Christoph Döbele, Sophia Schmid WAS WILL DER NORDEN? Einstellungen zu Politik und Politikideen in Schleswig-Holstein Julius-Leber-Forum FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? Die Friedrich-Ebert-Stiftung Die Friedrich-Ebert-Stiftung(FES) wurde 1925 gegründet und ist die traditionsreichste politische Stiftung Deutschlands. Dem Vermächtnis ihres Namensgebers ist sie bis heute verpflichtet und setzt sich für die Grundwerte der Sozialen Demo­ kratie ein: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Ideell ist sie der Sozialdemokratie und den freien Gewerkschaften verbunden. Die FES fördert die Soziale Demokratie vor allem durch: – politische Bildungsarbeit zur Stärkung der Zivilgesellschaft – Politikberatung – internationale Zusammenarbeit mit Auslandsbüros in über 100 Ländern – Begabtenförderung – das kollektive Gedächtnis der Sozialen Demokratie mit u. a. Archiv und Bibliothek Das Julius-Leber-Forum ist das Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung für die Bundesländer Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Seit 1995 bieten wir in diesen drei Ländern Veranstaltungen zur politischen Bildung an: von öffentlichen Diskussionsforen über Ausstellungen, Exkursionen und Jugend­beteiligungsprojekte bis hin zu Kompetenztrainings und Wochenendseminaren. EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN Christoph Döbele, Sophia Schmid WAS WILL DER NORDEN? Einstellungen zu Politik und Politikideen in Schleswig-Holstein INHALT 1. VORBEMERKUNGEN UND METHODIK 2 2. AKTUELLE STIMMUNG IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 3 3. POLITIK IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 6 4. DIE WICHTIGSTEN THEMEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 10  4.1 Wirtschaft und Arbeit 11 4.2 Umwelt- und Klimaschutz 13 4.3 Infrastruktur und Mobilität 14 4.4 Gesundheit und Pflege 15 4.5 Bildung und Soziales 16 4.6 Migration und Integration 17 5. GEMEINSAME IDENTITÄT UND ZUKUNFT 18 NACHWORT DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG 21 Abbildungsverzeichnis 23 Anhang 24 Eine Studie von Kantar, Public Division, im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Julius-Leber-Forum FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 2 1. VORBEMERKUNGEN UND METHODIK Seit Jahrzehnten sprechen Soziolog_innen von einer Aus­ differenzierung der Gesellschaft und der Auflösung weitgehend homogener Milieus, in denen ähnliche politische Einstellungen vorzufinden seien. Diese Ausdifferenzierung hat neben einer sozialen und einer kulturellen auch eine geografische Dimension. Schleswig-Holstein ist als zweitkleinstes Flächenland unter den deutschen Bundesländern mit rund 2,9 Millionen Einwohner_innen ländlich geprägt. Dennoch gibt es auch urbane Zentren mit mehr als 200.000 Einwohner_innen wie Kiel und Lübeck. Darüber hinaus besitzt Hamburg als direkt angrenzende Millionenstadt ein großes Einzugsgebiet auf schleswig-holsteinischer Seite, das ebenfalls urban geprägt ist. Vor diesem Hintergrund dient diese Studie dazu, die gegenwärtigen politischen Einstellungen, Themenprioritäten und Politikideen der Bevölkerung Schleswig-Holsteins zu ermitteln. Sie kann aufzeigen, in welchen Bereichen sich Einstellungen in Deutschland und in Schleswig-Holstein überschneiden und wo es regionalspezifische oder soziodemografische Unters­chiede gibt. Zudem wurde untersucht, ob Stadt-LandGegensätze als eine Konfliktlinie wirken. Grundlage der Studie ist eine quantitative Bevölkerungsbefragung unter 1.547 Personen der wahlberechtigten Bevölkerung ab 16 Jahren. Die Befragung wurde vom 11. bis 31. August 2020 durchgeführt. Die Daten wurden als Mixed Mode erhoben, eine Kombination aus telefonischer Befragung(CATI) und Online-Befragung(CAWI). 751 Schleswig-Holsteiner_innen wurden telefonisch befragt(Zufallsstichprobe für Festnetz nach den Regeln des ADM – Arbeitskreis Deutscher Marktund Sozialforschungsinstitute e.V.), 796 mithilfe eines offline rekrutierten Online-Panels(Quotenstichprobe nach den Merk­malen Alter, Geschlecht, Bildung, regionaler Faktor (BIK-Agglomerationsgrößenklassen). Die durchschnittliche Be­fragungsdauer lag bei 20 Minuten. Die Daten wurden sowohl im Hinblick auf das Design als auch faktoriell gewichtet nach Daten der amtlichen Statistik des Landes Schleswig-Holstein. Die quantitativen Ergebnisse wurden im Anschluss im Rahmen einer Online-Community vertieft und weiter analysiert. Die qualitative Befragung wurde vom 30. September bis 2. Oktober 2020 durchgeführt. Insgesamt 16 Personen bearbeiteten und diskutierten im genannten Zeitraum verschiedene Aufgaben rund um die politische Lage in SchleswigHolstein auf einer extra hierfür eingerichteten Plattform. An jedem der drei Tage sollten die Teilnehmenden verschiedene Aufgaben im zeitlichen Gesamtumfang von jeweils ca. 30 Minuten bearbeiten. Der Bearbeitungszeitpunkt war ihnen innerhalb des entsprechenden Tages selbst überlassen. Die Community moderierten zwei Sozialforscher_innen von Kantar, zugleich Autor_innen dieses Textes. Die Zielgruppe der Online-Community umfasste wahlberechtigte Personen in Schleswig-Holstein(ab 16 Jahren). Die Quotierung der Gruppe erfolgte dabei auf Einladungsebene sowohl nach Alter und Geschlecht als auch nach formaler Bildung und regio­ nalem Faktor(nach BIK-Zuordnung). Von insgesamt 30 Einge­ ladenen haben sich im ersten Schritt 21 auf der Plattform registriert und 16 Personen alle Aufgaben bis zum Ende erfolgreich bearbeitet. Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu beachten, dass es sich bei Online-Communitys um eine qualitative Forschungsmethode handelt, die für sich nicht den Anspruch auf Repräsentativität erhebt. EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 3 2. AKTUELLE STIMMUNG IN SCHLESWIG-HOLSTEIN Die Menschen in Schleswig-Holstein gelten Untersuchungen zufolge als die glücklichsten in Deutschland. 1 Ihre Lebens­ zufriedenheit im August 2020 bestätigt diese Einschätzung zunächst einmal. Auf einer Zufriedenheitsskala von 0 bis 10 weisen die befragten Schleswig-Holsteiner_innen einen Durchschnittswert von 7,5 auf. 86 % der Befragten geben dabei einen Wert oberhalb der Mittelkategorie 5 an, sind also eher zufrieden als unzufrieden. Die subjektive Einschätzung der Lebenszufriedenheit hängt dabei maßgeblich von der eigenen wirtschaftlichen Situation ab. Während Menschen mit einem niedrigen Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.500 Euro monatlich nur einen Durchschnittswert von 6,5 aufweisen (das entspricht einer Verteilung oberhalb der Mittelkategorie von 67 %), zeigen Personen der höchsten Einkommenskate­ gorie über 3.500 Euro monatlich eine durchschnittliche Lebenszufriedenheit von 7,9(94 % oberhalb der Mittelkategorie). Lebenszufriedenheit Abbildung 1 Lebenszufriedenheit Alles in allem: Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrem Leben? 52 1 ganz und gar unzufrieden 4 unzufrieden 0 1 2 3 4 © Kantar 2020 Frage 1: Alles in allem: Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig mit Ihrem Leben? 28 15 mittel zufrieden ganz und gar zufrieden 5 6 7 7,5 8 9 10 Ø Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab Angaben in Prozent 16 Jahren Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren 1 Siehe zum Beispiel https://www.kn-online.de/Nachrichten/Schleswig-Holstein/Gluecksatlas-In-Schleswig-Holstein-sind-die-Menschen-am-gluecklichsten, zuletzt besucht am 11. November 2020. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 4 In der Online-Community wird ein weiterer Grund für die Zufriedenheit der Schleswig-Holsteiner_innen genannt: die ruhige und ländliche Lage nahe am Meer. Diese wirke positiv auf die Menschen und führe zu mehr Gelassenheit im persönlichen Leben und auch in politischen Dingen. „Das Landleben, das Ruhige, das ist das, was die Schleswig-Holsteiner zufrieden macht. Unsere kleinen, süßen Städte. Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen. Wir haben beide Meere. Wir haben unsere frische Luft. Die meisten besitzen ein Eigenheim und einen eigenen Garten. Allein schon die Gartenarbeit wirkt super beruhigend auf mich. In der Coronazeit haben wir unsere Umgebung noch mehr wahrgenommen und festgestellt, wie sehr wir alles lieben...“ Weiblich, 37 Jahre „Ich denke, in Schleswig-Holstein ist es besonders schön, da wir mit unserer Lage direkt zwischen Nord- und Ostsee genau das vor der Tür haben, wofür viele uns beneiden – das Meer. Welch ein Luxus, dass man nach einem stressigen und anstrengenden Tag in kurzer Zeit am Strand sitzen oder spazieren kann und einfach den Kopf frei bekommt. Dennoch kann man schnell die Großstadt besuchen. Wenn man etwas braucht, ist es absolut nicht schwierig, dort etwas zu bekommen. Die Nähe zu unseren dänischen Freunden lässt einen schnell ins Ausland, wenn man mal eine kurze Pause von dem deutschen Trott braucht. Das Land kommt mir zudem gut organisiert vor, man hat das Gefühl, man kann hier alt werden, und das entspannt und macht glücklich.