Zick-Zack-Kurs Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Dänemark David Nicolas Hopmann D er öffentlich-rechtliche Rundfunk im Königreich Dänemark steht vor grundlegenden Umbrüchen. Der politische Druck auf den größten öffentlich-rechtlichen Anbieter – DR, Bezeichnung bis 1996: Danmarks Radio – erreichte 2018 einen neuen Höhepunkt, als die damalige rechts-konservative Regierung beschloss, dass DR 20 Prozent sparen muss. Diese Einsparungen sollen bis 2023 schrittweise umgesetzt werden. Das ist der größte finanzielle Einschnitt, den DR je erfahren hat, und der bereits zu massiven Kürzungen im Angebot geführt hat. So wurde zum Beispiel der Fernsehkanal DR K als eigenständiger Kanal eingestampft, die Fernsehsender DR3 und DR Ultra(letzteres ein Angebot für Jugendliche) aus den Fernsehnetzen genommen und jetzt nur noch als Streamingkanäle im Netz angeboten, und der DAB-Kanal P7 Mix wurde eingestellt. Mit dem drastischen finanziellen Einschnitt einhergehend wurde beschlossen, die sog. Medienlizenz, die dem Rundfunkbeitrag in Deutschland entspricht, über Zeit (bis 2021) auslaufen zu lassen und allen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Dänemark zukünftig über Steuereinnahmen zu finanzieren. Konkret wird das über eine geringere(als sonst fällige) Anhebung des Einkommenssteuerfreibetrags passieren. Damit werden die Mittel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Teil der alljährlichen Haushaltsverhandlungen. Vordergründig wurden die Einschnitte vor allen Dingen damit begründet, dass DR den privaten Medienakteuren zu wenig Raum im Markt lasse. Dass viele konservative Politiker_innen DR wegen einer vermeintlichen linken Schlagseite seit Jahrzehnten kritisch sehen, dürfte die Stimmung bei den medienpolitischen Verhandlungen mitgeprägt haben. Dabei besteht kein Zweifel daran, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk Dänemarks einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Aufklärung über aktuelle gesellschaftliche Verhältnisse leistet. 1 Gerade durch die Mischung aus Informationsangeboten und Unterhaltung mit breiter Ausstrahlung schafft es der öffentlich-rechtliche Rundfunk, einen großen Teil der dänischen Gesellschaft zu erreichen. 2 Die technische Entwicklung und die mit ihr einhergehende Fragmentierung der Mediennutzung machen es aber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zunehmend schwerer, die gesamte Bevölkerung zu erreichen. ÖFFENTLICH-RECHTLICHE MEDIENLANDSCHAFT DÄNEMARKS Im Bereich des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gibt es in Dänemark drei Hauptakteure, wobei DR der größte und älteste ist. DR hat als selbstständige Institution einen sog. „Public Service“-Vertrag mit dem Kulturministerium. Diese Vereinbarung beschreibt, welche Aufgaben DR zu erfüllen hat. Überwacht wird dies durch den Radio- und Fernsehrat, wobei 8 von dessen 10 Mitgliedern von der Kulturministerin ernannt werden. Außerdem wird die übergeordnete Leitung DRs von einem elfköpfigen Vorstand wahrgenommen. Drei Mitglieder bestimmt die Kulturministerin(inkl. Vorsitz), sechs Mitglieder bestimmt das Parlament(je ein Mitglied der sechs größten Parteien) und zwei Mitglieder entsenden die Mitarbeiter von DR. Diese ‚politische‘ Konstruktion steht hin und wieder zur Diskussion. In den vergangenen Jahren wurde diese Diskussion primär von Politiker_innen aus dem bürgerlichen Lager angestoßen. Im Raum steht zum Beispiel die Überlegung, ob einige der Mitglieder einen professionellen Hintergrund haben sollten. Was konkret damit gemeint ist, wird jedoch nicht immer eindeutig formuliert – genannt werden z.B. Personen mit Erfahrungen aus der Medienbranche 1 Iyengar, S., Curran, J., Lund, A. B., Salovaara-Moring, I., Hahn, K. S.,& Coen, S.