtnis und damit über die Gegenwart gestritten wurde und wird. Sie sind symbolische Mächte, die die politischen Machtkonstellationen und zeitweilig sogar die politische Agenda ihrer Länder mitprägen können.« 64 Die Konzepte der Geschichtskultur und auch des kulturellen Gedächtnisses lassen sich somit wie gezeigt auf das Museum übertragen, beispielsweise anhand der Sammlungen und Ausstellungen im Hinblick auf das Element der Medien nach Schönemann. Für das kulturelle Gedächtnis und die Geschichtskultur nehmen Museen also eine zentrale R­ olle ein. Wie das Karl-Marx-Haus zu einem Museum wurde, soll im folgenden Kapitel dargelegt werden. 64 Hans-Joachim Veen, Der Kommunismus im Museum, in: Volkhard Knigge / Ulrich Mählert(Hrsg.), Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005, S. 15–18, hier S. 16. 26 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 3. Das Karl-Marx-Haus in Trier »In der ›Brückergasse‹ 664, heute Brückenstraße 10, stand 1818 die Wiege« von Marx. »Obwohl er in einem anderen Haus – in unmittelbarer Nähe der Porta Nigra – aufwuchs, wird es inzwischen allgemein das ›Karl-Marx-Haus‹ genannt.« 65 Jenes Karl-Marx-Haus wird in diesem Kapitel näher vorgestellt. Dabei werden sowohl die Geschichte des Gebäudes seit dem 18. Jahrhundert sowie seine spätere Rolle als umkämpftes politisches Symbol betrachtet als auch die ab 1968 bestehende Funktion als Museum, wobei der Fokus aufgrund der Zielsetzung der Arbeit auf die Rolle als Museum gelegt werden soll. Des Weiteren wird die konzeptionelle Planung der 1930 angedachten Dauerausstellung vorgestellt, da sie im späteren Analyseteil nicht untersucht werden kann, weil jene nie eröffnet wurde. Das Gebäude, in dem Karl Marx 1818 auf die Welt kam, wurde 1727 von einer Beamtenfamilie namens Polch 66 in einer Phase des Wiederaufbaus errichtet. Nachdem die Stadt Trier unter den Kriegen des 17. Jahrhunderts gelitten hatte und große Teile der Stadt von den Kriegen gezeichnet waren, konnte sich die Stadt erst unter der Führung von Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg, welcher von 1716 bis Ende der 1720er Jahre Kurfürst und Erzbischof gewesen ist, wirtschaftlich erholen. Das Karl-Marx-Haus fügte sich dabei durch seinen Baustil in die Baukunst der Stadt Trier ein: Jene erlangte vergleichsweise spät – erst in den 1720er Jahren – zumindest entlang der Hauptstraßen ein barock­ geprägtes Stadtbild. 67 Da die Errichtung des Karl-Marx-Hauses genau in diese Zeit fiel, zeichnet es sich durch einen barocken Stil aus und ist den zweistöckigen Mansarddachhäusern 68 zuzuordnen, welche ebenfalls eine repräsentative Funktion nach außen innehatten. Dennoch kommt Jürgen Herres zu dem Schluss, dass das Karl-Marx-Haus»ein bürgerliches Wohnhaus[war], seine Dimensionen waren bescheiden und seine Gestaltung zweckmäßig.« 69 65 Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 7. 66 Zu einer Betrachtung der Familie Polch, welche hier jedoch zu weit weg von der Zielsetzung der Arbeit führen würde, siehe ebd., S. 11–13. 67 Vgl. ebd., S. 11–15. 68 »Seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert hatte sich im Wohnhausbau ein neuer Typus durchgesetzt: das Mansarddachhaus mit und ohne Dachgiebel und mit geschmücktem Portal. Die Vorliebe jener Zeit, die Persönlichkeit nach außen prunkvoll zur Geltung zu bringen, führte dazu, in das Portal des Hauses einen Schwerpunkt der architektonischen Leistung zu verlegen und den Besitzer und Erbauer durch Prunkwappen und Inschrift zu kennzeichnen. Die in Frankreich neu geschaffene Form des Mansarddachs, das eine gebrochene, oben eine flachere und unten eine steiler geneigte Fläche hat, wurde zu einem wichtigen Kennzeichen der Bauten im ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert.« Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 15. 69 Ebd., S. 15. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 27 Obgleich es repräsentative Charakteristika besaß, war es nicht in dem Maße imposant wie die Bauten des Adels und eher auf die Wohnbedürfnisse des Bürgertums ausgelegt. So setzte bereits die Beamtenfamilie Polch auf häusliche Selbstversorgung: Schon zu ihrer Zeit wurden Vorrats- und Lagerräume und eine Kammer für die Dienstboten neben den Wohnräumen der Familie eingerichtet. Der Haushalt war auf Vorratswirtschaft und Haustierhaltung ausgelegt, wodurch sich ein stark autarker Lebensstil ergab – typisch für die Stadt Trier in dieser Zeit. Des Weiteren verfügte es über ein Hintergebäude und womöglich auch zu diesem Zeitpunkt über Nebengebäude. Spätestens ab 1777 befand sich das Karl-Marx-Haus im Besitz der streng katholischen Johanna Catharina Haas, die das Gebäude zunächst in ihrem 1788 angefertigten Testament der katholischen Kirche vermachte, letztendlich dann aber 1802 selbst der Pfarrkirche St. Laurentius s­ tiftete. Nachdem am 9. August 1794 französische Revolutionstruppen in Trier einmarschierten, begann ein Umbruch, der die Stadt aus der kurfürstlichen Zeit hinausführen und grundlegende gesellschaftspolitische Veränderungen auslösen sollte. Im Laufe des Jahres 1802 begann die nun eingerichtete französische Verwaltung den Besitz der ansässigen Klöster zu beschlagnahmen und zu versteigern: darunter auch das Karl-Marx-Haus. Jenes wurde 1805 von dem Apotheker Franz Martin Peillers ersteigert, in welchem er sich dann mit seiner Frau zur Ruhe setzte. Als am 6. Januar 1814 alliierte Truppen in die Stadt einzogen, endete bereits nach weniger als 20 Jahren die napoleonische Herrschaft in Trier – die Stadt wurde nach einer Übergangsphase im Mai 1815 daraufhin preußisch. 70 Am 1. April 1818 – nachdem die Familie Peillers verstorben war – bezog der jüdische Advokat Heinrich Marx mit seiner Familie das Haus. Als Jude hatte es Heinrich Marx nicht einfach, seinen Berufswunsch des Rechtsanwaltes zu verfolgen: in Preußen d­ urfte er aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht promovieren; als er sich in Osnabrück beim Gericht als Dolmetscher verdingte, wurde ihm das Examen als Notar-Anwärter verwehrt. Schließlich musste er in Koblenz 1813 ein Certificat de Capacité erwerben, mit dem er zumindest als Avoué 71 arbeiten durfte. Erst durch sein Konvertieren zum Protestantismus konnte er seiner Tätigkeit nachgehen und wurde 1820 als Advokat-Anwalt am Landgericht Trier zugelassen. Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 um zwei Uhr morgens in der Brückengasse 664 geboren – wahrscheinlich im heutigen Ausstellungsraum 11 im ersten Obergeschoss des Karl-Marx-Hauses. Wie die späteren Analysen der Dauerausstellungen zeigen werden, 70 Vgl. ebd., S. 15–18. 71 Niedriggestellter Anwalt, der den Prozess vorbereiten durfte und für Schriftsätze und Anträge verantwortlich war, jedoch nicht wie die höhergestellten Advokaten Plädoyers halten durfte. 28 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 greifen jene diese Vermutung auf und nutzen das Geburtszimmer gestalterisch. 1839 kaufte der damalige Handwerker Johann Nicolaus Müller das Haus. Die frühere Brücken­ gasse – zu diesem Zeitpunkt bereits umbenannt in Brückenstraße –, in der sich das KarlMarx-Haus befand, wies in jener Zeit große Kontraste auf: einerseits gutbürgerliche Häuser wie das Marx-Haus, aber auch weiter unten in Richtung Moselufer Baracken und Bettlerheime, in denen Menschen unter erbärmlichsten Zuständen lebten. 72 Ende des 19. Jahrhunderts kaufte die Tierarztfamilie Meiners dann das Gebäude und vermietete zwei Zimmer des Hauses, da Wohnraum teuer war, während die Familie selbst das Haus nicht nur als Wohn- sondern auch als Gewerberäumlichkeit nutzte. 73 Friedrich Schnetter war 1904 nach vielen Jahren der erste, der sich für das Karl-MarxHaus interessierte – und dieses ausfindig machte. Bei seinen Nachforschungen stieß er auf eine Zeitungsanzeige von Heinrich Marx in der Trierischen Zeitung vom 5. April 1818, in der er bekanntgab, dass er und seine Familie das Haus in der Brückenstraße beziehen würden. »Nun erst konnte das Karl-Marx-Haus auch eine politische Bedeutung erlangen und zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung werden. Mit wachsender Bedeutung von Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung wurde das Haus zu einem umkämpften politischen Symbol.« 74 Stetiger Teilnehmer jenes Kampfes war die SPD. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands entdeckte Marx Anfang des 20. Jahrhunderts wieder, was sich auch auf die Geschichte des Karl-Marx-Hauses niederschlagen sollte. »In Trier fanden sich die ersten Sozialdemokraten genau in der Phase zusammen, in der sich die Partei den Lehren von Karl Marx zu öffnen begann. Theoriefragen spielten für die Trierer keine große Rolle, aber um so wichtiger wurde für ihr Selbstverständnis von vornherein die Tatsache, in der Geburtsstadt von Karl Marx politisch zu arbeiten.« 75 Am 26. April 1928 kaufte die SPD dann das Geburtshaus von Karl Marx, worüber in der von den Trierer Sozialdemokraten publizierten Volkswacht berichtet wurde. Auch die Kommunistische Partei(KPD) war bestrebt, das Gebäude zu kaufen, da sie – wie ebenfalls die SPD – die sozialistische Arbeiterbewegung und das Vermächtnis des Karl Marx für sich beanspruchte. Jedoch überbot die SPD die KPD mit einem Angebot von 93.739 Goldmark. Der seit 1923 Mitglied der SPD und in Trier ansässige jüdische Architekt Gustav Kasel führte dabei die Kaufverhandlungen mit den Eigentümern. Er war außerdem später dafür verantwortlich, dass das Haus in barockem Stil restauriert ­wurde. 72 Vgl. Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 20–24. 73 Vgl. ebd., S. 28. 74 Ebd., S. 45. 75 Ebd., S. 46. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 29 Dabei ist jedoch herauszustellen, dass Kasel nur erahnen konnte, wie das Gebäude ursprünglich aussah. Durch die, in den vorherigen 150 Jahren durchgeführten, baulichen Maßnahmen unterschieden sich die Fassade und auch das Innere des Hauses teilweise stark von ihrem Ursprungszustand.»Das sich heute darbietende, 1930/31 hergestellte Äußere des Hauses stellt deshalb letztlich ein Stück Architekturpoesie dar.« 76 Der Kauf des Karl-Marx-Hauses durch die SPD ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass man der marxistischen Tradition treu bleiben wollte. Somit war Karl Marx ein Symbol für die Einigung der marxistischen Tendenzen und des sozialdemokratischen P­ arteisozialismus. Abb. 1: Das 1727 errichtete Karl-Marx-Haus präsentiert sich auch noch heutzutage – trotz mehrfacher Umbauten – in seinem barocken Baustil mit den damals typischen zweistöckigen Mansarddachhäusern. 76 Ebd., S. 51. 30 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Im Dezember 1930 vermeldete die sozialdemokratische Volkswacht, dass Trier ein Marx-Museum erhalten sollte, welches im Mai 1931 eröffnet werde. Die benötigten Exponate sollten aus dem sozialdemokratischen Parteiarchiv in Berlin beschafft werden, wo bereits Ende 1930 ein Ausschnitt der geplanten Ausstellung gezeigt wurde. 77 Die ­erste Ausstellung im angedachten»Haus der Arbeiterschaft« und»Marx-Museum« ­sollte im Mai 1931 eröffnet werden. Thematisch sollte sich diese mit den Anfängen des Marxismus bis hin zu seiner Ausprägung in der»sozialistischen Weltbewegung« beschäftigen. Die notwendige Expertise holte man mit Boris Nicolaevsky und Otto Maenchen-­ Helfen ein; diese hatten in den 1930er Jahren eine Marx-Biografie veröffentlicht und wurden vom Parteivorstand der SPD in eine vorbereitende Kommission berufen, die die Ausstellung konzeptionell betreuen sollte. Ausstellungsgrundlage sollte die Sammlung des sozialdemokratischen Parteiarchivs sein: Dokumente, Bücher und Manuskripte von Marx und seinen Zeitgenossen wurden ergänzt durch Gemälde, Fotos und Büsten von Marx und Engels. Auffällig ist dabei, dass sich das Ziel, ein»Haus der Arbeiterschaft« zu kreieren, auch auf die Ausstellung niederschlug: Nicht nur Marx stand als Persönlichkeit im Zentrum, auch August Bebel, Ferdinand Lasalle und andere wurden thematisiert und mit Exponaten bedacht. Das Ausstellungskonzept sah dabei vor, dass Marx’ Leben sowie das Wirken von Marx und Engels in den Revolutionsjahren 1848/49 im Fokus stehen sollten. Besonders waren die Überlegungen zum Geburtsalkoven und einem»Familienzimmer«. Während letzteres die Besucher_innen mit authentischer Biedermeiereinrichtung in die damalige Zeit zurückversetzen sollte, sollte der Geburtsalkoven lediglich mit einigen Leuchtern erhellt werden – ein Stück Sakralität in der Ausstellung. 78 Auch der Rundgang war bereits geplant: So sollte im Erdgeschoss neben dem Empfangsraum, wo man Schriften, Bilder und Objekte kaufen könnte, eine Marx-Engels-Bibliothek mit zwei Bibliotheksräumen eingerichtet werden. Im ersten Obergeschoss befanden sich dann die eigentlichen Ausstellungsräume, wobei der Rundgang mit dem Geburtszimmer beginnen und durch das sogenannte»Familienzimmer« führen sollte, in dem Marx’ Jugendzeit im Vordergrund stehen und mit Familiengemälden und-andenken, sowie einer Biedermeier­ einrichtung visuell und gestalterisch unterstützt werden sollte. Im anschließenden Raum sollten in mehreren Ausstellungsvitrinen Bilder, Briefe, Bücher, Zeitungsbände, Broschüren und Dokumente gezeigt werden, die Auskunft über sein Leben bis zur Februar­ revolution 1848 geben. Die Zeit der Revolutionsjahre 1848/49 sowie Marx’ und Engels’ Wirken in dieser Zeit sollten im nächsten Raum thematisiert werden. Im Hinterhaus 77 Vgl. ebd., S. 47–53. 78 Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 231 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 31 stünde dann die Wirkung der marxschen und engelschen Ideen sowie ihre Weiterentwicklung – speziell durch die Sozialdemokratie – im Vordergrund. In jenem Hinterhaus sollte dann im Erdgeschoss zusätzlich ein kleiner Tagungsraum und im Dachgeschoss das Magazin untergebracht werden.»Geplant war ohne Zweifel ein historisch-didaktisches Museum, das Karl Marx nicht zuletzt als ›Vorkämpfer‹ der deutschen Sozial­ demokratie und der 1923 gegründeten Sozialistischen Arbeiterinternationale herausstellen sollte.« 79 Zu dieser Ausstellung im»Marx-Museum« kam es jedoch nie. Zunächst musste die Ausstellungseröffnung aufgrund von Renovierungsarbeiten verschoben werden, dann verhinderten die Wirtschaftskrise und andauernde Ausschreitungen in Folge des Endes der französischen Besatzung die Eröffnung, bis schließlich die Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht nur den neuen Eröffnungstermin am 14. März 1933 – dem 50. Todestag von Marx – verhinderte, sondern auch generell die Umsetzung der geplanten Ausstellung. Die NSDAP beschlagnahmte das Gebäude und verlegte die Redaktion ihrer Trierer Tageszeitung Nationalblatt dorthin. 80 Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich die Trierer SPD darum, das von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Gebäude wieder in den eigenen Besitz zu überführen. Die Besatzungsmächte übergaben das Karl-Marx-Haus auch wieder in die Obhut der Sozialdemokraten, welche sofort damit begannen, das Gebäude zu reparieren, da es sich hierbei ihrer Ansicht nach»um einen Mittelpunkt politisch-weltanschaulicher Art« handelte. 81 Von 1945 bis 1947 erfuhr Trier eine Marx-Renaissance, welche jedoch nur eine kurzfristige Episode darstellte. Bereits im Laufe des Jahres 1947 ließ diese Euphorie nach und das Interesse an Marx ebbte ab.»In den 1950er- und 1960er-Jahren traten Marx und sein Geburtshaus völlig in den Hintergrund. In den Zeiten des Kalten Krieges war eine differenzierte Sicht auf den Marxismus in der westlichen Welt nicht möglich.« 82 Das Jahr 1968 stellte für das Karl-Marx-Haus eine Zäsur in positiver Hinsicht dar. Die UNESCO als Sonderorganisation der Vereinten Nationen richtete anlässlich des 150. Geburtstages von Karl Marx ein internationales Symposium mit Ernst Bloch als Hauptredner in Trier aus. Mehrere lokale Institutionen schlossen sich der Aufbruchsstimmung an, Marx wurde wiederentdeckt und Trier marxbewusst. Das Karl-Marx-Haus sollte 79 Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 54. 80 Dietzen / Neu, S. 231 f; sowie Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 54 f. Für eine Darlegung der Geschichte des Karl-Marx-Hauses in der Zeit des Nationalsozialismus siehe Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 56–60. 81 Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 61. 82 Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 233 f. 32 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 daraufhin – nun auch wirklich – nicht nur ein Museum werden, sondern auch ein Studienzentrum mit überregionaler Bedeutung. Georg Eckert, Präsident der UNESCO-­ Kommission und Vorsitzender der Historikerkommission beim Parteivorstand der SPD entwickelte mit anderen Experten ein Konzept für die neu zu schaffende Ausstellung. Jene sollte über den Komplex»Marx und Trier« hinausgreifen und der internationalen Bedeutung Rechnung tragen. Aus diesem Grund rückten auch Marx’ Schriften mit internationalem Stellenwert – allen voran das Manifest der Kommunistischen Partei und Das Kapital – in den Blickpunkt, genauso wie das Wirken von Karl Marx in der Revolution. Schließlich wurde Hans Pelger, damals junger Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-­ Stiftung, später Direktor des Karl-Marx-Hauses, mit dem Auftrag betreut, dieses Ausstellungskonzept in die Tat umzusetzen. Dabei hatte Pelger in der konkreten Ausgestaltung relativ freie Hand. Er verfolgte das Ziel, historische Dokumente über die Person Karl Marx zusammenzutragen, wie es Wirtschafts-, Sozial- und Philosophiehistoriker jeweils für ihre Disziplin tun würden. Dabei sollte auf eine ideologische Interpretation bzw. Deutung von Marx verzichtet werden, da man dies im Widerspruch zum internationalen Anspruch sah. 83 1968 eröffnete Willy Brandt, damaliger Außenminister und Parteivorsitzender der SPD, die neue Ausstellung im Karl-Marx-Haus, geschützt von einem Polizeigroßaufgebot, da währenddessen auf der Straße vor dem Gebäude ca. 400 Jugendliche gegen die sozialdemokratische Interpretation protestierten. Die Eröffnung fiel nämlich in die Hochphase der Studentenbewegung. Die studentischen Gruppierungen kritisierten unter anderem die»Besetzung des Karl-Marx-Hauses durch die Bourgeoisie«. 84 Die Konzeption der 1968er Ausstellung sah eine Schwerpunktsetzung auf den jungen Marx vor – nicht zuletzt aufgrund der politischen Lage im geteilten Deutschland. Während Marx als Politikökonom in Ostdeutschland Element der politischen Indoktrina­ tion und Propaganda war – und somit im Westen kritisch gesehen wurde – war der jun­ ge Marx politisch nicht so umstritten und aufgeladen. In der Dauerausstellung wurde sich daher auch der historischen Persönlichkeit Marx möglichst wertungs- und ideologiefrei gewidmet. Aus diesem Grund hatte die Ausstellung, wie Dietzen und Neu heraus­ stellen, fast ausschließlich dokumentarischen Charakter. Die Ausstellung entwickelte sich dabei mit der Zeit weiter: Die im Laufe der Jahre akquirierten Originalausgaben der Werke von Marx und Engels wurden in die laufende Ausstellung integriert, bis die Dauerausstellung zum 100. Todestag von Karl Marx im März 1983 schließlich neu konzipiert und überarbeitet im renovierten Karl-Marx-Haus wiedereröffnet wurde. Um der 83 Ebd., S. 234 f; sowie Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 71 f. 84 Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 235. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 33 neuen Dauerausstellung mehr Fläche bieten zu können, wurde nur einige Meter entfernt das Studienzentrum gegründet, in das die Bibliothek, sowie Büro- und Verwaltungsräume ausgelagert wurden. Nach einem Jahr der Renovierung war die Ausstellungsfläche auf insgesamt 450 m 2 angewachsen und bot den Besucher_innen eine komplett neue Dauerausstellung. 85 Zuvor wurde das Karl-Marx-Haus Ende Mai 1981 offiziell der Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben – mit positiven Folgen. Nun hatte das Museum durch die Anbindung an die Stiftung nicht nur eine gesicherte Finanzierung, sondern auch bessere Möglichkeiten des wissenschaftlichen Austausches. 86 Infolgedessen betrieb man seit den 1970er Jahren eine historisch-kritische Forschung 87 zur Entstehung des modernen Sozialismus und den Anfängen des demokratischen Internationalismus. Das Marx-Haus verstand dabei unter historisch-kritischer Forschung die Nutzung der Marx-Engelschen Originalausgaben und deren Einordnung in den historischen Kontext, um die Denkweise der Zeit zu verstehen. Die öffentliche Präsenzbibliothek mit ihren 30.000 Bänden orientierte sich an der Forschung des Hauses. 88 Die 1983 eröffnete Dauerausstellung nahm wie die von 1968 eine Marx-Biografie als Textgrundlage: in diesem Fall die 1974 erschienene Marx-Biografie des britischen Historikers David McLellan. Zusätzlich flossen Ergebnisse der hauseigenen Forschung in die Ausstellung ein. 89 Die politische Wende 1989/90 wirkte sich zwar nicht auf die Konzeption, wohl aber auf die Besucherzahlen und die Rezeption der Ausstellung aus. Während die Zahl der Besucher_innen stetig sank, nahm die Kritik zu, dass die Ausstellung die Weiterentwicklung von Marx’ Ideen im 20. Jahrhundert ebenso wenig thematisierte, wie sie die Gegenwart betrachtete. Das Karl-Marx-Haus sah die Notwendigkeit, die Dauerausstellung zu überarbeiten. Für die Konzeption war die Nachfolgerin von Hans Pelger zuständig: Beatrix Bouvier, eine auf DDR-Geschichte spezialisierte Historikerin. Im Jahr 2003 begann sie – unterstützt von einem wissenschaftlichen Team der Friedrich-­ Ebert-Stiftung – die neue Dauerausstellung zu konzipieren, welche im Juni 2005 der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. 90 2009 erlebte das Karl-Marx-Haus weitere strukturelle Änderungen: In diesem Jahr schied Beatrix Bouvier als Leiterin aus und die 90.000 Bände umfassende Bibliothek wurde an 85 Ebd., S. 236 f. 86 Vgl. Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 74. 87 Museen haben dabei oftmals eine forschende Funktion. Siehe zur Forschung in Museen: Markus Walz, Forschungsgattungen – Forschungsmuseen – Forschung in Museen, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 202–206. 88 Karl-Marx-Haus, Gang durch das Geburtshaus, S. 20 f. 89 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 237. 90 Vgl. ebd., S. 239 f. 34 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 das Archiv der sozialen Demokratie in Bonn unter der Leitung der Friedrich-Ebert-Stiftung übergeben. Des Weiteren schloss man das Studienzentrum, da es keine Forschungsstelle mehr gab und externe Wissenschaftler_innen das Studienzentrum weniger nutzten. Das alte Gebäude wurde verkauft und stattdessen ein anderes für die Verwaltung und Büroräume angemietet. Demgegenüber erfreute sich das Museumskonzept der 2005er Ausstellung laut Dietzen und Neu großer Beliebtheit, sodass jährlich 40.000 Besucher_innen gezählt wurden, von denen mehr als die Hälfte aus dem Ausland stammte, womit der hohe internationale Stellenwert des Hauses deutlich wird. 91 Generell lässt sich zu den Besucherzahlen sagen, dass zwar in den frühen 1960er Jahren nur rund 1800 Personen jährlich das Karl-Marx-Haus besuchten, sich dies jedoch aufgrund der Dauer­ ausstellungen wandelte. Seit der 1968er Ausstellung stiegen die jährlichen Besucherzahlen lange Zeit stetig an. Begrüßte man in den 1980er Jahren fast 27.000 jährlich, waren es 1984 nach der Eröffnung der neuen Dauerausstellung mehr als 50.000. Ab 1989 war dann ein deutlicher Einbruch der Besucherzahlen festzustellen: Da das sozialistische Gesellschaftssystem zusammenbrach, blieben organisierte Besuchergruppen aus Osteuropa und der DDR aus. Generell ging nach dem Untergang des realsozialistischen Gesellschaftssystems das Interesse an Marx zunächst zurück. 92 Die 2018 eröffnete Dauerausstellung fiel dabei mit dem Marx-Jahr zusammen, in welchem das 200-jährige Jubiläum von Marx’ Geburtstag gefeiert wurde. Vor diesem Hintergrund wurden in Trier zahlreiche Ausstellungen eröffnet – selbstverständlich auch im Karl-Marx-Haus. Hier sah man das Jubiläum als Anlass, die Dauerausstellung neu zu konzipieren. Das Karl-Marx-Haus verfolgt dabei die Zielsetzung: »Die Beschäftigung mit der Marxschen Analyse des Kapitalismus soll heutige Besucher des Museums in seinem Geburtshaus anregen, kritische Fragen an unsere Gesellschaft zu richten und mit politischem Engagement Lösungsvorschläge für die sozialen Probleme unserer Zeit und unserer Zukunft zu erarbeiten.« 93 Ferner lädt das Karl-Marx-Haus regelmäßig zu Sonderveranstaltungen bei Jubiläen ein, hält Debatten und Symposien ab, richtet jährlich im Mai den Internationalen Museums­ tag aus und nimmt im September an der Trierer Museumsnacht teil. Des Weiteren zeigt das Karl-Marx-Haus auch Sonderausstellungen, diese werden jedoch aufgrund der Zielsetzung der Untersuchung an dieser Stelle nicht weiter thematisiert. Stattdessen wird sich folgend den Dauerausstellungen im Hinblick auf die vermittelten Marx-Narrative gewidmet. 91 Vgl. ebd., S. 241 f. 92 Vgl. ebd., S. 238; Über die Besucherzahlen seit der Eröffnung der 2005er Ausstellung und auch der späteren 2018 eröffneten Dauerausstellung liegen leider keine Angaben vor. 93 Ebd., S. 242. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 35 4. Analyse der Dauerausstellungen Inwiefern sich das Marx-Bild im Laufe der Zeit wandelte, soll in diesem Kapitel anhand der vier im Karl-Marx-Haus gezeigten Dauerausstellungen untersucht werden. Auf diese Weise lässt sich – zumindest für jene Institution – die museale Vermittlung von Karl Marx über eine Zeitspanne von 50 Jahren betrachten: von der ersten Ausstellung im Jahre 1968 bis hin zur aktuellen Dauerausstellung, die 2018 eröffnet worden ist. Nachfolgend sollen die Dauerausstellungen in chronologischer Reihenfolge – beginnend mit der ältesten von 1968 – im Hinblick auf die vermittelten Marx-Narrative analysiert werden, da diese das vermittelte Bild von Marx aufzeigen können. Dabei wird die inhaltliche Vermittlung verbunden mit der Ausstellungsgestaltung analysiert, da die gestalterischen Maßnahmen die Vermittlung jener Narrative unterstützen und eine voneinander isolierte Betrachtung der beiden Komponenten – Inhalt und Gestaltung – dem Medium Ausstellung widersprechen würde, weil hier die Erzählung im Raum stattfindet. 94 Herauszustellen ist zu Beginn, dass folgend nicht der Inhalt der Ausstellungen wiedergegeben werden soll. Es werden zwar einige inhaltliche Schlaglichter geworfen, jedoch nur wenn dies nötig ist, um die konstruierten Marx-Narrative darzulegen. Eine biografische Aufarbeitung von Marx, sowie eine Darlegung seines Werkes und der Wirkung, wie sie die Dauerausstellungen als Ziel haben, soll in dieser Arbeit nicht geschehen, sodass hier auf die einschlägige Literatur verwiesen wird. 95 4.1 Der unpolitische Sozialdemokrat – die Dauerausstellung von 1968 »Das politische und ideologische Freund-Feind-Denken, das in der Ära des Kalten Krieges vorherrschend wurde, ließ eine differenzierte Sicht des Marxismus nicht zu.« 96 Wie bereits im dritten Kapitel erklärt, wurde anlässlich des 150. Geburtstages von Karl Marx in Trier ein internationales Symposium von der UNESCO veranstaltet. Die SPD sah sich dadurch in der Pflicht, eine präsentable Ausstellung in Marx’ Geburtshaus zeigen 94 Vgl. Flügel, Einführung Museologie, S. 110. 95 Dietmar Dath, Karl Marx. 100 Seiten, Stuttgart 2018; Jan Gerber, Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus, München 2018; Michael Heinrich, Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft. Biographie und Weiterentwicklung. Band 1: 1818–1841, Stuttgart 2018; Jochen Dahm / Frank Decker /​ ­Thomas Hartmann(Hrsg.), Klasse, Kapital und Revolution. 200 Jahre Marx. Bonn 2018; Britta Marzi(Hrsg.), Ein Bild von Karl Marx…entwerfen. Kunst_historische Perspektiven. Dokumentation des Symposiums am 7. Mai 2016 im Karl-Marx-Haus in Trier, Bonn 2018; Wilfried Nippel, Karl Marx, München 2018; Gareth Stedman Jones, Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, München 2012; Uwe Wittstock, Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs, München 2018. 96 Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 68. 36 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 zu können, und übergab das Haus in die Obhut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese beauftragte Hans Pelger, Historiker und Mitarbeiter der Stiftung, mit der Aufgabe, das von Georg Eckert entworfene Ausstellungskonzept, welches die internationale Bedeutung Marx’ anhand seiner Werke betonte, umzusetzen. 97 Dabei verfolgte Pelger – wie bereits dargelegt – das Ziel, historische Dokumente über die Person Karl Marx zusammenzutragen, ohne eine ideologische Interpretation vorzunehmen. 98 Aufgrund der bereits angesprochenen recht lückenhaften Überlieferung 99 der 1968 eröffneten Dauerausstellung lassen sich lediglich Aussagen über die behandelten Themen jener Ausstellung, die Raumaufteilung und die verwendeten Exponaten treffen; jedoch leider nicht im Hinblick auf die sprachliche Gestaltung der Texte, sodass auch nicht aus der Ausstellung zitiert werden kann. Infolgedessen lässt sich aus heutiger Sicht lediglich ein in der Ausstellung vermitteltes Narrativ – dafür ein umso prägenderes – rekonstruieren: der unpolitische aber zugleich sozialdemokratisierte Marx. Aus diesem Grund sollen im weiteren Verlauf nicht – wie bei den anderen Ausstellungen – die Narrative als strukturierende Elemente der Ausstellungsanalyse fungieren, sondern sich an der thematischen Raumaufteilung orientiert werden. Abb. 2: Grundrisse des Erdgeschosses und des ersten Obergeschosses des Karl-Marx-Hauses. 