“ Weiblich, 23 Jahre „Wir haben nicht so viele große Städte und eher ländliche Regionen, alles in Klein und Fein. Man kennt sich und hilft sich gegenseitig. Die Nähe zum Wasser spielt, denke ich, auch eine Rolle.“ Weiblich, 27 Jahre „Viele Menschen wohnen hier noch recht ländlich, man kennt sich, man hilft sich. Es ist nicht so anonym wie in der Großstadt. Wir haben Nord- und Ostsee oder auch Dänemark vor der Tür, um mal zu entschleunigen, man sieht vieles gelassen. Dann sollte man doch zufrieden sein.“ Männlich, 52 Jahre Die eigene wirtschaftliche Lage wird von einer großen Mehrheit(84 %) trotz der COVID-19-Pandemie gut(65 %) oder sogar sehr gut(19 %) bewertet. Nur 16% der SchleswigHolsteiner_innen geht es finanziell weniger gut(14 %) oder schlecht(2 %). Insbesondere ältere Menschen ab 65 Jahren – also die Gruppe der Rentner_innen – sind weniger von krisenbedingten Schwankungen betroffen(90%). Auf Landesebene urteilt die Hälfte der Befragten, dass es Schleswig-Holstein wirtschaftlich gut geht(53 %). Die Menschen äußern sich damit deutlich kritischer hinsichtlich des Landes als zu ihrer eigenen Situation. Dennoch wird die Lage im Bundesvergleich optimistisch betrachtet. In ganz Deutschland ist zum gleichen Zeitpunkt nur ein gutes Drittel(38 %) davon überzeugt, dass es wirtschaftlich gut läuft. 2 In Schleswig-Holstein ist die jüngere Hälfte der Bevölkerung optimistischer als die ältere. Die Wahrnehmung der Situation im Bundesland wird außerdem maßgeblich von der eigenen wirtschaftlichen Situation beeinflusst(+20 Prozentpunkte für Befragte, denen es selbst wirtschaftlich gut geht, im Vergleich zu Personen, denen es nicht gut geht). Dennoch finden vier von fünf Schleswig-Holsteiner_innen, dass es eher gerecht in ihrem Bundesland zugeht(81 %). Nur jede_r Achte sieht das anders(12 %). Auch diese Beurteilung hängt von der eigenen wirtschaftlichen Situation ab. Wem es gut geht, findet die Lage insgesamt eher gerecht (85 %) als Menschen, denen es weniger gut geht(63 %). Außerdem korreliert die Sichtweise stark mit der Bewertung des COVID-19-Krisenmanagements der Landesregierung (+31 Prozentpunkte bei Zufriedenheit mit dem Krisen­ management). Genau mit diesem Krisenmanagement sind insgesamt drei Viertel der Bürger_innen in Schleswig-Holstein zufrieden (77 %). Nur etwa jede_r Fünfte äußert sich gegenteilig (22 %). Dabei hängt die Bewertung stark von der eigenen wirtschaftlichen Lage ab. Menschen, die finanziell keine negativen Auswirkungen durch die Krise bemerkt haben, sind häufiger zufrieden als Menschen, die finanzielle Probleme haben(+15 Prozentpunkte). Umgekehrt zeigt sich ein Drittel(33 %) der Befragten, die ihre eigene wirtschaftliche Lage negativ sehen, unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Landesregierung. 2 ARD-DeutschlandTREND August 2020. EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 5 Abbildung 2 Wirtschaftliche Lage in Schleswig-Holstein Wirts U c nd h w a e f n t n l S i i c e a h n e die L de a rz g ei e tige in allg S em c ei h ne l w e ir s ts w cha i f g tlic h H e S o itu l a s tio t n e i i n n Schleswig-Holstein denken: Würden Sie sagen, diese ist…? Schlecht Sehr gut 3 42 40 Weniger gut 51 Gut Alter 16-34 Jahre 35-49 Jahre 50-64 Jahre 65+ Jahre sehr gut gut weniger gut schlecht 3 58 2 58 1 46 2 46 ​ 33 2 ​ 34 4 ​ 47 4 43 3 Eigene wirtschaftliche Lage Sehr gut/ gut 3 54 37 ​ 3 Weniger gut/ schlecht 37 51 ​ 6 Angaben A in ng P a r b o e z n e i n n t Prozent Frage 3: Und wenn Sie an die derzeitige allgemeine wirtschaftliche Situation in SchleswigFehlende Werte F z e u hl 1 e 0 nd 0 e % W : e w rte e z iß u 1 n 0 i 0 c % ht : w / e k i e ß in n e ich A t/ n k g e a in b e e Angabe Holstein denken: Würden Sie sagen diese ist…? Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren © Kantar 2020 Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren In einer offenen Abfrage, was gut und was schlecht laufe im Bundesland, gaben bei den positiven Aspekten 58 % der Befragten eine inhaltliche Antwort. Die übrigen 42 % antworteten mit„weiß nicht“ oder gaben keine Antwort. Bei den negativen Aspekten fiel es den Befragten trotz der allgemeinen Zufriedenheit offensichtlich leichter, eine Antwort zu geben, hier machten drei Viertel(74 %) eine inhaltliche Nennung, 26 % antworteten mit„weiß nicht“ oder gar nicht. Auf der positiven Seite werden an erster Stelle die CoronaMaßnahmen und das Krisenmanagement in Schleswig-Holstein genannt. Jede_r Zehnte(10 %) findet, dass dieses augenblicklich gut laufe. Jede_r Elfte(9 %) nennt allgemein die Landespolitik oder Teile der Landespolitik als positive Bei­ spiele für das Land. 8 % beantworten die Frage, was gut laufe, mit der allgemein hohen Lebensqualität in SchleswigHolstein, die wiederum mit der Lage zwischen Nord- und Ostsee, der Natur und den Menschen zusammenhänge. Auf der negativen Seite wird ein konkretes Politikfeld als größtes Problem genannt: 12 % sehen dringenden Handlungsbedarf bei den Themen Bildung, Schule und Kinder­ betreuung. Die Befragten beziehen sich teilweise auf die COVID-19-Pandemie, üben aber auch grundsätzliche Kritik an den Bildungsinstitutionen im Land. An zweiter Stelle wird von 10 % Corona als Problem genannt. Auffällig ist hier, dass vor allem zu lockere Maßnahmen und deren mangelhafte Kontrolle als Problem gesehen werden, hingegen fast niemand zu starke Eingriffe im Interesse des Infektions­ schutzes kritisiert. Die wirtschaftliche Lage im Bundesland wird von jeder/jedem Elften als Problem genannt(9 %). Gleichzeitig ist eine individuelle Betroffenheit bei der Themenpriorisierung erkennbar. Befragte mit Kindern im Haushalt nennen die Themen Schule, Kinderbetreuung, Bildung häufiger(20 %) als Befragte ohne Kinder im Haushalt(9 %). Die Infrastruktur wird in Großstädten seltener kritisiert(5 %) als in mittelgroßen Städten(14 %) oder auf dem Land(12 %). FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 6 3. POLITIK IN SCHLESWIG-HOLSTEIN Die Menschen in Schleswig-Holstein interessieren sich mehrheitlich für Politik(64 %), solche mit hoher formaler Bildung noch deutlich mehr(74 %). Männer zeigen nach eigener Aussage ein höheres politisches Interesse(74 %) als Frauen (55 %), Menschen mit einem hohen Einkommen mehr(74 %) als Menschen mit niedrigem Einkommen(48 %). Diese Ergebnisse decken sich mit denen zahlreicher anderer Studien. Aus einer langen Forschungstradition wissen wir, dass Befragte bei dieser Frage dazu neigen, ihr politisches Interesse als stärker darzustellen, als es ist. Die Werte dieser Unter­ suchung bewegen sich aber im Rahmen vergleichbarer bundesweiter Studien. Dabei kommen die allermeisten in ihrem alltäglichen Medienkonsum mit Politik in Berührung(93 %). Auch mit Familie und Freunden unterhalten sich viele Schleswig-Holsteiner_innen häufig bzw. gelegentlich über politische Themen(78 %). Etwa die Hälfte der Befragten kommt auf Social-Media-Plattformen mit Politik in Berührung(52 %), dies betrifft erwartungsgemäß stärker die jüngeren Befragten(73 %). Am Arbeitsplatz bzw. in der Schule oder Universität hat ebenfalls knapp die Hälfte der Schleswig-Holsteiner_innen Kontakt zu politischen Themen(48 %). In der Freizeit gehen vier von zehn Hobbys und Beschäftigungen nach, bei denen sie mit Politik in Berührung kommen(40 %). Jede_r Dritte besucht öffentliche Veranstaltungen mit politischem Inhalt, zu denen auch politische Bildungsangebote zählen(34 %). Abbildung 3 Touchpoints Politik Touchpoints Politik Wo kommen Sie im Alltag normalerweise mit Politik in Berührung? In meinem alltäglichen Medienkonsum In persönlichen Gesprächen mit Freunden/ Familie Bei der Nutzung sozialer Netzwerke Auf der Arbeit/ in der Schule oder in der Uni In meiner Freizeit/ bei Hobbies z.B. im Verein Bei öffentlichen Veranstaltungen 93 78 Häufig Gelegentlich Selten Nie 76 17 6 1 7 39 39 17 5 22 52 25 27 22 25 47 48 23 25 17 27 44 40 12 28 31 29 60 34 7 27 41 24 65 © Kantar 2020 Frage 11: Wo kommen Sie im Alltag normalerweise mit Politik in Berührung? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 7 Auch die Teilnehmenden der Online-Community wurden gebeten, festzuhalten, wann und wo sie im Alltag mit Politik in Berührung kommen, und diese politischen Kontaktpunkte fotografisch zu dokumentieren. Vielfach wurden Nachrichtensendungen im Fernsehen oder Zeitungen abfotografiert, sowohl in lokalen als auch in nationalen Medien. Ebenfalls analog zur quantitativen Befragung wurde von Gesprächen über Politik vor allem mit der eigenen Familie oder Freunden berichtet. Die inhaltliche Bandbreite war dabei sehr vielfältig, sie reichte von lokalen bis zu internationalen Themen. Die COVID-19-Pandemie sowie der zum Untersuchungszeitpunkt laufende US-Präsidentschaftswahlkampf wurden ebenfalls häufig genannt. „Sowohl mit meinen Kommilitonen als auch mit meiner Familie habe ich über politische Themen gesprochen. Die aktuelle Coronapolitik war natürlich ein Thema und auch die Wahlen in Amerika bieten ein großes Diskus­ sionspotenzial. Auf Twitter ist mir dann noch eine Debatte zum Thema Polizeigewalt bzw. Rassismus bei der deutschen Polizei aufgefallen, bei der einige die Polizei verteidigten, während andere sehr intensiv gegen die Polizei gestellt waren.“ Weiblich, 23 Jahre „Mit meiner Lebensgefährtin bin ich in einem ständigen Diskurs über politische Ereignisse auf nationaler und internationaler Ebene. Hier im Besonderen die momentane Situation in den USA auf Grund der anstehenden Wahlen. Mit meiner jüngsten Tochter unterhalte ich mich regelmäßig über die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Auswirkungen.“ Männlich, 36 Jahre Trotz des großen Interesses und der vielfältigen Berührungspunkte mit Politik zeigt sich insgesamt eine Skepsis unter den Schleswig-Holsteiner_innen gegenüber der Politik als Ganzem. Vier von fünf Befragten(80 %) sind der Meinung, dass Parteien ihre Wahlversprechen nicht halten. Zwei Drittel glauben, dass die Politik nicht wisse, was sie persönlich bewegt(68 %). Mehr als die Hälfte geben an, es gebe keine Partei, deren Angebot sie überzeuge(55 %). Rund die Hälfte der Schleswig-Holsteiner_innen ist der Meinung, dass die Medien zu unkritisch über Politik berichten(48 %). Andererseits sagen gleichzeitig drei von fünf Befragten(59 %), dass die Bürger_innen zu hohe Erwartungen an die Politik hätten. Trotz dieser Kritik am politischen Betrieb allgemein und Parteien im Besonderen werden soziale Bewegungen interessanterweise nicht als bessere Alternativen wahrgenommen. Nur ein Drittel(32 %) findet, diese böten bessere Lösungen Abbildung 4 Grundlegende politische Gefühle Grun Im d Fo l l e ge g nd e e n n f d ind e en p Si o e e li in t i i g s e A c u h ss e age G n ü e be f r ü d h ie l P e olitik im Allgemeinen, inwieweit treffen diese Aussagen Ihrer Meinung nach zu? Trifft voll und ganz zu Trifft eher zu Trifft eher nicht zu Trifft überhaupt nicht zu Die Parteien versprechen in ihren Wahlprogrammen Dinge, die sie nach der Wahl nicht halten. Die Politik weiß nicht, was mich persönlich bewegt . Die Bürgerinnen und Bürger haben zu große Erwartungen an die Politik. Es gibt keine Partei, deren Angebot mich überzeugt. Die Medien berichten zu unkritisch über Politik. Soziale Bewegungen – wie zum Beispiel„Fridays for Future“ – bieten bessere Lösungen für die aktuellen Probleme als Parteien. 80 31 49 68 27 41 59 19 40 55 22 33 48 16 32 32 7 25 17 1 18 24 5 29 29 9 38 31 12 43 37 10 47 42 21 63 © Kantar 2020 Frage 12: Im Folgenden finden Sie einige Aussagen über die Politik im Allgemeinen. Inwieweit treffen diese Aussagen Ihrer Meinung nach zu? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 8 für die Probleme der Zukunft als Parteien. Auch jüngere Befragte(16 bis 34 Jahre) antworten hier nur unwesentlich positiver(34 %) als der Durchschnitt, was vor dem Hintergrund der medial sehr präsenten Jugendbewegung„Fridays for Future“ nicht unbedingt zu erwarten war. Die meisten Teilnehmenden der Online-Community sind nicht überrascht über das Studienergebnis, nach dem zwei Drittel der Wahlberechtigten meinen, die Politik wisse nicht, was sie persönlich bewege. Auch in den Gesprächen der Online-Community wird Kritik geäußert an„leeren Wahlversprechen“, zu starken Eigeninteressen von Politiker_innen und einem fehlenden Kontakt zur Bevölkerung. Der Politik wird außerdem unterstellt, häufig bewusst vage zu bleiben, um sich nicht unbeliebt zu machen. Der ganze politische Betrieb wird als sehr juristisch und alltagsfern bezeichnet. Die lange Dauer von Entscheidungsprozessen und politischen Projekten wird kritisiert. Vereinzelte Nennungen attestieren der deutschen Politik jedoch, im internationalen Vergleich mit der Politik anderer Länder einen guten Job zu machen. Auch hier werden die Erwartungen der Bürger_innen teilweise als zu hoch eingeschätzt. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die Teilnehmenden einerseits also eine größere Nähe zur Politik wünschen – also Dialoge, die Zeit benötigen. Andererseits suchen sie nach klaren Entscheidungsstrukturen, die es ermöglichen, Projekte schnell und effizient durchzuführen. Diese Einstellung muss nicht, aber kann zu einer Institutionen- und am Ende zu einer Demokratiekritik anwachsen. „Ich kann dem Ganzen voll zustimmen. Der heutigen Generation ist Umwelt, Gleichberechtigung, faires Gehalt etc. so wichtig, dennoch hat man selbst nach einem Jahr Fridays for Future etc. nicht das Gefühl, dass bei den Politikern etwas ankommt.“ Weiblich, 23 Jahre „Überrascht bin ich nicht. Es ist en vogue, grundsätzlich mit allem unzufrieden zu sein. Aber in Deutschland leben wir in einem Land, in dem noch immer sehr viel gut läuft und in dem zumindest ein guter Teil der Politiker etwas Positives bewirken wollen. Das gelingt zwar lange nicht immer und dauert auch oft viel zu lange, aber im Vergleich mit vielen anderen Ländern können wir sehr zufrieden sein.“ Männlich, 58 Jahre Schleswig-Holstein grenzt im Süden an Hamburg(und Nieder­ sachsen) und im Norden an Dänemark. Viele Menschen im Süden Schleswig-Holsteins arbeiten in Hamburg und haben eine hohe Bindung zum benachbarten Bundesland. Auch politisch blicken viele Menschen in den an Hamburg angrenzenden Landkreisen auf die Hansestadt. Mehr als drei Viertel (78 %) der Bewohner_innen des Hamburger Umlands sagen, dass ihnen Hamburg politisch mindestens genauso wichtig sei wie Schleswig-Holstein. Dabei schwankt die Zustimmung von 85 % im Landkreis Pinneberg bis 61 % im – etwas weiter Abbildung 5 Politische Verbundenheit mit Hamburg / Dänemark Politisch ist für mich Hamburg mindestens genauso wichtig wie Schleswig-Holstein. sche Verbun Po d liti e sc n h i h st e fü i r t m m ich i D t än H em a a m rk m b in u de r s g ten / s g D en ä au n so e w m ich a tig rk wie Schleswig-Holstein. 36 42 47 61 85 © Kantar 2020 mich Hamburg mindestens genauso wichtig wie Schleswig-Holstein. mich Dänemark mindestens genauso wichtig wie Schleswig-Holstein. 78 79 76 Angaben in Prozent Wahlberechtigte in Prozent I top 2 Werte Neue Basis: wahlb A e ng re a c b h en ti i g n t P e ro B z e e v n ö t| lk to e p r 2 un W g er i t n e den jeweiligen Landkreisen Neue Basis: Wahlberechtigte in den jeweiligen Landkreisen EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 9 von der Großstadt entfernten – Landkreis Steinburg. Im Vergleich dazu haben die Menschen in den nördlichen Landkreisen eine geringe Verbindung zur Politik in Dänemark. Insgesamt sagen knapp die Hälfte(43 %) der grenznah lebenden Befragten, dass Dänemark politisch für sie genauso wichtig sei wie Schleswig-Holstein. Die größte Zustimmung besteht dabei im Landkreis Schleswig-Flensburg(47 %), die geringste in Nordfriesland(36 %). Drei Viertel der Schleswig-Holsteiner_innen sind zufrieden mit der Landesregierung(77 %). Im Bundesländervergleich ist dies der höchste Wert seit Beginn der COVID-19-Pandemie. 3 Die persönliche Lebenssituation wird dabei zum Teil in die Beurteilung der Landespolitik hineinprojiziert. So sind Menschen, die mehr Geld zur Verfügung haben, auch zu­ friedener mit der Landesregierung als jene, denen es weniger gut geht(+24 Prozentpunkte). Eine positive Bewertung des COVID-19-Krisenmanagements wirkt sich noch stärker auf die Zufriedenheit mit der Arbeit der Landesregierung aus (+44 Prozentpunkte). Im Vergleich zu der bereits betrachteten großen Skepsis gegenüber„der Politik“ im Allgemeinen zeigt sich, dass das politisch Abstrakte kritischer gesehen wird als das Konkrete und Nähere. 3 Vgl. ARD-Ländertrends. Keine Erhebung seit Beginn der COVID-19-Pandemie in Bayern, Berlin, Hessen und Sachsen. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 10 4. DIE WICHTIGSTEN THEMEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN Als wichtigste Themen für die schleswig-holsteinische Landespolitik der Zukunft werden Schule und Bildung(52 %), Umwelt und Klima(39 %), Digitalisierung(37 %) sowie Wohnungsbau und Mieten(36 %) genannt. Obwohl nur die Hälfte der Befragten die aktuelle wirtschaftliche Situation als gut bewertet, sind die Themen Wirtschaft(21 %) und Arbeitsmarkt(19 %) weniger häufig genannt worden. Es zeigt sich auch hier, ähnlich wie in der offenen Abfrage in Kapitel 2, eine individuelle Themenpriorisierung nach Betroffenheit. Befragte mit Kindern im Haushalt nennen Schule und Bildung häufiger(66 %) als Menschen ohne Kinder im Haushalt(48 %). Ein noch größerer Unterschied zwischen diesen beiden Teilgruppen ist beim Thema Familie zu erkennen, etwa die Hälfte der Befragten mit Kindern im Haushalt (47 %) finden dieses Thema wichtig, wohingegen nur 15 % der Befragten ohne Kinder dem zustimmen. Interessanterweise sind jedoch kaum nennenswerte Unterschiede zwischen Stadt und Land erkennbar, weder im Bereich Digita­ lisierung noch bei Wohnungsbau und Mieten oder beim Thema Verkehr. Einzig beim Thema Gesundheit wird im ländlichen Raum ein stärkeres Engagement gefordert(24 %) als in mittelgroßen(15 %) oder Großstädten(17 %). Abbildung 6 Wichtige Zukunftsthemen Im Folgenden kommen einige Politikbereiche. Bitte nennen Sie die aus Ihrer Sicht drei wichtigsten W Be i r c eic h he t , i i g n d e en T en h si e ch m Sch e le n swig-Holstein in Zukunft stärker engagieren sollte. Schule und Bildung Umwelt und Klima Digitalisierung Wohnungsbau und Mieten Verkehr Familien Wirtschaft Arbeitsmarkt Gesundheit Steuern und Finanzen bis zu drei Nennungen 52 39 37 36 28 24 21 19 18 12 Angaben in Prozent, Mehrfachnennungen möglich Fehlende Wert A e n : g w ab e e i n ß in ni P c r h o t ze / n k t, e M in e e hr A fa n ch g n a e b n e nungen möglich © Kan F t ra r ge 20 9 2 : 0 Im Folgenden kommen einige Politikbereiche. Bitte nennen Sie die aus G Ih r r u e n r d S g ic e h s t a d m re t i heit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig F e H hl o e l n s d t e ei W n e a r b te: 1 w 6 ei J ß a n h i r c e ht n / keine Angabe wichtigsten Bereiche, in denen sich Schleswig-Holstein in Zukunft stärker engagieren sollte . Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 11 Auch in der qualitativen Teilstudie stellen sich Umwelt und Klima, Schule und Bildung sowie Wohnungsbau und Mieten als die wichtigsten Themen heraus. Verkehrsinfrastruktur wird im direkten Vergleich weniger genannt, spielt aber häufig in Kombination mit anderen Themen eine entscheidende Rolle für die Teilnehmenden der Online-Community. 4.1 Wirtschaft und Arbeit Wie bereits gesehen, wird die aktuelle wirtschaftliche Lage in Schleswig-Holstein gemischt beurteilt, jedoch deutlich besser als die bundesweite Lage. Passend hierzu machen sich in Schleswig-Holstein weniger Menschen Sorgen, ihren Arbeitsplatz aufgrund der COVID-19-Pandemie zu verlieren (15 %), als im gesamten Bundesgebiet(20 %). 4 Vor dem Hintergrund der massiven Corona-Hilfsprogramme zur Unterstützung der Wirtschaft fordern fast neun von zehn SchleswigHolsteiner_innen(88 %) stärkere Investitionen in Bildung und Infrastruktur, auch wenn dies höhere Schulden bedeute. In Krisenzeiten scheint die sogenannte schwarze Null aus Sicht der Bevölkerung an Bedeutung zu verlieren. Um die Wirtschaft zu stärken, fordern die Schleswig-Holsteiner_innen mehrheitlich Investitionen in den Erhalt von Arbeitsplätzen im Bereich„Schiffsbau und Werften“(65 %), in den Ausbau des Tourismus(59 %) und in die im Land in den vergangenen Jahren stark diskutierte Windkraftbranche(56 %). Das Engagement im Bereich„Schiffsbau und Werften“ wird vermutlich mehr aufgrund seiner starken Identifikationskraft gefordert und weniger aufgrund tatsächlicher Wachstumschancen. Hierfür spricht die höhere Zustimmung unter Menschen ab 65 Jahren(74 %) im Vergleich zur jüngsten Altersgruppe bis 34 Jahre(59 %). Umgekehrt ist es bei der Förderung von Windkraft, hier stimmt die jüngste Altersgruppe mehr zu (66 %) als die älteste Gruppe(54 %). Als Gefahr für die schleswig-holsteinische Wirtschaft sehen vier von fünf Wahlberechtigten den Fachkräftemangel(83 %). Dies bedeutet im Umkehrschluss eine durchaus hohe Relevanz der Arbeitsmarktpolitik und der Schaffung guter Arbeitsbedingungen, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Abbildung 7 Aussagen zur Wirtschaft Aus W sa ie g sta e rk n stim z m u e r n S W ie d i e r n t f s ol c ge h nd a en ft Aussagen zur Wirtschaft in Schleswig-Holstein zu? Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Schleswig-Holstein sollte mehr in Bildung und Infrastruktur investieren, auch wenn das neue Schulden bedeutet. Der Fachkräftemangel ist ein ernsthaftes Problem für die Wirtschaft in Schleswig-Holstein. 88 50 38 83 47 36 8 2 10 9 2 11 Die Politik sollte in den Erhalt von Arbeitsplätzen im Bereich Schiffsbau und Werften investieren. 65 23 42 24 4 28 Schleswig-Holstein sollte den Tourismus weiter ausbauen. 59 21 38 33 6 39 Um die Windkraftbranche zu fördern, sollte Schleswig-Holstein mehr Windräder bauen. 56 20 36 26 13 39 Ich mache mir Sorgen, dass mein Arbeitsplatz im Zuge der Corona-Krise verloren geht. 15 6 9 19 47 66 Angaben in Prozent © Kantar 2020 Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht A / n k g e a i b n e e n A in n P g ro a z b e e nt Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevöl F ke h ru le n d g e i W n e S r c te h z le u s 1 w 00 ig % : H w o e l i s ß te nic n ht a / b ke 1 in 6 e J A a n h g r a e b n e Frage 17: Wie stark stimmen Sie den folgenden Aussagen zur Wirtschaft in Schleswig- Holstein zu? Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren 4 ARD-DeutschlandTREND August 2020. Basis: Erwerbstätige. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 12 In der Online-Community sehen wir, dass die eigene Arbeit eine zentrale Bedeutung für die Menschen in Schleswig-Holstein hat. Quantitativ zeigt sich, dass zahlreiche Bedingungen erfüllt sein müssen, um von guter Arbeit sprechen zu können. Am wichtigsten ist den Wahlberechtigten ein gutes Betriebsklima(86 %), gefolgt von formalen und monetären Aspekten wie einem angemessenen Einkommen(79 %) und einem unbefristeten Arbeitsvertrag(78 %). Ebenfalls sehr wichtig sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf(76 %) und das Ausüben einer interessanten Tätigkeit(72 %). Es folgen Weiterbildungs- und Aufstiegschancen(64%), Mitspracheund Mitgestaltungsmöglichkeiten(58 %) und ein kurzer Arbeitsweg(38 %). Mobiles und digitales Arbeiten(47 %) findet trotz COVID-19-Pandemie nur rund die Hälfte sehr wichtig. Eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich sehen rund ein Viertel der Befragten als wichtig an(26 %). Insbesondere jüngeren Menschen(16 bis 34 Jahre) sind sowohl mobiles und digitales Arbeiten(56 %) als auch eine kürzere Wochenarbeitszeit(46 %) wichtig. Der Wunsch nach verkürzter Arbeitszeit kann mit einem stärkeren Fokus auf „Work-Life-Balance“ zusammenhängen, wie er für jüngere Menschen in vielen Studien gemessen wurde. 5 Möglich ist aber auch ein Zusammenhang mit Familienplanung. Für Letzteres spricht, dass sich Menschen mit Kindern im Haushalt häufiger eine verkürzte Arbeitszeit bei vollem Lohn­ ausgleich wünschen(34 %) als Menschen ohne Kinder im Haushalt(24 %). Der Wunsch nach mobiler und digitaler Arbeit steigt auch mit formaler Bildung(53 % formal hohe Bildung versus 36 % formal niedrige Bildung). Dies dürfte zu einem gewissen Grad die tatsächlichen beruflichen Tätigkeiten widerspiegeln. Zwischen Stadt und Land zeigen sich in beiden Aspekten keine nennenswerten Unterschiede. In der Online-Community wird eine kürzere Arbeitszeit positiv betrachtet. Die Teilnehmenden würden sich vor allem über mehr Zeit mit der Familie freuen. Es gibt hier jedoch erhebliche Zweifel an der Umsetzbarkeit, insbesondere was die Finanzierbarkeit und praktische Ausgestaltung betrifft. Außerdem gibt es die Sorge vor erhöhtem Stress und Druck. „Der Vorteil ist, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, und wenn die Arbeit auf mehrere verteilt wird, ist man viel entspannter, hat nicht so viel Stress und kann an den freien Tagen die Zeit mit seiner Familie genießen. Der Nachteil ist allerdings, wenn kein zusätzliches Personal eingestellt wird, steigen Stress und Druck auf der Arbeit und das macht die Arbeitnehmer auf Dauer krank.“ Weiblich, 27 Jahre „Eine 30-Stunden-Woche wäre sicherlich reizvoll, um mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können. Allerdings halte auch ich die Finanzierung für schwierig.