(2010). Cross-National versus Individual-Level Differences in Political Information: A Media Systems Perspective. Journal of Elections, Public Opinion& Parties, 20(3), 291–309. https://doi.org/10.1080/17457289.2010.490707 [ 10.12.2020] 2 Andersen, K., Skovsgaard, M.,& Pedersen, R. T.(2019). The X Factor of opportunity structures: How grab and wrap effects of entertainment create inadvertent news audience in a highchoice media environment. European Journal of Communication , 34(5), 535–551. https://doi.org/10.1177/0267323119874623 [ 10.12.2020] 2 ZICK-ZACK-KURS oder professioneller Vorstandsarbeit. Neben DR gibt es noch TV 2 Danmark, das 1986 etabliert wurde und seit 1988 auf Sendung ist. Heute ist TV 2 eine Aktiengesellschaft, die zu 100 Prozent dem dänischen Staat gehört. Seit 2004 erhält TV 2 keine finanzielle Unterstützung mehr und finanziert sich heute primär aus Abonnentengebühren (für die Nutzer_innen überwiegend versteckt über Kabelpreise) und Werbung. Der sog. Hauptkanal TV 2s(hovedkanalen), nicht aber dessen Schwesterkanäle wie z.B. TV 2 News oder TV 2 Sport, hat wie DR eine Reihe von„Public Service“-Verpflichtungen zu erfüllen. Überwacht wird deren Erfüllung ebenfalls durch den Radio- und Fernsehrat. Neben dem landesweiten TV 2-Hauptkanal gibt es acht regionale TV 2-Sender als dritten„Public Service-“Akteur. Diese regionalen Sender werden primär durch öffentliche Mittel finanziert, d.h. noch teilweise durch die Medienlizenz und ab 2022 ausschließlich durch Steuermittel. Wie DR haben diese regionalen Sender Verträge mit dem Kulturministerium, die ebenfalls vom Radio- und Fernsehrat überwacht werden. Die inhaltlichen Vorgaben sind dabei eher generell gehalten. So heißt es u.a. im aktuellen Vertrag von TV SYD, dass die Vielfalt in Bezug auf„Kultur, Lebensansichten und Lebensbedingungen“ der gesamten südjütischen Region sowie die dänische Minderheit in Deutschland zu berücksichtigen sind. TV SYD hat dabei selbst die Aufgabe, dem Radio- und Fernsehrat zu begründen, wie diese Vorgaben erfüllt werden. DR ist auch einer der Hauptakteure im öffentlich-rechtlichen Radio. DR bietet mehrere landesweite und regionale Radiokanäle an, die alle, wie auch das Fernsehangebot, werbefrei sind. Neben den Kanälen DRs gibt es noch weitere landesweite Radioangebote. Als Gewinner in einem hoch kontroversen Ausschreibungsverfahren wurde 2019 der neu konzipierte Sender R4dio gekürt, der nun den sog. vierten landesweiten FM-Kanal innehat und ebenfalls aus öffentlichen Mitteln finanziert wird(mehr dazu weiter unten). 3 Außerdem findet man auf dem sog. fünften FM-Kanal NOVA FM, das zwar einige„Public Service“-Verpflichtungen hat, aber keine öffentlichen Mittel erhält, sondern sich aus Werbung finanziert. POLITISCHER BESCHUSS Dass Politiker_innen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, besonders DR, kritisch sehen, ist nichts Neues. 4 Bereits 1968 wurde der heute noch geläufige Ausdruck„rote Lakaien“ (røde lejesvende) über die Mitarbeiter_innen des DR geschaffen. Die dänische Journalistengewerkschaft gewann damals ein Verfahren wegen sog. Ehrenkränkung, aber der Ausdruck war nicht mehr aus der Debatte zu verbannen. Einige Jahre später, 1972, etablierte der sozialdemokratische Bürgermeister der Kopenhagener Vorstadt Gladsaxe Erhard Jakobsen (später Zentrumsdemokrat) einen Verein, der zuletzt den Namen„Aktive Hörer und Zuschauer“ trug. Der Verein warf unablässig DR linke