NEBENEINANDER ODER MITEINANDER? Nachbarschaftlicher Zusammenhalt im Corbusierhaus Berlin Von Jana Faus und Lutz Ickstadt Nebeneinander oder Miteinander? Nachbarschaftlicher Zusammenhalt im Corbusierhaus Berlin Von Jana Faus und Lutz Ickstadt IMPRESSUM: ISBN: 978-3-96250-783-1 HERAUSGEBERIN: Friedrich-Ebert-Stiftung e.V., Forum Berlin Hiroshimastr. 17 · 10785 Berlin www.fes.de/forum-berlin VERANTWORTLICH: Jan Niklas Engels, Forum Berlin AUTOR_INNEN: Jana Faus und Lutz Ickstadt, pollytix strategic research GmbH GESTALTUNG: April-Mediengruppe · Berlin DRUCK: Druckerei Brandt GmbH · Bonn Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung seitens der FES nicht gestattet. © 2020 · Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin · www.fes.de Inhalt Vorwort der Herausgeberin................................................................................................... 7 Einleitung............................................................................................................................ 9 Methodisches Vorgehen....................................................................................................... 10 Theoretischer Hintergrund.................................................................................................... 11 Leben im Corbusierhaus....................................................................................................... 12 Die Bewohner_innen des Corbusierhauses.................................................................... 12 Die unmittelbare Nachbarschaft des Westends.............................................................. 19 Sozialer Zusammenhalt................................................................................................ 21 Veränderungen durch die Coronakrise.......................................................................... 23 Handlungsbedarf für die(Kommunal-)Politik................................................................. 25 Wünsche der Bewohner_innen für das Zusammenleben................................................ 29 Diskussion zur Wiederbelebung des Gemeinschaftswesens................................................... 31 Fazit.................................................................................................................................... 32 Erstens: Gemeinsame Interessen fördern den Zusammenhalt......................................... 32 Zweitens: Es fehlen Begegnungsräume......................................................................... 32 Drittens: Die(Lokal-)Politik erreicht die Menschen vor Ort nicht(mehr).......................... 33 Literaturverzeichnis.............................................................................................................. 34 Abbildungsverzeichnis......................................................................................................... 35 5 Vorwort der Herausgeberin Seit Jahrzehnten beobachten Soziolog_innen eine Ausdifferenzierung der deutschen Gesellschaft und die Auflösung weitgehend homogener Milieus, in denen ähnliche politische Einstellungen vorzufinden sind. Diese gesellschaftliche Ausdifferenzierung hat neben einer sozialen und einer kulturellen auch eine geografische Dimension. Einstellungsunterschiede auf engem Raum bleiben in nationalen Befragungen meist verborgen. Erhebung und Analyse auf lokaler Ebene finden selten statt. Gerade Großstädte bieten sich jedoch dafür an, auf lokaler Ebene politische Einstellungen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu untersuchen. Im nachbarschaftlichen Zusammenleben können sich gesamtgesellschaftliche Problemlagen und Spannungen widerspiegeln. Besonders großstädtischen nachbarschaftlichen Netzwerken wird ein zunehmendes Auseinanderdriften attestiert. Eine Untersuchung dieser Beziehungsgeflechte auf lokaler Ebene soll dabei helfen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf nationaler Ebene besser zu verstehen. Politische Bildungsangebote, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen möchten, müssen konkret auf die Themen und Sorgen der Menschen vor Ort eingehen. Aus Studien, die die deutsche Gesamtbevölkerung betrachten, ergaben sich bisher keine Brückenthemen, die die verschiedenen Einstellungsgruppen zusammenführen könnten. Wie sieht dies auf nachbarschaftlicher Ebene aus? Können hier Themen identifiziert werden, die die Menschen wieder zusammenbringen können? Dass verbindende Elemente notwendig sind, zeigt die aktuelle Entwicklung. Nicht erst seit der Corona-Pandemie steht die parlamentarische Demokratie unter Druck. Rechtspopulistische Bewegungen träumen von einem Systemwechsel. Die Politik der demokratischen Parteien muss sich in Anbetracht dieser Entwicklung mehr denn je den Alltagssorgen der Menschen annehmen, damit sich Politikverdrossenheit nicht in Demokratieabkehr steigert. Somit trägt die vorliegende Studie sowohl zur gemeinwohlorientierten Politikberatung als auch zur Schärfung der eigenen politischen Bildungsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung bei. Als Untersuchungsort dient in dieser Studie das Berliner Corbusierhaus. Es ist eines der bekanntesten Wohngebäude Berlins und als Untersuchungsort gut geeignet, da die sogenannte Wohnmaschine eine abgeschlossene Einheit darstellt, die von ihrem Architekten Le Corbusier als Entwurf zum modernen Leben in einer„Stadt in der Stadt“ entworfen wurde. Besonderer Dank gilt dem Förderverein Corbusierhaus Berlin e.V., der die Befragung vor Ort unterstützt hat. Darüber hinaus danken wir allen Bewohner_innen des Corbusierhauses, die an der Befragung teilgenommen haben, den Teilnehmer_innen des Workshops sowie den Kommunalpolitiker_innen und Interessierten, die sich an der Abschlussveranstaltung beteiligt haben. Jan Niklas Engels Referent Empirische Sozialforschung Forum Berlin Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. 7 Einleitung Dass die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird und die soziale Ungleichheit zunimmt, sind keine neuen Beobachtungen. Krisen wie die aktuelle Corona-Pandemie verschärfen womöglich diese Spaltung noch mehr. Schon heute stellt die gesellschaftliche Fragmentierung in Deutschland eine zunehmende Belastung für die Gesellschaft dar. Umso wichtiger ist es, einen Beitrag zur Überwindung dieser Fragmentierung zu leisten. Daher widmet sich das Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung in einem Arbeitsschwerpunkt Fragen nach gesellschaftlichem Zusammenleben und Zusammenhalt: Wie wollen wir zusammenleben? Was eint uns? Was spaltet uns? 2019 untersuchte pollytix strategic research in einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung, ob es Brückenthemen gibt, durch die sich gesellschaftliche Gräben überwinden lassen(Hartl& Faus 2020). Das Ergebnis ist besorgniserregend: Die Studie zeigt zwar, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen einen stärkeren Zusammenhalt und weniger Polarisierung wünschen, verdeutlicht aber auch, dass zwischen verschiedenen Einstellungsgruppen innerhalb der Gesellschaft keine Übereinkunft besteht, wie das Zusammenleben in Deutschland aussehen soll. Zwar ähneln sich einige Ziele(z.B. Gerechtigkeit oder Sicherheit), doch bestehe keine Einigkeit, was diese genau bedeuten und/ oder wie diese konkret erreicht werden sollen. Oft fehlt ein grundsätzliches Verständnis für die jeweils andere Position. Die zentrale Empfehlung der Studie lautet, einen gesellschaftlichen Diskursraum zu schaffen, um eine gemeinsame Basis oder zumindest- in einem ersten Schritt- eine Offenheit für andere Positionen zu ermöglichen. An diesem Punkt setzt die vorliegende Studie an und möchte den Fragen nach Zusammenleben, Zusammenhalt, Gemeinsamkeiten und Unterschieden diesmal auf kleinerer, lokaler Ebene nachgehen, nämlich im Corbusierhaus, einem Hochhaus im Berliner Ortsteil Westend. Das nach den Plänen des französischen Architekten Le Corbusier entworfene Haus wurde 1958 errichtet und besteht aus 530 Wohnungen auf 17 Stockwerken, verbunden durch 10 Korridore, sogenannte „Straßen“. Zusammen fungieren sie als eigenständige kleine Stadt. Der architektonische Grundgedanke Le Corbusiers stadtplanerischer Visionen sieht in der vertikalen Stadt eine räumliche Trennung von Individuum und Gemeinschaft vor. Die von ihm entworfene, nie realisierte Idealstadt Ville Contemporaire sah eine durch vertikale Bebauung verdichtete Großstadt vor, in der gleichzeitig mehr freie Flächen geschaffen und die Stadtzentren entlastet werden. Auch die von ihm geplanten Großwohnsiedlungen, die Corbusierhäuser, entstanden nach diesem Vorbild als Teil von Le Corbusiers Idealstadt. Neben dem Berliner Corbusierhaus gibt es noch vier weitere dieser Wohneinheiten, alle in Frankreich. Sie