97 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 234 f. 98 Vgl. Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 72. 99 Siehe Kapitel 2.1 dieser Arbeit. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 37 Im ersten thematischen Ausstellungsraum der 1968er Dauerausstellung, insgesamt der zweite Raum des Karl-Marx-Hauses, 100 wird Karl Marx’ Herkunft thematisiert. Neben seinen Eltern steht dabei auch seine jüdische Herkunft im Vordergrund: So wird g­ enauer darauf eingegangen, dass Heinrich Marx, Karls Vater, jüdischer Anwalt gewesen ist, der erst 1818/19 zum protestantischen Christentum konvertierte; Karl und seine Geschwister wurden später 1824/25 ebenfalls getauft. Um die familiäre Herkunft von Karl Marx authentisch zu vermitteln, nutzt die Ausstellung verschiedene Exponate, wie beispielsweise die Heiratsurkunde der Eltern, sowie eine Stammtafel und die Geburtsurkunde von Karl Marx, welche in Vitrinen anzusehen sind. Des Weiteren findet sich an der Wand ein Stadtplan des damaligen Triers, ergänzt durch verschiedene Gemälde der Stadt, um einen Einblick zu geben, in welcher Zeit Karl Marx aufwuchs. 101 Neben der familiären Herkunft widmet sich die Ausstellung im zweiten Raum ebenso den intellektuellen Persönlichkeiten, die einen Einfluss auf Heinrich Marx hatten. Wie die Ausstellung erklärt, verkehrte jener in einem Kreis fortschrittlich gesinnter und liberaler Bürger, welche sich mit der sozialen Frage beschäftigten. Eine wichtige Persönlichkeit für Heinrich Marx stellte dabei der Sozialreformer Ludwig Gall dar. Jener verbreitete das Gedankengut Saint-Simons in Deutschland und fungierte als geistiger Ideengeber für Heinrich Marx. Der Stellenwert Galls ist auch an der Gestaltung dieses Ausstellungsraumes zu erkennen: Neben einem an der Wand angebrachten Porträt, sind ebenfalls einige seiner Schriften in einer Vitrine ausgestellt. 102 Bereits im ersten thematischen Raum werden somit andere Autoren mithilfe von Bildern und Werken sehr prominent vorgestellt – ein Sachverhalt, der sich durch die gesamte Dauerausstellung zieht und aufzeigt, dass sich vermutlich an der geplanten Ausstellung von 1931 orientiert wurde. Jene sollte die Objektsammlung der SPD nutzen und nicht nur Marx in den Vordergrund rücken, sondern auch ein Museum der Sozialdemo­ kratie sein. Dieser thematische Fluchtpunkt und Sammlungscharakter der Ausstellung lässt sich an dieser Stelle bereits erkennen. Interessant ist zudem das Mobiliar des Zimmers, da dieses nicht wie ein moderner Ausstellungsraum eingerichtet ist, sondern wie ein Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts. Die hier aufgestellten Möbel stammen aus dem Trier der 1820er und 1830er Jahre, jedoch nicht aus dem Karl-Marx-Haus. Dadurch ist 100 Im ersten Raum ist lediglich die Anmeldung anzufinden. 101 Hier – wie auch in den anderen Ausstellungsräumen – lassen sich die unterschiedlichen Funktionen von Ausstellungstexten und Exponaten feststellen: Während die Ausstellungstexte die Narration der Ausstellung und Informationen vermitteln, dienen die Exponate dazu, die Authentizität jener Narration zu erhöhen und sie den Besucher_innen»greifbar« zu machen. Vgl. Monika Flacke, Ausstellen als Narration, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 253– 257, hier S. 256. 102 Karl-Marx-Haus, Gang durch das Geburtshaus, S. 3 f. 38 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 hier – im Vergleich zum Rest der Ausstellung – ein gewisser Grad von Inszenierung fest­ zustellen: Zwar handelt es sich nicht um eine detailgetreue historische Rekonstruktion, jedoch geht es über das Prinzip des reinen Ausstellens hinaus und versucht den Besucher_innen einen möglichst authentischen Eindruck des Wohnens im frühen 19. Jahrhundert zu vermitteln. 103 Im dritten Raum werden Marx’ Lebensanfang und-ende näher betrachtet. Hier werden die Schule und einige Lehrer als wichtige Referenzpunkte seiner Kindheit ausgemacht. Die Botschaft, dass jene für ihn äußerst bedeutend gewesen seien, wird durch zwei Porträts der Lehrer und seinem Reifezeugnis mit den schulischen Beurteilungen untermalt. Des Weiteren wird in diesem Raum auch seine Ehe mit Jenny von Westphalen mithilfe von verschiedenen Exponaten, beispielsweise frühen Porträts der beiden und einer Porträtgruppe der drei Töchter, thematisiert. Zudem versucht sich die Ausstellung sowohl dem Beginn wie auch dem Ende von Marx als Familienmensch zu widmen: So symbolisieren der ausgestellte Ehevertrag und die Heiratsurkunde den Beginn der Ehe sowie die Todesurkunden von Karl und Jenny das Ende. Außerdem ist in einer Vitrine die Ausgabe des Sozialdemokraten zu sehen, die sich mit Marx’ Begräbnis in London und der Grabrede Friedrich Engels’ beschäftigt. Darüber hinaus wird in diesem Ausstellungsraum auch Marx’ Lebensabschnitt in London präsentiert. Ein Stadtplan Londons mit Fotos und Texten thematisiert die durchaus wichtige Station seiner zweiten Lebenshälfte. Die Fotos von London symbolisieren seine Zeit als politischer Emigrant – ohne Einkommen und ohne Staatsangehörigkeit; eine Situation, die sich über lange Phasen seiner zweiten Lebenshälfte hinzog: So lehnte die britische Regierung 1874, auch nach 25 Jahren Aufenthalt, seine Einbürgerung ab. Seine preußische Staatsangehörigkeit gab Marx selbst auf – wie man an seinem Antrag an den Oberbürgermeister der Stadt Trier erkennen kann, der in einer Vitrine ausgestellt ist. Abschließend werden im dritten Raum seine finanzielle Situation und seine Beziehung zu Friedrich Engels mithilfe von zwei Originalbriefen Marx’ an Engels vermittelt: In jenen schildert Karl seine finanziel­ le Not. Im Zimmer sind dabei noch zwei weitere interessante Exponate zu finden, die jedoch vermutlich eher isoliert stehen: das erste Foto, das von Marx geschossen wurde, sowie der Nachruf auf Friedrich Engels im Wahren Jacob. 104 103 Siehe für die vier Typen der Inszenierung: Joachim Baur, Mit Räumen sichtbar machen: inszenatorisch-­ szenografischer Ansatz, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 261–266, hier S. 263. 104 Vgl. Karl-Marx-Haus, Gang durch das Geburtshaus, S. 5 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 39 Abb. 3: Der Geburtsalkoven, wo Karl Marx am 5. Mai 1818 das Licht der Welt erblickte. Im vierten Raum, welcher im ersten Obergeschoss des Hauses zu finden ist, wird der beruflich-politische Werdegang von Karl Marx näher beleuchtet. Das erste Exponat, das den Besucher_innen hier im Geburtszimmer von Marx präsentiert wird, ist die Marx-­ Büste von Gottfried Albert. Des Weiteren sind Stellwände installiert, die Auskunft über seinen Werdegang ab 1835 geben – also nachdem er die Stadt Trier verlassen hatte. Karl Marx begann in diesem Jahr sein Studium in Bonn und führte dies 1836 in Berlin fort, wo er in Kreisen der Junghegelianer um Bruno Bauer verkehrte. Hier begann auch seine Auseinandersetzung mit Hegels Didaktik, welche sich durch sein gesamtes Leben ziehen sollte. Im Ausstellungsraum wird auch seine Tätigkeit als Journalist der Rheinischen Zeitung thematisiert, jedoch ohne dazugehörige Exponate. Zusätzlich werden Vordenker und Zeitgenossen von Marx und Engels ergänzend hinzugezogen, um den Austausch der beiden zu kontextualisieren. Sie freundeten sich in Paris an und in dieser Zeit verfasste Friedrich Engels dann auch sein Werk Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Wie die Ausstellung erklärt, brachen sie durch ihre folgenden Gemeinschaftsarbeiten mit dem Hegelianismus und den Autoren des deutschen liberal-sozialistischen Vormärzes. Danach traten Marx und Engels dem Bund der Kommunisten bei und Marx gründete in Brüssel den Deutschen Arbeiterverein. 40 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Passend zu den unterschiedlichen Themen und Lebensabschnitten sind Vitrinen aufgestellt, die sich diesen Bereichen widmen.»In der ersten Vitrine sehen Sie die f­ rühesten sozialrevolutionären Schriften unserer Sammlung.« 105 So sind in dieser Originaltexte der Levellers, der Cromwell-Bewegung aus der englischen Revolution und soziale Utopien des 17. Jahrhunderts ausgestellt, um aufzuzeigen, dass Marx und Engels zwar Vordenker des Sozialismus und Kommunismus waren, sie jedoch auch auf andere Autor_in­ nen zurückgreifen konnten. In der zweiten Vitrine werden Werke von Karl Grün und des bereits genannten Junghegelianers Bruno Bauer gezeigt, die als erste Reaktionen bzw. Darstellungen des Sozialismus und Kommunismus präsentiert werden. Darüber hinaus sind Steckbriefe damals bekannter europäischer Kommunisten und Sozialisten in der Vitrine ausgestellt, die von den Polizeipräsidenten der Städte Berlin, Hannover, Wermuth und Stieber angefertigt wurden. Auf diese Weise wird neben dem großen Fokus auf die Werke auch auf den historischen Kontext eingegangen, in dem jene entstanden: politische Verfolgung. Die dritte Vitrine, welche in drei Etagen unterteilt ist, widmet sich den Vordenkern und Zeitgenossen von Karl Marx und Friedrich Engels. So werden in der oberen Etage deutsche Radikale des Vormärz vorgestellt, wie beispielsweise L­ udwig Feuerbach, Wilhelm Weitling oder auch Georg Herwegh. In der mittleren Etage wird sich sowohl den französischen Frühsozialisten um Claude Henry de Saint-­ Simon und Charles Fourier als auch englischen Utopisten um Robert Owen und ­William Thompson gewidmet. In der unteren Etage der Vitrine werden Vordenker und Quellen von Marx aus dem Feld der politischen Ökonomie vorgestellt. Die prominentesten sind dabei Adam Smith und David Ricardo, von denen auch jeweils Erstausgaben ihrer zentralen Werke in der Vitrine ausgestellt sind. Generell ist die dritte Vitrine hauptsächlich mit Erstausgaben der Werke und Porträts der vorgestellten Autoren bestückt, woraus ein deutlicher Personenfokus resultiert. Jene Autoren und Werke sollen symbolisch erklären, wie Marx zu seinen Ansichten gelangte: »Die Schriften in dieser Vitrine bestimmten die europäische sozialökonomische Diskus­ sion bis 1848. Mit ihrem Studium und in der Auseinandersetzung mit ihnen kristallisiert sich jener spezifische Kommunismus heraus, den Marx und Engels dann in ihren eigenen Arbeiten vertreten.« 106 Im zweiten Ausstellungsraum des Obergeschosses stehen Marx und sein politisches Engagement im Zentrum der Betrachtung. Da sich seine politischen Aktivitäten hauptsächlich – neben der Mitgliedschaft in einigen Arbeiterorganisationen – durch das Verfassen von Werken auszeichneten, nimmt das Manifest der Kommunistischen Partei 105 Ebd., S. 8. Diese scheinen jedoch eher willkürlich gewählt worden zu sein und werden – zumindest im Begleitheft – nicht näher kontextualisiert. 106 Ebd., S. 9. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 41 einen großen Teil des Raumes ein. Das Erscheinen des Manifests im Februar 1848 s­ tellte den Höhepunkt der marxschen und engelschen Aktivitäten im Bund der Kommunisten dar, dessen führende Mitglieder anhand von Fotos an den Wänden den Ausstellungsbesucher_innen vorgestellt werden. Betrachtet man jedoch die im Raum ausgestellten Exponate, fällt allein schon die Quantität der Ausgaben des Manifestes der Kommunistischen Partei auf: In einer großen Vitrine werden seltene Drucke des Kommunistischen Manifestes 107 gezeigt. Zu dieser präsentierten Sammlung gehören sowohl die frühesten deutschen Ausgaben wie auch Originalausgaben der in vielen Sprachen übersetzten Erstausgaben. 108 Die Veröffentlichung des Manifest s fiel in die Zeit der Februarrevolution in Frankreich, welche nach Deutschland überschwappte. Da Marx Brüssel verwiesen wurde, kehrte er zu dieser Zeit in das revolutionäre Deutschland zurück. Als dort die Revolution scheiterte, emigrierte Marx nach London und studierte dort ökonomische und politische Texte. Einige dieser Werke sind ebenfalls in einer Vitrine ausgestellt. »In der anderen kleinen Vitrine die größten Kostbarkeiten unseres Hauses: 2 handschriftliche Gedichtbände, 2 Originalfotos mit eigenhändigen Widmungen und 2 Briefe von Karl Marx im Original.« 109 Auffällig ist hierbei, dass diese Exponate, die in der Broschüre als»die größten Kostbarkeiten« beschrieben werden, vollkommen losgelöst von der restlichen Raumthematik stehen. Die Exponate widmen sich zwar eindeutig Marx, jedoch nicht seinem politischen Wirken. Gerade die zwei handschriftlichen Gedichtbände stehen quer zu der Thematik – ein Sachverhalt, der leider auch nicht durch die Begleitbroschüre aufgelöst wird. Diese scheinbare Unstimmigkeit würde vermutlich durch die Objekttexte gelöst werden, da sie offenbaren»ob und wie der Kurator verstan­ den werden will, ob bzw. was er vermitteln will« 110 ; leider sind sie jedoch wie eingangs erwähnt nicht überliefert. Des Weiteren ist eine von Gustav Seitz angefertigte Bronzegruppe von Marx und Engels in diesem Raum ausgestellt. Anschließend wird auf die Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation(IAA) 1864 in London eingegangen, da Marx durch das Verfassen des Programmes und der Statuten rasch zum führenden Kopf dieser sogenannten Ersten Internationalen wurde. Der Pariser Kommunenaufstand von 1871 ist dabei auch eng mit der IAA und Marx verbunden, welcher später die Schrift Der Bürgerkrieg in Frankreich verfasste. Im Ausstellungsraum sind dabei auch einige dazugehörige Exponate zu finden: So hängen 107 Unter diesem Namen veröffentliche die SPD von 1872 bis zum Ersten Weltkrieg das Manifest der Kommunistischen Partei. 108 Hier wird gänzlich auf die Authentizität der Exponate gesetzt, da gut ausgewählte Exponate die Eigenschaft besitzen, die Aufmerksamkeit der Besucher_innen auf sich zu ziehen, vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 253. 109 Karl-Marx-Haus, Gang durch das Geburtshaus, S. 11. 110 Tyradellis, Müde Museen, S. 116. 42 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 ­einerseits einige Erklärungen und Schriften der ersten Kongresse der IAA an den Wänden, andererseits sind Originaldokumente der IAA sowie seltene Schriften von Marx und Engels, welche im Rahmen ihrer Mitgliedschaft entstanden, in der oberen Etage einer weiteren Vitrine ausgestellt. In der unteren Etage jener Vitrine finden sich zudem Bilder und Autographen von Marx und Engels von Proudhon, Bebel, Liebknecht und anderen. Weil die IAA ebenfalls Verflechtungen mit der SPD hatte – und beide nicht zuletzt gleichermaßen durch die Schriften von Marx und Engels beeinflusst waren, wird abschließend in diesem Ausstellungsraum die SPD thematisiert. So sind Originalfotos der Begründer der deutschen Sozialdemokratie in einer Vitrine ausgestellt: Neben ­August Bebel und Wilhelm Liebknecht finden hier beispielsweise Porträts von und dazugehörige Informationen über Wilhelm Bracke und Johann Philipp Becker Platz. 111 Der dritte Raum im Obergeschoss widmet sich hauptsächlich dem zweiten zentralen Werk von Karl Marx: dem Kapital. Zunächst wird jedoch auf der linken Hälfte des Raumes die letzte Phase der Ersten Internationalen und der Paris Kommune thematisiert: Die Pariser Kommune, welche gute Beziehungen zur IAA pflegte, wurde von Versailler Truppen im Mai 1871 niedergeschlagen. Durch die Zusammenlegung der Pariser Kommune und der späten Phase der IAA in Westeuropa mit der Veröffentlichung des Kapitals, werden jene in Verbindung gesetzt, wahrscheinlich aufgrund der zeitlichen Nähe. Die frühesten und wichtigsten Ausgaben des Kapitals sind in einer großen Vitrine in der Mitte des Raumes ausgestellt. Auffällig ist, dass auch erste internationale Übersetzungen, wie die französische und russische, hier präsentiert werden. Stellflächen zur Geschichte des Kapitals mit Quellen zu den Vorstufen und ersten Manuskripten sowie Erklärungen zu Verleger, Übersetzer und Propagandisten ergänzen die museale Aufbereitung des Werkes. Mithilfe einer Marmor-Büste von Marx, welche Lew Kerbel anfertigte und Leonid Breshnew dem Karl-Marx-Haus schenkte, wird abschließend zum nächsten Raum übergeleitet, welcher sich Marx und Osteuropa widmet. 112 Im vierten Zimmer des Obergeschosses – dem insgesamt siebten Ausstellungsraum – wird die Beziehung von Marx zu Osteuropa, besonders zu Russland, dargestellt. In diesem Zimmer findet die Vermittlung hauptsächlich über Wandtafeln statt, welche sich jeweils unterschiedlichen Themen widmen. Während die erste Tafel Marx’ Beziehungen zu Russland thematisiert, beispielsweise, dass er die russische Sektion der IAA im Generalrat vertrat, widmet sich die zweite Tafel besonders Rumänien, da hier Fotos von führenden rumänischen Sozialisten und IAA-Mitgliedern abgedruckt sind, wie auch Zeitungsartikel zur IAA und französische Übersetzungen des Kapitals, die in ­Rumänien 111 Vgl. Karl-Marx-Haus, Gang durch das Geburtshaus, S. 10–13. 112 Vgl. ebd., S. 13–16. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 43 Verbreitung fanden. Die dritte Tafel präsentiert einerseits die tschechischen und slowakischen Übersetzungen des Kapitals, andererseits ist hier ein Foto vom Hotel Germania in Karlsbad abgedruckt, der Ort, wo sich Marx im Jahr 1874 in Kur befand. Auf der vierten Tafel ist lediglich ein Brief von Marx an einen ungarischen General abgedruckt, während auf der fünften Tafel bulgarische Übersetzungen und Zeitungsartikel über Marx vorgestellt werden. Der nächste Ausstellungsraum ist dem Themenbereich»Marx und die Welt« gewidmet. So wird erklärt, dass seine Werke damals – im Jahr 1968 – in viele Sprachen übersetzt worden sind. Aufgrund des direkten Adressierens der Besucher_innen ist hier eine explorativ-partizipative Vermittlung festzustellen: Die Besucher_innen sollen selbst herausfinden, in welchen Sprachen Marx’ Werke hier ausgestellt sind. »Die Werke von Marx und Engels sind heute in alle Kultursprachen übersetzt: versuchen Sie doch einmal, ob Sie auch die exotischen Sprachen der Ausgaben erraten, die Sie in dem Biedermeier-Schrank sehen können.« 113 Nachdem die Ausstellung in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre ergänzt wurde, wird des Weiteren die kommunitarische Bewegung in den USA des 19. Jahrhunderts vorgestellt: Diese können sich die Besucher_innen anhand von insgesamt drei Vitrinen erschließen, welche mit Dokumenten aus der großen»Adams-Collection« bestückt sind, die das Museum 1974 in New York erwarb und radikale sowie sozialistische Literatur beinhaltet. An dieser späteren Ergänzung der Dauerausstellung durch die»Adams-­ Collection« lässt sich wieder einmal der eindeutige Sammlungscharakter und der eher fehlende Lehrcharakter mit klarer Zielsetzung der Ausstellung erkennen. Jenes ist dabei nicht unüblich für diese Zeit gewesen: Der Charakter des Ausstellens hat sich in den letzten 100 Jahren deutlich gewandelt. Das reine zur Schau Stellen der Exponate erweiterte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dahingehend, dass Ausstellungen ein Medium der Wissensvermittlung sein können bzw. sollten. 114 Die 1968 eröffnete Dauerausstellung stellt dabei eine hybride Zwischenform dieses Wandels dar: Sie ist geprägt durch eine exponatlastige Vermittlung, verfolgt dabei jedoch eine klare Intention – Marx zu entpolitisieren und gleichzeitig zu sozialdemokratisieren. Im neunten Raum wird die Hausgeschichte näher präsentiert, wobei jene Bemühungen im Vordergrund stehen, das Karl-Marx-Haus in sozialdemokratischen Besitz zurückzuführen und daraus ein Museum zu machen. Weiterhin ist hervorzuheben, dass die Räume fünf und sechs im Obergeschoss bei Bedarf als Räume für Sonderausstellungen genutzt wurden. 113 Ebd., S. 17. 114 Vgl. Warnecke, Ausstellen, S. 242. 44 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Insgesamt lässt sich festhalten, dass die 1968 eröffnete Dauerausstellung sehr personenund werkbezogen aufgebaut war. Dabei wurden einerseits neben Marx und Engels auch andere zeitgenössische Vertreter der deutschen und europäischen Sozialdemokratie / Arbeiterbewegung anhand von Fotografien und Texten vorgestellt, andererseits wurden nahezu immer – sofern vorhanden – die Erstausgaben, seltene Ausgaben und Übersetzungen der marxschen Werke und auch der Werke anderer Autoren als Exponate in der Ausstellung präsentiert. Die Konzeption der 1968er Ausstellung sah eine Schwerpunktsetzung auf den jungen Marx vor – nicht zuletzt aufgrund der politischen Lage im geteilten Deutschland. Während Karl Marx als Politikökonom in Ostdeutschland Element der politischen Indoktri­ nation und Propaganda war – und somit im Westen kritisch gesehen wurde – war der junge Marx politisch nicht so umstritten und politisch aufgeladen. In der Dauerausstellung wurde sich daher auch der historischen Persönlichkeit Marx vermeintlich wertungs- und ideologiefrei gewidmet. Aus diesem Grund hatte die Ausstellung, wie ­Dietzen und Neu herausstellen, fast ausschließlich einen dokumentarischen Charakter. 115 Generell wurde sich Marx anhand seiner Person, seiner Werke und seiner Wirkung gewidmet, jedoch weniger mit verschiedenen Narrativen als eher einer übergeordneten Intention: Marx zu entpolitisieren, wobei er dabei eher sozialdemokratisiert wurde. Man reihte ihn in die Liste der Sozialdemokraten und die Geschichte der Arbeiterschaft und Sozialdemokratie ein. Dabei war er zwar ein prominenter, dennoch nicht der einzige Fluchtpunkt der Ausstellung: Auch andere zumeist sozialdemokratische und sozialistische Autoren und deren Werke rückten verstärkt in den Fokus der Ausstellung. Dies verwundert jedoch nicht; basierte diese immerhin teilweise auf den Ideen der 1930 angedachten Ausstellung, welche neben einem»Marx-Museum« auch ein»Haus der Arbeiterschaft« sein sollte. 116 Marx wurde insgesamt sozialdemokratisiert, da der von der DDR-Propaganda sozialistisch gedeutete und konnotierte Marx umgangen werden sollte, indem man versuchte, Marx zu entpolitisieren, wobei hier die Entpolitisierung zu einer Sozialdemokratisierung führte – wahrscheinlich auch aufgrund des Trägers des Hauses. Hieran ist auch wieder zu erkennen, dass Geschichte Konstruktion ist und mehrere Erzählungen möglich sind. Die Ausstellung erzählt daher nur eine Geschichte, die Fragmente der Wirklichkeit aufgreift, aber nicht die Realität abbildet. Generell sind dabei mehrere diverse Narrationen und Interpretationen möglich, sodass man sich im Klaren sein muss, dass es sich bei einer Ausstellung lediglich um eine von vielen möglichen Narrationen h­ andelt. 115 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 236. 116 Vgl. ebd., S. 231 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 45 Die Auswahl der Exponate geschieht infolgedessen auch subjektiv – der / die Kurator_in wählt jene so aus, dass diese zur Narration passen. 117 Dabei ist jedoch anzumerken, dass die 1968 eröffnete Ausstellung weniger von einer didaktischen Zielsetzung aus gedacht, als von der Sammlung ausgehend konzipiert gewesen ist. Die Ausstellungspraxis entsprach ihrer Zeit und den Gewohnheiten und Erwartungen der Besucher_innen: »Auf großen Holztafeln wurden Schwarz-Weiß-Reproduktionen von Dokumenten und Fotos zu Marx’ Leben, Werk und Wirken, zum Frühsozialismus sowie zu den Anfängen der internationalen Arbeiterbewegung gezeigt, aufgewertet durch eine Sammlung internationaler Erstausgaben des Kapitals.« 118 Die Ausstellung entwickelte sich dabei mit der Zeit weiter: Die im Laufe der Jahre akquirierten Originalausgaben der Werke von Marx und Engels wurden in die laufende Dauerausstellung integriert – bis diese zum 100. Todestag von Karl Marx am März 1983 schließlich neu konzipiert und überarbeitet im renovierten Karl-Marx-Haus wieder­ eröffnet wurde. 4.2 Der von Leid geprägte Marx – die Dauerausstellung von 1983 Nachdem das Karl-Marx-Haus in den Jahren 1982 und 1983 über zwölf Monate lang renoviert wurde, bot es als historisch-politisches Museum nun eine auf 450 m 2 erweiterte Ausstellungsfläche. 119 Um Raum zu schaffen, wurde nur einige Meter entfernt das Studienzentrum gegründet, in das die inzwischen auf 30.000 Bücher angewachsene Bibliothek sowie Büro- und Verwaltungsräume ausgelagert wurden. Somit erstreckte sich die 1983 eröffnete Dauerausstellung über das gesamte Gebäude. Die Dauerausstellung nahm wie auch die von 1968 eine Marx-Biografie als Textgrundla­ ge: in diesem Fall die 1974 erschienene Marx-Biografie des britischen Historikers D­ avid McLellan. Zusätzlich flossen Ergebnisse der hauseigenen Forschung in die Ausstellung ein – Originaldokumente und Faksimiles wurden durch Transkriptionen und Erläuterungen ergänzt. Thematisch widmete sich die Ausstellung mithilfe von Wandtafeln und-büchern dem Leben und Werk von Karl Marx und Friedrich Engels. Dabei wurde eine chronolog­ ische Reihenfolge zur besseren Besucherorientierung und-anleitung gewählt. Zeitlich schloss die Ausstellung mit der Russischen Revolution von 1917 ab – wahrscheinlich, weil man in Zeiten der politischen Teilung und des Systemwettstreits Marx nicht in ­Verbindung mit 117 Vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 253. 118 Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 236. 119 Vgl. Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 94. 46 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 den sozialistischen Systemen der Zeit bringen wollte. Des Weiteren ist auch ­festzuhalten, dass die damalige Ausstellung aus heutiger ausstellungspraktischer Sicht äußerst textlastig gewesen ist. 120 Die Ausstellungstexte sind dabei wie die Räume thematisch in sich geschlossen, das heißt ein Thema erstreckt sich beispielsweise nicht über zwei Räume. 121 Die Ausstellungsraumnummerierung erfolgte je nach Geschoss, wobei die erste Ziffer immer für die Ebene steht und die zweite für die Raumnummer auf dem jeweiligen Stockwerk. Daher finden sich im Erdgeschoss die Räume 01–04, im Obergeschoss 11– 16 und im zweiten Obergeschoss die Zimmer 21–23. Die drei Stockwerke dienten dabei nicht nur als räumliche, sondern auch als thematische Trenner in der Ausstellung. Während sich im Erdgeschoss die Anmeldung befand und die Geschichte des Hauses präsentiert wurde, standen im zweiten Obergeschoss die zwei Hauptwerke im Vordergrund: Das Manifest der Kommunistischen Partei sowie Das Kapital. Jene wurden dabei im dritten Ausstellungsraum durch andere Originaldokumente wie Briefe und Fotografien ergänzt. Generell standen im zweiten Obergeschoss hauptsächlich Quellen in Form von Schriften im Fokus. Das Herzstück der Ausstellung stellte jedoch das erste Obergeschoss dar: Nicht nur, dass hier mehr Ausstellungsräume zu finden waren als auf den anderen beiden Stockwerken addiert, hier fand auch die Beschäftigung mit Karl Marx’ Leben und seiner Freundschaft mit Friedrich Engels sowie die Betrachtung der Arbeiterbewegung, des Sozialismus und der Industrialisierung statt. Die Ausstellung wurde durch verschiedenfarbige Texte auf den Wandtafeln zusätzlich strukturiert. Während Dokumenten- und Bildunterschriften auf gelbem Papier zu finden waren, standen Passagen aus Originaltexten sowie Übertragungen handschriftlicher Texte auf blauem Papier. Auf grünem Papier waren dann die von den Mitarbeiter_innen des Hauses verfassten erläuternden Texte zu finden. 122 Ergänzend zur Ausstellung wurden ein deutschsprachiges und ein englischsprachiges Begleitbuch herausgegeben. Auffällig ist hierbei, dass, während die deutsche Ausgabe »Das Museum Karl-Marx-Haus« heißt, die englische Ausgabe den Titel»Karl Marx and his Contemporaries« 123 trägt, also in der englischen Ausgabe ein vermeintlich größerer 120 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 237. 121 Vgl. Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 7. 122 Vgl. ebd., S. 7. Für einführende Literatur zum Themenkomplex von Ausstellungstexten, siehe Evelyn ­Dawid / Robert Schlesinger, Texthierarchien. Wahlfreiheit statt Zwangsbeglückung – Klare Gliederung der Informationen, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 35–47, hier S. 36 und 40 f. sowie Evelyn Dawid / Robert Schlesinger, Lesbare Ausstellungstexte. Die Zeichen an der Wand – Wissensvermittlung in Sekundenschnelle, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 49– 84, hier S. 49 und 51–66. 123 Siehe Karl-Marx-Haus, Karl Marx and his Contemporaries. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 47 Fokus auf Marx’ Zeitgenossen liegt. Beim genauen Vergleich der beiden Ausgaben bestätigt sich jedoch dieser Verdacht nicht; sie sind inhaltlich identisch. Die unterschiedlichen Titel könnten jedoch darauf hindeuten, dass sich ausländische Besucher_innen womöglich mehr für Marx’ Zeitgenossen – allen voran Friedrich Engels – interessieren. Auf einen Ausstellungskatalog mussten die damaligen Besucher_innen – sowie heutige Wissenschaftler – leider verzichten: aufgrund von mangelnder personeller und finanzieller Mittel wurde ein solcher nie herausgegeben. 124 Hervorzuheben ist zudem, dass zur besseren Zuordnung sämtliche Dokumente in der Ausstellung mit einem Buchstaben versehen wurden, sodass eine leichtere Zuordnung möglich ist. Im Begleitbuch zur Ausstellung sind teilweise Dokumente mit einer Signatur aufgeführt, beispielsweise steht die Signatur 11/17.g für ein Dokument, das im elften Ausstellungsraum auf der siebzehnten Tafel zu finden ist und dort mit dem Buchstaben »g« versehen wurde. Im Folgenden werden diese Signaturen ebenfalls zur Zitation genutzt, um die Analyse nachvollziehbar zu gestalten. Da lediglich das Begleitbuch sowie die Ausstellungstafeln als Quellengrundlage zur Analyse dienen und keine Fotografien des Ausstellungsaufbaus überliefert sind, kann folgend nicht auf die räumliche Gestaltung eingegangen werden. Aus diesem Grund liegt der Fokus der Analyse auf der sprachlichen Gestaltung und den inhaltlichen Aussagen sowie der Gestaltung der Ausstellungstafeln. Strukturiert wird die Analyse dabei durch die herausgearbeiteten Narrative, die folgend genauer dargelegt werden sollen. Insgesamt lassen sich in der 1983 eröffneten Dauerausstellung vier verschiedene Narrative herausarbeiten, die in folgender Reihenfolge behandelt werden: 1. der Sohn der Stadt Trier, 2. der Universalgelehrte, 3. der politische Aktivist und 4. der von Leid geprägte. 