Propaganda vor. Zu seinen Hochzeiten soll dieser Verein nach eigenen Angaben 50.000 Mitglieder gehabt haben. Viele Jahre später, 2002, versuchte sich Morten Messerschmidt, ein prominenter Politiker der Dänischen Volkspartei, mit dem Verein„Kritische Lizenzzahler“. Der Verein stieß in dasselbe Horn wie Erhard Jakobsen und warf DR eine linke Schlagseite vor. Die Lebensdauer des Vereins war kurz, was 2017 die Jugendorganisation der Dänischen Volkspartei dazu veranlasste, den Verein wiederzubeleben. Dem aktuellen Aktivitätsniveau nach zu urteilen, war die Wiederbelebung nicht von Dauer. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Liste ehemaliger Mitarbeiter DRs, die eine erfolgreiche Politikerkarriere im bürgerlichen Lager hatten oder haben, lang ist. Dazu gehört auch die Kulturministerin, unter deren Federführung der oben beschriebene drastische finanzielle Einschnitt bei DR beschlossen wurden: Mette Bock, einst Direktorin der Programmproduktion von DR(2008-2009). Auch wurde der Fernsehsender TV 2 Danmark in den 1980ern als Gegenstück zu DR unter einer damals konservativen Regierung etabliert. 5 Obwohl also bei DR offensichtlich Platz für Meinungsvielfalt ist, und mit TV 2 sogar eine Alternative geschaffen wurde, scheint die Kritik an DRs angeblicher linken Schlagseite nicht abzureißen. Wissenschaftliche Untersuchungen der Wahlkampfberichterstattung von DR und TV 2 zeigen keine Ungleichgewichte auf, die nicht von professionellem Journalismus zu erwarten wären. 6 Überhaupt ist die Medienberichterstattung in Dänemark, wie auch in den meisten 3 Goldenberg, A.(13.11.2019). Ist hier etwas faul? Vor anderthalb Jahren wurden in Dänemark die Rundfunkgebühren abgeschafft. Zu Besuch in einer aufgewühlten Medienlandschaft. Falter, 46(19). 4 Albæk, E., Hopmann, D. N.,& de Vreese, C. H.(2010). Kunsten at holde balancen. Dækningen af folketingsvalgkampe i tv-nyhederne på DR1 og TV2 1994-2007. University Press of Southern Denmark. 5 Hjarvard, S.(1999). TV-nyheder i konkurrence. Samfundslitteratur. 6 Albæk, E., Hopmann, D. N.,& de Vreese, C. H.(2010). Kunsten at holde balancen. Dækningen af folketingsvalgkampe i tv-nyhederne på DR1 og TV2 1994-2007. University Press of Southern Denmark. 3 ÖFFENTLICH-RECHTLICHER RUNDFUNK IN DÄNEMARK anderen europäischen Staaten, überwiegend parteipolitisch ausgewogen. 7 KAMPFPLATZ RADIO Der dänische Radiorundfunk wird von DR dominiert. Die damalige rechts-konservative Regierung wollte dies 2010 ändern, zumindest in Bezug auf DR P1, das man als dänisches Pendant zum Deutschlandfunk verstehen kann. Deshalb wurde der Sendeplatz von DR P2 – ein Radiosender mit Kultur und Klassik – ausgeschrieben(weshalb sich P1 und P2 jetzt eine FM-Frequenz teilen). Übernommen wurde der Sendeplatz 2011 von Radio24syv, das gleichzeitig um die 100 Millionen Kronen jährlich an Medienlizenzmitteln zu Verfügung gestellt bekam. Die Eigentümer von Radio24syv waren Berlingske Media, ein Verlagshaus, das mehrere Zeitungstitel herausgibt(und heute der belgischen De Persgroep gehört), und PeopleGroup, einer Firmengruppe aus der Kommunikationsbranche. Der Radiosender eroberte mit innovativen Konzepten und markanten Persönlichkeiten einen festen Platz in der dänischen Medienlandschaft. Als es allerdings darum ging, nach acht Jahren die Sendezulassung zu erneuern, bewarb sich Radio24syv nicht wieder. Das zu diesem Zeitpunkt wieder machthabende bürgerliche Lager verlangte nun, dass 70 Prozent der Redaktion mindestens 110 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Kopenhagen liegen müssen(das entspricht ungefähr der