richten sich ausschließlich nach Funktionalität. So sind in ihr alle Dinge des täglichen Bedarfs in einer Ladenstraße unter einem Dach mit den Wohnungen integriert und auch Sportstätten, ein Kindergarten und eine Schule direkt im Haus untergebracht und fungieren als „Stadt in der Stadt“. Durch die Planung dieser Wohneinheiten beabsichtigte Le Corbusier außerdem eine Verbesserung des sozialen Wohnungsbaus, um einer breiten Masse eine hohe Wohnqualität zugänglich zu machen. Die Gebäudestruktur sollte die Autonomie der Bewohner_innen sicherstellen und das Gebäude von ihnen selbst verwaltet werden. Durch Standardisierung sollten die Wohnmaschinen im großen Stil reproduzierbar sein und somit ökonomischen Wohnungsbau ermöglichen. In Berlin konnte Le Corbusier diese Vision allerdings nur bedingt umsetzen, da Vorgaben ihn zur Änderung seiner Pläne zwang. Andere Corbusierhäuser nutzen z.B. das Dach als Gemeinschaftsfläche, was in Berlin aufgrund baulicher Vorschriften jedoch nicht erlaubt war. Da seine architektonischen Vorstellungen nicht realisiert werden konnten zog sich Le Corbusier schlussendlich enttäuscht aus dem Bauprojekt zurück. Häufig wurde Le Corbusiers Vision der Wohneinheiten als seiner Zeit voraus beschrieben – und sie ist es wohl auch heute noch. 9 Ursprünglich zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus errichtet, hat sich die Sozialstruktur der Bewohner_innen des Corbusierhauses mittlerweile stark verändert. Die Sozialbindung wurde aufgehoben und das Gebäude 1979 an eine private Immobilienfirma verkauft. Heute leben dort nur noch wenige Familien mit Kindern, alle Wohneinheiten wurden mittlerweile in Eigentumswohnungen umgewandelt. Anstelle von Bewohner_innen mit Wohnberechtigungsschein ist eine eher gut-bürgerliche Bewohner_ innenschaft getreten. In Anbetracht der soziostrukturellen Veränderungen der Bewohner_innen, der Konzeption des Corbusierhauses als vertikale Stadt, der klar umrissenen Wohnsituation sowie dem räumlichen Kontrast zu den umliegenden Wohnsiedlungen ist die Wohnmaschine im Westend ein besonders interessanter Ort, um Zusammenleben und sozialen Zusammenhalt auf lokaler Ebene zu untersuchen. Methodisches Vorgehen Um die Situation im Corbusierhaus zu untersuchen, wurde eine quantitative Online-Befragung der Bewohner_innen zwischen dem 24. August und dem 16. September 2020 durchgeführt. Um möglichst alle Bewohner_innen des Corbusierhauses für die Online-Befragung zu gewinnen, bekam jede_r Bewohner_in eine persönliche Einladung per Brief. Das gesamte Material wurde zweisprachig(Deutsch und Englisch) verfasst, um auch die internationale Bewohner_innenschaft des Corbusierhauses anzusprechen. Am ersten Tag der Erhebung waren außerdem zwei Mitarbeiter_innen von pollytix vor Ort, die Flyer an Bewohner_innen verteilten und Interessierten die Hintergründe der Studie erklärten. Damit auch Interessierte ohne Internetzugang an der Befragung teilnehmen konnten, wurden alle im Telefonbuch eingetragenen Bewohner_innen zusätzlich angerufen und erhielten die Möglichkeit, die Befragung telefonisch durchzuführen. Die Grundgesamtheit der Personenstichprobe beträgt n=97 Befragte, hiervon entfielen 93 Interviews auf selbst durchgeführte Online-Interviews und 4 auf die telefonische Variante. Die durchschnittliche Befragungsdauer lag bei 16 Minuten. Da die sozio-demografische Zusammensetzung der Grundgesamtheit(gemeint ist die gesamte Bewohner_innenschaft des Corbusierhauses) allerdings unbekannt ist, können weder Aussagen zur Repräsentativität der Ergebnisse für alle Bewohner_innen des Hauses, noch zur Stichprobenqualität getroffen werden. Im Anschluss an die quantitative Befragung wurde am 27. September 2020 ein Online-Workshop mit acht Teilnehmer_innen durchgeführt, die aus der quantitativen Befragung heraus rekrutiert wurden. Hierzu wurde am Ende der Befragung das Interesse abgefragt, bei dem Workshop mitzuwirken. Die acht Teilnehmer_innen wurden unter allen Interessierten zufällig ausgewählt. Der Workshop diente dazu, mit Bewohner_innen ins Gespräch zu kommen, um so die Ergebnisse aus der quantitativen Befragung besser einordnen zu können und gemeinsam Handlungsbedarfe für die(Kommunal-) Politik abzuleiten. Am 25. Oktober wurden bei einer Abschlussveranstaltung die Ergebnisse der quantitativen Befragung und die Implikationen, die während des Workshops erarbeitet wurden, vorgestellt. Eingeladen waren alle Bewohner_innen des Corbusierhauses sowie interessierte Nachbar_innen aus dem Westend und kommunal tätige Politiker_innen. Die Veranstaltung fand aufgrund der Covid-19-Pandemie digital statt. 10 Theoretischer Hintergrund Wie sich Zusammenleben und sozialer Zusammenhalt auf kleinster lokaler Ebene gestalten, untersuchen stadtsoziologische Ansätze im Rahmen der Nachbarschaftsforschung. Die meist zitierte Definition von Nachbarschaft in der deutschsprachigen Literatur stammt aus den siebziger Jahren von Bernhard Hamm. Als Nachbarschaft definiert er eine„soziale Gruppe, deren Mitglieder primär wegen der Gemeinsamkeit des Wohnortes miteinander interagieren“(Hamm 1973, S.18). Nachbarschaftliche Verbundenheit und räumliche Bindung bedingen sich demnach gegenseitig: Wer nachbarschaftliche Kontakte hat, ist auch eher mit dem eigenen Wohnort verbunden. In der Nachbarschaft treffen wir auch unvermittelt auf unsere Mitmenschen, ohne sie uns gezielt ausgesucht zu haben. Durch die räumliche Nähe entstehen Begegnungen mit anderen Lebenswelten als der eigenen. Diese Kontakte können es uns ermöglichen, über gesellschaftliche Spaltungen hinweg zu helfen, indem wir andere Ansichten kennenlernen(Aiello et al. 1999). Mittlerweile gilt der exklusive Fokus auf den räumlichen Aspekt von Nachbarschaft als überholt(Schnur 2018). Neuere Studien haben gezeigt, dass das Konzept der räumlichen Nähe zur Erklärung der Entstehung von nachbarschaftlichen Netzwerken zu kurz greift. So sei räumliche Nähe mittlerweile zwar noch eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung für Nachbarschaft, welche immer auch soziale Interaktion voraussetze(Fellinger 2020; Häußermann& Siebel 2004). Darüber hinaus gibt es Unterschiede in der Intensität der nachbarschaftlichen Kontakte, insbesondere wird immer wieder auf Diskrepanzen zwischen ländlichen und städtischen Regionen hingewiesen. Dabei sind Städte meist von einer größeren Distanz und Anonymität von Nachbar_innen untereinander geprägt, während Dorfgemeinschaften eher für enge Nachbarschaftsbeziehungen stehen. Das liegt jedoch nicht an einer generellen Distanziertheit von Großstadtbewohner_innen, sondern daran, dass sich das engere soziale Netzwerk von Stadtbewohner_innen meist über die ganze Stadt verteilt und nachbarschaftliche Kontakte vor Ort eher locker sind(Siebel 2009). Gerade schwache soziale Verbindungen(sogenannte weak social ties) sind bedeutsam für das Entstehen eines Nachbarschaftsgefühls, da sie Anonymität verringern. Im Kontext von Nachbarschaftlichkeit umfassen diese weak social ties eher subtile Kommunikation, zum Beispiel das Grüßen von Nachbar_ innen oder dass man Nachbar_innen vom Sehen kennt, ohne regelmäßige Gespräche oder engeren Kontakt zu ihnen zu pflegen(Skjaeveland, Gärling& Maeland 1996). Theoretisch wissen wir also, was es braucht, damit Zusammenhalt auf lokaler Ebene entsteht. Wie sich Zusammenhalt und Zusammenleben konkret vor Ort gestaltet, untersuchen wir nun anhand des Corbusierhauses. Das Corbusierhaus als„Stadt in der Stadt“ bietet einen interessanten Untersuchungsort, um nachbarschaftliche Beziehungen und sozialen Zusammenhalt zu untersuchen. Indem wir auf lokaler Ebene verstehen, wie Zusammenhalt entsteht, können wir auch Lehren für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ziehen. In der Befragung wurde Nachbarschaft eng definiert, um so den Zusammenhalt und die Verbundenheit der Menschen innerhalb des Corbusierhauses zu analysieren. Nachbar_innen umfassten in diesem Kontext demnach alle Bewohner_innen des Corbusierhauses. In Fragen, die auf die Haltung der Bewohner_innen des Corbusierhauses zum Stadtteil Westend abzielten, wurde hingegen nach der unmittelbaren Nachbarschaft gefragt. Neben räumlicher Nähe haben viele Studien die Homogenität der Nachbar_innen in ihrem sozialen Status, ihrer finanziellen Lage und ihren(politischen) Ansichten als Grundlage für tiefergreifende soziale Kontakte in Nachbarschaften identifiziert(Häußermann& Siebel 2004; Festinger, Schachter& Back 1950).