4.2.1 Der Sohn der Stadt Trier Das erste Narrativ von Karl Marx als Sohn der Stadt Trier ist besonders im ersten Ausstellungsraum des Obergeschosses präsent. In diesem Zimmer, welches sich zentral mit der Person Karl Marx auseinandersetzt, wird die Lebensgeschichte»des großen Sohn[es] der Stadt« – wie er in der Ausstellung bezeichnet wird – bis 1844 thematisiert. 125 So wird mit den Biografien seiner Eltern, Heinrich und Henriette Marx, welche beide aus traditionsreichen Rabbinerfamilien stammten, begonnen und besonders auf Heinrich Marx’ Konvertierung vom Judentum zum Protestantismus eingegangen. Ergänzt wird 124 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 237. 125 Karl-Marx-Haus, Dauerausstellung von 1983, Karl Marx(1818–1883) Leben – Werk – Zeit. Ständige Ausstellung im Geburtshaus von Karl Marx, Trier 1983(folgend abgekürzt mit KMH-1983), 11/01, Text 1. 48 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 das ganze durch einen Stammbaum der Familie Marx, welcher mit Porträts der einzelnen Familienmitglieder versehen ist. 126 Im Begleitbuch finden sich des Weiteren kurze Beschreibungen jener Familienmitglieder. Daraufhin widmet sich die Ausstellung Marx’ Geburt und den Lebensumständen, in denen er aufwuchs – treffenderweise in dem Zimmer, in welchem er das Licht der Welt erblickte. Die Stadt Trier und ihre militärisch-strategische Rolle für Preußen werden hier vorgestellt, wie auch die wirtschaftlichen Entwicklungen in Form des Pauperismus. 127 Auf den Ausstellungstafeln wird der historische Kontext dabei mit verschiedenen Gemälden und Ansichten der Stadt Trier sowie Karten der Stadt und Region visualisiert. 128 Anschließend steht Karl Marx’ Schullaufbahn im Fokus: Bis zu seinem zwölften Lebensjahr wurde er privat unterrichtet, unter anderem von seinem späteren Schwiegervater Johann Ludwig von Westphalen. Im Anschluss besuchte er das Gymnasium zu Trier und legte dort mit 17 Jahren das Abitur ab. In der Ausstellung wird dabei ein Zitat aus seinem Deutschaufsatz hervorgehoben, da er in diesem bereits jene Ansichten andeutete, die seine späteren Arbeiten auszeichnen sollten: »Wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen im Stande sind.« 129 Der eindeutige Schwerpunkt auf Schriften als Exponate, welcher sich durch die gesamte Ausstellung zieht, lässt sich hier exemplarisch an der großen Zahl seiner handschriftlichen und maschinenschriftlich abgetippten Texte erkennen, die auf den Wandtafeln präsentiert werden. 130 Als Nächstes wird seine Studienzeit genauer betrachtet, vom Beginn seines Studiums in Bonn, über seine Zeit in Berlin und den Abschluss seines Studiums mit der Disserta­ tion in Jena – in absentia. Die Ausstellung geht dabei genauer auf die Rolle Hegels und seiner Philosophie ein. Neben den erläuternden Texten zu seiner Studienzeit werden hier auch Porträts von Hegel, sowie dessen Werke gezeigt. »Lehre und Werk dieses bedeutendsten Philosophen des deutschen Idealismus übten nachfolgend einen großen Einfluß auf Marx und auch Engels aus. Marx’ Studienjahre waren ge­ kennzeichnet durch die Aneignung und Auseinandersetzung mit der Philosophie Hegels.« 131 126 Insgesamt werden hier 17 verschiedene Porträts der Familienmitglieder gezeigt, siehe KMH-1983, 11/18. 127 Vgl. KMH-1983, 11/02; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 17 f. 128 Vgl. KMH-1983, 11/03. 129 KMH-1983, 11/06.d; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 19. 130 Vgl. KMH-1983, 11/06. 131 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 20 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 49 Daraufhin rücken Marx und seine journalistische Tätigkeit bei der Rheinischen Zeitung thematisch in den Blick. Interessanterweise wird hier stets ein lokaler Bezug hergestellt und auf Trier rekurriert: »Als die Zeitung zu erscheinen begann, arbeitete Marx noch an philosophischen Fragen. Doch schon bald drängten sich ihm tagespolitische Themen auf, die auch eng mit der Trierer Region verbunden waren. Die Verhandlungen des Rheinischen Landtages über die Lage der Moselwinzer, über Holzdiebstahl und Bodenparzellierung sowie die Debatten über Freihandel und Schutzzölle zwangen Marx, sich erstmalig mit Problemen des Pauperismus und sozialökonomischen Fragen zu befassen.« 132 Um den Besucher_innen jene journalistischen Tätigkeiten greifbarer zu vermitteln, werden Ausgaben der Rheinischen Zeitung unterstützend auf den Ausstellungstafeln gezeigt. 133 Des Weiteren finden sich hier auch Erläuterungen zum historischen Kontext, um eine gemeinsame Verständnisgrundlage für alle Besucher_innen zu schaffen und nicht zu viel Wissen vorauszusetzen. 134 Anschließend wird die Lebensgeschichte von Friedrich Engels näher vorgestellt, welche jedoch aufgrund der Zielsetzung der Arbeit hier nicht näher betrachtet wird. 4.2.2 Der Universalgelehrte Neben der bereits erwähnten detaillierten Darlegung seines Studiums, wird das Narrativ des Universalgelehrten gleich an mehreren Stellen der Ausstellung vermittelt. »Einen Überblick über das eindrucksvoll breite Spektrum der wissenschaftlichen Interessen von Marx[…] bietet Raum 13. Marx’ Denken kreiste um die Einheit der Wissenschaft. Die Arbeits- und Wissenschaftsfelder, auf die er sich stürzte, reichten von der Philosophie am Anfang seiner Studien über Naturwissenschaften und Technik, Sprache und Literatur, Ethnologie und Anthropologie bis hin zu Geschichte und Politik.« 135 Dabei werden auch die wichtigen Gelehrten, welche prägend für Marx waren, vorgestellt: Hegel, Feuerbach, Proudhon und andere. Diese bzw. eher die Auseinandersetzungen mit ihnen, führten Marx letztendlich zu seinen Ansichten auf das Weltgeschehen. Doch auch die ästhetische Literatur rezipierte er. So las er neben Heine und Dickens auch Shakespeare, Goethe und Schiller. 136 Um die verschiedenen Werke zu verstehen, lernte Marx viele Sprachen – mit Russisch begann er noch im Alter von 53 Jahren. 137 132 Ebd., S. 22. 133 Vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 256. 134 Vgl. Dawid / Schlesinger, Lesbare Ausstellungstexte, S. 51–66. 135 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 43. 136 Die Geisteswissenschaftler werden auf den Tafeln 13/02 – 13/04, die Naturwissenschaftler auf den Tafeln 13/05–13/07 und die Literaten auf der Tafel 13/08 vorgestellt. Hier werden stets Porträts sowie die Einbände der bekanntesten Werke der präsentierten Persönlichkeiten auf den Wandtafeln abgedruckt. 137 Vgl. Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 43–50. 50 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Die Ausstellung geht an mehreren Stellen auch auf übergreifende Entwicklungen ein, in denen Marx und Engels lediglich eine – wenn auch bedeutende – Etappe darstellen. So wird die Entwicklung der kommunistischen Terminologie in Raum 13 thematisiert, während in Raum 14 die Vorläufer und-denker des Sozialismus im Vordergrund stehen: angefangen bei Thomas Morus über Owen, Proudhon, Marx, Engels und Weitling. Hierbei werden stets die Autoren und ihre Werke vorgestellt. Unterstützt wird die Präsen­ tation jener in der Ausstellung mit Porträts und Originalausgaben der bedeutendsten Werke. Dabei sind auf den Wandtafeln stets Informationen zu der jeweiligen Lebensgeschichte und dem wissenschaftlichen Standpunkt zu finden. 138 Marx wird zwar in dieser Reihung lediglich als ein Punkt betrachtet, durch das Einfügen seiner Person in diese Linie wird jedoch das Narrativ des Universalgelehrten, welcher auch alle anderen hier präsentierten Autoren rezipierte, weiter verstärkt. Die Veröffentlichung eigener Werke rückt besonders in den Räumen des zweiten Obergeschosses in den Blickpunkt. Hier stehen das Manifest der Kommunistischen Partei und Das Kapital im Zentrum der Betrachtung. So wird in Raum 21 die Geschichte des Manifests der Kommunistischen Partei dargelegt. Bemerkenswert ist dies insofern, als dass hier Marx nur eine randständige Rolle einnimmt – ist er immerhin Autor des Werkes –, stattdessen wird hier lediglich die Geschichte des Werkes wie auch seine Verbreitung dargelegt. Unterstützt wird die Präsentation durch mehrere Erst- und seltene fremdsprachige Originalausgaben, die in Vitrinen ausgestellt sind. 139 Im Ausstellungsraum zum Kapital wird neben den ausgestellten Erstausgaben, der Werkgeschichte und einigen ausgewählten Zitaten auch auf einige Vordenker eingegangen. So werden hier Adam Smith und David Ricardo vorgestellt und ihre wichtigsten Werke gezeigt. 140 Auch wenn man bei dem Narrativ des Universalgelehrten zunächst an die Rezeption und Produktion von Werken denkt, tragen die drei Räume im zweiten Obergeschoss interessanterweise nur wenig zum Narrativ bei, da hier die Werke im Mittelpunkt stehen und eher losgelöst sind vom Rest der Ausstellung. An mehreren Stellen wird zusätzlich das Studieren von Klassikern der Ökonomie und anderen Disziplinen erwähnt, da diese jedoch – abgesehen vom Verfassen des Kapitals – zumeist in den Kontext des Anfertigens von Schriften als politisch aktiver Akteur erfolgten, werden diese nicht dem Narrativ des Universalgelehrten zugeordnet, sondern finden im folgenden Narrativ des politischen Aktivisten ihre Berücksichtigung. 138 KMH-1983, 14/02; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 53–60. 139 KMH-1983, 21/01–21/08; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 88–93. 140 KMH-1983, 21/01–21/08; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 93–102. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 51 4.2.3 Der politische Aktivist »Wir können nicht immer den Stand ergreifen, zu dem wir uns berufen glauben; unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen im Stande sind.« 141 Das bereits erwähnte Zitat aus Marx’ Deutschaufsatz ist nur ein erster Fingerzeig der Ausstellung, dass sich Marx mit der politischen Realität auseinandersetzte, sie analysierte und später aktiv zu gestalten versuchte. So wird als erstes in Raum 12 auf seinen Umzug nach Paris im Oktober 1843 eingegangen, welcher aus dem Verbot der Rheinischen Zeitung im März desselben Jahres resultierte. In Paris studierte Marx kommunistische und sozialistische Literatur und suchte den Kontakt mit den deutschen und französischen Arbeiterorganisationen. Zusätzlich verkehrte er in diesem Zuge mit bekannten Reformern und Radikalen. Die wichtigste Freundschaft knüpfte Marx ebenfalls in Paris: Im August 1844 begann seine Zusammenarbeit und Freundschaft mit Friedrich Engels. Obwohl sich beide bereits 1842 in der Redaktion der Rheinischen Zeitung kennenlernten, merkten sie erst zwei Jahre später in Paris, dass sie die gleichen Ansichten vertraten:»Als ich Marx im Sommer 1844 in Paris besuchte, stellte sich unsere vollständige Übereinstimmung auf allen theoretischen Gebieten heraus, von da an datiert unsere gemeinsame Arbeit.« 142 Die beiden publizierten in der von Arnold Ruge und auch Marx selber herausgegebenen Zeitschrift der Deutsch-Französischen-Jahrbücher. Engels’ bedeutender Aufsatz Kritik der Nationalökonomie und Marx’ Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie erschienen in der Februarausgabe 1844, welche jedoch zugleich die letzte Ausgabe der Zeitschrift darstellte. Ruge und Marx konnten keine Autoren gewinnen, sodass die Zeitschrift nicht mehr fortgesetzt wurde und Marx fortan in der radikal-demokratischen Zeitung Vorwärts! publizierte. 143 Aufgrund der enthaltenen Kritik an den Verhältnissen in Deutschland musste der Vorwärts! auf Betreiben der preußischen Regierung Anfang 1845 eingestellt werden. Viele Mitarbeiter, zu denen auch Marx zählte, wurden anschließend des Landes verwiesen – Marx emigrierte daraufhin mit seiner Familie nach Brüssel, wo er bis zum März 1848 als politischer Emigrant lebte. Die Ausstellung räumt der Zeit in Brüssel dabei die Funktion ein, dass sich Marx und Engels in die Öffentlichkeit wagten. Während in Paris die ersten Schritte getan wurden und man zusammen die ersten Schriften veröffentlichte, prägten aktive(re) Handlungen 141 KMH-1983, 11/06.d; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 19. 142 KMH-1983, 12/02; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 29. 143 Die Titelblätter jener Zeitungen sind dabei – wie sonst auch in der Ausstellung – auf den Wandtafeln abgedruckt, siehe KMH-1983, 12/01.d bzw. 12/02.j. 52 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 die Brüsseler Zeit. Anfang 1846 gründeten beide in Brüssel das»Kommunistische Korrespondenzkomitee« und traten Mitte 1847 sowohl dem Deutschen Arbeiter-Verein in Brüssel als auch dem Bund der Kommunisten bei. Für Letzteren verfassten Marx und Engels eine programmatische Schrift: das Manifest der Kommunistischen Partei. Hier wird auch explizit davon gesprochen, dass Marx»politisch aktiv« wurde. 144 Anschließend wird – interessanterweise nur kurz – auf die Februarrevolution 1848 in Paris eingegangen, obwohl jene Geschehnisse Marx dazu zwangen, gleich zwei Mal seinen Lebensort zu wechseln. Im Februar 1848 wurde er aus Belgien ausgewiesen, sodass er nach Paris zurückkehrte; als die Revolution im März nach Deutschland übergriff, »begaben sich Marx und Engels nach Köln, einem der Brennpunkte der deutschen Revolution.« 145 Auch hier betont die Ausstellung wieder Marx’ politische Aktivitäten:»Von hier aus arbeiteten sie auf eine zentrale deutsche Arbeiterorganisation hin.« 146 Marx war nicht mehr jemand, der nur über die Geschehnisse schreibt, sondern sie selbst verändern wollte. Aus diesem Grund gründete er auch die Neue Rheinische Zeitung, welche»eine Politik des Bündnisses aller demokratischen Kräfte gegen die alten Mächte« 147 verfolgte. 148 Des Weiteren wird im Begleitbuch zur Ausstellung die aktive Rolle der Zeitung betont:»Das Blatt forderte dazu auf, in den demokratischen Vereinen die bürgerliche Revolution voranzutreiben.« 149 Nachdem das Parlament der Frankfurter Paulskirche und die Revolution im Frühjahr 1849 gescheitert war, wurde die Neue Rheinische Zeitung genauso wie ihr Vorgänger verboten. In den beiden thematischen Räumen 15 und 16 zum Bund der Kommunisten und der internationalen Arbeiterbewegung wird zusätzlich das Narrativ des politischen Aktivisten vermittelt. 1845»hatten Marx und Engels ihren Selbstverständigungsprozeß beendet und sich entschlossen, direkten Kontakt zur elementaren Arbeiterbewegung und dem Bund der Gerechten aufzunehmen, um der Bewegung eine einheitliche Theorie zu vermitteln.« 150 Hier wird erneut die aktive Rolle von Marx und Engels verdeutlicht, da sie selbst die Initiative ergriffen. Des Weiteren wird hervorgehoben, dass sie die Leitung des Bundes der Kommunisten(ehemalig Bund der Gerechten) übernahmen, nachdem dessen Zen144 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 32. 145 Ebd., S. 33. 146 Ebd. 147 Ebd. 148 Jene Entwicklungen von der Pariser Februarrevolution bis zur deutschen Märzrevolution werden in der Ausstellung auf lediglich drei Ausstellungstafeln wiedergegeben – 12/08 bis 12/10, wobei auf diesen hauptsächlich Zeitungsausgaben abgedruckt sind. 149 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 33. 150 Ebd., S. 63. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 53 tralbehörde aufgrund der Februarrevolution 1848 erst nach Brüssel und dann nach Deutschland verlegt wurde. 151 Außerdem wird die entscheidende Rolle von Marx und Engels für den Bund der Kommunisten betont: »Unter dem maßgeblichen Einfluss von Marx und Engels hatte sich eine Vorhut der Arbeiterklasse organisatorisch, politisch und ideologisch vom bürgerlichen Liberalismus und vom kleinbürgerlichen Radikalismus losgelöst. Durch die Annahme der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus wurde – wenigstens in Ansätzen – eine klassenbewußte revolutionäre Arbeiterpartei geschaffen.« 152 Abb. 4: Die ausgeprägte Bebilderung der Ausstellungstafeln mit abgedruckten Porträts, Briefen und anderen schriftlichen Quellen lässt sich exemplarisch an der Tafel»Die deutsche Sozialdemokratie« erkennen, die in Raum 16 der 1983er Ausstellung angebracht war. 151 Vgl. KMH-1983, 15/13, Das Ende des BdK; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 66. 152 Vgl. KMH-1983, 15/08, BdK 1848. 54 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Die entscheidende Rolle Marx’ für die Internationale wird in der Ausstellung bzw. dem Begleitbuch zur Ausstellung dabei mehrfach explizit hervorgehoben: So wird erklärt, dass Marx Gründungsmitglied der sogenannten Ersten Internationalen gewesen ist und die Gründungsdokumente der IAA verfasste. 153 Des Weiteren wird die Bedeutung der Pariser Kommune bzw. des Falls derselbigen 154 für Marx präsentiert, da er im Anschluss die Schrift Der Bürgerkrieg in Frankreich verfasste. 155 »Marx entwickelte hier aufgrund der Erfahrungen aus der Pariser Kommune seine Grundthesen über Klassenkampf und Revolution, Staat und Diktatur des Proletariats.« 156 Die Ausstellung versucht dabei auch Einblicke in Marx’ Ansichten zur Internationale zu geben:»Für Marx war die 1. Internationale[…] die Gesamtpartei der Arbeiterklassen aller Länder.« 157 Die Entstehung der nationalen Arbeiterparteien – abgesehen von der SPD – wird auf den zwei Ausstellungstafeln 16.12 und 16.13 jeweils nur kurz demgegenüber dargelegt. 158 Die Betrachtung der SPD erfährt dabei eine exponierte Rolle – sowohl ihre Entstehung als auch die wichtigsten Strömungen, Persönlichkeiten und ihre Entwicklung werden präsentiert. Interessanterweise nimmt Marx in der Darstellung dabei eine mitunter randständige Rolle ein. 159 4.2.4 Der von Leid geprägte Das Narrativ des von Leid geprägten Marx lässt sich in drei verschiedene Dimensionen unterteilen: Einerseits wird seine Staatenlosigkeit thematisiert, die bereits im Kapitel zum Narrativ des politischen Aktivisten dargelegt wurde – da sie eine Folge seines politischen Engagements war –, sodass dieser Punkt hier nur kurz behandelt werden soll. Andererseits lassen sich zwei weitere Aspekte genauer herausarbeiten: die materielle und finanzielle Not auf der einen und das gesundheitliche Leid auf der anderen Seite – wenngleich diese sicherlich miteinander in Verbindung stehen und das eine das andere bedingte. Der Aspekt der Staatenlosigkeit wird hauptsächlich im sechsten Ausstellungsraum des Karl-Marx-Hauses thematisiert. Hier rücken Marx’ Lebensstationen von 1843 bis hin zu seinem Tod am 14. März 1883 in den Blickpunkt. Diese Stationen sind dabei auf ­einer 153 Vgl. Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 38, 70 und 72. 154 Vgl. KMH-1983, 16/08, Die Pariser Kommune. 155 Vgl. KMH-1983, 16/09; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 76. 156 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 77. 157 Ebd., S. 79. 158 Vgl. ebd., S. 80. 159 Vgl. ebd., S. 80–87. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 55 Karte an der Wandtafel eingezeichnet. 160 Auf den Ausstellungstafeln werden zusätzlich stets Gemälde der Städte gezeigt, in denen sich Marx aufhielt, genauso wie Ausgaben der lokalen Zeitungen – teilweise, weil er in diesen Artikel publizierte, aber auch, um den historischen Kontext der Zeit anhand der Schlagzeilen zu vermitteln. So rücken folgende Stationen seines Lebens ins Zentrum der Betrachtung: Paris, wo Marx 1844 Freundschaft mit Friedrich Engels schloss und während seines zweiten Aufenthaltes die Februarrevolution 1848 miterlebte; Brüssel, wo er dem Bund der Gerechten – später bekannt als Bund der Kommunisten – beitrat; Köln, wo er zunächst nach seinem Studium als Journalist arbeitete und zur Zeit der Märzrevolution dann selbst den Nachfolger jener Zeitung, die Neue Rheinische Zeitung, herausgab und schließlich London, wo er die letzten 30 Jahre seines Lebens im Exil als staatenloser Emigrant verbrachte. 161 »Da die preußische Regierung bei den Behörden Frankreichs und Belgiens erwirkt hatte, daß Marx auch in diesen Ländern als Revolutionär verfolgt wurde, hatte dieser schon 1845 auf seine preußische Staatsbürgerschaft verzichtet. Dadurch war Marx gezwungen, ständig neue Pässe bzw. Aufenthaltsgenehmigungen zu beantragen. Spätere Bemühungen um Wiedereinbürgerung blieben erfolglos.« 162 Da jene Staatenlosigkeit aus seiner politischen Aktivität – und der damit verbundenen politischen Verfolgung seiner Person – resultierte, soll an dieser Stelle auf die vorherigen Ausführungen verwiesen werden. Der Aspekt der finanziellen und materiellen Not wird in der Ausstellung besonders für die Londoner Zeit deutlich: »Bei ihrer Ankunft in London war die Familie Marx quasi mittellos und in einer schwierigen materiellen Lage. Die Gründung und Liquidierung der Neuen Rheinischen Zeitung hatte alles, was Marx und seine Frau an Vermögen besaßen, aufgezehrt und Schulden für lange Zeit gebracht. Über viele Jahre mußte die Familie in bitterster Armut leben.« 163 Sprachlich fällt besonders die Wortwahl in dieser Passage auf: die Begriffe»aufgezehrt« und»bitterster Armut« verdeutlichen den teils emotionalisierenden Unterton der Ausstellungstexte, welche somit auch Mitleid erzeugen. Des Weiteren wird betont, dass Marx und seine Familie nur aufgrund der finanziellen Unterstützung durch Engels überleben konnten. 164 160 Vgl. KMH-1983, 12/06.a. Da sich hier nicht auf die entscheidenden Stationen beschränkt wird, sondern auch jeder Kurort eingezeichnet ist, wo sich Marx aufhielt, ergibt sich daraus eine Karte, die zwar deutlich aufzeigt, dass Marx viele Reisen in Mitteleuropa unternahm, jedoch sind die einzelnen Wege nicht anhand der Karte nachvollziehbar. 161 Vgl. KMH-1983, 12/11 und 12/12; sowie Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 34. 162 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 34. 163 Ebd., S. 35. 164 Vgl. ebd., S. 37. 56 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 »Wie bedrückend das materielle und menschliche Elend für Marx und seine Familie über viele Jahre in ihrem Londoner Exil war, zeigt sein Briefwechsel mit Engels. Geldnot, unzureichende Wohnverhältnisse und häufige Krankheiten prägten den Alltag. Zwischen 1850 und 1857 starben vier ihrer Kinder infolge von Not und Entbehrung.« 165 Hier werden auch mehrfach Wörter und Attribute genutzt, die negativ konnotiert sind und Mitleid auslösen:»bedrückend«,»Not« und»Entbehrung« sind nur einige Beispiele für die verwendete Wortwahl. In dieser Aussage wird ebenfalls der dritte Aspekt des Narrativs des leidenden Marx thematisiert: das gesundheitliche Leid. Auf einer Ausstellungstafel in Raum 12 werden dazu Aussagen von Karl Marx unter der Überschrift»Das Elend der frühen Londoner Jahre« abgedruckt, in denen er auf den Gesundheitszustand seiner Familie eingeht: »Meine Frau ist krank, Jennychen ist krank, Lenchen hat eine Art Nervenfieber. Den Doktor kann und konnte ich nicht rufen, weil ich kein Geld für Medizin habe. Seit 8–10 Tagen habe ich die family mit Brot und Kartoffeln durchgefüttert, von denen es noch fraglich ist, ob ich sie heute auftreiben kann.« 166 Des Weiteren wird betont, dass sich auch Marx’ eigener Gesundheitszustand merklich verschlechterte. So werden im Begleitbuch die diversen Leiden thematisiert, welche dazu führten, dass Marx sein zentrales Werk Das Kapital nicht mehr selbst vollenden konnte – eine Aufgabe, der sich Engels annahm. Die Ausstellung hebt dabei die besondere Rolle seiner Familie heraus, allen voran seiner Frau Jenny: Nicht nur, dass sie ihn positiv beeinflusste und unterstützte, wenn es um das Veröffentlichen von Schriften ging, ihr Tod wirkte sich auch auf seine Gesundheit aus: »Nachdem Marx’ Frau Jenny am 2. Dezember 1881 an Krebs gestorben war, litt dieser noch stärker unter Krankheit und Einsamkeit. Von diesem Schlag erholte er sich nicht mehr. Der Tod seiner Lieblingstochter Jenny am 11. Januar 1883 in Argenteuil in Frankreich beschleunigte sicher Marx’ eigenes Ableben, zwei Monate später, am 14. März 1883.« 167 Insgesamt lässt sich festhalten, dass sich das Narrativ von Marx als von Leid geprägte Person meist in Verbindung mit seinen unterschiedlichen Lebensstationen – besonders London – in der Ausstellung finden lässt und dabei in gewissem Maße von der zumeist dokumentarischen und nüchternen Darstellungsweise abgerückt wird sowie bestimmte Wörter genutzt werden, die Mitleid erzeugen. 165 Ebd., S. 40. 166 KMH-1983, 12/12.c, Das Elend der frühen Londoner Jahre. 167 Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 41. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 57 Abgesehen von den Narrativen ist noch einmal hervorzuheben, dass sich ein nicht unwesentlicher Teil der Ausstellung mit der Geschichte des Hauses beschäftigt. Da diese zwar nicht zum Kernbestandteil der Narrativanalyse zählt, jedoch durchaus interessant für die Einordnung und Bewertung der Ausstellung – auch im Hinblick auf den abschließenden Vergleich – ist, soll dies an dieser Stelle kurz dargelegt werden. In Raum 02 – dem ehemaligen Anwaltsbüro von Heinrich Marx – wird die bereits in der vorliegenden Arbeit dargelegte Geschichte des Gebäudes nach dem Tod von Karl Marx thematisiert. Hier werden sowohl die Wiederentdeckung des Hauses durch ­Friedrich Schnetter im Jahre 1904 und der Erwerb durch die SPD 1928 erklärt, wie auch die für den 5. Mai 1931 vorgesehene, dann zunächst verschobene und letztendlich aufgrund der Machtübernahme der NSDAP abgesagte Ausstellung vorgestellt. Des Weiteren legt die Ausstellung dar, wie sich die Geschichte des Hauses nach dem Zweiten Weltkrieg gestaltete, mit der Eröffnung als Gedenkstätte 1947, der Übergabe an die Friedrich-­ Ebert-Stiftung 1967 und die Eröffnung der Dauerausstellung 1968. Abschließend wird auf den Bau des Studienzentrums und die Rolle als Forschungszentrum eingegangen. 168 In Raum 02 – wie auch in Raum 03 – sind historische Möbel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgestellt. Diese datieren zwar aus dieser Zeit, stammen jedoch nicht aus dem Besitz der Familie Marx. Sie sollen einen authentischen Eindruck der damaligen Zeit vermitteln, während die Geschichte des Hauses auf den Tafeln erschlossen werden kann. In Raum 03 – früher die Wohnküche der Familie Marx – kann man zudem noch den alten Hausbrunnen betrachten. Des Weiteren sind auf den Wandtafeln Fotos von bekannten Persönlichkeiten abgedruckt, die das Karl-Marx-Haus seit dem 5. Mai 1947, also seit der Eröffnung als Gedenkstätte, besuchten. Im vierten und damit letzten Raum des Erdgeschosses wird ein Film zur Geschichte des Hauses gezeigt. Bereits in der 1983er Ausstellung wurde somit multimedial und mehrsprachig gearbeitet: Der 20-minütige Film wurde in deutscher, englischer und französischer Sprache gezeigt. 169 Zu erwähnen ist weiterhin, dass zwei weitere Räume der Ausstellung keine Betrachtung in der Analyse fanden: einerseits jener, welcher sich mit der Baumwollproduktion im 19. Jahrhundert beschäftigte, andererseits der Raum, in dem Originaldokumente gesammelt wurden. Der Raum zur Baumwollproduktion wird auch im Begleitbuch als Exkurs bezeichnet. Da dieser für die Zielsetzung der Arbeit nicht von Relevanz ist, wird er hier ebenso wie der Raum mit Briefen, Gedichtbänden und Erinnerungen von Marx, Engels und ihren Familien nicht weiter thematisiert. 170 168 Vgl. ebd., S. 13–15. 169 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 238. 170 Vgl. Karl-Marx-Haus, Begleitbuch, S. 87. 58 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Insgesamt nehmen das Leben und Werk von Friedrich Engels und Karl Marx den größten Raum im Haus ein. In chronologischer Abfolge werden ihre Biografien und wichtigsten Lebenszäsuren dargelegt. Ergänzt wird die Präsentation durch verschiedene Illus­trationen, Fotos, Karten und hauptsächlich Dokumente bzw. Werke. »Da es nur sehr wenige persönliche Dokumente von Marx gibt, liegt der Schwerpunkt in der Ausstellung mehr auf dem Aspekt von Marx als Publizist, Politiker, Wissenschaftler und Philosoph. Die thematische Auseinandersetzung erstreckt sich über die frühen Arbeiter­ organisationen, die Entstehung der internationalen Arbeiterbewegung bis hin zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts.« 171 Insgesamt fällt jedoch auf, dass sich nur drei Räume zentral mit der Person Karl Marx beschäftigen, aber auch drei mit seinen Werken. Die anderen Räume beschäftigen sich einerseits mit der Hausgeschichte und andererseits mit dem Kontext der Zeit und den Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, wobei Marx nur als eine Etappe dieser Entwicklungen betrachtet und verortet wird. Auffällig ist auch, dass Engels eine nahezu gleichgewichtige Rolle in der Ausstellung einnimmt wie Marx selbst. Ein Sachverhalt, der in den folgenden Ausstellungen nicht zu beobachten ist. In der 2018er Dauerausstellung nimmt Engels – wie noch zu zeigen ist – beispielsweise nur eine randständige Rolle ein. In der 1983 eröffneten Ausstellung lassen sich insgesamt vier Narrative herausarbeiten: 1. Der Sohn der Stadt Trier, 2. Der Universalgelehrte, 3. Der politische Aktivist und 4. Der von Leid geprägte, wobei letzteres Narrativ in die drei Aspekte der Staatenlosigkeit, finanziellen Not und gesundheitlichem Elend zu unterteilen ist. In den anderen Dauerausstellungen werden zwar ebenfalls sowohl seine finanzielle Situation und zwischenzeitliche Abhängigkeit von Engels thematisiert als auch sein schlechter Gesundheitszustand, jedoch nicht so präsent bzw. prominent wie in der 1983er Ausstellung. Generell lässt sich zur Gestaltung der Ausstellung herausstellen, dass die Informationsdichte auf den Wandtafeln sehr hoch – aus heutiger ausstellungspraktischer Sicht vermutlich zu hoch – ist. 172 Hier sind Bilder, Einbände und Deckblätter von Werken sowie ganze Textpassagen eng aneinander abgedruckt, welche nur durch längere erläuternde Texte verstanden und eingeordnet werden können. Positiv hervorzuheben ist, dass die handgeschriebenen Texte nicht isoliert auf den Wandtafeln abgedruckt sind, sondern stets mit einer Transkription des Textes ergänzt werden. Leider führt dies auch dazu, dass sich die Textmenge dadurch nahezu verdoppelt. Des Weiteren sind die meisten Werke nicht ausgestellt, sondern ihre Einbände in großer Zahl auf den Ausstellungstafeln abgedruckt. Auf diese Weise wirkt es – zumindest aus heutiger ausstellungsgestal171 Karl-Marx-Haus, Museum und Studienzentrum, S. 18. 172 Dies widerspricht dem zumindest heutzutage weithin akzeptierten Gebot, in Ausstellungen – wenn möglich – Texte kurz zu halten. Siehe Dawid / Schlesinger, Texthierarchien, S. 40 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 59 terischer Sicht – weniger wie eine Ausstellung, die als eine Erzählung im Raum verstanden wird, sondern eher wie ein Buch an den Wänden, welches die Besucher_innen erst studieren müssen. Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch Jürgen Herres, wobei er dennoch im Jahr 1993 die wichtige Rolle der 1983er Ausstellung in dieser Zeit hervorhebt: »Angesichts der Instrumentalisierung, Verzerrung und Dogmatisierung von Karl Marx und Friedrich Engels und ihrem Denken in den ehemals kommunistischen Staaten Ost­ europas, nicht zuletzt in der ehemaligen DDR, stellte die der Trierer Ausstellung zugrunde­ liegende historisierende Annäherung an Karl Marx und Friedrich Engels einen großen Fortschritt dar. Die Ausstellung, die gerade durch die Konfrontation mit der dogmatischen hagiographischen Enge anderer Ausstellungsversuche kritisch, erhellend und interessant wirkte, hat auch nach den jüngsten politischen Umwälzungen nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt.« 173 Die 1983 im Karl-Marx-Haus eröffnete Dauerausstellung stellte für Westdeutschland eine Errungenschaft dar, da Marx normalerweise als Feindbild dargestellt wurde – nun konnte man sich aber zumindest historisierend mit seiner Person und seinem Werk beschäftigen. Die politische Wende 1989/90 wirkte sich zwar nicht auf die Konzeption der Ausstellung aus, wohl aber auf die Besucherzahlen und die Rezeption. Während die Zahl der Besucher_innen stetig sank, nahm die Kritik zu, dass die Ausstellung die Weiterentwicklung von Marx’ Ideen im 20. Jahrhundert ebenso wenig thematisierte, wie sie die Gegenwart betrachtete. Das Karl-Marx-Haus sah die Notwendigkeit, die Dauerausstellung neu zu konzipieren. 174 4.3 Der politisierte Gelehrte – die Dauerausstellung von 2005 »Marx ist aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Er hat sie geprägt wie nur wenige andere« 175 , erklärt Kurt Beck im Geleitwort des Ausstellungskataloges zur 2005 eröffneten Dauerausstellung. »Die Ausstellung im Karl-Marx-Haus will auf anschauliche Weise informieren: über die Person von Karl Marx, sein Leben, sein Werk, seine Bundesgenossen und seine Gegner. Ebenso wird auch über die Wirkungsgeschichte berichtet, die vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht und damit ein Panorama des 20. Jahrhunderts einschließt.« 176 173 Herres, Das Karl-Marx-Haus, S. 95 f. 174 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 239. 175 Kurt Beck, Zum Geleit, in: Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818–1883). ­Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 , S. 5, hier S. 5. 176 Beatrix Bouvier / Anja Kruke, Die Dauerausstellung im Karl-Marx-Haus, in: Friedrich-Ebert-Stiftung / KarlMarx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 , S. 7–12, hier S. 7. 60 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Damit lag der Dauerausstellung von 2005 die These zugrunde,»dass Karl Marx die Geschichte des 19. Jahrhunderts geprägt hat, dass sich aber die Auswirkungen seiner ­Ideen erst im 20. Jahrhundert entfalteten.« 177 Dabei ging die Ausstellung von den epochalen Ereignissen der Jahre nach 1989 aus. Sie wollte dabei jedoch nicht nur die entscheidenden Zäsuren des 20. Jahrhunderts mit den Ereignissen nach 1989 in Verbindung setzen, sondern auch entscheidende Entwicklungen im 19. Jahrhundert – wie beispielsweise die Industrialisierung – in den Blick n­ ehmen, da auch jene noch nachwirken und aktuell sein können.»Die Frage nach den Gewinnern und Verlierern einer unaufhaltsam erscheinenden Entwicklung,[der Globalisierung,] kann[…] auf Karl Marx zurückverweisen.« 178 Jedoch vermag Marx – wie im Ausstellungskatalog erklärt wird – bei der Interpretation nicht mehr handlungsanleitend sein, da die Komplexität zugenommen hat. Dennoch können seine Überlegungen anregend sein,»dass Gesellschaften gerade unter sich rapide wandelnden Bedingungen auch der fundamentalen Kritik bedürfen.« 179 Obgleich somit darauf hingewiesen wurde, dass man der marxschen Lehre nicht folgen dürfe, wird Marx’ Aktualität – auch für das 21. Jahrhundert – dennoch an dieser Stelle hervorgehoben. Die Ausstellung von 2005 richtete sich dabei auch an Besucher_innen, die noch nichts über Karl Marx wissen und wollte keine vorgefertigten Meinungen abbilden, sondern die Besucher_innen zum Denken anregen und sie dazu befähigen, sich eine eigene Meinung über Marx zu bilden. 180 Thematisch teilte sich die Dauerausstellung dabei wie folgt auf: Im Erdgeschoss wurde die Geschichte des Karl-Marx-Hauses von seinen Anfängen bis in die Gegenwart dargelegt. 181 Zusätzlich befand sich im Erdgeschoss ein Raum, der sowohl als Start- als auch Endpunkt der Ausstellung dienen kann. In diesem sind berühmte Marx-Zitate projiziert, denen Aussagen Dritter über Marx gegenübergestellt werden. Auf diese Weise wurde sowohl auf das Werk von Marx hingedeutet wie auch auf die unterschiedliche Rezeption. 182 177 Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 240. 178 Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 7. 179 Ebd., S. 7. 180 Vgl. Beck, Geleit, S. 5. 181 Da jene Hausgeschichte hier nicht zentral für die Beantwortung der Leitfrage ist, soll an dieser Stelle auf den Ausstellungskatalog für tiefergehende Lektüre verwiesen werden, siehe Friedrich-Ebert-Stiftung / KarlMarx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 14–17. 182 Gleichwohl räumen die Ausstellungsmacher selbst ein, dass dies Verwirrung auslösen kann.»Das mag bei Beginn eines Rundgangs Ratlosigkeit auslösen, der aber zum Abschluss ein eigenes Urteil folgen könnte.« Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 10; sowie vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 240. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 61 Im ersten Obergeschoss präsentierte die Ausstellung dann Marx’ Leben und Werk. Sie beginnt mit dem Geburtsalkoven, wo Marx das Licht der Welt erblickte. Anschließend werden im folgenden Raum seine familiäre Herkunft, Kindheit und Jugend sowie seine Ausbildung thematisiert. Des Weiteren wird hier die Person Jenny von Westphalen vorgestellt – seine spätere Ehefrau. In den beiden folgenden Räumen werden Marx’ weitere Lebensstationen präsentiert. Im ersten wird dabei neben seiner journalistischen Tätigkeit in Köln und seiner Rolle als politischer Philosoph auch die Freundschaft mit Friedrich Engels dargestellt. Im nächsten Raum stehen die Geschehnisse der Revolu­tion 1848 im Fokus der Betrachtung, da Karl Marx in dieser Phase zu einer Person wurde, die aktiv politisch handelte. Nachdem dann im Zwischengang seine Zeit in London thematisiert wird, beschäftigt sich der anschließende Raum mit dem»Universalgelehrten […], dessen Lebensthema die politische Ökonomie war.« 183 Im ersten Obergeschoss wird sich dann noch speziell der Beziehung der deutschen Arbeiterbewegung zu Marx und seiner Aktivität in der Internationalen Arbeiter-Assoziation(IAA) gewidmet, um anschließend auf die Rolle von Friedrich Engels einzugehen, der nach Marx’ Tod 1883 dessen Nachlass verwaltete sowie die Bände zwei und drei des Kapitals edierte und veröffentlichte. Der Ausstellungskatalog stellt dabei heraus:»Mit seinem[d.h. Marx’] Tod 1883 endet ein wichtiger Teil der Ausstellung.« 184 Im zum Innenhof offenen Gang des ersten Obergeschosses wird dann auf die Wirkungsgeschichte übergeleitet, welche im zweiten Obergeschoss thematisiert wird. So werden im Gang Persönlichkeiten – zumeist Intellektuelle – vorgestellt, die von Marx beeinflusst wurden. »Zentrale Themen[im zweiten Obergeschoss] sind die Spaltung der Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg und nach der russischen Oktoberrevolution, die Spaltung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Überwindung dieser Spaltung seit 1989.« 185 Die Ausstellung schließt mit einem Raum, in dem eine Weltkarte in den Boden eingelassen ist. Jene zeigt die Wirkung und Inanspruchnahme der marxschen Ideen in aller Welt, wobei im Ausstellungskatalog betont wird, dass diese Entwicklungen»längst nicht abgeschlossen sind.« 186 Gestalterisch werden zusätzlich Farben als strukturierendes Element genutzt. Während Bordeauxrot als Marker für Marx’ Leben und Wirken steht, kennzeichnen die Farben Bronze-Gelb das Privatleben und Blau die historischen Hintergründe. Die dominierenden Braun- und Beigetöne sollen dabei die Historisierung symbolisieren. Somit entsteht 183 Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 10. 184 Ebd., S. 10. 185 Ebd., S. 11; sowie vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 240. 186 Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 11. 62 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 neben der Hierarchisierung durch die verschiedenen Ausstellungstextarten 187 ein zusätzliches strukturierendes Element durch die Farbauswahl. Darüber hinaus wird eine sich durchziehende Zeitleiste genutzt, um den Besucher_innen Orientierung zu bieten. Des Weiteren ist im Boden eine graue Fläche eingearbeitet, die sich durch das ganze Haus zieht und um 10 Grad gedreht ist. Jene soll als»Raum im Raum« der Ausstellung eine weitere Ebene der Orientierung bieten. 188 Abgesehen von der grauen Kubus-Fläche handelte es sich bei dem Boden um dunkelbraunes Parkett, wodurch die Räume eher dunkel erschienen. Dies wird dadurch verstärkt, dass die Ausstellungstafeln teilweise den Lichteinfall der Fenster blockierten. Auf diese Weise fallen zwar die beleuchteten Ausstellungstafeln und Vitrinen deutlich mehr auf, jedoch entsteht insgesamt ein recht dunkles Gesamtbild. Die Vitrinen waren dabei in die Tafeln integriert, sodass dort auf der vertikalen Fläche ein quadratischer Ausschnitt aus Glas war, hinter dem die mit LEDs bestrahlten Exponate ausgestellt wurden. Abb. 5: In Raum 12 der 2005er Dauerausstellung treffen sämtliche gestalterischen Elemente aufeinander: rote Grafiken und Porträts auf braun-beigen Tafeln sowie die im Boden eingearbeitete graue Fläche. 187 Vgl. Dawid / Schlesinger, Texthierarchien, S. 36. 188 Vgl. Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 11. Somit bietet die gestalterische Umsetzung nicht nur eine ästhetische, sondern auch orientierende Dimension.»Das künstlerisch-gestalterische Konzept nutzt die Fähigkeiten der visuellen Künste, Wahrnehmung zu unterstützen und zu steuern, Assoziationen herbeizuführen, persönliche Meinungen zu entwickeln, Neugier zu wecken, Emotionen freizusetzen.« Flügel, Einführung in Museologie, S. 110. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 63 Die 2005er Dauerausstellung ist dabei die erste, die über ein breitgefächertes museums­ pädagogisches Angebot verfügte. So bestand die Möglichkeit – neben der Nutzung von Audioguides, welche in mehreren Sprachen zur Verfügung standen – an Führungen und Seminaren teilzunehmen sowie Projekttage zu besuchen. Darüber hinaus wurden speziell für die jüngeren Besucher_innen ein Museumsquiz sowie eine Museumsrallye konzipiert, anhand derer man sich die Ausstellung spielerisch erschließen konnte. Des Weiteren ist die 2005er Ausstellung die einzige vergangene Dauerausstellung des KarlMarx-Hauses, die einen Katalog erhalten hat. Jener stellt neben einer Fotodokumentation und wenigen Publikationen die Hauptquellengrundlage dar. 189 Hervorzuheben ist zudem, dass in der Ausstellung ab 2013 mehrere sogenannte»Medienstationen« installiert waren, an denen Besucher_innen tiefergehende Informationen zu den historischen und aktuellen Hintergründen erhalten konnten. 190 Wichtig ist es noch herauszustellen, dass sich die folgende Analyse auf die Gestaltung der Ausstellung ab 2013 bezieht. In diesem Jahr investierte die Friedrich-Ebert-Stiftung noch einmal finanziell in die Ausstellung, da sich am 14. März 2013 der Todestag zum 130. und am 5. Mai der Geburtstag von Karl Marx zum 195. Mal jährte. In diesem Zuge wurde die Ausstellung um die angesprochenen Medienstationen erweitert und der Garten neugestaltet. 191 Wie Dietzen und Neu zudem hervorheben, wurden zuvor gezeigte Originalausgaben in das Studienzentrum ausgelagert, sodass diese nicht mehr wie in den vorherigen Ausstellungen betrachtet werden konnten. 192 Insgesamt lassen sich für die 2005 eröffnete Dauerausstellung vier verschiedene Narrative herausarbeiten, die in folgender Reihenfolge behandelt werden: 1. Der universalgelehrte Querdenker, 2. Der Staaten- und Mittellose, 3. Vom politisch denkenden zum politisch handelnden Akteur und 4. Die Wirkung marxscher Ideen. 4.3.1 Der universalgelehrte Querdenker Bereits auf der ersten Ausstellungstafel zur Person Karl Marx wird sein analytisch denkender Geist hervorgehoben. So führt die Ausstellungseinheit zu der Person Marx mit einem Zitat aus seinem Abituraufsatz von 1835 ein:»Unsere Verhältnisse in der Gesellschaft haben einigermaßen schon begonnen, ehe wir sie zu bestimmen imstande sind.« 193 189 Ausstellungskataloge sind eine materielle Form, etwas von einer Ausstellung wortwörtlich mitzunehmen, vgl. Schröder, Ausstellungsbegleitende Publikationen, S. 113. 190 Vgl. Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 10 sowie Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 240. 191 Vgl. Bouvier / Kruke, Dauerausstellung, S. 12. 192 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 241. 193 Karl-Marx-Haus,»Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus Trier«, Trier 2005(folgend abgekürzt mit KMH-2005), Raum 11, Text auf Kubus. 64 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 In diesem Raum wird zunächst seine Biografie dargelegt, wobei die frühen Jahre in Trier und seine Studienzeit im Vordergrund der Betrachtung stehen. Karl Marx’ Vater Heinrich wird vorgestellt und dessen Biografie mit einer Vorstellung der Geschichte Triers im frühen 19. Jahrhundert verbunden – jener Zeit, in der Marx aufwuchs. Außer­ dem stehen bei der Betrachtung besonders Heinrich Marx’ jüdischer Glaube und seine Konvertierung zum Protestantismus, um weiterhin als Anwalt arbeiten zu können, im Vordergrund. Danach wird das erste Mal auf die Lebensgeschichte von Karl Marx eingegangen: mit seiner Geburtsurkunde. So zeigte Heinrich Marx am 7. Mai 1818 die Geburt seines Sohnes»Carl« an. 194 Des Weiteren werden zwei Lehrer von Karl Marx vorgestellt: Johann Steininger und Johann Hugo Wyttenbach, wobei anzumerken ist, dass Letzterer in seiner Funktion als Geschichtslehrer Marx den Deutschen Idealismus und die Ideen der Französischen Revolution näherbrachte – ein erster Schritt auf dem Weg zum Universalgelehrten. 195 Daraufhin geht die Ausstellung zunächst auf seine Schulzeit ein – Marx besuchte seit dem zwölften Lebensjahr das Gymnasium in Trier, nachdem er zuvor Privatunterricht erhielt – und danach auf seine Studienzeit in Bonn und Berlin. Hier stehen besonders die vom Vater missbilligten Eskapaden im Vordergrund: So wird angemerkt, dass Karl Marx nicht nur wegen Trunkenheit und Ruhestörung negativ auffiel, sondern auch über seinen finanziellen Möglichkeiten lebte – ein Aspekt, der später bei der Analyse des Staaten- und Mittellosen noch einmal aufgegriffen wird. 1836 wechselte Marx von der Universität Bonn zur Universität in Berlin; die Ausstellung hebt hierbei die Rolle Georg Wilhelm Friedrich Hegels und dessen Ideen hervor, die Marx in den Diskussionsrunden des sogenannten»Doctorclubs« miterlebte. 196 In dieser Sinneinheit finden sich neben Gemälden des Gymnasiums und der Universitäten vermehrt Porträts der genannten Persönlichkeiten wieder, die einen Einfluss auf den jungen Karl Marx hatten. Jene Personen werden mithilfe der den Porträts zugehörigen Texte kurz vorgestellt. Hier werden auch die geistigen Strömungen und Gruppierungen wie beispielsweise die Jung- und Althegelianer präsentiert, um Marx besser in der Zeit verorten zu können. Des Weiteren sind hier auch zum ersten Mal die sogenannten»Zeitfenster« zu sehen. Während das erste über die Emanzipation der Juden im frühen 19. Jahrhundert informiert, widmet sich das zweite dem Studentenleben im Vormärz. Diese Zeitfenster ­dienen in der Ausstellung als kurze Schlaglichter auf ausgewählte Entwicklungen, mit denen 194 Vgl. KMH-2005, Raum 11, Objekttext, Geburtsurkunde. 195 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 20–23. 196 Vgl. KMH-2005, Raum 11, Haupttext, An der Berliner Universität; sowie Ausstellungskatalog, S. 24–26. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 65 sich diejenigen Besucher_innen beschäftigen können, die tiefer in die Materie einsteigen wollen. Aus diesem Grund sind die Zeitfenster auch als solche erkennbar, um der Ausstellung eine visuell-nachvollziehbare Ebenenstruktur 197 zu verleihen und den optionalen Charakter der Zeitfenster zu verdeutlichen. Hervorzuheben ist auch, dass hier die sich durch die gesamte Ausstellung ziehende Zeitleiste beginnt und dabei die größeren Zäsuren eingezeichnet sind: 1815 der Wiener Kongress, 1819 die Karlsbader Beschlüsse, sowie die Julirevolution 1830 und das Hambacher Fest 1832. Zusätzlich findet sich im selben Raum eine Säule, die sich gänzlich mit der Person J­ enny von Westphalens beschäftigt. Hier werden ihre Person, ihre Familie – allen voran der Vater – sowie ihre Beziehung zu Karl Marx vorgestellt. Der Exkurs zu Jenny von Westphalen endet mit der Heiratsurkunde: Karl und Jenny heirateten am 19. Juni 1843 in Kreuznach, nachdem sie sich bereits 1836 heimlich verlobten. Der Aspekt des universalgelehrten Querdenkers wird in Raum 12 weiter vertieft, in dem über Marx’ Zeit in Paris berichtet wird. Hier werden sowohl seine individuellen als auch die gemeinsamen Schriften mit Engels, welche in der Pariser Zeit verfasst wurden, näher thematisiert. So wird darauf eingegangen, dass Marx die beobachteten wirtschaftlichen Probleme analysierte und sich in der Folge von Bruno Bauer, Hegel und Feuerbach abgrenzte. »Er analysierte die politischen Zustände in Deutschland und verglich sie mit denen im Frankreich der Revolutionszeit. Für ihn wurde klar: Die Revolution der Arbeiterklasse, des Proletariats, wird die neue Zeit, das Reich der Freiheit, einläuten.« 198 Auch in Brüssel setzte sich Marx mit den Werken zeitgenössischer Sozialisten auseinander – und grenzte sich von ihnen ab, unter anderem von Proudhon. 199 »Dem moralisch begründeten Sozialismus, dem Marx einige Jahre vorher selber angehangen hatte, setzte er nun seine materialistische Geschichtsauffassung entgegen. Darin entwickelte er mit wissenschaftlichem Anspruch den Gedanken des Klassenkampfes als Grund­ element der geschichtlichen Entwicklung. Dementsprechend vertiefte Marx seine ökonomischen Studien. Gleichzeitig setzten Marx und Engels sich schonungslos mit Andersdenken­ den auseinander, um sich gegenüber anderen Strömungen des zeitgenössischen Sozialismus durchzusetzen.« 200 In Raum 15, welcher sich mit der politischen Ökonomie auseinandersetzt, wird Marx als Universalgelehrter vorgestellt, eine Komponente des vermittelten Narrativs des uni197 Vgl. Hermann Kossmann, Narrative Räume. Der Werkzeugkasten der Szenografie, in: Stapferhaus L­ enzburg / Sibylle Lichtensteiger / Aline Minder / Detlef Vögeli(Hrsg.), Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis(Edition Museum, 8), Bielefeld 2014, S. 50–66, hier S. 51. 198 KMH-2005, Raum 12, Haupttext, Frühe kritische Studien. 199 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 37 f. 200 KMH-2005, Raum 12, Gegen den Frühsozialismus. 66 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 versalgelehrten Querdenkers. Marx las sich in viele Disziplinen ein, um sein Werk fundiert fortzusetzen. Daraus resultierten jene Auseinandersetzungen mit Vertretern der Disziplinen, die unter die Narrativ-Komponente des Querdenkers zusammengefasst werden können. Der Raum beginnt mit einem auf dem Kubus abgedruckten Zitat von Marx aus dem Jahr 1867, welches sowohl den Stellenwert seines Werkes für ihn als auch seine Person näher beschreibt:»Ich mußte also jeden arbeitsfähigen Moment benutzen, um mein Werk fertig zu machen, dem ich Gesundheit, Lebensglück und Familie geopfert habe.« 201 Im Raumtext wird dabei Marx historisch als einer der letzten Universalgelehrten eingeordnet: »Auf der Suche nach einer umfassenden ökonomischen Theorie entwickelte sich Marx zu einem der letzten großen Universalgelehrten. In den Traditionen der europäischen Aufklärung und des deutschen Idealismus stehend, beschäftigte er sich wie Engels intensiv mit unterschiedlichen Wissensgebieten: u. a. Anthropologie und Ethnologie, Sprache und Literatur sowie – speziell bei Engels – Militärtheorie und-geschichte. Im Mittelpunkt stand die Analyse der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse seit der Urgesellschaft. Dabei entwarfen Marx und Engels ein Stufenmodell der gesellschaftlichen Entwicklung, in dem der Kapitalismus als ein ›notwendiges‹ Stadium auf dem Weg zum Endziel des Kommunismus erscheint.« 202 Hier wird sein Studium der verschiedenen Disziplinen auch gleichzeitig mit seinem Lebenswerk bzw. der wirkmächtigen Idee des Kommunismus und seiner Vorstellung, wie er erreicht werden kann, in Verbindung gesetzt. Der Ausstellungsraum präsentiert des Weiteren die verschiedenen Disziplinen, indem ihre wichtigsten und von Marx rezipierten Vertreter mithilfe von Porträts und Kurzbiografien vorgestellt werden. So finden sich Sinneinheiten zur Naturwissenschaft, zur Nationalökonomie und zur politischen Ökonomie, deren Studium letztendlich dazu führte, dass sich Marx und Engels mit den gewonnenen Erkenntnissen dem damals aktuellen Zeitgeschehen widmeten. Hier wird der Bereich des Journalismus thematisiert, wenngleich dieser nicht als solcher benannt wird, sondern als»Analysen zum Zeitgeschehen« bezeichnet wird. Im dazugehörigen Text steht dann jedoch die journalistische Tätigkeit im Fokus, wobei auch die Arbeit von Marx und Engels positiv herausgehoben und gelobt wird. »Marx und Engels waren aufmerksame Beobachter und Kommentatoren des weltweiten Zeitgeschehens. Über Jahre hinweg schrieben sie für zahlreiche Presseorgane. Ihre Artikel zur britischen Innenpolitik und Kolonialpolitik, über den Krimkrieg und vor allem über den amerikanischen Bürgerkrieg sind journalistische Glanzstücke.« 203 201 KMH-2005, Raum 15, Kubus-Wand. 202 KMH-2005, Raum 15, Der Universalgelehrte. 203 KMH-2005, Raum 15, Analysen zum Zeitgeschehen. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 67 Interessant ist zudem anzumerken, dass in diesem Raum auch das Kapital vorgestellt und die marxsche Theorie erklärt wird. Während frühere Ausstellungen dies in gesonderten Räumen präsentierten, ist es hier in die personenbezogene Ausstellungseinheit eingebunden. Dafür wird ein sogenanntes elektronisches Buch genutzt, das am Fenster platziert ist und unterschiedliche Ausgaben des Kapitals zeigt. Somit wird hier jenes Werk multimedial präsentiert: als Printmedium sowie digital. Ergänzt wird die Darstellung durch ein Zeitfenster zum industriellen Kapitalismus, da dieser aufgrund seiner Entwicklung und resultierenden Folgen entscheidend für Marx’ Werk war. Des Weiteren findet sich auch hier die, die Ausstellung durchziehende, Zeitleiste wieder, welche in diesem Fall die Jahre 1851 bis 1867 umfasst und besonders die internationalen ­Kriege in den Vordergrund stellt. Insgesamt wird das Narrativ des universalgelehrten Querdenkers meist in Verbindung mit Marx’ Werken und seinen Auseinandersetzungen mit und Abgrenzungen von den Gelehrten seiner Zeit vermittelt. Zudem werden die verschiedenen Disziplinen thematisiert, in die sich Marx einarbeitete, um seine wissenschaftliche Bandbreite darzulegen. 4.3.2 Der Staaten- und Mittellose Marx’ Ruf als Gelehrter und bekannte Persönlichkeit der sozialistischen Intellektuellen ging mit persönlichen Entbehrungen einher. Wie die Ausstellung aufzeigt, verbrachte er große Teile seines Lebens als politischer Emigrant bzw. Asylant in Mittel- und Westeuropa. Seine politische Verfolgung, welche im nachfolgenden Kapitel näher analysiert wird, resultierte oftmals darin, dass er seinen Lebensmittelpunkt wechseln musste. So führte ihn sein Weg zunächst aus freien Stücken von Trier nach Bonn und Berlin zum Studium. Seine Umzüge von Köln nach Paris und anschließend nach Brüssel resultierten jedoch aus Gründen der Verfolgung. Nachdem Marx und seine Familie für seine politische Aktivität aus Frankreich ausgewiesen wurden, emigrierte die Familie nach Brüssel, wo sie in finanzieller und materieller Not lebte. 204 Hier wird auch das Narrativ des Staatenlosen angesprochen:»Stets im Visier der preußischen Polizei, gab Karl Marx Ende 1845 seine preußische Staatsbürgerschaft auf. Bis zu seinem Lebensende blieb er ein staatenloser Asylant.« 205 Nachdem Marx in Brüssel Kontakt zum Bund der Gerechten aufnahm und für sie die Programmzeitschrift Das Manifest der Kommunistischen Partei verfasste, brach in Deutschland die Märzrevolution 1848 aus, eine Folge der ­Februarrevolution desselben Jahres in Paris. Marx kehrte nach Köln zurück und versuchte aktiv an der Revolution teilzuhaben, jedoch scheiterte diese. 204 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 37. 205 KMH-2005, Raum 12, Exil in Brüssel. 68 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 »Nach dem Scheitern der Revolution 1849 musste Karl Marx Preußen innerhalb eines T­ ages verlassen. Während Friedrich Engels im Mai / Juni 1849 noch am badischen Aufstand zur Erringung der Reichsverfassung teilnahm, ging Marx nach Paris. Dort traf er seine Familie wieder. Marx fuhr dann allein nach London, wo er sich in die Auseinandersetzungen im ›Bund der Kommunisten‹ einschaltete. Im September ließ er seine hochschwangere Frau mit den Kindern nachkommen. Wie andere Flüchtlinge vom Kontinent dachten sie an einen vorübergehenden Aufenthalt im Exil.« 206 Jener Aufenthalt in London sollte für die Familie Marx jedoch nicht nur von vorübergehender Natur sein. Hier verbrachten sie – bis auf kleinere Ausflüge und Kuren – den Rest ihres Lebens. Die Ausstellung betont dabei besonders das Elend der Londoner Jahre; speziell die finanzielle Not wird an dieser Stelle in den Vordergrund der Betrachtung gerückt, denn die Familie Marx musste in London mehrfach umziehen. In der Zeit, in der Jennys Mutter finanzielle Unterstützung leistete, konnten sie eine Zweizimmerwohnung beziehen, in den überwiegenden Zeiten als das Geld knapp war, wohnte die Familie Marx in Pensionen und schließlich auch mehrere Jahre unter schwierigen Umständen in der Dean Street, welche im Stadtteil Soho gelegen ist. Der Ausstellungsgang ist dabei so gestaltet, dass nur auf der dem Innenhof gegenüberliegenden Wand die Ausstellungstafeln und Vitrinen angebracht sind, sodass man weiterhin aus den Fenstern den Innenhof sehen kann. In den Vitrinen sind dabei nahezu nur Objekte aus dem ehemaligen Besitz von Jenny Marx zu finden: ein Porzellanteller und ein Handschuh-Etui. Persönliche Gegenstände von Karl Marx selbst besitzt das Karl-Marx-Haus leider nur äußerst wenige, sodass sich abgesehen von der hier ausgestellten Uhr zumeist auf geschriebene Werke und Manuskripte beschränkt wird. Auf den Ausstellungstafeln sind außerdem sowohl Bilder der verschiedenen Wohnorte der Familie Marx als auch der British Library zu finden, da»Karl Marx[…] aus der Enge der Wohnung[der Dean Street] in die nahe gelegene British Library[floh], um dort zu arbeiten.« 207 Somit wird auch hier wieder – in Form der Enge – über die Unannehmlichkeiten der Londoner Zeit berichtet. Zwischen 1849 und 1851 erfreute sich die Familie über Zuwachs, jedoch überlebten beide Kinder – auch aufgrund der aus der finanziellen und materiellen Not entstanden schlechten Lebenssituation – das Neugeborenenalter nicht. Die Ausstellung geht zusätzlich auf den ebenfalls 1851 geborenen unehelichen Sohn von Karl Marx und der Haushälterin Helene Demuth ein. Das Motiv des Leids wird dabei auch in den anderen Texten des Raumes deutlich: 206 KMH-2005, Raum 14, Frühe Londoner Jahre. 207 KMH-2005, Raum 14, Bildtext, Wohnungen in London. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 69 »Die frühen 1850er Jahre waren für die Familie sehr bedrückend. Zu den Krankheiten, die Karl Marx zeitlebens begleiteten, kamen ständige Geldsorgen. Marx war immer auf Beihilfen von Freunden, insbesondere von Friedrich Engels, angewiesen. Es war vor allem Jenny, die unzählige Bittbriefe schrieb, da die Einkünfte aus journalistischer Tätigkeit nicht ausreichten. Auch als sich später die Situation besserte, blieb es bei ständigen Finanznöten. Dabei handelte es sich nicht so sehr um bittere Armut. Ursache war auch das Bestreben, nach außen die bürgerliche Fassade zu wahren. Hinzu kam das Unvermögen von Jenny und Karl Marx, haushälterisch mit Geld umzugehen.« 208 Auffällig ist hier jedoch einerseits, dass betont wird, dass es sich hier nicht um bittere Armut handelte, andererseits, dass konkret erklärt wird, dass Karl und Jenny Marx jene finanzielle Not selbst bzw. mit zu verschulden haben. Anzumerken ist an dieser Stelle auch, dass sich auf den Ausstellungstafeln stets sogenannte»Confessions« also Geständnisse bzw. Bekenntnisse einiger genannter Personen finden lassen, beispielsweise von der Haushälterin Helene Demuth oder auch von J­ enny von Westphalen. Zu Letzterer ist auch ihr Lebensmotto abgedruckt: Nihil desperandum – Verzweifle niemals, welches in der Ausstellung besonders mit den finanziellen Proble­ men der Londoner Anfangsjahre in Verbindung gesetzt wird. Die finanzielle Not legte sich erst im Jahre 1864 durch zwei Erbschaften. Karl erhielt beispielsweise, wie die Ausstellung erklärt,»eine erhebliche Summe« 209 nach dem Tod seiner Mutter Henriette. Dennoch wird auch hier wieder darauf hingewiesen, dass Karl und Jenny Marx nicht mit Geld haushalten konnten und, trotz der Erbschaften, weiterhin von der finanziellen Unterstützung durch Friedrich Engels abhängig waren. »Verbunden damit war ein Wechsel zu einem großzügigen Lebensstil. Die Kinder bekamen eigene Zimmer, man hielt Haustiere und hatte ein zweites Hausmädchen. Die Mädchen gingen auf eine Privatschule für höhere Töchter, erhielten Unterricht in Französisch und Klavierspiel. Bälle wurden veranstaltet, Reisen an die See und sonntägliche Ausflüge in die Umgebung unternommen. Insgesamt verlief das Leben von Karl und Jenny Marx seit den siebziger Jahren äußerlich ruhiger. Friedrich Engels hatte sich aus dem Geschäft in Manchester zurückgezogen und war in die unmittelbare Nachbarschaft in London gezogen. Engels konnte nun der Familie Marx eine erhebliche lebenslängliche Rente aussetzen, die freilich nie ausreichte.« 210 Abschließend betont die Ausstellung, dass an die Stelle der finanziellen Nöte zunehmend gesundheitliche Probleme traten, die Karl und Jenny Marx bis zu ihrem Tod begleiteten. Jenny starb am 2. Dezember 1881 in London, während Karl nur 15 Monate später, am 14. März 1883, starb. 208 KMH-2005, Raum 14, Sorgen und Nöte. 209 KMH-2005, Raum 14, Objekttext, Erbvertrag. 210 KMH-2005, Raum 14, Besserung der häuslichen Verhältnisse. 70 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Zusätzlich wird auf das weitere Leben der Töchter Jenny, Laura und Eleanor eingegangen. Da eine Beschäftigung mit diesen jedoch keinen Mehrwert für die Beantwortung der Leitfrage hätte, wird an dieser Stelle darauf verzichtet. In einem Zeitfenster wird außerdem tiefgehender das Leben im Exil Mitte des 19. Jahrhunderts in allgemeiner Hinsicht näher dargelegt. Auffällig ist zudem, dass in Raum 12 keine Zeitleiste vorhanden ist, obwohl hier Marx’ Leben von 1848 bis 1883 thematisiert wird. 4.3.3 Vom politisch denkenden zum politisch handelnden Akteur Bereits bei der Betrachtung des universalgelehrten Querdenkers wurde das Narrativ des Wandels vom politisch denkenden zum politisch handelnden Akteur am Rande angedeutet, beispielsweise bei der Untersuchung des Raumes zu Marx’ Zeit in Paris, welche sich an das Verbot der Rheinischen Zeitung anschloss. Seine journalistische Tätigkeit steht dabei im Vordergrund der Betrachtung in Ausstellungsraum 12. In diesem – wie auch in den anderen Räumen der Ausstellung – wird ein für die Ausstellungseinheit repräsentatives Marx-Zitat präsentiert. Für jenes Zimmer, das sich mit Marx als politischen Publizisten und Philosophen beschäftigt, wurde das folgende Zitat gewählt:»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretirt; es kömmt drauf an, sie zu verändern.« 211 Bereits an der Auswahl des Zitates kann man einen wichtigen Aspekt der Darstellung von Marx in der Ausstellung erkennen: das Narrativ des Wandels vom politisch denkenden hin zum politisch handelnden Akteur. Zu Beginn dieser Ausstellungseinheit wird zunächst Marx’ Zeit in Köln als Journalist der Rheinischen Zeitung näher betrachtet. Nach einer kurzen Einführung in die damalige Situation Kölns, steht die kritische Haltung der Rheinischen Zeitung, welche letztendlich auch zu ihrem Verbot durch die preußische Regierung 1843 führte, im Vordergrund der Betrachtung. 212 Auf den Ausstellungstafeln sind illustrierend Artikel der Rheinischen Zeitung abgedruckt – darunter auch einige von Marx. Besonders hervorgehoben wird sein im April 1842 verfasster Artikel zur wirtschaftlichen Not der Moselwinzer, da dieser als Kritik am Staat aufgefasst und Marx somit von der preußischen Regierung kritisch beobachtet wurde. 213 Anschließend rückt der Umzug von Karl und Jenny Marx im Spätherbst 1843 im Anschluss an das Verbot der Rheinischen Zeitung in den Fokus. Hier wird besonders der Einfluss von Paris betont,»der geistigen Hauptstadt Europas und Brennpunkt sozialistischen Denkens. In Paris stand Marx mit vielen emigrierten Intellektuellen und auch 211 KMH-2005, Raum 12, Kubus. 212 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 30. 213 Vgl. KMH-2005, Raum 12, Bildtext: Artikel von Marx über die Moselwinzer. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 71 Handwerksgesellen in Verbindung.« 214 Zu den Intellektuellen zählte auch Arnold Ruge, mit dem Marx die regierungskritischen Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgab, von denen jedoch nur ein Heft im Februar 1844 erschien. Gegen Karl Marx und Arnold Ruge wurde später aufgrund der Herausgabe in Preußen ein Haftbefehl erlassen. Neben Georg Herwegh, Heinrich Heine und Michael Bakunin wird dabei besonders Friedrich Engels vorgestellt. Auch das Café de la Régence, in dem Marx und Engels ihre lebenslange Freundschaft schlossen, wird gesondert thematisiert. Anschließend werden sowohl Marx’ individuelle und ebenso die gemeinsamen Schriften mit Engels präsentiert – auch im Hinblick ihres Politisierungspotenzials: »Er analysierte die politischen Zustände in Deutschland und verglich sie mit denen im Frankreich der Revolutionszeit. Für ihn wurde klar: Die Revolution der Arbeiterklasse, des Proletariats, wird die neue Zeit, das Reich der Freiheit, einläuten.« 215 Des Weiteren wird hier auch das erste Mal konkret angesprochen, dass sich Marx und Engels von der Rolle der Gelehrten zu politisch Handelnden entwickelten: Sie gingen jetzt davon aus, dass neue Ideen allein die Welt nicht verändern würden. Die Forderung nach weltverändernder Praxis formulierte Marx im Frühjahr 1845 in den Thesen über Feuerbach. 216 Somit steht hier seine Entwicklung von einem politisch denkenden Gelehrten zu einem gelehrten politischen Aktivisten im Vordergrund. Auffällig ist, dass in diesem Raum – wie auch in anderen Räumen der Ausstellung – nahezu gänzlich auf Objekte verzichtet wird. Lediglich Porträts der vorgestellten Personen und Titelseiten der Zeitschriften sind auf den Tafeln abgedruckt bzw. an den Wänden ausgestellt. Marx’ zunehmend aktive Rolle wird besonders in Verbindung mit dem»Bund der Gerechten« bzw.»Bund der Kommunisten« vermittelt. Marx suchte mithilfe von Engels den Kontakt zu dem Bund, denn»Marx drängte nach praktischer Betätigung.« 217 Engels hatte schon zuvor mit dem Bund der Gerechten verkehrt, sodass er Marx letztendlich als Türöffner diente, da sie später für den Bund zusammen das Manifest der Kommunistischen Partei schrieben. Im Raum ist auch eine Säule installiert, die sich ausschließlich mit der Person Friedrich Engels auseinandersetzt. Zusätzlich sind in einer Vitrine frühe Arbeiten von Engels ausgestellt. 218 Des Weiteren ist hier wieder ein Zeitfenster zu finden, welches die Industrialisierung kurz vorstellt. Die Darstellung wird mit Bildern ­einer 214 KMH-2005, Raum 12, Haupttext, In Paris. 215 KMH-2005, Raum 12, Haupttext, Frühe kritische Studien. 216 KMH-2005, Raum 12, Erste gemeinsame Schriften von Marx und Engels. 217 KMH-2005, Raum 12, Anfänge der praktischen Politik. 218 Da in dieser Arbeit der Fokus auf Karl Marx liegt, wird sich an dieser Stelle nicht weiter der Person ­Friedrich Engels gewidmet. Für eine weitere Beschäftigung mit dieser durchaus interessanten Persönlichkeit siehe: Tristram Hunt, Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand, Berlin 2017 2 . 72 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Lokomotive und der Spinning Jenny – einer technisch-revolutionären Spinnmaschine – illustriert. Das Jahr 1848 wird hier als»Zeitenwende« beschrieben. 219 Dies wird in Raum 13 dann sowohl mit der Februarrevolution in Paris und der Märzrevolution in Deutschland im Jahr 1848, wie auch mit dem Erscheinen des Manifests der Kommunistischen Partei ­begründet. Nachdem die europäischen Revolutionen und ihre Auslöser sowie die Gegenrevolutionen vergleichsweise detailliert dargestellt wurden, wird sich relativ knapp mit dem Manifest der Kommunistischen Partei befasst. Jenes wird – trotz seines geringen quantitativen Anteils an der Ausstellung – äußerst positiv beschrieben und bewertet sowie nicht zuletzt die Bedeutung für die Arbeiterbewegung hervorgehoben: »Marx und Engels legten für den Londoner ›Bund der Kommunisten‹ Anfang 1848 eine Programmschrift vor, das Kommunistische Manifest. In geschliffener und mitreißender Sprache schildert es die Fortschritte und Leistungen des Kapitalismus, prangert aber auch drastisch dessen Widersprüche und Schwächen an. Mit dem Aufruf ›Proletarier aller ­Länder, vereinigt Euch!‹ wurde das Manifest zu einer Art Geburtsurkunde der Arbeiterbewegung.« 220 Anschließend wird Marx’ Tätigkeit als Journalist und Herausgeber der Neuen Rheinischen Zeitung in Köln näher betrachtet. Nachdem die Revolution aus Paris nach Deutschland übergriff, zogen Marx und Engels nach Köln – eines der Zentren der Märzrevolution. Hier gründete Marx in Nachfolge der Rheinischen Zeitung, für die er noch Jahre zuvor als Journalist arbeitete bis sie verboten wurde, die Neue Rheinische Zeitung. »Marx’ publizistisches Organ in der Revolution von 1848 war überregional und interna­ tional ausgerichtet und verbreitet. Marx selbst konzentrierte sich auf Innenpolitik, während sein Stellvertreter Engels in seinen Leitartikeln unter anderem die Entwicklungen in England und Frankreich analysierte.« 221 Raum 13 ist aufgrund seiner Thematik äußerst werkbezogen geprägt, was sich auch auf die Gestaltung und Bildauswahl auswirkt. Hier sind fast ausnahmslos – abgesehen von einigen Porträts und Vorstellungen von Revolutionsführern – Titelseiten der angesprochenen Neuen Rheinischen Zeitung sowie Auszüge und Einbände des Manifests der Kommunistischen Partei zu sehen. Ausgaben dieser beiden Publikationsorgane sind ferner in mehreren Vitrinen ausgestellt. In mehreren Zeitfenstern werden zusätzlich Informationen zur Entstehung der Arbeiterschaft zur Verfügung gestellt. Des Weiteren unterstützt auch der Zeitleistenausschnitt in diesem Raum die Aussage, dass es sich bei dem Jahr 1848 um eine»Zeitenwende« handelte, denn auf der Zeitleiste sind ausschließlich 219 KMH-2005, Raum 13, Raumtext. 220 KMH-2005, Raum 13, Das Kommunistische Manifest. 221 KMH-2005, Raum 13, Bildtext 1c, Neue Rheinische Zeitung sowie vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-MarxHaus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 46–49. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 73 Ereignisse aus diesem Zeitraum vermerkt. Somit misst die Ausstellung dem Jahr 1848, speziell der Pariser Februarrevolution, eine entscheidende Rolle für Marx’ Veränderung zu einem aktiv politisch handelnden Akteur zu. In Ausstellungsraum 16 wird die Beziehung zwischen Marx und der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung in den Blick genommen – und damit das Narrativ des politisch handelnden Akteurs weiter vertieft. Thematisch steigt die Ausstellung in diesen Sachverhalt ein, indem die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) durch Ferdinand Lasalle in den Fokus gerückt wird. Dies wird im weiteren Verlauf der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation(IAA) mit Unterstützung von Marx im Jahr 1864 und Marx’ Sympathisieren mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei(SDAP) gegenübergestellt, um die Heterogenität der Arbeiterorganisa­ tion aufzuzeigen. So wird die SDAP auch als eine»Konkurrenzorganisation« des ADAV bezeichnet. 222 Begleitet wird die Präsentation der verschiedenen Arbeiterorganisationen durch diverse Exponate: So finden sich auf den Ausstellungstafeln mehrere Porträts der führenden Persönlichkeiten jener Bewegungen: Ferdinand Lasalle für den ADAV, August Bebel und Wilhelm Liebknecht für die SDAP sowie Bakunin für die IAA. Ergänzt werden die Porträts mit Ausgaben der jeweiligen Parteiorgane, Berichten von Versammlungen sowie Kurzbeschreibungen, wie Marx mit diesen Organisationen in Verbindung stand und welche Rolle er in diesen einnahm. Des Weiteren werden im selben Ausstellungsraum die Besucher_innen mit vielen Informationen zum historischen Kontext versorgt, mehr noch als in anderen Räumen der Ausstellung. Beispielsweise werden hier sowohl das Sozialistengesetz als auch die Radikalisierung der Arbeiterbewegung näher vorgestellt. Dabei gehen die Ausstellungstexte auch auf das in dieser Zeit zunehmende Denunziantentum ein und stellen – neben der Person Otto von Bismarck – auch prominente Vertreter der deutschen Sozialdemokratie vor: Julius Motteler, Eduard Bernstein und Karl Kautsky. Zusätzlich ist auf den Ausstellungstafeln eine Karikatur zum Sozialistengesetz abgedruckt. Nachdem umfassend in den historischen Kontext eingeführt wurde, wird sich wieder der Person Marx als politisch handelnden Akteur gewidmet. »Nach seinem politischen Engagement in Deutschland während der Revolution 1848/49 fand Karl Marx eine neue politische Bühne in der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) Deren Aufgabe sollte sein, die Kämpfe in anderen Ländern auch gegen die Politik der eigenen Regierung zu unterstützen.[…] Bei der Diskussion über die Prinzipien der IAA konnte sich Marx durchsetzen. Er wurde in das von englischen Gewerkschaftsführern dominierte Leitungsgremium aufgenommen.« 223 222 Vgl. KMH-2005, Raum 16, Die Eisenacher – SDAP. 223 KMH-2005, Raum 16, Die Internationale. 74 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Daraufhin geht die Ausstellung auf die Pariser Kommune und ihre Niederschlagung sowie auf die Auseinandersetzung von Marx mit Bakunin ein, welche Marx für sich entscheiden konnte. Abschließend wird ungewöhnlich kurz auf Marx’ Leben ab 1870 eingegangen: »In den 1870er Jahren zog sich Karl Marx weitgehend aus dem aktiven politischen Leben zurück. Den Bedeutungsgewinn der deutschen Sozialdemokratie beobachteten Marx und Engels mehr oder minder von außen. Marx starb am 14. März 1883. Die Nachricht von seinem Tod wurde über eine englische Presseagentur in die Welt gekabelt. Nur wenige Menschen nahmen an seiner Beerdigung teil. Marx erlebte es nicht mehr, dass sich in vielen europäischen Ländern demokratische Massenparteien auf seine Lehren beriefen.« 224 Hier wird das Ende des politischen Handelns in Verbindung mit seinem Tod gesetzt und Marx in der Zeit dazwischen eher als ein Randständiger dargestellt. Gleichzeitig weist der letzte Satz auf den nächsten Ausstellungsabschnitt hin: die Wirkung marxscher Ideen. Mit einem Sockel, auf dem der 14. März 1883 – Marx’ Sterbedatum –, eingearbeitet ist, endet die Betrachtung der Person Karl Marx und die Vermittlung des Narrativs des politisch handelnden Akteurs, aber auch ein wichtiger Teil der Ausstellung. Anschließend steht die Wirkung marxscher Ideen im Vordergrund. 4.3.4 Wirkung marxscher Ideen Das Narrativ der Wirkung der marxschen Ideen wird in der Ausstellung oftmals mit dem Konzept des Marxismus in Verbindung gesetzt. Dabei wird Friedrich Engels in der Ausstellung mehrfach als Urheber des Marxismus charakterisiert, am prominentesten jedoch in Raum 17, der sich ganz Engels und den Anfängen des Marxismus widmet. Hier wird Engels als Nachlassverwalter beschrieben, der – indem er die Bände zwei und drei des Kapitals edierte – Marx’ Lebenswerk erst vollendete. »Karl Marx hatte Friedrich Engels seinen gesamten schriftlichen Nachlass vererbt. Mit dem ersten Band des ›Kapital‹ hatte er nur einen Bruchteil seiner ökonomischen Studien veröffentlicht. Engels führte dieses Werk fort und trug erheblich zu dessen Verbreitung bei. Aus den hinterlassenen Manuskripten stellte er 1885 den zweiten Band des ›Kapital‹ zusammen, 1894 den dritten.« 225 In Vitrinen sind Faksimiles des zweiten und dritten Bandes des Kapitals zu sehen, sowie ein Manuskriptbündel, welches als Beispiel dienen soll, dass Engels aus solchen Fragmenten letztendlich das marxsche Lebenswerk vollendete. Da der Raum gleichermaßen die Entstehung des Kapitals, wie auch die Rolle Friedrich Engels’ thematisiert, 224 KMH-2005, Raum 16, Gegen Ende des Lebens. 225 KMH-2005, Raum 17, Engels und»Das Kapital«. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 75 Abb. 6: Neben deutschen und fremdsprachigen Ausgaben des Kapitals wurden in dieser Vitrine auch ein Foto von Karl Marx und eins von Friedrich Engels ausgestellt. ist vom Letztgenannten auch ein Porträt angebracht. Außerdem ist sein Taschenmesser in einer Vitrine ausgestellt. 226 Des Weiteren werden auch die anderen, späteren Verwalter des Nachlasses benannt und vorgestellt: »Engels starb am 5. August 1895. Nach seinem Tod ging ein Teil des Nachlasses von Marx an dessen Tochter Eleanor, ein anderer an August Bebel und Eduard Bernstein. Sie verstanden sich nach Engels’ Tod ebenso wie Karl Kautsky und Wilhelm Liebknecht als die Sachwalter des Gedankengutes von Karl Marx, als ›Marxisten‹.« 227 Abschließend wird in Raum 17 bereits die Wirkung der marxschen Ideen sowie ihre Interpretation bzw. Instrumentalisierung angedeutet: »Die Theorien von Karl Marx erlangten nach seinem Tode sowohl in der Arbeiterbewegung als auch in der Fachwissenschaft große Bedeutung. Was Marx als Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung bezeichnet hatte, wurde bei seinen Interpreten und Nachfolgern zu Naturgesetzen. Im Gegensatz dazu begründeten die meisten Arbeiter ihren Kampf nicht theoretisch, sondern politisch-moralisch.« 228 226 Jenes Messer ist ungewöhnlicherweise in der Vitrine der Ausstellungstafel Engels und»Das Kapital« untergebracht – obwohl es abgesehen von der auf der Klinge eingravierten Inschrift»Dem edlen Vorkämpfer des Proletariats F. Engels 1890« eher wenig mit der Herausgabe des Kapitals zu tun hat. 227 KMH-2005, Raum 17, Verbreitung des Marxismus bis zu Engels Tod. 228 Ebd. 76 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Abb. 7: Engels’ Taschenmesser in der für die 2005er Dauerausstellung typischen, in die Ausstellungstafel integrierte Vitrine. Dieser Gedanke wird später in Raum 21 im zweiten Obergeschoss fortgesetzt. Zunächst steht jedoch im zum Innenhof offenen Gang der Einfluss Marx’ auf ausgewählte Intellektuelle des 19. und 20. Jahrhunderts im Vordergrund der Betrachtung. Die Namen von so bezeichneten»marxistischen Intellektuellen« 229 sind zusammen mit ihrer Natio­ nalität und Profession alphabetisch aufgelistet. Dabei sind die Namen und Lebensdaten in einer Weise angeordnet, dass sie das Porträt von Karl Marx ergeben – auf rotem Hintergrund, sicherlich kein Zufall. Bei einer genaueren Betrachtung der Liste fällt auf, dass hier zwar einige Deutsche genannt werden, eine Vielzahl der Personen jedoch aus dem europäischen Ausland oder sogar aus Südamerika stammen. Des Weiteren unterschei229 KMH-2005, Raum 18, Überschrift des Raumtextes. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 77 den sich die Professionen sehr: Von Schriftstellern und Sängern, über Maler und Filmregisseure, bis hin zu Wissenschaftlern und Ministern sind hier diverse Berufe vertreten. Herauszustellen ist zudem, dass sämtliche Personen der Liste bereits verstorben sind, d.h., dass die Ausstellung hier impliziert, dass zu diesem Zeitpunkt keine nennenswerten marxistischen Intellektuellen mehr lebten. Im ersten Raum des zweiten Obergeschosses wird die Betrachtung der Beziehung der Arbeiterbewegung zu Marx intensiviert. Hier rücken nun die Spaltung der Arbeiter­ bewegung und die unterschiedlichen Interpretationen der marxschen Ideen in den Vordergrund. Die Ausstellung stellt dabei die verschiedenen Strömungen innerhalb der SPD im Zuge des Revisionismusstreits vor: den revisionistischen Flügel um Eduard Bernstein, das Parteizentrum um August Bebel und den linken Flügel um Rosa Luxemburg. Sie alle beriefen sich auf das gleiche Gedankenkonstrukt, deuteten es jedoch anders aus bzw. wollten es an ihre Vorstellungen angleichen. Dies zeigt der Fall Bernstein, der den Kapitalismus nicht überwinden, sondern mithilfe demokratischer Reformen entwickeln wollte. Um den Besucher_innen die unterschiedlichen Deutungen der marxschen Ideen im Zuge des Revisionismusstreits verständlich zu vermitteln, finden sich – neben einem einführenden Text in den historischen Kontext – auch Porträts der führenden Persönlichkeiten der erwähnten Strömungen wieder, deren Biografie und Haltung zu Marx vorgestellt werden. Dennoch wird in der Ausstellung betont, dass jene Persönlichkeiten das gleiche Ziel verfolgten und sich aufgrund ähnlicher Vorstellungen auch in der Zweiten Internationalen wiederfanden: »Sie hatten gemeinsame Ziele: Kampf für die Verbesserung der sozialen Lage und der politischen Stellung des Proletariats, für das allgemeine, auch(Frauen-)Wahlrecht sowie Kampf gegen Militarismus, Imperialismus, Kolonialismus und Nationalismus.« 230 Die auch in der Raumüberschrift genannte Spaltung der Arbeiterbewegung resultierte aus dem Ersten Weltkrieg. Es entstanden diverse Gruppen mit verschiedenen ­Interessen, Zusammensetzungen und nicht zuletzt unterschiedlichen Deutungen der marxschen Ideen. Dabei schreibt die Ausstellung der Spaltung der Arbeiterbewegung die Eigenschaft zu, dass sie letztendlich die globalpolitischen Verhältnisse des 20. Jahrhunderts auslöste. 231 »Die Spaltung der Arbeiterbewegung wurde langfristig zum Auslöser der Tei­ lung Europas und der Welt.« 232 230 KMH-2005, Raum 21, Die Zweite Internationale. 231 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 84–94. 232 KMH-2005, Raum 21, Die Zweite Internationale. 78 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Als Beispiele für die Spaltung werden einerseits die Aufteilung der SPD in die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands(USPD) und die Mehrheitssozial­ demokratische Partei Deutschland(MSPD), andererseits Russland und die Trennung der marxistischen Sozialdemokratie in Bolschewiki(Mehrheitler) und Menschewiki (Minderheitler) genannt. Gerade die Russische Oktoberrevolution 1917, die zur Gründung der Sowjetunion führte, wird neben dem Ersten Weltkrieg als wichtige Zäsur heraus­gestellt. 233 Auf den Ausstellungstafeln finden sich dabei Kurzbiografien mit Porträts bekannter Personen der USPD, MSPD, Bolschewiki und Menschewiki. Des Weiteren erhalten die Besucher_innen hier ebenfalls Informationen zum russischen Bürgerkrieg 1918–22 und zur Gründung der Sowjetunion, jedoch sind diese eher als kurze Exkurse gestaltet. Die Person Stalin und die Geschichte der Sowjetunion werden anschließend genauer präsentiert, da jedoch Marx hier wenig bis gar nicht erwähnt wird, soll an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden. Bei der Betrachtung der politischen Situation in Deutschland und speziell der Abspaltung der USPD von der SPD und der daraus entstandenen MSPD rückt Marx jedoch wieder mehr ins Blickfeld:»Nach der Russischen Revolution und während der deutschen Revolution von 1918/19 wurde die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung trotz beidseitiger Berufung auf Karl Marx besiegelt.« 234 Anschließend werden die Auseinandersetzungen der sozialdemokratischen Parteien mit der Kommunistischen Partei Deutschlands(KPD) näher betrachtet. Dabei bewertet die Ausstellung jenen Konflikt als Fehler, da man sich somit auf die anderen – zumindest teilweise – marxistisch geprägten Lager konzentrierte, anstatt dem Nationalsozialismus Paroli zu bieten. 235 In diesem Zuge werden auch Persönlichkeiten des Nationalsozialismus um Adolf Hitler und der KPD um Ernst Thälmann vorgestellt sowie die Machtergreifung und Herrschaft der Nationalsozialisten dargelegt. Die Ausstellung geht anschließend auf die Spaltung Europas in zwei Lager nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein: eines im Westen, welches den Kommunismus und Marxismus als Feind ansah, und jenes im Osten, das auf den marxschen Ideen bzw. Interpretationen dieser fußte:»Die osteuropäischen Länder beriefen sich in der Form des Marxismus-Leninismus und zeitweise des Stalinismus auf die Lehren von Marx und Engels. Beide Blöcke standen sich im Kalten Krieg in unterschiedlichen Militärbünd233 Vgl. KMH-2005, Raum 21, Sieg des Bolschewismus; sowie Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 90 f. 234 KMH-2005, Raum 21, Die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. 235 Vgl. KMH-2005, Raum 21, Erfahrungen aus Widerstand und Verfolgung. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 79 nissen gegenüber.« 236 Visuell wird dieser Sachverhalt mit einer Europa-Karte unterstützt, welche auf den Ausstellungstafeln abgedruckt ist. Anschließend wird die Entwicklung der ehemals marxistisch ausgerichteten SPD zu ­einer vermeintlich antikommunistischen Partei dargelegt: »In der Bundesrepublik Deutschland verfocht die SPD unter Führung von Kurt S­ chumacher (1895–1952) und seinen Nachfolgern ebenso wie die übrigen demokratischen Parteien einen scharf antikommunistischen Kurs. Die SPD entwickelte sich von einer Klassenpartei zur Volkspartei. Im Godesberger Programm von1959 akzeptierte sie unterschiedliche welt­ anschauliche Begründungen für den demokratischen und freiheitlichen Sozialismus und verabschiedete sich vom Marxismus als zentraler Parteidoktrin.« 237 Hier wird besonders die Abkehr der marxistischen Vergangenheit betont, auch wenn die Überschrift noch einmal hervorhebt, dass man nach wie vor sozialistische Eigenschaften hatte, aber die realpolitische Erscheinung des russischen Kommunismus ablehnte. Die strikte Ablehnung wurde jedoch bereits in den 1960er und 70er Jahren in Teilen aufgehoben: Studenten und Intellektuelle entdeckten Marx wieder.»Der SPD unter Willy Brandt gelang es, erhebliche Teile der Neuen Linken wieder in die Partei zu integrieren.« 238 Gleichermaßen wird auf die Entwicklungen der Zeit in Osteuropa eingegangen, jedoch mit deutlich negativeren Attributen und mit auffällig wenig Bezug auf Marx. Die Ausstellung impliziert, dass sich die Sowjetunion zwar auf Marx berief, dies jedoch reine Instrumentalisierung und nicht mit den marxschen Ideen konform gewesen sei. Gleichzeitig wird erklärt, dass die marxistisch-leninistische Ideologie für die Bevölkerung in der DDR nicht attraktiv war und die Bürger ein Leben in der Bundesrepublik Deutschland bevorzugt hätten. 239 Abschließend werden in diesem Ausstellungsraum der Mauer­ fall und die politische Wende 1989 dargestellt, die zu einer Aufhebung der Spaltung Europas führten. Wie in den anderen Räumen, werden hier ebenfalls alle in den Ausstellungstexten genannten Personen unter Hinzunahme von Porträts kurz vorgestellt. Des Weiteren werden hier jedoch vermehrt Fotografien gezeigt, die die Ereignisse der Zeit visuell wiedergeben sollen. Zudem sind in Raum 22 moderne Exponate zu finden, um den mit der Zeit zunehmenden technischen Fortschritt aufzuzeigen – wenngleich der Atari-Rechner und die Monitore nur bedingt mit Marx zu tun haben. Besonders herauszustellen ist jedoch, dass in diesem Zimmer das einzige Mal in der gesamten Ausstellung ein Grad 236 KMH-2005, Raum 22, Teilung Europas. 237 KMH-2005, Raum 22, Demokratischer Sozialismus und Antikommunismus. 238 KMH-2005, Raum 22, Marxistische Renaissance in den 1960er und 1970er Jahren. 239 Vgl. KMH-2005, Raum 22, Unterdrückung im Osten; sowie Die DDR. 80 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 von Inszenierung festzustellen ist: So sind hier Metallzäune aufgestellt, die mit den bekannten Schildern der Berliner Zonengrenzen versehen sind»Sie betreten den amerikanischen Sektor«. 240 »Bis Ende des 20. Jahrhunderts konnte man von ›drei Welten‹ sprechen, die unterschiedlich stark von Ideen von Marx bestimmt waren. Die Erste Welt der westlich geprägten Industriestaaten(Westeuropa, Nordamerika, Japan und Australien) war nur teilweise oder indirekt vom Marxismus beeinflusst. In der Zweiten Welt(Sowjetunion und von ihr kontrollierte ›Volksdemokratien‹ vor allem Mittelosteuropas) war der Marxismus in Gestalt des Marxismus-Leninismus(und zeitweise Stalinismus) die offizielle Staatsideologie. In der Dritten Welt, zu der die Staaten Mittel- und Südamerikas, Afrikas und Südasiens sowie China zu rechnen waren, beriefen sich mehrere Staaten und politische Bewegungen auf den Marxismus. In einigen Regionen waren diese Staaten zudem in unterschiedlicher W­ eise von nationalistischen, manchmal religiösen und antimodernen Ideen geprägt.