Entfernung von Kopenhagen zum Großen Belt). Die Einschätzung des Radiosenders war, dass man ihn unter dieser Bedingung nicht fortführen könne, da die meisten Moderator_innen und Gäste in der Region Kopenhagen lebten. Der Sendeplatz von Radio24syv ging an den neuen Radiosender R4dio, der neun regionalen Verlagshäusern gehört. Die mögliche Schließung von Radio24syv führte zu einer kontroversen öffentlichen Debatte. Der Umzugswunsch kam von der Dänischen Volkspartei, die sich nun den Vorwurf 7 Hopmann, D. N., Van Aelst, P., Salgado, S.,& Legnante, G.(2017). Political Balance. In C. de Vreese, F. Esser,& D. N. Hopmann (Eds.), Comparing Political Journalism(pp. 92–111). Routledge. gefallen lassen musste, man habe Radio24syv schließen wollen. Kurz vor einer anstehenden Parlamentswahl wollte die Dänische Volkspartei diesen Vorwurf aber nicht auf sich sitzen lassen. Als politischer Ausweg wurde ein DAB-Kanal mit öffentlicher Förderung ausgeschrieben. Dieser ging allerdings für viele unerwartet an den neu zu gründenden Radiokanal LOUD, der im Frühjahr 2020 seinen Sendebetrieb aufnahm und bis jetzt eine sehr kleine Hörerschaft hat. Radio24syv ist damit nach acht Jahren Geschichte. All das ändert nichts daran, dass die Kanäle von DR den Radiomarkt nach wie vor dominieren. Ungefähr drei Viertel der gesamten Radiohörzeit entfällt auf die Kanäle von DR. Die Gruppe regionaler Kanäle(P4) ist Spitzenreiter in der Hörergunst. An zweiter Stelle liegt der landesweite Radiokanal P3, der 1963 mit dem Ziel, ein jüngeres Publikum anzusprechen, zu senden begann. Bei den Hörer_innen unter 30 Jahren liegen P3 und P4 auch ungefähr gleich auf. Allerdings gehört auch zur Geschichte, dass Radiohören langsam rückläufig ist. In Dänemark wird immer weniger klassisches, lineares Radio gehört. DIGITALISIERUNG In Dänemark haben inzwischen nahezu alle Einwohner_ innen Zugang zum Internet, die Digitalisierung im Alltag ist weit fortgeschritten und macht auch vor den Medien nicht halt. Besonders deutlich ist dies bei den Zeitungen. Detaillierte Daten zur Papierauflage dänischer Zeitungen werden nicht mehr veröffentlicht. Die Zeiten von Tagesauflagen über 100.000 Exemplaren sind schon lange vorbei. Die meisten größeren Zeitungen, selbst die überregionalen, haben Papierauflagen im unteren fünfstelligen Bereich – stetig fallend. Ohne staatliche Zuwendungen in Form der sogenannten Medienförderung(mediestøtte) würden viele Titel in jetziger Form schon nicht mehr existieren können. Den Herausgebern laufen nicht nur die Abonnent_innen davon. Auch die Werbeeinnahmen gehen immer weiter zurück, denn der Werbemarkt ist vor allen Dingen ins Internet abgewandert – zugunsten großer ausländischer Plattformen. Auch beim Fernsehen macht sich der digitale Umbruch bemerkbar. Der Markt wird noch von TV 2 und DR dominiert. 4 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Allerdings sind es vor allem ältere Mitbürger_innen, die öffentlich-rechtliches Fernsehen nutzen. Die jüngeren Dän_ innen dagegen streamen viel, ungefähr die Hälfte täglich oder nahezu täglich. Seit ungefähr einer Dekade steigt der Anteil derjenigen Haushalte, die einen Fernseher ohne Fernsehsignal haben, aktuell liegt er bei 15 Prozent. Der Anteil der Dän_ innen, die mindestens einmal in der Woche lineares Fernsehen nutzen, fällt(aktuell 75 Prozent). Gleichzeitig steigt der Anteil derjenigen, die Streamingangebote – vor allen Dingen für Unterhaltung – nutzen(aktuell 60 Prozent). Auch zeigen die Zahlen einen eindeutigen Altersunterschied: Während dänische Kinder und Jugendliche ungefähr 30–40 Minuten am Tag fernsehen, sehen Dän_innen ab Mitte 50 täglich um die vier Stunden und mehr fern. Der Unterschied zwischen Alt und Jung wird dabei immer größer. 