„Je ähnlicher sich zwei Personen in Ihren Verhaltensmustern sind, desto eher werden sie auch 11 bei räumlicher Nähe interagieren“(Friedrichs 1983, S.250). Ähnliche Lebensstile und Verhaltensmuster fördern dabei die Interaktion bei räumlicher Nähe. Auch gemeinschaftliche, nachbarschaftliche Belange können als Anknüpfungspunkte für Interaktion dienen und Kontakte befördern. Gleichzeitig kann zu viel Nähe und Kontakt zu den eigenen Nachbar_innen auch als negativ empfunden werden, da sie soziale Kontrolle hervorbringen kann. Aus diesen Gründen bevorzugen viele Menschen stattdessen eher, die Distanz zu ihren Nachbar_innen zu wahren und Gespräche über konfliktreiche Themen zu meiden (Friedrichs 1983, S.250). Dennoch sei auch eine sehr homogene Nachbarschaft mit Gefahren für die Gesellschaft verbunden: Die zunehmende Fragmentierung insbesondere verschiedener sozialer Schichten führe demnach zu Segregation und verstärke soziale Ungleichheit(Bukow 2012; Baumgärtner 2013; Häußermann 2003). So würde die Benachteiligung sozial schwächerer Schichten weiter zunehmen, da diese in ihrem homogenen Nachbarschaftsumfeld auf weniger Hilfe und gegenseitige Unterstützung zurückgreifen könnten, wodurch die Ausbildung eines Gemeinschaftsgefühls gehemmt werde(Reutlinger, Stiehler& Lingg 2015). Ausgeprägte Nachbarschaftsnetzwerke seien demnach vor allem in besser situierten, sozial homogenen Wohngegenden vorhanden. Gleichzeitig wird aber argumentiert, dass Bewohner_innen heterogener Nachbarschaften einen breiteren Zugang zu vielfältigeren Ressourcen haben also solche, die in homogenen Nachbarschaften leben. Aus stadtplanerischer Perspektive ist es besonders wichtig, alltägliche und ungezwungene Kontakte zu Nachbar_innen zu begünstigen. In der Literatur wird die Bedeutung von gemeinsamen Treffpunkten als Entstehungsorte sozialer Beziehungen hervorgehoben. So sei beispielsweise bereits das Aufeinandertreffen im lokalen Supermarkt, dem Spielplatz oder beim Gassi gehen mit dem Hund eine gute Grundlage für Interaktion, wohingegen die eigene Wohnung aus Sicht vieler Menschen privat bleiben solle und als individueller Rückzugsort diene(Flade 2020; Schnur 2018). Diese theoretischen Hintergründe aus der Nachbarschaftsforschung unterstreichen die Bedeutsamkeit von Nachbarschaftlichkeit auf individueller und gesamtgesellschaftlicher Ebene. In der Theorie bietet die Nachbarschaft einen Begegnungsraum, an dem wir auf andere Ansichten, Lebensweisen und Einstellungen treffen können. Hier ist die Möglichkeit, abweichenden Ansichten aus dem Weg zu gehen, zumindest durch die räumliche Nähe und daraus enstehenden Interaktionen, eingeschränkt. Doch wie gestaltet sich die Nachbarschaft im Corbusierhaus, wie zufrieden sind die Bewohner_innen vor Ort, sind sie politisch gespalten oder eher homogen in ihren Einstellungen? Und welche Lehren können daraus für das gesamtgesellschaftliche Zusammenleben gezogen werden? Leben im Corbusierhaus Die Bewohner_innen des Corbusierhauses Die Bewohner_innen des Corbusierhauses sind sich in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Sie sind sehr zufrieden mit ihrem Wohnort, stehen der Nachbarschaft überwiegend positiv gegenüber und teilen dieselben politischen Überzeugungen und Werte. Grundsätzlich leben fast alle Befragten gerne im Corbusierhaus: 91% beantworten die Frage, ob sie gerne im Corbusierhaus leben, mit Ja. 12 Abbildung 1: Leben Sie gerne im Corbusierhaus? Die Bewohner_innen des Corbusierhauses beschreiben sich hauptsächlich mit positiven Attributen. Im Vergleich zu anderen Wohneinheiten seien sie vor allem freundlicher, gemeinschaftlicher und entspannter. Außerdem wird ein verbindendes Element deutlich, welches es wohl in den wenigsten Nachbarschaften gibt: das Bewusstsein für Architektur. Abbildung 2: Im Vergleich zu anderen Wohnkomplexen sind wir im Corbusierhaus viel... Im Workshop äußern sich alle Teilnehmer_innen sehr positiv über die Wohnqualität im Gebäude, die sich maßgeblich aus der Architektur und der Funktionalität der Wohnungen ergebe. Das Corbusierhaus bilde ein„kleines Abbild einer großen Stadt“. Alle Teilnehmer_innen bekräftigten, sie würden am liebsten nie wieder aus dem Corbusierhaus ausziehen. Die Lage, die unmittelbare Nähe zum Grunewald und die Aussicht, die die Bewohner_innen von ihren Loggien aus genießen, wird von ihnen als Privileg in einer Stadt wie Berlin angesehen. 13 Viele der Bewohner_innen sind architekturbegeistert und fühlen sich durch die architektonischen Besonderheiten stark mit dem Haus verbunden. Einige Eigentümer_innen nutzen ihre Wohnung im Corbusierhaus zwar lediglich als Zweit- bzw. Nebenwohnung, wollen aber so ihre Verbindung zur Architektur Le Corbusiers zum Ausdruck bringen. Das verbindende Element Architektur lässt andere Unterschiede zwischen den Nachbar_innen hinsichtlich des Alters, der Arbeit oder des Lebensentwurfs nachrangig erscheinen. » Wir sind komplett begeisterte Corbusianer, sind Architekturfreaks. Interessieren uns sehr für Mid-Century Architektur, zu der das Gebäude ja eindeutig gehört.(…) Wir sind seit vielen Jahren sehr begeistert von dem Konzept und können eigentlich nicht nachvollziehen, dass nicht mehr und mehr dieses Konzept wiederbelebt wird und nochmal nachgebaut wird in verschiedener Art und Weise. Weil es ist, wie wir finden, sehr lebenswert und sehr modern, die Wohnqualität in dem Gebäude ist fantastisch.« (Workshop-Teilnehmer) Wie ähnlich sind sich die Bewohner_innen aber hinsichtlich ihrer politischen Einstellungen? Um diese Frage beantworten zu können, wurde eine Segmentierung der Bewohner_innen vorgenommen. Die verwendete Einstellungsgruppierung basiert auf der Studie Kartografie der politischen Landschaft in Deutschland(Faus, Faus& Gloger 2016). Diese Gruppierung bzw. Segmentierung verläuft entlang der Spaltungslinie national orientiert versus weltoffen orientiert. Auf der einen Seite der Spaltungslinie stehen Menschen, die sich durch Globalisierung, Migration und Digitalisierung bedroht fühlen, auf der anderen Seite stehen Menschen, die glauben, von der Globalisierung und Digitalisierung eher zu profitieren und weltoffen gegenüber Migration sind. Die Unterteilung der Befragten findet anhand ihrer politischen Einstellungen statt und resultiert letztlich in der Zuordnung in die drei Segmente: national Orientierte, bewegliche Mitte und weltoffen Orientierte. Die Verdichtung auf die genannten drei Segmente wurde erstmalig in der Studie Das pragmatische Einwanderungsland(Faus& Storks 2019) vorgenommen. Dies geschah mithilfe von Korrelationsund Faktorenanalyse, sodass letztlich vier Einstellungsfragen 1 identifiziert wurden, mithilfe derer die Segmentierung erfolgte. In der bereits in der Einleitung erwähnten Studie Auf der Suche nach dem verlorenen Dialog(Hartl& Faus 2020) wurde die Segmentierung bereits erfolgreich repliziert, um Fokusgruppen-Teilnehmer_innen entlang der Segmente zu rekrutieren. Für die Bewohner_innen des Corbusierhauses wurde die Segmentierung analog vorgenommen. Ziel ist es, auf diese Weise den Grad der Homogenität bzw. Heterogenität zu ermitteln. 1 Die vier Items wurden(zum Teil umgepolt) zur Bildung einer Skala in Form eines Mittelwertindex genutzt: (1)„Deutschland und die anderen EU-Länder sollten wieder mehr Entscheidungen alleine treffen dürfen“, (2)„Die Mitgliedschaft in der EU bringt Deutschland mehr Vorteile als Nachteile“, (3)„Statt auf das große Ganze zu schauen, wird sich in Deutschland zu viel um Minderheiten gekümmert“, (4)„Durch die vielen Ausländer fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“. 14 Es zeigt sich bei der Befragung, dass die Bewohner_innen des Corbusierhauses – entgegen der eigenen Wahrnehmung(siehe Abbildung 2) – politisch sehr homogen sind. 70% werden der weltoffenen Gruppe zugeordnet. In der deutschen Bevölkerung gehören üblicherweise ca. 50% zur beweglichen Mitte und jeweils ca. 25% zur Gruppe der national Orientierten bzw. weltoffenen Orientierten(Faus& Storks 2019). Abbildung 3: Politische Orientierung im Corbusierhaus Bei dieser homogenen Einstellungsverteilung verwundert es wenig, dass die Bewohner_innen eher keinen Streit wegen Politik befürchten. Mehrheitlich lehnen sie die Aussage ab, dass sie es vermeiden, mit Nachbar_innen über Politik zu sprechen, um nicht in Streit zu geraten. Dies deckt sich auch mit Erkenntnissen aus der soziologischen Forschung zu Nachbarschaften, laut denen heterogene Ansichten Nachbarschaftskonflikte fördern können. Konfliktreiche Themen werden dann eher vermieden, da diese schnell zur Belastung werden, wenn man sich am eigenen Wohnort schwer aus dem Weg gehen kann (Häußermann& Siebel 2004). Abbildung 4: Inwiefern stimmen Sie der folgenden Aussage zu? 15 Bei einer solch homogenen Nachbarschaft, die zudem auf engstem Raum innerhalb einer vertikalen Stadt zusammenwohnt, liegt die Vermutung nahe, dass die Bewohner_innen gut untereinander vernetzt sind und regelmäßig Kontakt miteinander haben. Oder anders formuliert: dass sich strong social ties unter den Bewohner_innen entwickelt haben. Es zeigt sich jedoch, dass 10% der Bewohner_innen des Corbusierhauses niemanden im Haus mit dem Vornamen kennen, 45% weniger als 5 ihrer Nachbar_innen, 54% mindestens 5. 