« 241 Mit diesem Text führt die Ausstellung in den letzten Raum ein. Hier wird Bilanz d­ arüber gezogen, was von Marx übriggeblieben ist. Bereits im Boden, im grauen Kubus, ist dabei die Kernthese des abschließenden Raumes zu erkennen: eine»weltweite Inanspruchnahme der Ideen von Karl Marx«. 242 In diesem Zuge ist hervorzuheben, dass die Ausstellung auch über den Begriff»Marxismus« bzw. die Verwendung desjenigen reflektiert: »In vielen Fällen bedeutete ›Marxismus‹ im Wesentlichen das Aufgreifen antiimperialistischer, antikolonialistischer, in vielen Ländern auch antiamerikanischer Parolen.« 243 Anschließend werden die verschiedenen Ausprägungen des sogenannten»Marxismus« in den folgenden ausgewählten Regionen betrachtet: Südostasien, Lateinamerika, sowie Afrika und dem Nahen Osten. Eine Sonderrolle fällt dabei China zu, das als einziges Land spezifisch betrachtet wird. So wird herausgearbeitet, dass der Marxismus in den verschiedenen Regionen immer mit anderen politischen Vorstellungen bzw. Strömungen verbunden wurde:»In Südostasien verschmolzen marxistisch geprägte Vorstellungen und nationale Befreiungsbewegungen«, weil sich die Länder von ihren Kolonialmächten lösen wollten. 244 »In Lateinamerika waren marxistische Ansätze eng mit dem Kampf gegen rechte Diktatoren verbunden.« 245 »In Schwarzafrika entstanden im Zuge der Entkolonialisierung Unabhängigkeitsbewegungen, die sich vielfach als marxistisch verstanden.[…] In einigen arabischen Staaten Nord­ afrikas und des Nahen Ostens[…] dienten zeitweise marxistische Elemente in der o­ ffiziellen 240 KMH-2005, Raum 22; Siehe für eine kurze Darstellung der Inszenierung in Ausstellungen: Baur, Mit Räumen sichtbar machen, S. 263. 241 KMH-2005, Raum 23, Die geteilte Welt. 242 KMH-2005, Raum 23, Kubus. 243 KMH-2005, Raum 23, Die geteilte Welt. 244 KMH-2005, Raum 23, Südostasien. 245 KMH-2005, Raum 23, Lateinamerika. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 81 Staatsideologie zur Durchsetzung eines staatlichen Zentralismus gegen partikulare(Stammes-)Interessen und / oder zur Verteidigung der Eigenheiten des Orients und des Islam gegen den Modernismus des Westens.« 246 Dabei hebt die Ausstellung hervor, dass die Berufung auf marxsche Ideen hier nicht mehr im Interesse der Überwindung des Kapitalismus stand – wie es etwa Marx und seine Zeitgenossen dachten –, sondern es sich hierbei um Umdeutungen handelte. Auffällig ist dabei, dass der chinesische Marxismus, der»Maoismus«, deutlich positiver bewertet wird: »China, das bevölkerungsreichste Land der Welt, löste sich unter Führung Mao Zedongs (1893–1976) vom sowjetischen Modell und beschritt einen eigenen Weg des Marxismus (Maoismus). Nicht das Industrieproletariat stand dabei im Mittelpunkt von Ideologie und Politik, sondern die bäuerlichen Massen. Mao Zedongs Partisanenkrieg und seine Kriegs­ taktik machten das chinesische Modell neben der kubanischen Revolution für revolutionäre Bewegungen der südlichen Halbkugel attraktiv.« 247 Selbst die Kriegsführung wird hier als»attraktiv« beschrieben, also mit positiv konnotierten Attributen. Somit nimmt die Betrachtung Chinas hier eine exponierte Rolle ein – womöglich aufgrund der zahlreichen chinesischen Besucher_innen des Museums? Die Gestaltung des letzten Ausstellungsraumes zeichnet sich einerseits durch die bereits aus den anderen Räumen bekannte Vorstellung von bekannten Persönlichkeiten, andererseits durch Visualisierungen des globalen Aspektes des Marxismus aus. So finden sich hier sowohl eine Karte Europas als auch Karten der verschiedenen vorgestellten Regionen sowie ein Globus. Besonders auffällig ist die im Boden eingelassene W­ eltkarte, die somit räumlich im Ausstellungsraum präsent ist und über die sich die Besucher_innen bewegen können. Herauszustellen ist hierbei, dass lediglich die marxistisch geprägten Länder namentlich benannt und dunkel ausgefüllt sind, die restlichen Regio­nen der Welt dagegen namenlos bleiben und in Grau gehalten sind. Den Abschluss der Ausstellung bildet interessanterweise der dritte Raum im Erdgeschoss. 248 Diesen betritt man zwar bereits zu Beginn des individuellen Ausstellungsbesuchs, jedoch wirkt die dortige Präsentation eher verwirrend und fragmentarisch – erst nach dem eigenen Rundgang kann man jenen Raum und die darin enthaltene Darstellung mit dem erworbenen Kontextwissen einordnen. In diesem Zimmer werden – wie bereits eingangs erwähnt – sowohl berühmte Zitate von als auch über Marx an die Wände projiziert. 246 KMH-2005, Raum 23, Afrika und Naher Osten. 247 KMH-2005, Raum 23, China. 248 Dies ist besonders interessant, da der Raum Blickfang und sowohl den Anfang als auch das Ende des Spannungsbogens der Ausstellung darstellt. Siehe Kossmann, Narrative Räume, S. 55. 82 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Abb. 8: Die in Raum 23 im Boden eingelassene Weltkarte, auf der die marxistisch geprägten Länder farblich hervorgehoben sind, sowie eine Aneinanderreihung von Ausstellungstafeln mit Fotografien und Texten, die sich dem globalen Einfluss der marxschen ­Ideen widmen. So finden sich auf der einen Seite des Raumes Aussagen aus Marx’ Werken wie dem Ma­nifest der Kommunistischen Partei und anderen, wie»Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus«. Auf der anderen Seite sind eher abwertende Aussagen über Marx zu lesen wie beispielsweise des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes:»Marx ist ein toter Hund.« Andererseits sind auch würdigende Aussagen wie von Lenin hier zu finden:»Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.« 249 Anzumerken ist zudem, dass die Aussagen über Marx sowohl von historischen als auch damals aktuellen Personen mit unterschiedlichen Professionen stammen: Poli­ tiker, Journalisten, Literaten und Ökonomen. Alles in allem thematisieren die insgesamt zehn Marx-Zitate und 18 Aussagen über Marx verschiedene Bereiche: von seinen Werken, über seine sogenannte Lehre, bis hin zu seiner Wirkung. Die Zitate von Marx adres­ sieren dabei eher die damalige gesellschaftliche Situation und zeigen seine grundlegenden Wertansichten, wobei hervorzuheben ist, dass die Zitate nicht nur aufgrund ihrer Aussagekraft gewählt wurden, sondern auch aufgrund ihrer Popularität. 250 Zur Ausstellungsgestaltung ist noch zu erwähnen, dass die Projektion der Zitate stets zwischen den 249 KMH-2005, Raum 03, Zitate. 250 Die Auswahl der Zitate konstruiert dennoch eine bzw. mehrere Erzählungen, vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 253. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 83 ­Sprachen Deutsch, Englisch und Chinesisch wechselt. Des Weiteren sind die Aussagen sowohl in unterschiedlichen Farben und Schrifttypen gestaltet. Im Erdgeschoss wird außerdem die Hausgeschichte näher dargelegt, welche durch die ideologische Aufladung der Person Karl Marx geprägt ist. Dabei beginnt die Betrachtung mit der Errichtung des barocken Wohnhauses um 1727 und widmet sich besonders der unterschiedlichen Nutzung in den letzten fast 300 Jahren. So wird nicht nur die Zeit ab 1818 betrachtet, in der Heinrich Marx das Gebäude mietete, sondern auch die vorherigen und nachfolgenden Besitzer vorgestellt. Dabei liefern die Ausstellungstexte stets Informationen zum historischen Kontext, speziell der Stadt Trier. Visuell wird die Betrachtung einerseits durch Gemälde der Stadt Trier und des Karl-Marx-Hauses aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert untermalt, andererseits sind Zeitungsartikel ausgestellt, die Auskunft über spezielle für das Gebäude relevante Ereignisse geben. Wichtigstes Ausstellungsstück ist in diesem Bereich jedoch das in einer Vitrine aufgestellte dreidimensionale Fassadenmodell des Gebäudes. Des Weiteren betont die Ausstellung die Rolle des Gebäudes als umkämpftes politisches Symbol; wurde es nicht nur von sozialistischen und sozialdemokratischen Gruppen zu beanspruchen versucht, sondern auch von der NSDAP besetzt, um zu zeigen, dass man über das Geburtshaus einer wichtigen Persönlichkeit des Sozialismus bzw. Kommunismus bestimmen könne und damit triumphiert habe. Letztendlich ging es in den Besitz der SPD über, die – wie die Ausstellung dann näher thematisiert – dort ein Museum einrichtete. 251 Abseits der vier herausgearbeiteten Narrative ist dabei abschließend besonders die personen- und werkbezogene Gestaltung der Ausstellung herauszustellen. Obwohl sie deutlich weniger textbasiert ist, als beispielsweise die bereits analysierte Dauerausstellung von 1983, stehen hier dennoch Personen und ihre Werke im Vordergrund. Dabei wird in dieser Ausstellung der Fokus deutlich mehr auf Marx gerichtet. Abgesehen von zwei Räumen im Erdgeschoss zur Hausgeschichte, widmet sich der Rest der Ausstellung ausschließlich Marx. Während im ersten Obergeschoss seine Person und sein Werk dargelegt werden, präsentiert die Ausstellung im zweiten Obergeschoss die Wirkung seiner Ideen bzw. die Inanspruchnahme seiner Person. Jener Fokus auf seine Person ist dabei bereits an den einleitenden Worten des Ausstellungskatalogs von Kurt Beck 252 zu erkennen, wobei hier Marx’ Wirkung und auch Aktualität im Vordergrund stehen. 251 Vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus, Karl Marx, Ausstellung 2005, S. 14–17. 252 »Marx ist aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Er hat sie geprägt wie nur wenige andere. Und die Sozialdemokratie hat sich jahrzehntelang an ihm orientiert, zunächst im Gefolge seiner Lehre, dann in Auseinandersetzung mit ihr.[…] Im Übrigen war Marx, wie sich zunehmend zeigt, einer der letzten deutschen Universalgelehrten, dessen Denken zahlreiche Wissenschaftsgebiete umspannte. Außer­ dem hat Marx durch die Finanzkrise seit 2008 international neue Strahlkraft gewonnen.« Beck, Geleit, S. 5. 84 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Bei der Betrachtung der Ausstellungspraxis bzw.-gestaltung insgesamt fallen besonders die eingangs erwähnte Farbgebung der Ausstellungstafeln sowie der im Boden eingelassene und an den Wänden präsente graue Kubus auf, auf dem Zitate abgedruckt sind. Durch die zuvor erwähnten Monitore und Zeitfenster werden den Besucher_innen meh­ rere Darstellungsebenen angeboten, sodass sich jene entscheiden können, ob sie sich detaillierter mit der Materie auseinandersetzen wollen. Die Zeitfenster werden genutzt, um Einblicke in den sozialgeschichtlichen Kontext der jeweiligen Lebensphase zu geben. Außerdem werden weitere Informationen für unterschiedliche Besuchergruppen multimedial vermittelt. So kann man beispielsweise an den eingerichteten PC-Stationen durch wenige Klicks mit weiteren Hintergrundinformationen versorgt werden. Des Weiteren wird die chronologische Abfolge der Ausstellung durch eine Zeitleiste unterstrichen, durch die die biografische Geschichte von Marx in die politische Geschichte des 19. Jahrhunderts eingeordnet werden kann. 253 Interessant ist die Leitung der Besucher_innen innerhalb der Ausstellung. In Situationen, in denen sie sich möglicherweise aus dem Flur in mehrere Räume bewegen und somit nicht die Chronologie der Ausstellung einhalten könnten, wurden verschiedene Strategien gewählt, um sie»an die Hand zu nehmen«. So sind einerseits der graue Kubus im Boden und die Zeitleiste als ordnende Elemente zu nennen, aber auch technische Maßnahmen wurden getroffen: So fällt beispielsweise im zweiten Obergeschoss die Tür von Raum 23 automatisch zu, wenn jemand diesen verlässt, sodass Besucher_in­ nen, die das Stockwerk betreten, nur mit einer offenen Tür konfrontiert werden, welche in Raum 21 führt. Besonders hervorzuheben ist ebenfalls die szenische Darstellung in Form der Grenzzäune in Raum 22. Lediglich in diesem Zimmer wird auf Inszenierung gesetzt, wohingegen der Rest der Ausstellung eher die klassische Vermittlung über ­Texte und Objekte wählt. Wie Dietzen und Neu herausstellen, wurden zuvor gezeigte Originalausgaben im Studienzentrum gelagert, sodass diese nicht mehr wie in den vorherigen Ausstellungen betrachtet werden konnten. 254 Daraus ergibt sich auch der aus der Analyse herausgearbeitete verhältnismäßig exponatarme Zugang der Ausstellung. Stattdessen wird gestalterisch auf»kurze und prägnante Bild- und Textinformationen auf hinterleuchteten Ausstellungsfolien« 255 gesetzt. 256 Dabei ist jedoch herauszustellen, dass die Hintergrundbeleuchtung der Ausstellungsfolien abseits der Fenster nahezu die einzige Lichtquelle in den 253 Vgl. Dietzen / Neu, Marx im Museum, S. 240. 254 Vgl. ebd., S. 241. 255 Ebd., S. 240. 256 Dies folgt dabei auch der musealen Leitlinie möglichst wenige und möglichst kurze Texte zu nutzen, um die Besucher_innen nicht zu überfordern. Vgl. Dawid / Schlesinger, Texthierarchien, S. 40 f. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 85 Räumen ist. In Kombination mit dem dunklen Boden und den großen, teilweise meterlangen Tafeln wirken die Ausstellungsräume eher dunkel und voll. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die 2005 eröffnete Dauerausstellung besonders das (politische) Leben und die Wirkung von Karl Marx nach dessen Tod thematisierte. Dabei wurde nahezu ausschließlich auf die Vermittlung anhand von Ausstellungstafeln mit Texten und Bildern gesetzt, wodurch sich die Ausstellung stark von den vorhergehenden, deutlich objektlastigeren Ausstellungen und auch von der nachfolgenden 2018 eröffneten Dauerausstellung unterscheidet, die nun analysiert werden soll. 4.4 Der stets aktuelle Ideengeber – die Dauerausstellung von 2018 Die im Marx-Jahr 2018 eröffnete Dauerausstellung des Karl-Marx-Hauses möchte Karl Marx als Person, Analytiker und Kritiker seiner(kapitalistischen) Gesellschaft zeigen, der äußere Impulse in seinen Werken verarbeitete. Er soll als Vordenker der deutschen Sozialdemokratie dargestellt werden, dessen Ideen noch nachwirken, sodass er auch noch heute einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert besitzt. Daraus ergeben sich die drei Themenbereiche der Ausstellung. Zunächst wird sein Leben in den Blick genommen, beginnend im Geburtshaus 1818 bis zu seinem Tod im Londoner Exil. 257 Der zweite Themenbereich widmet sich seinem Werk, wobei das Manifest der Kommunistischen Partei und das Kapital im Vordergrund stehen. Der dritte und letzte Themen­ bereich beschäftigt sich mit der Marx-Rezeption und seiner globalen Wirkung; hier werden seine Bedeutung für die damalige und heutige Gesellschaft aufgezeigt. Jene Themenbereiche dienen auch als Ordnungsprinzip, der Ausstellung liegt somit ein thematisches und kein rein chronologisches Ordnungsprinzip zugrunde. Nur innerhalb dieser drei thematisch voneinander getrennten Bereiche lässt sich eine chronologische Präsentation finden. Des Weiteren ist bereits zu Beginn herauszustellen, dass alle Ausstellungs- bzw. Raumtexte in Deutsch und Englisch verfasst sind, um dem internationalen Anspruch der Ausstellung gerecht zu werden. Die übergeordneten Raumtexte sind dabei stets kalligrafisch gestaltet; auf diese Weise ist es für die Besucher_innen nachvollziehbar, welchen Text sie im Raum einführend lesen können. Demgegenüber sind die restlichen Ausstellungstexte – abgesehen von einigen Elementen an den Wänden – gänzlich in Maschinenschrift gehalten. 257 Hervorzuheben ist hier, dass der biografisch ausgerichtete Themenbereich verhältnismäßig wenig Raum in der Ausstellung einnimmt. Dies könnte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass man sich an den anderen vier zu dieser Zeit in Trier gezeigten Ausstellungen orientierte, welche ebenfalls seine Biografie präsentierten, oder andererseits ein Zeichen dafür sein, dass die 2018 eröffnete Dauerausstellung den Fokus auf Marx’ Werk und Wirken legen will. 86 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Abb. 9: Das Wandbild im Erdgeschoss stellt den Auftakt in die 2018 eröffnete Dauerausstellung dar. Hier werden die zentralen Themenbereiche der Ausstellung grafisch aufgeführt: die Person Karl Marx im Zentrum, links seine Familie, darüber er und Friedrich Engels als»Dreamteam«, unten rechts sein Leben im Exil sowie darüber seine politischen Ideen und ihren späteren Einfluss auf zentrale Persönlichkeiten des Sozialismus um Che Guevara, Fidel Castro, Hồ Chí Minh und Mao Zedong. »In Trier beginnt das Leben eines Mannes, der als Staatenloser im Exil lebt und am 14. März 1883 als der Gesellschafts- und Kapitalismuskritiker des 19. Jahrhunderts in London stirbt. Als Philosoph, Gesellschaftswissenschaftler, Ökonom und politischer Journalist blickt Marx auf seine Zeit und entwickelt Perspektiven auf eine Zukunft, die unsere Gegenwart sein soll.« 258 Bereits in diesem Raumtext des ersten Ausstellungsraums werden insgesamt vier verschiedene Marx-Narrative konstruiert, die folgend jeweils untersucht werden: der Staatenlose, der Universalgelehrte, der Ideengeber und der ewig aktuelle Marx. 4.4.1 Der Staatenlose Karl Marx wird zu Beginn als Sohn der Stadt Trier dargestellt, der seine Kindheit und Jugend hier verbrachte. Zunächst werden seine Eltern und die Stadt Trier zu Anfang des 19. Jahrhunderts vorgestellt. Anschließend geht die Ausstellung auf seine Studienzeit in 258 Karl-Marx-Haus, Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute, Dauerausstellung, Trier 2018(folgend abgekürzt mit KMH-2018), Raum 1, Einführungstext:»Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute«. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 87 Bonn und Berlin ein. Während diese Stationen seines Lebens noch von ihm selbst und freiwillig ausgewählt wurden, unterlag sein weiteres Leben – wie die Ausstellung betont – dem externen Druck der Existenznot, Verfolgung und Staatenlosigkeit. Karl Marx erlebte die großen – meist politischen – Umbrüche seiner Zeit oftmals aus unmittelbarer Nähe: die Februarrevolution 1848/49 in Paris, ebenso wie die Folgen der Industrialisierung besonders in Deutschland und London. In der Ausstellung wird das Narrativ des Staatenlosen besonders präsent, indem die verschiedenen Stationen seines Lebens aufgezählt werden. Im zweiten Raum der Ausstellung, welcher sich seiner Lebensgeschichte widmet, wird diese geographisch-chronologische Art der Erzählung am deutlichsten. Hier ist im Zentrum des Zimmers eine Station aufgebaut, welche sich aus an der Decke befestigten Sanduhren und einer Bodenplatte zusammensetzt. Die Sanduhren sind dabei jeweils mit dem Namen der Stadt und den Jahreszahlen, wann Marx sich dort aufhielt, versehen, beispielsweise London 1849–1883. Dabei symbolisiert jede Sanduhr als plastische Darstellung von Zeit eine Station seines Lebens: Trier, Bonn, Berlin, Paris, Brüssel, Köln und London, also insgesamt sieben Städte. Auf der Bodenplatte sind dann Verbindungslinien zwischen den einzelnen Stationen aufgezeichnet, die jene Wege darstellen, die Marx zu Lebzeiten zurücklegen musste. Ein interessantes Detail ist hier, dass die Reisewege und-dauer nicht nur aus damaliger Sicht per Kutsche oder Schiff angegeben werden, sondern auch stets in heutigen Maßstäben mit der aktuellen Verkehrstechnik: Benötigte Karl Marx damals noch einen Tag und 20 Stunden, um die 497 Kilometer von Köln nach London mit der Eisenbahn und dem Schiff zurückzulegen, sind es heute lediglich 70 Minuten mit dem Flugzeug. Auf diese Weise werden den Besucher_innen mithilfe des G­ egenwartsbezuges die von Marx zurückgelegten Wege in ihnen bekannte Verhältnisse umgerechnet und näher vermittelt. Des Weiteren bewirkt die Gegenüberstellung der Reisewege und-d­ auer zwischen damals und heute, dass die Besucher_innen diese miteinander vergleichen und womöglich über die technischen Entwicklungen im Transportwesen nachdenken. 259 An einem Monitor mit Touchscreen kann man sich zusätzlich genauer in seine Lebensgeschichte einlesen. Diese wird auch hier anhand der Stationen strukturiert und erzählt. Dabei sind die einzelnen Stationen stets mit zwei Aktivitäten versehen, welche Marx’ Handeln in der jeweiligen Zeit charakterisieren: ◆ Trier: ◆ Bonn: ◆ Berlin: »Aufwachsen und lernen« »Saufen und raufen« »Hadern und schwadronieren« 259 Jene Denkanregungen sind für Tyradellis ein entscheidendes Kriterium für Ausstellungen: Sie müssen zum Denken und Hinterfragen von Denk- und Sehgewohnheiten anregen, vgl. Tyradellis, Müde Museen, S. 136. 88 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 ◆ Köln:»Kritisieren und aktiv werden« ◆ Paris:»Flüchten und vernetzen« ◆ Brüssel:»Entdecken und radikalisieren« ◆ Köln:»Vorantreiben und scheitern« ◆ London:»Verpfänden und verschwenden« 260 Auffällig ist hierbei, dass die ersten vier Stationen seines Lebens noch mit Attributen beschrieben werden, die grundsätzlich als positiv und beschwerdefrei bewertet werden können, wohingegen die letzten vier Stationen mit eher negativ konnotierten Begriffen versehen werden, beispielsweise»scheitern« oder»verpfänden«. Interessant ist zudem, dass in dem Ausstellungsraum – abgesehen von der Sanduhr­ installation und dem Monitor – keine Exponate oder Objekte vorhanden sind. ­Lediglich Wandtexte und eine mit Begriffen und Grafiken gestaltete Wand ergänzen die getroffenen Aussagen. Auf diese Weise liegt der Fokus gänzlich auf der Sanduhrinstallation im Zentrum des Raumes. Abb. 10: Im Vordergrund die im zweiten Raum präsentierte Sanduhrinstallation und im Hintergrund die Begriffe an der Wand, die stichwortartig die Entwicklungen und Prozesse des 19. Jahrhunderts vermitteln. 260 KMH-2018, Raum 2, Monitor. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 89 Jene mit Begriffen und Zeichnungen gestaltete Wand dient dabei in gewissem Maße als Visualisierung des historischen Kontextes: Begriffe vermitteln stichwortartig Entwicklungen der Zeit, beispielsweise»Nationalismus«,»Fabrikarbeit« und»Revolution«, aber auch Wörter, die Marx’ Situation wiedergeben, sind an der Wand zu finden: etwa»Politische Verfolgung« und»Staatenlosigkeit«. Ergänzt werden die Begriffe durch Zeichnungen von einer Pickelhaube, einer Glühbirne sowie einer Faust und einer Fabrik, welche auf das Zeitalter der Industrialisierung hindeuten. 261 Das Narrativ des Staatenlosen wird des Weiteren bereits im ersten Ausstellungsraum angedeutet. Hier wird Marx konkret als»staatenloser Exilant« 262 beschrieben, im zweiten Raum dann noch als»politischer Flüchtling« 263 . In gewisser Weise wird mit diesem Narrativ auch Mitleid mit Karl Marx erzeugt:»Unermüdliches Arbeiten, der Verlust der Staatsangehörigkeit, Schicksalsschläge und andauernde Existenzsorgen prägen sein Leben bis zum Tod 1883.« 264 Die Erweckung von Mitleid ist hier auf die Wortwahl zurückzuführen:»Verlust«,»Schicksalsschläge« und»Existenzsorgen« sind durchweg negativ konnotierte Begriffe. Insgesamt lässt sich festhalten, dass das Narrativ des Staatenlosen besonders mithilfe einer geographisch-chronologischen Erzählung, welche die einzelnen Stationen seines Lebens thematisiert, vermittelt wird. Dabei werden einige Stationen positiv dargestellt – nämlich jene, die er freiwillig wählte, – während die aus Zwang und Not resultierenden Stationen negativ erzählt werden. 4.4.2 Der Universalgelehrte »Karl Marx ist Philosoph und Journalist, Gesellschaftswissenschaftler und Ökonom. Wie Charles Darwin die Gesetze der Evolution erforscht, beansprucht er, die gesellschaftliche Weltformel zu entschlüsseln.« 265 In insgesamt drei Räumen wird das Narrativ des Universalgelehrten vermittelt. Beginnend mit einem Vorraum, in dem mithilfe eines kurzen Wandtextes in den Bereich eingeführt wird. Jenem Wandtext ist auch das Eingangszitat entnommen, dessen Aussage im folgenden Raum weiter ausdifferenziert wird. Beim Betreten des vierten Ausstellungsraums erblicken die Besucher_innen vier Tische, die im gesamten Zimmer verteilt sind. Jeder dieser Tische widmet sich einem der Tätig­ 261 KMH-2018, Raum 2, Wandbild. 262 KMH-2018, Raum 1, Einführungstext:»Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute«. 263 KMH-2018, Raum 2, Raumtext:»Karl Marx(1818 bis 1883). Der Staatenlose«. 264 Ebd. 265 KMH-2018, Raum 3, Raumtext:»Das Lebenswerk«. 90 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 keitsfelder von Marx: der Philosophie, dem Journalismus, der Gesellschaftswissenschaft und-kritik sowie der Ökonomie. Diese»Tischstationen« sind zusätzlich mit einer Überschrift versehen: Der Tisch zu»Karl Marx als Philosoph« trägt beispielsweise den Titel »Neu durchdenken«. Auf diesen Tischen finden die Besucher_innen jeweils einen einleitenden Text, ein Faksimile einer für dieses Tätigkeitsfeld prominenten Marx-Publikation, ein Schaubild und oftmals Comics oder Karikaturen. So sind eine Reproduktion des Kapitals auf dem Tisch zur Ökonomie und eine Ausgabe der Rheinischen Zeitung auf dem Tisch zum Journalismus ausgestellt. Bei der Station zu Marx als Journalisten findet sich darüber hinaus noch ein Zettelkasten mit Zeitungen, in denen Marx veröffentlicht hat. Da es den Rahmen übersteigen würde, sich an dieser Stelle mit allen vier Tätigkeitsbereichen Marx’ ausführlich auseinanderzusetzen, wird nun folgend der Bereich der Philosophie exemplarisch betrachtet, um zu verdeutlichen, wie Marx dargestellt wird. So findet sich auf dem Thementisch zur Philosophie beispielsweise die Aussage:»Zu[den wichtigen Vertretern der Philosophie im frühen 19. Jahrhundert] zählen Ludwig Feuer­ bach und Marx, die den Materialismus begründen« 266 ; des Weiteren auch die kurze Bemerkung:»Er stellt Hegel auf den Kopf.« 267 Hier wird Karl Marx als großer Philosoph stilisiert, der sogar – wenn man das letzte Zitat betrachtet – bedeutender als Hegel bzw. ihm überlegen sei, da er dessen Arbeit revidierte. Jenes positive Marx-Bild zieht sich ebenfalls durch die Darstellung auf den anderen drei hier nicht weiter zu betrachtenden Thementischen: Stets wird er als große Persönlichkeit des jeweiligen Feldes stilisiert, welche einen nachhaltigen Einfluss auf die Disziplin ausübte. Wenn auch zunächst unscheinbar an der Wand platziert, ist das technische ›Highlight‹ dieses Ausstellungsbereiches zum marxschen Werk ein Tisch mit leerem Buch. Blättert man in diesem durch die Seiten, wird ein Beamer aktiviert, der auf jede Seite ein spezifisches Video zu den Themen des Ausstellungsbereiches projiziert. So wird beispielsweise auf einer Seite ein Video abgespielt, welches sich mit der Entstehung des Kapitals beschäftigt. Zeichnungen und Fotografien dienen als visuelle Elemente, während eine Erzählerstimme den jeweiligen Sachverhalt erklärt. Auffällig ist dabei, dass das Design der Projektion und auch der sprachliche Ausdruck des Erzählers recht einfach gehalten sind, sodass die Vermutung naheliegt, dass die Zielgruppe hier eher Kinder und Jugendliche sind. 268 266 KMH-2018, Raum 4, Infotext:»Philosophie im 19. Jahrhundert«. 267 KMH-2018, Raum 4, Stationstext:»Karl Marx als Philosoph«. 268 Wiebke Wiede kritisiert dabei den multimedialen Einsatz in der Ausstellung: Siehe Wiebke Wiede, Rezension zu: Von Trier in die Welt – Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung, 05.05.2018 Trier, in: H-Soz-Kult, 21.07.2018, abrufbar unter: www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-309[Stand: 07.11.2020]. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 91 Im fünften Raum der Ausstellung wird dann die Arbeitsweise des sogenannten»Universalgelehrten« dargelegt. So wird einerseits erklärt, wie er zu seinem Denkkonstrukt gelangte und seine Ideen weiterentwickelte: Marx las»unzählige Bücher« und stand»im Mittelpunkt eines globalen Briefnetzwerks von Gleichgesinnten, Gegnern und Kritikern.« 269 Andererseits wird dargestellt, dass Marx’ Perfektionismus dafür verantwortlich war, dass er nicht von manchen Werken ablassen konnte und sie somit nicht publizierte:»Durch den Hang zum Perfektionismus verliert sich Marx in manchen Projekten.« 270 Im Raum verbinden rote Bindfäden sein»Denknetzwerk« aus den Lieblingsautoren um Adam Smith, Machiavelli und Goethe, den insgesamt 2000 Briefpartner_innen, seiner Familie, den wichtigen Werken der Zeit, seiner Methodik und nicht zuletzt dem Alkohol, symbolisiert durch die Zeichnung von leeren Weinflaschen an der Wand. Umringt von den zahlreichen roten Fäden und seinen Einflüssen, ist in der Mitte des Raumes zudem eine transparente Karl-Marx-Büste aus dem 3D-Drucker aufgestellt. Eine Denkhülse, die durch seine Interaktionen und Einflüsse der Zeit gefüllt wird. Die Büste ist dabei so aufgestellt, dass sie auf ein Zitat an der Wand blickt:»Arbeit ist im Denken und Leben von Karl Marx zentral. Seine Familie hilft ihm dabei.« 271 Hieran wird deutlich, dass Marx in der Ausstellung zuallererst als Arbeitsmensch und nur in zweiter Linie als Familienmensch dargestellt wird. Dieser Eindruck wird dadurch unterstützt, dass in den zahlreichen Wandvitrinen des Raumes Reproduktionen seiner Werke bzw. Manuskripte ausgestellt sind und diese durch Fotos seiner Lieblingsautoren und Briefpartner_innen ergänzt werden – lediglich ein Foto seiner Tochter Eleanor ziert die Wand. Interessant ist es hierbei, dass diese Personen ausschließlich dafür genutzt werden, um Marx’ Denkkonstrukt und seine Arbeitsweise zu vermitteln: Er gelangte zu seinen ­Ideen, indem er bedeutende Werke studierte und Debatten mit den Gelehrten seiner Zeit führte. Die Porträts jener Personen, werden dann als ursprüngliche Quelle zur Person in den Ausstellungskontext überführt – und als Bausteine in das Narrativ des Universalgelehrten integriert. 272 In diesem Raum ist im Hinblick auf die Ausstellungsgestaltung besonders der Einsatz von Licht bzw. die Beleuchtung von Interesse. An der Decke sind Lampen angebracht, die die einzelnen Bereiche anstrahlen und damit hervorheben: Lieblingsautor_innen, Werke, Briefpartner_innen, Familie und Methodik. 269 KMH-2018, Raum 5. Raumtext:»Wie Karl Marx arbeitete«. 