8 Die Umwälzungen im Medienmarkt führen zu Verteilungskämpfen. Wie in Deutschland gab es auch in Dänemark eine öffentliche Debatte über die Frage, welche und wie viele Nachrichten DR auf seiner Internetseite(kostenlos) zur Verfügung stellen kann und darf – und damit den Zeitungsverlagen vermeintlich Konkurrenz bietet. 9 Die Interessenorganisation der Zeitungsverlage orchestrierte eine Kampagne gegen DR. 10 Wohl auch deshalb wurde wie eingangs erwähnt DR 2018 große Einsparungen auferlegt und außerdem im„Public Service“-Vertrag für den Zeitraum 2019–2023 DR festgehalten, dass„DR textbasierte Nachrichten bringen kann, aber von längeren, tiefergehenden Artikeln absehen soll“. Dass diese Verteilungskämpfe nicht neu sind, zeigt sich schon an den ungewöhnlichen Namen, die die wichtigsten Nachrichtensendungen bei DR tragen: Im Radio P1 heißen die Nachrichtenblöcke„Radioavisen“(wörtlich 8 Weitere Details zur Mediennutzung finden sich auf den Internetseiten der Schloss- und Kulturverwaltung unter dem Kulturministerium: https://mediernesudvikling.slks.dk/ [10.12.2020]. 9 Søndergaard, H.(2014). Når en fælles fjende er den bedste ven i nøden. Nordicom Information, 36(1), 65–72. 10 Knudsen, Lisbeth(2020).‘Anmeldelse: Mediepolitik på vrangen – et studie i politisk kortsynethed’, Altinget.dk. https://www. altinget.dk/kultur/artikel/lisbeth-knudsen-mediepolitikpaa-vrangen-et-studie-i-politisk-kortsynethed [10.12.2020] Radiozeitung) und im Fernsehen DR1„TV Avisen“(wörtlich TV-Zeitung). Bei der Gründung von DR(damals Statsradiofonien) bedingte sich die Presse aus, dass nur kurze, von den Zeitungen vorgegebene Nachrichtentelegramme vorgelesen wurden, um den Zeitungen nicht zu viel Konkurrenz zu machen. Erst Mitte der 1960er übernahm DR die alleinige Verantwortung für seine Nachrichtensendungen. ZUKUNFT DES ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN RUNDFUNKS Wenn man Dän_innen fragt, welchen Medien sie vertrauen, rangieren DR und TV 2 weit oben. Es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich das in naher Zukunft ändern wird. Und es gibt immer noch die Momente, in denen es DR und TV 2 schaffen, große Teile der Bevölkerung vor den Fernsehbildschirm zu locken – vor allem bei der jährlichen Silvesteransprache der Königin. Aber auch ein gemeinsames Singen während des Corona-Frühjahres 2020 lockte regelmäßig Hunderttausende, DRs Fernseh- oder Radioangebot einzuschalten. All das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Konsum von linearem Radio und Fernsehen, das von den öffentlich-rechtlichen Anbietern dominiert wird, rückläufig ist. Es sind vor allen Dingen die älteren Dän_innen, die lineare Medienangebote noch nutzen. Die Mehrheit der Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen(unter 35 Jahren) hat keinen täglichen Kontakt zu„Public Service“-Radio. Beim Fernsehen sieht es kaum anders aus – es wird deutlich mehr gestreamt. Die Streamingangebote, die die meisten Dän_innen nutzen, sind allerdings oft ausländisch: Neben der Streamingplattform von DR(DRTV) gehören YouTube und Netflix zu den Spitzenreitern in der Zuschauergunst. Dass es öffentlicher Mittel bedarf, um ein vielfältiges dänisches Medienangebot zu sichern, ist deshalb offensichtlich. Viele Herausgeber sind wie erwähnt von öffentlicher Förderung abhängig, weil ihnen die Abonnent_innen wegbrechen, und der dänische Onlinemarkt so klein ist, dass es schwierig ist, rentabel zu wirtschaften. 