57% haben maximal einmal in der Woche Kontakt zu den Nachbar_innen, der über ein kurzes Hallo hinausgeht 37% der Befragten mindestens einmal in der Woche und nur 5% der Befragten haben täglichen Kontakt zu ihren Nachbar_innen. Abbildung 5: Wie viele Ihrer Nachbarn im Corbusierhaus kennen Sie mit Vornamen? Abbildung 6: Wie oft haben Sie mit Ihren Nachbarn im Corbusierhaus Kontakt, der über ein kurzes Hallo hinausgeht? Ähnliches zeigt sich auch in der Frage, ob man Nachbar_innen im Corbusierhaus hat, die einem in einem dringenden Notfall 1.000 Euro leihen würden. Nur ca. jede_r Dritte bejaht die Frage. In repräsentativen Befragungen für die deutsche Gesamtbevölkerung stimmen der Frage, ob sie Freunde oder Bekannte haben, die ihnen in einem dringenden Notfall 1.000 Euro leihen würden, ca. drei Viertel der Bürger_innen zu(Arant, Dragolov& Boehnke 2017). Im Vergleich ist dies demnach ein sehr geringer Wert. Dass sich die Corbusianer_innen untereinander eher nicht 1.000 Euro leihen würden, kann an verschiedenen Gründen liegen. Erstens könnte es daran liegen, dass sich die Frage für den Großteil der Bewohner_innen gar nicht stellt, da sie genügend finanziellen Spielraum haben. Zweitens könnten die Bewohner_innen andere Mittel und Wege haben, sich 1.000 Euro zu leihen anstatt ihre Nachbar_innen um Hilfe zu fragen. Und drittens, könnte es daran liegen, dass sie ihre Nachbar_innen schlicht nicht gut genug kennen und keine starken sozialen Verbindungen zu ihnen aufgebaut haben, um nach 1.000 Euro zu fragen. Da es sich bei den Bewohner_innen des Corbusierhauses eher um eine wohlsituierte Bewohner_innenschaft handelt, sollten sie eher in der Lage sein, 1.000 Euro im Notfall verleihen zu können. Daher scheint es plausibel anzunehmen, dass die nachbarschaftlichen Beziehungen innerhalb des Corbusierhauses bisher hauptsächlich auf weak social ties beruhen. Um einer Person 1.000 Euro zu leihen, genügen diese losen Beziehungen nicht. Vielmehr braucht es dafür stärkere Bindungen, wie sie üblicherweise unter Freund_innen und Verwandten zu finden sind. 16 Abbildung 7: Haben Sie Nachbarn im Corbusierhaus, die Ihnen im dringenden Notfall 1.000 Euro leihen würden? Einige Bewohner_innen des Corbusierhauses streben engere soziale Kontakte zu ihren Nachbar_innen nicht an. So schätzen sie die Individualität und Privatheit innerhalb der Gemeinschaft sehr, die ja auch von Le Corbusier so intendiert gewesen sei, erklären Workshop-Teilnehmer_innen. Auf den Balkonen können sich die Bewohner_innen aufgrund der Bauweise nicht sehen. Selbst im Flur wird man nicht von Nachbar_innen„belästigt“, da es klare Regeln gibt, die jegliche Individualisierung des Wohnungseingangsbereichs oder Schuhregale vor der Wohnungstür verbieten. Diese Regeln und ihre strikte Durchsetzung werden von den meisten Bewohner_innen begrüßt. Andere argumentieren, dass diese Individualität Gemeinschaft nicht zwangsweise ausschließen müsse. Man sehe sich auf den Straßen und in den Aufzügen, wodurch man sich vom Sehen kenne. Das ist allerdings nicht ausreichend für ein ausgeprägtes gemeinschaftliches Leben innerhalb des Corbusierhauses. Viele Workshop-Teilnehmer_innen betonen, dass sie sich mehr Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten wünschen, um in Kontakt mit den anderen Bewohner_innen zu kommen – ohne aber dabei ihre Individualität aufgeben zu müssen. »[Was] Corbusier wirklich genial geschafft hat: Dieses Ineinander von Individualität, dass du deinen Raum hast, dass dir keiner reinguckt, und gleichzeitig bist du in einer Gemeinschaft.« (Workshop-Teilnehmer) » Wir sind Corbusianer, aber wir wollen mit unseren Nachbarn nichts zu tun haben.« (Workshop-Teilnehmer) 17 » Im Corbusierhaus finde ich es so toll, wie das Verhältnis von Privatheit und Gemeinschaft ist(…): Ich fühle mich hier geborgen und ich sehe immer Menschen, das ist einfach schön, wenn man im Aufzug Leuten begegnet, die sich grüßen und es gibt einen sozialen Zusammenhalt, der aber nicht auf eine soziale Kontrolle hinausläuft.« (Workshop-Teilnehmerin) Eine Besonderheit in der Wohnmaschine stellt der Förderverein des Corbusierhauses dar. Es gibt eine Gemeinschaftswohnung, die für diverse Veranstaltungen genutzt werden kann. Der Förderverein bietet diverse Angebote, wie z.B. Yoga-Kurse, an, allerdings scheint die Hürde für neue Bewohner_innen groß zu sein, sich verbindlich für Veranstaltungen anzumelden. Ein niedrigschwelliges Angebot könnte helfen, damit die Bewohner_innen untereinander in Kontakt kommen können und sich später auch für umfassendere Angebote anmelden. Durch die aktuelle Corona-Pandemie werden diese Vorhaben jedoch zunehmend unmöglich. Dass eine Mehrheit der Bewohner_innen großen Wert auf die Privatheit legt, zeigt sich auch in der Befragung. 53% der Bewohner_innen stimmen der Aussage zu, dass man zwar unter einem Dach wohnt, man aber eher für sich bleibt. Dahingegen stimmen nur 41% der Aussage zu, dass man im Corbusierhaus miteinander und nicht nur nebeneinander lebt. Abbildung 8: Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie jeweils eher zu? 18 Die unmittelbare Nachbarschaft des Westends Die Bewohner_innen sind sich also sehr ähnlich und größere Konflikte aufgrund von Meinungsunterschieden müssen innerhalb des Hauses nicht überwunden werden. Sie haben eher losen Kontakt untereinander und schätzen ihre Individualität bzw. Privatheit innerhalb der Gemeinschaft sehr. Obwohl die Bewohner_innen des Corbusierhauses nur wenig Kontakt und weak social ties haben, sehen sie sich selbst als„Corbusianer_innen“ und definieren sich damit als abgrenzbare soziale Gruppe. Wie sieht es im Kiez der Bewohner_innen aus? Wie ist das Verhältnis zu den Nachbar_innen in der unmittelbaren Nachbarschaft: im Westend? Das Corbusierhaus wird als abgeschlossener Ortsteil gesehen, der nicht stark mit dem Westend verbunden ist. Die Workshop-Teilnehmer_innen beschreiben ihr Haus als eine„Burg“, die über dem Westend thront. Abbildung 9: Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie jeweils eher zu? » Es steht mittendrin, aber irgendwie doch abseits. Allein schon die Zufahrt, man muss da ja regelrecht reinfinden, das macht auch nicht jeder. Und ich erlebe das Westend als sehr locker gegliedert. (…) So ist eben hier die Nachbarschaft: weitläufig, grün, eher gesetzt. Hier ist nicht so viel in Bewegung wie in anderen Stadtteilen.« (Workshop-Teilnehmer) 19 » Wir sind ja tatsächlich eine Art Burg, die auf dieser Düne über diesem Viertel thront. Und den Sonnenuntergang verkürzt für dieses Viertel. Also es ist tatsächlich so ein gewisser Abstand. Den empfinde ich zumindest.« (Workshop-Teilnehmer) Diese Empfindung, dass die Bewohner_innen räumlich stark vom Westend abgegrenzt sind, überträgt sich auch auf ihre Identität. Die Bewohner_innen sprechen von sich als„Corbusianer_innen“, obwohl sie eigentlich keine strong social ties untereinander haben(siehe letztes Unterkapitel). Diese gemeinsame Identität wird auch damit begründet, dass man anders als die Nachbar_innen aus dem Westend sei. Dass sich soziale Gruppen in Abgrenzung zu anderen Gruppen definieren, ist ein bekanntes Muster. Geht man auf das Konzept von Tajifel und Turner(1986) ein, ist dies ein typisches Anzeichen für die Bildung sogenannter In- und Out-Groups. Demnach würden bereits minimale gemeinsame Merkmale zur Bildung einer Gruppenidentität reichen. Die eigene soziale Gruppe werde in der Selbstwahrnehmung positiv eingestuft und immer in Abgrenzung zur Out-Group definiert. Oftmals sei dies mit einer Überhöhung der eigenen Gruppe und einer Herabstufung der Out-Group verbunden. Im Gespräch mit den Teilnehmer_innen des Workshops wurde betont, dass diese Abgrenzung, neben den fehlenden Berührungspunkten mit den Nachbar_innen aus dem Westend, auch historisch begründet ist. Schon in der Planungsphase und während des Baus des Corbusierhauses hatte es großen Widerstand gegeben. In der Villengegend rund um das Baugelände gab es Proteste gegen den Bau, da das Corbusierhaus den Anwohner_innen das Sonnenlicht nehme und schlicht nicht in die Gegend passe. Mit Botschaften wie„Das Hochhaus muss woanders hin! Hier stört es unseren Schönheitssinn“ setzten sich Bewohner_innen aus dem Westend gegen Le Corbusier und seine Wohnmaschine zur Wehr. Heute leben nur noch wenige Bewohner_innen der ersten Stunde im Corbusierhaus. Und auch wenn diese zurückliegenden Streitigkeiten heute längst überwunden sein dürften, ist dieser – vermeintliche – Konflikt für die Corbusianer_innen auch heute noch präsent. Der Konflikt beeinflusst das Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe der Corbusianer_innen