“ Männlich, 39 Jahre Abbildung 8 Bedeutung von guter Arbeit Bedeutung von guter Arbeit Wenn Sie an gute Arbeit denken, wie wichtig sind Ihnen die folgenden Aspekte? Ein gutes Betriebsklima Ein angemessenes Einkommen Ein unbefristeter Arbeitsvertrag Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf Eine interessante Tätigkeit Weiterbildungs- und Aufstiegschancen Mitsprache- und Mitgestaltungsmöglichkeiten Mobiles und digitales Arbeiten Ein kurzer Arbeitsweg Verkürzung der Wochenarbeitszeit Sehr wichtig 39 Äußerst wichtig 47 86 40 39 79 30 49 78 36 40 76 42 30 72 41 23 64 40 18 58 31 17 47 26 12 38 15 11 26 Angaben in Prozent Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: wichtig/ weniger wichtig/ unwichtig/ weiß nicht/ keine Angabe © Kantar 2020 Fehlende Werte zu 100%: wichtig, weniger wichtig, unwichtig, weiß nicht/ keine Angabe Frage 16: Wenn Sie an gute Arbeit denken, wie wichtig sind Ihnen die folgenden Aspekte? Grundgesamthe G it r : u w nd a g h es lb am er t e he c i h t: t W ig a t h e lb B e e re v c ö h l t k ig e te ru B n e g vö i l n ke S ru c n h g le in s S w c i h g le -H sw o ig ls -H te o i l n ste a i b n a 1 b 6 1 J 6 a J h a r h e re n n 5 Siehe exemplarisch: Kantar 2019: Generation Z, S. 11. Eine Studie im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung(BPA). Abrufbar unter: https://dbk.gesis.org/dbksearch/sdesc2.asp?no=6738&db=e&doi=10.4232/1.13446. EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 13 Vergleicht man den Sollzustand der quantitativen Befragung mit dem Istzustand der qualitativen Teilstudie, erkennt man, dass viele quantitativ als wichtig empfundene Aspekte von Arbeit in Schleswig-Holstein in den Augen der Befragten weitgehend umgesetzt sind. Es werden insbesondere eine gute Arbeitsatmosphäre, angemessene Einkommen und die Möglichkeiten von Homeoffice und Telearbeit als positive Beispiele genannt. Kritik wird an der Infrastruktur geübt, die lange Arbeitswege bedeute. Hier wünschen sich die Teilnehmenden mehr öffentliche Verkehrsalternativen zum Auto. Insgesamt hat die eigene Arbeit einen hohen Stellenwert für die Teilnehmenden und wird mehrheitlich als Voraussetzung für ein gutes Leben gesehen. „Es gibt ausreichend Jobs und die Bezahlung ist auch gut. Hingegen ist der öffentliche Nahverkehr auf dem Land häufig nicht brauchbar, so dass man dann doch ein Auto braucht, um zur Arbeit zu kommen.“ Männlich, 24 Jahre Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ziehen die Teilnehmenden insbesondere zwei Rückschlüsse für den Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein: Unternehmen müssten in guten Zeiten größere finanzielle Rücklagen bilden, um für Krisen besser gerüstet zu sein. Und Unternehmen müssten konsequent auf Digitalisierung setzen, damit zum einen die Beschäftigten im Pandemiefall aus der Distanz weiterarbeiten können, zum anderen um generell zukunftsfähig zu sein. Für sich selbst sehen die Teilnehmenden mehrheitlich jedoch keinen digitalen Weiterbildungsbedarf. „Die Pandemie hat mit Schrecken gezeigt, wie labil viele Wirtschaftszweige sind und wie wenig vorbereitet man auf Ausfälle ist. Außerdem konnte man in den ersten Wochen sehen, wie wenig sich ganz Deutschland mit digitalen Arbeitsprozessen bisher beschäftigt hatte. Aber es wurde auch deutlich, wie schnell sich die Wirtschaft und auch große Teile der Gesellschaft auf diesen Wechsel ins Netz umstellen konnten.“ Männlich, 39 Jahre „Die Lehre ist, dass es wichtig ist, digital gut aufgestellt zu sein, um mit seiner Firma etwaige Herausforderungen meistern zu können. Ebenso ist es essentiell, betriebswirtschaftlich einen ausreichenden Puffer aufzubauen, um drohenden Entlassungen entgehen zu können.“ Männlich, 36 Jahre „Ich habe den Eindruck, dass die meisten kleinen Unternehmer, wie Restaurantbesitzer, bisher von der Hand in den Mund gewirtschaftet haben. Ich meine, dass man immer einmal damit rechnen muss, ein paar Monate überbrücken können zu müssen, so dass vielleicht vorsichtiger gerechnet werden müsste.“ Weiblich, 46 Jahre 4.2 Umwelt- und Klimaschutz In Bezug auf Umwelt- und Klimaschutz sehen die Teilnehmenden der Online-Community bereits einige Erfolge in Schleswig-Holstein. Insbesondere die Vermeidung von Plastik im Alltag, der beginnende Umstieg des ÖPNV auf Hybridoder Elektroantriebe und die schulische Bildung zum Thema „Umwelt- und Klimaschutz“ werden genannt. Mehr politisches Engagement wünschen sich die Teilnehmenden allgemein bei der Umsetzung klimafreundlicher Projekte und konkret bei der Einsparung von Ressourcen, dem flächen­ deckenden Ausbau von Ladestationen für Elektroautos und dem Ausbau der Windenergie. Ebenfalls diskutiert wurden ein kostenloser ÖPNV als Anreiz zum Umstieg vom Auto. Nach eigener Aussage unternehmen die Teilnehmenden selbst viel im Alltag, um Umwelt und Klima zu schützen. Hierzu gehören vor allem niedrigschwellige Maßnahmen wie keine Lebensmittel wegwerfen, Wasser sparen, Plastik vermeiden oder den Müll trennen. Je höher die finanziellen Hürden(zum Beispiel Ökostrom beziehen, mehr Bioprodukte kaufen) sind und je mehr die eigene Bequemlichkeit überwunden werden muss(politisches Engagement, Teilnahme an Demonstrationen), desto geringer ist das entsprechende Engagement im Alltag. Als Schlüssel für eine nachhaltige Mobilität wird vielfach nicht etwa der Ausbau des ÖPNV betrachtet(obwohl an anderer Stelle vielfach gefordert), sondern klimafreundlicherer motorisierter Individualverkehr genannt. E-Autos und Autos mit Wasserstoffantrieb würden die Teilnehmenden gerne fahren, sofern sie günstiger in der Anschaffung wären und es für E-Autos flächendeckende Ladestationen gäbe. Folglich zeigt sich neben der geäußerten Bereitschaft, für den Klimaschutz aktiv zu sein, zugleich die Hoffnung, dass dies ohne größere Veränderungen der eigenen Lebensgewohnheiten erfolgen könne. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 14 „Da das Auto in meinem Alltag leider sehr integriert ist, kann ich mir ein Auto mit alternativer Energie gut vorstellen.“ Weiblich, 23 Jahre „Ich habe schon für mich gesagt, mein nächstes Auto wird ein E-Auto! Ich hoffe nur sehr, dass das von der Politik mehr gefördert wird und die E-Autos in ein paar Jahren zu erschwinglichen Preisen angeboten werden.“ Weiblich, 37 Jahre 4.3 Infrastruktur und Mobilität Der Ausbau der Infrastruktur für ein Verkehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines anderen Verkehrsmittels realisierbar. Direkt vor die Wahl gestellt, zeigen sich die Schleswig-Holsteiner_innen durchaus ambivalent gegenüber umweltfreundlicheren Verkehrsvorhaben. Zwar wünschen sich zwei Drittel(65 %) mehr Fahrradwege anstatt zusätzlicher Fahrstreifen für Autos(19 %) und gut die Hälfte spricht sich für mehr Fußgängerzonen aus(56 %), anstatt den Autos uneingeschränkte Fahrt in den Innenstädten zu gewähren(27 %). Auf der anderen Seite gibt es eine knappe einfache Mehrheit für mehr Parkplätze(46 %) statt für mehr Busspuren(40 %). Außerdem ist der Weiterbau der A20 der Hälfte der Wahlberechtigten(49 %) wichtiger als der Schutz von Moorge­bieten (37 %), die diesem Bauvorhaben im Wege stehen. Uneins sind die Schleswig-Holsteiner_innen darin, ob der öffentliche Nahverkehr günstigere Ticketpreise aufrufen(40 %) oder lieber seine Taktung erhöhen sollte(40 %). Bei diesem Aspekt zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen ländlichen und städtischen Gebieten. Während sich die Menschen auf dem Land(33 % Preise versus 47 % Taktung) und in mittelgroßen Städten(33 % Preise versus 46 % Taktung) eine bessere Taktung wünschen, betonen die Menschen in den Ballungsgebieten – also dort, wo der ÖPNV bereits eng getaktet ist – stärker das Erfordernis günstigerer Preise für den öffentlichen Nahverkehr(44 % Preise versus 37 % Taktung). In der Detailbetrachtung sehen wir zudem, dass sich die beiden jüngeren Altersgruppen in überdurchschnittlichem Maße für mehr Parkplätze(60 % bei 16- bis 34-Jährigen; 52 % bei 35- bis 49-Jährigen) anstatt mehr Busspuren(29 %; 37 %) aussprechen. Im Vergleich dazu wünschen sich die älteren Gruppen von 50 bis 64 und über 65 Jahren mehr Busspuren (46 %; 45 %) als Parkplätze(jeweils 37 %). Abbildung 9 Infrastruktur und Mobilität Infra D s er t A r u u sb k au tu vo r n I u nfr n as d truk M tur o fü b r e i i l n i V t e ä rk t ehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines anderen Verkehrsmittels oder Vorhabens realisierbar. Direkt vor die Wahl gestellt, welches der folgenden Vorhaben sollte in Schleswig-Holstein eher gefördert werden? Mehr Parkplätze 46 40 weder noch/ beides gleich Mehr Spuren für Busse 11 Mehr Fahrstreifen für Autos Uneingeschränkte Fahrt in den Innenstädten Ausbau der A20 Niedrigere Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr 19 27 49 40 65 56 37 40 Mehr Fahrradwege 14 Mehr Fußgängerzonen 13 Schutz der Moorgebiete 9 Bessere Taktung des öffentlichen Nahverkehrs 17 Frage 19: Der Ausbau von Infrastruktur für ein Verkehrsmittel ist oft nur auf Kosten eines an © de K r a e n n t V ar e 2 rk 0 e 2 h 0 rsmittels oder Vorhabens realisierbar. Direkt vor die Wahl gestellt, welches der folgenden Vorhaben sollte in Schleswig-Holstein eher gefördert werden? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht A / n k g e ab in e e n i A n n P g ro a z b en e t Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevöl F k e e h r l u e n d g e i W n e S r c te h z le u s 1 w 00 ig % : H w o e l i s ß t n e i i c n ht a / b ke 1 in 6 e J A a n h g r a e b n e Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 15 4.4 Gesundheit und Pflege Im Gesundheits- und Pflegebereich besteht aus Sicht der Schleswig-Holsteiner_innen großer Handlungsbedarf. Dies betrifft vor allem die Pflegesituation im Land. Bei der Anzahl bezahlbarer Pflegeplätze gibt es nach Meinung von drei Vierteln der Befragten(76 %) großen Handlungsbedarf. Auch die Möglichkeiten der ambulanten Pflege und Kurzzeitpflege seien unzureichend(60 %). Die medizinischen Probleme stehen nicht in direktem Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie, sondern offenbaren grundsätzliche Defizite im vergleichsweise dünn besiedelten Flächenland. So sehen sieben von zehn Schleswig-Holsteiner_innen großen Handlungsbedarf bei der Versorgung mit Haus- und Fachärzten für Erwachsene auf dem Land(69 %). Die Versorgung mit Kinderärzten wird besser beurteilt, dennoch sieht über die Hälfte auch hier Handlungsbedarf(54 %). Und auch bei der Versorgung mit Geburtsstationen und Hebammen bestehe Bedarf(56 %). Die Krankenhäuser werden im direkten Vergleich noch am besten bewertet. So sieht„nur“ knapp die Hälfte der Befragten(47 %) großen Handlungsbedarf bei der Qualität der Krankenhausbehandlung, ein gutes Drittel bei der Erreichbarkeit der Krankenhäuser(36 %). Nur ein Fünftel sieht die Krankenhäuser schlecht auf die Behandlung von CoronaPatienten vorbereitet(21 %). 6 Insbesondere bei der Versorgung mit Kinderärzten auf dem Land(+10 Prozentpunkte), der Versorgung mit Geburtssta­ tionen und Hebammen(+14 Prozentpunkte) sowie der Erreichbarkeit der Krankenhäuser(+10 Prozentpunkte) ist der Handlungsbedarf in ländlichen Gemeinden unter 20.000 Einwohner_innen laut den Befragten spürbar höher als in Großstädten. Abbildung 10 Gesundheit und Pflege Kommen wir nun zum Thema Gesundheit und Pflege. In welchem dieser Bereiche Ges b u es n teh d t h au e s I i h t rer u S n ich d t in P Sc f h l le e sw g ig e -Holstein Handlungsbedarf? Großer Handlungsbedarf Anzahl bezahlbarer Pflegeplätze 76 Versorgung mit Haus- und Fachärzten für Erwachsene auf dem Land 69 Möglichkeiten der ambulanten Pflege und Kurzzeitpflege 60 Versorgung mit Geburtsstationen und Hebammen 56 Versorgung mit Kinderärzten auf dem Land 54 Qualität der Krankenhausbehandlung 47 Erreichbarkeit der Krankenhäuser 36 Ausstattung von Krankenhäusern zur Behandlung von Corona-Patienten 21 Angaben in Prozent F © ra K ge an 1 t 8 a : r K 2 o 0 m 20 men wir nun zum Thema Gesundheit und Pflege: In Fehlende Werte zu 100%: geringer Handlungsbedarf/ kein Handlungsbedarf/ weiß nicht A / n k g e a in be e n A in n P g r a oz b e e nt welchem dieser Bereiche besteht aus Ihrer Sicht in SchleswigF G eh ru le n n d e g W es e a r m te t z h u e 1 i 0 t 0 : % w : a g h e l r b in e g r e e r c H h a t n ig dl t u e ng B s e b v e ö da lk rf e / r k u e n in g H in an S dl c u h n l g e s s b w ed ig ar f H / w o e ls iß te n in ich a t b / k 1 e 6 ine Ja A h n r g e a n be Holstein Handlungsbedarf? Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren 5 Zum Zeitpunkt der Befragung im August 2020. FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 16 4.5 Bildung und Soziales Fast alle Schleswig-Holsteiner_innen(95 %) bejahen die Aus­ sage, dass gute Schulen die beste Voraussetzung für die Chancengleichheit aller Kinder, unabhängig von Bildung und Einkommen der Eltern, sind. Daran anschließend – und sicherlich vor dem Hintergrund der geschlossenen Schulen im Frühjahr 2020 – sollte sich die Politik viel stärker um Alleinerziehende kümmern, die arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen(84 %). Die Hälfte der Befragten fordert daher auch den flächendeckenden Ausbau aller Schulen in Schleswig-Holstein zu Ganztagsschulen(50 %). Gleichzeitig sind drei von fünf der Meinung, dass Kitaplätze im Bundesland beitragsfrei sein sollten(61 %). Weder bei der Frage der Ganztagsschulen noch der Kitaplätze unterscheiden sich Befragte mit und ohne Kinder im Haushalt. Diese politischen Wünsche werden somit unabhängig von einer eigenen unmittelbaren Betroffenheit geäußert. Die Teilnehmenden der Online-Community identifizieren drei Problemfelder im Bildungssektor. Erstens kritisieren sie die Infrastruktur, dies betrifft sowohl den Zustand und die Ausstattung der Schulen als auch deren digitale Infrastruktur. Zweitens sehen sie organisatorische Defizite: So gebe es weder funktionierende Krisenkonzepte noch einfache Entscheidungsstrukturen, um im Bedarfsfall schnell Lösungen zu finden. Drittens wird die personelle Ausstattung als zu gering kritisiert, sie lasse eine flächendeckende Aus­ weitung auf Ganztagsunterricht gar nicht zu. Die zentrale Herausforderung für die nächsten zehn Jahre wird über­ einstimmend in der Digitalisierung der Schulen und Lehr­ pläne gesehen. „In den meisten Bereichen wird sich die Bildung immer mehr auf die Digitalisierung stützen. Wenn es unser Land nicht innerhalb der nächsten Jahre schaffen sollte, sich darauf vorzubereiten(nicht nur Worte, sondern auch Taten), werden wir bildungstechnisch immer weiter abgehängt.“ Männlich, 51 Jahre Abbildung 11 Aussagen zu Bildung und Sozialem Auss Inw a ie g w e eit n stim z m u en B Si i e l d d e u n f n olg g en u de n n A d uss S ag o en z z i u a B l il e du m ng und Sozialem in Schleswig-Holstein zu? Stimme voll und ganz zu Stimme eher zu Stimme eher nicht zu Stimme überhaupt nicht zu Gute Schulen sind die beste Voraussetzung für die Chancengleichheit aller Kinder, unabhängig von Bildung und Einkommen der Eltern. Die Politik sollte sich viel stärker um Alleinerziehende kümmern, die arbeiten und gleichzeitig ihre Kinder betreuen müssen. Die Integration von Migranten und Geflüchteten in Schleswig-Holstein funktioniert gut . Alle Schulen in Schleswig-Holstein sollten zu Ganztagsschulen ausgebaut werden. Kitaplätze sollten in Schleswig-Holstein grundsätzlich beitragspflichtig sein. 95 77 18 3 1 4 84 48 36 10 2 12 53 9 44 27 9 36 50 22 28 30 14 44 34 15 19 31 30 61 Fr © ag K e a 2 n 0 ta : r In 2 w 0 ie 2 w 0 eit stimmen Sie den folgenden Aussagen zu Bildung und Sozialem in Schleswig-Holstein zu? Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht A / n k g e ab in e e n i A n n P g ro a z b en e t Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 17 4.6 Migration und Integration Gut die Hälfte der Menschen in Schleswig-Holstein(53 %) ist der Meinung, die Integration von Migrant_innen und Geflüchteten funktioniere gut im Bundesland. Die Teilnehmenden der Online-Community finden, dass es genügend Kapazitäten und Mittel im Bundesland gebe, um weitere Geflüchtete aufzunehmen. Gleichzeitig werden bestehende Probleme angesprochen wie beispielsweise die gerechte Verteilung von Geflüchteten zwischen Kommunen und Bundesländern oder die Notwendigkeit, gleichzeitig mit der Aufnahme von Geflüchteten auch die Bedürfnisse von sozial benachteiligten Bürger_innen zu berücksichtigen. Integra­ tion ist für viele Teilnehmende eine Aufgabe, um die sich die zugezogenen Menschen auch selbst bemühen müssen. „Ich denke auch, dass wir Flüchtlinge aufnehmen und integrieren sollten. Wir haben so viel Platz und Luxus, warum nicht ein bisschen zum Wohle anderer teilen und etwas weniger egoistisch sein.“ Weiblich, 23 Jahre „Wir haben genügend Mittel, allerdings müssen diese auch gerecht verteilt werden.“ Weiblich, 27 Jahre „Wir können sicherlich noch Flüchtlinge aufnehmen, aber man sollte auch daran denken, dass diese Menschen irgendwann bezahlbaren Wohnraum benötigen, der hier teilweise auch Mangelware ist.“ Männlich, 51 Jahre „Es gibt viele supernette Leute, die alles dafür tun, sich zu integrieren und einzubringen, und die leider andere Seite, die nicht wollen oder nicht können. Das Problem muss in den Herkunftsländern gelöst werden, hier sollte man Regierungen die Mittel und Möglichkeiten entziehen, das Volk zu unterdrücken.[…] Es muss schneller und besser geprüft werden, ob ein Asylantrag Erfolg hat oder nicht. Es kann nicht sein, dass Menschen, die neun oder zehn Jahre hier sind, sich integriert haben, deren Kinder hier geboren wurden, plötzlich wieder abgeschoben werden.