5 ÖFFENTLICH-RECHTLICHER RUNDFUNK IN DÄNEMARK SCHLUSSFOLGERUNGEN Ob die Abschaffung der Medienlizenz und die Umstellung auf eine reine Steuerfinanzierung den öffentlich-rechtlichen Rundfunk von politischer Seite angreifbarer machen, bleibt abzuwarten. Jedenfalls kann man nicht behaupten, dass das Beitragsmodell DR vor andauernder Kritik, besonders aus dem bürgerlichen Lager, geschützt hätte. Außerdem gehörten die Beiträge in Dänemark zu den höchsten in Europa, eine Finanzierung über die Steuer macht diese Kosten für die Bürger_innen weniger sichtbar. Auch Verteilungskämpfe mit den kommerziell geführten Verlagshäusern sind wie beschrieben nichts Neues. Noch erreicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk regelmäßig die große Mehrheit der Dän_innen – die wiederum dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in hohem Maße vertrauen. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir auch in Dänemark große Umwälzungen beobachten können, vor allen Dingen durch die voranschreitende Digitalisierung und ihrer einhergehenden Abwendung von linearem Fernsehen und Radio hin zu Streamingangeboten. Darauf müssen DR und TV 2 Antworten finden. Es geht u.a. darum, Inhalte streamingfreundlich zu vermitteln. DRs„Public Service“-Vertrag definiert – politisch gewollt – einen relativ engen Rahmen für DRs Netzaktivitäten(besonders was längere Texte angeht), was sicherlich nicht förderlich für die Entwicklung neuer, innovativer Medienangebote ist. Die vorangegangene Diskussion zeigt also, dass die Herausforderungen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Dänemark groß sind. Die aktuelle Haushaltsplanung (Herbst 2020) der amtierenden sozialdemokratischen Minderheitsregierung sieht vor, dass die massiven Einsparungen bei DR, die bis 2023 schrittweise durchgeführt werden sollten, die letzten beiden Jahre(2022 und 2023) ausgesetzt werden, so dass die Einsparungen geringer ausfallen. Ob das tatsächlich so kommt, bleibt abzuwarten. Unabhängig davon lässt sich jedoch zusammenfassend sagen, dass zu den wichtigsten Herausforderungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Dänemark Folgendes gehört: 11 – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene: Streaming wird immer populärer. Einige erreicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk überhaupt nicht mehr regelmäßig. Es reicht nicht, lediglich klassische Broadcastformate ins Netz zu stellen. Streaming stellt besondere Anforderungen, z.B. an den dramaturgischen Aufbau von Inhalten. – Nachrichtenvermeidung: Zwei von fünf Dän_innen, besonders jüngere, vermeiden ‚oft‘ oder ‚hin und wieder‘ Nachrichten. 12 Das kann zu einer Kluft zwischen den gesellschaftlich Informierten und den Nicht-Informierten führen, mit potenziell großen und negativen Konsequenzen für das Funktionieren der Demokratie. Streaming macht es an Politik und Gesellschaft weniger Interessierten noch einfacher, solchen Informationen aus dem Weg zu gehen. Es geht deshalb u.a. darum, streamingfreundliche Angebote für Nachrichten und Aktuelles zu entwickeln. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass sog. „Explainer“ relativ gut das jüngere Publikum erreichen. Es geht also u.a. darum, Inhalte so zu strukturieren und zu formatieren, dass sie für(Live-)Streaming attraktiv werden. – Medienförderung: Den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu beschneiden, um kommerzielle Herausgeber in ihrem Existenzkampf zu stützen, birgt das Risiko, dass am Ende beide an Relevanz für die öffentliche Debatte und den gesellschaftlichen Zusammenhalt verlieren. Die umfassende