und trägt zur Abgrenzung gegenüber dem Westend bei. Diese Distanz der Corbusianer_innen zu anderen sozialen Gruppen zeigt sich auch in Verbundenheitsund Vertrauensfragen. Nach der allgemeinen Verbundenheit gefragt zeigt sich, dass die Bewohner_innen des Corbusierhauses sich am stärksten mit Europa verbunden fühlen. Da das Corbusierhaus eine internationale Bewohner_innenschaft hat, die sich teils stärker mit anderen europäischen Corbusianer_innen verbunden fühlt, ist es wenig verwunderlich, dass Berlin und Deutschland lediglich auf Platz 2 und 3 rangieren. Verglichen mit den Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften(ALLBUS) ist die Anordnung nahezu invers. Hier geben 83% an, sehr oder ziemlich stark mit Deutschland verbunden zu sein, 68% mit der eigenen Gemeinde und nur 54% geben an, sehr oder ziemlich stark mit Europa verbunden zu sein(GESIS 2019). Die Distanz zu den Bewohner_innen des Westends fällt mit 77%, die sich weniger oder überhaupt nicht stark mit den Nachbar_innen verbunden fühlen, sehr hoch aus. Und nur ca. ein Fünftel der Befragten fühlt sich sehr oder eher stark mit den Nachbar_innen im Westend verbunden. Da es auch hier an Begegnungsräume mangelt, ist es wenig erstaunlich, dass keine starke Verbundenheit entsteht. Im Corbusierhaus selbst ist es immerhin eine knappe Mehrheit von 51% der Befragten, die sich sehr oder eher stark mit den Nachbar_innen verbunden fühlen. Das Corbusierhaus und seine Bewohner_innen stellen – wie es eine Teilnehmerin passend formuliert hat – ein Ufo in der umliegenden Nachbarschaft des Westends dar. 20 Abbildung 10: Wie stark fühlen Sie sich verbunden mit...? Sozialer Zusammenhalt Was heißt das alles nun für den sozialen Zusammenhalt vor Ort und darüber hinaus? Obwohl die Verbundenheit im Corbusierhaus nicht besonders hoch ausfällt, bewerten 84% der Befragten den Zusammenhalt im Haus mit sehr oder eher gut. Der gesellschaftliche Zusammenhalt scheint auf der kleinsten, lokalen Ebene der Nachbarschaft im eigenen Haus also gut zu funktionieren, die weak social ties genügen, um ein Zusammengehörigkeitsgefühl entstehen zu lassen. Der Zusammenhalt in der unmittelbaren Nachbarschaft ist hingegen bereits deutlich schwächer. Lediglich 49% bewerten den Zusammenhalt hier mit sehr oder eher gut. Deutschland und Europa folgen mit 47% und 32%. Die Bewohner_innen des Corbusierhauses fühlen sich demnach zwar stärker mit Europa verbunden, bewerten den Zusammenhalt aber wesentlich schwächer. Auf ihr erweitertes nachbarschaftliches Umfeld angesprochen, geben die Bewohner_innen eine schlechtere Bewertung des sozialen Zusammenhalts an. Die unmittelbare Nachbarschaft im Westend ist vor allem durch Einfamilienhäuser geprägt und vermutlich auch politisch weiter entfernt von den Corbusianer_innen, wenn man die sozio-demografische Verteilung und das Wahlverhalten auf der lokalen Ebene anschaut. Zudem weicht die bereits angesprochene bundesweite Verteilung auf die verschiedenen Einstellungssegmente deutlich von der im Corbusierhaus ab. Bundesweit werden lediglich ein Viertel der Bürger_innen der weltoffen orientierten Gruppe zugeordnet, während es innerhalb des Corbusierhauses 70% sind. Heterogenere Gruppen gehen offenbar mit einer schlechteren Bewertung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einher. Das Ufo Wohnmaschine stellt somit seine eigene kleine „Filterblase“ innerhalb des Westends dar. 21 Abbildung 11: Wie schätzen Sie aktuell den Zusammenhalt … ein? Ein sehr ähnliches Muster zeigt sich auch beim Vertrauen in die Mitmenschen. Das Vertrauen gegenüber den Nachbar_innen im Corbusierhaus fällt eher hoch aus. Nachbar_innen aus der unmittelbaren Nachbarschaft und Menschen allgemein trauen die Bewohner_innen hingegen eher weniger. Einerseits könnten hierfür ebenfalls die(politischen) Einstellungsunterschiede zwischen den Bewohner_innen des Westends und den Corbusianer_innen verantwortlich sein. Andererseits kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Bewohner_innen des Westends und die Corbusianer_innen schlicht nicht in Kontakt miteinander kommen und daher gar keine Möglichkeit besteht, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Abbildung 12: Wie sehr vertrauen Sie …? 22 Veränderungen durch die Coronakrise Krisen, wie die aktuelle Coronakrise, können immer auch Katalysatoren für eine schnelle Veränderung sein. Häufig wird argumentiert, dass durch Krisen die Bevölkerung zusammenwächst, um sich gemeinsam gegen den externen Schock zu wehren. So wurde bereits die nachbarschaftsstiftende Rolle von Naturkatastrophen beschrieben: Ein gemeinsames Interesse und gemeinsame Aufgaben fördern das Handeln im Kollektiv(Häußermann& Siebel 2004). Lässt sich das auch bei der Coronakrise beobachten? Welche Auswirkungen hatte die aktuelle Corona­ krise auf die wahrgenommene Entwicklung vor Ort? Abbildung 13: Würden Sie sagen, dass sich die Dinge im Corbusierhaus ganz allgemein eher in die richtige Richtung oder eher in die falsche Richtung entwickeln? Insgesamt blicken die Bewohner_innen trotz der aktuellen Corona-Pandemie optimistisch in die Zukunft: 62% der Befragten stimmen der Aussage zu, dass sich die Dinge ganz allgemein eher in die richtige Richtung entwickeln. Abbildung 14: Hat sich der Zusammenhalt Ihrer Meinung nach... in den letzten Jahren verbessert, verschlechtert oder nicht verändert? 23 Die Entwicklung des Zusammenhalts wird entgegen der optimistischen Bewertung der allgemeinen Lage eher neutral gesehen. Ein genauerer Blick auf die Entwicklung vor Ort zeigt, dass die Bewohner_innen sowohl den Zusammenhalt im Corbusierhaus als auch in der unmittelbaren Nachbarschaft in den letzten Jahren als überwiegend konstant bewerten. Für Deutschland und Europa sehen jeweils eine Mehrheit von 58% bzw. 60% der Befragten einen rückläufigen Trend, der vermutlich durch die zunehmende Fragmentierung oder Polarisierung begünstigt wird. Abbildung 15: Und wie hat sich der Zusammenhalt Ihrer Meinung nach im Corbusierhaus während der Corona-Pandemie verändert? Hat er sich verbessert, verschlechtert oder nicht verändert? Gezielt auf die derzeitige Coronakrise angesprochen, lässt sich bei den Bewohner_innen beobachten, dass sich der Zusammenhalt zumindest innerhalb des Corbusierhauses eher verbessert als verschlechtert hat. Allerdings sieht auch hier die Mehrheit von 46% der Befragten weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung. Im Hinblick auf die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts lässt sich im Corbusierhaus also nicht derselbe„Corona-Effekt“ beobachten, wie ihn andere Studien derzeit beschreiben. Dies könnte daran liegen, dass die Bewohner_innen des Corbusierhauses(bisher) nicht besonders stark von der Coronakrise getroffen wurden. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung stellt fest, dass während der ersten Pandemie-Welle im Frühjahr deutlich weniger Menschen der Auffassung waren, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland gefährdet sei. Während im Februar 2020 noch 46% der Befragten angaben, sie sehen eine Gefährdung des Zusammenhalts, sank der Wert auf 40% im März und 36% im Juni(Brand, Follmer& Unzicker, 2020). Auch im Kontext von Nachbarschaftlichkeit lassen sich Auswirkungen der Pandemie beobachten: Während die Corona-bedingten Einschränkungen das öffentliche Leben lahmlegten, nahm gleichzeitig auf Quartiersebene die Solidarität und der Austausch untereinander im Vergleich zu vor der Krise zu (Schnur 2020). Hier entfaltete sich die oben genannte nachbarschaftsstiftende Rolle in Krisen. Konkret äußert sich dies, indem Nachbarschaftshilfen eingerichtet wurden und verstärkt auf das Unterstützungsnetz in unmittelbarer Nähe zurückgegriffen wurde. Gleichzeitig habe sich durch die Pandemie und den angestiegenen nachbarschaftlichen Kontakt aber auch die soziale Kontrolle verstärkt und eine gewisse„Blockwartmentalität“ hervorgebracht, in der Menschen dazu tendieren, die Einhaltung der Maßnahmen durch ihre Nachbar_innen zu überwachen(Schnur 2020). 24 Diese verstärkte soziale Kontrolle könnte auch im Corbusierhaus Grund dafür sein, dass die Bewohner_innen den Zusammenhalt trotzdem mehrheitlich als unverändert wahrnehmen, da die positiven Effekte somit gemindert werden. Handlungsbedarf für die(Kommunal-)Politik Nach den Problemen im Corbusierhaus gefragt, gibt es wenig, dass die Bewohner_innen stark verärgert. Grundsätzlich fühlen sich die Bewohner_innen sicher im Corbusierhaus. 