“ Männlich, 52 Jahre  FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 18 5. GEMEINSAME IDENTITÄT UND ZUKUNFT Wie bereits in Kapitel 2 gesehen, wirken sich in den Augen der für diese Studie befragten Schleswig-Holsteiner_innen die Natur und die Landschaft positiv auf die Lebenszufriedenheit aus. Beide bilden darüber hinaus den Grundstein für die Identität der Menschen im Bundesland. In der OnlineCommunity durften die Teilnehmenden Collagen zu Schleswig-Holstein erstellen. Fast alle Teilnehmenden greifen dabei auf Naturbilder zurück und im Besonderen oft auf das Meer und den Strand. Die Teilnehmenden der Online-Community sollten zudem ein zu Schleswig-Holstein passendes Tier auswählen und ihre Wahl begründen. Die Auswahl reflektiert die Inhalte der Collagen und das klassische Bild vom Urlaubsland SchleswigHolstein. Am häufigsten wurden die Möwe, die Robbe und das Schaf ausgewählt, sie symbolisieren aus Sicht der Teilnehmenden am besten ihr Bundesland. Auch hier zeigen sich zahlreiche Assoziationen zur Landschaft und zum Meer. Vor die Wahl von fünf Narrativen zu Schleswig-Holstein gestellt, wählt etwa die Hälfte der Befragten(48 %) in der quantitativen Studie den Satz„Schleswig-Holstein ist ein Land, in dem man gut und gerne alt wird“. Dabei ging es explizit nicht darum, was am besten erfüllt ist, sondern um das gewünschte Ideal. Dieses Narrativ erhält in sämtlichen Teilgruppen die jeweils höchste Zustimmung, besonders beliebt ist es bei Menschen ab 65 Jahren und bei SchleswigHolsteiner_innen mit formal niedriger Bildung. EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 19 „Lebt in der Ost- und Nordsee. Ist lieb , aber trotzdem nicht frei zugänglich für alle und jedermann.“ Weiblich, 37 Jahre „Die Ruhe und Beständigkeit . Kein Sturm kann uns was antun.“ Männlich, 66 Jahre © Kantar 2020 „Die Möwe ist als Tier, welches man häufig in der Nähe vom Meer sieht, natürlich Sinnbild von Schleswig-Holstein. Manchmal als lästig betrachtet, hat sie doch ihren Charme und die Freiheit , überall hinzufliegen und machen zu können, was sie will." Weiblich, 23 Jahre Gleichzeitig sehen wir in der Online-Community, dass die Rahmenbedingungen für genau diesen Aspekt des guten ­Alterns in Schleswig-Holstein für viele erfüllt sind. Der überwiegende Teil der Teilnehmenden möchte auch in zehn Jahren noch in Schleswig-Holstein wohnen, in der Regel am gleichen Ort wie zurzeit. Mieter_innen wünschen sich im Idealfall ein eigenes Haus, davon abgesehen sind die Teilnehmenden äußerst zufrieden mit ihrer Wohnsituation. Im Job überwiegt ebenfalls die Zufriedenheit, viele wollen in der gleichen Tätigkeit bleiben. Jedoch wünschen sich einige eine geringere Arbeitszeit oder wollen bereits früher in Rente gehen, um mehr Zeit für sich und die Familie zu haben. Diese grundsätzliche Zufriedenheit mit dem eigenen Leben in Kombination mit der vielfach erwähnten Landschaft und ­Natur sind gute Voraussetzungen, um in Schleswig-Holstein gut und gerne alt zu werden. Zugleich zeigt sich darin eine nur gering ausgeprägte Bereitschaft zur Veränderung. Abbildung 12 N Na a r r ra r t a iv t e iv zu e S z ch u le S sw c ig h -H le o s ls w tei i n g-Holstein Es folgen nun fünf Aussagen über Schleswig-Holstein. Mal ganz unabhängig von der Umsetzung: Welcher Aspekt sollte Ihrer Meinung nach der wichtigste sein? Schleswig-Holstein ist ein Land, in dem man gut und gerne alt wird 48 Schleswig-Holstein ist ein Land, das zusammenhält 16 Schleswig-Holstein ist ein klimafreundliches Land 15 Schleswig-Holstein ist ein kinderfreundliches Land 12 Schleswig-Holstein ist ein fortschrittliches Land 7 © Kantar 2020 Frage 8: Es folgen nun fünf Aussagen über Schleswig-Holstein. Mal ganz unabhängig von der Umsetzung: Welcher Aspekt sollte Ihrer Meinung nach der Wichtigste sein?. Angaben in Prozent Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holste A in ng a a b be 1 n 6 in Ja P h ro r z e e n nt Fehlende Werte zu 100%: weiß nicht/ keine Angabe Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung in Schleswig-Holstein ab 16 Jahren FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 20 „Ich würde auf jeden Fall in Schleswig-Holstein wohnen bleiben und auch an meinem jetzigen Wohnort. Die Antwort auf das Warum ist sehr einfach. Ich bin sehr zufrieden, wie es ist, und wenn es in 10 Jahren noch genauso ist, besteht für mich kein Grund umzuziehen.“ Weiblich, 27 Jahre „Ich würde weiterhin in Schleswig-Holstein wohnen, aller­ dings im eigenen Haus und nicht mehr zur Miete.“ Männlich, 24 Jahre „Ich würde immer noch hier wohnen. Wir haben ein schönes Haus und das möchte ich, bis es im Alter nicht mehr geht, mit bewohnen. Für uns ist es der perfekte Wohnort.“ Weiblich, 27 Jahre „Arbeiten würde ich noch, auch gerne im gleichen oder einem sehr ähnlichen Job, aber weniger Zeit.“ Männlich, 39 Jahre „In 10 Jahren würde ich dann schon gern kürzertreten. Aber etwas arbeiten fände ich schon gut.“ Männlich, 58 Jahre Blickt man auf die politischen Voraussetzungen des guten Alterns, so bleibt das Bild grundsätzlich positiv, gleichzeitig häufen sich aber Sorgen in bestimmten Bereichen. Das Koordinatensystem in Abbildung 13 zeigt für die Gesamtheit der Teilnehmenden der Online-Community die Verteilung verschiedener Aspekte im Alter von„sehr unwichtig“ bis„sehr wichtig“(x-Achse) und„sehr unwahrscheinlich“ bis„sehr wahrscheinlich“(y-Achse). Es ist deutlich zu erkennen, dass sich die meisten Nennungen im ersten Quadranten befinden. Viele Aspekte, die den Teilnehmenden im Alter wichtig sind, sind somit in ihren Augen auch wahrscheinlich. Dies spricht für einen eher optimistischen Blick in die Zukunft. Hierzu gehören insbesondere soziale Kontakte, praktische Unterstützung im Alltag, vielfach aber auch eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus und abwechslungsreiche Freizeitgestaltung. Als wichtig, aber unwahrscheinlich(Quadrant 4) werden am häufigsten eine ausreichend hohe Rente, eine gute Pflege sowie eine barrierefreie Stadtge­ staltung genannt. Eine zu niedrige gesetzliche Rente und schwierige Rahmenbedingungen in der Pflege(zu hohe Kosten, zu wenig Personal) sind entsprechend auch die Themen bei den offenen Antworten zu den eher unwahrscheinlichen Dingen. Dies zu ändern sind gleichzeitig die zentralen For­ derungen an die Politik, dabei unterscheiden die Teilnehmenden jedoch nicht nach politischen Zuständigkeiten zwischen Land und Bund. „Das Rentenniveau sinkt stetig, zudem steigt das Renteneintrittsalter, eine ausreichende Rente kann ich mir aktuell absolut nicht vorstellen.“ Weiblich, 23 Jahre „Gute Pflege ist für den normalen Menschen kaum bezahlbar. Und es wird zu wenig von der Politik getan, um die Pflegeberufe interessant zu machen.“ Männlich, 52 Jahre Abbildung 13 Erwartungen an die Versorgung im Alter Erw K a o r o t rd u in n at g en e sy n stem a : n die Versorgung im Alter X-Achse: Wichtigkeit verschiedener Aspekte im Alter Y-Achse: Wahrscheinlichkeit, dass diese Aspekte erfüllt sein werden sehr wahrscheinlich Optimismus! sehr unwichtig sehr wichtig sehr unwahrscheinlich Zentrale Forderungen an Politik! © Ko K o a rd n i t n a a r te 2 n 0 s 2 y 0 stem: X-Achse: Wichtigkeit verschiedener Aspekte im Alter Y-Achse: Wahrscheinlichkeit, dass diese Aspekte erfüllt sein werden Basis: Teilnehmende der Online-Community Kumulierte Darstellung aller Nennungen Soziale Kontakte Unterstützung im Alltag Eigene Wohnung/Haus Abwechslungsreiche Freizeit Ausreichende Rente Gute Pflege Barrierefreie Stadt Basis: Teilnehmende der Online-Community Kummulierte Darstellung aller Nennungen EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 21 NACHWORT DER FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Das Ziel der vorliegenden Studie ist ein genaueres Verständnis darüber, was die Menschen in Schleswig-Holstein politisch beschäftigt und welche Unterschiede sich innerhalb des Landes bei politischen Einstellungen zeigen. Die gute Nachricht der hier vorgelegten Ergebnisse lautet, dass die Menschen im nördlichsten Bundesland tatsächlich relativ zufrieden sind, so wie es auch der Mitte November 2020 erschienene„Glücksatlas“ der Deutschen Post zeigt, in dem Schleswig-Holstein den Spitzenplatz aller Bundesländer einnimmt. Die Befragten selbst erklären die relativ hohe Zufriedenheit mit der Nähe zum Meer, der Landschaft und den Menschen. Die darin zum Ausdruck kommende hohe Iden­ tifikation mit dem eigenen Wohnort ist eine gute Voraus­ setzung für politische Teilhabe. Hieran werden wir als FriedrichEbert-Stiftung anknüpfen, wenn wir mit unseren Veranstaltungen zu lokalen Themen zum politischen Mitdenken und Handeln einladen. Die insgesamt hohe Zufriedenheit bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Bürger_innen keinen politischen Handlungsbedarf sähen. Deutlich wurde dieser in der vorliegenden Studie mit Blick auf den