270 Ebd. 271 KMH-2018, Raum 5, Wandgrafik. 272 Ausstellungsbesucher_innen fallen die auseinandergehenden Ausstellungsnarration und die objektimmanenten Narrationen meist nicht auf, solange sie sich auf die Erzählung der Ausstellung konzentrieren, um diese nachvollziehen zu können. Vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 255. 92 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Insgesamt ist festzuhalten, dass das Narrativ des Universalgelehrten hauptsächlich über die Disziplinen, in denen Marx arbeitete und publizierte, vermittelt wird. Des Weiteren wird seine Arbeitsweise den Besucher_innen nähergebracht, indem die Persönlichkeiten und Werke, welche Marx rezipierte, vorgestellt und seiner Familie gegenübergestellt werden, um zu verdeutlichen, dass Marx in erster Linie ein Mensch der Arbeit und nur sekundär ein Familienmensch gewesen ist. 4.4.3 Der Ideengeber »Seine radikale Kritik und zugespitzten Analysen begeistern viele. Politische Akteure und Intellektuelle sowie soziale und politische Bewegungen machen Karl Marx im 20. Jahrhundert groß und be-/nutzen ihn. Die Zuschreibungen sind vielfältig: politisches Symbol, Heilsbringer, Fratze des Kommunismus, Ikone, aber auch Impulsgeber.« 273 Bereits an diesem Zitat aus dem ersten Ausstellungsraum lassen sich die verschiedenen Aspekte erkennen, die das vermittelte Bild des Ideengebers auszeichnen: erstens, dass seine Arbeiten Begeisterung auslösen, zweitens, dass sich verschiedene Bewegungen seiner Ideen bedienten und drittens, dass ihm verschiedene Eigenschaften zugeschrieben wurden. Nicht zu bestreiten ist jedoch bereits an dieser Stelle, dass die Ausstellung eher positiv Stellung zu Marx bezieht und impliziert, dass er eher ein Opfer ist, was durch die sprachliche Gestaltung in Form von»be-/nutzen« deutlich wird. In der Ausstellung wird das Narrativ des Ideengebers größtenteils in Verbindung mit der(internationalen) Arbeiterbewegung vermittelt. So wird im ehemaligen Wohn- und Empfangszimmer – dem achten Ausstellungsraum – Marx’ Rolle für die frühe Arbeiterbewegung aufgezeigt. »Marx selbst arbeitete an einer ersten internationalen Arbeiterorganisation mit, die zwar nach kurzer Zeit zerbricht, langfristig aber zum Vorbild wird. 1889 gründet sich die Sozia­ listische Internationale, die auch als Zweite Internationale bezeichnet wird. Hier bringen wiederum deutsche Sozialdemokrat_innen marxsche Ideen ein. Von dort wandern diese weiter in die anderen nationalen Arbeiterbewegungen. Aus Marx wird so ein weltbekannter Theoretiker.« 274 Im Zentrum dieses Ausstellungsraumes befindet sich eine plastische Installation eines unvollständigen Marx-Kopfes, der aus Bausteinen gefertigt ist. Vom Schädel und den Haaren – also dort, wo das Gehirn wäre, – fehlen große Teile. Vom Kopf ausgehend sind farbige Linien zu weiteren Köpfen am Sockel eingezeichnet. Jene Köpfe stellen Persönlichkeiten der internationalen Arbeiterbewegung dar: Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, 273 KMH-2018, Raum 1, Einführungstext:»Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute«. 274 KMH-2018, Raum 8, Raumtext:»Karl Marx und die frühe Arbeiterbewegung«. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 93 Lenin, Karl Kautsky und andere. Dies soll ausdrücken, dass sich jeder der marxschen Ideen bediente. So lässt sich auch erklären, dass Teile ebenjener Kopfregion fehlen, in der das Gehirn als symbolischer Ort der Ideen fehlt. Diese Aussage wird durch den Objekttext zusätzlich transportiert:»Marx’ Analysen sind eine Fundgrube für die Suchenden des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Aus dem, was zu dieser Zeit von ihm bereits veröffentlicht ist, bauen sie sich Antworten auf ihre eigenen Fragen.« 275 Zusätzlich wird betont, dass die verschiedenen abgebildeten Personen durch die Arbeiterorganisationen und ihre Publikationen miteinander vernetzt waren und sie»für viele weitere[stehen], die in ihren Ländern und international an Marx arbeiten.« 276 Auf diese Weise wurden sie auch zu Multiplikatoren marxscher Ideen, obwohl sich ihre Lesart seiner Werke voneinander unterschied. Abb. 11: Die unvollständige und aus kleinen Bausteinen gefertigte Marx-Büste. Auf dem Sockel die Köpfe von Vertreter_innen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, die durch Linien mit der Marx-Büste verbunden sind. Gleichwohl könnte man diese Installation des unvollständigen Marx-Kopfes auch konstruktivistisch interpretieren: Jeder baut sich seinen eigenen Marx. Obwohl dies zwar nicht in der kuratorisch-gestalterischen Konzeption vorgesehen ist, lässt sie jenen Inter­ 275 KMH-2018, Raum 8, Objekttext: Marx-Büste. 276 KMH-2018, Raum 8, Raumtext:»Karl Marx als Konstruktion«. 94 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 pretationsspielraum zu. 277 Dies deckt sich auch mit der Sicht der Forschung, dass nicht alles, was die Besucher_innen an Bedeutung interpretieren, auch so von den Kurator_in­ nen beabsichtigt ist. 278 Gestalterisch fällt auf, dass die unvollständige Marx-Büste mit Blickrichtung in das nächste Zimmer aufgestellt ist, in welchem sich der späteren Arbeiterbewegung gewidmet wird. Dies lässt sich auch so interpretieren, dass Marx in die Zukunft blickt. Neben der Marx-Büste sind im Raum hauptsächlich Fotografien von Protesten und Versammlungen der verschiedenen nationalen Arbeiterbewegungen zu sehen. Des Weiteren wird der Erste Weltkrieg historisch kontextualisiert, um im nächsten Zimmer darauf Bezug zu nehmen. Der folgende neunte Ausstellungsraum im ehemaligen Ankleidezimmer wird durch einen Raumteiler in Form eines spitz zulaufenden Keils getrennt. Dieser Keil lässt sich sowohl mit dem bereits angesprochenen Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution, aber auch mit Marx’ Ideen in Verbindung setzen. So erklärt der Raumtext:»Der Erste Weltkrieg, der 1918 endet, zerreißt die Arbeiterbewegung« 279 , jedoch wird auch erläutert, dass Marx’ Ideen in zwei Lagern aufgehen: ein Lager, welches ein Rätesystem anstrebt und ein zweites, welches eine parlamentarische Demokratie befürwortet. Für diese Fronten werden exemplarisch die SPD auf der einen und die marxistisch-leninistische Herrschaft in Russland auf der anderen Seite des Keils herangezogen, um diese unterschiedlichen Lager anhand von bekannten Beispielen erläutern zu können. Der Keil besitzt dabei sowohl Aussparungen, durch die man auf die andere Seite blicken kann, als auch Gucklöcher, hinter denen Fotos der Arbeiterbewegung zu erkennen sind. Dies soll visuell darstellen, dass einige Personen in der damaligen Zeit das Lager gewechselt haben und es nicht absolut verhärtete Fronten gab, sondern teilweise durchlässig war zwischen Sozialdemokrat_innen, Sozialist_innen und Kommunist_innen. Auf beiden Seiten des Keils befindet sich jeweils eine Tafel mit Fotografien zu den unterschiedlichen Ausprägungen der(internationalen) Arbeiterbewegung. Diese Fotos sollen visualisieren, wie Marx’ Ideen in den unterschiedlichen Bewegungen aufgegangen sind. Interessant ist zudem, dass die Fotografien, die ursprünglich aus anderen Gründen 277 Objekte sind nicht eindeutig zu interpretieren, sie sind oft mehrdeutig – d.h. jede / r Besucher_in kann ihnen unterschiedliche Bedeutungen beimessen. Dies ist zwar eine Herausforderung für Museologen, kein Objekt so zu installieren, dass es die Botschaft der Ausstellung infrage stellt. Gleichzeitig stellt die Mehrdeutigkeit der Objekte eine Chance für Museen dar, da jene Mehrdeutigkeit ein Anknüpfen an die Lebenswelt der Besucher wahrscheinlicher macht. Vgl. Hans Peter Hahn, Dinge als unscharfe Zeichen, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 14–18, hier S. 14–17. 278 Vgl. den Oudsten, Die Poesie des Ortes, S. 28. 279 KMH-2018, Raum 9, Raumtext:»Karl Marx zwischen Ost und West«. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 95 aufgenommen wurden, hier ihrem Entstehungskontext entnommen und in den K­ ontext der Ausstellung bzw. des Ausstellungsbereiches überführt werden: Marx als Ideengeber darzustellen. Ein prominentes Beispiel dafür ist ein Foto der Flagge der Sowjetunion und der Symbolik von Hammer und Sichel. Hier wird Marx indirekt als Ideengeber angesprochen und diese politische Imagination in die Marx-Tradition bzw. in das Narrativ eingeordnet, obwohl das Foto aus einem anderen Kontext stammt. 280 So wird sich unter anderem genauer der Arbeiterbewegung in Russland gewidmet und darauf eingegangen, dass in Russland eine marxistisch-leninistische Herrschaft entstand. Passend dazu trägt eine an der Wand angebrachte Infotafel den Titel»Mit Karl Marx an der Macht: Der Weg der Bolschewiki nach 1918« und präsentiert ein Foto von Lenin. Abschließend wird in einem Wandtext ein Plädoyer vorgebracht, dass man Marx’ Ideen und Wirkung nicht auf politische Bewegungen reduzieren dürfe, sondern seine Wirkung deutlich weitreichender sei: »Die Auseinandersetzung mit dem marxschen Werk hat ihre Ursprünge in der Arbeiterbewegung. Im 20. Jahrhundert kann die Wirkung der Ideen von Marx nicht auf politische Bewegungen reduziert werden. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit ihm entwickelt sich in vielfältiger Art und Weise weiter.« 281 Diese Idee wird durch ein Wandbild im folgenden Ausstellungsraum – dem Geburts­ alkoven – nahtlos fortgeführt. In diesem Wandbild sind sämtliche großen und weniger großen Bewegungen namentlich genannt, die aus Marx’ Ideen ›geboren‹ wurden, treffen­ derweise in dem Zimmer, in dem er selbst das Licht der Welt erblickte – sicherlich kein Zufall, sondern Teil der gestalterischen Konzeption. In gewisser Weise widerspricht die Ausstellung jedoch an dieser Stelle ihrem eigenen zuvor geäußerten Appell, Marx nicht auf politische Bewegungen zu reduzieren. So werden hier hauptsächlich politische Bewegungen mit Leninismus, Stalinismus, Guevarismus und Maoismus genannt, die von Marx’ Ideen beeinflusst wurden. 282 Zur Gestaltung des Wandbildes lässt sich festhalten, dass stets der Name der namensgebenden Person groß und fettgedruckt geschrieben und die Endung-ismus angehangen wird. Dadurch erfolgt eine Betonung der unterschiedlichen Personen, die sich Marx’ Ideen bedient haben bzw. namensgebende Ikonen der von Marx inspirierten Bewegungen waren. Die Ausstellung wirft dabei im dazugehörigen Raumtext selbst die Frage auf:»Doch wie viel Marx steckt jeweils d­ arin?« 283 280 Diese Rolle des Museums als»Kontexträuber« und»Kontextstifter« ist wie bereits in Kapitel 2 der Arbeit herausgestellt wurde, charakteristisch für die Institution und Grundlage für Ausstellungen, vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 253. 281 KMH-2018, Raum 9, Infotext:»Aktualisierungen von Karl Marx durch Intellektuelle«. 282 Siehe für einen Überblick über den Themenkomplex des Marxismus die einschlägige Publikation von Christina Morina, Die Erfindung des Marxismus, Wie eine Idee die Welt eroberte, München 2017. 283 KMH-2018, Raum 10, Raumtext:»›Der Marxismus‹ –(k)eine geschlossene Lehre«. 96 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Auf diese Weise wird der / die Besucher_in direkt angesprochen und zum Nachdenken angeregt, nur ein Beispiel dafür, dass Ausstellungen immer Interaktionen und Kommunikation zwischen Besucher_innen und Kurator_innen sind. Auch bei der Betrachtung der marxschen Wirkung nach 1939 im zweiten Obergeschoss des Museums liegt der Fokus auf dem Narrativ des Ideengebers. So wird direkt zu Beginn im Raumtext die Kernaussage des Ausstellungsraumes deutlich: »Wie schon vor 1945 schrecken die einen nicht davor zurück, mit Marx Gewalt und Diktatur zu rechtfertigen. Die anderen suchen nach gewaltfreien Wegen zum Demokratischen Sozialismus. So oder so buchstabieren sie Marx mit ihren eigenen Inhalten aus.« 284 Daran werden zwei bereits erwähnte – mit dem Narrativ des Ideengebers zusammenhängende – Sachverhalte noch einmal verdeutlicht: Auf der einen Seite betont der Ausstellungstext noch einmal, dass Marx für politische Zwecke ›missbraucht‹ wird, in diesem Fall um»Gewalt und Diktatur zu rechtfertigen« – er wird also erneut als Opfer inszeniert. Auf der anderen Seite wird deutlich, dass die Ausstellung stets betont, dass sich unterschiedliche Lager Marx bedient haben – und sich dies auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 nicht veränderte. Diese unterschiedlichen Lager bzw. international stattfindenden Entwicklungen werden im elften Ausstellungsraum anhand von sechs im Raum platzierten Säulen thematisiert. Auf diesen Säulen werden die unterschiedlichen Bewegungen, welche sich der ­marxschen Ideen bedienten, mithilfe von kurzen Infotexten näher vorgestellt und anhand von Foto­ grafien visualisiert. Diese Gruppierungen bzw. Entwicklungen werden dann in unterschiedliche Themen eingeordnet und mit Überschriften versehen wie»Supermacht Sowjetunion: Das Zentrum des Marxismus-Leninismus«,»Mit Karl Marx gegen den Kommunismus: Dissidenten« oder auch»Maos China«. 285 Insgesamt lassen sich die auf den Säulen vorgestellten Aspekte in zwei Themenbereiche einteilen: einerseits die Marx-­ Rezeption und Auslegung in kommunistischen Ländern und andererseits jene in demo­ kratisch-kapitalistischen. Dabei werden auch Gruppierungen thematisiert, die gegen die jeweilige Herrschaft protestierten. Auf diese Weise bewegen sich die Besucher_innen quasi räumlich durch die Schauplätze des»Kalten Krieges« bzw. um sie herum und erfahren anhand von Schlaglichtern die Wirkung Karl Marx’ auf diese Zeit. 286 284 KMH-2018, Raum 11, Raumtext:»Karl Marx global nach 1945«. 285 KMH-2018, Raum 11, Säulen. 286 Dabei können sich die Besucher_innen jene Einzelerzählungen auf den Säulen durchlesen und bestimmen, welche sie lesen wollen und sich daraus ein eigenes Bild machen.»Eine Ausstellung ist wie eine mehr­ dimensionale, nicht lineare Erzählung aufgebaut, wobei die Besucher viele verschiedene Erzählstränge verfolgen können.« Kossmann, Narrative Räume, S. 51. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 97 Die vermittelte Botschaft der Ausstellung, dass Marx auch im 20. Jahrhundert noch weltweit eine Rolle spielte, wird dabei durch zwei Aspekte im Raum zusätzlich transpor­ tiert. Einerseits – weniger subtil – durch die gewählte Überschrift des Raumtextes»Karl Marx global nach 1945«, andererseits durch eine an die Wand gezeichnete Weltkarte, die aufzeigt, welche Länder in welchem Maße von Marx’ Ideen beeinflusst wurden. Auf dieser Weltkarte werden die Länder in insgesamt fünf Kategorien eingeteilt und ihre Grenzen je nachdem farblich unterschiedlich markiert: 1. Länder mit kommunistischem Machtmonopol, 2. Länder, die sich sozialistisch nennen, 3. Länder, die sozialistische Parteien haben und der Sozialistischen Internationale angehören, 4. Länder, die sozialistische Parteien haben, die die Sozialistische Internationale beraten und 5. Länder ohne sozialistische Parteien. Auffällig ist dabei die Farbwahl: Die Kategorisierung der Länder und damit die Färbung ihrer Grenzen, erfolgt in unterschiedlichen Abstufungen der Farbe Rot, welche in Verbindung mit Sozialismus bzw. Kommunismus steht. Generell wird in diesem Ausstellungsraum besonders die Rolle der UdSSR hervorgehoben, die ihr marxistisch geprägtes Gedankengut in verschiedene Teile der Welt trug und die Wirkung marxscher Ideen somit nun auf globaler Ebene festzustellen ist. An den Wänden hängen Infotafeln, die Einblicke in den historischen Kontext bieten und eine Verständnisgrundlage für diese Zeit schaffen, die durch die Entwicklungen des Kalten Krieges geprägt wurde. Insgesamt lässt sich für das Narrativ von Marx als Ideengeber festhalten, dass besonders die unterschiedliche Interpretation und Instrumentalisierung betont wird. »Ob in der politischen Propaganda oder in den popkulturellen Inszenierungen: Hinter dem Zerrbild verschwindet das Original. Und: Es hängt vom eigenen Standpunkt ab, wie man Karl Marx sieht.« 287 Dies wird am deutlichsten durch das Zerrbild im sechsten Ausstellungsraum, dem Verbindungsgang zwischen Werk und Wirkung, vermittelt. Hier ändert sich der Grad der Verzerrung je nachdem, wo der / die Besucher_in steht und auf das Bild schaut. So wird räumlich die Botschaft umgesetzt, dass der eigene Standpunkt entscheidend dafür ist, wie man Marx sieht – und abhängig davon, wie man sein Bild verzerrt. Infolgedessen wird auch hier wieder zum Denken und Hinterfragen des eigenen Standpunktes angeregt. 288 Den Besucher_innen wird das Narrativ des Ideengebers somit hauptsächlich über die jeweilige Interpretation und Inanspruchnahme der marxschen Ideen vermittelt – 287 KMH-2018, Raum 6, Raumtext:»Ikone und Zerrbild«. 288 Vgl. Tyradellis, Müde Museen, S. 136. 98 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 ­beginnend mit den frühen Arbeiterbewegungen bis hin zum Ost-West-Konflikt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 4.4.4 Der ewig Aktuelle »Als Philosoph, Gesellschaftswissenschaftler, Ökonom und politischer Journalist blickt Marx auf seine Zeit und entwickelt Perspektiven auf eine Zukunft, die unsere Gegenwart sein soll.[…] Trotz der politischen Instrumentalisierungen im 20. Jahrhundert bleiben im 21. Jahrhundert Marx’ Anspruch, die Welt zu verändern, und seine Fragen nach den Ursachen von Armut und Wohlstand relevant.« 289 Ausgangspunkt des Narrativs, dass Marx auch nach seinem Tod nicht an Aktualität einbüßte und stets, bis heute, aktuell gewesen ist, ist interessanterweise sein Sterbesessel der Londoner Wohnung. Das im siebten Ausstellungsraum 290 präsentierte Exponat – vermutlich das bedeutendste der gesamten Ausstellung – symbolisiert Marx’ Wirkung über seinen Tod hinaus. 291 Zwar starb der Mensch Karl Marx in diesem Sessel, dennoch überdauert er als(politische) Figur aufgrund seiner Werke und seiner Nutzung durch verschiedene Gruppen. Jedoch wird im Raumtext bereits relativiert, dass seine Wirkung damals noch nicht erwartbar war.»Trotz seiner Bekanntheit ist nicht absehbar, dass er eine der wirkmächtigsten Personen des 20. Jahrhunderts werden wird.« 292 Dennoch betonen die Autor_innen der Ausstellungstexte hier, dass Marx eine der»wirkmächtigsten Personen des 20. Jahrhunderts« gewesen ist. Des Weiteren wird noch einmal die Bandbreite seiner Ideen und der Wirkungskreis näher thematisiert, indem von der»globale[n] Wirkung marxscher Ideen« 293 gesprochen wird. Neben der Betonung des globalen Wirkungsgrades von Marx’ Ideen – also der räumlichen Dimension – thematisiert die Ausstellung auch die zeitliche Dimension, indem die Aktualität der marxschen Ideen betont wird:»Die weltweite Armut, die politischen und wirtschaftlichen Krisen machen Marx’ Fragen nach deren strukturellen Ursachen im 21. Jahrhundert aktuell.« 294 Es wird somit dafür argumentiert, dass Karl Marx auch 289 KMH-2018, Raum 1: Einführungstext»Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute«. 290 Ausstellungsraum 7 fungiert dabei als Übergangsraum vom Werk zur Wirkung – interessanterweise nimmt hierbei auch der Sterbesessel eine zentrale Rolle ein. 291 Ausstellungstexte und Exponate unterscheiden sich in ihrer Funktion: Während die Ausstellungstexte die Narration der Ausstellung und Informationen vermitteln, dienen die Exponate dazu, die Authentizität jener Narration zu erhöhen und sie den Besucher_innen»greifbar« zu machen, vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 256. Das Ausstellen des Sterbesessels ist ein gutes Beispiel, da hier der Tod von Marx greifbar gemacht wird. Dadurch, dass Karl Marx in diesem Sessel starb und er auch besonders präsentiert wird, wird jene Aura, die Exponate umgibt, hier verstärkt, Walz, Theorie und Praxis, S. 156. 292 KMH-2018, Raum 7, Raumtext:»Karl Marx stirbt, aber seine Ideen leben weiter«. 293 KMH-2018, Raum 7, Raumtext:»Die globale Wirkung marxscher Ideen«. 294 Ebd. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 99 in der heutigen Zeit noch immer relevant ist. Dies deckt sich ebenfalls mit der gewählten Überschrift für den Raumtext:»Karl Marx stirbt, aber seine Ideen leben weiter.« 295 Abb. 12: Marx’ Lesesessel, in dem er am 14. März 1883 vermutlich starb, sowie die Sitzgelegenheit gegenüber und die Marx-und-Engels-Büste im Hintergrund. Dies führt uns nun zurück zum bereits angesprochenen Sterbesessel. Jener wird auf besondere Art und Weise präsentiert und für die Vermittlung genutzt. Wie andere Ausstellungsstücke in den jeweiligen Räumen auch, ist der Sessel im Zentrum des Zimmers aufgestellt, jedoch nicht allein. Gegenüber ist eine Sitzgelegenheit aufgebaut, in die sich die Besucher_innen setzen können. Wenn sie dies tun, wird über Lautsprecher eine Audio­ datei mit einer weiblichen Stimme abgespielt, die fiktionale Aussagen von Karl Marx vorträgt. Jene Aussagen thematisieren häufig das Ausstellungsstück und gehen darauf ein, dass Karl Marx viel Zeit in diesem Sessel verbrachte, während er an seinen Werken arbeitete. 296 Passend dazu sind an den Wänden verschiedene Werke von Marx und Engels auf Regalen präsentiert – so gesehen wird der Sterbesessel von seinen Werken umringt. Durch diesen Aufbau und insbesondere das Angebot, direkt gegenüber dem Sessel Platz zu nehmen und dem ›geistigen Marx‹ in die Augen zu blicken, wird die Aura, 295 KMH-2018, Raum 7, Raumtext:»Karl Marx stirbt, aber seine Ideen leben weiter«. 296 Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass die Besucher_innen mit einem Tastendruck entscheiden können, ob sie die Audiodatei in Deutsch oder Englisch anhören wollen. 100 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 die das Objekt umgibt, ungleich erhöht. 297 Diese exponierte Rolle des Sessels wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass er wortwörtlich auf ein Podest gestellt ist. Neben dem Sterbesessel und den Werken ist im siebten Ausstellungsraum auch ein Exponat vorhanden, von dessen Art es keine vergleichbaren in der Ausstellung gibt: eine Skulptur von Marx und Engels. Diese wurde von Gustav Seitz in der DDR der 1950er Jahren angefertigt. Interessant ist hierbei, dass das vom Objekt vermittelte Bild durch einen Objekttext sogleich aufgebrochen wird.»Obwohl Engels in Wirklichkeit größer als Marx ist, werden beide nahezu gleich groß dargestellt.« 298 Mithilfe dieser Hintergrundinformationen wird nicht nur das Exponat kontextualisiert, sondern auch etwai­ ge Vorstellungen infrage gestellt, beispielsweise, dass beide gleich groß gewesen seien, obwohl Engels nachweislich größer als Marx war. Die Aktualität marxscher Ideen bzw. das Narrativ des ewig aktuellen Marx wird jedoch nicht nur unter der Thematik seines Todes betrachtet, sondern auch im Hinblick auf die politische Wende 1989/90 und Gegenwart in den Räumen des zweiten Obergeschosses thematisiert. »1989/90 löst sich die Weltordnung auf wie sie seit 1945 bestand. Das Ende der Sowjet­union und die Opfer kommunistischer Regime weltweit gelten als Beleg dafür, dass die marxschen Ideen gescheitert sind. Zwar endet der globale Einfluss des Marxismus-Leninismus, doch Karl Marx bleibt aktuell: An der Schwelle zum 21. Jahrhundert setzt sich mit der Globalisierung ein zügelloser Kapitalismus durch. Die wirtschaftliche Entwicklung treibt den gesellschaftlichen und politischen Wandel an – ein Phänomen, das Marx beschrieben hat. […] Staaten wie China und Kuba berufen sich weiterhin auf Marx. Auch wenn sich die Rahmenbedingungen ändern: Marx wird immer noch in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit diskutiert. Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker_innen greifen Themen und Fragen auf, die Marx im 19. Jahrhundert zu beantworten suchte.« 299 Auffällig ist hierbei, dass einerseits davon gesprochen wird, dass die marxschen Ideen gescheitert seien, jedoch wird andererseits danach hervorgehoben, dass Marx nach wie vor aktuell ist, weil er schon damals die Fragen beantworten wollte, die auch in der heutigen Zeit thematisiert werden. Passend dazu lautet die Raumüberschrift»No End of History«. Abgesehen davon, dass man somit auf die alte Ausstellung anspielt, die mit der politischen Wende 1989/90 endete und die 2018er Dauerausstellung hier nicht das Ende der(Wirkungs-)Geschichte von Marx sieht, kann man dies auch als Appell an die 297 Vgl. Evelyn Dawid / Robert Schlesinger, Theorie. Zwischen Dogma und Häresie – Texte im Museum – pro und contra, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 7–23, hier S. 10; Thiemeyer, Geschichtswissenschaft, S. 156. 298 KMH-2018, Raum 7, Objekttext: Seitz-Skulptur. 299 KMH-2018, Raum 12, Raumtext:»Kein Ende der Geschichte«. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 101 Besucher_innen interpretieren, dass Marx’ Geschichte nicht mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete und er noch heute aktuell ist. Aus der alten bipolaren Weltordnung ist eine neue entstanden. Um das Annähern an die Gegenwart auch gestalterisch zu vermitteln, werden im zwölften Ausstellungsraum, im Gegensatz zu den vorherigen Räumen, die mit Fotografien und Manuskripten bestückt waren, nun technisch modernere Medien wie Monitore genutzt. Den Aktualitätsbezug unterstützt auch der Einsatz von Fragmenten aus Nachrichtensendungen auf den Monitoren. Diese Monitore, die als Fernseher aufgebaut sind, befinden sich in der Mitte des Raumes, aufgebaut als ein Quadrat, dessen vier Kanten durch jeweils sechs nach Außen gerichtete Monitore an jeder Seite erkennbar werden. Auf diesen werden stets einige Fotos und Statistiken neben Nachrichtenausschnitten und einem Infotext zu der jeweiligen Thematik präsentiert. Jede Seite der Installation mit ihren jeweils sechs Monitoren widmet sich dabei einem der folgenden Themenfelder: die»globalisierte Finanzwelt«, die»neue Weltordnung«, die»globale Wirtschaft« und die»globale Gesellschaft«. 300 Beim Lesen der Texte auf den Monitoren fällt auf, dass Marx selbst hier weder namentlich genannt noch auf ihn hingewiesen wird. Es werden lediglich aktuelle Geschehnisse bzw. jene der letzten 25 Jahre aufgeführt. Dennoch liegt dieser Ausstellungseinheit die Botschaft zugrunde, dass es sich bei den präsentierten Aspekten um Themen handelt, mit denen sich Marx in gewisser Weise schon vor 150 Jahren beschäftigte, weshalb in den letzten Jahren auch das(populär-)wissenschaftliche Interesse an ihm wieder zunahm. Die sich parallel zur zeitlichen Abfolge der Ausstellung modernisierende technische Ausstattung setzt sich ebenfalls im letzten Raum fort, dessen Ziel bereits am Türrahmen durch einen Pfeil mit der Aufschrift»Heute« verdeutlicht wird: Marx’ Bedeutung in der aktuellen Gegenwart hervorzuheben. In diesem Zimmer werden mithilfe eines Beamers und hunderten Leuchtdioden aktuelle Nachrichtenausschnitte aus aller Welt an eine Wand projiziert. Dabei besitzt das projizierte Video eine Größe von mehreren Quadrat­ metern und erstreckt sich über die gesamte Wand, sodass es – auch mangels anderer Exponate – sämtliche Aufmerksamkeit in diesem Raum beansprucht. Lediglich eine Bank ist an der gegenüberliegenden Seite aufgestellt, von der sich die Besucher_innen die vertonten Videos anschauen können. Bei der Betrachtung der einzelnen aneinander­ gereihten Videoausschnitte fällt auf, dass besonders Krisen im Vordergrund stehen. So wird eine Bombenexplosion gezeigt und die rasch aufeinanderfolgenden Sequenzen von Politikern erwecken den Verdacht des politischen Konflikts. 300 KMH-2018, Raum 12, Monitorinstallation. 102 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Hier knüpft auch der Raumtext an, der zugleich den Abschluss der Ausstellung markiert. Die Krisen der Gegenwart motivieren»Menschen, sich jetzt erst recht für eine sozial, politisch und wirtschaftlich gerechte Welt zu engagieren. Kann es da überraschen, dass Das Kapital von Karl Marx einen Verkaufsboom erlebt?« 301 Hier werden auch noch einmal die Krisen betont, welche dann aber für eine positive Botschaft genutzt werden, nämlich, dass sie Auslöser dafür seien, dass sich die Menschen engagieren. Dies wird mit den steigenden Verkaufszahlen des Kapitals in Verbindung gesetzt. Damit einhergehend wird hier die Interpretation nahegelegt, dass Marx noch heute aktuell ist, da auch er aktiv wurde – aufgrund der Zustände seiner Zeit. Somit beantwortet die Ausstellung auch selbst die in der Überschrift aufgeworfene Frage»What’s left?« – nimmt man die Aussagen der Ausstellung als Grundlage, muss diese Frage in Bezug auf Marx beantwortet werden mit: Es ist noch viel von ihm übrig. Auffällig ist zudem, dass die Besucher_innen hier direkt mit einer Frage konfrontiert werden. Dies ist insofern etwas Besonderes, da es sich um den letzten Satz der Ausstellung handelt: eine Frage, die zum Denken anregen soll. Somit handelt es sich hierbei auch um ein offenes Ende, das den Besucher_innen die Entscheidung überlässt, ob Marx heutzutage noch ein Impulsgeber für die Politik oder nur eine popkulturelle Figur ist. Generell lässt sich in der Ausstellung festhalten, dass oftmals Fragen in den Ausstellungstexten an die Besucher_innen formuliert werden, um zum Denken anzuregen. 302 Zu erwähnen ist außerdem noch, dass im Karl-Marx-Haus in einem extra dafür vorgesehenen Raum die Hausgeschichte in einem Video dargelegt wird, welche jedoch hier nicht weiter untersucht werden soll. 301 KMH-2018, Raum 13, Raumtext:»What’s Left?« 302 Vgl. Flacke, Ausstellen als Narration, S. 253 sowie Tyradellis, Müde Museen, S. 136. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 103 5. Fazit und Ausblick Betrachtet man die aus der Analyse der Dauerausstellungen gewonnenen Erkenntnisse gelangt man dabei zu folgendem Ergebnis für die erste Leitfrage, welche Narrative von Marx vermittelt werden und durch welche Aspekte sich diese auszeichnen: Während sich in der 1968 eröffneten Dauerausstellung lediglich ein Narrativ herausarbeiten ließ – das des unpolitischen Sozialdemokraten, weil Marx in die Kontinuität der sozialdemokratischen Persönlichkeiten eingebettet wurde, – konnten in den anderen drei Ausstellungen von 1983, 2005 und 2018 stets vier Narrative herausgearbeitet werden. In der 1983er eröffneten Dauerausstellung konnten die folgenden Narrative analysiert werden: 1. des Sohnes der Stadt Trier, da hier in großem Ausmaß seine Kinder- und Jugendzeit dargelegt und auch in seinem späteren Leben auf dessen Trierer Zeit rekurriert wird. 2. Der Universalgelehrte, der sich in viele Disziplinen einlas, auf diesen Gebieten publizierte und wissenschaftliche Debatten mit großen Vertretern jener Disziplinen führte. 3. Das Narrativ des politischen Aktivisten, das Marx’ aktive Rolle als Journalist und Kopf der Internationalen betont, und 4. Marx als von Leid geprägte Person. Das Narrativ des von Leid geprägten Marx lässt sich dabei in drei verschiedene Dimensionen unterteilen: Einerseits wird seine Staatenlosigkeit thematisiert, andererseits die materielle und finanzielle Not auf der einen und das gesundheitliche Leid auf der anderen Seite – wenngleich diese sicherlich miteinander in Verbindung stehen und das eine das andere bedingte. In der 2005 eröffneten Dauerausstellungen ließen sich ähnliche Narrative in der Ausstellungsanalyse herausarbeiten, die jedoch anders akzentuiert sind: 1. Das Narrativ des universalgelehrten Querdenkers; Marx wird hier nicht nur als umfassend gebildeter Wissenschaftler dargestellt, sondern auch als streitbare Person, die zumeist auch den Konflikt mit seinen zeitgenössischen Gelehrten suchte und alles infrage stellte. 2. Das Narrativ des staaten- und geldlosen Marx betont die Not, die Karl Marx und seine Familie über lange Strecken seines Lebens begleitete. Auffällig ist hier jedoch einerseits, dass erklärt wird, dass es sich hier nicht um bittere Armut handelte und andererseits, dass konkret betont wird, dass Karl und Jenny Marx jene finanzielle Not selbst bzw. mit zu verschulden haben. Des Weiteren lässt sich 3. das Narrativ des Wandels vom politischen denkenden zum politisch handelnden Akteur erkennen: Marx wird zunächst als aufgeweckter Jugendlicher dargestellt, der über die politischen Entwicklungen nachdachte, jedoch zunehmend – auch aufgrund von wichtigen Zäsuren wie der Revolution 1848 – selbst aktiv werden wollte, um seine Gegenwart mitzugestalten. Abschließend wird 4. die Wirkung der marxschen Ideen in der 2005 eröffneten Dauerausstellung vermittelt, 104 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 wobei hier der Fokus auf der deutschen wie internationalen Arbeiterbewegung gelegt wird und die internationalen Folgen der Spaltung der Arbeiterbewegung präsentiert werden. In der aktuellen, 2018 eröffneten, Dauerausstellung lassen sich ebenfalls vier Narrative herausarbeiten, die recht vergleichbar sind mit der 2005er Ausstellung. So wird Marx 1. als Universalgelehrter dargestellt, der in verschiedenen Bereichen durch mehrere Publikationen seine Expertise bewies. Dabei wird zusätzlich seine Arbeitsweise dargelegt, um einen Einblick in seine Denkvorgänge zu geben. 2. Wird das Narrativ von Marx als Staatenlosem vermittelt, der große Mühen auf sich nehmen musste und sich an seinen verschiedenen Lebensstationen mit unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sah. 3. Wird Marx als Ideengeber konstruiert, dessen Ideen verschiedene(politische) Bewegungen erst entstehen ließen, gleichzeitig wurden Marx und seine Ideen von jenen Strömungen aber auch instrumentalisiert. Die 2018 eröffnete Dauerausstellung führt die Wirkung der marxschen Ideen 4. unter dem Narrativ des ewig aktuellen Marx dann tiefgehender aus, indem Marx’ Ideen mit der Gegenwart verknüpft werden und aufgezeigt wird, dass Marx stets aktuell war und heute noch ist. Somit lässt sich in Bezug auf die zweite Leitfrage, inwiefern sich ein Wandel der musea­ len Vermittlung von Marx im Laufe der Zeit erkennen lässt, feststellen, dass sich das Bild von Karl Marx in der musealen Vermittlung in gewissem Maße veränderte, wobei sich einige Grundlinien kontinuierlich durchziehen. So wurde Marx in allen vier Dauer­ ausstellungen der letzten 50 Jahre – wenn man es kurz ausdrücken will – stets als ein staatenloser Universalgelehrter dargestellt, dessen Ideen eine politische Wirkung erzielten. Die Unterschiede liegen dabei jedoch im Detail, nämlich in den Narrativen zugrunde liegenden Zuschreibungen und Attributen. So änderte sich die Positionierung und Bewertung der Dauerausstellungen im Hinblick auf die Person Karl Marx: Wurde er in den ersten beiden Ausstellungen von 1968 und 1983 noch in gewisser Weise idealisiert, indem seine Leistungen besonders in den Vordergrund gerückt und negative Aspekte, wie die Unfähigkeit mit Geld hauszuhalten, eher ausgeklammert oder genutzt werden, um Mitleid zu erzeugen, werden diese vermeintlich negativen Aspekte in der Ausstellung von 2005 reflektiert thematisiert. Hier wird Karl Marx und seiner Frau Jenny sogar explizit die Schuld für die Geld- und Mittellosigkeit zugesprochen. Generell lässt sich – wenn man die Dauerausstellungen miteinander vergleicht – feststellen, dass der Aspekt der Wirkung zunehmend in den Fokus rückt, während seine Biografie in den Hintergrund getreten ist. So wurde die politische Wirkung der m­ arxschen KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 105 Ideen zwar stets thematisiert, jedoch nimmt ihr Stellenwert in den Ausstellungen im Laufe der Zeit zu. Während in der 1968 eröffneten Dauerausstellung versucht wird, Marx zu entpolitisieren, indem man sich dem jungen Marx widmet und seine politische Nutzung im geteilten Deutschland und Europa ausklammert, steht diese im Vordergrund der Betrachtung seiner Wirkung in der aktuellen Dauerausstellung. Zudem wird in der 2018 eröffneten Ausstellung betont, dass sich die marxsche Wirkung nicht nur auf die Ebene der politischen Instrumentalisierung beschränkt, sondern Marx bzw. eher seine kritischen Überlegungen als Denkanstöße dienen können, um die heutige Gesellschaft zu verstehen. Des Weiteren ist an der Konzeption der Ausstellungen zu erkennen, dass die museale Beschäftigung mit der Person Karl Marx zunehmend unbelasteter stattfindet: Musste man in den Dauerausstellungen von 1968 und 1983 noch die gesellschaftliche Assozia­ tion von Karl Marx berücksichtigen, lockerte sich dies in der Dauerausstellung von 2005. Hier ging man das erste Mal auch konkret auf die politische Instrumentalisierung von Marx während der globalen Teilung ein, bis schließlich 2018 auch die aktuelle Gegenwart in den Blick rückt und sich möglichst vorurteilsfrei und reflektiert mit der marxschen Wirkung auseinandergesetzt werden soll. Jener Wandel in der Betrachtung der Wirkung von Karl Marx lässt sich dabei auch auf eine Veränderung des kulturellen Gedächtnisses und der Geschichtskultur zurück­ führen. 1968 war Marx ein Symbol für den Sozialismus, also aus Sicht der BRD ein Symbol des feindlichen Systems. Aus diesem Grund wollte das Karl-Marx-Haus – und die ­Friedrich-Ebert-Stiftung als Träger – in der Dauerausstellung die negativ aufgeladenen Assoziationen Marx’ mit der Sowjetunion und DDR umgehen, indem man versuchte, ihn zu entpolitisieren. Aus den gleichen Gründen verhält es sich auch ähnlich in der Dauerausstellung von 1983: Hier wird der Aktualitätsbezug in gewissem Maße ausgeblendet und Marx’ Wirkung größtenteils auf die deutsche Arbeiterbewegung beschränkt. Die damaligen Besucher_innen assoziierten Marx mit der realsozialistischen Weltpolitik der Sowjetunion. Deshalb historisierte man Marx, um sich dennoch möglichst vorurteilsfrei mit ihm im Museum beschäftigen zu können. Auch wenn dies auf Kosten des Gegenwartsbezugs geschah, stellte dies einen Fortschritt in der musealen Vermittlung von Marx in der BRD dar. Die Geschichtskultur veränderte sich aufgrund der politischen Wende 1989/90 dennoch stark: Im Endeffekt verschmolzen zwei unterschiedliche Geschichtskulturen miteinander bzw. wurde die ostdeutsche Geschichtskultur in die westdeutsche integriert. Dies wirkte sich auch auf die Vermittlung von Marx in der 2005 eröffneten Dauerausstellung aus: Zum ersten Mal wurde er nicht nur historisiert, sondern auch auf die Gegenwart bezogen und hervorgehoben, dass er auch zu dieser Zeit 106 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 noch aktuell gewesen ist, wenngleich die Ausstellung inhaltlich noch vor der Jahrtausendwende endete. An diesem Punkt knüpft die 2018 eröffnete Dauerausstellung an, die Marx nun ebenfalls mit der aktuellen Zeit und dem 21. Jahrhundert in Verbindung setzt. Dabei spiegelt die Ausstellung nicht nur die Geschichtskultur und das kulturelle Gedächtnis wider, sondern versucht sie auch zu beeinflussen: Die Ausstellung vermittelt die Botschaft, dass Marx heute noch aktuell ist und seine Ideen auch in der Gegenwart wichtige Inspirationen sein können. Dem geschichtskulturellen Wandel unterlag somit auch das Karl-Marx-Haus als Institution der Geschichtskultur, was sich letztendlich auf die Konzeption der Dauerausstellungen und ihrer Positionierung zu Marx niederschlug. Anhand des Fallbeispiels der Dauerausstellungen des Karl-Marx-Hauses lässt sich somit festhalten, dass sich das Marx-Bild in der Geschichtskultur und dem kulturellen Gedächtnis der BRD veränderte – von einem Feindbild, über eine historische Persönlichkeit, bis hin zu einem wichtigen Ideengeber, der heute sowohl eine popkulturelle Figur wie auch ein Impulsgeber für politische Überlegungen sein kann. Zur Ausstellungsgestaltung lässt sich resümieren, dass sich jene im Laufe der letzten 50 Jahre teils deutlich wandelte. War die erste Dauerausstellung von 1968 noch eine objekt­ dominierte, rückten die Objekte in der Ausstellung von 1983 weiter in den Hintergrund, bis sie 2005 in der neukonzipierten Dauerausstellung fast gänzlich verschwanden. Die 2018 eröffnete Dauerausstellung setzt demgegenüber mehr auf Installationen, die die Botschaft visuell vermitteln sollen. Des Weiteren ist im Vergleich der Ausstellungen bemerkbar, dass die Textmenge im Laufe der Zeit abnahm, wobei die Dauerausstellung von 1983 wohl den Höhepunkt in der Textlastigkeit darstellte. Die gestalterische Konzeption wandelte sich also im Laufe der Zeit, was jedoch nicht verwunderlich ist, da sich auch die Ausstellungspraxis und-theorie in den letzten 50 Jahren veränderten und man sich an diesen Entwicklungen orientierte. Ebenfalls lässt sich, wenn man die Ausstellungen miteinander vergleicht, feststellen, dass unterschiedliche Mittel der Strukturierung genutzt wurden: von einer Zeitleiste, über verschiedenfarbige Texttafeln, einer grauen Kubuswand und Pfeile im Karl-Marx-Haus, die den Besucher_innen den Weg weisen. Ein klarer Trend lässt sich dabei jedoch nicht erkennen – es handelt sich eher um verschiedene Methoden, die jedoch keine Tendenz in eine bestimmte Richtung aufzeigen. Die Dauerausstellungen folgten dabei stets zunächst einer thematischen Struktur und erst sekundär in den jeweiligen Themenbereichen einer Chronologie, um den Besucher_innen möglichst nachvollziehbar Marx’ Leben, Werk und Wirkung aufzuzeigen. Auffällig ist dabei jedoch der Umgang mit seinen zwei Hauptwerken, dem Manifest der KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 107 Kommunistischen Partei und dem Kapital. Waren diese in den ersten zwei Ausstellungen noch gesondert und werkintensiv präsentiert worden, gliederten sie sich in den Aus­ stellungen von 2005 und 2018 in die Ausstellungsnarration des marxschen Werkes und seiner Wirkung ein. Daraus resultiert auch eine deutlich abnehmende Werkbezogenheit und – wenn man von Marx und Engels absieht – Personenbezogenheit, wurden doch in den alten Dauerausstellungen stets auch andere Personen detailliert porträtiert. Im Laufe der Zeit wurde Marx somit von einem Bestandteil zum zentralen Kern der Ausstellung. Abschließend lässt sich somit festhalten, dass, wie die Untersuchung zeigte, in den Dauer­ ausstellungen verschiedene Narrative vermittelt wurden, sich diese im Laufe der Zeit wandelten und neu akzentuiert wurden. Der Wandel des vermittelten Marx-Bildes ging dabei sowohl mit einer Transformation der Geschichtskultur sowie des kulturellen Gedächtnisses als auch der Weiterentwicklung und Veränderung der Ausstellungsgestaltung einher. Aufgrund der Zielsetzung dieser Arbeit konnte an dieser Stelle lediglich das Beispiel des Karl-Marx-Hauses untersucht werden. Interessant wäre es aber sicherlich auch, die museale Vermittlung von Karl Marx in der damaligen DDR, dem europäischen Ausland oder in China zu analysieren, um diese miteinander zu vergleichen und herauszufinden, ob sich die museale Vermittlung von Karl Marx national unterscheidet. Zudem konnte die Rolle von Friedrich Engels und dessen museale Vermittlung aufgrund der zugrunde liegenden Fragestellung hier nicht betrachtet werden, obwohl dies gewiss eine lohnenswerte Untersuchung wäre, die die geschichtswissenschaftliche Forschung im Hinblick auf die museale Vermittlung um ein weiteres Kapitel ergänzen würde. 108 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Quellen- und Literaturverzeichnis Quellen Karl-Marx-Haus, Dauerausstellung von 1983, Karl Marx(1818–1883) Leben – Werk – Zeit. Ständige Ausstellung im Geburtshaus von Karl Marx, Trier 1983(folgend abgekürzt mit KMH-1983. Karl-Marx-Haus,»Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus Trier«, Trier 2005(folgend abgekürzt mit KMH-2005). Karl-Marx-Haus, Von Trier in die Welt: Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung bis heute, Dauerausstellung, Trier 2018(folgend abgekürzt mit KMH-2018). Literatur Assmann, Aleida, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2018 3 . Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 2018 8 . Auer, Hermann u. a., Denkschrift Museen. Zur Lage der Museen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin(West), Boppard 1974. Baur, Joachim, Mit Räumen sichtbar machen: inszenatorisch-szenografischer Ansatz, in: M­ arkus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 261–266. Baur, Joachim, Was ist ein Museum? Vier Umkreisungen eines widerspenstigen Gegenstands, in: Joachim Baur(Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 15–48. Beck, Kurt, Zum Geleit, in: Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818– 1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 , S. 5. Becker, Kim Björn / Jaeger, Mona,»Marx ist wieder in«. Festakt in Trier, in: FAZ.net, 05.05.2018, abrufbar unter: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/festakt-zum-200-geburtstag-intrier-karl-marx-ist-wieder-in-15575641.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0[Stand: 07.11.2020]. Bianchi, Paolo, Zeigen von Dingen als Dialog – der kuratorische Ansatz, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 248–252. Bouvier, Beatrix / Auts, Rainer(Hrsg.), Karl Marx. 1818–1883. Leben. Werk. Zeit. Große Landes­ ausstellung 2018 in Trier, Darmstadt 2018. Bouvier, Beatrix / Kruke. Anja, Die Dauerausstellung im Karl-Marx-Haus, in: Friedrich-Ebert-­ Stiftung / Karl-Marx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 , S. 7–12. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 109 Büro trafo.K, Formate der Vermittlung, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 103–110. Buschmann, Heike, Geschichten im Raum. Erzähltheorie als Museumsanalyse, in: Joachim Baur (Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 149–170. Dahm, Jochen / Decker, Frank / Hartmann, Thomas(Hrsg.), Klasse, Kapital und Revolution. 200 Jahre Marx. Bonn 2018. Dath, Dietmar, Karl Marx. 100 Seiten, Stuttgart 2018. Dawid, Evelyn / Schlesinger, Robert, Lesbare Ausstellungstexte. Die Zeichen an der Wand – Wissensvermittlung in Sekundenschnelle, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 49–84. Dawid, Evelyn / Schlesinger, Robert, Texthierarchien. Wahlfreiheit statt Zwangsbeglückung – Klare Gliederung der Informationen, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 35–47. Dawid, Evelyn / Schlesinger, Robert, Theorie. Zwischen Dogma und Häresie – Texte im Museum – pro und contra, in: Evelyn Dawid / Robert Schlesinger(Hrsg.), Texte in Museen und Ausstellungen. Ein Praxisleitfaden(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2012 2 , S. 7–23. den Oudsten, Frank, Die Poesie des Ortes. Zum Gewicht der Erzählung, in: Stapferhaus Lenzburg / Sibylle Lichtensteiger / Aline Minder / Detlef Vögeli(Hrsg.), Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis(Edition Museum, 8), Bielefeld 2014, S. 18–28. Dietzen, Margret / Neu, Elisabeth, Marx im Museum. Museums- und Ausstellungskonzepte des Trierer Karl-Marx-Hauses von 1931 bis heute, in: Matthias Steinbach / Michael Ploenus (Hrsg.), Prüfstein Marx. Zu Edition und Rezeption eines Klassikers, Berlin 2013, S. 229–243. Elsner, Helmut, Museum Karl-Marx-Haus Trier(Museum, 66), Braunschweig 1983. Erll, Astrid, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, Stuttgart 2017 3 . Flacke, Monika, Ausstellen als Narration, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 253–257. Flügel, Katharina, Einführung in die Museologie, Darmstadt 2014 3 . Friedrich-Ebert-Stiftung / Karl-Marx-Haus(Hrsg.), Karl Marx(1818–1883). Leben – Werk – Wirkung bis zur Gegenwart. Ausstellung im Geburtshaus in Trier, Bonn 2013 3 . Füßmann, Klaus, Historische Formungen. Dimensionen der Geschichtsdarstellung, in: Klaus Füßmann / Heinrich Theodor Grütter / Jörn Rüsen(Hrsg.), Historische Faszination. Geschichtskultur heute, Köln 1994, S. 27–44. Gerber, Jan, Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus, München 2018. Günther-Arndt, Hilke, Geschichte als Beruf, in: Gunilla Budde / Dagmar Freist / Hilke Günther-­ Arndt(Hrsg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf, Berlin 2008, S. 32–50. Hahn, Hans Peter, Dinge als unscharfe Zeichen, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 14–18. 110 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Hähnig, Anne / Machowecz, Martin, So kommen Sie gut durchs Marx-Jahr, 22.01.2018, abrufbar unter: https://www.zeit.de/2018/04/karl-marx-jahr-2018-ratgeber[Stand: 07.11.2020]. Hardtwig, Wolfgang, Geschichtskultur, in: Stefan Jordan(Hrsg.), Lexikon Geschichtswissenschaft. Hundert Grundbegriffe, Stuttgart 2002, S. 112–115. Heinrich, Michael, Karl Marx und die Geburt der modernen Gesellschaft. Biographie und Weiterentwicklung. Band 1: 1818–1841, Stuttgart 2018. Herres, Jürgen, Das Karl-Marx-Haus in Trier. 1727 – Heute. Bürgerliches Wohnhaus, Politisches Symbol, Historisches Museum, Trier 1993. Hunt, Tristram, Friedrich Engels. Der Mann, der den Marxismus erfand, Berlin 2017 2 . International council of museums(ICOM), Musem Definition, 24.08.2017. https://icom.­ museum/en/resources/standards-guidelines/museum-definition/[Stand: 07.11.2020]. Kahl, Paul / Kalvelage, Hendrik, Personen- und Ereignis-Gedenkstätten, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 130–133. Karl-Marx-Haus, Bilddokumente über das Geburtshaus von Karl Marx in Vergangenheit und Gegenwart, Trier 1978 2 . Karl-Marx-Haus, Das Karl-Marx-Haus in Trier, Museum und Studienzentrum, Trier 1996. Karl-Marx-Haus, Karl Marx and his Contemporaries. Guide-book to the permanent exhibition in the Karl Marx House, Trier, Trier 1994. Karl-Marx-Haus, Das Museum Karl-Marx-Haus. Ein Begleitbuch zur ständigen Ausstellung im Geburtshaus von Karl Marx, Trier, Trier 1997. Karl-Marx-Haus, Ein Gang durch das Geburtshaus von Karl Marx, Trier 1979. Keweloh, Hans-Walter, Museen in der Bundesrepublik(1945–1990), in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 65–69. Kirchberg, Volker, Gesellschaftliche Funktionen von Museen im Zeichen sozialer Verantwortung, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 300–304. Kossmann, Hermann, Narrative Räume. Der Werkzeugkasten der Szenografie, in: Stapferhaus Lenzburg / Sibylle Lichtensteiger / Aline Minder / Detlef Vögeli(Hrsg.), Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis(Edition Museum, 8), Bielefeld 2014, S. 50– 66. Lücke, Martin / Zündorf, Irmgard, Einführung in die Public History, Göttingen 2018. Ludwig, Andreas / Walz, Markus, Museen als Forschungsgegenstand anderer Wissenschaften, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 375–381. Macdonald, Sharon, Museen erforschen. Für eine Museumswissenschaft in der Erweiterung, in: Joachim Baur(Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungs­ feldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 49–69. Marzi, Britta(Hrsg.), Ein Bild von Karl Marx…entwerfen. Kunst_historische Perspektiven. Dokumentation des Symposiums am 7. Mai 2016 im Karl-Marx-Haus in Trier, Bonn 2018. Morina, Christina, Die Erfindung des Marxismus, Wie eine Idee die Welt eroberte, München 2017. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 111 Nippel, Wilfried, Karl Marx, München 2018. Raffler, Marlies,»Historische Museologie«, in: Friedrich Waidacher, Museologie – knapp gefasst, Wien Köln Weimar 2005, S. 272–307, hier S. 273. Schönemann, Bernd, Geschichtsdidaktik, Geschichtskultur, Geschichtswissenschaft, in: Hilke Günther-Arndt(Hrsg.), Geschichtsdidaktik, Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003, S. 11–22. Schönemann, Bernd, Kulturgut-Sammlungen und-Ausstellungen als Elemente des kulturellen Gedächtnisses und der Geschichtskultur, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 22–25. Schröder, Barbara, Ausstellungsbegleitende Publikationen, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 113–120. Sommer, Monika, Museologie und Museumsgeschichten, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 13–21. Sperber, Jonathan, Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert, München 2013. Stedman Jones, Gareth, Karl Marx. Die Biographie, Frankfurt a.M. 2017. Stedman, Jones Gareth, Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels, München 2012. Sternfeld, Nora, Kuratorische Ansätze, in: ARGE schnittpunkt(Hrsg.), Handbuch Ausstellungstheorie und-praxis, Köln Wien Weimar 2013, S. 73–78. Thomas Thiemeyer, Geschichte im Museum. Theorie – Praxis – Berufsfelder(Public History – Geschichte in der Praxis), Tübingen 2018. Thiemeyer, Thomas, Geschichtswissenschaft: Das Museum als Quelle, in: Joachim Baur(Hrsg.), Museumsanalyse. Methoden und Konturen eines neuen Forschungsfeldes(Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2010, S. 73–94. Tyradellis, Daniel, Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten, Hamburg 2014. Veen, Hans-Joachim, Der Kommunismus im Museum, in: Volkhard Knigge / Ulrich Mählert (Hrsg.), Der Kommunismus im Museum. Formen der Auseinandersetzung in Deutschland und Ostmitteleuropa, Köln 2005, S. 15–18. Walz, Markus, Begriffsgeschichte, Definition, Kernaufgaben, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 8–14. Walz, Markus, Forschungsgattungen – Forschungsmuseen – Forschung in Museen, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 202–206. Walz, Markus, Grundprobleme der Museumstypologie, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 78–80. Walz, Markus, Metastrukturen und Abgrenzung zu anderen Institutionen: Kultur – Gedächtnis – Kulturerbe – Information und Dokumentation, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 26–32. 112 BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 Walz, Markus, Theorie und Praxis des Sammelns im Museum, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 156–163. Markus Walz, Von der deutschen Vereinigung zur Boomkrise der Gegenwart, in: Markus Walz (Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 69– 75. Warnecke, Jan-Christian, Ausstellen und Ausstellungsplanung, in: Markus Walz(Hrsg.), Handbuch Museum. Geschichte – Aufgaben – Perspektiven, Stuttgart 2016, S. 242–245. Werner, Hendrik, Wie Trier Marx vermarktet, in: Weser Kurier, 30.04.2018, abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-wie-trier-marx-vermarktet-_arid,1725266. html[Stand: 07.11.2020]. Wiede, Wiebke, Rezension zu: Von Trier in die Welt – Karl Marx, seine Ideen und ihre Wirkung, 05.05.2018 Trier, in: H-Soz-Kult, 21.07.2018, abrufbar unter: www.hsozkult.de/ exhibitionreview/id/rezausstellungen-309[Stand: 07.11.2020]. Wittstock, Uwe, Karl Marx beim Barbier. Leben und letzte Reise eines deutschen Revolutionärs, München 2018. KARL MARX IM MUSEUM DER GEGENWART 113 Abbildungsverzeichnis Umschlag Vorderseite: Foto der Fassade des Karl-Marx-Hauses in der Frontansicht, Friedrich-­Ebert-Stiftung /Archiv der sozialen Demokratie. Umschlag Rückseite: Foto der Auftaktinszenierung der 2018 eröffneten Dauerausstellung, Linda Blatzek / Friedrich-Ebert-Stiftung. Abb. 1: Foto der Fassade des Karl-Marx-Hauses in der Frontansicht, Friedrich-Ebert-­ Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 29). Abb. 2: Grundriss der Karl-Marx-Hauses zur Zeit der 1968er Dauerausstellung, Friedrich-­ Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 36). Abb. 3: Foto des Ausstellungsaufbaus im Geburtsalkoven, Friedrich-Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 39). Abb. 4: Ausstellungstafel»Die deutsche Sozialdemokratie« aus der 1983 eröffneten Dauerausstellung, Raum 16, Tafel 14, Friedrich-Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 53). Abb. 5: Foto des Ausstellungsaufbaus in Raum 12 der 2005 eröffneten Dauerausstellung, Friedrich-Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 62). Abb. 6: Foto der Vitrine mit Ausgaben des Kapitals sowie Porträts von Marx und Engels, die sogenannte»Schatzkammeraus der 2005 eröffneten Dauerausstellung, Friedrich-­Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 75). Abb. 7: Foto einer Ausstellungstafel aus Raum 17 der 2005 eröffneten Dauerausstellung mit Friedrich Engels’ Taschenmesser als Exponat in der eingelassenen Vitrine, Friedrich-­Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 76). Abb. 8: Foto des Ausstellungsraums 23 der 2005 eröffneten Dauerausstellung mit der im Boden eingelassenen Weltkarte und mehreren Ausstellungstafeln im Hintergrund, Friedrich-Ebert-Stiftung / Archiv der sozialen Demokratie(S. 82). Abb. 9: Foto der Auftaktinszenierung der 2018 eröffneten Dauerausstellung, Linda Blatzek /  Friedrich-Ebert-Stiftung(S. 86). Abb. 10: Foto der Sanduhrinstallation aus dem Biografieraum der 2018 eröffneten Dauerausstellung, Linda Blatzek / Friedrich-Ebert-Stiftung(S. 88). Abb. 11: Ziegelsteinbüste von Marx auf dem Sockel mit Autoren, aufgestellt in Raum 8 der 2018 eröffneten Dauerausstellung, Foto von Christoph Herkströter(S. 93). Abb. 12: Marx’ Sterbesessel mit Marx-und-Engels-Büste im siebten Raum der 2018 eröffneten Dauerausstellung, Linda Blatzek / Friedrich-Ebert-Stiftung(S. 99). Die Weiterverwendung der Bilder in Printmedien und digitalen Medien ist nur mit Genehmigung der Institutionen gestattet, die sie jeweils zur Verfügung gestellt haben. 114 Danksagung BIBLIOTHEK DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG| BAND 28 An dieser Stelle möchte ich allen Unterstützer_innen und Kolleg_innen danken, die dazu beigetragen haben, dass diese Arbeit nun als Buch vorliegt. Zunächst gebührt Christina Morina und Elisabeth Neu mein Dank, dass sie sich für die Publikation meiner Masterarbeit eingesetzt haben sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung und ihrer Bibliothek für die Aufnahme in die Reihe Veröffentlichungen der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ebenfalls möchte ich Thomas Welskopp nicht nur für sein Vorwort herzlichst danken, sondern auch dafür, dass er die Masterarbeit als Erstgutachter betreute. Diese Studie würde ohne die konstruktiven Gespräche mit ihm – während und auch im Vorfeld des Verfassens – nicht in dieser Form vorliegen. Aus den gleichen Gründen danke ich ebenso Margret Dietzen, die mir während meiner Recherche im Karl-Marx-Haus mit Rat und Tat zur Seite stand sowie allen anderen Mitarbeiter_innen des Hauses. Abseits von den Personen, die unmittelbar in das Verfassen und der Publikation meiner Masterarbeit eingebunden waren, möchte ich jedoch auch den Personen danken, die mich wissenschaftlich geprägt haben: Da ich an dieser Stelle nicht alle Personen aus 7 Jahren an der Universität Bielefeld nennen kann, hebe ich Jürgen Büschenfeld und Claus Kröger heraus, mit denen ich zu meiner großen Freude mehrere Jahre zusammenarbeiten durfte. Ebenso gilt mein Dank auch meinen ehemaligen Tutor_innen-Kolleg_innen Alina Dietrich, Vanessa Neumann und Tim Wagner, mit denen ich auch abseits der Arbeit im regen Austausch stand, der nicht nur erfreulich war, sondern mich nachhaltig geprägt hat. Da eine Masterarbeit den Abschluss des Studiums darstellt, möchte ich mich auch bei all meinen Lehrenden und Kommiliton_innen dafür bedanken, dass ich auf eine sehr schöne Studienzeit zurückblicken kann. Ebenso gilt mein Dank auch meinen Freunden Timo Grothe, Tim Wagner, Sven Wäschen­bach, Alina Dietrich, Kim Schwarze, Vanessa Neumann, Sercan Pehlivan, ­Miriam Kuhrs, Anna Szymendera, Kirsten Krüger und Johanna Bücker, die nicht nur etliche Arbeiten – auch die vorliegende –(teils mehrfach) gegenlasen, sondern mich auch stets durch Höhen und Tiefen begleiteten. Abschließend danke ich auch meiner Familie von Herzen – meinen Eltern Ute und ­Thomas, meinem Bruder Marcus und meinen Großeltern – dafür, dass sie immer für mich da waren, ein offenes Ohr hatten und ohne deren Unterstützung ich womöglich nie hätte studieren und meinem Berufswunsch folgen können.