92% der Befragten fühlen sich sehr oder eher sicher. Etwas unsicherer fühlen sich die Bewohner_innen im Ortsteil Westend, aber auch hier fühlt sich eine Mehrheit von 85% sehr oder eher sicher. Hier gibt es keine große Abweichung von vergleichbaren Studien, vielmehr liegen die Bewohner_innen im bundesdeutschen Durchschnitt. Abbildung 16: Ganz allgemein: Wie sicher fühlen Sie sich...? Obwohl sich die Bewohner_innen insgesamt sehr sicher im Corbusierhaus und im Westend fühlen, geben ca. ein Drittel der Befragten an, dass es Orte in der Nähe gibt, wo sie nachts nicht alleine gehen wollen. Im Vergleich zu bundesweiten Befragungen, in denen 22% angeben, dass es im Umkreis von einem Kilometer Gegenden gibt, an denen man nachts nicht alleine gehen möchte, ist dies ein leicht erhöhter Wert(ALLBUS 2018). In der Befragung gab es hinsichtlich des Sicherheitsgefühls im Umkreis von einem Kilometer deutliche Geschlechterunterschiede. Vor allem Frauen haben angegeben, dass es im Umkreis Orte gibt, wo sie nachts nicht alleine gehen wollen. Das ist zunächst nicht verwunderlich, da Frauen sich in der Regel unsicherer fühlen als Männer, wenn sie nachts alleine an öffentlichen Orten unterwegs sind(Schröttle& Müller 2004). Durch den Workshop stellte sich aber heraus, dass der Hauptgrund hierfür nicht potenzielle Gewalttäter_innen sind, sondern Wildschweine im nahe gelegenen Grunewald, die insbesondere nachts direkt am Corbusierhaus anzutreffen sind. In der Vergangenheit wurde bereits diskutiert, ob ein Zaun um das Corbusierhaus herum angebracht werden soll. Da die Bewohner_innen jedoch vermeiden wollen, eine weitere Abgrenzung zu den Nachbar_innen im Westend zu signalisieren, wurde die Idee wieder verworfen. Weitere Vorschläge, wie z.B. die Installation von Störsignalen, wurden mit Vertreter_innen der Kommunalpolitik thematisiert, aber noch nicht umgesetzt. 25 » Ich würde nachts nicht gerne in den Grunwald gehen – wir haben hier massiven Schweineverkehr. Die sind bei uns nachtaktiv, weil der Wald den Tag über genutzt wird von Menschen und Hunden und nachts kommen die Schweine her.« (Workshop-Teilnehmer) Abbildung 17: Gibt es hier in der Nähe- im Umkreis von einem Kilometer- irgendeine Gegend, in die Sie nachts nicht alleine gehen möchten? Innerhalb des Corbusierhauses gibt es keine großen Konflikte. Eine Mehrheit sieht keine Konfliktthemen vor Ort. Unter den genannten Themen, die für Konflikt sorgen, rangieren die Müllbeseitigung, Lärmbelästigung und Hundehaltung auf den oberen Plätzen. Dabei handelt es sich um klassische Nachbarschaftsprobleme, die keinen unmittelbaren Handlungsbedarf seitens der Kommunalpolitik bedürfen. Eine Besonderheit innerhalb des Corbusierhauses stellt der Besucherverkehr bzw. Tourismus dar. Einige Bewohner_innen sind dem Interesse am Corbusierhaus müde geworden und wünschen sich anscheinend mehr Ruhe. 26 Abbildung 18: Gibt es ein Thema, das regelmäßig für Konflikt im Corbusierhaus sorgt? Nach konkreten Forderungen an die Politik vor Ort gefragt, sehen die Befragten den dringendsten Handlungsbedarf in der Regulierung des(Nah-)Verkehrs und in der Schaffung besserer Einkaufsmöglichkeiten. Auch beim Workshop sprachen sich die Teilnehmer_innen für bessere Einkaufsmöglichkeiten und einen besseren Nahverkehr aus. Insbesondere der Ausbau der Fahrradwege wurde thematisiert, da die aktuellen Fahrradwege holpern und man nur über Umwege mit dem Fahrrad gefahrlos in die Stadt kommt. Abbildung 19: Wenn Sie mal an die nächsten 10 Jahre denken, was ist für Sie persönlich der wichtigste Bereich, in dem sich die Politiker hier im Ortsteil Westend stärker engagieren sollten? Ein grundsätzliches Problem der(Kommunal-)Politik ist, dass die Befragten nicht das Gefühl haben, dass sich die Politiker_innen für ihre Probleme vor Ort interessieren oder um einen engen Kontakt zur Bevölkerung im Westend bemüht sind. Nur jede_r Dritte stimmt der Aussage zu, dass sich Politiker_innen für die Probleme von Menschen wie sie interessieren und gerade einmal jede_r Zehnte glaubt, dass Politiker_innen um einen engen Kontakt zur Bevölkerung im Westend bemüht sind. Vergleichbare bundesweite Umfragen ergeben hier ein pessimistischeres Bild. In der Studie Vertrauen in Demokratie – Wie zufrieden sind die Menschen in Deutschland mit Regierung, Staat und Politik der 27 Friedrich-Ebert-Stiftung geben 27% der Befragten an, dass die meisten Politiker_innen in Deutschland sich um Sorgen von Menschen wie ihnen kümmern. 64% lehnen diese Aussage ab(Decker, Best, Fischer& Küppers 2019). Die Bewohner_innen des Corbusierhauses sind demnach zwar tendenziell kritisch gegenüber(Kommunal-)Politiker_innen, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung jedoch etwas optimistischer gestimmt. Abbildung 20: Inwiefern stimmen Sie den folgenden Aussagen zu? An der Abschlussveranstaltung nahmen neben interessierten Bewohner_innen aus dem Corbusierhaus auch zwei Vertreter aus der Kommunalpolitik teil. Sie entgegnen, dass die Bewohner_innen auf sie zukommen könnten. Politik sei keine Einbahnstraße und funktioniere nur, wenn die Bürger_innen ihre Probleme an die Politik herantragen. Zudem haben sie in der Vergangenheit auffällig wenig Resonanz auf bspw. Flyer-Verteilaktionen im Corbusierhaus erhalten. Dass sich die(Kommunal-)Politiker_innen bemüht haben, die Bewohner_innen im Corbusierhaus anzusprechen, wird nicht bestritten. Allerdings kann bezweifelt werden, dass eine Mobilisierung über Flyer bzw. Informationsblätter alleine zielführend sein könnte. Viel mehr müsste über eine modernere Ansprache der Wähler_innen nachgedacht werden, die auch unterschiedliche Zielgruppen differenziert anspricht. Denn es wird hier im Kleinen – im Westend – deutlich, wie unterschiedlich direkte Nachbarschaften im Hinblick auf Soziostruktur, aber auch Einstellungen sein können. Die Bewohner_innen des„Ufos“ Corbusierhaus müssen anders angesprochen werden, als die„Andersdenkenden“ der angrenzenden Einfamilienhäuser im umliegenden Westend. Zahlreiche wissenschaftliche Studien konnten zeigen, dass die Ansprache über Postwurf wenig effektiv ist(Green& Gerber 2019). Damit Demokratie funktioniert, muss die Verbindung zwischen Bürger_innen und Politiker_innen wieder verbessert werden. Eine moderne Kommunikationsstrategie ist dabei ein zentraler Baustein, um Kontakte herzustellen. Neben der klassischen Verteilung von Flyern tritt heute zunehmend die Präsenz auf Social Media. Letztlich bleibt der direkte„face-to-face“-Kontakt aber nach wie vor die effektivste Form der politischen Mobilisierung(Green& Gerber 2019). Nach den wichtigsten Themen gefragt, die in den nächsten 10 Jahren auf Bundesebene angegangen werden müssen, zeigt sich ein vertrautes Bild. Wie auch in repräsentativen bundesweiten Befragungen, sehen die Bewohner_innen des Corbusierhauses in der Klimapolitik das dringendste Problem, um das sich die Bundespolitik kümmern muss. Weitere Themen die genannt werden sind Soziale Gerechtigkeit, Bildungspolitik, bezahlbarer Wohnraum, Sozialpolitik und die Integration von Migrant_innen. 28 Abbildung 21: Wenn Sie mal an die nächsten 10 Jahre denken, was ist für Sie persönlich der wichtigste Bereich, in dem sich die Bundespolitik in Deutschland stärker engagieren sollten? Wünsche der Bewohner_innen für das Zusammenleben Nach den Wünschen für das Zusammenleben gefragt, sehnen sich die Bewohner_innen neben einem rücksichtsvollen Umgang auch nach mehr gemeinsamen Veranstaltungen. Wie bereits oben deutlich geworden ist, fehlt es an Begegnungsräumen. Die Begegnungsräume fehlen jedoch nicht nur im Corbusierhaus, sondern auch in der umliegenden Nachbarschaft. Durch die Lage des Corbusierhauses müssen die Bewohner_innen verhältnismäßig weit fahren, um zum nächsten Supermarkt zu gelangen. Cafés oder Bars gibt es ebenfalls kaum, sodass Orte fehlen, an denen man mit den Nachbar_innen – aus dem Corbusierhaus genauso wie mit Nachbar_innen aus der unmittelbaren Nachbarschaft – in Kontakt kommen kann. Auch die oben besprochene Forderung nach einer besseren Infrastruktur hätte durchaus einen positiven Effekt auf die Schaffung weiterer Kontaktpunkte. Abbildung 22: Was wünschen Sie sich für das zukünftige Zusammenleben im Corbusierhaus? 