Bildungssektor, in Bezug auf die Bedeutung der Windkraft und den gewünschten Ausbau der Pflegeinfrastruktur. Diese in den Augen der Bürger_innen wichtigen Themen werden sich in Zukunft stärker im Programm des Julius-Leber-Forums der Friedrich-Ebert-Stiftung in Schleswig-Holstein wiederfinden, um gemeinsam mit Bürger_innen, Expert_innen und Politiker_innen an Lösungsvorschlägen für die hier benannten Probleme zu arbeiten. Interessant für die Friedrich-Ebert-Stiftung sind auch die Ergebnisse zum Thema Arbeit. Wurden zunächst Fragen von Wirtschaft und Arbeit von den Befragten nicht prioritär benannt, zeigte sich bei der intensiveren Beschäftigung damit sowohl in der quantitativen als auch in der qualitativen Befragung, dass Arbeit sehr wohl eine große Rolle für die Schleswig-Holsteiner_innen spielt. Sie bildet eine wichtige Identifikationsquelle und ist somit zentral für die eingangs betonte hohe allgemeine Lebenszufriedenheit im Bundesland. Zudem sehen die Menschen klar, dass ohne gute Arbeit und eine funktionierende Wirtschaft der Wohlstand und damit verbunden auch die Zufriedenheit bedroht wären. In der Auseinandersetzung mit Fragen des Arbeitslebens waren alle Befragten natürlich von der aktuellen CoronaPandemie beeinflusst. Die Wucht, mit der die Pandemie das Leben aller Menschen verändert, war zu Beginn der Planungen an dieser Studie nicht absehbar. Der Befragungszeitraum fiel mit den Monaten August und September in eine Zeit langsam steigender Infektionszahlen in einer insgesamt relativ entspannten Situation. Der zweite, mildere Lockdown ab Anfang November 2020 sowie die stärker ins Bewusstsein rückenden negativen wirtschaftlichen Folgen der Pandemie werden sicherlich auch bei den Menschen in Schleswig-Holstein Ängste auslösen und manch positiven Befund dieser Studie verwässern. Inwieweit die Zunahme der Infektionen auch in Norddeutschland auch eine veränderte Bewertung des Corona-Krisenmanagements der schleswig-holsteinischen Politik nach sich zieht, kann nur eine Folgebefragung klären. Wie stark die Pandemie politische Einstellungen in Deutschland und in Schleswig-Holstein insgesamt verändert, wird die Zukunft zeigen. Für die politische Bildungsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ein weiteres Ergebnis dieser Studie sehr relevant: Bei der Beschäftigung mit Fragen des Klimaschutzes zeigte sich neben der hohen prinzipiellen Zustimmung zur Bedeutung des Klimaschutzes eine nur geringe Bereitschaft, eigene Verhaltensweisen grundsätzlich zu ändern. Die große Hoffnung auf Elektroautos, die in dieser Studie zum Ausdruck kommt, zeigt zugleich, dass die Befragten eben nicht auf den motorisierten Individualverkehr verzichten möchten. Vielmehr hoffen sie, durch technische Innovation das heutige Leben in Zukunft umweltfreundlicher gestalten zu können. Klima­ FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 22 forscher_innen bezweifeln, dass ein effizienter Klimaschutz ohne eine Verhaltensänderung der Menschen in Regionen mit hohem CO 2 -Ausstoß gelingen wird. Entsprechend bieten politische Diskussionsforen wie die der Friedrich-Ebert-Stiftung einen Raum für die notwendige öffentliche Debatte darüber, was ein echter Klimaschutz erfordert und welchen Beitrag dazu Industrie und Unternehmen, Politik und Verwaltung, aber auch jede_r Einzelne leisten muss. Im Jahr 2021 werden diese Fragen einen Themenschwerpunkt der Arbeit des Julius-Leber-Forums bilden. Auffallend gering sind in dieser Studie die Unterschiede zwischen ländlichen und urbanen Regionen Schleswig-Holsteins. Dies hatten wir anders erwartet, es erleichtert aber letztlich die politische Bildungsarbeit, da offenbar die Themeninteressen und der von den Befragten gesehene politische Handlungsbedarf sich zwischen den Regionen des Bundeslands nicht stark unterscheiden. Zugleich zeigt dieses Ergebnis, dass die weitverbreitete These, die Gesellschaft gehe immer weiter in Teilöffentlichkeiten und stark voneinander abgegrenzte Lebenswelten auseinander, zumindest mit Blick auf Schleswig-Holstein im Großen und Ganzen nicht zutrifft. Jedoch zeigen sich neben den zahlreichen erfreulichen Befunden dieser Studie auch bei den Menschen in SchleswigHolstein Politikverdrossenheit und ein geringes Vertrauen insbesondere in Parteien. Auch in Schleswig-Holstein gilt, dass Menschen in schwieriger ökonomischer Lage und/oder mit negativen Zukunftsaussichten kritischer auf Politik blicken. Gerade angesichts der Corona-Pandemie und der in ihrer Folge unklaren gesellschaftlichen und ökonomischen Zukunftsaussichten für Deutschland ist es umso wichtiger, dass politische Bildung der Politik skeptisch gegenüberstehende Menschen erreicht und sie in den politischen Dialog einbezieht. Wie speziell die qualitativen Ergebnisse zeigen, wird Politik von vielen generell als fern von der eigenen Lebenswelt wahrgenommen. Es werden vermeintlich„leere Wahlversprechen“ kritisiert, den handelnden Politiker_innen starke Eigeninteressen unterstellt und der politische Prozess als langsam, überreguliert und alltagsfern eingeschätzt. Politische Bildung hat hier die Aufgabe, immer wieder politische Prozesse zu erklären und das direkte Gespräch zwischen Bürger_innen und Politiker_innen zu ermöglichen, das sich auch in dieser Studie viele Befragte wünschen. Gegen vorhandene stereotype Politikwahrnehmungen kann die Friedrich-Ebert-Stiftung – beispielsweise in ihren Partizipa­ tionsprojekten mit Jugendlichen – politische Selbstwirksamkeitserfahrungen setzen. Die Demokratie braucht angesichts der Herausforderungen, vor denen sie steht, immer wieder überzeugte Demokrat_ innen. Diese zentrale Erkenntnis unseres Gründers und Namensgebers Friedrich Ebert aus den Erfahrungen der 1920erJahre leitet unsere Arbeit auch in Schleswig-Holstein bis heute. Deshalb bieten wir politische Bildung an, die Wissen vermittelt und Partizipation fördert. Dr. Dietmar Molthagen Friedrich-Ebert-Stiftung Leiter Julius-Leber-Forum EINSTELLUNGEN ZU POLITIK UND POLITIKIDEEN IN SCHLESWIG-HOLSTEIN 23 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1 Lebenszufriedenheit 3 Abbildung 2 Wirtschaftliche Lage in Schleswig-Holstein 5 Abbildung 3 Touchpoints Politik 6 Abbildung 4 Grundlegende politische Gefühle 7 Abbildung 5 Politische Verbundenheit mit Hamburg / Dänemark 8 Abbildung 6 Wichtige Zukunftsthemen 10 Abbildung 7 Aussagen zur Wirtschaft 11 Abbildung 8 Bedeutung von guter Arbeit 12 Abbildung 9 Infrastruktur und Mobilität 14 Abbildung 10 Gesundheit und Pflege 15 Abbildung 11 Aussagen zu Bildung und Sozialem 16 Abbildung 12 Narrative zu Schleswig-Holstein 19 Abbildung 13 Erwartungen an die Versorgung im Alter 20 FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – WAS WILL DER NORDEN? 24 Anhang Untersuchungsanlage quantitative Teilstudie Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung ab 16 Jahren in Schleswig-Holstein Erhebungsverfahren: Mixed-Mode-Befragung(CATI/CAWI) Stichprobenanlage: CATI: repräsentative Zufallsstichprobe CAWI: Quotenstichprobe aus Access-Panel Erhebungszeitraum: 11. bis 31. August 2020 Fallzahl: Gewichtung: 1.547 Interviews Designgewichtung und faktorielle Gewichtung nach soziodemografischen Merkmalen(Alter, Geschlecht, Bildung, Region) Untersuchungsanlage qualitative Teilstudie Grundgesamtheit: Wahlberechtigte Bevölkerung ab 16 Jahren in Schleswig-Holstein Erhebungsverfahren: Online-Community Stichprobenanlage: Quotenstichprobe auf Einladungsebene Durchführung: 30. September bis 2. Oktober 2020, ca. 30 Minuten Bearbeitungszeit pro Tag Gruppen(größe): Gruppe mit 16 Teilnehmenden Das Institut: Kantar GmbH Alt-Moabit 96a 10559 Berlin Ihre Ansprechpartner_innen: Christoph Döbele +49(0)30 533 22 209 christoph.doebele@kantar.com Dr. Sophia Schmid +49(0)30 533 22 207 sophia.schmid@kantar.com IMPRESSUM: ISBN 978-3-96250-785-5 Herausgegeben vom Julius-Leber-Forum Friedrich-Ebert-Stiftung Dr. Dietmar Molthagen Schauenburgerstraße 49 20095 Hamburg Bestellung/Kontakt: hamburg@fes.de Verfasser_in Christoph Döbele Sophia Schmid Die in dieser Publikation zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind nicht notwendigerweise die der Friedrich-Ebert-Stiftung. Durchführung der Repräsentativbefragung Kantar GmbH Alt-Moabit 96a 10559 Berlin Lektorat Dr. Christian Jerger ad litteras Lektorat& Korrektorat Gestaltung Pellens Kommunikationsdesign GmbH, Bonn Titelfoto gleit frosch/ iStockphoto.com © Friedrich-Ebert-Stiftung 2021 Eine gewerbliche Nutzung der von der FES herausgegebenen Medien ist ohne schriftliche Zustimmung durch die FES nicht gestattet. Julius-Leber-Forum Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter: ht tps: //w w w.fes.de /julius- leb er-forum/ ISBN 978-3-96250-785-5