staatliche Förderung der kommerziellen Herausgeber muss ermöglichen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr als Partner denn als Konkurrent zu sehen. Das Gros der Akteure eint eine publizistische Orientierung. – Internationale Kooperationen: Zu den dominierenden Streamingangeboten gehören ausländische Plattformen wie Netflix oder YouTube, weshalb Werbe- und Abonnenteneinnahmen ins Ausland abwandern. Das erschwert, ein qualitativ hochwertiges dänisches Angebot zu produzieren. Es müssen Mittel bereitgestellt werden, um mit den besten dänischen Künstler_innen streamingfreundliche Angebote produzieren zu können. Die Zusammenarbeit mit den skandinavischen Nachbarn zu vertiefen, ist wegen der sprachlichen und kulturellen Nähe ein möglicher Weg. Die dänisch-schwedische Fernsehserie„Die Brücke“(an der auch das ZDF beteiligt war) zeigte, dass solche Kooperationen sehr erfolgreich sein können. 11 Public service-udvalget.(2016). Public service de næste 10 år: Rapport fra Public service-udvalget. Kulturministeriet. https://english.kum.dk/fileadmin/KUM/Documents/ Publikationer/2016/Rapport_Public_service-udvalget.pdf [10.12.2020] 12 Schrøder, K. C., Blach-Ørsten, M.,& Eberholst, M. K.(2019: 45). Danskernes brug af nyhedsmedier 2019. Roskilde Universitet. https://rucforsk.ruc.dk/ws/portalfiles/portal/65723297/ Danskernes_brug_af_nyhedsmedier_2019.pdf [10.12.2020] AUTOR IMPRESSUM Foto: Anna Staender David Nicolas Hopmann ist Professor am Zentrum für Journalismus, Institut für Politikwissenschaften der Süddänischen Universität in Odense, Dänemark. Aktuell leitet er u.a. das von NORFACE geförderte internationale Forschungsprojekt The Threats and Potentials of a Changing Political Information Environment (2020-2023): threatpie.eu . Aufgewachsen ist er in der dänischen Minderheit Schleswig-Holsteins. DANKSAGUNG 01/2021 Friedrich-Ebert-Stiftung Medienpolitik Godesberger Allee 149 53175 Bonn fes.de/medienpolitik Büro Nordische Länder Västmannagatan 4 10362 Stockholm nordics.fes.de Verantwortlich für die Publikation in der FES Katrin D. Dapp, Bonn Josefin Fürst, Dr. Philipp Fink, Stockholm Für viele hilfreiche Tipps und Anregungen bin ich Lene Heiselberg, Morten Thomsen und Erik Albæk sehr dankbar. REIHE: ÖFFENTLICH-RECHTLICHER RUNDFUNK IN EUROPA Der öffentlich-rechtliche Rundfunk(ÖRR) gerät in verschiedenen europäischen Ländern zunehmend unter politischen Druck und wird finanziell eingeschränkt. Auch in Deutschland werden immer wieder grundsätzliche Rechtfertigungen vom ÖRR verlangt; gleichzeitig nehmen Ansprüche an die Rundfunkanstalten nicht ab. Im Gegenteil werden z.B. eine zügige Umstrukturierung der Medienhäuser, Verschiebung der linearen Inhalte auf moderne Digitalangebote sowie weiterhin die Erreichung einer breiten, heterogenen Öffentlichkeit erwartet. Bildverzeichnis Titel: Vitomirov/Getty Images/iStockphoto Karte: Designed by Freepik Gestaltung Bergsee, blau Verlag Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn ISBN 978-3-96250-794-7 Die in der Publikation vertretenen Ansichten entsprechen nicht notwendigerweise denen der Friedrich-Ebert-Stiftung. CC BY-NC-ND 4.0 Um zu verstehen, welchen Stellenwert der ÖRR hat und dass dieser zum Wohl der Demokratie geschützt werden muss, lohnt sich ein Blick in andere europäische Länder. Diese Publikation ist die zweite in einer Reihe von„Länderberichten“ zum Stand des ÖRR. Wir erwarten eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen, die in Deutschland und auf europäischer Ebene weiter diskutiert werden sollen. Bisher in dieser Reihe erschienen Großbritannien Dänemark