29 Obwohl sich der große Wohnkomplex, den das Corbusierhaus darstellt, mit nur einem gemeinsamen Eingang für 530 Wohneinheiten auszeichnet, lädt das Foyer nicht zum Verweilen ein. Vielmehr sieht man die anderen Corbusianer_innen in einem der drei Aufzüge, unterhält sich kurz und zieht sich dann wieder in die eigene Wohnung zurück, in der man wenig von den anderen Bewohner_innen mitbekommt. Woran liegt es, dass dies bei so günstigen Ausgangsvoraussetzungen bisher nicht besser gelingt? Die Begründung scheint simpel: Es fehlt an Begegnungsräumen, an Orten, an denen sich die Bewohner_innen treffen und vernetzen können. Zwar gibt es vorgesehene Begegnungsräume wie das Waschhaus, allerdings haben heute viele Bewohner_innen eine Waschmaschine in der eigenen Wohnung und sind demnach nicht auf das Waschhaus angewiesen und kommen dort nicht zufällig vorbei. Im Workshop wurden konkrete Ideen und Forderungen von den Teilnehmer_innen aufgestellt, mehr Treffpunkte zu schaffen und das Gemeinschaftsleben wiederzubeleben. Vorgeschlagen wurden unter anderem die Einrichtung eines Cafés, einer Bibliothek, eines gemeinsamen Buchclubs, die Wiederbelebung gemeinsamer Kinoabende und Straßenfeste. In anderen Corbusierhäusern, wie z.B. in Marseille, werden nach Le Corbusiers Plänen beispielsweise die Dächer als gemeinschaftliche Fläche genutzt und mit Sportanlagen und Bühnen zur gemeinschaftlichen Nutzung bebaut. Hier haben Studien bereits gezeigt, dass diese Begegnungen und gemeinsamen Aktivitäten durch gezielte Planung der räumlichen Strukturen begünstigt werden können und somit der nachbarschaftliche Kontakt intensiviert werden kann(Flade 2020). Durch den Workshop haben sich einige Teilnehmer_innen vernetzt, gemeinsam wollen sie versuchen, ein Café im Haus zu organisieren. Hier ist man sich einig, dass die Initialzündung bisher fehlte, die Bewohner_innen seien zwar motiviert, es brauche aber diesen„kleinen Stoß von außen“, um etwas in Gang zu setzen. Diesen Stoß brauche es auch für landes- oder bundesweite Projekte und Initiativen: Politische Organisationen, Parteien, bzw. die Politik müsse für mehr Begegnungsräume sorgen, damit gesellschaftlicher Zusammenhalt auf der kleinsten, lokalen Ebene funktionieren könne. Allerdings wurde auch klar, dass es mit erheblichem Aufwand verbunden ist, im stressigen Alltag noch Zeit zu finden, etwas ehrenamtlich auf die Beine zu stellen. Letztlich bleibt es oft an wenigen hoch motivierten Individuen hängen, Veranstaltungen zu planen, zu organisieren und umzusetzen. Genau diese Menschen braucht es aktuell aber, um sozialen Zusammenhalt zu ermöglichen. 30 Diskussion zur Wiederbelebung des Gemeinschaftswesens Das Corbusierhaus und seine Bewohner_innen stellen ein interessantes Objekt zur Untersuchung des Zusammenhalts auf kleinster, lokaler Ebene dar. Gleichzeitig ist das Corbusierhaus inklusive seiner Bewohner_innen ein besonderer Fall, wie die Untersuchung zeigen konnte. Die Corbusianer_innen sind zumeist wohlsituiert, international aufgestellt und begeistern sich überwiegend für Architektur. Damit repräsentieren sie nicht den bundesdeutschen Durchschnitt. Dennoch können die Zusammenhänge vor Ort dabei helfen, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen. Innerhalb der Wohnmaschine konnte festgestellt werden, dass keine großen Spaltungen vorherrschen. Der soziale Zusammenhalt wird als gut bewertet, allerdings überträgt sich dies weder auf die unmittelbare Nachbarschaft noch auf Deutschland oder Europa. Es scheint, als funktioniere der soziale Zusammenhalt dort besser, wo die Bürger_innen hinsichtlich ihrer(politischen) Einstellungen homogen sind. In der Folge geht mit der Ausdifferenzierung der deutschen Gesellschaft und der Auflösung weitgehend homogener Milieus eine Abnahme des gesellschaftlichen Zusammenhalts einher. Daraus ergibt sich vor allem die Frage, inwieweit sich Nachbarschaften durch die Struktur des jeweiligen Wohnviertels selektieren und wie man einer zu starken Homogenisierung entgegenwirken kann. Die Verbundenheit, die auf starke soziale Beziehungen hinweist, ist innerhalb des Corbusierhauses weniger stark ausgeprägt. Obwohl die Bewohner_innen sich räumlich sehr nah sind, sie hinsichtlich ihrer Einstellungen homogen sind und es motivierte Individuen gibt, die bereit sind, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, fehlt es letztlich an Begegnungsräume. Dort könnten sich die Bewohner_innen treffen und vernetzen, um das Gemeinschaftsleben vor Ort zu verbessern. So leben die Bewohner_innen eher nebeneinander her, statt zusammen zu leben. Die Schaffung von Begegnungsräumen innerhalb des Corbusierhauses scheint noch relativ einfach möglich zu sein. Demgegenüber scheint die Ausdehnung auf die unmittelbare Nachbarschaft im Westend bereits schwieriger, da sich die Corbusianer_innen gerade gegenüber den Nachbar_innen aus dem Westend abgrenzen. Eine Verbindung zu anderen Wohnbezirken, die dazu noch heterogener sind, stellt eine noch viel größere Aufgabe dar. Für diese ersten Schritte wurde im Workshop angeregt, die Sommerfeste des Corbusierhauses oder Straßenfeste(wieder) für Nachbar_innen außerhalb des Corbusierhauses zu öffnen und so die Möglichkeit für weitere Kontakte zu schaffen. Die größte Hürde für den ersten Schritt, innerhalb des Corbusierhauses, scheinen externe Faktoren zu sein, wie von den Workshop-Teilnehmer_innen eigeräumt wird. Es braucht motivierte Individuen, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich für die Gemeinschaft einsetzen. Dass immer weniger Bürger_innen die Zeit finden, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist gut dokumentiert. Als Ursache werden Individualisierung oder auch die technologische Transformation genannt(Putnam 1995). Hier bedarf es größeren gesellschaftlichen Anstrengungen, um Veränderungen herbeizuführen. Innerhalb des Corbusierhauses funktioniert der Zusammenhalt bisher so gut, da im Haus Regeln gelten, die von allen akzeptiert werden. Zudem wird die Einhaltung der Regeln durch einen direkten Ansprechpartner vor Ort durchgesetzt. In typischeren Nachbarschaften ist dies selten der Fall. Erneut zeigt sich, dass die Wohnmaschine keine typische Nachbarschaft abbildet. Gleichzeitig kann das Corbusierhaus als Vorbild gesehen werden, wo bereits viele kleine Vorkehrungen für den nachbarschaftlichen Frieden erfolgreich umgesetzt wurden. Beim zweiten Schritt ergeben sich insbesondere für lokale Politiker_innen und Parteien Chancen. Veranstaltungen wie Sommerfeste sind ein niedrigschwelliges Angebot, um mit den Bewohner_innen vor Ort in Kontakt zu kommen, ansprechbar zu sein und sich zu vernetzen. Diese„face-to-face“-Ansprache 31 bleibt auch in Zeiten digitaler Formate und Social Media wichtig, um langfristige Bindungen aufzubauen. Die digitale Vernetzung der Bewohner_innen vor Ort mit kommunalen Akteur_innen muss damit einhergehen, um einer modernen Kommunikation gerecht zu werden. Fazit Die Bewohner_innen des Corbusierhaus sind grundsätzlich sehr zufrieden mit ihrer Wohnsituation. Das Zusammenleben funktioniert gut, es gibt sogenannte weak social ties unter den Bewohner_innen und die Probleme vor Ort sind überschaubar. Große Spannungen innerhalb des Corbusierhauses gibt es nicht, vielmehr ist das Corbusierhaus idealtypisch für eine klassische,(politisch) homogene Nachbarschaft. Damit spiegeln das Corbusierhaus und seine Bewohner_innenschaft jedoch nicht zwangsweise eine typische deutsche Nachbarschaft wider. Und selbst in einer Nachbarschaft mit hohen Zufriedenheitswerten vor Ort, ist der Zusammenhalt weiter ausbaufähig. Die Bewohner_innen wünschen sich einen stärkeren sozialen Zusammenhalt. Die vorliegende Fallstudie konnte hierfür einige Anhaltspunkte liefern, wie dies auf lokaler Ebene konkret erreicht werden kann und welche Hinweise sich daraus für die gesamtgesellschaftliche Situation ergeben. Erstens: Gemeinsame Interessen fördern den Zusammenhalt Die Bewohner_innen des Corbusierhauses begeistern sich für das Thema Architektur. Durch das gemeinsame Interesse fällt es leichter mit Nachbar_innen in Kontakt zu kommen bzw. Kontakte zu vertiefen und somit den sozialen Zusammenhalt vor Ort zu fördern. Allerdings ist das Thema sehr spezifisch und nicht so einfach auf andere Nachbarschaften übertragbar. Ein Brückenthema über das Thema Architektur hinaus, welches verschiedene Einstellungsgruppen verbinden kann, wurde auch im Corbusierhaus nicht gefunden. Vielmehr zeigte sich auch hier, dass es in homogenen Einstellungsgruppen eher zu gesellschaftlichem Zusammenhalt kommt, die Erweiterung auf andere gesellschaftliche Gruppen gelingt auch hier nicht. Für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung ist es daher wichtig, dass es Orte gibt, an denen Menschen mit verschiedenen Einstellungen und Meinungen aufeinandertreffen können. Zweitens: Es fehlen Begegnungsräume Viele Bewohner_innen wünschen sich mehr Zusammenhalt, gemeinsame Veranstaltungen und mehr Kontakt zu ihren Nachbar_innen. Auch die Forderung nach einer besseren Infrastruktur, inklusive Supermärkten in der Nähe, weisen darauf hin, dass es im Corbusierhaus bzw. im Westend an Begegnungsräume für die Nachbar_innen mangelt. Weder im Corbusierhaus, noch in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es passende Orte, an denen Nachbar_innen in Kontakt kommen könnten. In anderen Wohnmaschinen gibt es diese Begegnungsräume z.B. in Form von integrierten Einkaufsstraßen innerhalb des Hauses oder ausgebauten Dachterrassen. Obwohl es diese Angebote auch innerhalb der Wohnmaschine in Berlin nicht gibt, ist vor allem die Abgrenzung der Corbusianer_innen zu den Nachbar_innen aus dem Westend sehr präsent. Seit dem 32 Bau der Wohnmaschine, stellt das Haus eher ein Ufo mitten im Westend dar, statt in die unmittelbare Nachbarschaft integriert zu sein. Draus ergibt sich ein wichtiger Auftrag für Stadtplaner_innen. Zum einen sollten bei zukünftigen Bauprojekten Begegnungsräume für die Bewohner_innen genauso wie für die umliegenden Nachbar_innen mitgedacht werden. Zum anderen muss bei der weiteren städtebaulichen Entwicklung des Westends dringend für Begegnungsräume gesorgt werden. Bereits ein gut zugänglicher Supermarkt oder ein Café könnten viel bewirken. Einige Workshop-Teilnehmer_innen haben sich zusammengeschlossen, um Ideen wie ein gemeinsames Café innerhalb des Corbusierhauses zu verwirklichen. Dass es bisher keine geeigneten Begegnungsräume gibt, sollte nachdenklich stimmen. Ehrenamtliches Engagement ist zwar ein wichtiger Bestandteil demokratischer Gesellschaften, sollte aber nicht die notwendige Bedingung für gesellschaftliches Zusammenleben vor Ort sein. Gerade im Corbusierhaus gibt es mit dem Förderverein bereits ehrenamtliches Engagement, das in den wenigsten Wohnvierteln überhaupt existiert. Wenn es also nicht einmal unter diesen Bedingungen gelingt, ist es die Politik, die auf jeder Ebene in der Verantwortung ist, die Voraussetzungen für mehr Begegnungsräume zu schaffen, um so gesellschaftliches Zusammenleben vor Ort zu ermöglichen. Drittens: Die(Lokal-)Politik erreicht die Menschen vor Ort nicht (mehr) Die Bewohner_innen des Corbusierhauses haben nicht das Gefühl, dass sich die Politik um einen engen Kontakt zur Bevölkerung im Westend bemüht. Dieses Gefühl leitet sich daraus ab, dass konkrete Probleme wie fehlende Radwege, weite Wege zum nächsten Supermarkt oder das Wildschwein-Problem bisher nicht gelöst wurden. Lokalpolitiker, die an der Abschlussveranstaltung teilgenommen haben, verweisen darauf, dass auch die Bewohner_innen auf sie zukommen können und es sich bei Politik nicht um eine Einbahnstraße handle. Um den Kontakt wiederherzustellen, wird allerdings empfohlen, die Kommunikationsstrategie der Kommunalpoltiker_innen moderner und zielgruppengerechter zu gestalten. Neben Flyern und Informationsblättern sollten auch digitale sowie„face-to-face“-Angebote an die Bürger_innen gemacht werden. Noch wichtiger ist es, den Kontakt nicht nur punktuell und kurzfristig wiederzubeleben, sondern langfristig und nachhaltig Verbindungen aufzubauen, um das Vertrauen in das demokratische System zu festigen. Das verlangt viel Engagement, insbesondere von ehrenamtlichen Kommunalpolitiker_innen. Um eine weitere Fragmentierung der Gesellschaft zu verhindern und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, ist es dringend notwendig, Politik auf allen Ebenen(wieder) besser mit den Bürger_innen zu verbinden. Politische stadtplanerische Entscheidungen haben dabei direkte Auswirkungen auf die Lebensqualität der Bewohner_innen vor Ort. Le Corbusiers Vorstellungen wurden in der Berliner Wohnmaschine nicht gänzlich umgesetzt. Funktionale Begegnungsräume, wie sie von Le Corbusier geplant wurden, die ein ungezwungenes Zusammentreffen der Bewohner_innen ermöglichen, fehlen. Eine Orientierung an den stadtplanerischen Ideen Le Corbusiers könnte auch heute einige akute Probleme vor Ort lösen. 33 Literaturverzeichnis Arant, Regina, Dragolov, Georgi& Boehnke, Klaus(2017). Sozialer Zusammenhalt in Deutschland 2017. Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt. Bertelsmann Stiftung. Baumgärtner, E.(2013). Scapegoating, stakeholding und gatekeeping: Techniken der Inklusion und Exklusion in heterogenen Stadtquartieren. In: O. Schnur, P. Zakrzewski& M. Drilling(Hrsg.), Migrationsort Quartier. Quartiersforschung. Wiesbaden: Springer VS. Brand, T., Follmer, R.& Unzicker, K.(2020). Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Deutschland 2020. Eine Herausforderung für uns alle. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsstudie. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Bukow, W. D.(2012). Multikulturalität in der Stadtgesellschaft. In: F. Eckardt(Hrsg.), Handbuch Stadtsoziologie(pp. 527-550). Wiesbaden: Springer VS. Decker, Frank, Best, Volker, Fischer, Sandra& Küppers, Anne(2019). 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The social identity theory of intergroup behavior. Psychology of intergroup relations, 2, S. 7-24. Nelson-Hall, Chicago. 34 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Leben Sie gerne im Corbusierhaus?......................................................................... 13 Abbildung 2: Im Vergleich zu anderen Wohnkomplexen sind wir im Corbusierhaus viel................. 13 Abbildung 3: Politische Orientierung im Corbusierhaus................................................................. 15 Abbildung 4: Inwiefern stimmen Sie der folgenden Aussage zu?....................................................15 Abbildung 5: Wie viele Ihrer Nachbarn im Corbusierhaus kennen Sie mit Vornamen?.................... 16 Abbildung 6: Wie oft haben Sie mit Ihren Nachbarn im Corbusierhaus Kontakt, der über ein kurzes Hallo hinausgeht?..................................................................... 16 Abbildung 7: Haben Sie Nachbarn im Corbusierhaus, die Ihnen im dringenden Notfall 1.000 Euro leihen würden?..................................................................................... 17 Abbildung 8: Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie jeweils eher zu?...................................... 18 Abbildung 9: Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie jeweils eher zu?..................................... 19 Abbildung 10: Wie stark fühlen Sie sich verbunden mit...?............................................................ 21 Abbildung 11: Wie schätzen Sie aktuell den Zusammenhalt … ein?............................................... 22 Abbildung 12: Wie sehr vertrauen Sie …?..................................................................................... 22 Abbildung 13: Würden Sie sagen, dass sich die Dinge im Corbusierhaus ganz allgemein eher in die richtige Richtung oder eher in die falsche Richtung entwickeln?............... 23 Abbildung 14: Hat sich der Zusammenhalt Ihrer Meinung nach... in den letzten Jahren verbessert, verschlechtert oder nicht verändert?....................................................... 23 Abbildung 15: Und wie hat sich der Zusammenhalt Ihrer Meinung nach im Corbusierhaus während der Corona-Pandemie verändert? Hat er sich verbessert, verschlechtert oder nicht verändert?............................................................................................. 24 Abbildung 16: Ganz allgemein: Wie sicher fühlen Sie sich...?......................................................... 25 Abbildung 17: Gibt es hier in der Nähe- im Umkreis von einem Kilometer- irgendeine Gegend, in die Sie nachts nicht alleine gehen möchten?.......................................... 26 Abbildung 18: Gibt es ein Thema, das regelmäßig für Konflikt im Corbusierhaus sorgt?................... 27 Abbildung 19: Wenn Sie mal an die nächsten 10 Jahre denken, was ist für Sie persönlich der wichtigste Bereich, in dem sich die Politiker hier im Ortsteil Westend stärker engagieren sollten?..................................................................................... 27 Abbildung 20: Inwiefern stimmen Sie den folgenden Aussagen zu?................................................ 28 Abbildung 21: Wenn Sie mal an die nächsten 10 Jahre denken, was ist für Sie persönlich der wichtigste Bereich, in dem sich die Bundespolitik in Deutschland stärker engagieren sollten?................................................................................................ 29 Abbildung 22: Was wünschen Sie sich für das zukünftige Zusammenleben im Corbusierhaus?........ 29 Gestaltung: April-Mediengruppe AUTOR_INNEN Jana Faus ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin und geschäftsführende Gesellschafterin der pollytix strategic research gmbh. lutz ickstadt hat einen Master-Abschluss in empirischer Demokratieforschung und ist Berater bei der pollytix strategic research gmbh. Die Spaltung der deutschen Gesellschaft und die Abnahme des gesellschaftlichen Miteinanders ist Thema zahlreicher Studien und Veröffentlichungen. Gesicherte Erkenntnisse, welche Faktoren für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen, sind dagegen rar. Diese Studie fokussiert ein lokales Wohnumfeld und untersucht, ob der nachbarschaftliche Austausch für mehr Zusammenhalt sorgt. Die Bewohner_innen des Corbusierhauses in Berlin wurden zu ihren Zukunftsvisionen und Gemeinsamkeiten sowie Sichtweisen auf das Zusammenleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt befragt. 2020